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Zusammenfassung

In einigen Studien konnte gezeigt werden, dass die Erkennung des emotionalen Gesichtsausdrucks und der Bekanntheit interagieren. Diese Befunde kontrastieren traditionelle Gesichtererkennungsmodelle. In der vorliegenden Dissertation wurde mit Hilfe von Verhaltensdaten und Ereigniskorrelierten Potentialen (EKPs) versucht, die funktionalen Prozesse genauer zu lokalisieren, die bei einer Interaktion moduliert werden. In allen Experimenten führten die Versuchspersonen eine 2-fach Wahlreaktion aus, um entweder den emotionalen Gesichtsausdruck oder die Bekanntheit von Gesichtern zu diskriminieren. Die jeweilige aufgabenirrelevante Dimension wurde unabhängig variiert (z.Bsp. waren bei der Emotionsdiskrimination die Hälfte aller präsentierten Personen bekannt, die andere Hälfte unbekannt).

In Teil I sollte die Hypothese untersucht werden, ob die Bekanntheit eines Gesichtes die Emotionsdiskrimination erleichtert. Die Versuchspersonen sollten in Experiment 1 die Emotionen Freude und Ekel diskriminieren, die von persönlich bekannten und unbekannten Personen gezeigt wurden. Verglichen mit unbekannten Gesichtern war die Entscheidung für persönlich bekannte Gesichter schneller, wenn diese Freude zeigten. Der Vorteil für persönlich bekannte Gesichter konnte nicht auf stärkere Expressivität zurückgeführt werden, da eine Kontrollgruppe, denen alle gezeigten Personen unbekannt waren, keinen solchen Effekt zeigte. In Experiment 2 wurde die gleiche Aufgabe mit dem selben Reizmaterial durchgeführt. Zusätzlich wurden an 16 Versuchspersonen EKPs abgeleitet. Die Verhaltensdaten konnten mit einem schwächeren Effekt im Vergleich zu Experiment 1 repliziert werden. Die Latenz der N170 Komponente wurde durch die Bekanntheit nicht beeinflusst. Sie spiegelt die strukturelle Enkodierung von Gesichtern wider. Gleiches gilt für das Intervall zwischen dem Beginn des Lateralisierten Bereitschaftspotentials (LRP, lateralized readiness potential) und der Reaktion (LRP-R, response-locked lateralized readiness potential), welches die Dauer der motorischen Prozesse reflektiert. Eine Erleichterung für bekannte fröhliche im Vergleich zu unbekannten Gesichtern zeigte sich in dem Trend einer kürzeren Latenz der P300 Komponente. Sie zeigt die Dauer der Reizklassifikation an. Dieser Effekt spiegelt sich auch im Intervall zwischen Stimulus und LRP Beginn (S-LRP) wider. Zusammen sprechen diese Befunde für eine Erleichterung der Emotionsdiskrimination bei persönlich bekannten Gesichtern. In Experiment 3 sollte durch bessere Kontrolle der Bekanntheit und einem leicht veränderten Design der geringe Effekt aus dem vorigen Experiment verbessert werden. Zusätzlich wurde der Hautleitwert abgeleitet. Die Verhaltensdaten konnten mit einem größeren Effekt repliziert werden. Entgegen der [page 9↓]Hypothese zeigte sich aber kein Effekt in den EKPs. Um die Kontrolle über das Reizmaterial nochmals zu verbessern, wurden in Experiment 4 und 5 experimentell bekannt gemachte und unbekannte Gesichter dargeboten. Es zeigte sich keine Erleichterung der Diskrimination des Gesichtsausdrucks für bekannt gemachte Gesichter. Da das Ausbleiben einer Interaktion an der fehlenden semantischen Information bei experimentell bekannt gemachten Gesichtern gelegen haben könnte, wurden in Experiment 6 öffentlich bekannte und unbekannte Gesichter dargeboten. Auch hier konnte keine erleichternde Interaktion gezeigt werden. Zusammenfassend zeigen die Befunde des ersten Teils, dass späte perzeptuelle Prozesse der Emotionsdiskrimination durch persönliche Bekanntheit erleichtert werden. Dieser Effekt zeigte sich in einer kürzeren Latenz der P300 Komponente für persönlich bekannte Personen mit fröhlichem Gesichtsausdruck, allerdings nicht für öffentlich bekannte und gelernte Personen oder bei Ekel.

In Teil II dieser Dissertation wurde die Hypothese untersucht, ob der Gesichtsausdruck einen Einfluss auf die Entscheidung der Bekanntheit ausübt. In Experiment 7 wurde das Reizmaterial mit persönlich bekannten und unbekannten Gesichtern aus den ersten drei Experimenten benutzt und um neutrale Gesichtsausdrücke ergänzt. Die Versuchspersonen führten dazu eine Bekanntheitsentscheidung durch. Die Ergebnisse zeigten, dass es einen Einfluss des Gesichtsausdrucks nur für persönlich bekannte Personen gab, wobei diese mit einem neutralen oder fröhlichen Gesichtsausdruck schneller als bekannt klassifiziert werden konnten. Die Verkürzung des S-LRP Intervalls in den kritischen Bedingungen zeigte an, dass durch die Interaktion der Reaktionsauswahlprozess erleichtert wurde. In Experiment 8 wurde wie in Experiment 4 die Hälfte eines Reizmaterial mit unbekannten Gesichtern experimentell bekannt gemacht. Trotz Unabhängigkeit der Erkennung des Gesichtsausdrucks und der Bekanntheit in Experiment 4 könnte es sein, dass einer Bekanntheitsentscheidung andere Mechanismen zugrunde liegen, die eine Interaktion beider Prozesse ermöglichen. Jedoch konnte in Experiment 8 kein Einfluss des Gesichtsausdrucks auf die Bekanntheitsent-scheidung festgestellt werden.

Zusammenfassend zeigen die Befunde, dass unter bestimmten Bedingungen eine Interaktion zwischen der Erkennung des Gesichtsausdrucks und der Bekanntheit in beide Richtungen gegeben ist. Allerdings übt der Grad der Bekanntheit und die jeweilige Emotion einen Einfluss auf die Entstehung der Interaktion aus, da sie nur für persönlich bekannte Gesichter mit einem fröhlichen oder neutralen Gesichtsausdruck gezeigt werden konnte. Abschließend wurden die Ergebnisse im Kontext verschiedener Interpretationen, bisheriger Forschung und Modellen zur Gesichtererkennung diskutiert.


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21.09.2004