Wetzel, Dirk Alexander: Die Konstruktion von Lesekultur im westdeutschen Buchhandel und Öffentlichen Bibliothekswesen der Nachkriegszeit 1950-1989

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Kapitel 3. Die Konstruktion von Lesekultur in den Nachkriegsjahren
1950-1989 der Bundesrepublik Deutschland

Für die Überprüfung des theoretischen Modells kommt vor allem die Analyse all jener sozialen Systeme in Betracht, die auf ‚Lesen’ als SgKM besonders intensiv ansprechen. Das sind zuvörderst jene Systeme, deren Identität an das Lesen, oder zumindest an ein Trägermedium, das man in der Regel lesen muß, gekoppelt sind: konkret der Buchhandel und das Bibliothekswesen, die den Begriff ‚Buch’ im Namen verankert haben. Auch Teilsysteme der Politik und der Pädagogik, der Massenmedien usw. kommen in Frage. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit muß notwendigerweise eine starke Beschränkung der Analyse auf zwei exemplarische Gesellschaftssysteme vorgenommen werden.

In einem ersten Schritt soll aus der Fülle der ausgewerteten Quellen herausgearbeitet werden, wie die Schlüsselbegriffe Leser, Lesen und Lesekultur definiert, bzw. wie derartige Definitionen allgemein konstruiert werden. In den anschließenden Teilkapiteln wird untersucht, welche Möglichkeiten eine solche Kommunikation den beiden, für diese Arbeit ausgewählten Gesellschaftssystemen im Hinblick auf ihren eigenen Systemerhalt einräumt und welche Unterschiede in der Kommunikation zwischen beiden Systemen Hinweise auf spezifische Interessen in der Verwendung erkennen lassen.

Der Beobachtungsrahmen beschränkt sich im folgenden auf die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland (einschließlich West-Berlin) in den Nachkriegsjahren 1950-1989 und klammert die Entwicklung anderer Staaten insbesondere der damaligen DDR aus, soweit sie nicht zum Thema innerhalb der Bundesrepublik werden. Hintergrund für die Einschränkung ist vor allem die Kontinuität der herangezogenen Quellenpublikationen und die weitgehend stabilen politischen Voraussetzungen für die Gesellschaft.

Auf der Basis des Forschungsumfeldes dieser Arbeit wird die Analyse weiterhin auf die Beobachtung des Buchhandels und des Bibliothekswesens beschränkt. Politik, Pädagogik und andere Bereiche werden nur einbezogen, soweit sie auch für die Systeme zum Thema werden. Eine Erweiterung des Analyse auf die Perspektive anderer Systeme wäre sicherlich eine Anschlußmöglichkeit für weitere Forschungen.

Die Quellen beschränken sich im wesentlichen auf zwei Periodika, die im Untersuchungszeitraum kontinuierlich erschienen sind und für die jeweiligen Systeme eine identische Funktion als Medium der Selbstbeobachtung hatten. Sie eignen sich daher hervorragend für Vergleiche.

Beide Publikationen dienen der Analyse als statische Projektionsfläche, auf der sich die verschiedenen Themen und Kommunikationsofferten bezogen auf das Lesen über vierzig Jahre hinweg widerspiegeln. Schon die redaktionelle Auswahl der veröffentlichten Beiträge zum Thema Lesen gibt Rückschlüsse auf die Selektionsleistungen vor allem jener beteiligten Systeme, die die beiden Fachzeitschriften als Verbreitungsmedium besonders nutzen. Die Auswahlkriterien und Kausalfaktoren, die im jeweiligen Einzelfall einen Autor oder Redakteur zur Publikation eines Artikels bewogen haben, bleiben deshalb in der Analyse bewußt außer acht. Damit soll gemäß den systemtheoretischen Grundsätzen vermieden werden, die Ursachen einem konkreten Menschen zuzurechnen. Gleichwohl gibt es natürlich Autoren, denen eine Art Meinungsführerschaft attestiert werden kann, aber ihre Veröffentlichungen wären ohne die Akzeptanz des Systems, ihnen diese Meinungsführerschaft zuzuerkennen, nicht möglich gewesen. So wird auch hier klar getrennt zwischen den Umständen, die beispielsweise Ludwig Muth persönlich (als psychisches System) dazu bewegt haben könnten, sich mit seinem jeweiligen Engagement für das Lesen einzusetzen, und den Umständen, die für das System Buchhandel von Relevanz sind. In diesem Sinne spielen die persönlichen Beweggründe des Autors für diese Untersuchung keine Rolle; auch nicht, ob seine Äußerungen möglicherweise mißverstanden oder fehlinterpretiert worden sind. Interessant ist nur, ob die Kommunikationsofferte zu einer Fortsetzung der Kommunikation geführt hat, welcher Differenzierungsschemata sie sich bedient und ob ein Thema über längere Zeit weitergeführt wird oder ein Einmalereignis bleibt. Die Leitfrage ist: welche Gesellschaftssysteme können die Kommunikationsofferte in welcher Weise für sich nutzen? Es geht also nicht darum, einer konkreten menschlichen Person eine Absicht zu unterstellen, sondern lediglich darum, die Möglichkeiten aufzuzeigen, die sich durch eine solche Kommunikation für ein systemisches Verständnis ergeben. Dieses Verständnis bleibt unabhängig von der Intention des Autors. Zudem werden in jedem Beitrag in der Regel mehrere verschiedene Themen angesprochen, die wiederum auch verschiedene Systeme ‚bedienen’ können und Rückschlüsse auf Systemkopplungen zulassen. Aus diesem Grund werden im folgenden bei Quellenzitaten, soweit es möglich ist, keine Autorennamen genannt, noch werden bestimmte Handlungen, Strategieentwürfe etc. einzelnen Akteuren zugewiesen. Von Interesse ist nur die Mitteilung als solche und die Möglichkeit ihrer Verwendung im Kontext der Systemreproduktion.


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Die Analysemethode verwendet hermeneutische Verfahren, soweit inhaltliche Bewertungen (Argumentationslinien, Codierungen) vorgenommen werden. Hermeneutische Verfahren werden als empirische Methode der Systemtheorie überwiegend akzeptiert.<114> Bei der Ordnung und Klassifikation der mehr als 800 gesichteten Zeitschriftenartikel kamen zudem statistische Verfahren zum Einsatz, um für verschiedene Zeitperioden typische Themenagglomerate herauszudestillieren, die bereits deutliche Rückschlüsse auf Argumentationslinien und periodenbezogene Problemfelder erkennen lassen.

Jeder relevante Artikel wurde exzerpiert und in einer Datenbank gespeichert, wobei Wert darauf gelegt wurde, die wesentlichen Aussagen als vollständige Zitate zu erfassen und interpretierende Zusammenfassungen in der Erhebungsphase zu vermeiden. Anhand des Argumentationsduktus oder relevanter Stichwörter wurden die exzerpierten Zitate Themenfeldern zugeordnet. Auf diese Weise konnten die Datensätze in kürzester Zeit unter den verschiedensten Fragestellungen sortiert und gefiltert werden.

Eine zweite Aufbereitung der Artikel vergleicht textinterne Definitionen, die sich mit Schlüsselbegriffen wie Lesen, Leser, Lesekultur befassen. Welche Attribute werden vergeben, unter welchen Bedingungen sind sie gültig, welche Ein- und Ausschlußkriterien werden angewandt, wem wird welche kausale Wirkung zugerechnet? Auf diese Weise werden Paradoxien sichtbar, deren Auflösung Hinweise auf Systemstrukturen liefern kann.

Die Auswahl der relevanten Artikel konnte aus arbeitsökonomischen Gründen nicht durch Autopsie sämtlicher Beiträge aller vierzig Jahrgänge vorgenommen werden. Vielmehr wurden nur jene Artikel erfaßt, die im Jahrgangsregister als relevante Beiträge der Thematik Buch und Lesen, Leseforschung und -förderung zugerechnet werden konnten. Hinzu kamen Beiträge, die über operationale und Identitätsprobleme der Systeme Buchhandel und Bibliothekswesen berichteten. In bezug auf das Börsenblatt waren Querverweise innerhalb des Registers sehr hilfreich, durch die das Quantum der Suchbegriffe im Register erheblich erhöht werden konnte. Dennoch gab es Zufallsfunde von Beiträgen, die nicht im Register unter dem entsprechenden Schlagwort verzeichnet waren. Von einer gewissen Dunkelziffer nicht gesichteter Artikel muß also ausgegangen werden. Für BuB wurde wegen unregelmäßiger Register auch auf das Inhaltsverzeichnis zurückgegriffen, zumal hier die Anzahl der Artikel pro Jahrgang bei weitem nicht so hoch liegt wie im Börsenblatt. Allerdings gilt auch hier, daß auf Grund der Titelformulierung nicht immer zuverlässig auf den Inhalt geschlossen werden kann.

Für die statistische Auswertung wäre eine Volltextrecherche sämtlicher Jahrgänge beider Periodika natürlich ein wünschenswertes Hilfsmittel gewesen, das aber


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derzeit nicht zur Verfügung steht. Trotz aller Sorgfalt sind weitere Erhebungsungenauigkeiten beim Exzerpieren der Artikel nicht auszuschließen.

Dennoch kann auf Grund der Menge der vorliegenden Daten und der Eindeutigkeit vieler Ergebnisse durchaus davon ausgegangen werden, daß diese Ungenauigkeiten für die Validität der Untersuchung nicht ausschlaggebend sind.

3.1 Konstruktion und Definition von Lesekultur

Lesen kann man allgemein definieren als Transformation von Schrift in Sinn, womit zugleich unterstellt wird, daß die Schrift einen wie auch immer gearteten Sinn repräsentiert, bzw. daß der Lesende etwas von dem Text versteht. Denn würde man die Intention des Autors zum Maßstab des Verstehens machen, wäre es bei komplexeren und voraussetzungsreicheren Texten kaum noch möglich, überhaupt noch von Lesen zu sprechen. Etwaige Ausnahmen, die kein Verstehen implizieren, sind Sonderfälle, die hier nicht berücksichtigt werden müssen.<115> Im Unterschied zu dem allgemeinen systemtheoretischen Begriff des Beobachtens qualifiziert der Begriff Lesen die Beobachtung auf ein spezifisches Medium hin: Schriftzeichen, die in ihrer Kombination einen Sinn vermitteln. Lesen ist also, in systemtheoretischer Terminologie, die Beobachtung von Text. Auch die metaphorische Verwendung von Lesen, etwa: ‚jemandem etwas aus dem Gesicht lesen’, soll im folgenden keine Rolle spielen. Lesen von Text schließt, auch wenn es an dieser Stelle noch trivial erscheinen mag darauf hinzuweisen, grundsätzlich das Lesen jedes Textes ein: seien es Schilderaufschriften, Werbebotschaften, Notizen, Artikel, Monographien usw., und es schließt auch das Lesen in jeder Form seines Vollzugs ein: sei es lautes oder leises, langsames oder schnelles, einfaches oder wiederholtes, kursives oder statarisches Lesen.

Interessant aber ist nun der Umstand, daß Lesen innerhalb der Kommunikation eine von dieser neutralen Definition abweichende Verwendung findet. Auf der einen Seite sind solche Abweichungen innerhalb einer Interaktionskette oder innerhalb eines spezifischen Teilsystems der Kommunikation darauf zurückzuführen, daß damit überflüssige Redundanzen in der Syntax abgebaut werden können. Wenn sich die Kommunikationsteilnehmer etwa darauf geeinigt haben, fortan zum Thema ‚wissenschaftliches Lesen’ zu sprechen, dann kann das Attribut ‚wissenschaftlich’ auch entfallen, wenn sichergestellt ist, daß dieser spezifische Bezugsrahmen ohnehin von allen Teilnehmern vorausgesetzt wird. Auf der anderen Seite gibt es aber auch beständig Versuche, bestehende Begriffe für eine singuläre Bedeutung zu vereinnahmen und andere Bedeutungsfelder zu unterschlagen, was zu Asymmetrien und Paradoxien führt. Anders als in der Computertechnik führt


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ein Paradoxon (dort etwa ‚Division durch Null’) in der menschlichen Pragmatik nicht zu sofortigen Operationsausfällen. Vielmehr wird der Kontext vom Empfänger so rekonstruiert, daß das Paradoxon aufgelöst werden kann und die Mitteilung einen Sinn ergibt. Mit diesem Schutzmechanismus können Kommunikationsprobleme gelöst werden, die durch die Variabilität und die fehlende Normung sprachlicher Thesauri ständig auftreten. Auf diese Weise lassen sich aber nicht nur Fehler oder Störungen in Syntax und Semantik regulieren, es wird auch die Möglichkeit eröffnet, Zusatzinformationen zu vermitteln, die gar nicht explizit in der Mitteilung verankert sind. Das heißt, es besteht die Gefahr (oder Chance), daß hier eine gewisse Suggestivwirkung ausgeübt werden kann, die den Verstehensprozeß zwar nicht strikt zu steuern oder zu kontrollieren vermag, ihn aber doch beeinflußt.

Gerade für die Begriffe Lesen und Leser kann dieser Sachverhalt recht eindrucksvoll demonstriert werden. Zunächst einmal finden sich zahlreiche Quellen, in denen das Lesen als gefährdet gesehen wird.

»Eine alarmierende Feststellung [...]. Das Lesen in der Bundesrepublik ist
rückläufig.« (1963: A98)
»Es wird weniger gelesen, die „Lesewelle“ hat ihren Höhepunkt überschritten« (1963: B135)
»die lesefeindliche Gesellschaft« (1975: A258)
»Was lesen die Soldaten? Nichts!« (1975: A253)
»Die Buchhändler schlagen also Alarm. [...] Die Deutschen lesen immer weniger.«; »Lesen überhaupt ist suspekt geworden« (1981: A346)
Lesen ist eine »höchst gefährdete Kulturleistung« (1983: A387)
»Literarischer Wettersturz« (1984: A412)
»Kinder lesen zunehmend weniger« (1984: B363)
»Die aktuellen Daten zum Mediennutzungsverhalten signalisieren ein schwindendes Interesse an der Lektüre und eine abnehmende Lesedauer.« (1985: A422; B381)
»[...] der immer deutlich werdenden Stagnation der Lese- und Schreibfähigkeit [...]« 1985: A430 »[...] einer sich abzeichnenden Stagnation des Lesens, Schreibens und des aktiven Sprachgebrauchs [...]« (1985: B387)
»Studenten von heute [sind] lesemüde« (1987: A502)
»Jedenfalls, aus welchem Grund auch immer, haben unsere Studenten das Lesen aufgegeben. [...]« (1988: A517)
»Kinder heutzutage lesen gar nicht mehr.« (1988: B418)
»Die Kulturtechnik Lesen ist rückläufig« (1988: B420)

Interpretiert man diese Aussagen nach der basalen Definition von Lesen - als Transformation von Schriftzeichen in Sinngehalte - hieße das konsequenterweise, daß die Gesellschaft akut von Analphabetismus bedroht ist. Für eine Gesellschaft, in der ein Großteil der Kommunikation über Schrift läuft, hat eine solche Meldung in der Tat eine alarmierende Wirkung - und dies schafft genügend Aufmerk-


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samkeit, um dieses Problem zum Thema für Interaktionen der verschiedensten Teilsysteme der Kommunikation zu machen.

Faßt man aber die Äußerungen zum Thema Lesen zusammen, so wird deutlich, daß mit ‚dem Lesen’, das hier bedroht zu sein scheint, auch etwas ganz anderes gemeint ist, als allgemein unter dem Begriff Lesen zu erwarten wäre. So entsteht eine Asymmetrie zwischen Signifikant und Signifikat und zugleich ein Paradoxon: Lesen ist nicht (nur) Lesen. Einige wenige Quellen thematisieren diese Asymmetrie sogar direkt:

»Lesen ist mehr als Lesen« (1988: A535)
»Wenn diese Hinweise richtig sind, dann werden also im Vorgang des Lesens nicht nur Schriftzeichen in der Reihenfolge zusammengerafft und mit einer Bedeutung verbunden, sondern es werden tiefere menschliche Kräfte bewegt.« (1975: A188)
»Lektüre [ist] mehr als ein zweckgebundener Informationsvorgang« (1972: A205)
»Betrachtet man Lesen in diesem Sinne nicht als einen Input-Output-Vorgang [...] sondern als elementares Lebensbedürfnis.« (1977: A293)

Die Zitate unterstellen dem Begriff Lesen ein qualitatives ‚Mehr’ und verweisen auf eine anthropologische Dimension. Allerdings bleibt fraglich, inwiefern dieser Zusatz durch den Verweis auf ‚tiefere menschliche Kräfte’ oder ‚elementare Lebensbedürfnisse’ einen wirklichen Unterschied in der Definition ausmacht, wie er hier unterstellt wird. Daß der Rezeptionsvorgang beim Lesen eine komplexe Leistung des Gehirns darstellt, ist eine triviale Erkenntnis und wird selbst von den allgemeinsten Definitionen vorausgesetzt. Daß Lesen ein Lebensbedürfnis sei, ist eine rein spekulative Äußerung, da unzählige Lebensformen denkbar sind, in denen Lesen kein Bedürfnis sein muß. Es ist somit anzunehmen, daß es sich hier vor allem um den Versuch einer ideellen Aufwertung des Begriffs handelt, um ihm im gesellschaftlichen Kontext eine Sonderstellung zu geben. In welcher Funktion dies geschehen soll, darauf weist eine andere Quelle hin.

»Wenn es eine Kultur des Lesens gibt [...] dann wird damit schon deutlich, daß wir nicht schlechthin jedes Aufnehmen von Gedrucktem als Lesen bezeichnen.«
[1975: A246]

Hier wird deutlich, daß der Kulturbegriff in einer ganz spezifischen Weise benutzt wird, die keineswegs einen universalen, alle Kommunikation einschließenden Charakter, sondern eine Selektion markiert. Ganz entsprechend den unter 2.6 und 2.7 aufgestellten theoretischen Prämissen läßt sich festhalten, daß hier aus einer großen Menge von Leseanlässen und -formen eine Auswahl selektiert und als Lesekultur bezeichnet wird, und daß diese Leseformen offenbar in ihrem Fortbestand gefährdet sind. Dies ist ein deutlicher Hinweis darauf, daß es sich um die Kommunikationsofferte eines Traditionssystems handeln könnte. Die nächste Frage ist nun, inwieweit diese selektierten Leseformen auch dem ritualisierten Verhaltensprogramm eines Traditionssystems entsprechen.


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3.1.1 Ausdifferenzierung von ‚Lesen’ und ‚Leser’

In der Tabelle 4 werden jene Attribute einander gegenübergestellt, die im Diskurs um Lesen, Leseförderung und Lesekultur die Selektionskriterien konformen und nicht-konformen Lesens kennzeichnen, d.h. dem Einschluß- und dem Ausschlußwert einer Systemdifferenzierung. Soll diese Differenzierung von einem Traditionssystem geleistet werden, wie anzunehmen ist, muß es theoriegemäß jene Verhaltensweisen beobachten, die normalerweise unreflektiert blieben, weil ihre Beobachtung für den Handlungsvollzug nicht unbedingt notwendig ist.

Beim Blick auf die Tabelle fallen zunächst zwei Dinge auf: a) das konforme Lesen repräsentiert positive menschliche Charaktereigenschaften und Tugenden; b) das konforme Lesen stellt eine ideale Basis zur Lesekontrolle aus der Perspektive eines Beobachters zweiter Ordnung dar.

Tab. 4

Lesen

Nicht-Lesen

Pragmatisch

  • - wiederholtes Lesen [desselben Textes] (1957: A35; 1984: A412)
  • systematisch und selbständig (1978: A309)
  • stummer Dialog (1963: A98; 1987: A466)
  • Stillbeschäftigung (1988: B419)

  • Viellesen, Schnellesen (1963: A101; 1964: A104; 1964: A105; 1965: A114; 1965: A113)
  • konsumierendes Lesen, literarischer Konsum (1964: A102; 1966: A131)
  • - in den Akten lesen (1988: B420)

Qualitativ

  • - Kennenlernen „des Buches“ und „der Literatur“ (1972: A201)
  • seriös (1974: A233)
  • anstrengend, unbequem (1979: A312; 1983: A387; 1984: A412)
  • kein Selbstzweck (1950: B24), vgl. aber nachfolgend 18 Jahre später:
  • zweckfrei, spielerisch (1968: B175; 1983: A387)
  • Geheimnis (1957: B92)

  • die Zeit totschlagen (1988: B420)
  • Unterhaltungslesen als hauptsächlicher Anlaß der Lesefreude (1986: 441)
  • lustloses Lesen (1967: A133; 1967: A137)


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Disposition des Lesers

  • setzt die Begierde zum Zuhören voraus,
    die Bereitwilligekeit, die Stimmungen und Empfindungen des Verfassers über sich ergehen zu lassen
    (1950: B24)
  • verlangt Aufmerksamkeit, Konzentration (1959: A48; 1975: B238)
  • selbstbestimmt, frei (1963: A98)
  • eigenständig (1966: A131)
  • Durchhalten eines Spannungsbogens (1984: A412; 1984: B370)
  • Symbol individueller, freiwilliger Entscheidung (1988: B420)
  • Sich ganz, mit persönlicher Teilnahme, auf die Botschaft eines gelesenen Textes einlassen (1987: A500)
  • setzt Einsamkeit voraus (1970: B191; 1979: A312)
  • introvertiert (1984: B368)
  • Hingabe als Grundvollzug (1963: A98)
  • Lust an Entfaltung, am Werden, am Entdecken der Persönlichkeit und der Welt; Lust am Leben (1988: B421)
  • selbstverständliche Gewohnheit (1965: A116)

  • - buchstabieren, [literarischer] Müllschluckerkonsum, Wegwerfmentalität (1982: B346)
  • dumpfe Lesebeflissenheit (1964: A104)

Zur a): die hier geforderte Leistung erfordert von einem Menschen einen geradezu mustergültigen Charakter. Lesen nicht zur Zerstreuung, sondern im Gegenteil, um aus der Zerstreuung zurückzukehren. Keine Wirklichkeitsflucht, sondern ein Sich-den-Problemen-Stellen. Denn Lesen ist harte Arbeit, die mit Eifer zu verrichten ist und die das Ertragen negativer Umstände (Einsamkeit, Durchstehen langweiliger Passagen als ‚Spannungsbogen’) voraussetzt. Die freiwillige Wahl der Mühsal gegenüber verlockend leicht zu rezipierenden Alternativmedien führt zur Persönlichkeitsstärkung. Dies ist auch der einzige Zweck des Lesens, ansonsten hat es zweckfrei zu sein, denn jedes utilitaristische Lesen, daß sich durch die Bedingungen der Umwelt aufnötigt, verdeckt natürlich die beim Lesen geleistete Charakterstärke. In diesem Sinne vollzieht sich das konforme Lesen ausschließlich in der Freizeit, in der sich auch die Freiwilligkeit der Handlung manifestiert. Obwohl Lesen eine ernste Angelegenheit ist, soll sich der Leser an der Mühsal ergötzen, der Tätigkeit mit Leidenschaft und Einfühlungsvermögen begegnen, ja sie soll ihm spielerisch von der Hand gehen. Wenn ihm unter diesen Voraussetzungen


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auch noch Unterhaltung widerfährt, sei dagegen nichts einzuwenden.<116> Bei all dem steht die Selbstbeherrschung an vorderster Stelle. Die Lektürewahl soll er frei gestalten können (soweit er dazu ‚mündig’ ist) und diese Mündigkeit zeichnet sich vor allem dadurch aus, daß seine Wahl systematisch, kritisch und nach gesellschaftlich anerkannten Wertmaßstäben erfolgt.<117> Die Vollkommenheit ist erreicht, wenn er schließlich - ohne sein Verhalten zu ändern - nur noch die Texte reflektiert, aber nicht mehr sein Lesen selbst, wenn es ihm zur Selbstverständlichkeit und zur Gewohnheit geworden ist. Damit erst wird signalisiert, daß auch die letzte Zweckgebundenheit, das Lesen als ‚Werkgerechtigkeit’, beseitigt ist. Die Zurechnung dieses Verhaltens kann dann nicht mehr mit äußeren Faktoren begründet werden, es ist zum ‚Wesen’ des Menschen geworden. Und damit ist das Ritual wieder in seine unreflektierte Ausgangsposition zurückgekehrt.

Das Konstrukt des ‚richtigen’ Lesens weist große Ähnlichkeit mit neo-humanistisch gefärbten Lesekonzepten aus dem 18. Jahrhundert und 19. Jahrhundert (vgl. 1.5), aber auch mit denen der Volkserzieher zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf, die vor allem diese Charaktereigenschaften unter dem Begriff der Bildung subsummierten.<118> Lesen und Bildung konnotieren miteinander, werden sich gegenseitig zur unabdingbaren Voraussetzung. Obwohl der Bildungsbegriff spätestens seit den 60er Jahren durch die uns heute geläufige Definition im Sinne von Aus- oder Weiterbildung ersetzt worden ist, bleibt das alte Bildungskonzept in der hier vorliegenden Definition von Lesen erhalten.

Zu b) Die geforderte Charaktereigenschaft eines ‚gebildet’ lesenden Menschen läßt sich aus kommunikationstheoretischer Perspektive vor allem auf Probleme der Lesekontrolle zurückführen. Das wird besonders deutlich anhand der Attribute ‚geistig, rezeptiv, verstehend’, die eigentlich jedem noch so simplen Lesevorgang unterstellt werden müssen und die somit eigentlich nicht erwähnenswert wären.


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Wie unter 2.7 herausgearbeitet, stellt sich beim Lesen das Generalproblem, daß man nicht sehen kann, was jemand liest bzw. wie es entstanden ist. Der Autor wünscht sich eine identische Übertragung seiner Ideen auf den Leser (zumal dann, wenn er mit persönlichen Konsequenzen für den Inhalt verantwortlich gemacht wird) und weiß doch nicht, wer lesen wird, welche Voraussetzungen er mitbringt, was der Leser über die Mitteilungen des Autors denkt und wie er entsprechend in Abhängigkeit davon sein weiteres Lesen im Text gestaltet. Bei kommunikativen Interaktionen, d.h. unter Anwesenden, kann der Mitteilende individuell auf das vermutete Verstehen oder Nicht-Verstehen, auf Motivation und Demotivation reagieren. Diese Möglichkeit entfällt beim Lesen. Zwar können solche Defizite teilweise durch Programme der Leserlenkung in Typographie und Text ausgeglichen werden (z.B. durch einen imaginären Erzähler, der den Leser motivatorisch unterstützt, durch Querverweise, typographische Auszeichnung von wichtigen und weniger wichtigen Passagen etc.), aber die Akzeptanz dieser Maßnahmen kann dennoch schwer (allenfalls mit erheblicher zeitlicher Verzögerung durch ein evtl. Feedback der Leser) kontrolliert werden. Je weniger präzise sich für eine spezifische Adressatengruppe schreiben läßt und je komplexer der Inhalt, desto unwahrscheinlicher, daß der Text für die Informationsübermittlung optimiert angeboten werden kann, desto unwahrscheinlicher auch, daß die ‚Sinnübertragung’, die der Autor intendiert, in großer Annäherung zustande kommt. Ein Autor, dessen Adressatengruppe nicht eindeutig prädisponibel ist (qua Problematik der Kollektivsingulare), muß für ein artifizielles Leserkonstrukt schreiben, dem er ein Leseverhalten unterstellt, daß den Problemen schriftlicher Mitteilungsformen Ausdauer und Verständnis entgegenbringt. Je mehr dieses Verhalten dem ‚Wesen’ eines Menschen zugerechnet werden kann, desto idealer, desto erwartungssicherer für den Autor. Denn alles ‚Nichtwesenhafte’ verweist auf unsichere Umstände außerhalb des Menschen, die aus der Perspektive des Autors noch schwieriger eingeschätzt werden können.

Nun sind die aufgeführten Eigenschaften des ‚richtigen’ Lesens noch nicht für sich genommen Rituale im Sinne der Theorie. Aufmerksames Lesen wird von einem anspruchsvollen Text quasi vorausgesetzt, aber das ebenso aufmerksame Lesen von einem weniger voraussetzungsreichen Text entspräche dann - in dem, was mehr geleistet wird als notwendig - dem Überflüssigen, der Redundanz. Ein ‚eifriger Leser’, der nicht aus Eifer für einen interessanten Inhalt liest, sondern aus Eifer für das Lesen, praktiziert ebenso eine ritualisierte Handlung. Wer gar mit dem Buch oder dem Autor einen inneren Dialog beginnt, also das Lesen gewissermaßen in Phantasie inszeniert wie das Kind den ‚Dialog’ mit der Puppe, dessen Leseverhalten kann ganz sicher zum Ritual gezählt werden. Es kommt also immer auf die Situation an. Zum Ritual werden all jene Formen des Lesens, die nicht auf Notwendigkeiten in der Umwelt zielen, sondern selbstbezüglich auf das Lesen. Wie sich ein solches, ritualisiertes Leseverhalten im Detail darstellen kann, beschreibt folgende Quelle:


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»Dazu [sc. zur Lesekultur] gehört zunächst eine gute Lesetechnik. Man kann die Lesegeschwindigkeit mindestens verdoppeln, wenn man nur durch das Auge liest und das unwillkürliche innere Mitsprechen abzuschalten versucht. Einen Bleistift sollte man bei seiner Lektüre stets zur Hand haben, um durch Unterstreichen oder Herausschreiben der wichtigsten Gedanken den Leseertrag zu steigern. Eine gute Übung ist, nach jeder Lektüre die Quintessenz in einigen Sätzen auf einer Karteikarte festzuhalten...« (1973: A215)

Allerdings bleibt der Versuch, Leseformen zwischen Ritual und notwendigem Verhalten abzugrenzen, wenig fruchtbar. Das Problem stellt sich für die wissenschaftliche Beobachtung des Lesens in derselben Weise wie für alle anderen sozialen Systeme auch: das Lesen selbst ist für die Gesellschaft (außer beim Vorlesen) nicht kommunikabel. Weder das unmittelbare Verstehen, die Lesegeschwindigkeit, die Rücksprünge, die inneren Emotionen lassen sich von außen sicher beobachten (sieht man einmal vom wissenschaftlichen Experiment und seinen Apparaturen ab, die sozial eine singuläre Einzelbeobachtung bleiben und für den Gesellschaftsprozeß keine Rolle spielen). Sozialsysteme können sich selbst gar nicht an solche redundanten Verhaltenweisen koppeln, sie bleiben im Inneren des lesenden Bewußtseins verborgen. Der Autor kann nicht das Mienenspiel des Lesenden sehen, um Rückschlüsse auf das Verstehen ziehen zu können, weil er in aller Regel nicht mit dem Autor zeitgleich in einem Raum anwesend ist. Der sozial anwesende Beobachter hingegen mag das Minenspiel beobachten können, aber er kann die Ursache nicht nachvollziehen, weil er den Text nicht kennt. Was für Interaktionen auf basaler Ebene gilt, hat ebenso Auswirkungen auf die anderen Systemarten. Für alle sozialen Systeme, die durch das Lesen in irgendeiner Weise betroffen und auf seine Beobachtung angewiesen sind, ist es also unabdingbar, daß der Leser sein Lesen und sein Verstehen wieder in beobachtbarer Form in die Kommunikation der Gesellschaft induziert. Diese Kommunikation ist für das Bewußtsein aber keineswegs immer notwendig - tut der Leser es trotzdem, möglichst ohne dies zu reflektieren, wird zwar nicht sein Lesen im direkten Sinne, aber zumindest die Kommunikation über sein Lesen zum Ritual. Das Traditionssystem des Lesens hat im Hinblick auf diese Problematik die Aufgabe, die lesende Person zu verführen, über sein Lesen, das sich sozial nicht direkt beobachten läßt, Rechenschaft abzulegen. Nur, wer sich in die Karten schauen läßt, nur, wer in ausreichendem Maße sein Lesen kommuniziert, hat das Anrecht darauf, die Rollenbezeichnung eines ‚Lesers’ attribuiert zu bekommen.

Der Leser, wie er sich nach Tabelle 5 ausdifferenziert, entspricht der Idealerwartung, die Sozialsysteme an sein Kommunikationsverhalten stellen. Hier ist der entscheidende Unterschied: nicht an sein reales Leseverhalten, sondern an sein Kommunikationsverhalten über sein Lesen. Die Erwartungshaltung, die an sein reales Lesen gestellt wird - d.h. welche Inhalte konkret und in welcher Absicht gelesen werden - wird nicht mehr universell über das Traditionssystem ausdifferenziert, sondern von jedem partizipierenden Sozialsystem individuell.


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Auch für den Begriff ‚Leser’ gilt zunächst einmal: unter weitestgehend objektivierten Kriterien ist ein Mensch nur in dem Zeitraum ein Leser, in dem er tatsächlich die Handlung Lesen ausführt, in der er also Text in Sinn transformiert. Jede Zurechnung des Begriffs auf eine Person außerhalb dieser Zeitspanne, also auf eine Person, die zeitgleich nicht liest, führt zu einer Asymmetrie. Sie beschreibt dann nicht mehr tatsächlich verifizierbares Verhalten, sondern repräsentiert die Erwartung an ein potentielles Verhalten. Ein ‚Leser’ signalisiert die hohe Erwartbarkeit, daß das Lesen durch ein bestimmtes, äußerlich unterscheidbares Leseverhalten zuverlässig beobachtet werden kann. Für das Traditionssystem genügt die ritualisierte Wiederholbarkeit einer Gewohnheit oder eines Brauchs, um das eigene System zu reproduzieren. Das auf diese Weise ausdifferenzierte Element ‚Leser’ stabilisiert die Erwartungshaltung anderer Systeme an dieselbe Person. Sie können gewissermaßen auf die Differenzierungsleistung des Traditionssystems zugreifen und entlasten damit ihre eigene Systemkomplexität. Das Literatursystem kann sicher sein, daß eine als Leser bezeichnete Person der kommunikativen ‚Gefährlichkeit’ des Lesens (vgl. Definition unter 2.7) gewachsen ist. Der Autor, der den Erfolg seiner Kommunikationsversuche nicht kontrollieren kann, kann von ‚dem’ Leser, wer auch immer es sei, eine große Motivation voraussetzen, die Intention seiner Mitteilung zu verstehen. Die Wissenschaft kann von einem ritualisierten Leser das Durchhaltevermögen erwarten, sich mit hochkomplexen Mitteilungsformen vertraut zu machen, die ihm eine Anschlußkommunikation auf wissenschaftlicher Ebene erlauben. Das Erziehungssystem sieht in einem ritualisierten Leser den Erfolg pädagogischer Programme, Bildung (welcher Definition auch immer) zu vermitteln. Der Buchhandel schließt von der Nähe des Lesers zum potentiellen Buchkäufer auf neue Umsätze. Das Bibliothekswesen sieht im Leser den zuverlässigen Entleiher oder Nutzer von Büchern usf. Auf diese Weise relationiert jedes fremde System das Element ‚Leser’ mit eigenen Erwartungswerten und reagiert entsprechend darauf, wenn die Erwartungen nicht mehr erfüllt sind oder das Leitmedium selbst nicht mehr ausreichend zur Verfügung steht.

Tab. 5

Leser

Nicht-Leser

Persönlichkeit

  • Realistisch, wirklichkeitsnah, zielbewußt (1964: A104)
  • Einsicht über die eigenen Grenzen und Möglichkeiten (1963: A93)
  • Eifrig, unterscheidungsfähig (1974: A226)
  • Nicht beliebig manipulierbar (1974: A226)
  • autonome Persönlichkeit par excellence (1974: A226)
  • ichstark (1982: A371, 1984: A406)
  • hohe Persönlichkeitsstärke, stets zum Experiment bereit, neugierig, zielbewußt (1984: A405; 1987: A466)
  • Undogmatische Entdeckerfreude (1977: A293)
  • Langweilen sich kaum (1971: A192)
  • Mündig, kritikfähig, wißbegierig (1972: A202; 1973: A215)
  • sein Lebensinhalt sind geistige Werte (1956: A33)
  • begreift den höheren Sinn seines Tuns (1963: A96)
  • nähert sich dem Zentrum dessen, was Bildung bestimmt (1963: A93)
  • heiter[er als Nichtleser] (1983: 380; 1984: A405)

  • versteppt im Geistigen, seelisch verarmt, geistig stagnierend (1951: A11, A12)
  • primitiv (1952: B62)
  • gedankenlos, unkritisch (1956: A33)
  • weniger intelligent (1959: A48)
  • menschlich bequem, geistig indolent (1961: A68)
  • verträumt, flüchten vor der Realität des Lebens (1964: A104)
  • passiv, schicksalsergeben (1971: A192; 1979: A312)
  • bequem, primitiven Dingen zugetan, müde Phantasie (1956: A26)
  • sensationsgierig (1952: A17)
  • dem Materialismus verfallen (1956: A26)
  • kulturell faul (1961: A68)
  • haben unentfaltetes, verbildetes Gewissen (1962: A89)
  • empfinden Leben als Last (1971: A192; 1979: A312)
  • heitere Unverbindlichkeit (1987: A467)

Leseverhalten

  • Hat eigenen literarischen Geschmack, selbständiges Urteil und Passion für geistige Entdeckungen (1965: A117)
  • Hohes Maß an Selbsterkenntnis; kritisches Verwerfen [sittlich] nicht geeigneter Lektüre durch hellwache kritische Distanz (1963: A93, A98; 1969: A129)
  • Herrscher in der Vielfalt der Medienkonkurrenz (1987: A466)
  • nehmen das Risiko auf sich, an das Unwahrscheinliche zu Glauben (1988: A517)
  • Umgang mit guten Büchern gewohnt (1964: A104)
  • Hat ein lebendiges, gutes und ungezwungenes Verhältnis zum Buch (1961: A68; 1967: A133)
  • an den selbständigen Umgang mit Informationsmitteln gewöhnter, herangebildeter Menschen (1965: A117)
  • passionierter Bücherfreund 1971: A187)
  • pflegen zu lesen (1980: B320)
  • haben emotionales Verhältnis zum Buch (1987: A502)
  • sind von der Lektüre angerührt (1970: B199; 1985: A427)
  • können sich emotional an das Gelesene binden (1971: A192)
  • bauen planmäßig ihren Buchbestand aus
  • sind stolz auf ihren Buchbesitz und die Familienbibliothek (1951: A11)
  • echtes Interesse an Literatur (1971: A193)
  • machen sich Vorwürfe, daß sie zu wenig Zeit zum Lesen haben (1973: A219; 1974: A225)
  • bereit zur Anstrengung des Lesens (1982: A371)
  • ist in der Lage, mindestens 250 Wörter in der Minute zu lesen (1983: A387)
  • liest jedes Buch von A bis Z (1968: B171)

  • buchabstinent (1980: B320)
  • ohne lebendiges Verhältnis zum Buch und zur Kultur (1959: A68)
  • haben oberflächliches Leseinteresse (1962: A92)
  • betreiben andere Freizeitbeschäftigungen auf Kosten des Lesens (1971: A192)
  • überschlägt Seiten, mangelndes Durchhaltevermögen (1987: A469)
  • durch das Schullesebuch ideologisch indoktriniert (1977: A232)
  • Kitsch-Leser (1968: B174)

Soziales Verhalten/Sozialisation

  • Ausdauernd in Problemlösungsfindung (1971: A192)
  • formbar (1967: A133; 1968: A161)
  • Produkt seiner Umwelt, gesteuert von Wertvorstellungen (1968: A162)
  • schutzbedürftig vor falschen Formen des Zusammenlebens in Familien und anderen Primärgruppen (1969: A162)
  • auf sich selbst bezogen, gelöst von sozialen Verflechtungen (1971: A188)
  • einsam (1988: A551)
  • „Idiotes“ [Privatmann] (1973: A248)
  • rare Spezies (1982: B346)
  • können zuhören, sind interessiert, was andere sagen (1971: A192)
  • sozial aufgeschlossen, weltgewandt (1987: A466)
  • gut informiert (1988: A520)
  • haben Freude an der Arbeit (1984: A405)

  • kein unbeeinflußbares Schicksal (1989: B437)
  • milieugeschädigt (1951: A12)
  • handelt im Affekt, äußerliche Lebensschau (1951: A12)

Was zunächst an der Differenzierung auffällt, ist die Universalität der Merkmale, die einen Anknüpfungspunkt für sehr viele Sozialsysteme bietet. Der ‚Leser’ wird beispielsweise nicht abhängig gemacht vom Grad der erreichten Schulbildung, vom Einkommen oder anderen in die Gesellschaft verweisenden Referenzen. Die Attribute verweisen kurzgeschlossen ausschließlich auf die Person selbst. Ebenso wie bei der Handlungsdefinition ‚Lesen’ stehen verhaltensstabilisierende Merkmale im Vordergrund: hohe Aufmerksamkeit und Motivation, Durchhaltewillen, große Selbstkontrolle (Persönlichkeitsstärke), realistisch, hohe Wertschätzung des Lesens. Allerdings bezieht sich die Autonomie vor allem auf das Bekenntnis zum Lesen und zur gewählten Lektüre, die ihm nicht aufgezwungen wird. Aber natürlich läßt er sich aus freien Stücken durch die Lektüre ‚formen’ und auf diese Weise beeinflussen. Dazu benötigt er Einsamkeit, die ihm im sozialen Umfeld aber häufig nicht gewährt wird (siehe Generalproblem des Lesens), obwohl er sich im Gegenzug durchaus mit besonderer sozialer Kompetenz bewährt. Soziale Aufgeschlossenheit heißt aber letztlich: er ist fähig, über sein Lesen zu kommunizieren.

Gerade in der Zusammenschau wird die Irrationalität dieses Konstrukts ‚Leser’ besonders deutlich. Die Wahrscheinlichkeit, einen solchen Leser tatsächlich zu


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beobachten, ist auf die Gesamtbevölkerung bezogen relativ gering, vor allem dann, wenn man den ‚Leser’ als Rolle definiert und somit die Verhaltensprogramme auf die gesamte Person, nach Möglichkeit mit lebenslangem Gültigkeitsanspruch ausdehnt. ‚Leser’ sind also schon qua Überzeichnung ein äußerst ‚knappes Gut’ und damit potentiell ein besonders wertvolles Kommunikationsmedium für andere Systeme - allerdings nur dann, wenn auch eine entsprechende ‚Nachfrage’ nach den versprochenen Leistungen gegeben ist. Die Nachfrage sinkt beispielsweise dann, wenn die von schriftlicher Informationsvermittlung profitierenden sozialen Systeme nicht mehr auf die Leserkontrolle durch soziale Kommunikation über das Lesen angewiesen sind. Etwa weil man von dem Großteil der Bevölkerung ausgehen kann, daß die Informationen ständig vorliegen und die Mitteilungskanäle vernachlässigbar sind. Auch, weil bei einer Alphabetisierungsquote von fast hundert Prozent die Handlung Lesen in sozialer Interaktion zur Normalität geworden ist. Der Großteil der schriftlichen Information wird parallel durch alternative Kommunikationskanäle redundant angeboten. Die soziale ‚Gefährlichkeit des Lesens’ verteilt sich auf viele Massenmedien, die ritualisiert lesende Person wird als Garant für eine zuverlässige Kommunikationskontrolle in zunehmendem Maß obsolet. Wer nicht liest, erfährt dieselbe Information immer wahrscheinlicher auch über andere Medien. Hier liegt wohl der eigentliche Dreh- und Angelpunkt in der Frage, ob das Lesen gefährdet oder das Ende des Buchzeitalters gekommen sei. Nicht die Handlung Lesen und nicht die Verwendung des Mediums Buch sind gefährdet, sondern die reflektierte Kommunikation darüber. Diese These bestätigt in gewisser Weise eine Quelle aus dem Jahr 1967, die genau diese fehlende Kommunikation als Problem hervorhebt.

»Solange das Bücherlesen als eine individualistische Angelegenheit [...] angesehen wird, bleibt es gesellschaftlich konsequenzenlos. Der individuellen Funktion des Lesens muß eine gesellschaftliche Funktion beigestellt werden.« (1967: A133)

Hier wird das autopoetische Paradox<119> geradezu beispielhaft thematisiert. Je größer die Autonomie eines Systems, desto abhängiger ist es zugleich von der Umwelt, d.h. von anderen Systemen. Der ideale Leser, der sein Lesen als Prozeß der ‚Ichfindung’ internalisiert hat, der in diesem Sinne Lesen zu einer vollkommen individualistischen Angelegenheit überführt und vom utilitaristischen Lesen differenziert, dieser Leser bleibt für die Gesellschaft nicht identifizierbar, wenn er nicht diese psychische Reflexion seines Lesens durch ein unterscheidbares äußeres Verhalten mitteilt. Und diese Mitteilung wird nur dann zur Kommunikation, wenn es für die anderen sozialen Systeme eine Leistung darstellt. Eine Leistung, die sie unterstützt, ihre eigene Systemreproduktion zu vollziehen. Aus der Gesellschaftsperspektive bleibt ein solches Lesen somit immer zweckbestimmt. Es stehen sich also zwei widersprechende Forderungen an den Leser gegenüber: er muß gesell-


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schaftlich ungebunden, ‚zweckfrei’, autonom lesen, d.h. der einzige Zweck des Lesens dient der Reproduktion seines psychischen Systems, das von außen nicht zugänglich ist. Auf der anderen Seite ist der Leser dabei immer - sei es inhaltlich oder situativ - von den Leistungen sozialer Systeme abhängig. Und so wird sein Lesen für die Gesellschaft nur im Hinblick auf die Funktionalität ihrer sozialen Systeme beobachtbar, die genau daraus das Konstrukt des Lesers entwerfen, das sich der Leser dann zur eigenen Identität macht. »Nun wissen wir aber, daß Lesen gar keine finale Tendenz zu haben braucht, kein um-zu, daß gerade das zweckunbetonte Lesen wert-voll sein kann«, heißt es in einer literaturpädagogischen Fachzeitschrift, doch das ‚aber’ folgt auf dem Fuß: »Aber es kann nicht im Sinne einer vernünftigen Schule liegen, daß die Leselust sich nicht recht entwickelt, im ausschließlichen Gebrauch primitiver und schablonenhafter Druckerzeugnisse [...]« (1968: B175). Aus der Sicht des Erziehungssystems muß also zwangsläufig ein ‚um-zu’ unterstellt werden, ein ‚um-zu’, das auf die eigene Systemreproduktion verweist. Zweckunbetontes Lesen kann wertvoll sein, aber nur, wenn es durch die Wahl der ‚rechten’ Lektüre Anlaß gibt, Karrieren nach Maßgabe eines Curriculums zu selektieren.<120>

Das verantwortliche Traditionssystem muß, will es seinen eigenen Bestand schützen, in der Lage sein, sowohl die Ritualität des Lesens in den Psychen als identitätsstiftend zu verankern,<121> und es muß zum anderen um die Inanspruchnahme seiner Funktionalität als Leistung für andere soziale Systeme werben. Es verdeckt damit gewissermaßen das Paradoxon in der Beziehung zwischen psychischen und sozialen Systemen und stabilisiert damit beide Systemarten. Dabei kommt jedoch als Unschärfe hinzu, daß es nicht Gedanken und Kommunikation beobachten kann, sondern als Sozialsystem ausschließlich auf Kommunikation angewiesen ist. Das Bewußtsein bleibt ihm ebenfalls unzugänglich. Ob ein Ritual oder eine Rollenbeschreibung tatsächlich von einem psychischen System als Identität angenommen worden ist, kann das Traditionssystem nur aus der Kommunikation heraus rekonstruieren.

Die Tabelle 6 macht dieses ‚Werben’ des Traditionssystems sehr deutlich. Denn in der Regel sind es alles Aussagen, die im Kontext unter dem Thema Verfall der Lesekultur bzw. Förderung der Lesekultur publiziert wurden. Forciert wird eine


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Art Autonomie nach innen und eine Angepaßtheit nach außen: und zwar für beide Systemarten, sowohl für psychische als auch für soziale Systeme. Das freie, lesende Bewußtsein, daß sein Selbstkonzept als Individuum denken und sich seine Emanzipation aus gesellschaftlichen Zwängen vorstellen kann als Voraussetzung für die autonome Reproduktion von sozialen Systemen.

Tab. 6

 

Potentielle Leistungen an Psychische Systeme

Potentielle Leistungen an Soziale Systeme

Lesen (Ritual)

Bewußtsein

  • - Schafft einen Erlebnisraum, vermittelt ein gewaltiges Reich (1985: A431)
  • - Schafft Bilder und Szenen im Kopf, trainiert abstraktes Denken, Sprachgefühl (1984: B370)
  • - Behilflich, das Leben besser zu verstehen (1950: B24)

Autonomie, Individualität

  • - Entbindet emanzipatorische Kräfte (1975: A241; 1977: A278)
  • - Bedeutet Freiheit (1963: A98; 1986: A451)
  • - Erhält jünger (1975: A256)
  • - Behilflich, das Leben reicher und reifer zu genießen (1950. B24)
  • - Läßt Leben gelingen (1986: A454)
  • - Befördert Konzentration und Kreativität (1984: B363)
  • - Phantasiemäßige Erweiterung des Lebensspielraums (1954: B60)

Identität

  • - Erwirkt tiefgehende Verwandlung auf das Selbst hin und Lebensformung (1960: A66)
  • - Bestätigt und übt Selbstbestimmung, Verwirklichung des Ichs (1971: A188)
  • - Ausfüllen der leeren Stelle im Ich (1951: B31)
  • - Formt Lebensentwurf (1968: B174)
  • - Erweiterung des Ich (1954: B60)
  • - Teilfunktion des Individuums (1952: B44)

Emotion

  • - Bedeutet Freude (1971: A187)
  • - Schafft Unterhaltung (1962: A86)
  • - Macht Spaß (1966: 121)
  • - Ruft flow experiences und Glücksgefühle hervor (1983: A387)
  • - Intensivierung des Lebens (1973: A215)
  • - Beflügelt den Menschen (1984: B368)
  • - Seelische Berührung, die zu einer Reinigung (Katharsis) führen soll (1954: B61)

Universell alle soz. Systeme

  • - Indikator für Vielseitigkeit und Aufgeschlossenheit (1971: A193)
  • - Macht mündig (1985: A159)
  • - Gewährleistet Disziplin, Erkenntnis, Reife und Verantwortungsbewußtsein (1985: A157)

Gesellschaft

  • - Indikator für die innere Verfassung der Gesellschaft (1974: A232)
  • - Chance des geistigen Überlebens der Gesellschaft (1974: A234)
  • - Schlüssel zur Kultur und zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben (1986: A461)
  • - Bestimmt unsere abendländische Kultur maßgeblich (1988: B419)
  • - Fortbestehen der Menschheit (1965: B153)

Politik

  • - Die politisch-kulturelle Entwicklung des demokratischen Staates ist an die Entwicklung von Sprache und Lesen gebunden (1976: A270)
  • - Befördert Kritikfähigkeit, schafft Basis zur Teilhabe am geistigen Leben sowie demokratischen Prozessen (1984: B363)
  • - Zwingende Voraussetzung für politisches Handeln (1982: B342)
  • - Politikum (1970: B199)

Erziehung

  • - Macht klüger und tüchtiger für den Beruf (1962: A86)
  • - Indikator der inhaltlichen Leere eines Menschen (1951: B221)
  • - Erfüllt hervorragende Aufgabe der Resozialisation bei Strafgefangenen (1978: A299)

Wissenschaft

  • - Ermöglicht Anschluß an den
    Grundbestand des Wissens
    (1963: A98)
  • - Steigert Urteilsvermögen (1963: A115)

Massenmedien

  • - Führt zur Basiskompetenz für den Umgang mit allen Medien (1985: A158)

Leser
(Kultursymbol)

Autonomie, Individualität

  • - Aussteiger aus der Gesellschaft (1983: A387)
  • - Kommt mit Problemen im Leben besser zurecht (1988: B116)
  • - Wird nie alt (1957: B92)

Identität

  • - Erweitert seinen Lebenshorizont durch Kennenlernen anderer Biographien (1988: B116)

Gesellschaft

  • - Erhalten die schöpferische Potenz einer Gesellschaft (1970: A118; A180)

Politik

  • - Die Demokratie braucht Leser (1975: A242)
  • - Staatsbürger der Zukunft (1976: A270)
  • - Geht weniger stempeln (1982: A363)
  • - Mündiger Staatsbürger, kann sich Manipulationsversuchen widersetzen (1989: A590; 1988: B116.)

Erziehung

  • - Kann große [Karriere?-]Sprünge machen (1985: A428)
  • - Kann sich besser ausdrücken, hat beim Lernen mehr Erfolg (1988: B116)

Wirtschaft

  • - Kommt weiter in Beruf und Wirtschaft (1988: B116)

Massenmedien

  • - Nur der Leser wird in der neuen Medienwelt zurechtkommen (1987: A490)

Buch (Kontingenzf.)

Bewußtsein

  • - Bildend, belehrend, meinungsschaffend, unterhaltsam, macht klüger (1960: A67; 1965: A113; 1964: A109)
  • - Bahnt den Zugang zu allen Bereichen des Geistes, schenkt Freude, Entspannung und seelische Bereicherung (1949/50: B20)

Autonomie, Individualität

  • - Ermöglicht fundiertes Verstehen des Lebens und der Welt auch als Nichtfachmann (1966: A121)
  • - Entscheidend für die Gewinnung der eigenen Unabhängigkeit und Freiheit (1972: A201)
  • - Gewährt Abstand von allen Zwecken und Zwängen (1970: B200)

Identität

  • - Hilft, die Sinnmitte zu finden (1968: A160)
  • - Voraussetzung zur Selbstvergewisserung der Persönlichkeit (1972: A201)
  • - Ermöglicht freie Entfaltung der Persönlichkeit (1970: B191)

Emotion

  • - Entspannend (1962: A92)
  • - Vermittlung von Lesefreude, Unterhaltung (1986: A450)

Universell alle soz. Systeme

  • - Mittel schöpferischer Ideenverkündung, interdisziplinärer Verständigung und menschlicher Integration (1972: A205)
  • - Wesentlicher Zugang zum zivilisierten Bewußtsein (1968: B181)
  • - Setzt das Lesen in Gang und sorgt, daß es nicht abreißt (1953: B51)

Gesellschaft

  • - Gesellschaftsstiftendes Medium (1969: A162)
  • - Ferment der geistigen Entwicklung einer Gesellschaft (1988: B420)
  • - Gewichtiger Faktor im Leben unseres Volkes (1957 B90)

Wirtschaft

  • - Ermöglicht gründliche Ausbildung und Leistungssteigerung im Beruf (1949/50: B20)

Erziehung

  • - Hilft bei der Umschulung, bei der zusätzlichen Qualifizierung und Erhaltung des vorhandenen Arbeitsplatzes (1984: B363)
  • - Basis für die berufliche Motivation zum Weiterkommen und zur Weiterbildung (1982: B349)
  • - Gradmesser des kulturellen Niveaus und der kulturellen Reifung Jugendlicher (1968: B167)
  • - Heilsamer Einfluß als Mittel der Bildung (1965: B151)
  • - Erziehen zum Guten (1959: B103)

Die ‚verlockende’ Leistungsvielfalt, die das Traditionssystem verspricht, läßt es nur schwer verständlich erscheinen, wie psychische oder soziale Systeme auf das Lesen, den Leser und seinen Mittler, das Buch, angesichts dieser Gratifikation verzichten können. Gerade wegen des gelegentlich geäußerten Absolutheitsanspruchs ist es wichtig zu sehen, daß grundsätzlich alle hier aufgeführten Leistungen durch andere Handlungen und Trägermedien substituierbar und relativierbar sind. Der ‚Erlebnisraum’ wird auch durch einen Kinofilm oder durch zwischenmenschliche Interaktionen geschaffen, auch das Fernsehen schafft ‚Bilder und Szenen im Kopf’, der Kauf eines neuen Autos Glücksgefühle usw. Parolen wie »Wer viel liest, liest auch Gutes« (1988: A520) suggerieren die Unschädlichkeit des propagierten Lesens gleich einer ‚Multivitamintablette’. Wenn Vitaminmangel besteht, hilft sie, wenn nicht, kann sie zumindest nicht schaden. Damit bleibt, wie bei jeder Form von Werbung üblich, die negative Kehrseite verdeckt. Lesen kann für die Bewältigung des Lebens problemlösend sein, es kann aber auch im Gegenteil problemschaffend ein.

Um es an dieser Stelle nochmals hervorzuheben, damit die Stringenz der These erhalten bleibt: das Traditionssystem, von dem hier die Rede ist, reproduziert rituelles Verhalten, jene Elemente der Kommunikation, die für die Funktionalität des jeweiligen beteiligten Systems nicht unbedingt notwendig, also redundant sind. Es geht hier nicht schlechthin um jede Form von Lesen und nicht um jede Form von Identitätsbeschreibungen, die den Begriff ‚Leser’ verwendet. Ein Wissenschaftler wird seine Identität sehr wohl mit dem Lesen in Verbindung bringen, aber nicht aus Freude am Lesen, sondern weil Wissenschaft über Schriftlichkeit vermittelt


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wird. Sein Lesen und Schreiben sind konkrete Handlungen, an denen sich das Wissenschaftssystem reproduziert, also keine redundanten, sondern zentrale Verhaltensweisen. Und er wird in den seltensten Fällen sein Wissenschaftlertum darauf zurückführen, daß er gerne liest. Genau hier setzt das Traditionssystem an, wenn behauptet wird, Studenten seien lesemüde. Die folgende Quelle bemängelt nämlich gerade das Ausbleiben des redundanten Leseverhaltens. Die Studierenden (hier: der Literaturwissenschaft) lesen genau das, was sie ‚wirklich’, also für die Anforderungen ihres Studiums benötigen und entsprechen damit genau dem Leseverhalten der Wissenschaft: selektiv zu lesen. Sie entfallen also für das Traditionssystem als ritualisierte Leser. Entsprechend verwundert es nicht, daß ein solches Verhalten als Zeichen der Angepaßtheit im negativen Sinne gewertet wird.

»Nach 13 Schuljahren, in denen sie [sc. die Studenten] gelernt haben, Literatur zu behandeln wie der Pathologe das Opfer seiner Autopsie, wäre es erstaunlich, wenn sie in den Literaturlisten für die Vorlesung noch begeistert eine Möglichkeit der Phantasieerweiterung sehen könnten. Im Gegenteil: Sie suchen sich mit Hilfe von Kopien, Exzerpten und Auszügen nur das aus den Büchern heraus, was sie wirklich benötigen. Wer sollte ihnen das verdenken, angesichts beruflicher Perspektivlosigkeit, ungewisser Zukunft und des folgerichtigen Bedürfnisses, das Studium möglichst schnell, möglichst gradlinig und möglichst angepaßt hinter sich zu bringen.« (1987: A502)

In der Tat, sie haben sich an das Wissenschaftssystem angepaßt, aber nicht aus Perspektivlosigkeit. Die Perspektivlosen sind gerade die Langzeitstudenten. Der Leser, wie er vom Traditionssystem konstruiert wird, ist für die sozialen Systeme also nicht deshalb interessant, weil er liest, sondern weil er die Akzeptanz einer bestimmten Werteordnung, einer bestimmten Gesellschaftsbeschreibung garantiert, die den Strukturkonservativismus, der einem jeden System innewohnt, unterstützt. Es ist somit nicht verwunderlich, daß sein ‚Lesen’ ständig bedroht ist.

Auch das Traditionssystem muß seine Identität schützen und sich gegen andere Systeme abgrenzen. Dazu muß es die eigene Kommunikationsleistung, symbolisiert durch einen bestimmten Typus von Leser, im Gespräch halten und sie in der Gesellschaft markieren. Es muß dieses Konzept gegen konkurrierende Kommunikation über das Lesen und alternative, vielleicht weniger voraussetzungsreiche Leserkonstrukte schützen. Letzteres erfolgt a) sprachlich durch Umbenennung der Ausschlußwerte und b) durch die Kontingenzformel Buch. Und schließlich c) die Umkehrung der Annahmeunwahrscheinlichkeit dieses Konzepts ins Positive über das SgKM Kultur, hier in der Wertreferenz ‚Lesekultur’, erreicht.

3.1.2 Konsumieren und Nutzen: Umbenennung der Ausschlußwerte

Das binäre Einschluß-Ausschlußverfahren führt zu dem paradoxen Zustand, daß zumindest sprachlich auch im Ausschlußwert Leseformen geführt werden, daß also Nicht-Lesen auch Lesen beinhaltet. Dieses Paradoxon wird in einigen Quel-


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len durch Umbenennung der Negativ-Werte ausgeglichen. Der Begriff Lesen differenziert sich dann wie folg in zwei Schritten:

Lesen

 

 

Lesen

Konsumieren

 

Lesen

Konsumieren

Nutzen

Vom Lesen wird zunächst das utilitaristische Lesen abgegrenzt, da es nicht zur Charakterbildung eines Menschen dient, sondern ganz einfach der Unterhaltung oder der Information. Es wird differenziert zwischen dem selbstbezüglichen, rituellen Lesen, das in den Bereich des Traditionssystems fällt, und dem fremdreferentiellen Lesen, das von den jeweils betroffenen anderen Sozialsystemen reflektiert wird. So heißt es beispielsweise in 1963: A102: »es gibt auch Druckerzeugnisse, die nicht gelesen, sondern konsumiert werden«. Zu dem bewußt abfällig gewählten Begriff Konsumieren werden aber nicht nur Leseformen, sondern generell alle medialen Rezeptionsformen gezählt, die sich gegen das Lesen in Konkurrenz setzen lassen und die den oben aufgeführten Idealen nicht genügen.

»Der ursprüngliche, naturverbundene Mensch etwa habe, wenn ihn dürstete, noch an eine Quelle gehen und sich zum Wasser niederbeugen müssen, um zu trinken. Der moderne Mensch „beuge“ sich in keiner Beziehung mehr. Für ihn habe sich das Verhältnis zur Natur auf das „bloße Nehmen und Gebrauchen“ verkürzt; die Komponente dankbaren Empfangens sei in seinem Lebensgefühl nicht mehr enthalten.« (1963: B125)

Das Gleichnis spielt direkt auf den Literaturgebrauch seiner Zeit an und umschreibt sehr eindrucksvoll, was der Konsumbegriff kritisieren will: Der Lesende reflektiert sein Tun nicht mehr, würdigt nicht Autor und Medium und muß sich deren Leistung auch nicht mehr erarbeiten, muß sich nicht mehr in der Geste der Demut (Beugen) um die Leistung des Mediums bemühen. Das gilt natürlich erst recht für die sogenannten Massenmedien (Fernsehen, Illustrierte, Radio), die preiswert sind, einen hohen Verbreitungsgrad und damit ein großes Adressatenfeld besitzen und durch ihren hohen Bildanteil (Tonanteil) müheloser zu rezipieren sind.<122> Dem gesprochenen Wort oder auch einem Bild kann man sich weniger leicht entziehen, man müßte den Raum verlassen. Das gilt zwar in der Regel auch für Schrift, die allgemein sichtbar exponiert ist (etwa Schilder), bei einem Buch jedoch muß das Medium erst herausgenommen und aufgeschlagen werden. Genau dieses Herangehen und Aufschlagen wird für die Kommunikationskontrolle zum ernsten Problem. In der Regel wird deshalb dem Leser ein aktives Verhalten


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attribuiert, dem audiovisuellen Rezipienten grundsätzliches ein passives - eine Behauptung, die rein physiologisch und lesepsychologisch in dieser Pauschalität nicht aufrecht zu halten ist. Je nach Wesenszug wird der Medienrezipient klassifiziert als »homo legens« und »homo consumens« (1967: A138; 1971: A188). Die implizierte Passivität des ‚homo consumens’ wird auch als argumentativer Anknüpfungspunkt gewertet, um die politisch Verantwortlichen vor einer vorgeblichen Manipulation und Indoktrination der Gesellschaft durch die Konkurrenzmedien zu warnen. Die Tatsache, daß auch alle Ideologien eifrig um den ‚Leser’ bemüht waren - weil nur eine Person, die aus freien Stücken die Ideologie übernimmt, ein wirklich zuverlässiger Adressat ist - bleibt bei dieser Argumentation weitgehend unberücksichtigt oder, im Gegenteil, als Grund angeführt, auch die Demokratie müsse sich stärker um den Leser bemühen.<123>

Der Begriff ‚Konsum’ drückt aber nicht nur die Wertschätzung der Rezeptionshandlung aus, er verweist zugleich auf den Inhalt. Jene Literatur, die ‚konsumiert’ wird, verliert durch das Lesen ihren Wert: D.h. sie wird natürlich nicht substantiell, sondern wertmäßig verbraucht, und kann mühelos durch äquivalenten Ersatz substituiert werden. Dies stellt ein Problem für die Schöne Literatur als Teilsystem der Kunst dar, die auf Einzigartigkeit und Originalität ausgerichtet ist. Durch die Wertminderung der Literatur verliert rekursiv aber auch die Handlung an Wert. Der ‚Leser’ zeichnet sich folglich vor allem auch durch die Wahl seiner Lektüre aus. Die Frage, was denn die ‚richtige’ Literatur sei, kann das Traditionssystem nur grob differenzieren ohne seinen Universalitätsanspruch zu verlieren. Die Feindifferenzierung wird der Pädagogik oder der Wissenschaft überlassen. Als wertlose Texte gelten leicht rezipierbare Schriften, die weder durch ihren Informationsgehalt noch durch die Leistung des Lesers etwas zu dem alten Bildungsideal beitragen, d.h. vor allem Trivialliteratur zur leichten Unterhaltung. Die aufkommende Unterhaltungsindustrie am Ende des 19. Jahrhunderts bedient die große Nachfrage nach derartiger Unterhaltung in der Bevölkerung und löst die Debatte um ‚Schmutz und Schund’ aus, die sich bis in die 1960er Jahre fortsetzt. Wissenschaftliche Literatur und Lehrbücher bleiben aus dieser Debatte allerdings ausgeschlossen. Zum einen, weil der Wissenschaftler ohnehin lesen muß und sein Lesen für andere Systeme nur sehr bedingt verwendbar ist. Zum anderen galt der Wissenschaftler (»Gelehrter«<124>) in der Bewegung der Volkserzieher sogar eher als Negativ-Beispiel einer privilegierten Sonder-Kaste innerhalb der Gesellschaft,<125>


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die das ‚einfache Volk’, dem die pädagogischen Bemühungen galten, vor dem Lesen abzuschrecken schienen. Schullektüre wiederum ist bis heute qua Curriculum letztlich immer aufgezwungen und repräsentiert nicht die geforderte Autonomie des Lesers.

Die allgemeine Verwissenschaftlichung der Gesellschaft ändert den Bildungsbegriff, der sich in der Debatte um den Bildungsnotstand in den frühen 60er Jahren manifestiert und entsprechende Restrukturierungen im Erziehungssystem zur Folge hat. Im Mittelpunkt steht jetzt eine auf die gesellschaftlichen Anforderungen ausgerichtete Allgemein- und Spezialbildung und damit läßt sich der Wert des berufsqualifizierenden oder weiterbildenden Lesens nicht mehr leugnen. Es gleichfalls als Konsum abzuqualifizieren, wird dem Anspruch nicht mehr gerecht. Um ihn dennoch abzugrenzen, wird diese Form des ‚informativen Lesens’ als Nutzen eingeführt; der Leser wird zum ‚Benutzer’. Wie sehr das ‚Lesen’ aber weiterhin am alten Bildungsbegriff festgemacht wird, zeigt sich besonders deutlich, als die über zehn Jahre in regelmäßigen Abständen erhobenen und immer alarmierenden Ergebnisse des Allensbacher Instituts durch eine Gegenstudie von Infratest<126> widerlegt wurden. Im Gegensatz zu Allensbach, das die Bevölkerung regelmäßig danach fragte, »Wie viele Bücher haben Sie ungefähr im Laufe der letzten 12 Monate gelesen« - was das vollständige Lesen einer Bucheinheit impliziert und damit die infragekommende Literatur auf Belletristik und einige Sachbücher beschränkt -, fragte Infratest allgemein nach der Nutzung von Büchern. Damit zeigte sich, daß es mit dem Lesen in der Bevölkerung gar nicht so schlecht bestellt war, wie zuvor jahrelang behauptet. Die unterlegene Partei konterte daraufhin mit folgender Feststellung:

»Wenn wir nach dem Lesen fragen, nehmen wir eine kontinuierliche Beschäftigung mit Texten in den Blick. Wenn wir nach der Nutzung fragen, betrachten wir lediglich den Kontakt mit Texten, ohne die damit ausgelösten inneren Vorgänge zu bewerten.« und »Auch ein nachgewiesener massenhafter Buchkontakt ist in solcher Betrachtungsweise noch kein Anzeichen dafür, daß Humanität gefördert wird«. (1978: A308)

Auch zehn Jahre später kritisiert eine andere Quelle ähnlich:

»Es wird konsequent von Lesen gesprochen, wo die Statistiken Nutzung von Büchern meinen.« und »Lesen ist aber erheblich mehr als Nutzung von Büchern«. (1988: B420)

Dennoch bleibt die rein sprachliche Differenzierung in Lesen, Konsumieren und Nutzen lediglich oberflächlich und wird in den Quellen nicht stringent durchgehalten. Denn wie eingangs beschrieben, ist die Entparadoxierungsleistung im kommunikativen wie auch psychischen Verstehensprozeß ausreichend, um die Differenzierung durch kontextsensitive Zuordnungen selbst vornehmen zu kön-


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nen. Und wenn es auch nicht darum geht, die Identität des Traditionssystem im direkten Vergleich zum Systemfremden zu verteidigen und thematisch abzugrenzen, eignet sich die subtilere indirekte Vermittlung ohnehin besser, um die Idee eines idealen Lesers in den psychischen Systemen zu verankern.

3.1.3 Kontingenzformel Buch

Die Differenzierungsschemata Lesen und Leser sind derart überzeichnet, daß es unwahrscheinlich ist, einer Person dauerhaft alle Attribute zurechnen zu können. Er wäre vergleichbar mit einem ‚Heiligen’, makellos, aber zugleich unnahbar und fern. Das Traditionssystem muß also einen gewissen Spielraum haben, das Verhalten einer Person dem Einschluß- oder dem Ausschlußwert zuordnen zu können, um auch die ‚Adepten des rechten Lesens’ nicht unbeobachtet zu lassen. Dieser Spielraum braucht aber selbst eine klare Abgrenzung, die nach einem spezifischen Schema vollzogen wird. In der Systemtheorie nennt man ein solches Schema Kontingenzformel.<127> Im Falle des Lesens als ritualisierter Handlung wäre die Kontingenzformel: das Buch. Jede Zurechnung wird auf seine Beziehung zum Buch abgeprüft.<128> Lesen wird in fast ausnahmslos allen Quellen synonym zum Lesen von Büchern gesetzt und der Unterschied nicht mehr explizit ausgewiesen. Pseudogeneralsierte Aussagen wie: »Nach wie vor liest nur jeder zweite« (1982: A363), unterstellen zwar logisch eine Analphabetenquote von fünfzig Prozent, meinen aber eigentlich das Lesen von Büchern in einer systemspezifisch akzeptablen Form. Auch Buch- und Lesekultur verschmelzen zu einem identischen Begriff. Nur das Buch markiert einen Leser, und der Leser ist nur der, der ein Buch liest. Allerdings impliziert dieses Lesen zugleich die besondere Wertschätzung des materiellen Gegenstands. Ohne diese Wertschätzung der Kontingenzformel ist auch das Konstrukt der Lesekultur nicht mehr haltbar.

»Denn das Entwerten oder die Herabsetzung des Buches in den Rang des Verbrauchsgutes bedeutet, daß man das große Publikum in dem Glauben läßt, daß [es] ‚liest’, wenn [es] ‚konsumiert’«. (1959 A57)

Nur in dieser emotionalen Wechselbeziehung stabilisiert das Traditionssystem seine Systemgrenzen und kann in sich innerhalb dieser Grenzen selbst reprodu-


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zieren. Diese Selbstreferentialität wird von der folgenden Quelle eindrucksvoll zum Ausdruck gebracht:

»Wir müssen fragen, was die Bücher unserer Büchereien bewirken. Die Antwort ist einfach. Sie setzen bei unzähligen Menschen das Lesen in Gang und sorgen, daß es nicht abreißt«. (1953: B51)

Die komplexen Motivationslagen, die zum Lesen führen können, werden hier generalisiert auf ‚das’ Buch umgelegt. Das Buch repräsentiert diese Komplexität, ohne sie weiter auflösen zu müssen. Es wird zur eigentlichen Ursache bestimmt, die ‚das Lesen in Gang’ setzt und dafür sorgt, daß ‚das’ Lesen nicht ‚abreißt’. Lesen wird also auch hier als Prozeß ohne Finalität definiert, als dauerhafter, einem Menschen innewohnender habitueller Zustand, als stabile beobachtbare Einheit einer unbestimmten Vielheit von Motivationslagen.

»Kein anderes Medium kann das Buch so sehr unterstützen und die Leselust so sehr fördern wie das Buch selbst. Zum Lesen werden nur Leser aktiviert«
(1986: A451)

Interessanterweise wird das Trägermedium als Kontingenzformel gewählt und nicht etwa der Text oder die Lesbarkeit, wie sie eigentlich für das Lesen noch unabdingbarere Grundvoraussetzung wären. Nun wird aber in der sozialen Beobachtung das Lesen des Textes nicht beobachtbar. Schon optisch wird in den meisten Fällen nur eine Person sichtbar, die ein Trägermedium in der Hand hält, darin blättert. Für das Traditionssystem Lesen und seine selbstbezügliche Kommunikation reicht der Verweis auf die mediale Einheit auch völlig aus. Die etymologische Entwicklung des Begriffs Buch, synonym zum lateinischen Volumen, impliziert in Abgrenzung zum Brief (lat. brevis, kurz) ohnehin den Verweis auf einen Text größeren Umfangs. Je länger ein Text, desto problematischer die Leserkontrolle, desto notwendiger die Absicherung durch Ritualisierung. Die mühevolle manuelle Herstellung der Bücher in der Vordruckzeit stellte in gewisser Weise auch sicher, daß fast ausschließlich Werke mit einem hohen Grad an Information und gesellschaftlicher Relevanz vervielfältigt wurden. In wenigen Folianten ließ sich damals noch das gesamte Weltwissen repräsentieren. Auch die serielle Produktion durch die Handpresse und die späteren industriellen Schnell- und Rotationsdruckverfahren (ab 19. Jh.) können die ökonomische Differenz zwischen einem materiell aufwendigen Buch und einer einfachen Drucksache nicht vollständig eliminieren. Der Aufwand der Herstellung repräsentiert über lange Zeit noch den Wert, der dem Inhalt zugemessen wurde. Und obwohl sich Drucksachen letztlich zum ersten universellen Massenmedium entwickelten und keineswegs mehr verbürgte Inhalte transportieren, hält sich der Wahrheitsanspruch an das sog. ‚gedruckte Wort’ bis in die Nachkriegszeit hinein:

»Die Gültigkeit des gedruckten Wortes [...] wird vom Massenblatt inflationär verschleudert« (1963: B129)


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Die Bibel als ‚Wort Gottes’ gibt dem Buch innerhalb des Religionssystems zusätzlich eine sakrale Bedeutung. Die Bibel repräsentiert die Kontingenzformel der christlichen Religion: Gott. Sie hat zwar keinen sakramentalen Charakter, aber sie gibt Auskunft über Gott. Im Protestantismus verstärkt Luthers ‚sola scriptura’ die symbolische Bedeutung des Buchs in der Religion. Von der ‚Buchreligion’ zur ‚Religion des Buchs’ ist es von da an kein weiter Schritt. Die ritualisierten Formen des liturgischen, religiösen Lesens lassen sich auch auf andere Systeme übertragen, die gleichfalls auf schriftlich tradierte Überlieferungsformen zurückgreifen: Pädagogik, Literatur, Wissenschaft, Politik usw. Da hier, insbesondere nach der Säkularisierung, keine gemeinsame, alles vereinende Kontingenzformel mehr zur Verfügung steht, wie dies mit dem Gottesbegriff noch gewährleistet werden konnte, stellt der Buchbegriff einen wirkungsvollen Ersatz. Das Buch verheißt jedem System potentiell die Informationen, die zu seinem Strukturerhalt notwendig sind, wobei jedes System sich seine eigenen Maßstäbe zugrundelegen kann, was unter dem ‚guten Buch’ inhaltlich zu verstehen ist. Universell und einheitlich ist dagegen die Abhängigkeit von der Leistung eines gewissenhaften Lesens, das für alle Systeme sicherstellt, daß die Buchinhalte ausreichend Bewußtseinsinhalte in der intendierten Weise formen und zu jenen kommunikativen Verhaltensweisen führen, die das jeweilige Gesellschaftssystem zur Reproduktion seiner selbst benötigt.

Die Abgrenzung des Lesers und des Lesens über die Kontingenzformel Buch setzt, in sehr enger Anlehnung an die Religion, eine emotionale und wertmäßige Kopplung des Bewußtseins an die Kontingenzformel voraus, garantiert eine solche Bindung doch eine kalkulierbare Verhaltenstendenz im Leseverhalten einer Person. Etwa wenn eine als zuverlässiger Leser eingestufte Person aufgrund von Umwelteinflüssen das ritualisierte Verhalten nicht mehr ausüben kann (bspw. bei beruflicher Arbeitsüberlastung), so kann erwartet werden, daß sich nach Besserung der Lage das alte Verhalten wieder einstellt. Man kann auch dann das Attribut ‚Leser’ verleihen, obwohl die Person möglicherweise real gar nicht liest.<129> Insofern ist es wichtig, daß das Buch in den Bewußtseinsstrukturen eine emotionale Bindung erhält. Es wird zu einem Fetisch, einem Kultgegenstand erhoben, dem eine besondere Verehrung, gleich einem Götzen, zuteil wird. Dies geschieht zum einen - wenn auch nur rhetorisch so doch auf dieselbe wortwörtliche Wirkung abzielend - durch die Personifizierung des materiellen Gegenstands. Das Buch


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wird zum lebendigen Gegenüber, zum Alter Ego des Lesers stilisiert und bekommt menschliche Verhaltenszüge angedichtet.

»Buch und Individuum sind immer noch eine Einheit und müssen es bleiben« (1961: A79)
»[...] wie erklärt sich das fast unmenschlich zu nennende Verhältnis vieler Deutscher zum Buch?« (1968: B181)
»Bücher [...] tragen, wenigstens für den eifrigen Leser, menschliche Züge
(1983: A387)
»[...] das allmähliche Lebendigwerden des Buches«. (1989: B442)

Bücher tun und handeln selbständig:

»Mitten unter uns stehen sie noch! Irgendwo, in irgendeiner Wohnung, in irgendeiner Bücherei auf ihrem Bort [sic] und warten geduldig auf uns« (1948/49: B3)
»Das Buch [...] bleibt einem gröberen, ungeschliffenen Bewußtsein fern«
(1968: B181)
»[Bücher] sind nämlich keineswegs ein neutraler Besitz. Sie erheben Anspruch, gelesen zu werden, und bringen ihre Besitzer in eine Zeitklemme. [...] Ein schlechtes Gewissen erzeugt Konflikte, Aggression, Ablehnung« (1974: A226)
»Denn wie anders können sonst unbekannte Bücher ihren Leser finden«
(1982: B348)
»Denn das Buch ist ein Medium, das unübertroffen ist. Es schweigt, es wartet, es belästigt nicht« (1983: B355)

Bücher treten in eine zwischenmenschliche Beziehung ein und sind sogar dialogfähig:

»Sucht nicht der Leser [einer Volksbücherei] vielmehr (unbewußt) die Atmosphäre des Buches, seine Wesensverwandtschaft oder -ergänzung, auch -verschiedenheit als das ihm ungleich Wichtigere als der Inhalt?« (1949/50: B9)
»in ihm [sc. dem Buch] einen lieben anregenden Freund für stille Stunden finden«. (1951: A11)
»[...] daß Bücher zu den besten Freunden gehören« (1964: A105) / »Bücher sind unsere besten Freunde« (1965: A113; Freund-Analogie auch in 1987: A463; 1987: A468)
»Lehrmeister« (1967: A137)
»Das Buch wird der Anruf an den Menschen bleiben, sich nach innen zu wenden, den Dingen auf den Grund zu gehen« (1960: B108)
»Wenn es darum geht, Gegenkräfte zu mobilisieren gegen die sozialen Zwänge, gegen die Manipulation, der der moderne Mensch auf Schritt und Tritt ausgesetzt ist, der muß im Buch einen natürlichen Verbündeten sehen« (1963: A98)
»Warum scheuen wir uns, gelesene Bücher wie [...] die Zeitung von gestern in den Papierkorb zu werfen? Weil man zu ihnen in ein persönliches Verhältnis treten, weil man mit ihnen Freundschaft schließen kann.« (1972: A205)

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»Familiärwerden [mit Büchern]«; »Das Buch als Freund«; »eine zweite „bessere“ Familie, auf die man jederzeit zurückgreifen kann«. (1977: A293)
»Buch - Partner des Kindes« (1978: A300; 1980: B320)
»Bücher [...] sind Gesprächspartner, Freunde, Weggenossen« (1983: A387)
»Sie [sc. die Leser] suchen in den Buchhandlungen mit den Büchern Vergnügen, Kommunikation, Freundschaft.« (1987: A390)
»Buch als Gefährten des Menschen« (1988: A517)

Zum anderen erhält das Buch einen gleichsam messianischen bis esoterischen Charakter.

»ein Gegenstand besonderer Art, der mit dunklen Mächten ausgestattet ist.« (1953: B56)
»der kostbarste Besitz des Menschen« (1953: B51)
»Man kann vielleicht sagen: Ob und wie das Kind dem Buch begegnet, sich ihm hingibt und sich in ihm zur Klarheit über sich und die Welt hinaufarbeitet, das entscheidet über sein Schicksal.« (1954: B62)
»Aber selbst das Kind, das noch nicht lesen kann, spürt, daß es außerdem mit ihm eine geheimnisvolle Bewandtnis hat. Es scheint etwas Seelenartiges zu besitzen, womit die Erwachsenen Umgang pflegen können. Warum würden sie es sonst so lange und so still ansehen? - Statt Seele müssen wir nun richtiger sagen: Geist. Denn jedes zum Lesen bestimmte Buch, wovon es auch handle, ist sprachlich gestalteter und dann durch die Schrift dauerhaft gemachter Geist.« (1956: B84)
»Sein [sc. des guten Buches] heilsamer Einfluß als Mittel der Bildung und einer sinnvollen Freizeitgestaltung« (1965: B151)
»Daß [...] das „gute Buch“, die Wirklichkeit formend und vom Bemühen und von der Auseinandersetzung mit der Realität erzählend, eine besondere Mission hat, bedarf keiner weiteren Rechtfertigung« (1966: B154)
»Das Buch [...] vermag das goldene Tor zu öffnen, das der Mensch durchschreiten muß, wenn er zur Welt und zu sich selbst finden muß.«<130> (1967: A143)
»Das Buch als Element der Freiheit« (1970: B200)
»Ein Buch ist verfügbare Überlegenheit« (1974: A224)
»Natürlich ist es für uns alle ein Schatz, wenn wir zu Hause im Bücherschrank gute und kluge Bücher stehen haben.« (1988: B419)
»Mit Lesen belletristischer Werke wird zugleich Kommunikation gepflogen mit lebenden und toten Autoren, mit Kulturen und Menschen [...]« (1988: B421)
»die magische Verwandlung der Wirklichkeit durch Bücher« (1989: B442)

Entsprechend hat sich die Verehrung und das persönliche Verhalten gegenüber dem Buch auszurichten:


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»Die Liebe zum Buch kann da sein, ehe die Fähigkeit zum Lesen sich entwickelt hat. Schon dem Kinde von drei Jahren ist das Buch nicht mehr ein Spielzeug, mit dem man umgeht wie mit anderem« 1953: B56
»[...] einer echten und verpflichtenden Begegnung mit dem Buch.« (1954: B60)
»Wie kann verhindert werden, daß die Liebe zum Buch ausstirbt und Kinder aufwachsen, denen die schöne Gewohnheit des Lesens unbekannt bleibt?« (1957: B89)
»Die Zeit der Erdöllampe, die mit ihrem traulichen Licht die innere Sammlung hütete, ist vorüber. Unzählige Ablenkungen locken vom Buch fort oder verhindern seine ernste Würdigung.« (1957: B92)
»[...] weil sie [sc. die Jugend] am stärksten bedroht und in Gefahr ist, die Freude am Buch und die Achtung davor zu verlieren« - »[...] gewöhnt die jungen Menschen daran, das Buch als unveräußerlichen Bestandteil ihres Lebens zu betrachten.« (1963: A96)
»Der Jugendliche gewinnt [durch Vorlesen] nicht nur eine Beziehung zum Buch, sondern lernt das Buch achten« (1964: A105)
»Die Jugend sollte zum guten Jugendbuch hingeführt werden, freiwillig und freudig so dafür interessiert werden, daß eine dauerhafte Bindung an das gute Buch daraus entstand« (1964: A105)
»Der Vorlese-Wettbewerb [...] entwickelt schon im jungen Menschen die Liebe zum Buch« (1967: A142)
»Hinter der Förderung von Buch und Lesen muß die glaubwürdige Einstellung (Gefühle, Überzeugungen) eines Bekenntnisses zum ganzen Buch stehen.« (1976: A269)
»Nur wirkliche Bücherfreunde - maximal zehn Prozent der Bevölkerung - brauchen weder Zeitung noch gar Publikumszeitschrift.« (1981: A346)

So uneigennützig das Lesen selbst betrachtet wird, so uneigennützig und selbstlos sehen auch die Leseförderer ihre Aufgabe:

Das Kind hat »zahlreiche Helfer [...], die ihm uneigennützig und aus Liebe zum guten Buch wertvolle Fingerzeige geben möchten.« (1959: A318)

Was konkret unter einer gelungenen ‚Beziehung zum Buch’ verstanden wird, wie also ein auf das Buch hin ritualisiertes Verhalten im Idealfall auszusehen hat, darüber gibt die folgende Quelle Auskunft. Hier beschreibt der Bundessieger des ersten Vorlesewettbewerbs des Buchhandels im Alter von 21, knapp zehn Jahre nach seinem Erfolg, seine Leidenschaft für Bücher.

»Das Buch - bei mir gehört es dazu. In meinem Zimmer stehen rund tausend Bände, eine bunte Mischung aus Nachschlagewerken, Fach- und Sachbüchern (ich studiere Physik und Mathematik [...]), aus Werken der großen Dichter der Klassik und Neuzeit, Romane, Bildbändchen, Gedicht- und Dramensammlungen und vielem mehr. Ich kann zwei Stunden in einem Lexikon blättern, um erstaunt oder belustigt Neues kennenzulernen; oder ich lese Gedichte, die ich schon Dutzende von Malen las, weil ich ihre Schönheit jedesmal neu entdecke. Ein Buch, das mich anspricht, läßt die Umwelt für mich noch genauso wie früher versinken - nur werden die Ohren nicht mehr vor Aufregung rot. Ich lasse mich gerne vom Autor in eine

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andere Welt entführen... Wenn mir etwas besonders gut gefällt, lese ich laut vor mich hin, um die Sprache klingen zu hören, um sie voll zu erfassen.« (1968: A161)

Dieser ‚Prototyp’ eines Lesers erfüllt einen Großteil der Attribute, die für das ritualisierte Lesen notwendig sind: Wiederholungslektüre, empathisches Lesen, Quantität und Qualität der gesammelten Bücher, Verehrung des Autors und seiner Sprachkunst, Bereitwilligkeit, sich formen (‚entführen’) zu lassen usw.

Die Reproduktion von Personenbeschreibungen, die dann vom Traditionssystem als taugliches Medium zur Ausdifferenzierung von neuen Lesern herangezogen werden können, wird vor allem als Leistung des Bildungssystems erwartet. Die Schulung Erwachsener, wie noch um die Jahrhundertwende durch die Volkserziehung angestrebt, tritt allerdings nach dem zweiten Weltkrieg als Aspekt der Leseförderung fast vollständig in den Hintergrund. Die Vorstellung, in den unsicheren Zeiten des Wiederaufbaus erwachsene Personen, die Krieg und Diktatur überlebt hatten, zur Muße und zur Persönlichkeitsstärkung anzuleiten, erscheint kaum durchführbar. Zur Zielgruppe wird die heranwachsende Generation, die unvorbelastet vom Leben noch formbar erscheint. »In jedem Kind«, so das Motto, »schlummert ein künftiger Leser. Man muß ihn nur wecken« (1963: A127). Schule und Elternhaus sollen sich darum bemühen, die Kinder

- »an das Buch heran-/führen« (1960: A66; 1962: B121; 1980: A327)
- »zum guten Buch hinführen« (1951: A11)
- »zu den Büchern erziehen« (1971: A189)
- »ans Lesen heranführen« (1978: A300)
- »zur Quelle [der Literatur = Bücher] zu führen« (1986: A449)
- »gefühlsmäßig ans Buch binden« (1987: A464)

und zwar durch

- »Erziehung zum Lesen« (1971: A189); A190; 1972: A200; A208; 1975: A258)
- »Erziehung zum richtigen Lesen« (1951: A11; 1977: A278)
- »Erziehung zum kritischen Lesen« (1971: A190)
- »Erziehung zum Leser« (1950: A4)
- »Erziehung zum Buch« (1960: A66; 1971: A198; 1973: A215; 1974: A231;
1975: A249)
- »Erziehung zum eigenen Buch« (1973: A211)
- »Erziehung des Lesers zum Bücherfreund« (1950: A8)
- »Prä-alphabetische Hinführung zum Buch« (1987: A503)

Die Vorstellungen darüber, wie der Topos von der Hinführung und Erziehung zum Buch im Erziehungssystem praktisch vollzogen werden soll, spiegeln einen Überblick über die Entwicklung der verschiedenen Erziehungsmodelle der jeweiligen Zeit wider. In beiden Publikationen, Börsenblatt wie BuB, finden Pädagogen redaktionellen Raum für Gastbeiträge. Die Erziehungskonzepte fahren in der Nachkriegszeit zunächst mit der alten, auf die Autorität von Buch, Autor und Werk fixierten Erziehung fort, die vor allem vorsieht, daß sich die Schüler im Wettkampf um die besten Leistungen auszeichnen. Dem entspricht der vom Buchhandel inszenierte Vorlesewettbewerb, der seit 1959 die Schüler der sechsten


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Jahrgangsstufe (anfangs siebte Jahrgangsstufe) zum Wettstreit herausfordert. Diese Konzepte werden in der zweiten Hälfte der 60er Jahre allmählich durch eine antiautoritäre Pädagogik ersetzt. Hier geht es dann um eine ‚Verführung zum Buch’ und zeitweise sogar um eine Entmythologisierung des Buchs als Gebrauchsgegenstand (»[...] das Kind will unter anderem Häuser damit bauen«<131>), womit man die Zugangsschwellen herabsetzen und den Kreis potentieller Leser erhöhen will. Da die Entmythologisierung aber letztlich den Nimbus der Kontingenzformel zerstört und damit die Absicherung der Leserituale gefährdet, sieht man schon zu Beginn der 70er Jahre wieder davon ab, behält aber den antiautoritären Stil bei. Die Veranstalter des Vorlesewettbewerbs versuchen die Bewertungsmaßstäbe zu entschärfen und der ernsten, tribunalartigen Stimmung ein fröhlicheres, ungezwungenes Antlitz zu geben. In den 80er Jahren wird (paradoxerweise) gar der Wettbewerbscharakter des Wettbewerbs angefochten, da er die Verlierer möglicherweise derart enttäusche, daß sie die Wertschätzung von Buch und Lesen aufgeben könnten.<132> Gleichwohl will man an dem öffentlichkeitswirksamen Instrument festhalten. Deshalb bemühen sich die Pädagogen fortan, grundsätzlich alle Teilnehmer im ideellen Sinne zu Siegern zu erklären.<133>

Als vorbildlich wird die Unterrichtsmethode einer Hauptschul-Lehrerin aus einer süddeutschen Kleinstadt vorgestellt, die jedes Fach, selbst den Mathematikunterricht, mit einer thematisch passenden Anthologie aus der schöngeistigen Literatur beginnt. Bei der Beurteilung von Büchern, die ihre Schüler auf ihr Betreiben von Zuhause mit in die Schule bringen, fällt sie kein Urteil, sondern überläßt es zu einem geeigneten Zeitpunkt dem Votum der Klasse. Besonders wichtig ist ihr, daß sich die Schüler die Klassenlektüre für das Fach Deutsch von ihrem eigenen Taschengeld kaufen, um auf geschickte Weise den materiellen und ideellen Wert des Buchs zu verbinden (1972: A208). Diese Idee greift allerdings auch schon das ‚Lesesparen’<134> des Deutschen Buch-Spar-Rings auf, das Anfang der 60er Jahre in


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Nordrhein-Westfalen (1964: B147) durchgeführt wurde, sich aber deutschlandweit nicht durchsetzen konnte.<135>

Als Idealbedingung für eine erfolgreiche Lesesozialisation wünscht sich ein Kinderbuchautor folgendes Szenario:

»Stellen Sie sich vor: Ein Kind wächst mit Eltern auf, bei denen Bücher selbstverständlich sind, die lesen und vorlesen. Und zwar nicht, weil das eine lästige Pflicht ist, sondern eine lustvolle Sache. Sie lesen vor und zeigen Bilder, an denen sie selbst Spaß haben. Und diesen Spaß übertragen sie auf ihre Kinder. Stellen Sie sich weiter vor: Dieses Kind kommt zu Kindergärtnerinnen, die genauso lustvoll mit Büchern umgehen können wie die vorher genannten Eltern. Danach kommt das Kind in eine Schule, in der Bücher zum Schulalltag gehören. Eventuell gibt es dort eine Leseecke und natürlich vor allem Lehrer, die begeistert von Büchern sind und es wichtig finden, ihre Begeisterung weiterzugeben.« (1988: B409)

Auch hier wird deutlich, daß sich Lesen ausschließlich auf den Umgang mit Büchern beschränkt und das die Erzieher die Wertschätzung des Mediums vorleben, also den Kult wie selbstverständlich praktizieren. Allerdings nicht mehr aus Ehrfurcht sondern aus Lust, die alle Anstrengungen des Lesens vergessen macht. In dieser Idealvorstellung ist die Thematisierung des Lesens eigentlich nicht mehr nötig. Damit würde die Ritualität des Lesens wieder aus dem Reflexionsbereich des Bewußtseins geraten und entspräche wieder seiner eigentlichen Bestimmung. Bücher sind hier unterschwellig auch keine Schulbücher, denn die gehören seit jeher zum Schulalltag, würden also nicht fehlen. Interessant ist auch die Hervorhebung der ‚Leseecke’. Sieht man einmal von der zweifelsohne praktischen Bedeutung einer solchen Einrichtung ab, hat sie zugleich auch eine symbolische Bedeutung im Kommunikationsprozeß. Wie eine Kirche, eine Bank, eine Bibliothek ein bestimmtes Gesellschaftssystem repräsentieren und zugleich bestimmte Verhaltensweisen und Handlungen erwartbar machen, so übernimmt im kleinen auch die Leseecke diese Funktion. Sie repräsentiert aber auch den gesellschaftlichen Wert des ritualisierten Lesens und verweist - selbst wenn sie ungenutzt bliebe - auf die Wertschätzung derjenigen, die diese Einrichtung einmal eingerichtet hatten. Ganz ähnlich versucht schon zwanzig Jahre zuvor eine Quelle diese ‚heiligen’ Stätten des Lesens im Familienleben zu verankern.<136>


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»Die Beherrschung des modernen Wohnraums durch die akustischen Medien macht es um so notwendiger, daß der Leser wieder ein, wenn auch noch so bescheidenes, Eigenreich gewinnt. [...] Die bürgerliche Gesellschaft hatte einen solchen Raum der Stille bereitgestellt, das heute belächelte „Herrenzimmer“. Deshalb: »Ein Bündel von Partnern müßte also hier angesprochen werden: Bausparkassen, Architektenverbände, Möbelfirmen, Innenausstatter und natürlich das Wohnungsbauministerium, das die Einplanung des Leserefugiums vielleicht gesetzgeberisch begünstigt (steuerliche Abzugsfähigkeit?), das wenigstens aber seine Informationswege zur Verfügung stellen könnte, um Bauherren und Bauberater für eine leserfreundliche Bauplanung zu gewinnen.« (1969: A171)

3.1.4 Wertigkeit des SgKM Lesekultur

Ritualisierte Verhaltensweisen, die problemlos und zuverlässig praktiziert werden, werden in der Regel weder vom Bewußtsein noch von der Gesellschaft reflektiert und somit selten zum Thema von Kommunikation. Der Wert des SgKM bleibt für diese Rituale niedrig. Er wird nur dann höher, wenn das Ritual zunehmend entfällt - d.h. zu einem knappen Ereignis wird - und seine Knappheit durch das Traditionssystem als Thema in die Kommunikation eingeführt wird (Abb. 3). Und es wird nur dann wertvoll, wenn ein entsprechender Gegenwert in Psychen und sozialen Systemen geschaffen wird und so ein Bedürfnis entsteht. Auch wenn Rituale im Sprachgebrauch selbst als Kultur bezeichnet werden, so ist im Rahmen der Theorie natürlich zwischen Ritual und SgKM zu unterscheiden. Die Rituale Die Rituale bezeichnen nur Leistungspotentiale, die durch das SgKM Kultur gesellschaftlich verfügbar gemacht werden, deren gesellschaftlicher ‚Kurswert’ aber wiederum durch einen entsprechenden Gegenwert gedeckt werden muß.

Am besten vergleichbar ist die Wirkung mit dem SgKM Geld, das Tauschmöglichkeiten gesellschaftlich verfügbar macht. Der Tausch stellt eine Leistung dar, deren gesellschaftlicher Wert aber durch den Gegenwert von Angebot und Nachfrage bestimmt wird. Ohne Angebot und ohne Nachfrage keine Transaktion. Die Wertreferenz des Geldes, also die Kaufkraft - oder anders ausgedrückt, der Grad der Transformation von unwahrscheinlicher Akzeptanz in wahrscheinliche -, wird selbst wieder dadurch bestimmt, inwieweit die Universalität des SgKM in einem Wirtschaftsraum gewährleistet ist. Getauscht wird überall, selbst dort, wo es kein Geld gibt. Der Wert des Geldes läßt sich daran bestimmen, inwieweit auch besonders knappe Güter innerhalb eines Wirtschaftssystems für Geld in Form einer Währung disponibel sind. Luxusartikel werden gewöhnlich mit schwachen Währungen nur gegen einen hohen Preis oder auch überhaupt nicht zu erwerben sein (in diesem Falle wird dann in der Regel auf harte Fremdwährungen eines anderen Staates zurückgegriffen). Auch die Wirksamkeit des SgKM Kultur hängt von einem ähnlichen Angebots- und Nachfrageverhältnis ab, wenngleich natürlich innerhalb einer anderen Systemart. ‚Gehandelt’ wird nicht mit Gütern und Dienstleistungen, sondern mit Ritualen. Die symbolische äußere Gestalt sind nicht


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Münzen oder Banknoten, sondern ritualisierte Persönlichkeiten, kultivierte Menschen.

Abb. 3: Abhängigkeit des Persuasionswertes des SgKM Kultur von der Anwendung eines Rituals in der Gesellschaft (Beobachtbarkeit) und der psychischen und sozialen Reflexion des Rituals. Vereinfachte lineare Darstellung. Ein vergessenes Ritual wird weder reflektiert noch beobachtet. Ein Ritual des Alltags wird häufig beobachtet, aber nicht reflektiert. In beiden Fällen bleibt der kulturelle Wert aus. Besonders hoch dagegen ist der Wert der Kultur, wenn das Ritual selten praktiziert wird, aber die Reflexion über das Ritual besonders groß ist. Gezeigt wird weiterhin die Leistung des Traditionssystems, bei abnehmender Verwendung eines Rituals, diese Entwicklung als Problem in die Reflexion der Gesellschaft zu induzieren und für neue Bindungen der Systeme an das Ritual zu werben. Dabei wird der Wert des SgKM Kultur sukzessive erhöht. Je höher der Wert, desto größer wiederum die Bereitschaft zur Reflexion des Rituals.

Die Theorie sieht trotz funktionaler Äquivalenz der SgKM keine Austauschbarkeit über die Systemgrenzen hinweg vor. Das SgKM entsteht nur innerhalb einer Systemart. Liebe läßt sich zwar metaphorisch durch Geld erkaufen, aber es ist dann eine wirtschaftliche Transaktion und keine Operation des Intimsystems mehr. Das heißt, der Wert dieser Liebe, ausgedrückt im Grad der Treue, wird entwertet. Selbst wenn alle Verhaltensprogramme denen einer echten Liebe glichen und auch vom Intimsystem als solches beobachtet würden, so ist doch von vor-


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neherein abzusehen, daß mit Vertragserfüllung die Beziehung beendet ist, keine Treue vorliegt. Wenn jemand durch Macht gezwungen wird, etwas zu verkaufen, dann liegt auch hier zwar eine Transaktion vor, aber - falls im großen Stil praktiziert - mit inflationären Folgen für die Wirtschaft. Mit Geld läßt sich die Politik bestechen und das wiederum entwertet deren SgKM ‚Macht’. Es ist also durchaus möglich, daß Systeme durch den Einsatz ihres eigenen SgKM andere Systeme beeinflussen, aber dann immer im destruktiven Sinne für das betroffene andere System (erst die Moral rechtfertigt ggf. diese destruktiven Wirkungen im Hinblick auf das Gemeinwohl), dessen eigenes SgKM damit entwertet wird. Dies resultiert schlichtweg aus dem Autonomiegebot für autopoietische Systeme. Alle sozialen Systeme sind in diesem Sinne gefährdet, eine Täuschung zu beobachten und die eigene Existenz zu schwächen oder zu verlieren.

Konstruktiv indes wirken Systeme aufeinander, indem sie durch ihre eigenen Operationen zugleich die Infrastruktur für andere Systeme schaffen, d.h. sich gegenseitig ihre Leistungen zur Verfügung stellen, ohne direkt auf das nutzende System einzuwirken. Jedes System wertet sein eignes SgKM auf diese Weise auf und wird persistenter. Wenn die Wirtschaft mit Kunstwerken handelt, trägt sie dazu bei, daß auch die Kommunikation über Kunst, also die Reproduktion des Kunstsystems nicht abbricht. Das Teilssystem der Kunst ‚Schöne Literatur’ partizipiert in diesem Sinne vom Buchhandel als Teilssystem der Wirtschaft.

Allerdings besteht in den wechselseitigen Leistungen der Systeme untereinander keine Symmetrie. Nicht jedes System ist in der Lage, in gleichem Maße Leistungen an die Systeme zu geben, von denen es selbst Leistungen erhält. In diesem Falle gerät die Autonomie des Systems durch die fehlende Autarkie in Gefahr, denn es besteht keine wechselseitige Abhängigkeit. Das Traditionssystem bietet hier ein stabilisierendes Element, indem es fast allen sozialen Systemarten die Möglichkeit bietet, von seinen Leistungen zu profitieren. Da alle Systeme rituelle Verhaltensweisen für die eigene Systemreproduktion benötigen, ist der ritualisierte Mensch ein gefragter Wert. So können Buchhandel und Bibliotheken, die einseitig von der Politik abhängig sind, diese Asymmetrie der Leistungen über ihre Leistung für Traditionssysteme (die wiederum kultivierte Personen reproduzieren) teilweise ausgleichen. Diesen Sachverhalt wird das nächste Teilkapitel genauer inspizieren.

Im folgenden stellt sich nun die Frage, welchen Stellenwert jenes Teilsystem der Tradition, das sich auf die Beobachtung und Reproduktion des ritualisiertes Lesens spezialisiert hat, in der Gesamtgesellschaft einnimmt und zu welchem ‚Wechselkurs’ sein SgKM, die Lesekultur, am Markt der Kulturen gehandelt wird.

Der Leser, wie er als Idealbild konstruiert wird, wählt im Rahmen seiner Möglichkeiten die regelmäßige Lektüre von Büchern, gibt damit zugleich ein Bekenntnis der Freiheit und Ungezwungenheit seiner Wahl ab und erhöht damit die Wahrscheinlichkeit, daß die Faktoren, die kausal für ein Verhalten zuzurechnen sind,


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wirklich auf ihn und nicht auf unbestimmte Ursachen in der Umwelt des Systems projiziert werden können. Zugleich läßt er sich aber freiwillig vom Inhalt der Lektüre belehren und verinnerlicht sie. Er überwindet also, als psychisches System, den jedem System innewohnenden Strukturkonservativismus und ist freiwillig bereit, sein Bewußtsein den Kommunikationsbedingungen eines oder mehrerer sozialer Systeme anzupassen, sich selbst zu sozialisieren. Er symbolisiert den ‚Überzeugungstäter’. Stammleser eines Autors, Stammkunden einer Buchhandlung, vielleicht Stammwähler einer Partei... Überzeugungstäter sind für jedes Gesellschaftssystem knapp und in diesem Sinne ‚Gold wert’, denn sie prüfen ihr Verhalten nicht mehr auf Alternativen.

Gerade in Zeiten starker gesellschaftlicher Umbrüche sind solche Überzeugungstäter das Rückgrat zur Existenzsicherung jener Gesellschaftssysteme, die durch die Änderung der Verhältnisse bedroht sind, bzw. jener Systeme, die in der Gesellschaft neu im Entstehen sind und noch über keine ausreichende Stabilität verfügen. In der Geschichte von der Neuzeit bis zur Moderne wandelt sich nach Luhmann die Differenzierung der Gesellschaft von einer stratifikatorischen, d.h. einer hierarchisch strukturierten Gesellschaftsordnung hin zu einer funktionalen Gesellschaftsordnung, d.h. die Personen, die jeweils zu einer bestimmten Kommunikation beitragen sind kaum noch durch fixe Rollen lebenslang festgelegt.<137> Die primäre Gleichheit aller in einer Gesellschaft lebenden Personen, wie sie uns heute in der Demokratie selbstverständlich erscheint, wird vergleichsweise wenig durch den Zufall der Geburt bestimmt. Die Karriere jedes einzelnen Bürgers ist prinzipiell offen und die Entwicklung der Demokratie scheint dahingehend zu tendieren, jedem Mitglied die Veränderung seiner Karriere jederzeit zu ermöglichen. Der Bauernsohn kann Professor werden, der einfache Soldat zum Kaiser, Männer können Frauen heiraten, aber auch Männer usw. Von jeder Person sind theoretisch fast alle Verhaltensweisen denkbar und sie bietet sich fast allen sozialen Systemen als potentieller Bezugspunkt zur Ausdifferenzierung von Handlungen an.

Gleichheit bedeutet aber auch Austauschbarkeit. Für die Systemreproduktion spielt es bei gesellschaftlichen Funktionssystemen keine Rolle, welches Individuum das notwendige Mitteilungsverhalten zeigt. Es reicht, wenn das Verhalten im ausreichenden statistischen Mittel von irgendwelchen Personen vollzogen wird. Dasselbe gilt freilich auch für den Vollzug von Ritualen. Zum Problem wird die Gleichheit hingegen in Organisationen und auch auf interaktionaler Ebene, wo die Substitution einer Person durch eine beliebige andere nicht ohne weiteres möglich ist. Gerade Organisationen, die auf die Identität einer Person angewiesen sind, müssen sich vor einer allzu großen Fluktuation ihrer Mitglieder schützen, um ihre Ordnungsleistung nicht zu verlieren. Mehr als die anderen Systemarten sind


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sie auf die Selbstbeschränkung einer Person aus der Kontingenz ihrer Möglichkeiten auf die zur Mitgliedschaft konforme Verhaltensweise angewiesen.

Unter diesen Voraussetzungen muß also die Bedeutung des ritualisierten Lesens betrachtet werden, die die alte humanistische Bildung als Leistung für andere Systeme verspricht. Nicht ohne Grund differenzierte sich diese Form des Rituals in den Zeiten der Aufklärung und des gesellschaftlichen Übergangs zur funktionalen Ordnung, um mit ihr jene Personen zu markieren, die den nötigen Intellekt und die nötige Autonomie besaßen, um sich aus der alten Gesellschaftsordnung zu lösen. Das Medium Buch eröffnete die Möglichkeit eines separaten Kommunikationsraums, aus dem heraus sich neue Gesellschaftssysteme entwickeln konnten. Zunächst entstanden Organisationen, Lesegesellschaften etwa, die entsprechend motivierte ‚Leser’ sammelten und so eine Agglomeration von Ideen und neuen Verhaltenspotentialen für die Evolution der Gesellschaft bewirkten. Schon hier zählt zur Mitgliedschaft nicht mehr vordergründig der Vollzug der Handlung Lesen, sondern eher die Haltung zum Lesen und zum Buch - und natürlich der im Buch repräsentierten Weltanschauung. In der Konkurrenz der verschiedenen politischen Konzepte zur Neugestaltung der Gesellschaft, fungiert der ‚Leser’ immer als Garant für eine besonders zuverlässige Aneignung der Ideologie, als jemand, der aus freien Stücken die ‚richtigen’ Bücher auswählt und die ‚falschen’ meidet oder sie agitatorisch zu widerlegen weiß (dadurch seine ‚Lesemündigkeit’ beweißt). Ob Kommunismus, Sozialismus, Faschismus, parlamentarische Monarchie oder Demokratie: in allen Gesellschaftskonzepten spielt die Erziehung zur Wertschätzung des Lesers (konformer Werke) eine große Rolle bei der Heranbildung des politischen Nachwuchses.

Gleiches gilt natürlich auch für die Schöne Literatur als Teilsystem der Kunst. Auch hier ist ein voraussetzungsfreies Sich-Einlassen auf die angebotenen Inhalte Voraussetzung für Anschlußkommunikation über die Eindrücke, die ‚Bewußtseinserweiterung’, die das Lesen von Dichtung im jeweiligen psychischen System hinterlassen hat. Auch die Pädagogik ist, wenn Lernstoffe vermittelt werden sollen, die schriftlich fixiert sind, auf die Hingabe des Lesers angewiesen, sofern sie die Kinder auf wirkliches Verstehen hin prüft.

In den anderen Fällen, in denen Information schriftlich mitgeteilt wird, ist in der modernen Gesellschaft der Vollzug des Lesens auf interaktionaler Ebene zwar durchaus noch ritualisiert, etwa um unter Anwesenden zu verstehen zu geben, nicht gestört werden zu wollen oder um sich gedanklich auf die Lektüre einzustimmen, aber für Gesellschaftssysteme, auf die der Inhalt verweist, sind diese Rituale für die eigene Systemoperabilität relativ unbedeutend. Die Rituale verweisen auch nicht mehr unbedingt auf einen dauerhaften Wesenzug eines Menschen, repräsentieren keine längerfristige Verläßlichkeit des Verhaltens. Man kann die Rolle des ‚Lesers’ auch für eine Stunde übernehmen, man muß sie nicht mehr verinnerlichen. Die Souveränität des Ichs, die in der Lesekultur als Leistung in


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Aussicht gestellt wird, führt geradewegs dazu, sich auch von der Ritualität des Lesens zu emanzipieren.

Da diese emanzipierte und utilitaristische Form von Lesen in der gegenwärtigen Gesellschaft mit einer Literarisierung von über 97 Prozent von nahezu allen Personen geleistet wird oder geleistet werden kann, ist der kulturelle Wert nahezu unbedeutend und eine Kommunikation über das Lesen bleibt aus. Das Buch ist ein Mittel zum Zweck. Es kommt dort zum Einsatz, wo seine Funktion als Trägermedium gegenüber anderen Trägermedien vorteilhafter ist, und es wird selbst substituiert, wo andere Mitteilungsformen für den Kommunikationsprozeß ökonomischer sind. Damit wird es keineswegs obsolet, vielmehr zeigen die Statistiken, daß niemals so viele Bücher gekauft, geliehen und damit anteilig auch gelesen wurden wie seit dem Ende des zweiten Weltkriegs. Dies geschieht mit stetig steigender Tendenz (siehe Statistiken unter 3.2.1.2 und 3.3.3). Das Buch wird zum Alltagsgegenstand, zum Massenmedium und verliert natürlich als solches den Nimbus als Kontingenzformel für die Lesekultur.

Wenn nun also von der Gefahr des Verlustes der Lesekultur die Rede ist, ohne daß die verfügbaren, zumindest halbwegs objektivierbaren statistischen Meßgrößen dies für ein reales Leseverhalten indizieren, kommen als Gründe drei Möglichkeiten in Frage:

a) Die Erwartungswerte, die der ritualisierte ‚Leser’ für andere Systeme repräsentiert, entsprechen nicht mehr den Anforderungen sozialer Systeme, die Rituale sind entbehrlich geworden, und mit dem Sinken der ‚Nachfrage’ nach derartigen ‚Lesern’ verliert auch das SgKM Lesekultur an Wert. Folge: das Traditionssystem muß sich selbst umstrukturieren, darf aber zugleich den Aspekt der Ritualität nicht verlieren.

b) Die Erwartungswerte, die der ‚Leser’ für partizipierende Systeme repräsentiert, bleiben zwar weiterhin aktuell, werden aber durch andere Traditionssysteme besser und zuverlässiger bedient. Zum Symbol der Freiheit wird beispielsweise nicht mehr der Leser, sondern der Globetrotter. Die Geisteswissenschaft legt mehr Wert auf EDV-Kenntnisse anstatt auf Liebe zum Buch, um Wissenschaft zu betreiben usw. Auch hier verliert Lesekultur an Wert. Folge: der Verlust der alten Wertreferenzen muß als Problem für den Kommunikationsprozeß der Gesellschaft thematisiert werden, um die ‚Nachfrage’ nach ritualisiertem Lesen wieder zu erhöhen.

c) Eines der direkt von rituellem Lesen abhängigen Gesellschafts- oder Organisationssysteme ist in Probleme geraten und versucht, diese Probleme durch stärkere Redundanzen, d.h. durch mehr ritualisiertes Lesen zu kompensieren. Mit der erhöhten Nachfrage nach dem knappen Gut ‚Leser’ steigt sein kultureller Wert.


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Abb. 4

Abb. 5

Zu a): Das Grundmuster des Traditionssystems Lesekultur bleibt zwar im Untersuchungszeitraum konstant, d.h. das Lesen wird kausal immer für die Formung eines Menschen verantwortlich gemacht, den die Griechen kalÒs k‘agathós genannt hätten, brav und rechtschaffend. Der Leser als Idealpersönlichkeit, die offenbar mit den menschlichen Problemen der Zeit bestens umzugehen weiß, Glück und Zuversicht ausstrahlt. Auf der anderen Seite wird dieser Mensch aber immer durch die Wertvorstellungen von Gesellschaftssystemen bestimmt, vornehmlich durch (literatur-)pädagogische, politische oder gesamtgesellschaftliche Erwartungswerte. Letztere aber ändern sich mit den Problemen der Zeit. Der ‚Leser’ der 50er Jahre repräsentiert den Typ von Menschen, der gegen alle Trostlosigkeit und Schwierigkeiten nach der völligen Zerstörung des Landes nicht in phlegmatischem Pessimismus erstarrt, sondern sich aktiv am intellektuellen Wiederaufbau beteiligt. Jemand, der die moralischen Werte, die dem Deutschen Volk in der Zeit des Nationalsozialismus abhanden gekommen waren, in die Gemeinschaft zurückgeben konnte. Er wählt mit heiligen Ernst das ‚gute Buch’ und läßt das ‚Unterwertige’ beiseite, läßt sich im Zweifelsfalle beraten, bemüht sich aber um Eigenverantwortung für seine moralische Integrität. Ein Plakat zur Jugendbuchwoche (Abb. 4) aus dem Jahr 1959 zeigt einen kleinen Jungen, der sich mit diesem Ernst einem ‚guten Jugendbuch’ widmet.

In den 60er Jahren schiebt sich das Problem fehlender beruflicher Qualifikation vor das Problem der verlorenen Moral. Der Moralaspekt und sein Bezug auf die


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»humane Perfektion«<138> wird von dem alten Bildungsbegriff abgesondert und zurück bleibt der funktionale Aspekt. Bildung wird zur Ausbildung. Im Wettstreit der Industrienationen zeichnete sich ab, daß Deutschland zu wenig Abiturienten und Universitätsabsolventen hervorbringt, die für hochqualifizierte Berufe in Forschung und Technik Bedingung sind.<139> 1964 löst das Buch »Die Deutsche Bildungskatastrophe« von Georg Picht<140> eine sich über viele Jahre hinziehende Diskussion in politischen, pädagogischen und intellektuellen Kreisen aus, an deren Ende zu Beginn der 70er Jahre Schulreformen mit neuen Bildungskonzepten stehen. Damit wird das ritualisierte Lesen zur ‚Ichfindung’ und der Leser als Garant für unbestimmt gute Systemleistungen immer stärker von dem utilitaristischen, sogenannten ‚informativen’ Lesen<141> als Präferenzwert abgelöst. Diese Art von Kommunikation fällt damit aus dem Beobachtungsspektrum eines Traditionssystems, das auf ritualisierte Kommunikationen angewiesen ist, heraus; es ist direkt in das Literatursystem und das Erziehungssystem eingebunden. In Folge dessen erlebt das Lesen zur reinen Unterhaltung, das zuvor als Ausschlußwert gehandhabt wurde, eine unerwartete Renaissance. Da die Funktionalisierung des Lesens und der Literatur auch vor der Schulreform nicht halt machte und die Anfang der 70er Jahre beschlossenen ‚Hessischen Rahmenrichtlinien für das Fach Deutsch’ sogar explizit nicht mehr den Umgang mit Literatur, sondern ganz allgemein mit Texten zum Lernziel des Deutschunterrichts machte, wurde selbst manch hartnäckiger Verfechter der alten Bildungsideale vom Saulus zum Paulus der Unterhaltungsliteratur.<142>


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»Der Schüler soll daher nicht nur die suggestive Kraft von Werbetexten durchschauen. Es soll ihm auch das „reine“ Vergnügen am Lesen abgewöhnt werden. Zum Teufel vor allem mit dem unkritischen Genuß eines Unterhaltungsromans.« (1973: A212)

Selbst der Comic, einst verfemte Antiliteratur, erhält, wenn auch erst Ende der 70er Jahre, einen positiven Stellenwert zur Repräsentation von Lesekultur. Die Mädchen auf Abb. 5, Begleitphoto zu einem Beitrag zur Leseförderung (1987: A502), lesen nicht in einem Buch sondern in einem Asterix-Band.

Für die Leistung, die ein solches Lesen für das Bewußtsein hat, ist nun vordergründig der Spaß entscheidend, und um diesen Spaß als Leistung mit der Gesellschaft zu verknüpfen, braucht es im wahrsten Sinne des bekannten Topos eine ‚Spaßgesellschaft’, also Gesellschaftssysteme, die Attribute wie lässig, fröhlich, positiv denkend, locker etc. als positive, an eine Person gestellte Erwartungswerte verarbeiten können. Doch ‚Spaß’ ist nicht allein vom Lesen zu haben, ist geradezu inflationär. Die Überzeugungskraft schwindet und der Wert der Lesekultur nimmt ab.

Zu b): Die funktionale Äquivalenz, die andere Traditionssysteme mit ihren Erwartungswerten für die Gesellschaft einnehmen, wird zur dauerhaften Konkurrenz für das System der Lesekultur. Hier spielt die Bindung der Psychen an die Kontingenzformel eine wesentliche Rolle. Je fester die Bindung, desto stabiler das System im Wettstreit der Traditionen untereinander. Die Bindung läßt sich dadurch erhöhen, daß man, metaphorisch gesprochen, einen ‚heiligen Krieg’ um die Kontingenzformel entfacht, einen Widersacher konstruiert, der die Kontingenzformel bedroht. Was liegt näher, als den Widersacher für das Buch bei anderen Verbreitungsmedien zu sehen, vor allen bei denen, die jeweils neu hinzukommen. Das Kino und der Rundfunk in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts und das Fernsehen in der Nachkriegszeit. Das ‚Schlachtfeld’ wird die Freizeit der Gesellschaft. Auch diese ‚Freizeit’ bleibt hier ein Konstrukt, denn sie symbolisiert lediglich einen hermetisch abgeschlossenen Freiraum für habituelles Verhalten. Hier wird unterstellt, die Bevölkerung sei in ihrer Freizeit von gesellschaftlichen Pflichten und Zwängen, die sie zu utilitaristischem Handeln nötigen, befreit und man könne nun beobachten, für welche der angebotenen Medien sie sich entscheidet und ob ihr Verhalten kulturellen Wert hat. Der Sieger im Wettstreit sei jenes Verbreitungsmedium, das am Ende die meiste Zeit auf sich verbuchen könne. Empirische Untersuchungen, die genau dieses Szenario übernehmen, können


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auch das gewünschte Ergebnis liefern: das Buch unterliegt dem Fernsehen. Es ist in Bedrängnis und benötigt Unterstützung.

Natürlich unterschlägt dieser Reduktionismus die Tatsache, daß eine Person auch in der Freizeit in einen sozialen Kontext eingebunden ist und damit keineswegs wirklich frei in der Wahl seines Tuns. Die Wahl aus Bücherlesen, Radio oder Fernsehen, stellt zudem nur eine sehr begrenzte Auswahl aus einer Unzahl von möglicher Alternativen dar, die gar nicht berücksichtigt werden. Man kann dabei aber auch nicht pauschal sagen, daß alternative Beschäftigungsarten die Verbreitungsmedien in gleichem Maße betreffen und man sie daher als ceteris paribus Vorgabe vernachlässigen kann. Lesen und Musikhören kann man beispielsweise auch gleichzeitig in der Badewanne, wo Fernsehen dagegen eher unüblich ist. Fernsehen wiederum kann gruppenintegrativ wirken, was beim Bücherlesen nur selten der Fall ist. Außerdem ist der Zeitaufwand die denkbar ungeeignetste Vergleichsbasis zwischen völlig unterschiedlichen Rezeptionsarten. Audiovisuelle Medien sprechen die Sinne anders an, sind signalintensiver und enthalten sehr viel mehr Redundanzen als textbasierte Medien.<143> Sie sind damit sicherer in der Informationsvermittlung für Inhalte bis zu einer bestimmten Komplexität oder einem bestimmten Abstraktionsgrad, benötigen aber hierfür mehr Zeit als die komprimierte Signalübertragung beim Lesen eines Buches. Die statistischen Ergebnisse bestätigen also nur, was ohnehin in der Funktionalität der Verbreitungsmedien festgelegt ist. Die Funktionalität indes unabhängig von den rezipierten Inhalten zu betrachten, führt zu einer falschen Vergleichsbasis und entbehrt damit einer realen Grundlage. Somit ist davon auszugehen, daß es sich bei den Themen zur Medienkonkurrenz um ein konstruiertes Problem handelt.

Allerdings ist diese Konkurrenzmetapher nur wirksam, wenn Buch und Lesen unter den alten Erwartungswerten in der Gesellschaft verankert sind. Denn nur dann kann das ‚bedrohte Buch’ mit dem Verlust der Werte gleichgesetzt werden, und es wird dort Unterstützung finden, wo der Verlust dieser Werte die größten Probleme verursacht.

Die Umbewertung der Lesekultur auf den ‚Spaßfaktor’ hat allerdings zur Folge, daß die Metapher der Medienkonkurrenz nur die psychischen Systeme, die sich die Buchliebe zueigen gemacht haben, zu einer größeren Bindung veranlaßt, aber nicht soziale Systeme, die diesen Wert nicht als originäre Leistung mit dem Bücherlesen in Verbindung bringen. Damit entfällt die Wertsteigerung des SgKM Kultur. Vermutlich aus diesem Grund entsteht einige Zeit später eine korrelieren-


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de zweite Konkurrenzmetapher. Diesmal nicht zwischen Medien in der Freizeit sondern zwischen Menschen und Nationen.

Lesekultur führt, so die These, als Eigenleistung dazu, daß die Menschen immer routinierter und damit effektiver lesen, während man den anderen, die keine Lesekultur pflegen, unterstellt, sie würden im Gegenzug das Lesen zunehmend verlernen, und damit unfähig werden, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Dadurch würde eine neue Zweiklassengesellschaft entstehen, die es zu verhindern gelte.

In diesem Szenario wird Anleihe genommen an der Hypothese vom »increasing knowledge gap« nach Philipp J. Tichenor, die im Laufe der 70er Jahre von verschiedenen Forschern weiterentwickelt wurde und bis heute in der Diskussion ist. Sie basiert auf der Annahme, daß Bevölkerungsteile mit einer höheren Formalbildung Informationsangebote der Massenmedien besser und schneller verarbeiten und zur Problemlösung nutzen können als Bevölkerungsteile mit einem geringeren Grad an formaler Bildung.<144> Daraus würde sich eine, im Idealzustand homogene Gesellschaft tendenziell in eine Zwei-Klassen-Gesellschaft spalten: ein Teil, der immer selbstsicherer und damit auch ökonomisch bevorteilt werde, und ein Teil, der immer hilfloser und in relativer Armut lebe. Allerdings unterstellt dieser Ansatz in gewisser Weise, daß der Wissenstransfer innerhalb der Gesellschaft überwiegend durch Massenmedien gewährleistet wird (das ist vielleicht der blinde Fleck der Wissenschaft, die selbst darauf angewiesen ist). Plausibel erscheint die Wissenskluft-Hypothese im Vergleich der Industrienationen mit der Dritten Welt und bestätigt hierin die Bemühungen der UNESCO zur Bekämpfung des Analphabetismus und für bessere Schulbildung. Es sei nur auf die Novelle des Urheberrechts aus dem Jahre 1967/71 hingewiesen, die den Ländern der Dritten Welt besondere Vervielfältigungsrechte für geschützte Werke einräumen (siehe hierzu auch 3.2.1.3).

Analphabetismus und Wissenskluft fungieren nun aber dank wissenschaftlicher und politischer<145> Reputation als Basis, um nach gleichem Muster eine Wissens-


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kluft für Deutschland zu prognostizieren. Allerdings lassen sich gesellschaftliche Probleme schwerlich durch die 0,75 bis 3 Prozent funktionaler Analphabeten belegen, die eine Schätzung für Westdeutschland vorsieht.<146> So behilft man sich auch hier mit der Neudefinition des Begriffs. Funktionaler Analphabetismus wird letztlich nicht mit der Beherrschung der Lesetechnik einer Person gleichgesetzt, wie es die wissenschaftliche Definition vorsieht, sondern mit der negativen Einstellung zur Lektüre und zum Buch.

»Legasthenie: das meint hier nicht Leseschwäche, welche die Buchstaben nicht richtig zu erkennen und zu setzen weiß, gemeint ist eine grundsätzliche Einstellung gegenüber dem Wort und den geschriebenen Wörtern zumal«. (1982: B346)
»...eine wachsende Zahl von Analphabeten, die zwar in Notfällen von den alten Kulturtechniken Gebrauch machen, ansonsten lieber Fernsehen«. (1986: A451)
»Dabei ist der praktische Analphabetismus längst ein Problem unserer Hochschulen geworden, wie Professoren öffentlich beklagen. Während einige verspätete Bildungspolitiker noch immer von einer Demokratisierung der Lesekultur träumen, müssen an deutschen Universitäten ... Einführungsseminare in den Umgang mit Büchern gegeben werden«. (1986: A454)
»Analphabetismus kann nur von den Anforderungen her bestimmt werden, die an die schriftsprachliche Kompetenz der Mitglieder einer Gesellschaft gestellt werden«. (1986: A440)

Der Hinweis im letzten Zitat, Analphabetismus würde durch die Anforderungen der Gesellschaft bestimmt, öffnet der Beliebigkeit dessen, was Analphabetismus ausmacht, Tür und Tor. Analphabetismus markiert nur noch einen Ausschlußwert, den jedes System individuell belegen kann. Wer Luhmann liest und nicht versteht, müßte demnach ein soziologischer Analphabet sein. Aus der Sicht des Traditionssystems fällt bereits die fehlende Liebe zum Buch unter das Analphabetentum.

Nur so ist es zu verstehen, daß auch hier demoskopische Untersuchungen in den Industrienationen hochbrisante Analphabetenquoten zu Tage fördern, deren Alarmwirkung bei all jenen Sozialsystemen, die auf ein funktionales Lesen angewiesen sind, entsprechend nachhaltig ist. Doch spiegeln diese Quoten aber offenbar nicht so sehr die Lesefähigkeit wider als vielmehr die Defizite der verschiedenen Gesellschaftssysteme, die hier unter dem Begriff Analphabetismus kumulativ subsummiert sind. Denn nicht die Lesetechnik oder das Leseverhalten wird hier gemessen, sondern das Verstehen des Inhalts von Mitteilungen. Es wird also abhängig gemacht von dem jeweiligen Wissensstand einer Person bzw. deren intellektuellen Begabung.

»Ein Zehntel der Kanadier können Gebrauchsanweisungen nicht lesen, mehr als ein Drittel nicht den Bedienungszuschlag in Restaurantrechnungen, mehr als 50

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Prozent haben Probleme mit Fahrplänen, und 60 Prozent verstehen die Charter of Rights and Freedoms in der Verfassung nicht.« (1987: A504)

Wissens- oder Motivationsdefizite werden hier als Bildungsdefizite ausgelegt und Bildung in alter Tradition mit Belesenheit gleichgesetzt. Der Gesellschaft und den verantwortlichen Systemen werden ihre eigenen Defizite vor Augen geführt und zugleich eine Lösung angeboten: der ‚Leser’ des Traditionssystems als Garant, diese Defizite zu begleichen. Der kulturelle Wert des Lesers steigt.

Zu c): Die Nachfragesteigerung nach dem Leser ist zum Beispiel denkbar im Bereich der literarischen Kunst, wo durch die Kommunikation über das Lesen zugleich die Beobachtung der Kunst gefördert wird. Es ist denkbar für den Bereich der Pädagogik, die meint, anhand der Belesenheit der Schüler die eigenen Selektionen (Lob/Tadel) schärfer vornehmen zu können usw. In diesem Falle werden die Systeme ihre eigene Funktionalität dem Traditionssystem stärker zur Verfügung stellen. Die literarische Kunst wird beispielsweise das Lesen selbst zur Kunst erklären. Die Pädagogik wird im Unterricht verstärkt Raum und Anlaß für derartige Kommunikation bieten.

In den folgenden Teilkapiteln beschränkt sich die Ausführung exemplarisch auf die Untersuchung, in welcher Form die Kopplung von Buchhandel und Öffentlichem Bibliothekswesen an das Traditionssystem der Lesekultur im Untersuchungszeitraum vollzogen wird, und es werden die Motivationen hinterfragt.


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3.2 Lesekultur und der deutsche Buchhandel

Es muß im folgenden unterschieden werden zwischen:

  1. dem Buchhandel als Teilsystem der Wirtschaft (Funktionssystem) und
  2. dem Buchhandel als Organisationssystem (hier: Buchhandlungen, Verlage, der Börsenverein des Deutschen Buchhandels etc.).

Die Strukturelle Kopplung zwischen den Systemarten muß über eine Schnittstelle erfolgen, mit der die Autonomie der angeschlossenen Systeme nicht eingeschränkt wird, d.h. die keine starre Kopplung im Sinne eines einfachen Ursache/Wirkung- oder Reiz/Reaktions-Schemas zuläßt. Eine solche Schnittstelle kann über die gegenseitige Beobachtung von Systemoperationen erfolgen. Gegenseitige Beobachtung heißt nicht, daß ein System in das andere quasi hineinschaut - die Systeme gelten füreinander als black boxes - sondern daß beide Systemarten eine Mitteilung als Handlung ausweisen und zugleich reflektieren, daß auch das andere System dieselbe Mitteilung als Handlung ausweist (vgl. 2.4).

Auf diese Weise können bestimmte Transaktionen des Funktionssystems Buchhandel als Einschluß-/Ausschlußkriterium für die Zurechnung einer Handlung zum Organisationssystem Buchhandel Verwendung finden. Auch Handelsbräuche, also bestimmte ritualisierte oder normative Handlungsfolgen, die zu einer solchen Transaktion führen, können als Selektionskriterium herangezogen werden.

Wichtig für das folgende ist die Feststellung, daß die Teilsysteme des Organisationssystems Buchhandel (Primär-, Sekundärbuchhandel, Verbände, Einzelfirmen) eine möglichst große Kontrolle über die Teilsysteme des Funktionssystems Buchhandel (z.B. Literarischer Buchhandel, Jugendbuchhandel, Fachbuchhandel ...) ausüben möchten, ohne dies aufgrund der Systemautonomie tatsächlich zu können.

3.2.1 Strukturelle Rahmenbedingungen

Als Teilsystem des Wirtschaftssystems ist der Buchhandel an die Beobachtung von Kommunikationen gebunden, die als Transaktion (Zahlung) gewertet werden können. Diese Eigenart, die den Buchhandel als Teilsystem der Wirtschaft ausweist, schränkt die Beobachtung allein auf solche Transaktionen ein, die in Bezug zu Büchern stehen, ist also an eine ganz spezielle Form des Produkts gebunden. Ein Handel, der sich nicht auf Bücher bezieht sondern beispielsweise auf Musikkassetten, muß aus logischen Gründen für den Buchhandel ausgeschlossen werden. Eine Buchhandlung, die zusätzlich Kassetten verkauft, nimmt mit dieser Transaktion definitiv nicht am wirtschaftlichen Teilsystem Buchhandel teil (sondern eben an einem anderen Teilsystem der Wirtschaft). Damit wird deutlich, daß


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Organisationssysteme (Buchhandlung, Firma) und Funktionssysteme (Buchhandel) klar zu unterscheiden sind, obgleich sie natürlich strukturell miteinander eng in Verbindung stehen. Eine Buchhandlung ist kein Teilsystem der Wirtschaft oder des Buchhandels. Für Wirtschaftssysteme stellt sie lediglich ein Element dar.<147> Das Beobachten einer Buchhandlung erhöht aus Sicht des Funktionssystems Buchhandel die Wahrscheinlichkeit, dort auch eine Transaktion mit Büchern beobachten zu können (denn mit Büchern gehandelt werden könnte auch außerhalb einer Buchhandlung). Es kann Buchhandlungen in verschiedene Typen auflösen und so hinsichtlich der Verkaufserwartung näher klassifizieren.

Die Abhängigkeit beider Systemarten ist dennoch hoch, zumal sie gegenseitig identitätsstiftend sind. Eine Buchhandlung, die überwiegend Artikel aus dem Nonbook-Sortiment verkauft, wird für das wirtschaftliche Buchhandelssystem zunehmend zu einer unsicheren Größe hinsichtlich der Erwartung, an diesem Ort Buchtransaktionen beobachten zu können. Eine Buchhandlung, die nicht mit Büchern handelt, verliert ihre Bedeutung auch für das Organisationssystem Buchhandel. Sollte dies insgesamt zunehmend der Fall sein, kann das zu einem Problem des jeweiligen Systemerhalts führen. Als systemerhaltende Maßnahme kann das System nun entweder Versuche anstellen, die Buchhandlungen wieder zum Verkauf von Büchern zu ‚bekehren’, indem etwa mit Hilfe des SgKM Buchhandelskultur auf die Standesehre gepocht wird, oder sich selbst strukturell zu verändern, vor allem dann, wenn trotz oder wegen der ‚Bekehrung’ die Kunden und damit auch die notwendigen Transaktionen ausbleiben. Indizien für eine solche Strukturänderung könnten hier zum Beispiel sein, daß man Tonträger zu ‚Hörbüchern’ deklariert oder Software zu ‚eBooks’. In diesem Falle wird der Definitionsbereich für das Buch erweitert, was allerdings zu systeminternen Paradoxien und Folgeproblemen führen kann.

Ebenfalls als Grundvoraussetzung der Systemtheorie wird, wenn von Buchhändlern, Kunden, Autoren und Lesern die Rede ist, nicht von Menschen „aus Fleisch und Blut“ ausgegangen sondern von Personenbeschreibungen (Rollen), die jeweils von sozialen Systemen als Kommunikationselemente erzeugt und reproduziert werden (siehe 2.1). Dies ganz im Sinne von Michael Hutter und Gunther Teubner, die feststellen:

»Die Psychologen können zeigen, daß das empirisch beobachtete Entscheidungsverhalten der Teilnehmer in echten und stimulierten Märkten von den Realitätsannahmen des homo oeconomicus drastisch abweicht. Die empirisch ermittelten Präferenzen der lebendigen Akteure sind weder hierarchisch geordnet noch stabil, und die sind weder transitiv noch invariant, wenn sie nach unterschiedlichen Verfahren ermittelt werden. Das Verhalten der Akteure läßt sich häufig nicht als eigennutzen-

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maximierend beschreiben. Die Struktur der Informationsverarbeitung entspricht nicht den Anforderungen an rationales Handeln«

Aus diesem Grunde schlagen die Autoren vor:

»Man sollte nicht nur [...] soziale Vermittlungsmechanismen zwischen Akteur und aggregiertem Ergebnis einführen, sondern die Realität der [... Akteure] selbst soziologisch verstehen [... und] den komplizierten Prozeß der sozialen Konstruktion von „Personen“ beobachten, der Kommunikation erst zu Handlungen macht.« ( Hutter /Teubner 1994, S. 112)

Für das folgende ist zunächst interessant, mit welchen Problemen zwischen Strukturerhalt und Anpassung der Buchhandel über die vier Jahrzehnte hinweg konfrontiert wird. Entsprechend der Hypothese müßte der Buchhandel über die Investition in das Traditionssystem Lesekultur den Wert des SgKM Lesekultur anheben und die Umwelt des Buchhandels (z.B. die Politik, die Erziehung etc.) dazu bewegen, sich gleichfalls für die Lesekultur zu engagieren und sich damit indirekt für die Lösung buchhändlerischer Probleme einzusetzen.

3.2.1.1 Traditionelle Standesauffassung des Buchhandels

Wie bereits im einleitenden Kapitel angesprochen, steht der deutsche Primärbuchhandel seit dem 18. Jahrhundert in einem Konflikt zwischen wirtschaftlichen Abhängigkeiten und der Förderung eines bestimmten literarischen Umfeldes innerhalb der Gesellschaft. Dabei geht es nicht allein um die Unterstützung von Schriftstellern, sondern zugleich um einen missionarischen Auftrag, diese Literatur innerhalb der Gesellschaft vorrangig zu verkaufen und, da dies nur bedingt gelingt, zumindest auch gegen die Nachfrage flächendeckend vorrätig zu halten. Der Buchhandel muß sich also selbst zur Subventionierung dieser wirtschaftlich nicht rentablen Werke zwingen. Dies ist für beide Systemarten zunächst eine sehr unwahrscheinliche Voraussetzung; da eine solche Handelspraxis sowohl das Funktionssystem als auch Einzelfirmen in eine permanente Existenzunsicherheit versetzt. Man benötigt in diesem Sinne auch hier ein SgKM. Wenn aber, gemäß der Theorie, SgKM nur innerhalb einer spezifischen Systemart Bestand haben, wäre nur ‚Geld’ nicht aber ‚Kultur’ als Transformator der Wahrscheinlichkeiten denkbar. Allerdings kann das SgKM ‚Kultur’ auf der Ebene der Handelsbräuche (da ritualisiert und traditionsgebunden) eingreifen und damit zugleich das Selektionskriterium für die Mitgliedschaft in einem Organisationssysteme (Buchhandlung, Börsenverein etc.) stabilisieren helfen: Wer sich an die Handelsbräuche hält, wird mit größerer Wahrscheinlichkeit der Rollenbeschreibung ‚Buchhändler’ gerecht.

So tritt bei der Selbstbeschreibung des Buchhandels durch den Börsenverein (als dominierende Standesorganisation) das »merkantile Element«<148> des Buchhan-


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dels vollkommen in den Hintergrund und wird, beinahe verlegen, als unvermeidbare, aber sekundäre Randerscheinung abgetan.

»Die Ärzte haben ihren „Eid des Hippokrates“, gegen den manchmal verstoßen werden mag, der aber immer einmal wieder eine Rückkehr zum Dienst am Menschen bewirkt hat. Ähnlich muß, ohne eine solche Formel, der Buchhandel in allen Sparten und Betrieben das Vermächtnis von Perthes meinetwegen als seinen moralischen, aber auch gesellschaftspolitischen Rückhalt vor Augen haben. Sonst könnte es sein, daß der Buchhandel wirklich, wie in anderen Ländern, zum Handel mit Büchern degradiert und das literarische Leben vor lauter lachhaften Bestseller- und Parallelausgabengeschäften stirbt.« (1982: A362, zitiert Herbert Grundmann, Quelle nicht bekannt)

Es wirkt an dieser Stelle geradezu paradox, daß Vertreter des Buchhandels ihre Handelstätigkeit als ‚Degradierung’ bezeichnen und ihre eigentliche Tätigkeit offensichtlich dem Begriff ‚Handel’ entziehen wollen.

»Nur insofern er sich kommerzieller Technik bedient, ist der Buchhändler ein Kaufmann. Sein Hauptziel ist die literarische Auswahl und Förderung wertvollen Geistesgutes. Er lebt „zwar vom Markte, aber für den Geist“. Gute Berufsausbildung, umfassende Bildung und Charakterstärke haben ihn davor zu bewahren, „den kommerziellen Versuchungen des Marktes zum Schaden seiner Funktion eines geistigen Vermittlers zu erliegen“.« (Resolution der IASV 1959: A57)

Es wird deutlich, daß der Verleger sein Selbstverständnis eher als gesellschaftlicher Informationsversorger oder Programmgestalter auf gleicher Ebene mit Bibliotheken, Rundfunk- oder Fernsehen sieht,<149> die entsprechend auch als mehr oder minder bedrohliche Konkurrenz gewertet werden. Bibliotheken, Rundfunk- und Fernsehen sind (im Untersuchungszeitraum) überwiegend rein staatlich finanziert und haben ortsbezogen quasi ‚Monopolcharakter’. Genau das wird vom Buchhandel als wettbewerbsverzerrend betrachtet, da Sendeanstalten und Bibliotheken im Gegensatz zum Buchhandel nicht dem »wirtschaftliche[n] Wettbewerb um den Kunden« ausgesetzt seien (1964: A102). Diesen Wettbewerb gilt es folglich, durch kartellrechtliche Maßnahmen auf ein Minimum zu reduzieren, wie weiter unten noch ausführlich gezeigt werden wird.

Der Sortimentsbuchhändler wiederum sieht sein Selbstverständnis nicht einfach in der Distribution der Verlagsartikel. Er sieht sich vor allem als Bildungsinstanz, als literarischen Lehrer und Sachwalter der geistigen Schöpfungsleistung eines Volkes, und damit in gewissem Sinne auch als Überwacher und privater Zensor der Verlagsprogramme.<150> In dieser Selbstbeschreibung wird er auch von anderen gesellschaftlichen Instanzen bestärkt.


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»Ihre [sc. die Buchhändler] Verantwortung ist gemessen an dem, was hinter uns liegt, ins Unendliche gewachsen. Ihr Beruf, zu dem immer ein wenig Berufung gehört, reicht gewollt oder ungewollt, da wir täglich um die Existenz unserer Kultur kämpfen, in die geheimnisvollen Steuerungsbereiche und Schaltwerke einer Zivilisation, die voller Veränderung, voller Wirrnisse und Widersprüche ist ... Sie verwalten und ordnen Geistiges, und mithin haben Sie die Aufgabe, da dem Geistigen bei aller seiner strömenden Unendlichkeit naturgegeben ein konservatives Element nie mangelt... mithin haben Sie, so meine ich, in allem Flusse vor allem das Stetige und Ehrwürdige zu bezeugen und über die Erscheinungen des Tages fort für das Echte und Unverlierbare in Zeit und Überzeit einzutreten.« (1961: A79)

In Anlehnung an eben diese kulturelle Aufgabe verankert sich die Standesauffassung des Buchhandels sogar in der Kommunalpolitik. So heißt es in den ‚Stuttgarter Richtlinien’ des Deutschen Städtetages zur Kulturpolitik 1952: »Gute Buchhandlungen prägen das Gesicht der Städte«.<151>

Bei Selbstbeschreibungen des Buchhandels finden sich immer wieder Metaphern, die den Buchhandel in die Nähe des Religiösen rücken: die »Missionierung« als Aufgabe eines Berufs<152>, zu dem »Berufung« (s.o.) gehört; mit der Zielsetzung »Buchheiden«<153> zu bekehren,<154> um dem »Abfall der abendländischen Gesellschaft vom Buche Einhalt zu gebieten«.<155> Dies in einem quasi selbstlosen Einsatz für einen »Dienst an der Gesellschaft«.<156> Ganz in diesem Sinne ordnet die IASV Resolution den Buchhändler derselben gesellschaftlichen Ebene wie der von Pfarrern zu.<157> Ein anderer Beitrag definiert ihn als »Experten der Humanität«<158>, der »menschliche Chance[n]« in Form von Büchern verkaufe.<159> Und nicht zuletzt will er ebenfalls eine moralische Instanz repräsentieren und sieht sich hierbei in einer pädagogischen Verantwortung:

»So wenig wie ein guter Pädagoge die Jugend zum Bösen erziehen wird, so wenig gibt auch ein guter Buchhändler unserem Nachwuchs schlechte oder schlecht machende Literatur in die Hände.« (1964: A110)

Hier tut sich jedoch eine Diskrepanz zwischen Reflexion und Wirklichkeit auf. Die gesellschaftliche Funktion ist und bleibt allein der Handel mit Büchern und


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nicht die Teilübernahme anderer Funktionsbereiche wie bspw. der Erziehung. Der Handel mit Büchern kann allenfalls für andere Systeme, wie die Erziehung, eine unterstützende Leistung darstellen. In welchem Ausmaß diese Leistung aber tatsächlich in Anspruch genommen wird, wird nicht vom Buchhandel sondern eben von diesen Systemen autonom bestimmt. Beginnen also Buchhandelssysteme ihre potentielle Leistung mit ihrer Funktion zu verwechseln (wie hier gezeigt), kommt es unweigerlich dann zu Identitätskonflikten, wenn die Leistung von der Gesellschaft nicht mehr honoriert und damit ihre vermeintliche gesellschaftliche Funktion in Frage gestellt wird.

Genau in diesen Konflikt geraten buchhändlerische Organisationen nach dem zweiten Weltkrieg in einer Gesellschaft, die sich zunehmend funktionalisiert, wie in einer Quelle bereits 1950 beklagt wurde:

»Die durch Jahrzehnte konservierte Beziehung zwischen Leser und Autor, Buchhändler und Publikum, Berufsstand und Staat bzw. Kirche gleitet aus der gemeinsam verpflichteten Sinn-Mitte und bewegt sich an den Rändern je und je veränderlicher Sonderinteressen des einen oder anderen Partners. Kollektivierung, Amerikanisierung (als Standardisierung) und Anonymisierung drängen die „harmonische Funktion“ von Buch und Buchhandel zugunsten fremder Vitalinteressen auf ein geduldetes Miniaturwirkungsfeld zurück.« (1950. A8)

Auch hier böte sich das SgKM ‚Lesekultur’ an, um die ‚gemeinsam verpflichtende Sinnmitte’ zu restaurieren und die anderen Sozialsysteme - gegen den Trend und damit gegen die Wahrscheinlichkeit - an Buchhandelsorganisationen zu binden. Allerdings kann hier vorweggenommen werden, daß diese Restaurationsbemühungen spätestens seit 1968 als gescheitert erklärt werden müssen.<160> Welchen Zweck aber hätte das SgKM ‚Lesekultur’ und die damit verbundenen Leseförderungskampagnen nach 1968 für den Buchhandel? Wäre es für ihn nicht ausreichend, sich fortan wieder mehr mit seiner eigentlichen Funktion, dem Handel, anzufreunden? Genau dies vollzieht sich, wie gezeigt werden wird, in einer langen Übergangsphase, die zugleich einen Strategiewandel im Einsatz des SgKM ‚Lesekultur’ bewirkt. Nicht mehr die Selbstdisziplinierung der Handelsteilnehmer steht im Vordergrund, sondern wirtschaftliche Probleme, die mit der Umstrukturierung auftreten und die es abzumildern gilt.


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3.2.1.2 Wirtschaftliche Situation

Einen ersten wichtigen Hinweis für die Hypothese liefert die vom Buchhandel ständig propagierte Klage, das Lesen der Bevölkerung ginge zu Lasten des Mediums Buch und der wirtschaftlichen Situation zurück. Denn diese Behauptung kann allein auf Grund der wirtschaftlichen Daten pauschal entkräftet werden.

Wie kaum eine andere Wirtschaftssparte verzeichnet der Sortimentsbuchhandel kontinuierlich Zuwachsraten im Umsatz, die weit über der Teuerungsrate angesiedelt sind (sieht man von dem einmaligen Einbruch in den Jahren 1981 bis 1982 ab, der auf die allgemeine Rezession der Bundesrepublik zurückzuführen ist). Die Bevölkerung hat somit zunehmend mehr Geld in Bücher investiert (Tab. 7). Trotz der Umsatzzuwächse gerät der Sortimentsbuchhandel jedoch zunehmend unter Druck (Tab. 8). Die Gemeinkosten der Unternehmung (Gehälter, Mieten etc.) steigen über die Jahre prozentual stärker an als die Umsatzzuwächse, so daß sich der Unternehmergewinn von durchschnittlich 3 Prozent in den 60er Jahren auf nurmehr 0,3 Prozent und weniger einpendelt.<161> Die Hauptursache hierfür ist vor allem in der mangelnden Fürsorgepflicht der Verlage bei der Preisgestaltung ihrer Produkte zu sehen, die ihnen auf Grund der Preisbindung zukommt. Wie aus Tab. 9 zu ersehen, orientieren sich die Ladenpreise der Verlagserzeugnisse vornehmlich an den Herstellkosten der Bücher. Beide Kostenarten verhalten sich weitgehend kongruent. Hintergrund für eine solche Buchpreispolitik liegt vermutlich in der bis heute noch üblichen vereinfachten Faktoren-Kalkulation<162> der Verlage, die offensichtlich zu lange mit einem unveränderten Faktorenwert durchgeführt wurde. Dieser entsprach zwar durchaus den Gemeinkosten der Verlage, aber nicht dem der Sortimente. Wegen der Preisbindung berechnet sich deren Handelsspanne nach den Rabattsätzen der Verlage. Da die Rabattsätze wiederum umsatzabhängig sind, werden die Großsortimente zunehmend im Wettbewerb begünstigt.

Zu einem weiteren Problem wird die dramatische Zunahme an Neuerscheinungen (Tab. 10). Auf der einen Seite wird diese Angebotssteigerung gerne als besondere Leistung des Buchhandels für den Leser herausgestellt. Und in der Tat spricht vieles dafür, daß auch ein entsprechend gesteigerter Bedarf an Lektüre in der Bevölkerung vorliegt, da ein gesättigter Markt ein derartiges Titelwachstum auf Dauer nicht hätte finanzieren können. Auf der anderen Seite birgt die stetig wachsende Zahl an Novitäten für Verlage und Buchhandlungen eine Reihe von internen Problemen. So wird es für die Verlage zunehmend schwieriger, inmitten der stenz de


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Tab. 7: Umsatzentwicklung des Sortimentsbuchhandels (jährliche Zuwächse in Prozent) bereinigt um die allgemeine Teuerungsrate. Indexwerte: Kölner Betriebsvergleich. In: Buch und Buchhandel in Zahlen , Ausgaben 1960-86 und Statistisches Jahrbuch der Bundesrepublik Deutschland .

Tab. 8: Kostensteigerung im Sortimentsbuchhandel. Indexwerte: Kölner Betriebsvergleich. In: Buch und Buchhandel in Zahlen, Ausgaben 1960-86.


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Tab. 9: Preisanstieg Herstellkosten zu Verkaufspreisen. Indexwerte: Statistisches Jahrbuch der Bundesrepublik Deutschland 1960-1990

Tab. 10: Anzahl der Neuerscheinungen pro Jahr. Basiszahlen: Buch und Buchhandel in Zahlen 1960-90.


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der Vielzahl von Novitäten eigene Produkte erfolgreich zu plazieren. Zunehmende Themendifferenzierung zielt auf immer stärker fragmentierte Zielgruppen ab, die keine hohen Auflagen zulassen und damit die Rentabilität der Produkte in Frage stellen. Zudem steigt das finanzielle Risiko, mit dem weniger liquide Verlage nach Fehlinvestitionen immer schneller an den Rand ihrer wirtschaftlichen Existenz gedrängt werden. Die Folge sind Konzentrationsprozesse durch Großkonzerne, die dieses finanzielle Risiko auffangen können.<163>

3.2.1.3 Politische Abhängigkeiten

Zur Kompensation dieser internen wirtschaftlichen Probleme stehen den Organisationssystemen des Buchhandels einige wesentliche staatliche Vergünstigungen zu, durch die er sich aber zugleich vom politischen System abhängig macht und zu deren Erhalt er entsprechende Energien aufwenden muß. Unter Energien soll hier der Einsatz von SgKM verstanden werden. Sie werden notwendig, da der Staat dem Buchhandel diese Vergünstigungen, die ihn gegenüber anderen Handelsformen deutlich bevorzugen, ohne direkte Gegenleistung einräumt. Ohne direkte Gegenleistung heißt, daß sich von staatlicher Seite aus keine direkten Kausalitäten konstruieren lassen, die sich auf konkrete Sachverhalte stützen. Es ist im Augenblick der Gewährung der Vorteile keine direkte Wirkung attestierbar, die für das politische System relevant wäre. Weder droht der Verlust einer breiten Masse von Arbeitsplätzen, noch wäre die Informationsversorgung der Bevölkerung in Frage gestellt, noch sind andere akute Probleme relevant, die für den Machterhalt des politischen Systems<164> ein kurzfristiges Handeln notwendig machten. Man ist auf Vermutungen und Wahrscheinlichkeiten angewiesen, daß bestimmte Wirkungen durch Gewährung oder Entzug eintreten könnten. Es ist also relativ unwahrscheinlich für den Buchhandel, daß seine Forderungen von der Politik akzeptiert werden. Diese Unwahrscheinlichkeiten können nun nach der Theorie durch SgKM in Wahrscheinlichkeiten transformiert werden. Die Frage ist nun, welche Rolle hierbei die Kultur, insbesondere die Lesekultur spielt. Einen ersten Hinweis liefert die Resolution der IASV (Internationale Arbeitsgemeinschaft von Sortimenter-Vereinigungen) aus dem Jahr 1959:


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»Es ist die Aufgabe des modernen Staates, die Kultur, auch die vom Buchhandel betreute Buchkultur, zu unterstützen und zu fördern. Wenn der Buchhändler „seiner Mission treu bleibt, hat ihn die Gesellschaft zeitgemäß zu entschädigen“. Der Buchhandel erwartet vom Staat keine Beamtenrente und keine Sozialisierung, aber die Respektierung seines in Jahrhunderten gewachsenen Eigenlebens, die Garantie seines für seine Branche festgelegten Preissystems, die schnelle Befreiung von allen kulturfeindlichen Verkehrstarifen und Steuern und die sofortige Beendigung ökonomischer Sonderpreis-Forderungen von staatlichen Stellen als vermeintlichen Großabnehmern.« (1959: A57)

Die Abhängigkeit des Buchhandels von Zugeständnissen des Staates besteht in drei Hauptpunkten: a) kartellrechtliche Sonderstellungen, b) steuerliche Vergünstigungen und c) Schutz des Urheberrechts.

Zum Generalproblem innerhalb des Untersuchungszeitraums werden die Wiedereinführung und der Schutz der Ladenpreisbindung. Das Preiskartell wurde 1887 unter der Federführung des Börsenvereinsvorstehers Adolf Kröner eingerichtet und verpflichtete seinerzeit auf horizontaler Ebene alle Mitglieder des Börsenvereins, die Preise für Bücher zu binden und die festen Ladenpreise einzuhalten. Wer dies nicht tat, dem drohte der Ausschluß aus dem Verein und damit die Nichtbelieferung durch die Verlage. Hintergrund war die endgültige Einführung der Gewerbefreiheit 1868, d.h. letztlich der freien Marktwirtschaft, die der Buchhandel seit jeher zu verhindern versucht hatte.

»Gewerbefreiheit, d.h. unbeschränkte Konkurrenz innerhalb des alten Gewerbegebietes selbst und Eindringen Ungelernter in das Gebiet, ist die Wurzel aller buchhändlerischen Übel und widerstreitet der Natur des Buchhandels« ( Goldfriedrich 1913, S. 411)<165>

In Folge der Gewerbefreiheit kam es zu einer expansiven Zunahme von Buchverkaufsstellen, bedingt vor allem durch den weitverbreiteten Konditionshandel der Verlage, der ein uneingeschränktes Rücknahmerecht und damit einen Buchhandel fast ohne Kapitaleinsatz und Risiko der Händler ermöglichte. Im Kampf um den Kunden verschärfte sich der Preiskampf derart, daß vor allem kleinere Buchhändler abseits der Großstädte nicht mehr überleben konnten. Die neue Gewerbefreiheit wurde deshalb durch Kartellmaßnahmen des Börsenvereins für das Kerngeschäft außer Kraft gesetzt. Wer die Bücher der meisten namhaften Verlage vertreiben wollte, wurde letztlich dazu gezwungen, dem Börsenverein beizutreten und damit die Preisbindung und weitere Handelsbedingen zu akzeptieren.<166>


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Nach dem zweiten Weltkrieg wurden zunächst sämtliche Kartellregelungen der deutschen Wirtschaft von den Besatzungsmächten verboten, darunter fiel die Preisbindung ebenso wie der Börsenverein als Verband selbst. Erst nach Gründung der Bundesrepublik konnte sich der Börsenverein reorganisieren und war seither bemüht, auch die alten Kartelle wiederherzustellen. Noch unter Aufsicht der amerikanischen Dekartellisierungsbehörde wurde bis zur endgültigen Verabschiedung eines eigenen bundesdeutschen Kartellgesetzes die Buchpreisbindung 1953 vorläufig gestattet, allerdings nicht mehr horizontal auf Verbandsebene, sondern durch eine vertikale, privatrechtliche Vereinbarung zwischen Verleger und Buchhändler.<167> 1957 wurde diese Regelung als Ausnahmekartell im Gesetzt gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB) bestätigt, allerdings unter strengen Auflagen, die vor allem die lückenlose Einhaltung der Preisbindung über alle Handelsstufen bis zum Endkunden forderte. Die Preisbindung war damit keineswegs staatlich geschützt oder vorgeschrieben. Die Verlage können bis heute selbst über die Bindung oder Nichtbindung entscheiden, sind aber im Gegenzug auch zur Überwachung und Sanktionierung evtl. Verstöße verpflichtet. Der Staat übernimmt weder Ahndung noch Kontrolle, vielmehr droht das Bundeskartellamt mit der Aufhebung der Preisbindung für den Fall, daß der Mißbrauch überhand nimmt.

Seither gerät der Buchhandel in einen Interessenkonflikt. Auf der einen Seite nehmen gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten Preisbindungsverstöße in den eigenen Reihen zu, um die Lager zu räumen und gebundenes Kapital auszulösen. Hier ist vor allem interne Überzeugungsarbeit zu leisten, die sich zuweilen drastischer Worte bedient.

»Gefahren drohen vom Kartellamt aber nur dann ernstlich, wenn man ihm Waffen in die Hand gibt. Es sind die Außenseiter und die Leichtsinnigen unter uns und die zwischen Schwachsinn und Gewinnsucht Pendelnden, die da meinen, für sie sei der feste Ladenpreis gar nicht so wichtig.«<168>

Auf der anderen Seite fordert die Öffentliche Hand seit 1959 unter Berufung auf das vorrangige öffentliche Preisrecht von 1953 Sonderkonditionen für Buchbestellungen, vor allem bei Aufträgen Öffentlicher- und Wissenschaftlicher Bibliotheken oder im Rahmen des Schulbuchgeschäfts. So hängt die Existenz der Preisbindung von der Toleranz und den strengen Auflagen des Staates ab und zugleich nötigt er den Buchhandel dazu, diese Auflagen zu seinen Gunsten zu verletzen und damit eine Aufhebung der Preisbindung zu provozieren. Gelegentlich wird die Abschaffung der Preisbindung für Bücher sogar politisch angedacht, was den Buchhandel zusätzlich unter Druck setzt. Nur durch eine diffizile Lobbyarbeit auf Seiten der Legislative und auch auf Seiten der Judikative gelingt es dem Börsenverein, diesen Drahtseilakt zu bestehen und einige wichtige Musterprozesse nach


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z.T. mehrjährigen Verhandlungen zu gewinnen. Hinzu kommen weitere Verfahren, die sich gegen immer raffiniertere Methoden wenden, mit denen die Preisbindung an ihren Schwachstellen untergraben wird - und zwar sowohl von Verlagsseite, die mit günstigeren Parallelausgaben Titel mehrfach vermarkten, wie auch von staatlichen Stellen, die durch die Schaffung von Einkaufszentralen selbst die Rolle des Buchhändlers übernehmen und direkt oder indirekt den Bezugsstellen größere Nachlässe als gestattet zukommen lassen. Ähnlich verfahren Teilhabermodelle, bei denen Buchkäufer pro-forma Teilhaber einer Schein-Buchhandlung werden, die lediglich die Buchbestellungen der Teilhaber abwickelt und die Sortimenterrabatte an die Teilhaber ausschüttet. Besonders kritisch wird die Situation, als der Anwaltsverein diese Praxis für sich übernehmen will, also sogar Vertreter des Rechts gegen die Preisbindung opponieren.

»Wir sehen in dieser Organisation den vielleicht gefährlichsten Angriff, denn was den Herren Anwälten recht ist, wird anderen Berufsverbänden billig sein. Es scheint mir auch geradezu makaber, daß ausgerechnet der renommierte Anwaltsverein ein Modell praktizieren will, das Studenten, die inzwischen wirtschaftlich gescheitert sind, unter den Stichworten: „Brecht die Preisbindung! Erste vergesellschaftete Buchhandlung der Bundesrepublik!“ propagiert haben. Vor einigen Tagen geführte Gespräche der Preisbindungstreuhänder und des Justitiars des Börsenvereins mit dem Präsidenten des Deutschen Anwaltsvereins haben zu keinem Ergebnis geführt.«<169>

Auch diese Verfahren werden letztlich gewonnen, doch halten sie den Börsenverein über Jahre hinweg in einer unsicheren Position.

Ebenfalls das Kartellrecht tangiert die Durchsetzung der buchhändlerischen „Verkehrsordnung“ und der buchhändlerischen Wettbewerbsregeln, beide ursprünglich zusammengefaßt in der ‚Verkehrs- und Verkaufsordnung’ (VVO). Das Ansinnen, wie vor der Nazi-Zeit auch wettbewerbsregulierende Konditionsbestimmungen als Handelsbrauch zu deklarieren, stieß auf vehementen Widerstand der neuen Kartellbehörde.<170> Die VVO wurde daraufhin überarbeitet und 1962 lediglich als unverbindliche Konditionsempfehlung angemeldet, in der Hoffnung, die damals angekündigte Revision des Kartellrechts würde günstigere Voraussetzungen für die Umwandlung in ein verbindliches Wettbewerbskartell schaffen.<171> Diese Hoffnung wurde allerdings enttäuscht. Hinzu kam weiterhin, daß die Verkehrsordnung bis 1989 nicht als Handelsbrauch für den Buchhandel im generalisierten Sinne anerkannt wurde und lediglich als Handelsbrauch der Mitglieder eines eigens dafür geschaffenen Vereins (‚Verein für die Verkehrsordnung im Buchhandel e.V.’) galt, dem einzelne Verlage und Sortimente zwanglos beitreten


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konnten, wenn sie die Verkehrsordnung verbindlich als Allgemeine Geschäftsbedingung übernehmen wollten.

Diese faktische Niederlage gegen das Bundeskartellamt verbot dem Börsenverein, seine Rolle als eigenständige marktregulierende Instanz in demselben Maße wiederzuerlangen, wie sie ihm vor dem Weltkrieg noch zugestanden wurde. Dieser Zustand der Machtlosigkeit wurde 1974 vom damaligen Vorsteher Ernst Klett bitter beklagt:

»Er [sc. der Börsenverein] kann sich zum Beispiel nicht wehren, wenn seine Mitglieder ungeschickt wirtschaften; er kann auch im Ernst gegen Gewalten von außen, die überwältigend sind, nichts tun; er kann nicht einmal die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den drei unter einem Dach versammelten Wirtschaftsstufen ordnen wollen: Das gab es früher, aber die Kartellgesetzgebung verbietet jede Art von Absprachen, Bindungen, Vereinbarungen - der freie Wettbewerb soll erhalten bleiben. Diese Bremse wirkt im Augenblick besonders betrübend.« <172>

Weiterhin bestehen Abhängigkeiten der buchhändlerischen Organisationen zum Staat in der reduzierten Umsatzsteuer und in günstigeren Posttarifen für Büchersendungen. Während der Posttarif über den Untersuchungszeitraum hinweg offenbar unstrittig bleibt - sieht man einmal von dem Jahr 1962<173> ab -, wird die Mehrwertsteuer vor allem in den 50er und 60er Jahren zum Politikum.

Zwar ist Umsatzsteuer eine durchgehende Steuer, die an den Endabnehmer weitergereicht wird und das einzelne Unternehmen nicht belastet, sieht man einmal von dem erforderlichen Verwaltungsaufwand ab, doch führt eine steuerliche Bevorteilung gegenüber anderen Waren zu einem günstigeren Endverbraucherpreis und damit zu größerer Marktakzeptanz. Obwohl viele europäische Staaten das Buch generell von der Umsatzsteuer befreien oder zumindest einen ermäßigten Satz zugrunde legen, gelingt es dem deutschen Buchhandel erst 1961, die Umsatzsteuerreduktion für Bücher von vier auf eineinhalb Prozent durchzusetzen. Die jahrelangen Verhandlungen im Vorfeld haben, so Vorsteher Dodeshöner, »eine Fülle von Arbeiten im Gefolge gehabt«. Aus einer Rede von 1960 geht hervor, daß für diese politische ‚Arbeit’ vor allem das SgKM ‚Kultur’ als Argument herangezogen wurde.

»Was Rundfunk und Fernsehen recht ist, sollte für das Buch billig sein. Bei dem mehr als eine halbe Milliarde höheren Steueraufkommen im Jahre 1959 hätten die 20 Millionen Umsatzsteuernachlaß gewiß keine Rolle gespielt. Es ist wohl jedem unverständlich - wir haben das auch in Pressekonferenzen immer wieder erwähnt, daß ausgerechnet das Volk der Dichter und Denker dem Buch nicht die steuerliche Stellung einräumt, die ihm fast alle Kulturnationen gewähren.« (1960: A62).


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Ab 1963 gibt es erste Planungen der Regierung, die bisherige Bruttoumsatzsteuer im Zuge einer europäischen Harmonisierung auf das Nettoumsatzsteuersystem (Mehrwertsteuer) umzustellen. Letzteres besteuert lediglich die Wertschöpfung, die in jeder Handelsstufe entsteht. Obwohl dieses neue Steuersystem besonders den Einzelhändlern und damit auch dem Sortimentsbuchhandel zugute kommt, da es durch den Vorsteuerabzug die Liquidität der Firmen entlastet, trifft sie zunächst im Handel auf Skepsis und Ablehnung. Vor allem, da die Umstellung der Umsatzsteuer neue Steuersätze erfordert, befürchtet man, die gerade gewonnene steuerliche Bevorteilung könne dabei verloren gehen. Der Börsenverein betreibt daher von Anfang an eine starke politische Lobbyarbeit und darf 1966 in einem Offenen Hearing seine Wünsche nach einem generellen halben Mehrwertsteuersatz für Bücher, Zeitungen und Autorenhonorare dem Bundestagsausschuß vortragen. Auf die interne Forderung, auch buchhändlerische Anzeigen und Werbeausgaben in den halben Mehrwertsteuersatz einzubeziehen, verzichten die Lobbyisten aus taktischen Gründen, weil sie sonst das Anliegen »insgesamt durch solche Forderungen gefährdet hätten«. Die begriffliche Nähe von Werbung am Konsum, der den kulturfördernden Idealen entgegen stand (vgl. Themen), dürfte hier wohl mit der Gefährdung gemeint gewesen sein, da die Argumentationslinie allein auf den Kulturaspekt setzte. Aber es könnte auch die generelle Schwierigkeit widerspiegeln, mit diesem Argument in der Gesellschaft auf eine breite Zustimmung für eine solche Bevorzugung des Buchhandels zu stoßen, zumal der Börsenverein bemüht war, möglichst jede öffentliche Diskussion darüber zu vermeiden. Statt dessen wurde die Lobbyarbeit vielmehr im Verborgenen betrieben, wie dies die Stellungnahme von Friedrich Georgi 1967 nach der erfolgten Verabschiedung des Umsatzsteuergesetzes im Bundestag belegt:

»Dafür [sc. für die Berücksichtigung seiner Forderungen] hat der Buchhandel in erster Linie dem Deutschen Bundestag und dem Deutschen Bundesrat zu danken. Beide Institutionen haben erneut ihr Verständnis für die Wünsche unseres Berufsstandes bewiesen und anerkannt, daß Gegenstände des Buchhandels aus kulturellen und kulturpolitischen Gründen im Interesse der Allgemeinheit bevorzugt werden müssen. Nicht ein einziger Abgeordneter hat auch nur in einer Lesung des Gesetzes gegen diese Regelungen gestimmt. Das war das Resultat einer klugen Taktik, die aus Zurückhaltung bei der öffentlichen Proklamierung unserer Wünsche und sehr frühzeitiger, umfassender Kenntnis bei den Vertretern unseres Anliegens bestand. Wie leider üblich, ist diese Taktik des Börsenvereins von einigen Mitgliedern heftig und laut kritisiert worden. Diese versprachen sich von der Anfachung einer von der Presse in die Öffentlichkeit getragenen Diskussion größere Erfolgschancen.« (1967: A146)

Ein dritter großer Komplex in der Beziehung zwischen Staat und Buchhandel betrifft das Urheberrecht. Seit 1954 liegen Pläne der Regierung vor, das Urherberrecht zu novellieren und vor allem den Rechtsschutz des Autors gegenüber dem Verlag zu verbessern. Als es gegen Ende der 50er Jahre zu ersten Referentenentwürfen kommt, attestiert der Börsenverein generelle Tendenzen gegen die Interessen der Verleger und versucht mit entsprechender Lobbyarbeit (Denkschrift


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1963), die rechtliche Bindung des Autors an einen Verlag zu sichern. Mit der endgültigen Fassung der Novelle, die 1965 verkündet wird und 1966 in Kraft tritt, hat man sich entsprechend durchsetzen können:

»Der für uns wesentliche Kern ist der, daß die traditionellen Beziehungen zwischen Verleger und Autor gebührend berücksichtigt wurden. Der Grundsatz, daß der Verleger der nächste Partner des Autors ist, findet in dem Gesetzeswerk erneut seine Bestätigung.« (1965: A120)

Weiterhin wird in der Novelle die Schutzfrist von 50 auf 70 Jahre erhöht. In der Stockholmer Revisionskonferenz kann Deutschland seine Schutzfristerhöhung in der Berner Union absichern. Zu einem neuen Problem auf dieser Konferenz wird 1967 das ‚Stockholmer Protokoll’, das den Entwicklungsländern die Möglichkeit zu lizenzfreien Nachdrucken einräumen will, um damit den Wissenstransfer aus den Industrienationen zu beschleunigen. Der Börsenverein sieht die wirtschaftlichen Interessen seiner Mitglieder in Gefahr, interveniert erfolgreich und bewegt die Bundesregierung dazu, das Protokoll in dieser Form nicht zu ratifizieren. Akzeptiert wird eine Neufassung von 1971, die den betroffenen Verlagen zumindest eine international übliche Lizenzgebühr zusichert.

Ein Kardinalproblem der 70er Jahre wird neben zunehmenden nationalen Raubdrucken in der APO- und Studenten-Szene vor allem der Siegeszug der Xerokopie. Man sieht das Kopierwesen als wirtschaftliche Bedrohung vor allem für wissenschaftliche Verlage. Insbesondere das Kopierverhalten der Öffentlichen Hand, z.B. der Einsatz von fotokopiertem Unterrichtsmaterial in den Schulen, aber auch in Bibliotheken, wird als besonders gravierender Verstoß gegen das Urheberrecht gewertet. 1976 kommt es zu einem ersten Musterprozeß gegen das Land Bremen, der in zweiter Instanz vom Buchhandel gewonnen wird und den Behörden verbietet, mehr als sieben Fotokopien eines urheberrechtlich geschützten Werkes anzufertigen. Auch die Revision vor dem BGH verliert das Land Bremen zwei Jahre später. Eine zwischenzeitlich verfaßte ‚Denkschrift’, mit der der Buchhandel für sein Anliegen wirbt, führte zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen Buchhandel und Bibliothekswesen. Dieses antwortete mit einer Gegendenkschrift, in der das Betreiben des Buchhandels als »unnötig, unberechtigt und informations- und wissenschaftsfeindlich« verurteilt wurde und den Buchhandel dazu nötigte, seinerseits mit einer weiteren Gegenschrift zu antworten. Vorsteher Keller sprach 1979 gar von »Freunden und momentanen Gegnern«.<174>

Da sich das Kopierwesen aber trotz Rechtsprechung in der Praxis nicht mehr eindämmen ließ, drängte der Buchhandel auf die Schaffung eines Gesetzes, das dem Buchhandel und den Autoren zumindest zu einer angemessenen Entschädigung in Form einer Kopierabgabe verhelfen sollte. Mit dieser Abgabe sollte zugleich der Einzelpreis einer Kopie derart verteuert werden, daß sich das Kopie-


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ren von größeren Mengen nicht mehr rentieren würde und damit dem »Kopierunwesen« von selbst Einhalt geboten werde. Ein erster Referentenentwurf, der 1980 von der Bundesregierung in Auftrag gegeben und ein Jahr später veröffentlicht wurde, geht dem Börsenverein nicht weit genug. In den Zeiten der Rezession weigern sich die Länder, einen Gesetzesentwurf zu unterstützen, der durch hohe Kopierabgaben die Haushalte zusätzlich belasten würde. Nach dem Regierungswechsel 1982 und dem proklamierten Sparkurs änderte sich diese Haltung nicht. Vorsteher Christiansen klagte ein Jahr später:

»Sieht man dann, daß der Regierungsentwurf Vergütungen für das Vervielfältigen urheberrechtlich geschützter Texte von zwei bzw. vier Pfennig pro Seite vorschreiben will, die der Bundesrat noch halbieren möchte, dann wird deutlich, daß Verleger und Autoren auch nach der Novellierung des Gesetzes nicht annähernd einen Ausgleich für das bekommen werden , was ihnen durch das Kopieren an Einnahmen entgeht.« (1983: A389).

1984 wird wiederum die Kultur ins Feld geführt. Es ginge nicht um die Höhe der Kopierabgabe, sondern darum, die Primärliteratur (»also das, was unsere Verleger veröffentlichen und unsere Buchhändler verbreiten«)<175> zu schützen. Von der Regierung indes wird weiterhin kein Entgegenkommen gezeigt, etwas zur Eindämmung des Kopierwesens zu unternehmen, vielmehr will man es gar unbegrenzt zulassen. Der Börsenverein reagiert abermals mit einer Denkschrift, »diesmal in roter Farbe, um die Öffentlichkeit zu alarmieren«.<176>

Trotz massiver Proteste des Börsenvereins kann er sich mit seiner Forderung nicht durchsetzen. Die 1986 beschlossene Novelle des Urheberrechts sieht lediglich eine zusätzliche Abgabe für Gerätehersteller vor, während die Kopien selbst für den Verbraucher äußerst günstig bleiben.

Betrachtet man alle drei Teilbereiche - Kartellrecht, Steuern und Urheberrecht - im Überblick (Tab. 11), kann man eine besondere Massierung von Problemen mit dem Staat für die Zeiträume ca. 1959 bis 1969 und ca. 1978 bis 1988 feststellen, während in den frühen 70er Jahren vornehmlich Probleme zu verzeichnen sind, die nicht unmittelbar den Staat betreffen.


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Tab. 11: Abhängigkeit des Buchhandels vom Staat


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3.2.2 Perioden und Themen

Die unter 3.2.1 beschriebenen strukturellen Rahmenbedingungen und die daraus resultierenden Probleme des Buchhandels könnten nun - folgt man der Ausgangshypothese - insbesondere durch den Einsatz und den Aufbau von Lesekultur neutralisiert werden, und zwar nicht durch den Aufbau einer wie auch immer gearteten realen Lesekultur im positivistischen Sinne, sondern durch den Aufbau von Lesekultur als SgKM.

Im folgenden sollen nun in einem historischen Abriß Themen und Ereignisse vorgestellt werden, die im Börsenblatt direkt oder indirekt auf die Stichwörter Lesen, Leser, Lesekultur und Leseförderung verweisen. Dafür ist es wichtig, nochmals darauf hinzuweisen, daß die Quellen, die dem Börsenblatt entstammen, keineswegs ausschließlich den Buchhandelssystemen zuzuordnen sind. Vielmehr enthalten die Beiträge Informationen, die für sehr viele soziale Systeme Relevanz besitzen. Der Einfluß der Buchhandelssysteme beschränkt sich vor allem auf die Selektion der Beiträge und damit der Informationen. Die Bereitstellung (Finanzierung und Organisation) von redaktionellem Raum für Kommunikationsofferten, die das Traditionssystem Lesekultur unterstützen, gehört zu einer direkten Leistung der Buchhandelssysteme an das Traditionssystem.

Grundsätzlich läßt sich feststellen, daß das Lesen in den ersten rund 15 Nachkriegsjahren vornehmlich unter qualitativen Aspekten thematisiert wurde, und zwar sowohl inhaltlich (‚das gute Buch’ versus ‚Schmutz und Schund’) als auch hinsichtlich des Persönlichkeitsbildes und der Moral, die einen Leser bei der Lektürewahl und während des Lesens charakterlich auszeichnen sollten. Diese qualitative Ausrichtung wurde seit 1963 beinahe schlagartig durch eine quantitative Thematisierung abgelöst. Als markantes Ereignis zur Datierung bietet sich die erste Veröffentlichung einer vom Börsenverein in Auftrag gegebenen repräsentativen Trendstudie zum Leseverhalten der Bevölkerung an (1963: A98). Seither wird Lesen in zeitlichen Maßeinheiten oder in gelesenen ‚Bucheinheiten’ quantifiziert und die gemessenen Ergebnisse anderen Freizeitaktivitäten gegenübergestellt. Dadurch werden vor allem Konkurrenzszenarien zu anderen Massenmedien (vor allem zum Fernsehen) und Kommunikationsarten konstruiert, die bis zum Ende des Untersuchungszeitraums Bestand behalten. Der qualitative Aspekt bleibt hierbei natürlich nicht ausgeschlossen, aber er verlagert sich latent in die Erhebungs- und Interpretationsmodelle, die sich hinter den absoluten Prozentangaben verbergen. Die


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vermeintlich objektiven Ergebnisse,<177> meistens durch das irreführende ‚Qualitätssiegel’ der Repräsentativität<178> unterstützt, führen zu eindeutigen Aussagen wie:

»Drei Tatsachen stehen also unabweisbar vor uns: Das Lesen ist rückläufig. Die Verbreitung des Fernsehens hat das Lesen eingeschränkt. Von dieser Verdrängung ist vor allem das Lesen von Büchern betroffen.« (1963: A98),

die letztlich zu Leitthemen für die weiterführende Kommunikation werden, obgleich diese Aussagen aus wissenschaftlicher Sicht nicht begründet werden können und sie ihre Funktion wohl eher im Aufbau eines Bedrohungsszenarios gegen die Kontingenzformel des Traditionssystems Lesekultur haben.<179>

Mit dem Jahr 1968 wird die quantitative Periode durch eine Kampagne ‚Politik für das Buch’ ergänzt, mit der Einfluß auf das staatliche Erziehungswesen genommen werden soll, um die Zahl der Leser zu vermehren. Die Themen beschäftigen sich hier vor allem mit den Vorzügen und Funktionen des Lesens gegenüber anderen Freizeitaktivitäten. 1976 erfährt die ‚Politik für das Buch’ ihre Institutionalisierung mit der Gründung der Deutschen Lesegesellschaft (DLG), mit deren maßgeblicher Unterstützung sich der Buchhandel eine Bündelung der Leseförderungsaktivitäten erhofft. In der Rezession Anfang der 80er Jahre kommt es zum Bruch des Börsenvereins und des Hauptfinanziers Bertelsmann mit der Lesegesellschaft und zur Umwandlung der Gesellschaft in eine Stiftung, die sich bis 1987/88 hinzieht. In der Zwischenzeit engagiert sich der Börsenverein stark in eigene, publikumswirksame Leseförderungskampagnen, die dem modernen Event-Marketing entsprechen. Am Ende des Untersuchungszeitraums gelingt es


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dem Börsenverein, das Thema Leseförderung über die SPD-Opposition zum staatspolitischen Problem werden zu lassen und in folge daraus erhebliche staatliche Mittel für Leseforschung zu akquirieren.

3.2.2.1 1950-54: Aufbaujahre

Die ersten vier Jahre des Untersuchungszeitraums liegen noch in der Konsolidierungsphase des Buchhandels, der nach Einführung der neuen Währung 1948 und dem Ende der Mangelwirtschaft seine Handels- und Organisationsstrukturen rekonstruieren mußte. Obgleich das Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel seit 1945 wieder erschien, konnte sich der Börsenverein, von alliierter Seite zunächst aus kartellrechtlichen Gründen verboten, als bundesweite Branchenorganisation erst 1955 in der heutigen Form neu formieren. In den Jahren zuvor bestand unter ähnlichem Namen (»Börsenverein Deutscher Verleger- und Buchhändlerverbände«) eine provisorische Organisation als Zusammenschluß der Landesverbände.<180> Auch das Handelssystem entsteht in dieser Zeit sukzessive neu. Beide Umstände zusammengenommen bieten in diesem Zeitraum noch keine Grundlage für konzertierte Lobbyarbeit und Leseförderungskampagnen.

In den vergleichsweise noch dünnen Jahrgängen der frühen 50er Jahre thematisiert das Börsenblatt Lesen und Lesekultur kaum direkt (nach Titel oder Index). Lediglich in Zusammenhang mit Beiträgen zu Jugendliteratur, Bildung und dem geplanten ‚Schmutz und Schund Gesetz’ der Regierung findet man Definitionen von dem, was man unter Lesen und Lesekultur versteht. Eben diese Themen sind es aber auch, die in den folgenden Jahren und Jahrzehnten in verschiedener Intensität weiterhin mit Lesekultur konnotieren.

Die nach der Währungsreform sprunghaft angestiegene Nachfrage nach ‚Groschenromanen’, deren ästhetische und moralische Qualität nach den Maßstäben der damaligen intellektuellen Meinung als bedenklich und sittenfeindlich eingestuft wurde, führte auf politischer Ebene zu ernsthaften Erwägungen, die Verbreitung dieser Publikationen durch ein Gesetz zu verbieten oder zumindest stark zu reglementieren. In der Diskussion 1950 um die Novelle des §184a des StGB, dem sogenannten ‚Schmutz und Schund Gesetz’, stellte sich der Vorstand des Börsenvereins gemeinsam mit einigen namhaften Schriftstellern (z.B. Erich Kästner, 1950: A5) und Schriftstellerorganisationen bei den Kultusministerien gegen dieses Vorhaben. Obgleich man es als dringend geboten erachtete, gegen die wachsende Popularität der Trivialliteratur zu intervenieren, rechnete man unter dem Eindruck der gerade überwundenen Herrschaft der Nationalsozialisten die potentiellen Gefahren einer staatlichen Zensur auf der Grundlage dieses Gesetzes als schwerwiegender an.


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»Wir Buchhändler sind der Meinung, daß im Kampf gegen die in solchen Krisenzeiten immer anschwellende zweifelhafte Literatur mit Verboten nicht viel ausgerichtet wird. Wir vermissen hingegen weitgehend positive Maßnahmen, die zur inneren Gesundung beitragen können, und dazu zählen wir z.B. Volks-, Schul- und Jugendbibliotheken«. (1950: A3)

Diese Forderung nach ‚positiven Maßnahmen’ im Sinne einer Aufstockung der Bibliotheksförderung<181> ist gleichwohl nicht ganz uneigennützig zu verstehen. Im Gegensatz zu der Gesetzeslösung läßt sich durch die staatliche Subventionierung der Bibliotheken indirekt das Buchhandelsgeschäft beleben, und zudem vermeidet man, daß auch seriöse Buchverlage in strittigen Fällen mit dem Gesetz in Konflikt geraten.

Die Politik entsprach den Bedenken von Autoren und Buchhändlern und nahm die Novelle in der ursprünglichen Form noch im gleichen Jahr von der Tagesordnung. Eine gesetzliche Regelung wurde aber weiterhin angestrebt, jedoch eingeschränkt auf den Kinder- und Jugendschutz. 1953 wurde ein entsprechendes Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften ohne Widerstand des Buchhandels verabschiedet.<182>

Im Zusammenhang mit den ‚positiven Maßnahmen’ wird in einigen Quellen bereits herausgearbeitet, welche gesellschaftlichen Werte konkret bedroht werden und wofür der Staat in die Pflicht zu nehmen ist. Der Topos ‚Schmutz und Schund’ entfernt sich von der ursprünglichen Bedeutung im Sinne von ‚Unzüchtigem’ (Pornographie und Gewaltverherrlichung)<183> und wird immer häufiger<184> synonym verwandt zum Werteverfall in der Literatur und in der Bevölkerung. Unter dem Titel »Fragen an unsere Buchkultur« wird in 1950: A8 eine Verbindung zwischen brancheninternen Problemen und ‚dem Leser’ als Repräsentant der Gesamtbevölkerung konstruiert, ihm sogar letztlich die Ursache für eine kulturelle Bedrohung zugeschrieben:

»...so bereitet der Leser uns Sorge und Kummer. Er versucht, den Eigenwert von Geist in Dichtung und Wissenschaft seinem Milieu und dem Opportunismus seiner

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Lebenshaltung anzubequemen. Er versucht darüber hinaus, die Welt seiner Vorstellungen und Wünsche auf die Literatur zu übersetzen und - hier beginnt die Krise - ein wirksames Veto gegen Schrifttum anzuwenden, das Forderungen erhebt, die er mangels Einsicht nicht billigen oder vollziehen kann. Im Ringen mit dieser Mentalität vollzieht sich der innere Kampf des Verlags bei der Planung und der äußere Kampf des Buchhandels beim Absatz entscheidender Literatur. Es ist der Kampf gegen den 2 Mark 85-Typus, gegen den Einheitsgeschmack, gegen die optisch-akustische Verharmlosung und Verwässerung innerer Gehalte. Erfolgreicher Kampf aber nur, wenn weder Autoren noch Verleger noch Buchhändler sich vom Publikumsgeschmack bestechen lassen, wenn alle drei Partner zu Gunsten einer abschnittsweisen Zurückeroberung großer Haltung in großer Sprache auf lockende Vorteile verzichten«. (1950: A8)

Die hier geführte Diskussion um die literarische Verantwortung der Verlage, Buchhändler, Bibliothekare und Lehrer gegenüber dem Volk und seiner Jugend ist allerdings keineswegs neu. Interessanterweise erfährt sie, nach kriegsbedingter Pause, eine direkte Fortsetzung in der Nachfolge des intellektuellen ‚Kulturkampfs’, den Volksbibliothekare, Lehrer-, Kirchen- und Sittlichkeitsvereine und der Primärbuchhandel seit der Gründerzeit gegen Kolportage- und Serienromane fochten. Damals begann mit der rein kommerziell geführten Massenproduktion dieser Broschüren die moderne Unterhaltungsindustrie, gegen die das belehrende und moralisierende Schrifttum der Volksbildner sowohl hinsichtlich der Marktdurchdringung (die Serienromane erschienen z.T. in Millionenauflagen) als auch im Preis hoffnungslos unterlegen waren, und damit dem pädagogischen Kalkül der Einfluß entzogen wurde. Nicht zuletzt der Konkurrenzdruck der Kolportageschriften untereinander führte dazu, daß sich deren Inhalte immer mehr den sittlichen Tabus der damaligen Epoche annäherten und sie zuweilen überschritten, um mit dem Reiz des Verbotenen, Unerhörten, neue Abonnenten zu gewinnen. Der Gegenseite wurde damit genügend Angriffsfläche geboten, den Kampf gegen ‚Schmutz und Schund’ zum parteiübergreifenden Thema zu machen und Zensurmaßnahmen zu erwirken.<185>

Im Gegensatz zu den Volkserziehern der Vorkriegszeit gilt die Sorge in den 50er und 60er Jahren aber weniger dem erwachsenen Bundesbürger und seinen Lesegewohnheiten, wenn man einmal von kurzen Seitenblicken auf die Arbeiter- und Bauernschaft absieht, sondern vielmehr der Jugend als noch erziehungsfähiger Komponente. Allerdings bleiben pädagogische Beiträge in der ersten Periode noch rar, weisen aber bereits thematisch die Richtung, die in den folgenden zehn bis fünfzehn Jahren die Diskussion bestimmen wird. So wird von einer Schüleraktion an der Straubinger Oberrealschule berichtet, bei der unter der Devise »Jugend kämpft für das gute Buch« das Ziel verfolgt wurde, »jene billigen Heftchen, die sich hochtrabend Kriminal-, Abenteuer- oder Zukunftsromane nennen, aus dem Gesichtskreis der Jugendlichen zu verbannen, und an ihre Stelle Werke guter Er-


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zähler zu setzen.«<186> In den Pausen werden mit einem Bücherwagen ebenfalls billige Hefte mit jedoch ‚gutem’ Inhalt angeboten.

3.2.2.2 1955-62: Kitsch, Schmutz und Schund

Zum dominierenden Topos wird ‚Schmutz und Schund’ aber erst wieder durch die wachsende Popularität von Comics ab 1955. Während die Frage: wieviel Trivialität darf man den Jugendschriften gefahrlos zubilligen, zuvor durchaus kritisch und ohne klare Linie diskutiert wurde (1951: A10, A12), bot diese Literaturgattung nun eine klar umrissene Projektions- und Sammelfläche, anhand derer sich der literarische Werteverfall versinnbildlichen und durch seine materiale Erscheinungsform symbolisch codieren läßt. Der Comic erscheint in substantiell billiger Heftchenform, sein Inhalt ist nicht von bleibendem Wert, seine Rezeption erfordert durch die Bildunterstützung weniger Konzentration (‚Anstrengung’), die Handlungsmuster der Geschichten sind trivial und gaukeln eine phantastische, irreale Welt vor anstatt dem Leser eine moralische Anleitung für seinen realen Lebensweg zu geben.<187> Schließlich werden Comics (zur damaligen Zeit) auch nicht im Buchhandel, sondern an Kiosken verkauft, es entsteht somit eine Konkurrenzsituation auf dem Markt der Jugendschriften.

»Was sind comics? Es wird kaum nötig sein, die Folgen von künstlerisch höchst minderwertigen Bildchen vorzustellen, denn jeder von uns hat sie schon einmal in der Hand gehabt. Texte sind hier auf ein Minimum beschränkt. Meist spielen sich die „Dialoge“ in knappster Form ab; in Bläschen, die aus den Köpfen der handelnden Personen emporsteigen, sind sie in kindlicher Manier - oft auch mit orthographischen Fehlern - eingeschrieben. Komisch sind die wenigsten »comics« (was man doch eigentlich annehmen sollte). Die meisten spielen in einer höchst zwielichtigen Welt, unter Verbrechern und Ganoven oder in einer phantastischen Zukunft, vor der einem nur grauen kann. Die „Helden“ dieser Bildgeschichten sind roh und primitiv, daß ein Mensch mittlerer Intelligenz sie kaum ernst nehmen wird.« (1955: A25)


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Ein Jahr später wird von einer vorbildhaften Umtauschaktion eines Buchhändlers aus Rodenkirchen bei Köln berichtet, der auf eigene Rechnung je fünf Schundhefte gegen ein gutes Jugendheft eintauscht und dreißig Schundhefte gegen ein gutes Jugendbuch. Die Aktion wird gut angenommen und der Buchhändler berichtet von dauerhaften Abonnenten des Jugendhefts, die er auf diese Weise neu gewinnen konnte.<188> Getreu dem Motto: »Die Jugend von heute ist der Buchkäufer von morgen«, erfolgt die Aufforderung »An das deutsche Sortiment!«, »die guten Heftchenreihen mehr zu empfehlen, um so dem minderwertigen Schrifttum etwas Positives entgegenzusetzen.«.<189> Die Comic-Hysterie ist kein nationales Problem. In Dänemark, so berichtet das Börsenblatt, sei bereits ein Gesetzesvorschlag zur »Bekämpfung minderwertigen Schrifttums« eingereicht worden, nachdem man feststellen mußte, daß lediglich die Börsenzeitung noch ohne täglichen Comic-Strip erschien. Der Gedanke, dieses Gesetz könne einer Zensur gleichkommen (wobei man das Wort ‚Zensur’ pointiert in Parenthese setzt) entgegnet man mit dem Hinweis, die Redaktionen sollen »durch die Tat - in diesem Falle durch das Fortlassen der Comic-Streifen - beweisen«, daß Zensur unnötig sei.<190> In England hat man bereits mit der Umsetzung von Literaturklassikern in Bildergeschichten begonnen, doch kritisiert man, die Kinder würden so daran gehindert, ihre »Einbildungskraft zu entfalten«. Zudem würden es die Verleger noch nicht einmal bestreiten, »daß ihre Ausgaben in erster Line dazu bestimmt sind, die Leser zu unterhalten«.<191> Nach 1956 tritt das Thema ‚Comic’ wieder stärker hinter den allgemeinen Topos ‚Schmutz und Schund’ zurück, der dann selbst Anfang der 60er Jahre zunehmend durch die Thematisierung des Fernsehens abgelöst wird.

Unter dem Themenkomplex ‚literarischer Werteverfall’ wird die Diskussion um ‚Kitsch, Schmutz und Schund’ weitergeführt. Strittig bleibt die Frage, wie neben der sittlich anstößigen oder Gewalt darstellenden Literatur die normale, ‚kitschige’ Trivialliteratur in ihrer Wirkung auf Jugend und Gesellschaft einzuschätzen sei. Hier deckt sich die Thematik mit den Beiträgen in BuB, doch bleiben die Stellungnahmen im Börsenblatt vergleichsweise selten.

Meinold Wewel berichtet von verschiedenen pädagogischen Methoden in der Schule, mit denen die Kinder zum »gesunden Urteil« über Literatur erzogen werden sollen. Gemeinsam mit dem Lehrer sollen sie einen Katalog von Merkmalen zur Indizierung von Kitsch und Schund erarbeiten. In der Zielsetzung wird zwischen Trivialliteratur und ‚guter Literatur’ weiter nach bekanntem Muster polarisiert.


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»Der Leser [von Trivialliteratur] wird betrogen, nicht nur um sein Geld, sondern auch um die Wahrheit. Ihm wird ein stupides Schicksal vorgesetzt, das es gar nicht gibt. Zudem werden alle die echten lebendigen Flüchtlinge, Soldaten, Fabrikbesitzer, Stenotypistinnen, Ärzte etc. glattweg verleumdet, ja das Leben selbst wird verleumdet durch dieses Scheinleben ohne Farbe, ohne Größe, ohne Abenteuer, das wie süße, abgestandene Limonade schmeckt«. (1959: A53)

Dieser Artikel löst einen heftigen und sich über einen längeren Zeitraum hinziehenden, stark polemisierten Disput dreier meinungsführender Volksbibliothekare aus, in dem der alte Richtungsstreit zwischen Ackerknecht und Hofmann noch eine letzte Fortsetzung findet<192> und dem das Börsenblatt großzügigen redaktionellen Platz einräumt. Johannes Langfeldt kritisiert jede Generalisierung von Literatur, da ihre Wirkung immer von den Voraussetzungen des Rezipienten abhängig sei. Man dürfe daher keine Attribute wie ‚verlogener’ oder ‚unwahrhaftiger’ Kitsch verwenden.<193> Brigitte Fricke entgegnet, es gebe durchaus objektive Kriterien, die Lektorate zur Bewertung eines Manuskripts als kitschig berechtigen. Kitsch sei für das Kind nur eine »Vor- oder Primitivform einer Entwicklungsstufe in der Geschmacksbildung«, die es auf Dauer überwinden lernen müsse.<194> Langfeldt verweist daraufhin auf Märchen, die mit Verweis auf Ackerknecht ebenfalls die Merkmale für Kitsch aufweisen, aber in der literarischen Öffentlichkeit nicht als Kitsch bewertet werden.<195> 1961 schaltet sich Joseph Peters in die Diskussion ein und unterzieht die geäußerten Positionen von Fricke und Langfeldt einem kritischen Resümee. Dabei unterscheidet er »unkünstlerische Schönliteratur« wie Märchen von der Kitschigkeit an sich, deren »Unwertigkeit ihren Grund in einem Mangel an Wahrhaftigkeit und Echtheit hat«. Trotz aller Schwierigkeit, dies im einzelnen zu beurteilen, sei Kitsch objektiv zu erkennen und fordere pädagogisches Handeln gegen »die Flut gleichgültigen, minderwertigen und schädlichen Schrifttums [...], die sich Jahr um Jahr über die heutigen Menschen und über unsere Jugend ergießt« und dazu beitrage, daß »ursprünglich gesundes Empfinden für literarische und menschliche Werte verbogen und fehlgeleitet werden«.<196> Mit diesem Beitrag fand der Disput ein Ende. Auffällig ist die vergleichsweise neutrale Argumentation Langfeldts und die harschen verbalen Attacken der beiden konservativen Gegenspieler, deren Wortschatz zuweilen an die lingua tertii imperii erinnert. Doch an anderer Stelle schließt sich Langfeldt dem sprachlichen Duktus der anderen an:

»Wir werden aus den Einsichten deutlicher den Weg zu einer guten Volksliteratur erkennen, deren wir so dringend bedürfen, angesichts der geschäftstüchtigen Aus-

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nutzung durch eine Afterliteratur, welche skrupellos Schmutz und Schund verwendet, um den dagegen wehrlosen Leser einzufangen und dann zu vergewaltigen«. (1961: A83)

1962 wird berichtet, das Schulamt im Kreis Hilpoltstein habe die 5.-8. Klassen der Volks-, Mittel- und Berufsschulen befragt und festgestellt, »daß von 44 Volksschulorten nur 16 [...] von Schundheften unbefallen waren«. Der Kreistag beschließt daraufhin einstimmig, jene Schreibwarengeschäfte beim Kauf von Bürobedarf zu boykottieren, die weiterhin »Kitsch- und Schundlesestoffe führen.«<197> Auch hier gibt es ein historisches Vorbild. Schon 1908 hatte das Bayerische Staatsministerium des Innern für Kirchen und Schulangelegenheiten die Boykottierung von Geschäften angedroht, die derartige Literatur in ihren Schaufenstern ausstellen.<198>

Eng verwoben mit der Thematik ‚literarischer Werteverfall’ ist die Thematik ‚Förderung des Jugendbuchs’. Während ‚Schmutz und Schund’ eine geradezu diabolische, charakterzersetzende Wirkung nachgesagt wird,<199> ist das ‚gute Jugendbuch’ darauf ausgerichtet, für die Jugend charakterfördernd zu sein. »Jede Form einer literarischen Jugendhilfe hat das Ziel einer „tiefgehenden Verwandlung auf das Selbst hin“«, heißt es auf einer literaturpädagogischen Arbeitswoche.<200> Der Beurteilung, welche Literatur diesem Anspruch gerecht wird, nehmen sich zahlreiche Institutionen an. Besonderes hervorgehoben wird das Engagement des Landesjugendamts Rheinlandpfalz, das 1956 einen nationalen »Arbeitskreis für Jugendschrifttum« ins Leben rief, um die zahlreichen lokalen Initiativen zu bündeln und konkrete Weiterbildungsmöglichkeiten für Pädagogen, Bibliothekare und Buchhändler anzubieten (»Wege zum Jugendbuch«). Im gleichen Jahr gründete der Börsenverein ebenfalls in Kooperation mit Erziehern das »Deutsche Jugendschriftenwerk« mit der Absicht, eine sogenannte »Weiße Liste«<201> empfohlener Taschengeld-Literatur zu erstellen und sie als Handreichung Eltern und Erziehern zukommen zu lassen. Es gelingt dem Buchhandel zudem, die »Jugendbuchwoche«


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als jährliche, nationale Werbekampagne zu installieren, die gemeinsam mit staatlichen Bildungseinrichtungen organisiert wird.

Seit 1959 erwuchs aus der Jugendbuchwoche der sogenannte ‚Vorlesewettbewerb’ als erfolgreichste Werbeveranstaltung des Buchhandels mit der größten Breitenwirkung für das Traditionssystem Lesekultur. Der Wettbewerb, der noch bis heute Bestand hat, erreichte seine Popularität ausgerechnet durch das später abgelehnte Fernsehen. Der Bundesendausscheid wurde live gesendet und damit zum nationalen Ereignis, der Sieger zum nationalen Held. Er gewann eine Reise an den Bodensee, wo er »von der Stadtkapelle samt Verkehrsdirektor mit großem Bahnhof empfangen wurde«.<202> Auch die Kopplung der Politik gelingt von Anfang an. Die Schirmherrschaft des Bundespräsidenten, der höchsten Instanz der Republik, verleiht dem Unternehmen hohe Reputation, der sich auch die einzelnen Kultusministerien der Länder bereitwillig fügen und die Schulen der Öffentlichen Hand eine Ausnahmegenehmigung erteilen, um die Vorentscheide im Rahmen des Unterrichts durchzuführen. Rheinland-Pfalz verweist, wie andere Bundesländer auch, als Begründung auf die Kontingenzformel des Traditionssystems:

»Da der Vorlese-Wettbewerb der Förderung des guten Buches dient, empfehlen wir die Teilnahme an dem Wettbewerb. Aus diesem Grunde sind wir auch entgegen unserer sonstigen grundsätzlichen Einstellung bereit gewesen zuzugestehen, daß innerhalb des Unterrichts die erste Bewertung vorgenommen wird«. (1961: A80)

Dennoch erreichen die Initiatoren der Aufklärungskampagnen ihr Ziel offenbar nicht in erwartetem Umfang. Der ideologisch offensiv geführte Kampf gegen Schmutz und Schund gerät in einen Konflikt zwischen Kontrolle und Freiheit. Zum einen ist es Ziel, »die Jugend zur freien guten Buchauswahl zu befähigen«,<203> zum anderen wird die propagierte Freiheit von der Wahl des Richtigen, des institutionell Vorgegebenen abhängig gemacht. Damit unterscheidet sich die Leseförderungsaktivität der Erzieher und Buchhändler in der Grundstruktur der Kommunikation in keiner Weise von anderen, politischen oder weltanschaulichen, Ideologien. Im Gegensatz zu totalitär geführten Gesellschaften fehlt den Literaturideologen die staatliche garantiere Macht zur Durchsetzung der eigenen Anschauung. Es kann nur um Allianzen mit der Politik geworben werden, und auch bei grundsätzlicher Übereinstimmung der moralischen Ziele auf beiden Seiten setzt die demokratische Grundordnung nur schwer zu überwindende Schranken, die einem Machtzugriff des Staates verhindert. Um jedem Einwand zu unterbinden, man wolle durch Zensur Grundrechte verletzen, versuchen die Kampagnen durch Hervorheben des ‚guten Jugendbuches’ und Verächtlichmachen der anderen Literatur die öffentliche Meinung auf subtile (‚positive’) Weise zu beeinflus-


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sen. Aus »psychologischen Gründen« lehnt man es deshalb auch ab, die Jugendbuchwoche zur Hervorhebung des vermeintlichen Ernstes der Lage in »Jugendschutzwoche« umzubenennen.<204> Angesichts sinkender Produktionszahlen im präferierten Jugendbuchbereich<205> und der weiter zunehmenden Medienkonkurrenz wird der Wunsch nach einem staatlichen Eingriff unüberhörbar.

»Ein durchschlagender Erfolg muß aber leider diesen Personen und Institutionen solange versagt bleiben, solange nicht vom Staat her soviel für das Jugendschrifttum getan wird, um damit das weitere Vordringen der Riesenauflagen von Comics und übelster Kriegsgroschenliteratur zu verhindern. Es würde zu weit führen, z.B. die Mängel der Bundesprüfstelle mit ihrem langdauernden Antragssystem aufzuführen. Solange nicht eine Zentralstelle geschaffen wird, die den Markt des Schrifttums laufend überwacht und bei evtl. Verstößen sofort wirksame Anträge stellt, bleiben viele Bemühungen im Ansatz stecken«. (1961: A70)

3.2.2.3 1963-68: Fernsehen und Bildung

Auch ab 1963 bleibt die Diskussion um den Werteverfall in der Gesellschaft ein zentrales Thema, allerdings tendiert sie nun vermehrt zur Klage über den Verlust allgemeiner Werte, die für die Stabilität einer bestimmten Form von Lesekultur als nötig erachtet werden. Die Ursache wird, unter Verweis auf die empirischen Ergebnisse der Buchmarktforschung, dem Fernsehen zugeschrieben. Fernsehen, Buchmarktforschung und Werteverfall bilden gemeinsam einen Themenkomplex, der über die Stichworte ‚Konsum’ und ‚Freizeitverhalten’ mit dem zweiten großen Thema ‚Lesen und Bildung’ verknüpft ist, gerade im Hinblick auf die politische Diskussion um den sogenannten ‚Bildungsnotstand’ der Nation.

Bis 1961 wird das Fernsehen und seine Wirkung auf das Volk und sein Leseverhalten zwar argwöhnisch, aber mit abwägenden, auf Neutralität bedachten Wertungen beobachtet. Um das Thema abzugrenzen, muß an dieser Stelle nochmals ein zeitlicher Rückgriff auf die 50er vorgenommen werden. Der Einzug der Fernsehempfänger in die bundesdeutschen Haushalte begann mit der Ausstrahlung des ersten Fernsehprogramms ab 1952. Die Zahl (der damals noch genehmigungspflichtigen) Fernsehempfänger stieg von 1524 Geräten im Jahr 1953 zwar sprunghaft an, erreichte aber erst fünf Jahre später mit einer Zahl von 1,5 Millionen Geräten<206> eine Größenordnung, die sich in der Gesamtbevölkerung bemerkbar machte und Anlaß zur Kommunikation über potentielle Wirkungen des neuen Massenmediums gab.

Besonders der Blick in die USA, wo sich das Fernsehen längst etabliert hatte, und in andere Industrienationen wie England oder Australien, sollte zur Prognose


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möglicher Auswirkungen auf die deutsche Gesellschaft Erkenntnisse liefern, zumal dort bereits die ersten sozialpsychologischen Untersuchungen vorgelegt wurden. So wurde aus England gemeldet, daß Kinder und Jugendliche zwar anfangs zu Lasten des Buches vermehrt fernsähen, aber nach »einigen Fernsehjahren« das Interesse am Buch sogar stärker sei als vor Anschaffung des Fernsehers. Zudem würde durch das Fernsehen das »Lesen von Comics [...] auf ein „natürliches Maß reduziert“« und der Lesegeschmack der Jugendlichen verbessert.<207> ‚Publisher‘s Weekly’ wird zitiert, wonach sich in den USA durch buchorientierte Fernsehsendungen neues Leserklientel gewinnen habe lassen.<208> Auch aus Schweden wird berichtet, daß man dort das Fernsehen nicht als Konkurrenz zum Buch betrachte, gleichwohl leide der Absatz teurer Bücher, da die Menschen wegen der Ratenzahlungen zur Finanzierung der Fernsehgeräte zum Sparen angehalten seien.<209> Die Gegenseite indes beginnt bereits über ein quantitatives Konkurrenzszenario Buch gegen Fernsehen nachzudenken: »Jeder Mensch«, so die Grundlogik, »[...] hat nur ein bestimmtes Maß an Freizeit verfügbar. Wird er in Zukunft teilweise durch das Fernsehen beansprucht, dann scheint es unvermeidlich, daß der Lesestoff darunter leidet.«<210> Allerdings, so wirft ein anderer Autor ein, sei damit nicht gesagt, daß die für das Fernsehen verwandte Zeit überhaupt für das Lesen aufgewendet worden wäre, Fernsehen ginge generell auf Kosten der vielfältigsten Möglichkeiten der Freizeitgestaltung. Doch im Wettbewerb um die Freizeit, so eine weitere Befürchtung, könne das Buch durch andere Medien teilweise substituiert werden und damit seine Rolle als Leitmedium der Gesellschaft einbüßen.

»Wesentlicher jedoch für die Beurteilung des wachsenden Konsums dieser Publikationsleistungen [Fernsehen, Radio, Illustrierte] ist die Frage, ob die Menschen, die am Radio oder Bildschirm sitzen oder Zeitung und Illustrierte lesen, noch genügend Zeit und Aufnahmefähigkeit für das Buch haben, oder ob der Bedarf an Unterhaltung und Bildung damit bereits derart gedeckt wird, daß die Gefahr besteht, das Buch in eine untergeordnete Rolle zu drängen«. (1958: A40)

Obwohl im wesentlichen die Positionen zu den positiven und negativen Wertungen des Fernsehens bereits in diesen wenigen Beiträgen ab 1958 festgelegt wurden und sie sich im wesentlichen bis zum Ende der 80er Jahre nicht veränderten,<211> bleiben die kritischen Stellungnahmen zunächst abwartend und abwägend. Dies ändert sich jedoch ab 1963 beinahe schlagartig. Eine erste große repräsenta-


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tive demoskopische Umfrage<212> scheint die Befürchtungen der Pessimisten zu bestätigen. Je mehr Fernseher, so lautet die einfache Formel, desto weniger Leser, und das bedrohe den Buchhandel. Interessanterweise wird nicht etwa ein wirtschaftliches Defizit prophezeit (derartige Prognosen kommen erst später), vielmehr wird vordergründig der Verlust der sozialen Stellung des Buchhandels zum Thema:

»Was der Abschied vom bürgerlichen Zeitalter für das Selbstbewußtsein des Buchhandels bedeutete, wird vielleicht erst heute aus der Distanz heraus deutlich. Eine lautstarke Konkurrenz, die man geradezu als Freizeitindustrie bezeichnet, machte ihm die Vorzugsstellung streitig, die er im Sozialgefüge einnahm. [...] Noch schien der ständig wachsende Freizeitmarkt weit genug, um ein ungefährdetes Nebeneinander von Buch und Massenmedien zu ermöglichen. Das Aufkommen des Fernsehens stellt diese friedliche Koexistenz [...] offensichtlich in Frage«. (1963: A98)

Die bisherigen Formen der Unterhaltungsindustrie, Kolportageromane, Illustrierte, Radio und Kino - seinerzeit von der Buchlobby als gefährliche Konkurrenz gesehen - werden rückblickend ein wenig verklärt in eine »friedliche Koexistenz« mit dem Buch gestellt. Der Erfolg des Fernsehens indes scheint nun einer Art Kriegserklärung gleichzukommen, und so ergeht der Appell an die Buchhändler, dieser Entwicklung nicht tatenlos zuzusehen. Das Ziel der Meinungsführer ist, die Stellung des Mediums Buch in der Gesellschaft und damit des Buchhandels zu stärken, und zwar in einer für den Buchhandel strukturkonservativen Art und Weise. Dem Verleger und Buchhändler soll weiterhin die volksbildende, erzieherische Funktion erhalten bleiben.

Progressiv hingegen ist der Ansatz, durch eine Entmythologisierung des Buchs jene ideologischen Hemmschwellen abzubauen, die bislang große Teile der Bevölkerung von dem Lesen ‚guter Bücher’ abgehalten haben sollen: das Buch als Insignium einer elitären Bildungsschicht oder das Lesen als Zeitverschwendung und Augenverderber.<213> Mühsam versuchen sich die Autoren des Börsenblatts auch dem Leseklientel zu öffnen, dessen Lektüre zuvor verschmäht worden war. Comics haben demnach nicht zu einem »Verwahrlosen des Lesens« geführt,<214> die angebliche Vorliebe von Frauen für Kitsch dürfe sich der Buchhandel nicht durch die Frage nach der »Legitimität eines solchen Schrifttums« ignorant entziehen, schließlich habe Kitsch auch eine »nicht zu unterschätzende seelische Funktion«.<215> Die Anrüchigkeit des »sich unterhalten lassens« im literarischen Bereich wird als


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»spezifisch deutsche[r] Fehler« getadelt.<216> Doch zwischen Toleranz und Akzeptanz besteht weiterhin eine große Distanz:

»Dieses Plädoyer für ein Umdenken der buchhändlerischen Berufsauffassung wäre so gründlich wie nur möglich mißverstanden, wenn dem entgegengehalten würde, hier werde einer Diktatur des „Massengeschmacks“ das Wort geredet. Ein solcher Einwand verkennt, worum es bei diesem Problem geht: Nach Jahrhunderten autoritärer Indoktrination und Bevormundung sind wir gefordert, die Bedürfnisse jener ernst zu nehmen, sie als gleichberechtigte Partner zu akzeptieren, die man glaubte mit dem Begriff „Masse“ denunzieren zu können«. (1968: A156)

Im Kampf gegen das Fernsehen, so hat es den Anschein, ist zunächst einmal jede Form des Lesens recht. Auch die Diskussion um den Bildungsnotstand eröffnet neue Ansatzpunkte, bei dem es darum geht, das Buch von dem alten Bildungsbegriff zu lösen und in den neuen einzufügen, ohne jedoch das traditionelle Leserbild allzusehr zu verändern. Eine Akademikerlaufbahn könne man nur mit dem Lesen von Büchern absolvieren und infolgedessen sei der Akademikermangel vor allem auf die Scheu der Bevölkerung vor Büchern zurückzuführen, so läßt sich die simplifizierte These des Buchhandels zusammenfassen. Nicht das Bildungssystem und seine Lehrpläne geraten in die Kritik, sondern die fehlende Aufklärung der Bevölkerung im Umgang mit Büchern. Sie mündet in die Forderung nach einer Enquête-Kommission aus Vertretern des Buchhandels, der Autoren, Bibliothekare, Pädagogen und Bildungsministerien über »die Funktion des Lesens in der Industriegesellschaft und über die Möglichkeiten, wie das Buch der Hebung des Bildungsstandards besser nützen könne«.<217>

Obgleich es bei einer Forderung blieb und eine Enquête-Kommission diesen Anspruchs erst Ende der 80er Jahre gebildet wurde, wird das Programm, die Funktionalität von Buch und Lesen für die Gesellschaft neu zu definieren und zu fördern, fortan zu einem Hauptanliegen des Börsenvereins, für das er 1968 unter der Parole »Politik für das Buch« eine Marketingoffensive beginnt und das Anliegen finanziell und organisatorisch massiv unterstützt. Aus spezifisch wirtschaftlichen Gründen, die in einem eigenen Unterpunkt noch gesondert behandelt werden, will man sich nicht auf den Zuwachs an Buchkäufen verlassen, die eine ‚Zukunftsgesellschaft’ oder ‚Informationsgesellschaft’ im Rahmen eines neuen Bildungssystems verspricht. Hintergrund für diese Skepsis sind Untersuchungen in anderen europäischen Ländern und den USA, die zeigen, daß die jeweilige Bevölkerung trotz annähernd gleichem Bildungsstand unterschiedliches Leseverhalten aufweist. Vielmehr solle es nun dezidiert darum gehen, anstelle der Bildung die Lesekultur zu fördern.


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3.2.2.4 1969-77: Demokratie und Gesellschaft

Die folgende Periode steht ganz unter dem Ansinnen, Strategien für eine Förderung des Lesens zu entwickeln und als bildungspolitisches Konzept auszuarbeiten. Neben der Fortführung der Allensbacher Untersuchungen rückt die Motivationsforschung in den Mittelpunkt des Interesses. Die Auftragsarbeit des Psychologenehepaars Salber/Salber, »Psychologische Untersuchungen über Motivationen im Umgang mit Büchern« (1971: A191), sorgt für eine gewisse öffentliche Resonanz, wenngleich die Ergebnisse keineswegs den erwünschten pragmatischen Ansatz erkennen lassen und die Arbeit, nicht zuletzt wegen ihrer schwerverständlichen Prosa, auf Skepsis und Ablehnung stößt.<218> Es finden sich weiterhin zahlreiche Wissenschaftler verschiedener Disziplinen, die unter der Regie der Buchmarktforschung das weite Feld potentieller sozialer und psychischer Faktoren sondieren, die für eine idealtypische Leserkarriere maßgeblich sind. Einen ersten Überblick gibt der 1973 von der Buchmarktforschung verlegte Band: ‚Lesen - ein Handbuch’, der zusammentragen will, »was gegenwärtig an gesicherten Ergebnissen auf den Feldern der Erforschung des Lesestoffes, des Lesers, der Wirkungen des Lesens, der Leseerziehung und der Institutionen der Lesekultur vorliegt«.<219>

Die unsicheren Zeiten des gesellschaftlichen Wandels stellen die Demokratie des Landes in dieser Periode auf eine Bewährungsprobe. Der Rebellion der 68er-Generation gegen die althergebrachte Moral- und Werteordnung, die wachsenden Einflüsse linksextremer Gruppierungen und schließlich die Terrorwelle der RAF führen zu einem innenpolitischen Spannungsfeld zwischen Willi Brandts Leitspruch »Wir wollen mehr Demokratie wagen«<220> auf der einen Seite, der Notstandsgesetzgebung und dem drohenden Polizeistaat auf der anderen, zwischen


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einer Entspannungspolitik gegenüber dem Ostblock und der Furcht vor ideologischer Unterwanderung. Der Buchleser, so wird proklamiert, erweist sich in dieser unsicheren Zeit als besonders zuverlässiger Staatsbürger und Demokrat. Die Begründung tendiert dahingehend, daß der Buchleser gelernt habe, sich seine Lektüre frei zu wählen und sich nicht leichtfertig von den ideologischen Parolen des einen oder anderen politischen Lagers vereinnahmen lasse. Nur wer gelernt habe, seine Lektüre frei zu wählen, habe auch die Kompetenz, Parteien in verantwortlicher staatsbürgerlicher Gesinnung zu wählen. Da sich gerade die autonome und linksextreme Studentenszene aber gleichfalls als sehr belesen erweist, und sich ausgerechnet die DDR als ‚Lesewunderland’ bezeichnen kann, läuft die zweite Argumentationslinie über die drohende Wissenskluft. Die Situation wird damit als Kampf der Intellektuellen um die Macht im Staat dargestellt, dem die unbelesene Masse der Bevölkerung willenlos ausgeliefert ist. Nur der durch Buchlektüre aufgeklärte Leser habe die notwendigen Informationen, sich dieser Manipulation zu widersetzen.

»[Diese Erkenntnisse der Wissenskluftforschung] eröffnen bange Ausblicke auf eine Kaste von politisch Wissenden, die über ein Heer von wirklichen oder angeblichen Ignoranten thronen und immer manipulativer dieses ihr Wissen gegen die Ignoranten, genannt ›Volk‹ angeblich zu dessen Bestem, durchsetzen wollen«. (1976: A269)

Damit wird das alte Kantsche Ideal einer ‚Lesewelt’ zur Befreiung aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit wieder restauriert und die Demokratie als große »Lesegesellschaft«<221> mit der gleichnamigen historischen Institution aus dem späten 18. Jahrhundert in Verbindung gebracht.<222> Bundeskanzler Helmut Schmidt geht ein paar Jahre später in einem Vortrag über »Buch und Demokratie« sogar so weit, sinngemäß zu behaupten, der Holocaust wäre nicht geschehen, hätten die Deutschen eine höhere Achtung vor dem geschriebenen Wort gehabt.<223>


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Die empirischen Ergebnisse der Buchmarktforschung, die sogenannte 3. Stufe der Allensbacher Untersuchung, bringt 1974 zu Tage, daß sich der Buchbesitz der Deutschen seit 1953 verdreifacht hat, die Frage nach den Lesequantum aber unverändert bleibt.<224> Daraus wird nun der Schluß gezogen, daß die Zahl der Leser ebenfalls stagniere und die Zahl der Bücher nur über ein Lesedefizit in der Bevölkerung hinwegtäusche.

»Ich sehe die besondere Chance des Jubiläumsjahres 1975 darin, diesen Widerspruch zwischen Forderung nach mehr Demokratie und der Realität stagnierender Leserzahl aufzudecken, publik zu machen und in die Diskussion um die politische Zielvorstellung einzubringen. Wir haben mit den neuen Erkenntnissen der Allensbacher Untersuchung die Möglichkeit in der Hand, den Stellenwert von Lesekultur in einer demokratischen Ordnung neu zu bestimmen«. (1974: A226)

Das ‚Publikmachen’ erfolgt ein Jahr später tatsächlich, und zwar durch eine weitere Buchpublikation, die als Jubiläumsgabe zum 150jährigen Bestehen des Börsenvereins auch an Vertreter von Staat und Wissenschaft übermittelt wurde. Ausgehend von der Frage »Kann man in unserer technisierten Gesellschaft ohne den gehörigen Umgang mit Büchern überhaupt noch Mensch sein?«,<225> tragen wiederum Wissenschaftler der verschiedenen Disziplinen Untersuchungsergebnisse bei, die den Demokratie- und Humanitätsaspekt untermauern und zugleich die Ursachen für das Nicht-Lesen darzulegen versuchen.

In dieser Zeit berichten einige Artikel über die britische National Book League (gegr. 1944), einem Verein, dem Privatleute, Verlage, Buchhandlungen und Stiftungen angehören, um gemeinsam für das Buch zu werben. Dort werden ungedeckte Kosten sogar von staatlichen Fonds ausgeglichen.<226> Auch in den USA gibt es mit dem National Book Committee einen ähnlichen Verein, der allerdings 1975 an der Finanzierung scheitern wird. So kommt mit Erscheinen der Jubiläumsgabe ‚Leben und Lesen’ auch die Forderung auf, die Koordination der deutschen Leseförderungsarbeit ebenfalls einer solchen Vereinigung zu übertragen.<227> Mitte des Jahres 1976 bringt der Berliner Buchhändler Kurt Meurer gemeinsam mit dem Börsenverein das notwendige Gründungskapital auf, um die Deutsche Lesegesellschaft (DLG) ins Leben zu rufen, deren Führung aber trotz der finanziellen Abhängigkeit von den buchhändlerischen Kapitalgebern ausdrücklich unabhängig


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von deren wirtschaftlichen Interessen arbeiten soll. Das Programm sieht vor, »alle Kommunikationsmittel« zu nutzen«, um »das Lesen in der Bundesrepublik Deutschland auf breitester Grundlage zu fördern«, da feststehe, daß Buch und Lesen von den neuen Kommunikationsmedien bedroht sei und

»daß es deshalb eine gesellschaftspolitische Aufgabe ersten Ranges ist, Buch und Lesen zu fördern und zu stärken, damit es den Platz im modernen Kommunikationssystem einnehmen kann, der ihm im Interesse der Erhaltung und Festigung der freiheitlichen Demokratie zukommen muß«. (1976: A270)

Ein Kuratorium aus Autoren, Wissenschaftlern, Vertretern kultureller Einrichtungen, Vertretern der Massenmedien, der Kirchen, der Tarifpartner und der Wirtschaft schafft die notwendige Kopplung der relevanten Gesellschaftssysteme an die Interessen der DLG. Darüber hinaus können sich Privatleute und Unternehmen in einem separaten Förderkreis an der Finanzierung beteiligen.<228> Die Hauptfinanzierungslast trägt aber zu einem Großteil der Bertelsmann-Konzern. Die Aktivitäten finden zunächst nur auf lokaler Ebene am Sitz der DLG in Mainz statt. 1978 gelingt eine Kooperation mit dem ZDF, das zu geeigneten Filmen seinen Fernsehzuschauern eine Buchempfehlungsliste der DLG zum kostenlosen Abrufen anbietet. Auch kann das ZDF gewonnen werden, die Fernsehserie »Buch - Partner des Kindes«, die österreichische Lesepädagogen konzipiert hatten, vom ORF zu übernehmen und im Jahr darauf auszustrahlen. Um Schüler zum Lesen zu motivieren, verteilt man eine Taschenbuch mit Leseproben (‚Buchtestbuch’) in einer Auflage von hunderttausend Exemplaren an Haupt- und Realschulen in Berlin, Hamburg, Bremen und Schleswig-Holstein als kostenloses give away.<229> Anschließend werden Berichte über neue Aktivitäten der DLG im Börsenblatt seltener, regelmäßig werden nur die neuen Buchempfehlungslisten vorgestellt. Neben einer Tagung und einer Fernsehsendung zur Buchempfehlungsliste bleibt zunächst der Hinweis auf neue Aktivitäten bis zu Beginn der 80er Jahre aus. Der Erfolg des ‚Buchtestbuchs’ wird 1980 von Kommunikationswissenschaftlern der Universität Göttingen ausgewertet und das ZDF wiederholt die Ausstrahlung der ORF Serie, zu der die DLG bundesweit fünftausend Begleitveranstaltungen durch örtliche Kulturträger initiieren kann.<230> Im Herbst desselben Jahres beginnt die DLG ‚Arbeitsblätter für Lehrer’ in halbjährlicher Erscheinungsweise herauszugeben, einer Empfehlungsliste von Taschenbüchern, die auf das Leseniveau von Haupt- und Realschülern abgestimmt sind, zusammen mit didaktischen Hinweisen für den Pädagogen. Auch werden in München und Kiel nach israelischem Vorbild und unter Mithilfe der DLG sogenannte ‚Leseclubs’ eingerichtet, die in sozialen Randbezirken der Städte Kinder von der Straße zum Buch führen sollen. Bis 1982


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können 19 dieser Clubs ins Leben gerufen werden, die insgesamt aber nur rund vierhundert Jugendliche ansprechen.<231> Die Breitenwirkung der Öffentlichkeitsarbeit der DLG ist für den Buchhandel schwer an greifbaren Resultaten abzuschätzen und weckt daher Mißtrauen und nur verhaltene Bereitschaft zur Finanzierung.

3.2.2.5 1978-84: Rezession und Neubegründung

Nicht nur in der Öffentlichkeitsarbeit sondern auch in der Auffassung von Lesekultur geht die DLG eigene Wege, die zu einer ideologischen Frontenbildung unter den Leseförderern führen. <232> Eine 1978 von der DLG und Bertelsmann in Auftrag gegebene demoskopische Untersuchung wird erstmals nicht mehr von dem Allensbacher Institut sondern von Infratest durchgeführt, die das aus Gründen einer Langzeitbeobachtung über ein Jahrzehnt beibehaltene Allensbacher Fragebogendesign komplett überarbeiten. Der von Bertelsmann als Projektleiter zur DLG gewechselte Bodo Franzmann hatte bereits zu Beginn seiner Arbeit 1976 neue Forschungsansätze skizziert und dabei deutliche Kritik an Allensbach geübt:

»2. ist die Formulierung vieler Fragen - insbesondere in den Allensbach-Untersuchungen - von einer einseitigen traditionellen Vorstellung vom Buchleser gesteuert und hat deshalb die mögliche Vielfalt der Verhaltensweisen unterschiedlicher [...] Benutzergruppen zu diesem Medium nicht differenziert genug erfaßt« ( Franzmann 1976, S. 169f.)

Die Ergebnisse der neuen Studie bringt, wie bereits unter 3.1.2 angeführt, ein sehr viel differenzierteres und weniger dramatisches Bild über das Leseverhalten der Bevölkerung ans Licht und entsprechen auch eher den steigenden Umsatzzahlen der Buchbranche. Damit verliert die Diskussion um die Bedrohung der Lesekultur für gut drei Jahre stark an Bedeutung. Sie wird schlagartig wieder aktuell


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durch die Fortsetzung der Allensbacher Umfrage, die der Börsenverein trotz aller methodischen Mängel und unabhängig von der DLG weiterhin in Auftrag gibt. Zwar zeigen sich dort keine nennenswerten Veränderungen, die ein Abnehmen des Leseverhaltens begründen würden, doch diagnostiziert Noelle-Neumann bei der jungen Generation einen Werteverfall in ihrer Einstellung zur Lesekultur.

»Literarische Vorratshaltung, die eigene Bibliothek, die Freude am Buchbesitz, Kommunikation über Bücher - alles das verliert an Faszination. „Interessante Bücher, aus denen man lernt“ - dieser Wunsch läßt nach. Der Nutzen des Buches wird stärker betont.« (1981 A351)

Diese Botschaft entwickelt unter dem Eindruck der allgemeinen wirtschaftlichen Rezession und zahlreicher ungelöster Probleme des Buchhandels (siehe dazu speziell im nachfolgenden Gliederungspunkt) eine gewisse Eigendynamik, die einen sprunghaften Aktivismus des Verbands in Sachen Leseförderung nach sich zieht. Zunächst geht es darum, durch einen neugegründeten ‚Verein zur Förderung des Lesens’ neue Spendengelder für die DLG zu akquirieren und sie damit handlungsfähiger zu machen. Dies nicht zuletzt auch deswegen, weil Bertelsmann nicht mehr länger quasi alleiniger Financier der DLG sein möchte und sein weiteres Engagement von der Solidarität der anderen Mitglieder des Börsenvereins abgängig macht.<233> Immer wieder wird in Beiträgen des Börsenblatts um den Beitritt und um Spenden geworben. Doch die Resonanz bleibt bescheiden.<234> 1983 entziehen Bertelsmann und Börsenverein der DLG unvermittelt ihre finanzielle Zuwendung. Als Grund wird die immer noch mangelhafte finanzielle Situation und ein »irrlichtendes Umherspringen« der Leseförderungsaktionen genannt, die keine Stringenz erkennen lassen - zuletzt hatte die DLG damit begonnen, versuchsweise eine Mainzer Großkantine mit Büchern auszustatten, um die Arbeiter zum Lesen zu animieren. Offenkundig wird aber auch, daß der Rückzug aus mangelnder Loyalität der DLG gegenüber Zielen und Wünschen des Börsenvereins geschieht (»Zahlen? Ja! - Kontrolle? Nein!«).<235> Die ursprünglich in den Statuten der DLG verankerte Unabhängigkeit wird nun zum Fallstrick. Dennoch gelingt es der DLG, bis zu ihrer Übernahme durch die Stiftung Lesen 1988, selbständig weiterzuarbeiten.

Parallel zu dieser Entwicklung werden im Hintergrund Forderungen laut, die eine Rückbesinnung auf die ursprünglichen Ziele einer »Politik für das Buch« anmahnen und eine »Neubegründung« der Lesekultur nach altem Wertemuster fordern.

»Es geht [...] um eine Neubegründung [der Lesekultur] in einem sich wandelnden Wertsystem. Günther Christiansen, der Vorsteher des Börsenvereins [...] , sagte

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kürzlich, die Zeit sei gekommen, auf die Schäden hinzuweisen, die durch die Vernachlässigung des Bücherlesens nicht nur für den einzelnen, sonder auch für die Kreativität, Innovationsfreudigkeit und Selbstgestaltung der Gemeinschaft entstehen. Darüber wolle man bald mit Wissenschaftlern der verschiedenen Disziplinen diskutieren. Der Buchhandel beginnt zu begreifen, daß Politik für das Buch nicht nur Kulturpolitik, sondern auch Sozialpolitik ist«. (1984: A405; vgl. auch 1983: A387)

Der Börsenverein solle seine Leseförderung wieder als Mittler zwischen Wissenschaft und Politik wahrnehmen, um durch neue pädagogische Konzepte Schule und Elternhaus »darüber aufzuklären, was den Kindern gut tut.«<236>

3.2.2.6 1985-89: Politik und Events

Mit dem Jahr 1985 beginnt ein neuer Aktionismus des Buchhandels. Gemeinsam mit dem Bundesverband deutscher Zeitungs- und Zeitschriftenverleger, dem Philologenverband, der Bertelsmann Stiftung und dem Verein zur Förderung des Lesens ruft der Börsenverein die ‚Aktion Lesen’ ins Leben, um die seit der Trennung von der DLG vernachlässigte Öffentlichkeitsarbeit wieder zu intensivieren. In Anlehnung an das erfolgreiche Konzept des Vorlesewettbewerbs startet man im selben Jahr einen zusätzlichen Wettbewerb ‚Das lesende Klassenzimmer’, der gleichfalls Schulen als Multiplikatoren benutzt. Die Schulkinder sollen eine Episode aus einem gemeinsam von der Schulklasse gelesenen Buch, das nach einem jährlich vorgegeben Motto ausgewählt wird, in künstlerischer Form als Gemeinschaftsarbeit umgesetzt werden. Für die Sieger stiftet der Buchhandel Preise. Der Wettbewerb erreichte im ersten Jahr eine Teilnahme von zweitausend Schulklassen, das entsprach rund sechzigtausend involvierten Schülern (z.Z. hat sich der Wettbewerb bei rund der Hälfte dieses Ergebnisses eingependelt).<237>

Ebenfalls 1985 richtet man auf der Frankfurter Buchmesse erstmals ein ‚Zentrum Leseförderung’ ein, dessen Konzept aber umstritten bleibt.<238> Im Jahr darauf plant man, einen ‚Leselotsen’ einzustellen, »der an rund 200 Tagen des Jahres vorstrukturierte Gruppen besucht und vor Ort auf das Lesen einstimmt«.<239> 1987 beginnt der Börsenverein eine Phase typischen Event-Marketings. Zunächst tourt zwei Jahren lang in der Hauptsaison ein ‚Lesemobil’ an beliebten Ostseebadestränden. Die Ladefläche eines Lastwagens wurde zu diesem Zweck zu einer mobilen Bühne umgestaltet, auf der Autorenlesungen stattfanden und Bücher vorgestellt wurden. Die Reichweite solcher Aktionen vor Ort ist im Vergleich zu den Kosten auf relativ wenige Menschen begrenzt, und so setzt die PR-Abteilung des


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Börsenvereins vor allem auf die Multiplikation der Werbebotschaft über die regionalen Medien, die über das Ereignis berichten. Da die Presseresonanz im zweiten Jahr naturgemäß nicht mehr die gewünschte Intensität erreicht, schickt man 1989 das ‚Leseschiff Gustav’ mit einem ähnlichen Konzept auf Weser, Rhein und Main auf Tournee<240> und plant für das darauffolgende Jahr einen ‚Lesezug’.<241>

Schon vor dem Ausstieg aus der DLG 1983 wird die Forderung laut, die Gesellschaft in eine Stiftung umzuwandeln und man beginnt mit ersten Verhandlungen. 1985 wird die ‚Stiftung Lesen’ formell in Bonn gegründet, bleibt aber weitere zwei Jahre, bis 1987, in einer Gründungsphase, weil man die DLG vollständig mit der Stiftung Lesen fusionieren möchte. Auch die ‚Aktion Lesen’ und der ‚Verein zur Förderung des Lesens’ werden hier unter einem Dach zusammengefaßt. Zum 1. Januar 1988 kann die Stiftung ihre Arbeit in den Räumen der vormaligen DLG aufnehmen. Anders als bei der Lesegesellschaft integriert die Stiftung Lesen die Interessen aller Printmedien. Auch wird die Demokratieförderung durch Leseförderung nicht mehr als Leitziel in die Präambel aufgenommen. Statt dessen formuliert man die Aufgaben unverbindlicher als Pflege einer »zeitgemäßen« Lesekultur und die Erziehung zum Buch als »Medienerziehung«.

»1. Zweck der Stiftung Lesen ist die umfassende Förderung des Lesen von Buch, Zeitschrift und Zeitung in allen Bevölkerungskreisen sowie die Pflege und Erhaltung einer zeitgemäßen Lese- und Sprachkultur.
2. Zu den Aufgaben zählen im besonderen die Förderung von Sprache und Lesen im Elternhaus, Kindergarten, Schule / in der kulturellen Jugendausbildung / in der Erwachsenenausbildung und in den Massenmedien (Medienerziehung).
3. Aufgabe der Stiftung ist ferner die Durchführung und Förderung von Lese- und Leserforschung sowie von Kommunikationsforschung«. (1987: A299)

Die Gründungsphase der Stiftung Lesen fällt in eine Zeit, in der die SPD Opposition im Bundestag und niedersächsischem Landtag durch parlamentarische Anfragen den Zustand des Leseverhaltens der Bevölkerung zum staatstragenden Politikum machten.<242> Bei deren Beantwortung und den damit verbundenen Hearings und Debatten wird ein Forschungsdefizit diagnostiziert, zu dessen Beseitigung das Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung ab 1989 entsprechende Geldmittel bereitstellt. Zur Umsetzung der notwendigen Studien wird die Stiftung Lesen beauftragt.


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3.2.3 Die spezifische Kopplung des Buchhandels an das
Traditionssystem der Lesekultur

Die Frage, warum der Buchhandel sowohl als Organisation als auch als Wirtschaftssystem seit Mitte der 60er Jahre mit massivem Engagement in Leistungen investiert, die der Förderung des Traditionssystems Lesen zu gute kommen, läßt sich aus verschiedenen Perspektiven beantworten.

(1) Zunächst kann das Engagement nicht pauschal mit dem wirtschaftlichen Argument: Mehr Leser = mehr Buchkäufer beantwortet werden. Dazu sind die Wirtschaftsdaten für die Gesamtbranche zu positiv, wie in 3.2.1.2 gezeigt. Es besteht kein direktes wirtschaftliches Problem, das die Reproduktion des Buchhandels als Teilsystem der Wirtschaft behindern könnte, und auch die Expansion des Absatzmarktes ist vor allem für das Wissenschafts- und Sachbuch gesichert. Wenn also auf der Basis der Konkurrenzmetapher ‚Buch gegen Fernsehen’ ein solches Problem konstruiert wird, wie einige Quellen belegen,<243> dann stehen diese Aussagen in einem direkten Gegensatz zu der zeitgleichen wirtschaftlichen Entwicklung und verlieren damit an Überzeugungskraft.

Die Nähe der Lesekultur zur Belletristik könnte allerdings darauf hinweisen, daß zwar nicht der Gesamthandel, aber doch zumindest das Teilsegment der Schönen Literatur unter wirtschaftlichen Druck geraten ist. Zwar kann diese These nur für einen kleinen Zeitraum zwischen 1975 und 1990 überprüft werden, da für die übrigen Zeiträume keine Vergleichsdaten mit identischer Bezugsgröße vorliegen, doch wird hier tatsächlich eine längere Stagnation der Umsätze, nach Abzug der allgemeinen Teuerungsrate sogar ein stetiger Rückgang der Umsätze erkennbar, der seinen Tiefpunkt 1983 erreicht (Tab. 12). Bis zum Erreichen der Talsohle steigt aber die Zahl der Novitäten in dieser Warengruppe kontinuierlich an (Tab. 10), so daß sich die Konkurrenzsituation auf dem literarischen Buchmarkt noch zusätzlich verschärft. Diese Konkurrenzsituation betrifft aber nur Verlage und Sortimente, die ein einseitiges literarisches Programm vertreiben und die Verluste nicht durch expandierende Warengruppen ausgleichen können. Das allgemeine Sortiment jedoch bekommt durch den Nachfragerückgang der Belletristik allenfalls in seiner Selbstbeschreibung als Literaturvermittler Probleme, nicht jedoch in seiner wirtschaftlichen Existenz. So ist auch das relativ verhaltene persönliche Engagement des Sortiments an Leseförderungsmaßnahmen zu verstehen, auf das in einigen Quellen angespielt oder auch direkt beklagt wird.<244>


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Realistischer wird die Kolportierung dieser Bedrohungsszenarien ‚Buch contra Fernsehen’ unter dem Gesichtspunkt einer prophylaktischen Selbstalarmierung der Buchhandelssysteme gegenüber der sich abzeichnenden technischen Entwicklung, in der das Buch auf längere Sicht durch alternative Verbreitungsmedien funktional ersetzt werden könnte. Das Fernsehen dient hierbei nur als willkommenes, aber harmloses ‚Übungsobjekt’, da die funktionale Äquivalenz zum Buch kaum gegeben und damit keine Schädigung des Buchhandels durch das Fernsehen zu erwarten ist (eher sogar eine fördernde Leistung, derer sich die DLG entsprechend bedient). Auf der anderen Seite lassen sich am Fernsehen die Vorteile des Buchs und des Buchhandels besonders gut abgrenzen. Denn die Programmvielfalt liegt

Tab. 12: Entwicklung des Umsatzwachstums für Belletristik und Jugendbuch im Vergleich zum Gesamtumsatz. Bereinigte Werte verstehen sich abzüglich der allgemeinen Teuerungsrate. Indexzahlen auf der Basis des Gesamtumsatzes. Basisdaten entnommen aus: Kölner Betriebsvergleich. In: Buch und Buchhandel in Zahlen , Ausgaben 1960-86, sowie: Statistisches Jahrbuch der Bundesrepublik Deutschland . Aufgrund uneinheitlicher Bezugsgrößen und Darstellungsformen im Kölner Betriebsvergleich ist die Zahlenreihe nur für den Zeitraum von 1975 bis 1985 sowie ab 1989 vollständig verfügbar.

liegt eindeutig auf der Seite des Buchhandels, während das Fernsehen mit seinen ein bis drei Programmen zu limitierten Sendezeiten diese Leistung nie erbringen konnte und selbst durch die Programmvielfalt eines privatisierten Fernsehmarktes nicht erbringen kann.


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So dürfte die eigentliche Gefahr bereits damals in der Computer- und Netzwerkentwicklung gesehen worden sein, denn die theoretischen Grundlagen, die unsere heutige Situation und die gegenwärtige Problematik des Buchhandels bestimmen, sind zu einem Großteil in den 60er Jahren gelegt und auch debattiert worden.

»„Das Zeitalter des Buches und des Lesens geht zu Ende.“ Man sagt, die Erfindung Gutenbergs sei überholt und durch neue, umwälzende Entdeckungen und Möglichkeiten der Vervielfältigung und Kommunikation, die das Buch überflüssig machen. Ja, das Buch erscheine fortschritthemmend, denn es verlange dem Leser zuviel Zeit ab, die besser, rationeller verwendet werden könne. Das programmierte Lernen, die Lernmaschine und die zivilisatorischen Massenmedien scheinen sich als völlig neue Kommunikationsmittel auch als Ersatz für das Lesen und Buch anzubieten«. (1966: A121)

Die Visionen, die im Börsenblatt anklingen, muten aus heutiger Sicht erstaunlich realistisch an, wenn auch die Prognosen der Entwicklungsdauer um gut zehn bis zwanzig Jahre zu kurz veranschlagt werden. So zitiert ‚Der Spiegel’ 1968 den Forschungsleiter von IBM, Arthur Lee Samuel, wonach es

»Bibliotheken mit richtigen Büchern [...] in den fortgeschrittenen Ländern nur noch in Museen geben [werde]. Er meint, daß im Jahre 1985 alle Mitteilungen auf zentralen Datenverarbeitungsanlagen eingespeichert seien, so daß es jedem jederzeit möglich ist, mit Hilfe eines Übertragungsgerätes in den Romanen oder Sachbüchern eines entfernt gelegenen Zentralarchivs herumzuschmökern«. (1972: A205)

Erste technische Prototypen zeigen bereits die prinzipielle Machbarkeit und damit die Dringlichkeit des Problems. So wird von einer Tele-Zeitung in Japan berichtet. Benutzer können die Daten über einen Fernsehkanal empfangen und über ein Zusatzgerät ausdrucken lassen. Entsprechend eindringlich ist die Frage, die sich der Buchhandel stellen muß: »Was wird mit dem Buch, wenn sich gegen Ende der siebziger Jahre vielleicht die elektrische Distribution von Information gegenüber der materiellen Distribution durchzusetzen beginnt?« (1971: A188). Die Marktforschungsergebnisse sehen bereits erste negative Auswirkungen:

»Das Alarmierende [...] ist nicht die Erkenntnis, daß der Anteil der Leser an der Bevölkerung seit 20 Jahren stagniert. Problematischer ist der meßbare Positionsverlust des Buches im Wettbewerb mit den anderen Informations- und Unterhaltungsmedien. Unheimlich aber ist die Feststellung, daß [...zwei] Fünftel aller Personen, die mit Büchern wohnen, [...] ihrer Bibliothek selbst dann nicht mehr ausbauen [möchten], wenn Geld und Platz keine Rolle spielen würden«. (1974: A230; ähnlich 1967: A136; 1974: A225)

Der auf diese Weise bedrohte Buchhandel benötigt mehr denn je Personen, die bei der Wahl der Informationsmittel habituell auf eine Buchpräferenz eingestellt sind. Genau diese Erwartung erfüllt der Leser, wie ihn das Traditionssystem Lesekultur konstruiert. Ein Indiz für diese These ist auch die erneute, fast überstürzte Reaktion auf den angeblichen Verfall der Lesekultur Anfang der 80er Jahre, die sich nicht allein mit der Rezession und den wirtschaftlichen Folgen erklären läßt,


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sondern wohl eher mit neuerlichen Existenzängsten, die sich angesichts des Entwicklungsschubs der Unterhaltungselektronik (Video-Boom, Spielekonsolen) und des Homecomputers, eingerahmt von einigen anderen sich neu zuspitzenden Problemen, die dann auf die Lesekultur projiziert werden.<245>

(2) Eine andere Begründung für das Engagement in die Lesekultur liegt in der entgegengesetzten Intention: nicht Marktsicherung sondern Markterweiterung. Eine Umsatzerweiterung über den schon bestehenden Zuwachs hinaus könnte vor allem hinsichtlich der enger werdenden Gewinnmargen der Sortimentsbuchhändler von Interesse sein, die als negativer Effekt der Preisbindung und einer ungenügenden Preispolitik der Verlage hervorgerufen wird.<246> Hier gilt dann in der Tat die triviale Gleichung: mehr Leser, desto mehr Buchkäufer desto mehr Umsatz.

»Die Ausdehnungsmöglichkeiten eines Marktes sind von den Faktoren abhängig, die die Nachfrage bestimmen. In den meisten Marktbereichen ist die Konsumhandlung einer der wichtigsten dieser Faktoren. Die Konsumhandlung für das Buch ist das Lesen«. (1967: A133)

Interessanterweise wird hier, ganz im Gegensatz zum Traditionssystem, Lesen mit Konsum gleichgesetzt. Der Leser ist für den Buchhandel Konsument. Dieser Widerspruch kann also nicht primär das Engagement für ein Traditionssystem erklären, das gegenläufige Werte vermittelt. Man muß deshalb unterscheiden, daß der Begriff Lesen und Leseverhalten für den Buchhandel hier eine andere Qualität hat als aus der Sicht des Traditionssystems.

Der Anteil der Bevölkerung, deren Leseverhalten nach Ansicht der Buchmarktforschung im Mittelmaß liegt, wird als »Lesereserve«<247> bezeichnet, die es anzuzapfen gilt. Anfang der 70er Jahre rechnet man eine Größenordnung von 25 Prozent der Bevölkerung zu dieser Klientel, wobei man rund 11 Prozent als relativ leicht zu aktivierende »Minimalreserve« betrachtet. Das entspräche einem zusätzlichen


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Marktpotential von 5,2 Millionen neuen Buchkäufern.<248> Allerdings geht diese Rechnung nur auf, wenn ein positives Leseverhalten zugleich mit dem Streben nach dem Eigenbesitz von Büchern gleichgesetzt wird. »Der Buchmarkt [läßt...] sich nur ändern, [...] wenn sich die Rangordnung der Werte verschieben läßt, die Rangordnung dessen, wofür Menschen Zeit und Geld aufzuwenden bereit sind«, postuliert eine vom Allensbacher Institut ausgearbeitete Marketingstrategie 1968.<249> Nun ist dieses Werben um Käufer und der Versuch, Werte zu beeinflussen, allen Wirtschaftsbranchen gleich. Auch ein Automobilhersteller forciert den Eigenbesitz eines Autos bei seinen Kunden, allerdings erreicht er dies im Gegensatz zum Buchhandel durch kapitalintensive Investitionen in Werbung und Public Relations. Dem Buchhandel fehlen diese Kapitalmittel,<250> so daß die Strategie vorsieht, hierfür eine Fremdleistung in Anspruch zu nehmen, um ein Bedürfnis in der Bevölkerung zu wecken.

»Eine „Politik für das Buch“ setzt sich eine solche gesellschaftliche Umbewertung des Buches zum Ziel. Natürlich kann der Börsenverein nicht auf eigene Faust Politik treiben. Dazu ist er von seiner rechtlichen Stellung her und wohl auch von seinen Möglichkeiten nicht befähigt. Aber er kann im öffentlichen Raum Partner suchen, die sich mit den Zielen einer Politik für das Buch identifizieren und sich in ihrem Aktionsradius für die Realisierung dieser Ziele konkret einsetzt. Der buchhändlerische Part in einer Politik für das Buch ist der des Anregers, des Initiators. Die Aufgabe besteht darin, eine stabile Interessenkoalition zu schaffen mit solchen Institutionen, die kraft ihrer öffentlichen Stellung die Normen der Gesellschaft beeinflussen«. (1969: A171)

Schon Mitte der 60er Jahre wird entsprechend gefordert, daß »das Ziel der pädagogischen Grundbemühung der Eigenbesitz von Büchern in der Hand des jungen Menschen zu sein hat.« (1966: A74). Eine solche Forderung, die in erster Linie an die Erziehungsinstanzen der Öffentlichen Hand gerichtet ist,<251> läßt sich aus wirtschaftlichen Motiven nicht durchsetzen. Die Kundenwerbung muß deshalb als


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Kulturförderung ausgewiesen werden. Es ist »...sowohl dem Buchhandel wie der Öffentlichkeit klarzumachen, daß der Buchhandel auch eine soziale Aufgabe hat, die darin besteht, aus Nichtkäufern Käufer von Büchern zu machen.« (1967: A136). Als vermittelnde Instanz bietet sich das Traditionssystem Lesekultur mit seiner Kontingenzformel Buch geradezu an. Auch das Traditionssystem ist auf die staatliche Förderung angewiesen, und es koppeln sich jene Gesellschaftssysteme daran, von denen sich der Buchhandel eine Leistung erhofft. Ein »Strategischer Ansatz des Börsenvereins« aus dem Jahr 1974 bringt diese Intention auch unmißverständlich zum Ausdruck:

»Zwar ist das Ziel der Aktivität der Mehrverkauf von Büchern und nicht das Lesen, aber es ist hybrid, deswegen dieses wichtige Nutzenerlebnis ungenutzt zu lassen. Die Besonderheit des Lese-Ergebnisses, der qualitativ höhere Stellenwert des mit dem Buchlesen verbundenen Nutzenerlebnisses, sollen daher hervorgehoben werden. Hier ist zugleich die Möglichkeit, den Häufigleser zu rechtfertigen, eines Alliierten bei der Vermittlung des Buch-Nutzenversprechens«. (1974: A214)

Entsprechend wird die Buchmarktforschung nicht nur ein Instrument zur Marktanalyse und zur Selbst-Reflexion des Wirtschaftssystems, sondern auch ein Instrument, um den Wert des SgKM Lesen zu heben und damit die Unwahrscheinlichkeit der anderen Systeme, eine Leistung für den Buchhandel zu erbringen, wahrscheinlicher werden zu lassen.

»Meinungsumfragen über Bücher und Leser sind also nicht nur Orientierungshilfen für den einzelnen Buchhändler und seine buchhändlerischen Verbände. Sie sind auch ein wirksames Mittel der Bewußtseinsbildung und die Veränderung politischer Prioritäten«. (1970: A179)

Denn die Ergebnisse der Meinungsumfragen sehen die Lesekultur immer bedroht, die Leistungen für die Gesellschaft aber besonders hoch. Entsprechend wird der ‚Leser’ zum knappen und begehrten Gut. Dies gilt zumindest in der Theorie, denn ob die Lesekultur gegenüber ähnlich gelagerten Kulturen die nötige ‚Kaufkraft’ besitzt, d.h. also tatsächliche Leistungen der Politik nach sich ziehen wird, bleibt lange Zeit fraglich. Zwar betonen immer wieder namhafte Politiker den hohen Stellenwert von Buch und Lesen, aber die gewünschten Strukturveränderungen in der Gesellschaft werden nicht mit staatlicher Macht durchgesetzt Deshalb sieht die Strategie die Einbeziehung der Wissenschaft vor, deren Ergebnisse der Öffentlichkeitsarbeit zur nötigen Reputation verhelfen soll. Man forciert zunächst die Initiierung einer eigenen, auf die Belange des Buchhandels zugeschnittenen Wissenschaft, die Buchwissenschaft genannt werden soll.<252> Der Termi-


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nus war damals noch nicht von universitären Fächern belegt. Obwohl sich zahlreiche Wissenschaftler der verschiedensten Disziplinen freiwillig in den Dienst des Buchhandels stellten, blieb die zentrale Organisation der interdisziplinären Zusammenarbeit ein Desiderat und wird 1984 mit dem Vorschlag zur Gründung eines eigenen Fachs »Librologie« nochmals aufgegriffen. Konkret geht es um eine »Wissenschaft zur Neubergründung der Lesekultur«, denn:

»„Windmachen“ ist natürlich ein Selbstzweck. Die Öffentlichkeitsarbeit soll dazu beitragen, daß die Bedingungen für die Lesekultur politisch verbessert werden. Für das Durchsetzen vernünftiger Forderungen kommt es wesentlich auf die Kompetenz an, auf die man sich stützt. Hier wird sie mitgeliefert«. (1984: A412)

Die Koordination wurde aber letztlich nicht von einer universitäre Einrichtung, sondern ab 1988 von der Stiftung Lesen übernommen.

Immerhin gelingt es dem Buchhandel Ende der 80er Jahre über das SgKM Kultur für seine publikumswirksamsten Marketing Events ‚Leselotse’, ‚Lesemobil’ und ‚Leseschiff’ zum Teil bis zu zwei Drittel der Kosten durch Zuschüsse des Bundes oder der Länder finanzieren zu lassen. Auch die Buchmarktforschung wird 1987 für eine Befragung zu vier Fünfteln der Kosten (einhunderttausend Mark) vom Familienministerium subventioniert.<253> Hinzu kommt die Bereitschaft der Kultusministerien, die Wettbewerbe des Börsenvereins an staatlichen Schulen durchführen zu lassen, die ein nicht minder stattliches Öffentlichkeitspotential für den Buchhandel bedeuten.

(3) Eine dritte Motivation, warum sich der Buchhandel für eine Förderung des Traditionssystem der Lesekultur einsetzt, betrifft das eigene System der Buchhandelskultur. Die Differenzierung der Buchhandelsorganisationen für den Primärbuchhandel erfolgte parallel zu einer abgegrenzten, gebildeten und vermögenden Gesellschaftsschicht und paßte sich deren Identitätsbeschreibungen und Werten an, die gleichermaßen auch für die Konstruktion von Lesekultur maßgeblich waren. Buchhandels- und Lesekultur sind über den humanistischen Bildungsbegriff eng aneinander gekoppelt. Andere Lesergruppen wurden durch eigene Buchhandelssysteme bedient, wie den Kolportagebuchhandel oder den wissenschaftlichen Buchhandel.<254> Wobei hier der wissenschaftliche Buchhandel im Gegensatz zum Kolportagebuchhandel in den Organisationsstrukturen des Börsenvereins integriert blieb, allerdings kaum zum Thema einer öffentliche Verbandspolitik geworden ist.<255> Der ‚klassische’ Buchhandel, der sich historisch in den vergangenen


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zweihundert Jahren ausdifferenzierte, wird von dem Angebot des Sortimentsbuchhandels repräsentiert, mit seiner Spezialisierung auf ein kulturell anspruchvolles Programm an Schöner Literatur und nützlicher Gebrauchs- und Sachliteratur. Nach dem zweiten Weltkrieg und unter demokratischen Bedingungen verschmelzen die alten Differenzierungslinien. Personen lassen sich immer schwieriger aufgrund ihrer Schichtzugehörigkeit zum potentiellen Kundenkreis rechnen. Die Bevölkerung wird zur ‚amorphen Masse’, die für den Buchhandel Unsicherheit bedeutet. Zeitgleich ändert sich der Bildungsbegriff und die Kopplung von Lesekultur und Buchhandelskultur droht aufzubrechen.

»Die sechziger Jahre boten Anlaß genug zu einer kritischen Inventur: Konzentration und Zusammenschlüsse unter den Verlagen, [...] der Streit um die Buchmarktforschung, die Kooperation mit Funk und Fernsehen, die Diskussion um Medienkonkurrenz, McLuhans These vom Ende des Buchzeitalters. Mit vielen traditionsreichen Institutionen teilt der Buchhandel das Schicksal, radikal in Frage gestellt zu werden«. (1972: A205)

Eine Identitätskrise zeichnet sich ab, die Anforderungen an den Buchhändler, wie ihn die Buchhandelstradition konstruiert (siehe 3.2.1.1 ), entsprechen nicht mehr den Anforderungen des Marktes. Die Kunden wollen nicht mehr belehrt werden, sie wollen Bücher zwanglos kaufen wie in einem Supermarkt. Das Wirtschaftssystem Buchhandel erzwingt die formalen Änderungen in der Verlagsproduktion, im Sortiment und auch in der Ladengestaltung. Aber diese Anpassung vollzieht sich nicht parallel in der Identitätsbeschreibung des Buchhändlers. Denn:

»Mit der Selbstbedienung wird die Möglichkeit des Buchhändlers, das Urteil der Öffentlichkeit durch eigne Akzente zu korrigieren [sic!], sehr eingeschränkt. Der Buchhändler hört praktisch auf, eine Autorität zu sein.«

Und weiter gibt der Autor zu bedenken:

»Das überkommene Bündnis von Bildung und Buchhandel ist fragwürdig geworden. Aber wenn wir nun die Konsequenz ziehen und den idealistischen Überbau abtragen wollen, dann ergäbe sich ein auf die merkantilen Grundzüge reduziertes Berufsbild, das auch nicht als hinreichende Sinndeutung unserer beruflichen Arbeit akzeptiert werden würde«. (1971: A188)

Deshalb bleibt der alte Bildungsaspekt latent in der sich vollziehenden Neudefinition des buchhändlerischen Selbstverständnisses erhalten. Man solle sich zwar nach außen hin von dem schlechten Image des alten Bildungsbegriffs lösen und sich offener präsentieren, um die Schwellenangst bestimmter Bevölkerungsklientel herabzusetzen, aber dabei dürfe der Doppelcharakter des Buches als Ware und


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Kulturgut nicht verwischt werden.<256> Der Anspruch, nicht nur ein reiner Dienstleister zu sein, sondern die gesellschaftliche Meinung zu ‚korrigieren’ und dabei auch Verantwortung zu tragen, restituiert sich nach einer »Phase der Neuen Nüchternheit«, wie es ein Autor von BuB ausdrückte,<257> spätestens seit Mitte der 70er Jahre. Zu einer weiteren restaurativen Entwicklung führen die genannten Probleme zu Beginn der 80er Jahre, die in eine neue Programmatik zur Förderung der Lesekultur münden und die Annäherung von Buchhandelskultur und Lesekultur beschleunigen. Ein »Literarischer Wettersturz« sei zu beobachten, der den Buchhandel zu einer eindeutigen Definition seiner gesellschaftlichen Rolle zwinge. Eine »Neubegründung« der Lesekultur wird gefordert.<258> Wieder kommt das Argument der Selbstbedienung und der fehlenden Beeinflussung des Kunden ins Gespräch.

»Die Buchhandlungen sind zu Selbstbedienungsläden geworden und haben damit ihre Funktion verloren. Der Buchhändler müsse wieder lesen, wenn er Leser als Kunden haben wolle« (1982: A363)

Man kann also zusammenfassend davon ausgehen, daß die Lesekultur als SgKM hier gegen eine Strukturveränderung der Buchhandelstradition wirkt und sie zumindest ideologisch gegen den Zeitgeist festigt, d.h. selbst dort verfügbar hält, wo Verlagsprogramme oder Sortimente einen direkten Bezug zu dem Traditionssystem Lesekultur mehr zeigen. Lesekultur hilft in diesem Sinne auch, die wenig homogenen Teilorganisationen des Buchhandels im Dachverband zu konsolidieren.

(4) Ein letzter, dafür besonders maßgeblicher Punkt ist die permanente Bedrohung für den Buchhandel, die gewonnenen kartellrechtlichen Sonderstellungen zu verlieren, die allesamt unter dem besonderen Aspekt einer kulturellen Leistung zugestanden werden.

»Das [sc. die Leistung von Buch und Lesen für den Menschen und die Kultur] rechtfertigt auch in Zukunft die besondere Förderung der Lesekultur durch besondere Gesetzte (Urheberrecht, Verlagsrecht, Preisbindung für das Buch), durch Finanzierung von öffentlichen Bibliotheken und durch eine Erziehung zum Buch, die freilich weitgehend noch ein zu realisierendes Programm ist.« (1973: A215)

Allerdings finden sich nur wenige Quellen dieser Art, die Lesekultur in Abgängigkeit von kartell- und urheberrechtlichen Leistungen stellen. Man darf aber nicht übersehen, daß die Lobbyarbeit auf verantwortlicher politischer Ebene aus strategischen Gründen nicht detailliert im Börsenblatt publiziert wird.<259> Aller-


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dings finden sich immer wieder Hinweise, daß gerade diese Bemühungen sich als besonders effektiv erwiesen.

»Wir haben seit einigen Jahren ein Bonner Büro, das natürlich auch Geld kostet. Ich muß hier ehrlich bekennen, daß ich damals selbst Zweifel hatte, ob dieses Geld gut und sinnvoll investiert sei. Heute habe ich diese Zweifel nicht mehr, denn unsere Kontakte in Bonn zu den Abgeordneten des Deutschen Bundestages und zu der Verwaltung, also zu den Ministern, haben sich in einer Weise positiv entwickelt, wie das kaum jemand voraussehen konnte.« (1982: A362)

Entsprechend bemüht man sich um politische Reputation von der höchsten kulturellen Institution des Staates, dem Bundespräsidenten. Seine Schirmherrschaft für den Vorlesewettbewerb gehört zu den frühen Erfolgen des Buchhandels. 1982 stiftet der Börsenverein eine Präsenzbibliothek zeitgenössischer Literatur für die Villa Hammerschmidt, um deren Pflege und Erweiterung er sich fortan kümmern will. Auch dies soll symbolisch die besondere Verbundenheit der Nation mit dem Buch unterstreichen.<260> Wo der Repräsentant der Deutschen wohnt, sollen auch Bücher zugegen sein.

Wichtig für die Fragestellung aber ist die Tatsache, daß der Lobbyismus nicht vordergründig auf die wirtschaftlichen Belange der Buchbranche zielt. Die Beschäftigten im Buchhandel sind so zahlreich nicht, als daß der Staat beispielsweise über das Argument drohender Massenarbeitslosigkeit hätte in die Pflicht genommen werden können - vergleicht man die Buchbranche mit personalintensiveren Branchen wie der Automobilindustrie oder dem Bergbau. Außerdem muß der Börsenverein voraussetzen, daß den Regierungsvertretern die über die Jahre hinweg sehr positiven Wirtschaftsdaten bekannt sind, die eigentlich eher für eine Aufhebung der rechtlichen Sonderstellung sprechen. Gerade die Expansion des Buchmarktes droht hier dem Buchhandel die Voraussetzung für seine Sonderstellung wieder zu entziehen, was nicht zuletzt wegen des Eigeninteresses des Staates an preiswerten Büchern auch immer wieder auf die politische Tagesordnung gebracht wird.

Die Abwehr dieses potentiellen Verlusts der Sonderrechte kann nur über ein Substitut erfolgen, das von der wirtschaftlichen Situation ablenkt. Hier bietet sich das Traditionssystem Lesen und sein SgKM Lesekultur als Überzeugungsmedium besonders an, scheinen sich hierin doch die Interessen beider Systeme auf der Basis des Gemeinwohls zu verbinden. Staat und Buchhandel haben die Aufgabe, so das Konzept, die permanent bedrohte Lesekultur zu fördern, also eine jeweils systemeigene Leistung (Geld, Macht) in das Traditionssystem zu investieren. In dieser Kalkulation gibt es ein permanentes staatliches Defizit, denn während der Buchhandel auf die finanzielle Förderung der DLG/Stiftung Lesen und eigene Leseförderungsaktionen verweisen kann, muß sich der Staat ein Versagen auf der


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ihm obliegenden Einflußnahme auf die Schulen der Öffentlichen Hand, also mangelhafte Bildungspolitik, vorwerfen lassen.<261>

»Heinz Friedrich definierte [im Beisein des Bundespräsidenten] Schreiben und Lesen als die Grundlagen jeder hochentwickelten Kultur. [...] Deshalb müsse derjenige, der für das Lesen wirbt, sich um die Bildungspolitik im Staat kümmern; denn in der Bildungs- und Kulturpolitik werde der Grundstein gelegt für die Kultur des Lesens und damit eben auch für das Lesen als Bekenntnis zur Kultur«. (1982: A373)

Der Buchhandel legitimiert also seine Kritik an der Bildungspolitik mit dem gemeinsamen Engagement (‚Werben’) von Staat und Buchhandel für das Lesen und fordert damit den Bundespräsidenten als persönlichen Repräsentanten staatlicher Leseförderung auf, seinen politischen Einfluß auf die Regierung geltend zu machen. Da nun aber der zu fördernde Leser, wie unter 3.1 dokumentiert, eine idealisierte Persönlichkeit darstellt, die souverän mit gesellschaftlichen Problemen umzugehen weiß, kann man angesichts beständig neuer gesellschaftlicher Probleme ein permanentes Leistungsgefälle zwischen Buchhandel und Staat attestieren. Denn ganz offensichtlich kommt der Staat seiner Verpflichtung hier nicht ausreichend nach, für einen ausreichenden Lesernachwuchs zu sorgen. In Verhandlungen um die Beibehaltung oder Durchsetzung kartell- oder urheberrechtlicher Forderungen kann der Buchhandel unter solchen Vorzeichen immer darauf verweisen, daß er politische Aufgaben des Staates übernimmt und ein entsprechendes Entgegenkommen des Staates für seine wirtschaftlichen Interessen erwarten kann.

Vergleicht man die Entwicklung auf der Tab. 11 , so kann man eine Massierung der Probleme zwischen Buchhandel und staatlichen Behörden ab etwa 1960 feststellen, also genau in jener Zeitspanne, als sich die ‚Buchmarktforschung’ konstituierte und ihre ersten Umfragen und Strategien plante, mit denen das Leistungsdefizit des Staates auf scheinbar wissenschaftlicher Basis belegt werden konnte. Auch wenn die Quellenlage kaum direkte Zusammenhänge zwischen Buchmarktforschung und der politischen Lobbyarbeit zur Durchsetzung und dem Erhalt der


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kartell- und urheberrechtlichen Konditionen erkennen läßt (hier geht es eher um den Aspekt der Markterweiterung), so kann aber aufgrund der Konstellation durchaus begründet davon ausgegangen werden, daß die Ergebnisse der Buchmarktforschung als willkommenes Instrument zur Verhandlungsführung genutzt worden sind.

Diese Verhandlungsführung blieb bis Anfang der 80er Jahre gleichwohl zäh, und der Wirkungsgrad des SgKM Lesekultur blieb auch nach der Gründung der DLG hinaus keineswegs ein sicherer Garant für politische Erfolge. Zwar bekannten sich immer wieder Politiker in ‚Sonntagsreden’, wie beklagt wurde, zu der Wichtigkeit von Bildung und Lesen, die tatsächliche Bildungspolitik orientierte sich dagegen nicht an den Interessen des Buchhandels. Erst die Rede des Bundeskanzlers Helmut Schmidt am 10. Mai 1981 vor dem P.E.N.-Zentrum und der DLG in Mainz zum Jahrestag der Bücherverbrennung bestätigte den Erfolg der politischen Lobbyarbeit, wurden doch sämtliche Thesen des Buchhandels und der DLG zur Lesekultur beinahe wörtlich übernommen.<262> Das politische Gewicht des Regierungschefs sorgte dafür, daß es nicht bei einer Sonntagsrede blieb. Ein Jahr führte der Buchhandel seinen Erfolg der Abwehr einer Mehrwertsteuererhöhung auf diese Rede zurück.<263> Ab 1986 gelangte das Thema Lesekultur in die Oppositionspolitik auf Landes- und Bundesebene und entwickelte sich dort zum politischen Selbstläufer. Nach zwanzig Jahren beginnt die Strategie des Börsenvereins aufzugehen und er kann nun die Früchte ernten.

»Der Buchhandel wird nach dem großen Erfolg im letzten Jahr den nächsten Subventionsabbau-Debatten gleichwohl in (relativer) Ruhe und Gelassenheit entgegensehen können. Wir haben das den vier Fraktionen des Deutschen Bundestags zu verdanken, die sich aufgrund eines Antrages der SPD vom Oktober letzten Jahres am 21. Januar 1988 zu einer kulturpolitischen Grundsatzdebatte trafen und dabei die für die künftige Kultur- und Buchpolitik wichtigen Einsichten und Eckdaten wiederholten und allseits bekräftigen. Zusammen mit dem einstimmigen Bundestagsbeschluß zur Erhaltung der Buchpreisbindung vom 9. November 1984 verfügt der Börsenverein damit für seine politischen Aufgaben im Bund und in den Ländern über eine „Geschäftsgrundlage“, wie sie besser nicht sein kann«. (1988: A523)

Diese ‚Geschäftsgrundlage’ hat bis heute bestand. Gerade im Hinblick auf die erneute Diskussion um die Erhaltung der Preisbindung im Europäischen Binnenmarkt, erhält der Buchhandel weiterhin die Unterstützung des Bundestags aufgrund seiner Leistungen für die Lesekultur.


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»[...] deshalb sprachen sich auch alle Fraktionen des Deutschen Bundestages für den Erhalt der Preisbindung aus, als dieser in einer Entschließung u. a. feststellte: „Ohne Schutz durch die Preisbindung kann das Buchhandels- und Verlagsgewerbe nicht an der Aufgabe mitwirken, die vielfältigen Gefahren von der Lesekultur abzuwenden.“« (Werbeschrift des Börsenvereins zur Preisbindung<264>)

Zusammenfassend kann festgehalten werden: das Traditionssystem der Lesekultur koppelt sich in dreifacher Weise an den Buchhandel und erhält von ihm deshalb entsprechend aufwendige Gegenleistungen. Zum einen vermittelt es den ritualisierten Leser als potentiellen Kunden und verspricht Marktsicherung und -erweiterung. Diese Leistung des Traditionssystems zielt unter diesem Aspekt vornehmlich auf das Funktionssystem Buchhandel. Das Organisationssystem hingegen wird auf interkultureller Ebene angesprochen: die Lesekultur koppelt hier an die Buchhandelskultur und dient damit zur Identitätssicherung in Zeiten eines Strukturwandels. Die dritte Leistungsart des Traditionssystems unterstützt die Kopplung des Staates an die Interessen der Buchhandelssysteme über das SgKM Lesekultur.


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3.3 Lesekultur und Öffentliches Bibliothekswesen

Ursprünglich war angedacht, die Gliederung des Buchhandelsabschnitts in ähnlich ausführlicher Weise wie über den Buchhandel auch für das Bibliothekswesen zu übernehmen. Doch überraschenderweise führte die Quellenrecherche zu dem Ergebnis, daß im Öffentlichen Bibliothekswesen den Begriffen Leser, Lesen und Lesekultur ein sehr stark untergeordneterer Stellenwert zukommt und die Thematisierung von Lesekultur vor allem in den 60er und 70er Jahren beinahe vollständig unterbleibt. Für das hier zu überprüfende Theoriemodell ist aber gerade die Nicht-Thematisierung das interessantere Ergebnis.

3.3.1 Strukturelle Rahmenbedingungen

Auch hier muß zunächst zwischen Funktions- und Organisationssystemen unterschieden werden. Anders als beim Buchhandel, der systemtheoretisch eindeutig dem Funktionssystem Wirtschaft zugeordnet werden kann, findet sich ein solches Funktionssystem für das Bibliothekswesen nicht. Der Name ‚Bibliothek’ (gr. ‚Bücherbehälter’) assoziiert die Funktion des Sammelns und Archivierens. Man spricht gerne von der Bibliothek als ‚Gedächtnis der Gesellschaft’. Aus Sicht der Systemtheorie sind unter einem (hier: sozialen) Gedächtnis allerdings keine Datenspeicher und auch keine Gehirne zu verstehen, sondern eine »Eigenleistung kommunikativer Operationen«,<265> deren Hauptaufgabe ganz im Gegensatz zu der geläufigen Vorstellung eines Gedächtnisses nicht das Erinnern, sondern das Vergessen ist - das Vergessen von überschüssigen Möglichkeiten, die sich aus dem Kommunikationsprozeß in jedem Moment für ein System neu ergeben. Zugleich muß ein solches Gedächtnis (für das System unreflektiert) mitführen, was vergessen worden ist, um zu einem anderen Zeitpunkt die vergessenen Möglichkeiten für eine neuerliche Entscheidung wieder in Erinnerung rufen zu können. Dieses Mitführen aber setzt voraus, daß das sich das Vergessene entweder in die Systemstrukturen einschreibt, auf die ein System bei der Selbstreflexion zurückgreift (so wie beispielsweise ein steifes Bein ein Bewußtsein immer wieder daran erinnert, keine langen Strecken laufen zu können), oder daß das Gedächtnis selbst als autonomes System angelegt ist, dessen Operation ein anderes System als Gedächtnisleistung in Anspruch nimmt. In diesem Sinne läßt sich auch die Bibliotheksarbeit als Vergessen und Mitführen des Vergessenen für den Bereich schriftgebundener Kommunikationen interpretieren. Allerdings ist das Bibliothekswesen kein Speicher von kollektivem Wissen, sondern nur von Mitteilungen, die auf Schrift-, Ton- oder Bildträger ausgelagert worden sind und auf die gewissermaßen kollektiv zugegriffen werden kann. In welcher Weise durch die Rezeption individuelles oder soziales Wissen erzeugt wird, läßt sich vom Bibliothekswesen nicht beeinflussen.


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Ein Funktionssystem dieser Art beschränkt sich aber nicht auf institutionalisierte Organisationen (wie bspw. eine Stadtbücherei oder Universitätsbibliothek), der Bezug reicht vom Bücherschrank oder der Privatbibliothek zu Hause bis zu einem mehr oder weniger systematisch geführten Ablagesystem im Büro. In Abgrenzung zu anderen Systemen mit einer Gedächtnisleistung, etwa zu Traditionssystemen, unterscheidet sich ein Bibliothekssystem auf das Erinnern und Vergessen von Texten bzw. heute von Inhalten technischer Verbreitungsmedien allgemein.

Ebenfalls denkbar wäre eine funktionale Zuordnung unter das Literatursystem, wie es unter 2.7 definiert worden ist. Die bibliographische Ordnung des Katalogs, die Sacherschließung, aber auch die Anordnung und die Auswahl der Freihandbibliothek (auch Handapparate etc.) ist eine Form des Bereitstellens von Wissen über Lesemotivationen. Häufig spiegeln sich Strukturen der Gesellschaftssysteme in der Systematik, wie Bücher und andere Medien in den Bibliotheken zugänglich gemacht werden.

Ungeachtet dessen bezieht sich der Begriff Bibliothekswesen in erster Linie auf Organisationen, die mit unterschiedlichen Sammelaufträgen hinsichtlich ihrer Leistung an bestimmte Gesellschaftssysteme gekoppelt sind. Die Universitätsbibliothek an die Wissenschaft, die Öffentliche Bibliothek an das System der Erziehung und der Massenmedien, konfessionelle Bibliotheken an Religion usw. Im Gegensatz zum Buchhandel ist diese Kopplung in der Regel sehr viel strikter und unflexibler, zumal Bibliotheken existentiell in direkter Weise von einem institutionellen Träger oder Mäzen abhängig sind.

Öffentliche Bibliotheken genießen hierbei gegenüber anderen Bibliotheksformen einen der höchsten Freiheitsgerade, da Trägerinstitutionen und Leistungsempfänger stark konvergieren. Die Öffentliche Hand nimmt die Leistungen der Öffentlichen Bibliotheken für Politik kaum selbst in Anspruch, vielmehr ist jede Person einer Gesellschaft (‚Bürger’) potentieller Nutzer und damit sind alle Gesellschaftssysteme potentielle Leistungsempfänger. Eben diese Undifferenziertheit der Adressaten führte zu Identitätskonflikten des Öffentlichen Bibliothekswesens.

3.3.1.1 Traditionelle Standesauffassung des Öffentlichen
Bibliothekswesens

Die Ursprünge des Öffentlichen Bibliothekswesens in Deutschland reichen zurück bis zu den Lesegesellschaften des ausgehenden 18. Jahrhunderts.<266> Der Begriff ‚öffentlich’ ist zu dieser Zeit nur sehr eingeschränkt gültig. Zwar öffneten die Lesegesellschaften Personenkreisen den Zugang zu Literatur, die zuvor überwiegend den wissenschaftlich arbeitenden Ständen vorbehalten war, doch beschränk-


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te sich diese Öffnung zumeist auf das wohlhabende Bürgertum, und die Vereinsstrukturen selbst wiesen sich durch eine mitgliedschaftsgebundene Nutzung der Buchbestände und durch strenge Aufnahmeverfahren eher als geschlossene Gesellschaft denn als öffentliche Institution aus. Auch wenn in der Regel ein freier Zugang für jedermann im Sinne einer republikanischen Gesinnung in den Satzungen festgeschrieben war, so beschränkten äußere Faktoren wie Bildungsstand, Lesefähigkeit und nicht zuletzt die hohen Mitgliedsbeiträge die Nutzung auf bessergestellte Kreise des Bürgertums. Die allmählich wachsende Lesefähigkeit der unteren Bevölkerungsschichten mit ihren eigenen Literaturbedürfnissen wurde kommerziell durch Leihbüchereien bedient, deren Bestand vor allem trivialere Unterhaltungsliteratur umfaßte. Aus der Idee heraus, die Lektüre dieser neuen Leserkreise zu kultivieren und ihre Lesefähigkeit ideologisch zu nutzen, entstanden parallel zu dem aufkeimenden Vereinswesen organisierte Bewegungen einer Volksbildung. Volksschriftenvereine, konfessionelle und politische Vereine bemühten sich etwa ab 1840 um eine Literaturerziehung und zum Aufbau jeweils eigener Netze von Volksbibliotheken. Diese Volksbibliotheken blieben aber ebenfalls nur begrenzt ‚öffentlich’. Zum einen hoben sie die Schichtspezifität nicht auf, sondern kehrten sie nur um, indem sie sich speziell einer bestimmten Bevölkerungsgruppe wie den Bauern oder den Arbeitern öffneten, zum anderen setzten sie von den Nutzern eine bestimmte Weltanschauung oder Religion voraus.

Vorschläge für ein Öffentliches Bibliothekswesens, das unserer heutigen Vorstellung sehr nahe kommt, werden zwar in Deutschland bereits im ausgehenden 18. Jahrhundert diskutiert, sie werden aber aufgrund der politischen Situation nicht umgesetzt. Ganz anders dagegen entwickelt sich das Bibliothekswesen in den USA und England, deren frühe Demokratien die Form der ‚public library’ hervorbrachte, einer aus Steuergeldern finanzierten Universalbibliothek für alle Bildungs- und Bevölkerungsschichten. Ende des 19. Jahrhunderts gab es in Deutschland im Rahmen der sogenannten ‚Bücherhallenbewegung’ Versuche, das Modell der ‚public library’ zu adaptieren. Doch die zahlreichen Stadtbüchereien, die aus dieser Bewegung hervorgingen, konnten sich von dem Erziehungsanspruch der Volksbildung nicht lösen und entsprachen in diesem Punkt nicht der Unparteilichkeit angelsächsischer Bibliotheken. Während der Leser dort nur auf Wunsch beraten wurde und ansonsten freien Zugang zu den Büchern hatte, stand in Deutschland die Thekenbücherei mit individueller volkserzieherischer Beratung im Vordergrund. Dies galt insbesondere für die erzählende Literatur, mit der man den Bürger zu sittlicher Reife und geistigen Freiheit führen wollte. Im gemeinsamen Kampf gegen die als ‚Schmutz und Schund’ deklassierte Unterhaltungsproduktion des florierenden Kolportage- und Leihbuchhandels fanden die konfessionellen, politischen und kommunalen Volksbibliotheken auf literaturästhetischem Feld eine Basis für eine verbindende Bibliothekspolitik. Die Buchauswahl sollte sich auf literarische Werke beschränken, denen die ästhetische Beurteilung die Attribute ‚wahre’ oder ‚echte Dichtung’ zumessen konnte. Da man auf die unter-


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schiedliche literarische Vorbildung der Bevölkerung Rücksicht nehmen mußte, stellte sich die Frage nach der ‚unteren Grenze’ dessen, was an anspruchsloser Literatur für die Bestände der Volksbibliotheken gerade noch vertretbar erschien. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entbrannte darüber ein mit Härte und Polemik geführter dogmatischer Richtungsstreit zwischen dem Lager um den Direktor der Leipziger Bücherhalle, Walter Hofmann, und dem Lager um den Stettiner Büchereidirektor Erwin Ackerknecht. Hofmann legte besonderen Wert auf die angeleitete, literarische Schulung anhand von volkspädagogisch einwandfreien Werken und nahm dafür auch das geringe Interesse in der Bevölkerung in Kauf. Wenn auch die Bildung der Bevölkerung als Ganzheit (‚Masse’) zunehmend irreal erschien, so wollte er zumindest eine kleine Elite schulen, die jene von ihm geforderten literatur-ideologischen Werte als Multiplikatoren in die übrigen Bevölkerungsschichten induzieren sollten. Ackerknecht hingegen wollte die ‚untere Grenze’ durchlässiger gestalten und billigte auch dem von Hofmann strikt abgelehnten Kitsch einen volksbildnerischen Übergangswert zu, um so Zugangsmöglichkeiten für eine möglichst große Bevölkerungsschicht zu erreichen. Auch sollte die Beratung durch den Bibliothekar weniger bevormundend ausfallen. Ackerknecht hoffte darauf, das Eigeninteresse der Benutzer zu wecken, sich für anspruchsvollere Literatur zu öffnen. Noch über den zweiten Weltkrieg hinaus, etwa bis kurz nach dem Tod Ackerknechts 1960, blieben die Grundfragen des Richtungsstreits in der Diskussion und mit ihnen die unzähligen gescheiterten Versuche, eindeutige Bewertungsrichtlinien für die Identifikation von Kitsch, Schmutz- und Schund zu erarbeiten. Fragen der Literaturbewertung, bzw. später der Bewertung von medialen Inhalten allgemein, bleibt aber auch in der Zeit danach ein das Öffentliche Bibliothekswesen bestimmendes Thema.

Unbestritten blieb in der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg indes das Selbstbild der Volksbibliotheken als eigenständige pädagogische Instanzen, bei denen die eigentliche bibliothekarische Arbeit in den Hintergrund trat. Ein Umdenkprozeß vollzieht sich erst nach dem zweiten Weltkrieg auf Grundlage der neuen politischen Verhältnisse. Der sozialpädagogische Aspekt der bibliothekarischen Arbeit bleibt aber auch nach dem Namenswechsel der Volksbibliotheken hin zu Öffentlichen Bibliotheken berufsmotivierendes Merkmal. Im nachfolgenden Gliederungspunkt der Themen wird hierauf noch spezieller eingegangen.

Anders als im Buchhandel, wo das Buch das zentrale Objekt für den Systemerhalt bleibt, ist das Buch und das Lesen für die Volksbibliotheken nur ein Mittel zum Zweck der Volksbildung. Zentrales Objekt ist das Volk und dessen »Formung zur Volkheit«<267> durch Vermittlung kultureller und moralischer Werte. Diese Werte werden zwar nicht minder auf den Buchbegriff projiziert als im Buchhandel, und an der Mystifizierung des Buchs haben die Volksbibliothekare eine ver-


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gleichsweise bedeutendere Rolle gespielt, aber im Unterschied gegenüber dem Buchhandel zeigt man sich den anderen Verbreitungsmedien gegenüber offener. Es lassen sich dieselben Bewertungsmaßstäbe für Schmutz, Schund und Kitsch auch auf das Lichtspiel und Hörfunkproduktionen anwenden und mit ‚guten’ Filmen oder Hörspielen läßt sich ebenso sinnvoll Volksbildung betreiben, so daß man hier eine Konkurrenz in gleicher Sache sogar erwünscht. Für die Frage, warum im Öffentlichen Bibliothekswesen die Lesekultur im Vergleich zum Buchhandel eine so geringe Rolle gespielt hat, gibt dieser historische Bezug einen wichtigen Anhaltspunkt.

3.3.1.2 Politische Abhängigkeiten

Anders als beim Buchhandel sind die Öffentlichen Bibliotheken als Subventionsbetriebe und als Teil des Organisationssystems der Kommunen in jeder Hinsicht von Verwaltungsbeschlüssen und Mittelvergabe der Öffentlichen Hand abhängig. Daraus ergibt sich eine strikte Kopplung der bibliothekarischen Arbeit an die Leistungserwartungen des Staates. Die Öffentlichen Bibliotheken müssen sich daher sehr viel stärker den veränderten gesellschaftlichen Entwicklungen anpassen und sind kaum in der Lage, Versuche zu unternehmen, ihre Umwelt nach eigenen Bedürfnissen zu verändern. Daher zeichnen sich Gesellschaftsveränderungen sehr viel schärfer in den Strukturen des Öffentlichen Bibliothekswesen nach als etwa im Sortimentsbuchhandel, der sich seinen Strukturkonservativismus mit eigener finanzieller Kraft leisten kann. Mit dem Umschlagen des Bildungsbegriffs in den 60er Jahren verliert die bibliothekarische Leistung einer Volkserziehung als Wertevermittler für die Gesellschaft an Bedeutung. In den Vordergrund rückt die fachliche Weiterbildung. Mit der Veränderung des Gesellschaftsbildes nach 1968 wandelt sich die Öffentliche Bibliothek zum Kommunikationszentrum und mehr und mehr zum neutralen Dienstleister.

Da die Öffentliche Bibliothek mit Steuermitteln arbeitet, ist sie abhängig von der politischen Deckung ihrer Arbeit. Daneben konkurriert sie mit anderen öffentlichen Einrichtungen um eine angemessene Beteiligung am Haushaltsetat. Da die Zuständigkeit nicht zentral auf Bundes- oder Landesebene liegt, sondern in aller Regel bei den Kommunen, ist eine konzertierte Lobbyarbeit durch den Verband (Verein der Bibliothekare an Öffentlichen Bibliotheken, bis 1968 Verein Deutscher Volksbibliothekare) nur schwer möglich. Es fehlt der gemeinsame Adressat, gegenüber dem eine solche Allianz eine Entscheidung mit dem gewünschten Ziel für alle Bibliotheken hätte führen können. So müssen in jeder Kommune einzelne Etats ausgehandelt und individuell begründet werden. Auch hier spielt das SgKM Kultur eine Rolle, gleichwohl nicht in demselben Maße in der Form von Lesekultur wie beim Buchhandel.

»Die Ansprüche der Bücherei auf gebührende Berücksichtigung innerhalb der Gesamtplanung [des Haushaltes] verlieren an Gewicht, wenn wir die Tendenz ent-

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wickeln, unsere Arbeit auf außerkulturelle Bereiche auszudehnen, deren Subventionierung für die öffentliche Hand kein vordringliches Anliegen sein kann.« (1952: B48)

In dieser Konstellation gibt es ähnliche Konflikte zwischen der Berufsidentität und den äußeren Zwängen wie beim Buchhandel. Dem alten volksbibliothekarischen und zugleich buchhändlerischen Anspruch, die Gesellschaft normativ verändern zu wollen, steht die Abhängigkeit von Angebot und Nachfrage diametral entgegen. Eine Buchhandlung, die Bücher an der Nachfrage vorbei auf Lager hält, verliert ihre wirtschaftliche Existenzberechtigung ebenso wie eine Stadtbücherei, die von den Bürgern (Steuerzahlern, Wählern) nicht genutzt wird, ihre öffentliche.

»Die gefährlichste Zahl unserer Büchereistatistiken ist die Zahl der Leser. Die Vertreter der Finanzen pflegen höchst enttäuscht zu sein, wenn sie etwa von den berühmten „nur 3% der Bevölkerung“ hören, welche sich als Büchereibenutzer eintragen lassen«. (1953: B53)

Der bequemste Weg für beide Systemarten ist die Reduzierung dieses Wettbewerbs durch Gesetze. Dem Kampf des Buchhandels um den Erhalt der Preisbindung entspricht der Kampf der Öffentlichen Bibliotheken um ein Bibliotheksgesetz, das Mindestgrößen für den Bibliotheksetat verbindlich vorgibt. Außerdem soll damit unterbunden werden, daß bei angespannter Haushaltslage Einsparungen nicht überproportional zu Lasten der Bibliotheken gehen, die wie alle dem Kulturetat zugeordneten Einrichtungen gewöhnlich ganz oben auf der Liste des notfalls Entbehrlichen stehen. Durch den Widerstand der Kommunen, die sich von den Ländern kein solches, ihre Autonomie verletzendes Gesetz aufoktroyieren lassen wollen, bleibt es lediglich bei der Verabschiedung von Empfehlungen.<268>

3.3.2 Perioden und Themen

Der folgende Abriß der Themen kann für das Öffentliche Bibliothekswesen knapper und die Periodisierung gröber ausfallen als für den Buchhandel, da der Bezug zur Lesekultur über weite Strecken nicht gegeben ist. Um den Unterschied zum Buchhandel zu markieren, genügen drei Phasen in der Entwicklung der Nachkriegszeit. Die erste Phase trägt deutliche Parallelen zum Buchhandel. Es geht um eine Rekonstituierung der Bibliotheksstrukturen und um qualitative Aspekte des Lesens. Der Wechsel zur quantitativen Thematisierung, wie ihn der Buchhandel ab 1963 vollzieht, unterbleibt dagegen nahezu vollständig. Ebenso entfällt die Konstruktion der Konkurrenzmetapher ‚Buch contra Fernsehen’. Kulturpessimistische Töne, die einen Niedergang der Lesekultur durch das Fernsehen prognostizieren, klingen in BuB nur sehr verhalten an und werden agitatorisch


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auch nicht für eine generalstabsmäßig geplante Lobbyarbeit genutzt, wie dies vom Börsenverein getan wurde. Ganz im Gegenteil berichtet man über diesbezügliche Aktivitäten des Buchhandels aus kritischer Distanz und häufig polemisierend.<269> Statt dessen tritt eine zweite Phase eines Identitätswandels ein, in der Buch und Lesen immer stärker als identitätsstiftende Merkmale in den Hintergrund geraten. Man öffnet sich anderen Medien und sieht die Rolle der Öffentlichen Bibliothek mehr als Kommunikationsstifter und öffentliches Forum. Eine überraschende Wende vollzieht sich dagegen unter den negativen Auswirkungen radikaler Haushaltskürzungen zu Zeiten der Rezession Anfang der 80er Jahre. Hier erfolgt eine thematische Annäherung an den Buchhandel.

3.3.2.1 Neuorientierung und Fragen der Literaturbewertung 1948-1960

Der Wiederaufbau des Volksbibliothekswesens nach dem 2. Weltkrieg wird begleitet von der Fortsetzung des Richtungsstreits aus der Zeit der Weimarer Republik. Allerdings besteht übereinstimmend kein Zweifel daran, daß sich die Volksbibliotheken unter dem Eindruck der neuen demokratischen Verfassung selbst neu auszurichten und dem angelsächsischer Modell einer ‚Public Library’ stärker anzunähern hätten. Damit stand das elitäre Modell von Walter Hofmann nicht mehr zur Debatte. Der neue Richtungsstreit entbrannte indes darüber, in welchem Maße diese Annäherung geschehen solle. Die Frage: »Ist die Volksbücherei eine Wohlfahrtseinrichtung oder ist sie ein Erziehungsinstitut im Sinne der Erwachsenenbildung?«<270> beschreibt den anstehenden Identitätswandel. Die Wohlfahrtseinrichtung steht für die ‚public library’, das Erziehungsinstitut für die alte Volksbibliothek. Soll der Bibliothekar in Zukunft nurmehr eine passive Rolle bei der Literaturvermittlung spielen und in der Hauptaufgabe all jene Literatur bereitstellen, die dem neutralen Querschnitt des Literaturbedarfs in der Bevölkerung entspricht, oder soll der Bibliothekar in erster Linie aktive Literaturvermittlung betreiben und den Bestandsaufbau vorwiegend nach seinen eignen, pädagogischen Kriterien vornehmen? Pointiert läßt sich das Problem auf eine paradox anmutende Formel reduzieren: soll der Bibliothekar ein Bibliothekar sein oder ein Lehrer? Auch hier besteht wie beim Buchhandel eine Verwechslung der eigentlichen bibliothekarischen Funktion mit der Leistung, dies sie für andere Systeme erbringen kann. Dieser Widerspruch wird bereits 1950 thematisiert:

»1. Der irrationale Faktor sollte aus unserer Büchereiarbeit eliminiert werden.
2. Wir dürfen der Bücherei nicht Aufgaben zusprechen, die sie nicht erfüllen kann. Bildung und Erziehung können eine wünschenswerte Folge unserer Arbeit sein, aber nicht deren Ziel.

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3. Die Aufgabe des Bibliothekars ist mit der Sammlung, Ordnung und Zugänglichmachung des Buchbestandes für die Leser erschöpft.
4. Wir haben auf den Anspruch der pädagogischen Führung als Grundziel unserer Arbeit zu verzichten und die Freihand-Bücherei zu entwickeln.[...]« (1949/50: B23)

Wie schwer jedoch die reine Dienstleisterrolle zu akzeptieren ist, deutet der Autor aber noch im selben Beitrag an, indem er beschwichtigend hinzufügt: »Wir brauchen damit nicht die Sklaven unserer Leser zu werden.« Ein anderer Autor fragt: »Wollen wir so handeln? Wollen wir den Patienten - den Menschen - aufgeben?«<271> Die Profession der Volksbibliotheken, »durch Vermittlung des Buches Werkzeug zu sein für Selbsterziehung und Lebenshilfe«,<272> bleibt zunächst dominierend. Allerdings erkennt man als einen ‚irrationalen Faktor’ die frühere Vorstellung, man könne durch bestimmte Literatur bei den Menschen normative, vorhersagbare Wirkungen hervorrufen und damit den ‚Patienten’ gezielt therapieren.

»Jede Vorstellung, die - in welcher ideologischen Formulierung auch immer - davon ausgeht, daß eine Volksbücherei eine Art von Treibhaus sei, in dem man mit zweckbewußter Methodik und Technik rasch und unmittelbar dies oder das an Früchten erzeugen und ernten könne, ist wirklichkeitsfremd. Die Wirkung von Büchern und von Büchereien ist ein sehr komplexer, langfristiger und keineswegs gradliniger Vorgang, bei dem etwa jeder Absicht die gesuchte Wirkung entspräche«. (1949/50: B6)

Die Vorstellung einer kontrollierten Leserführung sei eine »Fata Morgana«<273> gewesen, die Wirkung eines Textes auf einen Leser könnte nicht isoliert betrachtet werden, ohne den Kontext aller gegenwärtigen und vergangenen Lebensumstände eines Menschen zu berücksichtigen. Es sei allerdings völlig illusorisch, ein solch komplexes Psychogramm für jeden Nutzer einer Öffentlichen Bücherei zu erstellen. Konsens besteht darin, daß man den Leser nicht mehr bevormunden und ihm mehr Eigenverantwortung für seine Lektürewahl zutrauen wolle. Der Aufruf, die Theke abzuschaffen und durch die Freihandbibliothek zu ersetzen, entspricht diesem Denken und findet in den Diskussionen überwiegend Zustimmung: Es soll ein freier Zugang zu den Büchern geschaffen werden, die allerdings nach pädagogischen und kulturellen Kriterien angeschafft wurden. So verlagert sich die erzieherische Komponente der Bibliotheksarbeit verstärkt auf den Bestandsaufbau.<274> Die Frage nach den Auswahlkriterien orientiert sich noch lange Zeit an den


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traditionellen volksbibliothekarischen Werten und führt die angestammte Diskussion um Schmutz, Schund und Kitsch fort. Das Unechte und Gemachte, das Unterwertige und Entartete in der Literatur soll keinesfalls durch Steuergelder subventioniert werden, darin ist man sich einig und erhält hierfür auch die nötige politische Rückendeckung. Problematisch und wenig fruchtbar erweist sich weiterhin die Suche nach eindeutigen Ein- oder Ausschlußkriterien, mit denen sich ein Text einer der drei abwertenden Kategorien zuordnen läßt. Man scheitert an dem Versuch, Lesemotive und Textqualität funktional gleichzusetzen. So beschreiben Kitsch, Schmutz und Schund hier keine qualitativen Merkmale des Textes, sondern Lesemotive, wie sie folgende Quelle tabellarisch zusammenfaßt:

»Seite des Lesers

Seite des Buches

1. Erweiterung des Ichs

vollgültiges, lebensechtes, wahres Schrifttum

2. Unterhaltung, Wechsel, Entspannung

Unterhaltungsliteratur

3. Ausweichen von der Wirklichkeit Wirklichkeitsflucht

Kitsch

4. Sensationell bestimmte Lektüre

Schund« (1954: B67)

Da ein Text in der Regel mehreren Lesemotiven genügen kann, erweist sich dieses Differenzierungsmuster als unlösbarer Zirkel. Ein Text von Goethe, der aus eskapistischen Motiven gelesen wird, wäre demnach als Kitsch abzuwerten, was aber der allgemeinen Wertung entgegenstünde. Auch der ‚Faust’ basiert in der Rahmenhandlung auf sex and crime, müßte somit der Kategorie ‚Schmutz und Schund’ zugeordnet werden. Zudem schließen sich die Kategorien nicht gegenseitig aus. Sensationell bestimmte Lektüre kann in der Wirkung zu einer Erweiterung des Ichs führen. Daß sie unterhaltend ist, sollte ohnehin angenommen werden können. Unter diesen Vorzeichen gestaltet sich der in unzähligen Beiträgen unternommene Versuch, literarische Qualitäten objektiv dingfest zu machen, als Kampf gegen Windmühlenflügel. Dieses Dilemma stellt die Bibliothekare vor einen Gewissenskonflikt. Auf der einen Seite muß man eingestehen, daß man auf die Wirkung des Lesens keinen Einfluß hat, daß der Leser aus freiem Willen bestimmen könne, »welchen Raum er der Lektüre und dem, was ihm aus dem Buch zukommt, in seinem Dasein gibt«, auf der anderen Seite hieße das, daß das volksbibliothekarische Erziehungsanliegen auf der Basis einer nach vermeintlich objektiven Kriterien getätigten Anschaffungspolitik nicht weniger jeder Grundlage entbehre wie die individuelle Leserlenkung. Dennoch, so fährt die Quelle sich selbst widersprechend fort, sei diese Feststellung aber kein Freibrief für die Bib-


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liotheken, Kitsch in ihr Programm aufzunehmen. Es gehe darum, die Kultur vor der allgemeinen »Lebensverflachung« zu schützen.<275>

Die Unfruchtbarkeit dieses Problems wird zunächst durch die Problematisierung der Beliebtheit von trivialen Serienromanen und etwa ab 1953 durch die intellektuelle Hysterie gegen die populärer werdenden Comics überdeckt. Hier scheint sich die Frage nach der ‚unteren Grenze’ gar nicht erst zu stellen. Serienromane und Comics werden europaweit zum Inbegriff von Kitsch, Schmutz und Schund schlechthin.<276> Eine qualitative Differenzierung insbesondere der Comics wird als unnötig erachtet. Allein die formale Darstellung widerspricht allen bisherigen Bildungsidealen, so daß auch ein noch so unproblematischer Inhalt zur Disqualifikation führt.<277> Der Comic scheint somit die prinzipielle Objektivierbarkeit von Kriterien für die Buchauswahl zu belegen. Politik, Kirchen und Pädagogenverbände fordern rasche Gegenmaßnahmen, die der alten volksbibliothekarischen Idee vorübergehend neuen Auftrieb verleihen. Die Bemühungen zielen aber hier nicht mehr auf Erwachsenenbildung, sondern auf Kinder und Jugendliche. Zahlreiche Wohlfahrtseinrichtungen und Interessensgemeinschaften vernetzen ihre Arbeit untereinander.<278> Sehr viel früher als der Buchhandel sind Öffentliche Bib-


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liotheken auch an Gegenprogrammen beteiligt. Unter dem Motto »Was an Schmutz und Schund ich hab‘, fort damit ins Schmökergrab«, startet die Stadtbücherei Hagen bereits 1954 eine (vermutlich) erste Umtauschaktion. Comics und Heftchenromane werden im Gegenwert ihres Handelspreises gegen ‚gute Jugendbücher’ getauscht, die das Jugendamt finanziert. Die Aktion stößt auf unerwartete Resonanz. Binnen vier Stunden werden 20.918 Hefte abgegeben, die anschließend in einer Ausstellung zur Aufklärung von Eltern und Lehrern zur Schau gestellt werden (»Das Echo war über Erwarten stark. Es hat kaum ein Besucher die Ausstellung verlassen, der nicht stärkstens beeindruckt, ja erschüttert gewesen ist.«).<279>

Lesekultur wird als solches nicht direkt definiert. Es geht vorwiegend um Inhalte, nicht um Leseformen. Eine Ausnahme bilden ein Beitrag von Hans Harald Breddin, der eine »Entartung« des Lesens in seiner Zeit diagnostiziert.<280> Gemeint ist damit - wie auch andere Quellen beklagen<281> - vor allem die Viel- und Schnelleserei. Die auf diese Weise bedrohte ‚Kunst’ des Lesens sieht Breddin in der »rechte[n] Lesehaltung« als einem lebenslangen Lern- und Entwicklungsprozeß. Innerhalb dieses Prozesses können die Menschen verschiedene »Stufen des Lesens« erreichen, die parallel laufen mit Stufen der Erkenntnis. Von dem orientierenden Lesen des ABC-Schützen und pubertierenden Jünglings - der freilich keine Comics sondern Goethe, Eichendorff und Kleist zu lesen pflegt -, über den kritisch hinterfragende Lesen des Studenten hin zum »Lesemeister«, der gemäß der buddhistischen Weisheit „Tat twam asi“ - „Das bist du“ - gelernt hat, seine eigene Identität im Buch zu erkennen. Die letzte Stufe der Vollkommenheit erreicht der Lesemeister am Ende seines Lebens als »symbolischer Leser«, dem es gelingt, im (symbolischen) Lesen der Welt in allen Schöpfungen der Natur und Kultur »das Urbild, die Idee zu schauen« und der damit teilhat am Leben des hegelschen »Weltgeistes«. Der »Anschluß an das Absolute«<282> ist auch bei anderen Beiträgen als Hauptmotiv des Lesens ausgewiesen und entspricht damit ganz den alten Zielen der Volksbildung.

Doch auch der Bildungsbegriff beginnt sich bereits in den 50er Jahren langsam zu wandeln. Die wachsende Nachfrage nach Fachbüchern wird mit dem Hinweis legitimiert, auch das »Arbeitsglück« sei schließlich eine wichtige Voraussetzung, ohne die eine Bildung im humanistischen Sinne gar nicht möglich sei:

»Die Bildungswelt muß um die soziale Existenz des Menschen so herumgelagert werden, wie die Frucht um den Kern, muß den Menschen erfüllen und erweitern, ihn aber zugleich dort, wo er steht, bestätigen, festigen und verwurzeln. Deshalb ist

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die berufliche Selbststeigerung im Gesamtbildungsprozeß sehr wichtig. Das Gefühl des persönlichen Arbeitswertes trägt über die harten Anforderungen und über die verödende Mechanisierung der Arbeitsvorgänge hinweg und hilft dem Bemühen um Sinngebung des schaffenden Einzeldaseins. [...] Für die Volksbücherei bedeutet dies, daß der seit Jahren als Anhängsel gepflegte Fachbuchbestand ein eigenes Gewicht bekommen muß. Zur Schönen Literatur, zum Jugendbuch und zum Sachbuch der verschiedensten Gebiete sollte als neue, unter eigenen Gesichtspunkten gepflegte Bestandskategorie das Fachbuch kommen«. (1949/50: B2)<283>

Walter Dierks spricht 1953 von einer »Krise der Bildung«, da sich Bildungsziele nicht mehr notwendig aus einem vorgegeben Weltbild ableiten. Neues Bildungsziel müsse daher die Vermittlung eines »offenen Weltbilds« sein.<284> Die Technikfeindlichkeit der Volksbildner wird von einer anderen Quelle angeprangert. Technik sei schließlich nichts anderes »als Gestalt gewordener Geist«, gebildet sei ein Mensch, »der sein Leben verantwortlich zu führen weiß« - mit oder ohne Technik.<285> Daß mit dem Wandel des Bildungsbegriffs auch ein fundamentaler Wandel des Bibliothekswesens einhergehen muß, stellt Carl Jansen fest. »Das alte Bildungsreich ist zerstört; die Grenzen für ein neues beginnen sich allmählich abzuzeichnen. Somit haben wir gute Ansätze und Aussichten für eine neue Büchereibewegung. Aber diese vollzieht sich mehr in einer Evolution als in einer Revolution«.<286> Wie widerwillig dieser Wandlungsprozeß von den Öffentlichen Bibliotheken akzeptiert wird, zeigt auch das IFLA-Memorandum aus dem Jahr 1955.

»Kurz zusammengefaßt ist der Zweck der Öffentlichen Bücherei, jedermann nach seinen Bedürfnissen und Umständen die Werte zu vermitteln, die unbeschränkter Zugang zu Büchern und ähnlichem Material gewähren kann. [...] Die echte Öffentliche Bücherei ist keine „populäre“ Bücherei, die sich mit Dingen von geringem Wert, aber größerem „Reiz“ beschäftigt. Sie nimmt sich aller Werte an, die für den einzelnen wie für die Gemeinschaft von Bedeutung sind. Die Aufgabe der Öffentlichen Bücherei besteht nicht nur darin, vorhandene Wünsche zu erfüllen, sondern größere Wünsche zahlreicher Benutzer anzuregen und leicht zu befriedigen«. (1956: B81)

Die Betonung des »uneingeschränkten Zugangs« verweist zwar darauf, daß man auf die Bevormundung des Lesers verzichten will, doch geht es weiterhin nicht um Wissens-, sondern um Wertevermittlung. Der humanistische Bildungsansatz versteckt sich in den »größeren Wünschen«, die man in dem Bibliotheksnutzer zu wecken versucht.

Erst Ende der 50er Jahre festigt sich die Einsicht, »[d]as Umschlagen der geistigen Existenzform „Bildung“ in berufliche Arbeit, d.h. in die Leistung von „Bil-


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dungsberufen“« aufgrund der geänderten sozialen Bedingungen »unsere alte Vorstellung von „Bildung“ eigentlich unmöglich oder zumindest stark revisionsbedürftig« gemacht habe.<287> 1962 wird die Funktion einer Öffentlichen Bücherei bereits vorwiegend in der Wissensvermittlung gesehen, der alte Erziehungsaspekt beschränkt sich nur noch auf die Jugend:

»Die Öffentliche Bücherei soll durch Vermittlung von Büchern und ähnlichen Bildungsmitteln die allgemeine, wissenschaftliche und berufliche Bildung fördern und die Jugendlichen durch Beratung an das gute Buch heranführen«. (1962: B121)

Nachdem eine Artikelserie in der Zeitschrift ‚Christ und Welt’ unter dem Titel »Die deutsche Bildungskatastrophe« dazu geführt hatte, daß die zukünftige Bildungsplanung der Öffentlichen Hand zu einem partei- und länderübergreifenden Politikum ersten Ranges erhoben wurde, war die Bedeutung des Bildungsbegriffs endgültig von neohumanistischen Verständnis der Ichfindung hin zur wissensbasierter Aus- und Fortbildung verschoben worden.

»Die Zahl der Abiturienten bezeichnet das geistige Potential eines Volkes, und von dem geistigen Potential sind in der modernen Welt die Konkurrenzfähigkeit der Wirtschaft, die Höhe des Sozialproduktes und die politische Stellung abhängig«. ( Picht 1964, S. 26)

Das »geistige Potential« beschreibt nicht mehr den ‚Lesemeister’, der in den Werken Hölderlins oder Kleists sich selbst erkennt, sondern den studierfähige Menschen, der später in Ingenieursberufen die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit des Landes sichert. Entsprechend definiert sich daraus einer neuer Gesellschaftsauftrag an die Öffentlichen Bibliotheken, die reflexiv zu einer Rückbesinnung auf die eigentliche, bibliothekarische Funktion führt.

»Die Büchereien von 1963 haben mit der Volksbücherei von 1930 nur noch weniges, wenn überhaupt etwas gemeinsam. Gerade bei kleinen Buchbeständen ist das Verlangen der Büchereien spürbar, Ergänzung und Hilfe bei größeren Instituten zu finden - weil ihre Leser eine früher nicht bekannte Breite des literarischen Interesses äußern. Ohne Rücksicht auf bibliothekarische Theorien erzwingen die neuen Gegebenheiten eine Erinnerung an die fast vergessene Verwandtschaft aller Arten von Bibliotheken«. (1964: B138)

3.3.2.2 Die Öffentliche Bibliothek als ‚Mediothek’ und Kommunikationszentrum

Die Öffentliche Bibliothek ist weitaus weniger auf das Medium Buch fixiert als der Buchhandel. Auch die Entmythologisierung des Buchs wird früher und konsequenter durchgesetzt als im Buchhandel, der mit seinem Programm ‚Politik für das Buch’ alsbald auf eine Neu-Mythologisierung der alten Bildungswerte setzt. »Aufs Ganze gesehen, wird das durch die Reformation aufgewertete Buch entsakralisiert und zu einem selbstverständlichen „Lebensmittel“ wie Quark und


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Milch werden.«, stellt Breddin 1965 fest.<288> Obgleich Öffentliche Bibliotheken nicht weniger auf den ‚Freizeitmarkt’ fixiert sind, wird der Fernsehkonsum der Bevölkerung nach außen hin nicht als ernste Bedrohung gesehen.<289> Prognostiziert der Buchhandel anhand einer empirischen Erhebung 1963 das erste Mal den Niedergang der Lesekultur durch das Fernsehen, heißt es in BuB im selben Jahr:

»„Buch, Funk und Fernsehen“ stehen gleichberechtigt nebeneinander. Sie stehen nicht in einem erbarmungslosen Konkurrenzkampf, sondern es gibt zwischen ihnen - bei aller Eigengesetzlichkeit der verschiedenen Medien - vielfache Wechselbeziehungen. Die moderne Öffentliche Bücherei darf sich nicht abschirmen gegen die anderen Medien in vornehmer Resignation, sondern sie sollte ganz bewußt den Wettbewerb mit ihnen aufnehmen: Denn Lesen ist keine sterbende Kunst!“ (1963: B133; vgl. aber den Widerspruch, der darauf hinweist, daß die Entwicklung des Fernsehens latent durchaus existenzbedrohend empfunden wird: es gibt keinen Konkurrenzkampf, der Wettbewerb aber soll aufgenommen werden)

Geht es in dieser Quelle noch um das Lesen von Büchern, so öffnet sich die Öffentliche Bibliothek zunehmend den Non-Print-Medien. 1964 macht sich eine Bibliothekarin dafür stark, auch Dia-Reihen in den Bestand der Öffentlichen Bibliothek aufzunehmen. Die vorsichtige Argumentation zeigt aber auch hier, welche Vorurteile dem Fernsehen im bibliothekarischen Alltag tatsächlich entgegengebracht werden: »Das an die Wand geworfene ruhige Bild - im Gegensatz zu den fortlaufenden Bildern des Films und des Fernsehens - kann der Beschauer noch beherrschen, wogegen Film und Fernsehen ihn beherrschen.«<290> Unterstützt wird die Aufnahme audiovisueller Medien in den Bestand der Öffentlichen Bibliotheken auch durch das Gutachten der Kommunalen Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsvereinfachung (KGSt) aus demselben Jahr, das als maßgeblicher Leitfaden für die Bibliotheksplanung der folgenden Jahre gilt. So werden Tonträger wie Schallplatten; Tonbänder und Kompaktkassetten und später Bildplatten, Videos und sogar bildende Kunst zu selbstverständlichen Bestandseinheiten der Öffentlichen Bibliotheken. Die Biblio-thek wandelt sich zunehmend zu einer Medio-thek, ohne daß dieser Wechsel zu Identitätsproblemen führt.<291> Freilich gilt auch für


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diese Medien, daß sie von den Bibliothekaren einer eingehenden qualitativen Prüfung unterzogen werden, nicht zuletzt weiterhin mit dem Ansinnen, geschmacksbildend auf die Nutzer einzuwirken.

»Eine Mediothek sollte sich von Plattenläden zumindest darin unterscheiden, daß sie sich dem konsumzwingenden Markt, den gewaltig aufgeblähten Modetrends vom Discosound bis zu Plattenverschnitten [...] verweigert. [...] Leider ist es eben immer noch so, daß Schmus und Schlagerniveau den Markt bestimmten und herausragende Publikationen eine wenig erkannte und beachtete Spezialität bleiben. Gerede hier müßten die Mediotheken einsteigen. Ihr ungeheurer Einfluß besonders auf Jugendliche könnte nicht nur zu Markt-, sondern auch zu Bewußtseinskorrekturen führen«. (1977: B277)

Die Jugend bleibt auch in den 60er und 70er Jahren weiterhin das verbliebene Erziehungsobjekt der Öffentlichen Bibliotheken. In den 60er Jahren beherrscht der Aktionismus um das ‚gute Jugendbuch’ das Öffentliche Bibliothekswesen nicht weniger wie den Buchhandel, sind doch beide zumeist an denselben Interessenverbänden zur Jugendliteratur beteiligt, die sich in den 50er Jahren im Kampf gegen jugendgefährdende Schriften formiert hatten. Während man hier einerseits immer klarere Vorstellungen von ‚minderwertigem Schrifttum’ entwickelt<292> und agitatorisch auf Veranstaltungen wie der Jugendbuchwoche dagegen zu Felde zu ziehen weiß,<293> fehlte es an positiven Korrelaten. Im wesentlichen projiziert man auf das ‚gute Jugendbuch’ alle Erwartungen allgemeiner Erziehungsziele, die durch das Lesen des Buches in dem Kind realisiert werden sollen. Dazu wird gezählt:

»1. Vermittlung von Anschauung und Kenntnis der Dinge
2. Erziehung zum Guten,
3. Formung der künstlerisch-schöpferischen Kräfte
4. Ermöglichung der Teilnahme durch das Erlebnis, durch Anstrengung der Phantasie und Formung der Persönlichkeit durch erlebnishafte Erfahrung«. (1959: B103)«

Doch die auf diese Ziele hin generalstabsmäßig konzipierten Bücher konnten nicht überzeugen, waren sie selbst doch nichts anderes als Bildungssurrogate und fielen damit in dieselbe Kategorie wie der verfemte Kitsch. Im Gegensatz zum Börsenblatt fällt die Berichterstattung über Tagungen und Veranstaltungen zur Jugendliteratur in BuB mit Beginn der 60er Jahre zunehmend kritischer aus. Von einer Mainauer Tagung wird berichtet, daß es unter den Teilnehmern »erfrischende Einzelgänger gab [...], die kein Tagungsjargon beeindrucken konnte, keine „Funktionäre“, die mit dem Buch in der Hand Menschen formen, sondern Män-


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ner und Frauen, die ihre Mädchen und Jungen in der Schule, in der Jugendgruppe oder in der Bücherei verstehen.«<294> Zu der Verleihung des Deutschen Jugendbuchpreises 1964 merkt eine Quelle an: »Der Eindruck von der Arbeit und den Äußerungen des Arbeitskreises für Jugendschrifttum „Lustlos und müde“ verstärkte sich von Jahr zu Jahr« und es sei schwer abzuschätzen, »ob der Patient, der sichtbar in den letzten Zügen liegt, sich noch einmal erholen und wie sich dann sein Fortleben gestalten wird«.<295> Doch die Kritik an den gescheiterten ‚Literaturfunktionären’ ändert nichts an der generellen Überzeugung, daß die Aufgabe der Öffentlichen Bibliotheken weiterhin darin liege, die Jugend durch das ‚gute Jugendbuch’ zu formen.<296> Lediglich die Methodik wird in Frage gestellt.

»Eine Bibliothek, die ihre Tore für Jugendliche offenhalten will, muß dafür Sorge tragen, daß ihnen - wie allen anderen Lesergruppen - die freie Buchwahl ermöglicht wird. Diese ist nicht dadurch gewährleistet, daß man die Jugendlichen sich selbst überläßt. Bei solcher ‚Freiheit’ ist der Bibliothekar immerfort gezwungen, die Buchwahl des Jugendlichen zu korrigieren. [...] Er sieht dann [...] dem Lehrer mit erhobenem Zeigefinger, den man heute weder in der Schule noch im Jugendheim mehr vorfindet, zum Verwechseln ähnlich. Der Jugendliche hat das fatale Gefühl, daß er in der Bibliothek nicht für voll genommen wird.« (1963: B128)

Während im Jugendbuchbereich die alte volksbibliothekarische Identität überdauert, verändert die Öffentliche Bibliothek in allen übrigen Bereichen ihr Selbstverständnis gegen Ende der 60er Jahre unter dem Eindruck der gesellschaftlichen Veränderungen (‚68er Bewegung’) weiter. Vorbild für das Öffentliche Bibliothekswesen in Deutschland sind die skandinavischen Länder. Immer wieder erscheinen in BuB Beiträge aus diesen Ländern. So fordert ein Autor aus Schweden, die Bibliothek solle eine Synthese der gesamten Gesellschaft repräsentieren und ihre Arbeit entsprechend ausrichten.

»Bücher ausleihen? Ja! Platten spielen? Ja! Kunst ausleihen? Ja! Aufenthaltsmöglichkeiten für Nichtstuer schaffen, wo sie die Zeit totschlagen können? Ja! Stätten der Forschung und der Studien sein? Ja! Den Kindern Freude bereiten? Ja! Im Vereinsbetrieb mitspielen? Ja! Durch die Programme Kontakte zwischen den Menschen und der Kultur vermitteln? Ja! Sich in die Zeitphänomene einschalten, die Jugendlichen zusammenführen und deren Lebensgefühl vertiefen? Ja! Die Abweichenden stützen? Ja! Raum für die Urkonservativen schaffen? Ja! Platz für die Äußerungen des Glaubens und des Unglaubens schaffen? Ja!« (1968: B172)

Unter dem Motto ‚Die Bibliothek in einer menschlichen Stadt’ gerät die Funktion der Öffentlichen Bibliothek als Kommunikationszentrum in der ersten Hälfte


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der 70er Jahre verstärkt in die Diskussion. Die Bibliothek solle gewissermaßen als ‚Marktplatz’ der Meinungen und Interessen eben diese kulturelle Vielfalt der Gesellschaft widerspiegeln. Dieser Gedanke ist zwar nicht gänzlich neu, schon 1959 sah man in der Bibliothek ein »Zentrum mitbürgerlichen Lebens«, mit dem man die »anonyme Gestaltlosigkeit großstädtischer Existenz« aufbrechen wollte,<297> doch tritt nun die politische Dimension einer gelebten Demokratie in den Vordergrund. Es geht um den Dialog zwischen Randgruppen, Bürgerinitiativen und anderen Interessensvertretungen.<298> »Bibliotheken sind keine Kulturinseln, aber auch keine bloßen Relaisstationen«, heißt eine These von Gerhard Lanius, »sondern Vermittlungsinstanzen, verflochten mit dem gesellschaftlichen Zeitgespräche und der Dynamik gesellschaftlichen Wandels.«<299> Auch der Deutsche Städtetag sieht die Chance der Bibliotheken, sich »zu wichtigen Kommunikationszentren der Städte zu entwickeln.«<300> Nicht Vermittlung angestammter Werte und Meinungen, sondern individuelle Meinungsbildung stehen neben der Weiterbildung und der Funktion als Freizeittreff<301> im Mittelpunkt der Aufgaben einer Öffentlichen Bibliothek.

»Die Bibliothek hat früher immer nur eine Aufgabe gehabt: Präsentation der veröffentlichten Meinung. In der modernen Bibliothek kam die Informationsaufgabe dazu: Anleitung im Umgang mit den veröffentlichten Meinungen, Heranführung und Herausfinden, Ergänzung und Kritik. Die Zukunftsbibliothek [...] hat eine dritte Aufgabe in der modernen Gesellschaft: die der freien Meinungsäußerung. Der einzelne wird aus seiner Gruppe herausgelockt zur Stellungnahme zu allen veröffentlichten Meinungen. In der Bibliothek soll jede Meinung zum Ausdruck kommen, nicht nur durch Bücher und andere Medien, sondern auch durch aktuelle Ausstellungen kleinster Minoritätsgruppen, durch Vorträge und Diskussionen« (1975: B257).

3.3.2.3 Die Nicht-Thematisierung der Lesekultur bis 1982 und ihre
plötzliche Renaissance

Faßt man die ersten dreißig Jahre des Untersuchungszeitraums zusammen, so kann man feststellen, daß zwar die meisten Aspekte der Lesekultur gleichermaßen in BuB wie im Börsenblatt zu finden sind, wobei die kulturpessimistischen Ansichten zumeist auf einen allgemeinen Werte- und Sittenverfall der Gesellschaft rekurrieren. Einige Autoren, die sich im akademischen Bereich um Leseforschung bemühen, schreiben für beide Publikationen und bringen damit dieselben Ideen in


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die Kommunikationsnetze beider Systeme. Der große Unterschied aber ist, daß in BuB diese Ideen nur vereinzelt auftreten und nicht als Leitthema eine Fortsetzung in nachfolgenden Beiträgen finden. Die programmatische Lobbyarbeit des Börsenvereins, seine Buchmarkt-Forschung sowie die Initiierung der DLG werden nur verhalten aufgenommen, zuweilen als Marketingstrategie durchschaut und mit deftiger Polemik kommentiert.<302> Das Fehlen einer eigenen demoskopischen Benutzerforschung wird zwar in den 70er Jahren wiederholt angemahnt, eine Initiative entsteht daraus jedoch nicht.<303>

Dieses Bild ändert sich ab 1981 schlagartig. Eine Ölkrise verbunden mit einer wirtschaftlichen Rezession führt zu hohen Inflationsraten und den damit verbundenen Steuerausfällen. Die Öffentliche Hand wird zu massiven Einsparungen in der Haushaltsplanung gezwungen, die das Öffentliche Bibliothekswesen besonders hart treffen.<304> Die optimistischen Vorgaben des Bibliotheksplans ‘73 erweisen sich als unerfüllbar, der Traum von der Bibliothek in einer ‚menschlichen Stadt’ wird jäh unterbrochen.<305> Drastische Kürzungen der Anschaffungsetats (in Einzelfällen bis zu 50 Prozent), Bibliotheksschließungen, Einstellungsstopps und Entlassungen führen zu einer hohen Arbeitslosigkeit unter Bibliothekaren, ja sogar Selbstmorde werden berichtet. »Man könne nur jeden warnen, unseren Beruf zu erlernen«, lautet das resignierte Fazit.<306>

In dieser Situation häufen sich die Beiträge in BuB, die bislang gepflegte kritische Distanz zum Buchhandel aufgeben und in ihm einen gemeinsamen Verbündeten suchen: »Bibliotheken haben keine Lobby. Aber wie wäre es, wir täten uns zusammen? Autoren, Verleger, Buchhändler und die Benutzer unserer Institute: das gäbe schon eine Lobby!«<307> Gemeinsame Basis für diese Lobbyarbeit ist jetzt die Sorge um den Verlust der Lesefähigkeit in der Bevölkerung und die vom Börsenverein bereits initiierten Promotions-Kampagnen für das Buch, denen man sich zunehmend anschließt. Die Arbeit der DLG und nachfolgend der Stiftung Lesen findet in der Berichterstattung von BuB statt polemischer Kommentare nun zustimmende Worte. Zugleich gerät die Funktion der Öffentlichen Bibliothek wieder in die Diskussion. Es häufen sich restaurative Stimmen, die das Bild der


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Medienkonkurrenz nachzeichnen und eine Rückbesinnung auf das Buch als das eigentliche Medium der Bibliotheken fordern.<308> Angesichts knapper Etats solle sich auch der Bestandsaufbau nicht an den Wünschen der Nutzer, sondern an kulturellen Gesichtspunkten ausrichten: »In meinem Verständnis bedeutet ‚öffentlich’ am allerwenigsten, daß anzuschaffen sei, was verlangt wird«.<309> Es kommt zu einer kurzzeitigen Renaissance des alten volksbibliothekarischen Gedankenguts.<310> Alte Abgrenzungsmuster wie Masse contra Individualität, Konsum contra Qualität werden wieder thematisiert. Paul Raabe, so berichtet eine Quelle, beruft sich erneut auf die verblaßten Gegenpole von Kultur und Technik.

»Bibliotheken [sollen] nicht als Informationszentren [dienen], die sich dem „Betriebswesen der technischen Welt anpassen“, nach statistisch meßbaren Ausleiherfolgen schielend, sondern „als Pflegestätten des Lesens“. Das Lesen als Quelle schöpferischer Arbeit, die ein dringend notwendiges Korrektiv in unserer von technologischen Perfektionsmechanismen bestimmten Welt ist.« (1984: B365)

Augenfällig ist die neue funktionale Bestimmung der Bibliothek, die nicht auf Bildung (im neuen oder alten Sinne) verweist, sondern explizit auf das Lesen. Nicht mehr das Nutzen von Büchern, das Ausleihen, sondern das Lesen in einer Bibliothek wird der eigentliche Beitrag zur Leseförderung. Eine andere Quelle sieht hierin sogar eine Funktion, die das Öffentliche Bibliothekswesen maßgeblich vom Buchhandel unterscheidet: Die Bibliothek als Ort des Lesens.

»Die BiB [sc. scherzhaft für ‚Bocksche idealtypische Bibliothek’, bezugnehmend auf ein zuvor veröffentlichtes Bibliotheksmodell von Klaus Bock] ist eine Ausleihbibliothek, dies ist ihre fast ausschließliche Aufgabe. Sie unterscheidet sich von der Buchhandlung dadurch, daß man in ihr die Bücher kostenlos bekommt und wieder zurückbringen muß. Dies ist im Prinzip der einzige Unterschied zwischen der BiB

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und einer größeren Buchhandlung (oder der Summe größerer Fachbuchhandlungen). [...] In der BiB wird ausgeliehen und nicht gelesen«. (1989: B431)

3.3.3 Die spezifische Kopplung des Öffentlichen Bibliothekswesens an das Traditionssystem Lesekultur

Anders als der Buchhandel beteiligt sich das Öffentliche Bibliothekswesen an der Thematisierung von Lesekultur in den 1960er Jahren und 1970er Jahren kaum. Die Gründe sind vielfältig.

Tab. 13: Durchschnittliche Entwicklung einer Öffentlichen Bibliothek, basierend auf den Daten der Schnellstatistik allgemeiner öffentlicher Bibliotheken (bis 1969: Schnellstatistik kommunaler öffentlicher Bibliotheken und Büchereien) für die Jahrgänge bis 1979; ab 1980 Deutsche Bibliotheksstatistik , Reihe A. Die bereinigten Gesamtausgaben verstehen sich abzüglich der allgemeinen Teuerungsrate (Werte aus Statistisches Jahrbuch der Bundesrepublik Deutschland Statistisches Jahrbuch der Bundesrepublik Deutschland ). Für die Jahrgänge ab 1982 lagen Endsummen aller elf Bundesländer vor, die hier zu einem Gesamtwert addiert wurden, so daß hier für die Bildung des Durchschnitts die Einzelwerte aller erfaßten Bibliotheken (ca. 800) einfließen. Bei den Jahrgängen vor 1982 fehlt jedoch eine Endsumme. Es werden lediglich die Einzelwerte tabellarisch gelistet, so daß die statistische Auswertung erst nach aufwendiger Erfassung und nachträglicher Addition der Einzelwerte möglich war. Aufgrund der schlechten Druckqualität konnte dieser Aufwand auch mit Hilfe von OCR-Technik nur begrenzt reduziert werden. Deshalb basieren die Werte der Jahrgänge vor 1982 auf einer fehlerkorrigierten Stichprobe von etwa einem Fünftel der gelisteten Bibliotheken.

Zum einen besteht - vergleichbar mit den Umsatzzahlen des Buchhandels - ein Wachstumstrend der Bibliotheksnutzung, stetig steigende Haushaltsetats und ein fast linear zunehmender Medienbestand (Tab. 13). Das Bibliothekssystem ist in


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dieser Zeit nie konkret in seiner Existenz gefährdet und wird gesellschaftlich auch nicht in Frage gestellt. Zum anderen reduziert die Offenheit für neue Medien zugleich Zukunftsängste, von einem Medienwandel zu einem späteren Zeitpunkt existentiell bedroht zu werden.

Dennoch besteht wie im Buchhandel auch im Öffentlichen Bibliothekswesen der Wunsch nach einer ‚Markterweiterung’. Die personellen Kapazitätsgrenzen sind zumeist erreicht und ein Wachstum der Nutzerzahlen führt nicht automatisch zu neuen Kapitalinvestitionen in Personal, Bestandaufbau und Bibliotheksneubauten, wie dies in der freien Wirtschaft der Fall gewesen wäre. So erweist sich die besondere Abhängigkeit vom Staat, die zwar vor wirtschaftlichem Konkurrenzdruck schützt, in diesem Punkt für die Entwicklung als nachteilig. Da eine direkte Beeinflussung des Staates qua Systemautonomie nicht möglich ist, liegt es nahe, hier ein SgKM als Persuasionsmedium zu veranschlagen. Hinzu kommt das Bestreben, durch ein Bibliotheksgesetz die Unsicherheit der Mittelzuteilung weitgehend auszuschalten und die Systemautonomie damit zu vergrößern. Auch dieses Gesetz ist zunächst eine Forderung, deren Erfüllung unwahrscheinlich ist, da sie im Gegenzug in die Autonomie politischer Systeme eingreifen würde, so daß auch für dieses Anliegen der Einsatz eines SgKM zu vermuten ist.<311>

Allerdings wird vom Öffentlichen Bibliothekswesen bis 1981 nicht auf das SgKM Lesekultur zurückgegriffen, sondern ganz allgemein auf Kultur.

»Als Bibliothekare müssen wir dabei erkennen, daß es keine Bibliothekspolitik im engeren Sinn geben darf und kann, sondern nur eine Kulturpolitik, in der die Öffentliche Bibliothek ihren Stellenwert hat. Eine solche Erkenntnis schafft Distanz zur eigenen Arbeit und Möglichkeiten für kulturpolitisches Engagement«. (1976: B274)

Die Öffentlichen Bibliotheken werden zumeist aus dem Kulturhaushalt der Kommunen finanziert. Dieser Haushalt muß auf die verschiedensten Organisationen verteilt werden, die sich mit Theater, Musik, bildender Kunst, Ausstellungen etc. befassen. Je mehr Traditionssysteme vom Bibliothekssystem unterstützt werden, desto höher der allgemeine Kulturwert, den sich die Öffentlichen Bibliotheken zuschreiben können, um damit eine besonders hohe Zuteilung aus dem kommunalen Kulturhaushalt zu begründen. So besteht der Wettbewerb nicht wie


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beim Buchhandel inter pares, denn in der Regel sind Öffentliche Bibliotheken Monopolisten innerhalb eines Ortes, sondern zwischen Kultureinrichtungen einer Kommune. Daraus ist auch zu erklären, warum das Engagement der Öffentlichen Bibliotheken mehr und mehr auf Veranstaltungen und Medien gerichtet ist, die nicht mehr ausschließlich auf Literatur und Buch zentriert sind, sondern auch Theater, Musik und anderer Bereiche einschließen, die als Institutionen mit ‚Kultur’ benannt werden.

Ein zweites SgKM, auf dessen Persuasionskraft Öffentliche Bibliotheken zurückgreifen, ist Karriere als SgKM des Erziehungssystems (vgl. Tab. 1). Diese Kopplung verstärkt sich aber erst mit dem Wandel des Bildungsbegriffs. Während die Volksbibliotheken in ihrer pädagogischen Arbeit nicht darauf zielten, Karrieren zu formen, sondern psychologische Lebenshilfe zu vermitteln und eine weltanschauliche Identität zu fördern, setzt sich in der Nachkriegszeit die Aufgabe durch, die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Nation durch Möglichkeiten zum Selbststudium zu erhalten. ‚Lebenslanges Lernen’ wird zu einer Forderung, die sich an die Mitglieder einer Gesellschaft richtet und die mit dem Angebot der Öffentlichen Bibliotheken erfüllt werden kann. Damit gerät die Öffentliche Bibliothek in den Aufgabenbereich von Volkshochschulen, baut aber durch Kooperationen mit Schulbibliotheken ihre Leistungen für das Erziehungssystem aus. Öffentliche Bibliotheken haben aber selbst keine Funktion im Erziehungssystem. Sie selektieren keine Karrieren, stellen auch keine diesbezüglichen Bildungsnachweise (wie etwa Zeugnisse) aus. Aber die unterstützende Leistung an das Erziehungssystem führt natürlich zu einer gesellschaftlichen Aufwertung des SgKM Karriere.

Die interessante Schlußfrage bleibt nun, warum das Öffentliche Bibliothekswesen in den 50er Jahren und ab den 80er Jahren auf das speziellere SgKM Lesekultur zurückgreift? Nun unterstützt das Öffentliche Bibliothekswesen das Traditionssystem Lesen natürlich nicht erst seit dieser Zeit. Gerade die Jugendarbeit ist immer schon auf Leseförderung ausgerichtet und damit ist anzunehmen, daß auf interaktionaler Ebene, in Gruppen oder Zirkeln vor Ort in den Bibliotheken, die Kommunikationsanlässe gefördert wurden, die zur Reproduktion des Traditionssystem geführt haben. Der Unterschied jedoch ist, daß diese Leistungen innerhalb des Systems Öffentlicher Bibliotheken in den 60er und 70er Jahren kaum programmatisch reflektiert noch aus Gründen des Systemerhalts thematisiert wurden.

In den 50er und den 80er Jahren hingegen werden die Leistungen an das Traditionssystem Lesen sowohl reflektiert als auch aus Gründen des Systemerhalts thematisiert. Beide Male offenbar unter dem Druck existentieller Probleme, die sich aus der Abhängigkeit der öffentlichen Mittelvergabe ergeben. In den 50er Jahren sind die Haushaltsplanungen der Kommunen unter dem unmittelbaren Eindruck der Kriegsfolgen und den damit verbundenen vielfältigen Investitionen zum Wiederaufbau einer stabilen Infrastruktur zunächst nicht in der gewünschten Intensität auf den Wiederauf- und Ausbau des Öffentlichen Bibliothekswesens


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gerichtet. Das ändert sich erst mit dem allmählichen Einsetzen des sogenannten Wirtschaftswunders und den damit verbundenen steigenden Steuereinnahmen. Zuvor muß die Dringlichkeit der Mittelvergabe an das Öffentliche Bibliothekswesen jedoch mit einem Argument begründet werden, daß auf den Staat und seine politischen Probleme selber zielt: die Demokratie und die innere Stabilität der noch jungen Republik. Das SgKM Lesekultur projiziert die politischen Interessen auf ‚den Leser’ als Repräsentanten eines zuverlässigen Demokraten und die Konsumenten von ‚Schmutz und Schund’ als amorphe, charakterlose Masse, die sich von fremden Mächten (hier: ‚skrupellose Geschäftemacher’) beeinflussen läßt und damit eine prinzipielle demokratische Unmündigkeit aufzeigt.<312> Der hessische Minister für Erziehung und Volksbildung gibt auf der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse 1950 deutlich zu verstehen, daß der ‚Leser’ als Produkt des Traditionssystems Lesen eine wirksame Schnittstelle ist, um Leistungen des Staates an die Öffentlichen Bibliotheken zu akquirieren.

»Was tun wir heute, um diesen zum Buch drängenden Schichten, die sich private Büchereien nicht aufbauen können, wirklich gute Literatur zu geben? Was tun wir, um diese Massen nicht in Kitsch, Schund und veraltete Romane abgleiten zu lassen? Was tut die Leserschaft selbst? Was geschieht für sie von Amtswegen? Wenig oder nichts. [...] Der deutsche Leser ist zurückhaltend. Seiner Macht ist er sich noch nicht bewußt. Er ist sich als demokratischer Staatsbürger auch noch nicht klar darüber, daß er als Leser gewisse Forderungen stellen kann«. (1949/50: B25)

Die Forderungen, von denen die Quelle spricht, beziehen sich auf die Schaffung eines Bibliotheksgesetzes und den Aufbau neuer Bibliotheken. Auch die meisten anderen Quellen, die diese Forderungen an den Staat stellen, begründen dies mit dem Argument, auf diese Weise einen wirkungsvollen Beitrag gegen Schmutz- und Schund leisten zu können.

In den 80er Jahren weist die politische Situation Parallelen zu dieser unmittelbaren Nachkriegszeit auf. Die Haushaltskrise führt dazu, daß die Politik die Finanzen zunächst an den Stellen einspart, die zur unmittelbaren Sicherung der Infrastruktur entbehrlich sind. Davon betroffen sind vornehmlich Ausgaben im Kultur- und Bildungsbereich. Die SgKM Kultur und Karriere verlieren hier ihren Wert, ihre Persuasionskraft. Lesekultur ist aber unter den Teilsystemen der Kultur noch am wenigsten betroffen, da eben diese bekannten Konstrukte eines ‚Lesers’ auf das Demokratieverständnis und damit auf staatliche Stabilität zielen; eben auf das, was in Krisenzeiten ein politisches Desiderat ist.<313>


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»Die Bibliothekswoche ist also in dreifacher Hinsicht von Bedeutung: Erstens, indem sie den nicht auf andere Medien [als das Buch] übertragbaren Beitrag zur kulturellen Demokratie, die unverzichtbare kulturpolitische Funktion der öffentlichen Bibliothek deutlich macht«. (1985: B380)

Die Rückbesinnung auf das Traditionssystem Lesen und seine Kontingenzformel Buch werden auch aus einer anderen Perspektive wahrscheinlich. In ihrer bis dahin gewachsenen Form mit seinem breiten kulturellen Angebot und ihrer medialen Vielfalt verzeichnet die Öffentliche Bibliothek - von einigen Ausnahmen abgesehen - trotz der Sparmaßnahmen keine nennenswerten Einbrüche in der Nutzungsstatistik (vgl. Tab. 13 ).

»Dennoch wachsen die Schwierigkeiten, schrumpft der Gestaltungsspielraum, und nicht nur wegen des finanziellen Fesselgriffes, der härter und härter wird. Solange die Bibliotheken mit imposanten Zuwachsraten glänzen und immer neue Ausleihrekorde verbuchen, bleiben die internen Schwachstellen überdeckt, übertönen die Erfolgsmeldungen das latente Unbehagen«. (1981: B340)

Man benötigt also ein anderes ‚Kulturgut’ als den Bibliotheksnutzer, nämlich eines, das eine große Knappheit bei hoher politischer Nachfrage aufweist, damit das System der Öffentlichen Bibliotheken über ein SgKM mit hohem Persuasionswert verfügen kann. Eben diese Knappheit verspricht der ‚Leser’ zu sein, der als gesellschaftliche Minorität bei gleichzeitig hoher demokratische Relevanz bereits vom Buchhandel als Wertreferenz für das SgKM Lesekultur genutzt wurde. Diese Knappheit kann, wie bereits unter 3.2.4 gezeigt, durch die Bedrohung des Traditionssystems Lesen durch andere, vornehmlich audiovisuelle Verbreitungsmedien künstlich problematisiert werden. Mit dieser These lassen sich die Häufungen entsprechend kulturpessimistischer Beiträge in BuB ab 1982 erklären.<314> Erst mit der Stabilisierung der finanzpolitischen Lage 1985 werden in BuB die Diskussionen zur Medienkonkurrenz und zum Lesen mit zunehmender Tendenz weniger polarisiert und kritischer. Dennoch bleibt das Thema Lesekultur bis zum Ende des Untersuchungszeitraums aktuell, wenn auch insgesamt auf niedrigerem Niveau.


Fußnoten:

<114>

Siehe hierzu etwa Kneer /Nassehi 1991; Bora 1994, Schneider 1995.

<115>

Ein solcher Sonderfall wäre beispielsweise das Lesen eines fremdsprachigen Textes, dessen Inhalt man nicht versteht, dessen Aussprache man aber beherrscht.

<116>

Dieses Zugeständnis wird überwiegend erst ab der zweiten Hälfte der 60er Jahre eingeräumt. Man attestierte dann ein ‚legitimes Unterhaltungsbedürfnis’ und kritisierte die Anrüchigkeit des Unterhaltungslesens. Und dennoch wird die Unterhaltungsliteratur auch von den Befürwortern nach herkömmlichem Muster unterschieden: erlaubt sei der »gute Unterhaltungsroman«, der sich von der »primitiven Subliteratur« abgrenze. (1968: B171) Der Platzhalter ‚gut’ verweist aber letztlich wieder auf die traditionellen Wertmaßstäbe.

<117>

Zur Lesemündigkeit siehe z.B. 1960: B112; 1963: B125; 1966: B155, B154.

<118>

1926 definiert ein Schulrat im Rahmen einer Tagung über die potentielle Gefahr für die Volksbildung durch den Rundfunk ‚Bildung’ folgendermaßen: »Bildung ist nicht gleichbedeutend mit bloßer Wissensübermittlung, mit der Zugehörigkeit zu einer geistig bevorrechteten Kaste [...], ist nicht Buntscheckigkeit und Mannigfaltigkeit von Kenntnissen. Das alles führt leicht zu Dünkel, Kälte und Verarmung des Ge[wissens (?)]. [...] Die Bildung des analytischen Zeitalters strebte auseinander, die des zwanzigsten Jahrhunderts muß uns zurückführen zu dem Einen, was not ist. Wir haben heute wieder den Mut zur Frage nach dem Sinn des Lebens. [...] Bildung ist innere Gestaltung. [...] Bildung ist planmäßig und sinnvolle Formung ganzen Menschtums.« ( Pagel 1926, S. 12-13).

<119>

Vgl. Briggs 1989, S. 250.

<120>

Ähnlich der Widerspruch, die Besonderheit des Lesens darin zu sehen, den Leser »von der Gebundenheit an das Hier und Jetzt« zu lösen und »die Gegenwart und ihren raumzeitlichen Horizont zu überschreiten, an den wir im Alltag gebunden sind, und an den das Tier wesensmäßig immer gebunden bleibt« (1954: B60), und auf der anderen Seite ein solches Lesen als ‚Weltflucht’ zu bezeichnen - meistens dann, wenn die Qualität des gelesenen Textes nicht der sozialen Wertschätzung eines Systems entspricht und damit dem ‚Überschreiten des Horizonts’ im sozialen Kontext nichts abgewonnen werden kann.

<121>

»Niemand empfängt allerdings von ihnen [den elektronischen Medien] auch die Freiheit, die dem Bücherleser in Aussicht steht, Freiheit von gesellschaftlichen Zwängen, Freiheit zu sich selbst.« 1983: A387.

<122>

»Offenbar wehrt sich etwas im Menschen, - wenigstens der Menschen, die einer bestimmten Schicht angehören - gegen die Haltung, in der diese Art von Freizeitbeschäftigung vollzogen wird, gegen die totale Überwältigung durch Eindruck und Reize, gegen die Verurteilung zu bloßer Passivität des Aufnehmens, gegen die Mühelosigkeit des Genusses. Dagegen meldet sich ein Widerstand aus der Tiefe der menschlichen Person. Gegen die Fremdbestimmtheit setzt sich die Selbstbestimmtheit zur Wehr.« (1963: A98).

<123>

»Es gibt zu denken, daß man in der Sowjetunion alles daransetzt, aus den Russen eine Gesellschaft von Lesern zu machen.« (1971: A188).

<124>

Vgl. 1970: B192. Hier wird differenziert in drei »Leseantriebe«. Die Arbeitslektüre führt demnach zu Wissenserwerb und bringt den »Gelehrten« hervor, die Bildungslektüre indes gestaltet und vertieft Erkanntes, was den »Gebildeten« kennzeichnet. Die Freizeitlektüre, um Neues zu erfahren und sich zu unterhalten, wird dem »übrige[n] Leser« zugerechnet.

<125>

Vgl. Fußnote 118 .

<126>

Zu den Ergebnissen der Infratest-Untersuchung siehe Weiß 1978.

<127>

Zum Begriff siehe Luhmann /Schorr: »Jede Ausdifferenzierung von Funktionssystemen führt, nach einem alten soziologischen Denkmuster, zur Verschärfung von Problemen in den Symbolstrukturen. Sie müssen einerseits auf der Ebene der Gesamtgesellschaft genereller und auf der Ebene des Teilsystems abstrakter formuliert werden; sie dürfen andererseits den Bezug zu Sinnvollzügen des täglichen Lebens nicht verlieren und müssen auf beiden Ebenen (möglicherweise in verschiedener Weise) respezifizierbar bleiben. Zu den symbolischen Strukturen, die die hier notwendigen Vermittlungen leisten, gehören Einrichtungen, die wir Kontingenzformeln nennen wollen«. (1978, S. 58)

<128>

Vgl. Quelle: »Wir müssen davon ausgehen, daß die Intensität der Buchlektüre Ausdruck ist für eine bestimmte Lebenshaltung«. (1979: A312)

<129>

So wird in 1973: A219 der Leser als Rollenbezeichnung verstanden, die prinzipiell jeder Person zusteht, sofern sie zumindest zu verstehen gibt, daß sie gerne mehr lesen möchte, auch wenn soziale Umstände sie daran hindern: »Who is that enigmatic person, the reader? You and I, and the fellow around the corner, who never takes a book in his hands. [...] I guess, we may be called readers when we feel that we do not have enough time to read« (Rede auf der Frankfurter Buchmesse anläßlich des ‚Internationalen Jahr des Buchs’)

<130>

Vgl. die Nähe zu Joh. 10, 9: »Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden.«

<131>

1970: A181.

<132>

1983: A395; 1985: A438; 1985: A429.

<133>

1982: A376; 1989: A575.

<134>

Öffentliche Bibliotheken, die an dem Lesesparen teilnehmen, erheben eine freiwillige Ausleihgebühr von 5 pf pro Buch. Dafür erhalten die Jugendlichen eine Sparmarke. 46 Sparmarken ergeben einen Wert von 2,30 DM, der im Buchhandel eingelöst werden kann. Allerdings nur gegen solche Bücher, die vom Deutschen Buch-Spar-Ring in einem Auswahlverzeichnis geführt werden. Der Buchhändler rechnet abzüglich 10% Rabatt über dir örtliche Sparkasse ab. Über den Buchhändlerrabatt und einen Sparkassenzuschuß erhalten die Bibliotheken pro Sparmarke eine Prämienmarke gleichen Werts, die sie zur Neuanschaffung von Büchern verwenden können. - Man beachte die erstaunlich hohe ideelle Wertpotenzierung: 46 (!) ausgeliehene (und zu lesende) Bücher entsprechen einem kleinen Buch im Eigenbesitz.

<135>

Trotz der Erhöhung der Ausleihzahlen um bis zu 200 Prozent stößt die Idee vor allem bei den Öffentlichen Bibliotheken auf Widerspruch, erkennt man hier doch vor allem eine Marketing-Kampagne des Buchhandels (Quelle!). In der Tat wird im Börsenblatt der „Buch-Spar-Ring“ als System bezeichnet, mit dem »[d]ie Gefahr der Entfremdung [Jugendlicher] vom Buchhandel [...] überwunden werden« könne. (1960: A66)

<136>

Sehr ähnlich auch folgende Quelle: »Der große Traum, Lesekultur sei demokratisierbar, wir würden eine ›Lese-Gesellschaft‹, ist ausgeträumt« Im Parlament und im Gericht, klassischen Stätten der Wortkultur, verkomme sie. Allenthalben wuchere dagegen die Bildkultur, im Fernsehen, in den Zeitschriften - eine bedrückende Entwicklung. Deshalb seien von den Architekten in Wohnungen und öffentlichen Gebäuden wieder Räume zu schaffen, in denen man ungestört lesen könne, wo einem »kein Sound-Schutt in die Ohren geworfen wird« (1988: A520)

<137>

Vgl. Luhmann 1997, S. 678ff. und 743ff.

<138>

Luhmann /Schorr gehen für das Erziehungssystem von einem Wandel seiner Kontingenzformeln aus: Humane Perfektion mit Referenz auf die Vernunft, Bildung durch die Referenz auf das Allgemeine (Allgemeinbildung) und selbstbezügliche Lernfähigkeit (1978, S. 58-108). Allerdings kann die Folge historisch nicht linear durchgehalten werden. Der Bildungsbegriff der Volkerzieher dürfte zumindest die ersten beiden Aspekte zusammenfassen. Die Lernfähigkeit als auf sich selbst reduzierte Kontingenzformel könnte man allerdings durchaus begründet als Entwicklung der vergangenen vier Jahrzehnte veranschlagen, wobei natürlich die anderen Kontingenzformeln in z.T. bis zur Unkenntlichkeit abgeschwächter Form durchaus weiterhin existieren.

<139>

Nach einer OECD-Studie erreichten 1963 in der Bundesrepublik nur 8% der Jugendlichen die Allgemeine Hochschulreife und nahm in Europa vor den Niederlanden und Großbritannien den vorletzten Rang ein. Norwegen und Frankreich hingegen lagen mit 17% an der Spitze (1964: B144).

<140>

Picht 1964.

<141>

Informativ sei deshalb in Anführungszeichen gesetzt, weil grundsätzlich jedes Lesen Informationen benötigt, andernfalls wäre ein Verstehen nicht möglich. Die Minimalinformation wäre, daß man es schon einmal gelesen hat, aber auch das bleibt eine Information.

<142>

Die Resonanz auf die hessischen Rahmenrichtlinien muß in der Öffentlichkeit, so kann man aus 1974: B222 schließen, einen größeren Disput ausgelöst haben. Die hier vorliegenden Quellen geben diesen Disput aber nur einseitig und zumeist aus der Feder eines einzigen Autors wieder, dessen Polemik den Richtlinien neomarxistische Tendenzen unterstellt und sie als »Klassenkampfideologie« brandmarkt. Sie seien »nur ein Signal für die Versuche, Individualität im Namen der Emanzipation zu vergesellschaften« (1974: A223) - genau das aber ist, wenn man diesen Satz aus seinem politischen Kontext löst und für sich stehen läßt, - die Funktion eines Traditionssystems.

<143>

Während in einem Roman der Satz: „Marion läuft nach Hause“, mit vier Wörtern den Sachverhalt einmalig mitteilt, wird in einem Film beispielsweise der Sachverhalt über eine längere Sequenz kontinuierlich wiederholt. Jedes Einzelbild, auf dem Marion laufend dargestellt wird, ist in seiner Aussage redundant..

<144>

An dieser Stelle kann keine ausführliche Kritik zu der Wissenskluft-Hypothese erfolgen. Es soll aber darauf hingewiesen werden, daß der Begriff ‚Kluft’ oder ‚gap’ nichts anderes bezeichnet als eine Differenz. Wenn man schließlich in der Bevölkerung eine Differenz nachweist, wo sie schon durch Definition gegeben ist, bleibt die Hypothese zirkulär. Ein schönes Beispiel findet sich bei Saxer (1978, S. 53), der eine sozialpsychologische Modifikation der Hypothese von Ettema und Kline anführt: »Wenn der Informationszufluß von Massenmedien in ein Sozialsystem wächst, tendieren die Bevölkerungssegmente, die zum Erwerb dieses Wissens motiviert sind und /oder für die dieses Wissen funktional ist, dieses rascher zu erwerben« als bei Unmotivierten. Diese Aussage ist an Trivialität kaum zu übertreffen, denn sie bestätigt nur, was durch die Definition der Begriffe ‚motiviert’ und ‚funktional’ ohnehin schon gegeben ist.

<145>

1987 wurde vom amerikanischen Präsidenten zum »Jahr des Lesers« deklariert, um den Analphabetismus im eigenen Land zu bekämpfen (1987: A494), das Jahr 1990 wurde von der UNO zum »Jahr der Alphabetisierung« erkoren (1988: A551).

<146>

1986: A440

<147>

Zur Definition von Element siehe Luhmann 1984, S. 43: »Element ist also jeweils das, was für ein System als nicht weiter auflösbare Einheit fungiert (obwohl es, mikroskopisch betrachtet, ein hochkomplex Zusammengesetztes ist)«.

<148>

1971: A188.

<149>

Zeitungen und Zeitschriften werden generell nicht als Konkurrenten thematisiert.

<150>

Etwas bescheidener formuliert Peter Meuer in seinem von der Redaktion der Bertelsmann-Briefe preisgekrönten Aufsatz: Die kulturelle Bedeutung der Buchhandlung in der kleineren deutschen Stadt. Der Buchhändler hätte zwar weder die Funktionen eines »praeceptor Germaniae noch die eines hoheitsvollen Esoterikers. [...] Was ihn zum Buchhändler im kulturellen Sinne macht, ist nicht mehr und nichts anderes als die „Kenntnis des Besseren und der Wille, dieses lieber als das Schlechte zu verkaufen“[M. zitiert Perthes].« Meuer 1965, S. 13.

<151>

1964: B143.

<152>

1959: A57; 1977: A278; 1984: A401.

<153>

1976: A262.

<154>

1984: A412.

<155>

1952: A15.

<156>

1964: A102.

<157>

1959: A57.

<158>

1971: A188.

<159>

1972: A205.

<160>

1968 stellt gesellschaftshistorisch einen markanten Punkt dar, der sich auch im Inhalt und im Schreibstil der analysierten Beiträge im Börsenblatt widerspiegelt, die fast schlagartig wechseln. Dennoch sind die Übergänge natürlich fließend und schon in Ansätzen in den 50er Jahren zu erkennen. Umgekehrt finden sich sehr konservative Beiträge auch noch in den 80er Jahren.

<161>

Siehe Kölner Betriebsvergleich. In: Buch und Buchhandel in Zahlen 1960-89

<162>

Die Herstellkosten werden mit einem fixen, auf Erfahrungswerten beruhenden Faktor (früher 4, heute bis zu 7) multipliziert. Das Ergebnis ist Grundlage für die Bildung des Ladenpreises und wird lediglich an übliche Preisschwellen angeglichen.

<163>

Obgleich das Problem aktuell in der Diskussion ist, verweist es auf eine längere Geschichte. Bereits im November 1969 klagt Dieter Lattmann zur Eröffnung der Münchner Bücherschau: »Nahezu alle Werte, die in der Bücherwelt einmal als feste Werte galten, sind in Bewegung geraten. Der fortschreitenden Verlagskonzentration antworten die Existenzschwierigkeiten der herkömmlichen Buchhandlung und die Starrolle des Bestsellerautors zu Lasten der Chancen für mittlere Schriftsteller« (1970: A177).

<164>

Machterhalt eines politischen Systems bedeutet hier nicht: Machterhalt einer Partei. Parteien sind wiederum nur Elemente des politischen Systems. Vielmehr selektiert das System zwischen Herrschenden und Nichtherrschenden, erzeugt somit aus Anarchie geordnete Machtstrukturen.

<165>

Vgl. im Widerspruch dazu aber noch den Grundsatz Göschens bei der Einführung einer ersten Verkehrsordnung für den Buchhandel Anfang des 19. Jh: »Der Handel, schreibt Göschen, muß frei sein; ein Handelsgenosse kann dem andern nicht vorschreiben, was, wieviel, wie teuer er kaufen und verkaufen soll.« (zitiert in Goldfriedrich 1909, S. 584)

<166>

Wittmann 1991, S. 297

<167>

Peter 1987, S. 3027f.

<168>

Bericht des Vorstehers Dr. Ernst Klett zur Hauptversammlung (1972: A204).

<169>

Bericht des Vorstehers Rolf Keller zur Hauptversammlung (1975: A245).

<170>

Bericht des Vorstehers Werner Dodeshöner zur Hauptversammlung (1960: A62).

<171>

Bericht des Vorstehers Rolf Keller zur 50. Abgeordnetenversammlung (1976: A274).

<172>

Bericht des Vorstehers Dr. Ernst Klett zur Hauptversammlung (1974. A229).

<173>

Vorsteher Dodeshöner: »In einem persönlichen Gespräch mit dem Bundespostminister erfuhren wir, daß die Tendenz bestehe, alle bisher gewährten Vergünstigungen abzubauen. [...] Der Buchhandel wird so bald wie möglich auch seine Ansprüche an Hand guter Argumente in Bonn vortragen müssen« (1962: A91).

<174>

1979: A317

<175>

Vorsteher Günther Christiansen zur Hauptversammlung (1984: A317).

<176>

1984: A317

<177>

Die Ergebnisse der empirischen Sozialforschung werden von Wolfgang Strauss gar als »unwiderlegbare Beweise« gehandelt (1967: A137).

<178>

Die Repräsentativität gibt nur darüber Auskunft, inwieweit sich eine kleine Teilmenge von Antworten auf das Antwortverhalten der Gesamtbevölkerung hochrechnen läßt, nicht aber über die Qualität der Erhebungsmethodik, die zu diesen Antworten geführt haben.

<179>

Im vorliegenden Beispiel, der ‚Initialzündung’ der These, das Lesen sei in Gefahr, basiert die Aussage auf der Frage, ob der Proband innerhalb der letzten vierzehn Tage »ein Buch gelesen habe« (wobei offen bleibt, ob der Proband in einem Buch gelesen haben sollte oder ein Buch von Anfang bis Ende durchgelesen haben mußte). Im Vergleich zu einer ähnlichen Erhebung aus dem Jahr 1953 ergab sich ein Rückgang der bejahenden Antworten um 4%. Diese an und für sich nicht sehr große Abweichung, bedenkt man die Vielzahl der Faktoren, die methodisch zu einer Verschiebung der Ergebnisse führen konnten, wird jedoch in eine absolute Zahl hochgerechnet und als »Leserschwund von 1,2 Millionen« ausgegeben, der »den Leserstamm der Zeitungen, wie den der Bibliotheken, wie den des Buchhandels« gefährde (1964: A102). Auf der Suche nach der Ursache wird pauschal nur auf das vermeintliche Konkurrenzmedium gegengeprüft. Dies geschieht mit der Suggestivfrage: „Was haben Sie mehr getan, als Sie keinen Fernseher hatten“, wobei nur drei Antwortvorgaben zur Disposition gestellt wurden: Lesen, Kino, Radio/Schallplatte hören. Dem Probanden wird also suggeriert, daß er eine dieser drei Tätigkeiten vernachlässigen muß, wenn er fernsieht. Kinobesuche und Musikhören sind situativ anders eingebunden als Fernsehen und Lesen, so daß es nicht verwundert, daß sich 63% der Befragten für das Lesen aussprachen.

<180>

Wittmann 1991, S. 413.

<181>

An anderer Stelle wird gar gefordert: »Jeder Abgeordnete ist zukünftig über das Kulturreferat seiner Partei zu verpflichten, in seinem Gremium für höchstmögliche Staatszuschüsse in diesem Zusammenhang einzutreten.« und »Die deutschen öffentlichen und behördlichen Bibliotheken sind mit verdreifachten Etats auszustatten. Dabei spart der Staat das Doppelte an Aufwendungen im Kampf gegen Schund und Schmutz.« (1950: A8). Ebenfalls 1952: A17. Dort wird, von »der Erkenntnis ausgehend, daß die Förderung des Guten immer noch das beste Mittel ist, das Minderwertige zu bekämpfen«, eine staatliche Subventionierung von Jugendbuchverlagen gefordert.

<182>

Das Gesetz verbietet nicht, sondern schränkt lediglich den öffentlichen Handel ein. Die Beurteilung und Indizierung entsprechender Drucksachen erfolgt über die „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften“, die durch Repräsentanten aus Vertretern der Kirchen, Erziehung und Kunst bestehen.

<183>

Vgl. 1950: A1.

<184>

Bspw. 1950: A8; 1950: A9; 1961: A83; 1965: A113.

<185>

Hierzu siehe Jäger 1998.

<186>

1951: A13.

<187>

Die Abwertung des Phantastischen könnte auf eine Abgrenzung gegen die „phantastischen“ Ideologien der Nationalsozialisten hindeuten. Die Realität der Nachkriegsprobleme erfordert ernsthaftes Handeln und keine Weltflucht. Ein Jugendbuchverleger attestiert seiner jungen Leserschaft: »Der Hang zum Romantischen ist dem Sinn für das Tatsächliche, Reale, Aktuelle gewichen« (1950: A7). Im Gegensatz dazu wird diese Haltung im Kampf gegen ‚Schmutz und Schund’ bei den Jugendlichen eher vermißt: »Der junge Mensch durchschaut variierte Motive keineswegs, im Gegenteil, er will seine Lieblingsmotive absolut variiert haben, immer wieder, er schwelgt in Wiederholungen. Die Vorwürfe gegen die Schundromane richten sich gegen ein Zuviel an Phantasie, das ungünstig auf die jungen Gemüter einwirke. Ich würde eher sagen, daß sie zuwenig Phantasie entwickeln. Das Abspulen uralter Motive stellt keine Phantasie dar« (1951: A10). Indes findet ein anderer Autor pragmatischere Gründe, indem er eine Art ‚Wettbewerbsverzerrung’ verortet, da die »Hochspannung« der »unwahrscheinlichsten Abenteuer« in Comics mit ‚guter Literatur’ kaum annähernd zu erreichen ist (1956: A28).

<188>

1956: A26; von einer ähnlichen Aktion einer Öffentlichen Bibliothek zu einem früheren Zeitpunkt berichtet BuB (siehe 3.3.2.1 ).

<189>

1956: A31.

<190>

1956: A32.

<191>

1956: A34.

<192>

Siehe hierzu unter 3.3.1.1 .

<193>

1959: A51.

<194>

1960: A60.

<195>

1960: A61.

<196>

1961: A78.

<197>

1962: A89; die Boykottmaßnahmen zogen offenbar heftige Reaktionen in der Presse nach sich, wie aus 1965: A115 hervorgeht.

<198>

Jäger 1988, S. 185

<199>

Bereits im Kaiserreich wurden die starke Zunahme von Gewaltverbrechen bei Jugendlichen und die Lektüre von „Schund“-Literatur in kausale Beziehung gebracht. Vgl. Hellwig 1913 »Die Beziehungen zwischen Schundliteratur, Schundfilm und Verbrechen. Das Ergebnis einer Umfrage«. (erwähnt bei Jäger 1988).

<200>

1960: A66; ebenso: »Was können wir unseren Kindern mehr wünschen, als mit Hilfe ihrer Muttersprache den inneren Gleichklang zu suchen«, 1961: A74.

<201>

vgl. im Gegensatz dazu die von Karl Brunner geführte »Berliner Liste« aus den Jahren 1916-18, die unter der besonderen Kriegsrechtsgebung zu einem Verbot der jeweils indizierten Titel führte. ( Jäger 1988, S. 180). Die »positive« Schundbekämpfung der 50er und 60er Jahre invertierte hingegen den Index.

<202>

1988: A555.

<203>

1961: A76.

<204>

1961: A76.

<205>

1960: A66; 1961: A70.

<206>

Zahlenangaben bei 1958: A40.

<207>

1959: A48.

<208>

1958: A41; auch 1962: A88.

<209>

1960: A52.

<210>

1958: A45.

<211>

Von 55 Beiträgen, in denen eine Medienkonkurrenz Buch-Fernsehen thematisiert wird, rechnen 29 dem Fernsehen dysfunktionale Wirkung für die Lesekultur zu, 24 hingegen funktional fördernde.

<212>

Siehe Fußnote 179 .

<213>

Vgl. 1965: A116; 1967: A133.

<214>

1965: A116.

<215>

1966: A131.

<216>

1967: A136

<217>

1965: A117

<218>

Wilhelm Salber stellt die Arbeit 1972 auf dem ‚Konstanzer Literaturgespräch’ vor. Über diese Veranstaltung veröffentlicht das Börsenblatt einen Pressespiegel. Darunter findet sich u.a. folgendes Statement: »Da dem Professor einerseits ein prononciertes Gegenüber fehlte, und da Salber andererseits mit seiner vagen wissenschaftlichen Metaphorik die übrigen 50 Tagungsteilnehmer mehr verschreckte als aufklärte, verlief die Tagung etwas zu eingleisig« (Handelsblatt) und der Süddeutsche Rundfunk kommentierte: »Nichts gegen diese Untersuchung[...], nichts gegen den Auftrag des Börsenvereins, der fast uneigennützig einen Psychologen mit einem Forschungsvorhaben unterstützt. Aber bei einer solchen Gelegenheit sollte ein deutscher Professor vielleicht auch mal aus dem Dunstkreis seines selbstgefertigten Ideen-Kostüms heraustreten, er sollte den nicht gerade Idioten zu nennenden Wasserträgern der Publizistik und den mehr als hilflosen Buchhändlern ein paar handfeste Denkanstöße geben. Statt dessen wurde interpretiert, was schon im Buch interpretiert war[...], so als ob man im Nachhinein verstehen müßte, was lesend offenbar nicht zu verstehen war« (1972: A200). Zur Studie siehe Salber /Salber 1971 und Salber , Wilhelm/Salber, Linde (1971): Psychologische Untersuchungen über Motivationen des Umgangs mit Büchern. In: Archiv für Soziologie und Wirtschaftsfragen des Buchhandels (1971), Nr. 17, S. 1545-1609.

Salber 1971b.

<219>

Lesen. Ein Handbuch 1973, S. 21.

<220>

Brandt in seiner Regierungserklärung vom 21. Oktober 1969.

<221>

1975: A258, auch: 1988: A520.

<222>

Allerdings sollte man hierzu anmerken, daß die Lesegesellschaften des 18./19. Jahrhunderts zwar durchaus als Keimzelle demokratischen Gedankenguts gesehen werden können, gleichwohl aber ihre Mitglieder dort eher nach aristokratischen Gesichtspunkten zugelassen wurden (vgl. Kiesel /Münch 176f. oder Stützel-Prüsener 1981, 76ff.).

<223>

»Ich warne vor der Gefahr eines neuen Analphabetismus, der die geschriebenen Wörter geringschätzt und der viele Menschen in eine neue, selbstverschuldete Unmündigkeit hineinlullen könnte. [...] Ich kann zur Gefahr eines neuen Analphabetismus nur einige sehr unfertige Gedanken vortragen. Diese Gefahr ist noch nicht klar zu beschreiben, aber sie beschäftigt und sie bedrückt mich. Angesichts des Atavismus, der vor einem halben Jahrhundert zum Ausbruch kam, als bei uns die Bücher brannten, frage ich mich, ob es damals allein gegen ein sogenanntes „Undeutsches Schrifttum“ ging? Oder ob es etwa zum Teil auch ganz allgemein gegen Literatur ging? Ganz allgemein gegen das geschriebene Wort? Und war dies vielleicht nur deshalb möglich, weil zu wenige ein persönliches, ein positives Verhältnis zur Literatur hatten, das als Gegengewicht hätte wirken können?« (1981: B333)

<224>

1974: A223; der Schluß basiert auf einer Vermengung von Buchnutzung und der „Zahl der pro Jahr gelesenen Büchern“. Letztere impliziert das vollständige Lesen eines Buches, betrifft also nur eine bestimmte Art von Belletristik- und Sachliteratur, die selektives Lesen nicht zuläßt. Der Begriff Leser wird hier durch die Methodik einseitig auf Definition des Traditionssystems hin zugeschnitten und verdeckt auf diese Weise das reale Leseverhalten.

<225>

So der Vorsteher des Börsenvereins, Rolf Keller, in seinem Vorwort zu Lesen und Leben .,
S. 7.

<226>

1974: A238; 1976: A271.

<227>

1975: A241.

<228>

1976: A268; 266.

<229>

1977: A291; 1978: A307; 1979: A313.

<230>

1980: A328, 331; 1982: A374.

<231>

1980: A327, A330 , A334 , A374.

<232>

Die 1993 aus Anlaß von 25 Jahren Buchmarktforschung des Allensbacher Instituts erschienene Anthologie: ‚Der Befragte Leser’, klammert die Arbeit der DLG, der Stiftung Lesen und anderer Institute vollkommen aus. Interessant ist auch der Versuch, die zum Großteil zwanzig bis dreißig Jahre alten Untersuchungsergebnisse als »empirisch überprüfbares Wissen« zu präsentieren, »das spekulative Vorstellungen oft entscheidend korrigiert« ( Muth 1993, S.22). Auffällig ist die Aggressivität der Allensbacher Gruppe gegenüber Kritikern. Spekulativ nennt Muth beispielsweise die von Fritz /Suess zusammengetragenen und exzerpierten theoretischen Arbeiten über empirische Befunde zahlreicher anderer Wissenschaftler, nicht eingedenk, daß seine eigenen Interpretationen nicht minder spekulativer Natur sind; schrieb er doch selbst einmal: »Wer aus den Untersuchungsberichten vollen Nutzen ziehen will [...] muß auch über eigene Lesekunst verfügen« (1987: A485). Auch Schmidtchen regagiert in 1976: A267 auf eine durchaus nachvollziehbare Kritik an einer seiner Allensbacher Untersuchungen mit der Unterstellung, der Kritiker wolle »zweifellos den Versuch« starten, »eine Untersuchung oder ein Institut abzuwerten und dadurch eine Machtverschiebung zu erreichen.« Das Handbuch Lesen der Stiftung Lesen als Nachfolgeorganisation der DLG indes verschweigt im Gegenzug die Arbeit der Allensbacher Buchmarktforschung und ihrer Protagonisten vollkommen.

<233>

1981: A343, A349.

<234>

1981: A354; 1982: A356, A357 , A361 , A366.

<235>

1981: 345; 1982: 352; 1983: A360, A382.

<236>

1982: A361; hiezu auch: 1984: A412.

<237>

1985: A416, A419 , A424; aktuell: Handbuch Lesen , S. 481f.

<238>

1985 A428, A433 , A432; 1987: A506.

<239>

1986: A445.

<240>

Vgl. ähnliche PR-Aktion des Fachbereichs Bibliothekswesen der FH Hamburg (‚Alster-Leseschiff’), 1986: B389.

<241>

1989: A572, A580 , A586 , A588.

<242>

Beginnend mit der Großen Anfrage der SPD an die Bundesregierung am 3. Juli 1996; siehe im einzelnen: 1986: A444, A462; 1987: A511, B404; 1988: A531 , A541; A542, A543; A545; A559, A568.

<243>

»Wenn aber mehr Fernseher weniger Leser bedeuten, dann müßte sich der Buchhandel auf eine jährlich schmäler werdende Leserbasis einstellen. Werden wir dieser Entwicklung tatenlos zusehen?« (1963: A98), ähnlich auch 1964: A102.

<244>

So etwa der Vorsteher Günther Christiansen auf der Hauptversammlung 1982: »Als letztes Thema komme ich noch einmal auf die Leseförderung zurück. Mit einem gewissen Befremden habe ich von der Überlegung gehört, ob man mir nicht raten müsse, nicht auf jeder Hauptversammlung und sonstigen Mitgliederversammlung für den Verein zur Förderung des Lesens massiv zu werben, weil sonst zu befürchten sei, daß dann kein Mensch mehr zu den Verbandsveranstaltungen käme. Daß dem so sein kann, ist für mich eine erschütternde Erfahrung hinsichtlich der Kurzsichtigkeit so mancher unserer Mitglieder in Sachen Leseverhalten« (1982: A359). Weitere Andeutungen und Klagen in 1958: A451; 1967: A136; 1974: A234; 1978: 297; 1981: A346; 1982: A366; 1988: A544.

<245>

So resümiert Vorsteher Günther Christiansen über die Zeit des wirtschaftlichen Tiefpunktes während der Rezession entsprechend: »Zum gefährlichen Gerede von der Krise: Ein Erlebnis der letzten zwölf Monate ist sicherlich die Empfindlichkeit und Larmoyanz, die bei uns auftrat, als sich zeigte, daß die nominalen Umsatzzuwächse den realen Umsatzverlust nicht auffangen konnten. Abnehmende Bevölkerungszahlen - Etatzwänge der öffentlichen Hand - Konkurrenz der alten und völlig neuer elektronischer Medien - unsere Machtlosigkeit gegenüber dem Fotokopieren - unsere Unsicherheit bei der Preispolitik - die Gefährdung der Lesekultur. Es ist keine Frage, daß die äußeren Bedingungen, unter denen Verleger und Buchhändler zu arbeiten haben, schlechter geworden sind« (1983: A389).

<246>

»Die „Demokratisierung des Buchmarktes“, die vom Buchhandel bis in die Ausstattungs- und Preispolitik konsequent verfolgt worden ist, führte offensichtlich nicht zu den wirtschaftlich notwendigen Wachstumsraten. So gerät der Buchhandel, von der Kostenseite her, unter Druck. Der Betriebsvergleich zeigt, daß vor allem die Fremdpersonalkosten überproportional steigen, während zum Beispiel der Unternehmerlohn, Miete und Werbekosten im wesentlichen unverändert blieben.« (1971: A188).

<247>

1971: A188.

<248>

1972: A210.

<249>

1968: A165.

<250>

Siehe auch 1984: A412.

<251>

»Die bedrohte Buchhandel muß durch die Heranbildung von Lesern in der Schule gerettet werden; dazu ist der Unterricht bislang noch nicht ausreichend. Die Einstellung zum Buch werde von der Schule geprägt« (1964: A102). Deshalb, so die Forderung, sei die »Erziehung zum eigenen Buch [...] in den Lehrplänen der Schulen und Stoffplänen der Pädagogischen Hochschulen (bzw. Universitäten) einzuführen und zu verankern.«. Ebenso: »Die Volkshochschule braucht in ihrem Programm den Stoff „Erziehung zum Buchbesitz“« (1973: A211) - In dieser Hinsicht wird sogar ein fehlendes ‚product placement’ bemängelt: in Lesebüchern fehle Literatur, in denen Bücher thematisiert werden, und in Rechenbüchern beschäftige man sich »zwar ausgiebig mit der Anschaffung von Nahrungs- und Genußmitteln, Kleidung und Möbeln«, »nicht aber mit dem Kauf von Büchern«. (1965: A116) Außerdem verhindere die Lehrmittelfreiheit der Schulen durch das Leihbuchsystem, »daß das Schulbuch zum ersten Fachbuch« im Leben eines Kindes wird (1976: A275) - von den verhinderten Umsätzen für den Buchhandel ganz zu schweigen.

<252>

Siehe hierzu das Konzept von Strauß 1975. Besonders interessant ist hier ein neuerliches Paradoxon: »Für die Zukunft gilt es, klar und deutlich Marktforschung und Buchmarkt-Forschung zu unterscheiden. „Bookmarket-research“ darf fortan nicht mehr mit Buchmarkt-Forschung identisch sein« (S. 331). Parallelen zu dem Paradoxon „Lesen ist mehr als Lesen“ (siehe 2.2) liegen auf der Hand. Der kulturelle Aspekt des Buchs adelt klassische Marktforschung, die der Börsenverein betrieben hatte, in den Rang einer Forschungsleistung mit gesamtgesellschaftlichem Anspruch. Denn anders lassen sich die Erhebungsergebnisse nicht unbefangen für die Lesekultur verwenden. Vgl. auch die kritische Rezension in 1975: B250.

<253>

1986: A227; 1987: A503, A496; 1988: A525, A514.

<254>

Für die Entstehung des entgegengesetzten Sekundärbuchhandels siehe Scheidt 1994, für den wissenschaftlichen Buchhandel Jäger 1990.

<255>

Eine diesbezügliche Analyse des Börsenblatts für den Untersuchungszeitraum zeigt, daß dem wissenschaftlichen Buchhandel so gut wie überhaupt kein redaktioneller Raum eingeräumt wird. Hintergrund hierfür dürfte die internationale Verflechtung des wissenschaftlichen Buchhandels sein, die damit von nationalen Bestimmungen und Marktverhältnissen, über die der Börsenverein eine regulative Wirkung auszuüben versucht, nur partiell berührt wird. Interessant ist der Börsenverein für den wissenschaftlichen Buchhandel vor allem wegen seines Dienstleistungsangebots.

<256>

Vgl. 1973: A211.

<257>

1975: B250.

<258>

1984: A412.

<259>

Vgl. 1967: A146; bereits zitiert auf Seite 118 .

<260>

1982: A373.

<261>

Zur Konstruktion des Leistungsgefälles: »So hat sich beispielsweise die Stiftung Lesen beim Bundeskanzler vorgestellt. Wie das Börsenblatt berichtete, sieht sie ihre Aufgabe darin, „die Defizite, die die Schule hinsichtlich der Kulturtechnik Lesen hinterlassen hat, zu kompensieren“« (1988: A550). Die Klageliste über das Versagen der Öffentlichen Hand in seiner Schulpolitik ist lang. Vgl. hierzu z.B. »Die deutsche Grundschule [...], müßte und muß sich fragen lassen, ob sie alles pädagogisch Mögliche tut, um die ihr anvertrauten Kinder an Buch und Lesen zu gewöhnen« (1966: A121); »Die Volksschule muß sich diesen Vorwurf gefallen lassen, [...] der Volksschullehrer sei bücher- und geistfeindlich « (1967: A137); »[...] daß die Volksschule alten Typs als Sozialisierungsinstanz für das Eintrainieren einer produktiven Beziehung zum Buch versagt hat« (1969: A171); »das Versagen der Schule als Sozialisationsinstanz « (1973: A217); das »totale Versagen der Schule« (1975: A258); »Die Öffentliche Hand gibt derzeit erhebliche Summen für den Deutschunterricht aus. Dieser Unterricht bringt und vermittelt zwar alles Mögliche, es werden jedoch keine Leser erzogen« (1977: A278). »Unsere Kinder werden von nicht lesenden Studienräten erzogen« (1982: A363); »Auf das Leseverhalten wirkte sich das verbesserte Schulangebot eher negativ aus.« (1983: A387)

<262>

»Die Bedeutung des halben Mehrwertsteuersatzes und der Preisbindung der letzten Hand, also des festen Ladenpreises für Bücher, ist mir bewußt. Um unseren Buchhandel, auch um die Schnelligkeit, mit der bei uns Bücher beschafft werden können, werden wir von vielen Ausländern beneidet. Dieses gutverzweigte Netz geistiger Tankstellen - wenn ich mich so ausdrücken darf - wollen wir uns erhalten, sonst würde die Gefahr eines neuen Analphabetismus steigen.« (1981: B333)

<263>

1982: A360

<264>

Aus der Broschüre: Warum sind gerade Bücher preisgebunden?

<265>

Luhmann 1997, S. 584.

<266>

Siehe hierzu Thauer /Vodosek 1978; Vorformen der Öffentlichen Bibliothek 1978; Schmitz 1984, S. 105.

<267>

Zitiert nach Thauer /Vodosek 1978, S. 96.

<268>

Am 1.1.76 trat in Baden-Württemberg ein Bibliotheksgesetz zur »Förderung und Weiterbildung des Bibliothekswesens« in Kraft, das aber mangels Durchführungsverordnung nie wirksam und am 19.12.78 wieder aufgehoben wurde. (vgl. 1979: B303)

<269>

Bspw. 1956: B290; 1964: B145, B147; 1975: B248 (hier indirekt: der Initiator Ludwig Muth wird keines Wortes gewürdigt), B250, 1975: B250; 1988: B419.

<270>

1949/50: B21

<271>

1949/50 B 343.

<272>

1949/50: B21.

<273>

1951: B27.

<274>

»Ich frage mich, warum das Wort „Pädagogik“ unter uns Volksbibliothekaren heute eine so neuralgische Wirkung bekommen hat. Ich meine, wir müssen uns besinnen und erkennen, daß unsere Arbeit im letzten eine pädagogische in der bibliothekarischen Ebene ist und daß hier ihr Ziel und ihr Sinn liegt. [...] Nichtige und belanglose Druckerzeugnisse überlagern das den Leser fördernde und ihn steigernde Schrifttum; einfache, gute und ehrliche Literatur wird von der wendigen und gemachten Schreiberei verdeckt. Die Büchereien haben die Aufgabe, im Rahmen ihrer begrenzten Mittel eine zweckmäßige und auf das Wesentliche gerichtete Auslese vorzunehmen. [...] Das Gewicht der büchereipädagogischen Entscheidung liegt heute beim Bestandsaufbau und Katalogwesen«. (1951: B27)

<275>

1954: B60.

<276>

Die schnelle Erholung der Unterhaltungsindustrie und ihre Umsatzzahlen werden bereits 1949 zum gesellschaftlichen Problem erhoben: »10 Millionen Exemplare Schundhefte wurden seit der Währungsreform in Westdeutschland verbreitet. Diese Hefte erscheinen in 18 Serien und jährlich werden etwa 4,5 Millionen DM dafür ausgegeben. (Neue Zeitung, 2.9.49)« (1949/50: B7). Andere Zahlen fallen deutlich höher aus: »Jährlich werden im Bundesgebiet 60 Millionen DM für derlei ausgegeben, und zwar erscheinen 71 Romanreihen, 18 Hefte, 18 Magazine, 5 Nacktkataloge, 35 Illustrierte und 7 Wochenschriften [...] (‚Welt’ 8.11.49)« (1949/50: B11). Allerdings beschränkt sich dieses Problem nicht nur auf Deutschland. »Nach dem Protest der Katholischen Aktion Englands gegen die Schmutz- und Schundpresse hat die Polizei in Glasgow erstmalig gegen die Verbreitung einer Schundzeitschrift eingegriffen. Die beschlagnahmten Exemplare wurden auf dem Marktplatz öffentlich verbrannt (Kirchenbote des Bistums Osnabrück, 30.10.49)« (1949/50: B7). Die öffentliche Diskussion führt zur Forderung nach gesetzlichen Maßnahmen („Schund und Schmutz Gesetz“). In Abwägung der demokratischen Grundrechte, die eine Zensur nicht erlauben, wird 1954 die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften ins Leben gerufen.

<277>

»[...] der Verfasser ist selbst davon überzeugt, daß sich die Comics auch bei bester Gestaltung nicht zu guter Jugendliteratur entwickeln werde« (1959: B104). Ebenso: »Die Gefährlichkeit der Comics, die als „Opiate das Wachstum menschlicher Innenkräfte geradezu lähmen“, wurde [auf einer Mainauer Tagung] an Beispielen verdeutlicht. Die Forderung, mit besseren Comics eine Gegenwirkung zu erzielen, begegnete starker Skepsis« (1959: B105).

<278>

So gründet sich 1955 auf Anregung des späteren Erlanger Oberbürgermeisters Dr. Heinrich Lades und des Schriftsteller Erich Kästners der »Arbeitskreis für Jugendschrifttum«, unter dessen Dach sich 30 Organisationen und Behörden zusammenschließen. Neben Vertretern von Bibliotheken, Kultusministerien und Jugendbuchverlagen sind eine ganze Reihe von Arbeitsgemeinschaften und Vereinen vertreten, die sich speziell für literarische Jugenderziehung einsetzen. Darunter: ‚Internationales Kuratorium für das Jugendbuch’, ‚Vereinigte Jugendschriftenausschüsse’, ‚Arbeitsgemeinschaft ‚das gute Jugendbuch’, ‚Verein zur Förderung guter Jugendschriften’, ‚Deutscher Jugendbuchdienst’, ‚Geistige Jugendhilfe’ (1955: B74).

<279>

1955: B77.

<280>

1953: B59.

<281>

1949/50: B17; 1951: B35; 1954: B62.

<282>

1957: B92.

<283>

Ähnlich, noch neun Jahre später: » Ist es nicht so, daß wir den Weg über den Beruf für einen echten Weg auch der Menschenbildung halten dürfen?« (1959: B97).

<284>

1953: B66.

<285>

1955: B72.

<286>

1956: B82.

<287>

1959: B106.

<288>

1965: B153.

<289>

Die Medienkonkurrenz sieht das Öffentlichen Bibliothekswesens nicht so sehr medienspezifisch, sonder weiterhin auf qualitativer Basis. Der ‚Kampf’ gilt, wie ehedem im Kaiserreich, der kommerziell ausgerichteten Unterhaltungsindustrie. Hier sieht man sich aber nicht in einer unterlegenen Position, vielmehr sieht man sich in der Rolle des ‚Saboteurs’: »Die Unterhaltungsindustrie und die elektronischen Medien sind beweglicher und bleiben professionell um die Nutzung ihres Angebots bemüht. Nach jüngsten Verlautbarungen werden die Öffentlichen Bibliotheken hier durchaus als Konkurrent angesehen, denn sie schmälern mit ihrem „Medien für alles“ Konzept Absatzmärkte und Gewinnoptimierung«. (1981: B327)

<290>

1964: B142.

<291>

Vgl auch 1971: B206; 1975: B255; über die Akzeptanz audiovisueller Medieneinheiten hinaus werden bereits Veränderungen der Aufgaben eines Bibliothekars durch die EDV angedacht. »Der Bibliothekar der Zukunft - ein Informatiker?« fragt eine Quelle aus dem Jahr 1971 (1971: B207).

<292>

Zum Teil mit kuriosen Randerscheinungen. Da ihm die Unterteilung in Kitsch, Schmutz und Schund nicht ausreichte, schlug ein Pädagoge eine neue Kategorie vor: »Pädagogisch limnierte und notionierte Druckerzeugnisse, abg. P. l. u. n. D., vereinfacht in der Schreibweise: ‚Plund’« (1963: B124). Gemeint ist damit das Zensieren nach pädagogischen Maßstäben und Indexieren von pädagogisch unbrauchbarer Literatur.

<293>

Vgl. 1962: B123; 1963: B129.

<294>

1963: B130.

<295>

1964: B145.

<296>

»Daß unter diesen Umständen das ‚gute Buch’, die Wirklichkeit formend und vom Bemühen und von der Auseinandersetzung mit der Realität erzählend, eine besondere Mission hat, bedarf keiner weiteren Rechtfertigung. Nur ist eben die entscheidende Frage, wie man dafür Leser gewinnen kann, Leser, die potentiell nicht nur, sondern meistens realiter dem Trivialen und dem Analphabetismus der Bilderflut bereits erlegen sind« (1966: B154).

<297>

1959: B99.

<298>

So heißt es auch im Gutachten der Kommunalen Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsvereinfachung (KGSt) 1973: »Die Öffentliche Bibliothek soll [...] Kommunikationsmöglichkeiten für verschiedene Bevölkerungsgruppen anbieten« (S. 6).

<299>

1972: B217.

<300>

1975: B241.

<301>

1975: B255.

<302>

Siehe Fußnote 269 .

<303>

Bspw. 1968: B173; 1969: B187; 1970: B201, B193; 1971: B208, B209; 1974: B225.

<304>

Unter dem Titel »Es geht um die Existenz«, listet 1982: B344 tabellarisch die Kürzungen der vergangenen zwei Jahre auf.

<305>

Vgl. 1981: B325: »Die Vorstellung von den opulent ausgestatteten Bibliotheks- und Kommunikationszentren können wir vergessen.«. Und 1981: B340: »Ein Bibliotheksgesetz ist in historische Ferne gerückt. Selbst notorische Optimisten haben es abgeschrieben, und es lohnt sich nicht einmal, die Trümmer der gescheiterten Hofflungen zu konservieren«.

<306>

1983: B359.

<307>

1982: B341.

<308>

Bezeichnend ist folgende Quelle: »Hier geht es auch um ein Stück Identität. [...] Öffentliche Bibliotheken haben sich in ihrer 150jährigen Geschichte darum bemüht, daß Bücherlesen nicht auf eine bestimmte gesellschaftliche Schicht beschränkt bleibt. Sie haben deutlich zu machen versucht, welche Bedeutung das Lesen für Gesellschaft und Individuum haben kann. Sie haben der Kinder- und Jugendliteratur zur Anerkennung verholfen. Und jetzt soll das Buch plötzlich ein Medium unter anderen sein?« Daher fordert der Autor: »Schluß mit dem „Medien“-Kult und statt dessen ausschließlich Werbung für Bücher, Literatur und Lesen« (1983: B421).

<309>

Die Wünsche des Nutzers werden in dieser Quelle nämlich ursächlich dem Marketing der Buchindustrie zugerechnet und damit abgewertet: »Wo der Stift des buchanschaffenden Bibliothekars vor allem im Bereich der Bestseller ankreuzt, für die nichts weiter spricht als immenser Werbeaufwand und Manipulationsgebaren verratende Promotion, droht der Anspruch der Öffentlichen Bücherei abzugleiten in eine Dienstleistungsfunktion« (1982: B345).

<310>

Eine erstaunliche Parallele zu Walter Hofmanns Anliegen, über Wertevermittlung eine Volksidentität zu schaffen, weist folgende Quelle auf: » [Das] tiefere Bedürfnis der meisten Menschen, deren Lebensgrundlage einigermaßen gesichert ist, nicht so sehr, immer mehr zu verdienen und befördert zu werden, sondern zu sich selber zu finden, sich selber achten zu können, Wertvorstellungen auszubilden, in Einklang mit diesen Wertvorstellungen zu leben und bei der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit erfolgreich zu sein. Die Bibliotheken sind deshalb unverzichtbarer Bestandteil eines kommunalen Kulturkonzepts, wonach der kommunale Raum so zu gestalten ist, daß die Gemeinde zur Kulturgemeinschaft wird und so dem heimatlichen Identitätsbedürfnis der Bürger Rechnung getragen wird« (1982: B342).

<311>

Einen Hinweis darauf liefert folgende Quelle, wobei hier in unserem Kontext ‚Politiker’ als Elemente des Systems der Politik zu verstehen ist und nicht als Mensch. Die Rollenbeschreibungen für Politiker werden durch bestimmte Verhaltensmuster bestimmt. Der ‚Mensch’ (als psychisches System) muß sich in diesem Sinne diesem Rollenprofil annähern (sich profilieren), um die Rolle durch die Gesellschaft nicht entzogen zu bekommen:

»Was ist also zu tun? Ein Patentrezept kennt offensichtlich niemand. Vielleicht hilft die alte, aber unvermindert aktuelle Einsicht: mit den Politikern zu reden, und zwar auf allen Ebenen und überall. Politiker unterliegen auch ihren Denk-, Sach- und Profilierungszwängen, erleben auch ihre wachsende Ratlosigkeit und müssen erkennen, wie ihre Leitbilder blind werden.« (1981: B340)

<312>

Vgl. die Fortführung dieser Argumentation durch den Buchhandel in den 70er Jahren, die in diesem Zeitraum von den Bibliotheken kaum thematisiert wird.

<313>

Die nachfolgende Quelle ist eine Rede der damaligen hessischen Kultusministerin, die die Schirmherrschaft über die hessische Bibliothekswoche übernommen hat:. Die Kopplung über das SgKM Lesekultur ist also vollzogen, auch wenn die Ministerin die Bibliotheken auffordert, sich die fehlenden finanziellen Mittel bei anderen Trägern zu holen.

<314>

Vgl. 1982: B346; 1983: B351; 1983: B352; 1984: B363; 1984: B368; 1984: B370; 1984: B376; 1985: B377.


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Tue Mar 19 12:25:53 2002