3 Die Kranken – Bosnische Kriegsflüchtlinge in Berlin

And the history of subjectification is more practical, more technical, and less unified than sociological accounts allow (Rose 1998: 25).

Die Hauptakteurinnen und -akteure in meinem Feld sind die bosnischen Kriegsflüchtlinge, denn sie waren diejenigen, die psychotherapeutisch und psychiatrisch behandelt wurden und über die verhandelt wurde – dies beschreibt auch schon einen Großteil ihrer Erfahrungen: Sie wurden zu Objekten von Behandlungen und politischen Entscheidungen. Es wurde für und über sie verhandelt und entschieden. Daraus resultierten konkrete Zwänge und Handlungsspielräume für meine bosnischen Gesprächspartnerinnen und -partner. Im Folgenden werde ich die in den Behandlungen und Verhandlungen entstandenen Regulationsmechanismen und Reaktionen der Bosnierinnen und Bosnier beschreiben. Dazu werde ich das Konzept des Rückkopplungseffektes von Ian Hacking nutzen. Hacking beobachtete, dass Menschen, die einer bestimmten Kategorie, wie alt, jung, krank, schön usw., zugeordnet werden, dazu neigen, diese zu verinnerlichen und zu reproduzieren. Hacking definiert den Rückkopplungseffekt als „Wechselwirkungen zwischen den Menschen einerseits und den Klassifizierungsweisen der Menschen und ihres Verhaltens andererseits“ (Hacking 1996: 310). Ein Rückkopplungseffekt wirkt in zwei Richtungen. Nach Hacking hat er zwei Vektoren: erstens den der Kategorie, der diskursiven Konstruktion einer Person oder Gruppe durch Expertinnen und Experten; zweitens den der autonomen Personen, die in einer bestimmten Art kategorisiert werden und versuchen können, die Kategorie zu ändern oder zu dekonstruieren (Hacking 1986: 234). Im konkreten Fall werden die Bosnierinnen und Bosnier als Traumatisierte kategorisiert und somit zu psychisch Kranken, die einen sicheren Aufenthaltsstatus benötigen. Sie passten sich zum Teil an diese Kategorie an, wie es Hacking beschreibt, versuchten aber nicht, sie zu ändern oder dekonstruieren.

Aber sie fügten sich auch nicht nahtlos in das Bild von traumatisierten, wehrlosen Opfern ein. Sie waren keine willenlose Manövriermasse in der politischen Arena und verfolgten sehr wohl eigene Interessen und Taktiken, die ich im Sinn von Michel de Certeau folgendermaßen verstehe:

↓60

Als „Taktik“ bezeichne ich demgegenüber ein Kalkül, das nicht mit etwas Eigenem rechnen kann […]. Sie verfügt über keine Basis, wo sie ihre Gewinne kapitalisieren, ihre Expansionen vorbereiten und sich Unabhängigkeit gegenüber den Umständen bewahren kann. Das „Eigene“ ist ein Sieg des Ortes über die Zeit. Gerade weil sie keinen Ort hat, bleibt die Taktik von der Zeit abhängig; sie ist immer darauf aus, ihren Vorteil „im Fluge zu erfassen“. Was sie gewinnt, bewahrt sie nicht. Sie muß andauernd mit den Ereignissen spielen, um „günstige Gelegenheiten“ daraus zu machen. Der Schwache muß unaufhörlich aus den Kräften Nutzen ziehen, die ihm fremd sind (Certeau 1988: 23).

Auch meine bosnischen Gesprächspartnerinnen und -partner, deren Erfahrungen ich im Folgenden beschreiben werde, hatten zwar keine Basis und „keinen Ort“, wie es Certeau nennt, für ihre Aktivitäten, nutzten aber trotzdem den Raum, der um sie entstand, kreativ, indem sie „günstige Gelegenheiten“ ergriffen. Eine solche Gelegenheit war der Besuch von Psychotherapien, weil sie mithilfe eines Attests ihrer Therapeutin bzw. ihres Therapeuten ihre Ausreise hinauszögern konnten. Dies war eine Taktik in Ermangelung anderer Alternativen. Doch die Anwendung dieser Taktik wurde von allen Gesprächspartnerinnen und -partnern individuell erlebt, beschrieben und gerechtfertigt. Eine wichtige Rolle spielten dabei immer die äußeren Zwänge, die vordergründig thematisiert wurden. Auf diese werde ich im ersten Teil des Kapitels eingehen; den konkreten Erfahrungen mit psychotherapeutischer Behandlung und der Kategorie „psychisch krank“ werde ich mich im zweiten Teil widmen.

3.1 Meine bosnischen Gesprächspartnerinnen und -partner

↓61

Die bosnischen Flüchtlinge waren die Hauptakteure in den Verhandlungen um einen Aufenthalt für kriegstraumatisierte Menschen, die ich untersuche. Doch sie entziehen sich dem Diskurs, sie haben keine eigene Stimme, denn es wurde vornehmlich von Expertinnen und Experten über sie gesprochen und geschrieben – so auch im folgenden Text. Obwohl sie den zentralen Dreh- und Angelpunkt der Diskussionen bildeten, verschwinden sie immer wieder, denn sie haben keinen eigenen Ort, von welchem ausgehend sie Strategien verfolgen könnten, wie Certeau anmerkt (1988: 23). In den Gesprächen thematisierten sie diese machtlose Position mehrmals. Insbesondere über die Reglementierungen ihres Aufenthaltes sprachen sie viel; hinsichtlich ihrer Erfahrungen mit den psychotherapeutischen und psychiatrischen Behandlungen waren sie eher zurückhaltend; häufig musste ich mehrmals nachfragen. Die unterschiedliche Präsenz von Therapie und des Umgangs der Verwaltungen mit ihnen in ihren Schilderungen hängt mit den unterschiedlichen Regulierungsmechanismen zusammen. Nikolas Rose stellt fest, dass „Techniken der Psychotherapie ohne Druck [Übersetzung A. W.]“ vorgehen (Rose 1990: 227). Im Gegensatz dazu übte die Verwaltung Zwang und Druck aus, die in den Erzählungen der Flüchtlinge präsenter waren.

Weil ich die Gespräche über einen längeren Zeitraum geführt habe, gebe ich hier einen tabellarischen Überblick, der eine Orientierung in den folgenden Kapiteln ermöglichen soll. Die Übersicht deutet zum einen die unterschiedlichen früheren beruflichen Biografien an und zum anderen die bedrückende Perspektivlosigkeit zum Zeitpunkt der Interviews, die vor allem von Arbeitslosigkeit geprägt war. Außerdem habe ich die Institutionen64 vermerkt, in denen meine Gesprächspartnerinnen und -partner in Psychotherapien waren oder begutachtet wurden, und welchen Aufenthaltsstatus sie zum Interviewzeitpunkt besaßen.Übersicht meiner bosnisch-herzegowinischen Gesprächspartnerinnen und -partner:

Name:

nach D.

woher

Alter

Bildungs-jahre

Beruf

Beschäftigung heute

Aufenthalt

Interview

Psychiater

Psycho-therapie

Wo Therapie (Begut-achtung)

Fr. Avdagić

1993

Srebrenica

34

12

Hausfrau

1€-Job im Wohnheim

Duldung

3 Mon.

Mai 2005

X

X

zfm

Hr. Ferhatović

1994

Doboj

46

11

Facharbeiter

Hausmeister

Befugnis

2 Jahre

Juni 2005

X

X

zfm

Fr. Rajlić

1993

Bos. Brod

40

12

Angestellte

Reinigungskraft

Schnupper-befugnis
6 Mon.

Juni 2005

X

X

zfm

Hr. Galić

1995

Janja

49

11

selbstständig

arbeitslos

Duldung

3 Mon.

Sept. 2005

X

X

zfm

Hr. Imamović

1992

Bijeljina

54

11

Facharbeiter

arbeitslos

Befugnis

2 Jahre

Sept. 2005

X

X

zfm

Fr. Halkić

1993

Derventa

43

12

Angestellte

arbeitslos

Befugnis

2 Jahre

Okt. 2005

X

X

Südost und Nieder-lassung

Hr. Tomić

1994

Bugojno

65

8

selbstständig

berentet

Befugnis

2 Jahre

Juni 2006

X

(zfm)

Fr. Bašić

1995

Srebrenica

43

8

Hausfrau

arbeitslos

Befugnis

2 Jahre

Juni 2006

X

X

Südost

Hr. Džaferović

1993

Trebinje

47

14

Angestellter

arbeitslos

Befugnis

2 Jahre

Juni 2006

(bzfo)

Fr. Müller

1993 u. 1997

Vitez

41

12

Kranken-schwester

arbeitslos

Erlaubnis unbefristet

Juni 2006

X

bzfo

Hr. Šeferović

1993

Čapljina

41

12

Musiker

arbeitslos

Befugnis

2 Jahre

Juni 2006

X

X

bzfo

Hr. Kapić

1994

Bijeljina

54

16

Rechtsanwalt

arbeitslos

Befugnis

2 Jahre

Juni 2006

X

Südost

Fr. Marković

1992

Bijeljina

55

14

Angestellte

arbeitslos

Befugnis

2 Jahre

Juni 2006

X

Niederlassung

Hr. Osmić

1992

Bijeljina

57

12

Angestellter

arbeitslos

Befugnis

2 Jahre

Juni 2006

X

X

Südost

Fr. Nuhanović

1993

Odžak

60

12

Angestellte

arbeitslos

Erlaubnis
2 Jahre

Juni 2007

X

X

AWO

Fr. Lisac

1993

Sarajevo

45

13

Angestellte

arbeitslos

Erlaubnis
2 Jahre

Juni 2007

X

X

AWO

3.2 Bosnische Bürgerkriegsflüchtlinge – Wieso und woher kamen sie?

↓62

Flüchtlinge aus Bosnien wurden von 1992 bis 1995 als Bürgerkriegsflüchtlinge registriert. Formal mussten sie die Staatsangehörigkeit Bosnien und Herzegowinas besitzen, eines Landes, das 1992 seine Unabhängigkeit erklärt hatte und zuvor eine Republik der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien war. Offiziell begann der Krieg in Bosnien im April 1992; die gesellschaftliche Krise begann schon früher. In Kroatien herrschte bereits fast ein Jahr lang Krieg und beeinträchtigte auch die angrenzenden bosnischen Gebiete. Die Wirtschaft, die auf Handelsbeziehungen zwischen den einzelnen jugoslawischen Republiken angewiesen war, erlahmte und die Inflationsrate stieg täglich. Deshalb verließen viele Menschen schon vor dem offiziellen Kriegsbeginn ihre Heimat und flüchteten ins Ausland. Neben den wirtschaftlichen Beweggründen waren zwei weitere Motive für die Flucht ausschlaggebend: Männer versuchten so der drohenden oder erfolgten Einberufung in die Jugoslawische Volksarmee, die in Kroatien kämpfte, zu entgehen; Frauen und Kinder flohen, um der sich zunehmend verschlechternden Sicherheits- und Versorgungslage zu entziehen.

Offiziell endete der Krieg in Bosnien-Herzegowina am 14.12.1995 mit dem Friedensvertrag von Dayton (USA). Einige Flüchtlinge kamen erst nach diesem Datum in Berlin an und somit „zu spät“. Während die, die vor dem offiziellen Kriegsbeginn im April 1992 bereits in Berlin waren, die Ausgabe der „Duldung“ an Bürgerkriegsflüchtlinge zur Legalisierung ihres Aufenthalts nutzen konnten (zuvor hatten sie nur Besucherstatus und keinerlei Anspruch auf Unterstützung), wurden diejenigen, die nach dem offiziellen Kriegsende kamen, umgehend zurückgeschickt. Denn mit dem Kriegsende bestand keine Notwendigkeit mehr, Bosnierinnen und Bosniern vorübergehend Schutz zu gewähren. Alle Flüchtlinge sollten wieder zurückkehren und ihr Land aufbauen. Dieses war nach dem Krieg in zwei ethnisch relativ homogene Entitäten geteilt: die Serbische Republik (Republika Srpska) und die Föderation (Federacija), wobei letztere ein Zusammenschluss der bosnisch-kroatischen und bosnisch-muslimischen Gebiete ist. Meine Gesprächspartnerinnen und -partner kamen vor allem aus Orten in Ostbosnien, die zur Serbischen Republik gehören. Ursprünglich kamen bosnische Flüchtlinge aus allen Teilen des Landes, die größten Gruppen in Berlin stammten aus Ostbosnien und der südlichen Herzegowina, was an den möglichen Fluchtwegen lag.

Nachdem die Duldungen vieler Flüchtlinge 1997 nicht mehr verlängert wurden und bundesweit erste Abschiebungen erfolgten , veränderte sich die Struktur der Flüchtlinge nochmals. Aufgrund der angespannten Lage in Bosnien-Herzegowina, wo schon eine halbe Million Binnenvertriebener zu versorgen war, einigten sich die Innenminister der Bundesländer darauf, Personen nur dann abzuschieben, wenn sie aus Gebieten in der Föderation stammten, die für eine Rückkehr geeignet waren68 und damit davon ausgegangen werden konnte, dass eine reibungslose Rückkehr möglich war (Röben 1996). Das bedeutete vor allem für bosnische Muslime, nicht in die Serbische Teilrepublik abgeschoben zu werden und damit eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, länger in Berlin bleiben zu können und eine Bleiberechtsregelung abzuwarten. Deshalb findet sich auch unter meinen Gesprächspartnerinnen und -partnern eine Mehrzahl von muslimischen Bosnierinnen und Bosniern aus Ostbosnien. Allerdings wurde besonders diese Gruppe im Krieg systematisch vertrieben und tyrannisiert.

↓63

Die meisten der in Berlin registrierten Bürgerkriegsflüchtlinge hatten Verwandte in der Stadt, die hier seit den 1960er und 70er Jahren als Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter lebten. Nachdem die ersten Flüchtlinge aufgenommen wurden, holten viele ihre Familie, die nach Kroatien, Tschechien oder Ungarn geflohen waren, nach, sodass ihre Zahl immer schneller stieg. Berlin versuchte deshalb einzelne Familien nach Brandenburg „umzuverteilen“, um die finanzielle Belastung zu senken. Auch eine Gesprächspartnerin ist mit ihrer Familie im Zuge einer solchen Umverteilung nach Brandenburg geschickt worden.

Jede und jeder leidet auf ihre oder seine Weise wegen verschiedener Erlebnisse und Verluste in Bosnien und an den Lebensumständen in Berlin. Aber es gibt auch Gemeinsamkeiten, die vor allem im Bereich des Aufenthalts und der Therapie liegen. Meine Gesprächspartnerinnen und -partner teilen die Erfahrung der Nachkriegsjahre im Berliner Exil unter enormem Ausreisedruck, dem sie einzig mit dem Besuch von Psychotherapien und einer Vertretung ihrer Interessen der Verwaltung gegenüber durch Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte begegnen konnten. Selten hatten sie noch Anknüpfungspunkte an das frühere Leben vor dem Krieg, zumeist blieben ihnen nur melancholische und verklärte Erinnerungen. Das Früher setzten sie dem Heute als heile Welt ohne Krankheit und Beschwerden entgegen. Oftmals wurde dies in den Interviews als eine Zeit thematisiert, die nicht von Arztbesuchen und Tabletten geprägt war, als eine Zeit, in der sie arbeiten gingen und Besitz wie Haus und Hof ihr Eigen nennen konnten. Die meisten hatten all dies verloren und sahen keine Möglichkeit, Ähnliches erneut in Berlin oder in Bosnien zu erreichen. Dabei ist auch bei diesen Schilderungen Vorsicht geboten: Sie sind bereits Konsequenzen des Flüchtlingsdaseins. Exil bedeutet auch einen Neuanfang, zum Beispiel für die Frau, deren Mann im Krieg fiel, mit dem sie in einer zerrütteten Ehe lebte und der sie schlug. Ihr neuer Partner ist verständnisvoll und unterstützt sie. Ein anderer Gesprächspartner hat seine heutige Frau in Berlin kennengelernt und eine Familie gegründet. In seiner Heimatstadt hatte er schon das Etikett eines älteren Junggesellen. In Berlin hat für die meisten ein neues Leben begonnen, mit anderen Standards, Werten, Artefakten und alltäglichen Abläufen, die sie erlernen mussten. Welche das hauptsächlich in den Jahren ohne Aufenthaltstitel waren, werde ich auf den nächsten Seiten schildern.

3.2.1 Lebenswelten

Der Alltag bosnischer Flüchtlinge war durch diverse aufenthaltsrechtliche Regelungen bestimmt, die sich in speziellen Papieren, Wohnformen und Behördengängen ausdrückten, und die auch Spuren in dem Wortschatz der Flüchtlinge hinterließen. Deshalb sind die folgenden Überschriften zweisprachig. Ich werde meine Gesprächspartnerinnen und -partner oft zitieren, um ihre Sicht der Dinge darzustellen und um zu verdeutlichen, wie präsent diese Phase der Unsicherheit, Verbote und Angst immer noch war. Ich habe nie direkt nach diesen Erfahrungen gefragt, dennoch waren sie Hauptthema in den Interviews. Gleichzeitig machten meine Gesprächspartnerinnen und -partner auch wiederholt deutlich, wie dankbar sie waren, immerhin Essen, Kleidung und ein Dach über dem Kopf gehabt zu haben.

3.2.1.1 Duldung – trolisnica

↓64

Die bosnischen Bürgerkriegsflüchtlinge wurden in Berlin „geduldet“. Eine Duldung ist kein Aufenthaltstitel, sondern trägt den Zusatz „Aussetzung der Abschiebung“. Die „Geduldeten“ sind zeitweilig von einer Abschiebung ausgenommen, weil diese aus verschiedenen Gründen unmöglich ist. Im Fall bosnischer Flüchtlinge war der tobende Krieg der Abschiebungsaussetzungsgrund. Eine Duldung ist eine Maßnahme, um Flüchtlinge verwaltbar zu machen. Sie werden registriert, erhalten aber keinen Aufenthaltstitel und sind weiterhin ausreisepflichtig. Die Duldung dokumentiert nur, dass die zuständige Ausländerbehörde die Betreffenden nicht abschieben kann.

Seit 1996 wollte die Berliner Ausländerbehörde alle Bosnierinnen und Bosnier schnellstmöglich nach Bosnien zurückschicken und zog ihre Pässe ein, um Abschiebungen vorbereiten zu können, aber auch um Ausreisen kontrollierbar zu machen. Der Verlust des Passes, für viele das einzige Identitätsdokument, das sie noch besaßen, wurde als massiver Eingriff empfunden. Im Austausch für den Pass erhielten die Flüchtlinge einen „Ausweisersatz“ mit dem Titel „Duldung“, in den ein Passfoto eingeklebt und der Name, Geburtstag und -ort, die Staatsangehörigkeit und die Gültigkeit der Duldung vermerkt wurden, in der Regel handschriftlich. Die dreiteiligen hellgrünen Vordrucke der Bundesdruckerei wurden auf den Ausländerbehörden ausgestellt. In die bosnische Sprache ist dieses Papier als „trolisnica“ (dt. Dreiblatt) eingegangen, was sich auf das Aussehen bezieht, denn das Papier ist durch das Zusammenklappen der rechten und linken Seite in drei Teile geteilt. Die Gültigkeit der Duldung war bis zwölf Monate variabel und hing vor allem von den Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeitern der Ausländerbehörde ab. Für die Betroffenen waren die Gründe für eine unterschiedliche Verlängerung nicht nachvollziehbar. So sagte Frau Lisac: „Eigentlich hatte ich nur einmal eine Duldung für zwölf Monate, ich habe immer eine für sechs bekommen, während andere ständig eine für zwölf Monate bekamen. Nur ich habe immer eine für sechs bekommen, und nie war mir klar warum.“69

Laut Berliner Weisungslage konnten traumatisierte Flüchtlinge eine zwölfmonatige Duldung erhalten, mussten aber nicht. Die Entscheidung darüber trafen die jeweiligen Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeiter. Eine Duldung gilt ausschließlich für den Landkreis, der sie ausstellt. Um diese Verwaltungseinheit zu verlassen, benötigten die „Geduldeten“ eine Genehmigung der Ausländerbehörde. Diese wurde zwar erteilt, jedoch nicht immer. Wer ohne „Urlaubsschein“, wie die „zeitweilige Aufhebung der räumlichen Beschränkung“ von den Flüchtlingen bezeichnenderweise genannt wurde, außerhalb Berlins angetroffen wurde, hatte eine Ordnungswidrigkeit begangen und musste bei einer Wiederholung mit einer Geldstrafe rechnen. Im neuen Zuwanderungsgesetz, das 2005 in Kraft trat, ist der wiederholte Verstoß ein Straftatbestand (Aufenthaltstitel.de 2005b).

3.2.1.2 Wohnheim – hajam

↓65

Neben der Duldung gehörte das Wohnheim für die meisten Flüchtlinge zum Alltag. Ihnen wurden seit 1993 keine Arbeitserlaubnisse erteilt, um den Arbeitsmarkt vor Lohndumping zu schützen (Interview mit Herrn Hampel). Die Arbeitsaufnahme wurde per Stempel auf der Duldung untersagt. Deshalb waren die meisten Flüchtlinge auf den Bezug von Sozialhilfe angewiesen und wurden in Wohnheimen untergebracht, die vom Landesamt für Gesundheit und Soziales angemietet wurden. Dadurch entstanden dem Bundesland Berlin enorme Kosten, denn die Preise für die Heimunterbringung lagen zwischen 17 und 40 DM pro Person und Nacht (Mihok 2001: 79 ff. und auch Thimmel 1994). In zahlreichen Debatten im Berliner Abgeordnetenhaus ging es um die durch die Flüchtlinge verursachten Kosten allgemein und immer wieder auch um die Wohnheimunterbringung. Im Durchschnitt gab das Landesamt für Gesundheit und Soziales für normale Unterkünfte im Juni 1997 rund 23,50 DM pro Person und Tag aus (Abgeordnetenhaus Berlin 17.08.1998), für spezielle Einrichtungen, wie zum Beispiel für traumatisierte Frauen, im April 1998 25,90 DM (Abgeordnetenhaus Berlin 12.05.1998).

Die „Mindestanforderungen für die Unterbringung von Aussiedler/-innen, Asylbewerber/-innen sowie Kontingent- und anderen Flüchtlingen“ (LaGeSo 2004a) ließen den Wohnheimbetreibern Spielraum bei der Ausstattung ihrer Objekte, den sie zur Gewinnmaximierung oft ausnutzten. Zur Unterbringung dienten oft alte Armee- und Staatssicherheitsobjekte, Lehrlingswohnheime und alte Krankenhäuser im Ostteil Berlins und Containersiedlungen in Randlagen und Industriegebieten (Thimmel 1994). Die Verträge mit den über 50 Prozent privaten Betreibern der Wohnheime liefen über 5 bis 10 Jahre. Das Landesamt für Gesundheit und Soziales zahlte Entschädigungen in Höhe von 80 Prozent des vereinbarten Tagessatzes, wenn Wohnheime weniger als 90 bis 95 Prozent ausgelastet waren. Aufgrund dieser Ausfallbeteiligung wurde es Flüchtlingen nicht gestattet, in Wohnungen umzuziehen, obwohl diese preiswerter für die Sozialämter gewesen wären. Die Verträge waren kündbar, wenn über 3 Monate ein Wohnheim nur zu einem Drittel belegt war (Abgeordnetenhaus Berlin 29.07.1997 und 19.09.1997). Die Zahl der Wohnheime sank ab 1996 stetig. Von Juni 1996 bis Ende 1998 fiel die Kapazität von circa 20.000 Wohnheimplätzen auf circa 8.500 (Abgeordnetenhaus Berlin 19.09.1997), im Jahresbericht 2004 des Landesamtes wurden nur noch 1.956 Vertragswohnheimplätze angegeben (LaGeSo 2004).

Die schrittweise Schließung der Wohnheime bedeutete für die Flüchtlinge häufiges Umziehen (Mihok 2001: 88). Für die Kinder gingen mit den Umzügen mehrfache Schulwechsel einher. Aber auch die Flüchtlinge selbst stellten oft Anträge auf eine Umverteilung, um in ein besseres Wohnheim oder zu Verwandten, die in einem anderen Heim untergebracht waren, umziehen zu können. Zwei Drittel aller Umzüge in andere Heime erfolgten auf Ersuchen der Flüchtlinge (Abgeordnetenhaus Berlin 29.07.1997).

↓66

Die Zeit im Wohnheim war für viele prägend:

Ich lebte im Heim sieben Jahre mit meiner Mutter in einem Zimmer. Meine Frau kam mit den beiden Kindern nach zwei Jahren. Wieder in einem Zimmer, sechzehn Quadratmeter und wir sind zu fünft. Aber wenn du dich erinnerst, dass du mal einen großen Hof hattest, irgendwann hattest du ein großes Haus, ein Grundstück neben zwei Flüssen, nah am Meer, Feigenbäume. Hier bist du verurteilt mit jedem Gesindel auf eine Kloschüssel zu gehen, auf dem gleichen Herd zu kochen, das ist einem alles schwer gefallen.70 (Herr Džaferović)

↓67

Neben der Enge und der Belastung durch die fehlende Privatsphäre fühlte sich Herr Džaferović zusätzlich an seine Zeit im Konzentrationslager erinnert:

Ich war auch hier in einem Lager. Wenn du aus einem Leiden rauskommst und in ein anderes Leid kommst, dann belastet dich das noch mehr. Es belastet dich. Du willst das dort vergessen, aber du bist hier, hier erlebst du ebenfalls irgendwelche Szenen, solche Schreie, Streit, Gekreische, Weinen. Weißt du, das wiederholt sich […] Du kannst nicht, wie soll ich sagen, einfach nicht gesund werden.71 (Herr Džaferović)

↓68

Herr Džaferović beschrieb das Wohnheim als eine Wiederholung seiner Leidenserfahrungen während des Krieges. Er war in einem Lager interniert gewesen, in dem er keine Privatsphäre hatte und die Misshandlungen von Mitgefangenen ansehen musste. Im Heim hatte er auch keine Privatsphäre und wurde durch den aggressiven Lärm an seine Zeit im Lager erinnert. Dass solche Zustände belastend waren, war auch der Verwaltung klar, weshalb vor allem alleinstehende Mütter mit Kindern oder Traumatisierte von der Wohnheimunterbringung ausgenommen oder in „bessere“ Wohnheime verteilt wurden, in denen es separate Bäder oder Kochstellen gab. In den Genuss solcher Wohnheime kamen zum Beispiel Frau Müller und Frau Lisac, die damit auch einen besseren Zugang zu psychotherapeutischen Angeboten hatten, weil sie von Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern direkt zu Psychologinnen und Psychologen geschickt wurden.

3.2.1.3 Sozialhilfe – socijala

Alle meine Gesprächspartnerinnen und -partner waren durch das Arbeitsverbot gezwungen, Sozialhilfe zu erhalten. Um die Lasten zwischen den Bezirken gleichmäßig zu verteilen, wurden die Flüchtlinge nach dem Geburtsdatum des Haushaltsvorstandes je einem Berliner Sozialamt zugeteilt (Mihok 2001: 81). Das bedeutete lange Wege zum zuständigen Sozialamt, gleichzeitig aber auch die Notwendigkeit, eine Fahrkarte für den öffentlichen Personennahverkehr zu erhalten. Damit waren die Flüchtlinge innerhalb Berlins relativ mobil und konnten auch die Beratungsangebote in der Innenstadt nutzen, vorausgesetzt, sie erhielten die nötigen Informationen zu diesen Hilfsangeboten.

Geblieben ist den Flüchtlingen aus dieser Zeit eine mentale Karte Berlins, die sich an S- und U-Bahn-Haltestellen orientiert. So befand sich das Provisorium der Ausländerbehörde für die Registrierung von Flüchtlingen aus dem ehemaligen Jugoslawien mit einem Schiff, das als Warteraum diente, zwar am Waterloo-Ufer, für die Flüchtlinge war aber diese zentrale Duldungsausgabe- und -verlängerungsstelle am „Halleschen Tor“, der U-Bahn-Haltestelle in der Nähe. Die Gebäude der Ausländerbehörde am Friedrich-Krause-Ufer sind über die U-Bahn-Haltestelle Amrumer Straße zu erreichen und dementsprechend war man in der „Amrumer“, wenn man in der Ausländerbehörde war. Das Behandlungszentrum für Folteropfer befand sich in den DRK-Kliniken Berlin-Westend und so wurde daraus die „Westendklinik“.

↓69

Bis 1997 wurde die Sozialhilfe ausgezahlt; mit einer Novelle des Asylbewerberleistungsgesetzes (AsylbLG) änderte sich das. Ihr abschließender, im Vergleich zum ursprünglichen Entwurf verschärfter Wortlaut, ging auf eine Initiative des Bundeslandes Berlin zurück. Danach konnten die monatlichen Bezüge für Bürgerkriegsflüchtlinge für drei Jahre oder länger abgesenkt, der Zugang zu medizinischer Hilfe eingeschränkt, Bekleidungsgeld und Prozesskostenhilfe total gestrichen werden. Die Einsparungen sollten in einen Fond für die Aufbauhilfe in Bosnien fließen und so 150 Millionen DM den Rückkehrern aus Deutschland zur Verfügung stehen. Doch diese Vereinbarung war nicht bindend. Das sogenannte Sachleistungsprinzip79 verursachte zusätzliche Kosten, die bei der Gesetzesänderungsdebatte nicht mit einkalkuliert wurden. Deshalb wurde kein Geld eingespart und kam auch nicht in Bosnien an (Classen 1999: 8 ff.). Das Sachleistungsprinzip war sogar teurer als die Auszahlung von Bargeld. Flüchtlinge, deren Traumatisierung bereits bei der Ausländerbehörde aktenkundig war, waren von diesen Einschnitten nicht betroffen, denn ihr Aufenthalt wurde weiterhin ununterbrochen geduldet und eine Minderung der Sozialleistungen war somit nicht möglich.

Bei allen anderen Flüchtlingen machten die Berliner Sozialämter von der Neuregelung regen Gebrauch und füllten damit die Flure der Sozialberatungen, denn die Flüchtlinge lernten langsam, dass sie sich nicht alles bieten lassen mussten und die staatlichen Institutionen selbst Fehler machten, wogegen mit Hilfe von Unterstützerinnen und Unterstützern vorgegangen werden konnte. Herr Imamović berichtete, dass er sich ursprünglich deshalb an das Zentrum für Migrationshilfen des Deutschen Roten Kreuzes wandte. Dort erhielt er Hilfe bei bürokratischen Fragen, später begab er sich dort auch in eine Psychotherapie.

3.2.1.4  (Schwarz-)Arbeit – posao (na crno)

Arbeit war in den Interviews immer wieder ein wichtiges Thema, denn sie war den meisten Flüchtlingen verwehrt, weil sie keine Arbeitserlaubnis erhielten. Trotzdem arbeiteten viele Flüchtlinge. In den 1990er Jahren erlebte Berlin einen Bauboom und damit bestand Bedarf an billigen Arbeitskräften, den unter anderem Bosnier deckten. So arbeiteten die meisten Männer illegal(isiert) auf Berliner Baustellen. Frauen putzten private Wohnungen der Berliner Mittelschicht oder arbeiteten als Kindermädchen. Auch literarisch fand dies einen Niederschlag in einem Buch der kroatischen Schriftstellerin, Slawistin und Privatdozentin für Literatur, Dubravka Ugrešić, die aus Kroatien ins Berliner Exil kam. In ihrem Roman verarbeitet sie viele autobiografische Elemente dieser Erfahrung.

↓70

In Deutschland angekommen, ließen wir, Goran und ich, uns in Berlin nieder. Es war Gorans Entscheidung, nach Deutschland kam man ohne Visum. Unsere Ersparnisse reichten für ein Jahr. Ich fand mich schnell zurecht. Sittete die Kinder einer amerikanischen Familie. Die Amerikaner zahlten mehr als großzügig und waren nette Leute. Ich fand auch einen kleinen Job in der Staatsbibliothek, einmal wöchentlich, in der Slawistik. Da ich etwas vom Bibliothekswesen verstand, Russisch sprach und in den anderen slawischen Sprachen zurechtkam, fiel mir die Arbeit leicht. Ich wurde schwarz bezahlt, anders ging es nicht (Ugrešić 2005: 12 f.).

In diesem Absatz sind alle bereits angesprochenen Zwänge und Logiken konzentriert zusammengefasst, die visarechtlichen Regelungen, die es möglich machten, nach Deutschland einzureisen, die Attraktivität Berlins (es war billig), die schnelle Integration und die Möglichkeit zur illegal(isiert)en Arbeit auch für Fachleute. Mit dem Geld unterstützten die Flüchtlinge Verwandte im Kriegsgebiet oder bezahlten deren Flucht oder rückwirkend ihre eigene.

↓71

Die Mehrzahl der Leute hat versucht schwarz zu arbeiten, denn sie hatte keine Arbeitserlaubnis. […] Einige haben schwarz gearbeitet, weil es ihnen einfach zu langweilig war, zu Hause zu sitzen. Andere haben gesagt, morgen wird der Krieg zu Ende sein und wir müssen zurück, wie soll ich ohne Geld nach Hause? Ich muss etwas verdienen. Dritte haben gesagt, dass sie ihren Angehörigen in Bosnien helfen. Das sind alles starke Argumente, nicht wahr? Aber vor dem Gesetz gilt das nicht. Und was noch eine Seite des Ganzen ist, diejenigen hatten Glück, denen es gelang, das Geld zu bekommen, welches sie schwarz verdient haben. Viele von ihnen haben nie Geld erhalten.80 (Herr Kapić)

Herr Kapić fasst alle Motivationen treffend zusammen und spricht auch das Risiko an, kein Geld zu erhalten und dass es trotz verständlicher persönlicher Beweggründe ein Gesetzesverstoß ist. Alle meine Gesprächspartnerinnen und -partner wurden durch den Krieg aus ihrem Arbeitsleben herausgerissen. Arbeitslosigkeit gab es im ehemaligen Jugoslawien, wie in anderen sozialistischen Ländern, kaum. Neben der verordneten Untätigkeit, der Langeweile wie Herr Kapić sagt, waren der soziale Abstieg und der Empfang von Hilfen ebenso belastend. Die Geldleistungen des Sozialamts waren für die meisten eine Demütigung. „Das war das Schwerste. Noch ein Sozial[fall], die Sozialhilfe war für mich furchtbar. Denn bei uns gab es nicht sehr viele Sozialhilfeempfänger. Und dann habe ich noch nie. Ich habe gearbeitet“81, sagt Frau Rajlić. Sie hatte früher zur arbeitenden Normalbevölkerung gehört.

↓72

Arbeit eröffnet die Möglichkeit, zu konsumieren und so an der Gesellschaft teilzuhaben. Dies ist ein grundlegender Charakterzug einer postmodernen Gesellschaft (Rose 1990: 225), gleichermaßen in Bosnien wie in Deutschland. Zusätzlich zu den finanziellen Ressourcen und der Unabhängigkeit vom Sozialamt verschafft eine Beschäftigung auch Ablenkung von Alltagssorgen und Grübeleien.

Dass ich arbeite, ich würde mir wünschen arbeiten zu können, dass ich jetzt gesund bin um zu arbeiten. Ich denke. Ich denke, wenn ich arbeiten, mindestens drei vier Stunden, arbeiten würde, wenn ich arbeiten würde, dass es mir dann besser ginge. […] Aber so ist es mehr, wenn du rumsitzt, dann denkst du darüber nach und denkst zurück, wie es war, was geschehen ist. Ob du wieder nach unten zurückkehrst, ob du es nicht tust, ob du was weiß ich.82 (Herr Osmić)

↓73

Da Grübeleien und Zukunftssorgen auch Symptome der Posttraumatischen Belastungsstörung sind, wird hier eine Unterscheidung schwierig, ja unmöglich. Wo hören Alltagssorgen auf, die in der Situation von Flüchtlingen in Berlin exorbitant waren, und wo beginnen die Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung? Ein unlösbares Dilemma, das Psychologinnen und Psychologen sowie Ärztinnen und Ärzte veranlasste, bessere Lebensbedingungen für Traumatisierte zu fordern, um deren Symptome nicht zu verstärken. So entstand eine Härtefallregelung, die eine Arbeitserlaubnis für Traumatisierte ab 1999 ermöglichte, von der jedoch keine/keiner meiner Gesprächspartnerinnen oder -partner profitierte.

Neben der erzwungenen Passivität ergab sich ein weiteres Problem für die Zukunft: fehlende finanzielle Ressourcen. „Habe ich etwa etwas von dieser Sozialhilfe gespart und sie irgendwohin mitgenommen, oder habe ich genau das, was sie mir gaben auch da gelassen? […] Das ist alles in Ordnung, das ist logisch. Aber was soll ich morgen machen, wenn ich alt bin? Wovon soll ich leben? Von gar nichts“83, sagt Herr Džaferović frustriert. Eine Rückkehr wurde wegen fehlender Arbeit und dem Sozialhilfebezug unwahrscheinlicher, denn woher sollten die materiellen Mittel kommen, um das Zerstörte aufzubauen? Woher das Geld zur Finanzierung des täglichen Lebens und der notwendigen Krankenversicherung?

Im Fall einer Rückkehr, aber auch im Falle eines Besuchs, der mit dem Erhalt eines Aufenthaltstitels möglich wurde, erwarteten die Daheimgebliebenen, dass die Flüchtlinge aus dem Ausland mit Geld nach Hause kämen, ihnen helfen würden und selbst keine Unterstützung bräuchten. Deshalb sind aus dem Ausland rückkehrende Flüchtlinge explizit von vielen Aufbauprogrammen ausgenommen. Im Gegensatz zu Berlin war in einigen alten Bundesländern eine legale Arbeitsaufnahme für Flüchtlinge nach einem Jahr möglich, so zum Beispiel in Bayern und Baden-Württemberg, wo das Ersparte nach der Ausweisung einen neuen Start in Bosnien (oder in einem Auswanderungsland) ermöglichte (Mihok 2001: 93). Im ehemaligen Jugoslawien ist Deutschland seit der Gastarbeiterimmigration der Inbegriff guter Verdienstmöglichkeiten. In den Augen ihrer Landsleute waren die Flüchtlinge zu faul. Wer weiß in Bosnien, dass Deutschland aus einzelnen Bundesländern besteht, die für die Umsetzung des Ausländerrechts zuständig sind und damit regional große Unterschiede in den Lebensbedingungen für die Flüchtlinge bestanden?

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In der Konsequenz fühlten sich Berliner Flüchtlinge dreifach ausgeschlossen. Erstens durch die hiesige Gesellschaft, die ihnen klar machte, dass sie hier nicht erwünscht waren und schnellstmöglich wieder zurückkehren sollten. Zweitens durch ihre Landsleute, die als Gastarbeiter kamen und meinten, den Flüchtlingen würde alles geschenkt, was sie sich hart erarbeiten mussten. Drittens durch ihre Landsleute in Bosnien, die sie nicht mehr als die Ihren, sondern als in der Diaspora Lebende betrachteten.

Hier bist du ein Ausländer, du gehst zurück, bei uns bist du wiederum die Diaspora, weißt du, sie nennen es Diaspora. Und dort sind wir Ausländer. Sodass wir nirgendwo mehr hingehören. Und dann fragst du dich, ob es nicht besser gewesen wäre, damals als wir unten rausgekommen sind, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn wir dageblieben wären. Einige, ich sagen wir mal, musste herkommen. Ich konnte mich dort gar nicht [weiter aufhalten, A. W.]. Ob es denen besser geht unten, die in ihren Häusern geblieben sind? Sie haben jetzt ihre Häuser, sie haben jetzt ihren Frieden, sie haben ihren Garten, sie leben normal. Oder ob es besser ist, dass wir hier sind. Das ist schwer so, weißt du.84 (Hr. Džaferović)

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Dieses Gefühl, „zwischen den Stühlen zu sitzen“ und ausgeschlossen zu sein, ist typisch für viele meiner Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner. Sie stellen, wie auch Herr Džaferović, ihre Fluchtentscheidung infrage. Viele Bosnierinnen und Bosnier kennen andere Beispiele, denn sie haben Verwandte und Freunde, die der Krieg in andere europäische Länder verschlagen hat. In Schweden besaß im Jahr 2001 bereits die Mehrzahl der bosnischen Kriegsflüchtlinge die schwedische Staatsangehörigkeit (Eastmond 2006: 144 f.). Zu diesem Zeitpunkt hatten die Berliner Flüchtlinge noch nicht einmal einen sicheren Aufenthaltsstatus. So fragt sich Herr Džaferović, der ein Lager überlebte und in einer ethnisch gemischten Ehe lebt, was ihn und seine Familie zu einem besonderen Ziel der Auseinandersetzungen machte, ob es ihm besser gehen würde, wenn er während des Krieges in Bosnien geblieben wäre. Die Spannung zwischen „bei uns bist du“ und „sie nennen es“ im ersten Satz des obigen Zitats macht zudem deutlich, dass er nicht so recht weiß, wo er hingehört. Die Daheimgebliebenen sind noch etwas „wir“, was sich im „bei uns“ widerspiegelt, aber auch schon die Anderen in der Formulierung „sie nennen es“. Das Gefühl, nirgends richtig dazuzugehören, wurde durch das Arbeitsverbot noch verstärkt.

Arbeit hat im Zusammenhang mit der Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung eine doppelte Bedeutung. Zum einen ist sie eine durch die Leistungsfähigkeit im Arbeitsalltag in die Diagnose eingeschriebene Norm, zum anderen wurde Arbeit auch als Therapeutikum eingesetzt, wie zum Beispiel in den erwähnten Rehabilitationsstätten für die Veteranen des Ersten Weltkrieges (Kloocke 2005a: 47) und deshalb gab es die Ausnahmeregelung für eine arbeitsmarktunabhängige Arbeitserlaubnis für Traumatisierte.

3.2.1.5 Rückkehr oder Weiterwanderung – povratak ili treća zemlja

Dem Friedensvertrag von Dayton gemäß sollten die Flüchtlinge in ihre Heimat zurückkehren, um beim Aufbau zu helfen. Dabei schwang die Vorstellung mit, dass es in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg auch in erster Linie um den Wiederaufbau ging und dass das erwiesenermaßen gut funktioniert hatte. Darauf bezogen sich im Interview sowohl eine Therapeutin, die von einem ihrer Meinung nach unempathischen Kollegen berichtete, der eine dauerhafte Aufnahme der Flüchtlinge ablehnte, und auch Herr Hampel von der Senatsverwaltung für Inneres. Bei solchen Forderungen wurde nicht bedacht, dass ganze Gebiete Bosniens und der Herzegowina nicht nur zerstört, sondern auch „ethnisch gesäubert“ wurden. Abgesehen vom materiellen Verlust war eine Rückkehr für Angehörige von Minderheiten in vielen Teilen Bosnien-Herzegowinas gleichbedeutend mit der Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln.

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Zu den häufig berichteten Diskriminierungen der Rückkehrer in Bosnien nach Kriegsende gehörten: Verweigerung der Registrierung der Rückkehrer bei der lokalen Meldebehörde, Verweigerung der Einschulung der Kinder, Verweigerung oder Forderung von hohen Geldbeträgen bei der Einrichtung von Strom-, Gas-, und Telefonanschlüssen. Wenn das Wohneigentum nicht zerstört worden war, wohnten Flüchtlinge der anderen Volksgruppe darin, oft Militärangehörige, die – um es mit einem neubosnischen Wort zu sagen – „delogiert“ werden mussten. Zuvor mussten die Eigentumsverhältnisse geklärt werden, was sich in der Regel jahrelang hinzog und oft die persönliche Anwesenheit der Eigentümerin oder des Eigentümers erforderte, was ohne Aufenthaltstitel und damit verbundener Reisefreiheit nicht möglich war. Zu diesen institutionellen Diskriminierungen kamen und kommen immer noch die alltäglichen auf dem Arbeitsmarkt oder durch Nachbarn, die nicht grüßen, ihre Kinder nicht mit den eigenen spielen lassen und die Rückkehrer so ausgrenzen. Im Extremfall werden nachts neu verglaste Scheiben eingeschlagen, Feuer gelegt, oder Türschwellen vermint. Im Jahr 2005, zehn Jahre nach Kriegsende, waren von geschätzten 1,2 Millionen Flüchtlingen erst (oder nur) 500.000 wieder nach Bosnien zurückgekehrt, meist in Gemeinden, wo sie der ethnischen Mehrheit angehören (vgl. Schwettmann 2007 und Ellerkmann 2007).

Dennoch sollten diese Zahlen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die meisten Flüchtlinge nach Kriegsende freiwillig zurückgekehrt sind, auch aus Berlin. Dennoch wurde bald nur noch diskutiert, wie man die verbliebenen bosnischen Bürgerkriegsflüchtlinge wieder nach Bosnien schicken kann. Die Berliner Ausländerbeauftragte legte Rückkehrprojekte auf, deren Ziel es war, zerstörte Häuser von Minderheitenangehörigen aufzubauen. Im Gegenzug mussten diese sich verpflichten, freiwillig auszureisen. So wurde eine Romasiedlung bei Tuzla mit Berliner Geldern aufgebaut; doch die Infrastruktur fehlte. Um fließendes Wasser und Strom sollten sich die Bewohnerinnen und Bewohner selbst kümmern, was ohne finanzielle Mittel und einer 80 %-igen Arbeitslosigkeit, von der vor allem Roma betroffen sind, zu einer unüberwindbaren Hürde wurde und die Attraktivität der Rückkehr stark minderte. Im Interview räumt Frau Professor John ein, dass dieses Rückkehrprojekt nicht sonderlich erfolgreich war und es besser gewesen wäre, den Rückkehrwilligen je 10.000 Mark zu geben, damit sie sich etwas aufbauen können. Aber das wurde damals nicht politisch gefordert und durchgesetzt (Gespräch mit Frau Professor John).

Die Rolle von Frau Professor John ist umstritten. Der Berliner Flüchtlingsrat kritisierte ihren Standpunkt in Bezug auf das Bleiberecht für die Bosnierinnen und Bosnier (Mai 2001) und sie warf 1999 den Berliner Flüchtlingsberatungsstellen vor, eine „Bleibeberatung ohne wirkliche Perspektive“ zu machen (Hohlfeld 2008: 152), weshalb ihrer Meinung nach die Berliner Rückkehrprojekte scheitern würden. Frau Professor John war maßgeblich an der zweiten Asylbewerberleistungsgesetznovelle beteiligt, die es ermöglichte, Flüchtlingen sämtliche Leistungen zu streichen. So kam sie in den 90er Jahren in den Ruf, nicht auf die Belange der Flüchtlinge einzugehen und sich nur für Rückführung und Weiterwanderung, aber nicht für ein Bleiberecht einzusetzen. Sie selbst machte im Gespräch mit mir auf den zeitlichen Zusammenhang aufmerksam: Je länger die Flüchtlinge blieben, desto dringender hätte man ihrer Meinung nach auch über ein Bleiberecht diskutieren müssen. Außer Frage stand für sie, dass Frauen aus Srebrenica bleiben sollten, denn diese könnten nicht mehr zurückkehren, alle anderen Flüchtlinge trotz persönlicher Widerstände schon (Gespräch mit Frau Professor John).

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Warum gerade Frauen aus Srebrenica hätten bleiben dürfen, führte Frau Professor John nicht weiter aus. Neben den ehemaligen Lagerhäftlingen bildeten sie die einzige Gruppe, für deren Bleiberecht sie sich einsetzte. Beides sind die Opfergruppen, die immer wieder konkret angesprochen wurden, wenn es um Traumatisierte ging. Dass alle Menschen dieser Kategorie traumatisiert waren, schien sich von selbst zu verstehen, eine Diagnostik als Nachweis war deshalb nicht nötig. Medialer Diskurs und eine Lobbyarbeit, die sie zum Teil auch selbst betrieben (Funke/Rhotert 1999: 301), aber vor allem für sie gemacht wurde, verbinden sich hier zu dieser Selbstverständlichkeit.

Freiwillige Rückkehr gelingt nur mit einem sicheren Aufenthaltsstatus. Entscheidungen dürfen nicht final sein. Den Betroffenen muss ermöglicht werden, für eine Übergangszeit in beiden Ländern zu leben, denn Rückkehr ist ein Prozess (Eastmond 2006). Aber die bosnischen Flüchtlinge konnten nicht frei zwischen Berlin und Bosnien pendeln und standen unter großem Entscheidungsdruck, wobei sie die Wahl hatten zwischen Rückkehr, Weiterwanderung oder Abwarten. Nachdem die ersten Bosnierinnen und Bosnier freiwillig zurückgekehrt waren, machten ihre Berichte von den Schwierigkeiten schnell die Runde und ließen die noch im Ausland Verbliebenen oft mit Enttäuschung feststellen, dass mit einem Friedensvertrag immer noch kein Frieden geschaffen und dass die ethnische Segregation nicht aufgehoben wurde, sondern sich fortsetzt.

Auch Gewalt, die nicht nationalistisch motiviert war, nahm in der Nachkriegsgesellschaft zu und tendierte dazu, in den neuen nationalistischen Logiken erklärt zu werden. Ein Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung zeigt, wie eingeschliffen die nationalistischen Zuweisungen und Vermutungen zum Teil bis zum heutigen Tag sind:

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Im Spätherbst 1996 wurde in Kakanj, einer kleinen bosnischen Industriestadt, eine Ordensschwester, die für die Caritas tätig war, ermordet. Ich war zu der Zeit seit drei Monaten in der Stadt. Der ganze Ort war wie erstarrt, es gab nur das eine Gesprächsthema und die Angst vor einem erneuten Aufflammen der Gewalt.

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Vor dem Krieg war die Gemeinde vor allem bosnisch-muslimisch und bosnisch-kroatisch (katholisch). Bosnische Serben (orthodox) waren eine Minderheit. Nachdem 1993 das muslimisch-kroatische Waffenbündnis zerfiel, wurden viele Katholiken vertrieben, allerdings nicht in einem öffentlichen Exodus, sondern in nächtlichen Aktionen und durch Provokationen. In den Dörfern stellte man auch noch ein Jahr nach Kriegsende abends eine Axt neben die Tür, um sich im Notfall verteidigen zu können. Ich reagierte am Anfang etwas befremdet darauf.

Im Fall der ermordeten katholischen Nonne dachten alle an muslimische Extremisten, die durch diese Tat die Spannungen zwischen den Volksgruppen wieder intensivieren wollten. Drei Tage später wurde der Täter verhaftet. Es war ein Arbeitskollege der Schwester bei der Caritas, ein Katholik, kein Muslim. Er hatte Hilfsgüter verkauft, sie hatte es entdeckt und ihn anzeigen wollen. Um nicht zur Rechenschaft gezogen zu werden, ermordete er sie. Die Stadt war förmlich erleichtert, als sich der Fall aufklärte und keine nationalistische Gewalt der Hintergrund war.

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Vier Jahre später las ich in der Weiterwanderungsberatungsstelle der Diakonie in Berlin, in der ich arbeitete, die Biografie eines bosnischen Kroaten aus Kakanj. Er schrieb, dass er aus Kakanj während des Krieges vertrieben wurde und nicht mehr zurückkehren könne, weil muslimische Extremisten auch in Friedenszeiten eine katholische Ordensschwester umbrächten. In seiner Heimat wäre er auch nach dem Krieg seines Lebens nicht mehr sicher, nur weil er (bosnischer) Kroate sei und in seiner Heimatstadt einer Minderheit angehöre.

Der Vorfall hatte eine Eigendynamik entwickelt, die mit den tatsächlichen Vorgängen nichts mehr zu tun hatte. Seine Informationen hatte der Kroate wahrscheinlich von Verwandten und Freunden „zu Hause“ und aus den bosnischen Medien, die auch in Deutschland zugänglich sind. Die schnelle Aufklärung der Tat und der bosnisch-kroatische Täter waren keine Schlagzeile mehr wert und wurden auch nicht in der bosnisch-kroatischen Diaspora rezipiert, denn sie passten nicht zu nationalistischen Denkmustern. Aber ohne einen Aufenthaltsstatus war es den Flüchtlingen in Berlin nicht möglich, sich vor Ort ein Bild vom Nachkriegsleben zu machen. Der bosnische Kroate aus Kakanj ist in die USA weitergewandert und hat wahrscheinlich erst später seine Heimatstadt während Sommerurlauben wiedergesehen, wie es viele weitergewanderte Flüchtlinge tun, sobald sie die US-amerikanische Staatsangehörigkeit besitzen. Vor allem junge und gut qualifizierte Menschen und solche, die Ressourcen hatten, ein neues Leben anzufangen, d. h. Kraft oder Geld, wählten die Weiterwanderung.

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Sowohl Rückkehr als auch Weiterwanderung bedeuteten wieder Trennung von Familien und Freunden, was von denen, die blieben, als weiterer Verlust empfunden wurde.

So habe ich angefangen und die Atteste eingereicht, doch den Kindern hat das nicht geholfen. Die Kinder waren selbstständig, volljährig. Sie mussten gehen, entweder nach Bosnien oder Amerika, Australien oder Kanada. Sie haben Kanada gewählt und sie mussten dorthin übersiedeln, sie sind weggegangen. […] Ja Gott sei Dank, meine Kinder sind gesund, auch wenn sie am Ende der Welt sind, aber es geht ihnen gut. Und das tröstet mich, nur das hält mich noch.85 (Frau Nuhanović)

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So wurde Frau Nuhanović von ihren beiden Söhnen getrennt und kann das Aufwachsen ihrer Enkelkinder nur über Fotos miterleben. Die Familien, die schon im Exil von ihren Verwandten, Freunden und Nachbarn getrennt waren, mussten erneute Trennungen verkraften. „Später sind sie weggegangen, jeder seinen Weg und jetzt gibt es faktisch keinen dieser Lagerinsassen hier. Nur ich bin geblieben, so, alle haben sich verstreut“86, sagt Herr Šeferović und fühlt sich allein, weil die Leidensgenossen, die er kannte, nicht mehr in Berlin sind. Rückkehr und Weiterwanderung veränderten die Struktur der bosnischen Flüchtlinge in Berlin, denn es blieben nur die Traumatisierten und ihre engsten Familienangehörige, denen es mit den Attesten gelungen war, ihren Aufenthalt zu verlängern.

Die einzige Möglichkeit, sofort einen sicheren Aufenthalt zu erhalten, war die Eheschließung mit deutschen Staatsangehörigen. Vor allem für jüngere ledige Flüchtlinge war das die bevorzugte Option. Unter meinen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern hat Frau Müller diesen Weg gewählt. Zuvor war sie jahrelang in psychotherapeutischer Behandlung, doch sie wollte, wie sie sagte, dem ewigen Streit mit der Ausländerbehörde ein Ende machen und hat geheiratet.

Mit der Erlangung eines Aufenthaltstitels konnten sich viele Flüchtlinge von den Zuständen in ihrer Heimat selbst überzeugen und ihre Angehörigen, Häuser und Wohnungen besuchen. Mit zunehmendem Abstand zum Krieg und den Aufenthaltsproblemen, der Möglichkeit, zu reisen sowie altersbedingt denken einige wieder über eine Rückkehr nach, diesmal freiwillig.

↓83

Viele sind nach Amerika gegangen von denen, mit denen ich zusammen war. Sie sind weitergewandert, aber nochmals: ich hatte immer den Wunsch nach Hause zurückzukehren, damit ich da lebe, wo ich geboren bin. Es scheint mir, dass ich mich am besten dort fühle, wo ich geboren wurde und deshalb. Ich weiß. Ich bin mir all dessen bewusst, ich denke an alles. Aber dieses ist nichts für uns Alten. Ist es nicht, ist es nicht. Es ist etwas anderes wenn du in deinen Garten gehst, wieder an die Orte als du klein warst und alles dir so bleibt.87 (Herr Tomić)

Herr Tomić war der älteste meiner Gesprächspartnerinnen und -partner und bereits im Rentenalter. Damit konkurriert er in Bosnien nicht mehr mit anderen auf dem Arbeitsmarkt. Seine beiden Söhne leben mit ihren Familien in Bosnien. Zum Zeitpunkt des Interviews baute er während der Sommermonate sein zerstörtes Haus wieder auf und traf sich mit seinen alten Nachbarn. Seine Frau arbeitet noch, doch sobald sie in Rente geht und das Geld reicht, wollen sie wieder zurückgehen.

3.2.1.6 Grenzübertrittsbescheinigung – jederzeit, papir sa slikom, smrtovnica

↓84

Im Jahr 1997 erhielten fast alle Flüchtlinge in Berlin sogenannte Grenzübertrittsbescheinigungen, womit die „Duldungen“ aufgehoben wurden und die Flüchtlinge ausreisen sollten bzw. auch abgeschoben werden konnten. Insgesamt gab es wenige Abschiebungen aus Berlin, doch die wenigen wurden öffentlichkeitswirksam inszeniert. So wurden Familien beim Vorsprechen auf der Ausländerbehörde verhaftet oder am frühen Morgen vor den Augen sämtlicher Wohnheimbewohner. Ziel eines Abschiebungsversuchs wurden auch Frau Marković und ihr Sohn – obwohl sie aus der Serbischen Teilrepublik stammen, Angehörige einer Minderheit sind und Frau Marković alleinerziehend war. Wäre das berücksichtigt worden, hätten sie zu den letzten Flüchtlingen gehören müssen, die aus Berlin zurückkehren.

Wir kamen geradeso raus. Aber andere haben sie wieder nachts abgeholt. Einige Lastwagen voll, nachts gegen zwei drei Uhr holen sie sie und führen sie ab. Was sie ihnen nicht alles angetan haben. Und dann als ich hierher kam, dann haben sie mich hier abgeholt, hier um halb fünf, mich und mein Kind. Morgens um halb fünf. Und das auf eine schreckliche Art. Als sie, ich hatte einen Schutz, das ist das Schlimmste, einen schriftlichen richterlichen Schutz und sie wussten das. Was das hieß, um halb fünf morgens, es ist dunkel. Siebenhundert Leute schlafen in diesem Gebäude. Und sie haben noch, als ich die Tür öffnete, stellte er einen Fuß zwischen die Tür und den Türrahmen. So als wäre ich irgendein Krimineller.88 (Frau Marković)

↓85

Ähnlich wie sich Herr Džaferović durch die Gewalt und den Lärm im Wohnheim an seine Lagerhaft erinnert fühlte, erinnert der Abschiebeversuch Frau Markovićs an die Zeit, als Paramilitärs ihre Stadt tyrannisierten. Sie wurde festgenommen, obwohl sie aufgrund eines aufenthaltsrechtlichen Verfahrens (der von ihr erwähnte Schutz) bis zu einer rechtskräftigen Entscheidung nicht abgeschoben werden durfte. Da sie Lehrerin ist, vor dem Krieg in der Stadtverwaltung arbeitete und durch ihre Übersetzungshilfen für andere Flüchtlinge eine Autorität war, gehe ich davon aus, dass diese Abschiebeaktion nicht nur sie schockte, sondern auch den anderen Wohnheimbewohnerinnen und -bewohnern vor Augen führte, dass es in Berlin keinen Schutz gibt, nicht einmal mit Papieren, die einen Schutz garantieren sollten. Und das hieß, dass „Papiere“ in einem Land nichts bedeuteten, das die Bürokratie erfunden zu haben scheint. Ein Nebeneffekt dieser Einsicht war, dass sich viele Flüchtlinge ihrem Schicksal ergaben, denn das Vorgehen der Berliner Ausländerbehörde war einfach unberechenbar. Nicht alle, die eine Grenzübertrittsbescheinigung besaßen, wurden abgeschoben. Herr Kapić wunderte sich im Gespräch, warum er wieder eine Duldung erhielt, nachdem seine Grenzübertrittsbescheinigung ausgelaufen war. Er war alleinstehend, aus derselben Stadt wie Frau Marković und hätte deshalb eigentlich vor ihr zurückkehren müssen. Doch die Logik war undurchschaubar. Für viele Flüchtlinge waren deshalb die folgenden Jahre von Warten und einem Papierkrieg mit den Behörden gekennzeichnet.

Die Grenzübertrittsbescheinigung, kurz GÜB, galt zumeist einen Monat lang, denn der Ausländerin oder dem Ausländer soll „eine Frist zur freiwilligen Ausreise eingeräumt werden“ (Aufenthaltstitel.de 2005a), aber auch längere Fristen waren möglich. Innerhalb des Gültigkeitsmonats kann sie oder er jedoch jederzeit ohne weitere Ankündigung abgeschoben werden. Das Wort „jederzeit“ ist in der Berliner GÜB fett gedruckt und so nutzten die Flüchtlinge dieses Wort, um den Zungenbrecher „Grenzübertrittsbescheinigung“ zu umgehen. „Ich habe jederzeit“ hieß es einfach.

Im sich in den Exiljahren entwickelnden Flüchtlingsjargon, in dem viele Begriffe aus den Verwaltungsakten und -papieren verfremdet eingegangen sind, wurde die GÜB neben „jederzeit“ auch zu „Papier mit Bild“ (papir sa slikom), weil ein Passbild der Inhaberin oder des Inhabers auf dem Blatt festgetackert wurde (Beispielabbildungen in Mihok 2001: 153 und Hohlfeld 2007: 103).

↓86

Vielleicht weil die Grenzübertrittsbescheinigung eine außerordentliche Bedeutung hatte, trug sie noch eine dritte Bezeichnung: smrtovnica (Totenschein). In dieser Bezeichnung schwingen zwei semantische Felder mit: Einerseits fühlten sich viele Bosnierinnen und Bosnier wirklich, als hätten sie ihr Todesurteil bekommen, wenn sie die Grenzübertrittsbescheinigung erhielten. Für einige war es eine ausweglose Situation und manchen schien wirklich der Tod die einzige Lösung zu sein. Der Freitod von Senad Bečirović im Jahr 1996 aus Angst vor einer Abschiebung schlug kurz hohe Wellen in der Öffentlichkeit, da sein Tod durch die Flüchtlingslobby genutzt wurde, um in den Medien auf die Situation der Flüchtlinge aufmerksam zu machen (Hohlfeld 2008: 196). Ein Psychiater sowie eine Psychiaterin berichteten auch mir im Gespräch von gestiegenen Suizidzahlen mit dem zunehmenden Ausreisedruck.

Andererseits ist „smrtovnica“ auch das Wort für „Sterbeannonce“ und erklärt sich aus dem bosnischen Alltag. Es ist in Bosnien üblich, Begräbnisse in der Nachbarschaft anzukündigen. In den Städten werden in Hausaufgängen und im ländlichen Raum an Bäumen, Telefonmasten oder Aushangtafeln, die zentral stehen, Zettel aufgehängt. Auf diesen Aushängen ist der Name der Verstorbenen zu lesen, ihr Bild zu sehen und der Zeitpunkt und Ort der Beerdigung angegeben, sodass alle kommen können, die sie kannten. Die GÜB ähnelte somit auf makabere Weise den bosnischen Todesanzeigen (Name, Bild, Datum) sehr und wurde von vielen eben auch so genannt: „smrtovnica“ (Totenschein oder Todesanzeige).

Die Grenzübertrittsbescheinigung markierte auch für die Flüchtlinge eine Grenze: Sie beendete die erste Duldungsphase und wirkte sich auf den Leistungsbezug aus. Es begann die Zeit der Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte sowie der Atteste.

3.2.1.7 Rechtsanwalt – advokat

↓87

Gegen eine drohende Abschiebung konnten Flüchtlinge mit der Hilfe von Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälten vorgehen. In den Beratungsstellen des Roten Kreuzes und der Heilig Kreuz Kirche in Berlin-Kreuzberg berieten Anwältinnen und Anwälte Flüchtlinge in aufenthaltsrechtlichen Fragen und legten Einsprüche bei der Ausländerbehörde oder dem Sozialamt ein. Wenn es aber zu einer Klage kommen sollte oder musste, mussten die Flüchtlinge sich an niedergelassene Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte wenden. Die Rechtsberatungen in den Institutionen waren kostenlos, die niedergelassenen hingegen kosteten – meistens nicht wenig. Einen Anspruch auf Prozesskostenhilfe hatten viele Flüchtlinge nicht, weil sie ihn mit der Reduzierung der Leistungen nach dem neuen Asylbewerberleistungsgesetz verloren (vgl. S. 6060), andere wussten nichts davon.

Ich habe den Rechtsanwalt selbst bezahlt. Denn ich hatte diese Duldung immer für ein Jahr, weil ich zum Arzt gegangen bin, hatte ich sie immer. Auf einmal haben sie es unterbrochen. Sieben Tage [Zeit zur Ausreise, A. W.]. Sieben Tage, ein Glück, dass ich gleich einen Rechtsanwalt nahm. Ich habe ihn bezahlt. Ich habe ihn zweimal monatlich bezahlt, je fünfzig Mark, hundert, wie es so ging. Er sagte: „solange du zahlst, garantiere ich dir, werde ich dich halten.“ „So wie du mich hältst, so viel werde ich auch geben. Ich kann dir nichts geben, wenn ich nichts habe.“ Und so jeweils fünfzig hat er bekommen.89 (Herr Tomić)

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Im Gegensatz zu Herrn Tomić, der innerhalb einer Woche ausreisen sollte, erhielt Herr Kapić eine sechs Monate gültige Grenzübertrittsbescheinigung, die nach ihrem Ablauf einfach wieder in eine Duldung umgetauscht wurde. Die Logik hinter diesen Entscheidungen blieb den Flüchtlingen unverständlich. Doch Herr Tomić wusste, was in einer derartigen Situation zu tun war; wahrscheinlich hatte er es schon von anderen Flüchtlingen gehört. Rechtsanwalt und Klient gingen ein Abhängigkeitsverhältnis ein, denn ohne Aufenthaltsverlängerung für Herrn Tomić gäbe es auch kein Geld für den Rechtsanwalt. Circa 5.000 DM musste für einen Prozessfall vom „Taschengeld“ zusammengespart oder illegalisiert verdient werden. Eine Gesprächspartnerin sagte, dass sie noch immer, das heißt vier Jahre nachdem sie einen Aufenthaltstitel erhalten hatte, monatlich Raten an ihre Rechtsanwältin zahlt.

Die Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte wurden zum Strohhalm, an den sich die Flüchtlinge klammerten, um in Deutschland bleiben zu können oder die Ausreise noch etwas hinauszuzögern. Das erste, wonach die Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte fragten, wenn sie sich im Aufenthaltsrecht für Flüchtlinge und den Berliner Weisungen auskannten, war eine ärztliche Behandlung und ein Attest, denn damit konnten sie argumentieren und eine Abschiebung hinausschieben oder sogar verhindern:

↓89

Und dann irgendwann nach einem Jahr, ich war schon bei Doktor B., sind wir einmal zur Visumsverlängerung gegangen und bekamen diese Grenzübertrittsbescheinigung, dass wir über die Grenze gehen innerhalb von zwei Monaten, dass wir Deutschland verlassen. Das war ein großer Stress. Wohin? Der Krieg war gerade vorbei in Bosnien, gerade wurde dieser Waffenstillstand unterschrieben. Und was machen wir? Da hörten wir, dass man zu Rechtsanwälten geht. Und meine Kinder gehen zu einem Rechtsanwalt mit irgendeinem Freund dahin, zur Beratung. Und er sagte, ein sozialer Rechtsanwalt, gehen Mama oder Papa zum Arzt, lassen sie sich behandeln? Haben sie solche Atteste? Erst dann haben wir das erste Mal davon gehört. Dann hat ein Sohn gesagt, Mama geht zu Doktor B., schon lange. Dann sagte er, wieso hat sie denn kein Attest von ihm mitgenommen und eingereicht? Dann sagten sie, das wussten wir nicht. Denn bis jetzt haben wir immer die Duldung bekommen und waren zufrieden. Drei Monate, sechs Monate, so ging es. Und dann hat er gesagt, dass ich zu Doktor B. gehen soll, um ein Attest zu holen und dass ich es ihm bringen soll, dass er es uns auf die Polizei schicken wird. Und so war es auch.90 (Frau Nuhanović)

Dieses Zitat verdeutlicht einerseits, dass die bosnischen Flüchtlinge nicht durch die Ausländerbehörde über die Möglichkeit der Duldungsverlängerung durch die Vorlage eines Attests informiert wurden, sondern von Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälten in Beratungsorganisationen. Andererseits wird klar, wieso die Zahl der Flüchtlinge, die Atteste bei der Ausländerbehörde einreichten, mit der Erteilung der Grenzübertrittsbescheinigung plötzlich stieg. Sobald die Möglichkeit bestand, wegen einer Traumatisierung den Aufenthalt zu verlängern, wurde sie auch genutzt, vor allem wenn die Abschiebung drohte. Für die Ausländerbehörde war dies Anlass für Mutmaßungen über Gefälligkeitsatteste. Im Zitat wird neben der unklaren Informationslage illustriert, dass sich die Flüchtlinge auf Hörensagen verließen, um Entscheidungen zu treffen. Frau Nuhanović hörte von anderen, dass sie zu einer Rechtsanwältin oder einem Rechtsanwalt gehen müsse, um einen Aufschub zu erhalten.

Auffallend finde ich die Art und Weise der Beschreibung, die mich an biblische Heilsgeschichten erinnert. „Und dann hat er gesagt, dass ich zu Doktor B. gehen soll, um ein Attest zu holen und dass ich es ihm bringen soll, dass er es uns auf die Polizei schicken wird. Und so war es auch.“ Die Flüchtlinge müssen glauben und vertrauen – den Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälten, Ärztinnen und Ärzten, Psychologinnen und Psychologen; dann wird sich deren Prophezeiung erfüllen. Dabei finden diese Vorhersagen in einem Umfeld statt, das für die Flüchtlinge neu ist, unberechenbar zu sein scheint und ihnen keine Planungen ermöglicht. Meine Gesprächspartnerinnen und -partner waren überrascht, dass wirklich die Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte sowie Therapeutinnen und Therapeuten Recht behielten, zumindest in ihren Fällen, denn sie haben auch Freunde und Verwandte, wo keiner helfen konnte.

3.2.1.8 Attest – atest

↓90

Die Vorlage eines Attestes, in dem eine lebensnotwendige medizinische Versorgung bestätigt wurde, konnte zur Verlängerung der Duldung aufgrund eines vorliegenden Abschiebungshindernisses führen. Die Entscheidung darüber oblag den Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeitern der Ausländerbehörde, weshalb es ihre Aufgabe war, die lateinischen Krankheitsbezeichnungen zu dechiffrieren und zu entscheiden, wie bedrohlich die attestierte Krankheit war.

Insbesondere Atteste mit der Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung nach ICD-10, F43.1, führten in der Regel zur Verlängerung der Duldung um zwölf Monate. Dass man mit einem solchen Attest eine längere Duldung bekam, sprach sich auch in den Wohnheimen herum. „Sodass wir es alle einer der anderen weiter empfahlen. […] Man sagte, es wird auch leichter für den Aufenthalt und man wird einen Aufenthalt auf dieser Grundlage, wegen der Atteste bekommen. Und so war es auch wirklich. Obwohl am Anfang hat kaum jemand daran geglaubt.“91 Wie viele meiner Interviewpartnerinnen und -partner erfuhr auch Frau Bašić durch Hörensagen von den Therapien und dass die Atteste, die aus diesen Therapien heraus verfasst wurden, etwas für den Aufenthalt bringen sollten. Dass Therapien notwendig waren, um einen Aufenthaltstitel zu erhalten, war auch für sie zunächst unverständlich. Wie gesagt: Informationen wurden nie offiziell umfassend verbreitet, um die Flüchtlinge systematisch zu informieren. Lediglich Radio Multikulti100 sendete ab September 1994 Informationen auf Bosnisch, jedoch nur drei Tage die Woche jeweils eine halbe Stunde lang. Aber ohne offizielle Presseerklärungen, die die Informationen enthielten, konnte auch nichts darüber gesendet werden. So konnten sich Flüchtlinge bereits in einer Behandlung befinden, ohne die Ausländerbehörde oder das Sozialamt davon in Kenntnis gesetzt zu haben wie Frau Nuhanović.

Auch Herr Šeferović war überrascht, als er hörte, dass es die Behörde interessierte, dass er in einem Lager gewesen war und sich bereits seit Jahren in psychotherapeutischer und psychiatrischer Behandlung im Behandlungszentrum für Folteropfer befand. Auch ihm teilte ein Rechtsanwalt mit, der ihm von Bekannten empfohlen worden war, dass er ein Attest einreichen müsse. Im Behandlungszentrum wurde daraufhin eine Stellungnahme geschrieben und es wurde ihm weitere Unterstützung zugesagt. Nachdem er das Attest einreichte, hatte er keine Probleme mehr mit seinem Aufenthalt.

↓91

Herr Šeferović war einer der Wenigen, die sich gleich nach ihrer Ankunft in psychiatrische Behandlung begeben hatten. Seine psychischen Beschwerden nach der Lagerhaft waren so stark, dass ihn Verwandte, die schon ein Jahr früher nach Berlin kamen und sich deshalb besser auskannten bzw. wussten, wo sie fragen konnten, direkt zum Psychiater und dann zum Behandlungszentrum für Folteropfer brachten. Er ist ein „schwerer Fall“, wie er von sich sagt. Doch nur durch ein halbwegs funktionierendes soziales Umfeld erhielt er die notwendige Unterstützung, also die Informationen über einen Rechtsanwalt und von diesem wiederum die Information, dass er ein Attest vom Behandlungszentrum für Folteropfer bei der Ausländerbehörde einreichen müsse. Vom Behandlungszentrum wurde ihm nach seiner Anfrage ebenfalls Unterstützung zugesagt, doch dazu musste er wissen, dass er eine Attestierung benötigte. Frau Lisac hat nach einigen Monaten Therapie von ihrer Therapeutin ein Attest ausgehändigt bekommen mit dem Hinweis, dass sie es bei der Ausländerbehörde einreichen solle. Auch sie wusste nicht, dass mit Attesten die Duldung verlängert werden konnte. Sie wurde von ihrer Therapeutin darauf hingewiesen. Meine übrigen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner haben von anderen Flüchtlingen gehört, dass Atteste für den Aufenthalt wichtig sind und haben ihre Ärztinnen, Ärzte, Psychologinnen und Psychologen um diese gebeten. Letzteres war eher die Norm, denn die Schreibarbeit bedeutete zusätzlichen Aufwand für die behandelnden Spezialistinnen und Spezialisten, weshalb sie oftmals warteten, bis die Atteste benötigt wurden.

Die meisten Atteste wurden im Rahmen von Therapien geschrieben und sind somit ärztliche oder therapeutische Stellungnahmen, die für die Patientinnen und Patienten verfasst werden und diese bei ihren Anliegen auf Ämtern und in Verwaltungen unterstützen sollten. Mit der wachsenden Nachfrage nach Attesten und Stellungnahmen wurden im Behandlungszentrum für Folteropfer und beim Xenion e. V. Psychologinnen- und Psychologenstellen geschaffen, die sich ausschließlich mit der Begutachtung von Traumafolgeschäden beschäftigten und keine Therapie anboten. So hat Herr Džaferović zwar einige Atteste des Behandlungszentrums für Folteropfer, war aber selbst nie in einer Psychotherapie.

↓92

Nein, nein, ich habe mich nie behandeln lassen. Behandeln so, dass ich monatlich einen Termin hatte. Eigentlich konnte ich ihn nicht bekommen, an der Klinik bekommt man schwer einen Termin, weißt du. Aber ich habe einfach Termine für die Atteste gemacht. So trafen wir uns eine Stunde, wir erzählen, was wir fühlen, ob wir schwitzen und so weiter, weißt du und so erzählst du und bekommst ein Attest und so. Du bekommst es wirklich gleich am nächsten Tag.101 (Herr Džaferović)

Herr Džaferović ist von der Geschwindigkeit des Verfassens langer Atteste (die des Behandlungszentrums für Folteropfer umfassten frühzeitig mindestens drei Seiten) selbst beeindruckt. Natürlich war das nur mit Textbausteinen möglich, die wiederum das Fehlerrisiko vergrößerten (Hohlfeld 2008: 489 ff.). So häuften sich die Traumaatteste und das Misstrauen der Berliner Ausländerbehörde wuchs, denn es konnten schließlich nicht alle bosnischen Flüchtlinge traumatisiert sein. Die Traumatisierung sollte ein Kriterium sein, um differenzieren zu können, wer länger bleiben darf, doch das konnte die Diagnose einer Posttraumatischen Belastungsstörung, wie sie in Berlin angewandt wurde, zunehmend nicht mehr leisten.

Circa 500 Traumatisierte wurden im Jahr 1998 von der Berliner Ausländerbehörde gezählt (Abgeordnetenhaus Berlin 17.08.1998). Zwei Jahre später stieg die Zahl auf 800 und der damalige Innensenator Herr Dr. Werthebach machte darauf aufmerksam, „dass kein anderes Land auch nur annäherungsweise so viele Traumatisierte aufgenommen hat, wie das Land Berlin“ (Abgeordnetenhaus Berlin 23.03.2000: 300). Dabei gab es keinen speziellen bundesweiten Zuordnungsschlüssel, der dem Land Berlin vor allem traumatisierte Flüchtlinge zugewiesen hätte. Ihre Zahl stieg, weil die Möglichkeit, mit Attesten die Duldung zu verlängern, bekannter wurde, Therapieplätze geschaffen und immer mehr Atteste geschrieben wurden. Die Traumatisierten wurden zum Zeitpunkt des Zitats vom Bundesland Berlin nicht aufgenommen, sondern geduldet, weil sie nicht abgeschoben werden sollten. Die bosnischen Flüchtlinge wurden zu Traumatisierten, weil sie die erzeugte Unsicherheit belastete, und die Diagnose einer Posttraumatischen Belastungsstörung und ihrer Behandlung half, den Aufenthalt zu verlängern, in ein besseres Wohnheim zu ziehen und eine Arbeitserlaubnis zu erlangen, am Ende erhielten sie sogar einen Aufenthaltstitel, der ihren Aufenthalt in der Bundesrepublik erlaubte. 1.547 Personen waren es am Ende, die nach der „Traumatisiertenregelung“ mit ihren Familienangehörigen eine Aufenthaltsbefugnis aufgrund von Traumatisierung beantragt hatten (Abgeordnetenhaus Berlin 06.08.2001).

3.2.1.9 Traumabefugnis – boravak

↓93

Die sowohl von den Flüchtlingen als auch von den behandelnden Psychologinnen, Psychologen, Ärztinnen und Ärzten, der Ausländerbehörde und dem Verwaltungsgericht lang ersehnte Lösung wurde mit der bundesweiten Befugnisregelung für traumatisierte bosnische Kriegsflüchtlinge möglich. Die im November 2000 beschlossene sogenannte Traumatisiertenregelung legte fest, dass bosnischen Bürgerkriegsflüchtlingen nach § 32 Ausländergesetz eine Aufenthaltsbefugnis erteilt werden soll, wenn

– sie vor dem 15. Dezember 1995 als Bürgerkriegsflüchtlinge in das Bundesgebiet eingereist sind,

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– sie sich wegen durch Bürgerkriegserlebnisse hervorgerufene schwere Traumatisierung bereits mindestens seit dem 01.01.2000 auf der Grundlage eines längerfristig angelegten Therapieplanes in fachärztlicher oder psycho-therapeutischer Behandlung befinden,

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– sie bislang schon aufgrund landesrechtlicher Regelungen oder Einzelfallentscheidungen wegen geltend gemachter Traumatisierung zumindest geduldet werden (IMK 2000).

Nachdem im weiteren Wortlaut festgelegt wird, dass die Aufenthaltsbefugnis nach zwei Jahren gegen die sonst gültigen Regelungen verlängert werden kann und minderjährige Kinder und Ehepartner ebenfalls in den Genuss einer Aufenthaltsbefugnis kommen, werden im Absatz d) Personen, die einen Weiterwanderungsantrag gestellt haben, von der Regelung explizit ausgeschlossen (IMK 2000). Frau Rajlić erhielt deshalb trotz Traumatisierung und psychotherapeutischer Behandlung keine Aufenthaltsbefugnis im Rahmen dieser Regelung. Sie hatte ein Weiterwanderungsverfahren betrieben und war dann nicht ausgereist. Auch Frau Müller wurde ausgeschlossen, denn sie gehörte zum Personenkreis der Rück-Rückkehrerinnen und Rück-Rückkehrer und konnte trotz Psychotherapie keine Aufenthaltsbefugnis erhalten.

Dem Beschluss war ein fraktionsübergreifender Antrag im Bundestag vorangegangen, den 231 Abgeordnete unterschrieben hatten und sich damit für ein Bleiberecht für Traumatisierte einsetzten, darunter Volker Rühe, Klaus Kinkel und Otto Graf Lambsdorff (Landtag Schleswig-Holstein 12.05.2000: 194 und Bundestag 30.06.2000). Dieser Antrag im Bundestag sicherte die Annahme der Traumatisiertenregelung, die schon zuvor Thema auf allen Innenministerkonferenzen seit Kriegsende war, auf denen sich die Innenminister und -senatoren der Länder jedoch nicht einigen konnten. Die Mehrzahl meiner Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner profitierte von dieser Regelung, wenn auch mit zweijähriger Verspätung, weil sich die Umsetzung der Regelung in Berlin verzögerte. Bei einigen gab es Probleme wegen der festgelegten Stichtage. So hatten zwei meiner Interviewpartnerinnen und Interviewpartner, Frau Avdagić und Herr Galić, zum Gesprächszeitpunkt noch keinen sicheren Aufenthalt, und die beiden Frauen, die durch Nebenbestimmungen ausgeschlossen wurden, haben ihn aufgrund anderer Regelungen erhalten. Frau Rajlić erhielt eine „Schnupperbefugnis“, mit der in Ausnahmefällen geprüft wurde, ob die betreffende Person für ihren Lebensunterhalt sorgen kann; Frau Müller erhielt eine Aufenthaltserlaubnis, weil sie mit einem deutschen Staatsangehörigen verheiratet war.

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Doch mit dem Aufenthaltsstatus lösten sich nicht alle Probleme meiner Gesprächspartnerinnen und -partner. Als sie Duldungen mit aufgestempeltem Arbeits- und Ausbildungsverbot besaßen, gab es für Männer viele Möglichkeiten, als Billiglohnkraft auf einer Baustelle zu arbeiten. Doch als sie endlich die Aufenthaltsbefugnis erhielten und arbeiten durften und sollten, gab es keine Großbaustellen mehr in Berlin, die Baubranche steckte in der Krise. Das bedeutete auch schlechte Aussichten, eine Arbeit zu finden, wobei gleichzeitig der Druck durch die Arbeitsämter seit der Zusammenlegung von Sozial- und Arbeitslosenhilfe zum Arbeitslosengeld II deutlich zunahm.

A. W.: War das eine Enttäuschung?

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Herr Kapić: Na vielleicht ein hartes Wort Enttäuschung. Aber wir können sagen Überraschung, sagen wir mal. Unsere Leute können sich beschweren und sagen wir hatten eine Duldung, jetzt habe ich dieses aber jetzt muss ich mich mit den Job-Center bekriegen, jetzt muss ich mich mit diesen und jenen bekriegen. Wieder stehst du auf Kriegsfuß mit einigen, aber auf einem anderen Niveau. So ist das. […] Und das so, dass einige hingingen, um wieder Atteste zu erhalten, dass sie nicht arbeiten können.102

Herr Kapić beschrieb es als eine Überraschung und lehnte meine Formulierung der Enttäuschung ab, weil sie ihm zu hart schien. Der Aufenthalt wurde bosnischen Flüchtlingen, wenn ihre Traumatisierung als nachgewiesen galt, nach ungefähr zehn Jahren gewährt, doch damit lösten sich nicht alle Probleme, wie sie gehofft hatten. Die Aufenthaltsproblematik und die damit verbundenen Reglementierungen der Wohnsitznahme, der Arbeitserlaubnis und der Rückkehr ins Ungewisse beschäftigten die Flüchtlinge dermaßen intensiv und existenziell, dass sie sich keine anderen Probleme mehr vorstellen konnten oder wollten, und sie waren überrascht, als sich nicht alle Probleme mit dem Erhalt eines Aufenthaltsstatus lösten. Gleichzeitig zeigt das Zitat, dass die Bewältigungsstrategie für den Druck seitens des Arbeitsamtes die gleiche war wie für das Visum: Krankheit attestieren lassen. Auch beim Arbeitsamt handelt es sich um eine Behörde und den Umgang mit Behörden mussten die Flüchtlinge jahrelang erlernen – ärztliche oder psychologische Atteste erwiesen sich als besonders hilfreich.

3.2.1.10 Danke Dojtšland, aber …

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Trotz der Schwierigkeiten, die die bosnischen Flüchtlinge in Berlin und anderen deutschen Bundesländern hatten, waren sie dennoch für die Aufnahme dankbar, auch wenn sie die Logik, die hinter den politischen Entscheidungen stand, nicht verstanden. Genau dieses Unverständnis durchzog die Schilderungen meiner Gesprächspartnerinnen und -partner. Alle Flüchtlinge sollten zurück, doch psychisch Kranke bekamen einen Aufenthaltstitel – wieso gerade sie und nicht die qualifizierten, jungen, motivierten, integrierten Flüchtlinge?

Daneben empfanden viele meiner Gesprächspartnerinnen und -partner die Aufnahme in Berlin als unfreundlich, vor allem in den Nachkriegsjahren ab 1996, als ihnen häufig vorgeworfen wurde, die Berliner Gastfreundschaft auszunutzen. Als Gast nicht willkommen zu sein, ist eine Erfahrung, die Bosnierinnen und Bosnier in Deutschland das erste Mal machten, sie wurden zwar geduldet, jedoch nicht aufgenommen.

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Denn ich weiß, dass es auch Deutschland nicht leicht hat und sie haben ihre eigenen sozialen Probleme, die sie nicht lösen können, die schwer zu lösen sind. Und ganz normal, dass wir eine Belastung waren, eine materielle Belastung. Das ist wahr. Aber wenn mich schon jemand in seinem Haus aufnimmt, dann soll er mich auch als Menschen respektieren.103 (Frau Marković)

Frau Marković zeigt Verständnis für die Art der Aufnahme in einem der reichsten Länder der Welt, sie empfindet sich selbst als Belastung und hat damit das Argument der Politik internalisiert. Dennoch fordert sie Respekt im Umgang miteinander und lehnt die Reduzierung von Menschen auf einen Kostenfaktor ab. Und so betitelte eine Berliner Psychiaterin ihren Redebeitrag über ihre Arbeit mit traumatisierten bosnischen Bürgerkriegsflüchtlingen, den sie auf dem Kongress „Armut und Gesundheit“ im Dezember 2000 hielt, mit „Danke Deutschland, aber …“ – einem Satz, den sie in den letzten zweieinhalb Jahren, die sie als niedergelassene Psychiaterin arbeitete, mehr als hundert Mal von ihren Patientinnen und Patienten gehört hatte (Reichelt 2000). Es ist eine Dankbarkeit mit einem großen ABER. Bei der Betrachtung der Entmachtung, Regulierung und Marginalisierung bosnischer Kriegsflüchtlinge ist dieses „Aber“ gut zu verstehen. Der einzige Weg, sich diesen Regulierungen zumindest teilweise zu entziehen, waren die Attestierung einer Posttraumatischen Belastungsstörung und ihre Behandlung. Gleichzeitig waren die Lebensbedingungen der Flüchtlinge eng mit den Symptomen der Diagnose und der Notwendigkeit einer Attestierung verbunden. Denn zum einen sind, wie ich bereits erwähnte, die wichtigsten Symptome der Posttraumatischen Belastungsstörung wie Schlaflosigkeit und Nervosität, aber auch weitere Symptome wie Gereiztheit, Abgestumpftheit und Alpträume, in Anbetracht des Flüchtlingsalltags nicht von den zusätzlichen Belastungen des Flüchtlingsdaseins zu unterscheiden. Zum anderen konnten mit Attestierungen Erleichterungen im Alltag erwirkt werden, sodass immer Bedenken bestanden, dass die Privilegien, die den Kranken eingeräumt wurden, auch von Gesunden ausgenutzt würden. Das Wissen um diese Zwänge und Möglichkeiten ist die Voraussetzung, um die Erfahrungen der Flüchtlinge mit psychiatrischen und psychotherapeutischen Behandlungen zu verstehen, um die es mir auf den folgenden Seiten geht.

3.3 Erfahrungen mit psychologischer und psychiatrischer Behandlung

Die Geschichte von der Bosnierin hatte ich schon in Berlin gehört. Sie war mit der ganzen Familie auf der Flucht, mit dem Mann, den Kindern, den Schwiegereltern. Dann kam das Gerücht auf, die Flüchtlinge würden nach Bosnien zurückgeschickt. In ihrer Angst bat die Frau ihre Ärztin um eine fingierte Einweisung in die Psychiatrie. Der zweiwöchige Klinikaufenthalt war für die Frau eine Erfahrung der Freiheit, so stark und betäubend, dass sie beschloss, nicht zurückzukehren. Sie verschwand, änderte ihre Identität, wer weiß, was mit ihr geschah, ihre Angehörigen sahen sie nie wieder. Ich habe Dutzende solcher Geschichten gehört. Der Krieg war für viele ein Verlust, aber auch ein guter Grund, das alte Leben abzuschütteln und ein neues anzufangen. Der Krieg hat wirklich das Leben der Menschen verändert. Selbst Irrenhaus, Gefängnis und Gerichtssaal wurden zu normalen Varianten (Ugrešić 2005: 15).

Dubravka Ugrešić beschreibt meiner Meinung nach hier die Veränderung der Normalität sowie den Zusammenhang von Ausreisedruck, Psychiatrie und Identität treffend und prägnant. Die Taktik (Certeau 1988) der literarischen Figur bei Ugrešić, dem bevorstehenden „Zurückschicken“ nach Bosnien zu begegnen, bestand darin, sich in die Psychiatrie einweisen zu lassen, die Identität zu wechseln und zu verschwinden. Auch wenn dies im übertragenen Sinn auf manche Bosnierinnen und Bosnier zutreffen mag – ihre frühere Identität verschwand in der Rolle der Traumatisierten – so schaffte der Verlust des alten Lebens auch Raum für Neues. Ich widme mich auf den folgenden Seiten den Beschreibungen der Bosnierinnen und Bosnier von Psychotherapie und psychiatrischer Behandlung. Insbesondere stehen dabei die Verschiebungen und Neuerungen im Selbstverständnis und ihre Sicht auf die Welt im Mittelpunkt.

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Eingangs untersuche ich die Einstellungen meiner Gesprächspartnerinnen und -partner zu Psychiatrie und Psychologie, dann zeichne ich ihre Wege in die und ihre Erwartungen an die psychiatrische und/oder psychotherapeutische Behandlung nach. Im Anschluss daran beschreibe ich die von ihnen gemachten Therapieerfahrungen, in denen ihnen aktiv Technologien des Selbst (Foucault 1984: 35 f.) vermittelt wurden. Doch es wäre falsch, anzunehmen, dass die Regulationstechniken in den Technologien des Selbst von den Subjekten einfach reproduziert würden. Nur zum Teil finden die machtvollen Normierungen ihren Niederschlag in den Selbsttechnologien, denn gleichzeitig entziehen sich Menschen der Herrschaft und auch die Technologien des Selbst werden taktisch (im Sinne von Certeau) unterlaufen, entfremdet und so verändert. Diesen Neuinterpretationen und Verschiebungen wende ich mich im letzten Abschnitt dieses Kapitels zu.

3.3.1 Vorerfahrungen

Es klang bereits in der Beschreibung der Berliner Exilerfahrungen an, dass es eine große Differenz zwischen den Werten der Flüchtlinge und den Realitäten in Berlin gab. So war auch der Besuch bei Psychiaterinnen, Psychiatern, Psychologinnen und Psychologen nicht selbstverständlich. Bis auf eine Ausnahme hatten meine Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner vor dem Krieg und ihrer Ankunft in Berlin keinen Kontakt mit psychiatrischer oder psychotherapeutischer Behandlung. Für zwei Personen, die sich etwas Konkretes unter Psychotherapie vorstellen konnten, waren diese Vorstellungen medial vermittelt. Zum einen erzählte Frau Halkić von amerikanischen Serien, in denen sie Gruppentherapien bzw. Selbsthilfegruppen gesehen hatte (wahrscheinlich Treffen der Anonymen Alkoholiker). Das hätte ihr Hoffnung gegeben, denn die Serien gingen immer gut aus, also müsste auch ihr die Gruppe, die sie besuchte, helfen. Zum anderen bezieht sich Herr Kapić auf Bücher, in denen er über Psychoanalyse gelesen hatte. Deshalb war er anfänglich von den therapeutischen Gesprächen, die er erlebte, enttäuscht, denn er dachte, es würde alles viel „tiefer“ gehen. Frau Marković wiederum sagte, dass sie selbst vom Fach sei und bezieht sich damit auf Psychologie als Unterrichtsfach in ihrem Lehramtsstudium. Eine konkrete Vorstellung von einer Psychotherapie hatte sie dennoch nicht, wie alle meiner Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner. Sie bezeichnete im Gespräch Psychologinnen und Psychologen als Menschenkennerinnen und -kenner sowie verständnisvolle Gesprächspartnerinnen und -partner, denen sie ihre Sorgen mitteilen könne.

Alle von mir Interviewten äußerten Verwunderung darüber, dass ihre Krankheit mit Gesprächen geheilt werden sollte, denn in erster Linie dachten sie an Beruhigungs- und Schlaftabletten als sie sich in Behandlung begaben, weil Unruhe und Schlaflosigkeit für sie die Hauptsymptome waren. Für Medikamente mussten sie sich jedoch an eine Psychiaterin oder einen Psychiater wenden, nicht an Psychologinnen oder Psychologen. Und das taten sie auch in den ersten Jahren. Dabei war der Unterschied zwischen Psychiaterinnen/Psychiatern und Psychologinnen/Psychologen allen bis auf Herrn Kapić zuvor gänzlich unbekannt und auch während der Gespräche wurden beide Bezeichnungen synonym verwendet (auch von Frau Marković, die sagte, dass sie Psychologie studiert hätte). Nach einem Unterschied befragt, wurde dieser bezüglich der Psychiaterinnen und Psychiater an der Möglichkeit, Tabletten zu verschreiben, festgemacht und bezüglich der Psychologinnen und Psychologen an den intensiveren und längeren Gesprächen.

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Da zwischen beiden Professionen in der Regel von den Flüchtlingen nicht unterschieden wurde110 und sich sowohl Psychologie als auch Psychiatrie auf die gleichen Krankheitskonzepte beziehen, verwende ich Nikolas Roses Begriff „Psy“, den er, mit Verweis auf Foucault, als „all those disciplines which, since about the middle of the nineteenth century, have designated themselves with the prefix psy – psychology, psychiatry, psychotherapy, psychoanalysis“ (Rose 1998: 10) definiert. Da sich auch im Feld der Therapie der bosnischen Kriegsflüchtlinge diese vier Disziplinen stark überschneiden, halte ich dieses Konzept für äußerst hilfreich. Außerdem macht „Psy“ die neue Art von Wissen sichtbar und lässt kritische Distanz zu. Genauer thematisiere ich Psy-Wissen im nächsten Kapitel. Wo es Unterschiede zwischen den einzelnen Psy-Professionen gibt, behandele ich sie getrennt.

3.3.2 Vorurteile und Überwindungsstrategien

Nachdem ich meine ursprüngliche Frage nach dem Vorwissen zu Psychiaterinnen und Psychiatern sowie zu Psychologinnen und Psychologen verändert hatte, weil sie zu abstrakt war und in ausschweifenden Verlegenheitsantworten endete, fragte ich nach früheren Kontakten mit Psychiaterinnen und Psychiatern oder Psychologinnen und Psychologen. Daraufhin bekam ich fast entrüstete Antworten, dass zum Psychiater nur Verrückte gingen. Dieses Vorurteil wurde in jedem Gespräch angesprochen. Für einige war es der Hinderungsgrund, weshalb sie nicht gleich nach dem Einsetzen der Beschwerden zu Psychiaterinnen und Psychiatern oder Psychologinnen und Psychologen gingen.

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Ich gelangte einfach in die Situation, dass ich mit der Zeit nicht ordentlich schlafen konnte. Diese Schlaflosigkeit und schlechte Träume, das bekam ich so. Ich habe es vermieden, zum Psychologen zu gehen. Obwohl ich diese Empfehlungen hatte, dass ich früher gehe, denn bei uns war das so, wie soll ich das erklären? Im ehemaligen Jugoslawien, in Bosnien-Herzegowina, wer zum Psychologen geht, wurde als verrückt angesehen. Ich habe mich einfach geschämt dafür, dass mir keiner sagen würde „er ist verrückt geworden, er geht zum Psychologen.“ Aber ich bin nicht verrückt. Man denkt an so, wenn jemand keine Kontrolle mehr hat, an diesen Wahnsinn. So wurde das verstanden. Denn bei uns, alle, die zum Psychologen, Psychiater gingen, die wurden nicht als normale Personen angesehen. Dennoch ja, ich musste zu guter Letzt Hilfe beim Allgemeinarzt suchen. Er hat mir dann gesagt, dass ich zum Psychologen gehe, dass ich nicht mehr länger warte.111 (Hr. Imamović)

Herr Imamović beschrieb die Beschwerden, derentwegen er sich in Behandlung begeben hatte. Er selbst setzt sie nicht mit seinen Kriegserlebnissen in Beziehung, sie kamen mit der Zeit ohne Ursache. Wegen der Beschwerden ging er zum Allgemeinarzt. Dieser musste ihn überweisen und auch dann fiel es Herrn Imamović eingangs nicht leicht, Vertreterinnen oder Vertretern der Psy-Disziplinen aufzusuchen, denn er sei nicht verrückt, aber zu Psychiaterinnen und Psychiatern oder Psychologinnen und Psychologen gingen nur Verrückte. Er machte sich Sorgen, wie es andere interpretieren würden, wenn er zum Psychologen (er meint den Psychiater Herrn Dr. B.) ginge. Für alle Gesprächspartnerinnen und -partner war das Aufsuchen von Psy-Angeboten gleichzeitig ein Eingeständnis, dass sie es nicht mehr allein schafften und Hilfe brauchten. Dennoch war der Weg zu Psy-Vertreterinnen und -Vertretern für sie nicht der nächst liegende. Es waren andere Personen nötig, die ihnen zuredeten und Ratschläge gaben, um sich in eine Psy-Behandlung zu begeben. Durch diese Empfehlungen wurde ihnen ein Stück weit die Verantwortung für die Entscheidung, sich an Ärztinnen und Ärzten zu wenden, die für „Verrückte“ zuständig sind, abgenommen.

In Bosnien war psychiatrische Behandlung mit Vorurteilen verbunden. „Wer bei uns zum Psychiater geht, wird als verrückt angesehen“ oder „da gehen bei uns nur Verrückte hin“ – das waren die typischen Antworten. Deshalb beeilte sich auch Herr Imamović im obigen Zitat, hinzuzufügen, dass er sich nicht als verrückt verstehe, auch wenn er zum Psychiater gehe. Hier aber wäre es ganz normal, zu Psychiaterinnen und Psychiatern oder Psychologinnen und Psychologen zu gehen, sagten meine Gesprächspartnerinnen und -partner oftmals erklärend und sich selbst beruhigend. Dabei sind die Umdeutungen von der dortigen „Verrücktheit“ und der hiesigen „Normalität“ vielschichtig und individuell, wobei der andere kulturelle Kontext den Flüchtlingen neue Interpretations- und Argumentationsräume öffnete. Vielfach bezogen sie sich auf die Verschiedenheit der bosnischen und deutschen Sichtweisen auf seelische Leiden. Im Hinblick auf die Wahrnehmung psychischer Erkrankungen hatten sie damit auch Recht, denn der hiesige Blick ist für psychische Probleme geschärft. Die Diagnostik psychischer Störungen, allen voran Depressionen, nahm und nimmt zu.

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So lagen depressive Störungen im Jahr 2000 an vierter Stelle auf einer Liste der Krankheiten, die den größten Produktivitätsverlust weltweit zu verantworten hatten. Die Jahre, die mit einer neuropsychiatrischen Krankheit verlebt wurden, und die Jahre mit Leistungseinbußen, verursacht durch neuropsychiatrische Krankheiten, waren in ihrem Verhältnis zu körperlichen Erkrankungen in den westlichen Gesellschaften im Extremfall sechsmal höher als z. B. in afrikanischen Ländern. Das heißt, wenn jemand in Westeuropa chronisch erkrankte, dann mit einer 30- bis 40-prozentigen Wahrscheinlichkeit an einer neuropsychiatrischen Krankheit (WHO 2001). Zum einen hängt dies mit der Prävalenz anderer körperlicher Erkrankungen – allen voran Infektionskrankheiten – in einigen afrikanischen Ländern zusammen, zum anderen mit einer löchrigen psychiatrischen Versorgung, die in vielen Regionen nicht existent ist. Wo es keine Psy-Strukturen gibt, werden auch keine Psy-Krankheiten diagnostiziert und da Psy-Strukturen vor allem in westlichen Gesellschaften existieren, sind auch hier die Psy-Diagnosen häufiger.

Die bosnischen Flüchtlinge gelangten als mögliche Patientinnen und Patienten in den Fokus der Psy-Disziplinen. Damit sie sich jedoch trotz der Stigmatisierung an Psy-Spezialistinnen und -Spezialistinnen wenden konnten, schrieben sie anderen die Verantwortung für das Aufsuchen von Psychologinnen und Psychologen bzw. Psychiaterinnen und Psychiatern zu. Es war keine selbstständige Entscheidung mehr, denn die Betroffenen befolgten einen Rat, also hatte auch jemand anderes ihre Bedürftigkeit (an)erkannt.

Neben der Verschiebung der Verantwortung ist eine weitere Umdeutung zu beobachten. Psychiaterinnen und Psychiater sowie Psychologinnen und Psychologen werden nicht als Psy-Vertreterinnen und -Vertreter wahrgenommen. Sie sind nicht die Ärztinnen und Ärzte, zu denen „sonst nur Verrückte gehen“, sondern Ärztinnen und Ärzte, zu denen man zur Therapie geht.

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Und als wir hörten, dass jemand beim Psychiater ist hier, ja, ich habe persönlich gedacht, dass es ein schwerer Fall ist und ich habe gedacht, dass es jemand empfohlen hat, dass er zum Psychiater geht. Nein, der Mann sagt: „nein, ich habe nicht gewusst, dass das ein Psychiater ist, ich habe gehört, dass ich zur Therapie kann.112 (Herr Kapić)

Herr Kapić ist überrascht, dass ein Landsmann einfach so zum Psychiater ging, sozusagen freiwillig und ohne größere psychische Beeinträchtigungen, die ihn zu einem „schweren Fall“ gemacht hätten. Dieser hatte wiederum den Psychiater gar nicht als solchen wahrgenommen. Mit dieser Verschiebung vom Besuch von Psy-Spezialistinnen und -Spezialisten zum Besuch einer Therapie wurde die stigmatisierende Konnotation umgangen. Herr K. vom Behandlungszentrum Xenion beschrieb eine solche Neubenennung bzw. Umgehung der stigmatisierenden Psy-Bezeichnung auch bei kurdischen Klientinnen und Klienten. Dort wurden die Psychologinnen und Psychologen zu „Ärzten der Menschenrechte“. Wie auch die Bosnierinnen und Bosnier setzten die Kurdinnen und Kurden die Berufsbezeichnung Psychiater mit Psychologe gleich, weil es die Unterscheidung in ihrer Herkunftsgesellschaft nicht gab oder diese ihnen nicht bekannt war. Mit dem neuen Terminus „Ärzte der Menschenrechte“ stieg auch die Anzahl der Anfragen nach Behandlung oder Unterstützung von kurdischen Flüchtlingen bei Xenion (Gespräch mit Herrn K.), die mittlerweile die größte Patientengruppe stellen (Xenion a).

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Im Gegensatz zu den „Ärzten der Menschenrechte“, die die kurdischen Patientinnen und Patienten von Xenion aufsuchten, war die Beschreibung der psychiatrischen oder psychologischen Behandlung als „Therapie“ bei den bosnischen Flüchtlingen unbestimmter. Der Begriff fokussierte nicht auf eine Berufsgruppe wie Ärzte oder Institution wie ein Behandlungszentrum. „Therapie“ konnte überall stattfinden und von unterschiedlichen Spezialistinnen und Spezialisten angeboten werden. Die Unbestimmtheit der „Therapie“ eröffnete gleichzeitig auch Raum für Missverständnisse. So antwortete Herr Tomić auf meine Frage, seit wann er in Behandlung sei und wie ihm die Therapie geholfen habe, dass ihm am besten die Physiotherapie geholfen hätte, genauer die Thermotherapie und die Massage, weil er sich dort total entspannen könne. Dieses Missverständnis verdeutlicht, dass die Flüchtlinge nicht klar wussten, was sie von einer „Therapie“ erwarten konnten und sollten, und was dort vor sich gehen würde. Alle Arten von Therapie, vor allem aber Physio- und Psychotherapie waren für Verwechslungen anfällig.

Neben den Empfehlungen anderer und der begrifflichen Weite der „Therapie“, die beide die Stigmatisierungen durch Psy-Behandlungen minderten, war die Angst eine wichtige Motivation, die Vorurteile zu überwinden half.

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Aber es hat mir geholfen, dass ich mich beim Psychologen oder Psychiater gemeldet habe. […] Wenn ich mich nicht in Behandlung begeben hätte, vielleicht wäre auch ich jetzt schon tot. Oder eventuell total verrückt. […] Wenn es in diesem Tempo weitergegangen wäre und ich mich nicht in Behandlung begeben hätte.113 (Herr Imamović)

Auch die Angst hat Herrn Imamović dazu bewogen, in die Therapiegruppe zu gehen, nachdem er vom Allgemeinarzt in psychiatrische und psychotherapeutische Angebote überwiesen wurde und ihm Verwandte und Freunde diesen Schritt nahe legten, die selbst auch schon in eine Therapiegruppe gingen. Es ist eine Angst vor dem Wahnsinn oder dem Tod, davor, an den Folgen des Stresses zu sterben, der aus der inneren Anspannung resultierte. Diese Vorstellung wurde auch in der „modernen Wissenschaft“ thematisiert. So publizierte Cannon 1942 einen Text über den Voodoo-Tod und entwickelte ein Konzept, das Körper und Geist über den Stress verband. Letzterer fungierte als Transportmittel, das wissenschaftlich diskutiert und untersucht wurde (vgl. hierzu Young 1996: 93 ff. und Beck 2008). Das Konzept „Stress“ erklärt die Verbindung innerer Befindlichkeiten und Stimmungen mit körperlichen Symptomen und Erkrankungen, im Extremfall sogar dem Tod. Vermittelt über Stress kann auch jemand in westlichen Gesellschaften an Kummer und Sorgen sterben, allerdings diagnostiziert als depressiv mit Somatisierungsstörungen, nicht als bekümmert oder besessen. Folge dieser Theorien ist eine Medikalisierung leidvoller menschlicher Erfahrungen, für deren Behandlung sich neben der Medizin vor allem und zunehmend die Psy-Disziplinen anboten (Kleinman 1995: 177). Aus diesem Grund spreche ich im Folgenden insbesondere von Psychologisierung.112

Die Verbindung von körperlicher Therapie und Entspannung, die Herr Tomić herstellte, verdeutlicht zudem, dass man den gesundheitlichen Zustand der Flüchtlinge nicht auf innerpsychische Vorgänge und ihre psychotherapeutische Behandlung reduzieren konnte und dass das, was als Posttraumatische Belastungsstörung definiert und mit verschiedenen Symptomen verbunden wurde, die Erfahrungen der Betroffenen nicht beschrieb. Dabei lässt die Diagnose bereits viel Spielraum, ist überinklusiv, berücksichtigt auch bestimmte körperliche Beschwerden und hat eine lange Liste von möglichen zusätzlichen Begleitsymptomen, auf der kein psychiatrisches Symptom und kein körperliches System ausgelassen scheint (vgl. Haenel/Wenk-Ansohn 2004: 44 ff.; Butollo/Hagl 2003: 44 ff.; Maercker 1997: 16 ff.).

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Das Krankheitsbild der Posttraumatischen Belastungsstörung funktionierte deshalb eher als ein Transportmittel, das die sozialen und antisozialen Erfahrungen der Flüchtlinge, die vielschichtige und verschiedenartige Ausschließungsmechanismen in ihrem Heimatland und im Exil waren, in einen psychologisch-medizinischen Diskurs überführte und übersetzte. Da es auch zahlreiche körperliche Beeinträchtigungen gab, hätte eine Posttraumatische Belastungsstörung zum Beispiel auch als Herzkrankheit wie das Soldier’s heart des Ersten Weltkrieges beschrieben werden können. Es wurde aber gerade nicht als körperliche Krankheit verstanden, sondern die vorhandenen körperlichen Symptome wurden auf psychosomatische Ursachen zurückgeführt. So wurden Schilddrüsenfunktionsstörungen, Magenprobleme, Neurodermitis, Rücken- und Kopfschmerzen dem Stress zugeschrieben, einem gleichfalls unklaren Konzept, das körperliche Phänomene mit inneren Vorgängen verbindet (Young 1996), und fielen über diese theoretische Mutmaßung in die Zuständigkeit von Psy-Disziplinen.

3.3.3 Erwartung(en)

Die Vorurteile gegenüber Psy-Behandlungen wurden von den Bosnierinnen und Bosniern durch Umdeutungen, Reduktion von Verantwortung und aus Angst überwunden sowie Informationen zu muttersprachlichen Therapeutinnen und Therapeuten, Ärztinnen und Ärzten gefunden. Dies geschah nicht, ohne dass sie eine Hoffnung oder Vorstellung von dem hatten, was sie für diese Überwindung ihrer Vorurteile erhalten würden. Die wichtigste Erwartung an die Ärztinnen und Ärzte sowie Psychologinnen und Psychologen war eine recht typische für jegliche Art von Patientinnen und Patienten: die Betäubung, die Beseitigung oder Minderung von Beschwerden mithilfe von Tabletten. Deshalb waren meine vier Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner, die schon während der Kriegsjahre mit einer Behandlung begonnen hatten, zunächst bei einer Psychiaterin oder einem Psychiater in Behandlung oder erhielten Tabletten von einer Allgemeinärztin oder einem Allgemeinarzt. Erst mit der aufenthaltsrechtlichen Anforderung eine Psychotherapie zu besuchen, gingen die Flüchtlinge zunehmend auch bei Psychotherapeutinnen und -therapeuten zu Gesprächstherapien.

Da der Erwartung, dass Schlaf- und Beruhigungsmittel verschrieben werden, weitestgehend entsprochen wurde, nahmen alle bis auf zwei meiner Gesprächspartnerinnen und -partner täglich Psychopharmaka ein, die ihnen von einer Psychiaterin bzw. einem Psychiater verschrieben worden waren, oder im Fall von zwei Frauen auch von Allgemeinärztinnen bzw. -ärzten. Zum Zeitpunkt des Interviews nahmen alle Frauen Schlaf- und Beruhigungsmittel nur noch bei Bedarf ein, zwei von ihnen jedoch täglich Antidepressiva. Meine männlichen Gesprächspartner gingen unterschiedlich mit den Medikamenten um. Einer lehnte Psychopharmaka mittlerweile generell ab und lenkte sich mit Lesen und Fernsehen ab, ein anderer nahm ein Medikament täglich, um seine psychotischen Symptome zu kontrollieren. Ein weiterer konsumierte täglich mehrere Präparate zur Beruhigung und zum Schlafen und sagte, dass er ohne Medikamente nicht leben könne. Zwei Männer nahmen ebenfalls täglich Beruhigungsmittel, ein weiterer nahm sie nur bei Bedarf. Es ist somit ein recht individueller Umgang mit Psychopharmaka zum Interviewzeitpunkt festzustellen. In den Jahren des Ausreisedrucks gehörte es jedoch für fast alle zum Standard, täglich Tabletten zu nehmen, um sich zu betäuben.

3.3.4 Wege in die Behandlung – Rechtfertigung und Vernetzung

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Ich fragte meine Interviewpartnerinnen und -partner, wie sie in Behandlung gelangten. In ihren Antworten kristallisierten sich vier Hauptwege in Therapien heraus, auf denen sie, begleitet von den beschriebenen Umdeutungen und ihrer Angst vor gesundheitlichen Folgen, dazu kamen, ihre Vorurteile zu überwinden.

Zum einen wirkten Verwandte und Freunde darauf hin, dass sich jemand in eine psychiatrische Behandlung begab: „Na ich hatte die Empfehlung von so Bekannten, Freunden. […] Das hat sich sogar irgendwann auf die Familie ausgewirkt, auf die Kinder, die Ehefrau, wo ich diese Nervosität ausgelassen habe, Frau und Kinder habe ich angeschrien“113, schilderte Herr Imamović. Er war nicht direkt oder aus eigenem Antrieb zum Psychiater gegangen. Es waren mehrere Anregungen von außen nötig und seine Angst davor, „nicht irgendeinen großen Exzess anzustellen, um nicht irgendwelche körperlichen Verletzungen den Kindern zuzufügen.“114 Hinzu kam die Angst vor dem eigenen Tod. Bei ihm war es ein längerer Prozess, bis er sich in eine Psy-Behandlung begab. Bei Herrn Šeferović ging es im Gegensatz zu Herr Imamović recht schnell:

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Anfangs bin ich sofort zum Psychiater gegangen. Ich bin von Anfang an gegangen. Ich wurde behandelt, habe verschiedene Tabletten genommen. Und dann Spritzen haben sie mir auch irgendwelche zur Beruhigung gegeben. […] mein erster Arzt war, denke ich, B. Weil er die Sprache konnte. Er spricht meine Sprache, sodass ich zu ihm da ’94 am Anfang. […] Das haben mir irgendwelche Leute gesagt, weil ich damals Hilfe brauchte. Welche, die schon hier waren. […] Irgendwelche Leute, die von meinem Fall wussten, haben mich auch zum Behandlungszentrum gebracht. Und bei ihnen war ich jahrelang, bei ihnen in Therapien. […] Und so non-stop habe ich viele Psychiater gewechselt. Auch heute noch habe ich zwei Psychologen, ich habe einen Psychiater-Neurologen, was weiß ich. Ich geh dahin, nehme die Tabletten, die für die Psyche. Es geht mir eher schlecht als gut ungeachtet der Tabletten. Denn ich hatte auch, was weiß ich, ’95 habe ich nur hin und her geschaukelt. […] Und da bin ich zu verschiedenen Ärzten hierhin, dahin und am Ende ins Krankenhaus. In der Notaufnahme bin ich gelandet.115 (Hr. Šeferović)

Der Aufenthalt auf einer psychiatrischen Station war die höchste Stufe der Medikalisierung und unterstrich für die Flüchtlinge die Intensität und Ernsthaftigkeit ihrer Erkrankung. Im Krankenhaus waren drei meiner Gesprächspartnerinnen und -partner, zumeist nach Krisensituationen. Neben Herrn Šeferović, der seinen Krankenhausaufenthalt mit einer plötzlichen Symptomverschlechterung in Verbindung brachte, waren noch Frau Lisac nach der Begutachtung beim Berliner Polizeiärztlichen Dienst und Herr Osmić nach einer Abschiebungsandrohung in stationärer psychiatrischer Behandlung. Hier zeigt sich, wie sehr die Lebenssituation die Reaktionen der Flüchtlinge beeinflusste. Frau Halkić lehnte einen Krankenhausaufenthalt ab, damit sich ihr Sohn keine Sorgen um sie mache. Ein Psychiatrieaufenthalt stigmatisierte weiterhin, den Umdeutungen zum Trotz. Er war aber auch ein Ausweg, wenn die Situation durch den behördlichen Druck für die Betroffenen nicht mehr auszuhalten war (vgl. auch literarisches Eingangszitat) und definierte sie als „schwere Fälle“.

Herr Šeferović beschrieb im obigen Zitat seine Abhängigkeit von den Psy-Disziplinen, die vielen Tabletten, Spritzen, verschiedenen Spezialistinnen und Spezialisten und auch das Krankenhaus. Er verkörperte geradezu idealtypisch den traumatisierten ehemaligen Lagerinsassen. In unseren drei Gesprächen war er vollkommen mit seinen körperlichen und psychischen Symptomen beschäftigt und bezog sie auf seine „Lagererfahrung“, über die er nicht weiter sprach. Für ihn und sein Umfeld werden alle seine Beschwerden durch den Satz „ich war im Lager“ erklärt. Im Gegensatz zu Herrn Džaferović, der ebenfalls ein Lager überlebt hatte, aber alle Stereotypen diesbezüglich konsequent ablehnte und auch die Psy-Behandlung verweigerte, weil er Ärztinnen und Ärzte sowieso nicht leiden könne, schien Herr Šeferović geradezu auf die Eigenschaften „krank“ und „traumatisiert“ zusammengeschrumpft zu sein. In den Gesprächen mit ihm ging es ausschließlich um Ärztinnen und Ärzte, Medikamente und Beschwerden.

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Der zweite Weg in Psy-Behandlungen führte neben Verwandten und Freunden über Allgemeinärztinnen und -ärzte. Sie überwiesen die Flüchtlinge, nachdem die Traumatisierungsproblematik und die Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung bekannter wurden. So wurde zum Beispiel Frau Nuhanović von ihrer Hausärztin überwiesen:

Mit dem Schlafen hatte ich sofort Probleme. Aber so, wir sind gerade angekommen, wir wussten nichts. […] Und wir konnten die Sprache nicht. Es gab unsere Ärzte, aber wir wussten es nicht. Aber wir hatten in unserer Straße eine wunderbare Ärztin, eine Deutsche, […] sodass wir zu ihr gingen. Ja, mein Sohn konnte schon etwas Deutsch, sodass er anfangs übersetzt hat. Und so ein paar Monate. Dann als sie gesehen hat, dass ich einen Psychiater brauche, dass ich das Gespräch brauche, dass die Tabletten nicht mehr wirken, die sie geben durfte. Sie darf nicht diese starken und so, das weißt du ja. Sie hat mir eine Überweisung zum Psychiater gegeben. Und dann habe ich von Doktor B. gehört, weil ich niemanden hatte, der übersetzt, damit man in eigenen Worten sagen kann wie und was. Ich hatte gehört, dass er unsere Sprache spricht und ich ging mit einer Freundin zu ihm mit der Überweisung. Und so bin ich zu ihm gegangen, und jetzt gehe ich schon jahrelang.116 (Frau Nuhanović)

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Hier werden mehrere typische Sachverhalte deutlich: Der erste Besuch bei einer Psychiaterin oder einem Psychiater stellte eine Hürde dar, weshalb mitunter Freunde oder Verwandte die Betroffenen begleiteten, um dem Besuch beim Psychiater oder der Psychiaterin den Schrecken zu nehmen. Auch Herr Šeferović wurde ins Behandlungszentrum für Folteropfer begleitet. Zudem hatte er, wie auch Frau Nuhanović, Verständigungsprobleme. Jemand musste übersetzen oder bosnisch sprechende Ärztinnen und Ärzte gefunden werden. Bis 1998 gab es nur Herrn Dr. B. als niedergelassenen Psychiater in Berlin, der serbokroatisch sprach. Verständlicherweise war seine Praxis überlaufen und fast alle Atteste stammten von ihm. Wieder waren es die Tabletten gegen Schlafprobleme und nicht die Erlebnisse, die die Flüchtlinge bewogen, eine Psychiaterin oder einen Psychiater aufzusuchen. Die Betroffenen gingen nicht wegen traumatischer Erlebnisse in eine psychiatrische Sprechstunde. Und wenn dem so gewesen wäre, würden Klinikerinnen und Kliniker misstrauisch werden, denn jemand, der den Spezialistinnen und Spezialisten bereits vorgibt, welche Krankheit sie oder er hat, wird eher kritisch beäugt als dass ihre oder seine vorgetragene Diagnose auch gestellt würde. Die Flüchtlinge gingen wegen der früher oder später auftretenden Schlaflosigkeit und Nervosität zu Psychiaterinnen und Psychiatern und wollten Medikamente verschrieben bekommen. Dass die Beschwerden mit dem Krieg zusammenhingen, wurde erst im Patientinnen- oder Patientengespräch konstruiert bzw. von der Psy-Vertreterin oder dem Psy-Vertreter in den Attesten gemäß der Diagnoselogik in dieser Weise beschrieben. In den bisherigen Zitaten waren es nur die Symptome, die im Zusammenhang mit dem Exil geschildert wurden, auf die Kriegserlebnisse bezog sich niemand.

Das dritte identifizierbare Hauptmotiv in den Schilderungen zur Behandlungsaufnahme ist ein Hilfeersuchen in einer der Berliner Flüchtlingsberatungsstellen.

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Ich habe das überhaupt nicht gemerkt. Ich hatte dieses mein Trauma, ich hatte diese meine psychischen Probleme. Eine Therapie oder so etwas, ich habe überhaupt nicht darüber nachgedacht. Und dann bin ich erst, nach Berlin kam ich ’93, erst ’96 habe ich, eigentlich hatte ich ein Problem mit der Abschiebung und dann bin ich ins Südost gekommen, um Hilfe zu erhalten. Und dann haben sie gesagt, welche Hilfe ich bekommen könnte, wenn ich dort eine Therapie machen würde, dass mit dieser Bestätigung wie das dann weiter geht. So, dass ich dann mit der Therapie begann.117 (Frau Halkić)

Im Gegensatz zu meinen anderen Gesprächspartnerinnen und -partnern fühlte sich Frau Halkić durch die Symptome anfangs nicht beeinträchtigt, weshalb sie keine medizinische Hilfe suchte. Die Symptome, die sie mit Trauma gleichsetzte, wurden erst in der Therapie für sie wichtig und erkennbar. Zum Zeitpunkt des Interviews hatte sie ihre Therapiebedürftigkeit soweit internalisiert, dass sie täglich Antidepressiva einnahm und wöchentlich zu einer Einzeltherapie ging. Damit ist sie neben Herrn Šeferović ein Beispiel für einen Rückkopplungseffekt. Sie beide entsprachen weitestgehend Hackings metaphorischer Bemerkung, mit der er Kategorien als „new slots […] in which to fit people“ (1986: 223) umschrieb. Sowohl Herr Šeferović als auch Frau Halkić reproduzierten das Stereotyp von schwersttraumatisierten Flüchtlingen, deren Leben vollkommen zerstört wurde und die nur mit Tabletten und Therapien weiterleben können.

Für Frau Halkić waren Aufenthaltsprobleme ausschlaggebend, eine Therapie aufzusuchen, zuvor war sie mit ihren Beschwerden allein fertig geworden. Dieser Weg über die Berliner Beratungsstellen in eine Psychotherapie wurde oft von der Ausländerbehörde unterstellt und damit die Schwere und Glaubhaftigkeit der Erkrankung der Betroffenen angezweifelt. Die Therapeutinnen und Therapeuten argumentierten dagegen, dass der Behandlungsbedarf auch schon zuvor bestand und die Flüchtlinge sich seiner erst durch den Ausreisedruck bewusst wurden und sich so in Therapie trauten, weil andere auch hingingen und es der einzige Weg war, die Duldung zu verlängern. Obwohl sich die behandelnden Psy-Vertreterinnen und -Vertreter als Gegenseite der Ausländerbehörde verstanden, war es in ihren Augen ein positiver Nebeneffekt des Ausreisedrucks, dass die Bosnierinnen und Bosnier in die Beratungsstellen strömten und weiter in Psychotherapien verwiesen werden konnten. Denn so überwanden die Flüchtlinge ihre Vorurteile und gingen in Therapien, die die Psy-Vertreterinnen und -Vertreter für notwendig hielten.

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Parallel kritisierten die Fachleute jedoch auch die krank machenden Lebensumstände. Und Herr K., ein interviewter Psychologe, meinte sogar, dass viele Flüchtlinge erst durch den Ausreisedruck und die Reglementierungen krank würden. Diese beiden Argumentationen stehen nebeneinander. Der Flexibilität der Argumentationsmuster ist es zu verdanken, dass dies zu keinen Gegensätzen führte, sondern jeweils die besser geeignete Argumentationslinie genutzt werden konnte. So waren die Flüchtlinge einmal behandlungsbedürftig, ohne es sofort zu merken, und ein anderes Mal waren sie nicht behandlungsbedürftig, wurden es aber durch die Lebensbedingungen im Berliner Exil. Die Stärke stabiler diskursiver Formationen liegt in ihrer Eigenschaft, zwar Widersprüche zu produzieren, diese werden als solche aber nicht (mehr) wahrgenommen. Sie stellen auch nicht mehr das Gesamtkonzept infrage, weil es genügend Konsistenz (Schlich 1996) hat, um auch Widersprüche zu integrieren. An der Wirklichkeit einer Posttraumatischen Belastungsstörung und traumatisierter bosnischer Flüchtlinge und ihrem Therapiebedarf zweifelte keiner mehr. Ob dieser schon bestand oder aus den Exilbedingungen resultierte, war unerheblich.

Ohne Hinweise und Empfehlungen von Verwandten und Freunden suchten zwei Gesprächspartner nach psychiatrischer Hilfe. Beide kamen trotz ihrer Vorurteile zu dem Schluss, dass sie Tabletten bräuchten, um wieder schlafen zu können. Herr Ferhatović sagte, dass er anfangs große Probleme hatte, die notwendigen Informationen zu erhalten, da man nur unter vier Augen Auskunft zum einzigen serbokroatisch sprechenden Psychiater in Berlin bekam. Heutzutage wäre das einfacher. Aber er wusste, dass er für seine Probleme einen Psychiater oder eine Psychiaterin aufsuchen musste. Ähnlich zielstrebig hatte sich Herr Tomić an Herrn Dr. B. gewandt, wobei er es mit den Informationen einfacher hatte, denn seine Frau ging bereits zur Allgemeinärztin, mit der Herr Dr. B. gemeinsam praktizierte.

Somit gab es vier Möglichkeiten, in eine Psy-Behandlung zu gelangen: die Empfehlungen durch Angehörige und Freunde, eine Überweisung der Allgemeinärztin oder des Allgemeinarztes, die Weitervermittlung durch Flüchtlingsberatungsstellen und die bewusste Suche nach psychiatrischen Hilfen, jedoch nicht psychotherapeutischen. Von meinen Gesprächspartnerinnen und -partnern schilderten die meisten die erste Variante, wenn sie beschrieben, wie sie in Behandlung kamen, d. h. sie erhielten Informationen und Hinweise von ihren Verwandten und Freunden (sechs Personen), die wenigsten nannten die zweite Möglichkeit, die Überweisung der Allgemeinärztin oder des Allgemeinarztes (zwei Personen). Vier Interviewpartnerinnen und -partner sind über Beratungsangebote in Behandlung gegangen und zwei direkt. Dass so wenige Betroffene durch ihre Hausärztinnen und -ärzte überwiesen wurden, lag auch an der mangelnden Bekanntheit der Posttraumatischen Belastungsstörung zu diesem Zeitpunkt. Selbst Psychiaterinnen und Psychiater kannten laut einer Umfrage aus den 1990er Jahren die damals neuartige Posttraumatische Belastungsstörung nicht oder konnten keine bzw. nur wenige Symptome dieser Störung benennen (Denis/Ebbinghaus 1996). Sowohl die allgemeine als auch die Fachöffentlichkeit waren zu Beginn der 1990er Jahre weder sensibel für „Traumaopfer“ noch für psychosomatische Beschwerden.

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Für alle Wege in eine Psy-Behandlung war der Informationsfluss zwischen den Flüchtlingen ausschlaggebend, denn nur ein sehr kleiner Teil von ihnen war in der Lage, eigenständig Spezialistinnen und Spezialisten oder Beratungsstellen zu recherchieren und aufzusuchen. Sie benötigten Dolmetscherinnen und Dolmetscher oder Ärztinnen und Ärzte sowie Beratende, die serbokroatisch sprachen. Solche Informationen wurden nie zentral gebündelt und den Betroffenen zugänglich gemacht, deshalb war die informelle Vernetzung der Flüchtlinge wichtig, die durch die Wohnheimunterbringung begünstigt wurde. Die Wohnheime waren die neuralgischen Punkte der Flüchtlingsgemeinschaft. Hier wurden Informationen bezüglich Rückkehr, Weiterwanderung, Beratungsangeboten, Ärztinnen und Ärzten, Hilfs- und Unterstützungsangeboten, Einkaufsmöglichkeiten, Therapiegruppen, Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälten, Abschiebungen, politischen Entwicklungen ausgetauscht und eine Vielzahl von Gerüchten verbreitet. Es gab in Berlin bis auf wenige Ausnahmen keinerlei Handzettel oder Ratgeber für die Flüchtlinge. Nur über Hörensagen erfuhren sie von den bestehenden Unterstützungsangeboten, zu denen auch psychotherapeutische Hilfen zählten. Ein Beispiel dafür gab Frau Rajlić:

Eine Freundin kam und hat mir die Adresse mitgebracht, weil ich damals kein Deutsch sprechen konnte, und sagte, dass sie die von jemandem bekommen hatte, so wie das bei uns immer so kettenartig geht, vor allem als wir in den Heimen lebten, alles war bekannt. Dann ist sie gekommen und hat mir die Adresse gebracht und die Telefonnummer. So, dass ich Frau P. angerufen habe und sie hat mir einen Termin gegeben damit ich zu einem Gespräch komme.118 (Frau Rajlić)

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Frau Rajlić war damit recht selbstständig, denn sie verabredete selbst einen Termin mit der Therapeutin. Oft wurden neue Gruppenmitglieder einfach zum nächsten Treffen mitgenommen:

Das war ’97, ich habe es von einer Frau aus Srebrenica gehört, die dahin ging, eine Freundin und entfernte Verwandte. So, dass es eine Gruppe gebe im Südost Zentrum oder so. Und ich bin mit ihr mitgegangen. Sie hat mich eingeladen. „Was sitzt du zu Hause, es ist besser, los komm in die Gruppe. Du kannst nichts ändern damit, dass du rumsitzt.“ Es ging mir mit jedem Tag immer schlechter. […] Und so ging ich mit ihr mit.119 (Frau Bašić)

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Damit war Frau Bašić beim ersten Termin nicht allein und hatte jemanden neben sich, der schon wusste, wie die Treffen ablaufen. Aber das Mitgenommenwerden, das Frau Bašić beschrieb, setzte, wie auch der Informationsfluss, ein soziales Netz voraus und jemanden, den man so gut kannte, dass er einen mitnahm. Frau Rajlić hatte sich anfangs von ihren Landsleuten ferngehalten, weil sie sich ständig an den Krieg erinnert fühlte und angefeindet wurde, weil sie aus einer ethnisch gemischten Ehe stammt. Zudem hatte sie keine Verwandten in Berlin, die sie mitnehmen konnten. Mit Frau Basić war das halbe Dorf nach Berlin geflohen und auf verschiedene Wohnheime verteilt worden, sodass hier noch alte Vernetzungsstrukturen funktionierten. Aber auch Personen, die nicht in Heimen wohnten, sondern privat untergebracht waren, profitierten von Freunden und Familienangehörigen, die sozusagen „an der Quelle“ waren und auch sie mit wichtigen Informationen versorgten.

Ich habe Familie hier, die in den Heimen gewohnt hat. Und dann wissen sie, dass man in den Heimen alles wusste. […] Aber eigentlich in der Wohnung ist es schwer etwas zu erfahren. Aber weil ich viel Familie habe, weil wir alle von dort vertrieben wurden, sind viele von uns hier nach Berlin gekommen, sodass ich es über sie erfahren habe.120 (Frau Nuhanović)

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So füllten sich durch das Weitersagen die Wartezimmer der Psychiaterinnen und Psychiater und die Therapiegruppen, die Zahl der Einzeltherapien bei Psychotherapeutinnen und -therapeuten stieg. Die Wohnheimunterbringung, die anfangs durch den Wohnungsmangel in Berlin bedingt war, und später aus politischen Interessen aufrechterhalten wurde, trug somit stark zum Informationsfluss zwischen den Flüchtlingen bei.

Psy-Behandlungen sind auf Sprache als Diagnosehilfsmittel und Therapeutikum angewiesen. Deshalb war die Verfügbarkeit von muttersprachlichen Allgemeinärztinnen und -ärzten, Psychiaterinnen und Psychiatern, Psychotherapeutinnen und -therapeuten und psychosozialen Beratungsstellen eine wichtige Voraussetzung für die Aufnahme einer Psychotherapie. Ohne die muttersprachlichen Psy-Angebote und die Informationen darüber wäre auf der einen Seite dem Behandlungsbedarf der Flüchtlinge nicht entsprochen worden, auf der anderen Seite wäre der Bedarf jedoch auch nicht in diesem Ausmaß entstanden. Denn ab einem bestimmten Punkt gehörte es zum Selbstverständnis bosnischer Kriegsflüchtlinge in Berlin, traumatisiert zu sein und zur „Therapie“ zu gehen. So wurde es auch anderen Familienmitgliedern, Freunden und Bekannten vermittelt, was die Nachfrage weiter steigen ließ.

3.3.5 Erfahrungen mit Behandlung

Dem primären Wunsch der Flüchtlinge nach Medikamenten wurde von den Ärztinnen und Ärzten weitestgehend entsprochen. Doch nicht die psychiatrische Behandlung und die Einnahme von Psychopharmaka waren am Ende ausschlaggebend dafür, ob jemand eine Aufenthaltsbefugnis erhielt, sondern eine Psychotherapie. Die jahrelange psychiatrische Behandlung wurde von der Ausländerbehörde nur akzeptiert, weil es nicht genügend Psychotherapieplätze gab. Nur Herr Tomić bekam aufgrund einer psychiatrischen Behandlung aber ohne Psychotherapie eine Aufenthaltsbefugnis, wobei er zusätzlich Gutachten einer Psychologin bei der Ausländerbehörde vorlegte, um seine Traumatisierung nachzuweisen.

↓118

Bis auf Herrn Tomić und Herrn Džaferović waren alle meine Interviewpartnerinnen und -partner in psychotherapeutischer Behandlung. Herr Džaferović konnte als ehemaliger Lagerhäftling erfolgreich über die Selbsthilfegruppe beim Südost Europa Kultur e. V. und die vom Behandlungszentrum für Folteropfer für diese Gruppe ausgestellten Atteste einen Aufenthaltstitel erwirken. Ein solcher Weg war aber nur für Einzelfälle wie bei Herrn Džaferović möglich, der andere Nachweise seiner Erlebnisse hatte, wie die Registrierung des Roten Kreuzes als Lagerhaftüberlebender. Somit wurde ohnehin davon ausgegangen, dass er traumatisiert war. Er stellt eine Ausnahme unter meinen Interviewpartnerinnen und -partnern dar, weil er sich aktiv allen Therapien und Medikationen entzog und dennoch einen Aufenthaltstitel aufgrund von Traumatisierung erhielt.

Keiner meiner Gesprächspartnerinnen und -partner empfand die Psychotherapie als Zwang, was auch Nikolas Rose beobachtet hat (1990: 227). Nur Herr Osmić erwartete eine stärkere Wirkung und war deshalb sehr enttäuscht von der Gruppentherapie, an der er zum Interviewzeitpunkt teilnahm. Ansonsten sprachen alle, die eine Therapie besuchten, über diese als willkommenes Hilfsangebot und anerkennend vor allem über das Engagement der Therapeutinnen. Zu ihnen pflegten meine Gesprächspartnerinnen und -partner eine enge Beziehung und sie wurden mit Vornamen angesprochen. Herrn B. hingegen, den Psychiater, den auch fast alle Gesprächspartnerinnen und -partner aufsuchten, sprach niemand mit Vornamen an. Manchmal wurde die Psychotherapie nicht einmal als „Therapie“ wahrgenommen; der folgende Ausschnitt aus einem Gespräch verdeutlicht dies:

↓119

A. W.: Und dann zur Therapie waren sie auch, zur Psychotherapie?

Frau Nuhanović: Bei der Psychotherapie war ich nicht. Einmal war ich nur, aber sie haben mir nicht, was soll ich ihnen sagen, dass sie mir soviel geholfen hätten. Ich war nicht.

↓120

A. W.: Wo waren sie?

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Frau Nuhanović: Ich war auch bei B..

A. W.: Auch zur Psychotherapie?

↓122

Frau Nuhanović: Auch zur Psychotherapie, ja.

↓123

A. W.: Und zu Z. gehen sie auch?

Frau Nuhanović: Ja, zu Z. gehe ich. Ja das ist etwas anderes! Ich rechne das nicht, dass das Psychotherapien sind. Ja, zu Z. gehen wir. Stimmt, ich gehe jeden Monat zu Z. Ich gehe in die Gruppentherapie. Ich gehe nicht in die eigenständigen Therapien. Ich gehe. Und es geht mir sehr gut nach diesen Therapien. So, wenn wir schön erzählen und uns Z. gute Ratschläge gibt, wie wir uns verhalten sollen, wie wir, wie wir leben sollen, dass wir so viel wie möglich, diese Probleme und so von uns abwerfen sollen. Dass wir auf uns selbst mehr Acht geben und wirklich ich habe vergessen, dass das Psychotherapien sind [lacht].121

↓124

Die Treffen nahm Frau Nuhanović als „schönes Erzählen“ und „Ratschläge, wie wir leben sollen“ wahr, aber nicht als Psychotherapie; wobei eine Psychotherapie nichts anderes umfasst, als sich im Gespräch auszutauschen und Techniken des Selbstmanagements zu erlernen. Frau Nuhanović nannte „auf sich Acht geben“ und „Probleme abwerfen“ als Lerninhalte der Psychotherapien. Beides sind Strategien, die in vielen Ratgebern zu finden sind. Nikolas Rose spricht von einer tiefen Durchdringung unseres Alltags mit „Psy-Wissen und -Praxen“, auch wenn ihre Vertreterinnen und Vertreter oft ausgelacht und nicht ernst genommen werden (Rose 1998: 34). Seiner Meinung nach liegt das an der hohen Anwendbarkeit von „Psy-Konzepten“, weil sie Know-how sind, das heißt Techniken beinhalten und nicht Wissen (knowledge) (Rose 1998: 43).

Therapeutinnen und andere Gruppenmitglieder wurden oft als Freundinnen empfunden, mit denen man reden kann und die einem einen Rat geben, wenn man ihn braucht. Auch die Männergruppen hatten einen eher freundschaftlichen Charakter, denn Herr Šeferović erwähnte resigniert, er wäre jetzt ganz allein, alle, die früher in die Gruppe beim Südost gingen, seien fort (vgl S. 6767). In dieser eher freundschaftlichen Atmosphäre und dem empathischen Umgang mit den Flüchtlingen unterschieden sich die Berliner Gruppentherapien stark von denen von Alan Young beschriebenen Therapiegruppen der Vietnamveteranen, in denen sehr viel stringenter mit den traumatischen Erinnerungen gearbeitet wurde. Im Klinikkontext wurden Fehlzeiten und fehlende Mitarbeit mit einer drohenden Entlassung aus dem Programm und der Streichung von Wochenendurlaub sanktioniert. Solche Druckmittel besaßen die Berliner Ärztinnen, Ärzte, Psychologinnen und Psychologen nicht, und die traumatischen Erinnerungen wurden auch nicht systematisch und intensiv „durchgearbeitet“, wie in den Gruppen, die Young beschreibt, in dem selbst das Bedürfnis Auszutreten als Vermeidungsstrategie in der Gruppe thematisiert wurde (Young 1995: 195 f.).

Im Vergleich dazu war die Gruppenarbeit mit den Flüchtlingen in Berlin viel freier, auch weil für die Therapierenden die Situation neu war. Sie hatten anfangs keine oder wenig Erfahrung in der Therapie von Posttraumatischen Belastungsstörungen und keine Erfahrung mit Therapiegruppen und bosnischen Patientinnen und Patienten. Außerdem waren sie empathisch, denn Flüchtlinge sind Opfer, Veteranen hingegen auch Täter. Eine regelmäßige Teilnahme an den Gruppentherapien war für die Bosnierinnen und Bosnier von der Attraktivität des Angebots abhängig, denn die Teilnahme war freiwillig. Die Erteilung von Attesten wurde nie von einem regelmäßigen Besuch der Gruppen abhängig gemacht. Allerdings war die Notwendigkeit wiederholter Attestierungen Anlass genug, regelmäßig an den Therapiesitzungen teilzunehmen. In der Gruppenarbeit wurde sich auf Austausch, Treffen und die Vermittlung von Ratschlägen konzentriert. Sie sollte stabilisieren und explizit nicht belasten (was die Therapien, die Young beschreibt, eindeutig taten).

↓125

Dass die Medikamente halfen, daran zweifelte keiner. Sie brachten Beruhigung und Schlaf, auch wenn sich die Flüchtlinge an sie gewöhnten, stärkere Medikamente brauchten und abhängig wurden. Dessen waren sich alle Gesprächspartnerinnen und -partner bewusst. Hingegen war die Wirksamkeit einer Psychotherapie schwieriger zu beurteilen. Alle berichteten, dass es ihnen schlecht ging, wenn andere über das ihnen widerfahrene Leid berichteten oder sie sich selbst an den Krieg erinnert fühlten.

Ich kann nicht sagen, dass ich da etwas sehe, irgendeinen Effekt der Gesundheitsverbesserung. […] Es ist gar nicht besser. Und dann noch wenn angefangen wird zu reden, ja, dann wird angefangen zu reden wie dieser das erlebte, wie jener das erlebte, wie bei dem die Familie da ermordet wurde, auf welche Weise bei jenem, dann wenn ich erzähle was bei mir war, wie ich dieses Leben durchlief, wie meine Familie ermordet wurde, wenn ich danach anfange zu erzählen. Und dann ist mir danach, was weiß ich, danach erschüttert mich das noch mehr und dann bin ich noch mehr. Und das beeinflusst, wenn ich ehrlich bin, dann beeinflusst mich das, wissen sie. Denn du kannst keinem sagen, weißt du, rede jetzt nicht darüber, los lass uns über anderes sprechen. Sondern jeder will seine eigene Geschichte erzählen.122 (Herr Osmić)

↓126

Von allen meinen Gesprächspartnerinnen und -partnern war Herr Osmić derjenige, der in eine Gruppentherapie ging, und sie dennoch heftig kritisierte, weil er mit ihr unzufrieden war. Alle anderen, die eine Gruppentherapie zu sehr belastete, wechselten zu Einzeltherapien. Die von Herrn Osmić beschriebene Dynamik war in jeder Gruppe zu beobachten und ließ die Psychotherapeutin Frau A. zu dem Schluss kommen, dass in den Gruppen früher mit dem Erzählen aufgehört werden müsse, damit die Zuhörenden nicht zusätzlich durch die Erzählungen der anderen belastet würden. Nichtsdestotrotz bestanden die Gruppen lange fort, und immer wieder wurde über die belastenden Erinnerungen gesprochen, vor allem in den Großgruppen, in denen der Erzählfluss schlechter geleitet werden konnte. Am Ende zählten meine Gesprächspartnerinnen und -partnern vor allem die positiven Effekte auf.

Ja mir persönlich haben diese Therapien geholfen. Obwohl es auch Augenblicke gab als wir die Erlebnisse, die wir erlebten, hörten und erzählten, diese Traumen oder was weiß ich wie man das anders sagen würde. Etwas Schlechtes, das uns zugestoßen ist im Krieg. Und das Hören von anderen, die in der Gruppe waren. Manchmal war ich, nicht immer, bei manchen Erzählungen, in hinreichenden Fällen erlebte ich ein Gefühl des Schmerzes. Weil es mich getroffen hat, wenn jemand erzählt, wie es ihm ergangen ist und was ihm noch hätte zustoßen können. Und wie er diese Angst erlebte, dieses Leiden. Denn viele waren im Lager. Viele wurden gefoltert, viele körperlich angegriffen, psychisch misshandelt. Und, ja, manchmal habe ich es erlebt, aber nicht nur ich, zumindest nach den Erzählungen der anderen, irgendeine Erleichterung, wenn wir diesen Vorfall erzählen, erzählten was geschehen ist.123 (Herr Imamović)

↓127

Ungeachtet der beschriebenen Belastung wurden die Gruppentherapien nicht abgebrochen. Bezeichnenderweise trat die Erleichterung nur manchmal ein, die Belastung aber „in hinreichenden Fällen“, wobei Herr Imamović ebenfalls von einem „manchmal“ ausging, das er zu einem „nicht immer“ werden ließ. Die Flüchtlinge hörten die Geschichten der anderen und fühlten mit ihnen. Das Gehörte und Selbsterzählte ist als Erfahrung viel einprägsamer als Fachbegriffe, wie Herr Imamovićs kurze Erklärung zum Trauma verdeutlicht. Das Trauma war für ihn das Schreckliche, was passiert ist – im diagnostischen Sinn das A-Kriterium – und nicht die Erinnerung daran. Er thematisierte nicht seine eigenen, sich aufdrängenden Erinnerungen an das Gewesene als störend (das B-Kriterium), sondern das Zuhören, was als Hinweisreiz gewertet werden könnte. Seine Erinnerung kam nicht von allein, sich aufdrängend, sondern in den Gruppen, wenn über die Kriegserlebnisse gesprochen wurde.

Im Gegensatz dazu erleichtert das eigene Darüber-Sprechen, das Sich-daran-Erinnern, das Darüber-Zeugnis-Ablegen, wobei Herr Imamović dabei, um seine Aussage zu verstärken, auch auf die anderen verwies, denen es ebenso so ging. Hierin sehe ich einen weiteren wichtigen Motivationsmotor. Durch die Schilderungen der Erleichterung nach den Erzählungen wurde die Erwartung geweckt, dass das Erzählen hilft, und regte weiteres Erzählen an. Mit der Erwartung, dass das Reden erleichtert, erleichterte es auch wirklich. Das Erzählen braucht Publikum, also hörten die Gruppenmitglieder den Erzählenden zu, um auch irgendwann deren Gehör zu erhalten. Doch sobald die Erwartung zu hoch war, einem nicht zugehört wurde oder die Erzählung keine Anerkennung fand, gab es keine heilende, erleichternde Wirkung, sondern Enttäuschung, wie sie Herr Osmić schilderte. Doch in der Regel trat Erleichterung ein.

So multiplizierten sich die Leidenserfahrungen in den Gruppen durch das wiederholte Erzählen und wurden zu einem Opfernarrativ, das die verschiedenen Schilderungen in sich aufnahm. Über die ähnlichen Erfahrungen entstand ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Aber neben dieser gemeinsamen Erinnerungsarbeit, die durch Psychotherapeutinnen und -therapeuten forciert wurde, waren für meine Gesprächspartnerinnen und -partner weitere Gruppenaktivitäten wie das Feiern von Festen und Ausflüge, die Ablenkung brachten, mindestens genauso wichtig. Hilfreich wären diese Aktivitäten auch ohne Leidenserzählungen, sie würden genauso von den alltäglichen Problemen und Sorgen ablenken. Doch vom Leid wurde erzählt, weil es erwartet wurde, weil es die Teilnahme der Betroffenen an den Gruppensitzungen rechtfertigte und sie als Opfer und eben als Betroffene kennzeichnete. Dennoch trennten die Flüchtlinge nicht zwischen den Freizeitaktivitäten und dem aktiven Gedenken, wie es Herr Džaferović beschrieb. „Zweimal in der Woche so waren wir zusammen, manchmal auch irgendwelche Festivitäten. Eigentlich war es nicht schlecht, weißt du. Jeder hat seins mitgeteilt, was er erlebt hat. Und so erzählt haben wir, dass man weiß, was war. Und dass es sich nicht wiederholt, nicht wahr?“124

↓128

Herr Džaferović war in einer Selbsthilfegruppe, die anfangs ohne psychotherapeutische Anleitung zusammenfand und erst später von einer Fachkraft angeleitet wurde (Funke/Rhotert 1999: 299). Wie es Herr Džaferović schilderte, ging es um Gedenken und Archivierung, die als Mahnung für die Zukunft dienen sollten. Eine solche Erinnerungsarbeit, die versucht, das Gewesene zu sammeln und die Erinnerung wach zu halten, ist in Lateinamerika eine Art politischer Arbeit, in der die Verbrechen politischer Regime artikuliert und aufgezeichnet werden, um dem Schweigen entrissen zu werden (Maerker 1997: 44 f.). Es ist aber dieses politische Moment, die Dokumentation des Gewesenen, das den Berliner Therapiegruppen fehlte. Es wurde zwar geredet, aber nicht aufgeschrieben und publiziert, wie es die Testimony-Methode (Cienfuegos/Monelli 1983) erfordern würde. Die Gruppen hatten keinen politischen Anspruch, sondern allein einen therapeutischen. Die Therapiesitzungen wurden zu einem Ort zum Reden, wo neben den eigenen Landsleuten und Leidensgenossinnen sowie -genossen auch (deutsche) Psychotherapeutinnen und -therapeuten zuhörten und zu Zeuginnen und Zeugen wurden. Manchmal, vorausgesetzt man glaubte daran, erleichterte das Sprechen bzw. der Monolog über die Sorgen die Sprechenden.

So wurde die am Ende positiv bewertete Gruppen- oder Einzeltherapie weiterempfohlen und die Gruppe der Patientinnen und Patienten vergrößert.

↓129

Frau Bašić: Die Gruppen haben wirklich allen geholfen. Ich denke, dass uns keiner heilen kann, dass wir nicht, dass wir so ganz [gesund, A. W.] werden. Wer auch immer etwas überlebt hat und na es muss nicht sein, dass er im Krieg war, aber jemand ist verschwunden, sein Bruder ist verschwunden, Vater oder was weiß ich, Kinder und alles. Davon kann uns keiner heilen, solange wir leben. Aber im Vergleich zu dem, wie es mir ging, geht es mir jetzt gut. […]

A. W.: Haben sie jemandem die Behandlung weiterempfohlen?

↓130

Frau Bašić: Natürlich, haben wir, wir haben allen Frauen zum Beispiel, die wir kannten, eine der anderen, die vorher noch nicht angeschlossen war. Wenn du sie siehst, dann sagst du: „Los komm in die Gruppe, es wird dir leichter, es wird besser.“125

So setzten sich die Weiterempfehlungen fort, bis es auch die Letzten erreichte und keiner mehr übrig blieb für einen gut gemeinten Hinweis auf die Therapien, der nicht schon in einer Therapie war. So antwortete Herr Osmić, den ich mit seiner Enttäuschung über die Therapien zitiert habe, und der im Vergleich zu anderen Flüchtlingen erst spät mit einer Psychotherapie begonnen hatte, auf meine Frage, ob er die Gruppentherapien weiterempfohlen hätte: „Gut, das habe ich. Ich denke, ich habe es jedem gesagt, dass er geht. Und dann, gut, die Leute gehen viel, es gibt genug Gruppen hier in Berlin, wissen sie. Sie gehen jetzt.“126 Sogar Herr Osmić, der enttäuscht war von der Therapie, und der nur hinging, weil es ihm sein Arzt aufgetragen hatte, empfahl die Therapie weiter bzw. versuchte es, denn er fand niemanden mehr in seinem Umfeld, der nicht bereits in einer Psychotherapie gewesen wäre oder davon nichts wusste.

↓131

Eine Psychotherapie wurde anderen Familien und Einzelpersonen ans Herz gelegt, nur sehr selten dem eigenen Ehepartner. In der Regel ging ein Ehepartner, egal ob Ehefrau oder Ehemann, in eine Psychotherapie, der oder die andere aber nicht. Dass beide Ehepartner in psychotherapeutischer oder psychiatrischer Betreuung waren, kam bei meinen Gesprächspartnerinnen und -partnern nur einmal vor, obwohl ich mit dreizehn Ehepaaren gesprochen habe. Zumeist war nur einer der Ehepartner psychisch krank. Es gab drei Erklärungsmuster, warum nur ein Ehepartner in eine Psychotherapie oder zur Psychiaterin oder zum Psychiater ging: Oft wurde es damit erklärt, dass nur ein Ehepartner erkrankte und der oder die andere gesund sei. Die zweite Begründung postulierte eine unterschiedliche Schwere der Erkrankung und nur der schwerer erkrankte Ehepartner ging dann in Therapie. Der oder die andere kümmerte sich sowohl um den Kranken oder die Kranke und bürokratische und andere Belange. Eine dritte Erklärung räumt eine gleich starke Erkrankung ein, jedoch für die zweite Person auf körperlicher Ebene, die deshalb Besuche bei anderen Spezialistinnen und Spezialisten erforderte. So sagte Frau Nuhanović, dass sie nervlich erkrankt sei, ihr Mann hingegen körperlich – er hatte einen Herzinfarkt. Herr Dugandžić sagte das Gleiche von seiner Frau: Sie hätte zwar Probleme mit den Beinen, aber sei sonst gesund. Auch Herr Imamović sagte, dass seine Frau nicht erkrankt sei, weil sie stärker sei als er und alles besser verkraftet hätte. Dies ist ein Hinweis, dass die Rolle der bzw. des „psychisch Kranken“ in den Partnerschaften verteilt wurde und die Partnerin bzw. der Partner die Rolle des zumindest psychisch Gesunden übernahm, auch wenn körperliche Beeinträchtigungen vorlagen.

Nur Frau Lisac versuchte, ihren Ehemann in eine Therapie zu schicken, doch der weigerte sich, über seine Kriegserlebnisse zu reden, weil ihn das zu sehr aufregte. Daneben würde sein Leiden kein Gehör in den Gruppen finden, denn er war als Serbe drei Jahre lang in Sarajevo eingeschlossen gewesen, hatte unter dem Granatenbeschuss serbischer Streitkräfte und unter muslimischen Nachbarn, die ihn anfeindeten, der Spionage verdächtigten und zur Zwangsarbeit an der Front verpflichteten, gelitten. Stimmen wie die seine wurden in den Gruppen nicht gehört, weil sie nicht in das Opfernarrativ passten. Die Gruppen leisteten keine Versöhnungsarbeit. Angehörige ethnischer Minderheiten wurden in den Gruppen marginalisiert und gingen, wie Frau Rajlić, zu Einzeltherapien.

Scheinbar haben meine Gesprächspartnerinnen und -partner, die sich in psychologischer oder psychiatrischer Behandlung befunden haben, ihre Vorurteile gegenüber Psy-Institutionen und Psy-Vertreterinnen und -Vertretern überwunden. Bei genauerer Betrachtung ist dem jedoch nicht so. Die Vorurteile hatten ihre Gültigkeit lediglich für das hiesige Leben oder den Moment für eine konkrete Person verloren. In erster Linie waren dies Frauen und Kinder. Fast alle Kinder meiner Gesprächspartnerinnen und -partner waren in einer Psychotherapie oder sollten in eine gehen, aber sie weigerten sich. Männer, die Lagerhaft überlebten, hatten ebenfalls einen Behandlungsbedarf, der sich von selbst verstand. Hingegen beschrieben sich Männer, die „nur“ vertrieben wurden, als besonders empfindlich (Herr Galić, Herr Ferhatović), begaben sich erst später in eine psychotherapeutische Behandlung, nach Überzeugungsarbeit anderer (Herr Osmić, Herr Imamović), erhielten nur psychologische Stellungnahmen (Herr Tomić), aber keine Psychotherapie im engeren Sinne oder sagten selbst von sich, dass sie keine „schweren Fälle“ seien (Herr Kapić).

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Frauen mussten sich für eine Psychotherapie nicht rechtfertigen und taten es in den Gesprächen auch nicht. Diesem Muster wurde in der Berliner Aufnahmegesellschaft auf ähnliche Weise entsprochen. Hier fanden sich vor allem Psychotherapeutinnen, die sich oft ehrenamtlich in der Flüchtlingsarbeit engagierten und vor allem Frauen ansprachen und erreichten. Zwei Phänomene waren hierbei von Bedeutung: Zum einen sind Flüchtlinge in der öffentlichen Wahrnehmung vor allem weiblich. Es sind Flüchtlingsfrauen mit ihren Kindern, die den Flüchtlingsstatus ikonisch repräsentieren, als wehrlose Opfer und als Verkörperung der zivilen Bevölkerung. So gab es in Berlin separate Wohnheime für traumatisierte Frauen und ihre Kinder sowie auch eine Frauenberatungsstelle. Ähnliche spezialisierte Wohn- und Beratungsangebote gab es nicht für Männer. Zum anderen sind insbesondere Frauen dem Rollenbild der Helfenden und Sorgenden entsprechend in der Flüchtlingsarbeit engagiert, denn Karrierechancen und Einkommen in dieser Branche sind beschränkt. Einziger Lohn ist oftmals das Wissen, vielen Flüchtlingsfamilien geholfen zu haben. In vielen Fällen wurde freiwillig und unentgeltlich gearbeitet. Beide Tendenzen, weibliche Flüchtlinge und weibliche Therapierende, verstärkten sich gegenseitig. Therapeutinnen boten insbesondere Frauengruppen an und zudem erschienen Frauen in der Öffentlichkeit als hilfsbedürftiger und von Krieg und Vertreibung betroffener, sodass vor allem Therapien für Frauen gefordert und angeboten wurden und damit das Bild von therapiebedürftigen Flüchtlingsfrauen verstärkt wurde.

Für beide Geschlechter trug jedoch die Anonymität Berlins, die unverbindlichen Kontakte mit anderen Landsleuten und die Aufenthaltsproblematik zur Akzeptanz von Psy-Behandlungen bei, denen sie zuvor ablehnend gegenübergestanden hatten. Frauen wie Männer begriffen die Gruppen neben der therapeutischen „Arbeit“ auch als soziale Aktivität, als Treffen im globalen Dorf Berlin. Die Therapiegruppen waren ein möglicher Treffpunkt, ein Teil Normalität der bosnischen Diaspora in Berlin.

Gleichzeitig war die angebotene Psychotherapie nicht der einzige Weg zur Heilung. Neben ihr setzten meine Gesprächspartnerinnen und -partner eigene Therapierezepte um oder formulierten Änderungswünsche an die Psychotherapien. So fand Herr Galić die Therapien zu anstrengend, er hätte gern mehr gelacht und mit den anderen Gruppenmitgliedern gescherzt. Frau Müller sagte, dass Singen, Tanzen und Fröhlichsein ihr am meisten helfe und sie ablenke. Frau Bašić hatte der Deutschkurs, den sie seit einem Jahr besuchte, sehr geholfen, aber auch die Therapie, beides gleich viel, meinte sie. Mit dem Kurs hatte sie wieder begonnen fernzusehen, in deutscher Sprache, das hätte ihr die Lehrerin empfohlen, damit sie auch auf diesem Weg die Sprache lernt. Nun wäre sie viel selbstständiger, selbstsicherer und recht optimistisch, was die Zukunft angeht. Herr Tomić hat festgestellt, dass er sich am besten selbst hilft und wendete alternative Heilmittel wie Kräutertees an; Herr Džaferović, der dem Ganzen von Anfang an skeptisch gegenüberstand, meinte, es könne doch jeder Psychologe sein, man bräuchte nur die nötige Ruhe und müsste die Leute verstehen. Ich, die Interviewerin, würde doch genau das Gleiche tun wie die Psychologinnen und Psychologen.

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Diese Aufzählung verdeutlicht, dass es vielseitige alternative Therapiemöglichkeiten gab. Die Psychotherapie war in erster Linie für den Erhalt eines Aufenthaltstitels wichtig. Dabei konnte sie ihrer Aufgabe der Behandlung von Kriegsverlusten über Selbstmanagement nicht vollständig gerecht werden. Ob dies überhaupt zu gewährleisten ist, steht zu bezweifeln, denn Traumatisierungen sind nur in ihrem gesellschaftlichen Kontext zu verstehen und entwickeln sich einzig in diesem, wie ich im vorigen Kapitel beschrieben habe. Selbst psychologische Studien bestätigen diese Abhängigkeit posttraumatischer Symptome von gesellschaftlichen Entwicklungen, vor allem der Anerkennung von Leiden und juristischer Aufarbeitung von Verantwortung, und stellen damit die Universalität und Objektivität diagnostischer Kriterien infrage. Wenn soziale Einflussfaktoren anerkannt würden, so stünde das im Gegensatz zum Grundprinzip psychiatrischer Diagnostik, die mit der Einführung des Begriffs „Störung“ (vgl. S. 3535) und der standardisierten Diagnostik versuchte, das soziale Umfeld auszuklammern. Aber wie gesagt, es ist ein Zeichen für die Stabilität eines diskursiven Feldes und macht sein Funktionieren als boundary object erst möglich, wenn widersprüchliche Ansichten integriert werden können und keine Zweifel mehr an der Diagnose bestehen, nur an ihrer angenommenen Enge, die zu Forderungen nach einer Erweiterung des Konzeptes führen. Die vorhandene Flexibilität der Diagnosekategorie ermöglichte allen Akteuren, ihre Standpunkte beizubehalten und miteinander in Interaktionen zu treten, ungeachtet ihrer unterschiedlichen Ansichten und Beweggründe.

3.3.6 Neuinterpretationen – neues Verständnis von psychischen Vorgängen

Die Ansichten meiner Gesprächspartnerinnen und -partner über psychische Erkrankungen, die eigene „Krankheit“ sowie die Heilungsmöglichkeiten waren trotz mehrjähriger Psychotherapie und der Aufklärung über die Störung nicht völlig an die psychotherapeutischen Erklärungsmuster angeglichen worden. Für sie erklärten sowohl ihre Erlebnisse, mit denen sie sich abfinden mussten (und müssen), als auch die Lebensumstände in Berlin, deren Notwendigkeit sie nicht nachvollziehen konnten, gleichermaßen ihre Symptome. Die Aufnahmesituation und ihre Probleme, einen Aufenthaltstitel zu erhalten, schilderten sie immer wieder und intensiver als ihre Kriegserlebnisse. Im folgenden Abschnitt stelle ich die Veränderungen dar, die mit der Therapie zusammenhingen; denn meine Gesprächspartnerinnen und -partner beschrieben Phänomene, die ich mit Hacking als Rückkopplungseffekte (Hacking 1986) und mit Foucault (1984) und Rose (1990) als Technologien der Selbstregulation und -kontrolle theoretisch einordne.

Zur Erinnerung: Die Lebenssituation der Flüchtlinge war nicht nur bestimmt von Duldungsverlängerungen, jahrelangem Arbeitsverbot und später von dem Rückkehrdruck, für den die Aufnahmegesellschaft verantwortlich war, sondern auch von der Sorge um die Angehörigen daheim. Das folgende Zitat verdeutlicht dies:

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Und wenn der Mensch damit belastet ist, dass er seinen Ort verlassen muss, den Ort, wo er wohnt, wo er lebt, kann man sagen, dass er versuchen müsste, irgendwelche eigenen Aktivitäten zu entwickeln. Natürlich müssen wir berücksichtigen, dass das ganze Jahr ’94 der Krieg anhielt und ich keinen Kontakt zu den Meinigen hatte, die dort geblieben sind im Krieg. Und das hat mich wirklich enorm belastet. Wie kann ich mich hier entspannen und amüsieren und ins Kino gehen, wenn ich weiß, dass sie dageblieben sind in dieser Situation? Wenn ich zumindest die Möglichkeit gehabt hätte zu telefonieren, dann wäre es leichter gewesen, dass wir uns zumindest hören. Aber damals konnte man nicht einmal telefonieren. […] Natürlich hatte ich kein Telefon, ich kaufte eine Karte und ging in die Telefonzelle, vor der Zelle eine Schlange nachts. Man sagte nachts wäre es einfacher.130 Und all das war was, das den Menschen, so sage ich, den Verstand austrieb. Auf der anderen Seite das Bewusstsein, dass du in Sicherheit bist. Du bist in Sicherheit, dir kann nichts Schlechtes mehr geschehen, in dem Sinne, wie es im Krieg geschehen konnte. Aber das Wissen, dass sie dort geblieben sind und dass es noch dauert. Das ist vielleicht kein Trauma im richtigen Sinn des Wortes, aber es ist eine Belastung, es ist eine Belastung.131 (Herr Kapić)

Herr Kapić beschrieb das Mitleiden mit den Angehörigen und Freunden zu Hause. Wie er richtig feststellt, ist es kein Trauma, jedoch eine Belastung. Sein Leiden ist im Störungsbild der Posttraumatischen Belastungsstörung als Erlebnis (A-Kriterium) nicht kategorisierbar, aber es verursachte die gleichen Gefühle der Hilflosigkeit und des Ausgeliefertseins, die gleiche Schlaflosigkeit und innere Unruhe. Es „trieb den Menschen den Verstand aus“, formulierte Herr Kapić. Doch diese Verrücktheit müsste bei einer genauen Diagnostik im Fall von Herrn Kapić als eine Anpassungsstörung diagnostiziert und attestiert werden, denn er hatte sich nicht gut genug an den alltäglichen Wahnsinn des Krieges in seiner Heimat, den er aus der Ferne beobachten musste, angepasst.

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Die gleiche Diagnose könnte auch für Frau Avdagić gestellt werden, bei der die Symptome nach dem Krieg einsetzten, als ihr Vater „verschwand“ und sie aufgefordert wurde, Deutschland zu verlassen. Frau Avdagić hatte die ersten Kriegsmonate in Srebrenica erlebt, war mit ihren Kindern evakuiert worden und ihrem Mann nach Deutschland nachgereist. Die drohende Abschiebung und die Ungewissheit über den Verbleib des Vaters, und nicht die eigene Flucht verursachten die Symptomatik, die als Posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert wurde, aber von weniger einfühlsamen Psychologinnen, Psychologen, Ärztinnen oder Ärzten genauso gut als Anpassungsstörung hätte diagnostiziert werden können, denn Frau Avdagić wollte und konnte sich nicht mit dem Ende ihres Aufenthalts in Deutschland abfinden und hatte Angst vor der Rückkehr.

In ihrem Fall passierte etwas, das Alan Young als Neuinterpretation der Vergangenheit beschreibt. Das traumatische Ereignis erhielt erst im Nachhinein seine Bedeutung als Trauma; zuvor war es ein Erlebnis wie jedes andere (Young 1996: 97 f.). Die Traumatisierung wurde erst im Hier und Jetzt, Jahre nach dem Ereignis, diagnostiziert und somit die Ereignisse neu gedeutet. Frau Avdagićs Beschwerden wurden retrospektiv von verständnisvollen Ärztinnen, Ärzten, Psychologinnen und Psychologen auf ihre Flucht und das Verschwinden des Vaters (das alleinige Verschwinden hätte für das Erhalten der Diagnose laut DSM „nicht ausgereicht“) bezogen. Frau Avdagićs Beschwerden wurden ihr erklärt und sie erhielt Anweisungen für deren Bewältigung. „Ich gehe dahin und höre I. [Name der Psychotherapeutin, A. W.] zu. Sie sagt ‚Ihr müsst dieses, ihr müsst jenes’“132, beschrieb Frau Avdagić die Psychotherapie und damit die vermittelten normierenden Technologien des Selbst (Rose 1990: 241 mit Verweis auf Foucault).

So begann Frau Avdagić, sich als traumatisierte Bosnierin wahrzunehmen und sich zu bemühen, der Anleitung ihrer Psychologin zu folgen und diese in ihrem Alltag anzuwenden. Ian Hacking beschreibt das Annehmen von solchen Beschreibungsmustern und ihre Reproduktion im Alltag als Rückkopplung, als Zurechtmachung von Menschen (Hacking 1986 und 2001: 126 f.). Frau Avdagić ist traumatisiert und psychisch krank, denn sie fühlte sich so, nachdem es ihr erklärt wurde und sie es verstanden bzw. verinnerlicht hatte – das heißt, seitdem sie sich selbst auch als traumatisiert und „psychisch krank“ verstand und so empfand. Denn ihr Mann hatte ihr bestätigt, dass ihr Verhalten nicht mehr normal sei und ihre Therapeutin hat ihr gesagt, dass es die Traumatisierung sei, die sie verändert hat.

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Ähnlich war es auch bei Frau Bašić:

Und mir hat Frau R. wirklich gesagt, dass ich gar nicht darüber sprechen kann. Und ich brauche nicht sprechen. […] Denn damals haben wir nicht daran gedacht, dass überhaupt jemand überleben würde. Weil schon die ganze Welt wusste, was war und wie und sie haben Aufnahmen und alles. Da war es am schwersten. Aber ich hatte wiederum gar keine Angst um mich. Ich habe mir für mich nichts vorgestellt. Ich habe nur zu Gott gebetet, dass sie meine Kinder zuerst töten würden, dass ich es mit eigenen Augen sehe, wenn sie sie umbringen, dass sie erst sie umbringen und dann mich, dass ich nicht sehen müsste, wie sie gequält würden. So hat die Frau am Ende, diese Ärztin, die da war, sie sagte: „So, ich gebe dir diese Bestätigung.“ Sie bestätigt mir, dass ich traumatisiert bin. So wie es ist. Es war schwer, all das zu überleben. Und eigentlich kann ich darüber nicht sprechen [Hervorhebungen A. W.].133 (Frau Bašić)

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Frau Bašić schilderte die Begutachtungssituation beim Berliner Polizeiärztlichen Dienst, deren Psychologin sie zum Reden aufforderte und ihr auch bestätigte, dass sie traumatisiert sei. Auch sie selbst empfand sich als „traumatisiert“, denn „es war schwer, all das zu überleben“. Damit bezog sie ihre Traumatisierung auf das Erlebte und reduzierte die Diagnose auf das A-Kriterium. Wer etwas Schreckliches erlebt hat, ist traumatisiert. Frau Bašić fand sich darin bestätigt, denn die Psychologin des Polizeiärztlichen Dienstes sagte es ihr ebenfalls und bestätigte es ihr schriftlich. Damit hatte sie es amtlich und bekam erst Duldungen, mit einer zwölfmonatigen Gültigkeit und dann eine Aufenthaltsbefugnis. Unklar war ihr jedoch, warum Freunde, die Ähnliches erlebten, keine Aufenthaltsbefugnis aufgrund einer Traumatisierung erhielten.

Sie sagte, ihre Therapeutin hätte ihr gesagt, dass sie nicht über das Geschehene reden könne und deshalb rede sie auch nicht darüber. Das sagte sie bezeichnenderweise in einer Situation, in der sie schon dabei war, ungefragt ihre schlimmsten Erlebnisse in Srebrenica zu beschreiben. Im Gespräch unterbrach sie sich selbst, um der Voraussage der Therapeutin „nicht darüber sprechen zu können“ zu entsprechen. Paradoxerweise hatte sie bereits über ihre schrecklichen Erlebnisse gesprochen. Hier wird der Rückkopplungseffekt sogar hörbar.

Reden und Schweigen über das Erlebte, an das gleichzeitig in beiden Tätigkeiten, Reden wie Schweigen, erinnert wird, sind laut Definition in zwei Symptomgruppen vertreten (Wiedererleben und Vermeidung) und Teil der Diagnose. Wer schweigt, vermeidet und erfüllt damit Diagnosekriterien des C-Kriteriums; wer redet, zeigt Symptome des Wiedererlebens, des B-Kriteriums. Die Flüchtlinge redeten und schwiegen. Die Art der Aufnahme in Berlin – und anderswo in der BRD – trug in einem entgegengesetzten Sinn zur Krankheitserhaltung bei den Flüchtlingen bei. Es waren neben Verwaltungsvorgängen wie der Begutachtung durch den Polizeiärztlichen Dienst zum Beispiel auch die gut gemeinten Therapieangebote und die äußerst erfolgreiche Lobbyarbeit für die traumatisierten Flüchtlinge, die sie ständig zum Reden aufforderten und auf die Rolle der Traumatisierten festschrieben und ihnen die Normalität verwehrten, die sie sich wünschten.

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Der Psychologe hat dir gesagt wie du dich verhalten sollst. […] Das hat alles von der Situation abgehangen, die sich abspielte in Bosnien-Herzegowina, in Deutschland in Verbindung mit dem Aufenthaltsstatus hier, der Rückkehr dorthin. Von Anfang dieses Krieges an und bis zum heutigen Tag. […] Wenn der Mensch nachdenkt, dass er normal in seinem Haus sein könnte, dass er seine Arbeit hätte, dass die Kinder in ihrem Haus wären, dass du normal deine Familie hättest, deine Nächsten. Ja so denkst du nach, dass du hier von heute auf morgen bist. Dass du jeden Moment gehen kannst, aber keine Existenz für ein weiteres Leben hast. Das fällt keinem leicht oder ist ihm egal.134 (Herr Imamović)

Wieder verbanden sich der gewaltsame Verlust des gewohnten Umfeldes und die Perspektivlosigkeit zum Symptombild, wie es von den Flüchtlingen beschrieben wurde. Der Psychologe sagte Herrn Imamović zwar, wie er sich verhalten solle, doch trotzdem malte sich Herrn Imamović aus, wie sein Leben verlaufen wäre, hätte es keinen Krieg gegeben oder hätte er hier eine Perspektive gehabt. Die Gedankensteuerung, die Anleitung, wie er sich verhalten soll, funktionierte nicht. Am Ende war jede bzw. jeder trotz der psychologischen Hilfsangebote und dem Austausch mit anderen in den Therapiegruppen mit ihrem bzw. seinem Schmerz allein und musste selbst einen Weg finden, mit ihm umzugehen.

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Innerhalb der Psychotherapien wurden keine Antworten auf die Fragen der Flüchtlinge gegeben. So konnte Herr Džaferović beispielsweise nicht verstehen, wieso er im Lager damit erniedrigt wurde, nicht auf Toilette gehen zu dürfen; Herr Osmić fragte sich, warum gerade er aus seinem Heimatort als erster vertrieben wurde, wo er selbst zur Zeit des Zweiten Weltkriegs, als sein Onkel mit SS-Einheiten kollaborierte, doch noch nicht einmal geboren war; Frau Avdagić fragte sich, was mit ihrem Vater, der verschwunden ist, passiert war. Diese Geschehnisse machten weiterhin trotz Psychotherapie keinen Sinn.

In den Therapien geschah etwas anderes: Das Denken und Sprechen über die Ereignisse wurden neu geordnet und eingebettet. Nicht die Ereignisse als solche bekamen einen Sinn, sondern das Sprechen über sie wurde neu interpretiert und damit neu gesehen und verstanden. Dieses veränderte Sprechen über die eigenen Erlebnisse und Beschwerden nennt Alan Young „language game“ (Young 1992 und 1993). Die Empfindungen und Verhaltensauffälligkeiten der von ihm beschriebenen Veteranen wurden in psychoanalytisches Vokabular übersetzt und damit zwar anders verstanden, aber nicht geändert. Diese Strategie lebt von der Fokussierung auf innere Vorgänge und dem Versuch, sie mit Begriffen wie „Vermeidung“, „Abwehr“, „Spaltung“, „Idealisierung“ und ähnlichen psychoanalytischen Interpretationen und Deutungen der individuellen Seelenlandschaft zu erklären.

Das Grundprinzip des „language game“ war bereits seinem Erfinder Sigmund Freud klar:

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Er [Freud, A. W.] stellt sich auch die Frage, wie man überprüfen könne, ob eine Konstruktion oder Rekonstruktion richtig sei oder nicht und bringt das Prinzip ‚Heads I win, Tails you lose’ an: das heißt, wenn er [der Pat, AK] uns zustimmt, dann ist es eben recht: wenn er aber widerspricht, dann ist es nur ein Zeichen seines Widerstandes, gibt uns also auch recht (Koellreuter 2007: 18).

Die Behandelnden haben die Deutungshoheit; ob ihre Patientinnen und Patienten das Gleiche wie sie in ihre Beschwerden hineininterpretierten war zweitrangig. Taten sie es, bestand Übereinstimmung zwischen beiden Standpunkten, taten sie es nicht, wurden sie vom Standpunkt der Therapierenden – denn diese sind die Expertinnen und Experten – überzeugt. Dies gilt nicht nur für die Psychoanalyse, sondern für alle Gesprächstherapien. Auch den bosnischen Flüchtlingen in Berlin wurden neue Worte und Erklärungen für ihre Leiden gegeben. So bekam alles einen anderen Sinn und wurde mit dem Geschehenen in Verbindung gebracht.

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Ich habe es auch davor bemerkt, aber ich wusste nicht, dass es damit verbunden war. Aber jetzt zum Beispiel, wenn ich I. [Name der Psychotherapeutin, A. W.] sage „warum tut mir alles weh, alles nervt mich, über alles mache ich mir Sorgen, so, stresst mich jede Kleinigkeit.“ Sie sagt: „Auch das ist“, sagt sie, „eine Krankheit, auch das ist eine Folge dessen. Dessen, was du erlebt hast.“ Und diese Anspannung wohl, diese, so ständig bist du irgendwie angespannt. Ich brauche nur wenig, dass ich, was weiß ich. Alles nervt mich. Alles. Alles.135 (Frau Avdagić)

Frau Avdagićs Therapeutin erklärte ihre Beschwerden mit dem, was sie erlebt hatte, wobei Frau Avdagić vor allem am Unwissen über das Schicksal ihres verschollenen Vaters und ihrer weiterhin unsicheren Aufenthaltssituation litt. Mit der Zeit wurden die Flüchtlinge Teil dieses „language game“ und erklärten ihre Beschwerden, wie Frau Avdagić, mit Stress sowie Anspannung und reduzierten ihre gesundheitlichen Probleme und Grübeleien darauf. Die Verbindung zwischen dem Erlebten und den Symptomen Schlaflosigkeit und Nervosität, die die Flüchtlinge bei ihren Allgemeinärztinnen und -ärzten, Psychiaterinnen und Psychiatern Medikamente erbitten ließen, wurde erst in den Psychotherapien hergestellt. Die Logik der Posttraumatischen Belastungsstörung, dass aus dem Erlebten die Symptome folgen, wurde den Flüchtlingen vermittelt.

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Das vereinfachte den Sachverhalt erheblich, denn es gab eine Ursache, das Trauma, und einen Ort der Folgen: das Individuum bzw. seine Erinnerungen und Gefühle. Die gesellschaftlichen Bedingungen wurden ausgeblendet, obwohl sie maßgeblich an der Symptomausbildung beteiligt waren. Die Therapie setzte trotzdem auf der individuellen Ebene an. Linderung wurde durch das Erlernen von Entspannungstechniken und fokussierten Selbstgesprächen versprochen. Auch war es beruhigend, eine Erklärung für all die Veränderungen zu haben, wenn diese schon nicht zu ändern waren und die auslösenden Ereignisse unverständlich blieben.

Doch es war nicht nur das Trauma, das die Menschen ihrem neuen Verständnis nach veränderte:

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Natürlich kann ich nicht mehr gesund sein, wie ich gesund war. […] Sagen wir ’92 als der Krieg anfing, dass ich sage, das ist jetzt genauso. Es kann nicht das Gleiche sein. Einmal nicht physisch, denn der Organismus ist älter, aber psychisch brauch ich gar nichts zu sagen. All das, was man überlebt hat, es gibt keinen, glaube ich, der sagt, das ist das Gleiche. Denn diese Psyche, die den Menschen von Innen tötet, das kann nur jemand wissen, dem das passiert ist.136 (Herr Imamović)

Herr Imamović führte viele Beschwerden auf die vergangene Zeit zurück. Schließlich werde niemand jünger. Die Therapien hatten die Blickrichtung auf die inneren Regungen vorgegeben, aber ihre Wirkmechanismen nicht erklären können. Auf meine Fragen zu Erklärungen der Krankheit habe ich, ähnlich wie mit den Ansichten über Psychiaterinnen, Psychiater, Psychologinnen und Psychologen, schwammige Antworten bekommen. Innerhalb der Gespräche zeichnete sich vor allem die Version von Herrn Imamović ab, in der die Psyche als etwas von Innen her Wirkendes, Unklares verstanden wurde. Dass die „Psyche“ nicht mit „Seele“ (duša) übersetzt wurde, bestärkt Youngs „language game“-These. Die Phänomene bekamen neue Bezeichnungen und Interpretationen, änderten sich selbst aber nicht. Die Fachtermini waren Platzhalter für die Fragezeichen, die eine Erklärung der Krankheit verursachte.

Fachbegriffe hörten sich wichtig an, verdeckten Unwissen und mutmaßten über die Krankheitsursachen. Sie ersetzten die diffusen alltagssprachlichen Erklärungsmuster der Krankheit. So lässt sich über die Behandlung der Posttraumatischen Belastungsstörung lesen: „Mit einem Erklärungsmodell sollen die verschiedenen vom Patienten wahrgenommenen Veränderungen und erlebten Belastungen in einem kohärenten Konzept zusammengefasst und benennbar gemacht werden (‚labeling’)“ (Maerker 1997: 67). Aber genau dieses „kohärente Konzept“ blieben die Erklärungen weitestgehend schuldig, weil es sie nicht gab. Doch das „labeling“ funktionierte trotzdem. Es machte es den Erkrankten einfacher, über ihre Beschwerden zu reden und es verhinderte unangenehmes Weiterfragen. Krankheit ist auch immer mit Schuld (neumodisch ausgedrückt: Eigenverantwortung) verbunden. An allem waren Trauma und Psyche schuld. Auch wenn die Beschwerden blieben, so wurde ein Name für sie gefunden, eine Kategorie, die als passend empfunden wurde und deren Label getragen werden konnte. Hier begegnen wir erneut Hackings Rückkopplungseffekten, diesmal ist es die Sicht der Individuen auf ihre Kategorisierung, ihr Etikett oder label. Sie konnten im übertragenen Sinn die kategoriale Schublade als Zufluchtsort nutzen.

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Fast nebenbei schlich sich eine Selbstkontrolltechnik ein, denn die Flüchtlinge mussten verstehen und artikulieren, was in ihnen vorging, um es mit den erlernten Techniken zu modifizieren. Die inneren Vorgänge waren nur durch Selbstbeobachtung erfahrbar, durch ein In-sich-Hineinhören, befördert durch die Schilderungen anderer Gruppenteilnehmerinnen und -teilnehmer, die ihre Gefühle und Beschwerden äußerten oder durch die Psychotherapeutinnen und -therapeuten, die Mustersymptome beschrieben und erklärten. Wer fühlt sich nicht sofort krank beim Auftreten eines unklaren Symptoms, wenn er dazu passend von seinen Mitmenschen oder sogar von Ärztinnen oder Ärzten alle möglichen Krankheiten und deren Komplikationen aufgezählt bekommt? Wer liest die Beschreibung möglicher Nebenwirkungen auf dem Beipackzettel eines Medikaments ohne zunehmendes „In-sich-Horchen“ und Warten auf Symptome? Dieses Phänomen wurde bereits durch die Flüchtlinge als Unbehagen in der Therapiegruppe beschrieben, wenn sie sich die Erlebnisse der anderen anhörten. Diese Erzählung verortete sie zum einen als „schwerer“ oder „nicht ganz so schwerer“ Fall in der Gruppe und verdeutlichte zum anderen die Vielfalt der Krankheitssymptome, die ebenfalls geschildert und mit der Krankheit Posttraumatische Belastungsstörung erklärt wurden. Alle Teilnehmenden erfuhren, dass es sie auch hätte schlimmer treffen können, aber auch, dass es noch schlechter werden kann. Und diese Angst vor der Verschlechterung ist kein zu unterschätzender Faktor. Er wurde von Herrn Imamović thematisiert: Ein Mann aus seiner Gruppe, der gesund aussah und nicht viel erzählte, starb. Das Entsetzen darüber und die Verbindung des Traumas mit dem Tod motivierte die gesamte Gruppe, intensiver über ihre Gefühle zu reden, damit diese keine gesundheitlichen Folgeschäden verursachten wie bei dem verstorbenen Gruppenmitglied.

In der Folge wurden sämtliche Regungen des Selbst, die innerhalb des Störungsbildes auftreten (können), ständig beobachtet. Das Abfragen der Symptome lenkte den Blick auf andere Beschwerden, die zuvor noch keine waren, weil sie nicht wahrgenommen wurden, jetzt aber als Teil der Krankheit erkannt worden waren. Nach der sogenannten Psychoedukation, in der das Funktionieren der Seele erklärt wurde, wurde sie zur Krankheit. So lernte Frau Avdagić, dass ihre Nervosität mit dem Trauma zu tun hatte. Die Zeichen der Krankheit mussten gelesen werden, um zu einem Text zu werden; das ist der Inhalt einer Psychotherapie: Krankheitseinsicht und -bewältigung.

Das Innere, das Selbst, das Ich, der Geist, die Seele, kurz: das nichtkörperliche eines Menschen wurde modifiziert, wie es Rose (1990: 215 ff.) beschreibt, und ist damit integraler Teil von Hackings Gedächtnispolitiken (Hacking 1996). Diese durchziehen alle gesellschaftlichen Schichten und können unproblematisch für Mitstreiterinnen und Mitstreiter werben, weil sie einleuchtend sind, wissenschaftlich fundiert und vom guten Willen geleitet. Diese Verbindung mit dem Guten, dem Fortschritt, der Verbesserung sichert den Erfolg der neuen Techniken der Regulation und Selbstregulation und überdeckt die vagen Konstruktionen, die diesem Denken zugrunde liegen, die auf alltäglichen Beobachtungen in Kombination mit erklärenden Mutmaßungen fußen (vgl. Rose 1985: 18 ff. über den Beginn psychologischer Wissenschaft).

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Nur ein Gesprächspartner sagte, dass es ihm heute gut gehe – und das ohne psychotherapeutische Erklärungen seiner Leiden. Er fand eigene und individuelle Bewältigungstechniken. So wies er zwar genauso alle Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung auf, hatte sich mit ihnen aber abgefunden und erfüllte somit das Kriterium der persönlichen Beeinträchtigung (E-Kriterium) nicht (mehr).

Denn eigentlich, wenn das so geblieben wäre, ich hätte es nicht aushalten können. Jetzt habe ich mich abgekühlt, jetzt geht es. Ich habe gesehen, ich habe die Sachen betrachtet, wie soll ich sagen? Ich habe die Dinge betrachtet, dass ich nichts tun kann. Du kannst nicht mit dem Kopf durch die Wand. Das heißt, finde dich mit dem Schicksal ab. Es ist, wie es ist. Ich habe mich geändert, wenn ich getrunken hätte oder total zugrunde gegangen wäre, durchgedreht. Ich denke, dass ich verrückt war, als ich anfing, mit mir selbst zu reden. Mehrmals habe ich mich früher ertappt, ich denke nach und weg ist der Verstand. Du weißt nicht mehr nach Hause. Aber jetzt geht es mir super. Ich kann nicht klagen.137 (Herr Tomić)

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Herr Tomić hatte mit der Situation seinen Frieden gemacht, aus der Notwendigkeit heraus, sich abfinden zu müssen. Er kam für sich zu dem Schluss, dass die Grübeleien, die Auseinandersetzung mit den Fragen und der Unsicherheit nichts änderten. Im Rückblick meinte er, damals verrückt gewesen zu sein, als er Abwesenheitszustände hatte und nicht mehr nach Hause fand.

So musste jede und jeder am Ende eigene Bewältigungsformen finden. Den Älteren gelang dies eher, da ihre Kinder zumeist eigenen Wegen folgten, sie weniger Verantwortung für deren Zukunft trugen und sich bereits auf Unterstützung seitens ihrer Kinder verlassen können. Herr Tomić und Frau Nuhanović waren meine ältesten Gesprächspartner, die auch beide mit einem gewissen Abstand auf die vergangenen Jahre schauten und in ihre Zukunft mit Erwartungen für ihren weiteren Ruhestand.

3.3.7 Arbeit als Therapeutikum

Der Verlust war die eine, die Perspektivlosigkeit die andere Belastung, die vor allem die Jüngeren entmutigte und erniedrigte.

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Und ja diese meine Trauer. Ich bin sehr traurig und ich habe mich sehr zurückgezogen. Vor dem Krieg war ich sehr aktiv. Ich hatte früher eine gute Arbeit, es ging morgens los. Ich habe meine Werte gezeigt. Aber hier kannst du es weder jemandem zeigen noch hast du Chancen, noch interessiert es jemanden. Ja du kannst putzen gehen. Dann fühlst du dich schlecht.138 (Frau Halkić)

Die Psychotherapien ersetzten keinen adäquaten Arbeitsplatz und die daraus resultierende Anerkennung für das Geleistete. Meine Gesprächspartnerinnen und -partner verbanden ihre Symptome vor allem mit der fehlenden Arbeit in Berlin. Diese Argumentation wird auch von ihren Unterstützerinnen und Unterstützern übernommen. So findet sich der folgende Satz ohne weitere Erklärung in einer Fußnote eines Textes eines Unterstützers: „Natürlich trug auch die weitaus höhere Erwerbstätigkeit von Flüchtlingen in Frankfurt a. M. und die damit verbundene bessere finanzielle Ausstattung und Gesundheit der Betroffenen zur Rückkehr nach Bosnien bei“ (Hohlfeld 2008: 295). Der Umkehrschluss hieße: Hätten die Flüchtlinge auch in Berlin arbeiten dürfen, wären sie auch nicht krank geworden und wären zurückgekehrt. In dieser Argumentation wird die fehlende Arbeit zum Traumatisierungsauslöser, zum A-Kriterium, dem traumatischen Erlebnis. Arbeitslosigkeit macht krank. So wird es sogar im „Lehrbuch für Psychotraumatologie“ von Fischer und Riedesser (1998: 315 ff.) klassifiziert. Laut den Autoren ist Arbeitslosigkeit den „man made desasters“ zuzuordnen, die im Gegensatz zu Naturkatastrophen vor allem mit Schuldfragen belegt sind, weil sie von Menschen ausgelöst wurden. Aber im strengen Sinn dürfte und könnte Arbeitslosigkeit nicht als potenziell traumatisierendes Ereignis gewertet werden, da es nicht außerhalb der „normalen menschlichen Erfahrung“ liegt, arbeitslos zu sein. Dieses Beispiel zeigt nochmals, wie stark wertend und kontextabhängig bereits die Definition potentiell traumatischer Ereignisse ist.

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Von einer Verbindung zwischen Arbeitslosigkeit und Erkrankung waren auch die Berliner Behandelnden überzeugt. Doch diese Verbindung wurde nie in konsequenter Art thematisiert, weil sie dem über den nachrangigen Zugang zum Arbeitsmarkt entscheidenden Arbeitsamt nicht vorwerfen konnten, die bosnischen Flüchtlinge durch die Verweigerung von Arbeitserlaubnissen zu traumatisieren. Rein theoretisch wäre eine solche Argumentation möglich gewesen. Es hätte aber gleichzeitig die Kriegserlebnisse der Flüchtlinge an die Erfahrung von Arbeitslosigkeit angenähert, denn beide Ereignisse können die gleiche Störung auslösen. Auch hätten dann viele arbeitslose Menschen die Diagnose erhalten und wären damit psychisch krank und möglicherweise nicht mehr arbeitsfähig.

Parallel dazu wurde Arbeit zum Heilmittel stilisiert. Damit begeben wir uns erneut in den Wirkungsbereich von Psy-Konzepten, diesmal nicht über Psychotherapie, die versucht fehlende Arbeit zu kompensieren, sondern über die therapeutische Wirkung von Arbeit selbst. Denn Arbeit ist seit der Entwicklung sozialer Sicherungssysteme nicht mehr ausschließlich notwendig, um den Lebensunterhalt zu sichern. Ihr wurden weitere positive Konnotationen gegeben: Zum einen dient sie zur Realisierung von persönlichen Wünschen und zum anderen zur sogenannten Selbstverwirklichung. Beide Entwicklungen sind ein Ergebnis des zunehmenden Einflusses der Arbeitspsychologie und ihrer langjährigen Umdeutungsprozesse zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

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Additionally work has been given wider, non-economic significance. Employment has become construed as an essential element in individual psychological health, family stability and social tranquility. Work is now seen as an imperative as much psychological as economic (Rose 1990: xi).

Die sozialen Normen, zu denen eine protestantische Arbeitsethik gehörte, schrieben sich in die Psy-Forschungen und Theorien ein. So regte ein Psychiater 1905 zur Prophylaxe von Unfallneurosen an, dass die Arbeitsmoral der Arbeiter gehoben werden solle (Fischer-Homberger 2004: 183), denn die Unfallneurose ermögliche ihnen, sich dem Arbeitsmarkt zu entziehen. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde ein Arbeitszwang für „revolutionäre Psychopathen“ gefordert (Riedesser/Verderber 1996: 90) – gemeint waren politisch links stehende Arbeiter. An der Hebung der Arbeitsmoral waren auch Psy-Theorien im Rahmen der Arbeitspsychologie beteiligt, die die Arbeit als Selbstverwirklichung konstruierte und die Produktivität der Arbeiterinnen und Arbeiter zu steigern suchte (Rose 1990: 55 ff.). (Erwerbs-)Arbeit wurde als Raum für den Beweis des eigenen Wertes, wie es Frau Halkić beschrieb, strukturiert. So war Arbeit für die Flüchtlinge nicht nur ein Statussymbol, sondern auch ein Therapeutikum.

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Solange ich gearbeitet habe, hat es mir nicht gefehlt. Denn ich hatte eine sehr gute Arbeit, ich war zufrieden mit meiner Arbeit. Ich war zufrieden mit meinen Arbeitskollegen, mit meiner Chefin. Ich habe in der Bibliothek gearbeitet, wo es sehr ruhig war. Es gab keinen Stress. Ich war wirklich zufrieden, die Therapie brauchte ich einfach nicht mehr, ich denke die Therapien, die Gruppentherapie brauchte ich nicht mehr. Ich gehe regelmäßig zu meinem Arzt, denn ich muss das machen, weil ich immer noch eine Therapie nehme, ich nehme Tabletten.139 (Frau Lisac)

Interessanterweise fand Frau Lisac die psychotherapeutischen Gruppengespräche überflüssig, solange sie Arbeit hatte, nicht aber die Tabletten, die für sie ebenfalls eine Therapie waren und die sie weiter einnahm. Erneut werden die Weite des Therapiebegriffs und die Bedeutung von Tabletten, denen weiterhin der Vorzug gegeben wurde, deutlich. Die therapeutischen Gespräche wurden für Frau Lisac durch eine Arbeit überflüssig, weil sie sich auch auf der Arbeitsstelle austauschen konnte und durch eine Tätigkeit von Grübeleien abgehalten wurde. Ähnliches berichtete auch Herr Osmić über die Ergotherapie im Krankenhaus, die ihn von seinen Problemen ablenkte. Vor allem aber bestärkt eine gute Arbeit das Selbstwertgefühl. Eine gute Arbeit ist ein Statussymbol, weshalb sich Frau Halkić schlecht fühlen würde, wenn sie putzen ginge. Die Möglichkeit bestünde, doch es entspräche nicht ihrer Ausbildung.

Mit dem Verlust ihrer Arbeit begann Frau Lisac darüber nachzudenken, wieder in die Gruppentherapie zu gehen. Ähnlich ging es auch Frau Müller, die zum Interviewzeitpunkt bereits drei Jahre arbeitslos war und ebenfalls beabsichtigte, ihre Psychologin wieder zu kontaktieren. Psychotherapien sind für die beiden zu einer Bewältigungstaktik in Krisensituationen geworden, die sie in Berlin erlernt haben und die, ähnlich wie die Atteste, immer wieder angewandt werden. Mit dieser Taktik (Certeau 1988) führen sie jedoch das Therapieziel ad absurdum, denn eine Psychotherapie sollte zum Arbeiten und zur Teilhabe an der Gesellschaft befähigen. Sie nutzten hingegen die Therapie als Ersatz für fehlende soziale Kontakte und die Atteste, wenn sie sich erneut einem behördlichen Zwang entziehen wollten.

3.3.8 Krankheit als Normalität – Eine psychische Krankheit ist (k)eine psychische Krankheit

How do people make themselves up, as they act in ways that conform to, or stay away from, powerful classifications (Hacking 1999: 123)?

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Die Mehrzahl meiner Gesprächspartnerinnen und -partner versuchte sich mit der ihnen zugeschriebenen Rolle traumatisierter Kriegsopfer, die ihnen verschiedene Erleichterungen bot und schlussendlich den Aufenthalt ermöglichte, zu arrangieren. Doch die in der Diagnose und in ihrer zusätzlichen Verbindung mit dem Aufenthaltsrecht angelegten Widersprüche beschäftigten sie. Für die Mehrzahl der Flüchtlinge gab es nur zwei Optionen: Diagnose und psychotherapeutische Behandlung oder Rückkehr. Diese beiden Wahlmöglichkeiten verschmolzen zu einem Widerspruch, der nur selten so kontrastierend wie von Herrn Džaferović in seiner Absurdität thematisiert wurde:

Ich habe wirklich diese Psychiater gefragt, ob wir verrückt sind. Denn mir scheint es, dass es hier am wichtigsten ist, verrückt zu sein, damit du diese Duldung, den Aufenthalt bekommst. Aber nicht normal sein, um nichts mehr wert zu sein. Man musste zu nichts nutz sein, um einen Aufenthalt oder diese Duldung zu haben. […] Ich war kein so großer Kranker, denn andere geben damit an, krank zu sein, weißt du. […] Ich denke irgendwie, na gib Gott, dass sie mich morgen früh abschieben, auch wenn ich unten Hunger leiden würde, aber gesund wäre als hier krank zu sein und einen Aufenthalt zu bekommen. Ich denke, das ist vollkommener Unsinn. Ich war nie der, der sagt, ich gehe zum Arzt, ich bin in Behandlung, mir tut es hier weh, mir tut es da weh, das ist nichts für mich. Für mich war damals das Trauma: Ich konnte einfach nicht eine einfache Frage beantworten, die für mich war: Warum? Weshalb? Denn es ist Unsinn im 21. Jh. nicht wie ein Mensch auf Toilette gehen zu können. Ist es nicht so? Das ist ein ausreichendes Trauma. Was muss ich jetzt irgendwelche Tabletten nehmen, dass ich verrückt bin. Dann bin ich verrückt, ich bin nicht traumatisiert, ist es nicht so? Oder ich bin krank.140 (Hr. Džaferović)

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Dabei war auch für Herrn Džaferović nicht ganz klar, was „traumatisiert“ heißen sollte, wenn es nicht verrückt bedeutete und keine Krankheit war. Oder war es eben doch eine Krankheit, die aber alle haben, wenn sie etwas Schreckliches erlebten? Wieso ist es aber eine Krankheit, wenn man etwas Schlimmes erlebt hat? Und wieso bekommt man nur auf der Grundlage von Krankheitsattestierungen und nicht der Schilderung der Erlebnisse einen Aufenthaltstitel, wenn die Krankheit sich aus dem Erlebten herleitet? In dem Zitat von Herrn Džaferović kristallisieren sich die grundlegenden argumentativen Spannungen innerhalb der Posttraumatischen Belastungsstörung und ihre Rolle in den aufenthaltsrechtlichen Weisungen auch aufseiten der Betroffenen heraus. Wenn jemand eine außerordentlich einschneidende und erniedrigende Erfahrung gemacht hat, ist davon auszugehen, dass diese sie oder ihn noch weiterhin beschäftigt. Wäre es nicht so, würde dies ebenfalls Spekulationen über ihre bzw. seine seelische Verfasstheit nähren. Wenn die Flüchtlinge akzeptieren, dass solch ein Zustand „traumatisiert“ genannt wird, dann ist das eine durchaus brauchbare Erklärung für etwas, das sie vorher nicht kannten. Die Probleme jedoch begannen, sobald die Psy-Disziplinen auf den Plan traten, Psychopharmaka verordnet wurden, Psychotherapien begonnen wurden, Atteste auf der Ausländerbehörde vorgelegt werden mussten und Traumatisierte aufgrund der attestierten Krankheit und ihrer Behandlung einen Aufenthaltstitel erhielten. Somit waren plötzlich nicht mehr alle traumatisiert, die subjektiv empfanden, dass sich irgend etwas mit ihnen verändert hat. Sobald die Psy-Disziplinen involviert waren, wurden die Veränderungen mit psychischen Vorgängen erklärt und pathologisiert. Nur Kranke erhielten einen Aufenthaltstitel; damit stellte sich die Frage: Ist die Veränderung eine Krankheit oder eine normale Anpassung oder gar eine normale Krankheit?

Sobald die Krankheit direkt aus den Erlebnissen – und nicht den Symptomen – hergeleitet wurde, wie es im Fall von Herrn Džaferović als ehemaligen Lagerinsassen geschah, war dies sowohl normativ als auch stigmatisierend. Selbst wenn Ärztinnen, Ärzte, Psychologinnen und Psychologen den Patientinnen und Patienten gegenüber beteuerten, dass ihre Beschwerden „normale Reaktionen auf (extrem) unnormale Ereignisse“ sind (Maercker 1997: 68 und ähnlich auch Butollo/Hagl 2003: 25), so argumentierten sie doch den Behörden und Verwaltungen gegenüber, dass eine Posttraumatische Belastungsstörung eine ernsthafte, mitunter lebensgefährliche Erkrankung ist. Hier war eine Reihe von Übersetzungen durch die Psy-Vertreterinnen und -Vertreter zu leisten, um diese beiden Argumentationslinien zusammenzuhalten und gegenüber den Flüchtlingen und Verwaltungen anzuwenden. Auf diese Übersetzungen und Aushandlungen gehe ich insbesondere im letzten Kapitel ein. Für meine bosnischen Gesprächspartnerinnen und -partner blieben trotz erklärender Psychotherapien viele Fragen offen.

3.3.9 Behandlung sozialer Probleme

Die meisten Hoffnungen und Erwartungen der Flüchtlinge, die ich am Anfang dieses Kapitels anhand der Lebenswelten beschrieben habe, wurden nicht erfüllt. Vor allem nach dem Ende des Krieges in Bosnien-Herzegowina blieb Unterstützung aus. Verständnis gab es nur vonseiten der Ärztinnen und Ärzte, Psychologinnen und Psychologen sowie in den Beratungsstellen. So reagierten auch die von Brigitte Mihok interviewten Roma, die als bosnische Bürgerkriegsflüchtlinge nach Deutschland gekommen waren, mit einem ungläubigen Lächeln, als sie zu ihrem Alltag gefragt wurden, „wen soll das denn interessieren?“ (Mihok 2001: 119). Nur die Therapeutinnen und Therapeuten wurden (zumindest teilweise) dafür bezahlt, sich die Geschichten der Flüchtlinge anzuhören. So waren es vor allem Nichtregierungs- und Wohlfahrtsorganisationen, die zu Anlaufstellen für die bosnischen Bürgerkriegsflüchtlinge in Berlin wurden (vgl. auch BAFF 2006: 41; Birck et al. 2002: 12).

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Herr Šeferović, ehemaliger Lagerinsasse, beschrieb diese Entwicklung:

Na es gibt jetzt faktisch gar nichts mehr. Sagen wir mal, wenn ich einen Rat brauche oder Hilfe, ich habe niemanden, an den ich mich wenden könnte. Ja als Lagerhäftling. Ich kann nur zum Rechtsanwalt gehen und den Rechtsanwalt mich vertreten lassen. Ja, ich denke, das ist traurig, aber das ist so. Es gibt einfach nichts. […] Was ich weiß, zum Beispiel, so dieses Behandlungszentrum. […] wann auch immer ich nach oben komme, das ist sicher, wenn ich Hilfe bräuchte, sie würden mir immer helfen. Aber so anderes, es gibt einfach niemanden.141 (Herr Šeferović)

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Nur das Behandlungszentrum für Folteropfer blieb ihm seiner Meinung nach als Ansprechpartner bei Problemen. So wurden die Behandlungszentren zu Sozialberatungsstellen, wobei sie ursprünglich psychotherapeutisch intervenieren wollten. Mit der Verschärfung der Asylgesetzgebung Anfang der 1990er Jahre und einer restriktiveren Umsetzung des Ausländergesetzes wurde die psychologisch-medizinische Arbeit politisiert bzw. die Psy-Expertise wurde erst überhaupt in dieser gesellschaftlichen Sphäre benötigt. Was sich auf dem Sektor der Asylbewerberinnen und -bewerber entwickelte, weitete sich auf die Flüchtlinge aus. Dabei haben beide Gruppen anfangs Hilfe für konkrete nichtpsychische Probleme gesucht, wie ein unsicherer Aufenthaltsstatus, Wohnheimunterbringung oder Probleme mit der Sozialhilfe, die sie zu den Beratungsstellen führten. Erst später waren es die Therapiebesuche, weil es sich herumgesprochen hatte, dass diese bei den vielfältigen Problemen helfen konnten.

Früher war ich gesund, ich habe unten in Bosnien gearbeitet. Ich habe als Angestellte gearbeitet, ich kann mich nicht erinnern, beim Arzt gewesen zu sein, nur beim Zahnarzt und als ich die Kinder zur Welt brachte. Aber so, ja, ich habe 22 Jahre gearbeitet, 23 Dienstjahre habe ich unten. Ja, erst als ich herkam. Wir sind in den besten Jahren gekommen, haben aufgehört zu arbeiten. Wir konnten keine Arbeitserlaubnis bekommen, als wir kamen, zumindest wurden dann schon keine Arbeitserlaubnisse mehr mit der Duldung ausgegeben. Und dann kennen sie die Probleme, sie haben alles verloren, vertrieben in ein fremdes Land. Du kannst die Sprache nicht, du kennst die Rechte nicht. […] Dann als sie anfingen uns zurückzuschicken, aber du hast kein wohin. Und so, ja mir hat es geholfen, dass ich hierbleibe wegen dieses Psychiaters, wegen der Medikamente, deshalb. Aber meinen Kindern hat das nicht helfen können. Meine Kinder mussten Deutschland verlassen. Weil sie volljährig herkamen, sie waren gesund, sie hatten keine Möglichkeit hierzubleiben. Deutschland hat nur Kranke und Minderjährige bleiben gelassen. […] Als wir in den besten Jahren kamen, konnten wir arbeiten und alles, aber sie haben uns nicht arbeiten lassen. Jetzt können wir auch nicht mehr und ich suche auch keine Arbeit. Ich bin jetzt auf der Grundsicherung, na und jetzt, weiter wird es wie es wird. Mein einziger Wunsch ist es, dass ich noch hinreise meine Kinder zu sehen, dass ich sehe, wo sie leben, wie sie leben und so. Aber der Rest ist egal.142 (Frau Nuhanović)

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Frau Nuhanović litt unter dem Verlust ihres alten Lebens und der Trennung von ihren beiden Söhnen. Was sie beschrieb, waren keine innerpsychischen Vorgänge, sondern reale Probleme, die sie mit ihrem Aufenthalt hatte, der verordneten Untätigkeit und der erzwungenen Weiterwanderung beider Söhne nach Kanada, wo sie nun lebten, arbeiteten und Familien gegründet haben. Zu psychischen Problemen wurden solche Leiden erst im Verlauf von Hilfesuche und Behandlung. Für die Flüchtlinge waren die lebensweltlichen Probleme, die Alpträume, die Arbeitslosigkeit, die Nervosität, die Eheprobleme, Probleme mit dem Sozialamt, der Ausländerbehörde, der Wohnheimverwaltung und anderen Bewohnerinnen und Bewohnern, alles zusammen das Problem. Sie sortierten nicht nach therapeutischen Zuständigkeiten. All diese Unzulänglichkeiten verbanden sich nahtlos zu einem „Sicht-schlecht-Fühlen“. Ihre Kanalisierung in ärztliche und vor allem in Psy-Behandlungen beruhte auf gesellschaftlichen Gegebenheiten. Es gab nur wenige spezialisierte Anlaufstellen für Flüchtlinge und die Beratungsstellen, die es neben den Behandlungszentren gab, stellten ebenfalls Psychologinnen und Psychologen ein oder organisierten niedergelassene Psychologinnen, Psychologen, Ärztinnen und Ärzte, die sich ehrenamtlich engagierten. Dies ist symptomatisch für eine Konzeptualisierung von Migrationserfahrungen, die zunehmend medizinisch verhandelt werden.

So ortete Peter Riedesser „[d]ie medizinhistorisch früheste Beschreibung der seelisch krank machenden Wirkungen einer befristeten Migration“ in der „Dissertation des Basler Johannes Hofer, der 1678 eine Krankheit beschreibt“, deren Symptome folgende waren: „dauernde Traurigkeit, alleiniges Denken an die Heimat, gestörter Schlaf und dauerndes Wachen, Abnahme der Kräfte, Verminderung des Appetits und des Durstes, Angstgefühle, Herzpalpitationen, beschleunigte Atmung, Stupor“ (Riedesser 1973: 163). Diese Befindlichkeit, die sehr an die Symptomatik der Posttraumatischen Belastungsstörung erinnert, wurde von Riedesser als psychische Störung beschrieben, obwohl das von Johannes Hofer in seiner Dissertation beschriebene Phänomen bis ins 20. Jahrhundert hinein Nostalgie oder Heimweh hieß und auch noch heißt. In dieser Beschreibung wird aber der Paradigmenwechsel deutlich: Gefühle, die eine Migrationserfahrung begleiten können, wurden zu einer psychischen Störung. Neben dieser Tendenz, Befindlichkeiten von Migrantinnen und Migranten zu pathologisieren, wurde Migration an sich zu einem Krankheitsrisiko (vgl. Weiss 2003).

Wenn Migration gleichbedeutend mit Stress ist (ganz zu schweigen von einer erzwungenen Migration wie Flucht oder Vertreibung), so überrascht es nicht, dass an anderer Stelle zu lesen ist: „Traumatische Erlebnisse werden in der Migrationssituation viel stärker erlebt und führen leichter zu stärkeren Reaktionen oder Konsequenzen“ (Koptagel-Ilal 2002: 202). Migration verwirrt die Gefühle und deshalb muss für Einwandernde Hilfe von psychologischer und psychiatrischer Seite angeboten werden und nicht nur von Fachkräften der Sozialarbeit oder von Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälten. Am Ende sind alle Migrantinnen und Migranten sehr wahrscheinlich traumatisiert. Ein Beispiel für diese Annahme findet sich auf der Webseite des Psychosozialen Zentrums Halle für Migrantinnen und Migranten in Sachsen-Anhalt. Dort wird behauptet: „Migranten haben in der Regel schwere traumatisierende Erfahrungen gemacht – in ihrem Heimatland oder sogar hier in Deutschland [Kursives A. W.]“ (Psz-Halle, ohne Datum). Die Folgen von migrationsbedingten Veränderungen, die einmal als Heimweh thematisiert wurden, sind heute Risikofaktoren für ein intensiveres Erleben von traumatischen Erfahrungen, die „in der Regel“ alle Zugewanderten gemacht haben. Es scheint geradezu an ein Wunder zu grenzen, wenn eingewanderte Mitmenschen unter diesen Voraussetzungen nicht das Vollbild einer Posttraumatischen Belastungsstörung aufweisen.

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Im Gegensatz zu den Krankheitskategorien und psychischen Beeinträchtigungen beschrieben meine bosnischen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner ihre Probleme jedoch als tägliche Erfahrungen von Diskriminierung und Unzufriedenheit. Sie wollten Sicherheit für sich und ihre Kinder, die Sicherheit, zu bleiben oder in Würde zurückzukehren, um ein neues Leben aufbauen zu können. Aber für die in die Flüchtlingsarbeit Involvierten schien es keine besseren und anderen Unterstützungsstrukturen als Psychotherapien zu geben, so als würden sie die benötigte Sicherheit herstellen können. Deshalb nahmen sich psychologisch ausgebildete Fachkräfte der Flüchtlinge an. Im Ergebnis wurden die sozialen und konkreten Probleme der Flüchtlinge in Psy-Kategorien wie Stress und Trauma interpretiert, wobei die Spannungen zwischen konkreten Benachteiligungen und psychologischen Lösungsvorschlägen bestehen blieben. Die Flüchtlinge nahmen zwar psychiatrische und psychologische Hilfen in Anspruch, distanzierten sich aber davon, verrückt zu sein und wurden darin auch von den Therapierenden bestärkt. Sie hatten sich zwar verändert und waren nicht mehr die gleichen Personen wie vor dem Krieg, aber verrückt waren sie nicht. So empfahl Frau Nuhanović die Therapien mit folgenden Worten weiter:

Ich habe gesagt, dass sie sich nicht für verrückt halten sollen. [lacht] Dass es gut ist, zumindest in unserer Situation. Denn das, was wir erlebt haben, ein Mensch, der das nicht erlebt hat, kann das nur schwer verstehen. […] Aber ja, die, die am Leben geblieben sind, jeder hat sich irgendwie auf seine Weise eingerichtet. Nur die Toten gibt es nicht mehr. Und Gott sei Dank sind meine Kinder am Leben, auch wenn sie am Ende der Welt sind, aber sie leben und sind gesund. Und das tröstet mich.143

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Die Therapie war zwar gut in ihrer Situation, aber jede bzw. jeder hat sich auch irgendwie selbst eingerichtet und abgefunden. Trotz der Besuche bei der Psy-Vertreterinnen und -Vertretern sollten sich ihre Freundinnen nicht für verrückt halten, denn es liege an der Situation. Ver-rückt waren nicht die Flüchtlinge, ver-rückt wurden ihr Selbstverständnis und ihre Zukunftsideale.

[Den Besuch bei der Psychiaterin bzw. beim Psychiater, A. W.] verstehe ich jetzt als normal, […] dass ich gehen muss, dass ich es brauche und dass es wirkt, […] dass es mir hilft. Das ist jetzt, jetzt ist das total normal. Aber das erste Mal! [lacht] Das erste Mal war es sehr schwer, aber ja, der Mensch gewöhnt sich an alles, an alles.144 (Frau Nuhanović)

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Frau Nuhanović hat sich an die Besuche beim Psychiater gewöhnt, es wurde normal und hilfreich. Später im Gespräch machte sie aber auch klar, dass das Erhalten des Aufenthaltstitels und das damit verbundene Ende der Unsicherheit einen großen Einfluss auf ihr Befinden hatten.

Wenn man einige dieser Probleme löst, ist es wirklich leichter, irgendwie ist der Mensch gesünder. Denn das Leben und die Gesundheit hängen sehr von den Problemen im Leben ab. Aber vor allem die Psyche. Denn das habe ich durch all diese Zeit, die ich hier bin, die ich hingehe und mich behandeln lasse, das habe ich begriffen, dass sich viele Probleme auf die Psyche auswirken.145 (Frau Nuhanović)

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Das ist die neue Sichtweise der Flüchtlinge auf innerpsychische Zusammenhänge: Probleme machen krank. Sie wirken irgendwie auf das Innere, das nun Psyche genannt wurde, oder die Psyche selbst wirkt auf das Innere. Probleme hätten auch unglücklich machen können oder unzufrieden. Aber im Berlin der 1990er und 2000er Jahre war ein solches „Sich-schlecht-Fühlen“ für die Flüchtlinge eine Krankheit, genauer eine psychische Störung, die in die Zuständigkeit von Psy-Vertreterinnen und -Vertretern fiel und behandelt wurde. Und die Behandlung fand statt, obwohl klar war, dass sie nicht heilte, sondern nur die Beschwerden neu interpretierte und der für die Flüchtlinge neuen Erfahrung einen Namen gab: Posttraumatische Belastungsstörung.

Eine Krankheit enthält Hinweise darauf, was eine Gesellschaft am meisten fürchtet, heißt es sinngemäß bei Post, den ich zu Beginn meines Kapitels zur Diagnose der Posttraumatischen Belastungsstörung (Post 2000: 249) zitierte. Krankheit ist das Gegenbild zur Normalität. Es wird zwar marginalisiert, ist aber notwendig, um Normalität zu definieren. Seitdem körperliche Erkrankungen in westlichen Gesellschaften durch Impfungen und gute Lebensbedingungen zurückgehen, nahmen die zu beobachtenden mentalen Missstände zu (vgl. S. 8080). Sie sind die neuen Gegenbilder zur Normalität.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die durch den Flüchtlingsstatus begründeten Benachteiligungen und Probleme durch die Berliner Politik hingenommen und zum Teil noch verstärkt wurden – beispielsweise durch die Wohnheimunterbringung. Unerträglich und inakzeptabel waren diese Zustände nur, wenn es sich um traumatisierte Flüchtlinge handelte. Nur sie sollten eine bessere Behandlung erfahren, dafür engagierten sich Ärztinnen und Ärzte, Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte, Psychologinnen und Psychologen, Politikerinnen und Politiker sowie diverse Beratungsstellen (Birck et al. 2002: 5). Sie hatten damit bei den Verwaltungen Erfolg, die Teil desselben gesellschaftlichen Klimas waren, in dem Traumatisierungen verstärkt thematisiert wurden und in dem immer mehr Menschen traumatisierte Verwandte und Bekannte in ihrem privaten Umfeld lokalisierten.

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So gut diese Entwicklungen im Einzelnen für bestimmte Flüchtlinge, die Schreckliches durchgemacht hatten und mit Unterstützung und einem Aufenthalt rechnen konnten, auch waren, so sehr gaben sie aber auch Verhaltens- und Interpretationsmuster vor. Der extreme individuelle Verlust wurde in psychologische Kategorien verpackt, beispielsweise in eine Posttraumatische Belastungsstörung, medikamentös und mit Psychotherapie behandelt und damit wieder aus der Normalität der Mehrheitsgesellschaft ausgeschlossen. So schrieb beispielsweise Thomas Hohlfeld seitenweise über die Traumatisierten (2008: 207 ff.), fragte sie aber nicht nach ihren Erlebnissen und Ansichten, weil er kein Psychologe sei (Hohlfeld 2008: 560). Auf diese Weise wurden ihre Schilderungen aus dem normalen Alltag ausgeklammert und sie selbst in Therapien verwiesen. Über die Diagnose wurde individuell erfahrenes Leid auch vergleich- und kategorisierbar. Mit sehr unterschiedlichen konkreten Erlebnissen haben alle meine bosnischen Gesprächspartnerinnen und -partner die Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung erhalten und sind somit traumatisiert. Die daraus resultierende Austauschbarkeit nimmt Überlebenden ihre Stimmen und bewahrt die Gesellschaft vor ihren oft verstörenden Geschichten. Ihr Leid und der damit verbundene Schmerz sind aber gerade nicht vergleich-, austausch- und behandelbar.


Fußnoten und Endnoten

64   Ich verwende die gängigen Abkürzungen für die Institutionen, die sich im Abkürzungsverzeichnis finden. Am Anfang des nächsten Kapitels zu den Behandelnden stelle ich die Institutionen kurz vor.

68   Leider waren die ursprünglich 23 „priority areas“ oder „target areas“, die vom UNHCR für intensive Aufbaubemühungen ausgewählt wurden, keine Gebiete, in die Flüchtlinge aus dem Ausland bereits 1996 ohne Gefahr zurückkehren konnten. Im Gegenteil: Der Auswärtige Amt brachte bei der Ständigen Innenministerkonferenz über das Bundesministerium des Innern einen Lagebericht ein, in dem auf Seite 1 von den „priority areas“ gesprochen wurde, deren Aufbau laut UNHCR Voraussetzung für eine Rückkehr von Flüchtlingen aus dem Ausland ist. Von diesen 23 Orten befanden sich 22 in der bosnisch-kroatischen Föderation. Die Ständige Innenministerkonferenz interpretierte die Stellungnahme anders und verstand die genannten 22 Orte als Gebiete, in die Flüchtlinge sofort zurückkehren könnten; der zuvor zu leistende Aufbau wurde ignoriert. So wurde in Berlin einen Tag nach der Innenministerkonferenz eine Liste erstellt, auf dem 22 Orte aufgeführt waren und die Anzahl der Flüchtlinge, die in diesen geboren wurden (die letzten Wohnanschriften wurden nicht im Ausländerregister erfasst, aber die Geburtsorte). Insgesamt waren es 4.421 Personen, deren Geburtsorte zu „priority areas“ wurden. Handschriftlich ist vermerkt „sichere Gebiete nach UNHCR“. Der UNHCR bemühte sich zwar mehrmals um die Richtigstellung, dass es sich bei Weitem nicht um sichere Gebiete, sondern um Aufbaugebiete handele, er blieb jedoch erfolglos. Flüchtlinge aus diesen Orten wurden frühzeitig zur Rückkehr aufgefordert und auch abgeschoben (Akten der Senatsverwaltung für Inneres).

79   Sachleistungsprinzip bedeutet, dass neben dem Taschengeld in Höhe von 80 DM/40 EUR monatlich kein Bargeld an die Betroffenen ausgezahlt wird. Essen und Kleidung werden zugeteilt, geliefert oder sind mit speziellen Abrechnungssystemen zu erwerben.

100   Radio Multikulti war ein Radiosender des SFB (Sender Freies Berlin), der 2003 mit dem ORB (Ostdeutscher Rundfunk Brandenburg) zum RBB (Radio Berlin-Brandenburg) fusionierte. Zum 1. Januar 2009 wurde Radio Multikulti eingestellt.

110   Und auch in der hiesigen Gesellschaft ist die Unterscheidung nicht immer klar. Der Artikel zur Einweisung der Psychologin des Polizeiärztlichen Dienstes titelte: „Polizeipsychologin war überfordert. Psychisch labile Ärztin spielte Schicksal“ (Stark 2000). Auch hier wurden Psychologin und Ärztin synonym gebraucht.

112   Den Begriff „Psychologisierung“ verwende ich, um auf eine besondere Ausprägung bzw. ein separates Phänomen innerhalb von „Medikalisierung“ aufmerksam zu machen. Medikalisierung wird von Irving Kenneth Zola als eine Institution sozialer Kontrolle beschrieben (Zola 1972). Von Peter Conrad wird die Ausweitung medizinischer Zuständigkeit und die Involviertheit verschiedener sozialer Akteure beschrieben und auch Trends wie „de-medicalization“ im Fall von „Homosexualität“ zum Beispiel (Conrad 1992 und 2007). Psychologisierung funktioniert in vielen Bereichen analog zu Medikalisierung: Expertenwissen wird erzeugt und findet Eingang in Alltagspraxen, es werden Normen festgelegt und Abweichungen behandelt. Psychologische und psychotherapeutische Behandlung kommt jedoch ohne Medikamente aus (oder muss ohne sie auskommen). Psychotherapie ist Gedankenmanagement auch dann, wenn körperliche Vorgänge über (Auto-)Suggestion behandelt werden. Damit unterscheidet sich Psychologisierung in drei Punkten von Medikalisierung: 1. Es sind andere Expertinnen bzw. Experten involviert, nämlich keine Medizinerinnen bzw. Mediziner sondern Psychotherapeutinnen bzw. -therapeuten. Auch wenn diese beiden Professionen manchmal in Personalunion auftreten, stehen sie dennoch in Konkurrenz zueinander (vgl. Zitat von Frau P. auf S. 168168). 2. Da Medikamente keine Rolle spielen, sind Pharmakonzerne und Nahrungsmittelhersteller keine wichtigen finanziellen Mittelgeber und Sponsoren für neue Erkenntnisse. 3. Die Therapie besteht darin, dass eine Person nach Erklärungs- und Überzeugungsgesprächen im Idealfall durch ihren Willen in Kombination mit angeleitetem Gedankentraining sowohl ihre Gefühle als auch ihren Körper kontrollieren kann. Psychologisierung ist deshalb durch die Abwesenheit von Medikamenten, Medizintechnik und körperlichen Interventionen wie Operationen gekennzeichnet.

130   Das Telefonnetz funktionierte während der Kriegsjahre nur punktuell und brach oft zusammen. Nicht jeder Anruf war erfolgreich, oftmals wurde niemand erreicht. Neben der schlechten Telefonverbindung, die schon ein Glück war, wenn sie überhaupt zustande kam, war Telefonieren ein wichtiger Kostenfaktor für die Flüchtlinge. Eine Freundin erzählte, sie hätte immer Fünf-Mark-Münzen gesammelt, um ihre Eltern anzurufen und das Geld wäre nur so durch den Münzfernsprecher gerasselt. Es war die Zeit, bevor Mobiltelefone erschwinglich wurden und Telefonläden aus dem Boden schossen; die Deutsche Bundespost hatte noch das Monopol.

69 Frau Lisac: Da, Duldung ja. Doduše ja sam imala samo jednom na dvanaest mjeseci, samo sam uvijek dobivala šest dok su drugi stalno dobivali dvanaest mjeseci. Jedino sam ja dobivala na šest, a nikada mi nije bilo jasno zašto.

70 Herr Džaferović: Živio u hajmu sedam godina s majkom u jednoj sobi. Došla mi je žena i dvoje djece nakon dvije godine. Opet u jednoj sobi šesnaest kvadrata a nas petero. Ali, kada se sjetiš nekada si imao veliku avliju, nekada si imao veliku kuću, imanje pored neke dvije rijeke, blizu more, smokva, ono voće. Tu si jednostavno osuđen da ideš sa svakom bagrom na jednu šolju, da kuvaš na istom šporetu, sve je to teško padalo]

71 Herr Džaferović: Ja sam i ovdje bio u logoru. Kada ti izađeš iz jedne patnje i dođeš u drugu patnju onda te to još malo više opterećuje. Opterećuje te ono hoćeš na tamo da zaboraviš ali tu si, tu doživljavaš isto neke scene neke krikove, galamu, vriskove, plač. Znaš, opet je to duplo [...] Ne možeš se ti kako da kažem oporaviti jednostavno.

80 Herr Kapić: Većina ljudi je pokušavala da radi na crno jer nisu imali radne dozvole. [...] Neki su radili na crno zato što im je jednostavno bilo dosadno da kod kuće sjede. Drugi su rekli sutra će se završiti rat mi moramo nazad kako ću ja bez para nazad moram da zaradim. Treći su rekli da pomognem mojima koji su u Bosni. Sve su to jaki argumente, jel. Ali, pred zakonom to ne važi. I šta je još strana toga, bili su sretni oni koji su uspjeli da dobiju novac koji su na crno zaradili, puno njih nije dobilo novac.

81 Frau Rajlić: To to to je nešto bilo najteže. Još socijalni [slučaj], socijalna pomoč meni je bilo užasno. Jer, kod nas socijalnih slučajeva nije bilo jako puno. A drugo ja nisam nikad. Ja sam radila.

82 Herr Osmić: Da radim, volio bih da mogu da radim da sam zdrav sada da radim. Mislim, ja mislim ako bih radio bar tri četri sata ako bih radio da možda bi mi bilo lakše, znate. (...) Ali, ovako je više, kada sjediš onda razmišljaš o tome i vračaš se nazad kako je bilo, šta je bilo. Da li ćeš se vratiti dole, da li nećeš, da li šta ja znam.

83 Herr Džaferović: Ili ja nešto to uštedio od ove socijale, pa je poneo negdje ili sam ostavio isto to što su mi dali. [...] Sve je to u redu to je tako logički. Ali, šta ja sutra kada ostarim? Od čega ja da živim? Ni od čega.

84 Herr Džaferović: Ti si Ausländer ovdje ti se vratiš u nas ti si opet dijaspora znaš, zovu dijaspora. I tamo smo Ausländeri. Tako da više mi ne pripadamo nigdje. E sada se pitaš ono da li bolje onda kada smo izlazili odozdo da li bolje da smo ostali dole ili da smo ovamo išli. Neko, ja sam recimo morao ovamo ići. Nisam mogao nikako se tamo. Da li je bolje onima dole što su u svojim kućama ostali. Imaju sada svoje kuće imaju sada svoj mir imaju svoju baštu žive normalno. Ili da li je bolje što smo ovdje. Teško je to ovaj, znaš.

85 Frau Nuhanović:I eto tako sam počela i davala ateste i međutim djeci to nije pomoglo. Djeca su bila samostalna, punoljetna. Oni su morali napustiti ili u Bosnu, ili Amerika, Australija ili Kanada. Oni su izabrali Kanadu i morali su tamo odseliti, izašli su, otišli su. [...] Eto. I eto hvala bogu djeca su mi živa, pa jesu na kraju svijeta, ali živi su i zdravi. I to me tješi, samo me to još drži.

86 Herr Šeferović: I tako da su išli ti ljudi tamo i liječili se od toga bili i kažem Kasnije su otišli svako svojim putem i sada faktički nema niko od tih logoraša ovdje. Jedino sam ja ostao, ovo sve se razišlo.

87 Herr Tomić: Dosta ih je otišlo za Ameriku od ovih što sam ja sa njima. Oni su otišli u treće zemlje, ali opet imao sam želju uvijek da se vratim kući da vidim i da živim tamo gdje sam gdje sam se rodio. Čini mi se najbolje se osjećam tu gdje sam se rodio premda i znam da. Svestan sam sve mislim na svega. Ali, ovo nije za nas starije. Nije, nije. Drugo je kada ti ideš u svoju baštu u svoje, ono sve obiđeš. Ono tvoje opet tvoje nekada kada si mal bio pa sve ostaje ti.

88 Frau Marković: Pa, mi smo onda jedva izašli. A, druge su opet kupili noću. Po nekoliko kamiona noću oko dva tri sata pokupe i odvedu. Šta im nisu radili sve. A onda kada sam ovdje ja došla onda su mene pokupili ovdje u pola pet mene i moje djete. Ujutro u pola pet. I to na jedan grozan način. Kada su, imala sam zaštitu, što je najgorje pismeno sudsku zaštitu i oni su to znali. Što je značilo to u pola pet ujutro, mrak je. Sedamsto ljudi spava u toj zgradi. I oni još kada ja otvorim vrata poturi mi nogu ovako između vrata i dovratka. Kao da sam ja neki kriminalac.

89 Herr Tomić: Ja advokat sam ja, ja sam sam. Jer, imao sam onaj Duldung stalno po godinu dana. Zato što sam išao doktoru imao sam stalno. Na jedamput prekinoše, sedam dana. Sedam dana, sreća ja odmah advokata uzmem. Plaćao ga i tako. Advokat mi je ovaj. Plaćao sam ga dvaput mjesečno po pedeset. Pedeset maraka, sto, kako kada. Kaže kako, koliko imaš ja ti garantujem, kaže, da ću te držati. Koliko budeš držao toliko ću ti dati. Ja ti ne mogu dati kada nemam. I tako po pedeset to mu je došlo.

90 Frau Nuhanović: I onda negdje nakon godinu dana, ja sam već bila kod doktora B., jednom smo otišli na vizu i dobijemo onaj Grenzebescheinigung, da idemo preko granice u roku od dva mjeseca da napustimo. To je za nas bio veliki stres. Kuda? Rat je tek bio gotov u Bosni, tek se ono potpisalo primirje i to. I šta ćemo? Čujemo mi da se ide advokatima. I odu u mene djeca nekome advokatu sa nekim kolegom tamo na savjet i tamo. I on je rekao, neki socijalni advokat, da li ide mama ili tata idu kod doktora, da li se liječe? Imaju li kakve te? Tek smo tada prvi put saznali zato, za te ateste. Onda je sin rekao, mama ide kod doktora B., već dugo. Pa, kaže, kako nije od njega uzela atest pa ponjela? Pa kaže, nismo znali. Jer dosad smo uvijek dobijali Duldung i ono, bili zadovoljni, tri mjeseca, šest mjeseci, hajde ovaj. I onda je on rekao da ja odem kod doktora B. da uzmem atest i da njemu donesem da će on poslati nama na policiju. I tako je i bilo.

91 Frau Bašić: Tako da smo sve jedna drugoj preporučivale. [...]. Priča se biće i lakše za boravak i dobijaće se boravak na osnovu toga na te ateste. I tako stvarno je i bilo. Ma da, na početku nije dosta svijeta nije ni vjerovalo.

101 Herr Džaferović: Ne, ne nisam se nikada liječio. Liječio direktno ovako da sam imao mjesečno termin. Ustvari nisam ga mogao dobiti na klinici, teško je dobiti termin znaš. Ali, jednostavno sam dokazivao termine za ateste. Tako sastanemo se sat vremena ispričamo šta osjećamo, da li se znojimo, ovo, ono znaš i ono, tako ispričaš i dobiješ atest i eto, odnosno stvarno ga dobiješ sutradan.

102 A.W: Je li to bilo razočarenje? Herr Kapić: Pa, možda teška riječ razočarenje. Ali, možemo reći iznenađenost recimo. Znaju naši ljudi da se žale i kažu imali smo Duldung sada imam ovo, ali sada moram sa Job-Centrom da ratujem, sada moram da ratujem sa ovima i sa onima. Opet ratuješ sa nekima, ali na jednom drugom nivou. To je to. [...] A ovo što su neki išli tražiti ponovo ateste da ne mogu raditi.

103 Frau Marković: Jer ja znam da nije ni Njemačkoj lako i oni imaju svoje socijalne probleme koje ne mogu da riješe. Koje je teško riješiti. I normalno da smo mi bili teret, materijalni teret. Što jeste, jeste. Ali, ako me već neko primi u svoju kuću onda neka me poštuje me kao čovjek.

111 Herr Imamović: Došao sam jednostavno u tu situaciju da sam, da mi je dolazilo vremenom da nisam mogao uredno spavati. Ili, eh, ta nesanica i eh, ružni snovi. Ovaj, dolazilo mi je to. Ja nisam jednostavno tek, kako bih rekao, izbjegavao sam to da idem kod psihologa. Ma da sam ja imao tih preporuka da idem prije, jer kod nas je bilo tako kako da se objasni? U bivšoj Jugoslaviji u Bosni-Hercegovini onaj tko ide kod psihologa smatrao se ludim. I onda je ta, kako bih objasnio? Ta ta ubjeđenost u to eh, ja sam jednostavno se stidio toga da mi ne kaže neko „on je poludio ide kod psihologa“. Da kažem nisam. Misli se na ono baš ono kada niko više kontrole, na to ludilo tako se smatralo. Jer kod nas svi oni koji su išli kod psihologa, psihijatra da se nisu smatrali normalnom osobom. Međutim ovaj, ja sam na kraju krajeva morao se, da zatražim pomoć kod ljekara opšte prakse on je. On mi je onda rekao da idem kod psihologa da više ne čekam, jer sam ja.

112 Herr Kapić: I kada smo čuli recimo da je neko kod psihijatra ovdje jel ja sam lično mislio da je to jedan težak slučaj i ja sam mislio da je to neko preporučio da ide psihijatru. Ne, čovjek kaže „ne ja nisam znao da je to psihijatar, ja sam čuo da mogu na terapiju“.]

113 Herr Imamović: Ali mi je pomoglo da nisam se javio kod psihologa ili psihijatra. [...] Da nisam eh, pristupio liječenju možda i ja bih do sada bio mrtav. Ili eventualno potpuno lud. [...] Da je nastavljeno dalje onim tempom i da nisam stupio u liječenje.

113 Herr Imamović: Pa, imao sam preporuka od ovako poznanika, prijatelja. [...] I čak je se to nekada odražavalo i na porodicu na djecu, na na suprugu gdje sam tu nervozu ispoljavao na ženi i djeci, sam galamio.

114 Herr Imamović: Da nebih napravio neki veliki ekces da nebih naneo tjelesne neke povrede djeci

115 Herr Šeferović: U početku sam odmah krenuo isto kod psihatra. Sam krenuo iz početka. Liječio sam se. Pio raznorazne tablete. Onda injekcije su mi neke isto za smirenje udarali. [...] prvi doktor ja mislim da mi je bio B.. Pošto on jezik znao. Priča moj jezik tako da sam kod njega onaj devedeset četvrte u početku. [...] Reče mi neki ljudi pošto je meni tada pomoć trebalo. Neki koji su već ovdje bili. [...] Isto su me odveli neki ljudi koji su znali za moj slučaj u Behandlungszentrum. I tamo sam bio godinama kod njih na terapijama. [...] I tako non-stop promjenio sam mnogo psihijatra. I dan danas imam dva psihologa, imam psihijatra, neurologa šta ja znam. Idem tamo pijem tablete te što se tiče psihe. Više vremena intervala mi je loših već dobrih bez obzira na tablete. Jer ja sam imao isto šta ja znam te devedeset pete sa sobom sam se ljuljao. [...] I tada sam onaj raznoraznim doktorima tamo vamo i na kraju u bolnicu. U hitnoj sam završio.

116 Frau Nuhanović: Sa spavanjem sam odmah imala problema. Ali ono tek smo došli nismo znali ni, ništa. [...] I nismo jezika znali. Bilo je naših tih doktora, ali nismo znali, ali eto mi smo ipak u ulici imali jednu krasnu doktoricu, Njemicu, [...] i tako da je, da smo kod nje išli, eto, sin mi je već znao nešto njemački pa je onda on prevodio iz početka. I tako par mjeseci. Onda kad je ona vidjela više da mi je potreban psihijatar da mi je potrebno za razgovor da te tablete mi više ne djeluju, što ona, što ona smijela dati što nije smijela dati. Ona ne smije one jake i to. Znaš, da. Ona mi je dala uputnicu za psihijatra. I onda sam ja čula za doktora B. pošto nisam imala eh koga da prevede da kaže ono svojim riječima kako i šta. Čula sam da on govori naš jezik i otišla sam sa jednom prijateljicom kod njega sa uputnicom i tako sam krenula kod njega i evo godinama idem već.]

117 Frau Halkić: Uopšte to nisam primječivala. Imala sam tu svoju traumu, imala sam te svoje psihičke probleme sa nekom, hm, terapijom ili tako nečim nisam ni razmišljala o tome. I onda sam tek, u Berlinu sam došla dvije, eh, devedeset treće godine. Tek devedeset šeste sam, ustvari sam imala problem sa Abschiebungom i ovaj, onda sam došla u Südost da potražim pomoć. I onda su oni rekli kakva mi se pomoć može pružiti ako radim tu terapiju da sa tom potvrdom već kako to dalje ide. Tako da sam tada počela sa terapijom.

118 Frau Rajlić: Prijateljica je došla i donjela mi je adresu i rekla da tu, pošto tada ja nisam znala da govorim njemački. Da je dobila od nekoga, kako to kod nas inaće ide lančano, pa posebno kada smo živjeli u hajmovima sve je bilo poznato. Onda je ona došla i donjela mi adresu i broj telefona. Tako da sam ja nazvala Frau P. i ona mi je dala termin da dođem na razgovor.

119 Frau Bašić: To devedeset sedme čula sam od jedne žene iz Srebrenice tu dolazila. Koleginica i familija malo. Ono da ima ta neka grupa u Südost centrumu šta li je. I ja sam tako pošla s njom. Ona me zvala. Šta sjediš u kući, bolje ti je, hajde u grupu. Ne možeš ti ništa s tim što sjediš. Ono kako koji dan sve mi je bilo gore. [...] I ja pođem s njom.]

120 Frau Nuhanović: Imam familije ovdje koji su stanovali po hajmovima. I onda znate da se u hajmovima sve znalo. [...]. A inaće u stanu ono, rijetko se šta, teško se šta da se sazna, ali eto pošto mi imamo, imam familije dosta pošto smo ono svi protjerani odatle onda dosta nas je došlo u Berlin i tako da sam preko njih saznala.

121 

A.W.: Onda na terapije ste isto bili, na psihoterapije?

Frau Nuhanović: Eh, psihoterapije nisam bila. Jednom sam bila samo, a nisu mi ne znam šta da vam kažem, da su mi toliko pomogli i šta da, da, da. Nisam.

A.W.: Gdje ste bili?

Frau Nuhanović: Bila kod B. isto.

A.W.: I na psihoterapije?

Frau Nuhanović: I na psihoterpije. Ja.

A.W.: I kod Z. isto idete?

Frau Nuhanović: Ja, kod Z. idem. Ja, to su, drugo, to je drugo! Ja ne računam da su to psihoterapije. Ja, ja. Ja to kod Z. idemo. Jest, svaki mjesec idem kod Z. na, ja idem u grupne terapije. Ne idem u samostalne terapije. Idem. I bude mi jako lijepo poslije tih terapija. Onako kada se ispričamo fino i Z. nam lijepe savjete da kako da se ponašamo kako da, da živimo da odbacimo od sebe te, što god možemo više probleme i to. Da, da što više na sebe pažnje po, posvjetimo i stvarno mislim. Ja sam zaboravila da su to psihoterapije. [smije se]

122 Herr Osmić: Ja ne mogu da kažem da ja vidim tu ti nešto neki efekat za pobolšanje zdravlja. To ne mogu da kažem da ja vidim. [...] Nije ništa bolje. Još nekada ako se počnje pričati, pazi, počnje se pričati kako je onaj doživio ono, kako je onaj doživio ono, kako je u onoga pobijena familija ondje na kakav način kod onoga, onda kada ja pričam što je bilo kod mene, kako sam ja život taj prošao, kako mi je familija poubijena poslije kada počnjem da pričam. I onda mi to poslije šta ja znam poslije to me više rastrese i onda me to više i utiče da vam iskreno kažem onda mi to utiče znate. Jer ne možeš ti sada nikome kazati znaš šta nemoj pričati o tome daj da pričamo nešto. Nego svako hoće da priča neku svoju priču.

123 Herr Imamović: Eh, meni lično te terapije su pomogle. Ma da je bilo trenutaka kada smo slušali ili pričali doživljaji koji smo doživjeli te traume ili ne znam ni ja kako bi drugačije to rekli. Eh, nešto što nam je loše se desilo u, kako je počeo taj rat izbilo i, ovaj, i slušanje od drugih koji su bili u grupi. Nekad sam da kažem, ne uvijek, u nekim pričama dosta slučajeva doživio sam hm, o osječaj sam imao bola, osjećao sam. Jer mi je to pogodilo kao nečija priča kako mu je se desilo i kako mu se još moglo još desiti. I kako je doživio taj strah, to tu patnju i jer su mnogi bili u logoru. Mnogi su bili mučeni, mnogi su fizički napadani, psihički maltretirani. I tako da taj sav strah koji su oni ili ja ili doživjeli da ehm, nama često puta ta pogodila priča od tih kako bih ih nazvao? Kolega iz grupe. I ovaj, nekada sam doživio ali nije samo ja, bar po priči drugih, i neka olakšanja kada ispričamo taj događaj, priču šta se desilo i ovaj.

124 Herr Džaferović: Dva puta u sedmici tako družili se, nekada i malo fešte one znaš i tako. U suštini nije bilo loše znaš. Isnosio svako svoje što je doživio. I tako pričali i eto ono kao jednostavno da se zna šta je bilo. I ono kako ide, nikada se ne ponovi, je li?

125 

Frau Bašić: Grupe stvarno su pomogle svima. Ja ja mislim nas niko ne može izliječiti da mi ne, da mi to budemo potpuno. Tko je god nešto preživio i ma ne mora biti da je bio u ratu, ali mu je nestao, nestao mu je brat, otac šta ja znam i djeca i sve. To niko nas ne može izliječiti dok smo živi. Ali, na osnovu kakva sam bila ja sam sada dobro. [...]

A.W: Jeste li nekome dalje preporučili to liječenje?

Frau Bašić: Je, pa jesmo sve smo žene na primjer koje su se poznavale jedna drugoj koja nije bila prije uključena. Ti ako je vidiš onda kažeš hajde u grupu lakše će ti biti, bolje će ti.

126 

A.W.: Jeste li vi nekome preporučili to?

Herr Osmić: Dobro ja jesam. Mislim, govorio sam šta ja znam svakome i to sve da ide. I onda dobro ide, ljudi dosta idu, ima tih dosta grupa to ovdje u Berlinu, znate. Idu sada.

131 Herr Kapić: I kada je čovjek s time opterećen da mora izaći iz svog mjesta iz tog mjesta gdje stanuje gdje živi. Može se reći da bi morao da pokuša da razvija neke svoje aktivnosti. Naravno moramo uzeti u obzir da sam proveo skoro cijelu devedeset četvrte, da cijelu devedeset četvrtu godinu rat je trajao i ja nemam kontakata sa mojima koji su ostali tamo u ratu. I to je to me stvarno enormno opterećivalo. Kako ja mogu sebe opustiti ovdje i recimo zabavljati se i ići u kinu, ali znam da su tamo oni ostali u toj situaciji. Barem da bih imao mogućnost da telefoniram pa bi bilo lakše makar da se čujemo. Ali, tada nije moglo ni telefonirati se. [...] Naravno nemam telefona, kupim karticu, pa idem u govornicu, ispred govornice red noću. Kažu noću da je lakše. I sve je to bilo nešto što je čovjeka, da, ja tako kažem izbezumijevalo ali, s druge strane svijest da se nalaziš na sigurnom. Ti si na sigurnom više ti se ne može ništa loše desiti u onom smislu kako što se moglo u ratu da se desi. Ali, saznanja da su oni tamo ostali u istom tome i da to traje još. To to nije možda nije trauma u pravom smislu rijeći ali, jeste jedno opterećenje, jeste jedno opterećenje.

132 Frau Avdagić: Ja dođem i slušam I. kaže „vi morate ovo, vi morate ono“.

133 Frau Bašić: I meni je Frau R. stvarno mi je rekla da uopšte o tome ne mogu da pričam. I ne trebam da pričam. [...] Jer tada nismo nikako zamišljali da li će iko ostati živ. Pošto znao već cijeli svijet šta je bilo i kako i snimci imaju i sve. Tada je najteže bilo. Ali, opet nisam se uopšte bojala sebe. Nisam zamišljala za sebe. Samo sam molila boga da ubiju mi djecu prvo da vidim očima ako će ih ubiti da ubiju njiha pa da onda mene da nebih gledala da ih pate. Tako žena na kraju ona doktorica što je bila, ona kaže, onaj kao daću vam ja onu tu potvrdu. Potvrdiće me da sam traumatizirana. Kao što jest bilo teško sve to preživjeti. I inaće ne mogu o tome da pričam.

134 Herr Imamović: Psiholog ti govorio kako ćeš da se ponašaš. [...] Sve je to zavisilo u, od situacije koja se odigravala u uopšte u Bosni-Hercegovini, u Njemačkoj vezano za status, statut ovjde boravka, o vračanja tamo. Od od samog početka toga rata i do do do i današnjeg dana. [...] Kada čovjek razmišlja, eh, da je mogao da normalno bude u svojoj kući, da bude, da ima svoj posao, da djeca budu u svojoj kući, da normalno posjećuješ svoje familiju, svoje bližnje te. Eh, da to i razmišljaš da sa ti ovdje od danas do sutra. Da ti svakog momenta može da ideš a nemaš nikakve egzistencije za dalji život onda to naravno da to ne može biti čovjeku jednostavno i da budemo tu baš isto.

135 Frau Avdagić: Ja sam i prije primjetila ali nisam znala da je to sve povezano s tim. Ali sada na primjer kada ja kažem Ireni «zašto me sve boli, sve nervira, sve sekira, ono štres doživim za svaku sitnicu. Ona kaže “i to je” kaže “bolest i to je posljedica toga. Ono tog šta si preživjela.” I napetosti valjda te. Ono non-stop si nekako napet, napet, malo mi treba da ono šta ja znam. Sve me nervira. Sve. Sve.

136 Herr Imamović: Naravno ja ne mogu nikada više biti eh, eh, zdrav kao što sam bio zdrav. [...] Recimo devedeset druge godine kada je počeo rat da kažem da je sada isto. Ne može biti isto. Prvo fizički jer organizam je stariji, psihički da ne pričam. Sve ovo što se preživjelo nema, nema ne vjerujem da je neko da kaže, pa isto je. Jer ovaj eh, ta psiha koja ubija čovjeka iznutra, to može samo da zna onaj, tko, koji je to, koga je to desilo.

137 Herr Tomić: Jer inaće da je ovako bilo ja nebih mogao ovaj izdržati stalno te. A sada je ohladio što vam kažu ohladi se. Sada sam se ohladio sada može sada. Vidio sam mislim sagledao sam stvari kako bih rekao? Sagledao sam stvari da ja ne mogu ništa, ne možeš glavom od zida. Znači pomiri se sa sudbinom. Šta je da je. Ako nije se moglo promjenio sam da sam popio ili propao skroz, prolupao. Mislim da sam prolupao kada sam počeo sam sa sobom pričati. I to, to je. Više puta sam ja prije sam zamislim se i ode, ode pamet. Ne znaš kući. A sada sam ja super. Ne mogu kazati.

138 Frau Halkić: I eto ja sada tu svoju tugu, ja sam jako tužna i jako sam se povukla. Ja sam puno bila prije rata puno aktivna. Mislim normalno nisam imala, jedan dobar posao prije sam imala ono krene se ujutro. Ovo, pokazivala sam svoje vrijednosti. A ovdje niti to možeš kome dokazati niti imaš šance, niti koga interesuje. Eto, možeš ići da čistiš. Onda se osjećaš bijedno.

139 Frau Lisac: Dok sam radila to mi nije falilo. Jer sam imala jako fin posao, bila sam zadovoljna sa mojim poslom. Bila sam zadovoljna sa mojim radnim kolegama, sa mojom šeficom. Radila sam u biblioteci gdje je jako mirno. Nema stresa. Stvarno sam bila zadovoljna, jednostavno terapija mi nije bila potrebna, mislim terapije, grupna terapija mi nije bila potrebna, premda da idem regelmäßig, redovno idem kod moga doktora, jer moram to raditi zato što još uvijek uzimam terapiju, uzimam tablete.

140 Herr Džaferović: Ja u stvari pitao sam te psihijatre jesmo li mi ludi? Jer meni se čini najbitnije je bilo biti ovdje lud pa da dobiješ taj Duldung, Aufenthalt. A ne biti normalan da vrijediš ništa više. Trebao biti nikakav da bi imao Aufenthalt ili onaj Duldung. [...] Ja ono nisam bio toliki bolesnik, jer neko se hvali da je bolestan znaš. Meni su kolege napadali, ti se ne liječiš ne primaš injekcije, tablete. Ja nekako mislim pa da bog da mene ujutro protjerali pa ja dole patio od gladi a bio zdrav nego bio ovdje bolestan a dobio Aufenthalt. Mislim to je glupost sasvim. Ja nisam nikad bio taj tko kaže idem ja doktoru, liječim se, boli me ovdje, boli me ondje dok nije za mene. Za mene je bilo onda trauma jednostavno nisam mogao ostvariti jednostavno jedino pitanje koje mi je bilo: zašto? Zbog čega? Jer glupost u dvadeset prvom vijeku ili da ti ne možeš otići kao čovjek u WC mislim, je li tako? Dovoljno je to trauma. Što ja moram sada piti neke tablete da sam lud. Onda sam lud nisam traumatiziran, je li tako? Ili sam bolestan.

141 Herr Šeferović: Pa ne postoji sada ništa faktički. Nema ništa. Ja recimo ako trebam neki savjet ili pomoć ja nemam kome da se obratim. Evo kao logoraš. Jedino da odem advokatu i advokat da me zastupa. Eto mislim to je žalosno ali to je to je tako. Jednostavno nema. [...] Što znam recimo tako taj Behandlungszentrum. [...] bilo kada da dođem gore to je sigurno da mi pomoć treba oni bi mi uvijek pomogli. A ovo drugo nema niko jednostavno.]

142 Frau Nuhanović: Prije sam bila zdrava, radila sam dole u Bosni što se tiče toga. Radila sam isto kao službenik, ne znam da sam bila kod doktora, jedino kod zubara i kada sam rodila djecu. A ono, eto, radila sam dvadeset i dvije godine, dvadeset tri godine radnog staža imam dole. Eh, jedino kada sam došla ovamo. Došli smo u najbolje godine, prestali smo raditi. Radne dozvole nismo mogli dobiti, mi kada smo došli bar tada već su bile ukinute radne dozvole sa Duldungom. I onda znate problemi ostao si bez igdje išta, protjeran u stranu zemlju ne znaš jezika, ne znaš prava. […] Onda kada je, pođoše nas vračati a nemaš gdje. I to, eto meni je to pomoglo da opstanem radi tog psihijatra, radi lijekova, radi toga. Ali mojoj djeci nije moglo pomoći. Moja djeca su morala napustiti Njemačku. Pošto su došli punoljetni ovamo, bili su zdravi, nisu imali načina da ostanu, Njemačka je ostavljala samo bolesne i maloljetne. […] Kada smo došli u najboljim godinama, mogli raditi i sve, nisu nam dali da radimo. Sada više i ne možemo i ne tražim posla. Sada sam na Grundsicherungu, pa sada, dalje kako bude bude. Želja mi je jedino da odem još da vidim djecu da vidim gdje žive, kako žive i to ali ostalo, to.]

143 Frau Nuhanović: Rekla sam da se ne smatraju ludim. [smije se] Da je dobro, bar u našoj situaciji. Jer ovo što smo mi doživjeli, čovjek tko je to ne doživi to je jako teško shvatiti. […] Ali, eto ovi koji su ostali živi opet neka, svako se snašao na svoj način. Samo onih mrtvih nema nikada. Eto. I eto hvala bogu, djeca su mi živa, pa jesu na kraju svijeta, ali živi su i zdravi. I to me tješi.

144 Frau Nuhanović: Jest, jest, prijateljica je bila sa mnom prvi put ono. Znate kako je kod nas bila izreka? Kod psihijatra idu samo ludi, da izvinite. [smije se] A ne znam ja se nisam osjećala luda. [...] To sada normalno shvaćam, [...] da ja moram ići, da mi je potrebno i da mi djeluje, [...] da mi pomaže. To je sada, sada mi je sasvim normalno. Ali prvi puta! [smije se] Prvi put je bio jako teško, ali eto, čovjek se na sve navikne, na sve.

145 Frau Nuhanović: Kada tih par problema riješi se ipak je lakše, nekako čovjek je zdraviji, zdraviji. Jer život zavisi i zdravlje puno od problema u životu, puno. A, naročito na psihu. Jer to sam, to sam kroz ono svo vrijeme koje sam ovdje, koje idem eto liječim se i živim, to sam shvatila. Da mnogi problemi na psihu utiču.



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24.08.2010