Wetzel, Dirk Alexander: Die Konstruktion von Lesekultur im westdeutschen Buchhandel und Öffentlichen Bibliothekswesen der Nachkriegszeit 1950-1989

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Kapitel 4. Zusammenfassung

Die in der Öffentlichkeit oft beklagte mangelnde Lesebereitschaft oder Lesefähigkeit der deutschen Bevölkerung, so das zentrales Ergebnis dieser Arbeit, läßt sich überwiegend als artifizielles Konstrukt sozialer Traditionssysteme ausweisen, die Rollenbeschreibungen wie ‚Leser’ und ‚Nicht-Leser’ bzw. die zugehörigen Handlungsformen (‚Lesen’ versus ‚Konsumieren’, ‚Nutzen’) ausdifferenzieren und als Vorleistung anderen Systemen (Wirtschaft, Politik, Pädagogik, Literatur etc.) zur Verfügung stellen (S. 62 ff.). Die Kriterien für die jeweiligen Einschluß- und Ausschlußwerte orientieren sich dabei an allgemeinen gesellschaftlichen Desideraten bezüglich einer Verhaltenskontrolle (Berechenbarkeit) von Individuen. Da ‚Leser’ oder ‚Lesen’ als Elemente der Kommunikation gewissermaßen eine Projektionsfläche für diese Desiderate darstellen, bleiben sie qua Desiderat als Verhaltensweisen realer Personen immer defizitär. Daraus erklärt sich die paradoxe Situation, daß die Klage über eine Lesemüdigkeit in der Bevölkerung trotz stetig zunehmender Informationsvermittlung über das Medium Schrift selbst in der modernen Gesellschaft eine Fortsetzung in der Kommunikation findet.

Die Funktion von Traditionssystemen wird in der vorliegenden Arbeit als Sicherung von redundanten Verhaltensweisen (Ritualen) zur Stabilisierung der Operabilität sozialer Systeme verstanden (S. 52 f.). Rituale sollen jene Mitteilungsformen darstellen, die die Beobachtungsleistung sozialer wie psychischer Systeme unterstützen, ohne daß die Rituale für die Selbstreproduktion des jeweils beobachtenden Systems unbedingt notwendig wären (S. 50 ff.). Als nichtreflektierte kommunikative Elemente sind Rituale permanent instabil und drohen in Vergessenheit zu geraten, wenn ihre ursprüngliche Leistung nicht mehr notwendig ist oder durch andere Rituale ersetzt werden kann. Um dieses soziale Vergessen zu unterbinden, sind Traditionssysteme auf die Beobachtung des regelmäßigen und unreflektierten (habituellen) Vollzugs bedrohter Rituale angesetzt. Damit machen sie das Unreflektierte zum Thema der Kommunikation und überführen es in einen neuen, sozial zugänglichen Kontext. Traditionssysteme kommunizieren Motivationen, die soziale wie auch psychische Systeme neu veranlassen können, bestimmte Rituale in ihre Beobachtungsprogramme zu implementieren. Als gleichfalls autopoietische und selbstreferentielle Systeme (S. 29 ff.) sollen Traditionssysteme als infinite Systeme gedacht werden, die die Kommunikation über ihre jeweils identitätsbestimmenden Rituale nicht abreißen lassen. Entfällt das Defizit eines Rituals an einer Stelle, wird es durch ein Defizit an anderer Stelle ersetzt. Dies geschieht, indem Reproduktionsprobleme anderer Systeme mit dem jeweiligen Ritual als positivem Erwartungsträger für eine Problemlösung verknüpft werden. Auf diese Weise fungiert das Ritual (oder die komplementäre Rollenbeschreibung einer Person) als Repräsentant des Persuasionsmediums der Traditionssysteme, das in der Systemtheorie der Bielefelder Schule als ‚Symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium’ (SgKM) bezeichnet wird (S. 43 ff.) und für jedes gesellschaftliche Funkti-


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onssystem in spezifischer Form vorliegt (z.B. Geld, Liebe, Macht, Recht). Als gemeinsames SgKM der Traditionssysteme wird der Begriff ‚Kultur’ vorgeschlagen (S. 47 ff.). Der Persuasionswert der Kultur ist analog zu sehen zur Kaufkraft des Geldes. Je knapper das Ritual und je größer das Desiderat sozialer Systeme, desto größer der kulturelle Wert des Rituals, desto größer auch die Bereitschaft anderer Systeme, das Ritual als Desiderat zu akzeptieren und das spezifische Traditionssystem durch Eigenleistungen zu unterstützen.

In der vorliegenden Arbeit wird zur Überprüfung dieses theoretischen Ansatzes jenes Traditionssystem ausgewählt, das sich für die Generierung von Lesekultur als spezifischer ‚Währungseinheit’ des SgKM Kultur ausweist. Zur Besonderheit gegenüber anderen Traditionssystemen führt in diesem Fall, daß das Lesen als Rezeptionsvorgang weitestgehend auf das psychische System beschränkt bleibt und sein Vollzug wenig Angriffsfläche für die Beobachtung durch soziale Systeme bietet (S. 55 ff.). Das Traditionssystem der Lesekultur ist somit darauf angewiesen, daß psychische Systeme nicht nur über den Inhalt des Gelesenen, sondern auch über ihr Leseverhalten kommunizieren wollen. Aus dieser Perspektive wird auch diese sekundäre Kommunikation über das Leseverhalten zum Substitut des ansonsten sozial verborgenen Rituals (S. 71 ). Somit genügt das Ausbleiben dieser Kommunikation, um dem Traditionssystem die Grundlage für die eigene Systemreproduktion zu liefern und damit eine permanente Thematisierung eines Lesedefizits in der Bevölkerung fortzuführen.

Anhand einer Textanalyse von insgesamt rund tausend Artikeln der Fachzeitschriften ‚Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel’ und ‚Buch und Bibliothek’ (‚Bücherei und Bildung’) kann die typische Differenzierungsleistung des Traditionssystems der Lesekultur nachvollzogen und die jeweilige Kopplung der Funktions- und Organisationssysteme von Buchhandel und Öffentlichem Bibliothekswesen, aber auch von Pädagogik und Politik dargestellt werden. Hier zeigt sich ein überraschender Unterschied zwischen Buchhandel und Öffentlichem Bibliothekswesen. Während der Buchhandel die Leistung des Traditionssystems der Lesekultur unter der Motivation der Marktsicherung und Markterweitung für das Funktionssystem und zur Identitätssicherung des Organisationssystems (bzw. seiner Teilsysteme) über den ganzen Untersuchungszeitraum übernimmt und das Traditionssystem diesbezüglich strategisch unterstützt (Politik für das Buch), wendet sich das Öffentliche Bibliothekswesen in den 60er und 70er Jahren von der Thematik weitgehend ab und unterstützt vielmehr das Erziehungssystem (Bildung) und Traditionssysteme von allgemeinem kulturellem Belang (Bibliothek als ‚Kulturzentrum’). Erst als die wirtschaftliche Rezession zu Beginn der 80er Jahre massive Haushaltseinsparungen der Kommunen erzwingt und die Öffentlichen Bibliotheken existentiell bedroht werden, stellt auch das Öffentliche Bibliothekswesen wieder verstärkt auf das Traditionssystem Lesekultur um.


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Da aber weder Buchhandel noch Bibliotheken einen statistisch nachweisbaren Schwund an Kunden resp. Nutzern haben (S. 110 f., S. 170 ), ist der effektive Nutzen einer Kopplung an das Traditionssystem der Lesekultur nur schwach ausgeprägt. Motivationen für Leistungen an das Traditionssystem lassen sich damit nicht ausreichend begründen. Der eigentlich ausschlaggebende Grund kann an anderer Stelle ausgemacht werden. Sowohl für den Buchhandel wie auch für das Öffentliche Bibliothekswesen bietet das Konstrukt des Traditionssystems, nämlich die permanente defizitäre Leseleistung der Bevölkerung, bei gleichzeitig hohem gesellschaftlichem Wert des SgKM Lesekultur ein ideales politisches Druckmittel zur Einwerbung staatlicher Leistungen an die Systeme. Dies gilt für die Sonderkonzessionen im Kartellrecht für den Buchhandel bzw. die Etatzuweisungen/Bibliotheksgesetz für das Öffentliche Bibliothekswesen.


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Tue Mar 19 12:25:53 2002