Wetzel, Dirk Alexander: Die Konstruktion von Lesekultur im westdeutschen Buchhandel und Öffentlichen Bibliothekswesen der Nachkriegszeit 1950-1989

Humboldt-Universität zu Berlin


Inaugural-dissertation
Die Konstruktion von
Lesekultur
im westdeutschen Buchhandel
und Öffentlichen Bibliothekswesen
der Nachkriegszeit 1950-1989

zur Erlangung der Doktorwürde

an der Philosophischen Fakultät I

vorgelegt von Dirk Alexander Wetzel

Dekan: Prof. Dr. Wilfried Nippel

Gutachter:
1. Prof. Dr. Engelbert Plassmann
2. Prof. Dr. Frank Heidtmann

eingereicht: 22.08.2001

Datum der
Promotion: 10.01.2002


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Kurzzusammenfassung

Ausgehend von der Unzulänglichkeit, die Lesen als Forschungsgegenstand für jene gesellschaftlichen Fragestellungen hat, die über die Didaktik des Lesenlernens hinausreichen, versucht die vorliegende Arbeit einen anderen Zugang zu der Thematik. Nicht die Frage, was, wie, warum und wieviel Menschen lesen, ist hier Forschungsinteresse, vielmehr wird invertiert gefragt, wie Gesellschaftssysteme ‚Lesen’ definieren, welchen Personen dabei die Rolle des Lesers zugeschrieben wird und welche Motivationen eine solche Differenzierung auslösen und unterstützen. Theoretische Grundlage hierfür ist die Systemtheorie der Bielefelder Schule nach Niklas Luhmann. Anhand der redaktionellen Beiträge der Fachzeitschriften ‚Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel’ sowie ‚Buch und Bibliothek [Bücherei und Bildung]’ wird die Theorie explizit am Beispiel des Buchhandels und des öffentlichen Bibliothekswesen dargestellt. Bei der Analyse zeigt sich, daß Lesekultur als Produkt eines Traditionssystems wesentlich vom Buchhandel instrumentalisiert wird. Nach innen zur Identitäts- und Marktsicherung sowie nach außen zur Einwerbung staatlicher Sonderkonzessionen, besonders im Kartellrecht. Das Öffentliche Bibliothekswesen indes thematisiert trotz seiner Nähe zum Buchhandel Lesekultur in den 1960er und 1970er Jahren so gut wie gar nicht und nutzt andere Persuasionsmedien zur Systemstabilisierung. Erst provoziert durch empfindliche Etatkürzungen während der Rezession zu Beginn der 1980er Jahre koppelt sich auch das Öffentliche Bibliothekswesen wieder an die Lesekultur als Persuasionmedium zur Einwerbung staatlicher Leistungen.

Schlagwörter:
Lesekultur, Leseforschung, Leserforschung, Lesen, Buchkultur, Buchhandel, Öffentliches Bibliothekswesen, Bundesrepublik Deutschland 1950-1989, Systemtheorie (Bielefelder Schule), Medienkonkurrenz, Medientheorie, Soziologie, Bibliothekswissenschaft, Buchwissenschaft


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Abstract

Taking as its starting point the short-comings of reading as a topic of research for social questions that reach beyond the didactic of learning to read, the present dissertation attempts to approach this subject from another vantage point. The focus of interest is not how many people read what subject matter, in what fashion, and why, but rather its opposite: How do social systems define ’reading‘, what persons are assigned the role of 'reader' and what are the motivations that this social distinction engenders or promotes. The theoretical foundation for the study is based on the Bielefeld school of systems theory as expounded by Niklas Luhmann. Through an analysis of editorial articles appearing over a period of forty years in the journals ’Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel‘ and ’Buch und Bibliothek [Bücherei und Bildung]‘, the theoretical model is demonstrated by examples drawn from book-trade and the public library system. In the process it becomes apparent that the culture of reading as a product of a traditional system is fundamentally instrumentalized by the book-trade: inwards for the purpose of identity and market protection, outwards for the purpose of soliciting special national concessions, in particular in the area of antitrust law. In spite of its proximity to book-trade, the public library system all but failed to address reading culture in the decades of 1960s and 1970s and made use of other persuasive media as a means of system stabilization. Only after considerable budgetary cuts during the recession at the start of the 1980s did the public library system couple itself to the culture of reading as a medium of persuasion for soliciting state benefits.

Keywords:
reading culture, reading research, reading, book culture, book trade, public libraries, Federal Republic of Germany 1950-1989, system theory (Bielefeld school), media competition, media theory, sociology, librarianship.


Seiten: [3] [4] [7] [8] [9] [10] [11] [12] [13] [14] [15] [16] [17] [18] [19] [20] [21] [22] [23] [24] [25] [26] [27] [28] [29] [30] [31] [32] [33] [34] [35] [36] [37] [38] [39] [40] [41] [42] [43] [44] [45] [46] [47] [48] [49] [50] [51] [52] [53] [54] [55] [56] [57] [58] [59] [60] [61] [62] [63] [64] [65] [66] [67] [68] [69] [70] [71] [72] [73] [74] [75] [76] [77] [78] [79] [80] [81] [82] [83] [84] [85] [86] [89] [90] [91] [94] [95] [96] [97] [98] [99] [100] [101] [102] [103] [104] [105] [106] [107] [108] [109] [110] [111] [112] [113] [114] [115] [116] [117] [118] [119] [120] [121] [122] [123] [124] [125] [126] [127] [128] [129] [130] [131] [132] [133] [134] [135] [136] [137] [138] [139] [140] [141] [142] [143] [144] [145] [146] [147] [148] [149] [150] [151] [152] [153] [154] [155] [156] [157] [158] [159] [160] [161] [162] [163] [164] [165] [166] [167] [168] [169] [170] [171] [172] [173] [174] [175] [176] [177] [178] [179] [180] [181] [182] [183] [184] [185] [186] [187] [188] [189] [190] [191] [192] [193] [194] [195] [196] [197] [198] [199] [200] [201] [202] [203] [204] [205] [206] [207] [209] [243] [244] [245]

Inhaltsverzeichnis

TitelseiteDie Konstruktion von Lesekultur im westdeutschen Buchhandel und Öffentlichen Bibliothekswesen der Nachkriegszeit 1950-1989
Widmung
Abkürzungsverzeichnis Abkürzungsverzeichnis
Einleitung Vorwort
1 Einleitung und Problemstellung
1.1Die Problematik kausalfunktionalistischer Ansätze
1.2Empirische Probleme der Leseforschung
1.3Lesen: Erleben oder Handeln. Eine Frage der Zurechnung
1.4Kollektivsingulare und Ideologiekritik: Lesen in der Gesellschaft
1.5Die Entstehung von ‚Lesekultur’
2 Theorie des Lesens aus systemtheoretischer Perspektive
2.1Systeme und Beobachter
2.2Sinn, Gedächtnis und Autopoiesis
2.3Trennung von Psyche und gesellschaftlicher Kommunikation
2.4Arten sozialer Systeme
2.5Programme, Werte und Symbolisch generalisierte
Kommunikationsmedien (SgKM)
2.6Redefinition von Kultur als Symbolisch generalisiertes Medium
2.7Bedeutung des Lesens für soziale Systeme
2.8Zusammenfassung des theoretischen Teils
3 Die Konstruktion von Lesekultur in den Nachkriegsjahren
1950-1989 der Bundesrepublik Deutschland
3.1Konstruktion und Definition von Lesekultur
3.1.1Ausdifferenzierung von ‚Lesen’ und ‚Leser’
3.1.2Konsumieren und Nutzen: Umbenennung der Ausschlußwerte
3.1.3Kontingenzformel Buch
3.1.4Wertigkeit des SgKM Lesekultur
3.2Lesekultur und der deutsche Buchhandel
3.2.1Strukturelle Rahmenbedingungen
3.2.1.1Traditionelle Standesauffassung des Buchhandels
3.2.1.2Wirtschaftliche Situation
3.2.1.3Politische Abhängigkeiten
3.2.2Perioden und Themen
3.2.2.11950-54: Aufbaujahre
3.2.2.21955-62: Kitsch, Schmutz und Schund
3.2.2.31963-68: Fernsehen und Bildung
3.2.2.41969-77: Demokratie und Gesellschaft
3.2.2.51978-84: Rezession und Neubegründung
3.2.2.61985-89: Politik und Events
3.2.3Die spezifische Kopplung des Buchhandels an das
Traditionssystem der Lesekultur
3.3Lesekultur und Öffentliches Bibliothekswesen
3.3.1Strukturelle Rahmenbedingungen
3.3.1.1Traditionelle Standesauffassung des Öffentlichen
Bibliothekswesens
3.3.1.2Politische Abhängigkeiten
3.3.2Perioden und Themen
3.3.2.1Neuorientierung und Fragen der Literaturbewertung 1948-1960
3.3.2.2Die Öffentliche Bibliothek als ‚Mediothek’ und Kommunikationszentrum
3.3.2.3Die Nicht-Thematisierung der Lesekultur bis 1982 und ihre
plötzliche Renaissance
3.3.3Die spezifische Kopplung des Öffentlichen Bibliothekswesens an das Traditionssystem Lesekultur
4 Zusammenfassung
Bibliographie Literaturverzeichnis
Bibliographie Quellenregister
Danksagung
Lebenslauf
Selbständigkeitserklärung

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Strukturelle Kopplungen von Funktionssystemen und SgKM (Grundbeispiel)
Tab. 2: Beispiele für weitere Funktionssysteme und SgKM nach gleichem Muster
Tab. 3: Beispiel für das Funktionssystem Tradition und das SgKM Kultur
Tab. 4
Tab. 5
Tab. 6
Tab. 7: Umsatzentwicklung des Sortimentsbuchhandels (jährliche Zuwächse in Prozent) bereinigt um die allgemeine Teuerungsrate. Indexwerte: Kölner Betriebsvergleich. In: Buch und Buchhandel in Zahlen , Ausgaben 1960-86 und Statistisches Jahrbuch der Bundesrepublik Deutschland .
Tab. 8: Kostensteigerung im Sortimentsbuchhandel. Indexwerte: Kölner Betriebsvergleich. In: Buch und Buchhandel in Zahlen, Ausgaben 1960-86.
Tab. 9: Preisanstieg Herstellkosten zu Verkaufspreisen. Indexwerte: Statistisches Jahrbuch der Bundesrepublik Deutschland 1960-1990
Tab. 10: Anzahl der Neuerscheinungen pro Jahr. Basiszahlen: Buch und Buchhandel in Zahlen 1960-90.
Tab. 11: Abhängigkeit des Buchhandels vom Staat
Tab. 12: Entwicklung des Umsatzwachstums für Belletristik und Jugendbuch im Vergleich zum Gesamtumsatz. Bereinigte Werte verstehen sich abzüglich der allgemeinen Teuerungsrate. Indexzahlen auf der Basis des Gesamtumsatzes. Basisdaten entnommen aus: Kölner Betriebsvergleich. In: Buch und Buchhandel in Zahlen , Ausgaben 1960-86, sowie: Statistisches Jahrbuch der Bundesrepublik Deutschland . Aufgrund uneinheitlicher Bezugsgrößen und Darstellungsformen im Kölner Betriebsvergleich ist die Zahlenreihe nur für den Zeitraum von 1975 bis 1985 sowie ab 1989 vollständig verfügbar.
Tab. 13: Durchschnittliche Entwicklung einer Öffentlichen Bibliothek, basierend auf den Daten der Schnellstatistik allgemeiner öffentlicher Bibliotheken (bis 1969: Schnellstatistik kommunaler öffentlicher Bibliotheken und Büchereien) für die Jahrgänge bis 1979; ab 1980 Deutsche Bibliotheksstatistik , Reihe A. Die bereinigten Gesamtausgaben verstehen sich abzüglich der allgemeinen Teuerungsrate (Werte aus Statistisches Jahrbuch der Bundesrepublik Deutschland Statistisches Jahrbuch der Bundesrepublik Deutschland ). Für die Jahrgänge ab 1982 lagen Endsummen aller elf Bundesländer vor, die hier zu einem Gesamtwert addiert wurden, so daß hier für die Bildung des Durchschnitts die Einzelwerte aller erfaßten Bibliotheken (ca. 800) einfließen. Bei den Jahrgängen vor 1982 fehlt jedoch eine Endsumme. Es werden lediglich die Einzelwerte tabellarisch gelistet, so daß die statistische Auswertung erst nach aufwendiger Erfassung und nachträglicher Addition der Einzelwerte möglich war. Aufgrund der schlechten Druckqualität konnte dieser Aufwand auch mit Hilfe von OCR-Technik nur begrenzt reduziert werden. Deshalb basieren die Werte der Jahrgänge vor 1982 auf einer fehlerkorrigierten Stichprobe von etwa einem Fünftel der gelisteten Bibliotheken.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Beispiel für ein Suggestiv-Item. Verwendet in:

Meier 1981, S. W1388.

Abb. 2: analoge und digitale ‚Welten’; Klassifikation von Beobachtungssystemen
nach Bateson/Jung, Popper und Luhmann.
Abb. 3: Abhängigkeit des Persuasionswertes des SgKM Kultur von der Anwendung eines Rituals in der Gesellschaft (Beobachtbarkeit) und der psychischen und sozialen Reflexion des Rituals. Vereinfachte lineare Darstellung. Ein vergessenes Ritual wird weder reflektiert noch beobachtet. Ein Ritual des Alltags wird häufig beobachtet, aber nicht reflektiert. In beiden Fällen bleibt der kulturelle Wert aus. Besonders hoch dagegen ist der Wert der Kultur, wenn das Ritual selten praktiziert wird, aber die Reflexion über das Ritual besonders groß ist. Gezeigt wird weiterhin die Leistung des Traditionssystems, bei abnehmender Verwendung eines Rituals, diese Entwicklung als Problem in die Reflexion der Gesellschaft zu induzieren und für neue Bindungen der Systeme an das Ritual zu werben. Dabei wird der Wert des SgKM Kultur sukzessive erhöht. Je höher der Wert, desto größer wiederum die Bereitschaft zur Reflexion des Rituals.
Abb. 4
Abb. 5

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Tue Mar 12 10:40:31 2002