Wetzel, Dirk Alexander: Die Konstruktion von Lesekultur im westdeutschen Buchhandel und Öffentlichen Bibliothekswesen der Nachkriegszeit 1950-1989


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Interessenvertretung und Werbung für das Buch sind völlig legitim und auch nützlich, aber es ist riskant (nicht nur für den Buchhandel), die Wissenschaft vor einen Wagen spannen zu wollen, über dessen Fahrtrichtung und Ladung ein heimlicher Passagier wacht.
Wulf Segebrecht (1975: B250)

Vorwort

Als ich vor einigen Jahren an meiner Diplomarbeit schrieb, die sich nach scheinbar bewährtem Muster in die lange Reihe von empirischen Erhebungen zum Leseverhalten einfügte, ereignete sich im Gespräch mit Kommilitonen wiederholt folgender Dialog, der mich letztlich dazu bewog, den methodischen Ansatz der empirischen Lesr(r)forschung grundlegend zu hinterfragen und einen neuen Zugang zu entwickeln.

Auf die Frage, worüber ich denn meine Arbeit schriebe, pflegte ich lakonisch zu antworten: »Übers Lesen«. Daraufhin begannen meist meine Gesprächspartner völlig unverlangt, über ihr eigenes Leseverhalten zu berichten, als ahnten sie schon mein Forschungsinteresse.

»Ich lese ja eigentlich sehr gerne«, war dann der übereinstimmende Tenor, »aber ich komme kaum noch dazu«.

Auf meinen Einwand, sie seien doch Studenten und ob sie da nicht doch lesen müßten, kam dann regelmäßig die Antwort:

»Ja schon, aber das ist doch kein Lesen«.

Daß Lesen in unserer Gesellschaft kein Lesen ist, gehört zu den Paradoxa, an denen jede noch so aufrichtige Leserforschung scheitern muß, wenn es ihr nicht gelingt, sie aufzulösen. Vor allem dann, wenn sie meint, Aussagen über die Gesamtgesellschaft treffen zu wollen.

Lesen wird in diesem Zusammenhang gerne als Kulturtechnik bezeichnet, einer »vom Menschen zum Zwecke der Kommunikation geschaffenen Kunstform«.<1> So eindeutig diese Definition auch auf den ersten Blick zu sein scheint, so problematisch wird der Begriff ‚Kunstform’ bei näherer Betrachtung. Wie sieht die ‚Form’ des Lesens aus und welchen Anspruch hat ‚Kunst’. Im Sinne einer künstlich erlernten Fertigkeit, wie die etymologische Bedeutung des griechischen Wortes téchne vorgibt, oder mehr im Sinne eines musisch, ästhetischen Kunstbegriffs? Und ist mit ‚Form’ das je nach Kunstbegriff unterschiedlich zu fassende Ergebnis einer


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Kultivierung gemeint oder aber eine naturwissenschaftlich oder phänomenologisch zu fassende Konstante? Ist ‚Lesekultur’ nur eine sprachliche Kombination aus ‚Lesen’ und ‚Kulturtechnik’, um den Sachverhalt des Erlernenmüssens hervorzuheben, oder meint der Begriff eine ‚Kultur der Kulturtechnik’, also gewissermaßen eine zweite kulturelle Stufe, in einer bestimmten Form mit der erlernten Fertigkeit der ersten Stufe umzugehen?

Wer die Diskussionen um Lesekultur analysiert, wird schnell feststellen, daß beide Verständnisse parallel verwendet werden. Während das erste für eine relativ klare und Präzise Definition von Lesen sorgt - denn jeder, der einmal Lesen gelernt hat, weiß, wann er liest und wann nicht und kann sich so unter Lesen etwas genaues vorstellen (auch wenn er diese Vorstellung vielleicht nicht präzise formulieren kann) - so sorgt das zweite Verständnis für eine geradezu beliebige Formenvielfalt dessen, was unter Lesen zu verstehen sei.

Im Prinzip läßt sich dieses Verwirrspiel auf eine einfache Basis bringen. Die Problematik, die zu der genannten Paradoxie führt, ist die Verwechslung und Vermengung der Tatsache, daß der Begriff ‚Lesen’ sowohl eine Tätigkeit als auch den Repräsentant eines Erwartungswerts beschreiben kann, der mit der Tätigkeit in Verbindung gebracht wird. Der Begriff Lesekultur zielt dabei aber vordergründig auf eine spezifische Selektion von Erwartungswerten (Motiven). Wer aber trifft diese Selektion? Warum wird sie von der Wissenschaft so unkritisch übernommen, wenn sie nach dem Leseverhalten der Bevölkerung forscht?

Werte entstehen in der Gesellschaft durch Kommunikation, und so sollte die Leseforschung zunächst mit der Analyse beginnen, wie die Vorstellungswelt über das, was unter Lesekultur zu verstehen ist, konstruiert wird. Mit diesem Ansatz will die vorliegende Arbeit einen neuen Weg beschreiten. Dazu ist eine Gesellschaftstheorie nötig, die auch die Handlung selbst noch aufzulösen vermag, die also Handlungen nicht als gegebene, ontische Letzteinheiten betrachtet, sondern auf eine darunterliegende semiotische Ebene zurückgeht. Eine solche Theorie bietet die Systemtheorie von Niklas Luhmann, auf die diese Arbeit deshalb weitgehend zurückgreift.

Die Systemtheorie der Bielefelder Schule ist gleichwohl für das Verständnis voraussetzungsreich und selbst innerhalb der Soziologie ‚gefürchtet’, nicht zuletzt wegen ihrer gewöhnungsbedürftigen und zuweilen auch überzogenen Wissenschaftssprache. Autoren anderer Disziplinen, die sich der Systemtheorie bedienen, können im Gegensatz zur Soziologie bei ihrer Leserschaft keine entsprechenden Vorkenntnisse voraussetzen. Deshalb stehen sie grundsätzlich vor einer schwierigen Vermittlungsaufgabe, müssen abwägen zwischen systemtheoretischer Orthodoxie und allgemeiner Verständlichkeit. Besonders problematisch erweist sich dabei häufig die Verbindung von Theorie und Empirie. Wenn diese Verbindung nicht gelingt, kommt es zu einer Spaltung der Arbeiten in einen systemtheoretischen Theorieteil und einen nach herkömmlicher Methode beschreibenden emp-


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rischen Teil, der kaum noch mit der Theorie zu verbinden ist (etwa Chwastek 1987; Gruschka 1995; teilweise Bickenbach 1999).

Vor diese Schwierigkeiten sieht sich auch die vorliegende Arbeit gestellt. Dennoch birgt das Festhalten an der Systemtheorie auch für die Darstellung des empirischen Teils einen wichtigen Vorteil. Da sich die Analyse häufig auf Quellen bezieht, die noch heute eine gewisse kulturpolitische Brisanz aufweisen, findet sich mit der Systemtheorie eine neutrale Basis für die Analyse. Auch wenn hinter einer Quelle immer ein konkreter Autor steht, so erfolgt hier die Zurechnung der Intention mehrschichtig auf verschiedene Systeme. Ich habe mich deshalb bemüht, den systemtheoretischen Aspekt im dritten Kapitel mit der nötigen Stringenz durchzuhalten, insbesondere die strikte Trennung zwischen psychischen und sozialen Systemen, die eine einzelne Person als Urheber einer Handlung nicht zuläßt, und die Differenzierung zwischen den verschiedenen Systemen und Systemebenen. Nur für die chronologische Darstellung der Themen und Perioden erschien es mir angemessener, auf die Systemtheorie zu verzichten, um den darzustellenden Sachverhalt nicht unnötig zu verkomplizieren.

So bitte ich bei den systemtheoretisch nicht versierten Leser um Nachsicht und verweise auf das erste Kapitel und die Teilkapitel 3.2ff., die keine Zugangsschwierigkeiten darstellen dürften. Den systemtheoretisch interessierten Leser möchte ich besonders auf meine Vorschläge einer Erweiterung bzw. Modifikation der Theorie hinweisen, die im Kapitel 2.6 und 2.7 zur Diskussion gestellt werden.


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»Gegen einen, gerade in der empirischen Soziologie weit verbreiteten Irrtum muß betont werden, daß weder Handlungen noch Handelnde als empirische Fakten gegeben sind. Man kann ja die Grenzen (und damit die Einheit) einer Handlung oder eines Handelnden weder sehen noch hören. In jedem Falle geht es um institutionell und kulturell gedeckte Konstrukte.«
Niklas Luhmann 1995, S. 65f.


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Tue Mar 19 12:25:53 2002