1 1 Einleitung

Not only are there no tabula rasa researchers, but also we usually come with a lot of baggage. Such ideas and preconceptions become intellectual wallpaper of sorts, background tacit assumptions sometimes operating, as it were, behind our backs in the research process (Clarke 2005: 85).

1.1 Wallpaper – Hintergrund der Arbeit

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Die vorliegende Dissertation ist einer Vielzahl von Umständen geschuldet, die aus meinem bisherigen Lebensweg und verschiedenen gesellschaftlichen und historischen Gegebenheiten resultieren. Wie es das Zitat von Clarke ausdrückt, bildet all dies den Hintergrund, meine „intellektuelle Tapete“, die mitzudenken ist, um den Inhalt der folgenden Seiten besser einzuordnen. Ich bin zu meinem Promotionsthema, seiner Bearbeitung und Verschriftlichung durch Zusammenhänge gelangt, die das von mir gewählte Feld ebenso beeinflussen wie meine Art und Weise, darüber zu denken und zu schreiben. Deshalb schildere ich im Folgenden einige Fragmente meines Weges in mein Feld.

Nach meinem Abitur war ich 1996/97 ein Jahr lang als Freiwillige für eine mennonitische Organisation in Zentralbosnien tätig. Ursprünglich hatte ich nach Spanien gehen wollen, weil ich neben der Schule Spanisch lernte. Da ich jedoch auch Russisch lernte, hielten die Verantwortlichen in der Austauschorganisation Bosnien für das richtige Land für mich. Im ersten Nachkriegssommer ging ich also nach Bosnien. Dort erlernte ich die Landessprache. Nachdem ich mich mit meinen gutchristlichen Mitfreiwilligen überworfen hatte, lebte ich in einer liberalen muslimischen Familie, die mich herzlich aufnahm und nicht müde wurde, mir Wörter und Dinge zu erklären. Zu meinen täglichen Tätigkeiten zählte die Arbeit mit Flüchtlingen – und das ohne eine therapeutische oder sozialpädagogische Ausbildung. Ich habe mir ihre Geschichten, Nöte und Sorgen angehört. Anfangs dachte ich, dass es an meinen unzureichenden Sprachkenntnissen läge, dass ich ihre Schilderungen unlogisch und irgendwie unglaublich fand. Mittlerweile bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass extreme Ausnahmesituationen, wie es Krieg und Vertreibung sind, in denen viele Bezugssysteme ihre Bedeutung verlieren, besondere und nicht gradlinig verlaufende Erzählungen erzeugen. In wenigen Tagen und Stunden werden Gemeinschaften zerstört oder nachhaltig verändert, für viele Mitglieder einer Gesellschaft ändern sich Werte und Handlungslogiken. Solche einschneidenden Veränderungen können nicht in einer linearen, logisch aufgebauten Erzählung geschildert werden; sie entrüsten immer wieder.

Nach meiner Rückkehr nach Deutschland studierte ich in Berlin Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie. Kultur interessierte mich. Den empirischen Ansatz der Ethnologie fand ich sehr produktiv und auch die Theorien Michel Foucaults prägten mich bereits während des Studiums. Zudem war das ehemalige Jugoslawien für mich auch immer wieder in Berlin präsent – am Anfang durch Sprachkurse der Südslawistik, die ich besuchte und deren Dozentin mich auf den Boden der Tatsachen zurückholte, indem sie mir klar machte, dass ich die Sprache noch bei Weitem nicht beherrschte und damit meinen Ehrgeiz weckte. 1998 begann ich als studentische Hilfskraft beim Verein für Internationale Jugendarbeit e. V.1 zu arbeiten, wo ich bosnische Kriegsflüchtlinge im Weiterwanderungsverfahren in die USA beriet und begleitete. Dadurch konnte ich einerseits mindestens zweimal die Woche bosnisch sprechen, was eine gute Übung war, und wodurch ich meinen bosnischen Wortschatz um viele Verwaltungstermini erweitern konnte; andererseits lernte ich während dieser Arbeit bereits viel über die Lebensumstände bosnischer Flüchtlinge in Berlin.

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Ich las Biografien, in denen Flüchtlinge darlegten, warum sie geflohen waren und nicht zurückkehren konnten, und warum sie in die USA weiterwandern wollten. In Berlin gab es für die bosnischen Flüchtlinge zu dieser Zeit keine Möglichkeit, einen Aufenthaltstitel zu erhalten. Wenn in den Biografien Verfolgung und Vertreibung geschildert wurden, konnten Antragsformulare ausgefüllt werden, die über die Weiterwanderungsstelle der Diakonie an die US-amerikanische Bearbeitungsstelle des Immigration and Naturalization Service (INS) in Frankfurt am Main weitergeleitet wurden. Nach einigen Monaten wurden die bosnischen Familien zu einem Interview nach Frankfurt eingeladen. Dort konnten sie die Gründe für ihren Weiterwanderungswunsch darlegen. Im Anschluss an das Interview, das zumeist die Flüchtlingseigenschaft und die Unmöglichkeit einer Rückkehr nach Bosnien bestätigte,3 fand eine ärztliche Untersuchung statt. Wenn keine akuten Krankheiten vorlagen und chronische Erkrankungen nicht ansteckend waren,4 erfolgte die Ausreise in die USA zwei bis drei Monate später – oftmals zu Verwandten, die bereits zuvor ausgewandert waren.

In dieser Zeit kam ich mit vielen bosnischen Flüchtlingen in Berlin in Kontakt und lernte ihre Sorgen kennen. Zudem hatten auch wir in der Beratungsstelle wie die Berliner Ämter, die mit den Flüchtlingen Kontakt hatten, oft Atteste auf dem Schreibtisch, wenn ein Interviewtermin abgesagt oder ein Flug verschoben werden musste. Am Ende wurden die Atteste von zwei Ärzten, die beide aus Jugoslawien stammten und aus deren Praxen fast alle Atteste kamen, von der Frankfurter Außenstelle des INS nicht mehr anerkannt und wir schickten die Flüchtlinge nochmals zu deutschen Ärzten, die ein weiteres Attest ausstellten und nochmals die Verhinderung bestätigten. Diese Atteste wurden in der Regel anerkannt. Bereits damals lernte ich einige Akteure kennen, die in der vorliegenden Arbeit eine wichtige Rolle spielen. 2001 endete das Weiterwanderungsprogramm der USA für bosnische Kriegsflüchtlinge. Die Akten sind ins Zentralarchiv der Diakonie gezogen, die Menschen weitergewandert, der Verein wurde wegen fehlender Finanzierungen aufgelöst. Es ist nicht viel aus dieser Zeit übrig geblieben, außer befreundeten Arbeitskolleginnen und -kollegen, meinen verbesserten Sprachkenntnissen und meinen Erfahrungen, die ebenfalls ein Stück meiner von Clarke im Eingangszitat beschriebenen „intellektuellen Tapete“ bilden.

Nach dem Abschluss meines Studiums – selbstverständlich hatte meine Magistraarbeit einen Bezug zum ehemaligen Jugoslawien5 – fand ich im Herbst 2002 Arbeit in einem EU-Forschungsprojekt an der Technischen Universität Dresden, wobei vor allem meine Sprachkenntnisse von Bedeutung waren. Ziel des Projektes war die Erforschung von Zugangsbarrieren für eine psychologische oder psychiatrische Behandlung bei Flüchtlingen aus dem ehemaligen Jugoslawien. Es wurde in fünf Ländern (Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Serbien und Montenegro, Großbritannien und Deutschland) durchgeführt.6 Die Projektpartner waren vor allem Behandlungszentren, die in den ex-jugoslawischen Ländern auch enge Beziehungen zu medizinischen und psychologischen Fakultäten unterhielten; oft gab es personelle Überschneidungen. Das koordinierende Zentrum befand sich in London. In Deutschland gestaltete sich die Rekrutierung von Studienteilnehmerinnen und -teilnehmern äußerst schwierig, da Flüchtlinge nur einen Aufenthaltstitel oder die Verlängerung ihrer Duldung erhielten, wenn sie in einer psychotherapeutischen Behandlung waren. Die meisten der noch in Berlin, Brandenburg und Sachsen – auf diese Bundesländer konzentrierte sich das Projekt aus Kostengründen – verbliebenen Flüchtlinge befanden sich daher in psychiatrischer oder psychotherapeutischer Behandlung und konnten deshalb kaum von Zugangsproblemen berichten. Dennoch führte ich über 160 Interviews mithilfe psychologischer Fragebögen, in deren Anwendung ich zuvor eingewiesen worden war. Daneben gab es einen qualitativen Teil der Befragung und eine qualitative Zusatzstudie, für die ich 20 Interviews mit Studienteilnehmerinnen und -teilnehmern führte und transkribierte. Diese Interviews sollten mit weiteren, die in London, Zagreb, Sarajevo und Belgrad geführt wurden, gemeinsam ausgewertet werden. Dies steht bislang noch aus.

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Denn ein neues Projekt mit einer ähnlichen Fragestellung begann im Sommer 2004, das weitere Projektpartner in Italien und Mazedonien und später auch im Kosovo mit einbezog und mir eine Fortsetzung meiner Anstellung und eine Vielzahl weiterer Interviews sicherte.7 Nachdem ich für das erste Projekt Interviewpartnerinnen und -partner vor allem über meinen Freundes- und Bekanntenkreis in Berlin und Hamburg und in Asylbewerberheimen in Brandenburg und Sachsen rekrutiert hatte, sprach das zweite Projekt eine größere Gruppe von Personen an. In Berlin wurden über 2.000 Personen aus dem ehemaligen Jugoslawien bis zu dreimal angeschrieben und gebeten, an der Studie teilzunehmen. Ich interviewte weitere 200 Personen. Nach einem Jahr fand eine erneute Befragung der Menschen statt, die bereits in der ersten Befragung Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung aufgewiesen hatten. Mit 150 Personen sprach ich ein zweites Mal über ihre Beschwerden und Veränderungen im vergangenen Jahr. Außerdem wurde erneut eine qualitative Zusatzstudie durchgeführt.

Während meiner Mitarbeit an diesen beiden Projekten kristallisierte sich mein Promotionsvorhaben heraus. Anfangs sollte es die Benachteiligungen der Flüchtlinge durch den systematischen Ausschluss aus der deutschen Gesellschaft beschreiben, da mich die Schilderungen meiner Gesprächspartnerinnen und -partner immer wieder wütend auf die deutsche Bürokratie und das Verwaltungshandeln machten. Aber Wut ist eine denkbar schlechte Grundlage für eine wissenschaftliche Arbeit. Ich habe es vor allem Professor Dr. Stefan Beck zu verdanken, dass sich diese Idee weiterentwickelte und eine medizin- bzw. psychologieanthropologische Wende nahm. Durch Diskussionen mit anderen Promovierenden, dem STS-Lesekreis am Institut für Europäische Ethnologie Berlin, dem Labor Sozialanthropologie und Lebenswissenschaften, dem Arbeitskreis Wissenschaftsgeschichte und Epidemiologie und einer Vielzahl von hilfreichen Lesehinweisen nahm die Arbeit ihre jetzige Gestalt an. So wurde ich auf zwei wichtige theoretische Bezugspunkte dieser Arbeit – die Schriften von Nikolas Rose und Ian Hacking – aufmerksam und auch auf Adele Clarkes sehr praxisnahe „Situational Analysis“. Aber auch viele der weiteren theoretischen medizinanthropologischen und wissenschaftstheoretischen Bezugspunkte habe ich diesen Diskussionsforen zu verdanken. Zudem profitierte ich von der Möglichkeit, gemeinsam mit Ann-Katrin Zöckler und Christoph Kehl ein Seminar am Institut für Europäische Ethnologie zu geben, in dem wir erste Ergebnisse unserer Forschungen mit Studierenden diskutierten.

An der Entstehung der Arbeit waren nicht weniger meine Kolleginnen und Kollegen aus Dresden beteiligt. Sie beantworteten viele meiner Fragen, erklärten mir geduldig psychologische und psychiatrische Logiken und ließen sich auch auf lebhafte Diskussionen ein. In diesen „interdisziplinären Kaffeerunden“ ging es oft um grundlegende Fragen ihres Faches, wie zum Beispiel um Grundannahmen therapeutischer Interventionen, ihre Möglichkeiten und Grenzen. Die dabei zutage tretenden Brüche thematisiere ich auch im Verlauf der Arbeit mehrmals. Daneben unterstützten mich meine Kolleginnen und Kollegen auf vielfältige Weise infrastrukturell – so habe ich ihnen Laptop, Aufnahmegerät, Analyseprogramm, Fachartikel und die Möglichkeit, Interviews im Rahmen der Forschungsprojekte zu führen, zu verdanken. Zudem danke ich meinen Gesprächspartnerinnen und -partnern, ohne deren Bereitschaft, mit mir zu sprechen, diese Arbeit nicht vorliegen würde, und Ann-Katrin Zöckler für die Kommentierung und Diskussion von Vorversionen der Arbeit.

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Meine Dresdener Arbeitsstelle und viele Bekanntschaften mit Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien prägten die vorliegende Arbeit. Ich habe nicht – wie eigentlich üblich – mit einer formulierten Fragestellung Zugang zu dem von mir beschriebenen Feld gesucht. Ich war bereits Teil des Ganzen, als ich begann, ethnologische Fragen zu formulieren. Daraus ergibt sich, dass ich keine teilnehmenden Beobachtungen im klassischen und engeren Sinn angestellt habe. Doch das heißt nicht, dass ich nicht beobachtet hätte, denn ich habe von Anfang an teilgenommen, beobachtet und nachgefragt, um in einem psychologischen Forschungsfeld als „Fachfremde“ arbeiten zu können. Meine Forschungsfragen entstanden, als ich bereits ein gewisses Verständnis und eine Kenntnis der Akteure hatte. Das sind wichtige „intellektuelle Tapeten“ im Clarke’schen Sinn für mich, die den Hintergrund dieser Forschung bilden. Sie halfen mir bei der Formulierung meiner Fragen, dem Finden von Gesprächspartnerinnen und -partnern und dem nachträglichen Recherchieren von Informationen, da ich die Diskurse im Rahmen meiner Arbeit kennenlernte.

Neben diesen Zugängen zu meinem Themenfeld habe ich noch einen weiteren Zugang über einige Behördenbegleitungen von Flüchtlingen aus dem ehemaligen Jugoslawien. Mein Name stand vier Jahre lang auf einer Liste für Behördenbegleitungen der Katholischen Studentengemeinde, die diese Liste verwaltet und sie in der Berliner Flüchtlingsberatungsstellen verteilt. Die Personen auf der Liste verfügen über Fremdsprachenkenntnisse und können so Flüchtlinge muttersprachlich bei Gängen zu Behörden, Ämtern, Ärztinnen und Ärzten oder Gerichten unterstützen. Durch diese Begleitungen erhielt ich punktuell Einblick in die Praxen der Ausländerbehörde, des Verwaltungsgerichtes und der Sozialämter.

Seit einem Jahr arbeite ich in der Politikberatung, die Projekte in Dresden sind beendet. Der zunehmende Abstand half mir bei den Analysen, denn es sind seither keine neuen Eindrücke mehr aus Gesprächen mit Bosnierinnen und Bosniern, die als Flüchtlinge nach Berlin kamen, hinzugekommen. Neue Daten und Einsichten gewann ich einzig aus den Diskussionen und Präsentationen im „Berliner Forschungskolloquium für PTSD“, dem Austausch mit Forschenden auf dem Feld der Medizinanthropologie und im Rahmen von Nachrecherchen bei der Berliner Senatsverwaltung für Inneres und Sport im August und November 2008. Trotz dieses Abstandes bleibe ich mit dem Thema auf persönliche und berufliche Weise verbunden und bin selbst in Diskurse involviert, die ich im Folgenden analysiere. Die vorliegende Arbeit dokumentiert auch diese persönlichen Verbindungen.

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Ich beschreibe und analysiere die individuellen Bewältigungsformen und Widerstände der Bosnierinnen und Bosnier einer Psychologisierung gegenüber, aber auch ihre Anpassungen an psychologische/psychiatrische Diskurse. Die Ansichten von Psychologinnen und Psychologen sowie Psychiaterinnen und Psychiatern selbst sind ein Untersuchungsgegenstand für mich. Ich stelle sie als Spezialistinnen und Spezialisten im Feld von Psychotrauma vor, hinterfrage jedoch ihre Expertisen kritisch. Die Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung beschreibe ich als Diagnosekategorie, die von den Expertinnen und Experten auf vielfältige Art argumentativ eingesetzt wurde. Doch die Diagnose selbst erzeugt eine Vielzahl von Widersprüchen, die mit ihrer Entstehung und Definition zusammenhängen. Die Berliner Verwaltung kann ich zwar nicht umfassend darstellen, doch es wird deutlich, dass sie keine allmächtige und durchgängig konsequent agierende Institution war und ist. Sie unterliegt ihren eigenen Sachzwängen und ist den Spezialistinnen und Spezialisten der Psychotraumatologie nicht so abgewandt, wie diese behaupten.

1.2 Methodisches Vorgehen

Im Folgenden geht es zum einen um die Verhandlungen zwischen Psychologinnen, Psychologen, Psychiaterinnen und Psychiatern, die sich in der Flüchtlingsarbeit engagierten und der Innenverwaltung um einen Aufenthalt für traumatisierte bosnische Kriegsflüchtlinge in Berlin und zum anderen um die Interaktionen zwischen den einzelnen Akteursgruppen, die in diese Aushandlungsprozesse involviert oder von ihnen betroffen waren. Um die verschiedenen Standpunkte und Logiken zu beschreiben, habe ich Interviews mit den wichtigsten Akteurinnen und Akteuren geführt, Primär- und Sekundärliteratur zu Posttraumatischen Belastungsstörungen insbesondere im Zusammenhang mit politischer Unterstützung für Flüchtlinge zusammengetragen, Material zur Berliner Situation recherchiert und gesammelt, parlamentarische Debatten im Berliner Abgeordnetenhaus von 1991 bis 2006 mit Bezug auf das ehemalige Jugoslawien und Akten der Berliner Senatsverwaltung für Inneres analysiert und meine eigenen Beobachtungen und Erfahrungen mit in die folgenden Analysen einfließen lassen. Diese verschiedenen Datenquellen resultieren aus meinen unterschiedlichen Zugängen, die ich im vorherigen Abschnitt dargestellt habe.

Im Rahmen der beiden Forschungsprojekte, an deren Umsetzung ich beteiligt war, wurden von mir circa 400 Personen interviewt. 16 von ihnen oder deren Ehepartner habe ich gefragt, ob ich sie noch einmal zu ihren Erfahrungen mit Psychotherapie in Berlin befragen und das Gespräch aufnehmen könne. Bei der Auswahl habe ich darauf geachtet, dass

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Diese Interviewpartnerinnen und -partner wurden theoretisch geleitet ausgewählt (Strauss/Corbin 1996: 148ff.). Alle Gespräche wurden auf Bosnisch geführt, aufgezeichnet, transkribiert und ausgewertet. Die Namen sind pseudonymisiert. Die ersten 14 Interviews bildeten meine erste Analysegrundlage. Zwei Gespräche habe ich nach einer einjährigen Pause geführt, in der ich erste Thesen bildete und diese in den letzten beiden Gesprächen testete. Diese beiden Gesprächspartnerinnen wurden diskriminierend nach Strauss und Corbin ausgewählt (Strauss/Corbin 1996: 158f.), weil sie bei einer bestimmten Institution in Behandlung waren, ich bis dahin mehr Männer interviewt hatte und deshalb noch Gesprächspartnerinnen brauchte und eine von ihnen einer ethnischen Minderheit angehörte. Bis auf zwei Ausnahmen fanden alle Gespräche bei meinen Gesprächspartnerinnen und -partnern zu Hause statt und wurden begleitet vom obligatorischen gemeinsamen Kaffeetrinken und weiteren informellen Gesprächen vor und nach der Tonaufnahme. Zwei Gespräche fanden in einem Verein statt. Zwei Frauen, die ich befragen wollte, lehnten dies ab, weil es sie zu sehr aufgeregt hätte oder weil sie keine Tonaufzeichnung wünschten. Die Tonaufnahme eines weiteren Interviews konnte aufgrund des Straßenlärms nicht transkribiert werden und ging nicht in die vorliegende Arbeit ein. Alle Interviews fanden im Rahmen der beiden EU-Projekte statt, in denen ich tätig war. Deshalb haben die Bosnierinnen und Bosnier schriftlich in die Tonaufnahmen eingewilligt und eine Aufwandsentschädigung von 15 Euro erhalten. Das bedeutet, dass ich vor allem Personen interviewte, die keine Einwände gegen eine Tonaufnahme hatten und den Interviews und Forschungen gegenüber positiv eingestellt waren. Mit ihrer Bereitschaft, ihre Erfahrungen mitzuteilen, machten sie ihre Ansichten einem größeren Publikum zugänglich und interpretierbar, wessen sie sich durchaus bewusst waren.10 Gleichzeitig erhält ihr gesprochenes Wort durch die Aufzeichnung und Transkription eine neue Qualität, die es in seiner Mündlichkeit ursprünglich nicht hatte. Die Äußerungen meiner Gesprächspartnerinnen und -partner werden als Text analysiert, der im Gegensatz zur Gesprächssituation statisch ist. Außerdem liegen zwischen Gespräch und Analyse zum Teil zwei Jahre, in denen sich viel verändert haben kann.

Da ich alle Gesprächspartnerinnen und -partner über die Projekte kennengelernt habe, war das aufgezeichnete Interview nie unser erstes Gespräch. Mit einigen hatte ich vorher bereits mehrmals gesprochen. Mit zwei Frauen duze ich mich, da wir uns in vielfältigen Zusammenhängen immer wieder begegne(te)n. In den Zitaten werde ich oft geduzt (und sieze mein Gegenüber), was zum einen am Altersunterschied lag und daran, dass die Differenz zwischen uns durch ein „wie du weißt“ oder „du weißt ja, wie das war“ oft verringert werden sollte. Trotzdem wurde dann jedoch zu Erklärungen ausgeholt, weil ich gerade nicht bosnischer Flüchtling bin, sondern Angehörige der Aufnahmegesellschaft, der mitgeteilt werden sollte, was alles falsch gemacht wurde bei ihrer Aufnahme als Flüchtlinge in Berlin. Die Interviews mit diesen 16 Bosnierinnen und Bosniern bilden meiner Meinung nach gut die wichtigsten Standpunkte und Erfahrungen bosnischer Flüchtlinge in Berlin ab. Natürlich schwingen auch alle anderen Gespräche, die ich im Rahmen der beiden Projekte mit Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien führte, mit. Obwohl jede Gesprächspartnerin und jeder Gesprächspartner individuell mit den Exil- und insbesondere Therapieerfahrungen umging, lassen sich dennoch ähnliche Argumentationslinien erkennen, die die Grundlagen für meine Analysen bilden.

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Bei der Auswahl meiner Gesprächspartnerinnen und -partner unter den Berliner Psychologinnen und Psychologen sowie Psychiaterinnen und Psychiatern habe ich darauf geachtet, dass sie entweder selbst serbokroatisch sprechen oder mit Dolmetscherinnen und Dolmetschern arbeiteten, sodass sich vorrangig Bosnierinnen und Bosniern bei ihnen in Therapie befanden. Zudem gehörten sie unterschiedlichen Institutionen an und waren oftmals selbst als Ärztin, Arzt oder Psychologische Psychotherapeutin oder Psychologischer Psychotherapeut niedergelassen. Die Interviews mit ihnen habe ich auf Deutsch geführt, transkribiert und ausgewertet.

Im Gegensatz zu den Flüchtlingen haben meine weiteren Interviewpartnerinnen und -partner nicht schriftlich in eine Tonbandaufnahme eingewilligt. Die Psychologinnen, Psychologen, Ärztinnen und Ärzte erhielten zwar die Transkripte zum Gegenlesen und Klarstellen, davon machten jedoch nur die serbokroatisch sprechenden Gebrauch. Ursprünglich hatte ich vor, ihre Namen nicht zu anonymisieren, was bei meinen bosnischen Gesprächspartnerinnen und -partnern aus Datenschutzgründen von vornherein klar war. Die behandelnden Psychiaterinnen, Psychiater, Psychologinnen und Psychologen sind auch öffentliche Personen, weshalb ich sie namentlich erwähnen und ihnen durch das Gegenlesen Raum für Klarstellungen geben wollte. Da die Skripte von einigen jedoch umfangreich gekürzt und geglättet und von anderen nicht einmal kommentiert wurden, habe ich mich dazu entschlossen, die Originalversionen zu verwenden, aber Namenskürzel zu benutzen.

Bei der Ausländerbehörde fand ich über den Zeitraum von anderthalb Jahren keine Gesprächspartnerinnen oder -partner. Vier Mal wurden meine Anfragen mit dem Verweis auf Zeitmangel abgelehnt. Selbst ein Unterstützungsschreiben meines betreuenden Professors konnte daran nichts ändern.11 Hingegen stand mir bei der Senatsverwaltung für Inneres und Sport Herr Hampel für ein Gespräch zur Verfügung, der mir als Ansprechpartner von Frau Professor John empfohlen wurde. Frau Professor John ist die ehemalige Ausländerbeauftragte von Berlin, die ich auch interviewte. Mein ursprüngliches Interesse war es, den Alltag der Ausländerbehörde darzustellen, aber auf diesen ließen sich nur Hinweise finden, unter anderem in den Akten der Senatsverwaltung für Inneres und Sport. Den Zugang zu diesen Akten gewährte mir Herr Hampel zweimal, um Zahlen und Dokumente zu recherchieren. Die Akten der Senatsverwaltung für Inneres zu ausländerrechtlichen Fragen sind nach Herkunftsländern strukturiert. Für Bosnien-Herzegowina war im Mai 1992 eine Akte angelegt worden. Im November 2008 umfasste sie 41 Bände und 20 Bände Beiakten zu Rückkehrprogrammen und Verwaltungsstreitsachen. Systematisch habe ich die Bände 9 bis 21 (Januar 1996 bis April 1997) gesichtet, danach punktuell Band 28 (April/Mai 1998) und die Bände 36 bis 39 (Januar 2000 bis November 2001).13 Herr Hampel stellte mir sehr offen die Verwaltungssicht dar und ermöglichte mir den Zugang zu den Akten, einem Arbeitsraum und Kopierer. Auch die Gespräche mit Frau Professor John und Herrn Hampel habe ich transkribiert und kodiert. Zudem sprach ich mit zwei Akteuren in der Flüchtlingsarbeit, Frau Schedlich vom Südost Europa Kultur e.V. und einem Rechtsanwalt, was mir als Hintergrund für das Verstehen zeitlicher Entwicklungen in Berlin und die Auffassungen der Unterstützerinnen und Unterstützer diente. Bei den Interviews mit den beiden politischen Vertretern, Frau Professor John und Herrn Hampel, und der Vereinsleiterin Frau Schedlich, verwende ich keinerlei Namenskürzel oder Anonymisierungen, da sie öffentliche Personen sind und mir in dieser Funktion ein Interview gaben.

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Bei den Auswertungen folgte ich den Arbeitsschritten der Grounded Theory (Strauss/Corbin 1996). Das heißt, dass die Analysekategorien aus dem Material stammen und induktiv gebildet wurden. Dazu verwendete ich zunächst das Textanalyseprogramm Textpack und später das Analyseprogramm für qualitative Daten MAXQDA2. Die transkribierten Interviews habe ich jeweils einzeln, dann insgesamt für die bosnischen Flüchtlinge und die behandelnden Ärztinnen, Ärzte, Psychologinnen und Psychologen interpretiert, auf dieser Grundlage Kategorien entwickelt, diesen Textsegmente zugeordnet und diese im Vergleich innerhalb der Kategorien erneut analysiert. Dieses Vorgehen folgt dem Vorschlag von Udo Kuckartz für die Auswertung qualitativer Daten mithilfe eines Analyseprogramms (Kuckartz 1995), dessen Basis die Strauss’sche Grounded Theory ist.

Nach den Auswertungen der Transkripte wurde ich auf Adele Clarkes „Situational Analysis“ aufmerksam und fand ihren Ansatz äußerst fruchtbar für mein weiteres Denken und Analysieren. Sie baut auf die Kategorienbildung gemäß der Grounded Theory auf und arbeitet mit Visualisierungstechniken, um erkennbar zu machen, „was vor sich geht“, um so Deutungsmuster, Macht- und Einflussverteilungen sichtbar zu machen. Dies hat mir nochmals geholfen, mein Material und meine Gedanken zu strukturieren, „stille“ und „laute“ Akteurinnen und Akteure im Feld zu sehen und ihre Standpunkte zu rekonstruieren (Clarke 2005). So sind die Diagnosekategorie „Posttraumatische Belastungsstörung“ und die Flüchtlinge wichtige Akteure in meinem Feld, doch sie sind es eher in impliziter Form. Es wird über sie verhandelt. Die Verhandelnden sind Psychologinnen und Psychologen sowie Ärztinnen und Ärzte in der Flüchtlingsarbeit und die Berliner Flüchtlingsverwaltung, die zum Teil sehr öffentlichkeitswirksam miteinander über Traumatisierung und die bosnischen Flüchtlinge streiten.

Die Dissertation war ein Feierabend- und Wochenendprojekt, deshalb zog sich das Führen der Interviews über einen Zeitraum von zwei Jahren hin. Doch sie fanden alle, bis auf das mit dem Vertreter der Innenverwaltung, vor der letzten aufenthaltsrechtlichen Regelung in Berlin statt, die allen noch verbliebenen „Traumatisierten“ und ihren Familien einen Aufenthalt sicherte. Dies nimmt dieser Arbeit einen Teil ihres politischen Sprengstoffs. Weil die Diagnose einer Posttraumatischen Belastungsstörung als Aufenthaltsgrund dienen kann, hat das Hinterfragen dieser Praxis Auswirkungen auf die Möglichkeit ihrer Fortführung. Doch für die betroffenen Bosnierinnen und Bosnier kann sich das nicht mehr negativ auswirken, denn sie haben einen Aufenthaltstitel erhalten. Zukünftigen Flüchtlingen werden ähnliche Aufnahmeregelungen ohnehin verwehrt bleiben;. Zum einen liegt dies an geänderten strukturellen Gegebenheiten: Es gibt ein neues Zuwanderungsgesetz, zudem sinken die Flüchtlings- und Asylbewerberzahlen, weil Deutschland keine EU-Außengrenze mehr hat. Zum anderen war die Umsetzung eines humanitären Bleiberechts aufgrund einer psychischen Erkrankung für eine größere Flüchtlingsgruppe allen Beteiligten zu aufwändig. Trotzdem hatten zum Interviewzeitpunkt noch nicht alle Gesprächspartnerinnen und -partner einen sicheren Aufenthaltsstatus, sodass die Unsicherheit für einige noch ein aktuelles Thema war; andere hingegen versuchten bereits, ihr neues Leben mit einem Aufenthaltstitel zu meistern. Von daher war der längere Zeitraum, über den sich die Interviews hinzogen, sogar nützlich, weil er verschiedene Situationen abzubilden half und durch den zeitlichen Abstand und die veränderten Lebensbedingungen ein Reflektieren der Psychotherapien und Attestierungen ermöglichte.

1.3 Theoretische Grundlagen

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Nachdem mich Adele Clarkes „Situational Analysis“ vor allem methodisch leitete, waren es die Schriften von Michel Foucault, die meinen Blick auf mein Material strukturierten (Foucault 1968, 1974, 1978, 1981, 1983, 1984 und 1991); insbesondere waren es seine Gedanken zu neueren Regulationsmechanismen, die er „Biopolitiken“ und „Anatomopolitiken“ nennt. Er verortet diese neuen Wirkweisen moderner Machtformen, die sich einerseits in Gestalt von Biopolitiken auf Gattungskörper wie Nationen oder Volksgruppen richten und andererseits in Gestalt von Anatomopolitiken auf die konkreten Körper von Individuen, in den Subjekten selbst. Macht wird nicht mehr durch einen Souverän ausgeübt und seinen Untertanen aufgezwungen, sondern wirkt subtil in jedem Mitglied einer Gesellschaft selbst. Die regulativen Momente werden internalisiert und von den Subjekten reproduziert. Foucault entwickelt ein begriffliches Instrumentarium, wie diese modernen Gouvernementalitäten (Bröckling et al. 2000) gedacht und beschrieben werden können. Wichtig für das Funktionieren dieser neuen Machtform ist die Produktion von Wissen, denn Wissen legitimiert den Machtanspruch und nicht mehr die gottgegebene Autorität eines Herrschers.

Michel Foucault beschreibt beispielhaft am Konzept der Sexualität die Einführung eines wissenschaftlichen Diskurses und daraus resultierende gesellschaftliche Regulierungstechniken, die durch das geschaffene Wissen legitimiert werden und auf der Ebene des Individuums konkrete Normierungen erzeugen. Diese können als Zwang wahrgenommen werden, insbesondere dann, wenn der Zugriff auf das Individuum dessen Plänen und Wünschen zuwiderläuft. Sie können aber auch reproduziert werden, wenn sie helfen, Interessen des Individuums durchzusetzen.

Mit dem Auftauchen eines neuen Konzeptes in gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Debatten beschäftigt sich in Anknüpfung an die Theorien Michel Foucaults auch der Soziologe Nikolas Rose. Rose untersucht die von Foucault beschriebenen „Oberflächen des Auftauchens“ (Foucault 1981: 62 und Rose 1998: 70) für die Wissenschaften und Techniken mit der Vorsilbe „Psy-“ und ihre Anwendung im und Ausweitung auf den Alltag in westlichen Industriegesellschaften (Rose 1985, 1990, 1998). Dafür zeichnet er in seinen früheren Publikationen die gesellschaftlichen Entstehungsbedingungen für das psychologische Denken an konkreten Beispielen nach. So entstanden Intelligenztests in Zusammenhang mit der Rekrutierung von Armeeangehörigen und die Arbeits- und Organisationspsychologie, um die Produktivität von Unternehmen zu steigern. Anhand dieser Beispiele beschreibt Rose „Oberflächen des Auftauchens“ und die folgende Wissenserzeugung. Ihre Verbindungen mit westlichem Lebensstil und Subjektivität rekonstruiert er insbesondere in seinem Buch „Inventing our Selves“ (1998).

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Hier schließt sich der kanadische Philosoph Ian Hacking an, der sich zum einen mit der Frage beschäftigt, wie Menschen beginnen, in Kategorien zu passen und dies als Rückkopplungseffekt bezeichnet (1986). Daneben erweitert er Foucaults Bio- und Anatomopolitiken um Gedächtnispolitiken, die sich seiner Meinung nach nicht auf die Körper der Individuen richten, sondern auf deren Denken und vor allem auf die gedankliche Konzeptualisierung ihrer Vergangenheit als wichtigem Bestandteil westlich-geprägter Identitäten (Hacking 1996). Dies zeichnet er eindrucksvoll am Beispiel einer psychischen Störung nach, die heute als „Dissoziative Identitätsstörung“ in die internationalen Klassifikationssysteme eingegangen ist (Hacking 2001). Auch er beschreibt „Oberflächen des Auftauchens“ und sieht in ihnen ein Symptom für eine Veränderung dessen, was unter Identität in westlichen Gesellschaften verstanden wird. Hacking spricht dabei konsequent von der „Seele“, weil es ihm um den nichtmateriellen Teil unseres Daseins geht, der früher Seele genannt wurde.

Neben diesen drei Theoretikern waren die Publikationen des Medizinanthropologen Alan Young für mich von Bedeutung, dessen Forschungen in direktem Zusammenhang mit meinem Thema stehen. Er forschte in einer spezialisierten Klinik für Vietnamveteranen und gibt in seinem Buch „The Harmony of Illusions“ Einblicke in die Praxen von Psychotherapeutinnen und -therapeuten und die Interaktionen mit ihren Patienten (Young 1995). Hier beschäftigt er sich detailliert und kritisch mit der Entstehung der Diagnose „Posttraumatische Belastungsstörung“. In weiteren Publikationen dekonstruiert er verschiedene Annahmen des psychiatrischen und psychologischen Diskurses über die Posttraumatische Belastungsstörung. Dazu gehören die Tendenzen, den Ursprung der Störung in die Wiege der Menschheit zu verlegen, die zeitliche Abfolge der Störung vom auslösenden Ereignis zu den beobachteten Symptomen als gegeben anzusehen und von erzielbaren Therapieerfolgen auszugehen (Young 1992, 1993, 1995, 1996, 2004). Alan Young trägt alle Kritikpunkte am Störungsbild zusammen, weshalb sein Buchtitel als Programm gelten kann, denn es ist überraschend, wie harmonisch die erzeugten verschiedenen Bilder oder Illusionen nebeneinander stehen und die Realität der Kategorie „Posttraumatische Belastungsstörung“ ausmachen.

Young, Rose und Hacking beziehen sich explizit auf die Theorien Foucaults, verweisen aber auch untereinander aufeinander und geben damit immer wieder verschiedene theoretischen Anknüpfungspunkte, die sich gegenseitig ergänzen. Daneben verwende ich das Konzept der boundary objects von Susan Leigh Star und James R. Griesemer (1989), die am Beispiel des Aufbaus einer Sammlung in einem naturkundlichen Museum verdeutlichen, wie unterschiedliche Akteure miteinander kooperieren. Dies tun sie mithilfe eines losen Konzepts, das jedoch konkret genug sein muss, um als Arbeitsgrundlage zu funktionieren. Sie nennen solche Phänomene boundary objects und beschreiben eine Vielzahl von Übersetzungen, die notwendig sind, um verschiedene Akteure in eine Richtung, in diesem Fall die Vergrößerung der Sammlung und Repräsentation der Fauna der Westküste des nordamerikanischen Kontinents, zu lenken. Durch boundary objects gelingt es, auch Akteure mit unterschiedlichen Interessen zu einer Zusammenarbeit zu bewegen.

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In meiner Aufzählung der letzte, aber außerordentlich wichtige Theoretiker, auf den ich mich im Laufe meiner Arbeit beziehe, ist Michel de Certeau. Er schafft in seinem Buch „Kunst des Handelns“ (1988) eine Beschreibungsgrundlage für die alltäglichen Praxen von Individuen, die Regulierungen unterliegen. In meinem Fall sind dies die bosnischen Flüchtlinge. Er unterscheidet „Taktiken“ von „Strategien“ (Certeau 1988: 23). Erstere werden alltäglich von Individuen eingesetzt, die keinen machtpolitischen Rückzugsort haben. Letztere sind Akteuren möglich, die Macht und Einfluss haben und diese einsetzen können, um eine „Strategie“ zu verfolgen. „Taktiken“ sind jenen eigen, die keinen Einfluss haben, aber dennoch aktiv und kreativ mit dem umgehen, was ihnen angeboten und/oder aufgezwungen wird. Certeau sieht sich zum Teil in Opposition zu Foucaults Regulierungstechniken, die den Individuen wenig Freiraum lassen. Genau dies bezweifelt Certeau und zeigt, dass mit „Taktiken“ Räume geschaffen werden, in denen die regulierenden und normierenden Machtgefüge durchbrochen und unterlaufen werden. Doch „Taktiken“ können nur kurzfristige Erfolge erringen und entstehen oftmals zufällig, sie können sich nicht verstetigen wie „Strategien“.

Diese sechs theoretischen Sichtweisen bilden ebenfalls eine Clarke’sche „intellektuelle Tapete“, weil sie meine Argumentationen durchziehen und leiten. Da ich nicht versuche, die angerissenen Theorien zu bestätigen, sondern eine konkrete Situation zu beschreiben, verweise ich nicht permanent auf alle Anknüpfungspunkte, sondern auf die mir wichtigsten. Diese Theorien sind sozusagen mein Rüstzeug, um aus ethnologischer Perspektive die besonderen gesellschaftlichen und individuellen Entwicklungen und Verschiebungen zu beschreiben, die in einer konkreten Situation in Berlin in den 1990er und 2000er Jahren in den Verhandlungen um einen Aufenthaltsstatus für eine spezielle Gruppe von bosnischen Bürgerkriegsflüchtlingen, die Traumatisierten, vorzufinden sind.

1.4 Fragestellung

Wie konnte eine psychische Störung zu einem Aufenthaltsgrund werden und wie wurde sie festgestellt und wie von den Betroffenen erfahren? Das waren die Leitfragen, denen ich in vielen Gesprächen und Recherchen nachgegangen bin. Der Fokus lag auf den Entwicklungen, die eine solche Praxis überhaupt ermöglichten und auf den lokalen Verhandlungen, die die Behandlungen der Flüchtlinge begleiteten. Neben den Beschreibungen und Analysen dieser Aushandlungsprozesse versuche ich, die Betroffenen mit ihrem Verständnis der Krankheit und ihren Standpunkten zu porträtieren und zu verdeutlichen, dass es auch Alternativen zu den gefundenen Lösungen gegeben hätte. Ich konzentriere mich auf die Brüche und Widersprüchlichkeiten in den Argumentationen, die die Konflikte im Feld verdeutlichen, und auf ihre Ergebnisse. Denn die Konsequenzen sind die Voraussetzung für zukünftige Entwicklungen (Clarke 2005: 287 f.).

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Ein solches Ergebnis ist die Psychologisierung menschlicher Leidenserfahrungen, denn nur als psychisch Kranke in psychotherapeutischer Behandlung erhielten bosnische Kriegsflüchtlinge ein Bleiberecht. Grundlage waren Verhandlungen zwischen Therapierenden und der Verwaltung über Diagnostik und psychotherapeutische Behandlungen der Bosnierinnen und Bosnier, die Letztere in die Kategorie von „Traumatisierten“ einpassten. Ausgehend von Clarkes „Situational Analysis“ beschreibe ich eingangs die Berliner Situation, die meinen Analyserahmen umreißt. In dieser Situation sind bereits alle Akteure und Arenen, in denen Verhandlungen stattfinden, mehr oder weniger explizit präsent und klingen die „großen Themen/Debatten“ (Clarke 2005) an. Die wichtigsten Akteure beschreibe ich nacheinander in den Kapiteln 3 bis 5 – Krankheit, Flüchtlinge/Kranke, behandelnde Psy-Vertreterinnen und -Vertreter, reglementierende Innenverwaltung – und dann ihre Interaktionen (Kapitel 6).

Doch zuvor geht es in Kapitel 2 um die Diagnose der Posttraumatischen Belastungsstörung, ihre historische Entwicklung und die Widersprüchlichkeiten ihrer Definition. Dabei begreife ich die Diagnose als einen diskursiven Akteur, dessen Beschaffenheit die Situation vielfach durchzieht, weshalb Clarkes Forderung, Nichtmenschliches explizit zu berücksichtigen, eingelöst wird. So überschreibt sie eines ihrer Kapitel mit „Taking the Nonhuman Explicitely Into Account“ und macht auf die Bedeutung von Materialien und Dingen sowie auch Mischformen von menschlichen und nichtmenschlichen Akteuren, wie Cyborgs und Diskurse, aufmerksam (Clarke 2005: 60 ff.). Im konkreten Zusammenhang begleiteten Diskussionen um Simulation die theoretischen Auseinandersetzungen mit traumatischen Erkrankungen seit der Entstehung der ersten Krankheitskonzepte, da die Diagnostik immer an verschiedene Arten von Entschädigungen gebunden war. Dieses Thema tauchte auch im Misstrauen der Berliner Innenverwaltung und der Ausländerbehörde gegenüber den Flüchtlingen und den attestierenden Ärztinnen und Ärzten sowie Psychologinnen und Psychologen auf. Sie ließ die Frage nach einer verlässlichen Diagnostik aufkommen, die es aufgrund der vielschichtigen Definition der Diagnose nicht geben konnte. Hier interagierte die Definitionskategorie intensiv mit dem sozialen Feld, in dem sie eingesetzt wurde. Die Definition ist eng mit der Geschichte des theoretischen Nachdenkens über traumatische Erfahrungen verbunden. Hier leiten mich insbesondere Alan Youngs Untersuchungen in der Darstellung dieser historischen Entwicklungen. Meine Auseinandersetzung mit der aktuellen Störungsdefinition erfolgt zudem vor dem Hintergrund meiner eigenen Erfahrungen mit Diagnostik im Rahmen der beiden EU-Projekte. Meine Hauptthese ist, dass die beschriebene Widersprüchlichkeit des Diagnosekonzeptes, in Verbindung mit seinem Einsatz bei und für Opfergruppen, es als boundary object (Star/Griesemer 1989) funktionieren ließen und damit die Diskussions- und Interpretationsräume öffneten, aber auch einen Arbeitskonsens erst ermöglichten.

In den weiteren Kapiteln beschäftige ich mich mit menschlichen Akteuren, die zum Teil in Institutionen oder diskursiv strukturierten Zusammenhängen agierten. Ich habe sie zu ihren Meinungen und Erfahrungen befragt und weitere Dokumente zusammengetragen, die ihre Standpunkte unterstützen oder erklären. So geht es im dritten Kapitel um die Erfahrungen und Ansichten meiner bosnischen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner. Dieses Kapitel erforderte besonders viele Überarbeitungen, da es mir schwer fiel, „über sie“ zu sprechen, wie es in Verwaltung, Attesten, Medien und Wissenschaft ständig getan wird. Bosnierinnen und Bosnier selbst haben selten eine Stimme, es gibt keine Publikationen, die sie selbst herausgaben, in denen sie sich zu den politischen Verhandlungen ihres Aufenthaltstitels äußerten. Einige Stimmen lassen sich in einer Publikation des Südost Europa Kultur e. V. und bei Brigitte Mihok finden (Südost 2002 und Mihok 2001: 120 ff.). Doch sie konzentrieren sich auf die Themen Flucht, Exil und das „gute Leben“ davor. Das sind Themen, die Verständnis und Mitleid für die Flüchtlinge hervorrufen (sollen). Die Individualität der Erzählenden geht verloren. So pflegt Frau Nuhanović Wellensittiche, Herr Džaferović fährt gern Rennrad und Herr Ferhatović mag Popmusik. Diese Freizeitaktivitäten fügen sich nicht in das Bild leidender Flüchtlinge und sind in den gängigen Repräsentationen abwesend. Auch mein Fokus liegt nicht auf den individuellen Alltagen im Exil, aber ich bin mir ihrer bewusst und thematisiere sie, wo es möglich und sinnvoll ist.

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Es wird über „die bosnischen Flüchtlinge“ als Gruppe gesprochen, geschrieben und verhandelt. Sie sind Ziel dessen, was Certeau „Strategien“ nennt. Das Gleiche passiert zwangsläufig auch in dieser Arbeit, auch wenn ich ihre individuellen „Taktiken“ beschreibe. Ich bemühe mich zwar, die persönlichen Ansichten und Schicksale zu berücksichtigen und die von mir vorgefundenen Muster nicht zu zementieren; doch keine wissenschaftliche Arbeit kommt ohne Kategorien und ohne Verallgemeinerungen aus, weshalb auch ich von „den bosnischen Flüchtlingen“ spreche und „ihre“ Ansichten beschreibe, wenn ich sie verallgemeinerbar finde. Trotzdem ist es eine Momentaufnahme und ich bin ein Gegenüber, das sich nicht einfach in den vorhandenen Strukturen verorten lässt. Ich spreche zwar Bosnisch, bin aber dennoch nicht „eine von ihnen“, sondern Angehörige der Aufnahmegesellschaft, obschon ich gleichzeitig jemand bin, der Verständnis zu haben scheint und sich für ihre Probleme interessiert. Als solche wurde ich auch in den Interviews adressiert. Das ist ein Grund, warum meine Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner immer wieder ihre Lebensbedingungen in Berlin thematisierten, zum Teil mit einem vorwurfsvollen Unterton.

Weil ich diese Gesprächspassagen wichtig finde, sie viele der Nöte der Flüchtlinge und ihren eingeschränkten Handlungs- und Entscheidungsspielraum verdeutlichen, gliedert sich das Kapitel in zwei Teile. Im ersten beschreibe ich die Aufnahmebedingungen in Berlin, die die Lebenswelten der Bosnierinnen und Bosnier prägten und immer sehr präsent in den Gesprächen waren. Im zweiten Teil beschreibe ich ihre Erfahrungen mit psychotherapeutischen und psychologischen Behandlungen, die mich vor allem in den Gesprächen interessierten. Ich versuche damit der sozialen Interaktion während der Interviews Rechnung zu tragen und die von mir mit meinen Nachfragen evozierten Antworten in den Kontext zu stellen, den die Flüchtlinge selbst für bedeutsam hielten – und dieser war eindeutig das Berliner Exil. Für die Beschreibung ihrer Erfahrungen mit psychotherapeutischen Interventionen nutze ich die Konzepte von Nikolas Rose und Ian Hacking zu Rückkopplungseffekten und Selbstregulationsmechanismen, um die Anpassungen zu verdeutlichen, aber auch die Widerstände, Umdeutungen und „Taktiken“ im Umgang mit psychotherapeutischer und psychiatrischer Expertise.

Im vierten Kapitel beschäftige ich mich mit den Psychologinnen, Psychologen, Ärztinnen und Ärzten in der Flüchtlingsarbeit. Neben meinem Interviewmaterial nutze ich zur Verdeutlichung deren Standpunkte zahlreiche Publikationen aus dem Feld der Forschung zu Posttraumatischen Belastungsstörungen und therapeutischer Flüchtlingsarbeit. Die behandelnden Ärztinnen, Ärzte, Psychologinnen und Psychologen reflektierten in den Gesprächen zum Teil selbst ihre Praxis und thematisierten Widersprüche. Sie nahmen mich als jemand aus der Flüchtlingsarbeit wahr, dem sie Traumatisierungen erklären müssen oder als jemand vom Fach, dem sie ihre Sicht der Dinge darlegten. In beiden Fällen war ich ein Gegenüber, dem mit Vertrauen, Wohlwollen und Unterstützung begegnet wurde. In meinen Ausführungen setze ich ihre Schilderungen in einen größeren Kontext und weite ihre Kritik aus, da sie in ihrer psychologischen/psychiatrischen Logik verhaftet bleiben und eigene Interessen haben, die von ihnen selbst weder in den Gesprächen noch in eigenen Publikationen thematisiert werden. Die „Psy-Vertreterinnen und -Vertreter“, wie ich sie in Anlehnung an Nikolas Roses Konstrukt von „Psy“ nenne (Rose 1985, 1990, 1998), besitzen ihr Wissen als machtstrategischen Ausgangspunkt, das sie der Verwaltung und den Flüchtlingen anboten. Ich beschreibe, wie sie dies taten und welche Strategien sie verfolgten. Nachdem ich diese Argumentationslinien der behandelnden Psy-Vertreterinnen und -Vertreter dargestellt habe, widme ich mich den Interaktionen zwischen ihnen, der Diagnosekategorie und den Flüchtlingen. In diesen konkreten Interaktionen veränderten sich manchmal ihre theoretischen Standpunkte; häufiger änderten sie sich aber nicht und wurden von einer abweichenden Praxis entkoppelt. Zudem ließ sich Psy-Wissen gut vermarkten und wurde vielfältig von verschiedenen Akteuren nachgefragt. Dies mündete in eine Psychologisierung des Alltags, die auch Rose und Hacking beschrieben.

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Im fünften Kapitel widme ich mich der Verwaltungsperspektive. Leider stand mir niemand aus der Ausländerbehörde für ein Gespräch zur Verfügung, weshalb die Darstellung kurz ausfällt und sich eher auf die Perspektive der Berliner Senatsverwaltung für Inneres und Sport konzentriert. Ich ziehe zusätzlich parlamentarische Debatten und Stellungnahmen der Senatsverwaltung für Inneres im Abgeordnetenhaus zum Thema zur Analyse hinzu. Trotz der Kürze wird deutlich, dass die bosnischen Bürgerkriegsflüchtlinge eine logistische Herausforderung für Berlin darstellten und die Ausländerbehörde mit den zahlreichen Verwaltungsfällen und Ausnahmeregelungen überfordert war. Es wurde keine klare Linie verfolgt, sondern vielmehr auf entstehende Fragestellungen reagiert.

Diese Reaktionen betrachte ich im letzten Kapitel. Hier geht es mir um ausgewählte Interaktionen zwischen allen beschriebenen Akteuren, wobei die Verhandlungen um ein Aufenthaltsrecht zwischen der Berliner Innenverwaltung und den behandelnden Ärztinnen und Ärzten sowie Psychologinnen und Psychologen den Schwerpunkt bilden. Ich nutze hierzu die Überlegungen von Star und Griesemer (1989), dass Übersetzungen notwendig sind, um ein boundary object funktionieren zu lassen. Ich untersuche die Übersetzungen, die geleistet wurden und verdeutliche, dass diese auch konfliktreich verlaufen können. Danach beschreibe ich die Machtverschiebungen, die in den Entwicklungen sichtbar werden und die die Psychologisierung von Leidenserfahrungen ermöglichten. Im Fazit fasse ich die wichtigsten Beobachtungen und Argumentationen dieser Arbeit zusammen und verorte sie im ethnologischen Fachdiskurs.

1.5 Berliner Situation – Situation in Berlin

The conditions of the situation are in the situation (Clarke 2005: 71).

Seit den 1990er Jahren flohen über 300.000 Menschen aus Bosnien-Herzegowina nach Deutschland. Etwa ein Zehntel von ihnen meldete sich in Berlin bei der Ausländerbehörde und beantragte vorübergehenden Schutz. Anfangs überforderte der Ansturm die Berliner Ausländerbehörde, da ihr keine Räumlichkeiten und kein zusätzliches Personal für den gestiegenen Arbeitsaufwand zur Verfügung standen. Schutz wurde in Form einer „Duldung“ bis zum Kriegsende gewährt. Danach musste sich Berlin noch ein weiteres Jahr aufgrund von Absprachen mit anderen Bundesländern und der instabilen Situation in Bosnien-Herzegowina mit Abschiebungen zurückhalten. Bereits seit 1996 wurde Flüchtlingen die schnellstmögliche Rückkehr nahegelegt, ab 1997 wurden sie massiv aufgefordert, Berlin zu verlassen.

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Der ausschlaggebende Beschluss der Ständigen Innenministerkonferenz bezüglich der Rückkehr bosnischer Flüchtlinge vom Januar 1996 sah vor, dass schwersttraumatisierte Personen als Letzte zurückkehren sollten. Sie sollten nicht weiteren Belastungen ausgesetzt werden und die Möglichkeit erhalten, in Deutschland psychotherapeutisch behandelt zu werden, weil in Bosnien kaum Therapiekapazitäten vorhanden und die vorhandenen überlastet waren. Als „schwersttraumatisiert“ galt, wer sich wegen einer Traumatisierung vor dem 16.12.1995 in Behandlung begeben hatte. Die Umsetzung der Beschlüsse der Ständigen Innenministerkonferenz oblag den Bundesländern. Berlin verzichtete hierbei auf den festgelegten Stichtag des Therapiebeginns mit dem Hinweis auf verzögert einsetzende Beschwerden und fehlende Behandlungskapazitäten.

Die Verbindungen zwischen Aufenthalt, Behandlung von Traumatisierung und der Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung entwickelte sich schrittweise in den 1990er Jahren und führte im Jahr 2000 bundesweit zu einem Aufenthaltsrecht für traumatisierte bosnische Bürgerkriegsflüchtlinge. Berlin hatte dabei eine besondere Stellung, denn viele bosnische Flüchtlinge kamen in den Kriegsjahren in die Bundeshauptstadt. Es gab vielfältige Unterstützungsstrukturen, die Versorgung durch Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten war besser als in anderen Großstädten und Regionen Deutschlands. Zusätzlich konnte die durch den schrittweisen Regierungsumzug nach Berlin entstehende Nähe zur Bundespolitik für Lobbyarbeit genutzt werden, die mit dem zunehmend restriktiven Umgang der Berliner Ausländerbehörde mit den Bosnierinnen und Bosniern Bedeutung erlangte.

Ärztinnen, Ärzte, Psychologinnen, Psychologen, Rechtsanwältinnen, Rechtsanwälte, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, die Flüchtlinge unterstützten, forderten von Anfang an Regelungen für den Schutz von besonders schutzbedürftigen Gruppen und ein systematisches Vorgehen bei der Rückkehr. Vom evangelischen Landesbischof Professor Dr. Wolfgang Huber wurde im Januar 1996 ein Runder Tisch initiiert, an dem Unterstützerinnen und Unterstützer und Vertreter der Innenverwaltung miteinander nach Lösungen suchen sollten (Hohlfeld 2008: 284). Nach anfänglichen Absagen wegen Zeitmangels beteiligte sich die Senatsverwaltung für Inneres seit 1998 oder 1999 17 an diesem Runden Tisch. Bald jedoch reduzierte sich die Lösungssuche auf die Traumatisierten; andere Gruppen von Schutzbedürftigen gerieten aus dem Blick. Solche weiteren Schutzbedürftigen waren beispielsweise Familien mit behinderten Angehörigen oder Menschen, die auf lebensnotwendige Medikamente angewiesen waren, die in Bosnien-Herzegowina nur auf dem freien Markt erworben werden konnten und ohne Einkommensquelle unerschwinglich waren. Solche Familien oder Einzelpersonen erhielten nur dann eine Aufenthaltsbefugnis, wenn sie oder einzelne Angehörige in eine Psychotherapie gingen und Atteste über eine Posttraumatische Belastungsstörung bei der Ausländerbehörde einreichten. Im Resultat wurden die Traumatisierten zu einer privilegierten Gruppe innerhalb der bosnischen Kriegsflüchtlinge.

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Gleichzeitig war die Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung, in die eine Traumatisierung übersetzt wurde, noch relativ unbekannt, weshalb Aufklärungsarbeit nötig war. Die Expertise lag bei den Ärztinnen, Ärzten, Psychologinnen und Psychologen und musste von der Verwaltung (zunächst) anerkannt werden. Der Runde Tisch wurde mit der Konzentration auf die traumatisierten Flüchtlinge ein Treffen von Psychologinnen, Psychologen, Ärztinnen und Ärzten, die nicht mehr den Dialog suchten, sondern ihre eigenen Standpunkte der Berliner Innenpolitik gegenüber verteidigten. Die Zusammenkunft verschiedener Gruppen, die Flüchtlinge unterstützten, die als Runder Tisch begann und das Gespräch mit der Verwaltung suchte, reduzierte sich so auf einen Austausch zwischen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten und der Verwaltung. Im Verlauf der Verhandlungen verhärteten sich die Fronten, insbesondere ab 1998. Am Ende dieses Jahres wurden alle Flüchtlinge, die Atteste bei der Ausländerbehörde einreichten, um eine Traumatisierung und ihre Behandlung geltend zu machen, zu einer erneuten Begutachtung durch den Polizeiärztlichen Dienst geschickt. Zuvor wurden die Stellungnahmen und Atteste durch das Berliner Gesundheitsamt auf formale Kriterien hin geprüft und der Ausländerbehörde mitgeteilt, ob die betreffende Person zum Kreis der Traumatisierten zu zählen war oder nicht. 1997 war jedoch die zuständige Psychiaterin beim Berliner Gesundheitsamt berentet worden und kein anderes Personal verfügbar. Nach einer mehr als einjährigen Pause begann die erneute Überprüfung der Atteste durch den Polizeiärztlichen Dienst. Dabei wurden jetzt die Flüchtlinge selbst nochmals untersucht und die begutachtende Psychologin kam oft zu anderen Ergebnissen als die Psychologinnen, Psychologen, Ärztinnen und Ärzten, die die Atteste ausgestellt hatten. Das führte zu gegenseitigen Anschuldigungen.

Dieser Zustand war über mehrere Jahre für Berlin bezeichnend: Es gab zwar offizielle Weisungen18, die sicherstellen sollten, dass traumatisierte Flüchtlinge eine Aufenthaltsverlängerung erhielten, doch die Ausländerbehörde setzte diese Weisungen nicht vollständig oder nach eigenem Ermessen um, was durch die Berliner Senatsverwaltung für Inneres toleriert wurde (vgl. Hohlfeld 2008: 207 ff.). Im Gegenzug mobilisierten Flüchtlinge unterstützende Gruppen und Einzelpersonen – vor allem Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte, Ärztinnen und Ärzte, Psychologinnen und Psychologen, denn bei diesen suchten die ausreisepflichtigen Bosnierinnen und Bosnier insbesondere Hilfe – die Medien. Doch die geschaffene mediale Öffentlichkeit bewirkte vorerst nicht die angestrebte politische Kursänderung.

Aus dieser von den eigenen Weisungen abweichenden Praxis der Ausländerbehörde resultierte eine Vielzahl von Klagen, die in enger Zusammenarbeit zwischen Rechtsanwältinnen, Rechtsanwälten und Psychotherapeutinnen und -therapeuten formuliert wurden, und Einsprüchen, die in Beratungsstellen erstellt wurden. Dazu wurden Textbausteine eingesetzt, so wie es auch die Ausländerbehörde tat, um der hohen Zahl der Anträge Herr zu werden. Hier lag eine Quelle für Verfahrensfehler, die sich später auswirkten. Thomas Hohlfeld20 (2008) beschreibt die chaotischen Zustände in den Büros von Unterstützerinnen und Unterstützern der Flüchtlinge und dass der Einsatz von Textbausteinen später für die Flüchtlinge zu weiteren Problemen bei der Erreichung eines Aufenthaltstitels führte. Denn oft schlichen sich wegen Zeitmangel und unpräziser Übersetzungen falsche Angaben ein, die dann den Flüchtlingen angelastet wurden (Hohlfeld 2008: 239). So wurde es zur Aufgabe der Psychologinnen und Psychologen sowie Ärztinnen und Ärzten, in späteren Gutachten diese Widersprüche wegzuargumentieren und die Fluchtgeschichten wieder in eine logische Reihenfolge zu bringen.

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In den Attestierungen wurden deshalb Ausführungen zu Reisewegen und Verwandtschaftsverhältnissen gemacht. Die Beschreibungen der Fluchtwege in aller Detailliertheit oder Erwähnungen von Verwandten, mit denen einzelne Personen nach Berlin kamen, waren für die Ausländerbehörde wichtig, weil sie damit begonnen hatte, die Akten auf Widersprüchlichkeiten hin zu prüfen und auch Angaben verschiedener Familienmitglieder miteinander verglich, um „Unstimmigkeiten“ festzustellen. Die Flüchtlinge selbst wurden nie in einem Gespräch zur Darlegung ihrer Beweggründe, Ansichten und Möglichkeiten aufgefordert; diese Informationen wurden stets über Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte oder Psychotherapeutinnen und -therapeuten vermittelt.

Mit dieser sogenannten Schlüssigkeitsprüfung begann die Berliner Ausländerbehörde, weil die Zahl der Flüchtlinge aus Bosnien-Herzegowina und auch aus anderen ex-jugoslawischen Nachfolgestaaten, die Atteste einzureichen begannen, um ihren Aufenthalt zu verlängern, stieg. Lediglich in den Attesten gab es mehr oder weniger detaillierte Angaben zum Fluchtweg und zur Nationalität der Betroffenen. Andere Schriftstücke mit solchen individuellen Schilderungen standen der Ausländerbehörde nur in Ausnahmefällen zur Verfügung, wurden aber im Rückkehrprozess wichtig. Dabei konnten sich sowohl die Atteste von verschiedenen Ärztinnen, Ärzten, Psychologinnen und Psychologen untereinander als auch die Ausführungen der Beratungsstellen widersprechen. Die Atteste waren anfangs kürzer und wurden ebenfalls anerkannt. Ausführlicher mussten sie nach den Schulungen der Psychotherapeutenkammer sein, die seit Ende 2002 stattfanden. Auf diesen Weiterbildungen wurde explizit auf die Notwendigkeit einer umfassenden Attestierung hingewiesen. Die Schulungen und die damit verbundene Selbstregulation der begutachtenden Ärztinnen und Ärzte sowie Psychologinnen und Psychologen sind ein wichtiges Ergebnis der Aushandlungsprozesse um den Aufenthalt für traumatisierte Bosnierinnen und Bosnier.

Doch wie kam es dazu? Neben der Schlüssigkeitsprüfung gab es noch einen weiteren Verwaltungsbegriff, der auf die Integrität behandelnder Ärztinnen und Ärzte sowie Psychologinnen und Psychologen zielte: Gefälligkeitsatteste. Gefälligkeitsatteste wurden bereits im März 1996 im Vorfeld der Vorbereitung einer Sitzung der Arbeitsgruppe Rückführung der Ständigen Innenministerkonferenz befürchtet, als es um die Erarbeitung eines Mustererlasses ging, der die Rückführungsgrundsätze für die Bosnierinnen und Bosnier, die im Januar 1996 beschlossen wurden, umsetzen sollte. Für die Erarbeitung einer Vorgehensweise in Bezug auf „traumatisierte Flüchtlinge“ war das Bundesland Berlin zuständig. Der Berliner Standpunkt war ambivalent. Von der Berliner Senatsverwaltung für Inneres wurden auf der einen Seite Gefälligkeitsatteste befürchtet und auf der anderen die ursprüngliche Stichtagsregelung zur Geltendmachung einer Traumatisierung bei den Behörden als zu eng abgelehnt.

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Als Gefälligkeitsatteste oder -gutachten wurden einige Monate später insbesondere Attestierungen von zwei Ärzten bezeichnet. Beide sprachen Serbokroatisch und behandelten deshalb vor allem bosnische Kriegsflüchtlinge, die weitere Verwandte und Freunde zu den gleichen Ärzten schickten oder mitnahmen, zu denen sie auch schon über Empfehlungen gelangten und deren Atteste bei der Verlängerung eines Aufenthalts halfen. Die beiden Berliner Ärzte, deren Unterschriften unzählige Atteste trugen, wurden von der Ausländerbehörde und anderen verwaltungsnahen Institutionen der Ausstellung von Gefälligkeitsgutachten bezichtigt. Ihre Atteste wurden nicht mehr anerkannt. Von den betroffenen behandelnden Ärzten und ihren Kolleginnen und Kollegen wurde dies als Rufmord empfunden und die Berliner Ärztekammer als Berufsverband und Interessenvertretung um Unterstützung gebeten, die dies in der Öffentlichkeit thematisierte (Soliman 2000).

Die Berliner Ausländerbehörde war gezwungen, auf die eingereichten Attestierungen zu reagieren, sonst hätte das Verwaltungsgericht den klagenden Flüchtlingen eine Aufenthaltsbefugnis zugesprochen. Deshalb verfolgte sie in dieser Zeit zwei Strategien: Zum einen wurden die Flüchtlinge zu der auf Seite 1919 erwähnten Untersuchung durch den Polizeiärztlichen Dienst geschickt, wo ein Arzt und eine Psychologin die Flüchtlinge begutachteten. In ihren abschließenden Mitteilungen an die Ausländerbehörde wurde zum Teil die Traumatisierung der Flüchtlinge an sich nicht infrage gestellt, jedoch deren Schwere, sodass eine Rückkehr oder Abschiebung laut Polizeiärztlichem Dienst nicht gesundheits- oder lebensgefährdend war. Damit hatte die Ausländerbehörde ein ärztliches oder psychologisches Gutachten, das ihr die Abschiebung ermöglichte. Dagegen klagten die Flüchtlinge berechtigterweise auf Anraten der Unterstützenden, denn in der geltenden Weisung stand nichts darüber, ab welcher Schwere der Aufenthalt zu verlängern sei. Diagnostisch betrachtet gibt es keine standardisierte Einteilung für die Schwere der Krankheit.

Zum anderen wurde versucht, den beiden Ärzten mit den meisten Patientinnen und Patienten bzw. Attesten nachzuweisen, dass sie die Atteste aus Gefälligkeit ausstellten. Im Fall des Allgemeinarztes wurde der Nachweis erbracht und er verlor seine Approbation. Allerdings war er als Allgemeinarzt ohne psychotherapeutische Zusatzausbildung auch im Weisungssinn nicht qualifiziert, eine Posttraumatische Belastungsstörung zu diagnostizieren und zu therapieren. Im zweiten Fall war die Situation schwieriger, denn Herr Dr. B. ist Psychiater und stellte seinen Patientinnen und Patienten Atteste als Facharzt aus. Doch sowohl seine anamnestischen Gespräche als auch seine Atteste waren im Vergleich zu solchen von Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten kürzer. 25 Die Berliner Senatsverwaltung für Inneres stellte Strafanzeige gegen Herrn Dr. B.. Seine Praxis wurde durchsucht und Patientenakten sichergestellt. Hierbei handelt es sich um einen schweren Eingriff in die Sphäre von Ärztinnen und Ärzten, die der Schweigepflicht unterliegen, Patientenakten verschlossen aufbewahren und vor fremdem Zugriff schützen müssen. Der Fall von Herrn Dr. B. bildete einen ersten Höhepunkt in der Konfrontation von Verwaltung und Ärztinnen und Ärzten. Danach wurde der Ton härter.

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Die Nichtanerkennung ärztlicher Atteste wurde von der Berliner Ärztekammer offensiv in die Öffentlichkeit getragen. Sie wurde als Schlagzeile genutzt, um auch Politikerinnen und Politiker auf die Probleme der Flüchtlinge, die sich noch in Deutschland, aber vor allem in Berlin aufhielten, aufmerksam zu machen. Die Ausländerbehörde setzte jedoch ihre Praxis fort. Mittlerweile rieten die Beratungsstellen ihren Klientinnen und Klienten davon ab, zu der Begutachtung durch den Polizeiärztlichen Dienst zu gehen, zumeist mit dem entschuldigenden Verweis auf unzureichende Deutschkenntnisse und fehlende übersetzende Verwandte oder Bekannte. Im Berliner Verwaltungsgericht türmten sich die Klagen von Flüchtlingen, deren Traumatisierungen während der Zweitbegutachtung nicht bestätigt wurden. Die negativen Gutachten des Polizeiärztlichen Dienstes konnten nur vor Gericht angefochten werden. In den Verhandlungen gab das Verwaltungsgericht ein neues Gutachten in Auftrag, das in den meisten Fällen positiv ausfiel. Ein vorsitzender Richter sprach sogar von einer hundertprozentigen Bestätigung der Atteste der niedergelassenen Klinikerinnen und Kliniker (Soliman 2000) und damit einer ebenso hundertprozentigen Widerlegung der Einschätzung des Polizeiärztlichen Dienstes.

Die Psychologin des Polizeiärztlichen Dienstes, die vor allem bosnische Flüchtlinge begutachtete, geriet zunehmend in die Kritik von Kolleginnen und Kollegen.27 Ein Zufall erforderte das Einlenken der Senatsverwaltung für Inneres: Die Psychologin selbst wurde im Oktober 2000 wegen Verfolgungswahns in die Bonhoeffer-Nervenklinik eingewiesen (Stark 2000). Ihr krankheitsbedingter Ausfall schlug in der Öffentlichkeit hohe Wellen und war Wasser auf die Mühlen der Unterstützerinnen und Unterstützer der Flüchtlinge.28 Danach konnten sowohl Senatsverwaltung als auch Ausländerbehörde an ihrer Praxis der Ablehnung von Attesten nicht mehr festhalten, denn eine Begutachtung Traumatisierter durch eine psychisch erkrankte Mitarbeiterin war unhaltbar. Neues Personal wurde dennoch nicht eingestellt.

Der Ausfall von Gegenbegutachtungen machte die Suche nach neuen Lösungen notwendig. Vorerst entschied die Ausländerbehörde nicht über die eingereichten Atteste, sondern verlängerte die Duldungen betroffener Bosnierinnen und Bosnier. Die Berliner Ärztekammer schlug bereits Mitte 2000 ein gemeinsames Konsil29 mit dem Polizeiärztlichen Dienst vor, wenn eingereichte Stellungnahmen Anlass für Zweifel gaben. Alle eindeutigen Krankheitsbefunde sollten von der Ausländerbehörde nicht prinzipiell nachgeprüft werden (Abgeordnetenhaus Berlin 23.03.2000).

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Auf der Innenministerkonferenz im November 2000 war das Thema Bleiberecht für traumatisierte Bosnierinnen und Bosnier wieder auf der Tagesordnung. Unter anderem führte die erfolgreiche bundesweite Lobbyarbeit von Flüchtlingsunterstützerinnen und -unterstützern dazu, dass sich bis Sommer 2000 über 100 Bundestagsabgeordnete fraktionsübergreifend für eine Regelung einsetzten. Das Resultat war die Verabschiedung der sogenannten Traumatisiertenregelung, in der festgelegt wurde, dass alle traumatisierten Flüchtlinge, die während des Krieges in Bosnien nach Deutschland eingereist waren und sich aufgrund einer kriegsbedingten Posttraumatischen Belastungsstörung seit spätestens dem 31.12.2000 in therapeutischer Behandlung befanden, eine zweijährige Aufenthaltsbefugnis erhalten sollten, die dann ohne weitere Prüfung erneut um zwei Jahre verlängert würde. Formal wurde damit traumatisierten Bosnierinnen und Bosniern ein Daueraufenthalt ermöglicht, denn nach den vier Jahren mit einer Aufenthaltsbefugnis konnten sie eine Aufenthaltserlaubnis erhalten.

Für viele Unterstützerinnen und Unterstützer war diese Weisung der Durchbruch, der nach langer und intensiver Lobbyarbeit die ersehnte Daueraufenthaltsperspektive für die traumatisierten bosnischen Bürgerkriegsflüchtlinge brachte. In einer Mitteilung vom 05.12.2000 bezog Innensenator Werthebach Stellung zum Sachverhalt und informierte, dass die Berliner Kammern der Ärztinnen und Ärzte sowie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten gebeten wurden, eine verbindliche Regelung zu finden (Abgeordnetenhaus Berlin 05.12.2000a). Vom gleichen Tag stammt auch die Beantwortung einer Kleinen Anfrage, in der mitgeteilt wurde, dass die Psychologin des Polizeiärztlichen Dienstes seit 21.11.2000 „von der Überprüfungstätigkeit freigestellt“ wurde (Abgeordnetenhaus Berlin 05.12.2000b). Die danach geltende Weisung vom Februar 2001, der eine Liste mit formalen Anforderungen an ein fachärztliches Attest beiliegt, wird jedoch nicht umfassend angewandt und vor allem nicht schnell. Am 26.09.2002 – fast 2 Jahre nach dem Beschluss der Innenministerkonferenz – beschloss das Berliner Abgeordnetenhaus, dass die Senatsverwaltung darauf hinwirken sollte, die Anträge traumatisierter Flüchtlinge aus Bosnien-Herzegowina beschleunigt zu entscheiden. Dafür sollten in Zusammenarbeit mit der Ärztekammer und der Psychotherapeutenkammer Kriterien für das Verfassen gutachterlicher Stellungnahmen festgelegt und Listen mit qualifizierten Gutachterinnen und Gutachtern erstellt werden (Abgeordnetenhaus Berlin 06.01.2003).

Beauftragt wurde eine Arbeitsgruppe aus Ärztinnen, Ärzten, Psychologinnen und Psychologen, die Standards für die Begutachtung psychotraumatisierter Menschen erarbeiten sollte (Haenel/Wenk-Ansohn 2004: IX ff.). Diese Standards wurden mit der Berliner Innenverwaltung abgestimmt und im November 2002 wurden zwei Listen durch die Kammern erstellt, die Namen und Adressen von Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sowie Ärztinnen und Ärzten enthielten, die qualifiziert waren, traumatisierte Flüchtlinge zu begutachten. Die Kammern garantierten für die Qualifizierung der gelisteten Expertinnen und Experten, die die erarbeiteten und abgestimmten Standards in ihren Attesten einhalten mussten. Parallel entstand ein Curriculum, eine Weiterbildungsveranstaltung, die absolviert werden musste, wenn eine Ärztin oder Psychotherapeutin bzw. ein Arzt oder Psychotherapeut gutachterliche Stellungnahmen in aufenthaltsrechtlichen Verfahren verfassen wollte. Diese – nun sehr ausführlichen – Atteste wurden ohne weitere Nachfragen von der Ausländerbehörde anerkannt.

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Die Neuregelungen verursachten mehr (Schreib-)Arbeit bei den gelisteten Spezialistinnen und Spezialisten, die nicht nur Stellungnahmen für ihre Patientinnen und Patienten schrieben, sondern auch für Flüchtlinge, die bei Ärztinnen, Ärzten, Psychologinnen oder Psychologen in Behandlung waren, deren Stellungnahmen nicht anerkannt wurden, weil sie nicht auf den Kammerlisten standen. Die Weiterbildungen bedeuteten auch für Therapeutinnen und Therapeuten zusätzliche Aufträge, die vorher keine oder nur wenige Stellungnahmen schrieben. Doch nur langsam und mit mehr als zweijähriger Verzögerung begann die Berliner Ausländerbehörde ab Anfang 2003, Aufenthaltsbefugnisse auszugeben, auch wenn bereits im September 2002 ein beschleunigtes Verfahren beschlossen worden war (Abgeordnetenhaus Berlin 06.01.2003). Die letzte abschließende Berliner Weisung wurde im Sommer 2006 erlassen, kurz bevor ich mein Interview mit Herrn Hampel, dem Referenten für Ausländerrecht bei der Berliner Senatsverwaltung für Inneres, führte.

Am Ende fanden sich die behandelnden Ärztinnen, Ärzte, Psychologinnen und Psychologen damit ab, viele Seiten schreiben zu müssen, um den Flüchtlingen einen Aufenthalt zu sichern. Die Flüchtlinge fanden sich damit ab, immer wieder Papiere auf die Behörden zu tragen, und die Behörden und Verwaltungen erkannten die von den Psy-Vertreterinnen und -Vertretern produzierten Schriftstücke an. Wo sie es nicht taten, wurden sie vom Verwaltungsgericht dazu verpflichtet. Mit der letzten Weisung erhielten alle bosnischen Flüchtlinge, die irgendwann eine Traumatisierung geltend gemacht hatten und deshalb in psychotherapeutischer Behandlung waren, eine Aufenthaltserlaubnis nach dem neuen Zuwanderungsgesetz, darunter auch meine Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner, die zum Zeitpunkt des Interviews noch keinen sicheren Aufenthaltsstatus hatten. Damit scheint das Kapitel „traumatisierte bosnische Flüchtlinge in Berlin“ abgeschlossen. Für die Verwaltung ist es das auch weitestgehend. Dennoch haben diese Entwicklungen viele Spuren hinterlassen, von denen ich einigen in dieser Arbeit nachgehe.

Und ich beginne mit denen, die immer wieder übersehen werden. In den gerade dargestellten politischen Entwicklungen verschwinden nicht nur die Flüchtlinge, sondern es verschwindet auch die Diagnose der Posttraumatischen Belastungsstörung. Sie ist ein Bezugspunkt, um den es immer wieder geht und der aufgrund seiner spezifischen Entstehung, Beschaffenheit und Logik Diskussions- und Verhandlungsräume öffnete. Deshalb beleuchte ich im nun folgenden zweiten Kapitel die Diagnosekategorie, um den Lesenden einen Eindruck von ihrer Vielschichtigkeit zu geben. Außerdem beabsichtige ich damit, einen kritischen Abstand zu den weiteren Standpunkten zu ermöglichen, vor allem die Flüchtlinge nicht der Diagnose auszuliefern und die Behandelnden nicht von vornherein zu den Expertinnen und Experten zu machen, zu denen sie mit der zunehmenden Popularität der Diagnose wurden.


Fußnoten und Endnoten

1   Der Verein für Internationale Jugendarbeit e. V. war Mitglied des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirchen Deutschlands und übernahm die Weiterwanderungsberatung für diesen Dachverband in Berlin. Weiterwanderungsberatung wird traditionell von den beiden kirchlichen Wohlfahrtsverbänden Caritas und Diakonie angeboten. Finanziert werden diese Angebote über „Kopfpauschalen“ für die Weiterwandernden, die vom Aufnahmeland im Rahmen eines Programms an die Verbände überwiesen und von diesen an die beratenden Vereine weitergeleitet werden.

3   Die Anerkennungsquote lag von 1996 bis 2000 insgesamt bei 83,1 Prozent (vgl. Tabelle 3 in: Dickow 2000).

4   Es traten vor allem Tuberkulosefälle auf. Wenn Hinweise im Blutbild und den Thoraxaufnahmen gefunden wurden, mussten die Flüchtlinge weitere ärztliche Attestierungen einreichen, dass die Tuberkulose nicht ansteckend war.

5   „Ethnische Vergewaltigung: Funktionen innerhalb nationaler Diskurse am Beispiel Bosnien-Herzegowinas 1992–1995.“ Abgeschlossen im August 2002.

6   Eine Beschreibung dieses Projekts findet sich unter http://www.psychiatrische-versorgungsforschung-tu-dresden.de/cms/projekte/abgeschlossene-projekte/treatment-seeking-and-treatment-outcomes-in-people-suffering-from-posttraumatic-stress-following-war-and-migration-in-the-balkans-stop [Stand 03.10.2009].

7   Eine Beschreibung dieses Projekts findet sich unter http://www.psychiatrische-versorgungsforschung-tu-dresden.de/cms/projekte/components-organisation-costs-and-outcomes-of-health-care-and-community-based-interventions-for-people-with-posttraumatic-stress-following-war-and-migration-in-the-balkans-connect [Stand 03.10.2009].

10   Zwei meiner bosnischen Gesprächspartnerinnen und -partner stellten sich auch schon zuvor für andere Studien zur Verfügung oder waren in den Medien. Zwei weitere erwähnten andere Interviews. Es wurde/wird viel zu bosnischen Flüchtlingen geforscht und auch für die Lobbyarbeit wurden Betroffene gesucht, die ihr Schicksal öffentlich machen. Damit schreiben sich die Ansichten einiger Menschen intensiver in die Diskurse ein als die solcher, die Forschungen zum Beispiel kritisch gegenüber stehen, nicht in die Öffentlichkeit gehen wollen oder auch einfach keine Zeit haben wegen anderer, vielfältiger Verpflichtungen.

11   Auch Thomas Hohlfeld, der sich in seiner Dissertation mit der Berliner Aufnahmepolitik auseinandersetzte, stieß auf eine ablehnende Haltung beim Versuch, einen Gesprächstermin bei der Ausländerbehörde zu erhalten (Hohlfeld 2008: 38).

13   Die Akte enthält Schriftstücke, die in Verbindung mit den bosnischen Bürgerkriegsflüchtlingen und ihrer Aufnahme in Berlin bei der Senatsverwaltung für Inneres eingegangen oder erstellt wurden. Sie archiviert unter anderem Briefwechsel zwischen verschiedenen Akteuren der Flüchtlingsverwaltung, Weisungen anderer Bundesländer, Briefe an die Senatsverwaltung für Inneres von Berliner Bürgerinnen und Bürgern die bosnischen Flüchtlinge betreffend, von Unterstützerinnen und Unterstützern der Flüchtlinge, Presseartikel, Presseerklärungen und seit Ende 1996 Abschiebungsvorbereitungen, Sonderregelungen für die Verlängerung des Aufenthalts einzelner in humanitären Organisationen engagierter Bosnierinnen und Bosnier, Erteilung von Vignetten für Orientierungsreisen für Flüchtlinge, die kranke Angehörige besuchen oder zu Bestattungen nach Bosnien reisen durften (was ursprünglich nicht mit den Vignetten intendiert war, aber ausnahmsweise doch erlaubt wurde). Zum Teil sind Diskussionen und Argumentationslinien anhand handschriftlicher Gesprächs- und Aktennotizen nachvollziehbar, welche die interne Kommunikation der Senatsverwaltung für Inneres widerspiegeln.

17   In der Akte der Senatsverwaltung für Inneres fand ich Ablehnungen der Teilnahme im Jahr 1996, als der Runde Tisch initiiert wurde. Danach gab es keine weiteren Einladungen bis April 1997. Auch im April/Mai 1998 fand ich keine Einladungen oder anderen Dokumente, die auf den Runden Tisch verwiesen. Im Juli 2000 wurde jedoch von einem Sachbearbeiter ein Besuch des Bischofs Professor Dr. Wolfgang Huber inhaltlich vorbereitet und der Runde Tisch als unregelmäßiges Treffen „mit prononciert abschiebungskritischer Grundhaltung“, beschrieben, auf dem die Senatsverwaltung für Inneres „regelmäßig durch den Verfasser vertreten“ sei.

18   Eine Weisung ist eine Anordnung, die vorgibt, wie das geltende Gesetz in der Verwaltungspraxis zu interpretieren/anzuwenden ist und berücksichtigt weitere politische Regelungen, wie zum Beispiel die Beschlüsse der Innenministerkonferenz. Die Berliner Weisungen waren für alle Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeiter der Ausländerbehörde verbindlich und wurden von der Senatsverwaltung für Inneres in Abstimmung mit der Ausländerbehörde ausgearbeitet.

20   Thomas Hohlfeld war jahrelang für die Rechtsberatungsstelle „Asyl in der Kirche“ tätig und bot auch wöchentliche Beratungstermine im Südost Europa Kultur e. V. an. Er schrieb eine Dissertation (2008) über die Berliner Aufnahmepolitik unter besonderer Berücksichtigung der Situation bosnischer Bürgerkriegsflüchtlinge. Ich beziehe mich im Verlauf meiner Arbeit oft auf das umfangreiche von ihm zusammengetragene Material, wobei ich seinen Schlussfolgerungen nur bedingt zustimme. Er bleibt der Rolle des Flüchtlingsunterstützers meiner Meinung nach auch im Rahmen seiner wissenschaftlichen Arbeit verhaftet und gewinnt keinen kritischen Abstand.

25   Zwei meiner bosnischen Gesprächspartner kommentierten die Kürze der Gespräche bei Herrn Dr. B. im Interview – einer mit „ruck-zuck, fertig“. Sie kontrastierten dies mit Gesprächen bei Psychologinnen und Psychologen, in denen ihnen mehr Zeit eingeräumt wurde.

27   Insbesondere in einer Studie des Behandlungszentrums für Folteropfer wurden die Stellungnahmen des Berliner Polizeiärztlichen Dienstes untersucht und seine Kompetenz angezweifelt (Birck 2000).

28   Er fand jedoch keinen Niederschlag in den Akten der Berliner Senatsverwaltung für Inneres, was mich vermuten lässt, dass in dieser Zeit viel telefonisch abgesprochen und nicht protokolliert wurde. Überraschenderweise wurden auch keine Presseartikel archiviert und Stellungnahmen der Senatsverwaltung für Inneres, die es jedoch gab, wie aus anderen parlamentarischen Materialien zu entnehmen ist (vgl. Abgeordnetenhaus Berlin 06.07.2000). Herr Hampel konnte mir keinen anderen Ort der Akte benennen, wo weitere Dokumente zu finden sein könnten. Hier „schweigt“ die Akte der Senatsverwaltung für Inneres, weil keine Schriftstücke existieren oder nicht archiviert wurden.

29   In einem Konsil wird patientenbezogen von einer Ärztin oder einem Arzt die Meinung von spezialisierten Kolleginnen und Kollegen eingeholt. Insbesondere in Krankenhäusern werden Konsile genutzt, wenn der Verdacht auf weitere Erkrankungen besteht, die außerhalb des Spezialgebietes liegen, das die Abteilung vertritt. Wird zum Beispiel ein älterer Patient nach einem Sturz in die Orthopädie eingeliefert, weist jedoch auch Verwirrungszustände auf, so wird in der Psychiatrie oder Neurologie ein Konsil angefragt und eine Fachärztin oder ein Facharzt einer der beiden Disziplinen prüft, ob der Patient eventuell auch gerontopsychiatrisch versorgt werden muss.



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