4 Die behandelnden Psy-Vertreterinnen und -Vertreter

Nichts ist subjektiver als ein ärztliches Gutachten und vor allem ein solches über Unfallneurosen! (Windscheid 1905 in Fischer-Homberger 2004: 187)

Die Vertreterinnen und Vertreter der Psy-Disziplinen sind mit ihren Forderungen und Expertisen die lautesten und sichtbarsten Akteure in meinem Feld. Ihr Handwerkszeug, die Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung, sowie ihre bosnischen Patientinnen und Patienten habe ich bereits dargestellt. Nun geht es um die Therapierenden selbst. Meine Ausführungen stützen sich auf Interviews mit acht Berliner Psychologinnen, Psychologen, Psychiaterinnen und Psychiatern, meine Beobachtungen und Erfahrungen im Rahmen meines eigenen Beteiligtseins am Psy-Diskurs zu Posttraumatischen Belastungsreaktionen bei Flüchtlingen aus dem ehemaligen Jugoslawien und Publikationen zu Posttraumatischen Belastungsstörungen und andere psychische Störungen.

Während für die Flüchtlinge die Berliner Exilerfahrungen prägend waren, sie mit den gleichen Problemen konfrontiert wurden und sich ähnliche Lösungsmöglichkeiten für die Probleme auftaten, waren die Wege und Standpunkte ihrer Therapeutinnen und Therapeuten divers, obwohl ich mit weniger Therapeutinnen bzw. Therapeuten sprach als mit Flüchtlingen. Dieses unterschiedliche Verhältnis von Behandelnden zu behandelten Flüchtlingen trägt auch dem Umstand Rechnung, dass es mehr Flüchtlinge gab als Therapierende. Bei der Auswahl meiner Gesprächspartnerinnen und -partner habe ich darauf geachtet, dass sie sowohl unterschiedliche Institutionen wie auch niedergelassene Psychologinnen, Psychologen, Psychiaterinnen und Psychiater repräsentieren. Unter ihnen waren fünf Frauen und drei Männer. Zwei der Männer nahmen leitende Funktionen in Behandlungszentren wahr, der dritte war Herr Dr. B., der serbokroatisch sprechende Psychiater, um den es schon mehrmals ging. Im Feld der medizinischen Flüchtlingsarbeit sind überwiegend Frauen tätig, deshalb sind sie auch unter den von mir interviewten Psy-Vertreterinnen und -Vertretern in der Mehrzahl.

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Die Länge der Gespräche variierte zwischen dreißig Minuten und zweieinhalb Stunden. Zwei Interviews fanden aufgeteilt in zwei je einstündige Termine – der üblichen Therapiesitzungslänge – zeitlich versetzt statt. Bis auf eine Ausnahme waren alle meine Gesprächspartnerinnen und -partner auf der jeweiligen Liste der Berliner Psychotherapeuten- bzw. Ärztekammer, auf denen alle Spezialistinnen und Spezialisten aufgeführt sind, die zum Schreiben von Stellungnahmen berechtigt sind, die von der Berliner Ausländerbehörde nicht angezweifelt werden (dürfen).

Meine Gesprächspartnerinnen und -partner besaßen verschiedene Qualifikationen und persönliche Hinter- und Beweggründe, sich in der Arbeit mit Traumatisierten zu engagieren. Für einen Ein- und Überblick beschreibe ich im Folgenden die Behandlungsmöglichkeiten in Berlin und verorte meine Gesprächspartnerinnen und -partner in ihr. Einen kurzen Überblick gibt die folgende Tabelle. Die darin verwendeten Abkürzungen für die Institutionen sind im Abkürzungsverzeichnis zu finden, die Institutionen selbst stelle ich im folgenden Abschnitt kurz vor:

Meine Gesprächspartnerinnen und -partner unter den Psy-Vertreterinnen und -Vertretern:

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Namens-kürzel

Institution

Nieder-lassung

Fach

Psychotherapierichtung

EMDR™

Interview

Frau A.

Südost

Ja

Psychologie

Psychoanalyse/tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie

Nein

Okt
2005

Herr W.

BZFO

Ja

Psychologie

Gestalttherapie/tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie

Nein

Sep
2005

Frau G.

Ja

Psychologie

Psychoanalyse/tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie

Ja

Okt
2005

Herr Dr. B.

Ja

Medizin

keine

Ja

Okt
2005

Frau E.

AWO

Ja

Psychologie

Gestalttherapie (ohne Kassenzulassung)

Ja

Nov/Dez 2005

Frau R.

Südost

Ja

Medizin

Psychoanalyse/tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie

Nein

Dez
2005

Herr K.

Xenion

Nein

Psychologie

systemische Familientherapie

Nein

Jan
2006

Frau P.

zfm

Nein

Psychologie

Psychodrama

Nein

Feb
2006

4.1 Die Berliner psychiatrischen und psychotherapeutischen Unterstützungsstrukturen für Flüchtlinge und Asylbewerberinnen und -bewerber

Die Berliner psychiatrischen und psychotherapeutischen Unterstützungsstrukturen für Flüchtlinge und Asylbewerberinnen und -bewerber sind äußerst vielfältig und gut vernetzt, was den bosnischen Flüchtlingen zugute kam. Im Gegensatz zu anderen Bundesländern weist Berlin räumlich begrenzt eine Vielzahl von Behandlungsmöglichkeiten auf, die alle in der Innenstadt liegen und gut zu erreichen sind. Für einen besseren Überblick ordne ich die Angebote vier Ebenen zu, die ich beschreibe. Diese sind: die Behandlungszentren, die Wohlfahrtsverbände, Vereine und niedergelassene Ärztinnen, Ärzte, Psychologinnen und Psychologen.

4.1.1 Erste Ebene – die Behandlungszentren

Berlin verfügt über zwei Behandlungszentren. Das ältere und kleinere ist Xenion e. V., dessen Leiter, Herr K., sich bereit erklärte, mir ein Interview zu geben. Darin ging es insbesondere um die Entstehung des Xenions und um die Arbeit mit Traumatisierten allgemein. Diese beiden Themen wurden von ihm wahrscheinlich schon mehrmals geschildert, denn er brauchte kaum Formulierungspausen bei seinen Ausführungen. Die Reflektionen über die Arbeit mit bosnischen Flüchtlingen im Speziellen waren offener und durch längere Pausen gekennzeichnet, ebenso wie seine Antwort auf meine Frage zu seiner persönlichen Motivation, mit Traumatisierten zu arbeiten.

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Xenion e. V. wurde 1986 gegründet und begleitet seitdem Asylsuchende, die in ihrem Herkunftsstaat gefoltert wurden, therapeutisch, unterstützt sie im Asylverfahren und ihrem sozialen Umfeld. Der Verein versteht sich als Menschenrechtsorganisation. Zu Beginn existierte eine Psychotherapeutenstelle, später kam eine weitere Stelle hinzu. In den 1990er Jahren wuchs Xenion e. V. personell weiter; zuvor hatte er immer wieder mit finanziellen Engpässen zu kämpfen gehabt.

Zum Zeitpunkt des Interviews gab es zwei feste Stellen, weitere Drittmittelstellen und eine Vielzahl von Honorarkräften, assoziierten Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sowie auch Psychiaterinnen und Psychiatern, die Patientinnen und Patienten im Bedarfsfall betreuten. Neben Psychologinnen und Psychologen gehörten zum Mitarbeiterstamm Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, Dolmetscherinnen und Dolmetscher auf Honorarbasis und eine Verwaltungskraft. Es wurden immer Praktikantinnen und Praktikanten gesucht. Finanziert wurde Xenion e. V. mit Geldern der Berliner Senatsverwaltung, die jedoch zunehmend durch EU-Projektmittel aufgestockt wurden sowie aus privaten Spenden. Die Räumlichkeiten von Xenion e. V. wurden durch das Diakonische Werk zur Verfügung gestellt, das jedoch nicht als Träger fungiert.

Herr K. erzählte, dass Xenion e. V. als Reaktion auf die unerträglichen Zustände in den Flüchtlingsheimen entstand, die die Flüchtlinge soziale und psychologische Hilfe suchen ließen. Bis zur Mitte der 1990er Jahre waren Folteropfer, die sich im Asylverfahren befanden, die primäre Zielgruppe des Vereins. Mit den Bürgerkriegsflüchtlingen änderte sich das. Einer Statistik auf der Vereinshomepage ist zu entnehmen, dass 2003 vor allem kurdische Folteropfer aus der Türkei bei Xenion e. V. Hilfe suchten und damit die Hauptklientel bildeten. Doch 39 Prozent der Patientinnen und Patienten waren Kriegsflüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien und nur 30 Prozent aus der Türkei. In der Kategorie „Folteropfer“ stammten 8 Prozent aus dem ehemaligen Jugoslawien und 52 Prozent aus der Türkei (Xenion a). Obwohl sich Xenion e. V. weiterhin auf die Behandlung und Unterstützung von Folteropfern konzentrierte, waren ein Großteil der in der Statistik aufgeführten Patientinnen und Patienten Kriegsflüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien, auch wenn diese Gruppe nicht explizit in der Selbstdarstellung auf der Homepage genannt wurde.

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Von 2002 bis 2004 setzte Xenion e. V. Gelder des Europäischen Flüchtlingsfonds für ein Projekt mit dem Namen „Krisendienst“ ein. Es richtete sich unter anderem an: „von Abschiebung bedrohte(r) traumabedingt erkrankte(r) Kriegsflüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien“ und galt „der psychologisch/psychiatrischen Begutachtung von Trauma- und Folterfolgen“ (Xenion b). Zwei Psychologinnen wurden hierzu zusätzlich eingestellt, um psychologische bzw. psychiatrische Stellungnahmen zur Vorlage bei der Berliner Ausländerbehörde zu verfassen; dies dürfte auch der Grund für die hohe Zahl von Flüchtlingen in der oben zitierten Statistik sein.

Xenion e. V. pflegt zahlreiche Vernetzungen und Kooperationen mit anderen Institutionen in Berlin, der Bundesrepublik und Europa. Die Bundesweite Arbeitsgemeinschaft der Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer e. V. (BAFF) ist in den Räumlichkeiten von Xenion angesiedelt, womit auch deutschlandweit wichtige Impulse vom Xenion ausgehen und Informationen bei ihm zusammenlaufen.

Das zweite, größere und bekanntere Berliner Behandlungszentrum ist das Behandlungszentrum für Folteropfer, abgekürzt BZFO. Es wurde 1992 gegründet. Hintergrund war die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands, wie es auf der Webseite des Zentrums geschildert wird (www.bzfo.de). In einer anlässlich des 10-jährigen Bestehens des Behandlungszentrums veröffentlichten Publikation wird zudem deutlich, dass es eine Gründung von Ärzten war – Xenion e. V. wurde im Gegensatz dazu von Psychologinnen und Psychologen gegründet. Obwohl Xenion bereits seit acht Jahren Flüchtlinge in Berlin und Refugio seit drei Jahren in Bremen (Refugio Bremen, undatiert) therapierten, behaupten Dr. Christian Pross und Dr. Sepp Graessner (die zwei ärztlichen Gründungsmitglieder des BZFO neben einem Journalisten) in der Einleitung, dass „eine Traumabehandlung von Flüchtlingen und Asylbewerbern eine ‚terra incognita‘ in Deutschland darstellte“ (Birck et al. 2002: 1). Der Gründungsverein, aus dem das BZFO hervorging, wurde stark von der Berliner Ärztekammer unterstützt. Dessen erste Aktion war eine Spendensammlung während des Golfkriegs, deren Erlös als Hilfsgüter in die kurdischen Gebiete des Iraks gesandt wurde. Der unerwartet große Erfolg der Spendenaktion verhalf den Initiatoren auch zu einer Vielzahl politischer Kontakte, die im Weiteren halfen, auf bundespolitischer Ebene eine Anschubfinanzierung für die Gründung des Behandlungszentrums zu erreichen (Birck et al. 2002: 2 f.).

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Während der ersten Jahre war das BZFO innerhalb der DRK-Westendkliniken angesiedelt und zog 2005 in neue Räumlichkeiten im Krankenhaus Moabit um. Ich konnte mit Herrn W., dem ehemaligen stellvertretenden Leiter des Zentrums, sprechen. Kurz nach dem Umzug fand ein Leitungswechsel statt und Herr W. entschloss sich, sich als psychologischer Psychotherapeut niederzulassen. Er war während seiner Mitarbeit im BZFO aktiv in der Lobbyarbeit für bosnische Flüchtlinge in verschiedenen Berliner Gremien tätig, unter anderem am Runden Tisch des Bischofs der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg. Ich sprach mit ihm circa drei Monate nach seinem Ausscheiden aus dem BZFO. Seinen Entschluss sich niederzulassen begründete er mit strukturellen Veränderungen innerhalb des Behandlungszentrums, die ihm nicht mehr genügend Freiraum ließen, und mit einem Erschöpfungszustand nach der langjährigen Arbeit mit traumatisierten Flüchtlingen. In den neuen Räumlichkeiten des BZFO fand etwas später auch das Zentrum für Migrationshilfen (zfm) des DRK eine neue Bleibe und im BZFO einen neuen Träger. Beim zfm ist die Diplompsychologin Frau P. angestellt, mit der ich ebenfalls sprechen konnte. Das zfm erweiterte die Angebotspalette für traumatisierte Flüchtlinge und deren Familien.

Das BZFO ist als Poliklinik organisiert und hatte im Jahr 2007 25 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, eine eigene Bibliothek und eine Planstelle für Forschung. Im Gegensatz zu Xenion e. V. publizieren das BZFO und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter intensiv, und sind damit auch theoretisch tonangebend in der deutschen Landschaft der Behandlungszentren. Die ersten Publikationen des BZFO sind mit seinem früheren Leiter Dr. Christian Pross verbunden, der sich mit deutscher Psychiatrie während des Nationalsozialismus und den Entschädigungsverfahren jüdischer Überlebender im Nachkriegsdeutschland beschäftigte. In den 2000er Jahren widmeten sich die Publikationen der Mitarbeitenden des Behandlungszentrums vor allem der Lobbyarbeit für Traumatisierte und der Entwicklung von Standards zur psychiatrischen und psychologischen Begutachtung von Flüchtlingen und Asylbewerbern (BZFO 2008).

Das BZFO verfolgte von Anfang an sehr erfolgreiche Fundraising-Aktivitäten (ich kann nur vermuten, dass das journalistisch geschulte Gründungsmitglied hier einen positiven Einfluss hatte), die ihm viele Privatspenden sicherten und zahlreiche Unterstützende aus Politik und Gesellschaft. So gehörten ein Mitherausgeber der Wochenschrift Die Zeit, zwei ehemalige Bundespräsidenten, ein ehemaliger Präsident der Industrie- und Handelskammer, ein Stiftungskuratoriumsvorsitzender, der Vizepräsident des Bundestages und der regierende Bürgermeister von Berlin zu den Unterstützern und Schirmherren, die auf der Homepage des BZFO (www.bzfo.de) für die Arbeit des Behandlungszentrums werben. 2007 stellten mehrere Stiftungen Gelder für die Arbeit des BZFO zur Verfügung, die Einrichtung einer Stiftungsprofessur für Herrn Dr. Pross an der Charité war geplant, wie im Rahmen der Einführung des Wissenschaftlichen Symposiums „Neue Erkenntnisse der psychobiologischen Traumaforschung – Brücke zwischen Natur- und Geisteswissenschaften in der Medizin?“ am 28.08.2006 in der Charité angekündigt (Nagel 2006).

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Das BZFO arbeitet interdisziplinär, nicht nur psychotherapeutisch und ärztlich, was ihm leichter fällt als dem Xenion, da es mehr finanzielle Mittel und größere Räumlichkeiten zur Verfügung hat. Zu den Angeboten des Zentrums gehören ein interkultureller Garten und seit 2007 auch eine Wohngruppe für traumatisierte Frauen. Das BZFO forscht selbst, bildet Psychologinnen und Psychologen innerhalb der Praxisphase der Ausbildung zu psychologischen Psychotherapeutinnen und -therapeuten (Psychologin/Psychologe im Praktikum, PiP) aus, bietet Weiterbildungen, sowohl für Psychotherapeutinnen und -therapeuten als auch für Flüchtlinge, und für Letztere auch eine Rechtsberatung über das Zentrum für Migrationshilfen (zfm) an. Die erfolgreiche Mitteleinwerbung sichert weitere finanzielle und ideelle Unterstützung und die Präsenz im Feld der Traumaforschung und Flüchtlingsarbeit durch öffentlichkeitswirksame Konferenzen mit internationalen Gästen (wie am 8/9.12.2005 im Tacheles oder am 28.08.2006 in der Charité) und die bereits erwähnten zahlreichen Publikationen.

Seit Februar 2008 existiert ein Kooperationsvertrag mit der Charité, die die Tagesklinik im BZFO unterstützt und sie damit zu einem Teil der Regelversorgung und gleichzeitig über die Krankenkassen abrechenbar macht (Endele 2008). Es ist ein weiterer Schritt aus der Ecke eines Vereins und einer Nichtregierungsorganisation heraus in Richtung Integration ins reguläre Gesundheitssystem, einem erklärten Ziel des BZFO (Birck et al. 2002: 5). Beide Behandlungszentren kooperierten und waren unumstrittene Experten in der Stadt, wenn es um Traumafolgeschäden bei Folteropfern und Flüchtlingen vor allem auch bei aufenthaltsrechtlichen Fragen ging.

4.1.2 Zweite Ebene – psychologische Angebote bei Trägern der Wohlfahrtspflege

Neben den beiden Behandlungszentren, die die Behandlung von traumatisierten Folteropfern, aber auch Flüchtlingen, als ihren Auftrag verstanden, gab es Behandlungsmöglichkeiten bei Trägern der Wohlfahrtspflege. In den 1990er Jahren wurden in den etablierten Beratungsstellen für Migrantinnen und Migranten, die sich zuvor vor allem an Gastarbeiterinnen und -arbeiter, später auch an Asylbewerberinnen und -bewerber wandten, Psychologinnen und Psychologen eingestellt.

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Eine erste solche Psychologinnenstelle wurde bei der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Neukölln eingerichtet, die seit 1993 Personalmittel für die Betreuung von Frauen aus dem ehemaligen Jugoslawien von der Berliner Senatsverwaltung erhielt (Abgeordnetenhaus Berlin 02.11.1993). Die Frauenberatungsstelle bestand bereits seit 1991 und wurde zu einem wichtigen Anlaufpunkt für jugoslawische Flüchtlingsfrauen. Hier wurden die Kinder betreut und den Müttern Gespräche angeboten. Angestellt waren Frauen aus dem ehemaligen Jugoslawien, die als Sozialarbeiterinnen, Erzieherinnen und Psychologinnen ausgebildet waren. Sie versuchten, ihre Landsleute in der Fremde zu unterstützen und den Wahnsinn des Krieges in der Heimat erträglich zu machen. Wenige Zeit später, als sich abzeichnete, dass die Diagnose und Therapie einer Posttraumatischen Belastungsstörung half, die Duldung zu verlängern, wurden (Gruppen-)Therapien angeboten. Zuvor mussten jedoch die angestellten Psychologinnen ihre Abschlüsse anerkennen lassen und zusätzliche Qualifikationen erwerben, die sie zur Attestierung für deutsche Behörden autorisierten. Frau E., die seit dem Ende der 1980er Jahre bei der AWO angestellt war und die Entstehung und Etablierung der Frauenberatungsstelle begleitet hat, sprach mit mir über ihre Erfahrungen in der Arbeit mit traumatisierten Frauen aus dem ehemaligen Jugoslawien. Zwar hatte Frau E. bereits in Zagreb Psychologie studiert, doch die Anerkennung ihres Abschlusses nahm zwei Jahre in Anspruch. Während dieser Zeit konnte sie nur als Erzieherin bei der AWO arbeiten. Mit der Anerkennung ihres Diploms bot sie psychologische Beratungen an. Nach der Zusatzausbildung zur Gestalttherapeutin begann sie, therapeutisch mit Gruppen und Einzelpersonen zu arbeiten.

Die Berliner AWO war mit der Schaffung von Psychologinnen- und Psychologenstellen als Reaktion auf den antizipierten Bedarf bei Zugewanderten nicht allein. Der zweite Träger in Berlin, der eine solche Stelle für die psychologische Beratung und Therapie von Flüchtlingen schuf, war das Deutsche Rote Kreuz (DRK) in seinem Zentrum für Migrationshilfen (zfm), das im August 2005 in die Trägerschaft des BZFO wechselte. Frau P. arbeitete seit den 1980er Jahren für das Rote Kreuz als Erzieherin in Flüchtlingswohnheimen. Sie stammt aus der Tschechoslowakei und erlernte Serbokroatisch von den Flüchtlingen, die in den Wohnheimen untergebracht waren. Neben ihrer Arbeit studierte sie Psychologie und absolvierte danach eine Ausbildung in Psychodrama. Nach dem Abschluss ihres Studiums bewarb sie sich auf die neu eingerichtete Psychologinnen- und Psychologenstelle beim DRK und erhielt sie.

Mit ihrer Weiterqualifizierung zur Psychotherapeutin begann auch sie, Gruppentherapien anzubieten. Die Beratungsstelle des Roten Kreuzes entwickelte sich analog zu der der Arbeiterwohlfahrt: Mit der Zusatzausbildung der angestellten Psychologin zur Psychologischen Psychotherapeutin war ein Übergang von Beratungsgesprächen zu (Gruppen-)Therapien verbunden. Obwohl das zfm nicht auf eine Herkunftsregion spezialisiert war (wie die Frauenberatungsstelle der AWO), kamen vor allem bosnische Flüchtlinge und später auch Kosovarinnen und Kosovaren, sodass es Therapiegruppen für albanisch und serbokroatisch Sprechende gab, die zumeist von ehrenamtlichen Dolmetscherinnen und Dolmetschern unterstützt wurden. Auch beim DRK war die Nachfrage nach Therapien und Stellungnahmen bald nicht mehr von einer Psychologin zu bewältigen und es wurde eine zweite Psychologinnenstelle geschaffen. Eine Zeitlang gab es sogar eine dritte Teilzeitstelle. Daneben gab es je eine Stelle für Sozial- und Rechtsberatung. Die Kombination aus Sozial-, Rechtsberatung und Psychotherapie war in Berlin einmalig.

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Beim zfm erhielten die Flüchtlinge sozusagen eine Rundumbetreuung und konnten direkt aus einem Beratungsgespräch ins nächste geschickt werden, oder die betreffenden Spezialistinnen und Spezialisten konnten hinzugerufen werden. Alle drei Stellen – Rechts-, Sozial- und psychologische Beratung – arbeiteten eng zusammen. Die Behandlungszentren hingegen haben zwar Sozialberatungen, aber keine ständige Rechtsberatungsstelle wie das zfm. Trotz dieses erfolgreichen Konzeptes gab es gravierende finanzielle Schwierigkeiten zu Beginn des neuen Jahrtausends. Frau P. bemühte sich mit Unterstützung der Verwaltungskräfte, die zuständigen Sozialämter der Flüchtlinge, oder – allerdings bei einem kleineren Teil – die zuständigen Krankenkassen, zur Vergütung der Psychotherapien zu bewegen. Das war auch einmalig in Berlin, denn normalerweise wurden Therapien und Stellungnahmen durch die Trägervereine bezahlt, aus Projektgeldern bestritten oder gar nicht finanziert, wenn es sich um ehrenamtliche Arbeit handelte. Der finanzielle Ruin des zfm konnte etwas hinausgezögert, aber nicht abgewendet werden. Im Jahr 2005 trennte sich das DRK vom zfm, das dann im August 2005 im Behandlungszentrum für Folteropfer einen neuen Träger fand und dort in neuen Räumlichkeiten seine Arbeit fortsetzen konnte. In den letzten Jahren wurden mehrere Schulungskurse für (traumatisierte) Migrantinnen und Migranten aus EU-Mitteln finanziert, die den Betroffenen einen Einstieg in den Arbeitsmarkt ermöglichen sollten.

4.1.3 Dritte Ebene – psychologische Angebote ohne Trägerschaft

Es war schon mehrmals vom Südost die Rede, der eine Sonderstellung einnimmt, denn er ist ein Kulturverein. Der Südost Europa Kultur e. V. wurde 1991 mit dem beginnenden Zerfall Jugoslawiens von seiner späteren Leiterin Bosiljka Schedlich gegründet und wollte mit Kulturarbeit dem zunehmenden Nationalismus begegnen (Südost 2002). Im Verlauf der Kriegsjahre wurde das Südost-Zentrum, wie es auch genannt wurde, wortwörtlich zum Zentrum und zur Anlaufstelle für Personen aus dem ehemaligen Jugoslawien, gleich welcher Nationalität, welchen Alters oder soziokulturellen Hintergrunds. Von der Analphabetin bis zum Hochschulprofessor, vom Kind bis zum Greis, von Roma bis bosnischer Rumänin – alle Gruppen und Einzelpersonen waren immer herzlich willkommen und dafür war vor allem die charismatische Frau Schedlich verantwortlich, die alle nur Bosiljka nennen. Sie schaffte es, finanzielle Mittel beim Berliner Senat einzuwerben und so den Verein zur Koordinierungsstelle für Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien zu machen.

Sie unterstützte jegliche Art von Eigeninitiative, stellte Räumlichkeiten zur Verfügung, vernetzte und vermittelte. Im Gespräch mit mir erzählte sie vom Anfang der Flüchtlingsarbeit im Südost: Eigentlich war diese nicht geplant, doch die Flüchtlinge kamen einfach und wollten mit ihr reden und sie hörte ihnen zu. Es kamen immer mehr und standen vor ihrem Büro an, um mit ihr zu sprechen, ihr ihre Flucht- und Leidensgeschichten zu erzählen. Daraufhin entschloss sie sich, eine „Redegruppe“ zu gründen. Die ehemaligen Lagerinsassen hatten schon selbst eine solche Gruppe in den Räumlichkeiten des Südost organisiert, in der sie sich trafen und erzählten. Die zweite „Redegruppe“ stand allen offen. Mit der Zeit kam Frau Schedlich zu der Überzeugung, dass psychologische Anleitung notwendig war.

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Und die, die herkamen, natürlich sind sie überwiegend – nicht immer – vor allem wegen der Therapie gekommen. Sie sind gekommen, um zu sehen, welche Hilfe sie bekommen können. Eine Hilfe ist ein Deutschkurs, eine Hilfe ist eine bessere Unterbringung in einem Wohnheim, denn man hat das hier gemacht, aber auch Therapie. Denn Bosiljka hat mit all ihnen gesprochen und gefragt, woher seid ihr, wie groß ist die Familie, was seid ihr, wo wart ihr. Und die Leute, wenn sie zum Beispiel sagen, dass sie aus Sarajevo sind oder was weiß ich, aus Bihać oder so, solche Orte, die bekannt dafür waren, den Kriegsereignissen ausgesetzt zu sein. Dann nimmt man an, dass sie solche Hilfe brauchen. Und sie schlägt es ihnen vor, wenn es sie gibt. Und normalerweise gab es sie für solche.1 (Herr Kapić)

Herr Kapić war einige Jahre ehrenamtlich beim Südost tätig und hat viel über diese Arbeit im Interview erzählt. Mit zunehmenden Problemen der Flüchtlinge mit den Behörden wurde eine Sozialberatung eingerichtet und im Rahmen einer Kooperation mit der Beratungsstelle „Asyl in der Kirche“ begonnen, einmal wöchentlich eine Rechtsberatung im Südost anzubieten. Zudem kontaktierte Frau Schedlich beide Berliner Behandlungszentren, um dort um psychologische Unterstützung zu bitten, und fragte eine Psychotherapeutin, ob sie mit ihr eine Frauengruppe leiten wolle. Die Psychologin war Frau A., die ich interviewen konnte. Sie wandte sich ans Südost, weil sie eine Patenschaft übernehmen wollte, nachdem sie eine Reportage über den ersten Nachkriegswinter in Bosnien gesehen hatte. Frau A. willigte ein, eine Therapiegruppe zu leiten, in der Frau Schedlich dolmetschte und ihr Ehemann ihr dabei half, Stellungnahmen für die Ausländerbehörde für die Frauen aus der Gruppe zu verfassen. Die Stellungnahmen waren bereits notwendig und das Anleiten einer Therapiegruppe schon offensichtlich mit dieser zusätzlichen Schreibarbeit verbunden. Das Zitat von Herrn Kapić verdeutlicht, dass die Flüchtlinge in Therapie geschickt wurden, weil es sich von selbst verstand, dass Leute aus bestimmten, vom Krieg besonders betroffenen Gebieten Therapien bräuchten. Für solche „schweren Fälle“ gab es auch immer Plätze.

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So begann die psychotherapeutische Arbeit im Südost, die bis heute andauert. In Spitzenzeiten bestand die Therapiegruppe aus bis zu 80 Frauen. Um die Gruppe zu verkleinern, suchte Frau A. Kolleginnen und Kollegen, die kleinere Gruppen übernehmen konnten. Diese Suche gestaltete sich sehr schwierig, wie sie schilderte. Sie stieß teilweise auf Ablehnung und am Ende fanden sich nur Kolleginnen, die Teilgruppen übernahmen. Daraus ging ein Kreis von Psychotherapeutinnen und -therapeuten um das Südost hervor, in dem sich niedergelassene und in Behandlungszentren tätige Psychotherapeutinnen und -therapeuten regelmäßig über ihre Therapieerfahrungen mit Flüchtlingen aus dem ehemaligen Jugoslawien austauschten.

Im Jahr 2000 wurde zudem ein deutsch-bosnischer Fachaustausch zwischen Therapeutinnen und Therapeuten in Berlin und in bosnischen Städten initiiert. Das ermöglichte vielen Berliner Behandelnden, die bereits jahrelang Bosnierinnen und Bosnier therapeutisch begleitet hatten, selbst einmal in das Herkunftsland ihrer Patientinnen und Patienten zu reisen. Diese Eindrücke waren für viele sehr prägend, denn Reisen in die Herkunftsländer von Patientinnen und Patienten sind für die meisten Therapeutinnen und Therapeuten etwas Ungewöhnliches. Frau A. sprach von einer „Landkarte des Schreckens“, die sich vor ihr aus den Erzählungen der Flüchtlinge entfaltete, wenn sie deren Wohnorte, Fluchtwege und Zwischenstationen auf einer Bosnienkarte nachverfolgte. Sie hatte bei ihrem Besuch in Bosnien das Gefühl, bestimmte Städte zu kennen, aber eben nur zu Kriegszeiten. Auf den zwei Reisen konnten die Therapeutinnen und Therapeuten viele Orte des Geschehens selbst kennenlernen.

Der Südost e. V. war weiterhin ein Zentrum vielfältiger Aktivitäten. Jahrelang wurden Jugendliche unterrichtet, die wegen ihres Duldungsstatus nach einem Realschulabschluss keine berufliche oder schulische Perspektive in Berlin hatten, da Arbeit, Ausbildung und Studium untersagt waren. Deutschkurse gehören zum Standardangebot. Es gab kulturelle Veranstaltungen wie Lesungen, Ausstellungen und Vorträge, eine Tanzgruppe und einen Chor. Ein neueres Projekt ist ein interkultureller Rosengarten am Gleisdreieck. Die meisten dieser Aktivitäten basierten auf ehrenamtlichem Engagement. Der Berliner Senat reduzierte seit 2001 seine Finanzierung zunehmend, sodass auch der Südost e. V. immer wieder mit finanziellen Engpässen zu kämpfen hatte und zunehmend private Spenderinnen und Spender zu gewinnen suchte.

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Zur dritten Ebene von Institutionen ohne Trägerschaft gehörte auch das Islamische Kulturzentrum der Bosniaken in Berlin e. V., das ich hier nur kurz erwähnen möchte, weil es auch psychotherapeutische Angebote vorhielt. Bei einer Recherche hierzu fand ich kaum konkrete Informationen. Ich hatte zuvor von einzelnen Frauen gehört, dass sie „in die Moschee“, wie das Kulturzentrum von Bosnierinnen und Bosniern selbst zumeist genannt wird, in eine Therapie gingen. Frau Avdagić war beispielsweise erst hier in Behandlung und später beim zfm. Eine Publikation des Berliner Beauftragten für Integration und Migration (Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales 2007: 25) nennt das psychotherapeutische Angebot für Kriegstraumatisierte explizit. Verantwortlich war der „Verein der traumatisierten Frauen aus Bosnien und Herzegowina ‚Srebrenica‘ e. V.“, der dieses Angebot für Frauen in den Räumlichkeiten des Moscheevereins bis mindestens 2005 organisierte („Srebrenica“ e. V. 2005). Die Therapien fanden mit Dolmetschenden statt. Wahrscheinlich wurden – ähnlich wie im Südost – niedergelassene Psychotherapeutinnen gefunden, die die Therapien anboten. 2007 habe ich von einer Bosnierin gehört, dass sie nicht mehr in die Gruppentherapie ginge, weil ein Unkostenbeitrag erhoben würde und sie das Geld dafür nicht hätte. Auf der offiziellen Seite des Islamischen Kulturzentrums der Bosniaken (www.ikc-berlin.de) findet sich leider kein Hinweis auf die psychotherapeutischen Angebote in den Vereinsräumen.

4.1.4 Vierte Ebene – die niedergelassenen Psychiaterinnen, Psychiater, Psychotherapeutinnen und -therapeuten

Neben den zuvor beschriebenen Institutionen, die die psychiatrischen und psychologischen Unterstützungsstrukturen für bosnische Kriegsflüchtlinge in Berlin maßgeblich prägten, gab es niedergelassene Psychiaterinnen und Psychiater sowie psychologische Psychotherapeutinnen und -therapeuten, die sowohl Therapien anboten als sich auch oftmals politisch für die Flüchtlinge engagierten. Neben Frau A., die ich schon im Zusammenhang mit dem Südost e. V. vorgestellt habe, sprach ich mit Frau R., die Psychiaterin und Psychotherapeutin ist. Sie erlernte mit den Flüchtlingen Serbokroatisch, als sie noch in einem Berliner Krankenhaus tätig war. Seit 1998 war sie als niedergelassene Psychiaterin tätig und wurde von den Flüchtlingen förmlich „überrannt“. Der Ansturm übertraf ihre Erwartungen und bald konnte sie keine weiteren Patientinnen und Patienten mehr aufnehmen. Neben ihrer Arbeit als niedergelassene Psychiaterin leitete sie mit einer Kotherapeutin eine Kleingruppe im Südost e. V..

Die Person mit der größten politischen Brisanz unter den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten war Herr Dr. B., den ich auch bereits erwähnte. Er war seit den 1970er Jahren in einer eigenen Praxis als Psychiater tätig und stammt aus Belgrad. Bei ihm war die Mehrzahl der bosnischen Flüchtlinge in psychiatrischer Behandlung und dieser Umstand veranlasste die Berliner Innenverwaltung anzunehmen, dass er sogenannte Gefälligkeitsatteste ausstellen würde. Er attestierte seinen bosnischen Patientinnen und Patienten sehr früh eine Posttraumatische Belastungsstörung, denn er kannte die Symptome, wie er im Interview sagte. Er hatte bereits in den 1960er Jahren als junger Arzt in einem Berliner Krankenhaus Überlebende von Konzentrationslagern und Wehrmachtsoldaten, die an der Ostfront gekämpft hatten, behandelt oder begutachtet.

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Zudem habe ich mit Frau G. gesprochen, einer psychologischen Psychotherapeutin aus Belgrad, die seit dem Ende der 1980er Jahre in Berlin lebt. Sie war im Gegensatz zu meinen anderen Gesprächspartnerinnen und -partnern nicht in weiteren Gremien zur Flüchtlingsarbeit aktiv und hatte deshalb trotz ihrer Sprachkenntnisse nicht viele bosnische Patientinnen und Patienten. Ihre Erfahrungen illustrieren, dass das Engagement in der Flüchtlingsarbeit eine wichtige Voraussetzung war, um von den Flüchtlingen aufgesucht zu werden. So war Herr Dr. B. zum Beispiel Mitglied im Berliner Flüchtlingsrat, Frau A. versuchte eine „Psychotherapeutische Versorgung in Institutionen“ über die Berliner Psychotherapeutenkammer zu etablieren, Frau R. war Mitglied im „Arbeitskreis Gesundheit und Menschenrechte“ der Berliner Ärztekammer (an dem auch die zwei Berliner Behandlungszentren beteiligt waren), beide Frauen waren Mitglieder des Kreises von Psychotherapeutinnen und -therapeuten, der sich im Südost e. V. gegründet hatte.

Zusätzlich zu diesen vier niedergelassenen Vertreterinnen und Vertretern der Psy-Disziplinen waren einige Psychologinnen und Psychologen, die in Institutionen der Flüchtlingsarbeit arbeiteten, auch als niedergelassene psychologische Psychotherapeutinnen und -therapeuten, wie Frau E. oder Herr W., tätig. Nur Frau G., die zwar Kontakte zum Südost hatte, weil das ihr „Heimatverein“ wäre, berichtete von keinen weiteren Aktivitäten und Vernetzungen im Bereich der Flüchtlings- und Menschenrechtsarbeit. Sie stand zwar auf der Liste der Kammer der Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten des Landes Berlin, hat aber nur wenige Klientinnen und Klienten aus dem ehemaligen Jugoslawien. Das bedeutet, dass die niedergelassenen Psychologinnen, Psychologen, Ärztinnen und Ärzte ein gewisses Interesse und Engagement für (traumatisierte) Flüchtlinge haben mussten, um in die Netzwerke zu finden, die sich für Flüchtlinge und Asylbewerberinnen und -bewerber einsetzten. Zwar boten die zuständigen Kammern Weiterbildungsangebote zu Traumatisierung und Begutachtung an, sodass Psychologinnen und Psychologen sowie Psychiaterinnen und Psychiater auf diesem Weg zur psychologischen und psychiatrischen Flüchtlingsarbeit gelangen konnten. Doch diese Veranstaltungen waren kostenpflichtig und standen in Konkurrenz zu unzähligen weiteren Weiterbildungsangeboten für Ärztinnen und Ärzte oder Psychologinnen und Psychologen die ebenso ihren beruflichen Fortbildungsansprüchen genügen konnten. Sie konnten alternativ auch zu kostenlosen Vorträgen gehen oder sich von Pharmafirmen weiterbilden lassen – vor allem für Ärztinnen und Ärzte und Neuropsychologinnen und -psychologen war das eine attraktive Alternative.

Insgesamt waren die Möglichkeiten einer psychiatrischen oder psychotherapeutischen Behandlung für Flüchtlinge in Berlin sehr heterogen und es bestanden viele Querverbindungen zwischen den vier Ebenen, die sich in beruflichen und privaten Kontakten ausdrückten. Frau R., die in der Niederlassung arbeitete, beschrieb dies als ihr „virtuelles Netz da draußen“, deren Mitglieder sie bei Bedarf mobilisieren konnte, wenn sie Unterstützung oder einen Rat benötigte. Sie war zwar selbst selten bei den Treffen der Arbeitskreise anwesend, weil es ihr an Zeit dafür mangelte, dennoch war sie vielseitig durch Gespräche mit Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern, durch Vorträge, Publikationen und Weiterbildungsveranstaltungen für Kolleginnen und Kollegen in die Strukturen und Netzwerke der Flüchtlingsarbeit eingebunden.

4.2 Ausbildung der Therapeutinnen und Therapeuten sowie Erfahrungen und Entwicklungen in der Arbeit mit den Flüchtlingen

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Die Standpunkte der in der Berliner Flüchtlingsarbeit engagierten Therapierenden und ihre Motivationen waren abhängig von ihren Ausbildungen, gesellschaftlichen Entwicklungen und den Erfahrungen, die sie mit den bosnischen Flüchtlingen gemacht hatten. Diese Positionen, die sich als Themen aus den Interviews herauskristallisierten und sich auch in zahlreichen Publikationen der Behandlungszentren und in der Flüchtlingsarbeit tätiger Psychotherapeutinnen und -therapeuten sowie Psychiaterinnen und Psychiater wiederfinden, werde ich im Folgenden darstellen, theoretisch reflektieren und mit den bisher dargestellten Ansichten meiner bosnischen Gesprächspartnerinnen und -partner und den Eigenlogiken der Diagnosekategorie in einen Dialog setzen. Ich beginne mit der Rolle, die die Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung in der Ausbildung meiner Gesprächspartnerinnen und -partner spielte.

4.2.1 Unterschiede in der Ausbildung

Die meisten Behandelnden, d. h. sowohl Ärztinnen und Ärzte als auch Psychologinnen und Psychologen, mit denen ich sprach, wurden in den 1980er und 1990er Jahren ausgebildet. Nur Herr Dr. B. absolvierte sein Studium in den 1960er Jahren und hatte noch Patientinnen und Patienten kennengelernt, die psychiatrische Gutachten benötigten, um Renten- oder Entschädigungsansprüche geltend zu machen, ohne dass es eine standardisierte Diagnose für ihre Leiden gab.

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Posttraumatische [Belastungsstörung habe ich] während des Studiums nicht [gelernt]. Ich habe Posttraumatische Belastungsstörung, ja jetzt heißt es natürlich Posttraumatische Belastungsstörung. Wir haben in der Klinik hier in Berlin, wir haben Juden gehabt, die im deutschen Konzentrationslager waren und auch in Auschwitz, sie hatten ihre Nummern, tätowierte Nummern am Unterarm und ich habe mich mit diesem, mit diesem Konzentrationslagersyndrom, wie wir es damals nannten, beschäftigt. Das heißt, ich habe auch dann bei einigen, bei mindestens zwei Juden auch Gutachten angefertigt. Das drehte sich um Entschädigungen [Ergänzungen A. W.] (Herr Dr. B.).

Die Behandlung und Begutachtung der Folgen politischer Verfolgung gehörte in den 1960er Jahren zur klinischen Praxis. Die verschiedenen Syndrome, die unter dem Begriff traumatische Neurosen zusammengefasst wurden, tauchten zwar nicht in seinem Medizinstudium, wohl aber während der Facharztausbildung von Herrn Dr. B. im Krankenhaus auf. Deshalb kannte Herr Dr. B. die Symptome, als die ersten Kriegsflüchtlinge zu ihm in die Sprechstunde kamen, und er ordnete sie erst den älteren Syndromen und dann der neuen Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung zu.

Als 1980 die Post-Traumatic Stress Disorder im DSM-III als psychische Störung aufgenommen wurde, brauchte es etwas Zeit, bis sie auch im hiesigen Psychologiestudium berücksichtigt wurde. Herr K., der sein Studium in den 1980er Jahren absolvierte, sagte:

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Also die, ich habe ’86 glaube ich, meinen Abschluss gemacht, genau in Psychopathologie und wir wurden nach so einem Lehrbuch, von Tölle142 war das, gibt es heute auch noch, ein Psychiatrielehrbuch, [ausgebildet, A. W.]. Die Reaktionen auf extreme Belastungen wurden auf ungefähr einer halben Seite folgendermaßen abgehandelt: „Bisher galt in der Psychiatrie die Regel, dass ein gesunder Mensch jedes äußere Ereignis gesund übersteht. Sollten dennoch Schäden bleiben, dann hat das mit der Prämorbidität, mit einer prämorbiden Persönlichkeit zu tun, beziehungsweise einer Vorerkrankung. So jedenfalls die Schulmeinung.“ So hat das darin gestanden. „Neuere Befunde, allerdings nicht wissenschaftlich abgesichert, aus den USA hauptsächlich, erschüttern diese These, konnten aber wie gesagt wissenschaftlich noch nicht belegt werden.“ Das war 1986, da war die Posttraumatische Belastungsstörung schon im Katalog der WHO, ja, in DSM-IV oder ICD-9 damals aufgenommen. (Herr K.)

Herrn K. war empört, dass 1986 die Posttraumatische Belastungsstörung noch gar nicht ausführlich in deutschen Lehrbüchern behandelt wurde. Aber eigentlich ist dies nicht überraschend, auch wenn es Vorläufer der Krankheit und lebhafte Diskussionen um ihre Ursachen und Behandlung in Deutschland gab. Im 1980 erschienenen DSM-III wurde die Störung nur vage formuliert und erst 1987 in der revidierten Version genauer definiert (vgl. Kap. 2.2.). In der von der WHO herausgegebenen ICD-9 kam die Störung noch nicht vor und wurde erst 1990 ins ICD-10 aufgenommen. Für Herrn K. als Praktiker waren die genaue Entstehung und die Veränderungen der Definition der Diagnose nicht von Bedeutung. Die Diagnose gehörte zwar zu seinem täglichen Handwerkszeug, aber nur als Referenzsystem in den Attestierungen.143

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In der therapeutischen Arbeit spielten die Symptomkategorien kaum eine Rolle. Wichtig waren sie nur für Stellungnahmen, für die systematisch die Symptomatik erhoben, beschrieben und auf festgelegte Diagnosekategorien Bezug genommen werden musste. Im Gegensatz dazu ist die Therapie eine Interaktion mit den Patientinnen und Patienten, die situativ und individuell ist und sich nicht starr an diagnostische Kategorien hält. Der Diagnose wurde deshalb von den psychotherapeutischen Praktikerinnen und Praktikern mit einem bestimmten Abstand begegnet. „Posttraumatische Belastungsstörung ist ja nun auch so ein Gummikonzept, da kannst du ja alles und nichts drunter verstehen“, fasste es Frau R. zusammen und unterstrich damit gleichzeitig die Plastizität der Diagnose, die sie zu einem boundary object (Star/Griesemer 1989) werden ließ.

Alle meine Gesprächspartnerinnen und -partner aus den Psy-Disziplinen bedienten sich zwar der Diagnosekategorie im Diskurs, fanden aber gleichzeitig deren Definition zu eng und erweiterungsbedürftig.144 Weil die offizielle Anerkennung der Diagnose für die Rechtfertigung ihrer Arbeit nach außen wichtig war, wurden Begründungen gefunden, warum sie erst „so spät“ in die Klassifizierungssysteme aufgenommen wurde. Auf jeden Fall gab es die Krankheit schon früher, doch ihre Diagnostik wurde von konservativen Kräften aufgehalten, wie z. B. im Zitat von Herrn K. zum damaligen Lehrbuchtext beschrieben. Der von ihm zitierte Zusatz, dass die US-amerikanischen Ergebnisse noch nicht abgesichert seien, verdeutlichte für ihn die ablehnende Haltung der deutschsprachigen wissenschaftlichen Gemeinschaft der neuen Diagnose gegenüber. Herr K. und viele andere psychologische und ärztliche Psychotherapeutinnen, -therapeuten und Forschende, die die Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung in ihrer (täglichen) Arbeit verwendeten, verstanden sich als progressive Kräfte, die einer Krankheit, die schon seit Menschheitsbeginn bestand, einen Namen, eine Diagnostik und eine Behandlung gaben.

Doch auch die Autorinnen und Autoren von Lehrbüchern brauchten Zeit, um auf neue Entwicklungen zu reagieren. Eine solche Entwicklung war der wachsende Einfluss der US-amerikanischen Psychiatrie auf psychiatrische Praxen weltweit. Genau genommen ist es eher überraschend, dass bereits 1986 in einem deutschen Lehrbuch auf die neue, in den USA ins Diagnostic and Statistical Manual aufgenommene Diagnose eingegangen wurde. Das illustrierte weniger den Widerstand der deutschen Psychiatrie als vielmehr ihre beschleunigte Globalisierung und die Entstehung einer sich professionalisierenden Psychotraumatologie. Bemerkenswert ist Herr K.s Verweis auf die alte Lehrmeinung, die vor dem Holocaust dominierte, dass Traumafolgeschäden mit einer prämorbiden Persönlichkeit zu erklären wären. Diese Lehrmeinung wurde oft als Ursache für eine verspätete Übernahme der Diagnosekategorie in Deutschland angeführt (vgl. Pross 1988; Fischer/Riedesser 1998: 28 f.; Sachsse 2002: 76). Dabei existierte eine Diagnostik im Rahmen von Begutachtungen, auch in Deutschland, auch ohne die Diagnosekategorie Posttraumatische Belastungsstörung, wie Herr Dr. B.s Zitat auf S. 123123 bestätigte.

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Die Erfahrung des Holocausts hatte jedoch auch diese alte Überzeugung erschüttert. In einer Veranstaltung mit dem Titel „Expertengespräch mit öffentlicher Konferenz“ im Januar 2006 (Charité 2007: 5) wurde auf die persönlichen Erfahrungen der Vertreter dieser Lehrmeinung hingewiesen. Karl Bonhoeffer zum Beispiel – bedeutender Psychiater und Neurologe, Verfechter der Dispositionsthese und überzeugter Eugeniker, nach dem die größte Berliner Nervenklinik benannt wurde – war aufgrund seiner eigenen Erfahrungen während des Nationalsozialismus nicht mehr von der persönlichen Veranlagung überzeugt. Er verlor zwei Söhne und zwei Schwiegersöhne, die 1945 in Konzentrationslagern hingerichtet oder von der SS erschossen wurden. Doch Empathie für Überlebende und Hinterbliebene war erst mit dem DSM-III und der ICD-10 möglich. Zuvor hätte die Disposition zu einem Nervenleiden zumindest sehr genau abgeklärt werden müssen und sicherlich wären Hinweise auf frühere psychische Labilität und nervenkranke Verwandte gefunden worden.

In den 1990er Jahren stieg das Interesse an der Posttraumatischen Belastungsstörung.145 Forscherinnen und Forscher beschäftigten sich zum Beispiel an der Freien Universität Berlin mit Inhaftierten in der DDR. Es folgten Untersuchungen zu U-Bahnführern, vor deren Züge Menschen mit Suizidabsichten sprangen (Denis 2004). Das Behandlungszentrum für Folteropfer gab an der FU ein Seminar zu psychischen Folgeschäden von Folter und bot Praktikumsplätze an. Praktika waren auch bei allen anderen Institutionen in Berlin, die Psychotherapie anboten, wie im Xenion e. V., beim zfm, bei der AWO und im Südost e. V. möglich, wodurch wissenschaftlicher und therapeutischer Nachwuchs rekrutiert wurde. Mehrere Diplomarbeiten entstanden zum Thema (politische) Traumatisierung (vgl. Weber 1998; Lützel 1999; Groninger 2001; Ćatović 2004; Rafailović 2005) und auch Promotionen (Ollech 2007).

Von der Forschungsgruppe zur Posttraumatischen Belastungsstörung an der Freien Universität Berlin wurde 1995 eine Spontanumfrage unter in Berlin niedergelassenen Psychiaterinnen und Psychiatern sowie Assistenzärztinnen und -ärzten in psychiatrischen Krankenhausabteilungen durchgeführt. Die Umfrage wollte die Bekanntheit der Posttraumatischen Belastungsstörung und das Wissen zu den fünf Kriterien A-E (traumatisches Ereignis, Wiedererleben, Vermeiden, erhöhte Reizbarkeit, Dauer und funktionelle Beeinträchtigung) erfassen. Das Ergebnis war für alle, die im Feld der Psychotraumatologie tätig waren, alarmierend: Von 64 Befragten konnten zehn ein Kriterium, je sieben zwei und drei Kriterien und nur je ein Befragter vier oder fünf Kriterien nennen. Vier niedergelassene Psychiaterinnen und Psychiater konnten keine Kriterien nennen, gaben aber an, sich mit der Diagnose im Rahmen einer Tätigkeit für das Versorgungsamt oder in ihrer Dissertation beschäftigt zu haben. Das hieß, dass nicht einmal die Hälfte der befragten niedergelassenen Psychiaterinnen und Psychiater sowie Assistenzärztinnen und -ärzte an Kliniken die Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung kannte.

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In der Konsequenz wurde immer wieder auf den Schulungsbedarf hingewiesen und es wurden mehrere Weiterbildungen zum Thema angeboten. Die „Stiftung Überleben“ beispielsweise, die zur Finanzierung des BZFO ins Leben gerufen wurde, gründete eine eigene Schulungsgesellschaft (Catania gGmbH), die bundesweit ärztliches Personal im Erkennen posttraumatischer Belastungsreaktionen schult (Catania, undatiert), worauf in der Ärzte Zeitung am 09.06.2006 unter der Überschrift „Nicht Krieg bringt die meisten Opfer hervor, sondern das Nahfeld“ hingewiesen wurde. Auf der Abbildung neben dem Text wurde visuell auf Kindesmissbrauch Bezug genommen und im Artikel erläutert, dass 90 Prozent der Ärztinnen und Ärzte sich in ihrer Ausbildung nicht auf den Umgang mit Menschen mit Posttraumatischen Belastungsstörungen vorbereitet fühlen (ÄrzteZeitung.de 2006). Diesem Bedarf, der nun in der Allgemeinbevölkerung – und nicht mehr allein unter Folteropfern und Flüchtlingen – lokalisiert wird, wie die Überschrift klar macht, entsprach die Catania gGmbH mit zwei Curricula für bundesweite Schulungen. Was das Wissen der Berliner niedergelassenen Psychiaterinnen und Psychiater betrifft, so wurde auf die Umfrage immer wieder verwiesen, wie auch von Herrn K. und Herrn W. in den Gesprächen mit mir. Die Ergebnisse kursierten in Form einer Tabelle mit den Umfrageresultaten, die mir Herr W. freundlicherweise zur Verfügung stellte. Doch publiziert wurde die Studie bisher nicht, die Tabelle stammte aus einem Vortragsmanuskript von 1996 (Denis/Ebbinghaus 1996).

Diese Umfrage erzeugte somit ein Wissen, das zwar unter den Psychologinnen, Psychologen, Ärztinnen und Ärzten, die sich mit Posttraumatischen Belastungsstörungen beschäftigten, bekannt war, das aber nicht veröffentlicht wurde. Die kontroversen Daten, auf die sich auch noch zehn Jahre später im oben zitierten Ärzte Zeitung-Artikel bezogen wurde, wurden nur intern weitergereicht. Gegen eine Publikation sprachen mindestens zwei Gründe: Zum einen stellte die Studie die Kompetenz niedergelassener Psychiaterinnen und Psychiater in Bezug auf Posttraumatische Belastungsstörung infrage, was weder bei den Befragten selbst noch bei der Berliner Ärztekammer erfreut aufgenommen worden wäre. Es hätte gezeigt, dass die vorgeschriebenen, aber nicht näher definierten und reglementierten Weiterbildungen die Fachärzte nicht auf den aktuellen Wissensstand gebracht hatten, der sich mit der „DSM-Revolution“ 1980 sehr stark verändert hatte. Doch Diagnosekategorien sind nicht allzu bedeutsam in der Praxis. Die Beschwerden der Patientinnen und Patienten änderten sich nicht analog zu den Klassifikationssystemen von einem Tag auf den anderen und auch die Handlungsweisen der Psychiaterinnen und Psychiater nicht. Sie verschrieben weiterhin die gleichen Medikamente und führten ähnliche Gespräche. Die DSM-Revolution brauchte Zeit, um im letzten psychiatrischen Sprechzimmer anzukommen. Zum anderen wären die Argumentationen der Unterstützerinnen und Unterstützer der Flüchtlinge gegenüber der Berliner Innenverwaltung, die auch von der Berliner Ärztekammer vertreten wurden, geschwächt worden. Ihr Ziel war die Anerkennung der Attestierungen der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte – später auch der psychologischen Psychotherapeutinnen und -therapeuten – ohne erneute Begutachtung der bosnischen Flüchtlinge durch den Polizeiärztlichen Dienst. Die vernichtenden Ergebnisse dieser Umfrage hätten diese Forderung haltlos erscheinen lassen.

Bis auf Herrn Dr. B. hatten alle Gesprächspartnerinnen und -partner aus den Psy-Disziplinen eine psychotherapeutische Ausbildung mit unterschiedlichen Ausrichtungen. Psychoanalytisch orientierte Schulen wie Gestalttherapie, Psychoanalyse und tiefenpsychologisch fundierte Therapie überwogen. Es gab nur zwei Ausnahmen: ein Therapeut war als systemischer Familientherapeut und eine Therapeutin in Psychodrama ausgebildet. Herr Dr. B. und zwei weitere Therapeutinnen haben eine Zusatzausbildung in EMDR™. Unter meinen Gesprächspartnerinnen und -partnern gab es keine Vertreterin oder Vertreter mit einer verhaltenstherapeutischen149 Ausbildung, wobei vor allem die Wirksamkeit einer Verhaltenstherapie bei traumatisierten Patientinnen und Patienten als nachgewiesen gilt (Butollo/Hagl 2003: 120). Im folgenden Abschnitt beschäftige ich mich mit den angewendeten Therapietechniken und zeige, wie eine neue Störung auch eine neue Therapietechnik hervorbrachte.

4.2.2 Neue Diagnose = neue Therapie?

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In der therapeutischen Arbeit mit bosnischen Flüchtlingen wurden die klassischen Psychotherapieverfahren kaum angewandt; es wurde auf einen „interdisziplinären Mix“ zurückgegriffen. „Interdisziplinär“ war eine Umschreibung für die Einbeziehung alternativer Heilmethoden und die Reduktion westlicher Therapieansätze. In der Einleitung zur Jubiläumspublikation des BZFO wird diese Ausweitung der Konzepte mit der Notwendigkeit der Sprachmittlung begründet:

Tiefenpsychologisch fundierte Behandlungen dulden keine dritte Person in der Beziehung zwischen Therapeut und Patient. […] Sprachmittler werden zwangsläufig zu Kotherapeuten. Die Therapeuten „verstehen“ ja nur den Dolmetscher. […] Das Bewusstsein von der schwierigen Rolle der „dritten Person“ hat in der Vergangenheit Wünsche wachgerufen, zunehmend Therapieformen einzusetzen, die nicht primär auf Sprache angewiesen sind: Musiktherapie und Gestaltungstherapie (Kunsttherapie) sind im Zentrum inzwischen ausgewiesene Behandlungsmethoden in der Behandlung traumatisierter Flüchtlinge und Asylbewerber […] (Birck et al. 2002: 10).

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Dieses Zitat verdeutlicht, dass auch das BZFO – sozusagen der bundesdeutsche Leuchtturm in der psychotherapeutischen Arbeit mit Folteropfern und Flüchtlingen – klassische Therapien zugunsten von solchen, die auf Tätigkeiten konzentriert waren, reduzierte. Erneut war es das Tun, die Beschäftigung, die erfolgreicher zu sein schien als das Reden; auch die Bosnierinnen und Bosnier haben eher die Arbeit als hilfreich beschrieben und weniger die Psychotherapie. So konnten Musik- und Kunsttherapie zu Behandlungsmethoden werden.

Diese Anpassungen an das Klientel wurden mit fehlenden Sprachkenntnissen wie im vorangegangen Zitat begründet, aber auch mit fehlendem Reflexionsvermögen einfacher Menschen oder ihrer Unkenntnis psychotherapeutischer Verfahren, worauf ich bei den Interaktionen in den Therapien am Ende dieses Kapitels zurückkommen werde. Als Lösung wurden westlich geprägte Psychotherapien auf wenige Elemente, die auch mit den Flüchtlingen umsetzbar waren, reduziert und traditionelle Heilmethoden in die Therapien integriert. Diese Entwicklungen werden insbesondere vor dem Hintergrund der Entstehungsgeschichte psychoanalytischer Therapieverfahren verständlich. Zwar entstand die Psychoanalyse als Gesprächstherapie mit Anleihen aus der christlichen Beichte, aber in unmittelbarer Nähe zur Hypnose. Genau diese frühe Verbindung zu Trancezuständen, die in westlichen Gesellschaften nur begrenzt in der Medizin oder auf Kleinkunstbühnen eingesetzt werden, erleichterte es psychotherapeutischen Verfahren, rituelle Elemente anderer Kulturen aufzunehmen. Diese Verschiebung ist insbesondere in der Therapie von Patientinnen und Patienten mit Migrationshintergrund zu beobachten, da diese modifizierten Therapien ihnen mehr entsprächen. Das westliche Psychotherapieangebot an sich wurde und wird nicht infrage gestellt. Es liegt an den Patientinnen und Patienten, insbesondere deren Sprach- und Reflexionsdefiziten, wenn die Therapie nicht wirkt, aber nicht am Verfahren.

Doch nicht nur die Entstehung der Gesprächstherapie in Hypnosenähe und ihre Anwendung bei Klientinnen und Klienten, die sich Psy-Gesprächen entziehen, sind für das Verstehen der Annäherung im Bereich psychotherapeutischer Techniken in der Behandlung von Psychotraumata wichtig, sondern auch die theoretischen Annahmen zum traumatischen Gedächtnis. Zu seiner Charakteristik zählt, dass es die narrativen Fähigkeiten der Patientinnen und Patienten einschränkt (Leys 2000: 2). Nicht zufällig ist die Publikation zum zehnjährigen Bestehen des BZFO mit „Das Unsagbare“ betitelt (Birck et al. 2002), denn es besteht Konsens darüber, dass das Grauen (anfangs) nicht artikuliert werden kann. Diese Annahme ist innerhalb der Diagnose als eigener Symptomkomplex, nämlich der Vermeidung verankert. Das folgende Zitat verdeutlicht diesen Allgemeinplatz: „Die traumatischen Erfahrungen liegen oftmals derart außerhalb des normalen menschlichen Erlebens, dass es vielen Betroffenen unmöglich erscheint, diese mitzuteilen. In der Tat lässt diese Unmöglichkeit der Kommunikation viele Opfer zögern, mit anderen Menschen über das Erlebte zu sprechen“ (Maier/Schnyder 2007: 39). Somit ist eine analytische, aber auch eine verhaltenstherapeutische Aufarbeitung, die auf Gesprächen in Kombination mit angeleiteten Körperwahrnehmungen beruht, meiner Meinung nach zumindest hinterfragenswert.

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Bei einer Sichtung verschiedener Publikationen zur Therapie Posttraumatischer Belastungsstörungen fand ich weniger Schweigen über das Geschehene als vielmehr (Selbst-)Zweifel der Therapeutinnen und Therapeuten, die einen Buchtitel wie „Das Unglaubliche“ nahe legen. So leiteten auch die gerade zitierten Autoren ihren Text folgendermaßen ein:

Um zu verstehen, welche Symptome und Beschwerden bei Opfern extremer Gewalt auftreten, müsste man sich ein Bild machen können von dem, was diese Menschen erlebt haben. Das ist allerdings sehr schwierig, ja im Grunde unmöglich, da nur Betroffene selbst wirklich wissen, was extreme Gewalt, Folter und Krieg bedeuten (Maier/Schnyder 2007: 39).

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Dieser Auffassung waren auch Autoren des BZFO: „Grundsätzlich gilt es aber zu bedenken: Die Erfahrungen, die Menschen unter Folter gemacht haben, sind auch nicht annähernd für uns Außenstehende nachvollziehbar“ (Birck et al. 2002: 177 und ähnlich 199). Ein weiteres Beispiel aus Österreich:

Die Begegnung mit dem traumatischen Schrecken, mit der „abyss experience“ (Abgrunderfahrung), wie es der prominente Traumaforscher Thomas P. Wilson nennt (Wilson & Drozdek 2004), macht Angst. Und sie ruft unsere Abwehr, den Wunsch ‚es möge nicht wahr sein’ auf den Plan sowie zahlreiche Verzerrungsmechanismen, die nicht nur beim psychologischen Laien, sondern auch bei Experten verbreitet sind (Ottomeyer/Renner 2006: 7).

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Mit der Annahme unartikulierbarer Gewalterfahrungen (die eher wegen der Ungläubigkeit der Zuhörenden unartikulierbar waren als wegen fehlender Worte) wurde ein weiterer Widerspruch generiert: wenn Traumatisierte über ihr Trauma nicht reden können, wie erzählen sie es dennoch? Das hieße, dass die Erzählenden nicht traumatisiert sind und die Traumatisierten nicht darüber reden. An dieser Bruchstelle im Konzept fungiert der Körper als Brücke (Young 1996). Die Posttraumatische Belastungsstörung ist auch eine körperliche Störung und die Erregungssymptome (das D-Kriterium) gelten als Beweis, dass das Trauma wirklich passierte, denn der Körper erinnert sich (ebenfalls). Körperliche Reaktionen bei einer Konfrontation mit Hinweisreizen, wie Schwitzen und Nervosität werden dem körperlichen Gedächtnis zugeschrieben. Wo den Erzählungen nicht getraut werden kann, steht deshalb der Körper für ihre Glaubwürdigkeit ein. Young verdeutlicht, dass ohne diese körperliche Komponente, die das traumatische Gedächtnis seit Beginn seiner Konzeptualisierung begleitet, die Wirkrichtung des mentalen Gedächtnisses vom Ereignis zu den Symptomen nicht als gesichert gelten könne. Deshalb war es wichtig, dass Herr Džaferović bei der Erstellung der Atteste vom Schwitzen berichtete (vgl. Zitat S. 7373). Ohne das körperliche Gedächtnis und die von ihm hervorgerufenen körperlichen Reaktionen hätte die Schilderung auch erfunden sein können.

Die theoretische Annahme des unartikulierbaren Traumas weitergedacht, bedeutet, dass Worte potenziell diskreditieren, nichts beweisen und auch als Hinweis auf eine erfolgreiche Therapie gewertet werden könnten. Formuliertes Therapieziel ist die Symbolisierung des Traumas in der Sprache, weil es damit gedanklich kontrollierbar und dem körperlichen Gedächtnis (teilweise) entrissen wird (Maercker 1997: 52 ff.; Fischer/Riedesser 1998: 206 ff.). Weil die Betroffenen angeblich nicht über das Erlebte sprechen können, ist das Sprechen über die traumatische Situation ein Therapieziel. Gleichzeitig müssen sie aber darüber sprechen, sonst würden die Therapierenden nichts von den Erlebnissen wissen und auch nicht die Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung stellen können. Diese Widersprüche wurden nicht weiter diskutiert und das ist für mich ein weiteres Zeichen für die Plastizität und Konsistenz des Störungskonzeptes. Ich belasse es bei dem Hinweis auf diesen weiteren logischen Widerspruch.

Denn es geht mir vor allem um die Betrachtung einer neuen Therapietechnik für Posttraumatische Belastungsstörungen. Unter Berücksichtigung der körperlichen Komponente des Traumas ist der Erfolg einer neuen, mehr körperlichen Therapie fast selbsterklärend. Das EMDR™ (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) ist ein Verfahren, das Elemente der Hypnose aufgreift und unerklärte Erfolge bei Patientinnen und Patienten mit Posttraumatischen Belastungsstörungen erzielte. Das faszinierte sowohl Therapeutinnen und Therapeuten als auch Patientinnen und Patienten. Letztere dürften auch davon angetan sein, dass sie keine Medikamente nehmen müssen und die Therapie einem Ritual ähnelt, das in Trance versetzt. Hacking mutmaßt, dass erholsame Trancezustände ein konstitutiver Teil westlicher Zivilisationen sind, wie vielleicht auch jeder anderen. Doch in westlichen Gesellschaften wird Trance zum Teil als Dissoziation pathologisiert oder als Freizeitaktivität aus den „Bereiche(n) der Produktion und Dienstleistung“ (Hacking 2001: 191) ausgeschlossen. Hacking führt Meditation, Gebet und Musikhören als Tätigkeiten an, die in anderen Kulturen als Trance bezeichnet, in westlichen Industriegesellschaften aber nicht als solche anerkannt und wertgeschätzt würden (Hacking 2001: 191 f.).

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Doch eine neue Behandlungsmethode, eine zudem sehr erfolgreiche, konnte nicht als Freizeitbeschäftigung oder Ritual eingeführt werden, sie braucht rationale Erklärungen für ihre Wirksamkeit. Hierzu wurden vielfältige Versuche unternommen, wobei oftmals auf das Gedächtnis als ein elektronisches Arbeits- und Speichersystem rekurriert wurde. Illustrierende Äußerungen aus einem Praxisbuch zur EMDR™ unter der Teilüberschrift „Traumatische Erinnerung ist fragmentierte Erinnerung“ lauten „Von den Milliarden Sinnesdaten erreichen nur sehr wenige Bit pro Sekunde das Bewusstsein. […] Der Rest wird unter den ständig nachdrängenden neuen Sinnesinformationen einfach überschrieben, vergessen“ (Hofmann 2004: 5). „Schwere seelische Traumata scheinen […] in einzelne Sinnesqualitäten fragmentiert erinnert zu werden [alle Hervorhebungen A. W.]“ (Hofmann 2004: 7). Traumatische Erinnerungen werden also nicht überschrieben und vergessen wie die meisten Eindrücke, sondern fragmentiert gespeichert und erinnert. Im Gegensatz dazu wird in der Debatte um die Glaubhaftigkeit von Aussagen von Flüchtlingen und Asylsuchenden betont, dass das Gedächtnis kein Speicher sei, schon gar nicht das traumatische Gedächtnis (vgl. BAFF 2006: 26; Birck 2002: 35 und 40 ff.).

„Fragmentierte“ Erinnerung wird nicht nur unzusammenhängend erinnert und erzählt, sie ist auch an verschiedenen Orten im Gehirn gespeichert, so die wissenschaftliche Meinung. Bestätigt wurde diese These über einen unterschiedlichen Glucose-Verbrauch in verschiedenen Gehirnregionen, der im Positronen-Emissions-Tomografen (PET) bei acht Traumapatientinnen und -patienten nachgewiesen wurde. Sie wurden mit dem Vorlesen ihrer Traumaschilderungen bei der PET-Aufzeichnung an ihre Erlebnisse erinnert (Rauch et al. 1996 in Hofmann 2004: 7 und auch in Fischer/Riedesser 1998: 90). Neben anderen zentralen Hirnregionen war die rechte Hirnhälfte („implizites Gedächtnis“) aktiver bzw. verbrauchte mehr Glucose als die linke („kognitives, analytisches Verstehen“). Dieser Befund soll die zusammenhanglos scheinenden Narrative der Flüchtlinge erklären – wegen der unterschiedlichen Speicherorte ist auch keine zusammenhängende Erzählung möglich – und den Wirkmechanismus des EMDR™: Durch die gleichzeitige Stimulation beider Gehirnhälften während des Erinnerns würden traumatische Erinnerungen neu verarbeitet, also „reprocessed“, wie der Name Eye Movement Desensitization and Reprocessing sagt. Das „Reprocessing“ im Namen wurde 1991 nachträglich hinzugefügt, nachdem die Schöpferin dieser Methode, Dr. Francine Shapiro, sie zufällig entdeckte und Eye Movement Desensitization EMD nannte, an einem eigenen Institut weiterentwickelte (Hofmann 2004: 15) und zu vermarkten begann.158

Die Erklärung für das Funktionieren traumatischer Gedächtnisinhalte und ihre Reintegration in das normale Gedächtnis, dessen Funktionsweise ebenfalls noch unklar ist, scheint so schlüssig, dass sich keiner daran stört, dass die Gehirne von nur acht Patientinnen und Patienten mit einem Positronen-Emissions-Tomografen „durchleuchtet“ wurden während sie ihr Trauma beim Hören ihrer eigenen Schilderung ihres jeweiligen Erlebnisses im PET-Gerät wiedererlebten. Da sie zudem unterschiedliche potenziell traumatische Ereignisse erlebt hatten, bezweifele ich, dass diese kleine Stichprobe ausreicht, um signifikante Ergebnisse zu liefern und damit „harte“ wissenschaftliche Fakten. Meiner Kenntnis nach wurde die Studie niemals reproduziert oder mit einer größeren Stichprobe nochmals überprüft.

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Joseph Dumit beschreibt hingegen für Studien mit ähnlichen Fallzahlen, die „neue Diagnosekategorien“ etablieren wollten, dass ihnen Unwissenschaftlichkeit vorgeworfen und größere Folgestudien gefordert wurden, die finanziert werden müssen. Gelang die Finanzierung, konnten die Ergebnisse durch die neuerlichen Messungen oftmals nicht reproduziert werden (Dumit 2000: 223 ff.). Dass keiner die Ergebnisse der Rauch’schen Studie hinterfragte, unterstreicht, dass sie Vorannahmen bestätigt oder sich leicht in den existierenden Kanon integrieren ließ. Die These von der Speicherung traumatischer Gedächtnisinhalte in fragmentierter Form führte bereits ein gewisses Eigenleben. Ähnlich wie die Tabellen der Berliner Umfrage unter Psychiaterinnen und Psychiatern zur Diagnose der Posttraumatischen Belastungsstörung gehörte sie zum Standardwissen der mit psychischen Traumata Befassten. Viele Theoretiker verweisen auf die erste Studie, denn sie wurde – im Gegensatz zur Berliner Umfrage – publiziert.

Auch das „Lehrbuch der Psychotraumatologie“ referiert die Studie von Rauch (Fischer/Riedesser 1998: 90) und Studien von Bessel van der Kolk, der die Desintegrationsthese vertritt, die auf Pierre Janet zurückgeht. Van der Kolk forschte und publizierte seit den 1980er Jahren erfolgreich zu den biologischen Grundlagen der Posttraumatischen Belastungsstörung. Und da ein Verweis auf die biologischen Grundlagen einer Posttraumatischen Belastungsstörung obligatorisch zu sein scheint, wurde häufig auf die Studien von Bessel van der Kolk verwiesen (vgl. Maerker/Schützwohl 1997: 48 f.; Fischer/Riedesser 1997: 90 f.; Birck 2002: 156; Birck et al. 2002: 226; Hofmann 2004: 134/136; Maier/Schnyder 2007: 275, Haenel/Wenk-Ansohn 2004: 25, Butollo/Hagl 2003: 68). Auch Ruth Leys, die sich mit den Entwicklungen des Traumakonzeptes aus medizinhistorischer Sicht beschäftigte, bestätigt diese Tendenz zum Rekurs auf biologische Prozesse des Gedächtnisses (2000: 6 f.). Die Hypothesen zu Fragmentierung und Desintegration sollten den Erfolg des EMDR™ erklären. Mit der Methode gelängen die Verbindung der verschiedenen Sinnesqualitäten der Erfahrung und ihre Integration ins Gedächtnis (Hofmann 2004: 7).

Seit Herbst 2007 wird EMDR™ auch von bundesdeutschen Krankenkassen als psychotherapeutisches Verfahren anerkannt und dementsprechend vergütet. EMDRTM ist vielfältig einsetzbar; in einem „Praxisbuch EMDR“ (Lamprecht 2006) wird die Anwendung der Therapie zum Beispiel bei chronischen Schmerzsyndromen, spezifischen Phobien, stoffgebundenen Abhängigkeiten und chronisch komplexen Posttraumatischen Belastungsstörungen und dissoziativen Störungen dargestellt. Auch das Buch von Dr. Francine Shapiro, der Entwicklerin der Therapie, mit dem Titel „EMDR in Aktion. Die Behandlung traumatisierter Menschen“ schildert nicht nur Fälle von Menschen mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Überhaupt ist nicht einmal von einer Diagnostik anhand der im DSM oder ICD festgelegten Kriterien die Rede oder wird auf diese Klassifikationssysteme Bezug genommen. Es werden anschauliche Heilungsgeschichten erzählt. Menschen mit Panikattacken, gestörten Beziehungen und solche, die trauern, können mit EMDR™ behandelt werden (Shapiro/Forrest 2001).

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Ein neueres US-amerikanisches Verfahren kombinierte EMDR™ mit Coaching zur Methode wingwave®, einer neuen Therapieform, die laut Produktwebsite „ein Kurzzeit-Coaching-Konzept für Führungskräfte, Manager, Künstler, Kreative und Sportler zum Erreichen punktgenauer Leistungssicherheit“ ist (www. wingwave.de). Ironisch überspitzt ließe sich diese Methode als „Allheilmittel für Zivilisationskrankheiten“ bezeichnen, denn sie schafft es, uns in Einklang mit uns selbst zu bringen, Stress, Ängste, Gewicht und alle anderen Sorgen zu reduzieren – durch Gedankentraining, das unsere Festplatten defragmentiert und Überflüssiges überschreibt und löscht.

Auch bei bosnischen Flüchtlingen wurde EMDR™ angewandt. Drei meiner Gesprächspartnerinnen und -partner aus den Psy-Disziplinen erlernten diese Methode im Rahmen ihrer Arbeit mit traumatisierten Flüchtlingen. Für Frau G. war es schlicht „Traumatherapie“ und auch Frau E. verwendete Elemente aus EMDR™ in ihren Gruppentherapien. Herr Dr. B. absolvierte ebenfalls eine Fortbildung in EMDR™, doch von ihm wollten sich seine Patientinnen und Patienten nicht mit dieser Methode behandeln lassen. Er sagte, die Übungen mit den Augenbewegungen seien ihnen unheimlich und deshalb würden sie es ablehnen. Dieser Widerspruch seiner Patientinnen und Patienten ist bemerkenswert. Er lässt sich aber vielleicht mit dem Umstand erklären, dass man von Herrn Dr. B. stärkere Medikamente als vom Allgemeinarzt bekommen konnte und dies die primäre Motivation seiner Patientinnen und Patienten war, ihn aufzusuchen, und nicht meditative Übungen. So berichteten beispielsweise Herr Imamović, Herr Osmić und Frau Nuhanović davon, dass sie zum Psychiater (in allen drei Fällen auch zu Herrn Dr. B.) gingen, um stärkere Medikamente zu erhalten, weil die von Allgemeinärztinnen und -ärzten verschriebenen nicht mehr wirkten. Gleichzeitig hatte Herr Dr. B. nur selten ein Behandlungszimmer, in dem die nötige Ruhe herrschte, um ohne Störungen die Seancen durchführen zu können.161 Bei den Psychotherapeutinnen und -therapeuten gab es keine Medikamente, jedoch Ruhe. Also wurden „Übungen“, wie sie meine bosnischen Gesprächspartnerinnen und -partner nannten, gemacht und Atemtechniken, EMDR™ und andere Entspannungstechniken erlernt.

Lediglich Frau Halkić berichtete explizit darüber, vor kurzem bei einer deutschen Therapeutin mit EMDR™ begonnen zu haben. Sie war überrascht, dass sie das Zeitgefühl während der Sitzungen verlor. Meine anderen Gesprächspartnerinnen und -partner sprachen von Gesprächen und Übungen, wenn sie die Psychotherapien beschreiben sollten, wobei unter den Übungen sehr wahrscheinlich auch Elemente des EMDR™ gewesen waren. Aber eben nur Elemente, denn die Methode wurde nicht für Gruppentherapien konzipiert und benötigt das Gespräch zwischen Patientin bzw. Patient und Therapeutin bzw. Therapeut parallel zu den Körperübungen, die die beiden Gehirnhälften stimulieren (sollen).

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Somit entstand mit der neuen Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung auch ein neuer Behandlungstrend, und eine alte Methode wie die Hypnose, die mit der Geschichte der seelischen Traumatisierung von Anfang an eng verbunden war, erhielt eine neue Gestalt. Obwohl die Etablierung der Posttraumatischen Belastungsstörung eine Medikalisierung und später Psychologisierung menschlicher Leidenserfahrungen darstellt und damit eine Rationalisierung beinhaltet, ist festzuhalten, dass die Behandlung mit hypnotischen Verfahren sich gerade dieser Rationalität wieder entzieht und in die Ecke des Übersinnlichen und Esoterischen entweicht. Es wirkt, aber wie, ist weiterhin unklar.

4.2.3 Deutsche Vergangenheit. Und die Anwesenheit der Bosnier

Meine Gesprächspartnerinnen und -partner unterschieden sich hinsichtlich ihrer Ausbildung, ihrer institutionellen Einbindung und in ihrem politischen Engagement für die bosnischen Bürgerkriegsflüchtlinge. Ein weiterer Unterschied war persönlicher Natur und hat mit ihrer jeweiligen Herkunft aus Westberlin oder Westdeutschland, dem ehemaligen Jugoslawien oder der Tschechoslowakei zu tun. So bezogen sich alle deutschstämmigen Therapeutinnen und Therapeuten im Interview auf den Zweiten Weltkrieg und entweder auf die Vergangenheit ihrer Familien (Verlust von Verwandten, Kriegserfahrung des Vaters oder Flüchtlingsschicksal der eigenen Familie) oder auf die deutsche Kriegsschuld. Zwei Therapeutinnen sprachen darüber, ihre Zugehörigkeit zur „Täternation“ bewusst in den Gruppentherapien thematisiert zu haben, da sie dies für unabdingbar hielten, denn theoretisch hätten ihre Väter gegen die Väter der Flüchtlinge im Zweiten Weltkrieg gekämpft haben können. Diese Schuld wurde zu einer Verantwortung den Flüchtlingen gegenüber, deren Aufnahme und menschenwürdige Behandlung als ein Teil deutscher Wiedergutmachung verstanden wurde. In dieser Logik verbanden sich gesellschaftliche und individuelle Ebenen und durchzogen sich gegenseitig. Zudem gab es eine lokalpolitische Dimension, die konkrete Personen, lokalgeschichtliche Gegebenheiten und Inzidenzen beinhaltet. Um diese gesellschaftlichen, individuellen und lokalen Aspekte der Vergangenheitsbewältigung geht es mir im Folgenden.

Im Zusammenhang mit deutscher Schuld und Wiedergutmachung erhielt die psychotherapeutische Behandlung, die Vielzahl geschriebener Stellungnahmen und die Lobbyarbeit für die Flüchtlinge eine historisch-politische Bedeutung. Hier verbanden sich die zunehmende Thematisierung der deutschen Nachkriegsvergangenheit nach der Wiedervereinigung mit der Anwesenheit bosnischer Flüchtlinge, die von ihren Erfahrungen und Leiden berichteten, zu einem machtvollen Narrativ. Das wiederum konnte Akteure wie den Vorsitzenden der Berliner Ärztekammer oder auch Politiker mobilisieren, wie die Homepage des Behandlungszentrums für Folteropfer zeigt. Dabei war es nicht unerheblich, dass es sich bei den Bosnierinnen und Bosniern um Flüchtlinge handelte und nicht um Folteropfer, die unter Umständen selbst politisch aktiv waren und häufig auch selbst Täterinnen oder Täter. Letzteres galt zum Beispiel für Kurdinnen und Kurden, die größte Patientinnen- und Patientengruppe in den Berliner Behandlungszentren, deren Vereinigungen auch hierzulande teilweise als terrorverdächtig eingestuft wurden. Auch waren die Bosnierinnen und Bosnier überwiegend keine Kriegsveteranen, die oft selbst Gewalttaten verübten und damit auch zu Tätern wurden. Flüchtlinge sind per Definition „hilflose Opfer“ und als solche bedürfen sie uneingeschränkter Unterstützung.

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Mit dem, was im bzfo geleistet wird, wird eine völkerrechtliche, gesellschaftliche und menschliche Verpflichtung von uns Deutschen wahrgenommen. Unser Land hat sich auf Grund der Konvention der Vereinten Nationen gegen Folter zu einer möglichst vollständigen Rehabilitation von Folteropfern verpflichtet. Wir haben dafür auf Grund der Geschichte dieses Jahrhunderts eine besondere Verantwortung. Wir schulden sie jedem Menschen, zumal wenn sie als körperlich und seelisch schwer traumatisierte Flüchtlinge bei uns sind [Hervorhebung A. W.]. (Dr. Richard von Weizsäcker auf der BZFO Homepage www.bzfo.de [Stand 20.01.2008])

Um auch die Hilfsbedürftigkeit von Folterüberlebenden zu betonen und ihre (Mit-)Täterschaft zumindest für Mitteleinwerbung und Lobbyarbeit zu übergehen, werden sie als Folteropfer bezeichnet. Verstärkt wird diese Hilfsbedürftigkeit aufgrund ihres Opferstatus durch ihre Nennung in Verbindung mit Flüchtlingen und der deutschen historischen Verantwortung.

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Im Zitat des ehemaligen Bundespräsidenten von Weizsäcker verbinden sich die Themen historische Verantwortung, Folteropfer und traumatisierte Flüchtlinge zu einer logischen Abfolge, als wäre die Rehabilitation von in ihrem Heimatstaat Gefolterten einzig die Aufgabe der deutschen Gesellschaft und keines anderen Staates. Es entsteht der Eindruck, den Überlebenden stünden die deutschen Türen offen, um Zuflucht zu suchen, und als könnte in der Fremde für sie alles wieder gut werden. Unbeachtet bleibt, dass es politisch Verfolgten oft explizit um eine Verbesserung der politischen Verhältnisse in ihrem Staat geht, nicht um gesundheitliche Rehabilitation im Exil. Flüchtlinge und Folteropfer wurden hier zu einer Gruppe, obwohl sie sowohl vom Aufenthaltsstatus her (Gruppenregelung kontra individuelles Asylverfahren) als auch therapietechnisch (Gruppen- kontra Einzeltherapie) nicht zu vergleichen sind, auch wenn sie in der gleichen Institution behandelt wurden. Der Verweis Überlebender politischer Gewalt an die Behandlungszentren entlastet die Politik. Schließlich gewährte Deutschland politisch Verfolgten Asyl166 und nahm kriegstraumatisierte Flüchtlinge auf. In den Behandlungszentren wurde ihnen geholfen, wieder gesund zu werden. In ihren Herkunftsländern konnte und musste deutsche Politik nichts ändern – und wollte es vielleicht auch nicht.

Im Gegensatz zu den deutschen Therapeutinnen und Therapeuten, sprachen die kroatischen, serbischen und tschechischen Therapeutinnen und Therapeuten keine historischen Parallelen oder Verpflichtungen an. Sie waren durch ihre Sprachkenntnisse zur Arbeit mit den Flüchtlingen gekommen bzw. die Flüchtlinge kamen deshalb zu ihnen. Frau P. leitete ihre Antwort auf meine Frage, wie für sie die Arbeit mit traumatisierten Bosnierinnen und Bosnier begann, bemerkenswerter Weise mit dem Satz ein: „Wobei ich muss ehrlich sagen, ich hatte nie irgendwie vorgehabt ein guter Mensch zu werden und Traumatisierte zu behandeln. Als ich diese Stelle bekam im Flüchtlingswohnheim, da habe ich zwar gewusst, dass es Flüchtlinge gibt, aber das war so ungefähr auch alles.“ Traumatisierte zu behandeln wurde mit humanitärem Einsatz assoziiert, obwohl es für die meisten meiner Gesprächspartnerinnen und -partner (auch) Erwerbsarbeit war.

Die Kombination von bürgerlichem Engagement, um ein „guter Mensch“ zu sein, und das Abtragen deutscher Schuld, ließ sich in den Äußerungen von Personen mit einem deutschen Hintergrund, die in der Flüchtlingsarbeit engagiert waren, immer wieder finden. Im Gegensatz dazu verwiesen meine Gesprächspartnerinnen und -partner mit „Migrationshintergrund“ nicht auf die deutsche Vergangenheit. Frau P. machte klar, dass es für sie eine normale Arbeitsstelle gewesen sei, auf die sie sich bewarb, Frau E., die aus Jugoslawien stammte, beschrieb es für sich ähnlich. Herr Dr. B. und Frau G. bezogen sich mit keinem Satz auf eine historische Verantwortung der deutschen Gesellschaft oder eine persönliche Verpflichtung, aufgrund ihrer serbischen Herkunft den bosnischen Flüchtlingen zu helfen. Für meine vier deutschen Gesprächspartnerinnen und -partner war ihre Herkunft und nationale Vergangenheit jedoch ein wichtiges Thema.

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So unterstrich Frau A. die Verbindung zwischen deutscher Vergangenheit und den bosnischen Bürgerkriegsflüchtlingen im Interview. Sie beschrieb sie am Beispiel älterer Kollegen, mit denen sie telefonierte, um sie um Unterstützung für die bosnischen Flüchtlinge zu bitten.

Es gibt ja auch reale Schuld, dann trotzdem auch zu gucken wie ist das für einen kleinen Jungen, der mit seiner Mutter irgendwie, deren Mann ein großer Nazi war und auch wirklich gesellschaftlich und moralisch Unmögliches getan hat, aber was bedeutet das für den kleinen Jungen? Und dann durch Schnee und Eis und Dreck irgendwie nach Berlin zu laufen, nirgendwo unterzukommen, nicht willkommen zu sein, hier dann kein Zuhause zu haben und sich irgendwie mit dieser Mutter dann in einem depressiven Werdegang hier durchzuschlagen. Und dann eben leitender Arzt im Gesundheitsamt hier zu sein. Sodass einige mir dann auch gesagt haben „na mir hat ja auch keiner geholfen, meiner Mutter und mir, wieso wollen die jetzt? Und ich bin doch auch kein schlechter Mensch geworden.“ Also wo es auch wirklich noch mal darum ging, wenn gesamtgesellschaftlich diese Diskussion nicht entsteht, was ja zurzeit der Fall ist. Also da haben die Deutschen ja auch viel von den Kriegsflüchtlingen einfach profitiert, das müssen sie auch mal anerkennen, dass sich dadurch viel verändert hat. Ansonsten muss eine ganz harte, rigide Haltung einsetzen gegenüber den Flüchtlingen, die mit den Flüchtlingen nichts zu tun hat. Sondern wo es eher darum geht ein eigenes Trauma irgendwie unten zu halten. Und das habe ich darüber unmittelbar verstanden. Ansonsten man versteht nicht, wenn da ein Kollege, der ansonsten irgendwie ein ganz akzeptabler Mensch ist, auch fachlich gut ausgebildet, dann plötzlich sagt: „nein, da liegt keine Traumatisierung vor.“ Ich habe am Anfang dann oft mit vielen rumtelefoniert und dann gesagt, wieso und das versteh ich nicht und wo dann solche Sätze kamen. Also da habe ich einfach viel begriffen. (Frau A.)

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Die ablehnenden Reaktionen älterer Kolleginnen und Kollegen, die in Berlin während der Nachkriegszeit aufgewachsen waren und selbst viele Entbehrungen hatten hinnehmen müssen, interpretierte Frau A. in psychodynamischen Kategorien als Vermeidung. Die an der Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung zweifelnden Kolleginnen und Kollegen wurden so zu Opfern des Zweiten Weltkrieges, die ihre seelischen Verletzungen nicht verarbeitet haben und deshalb nicht mit den bosnischen Flüchtlingen „mitfühl[t]en“.167 Die Flüchtlinge halfen Frau A., die Denkweisen und Erfahrungen ihrer Elterngeneration zu verstehen. Die gleiche Argumentation von unverarbeiteten eigenen Traumata ließ sich auch bei Unterstützenden der Flüchtlinge, die keine psychologische Ausbildung haben, finden:

Die unnachgiebige und scheinbar „unerklärliche“ Härte der Berliner Verwaltung im Umgang mit traumatisierten Flüchtlingen verweist meines Erachtens auch auf unbewältigte Traumata der deutschen Kriegs- und Nachkriegsgeneration. […] Sie sollten es nicht besser haben als „man selbst“ bzw. als das „eigene“ Kollektiv, das schließlich auch (anscheinend) ohne (therapeutische) Hilfe unter schwierigsten (Nach-)Kriegsbedingungen klar gekommen sei bzw. habe klar kommen müssen (Hohlfeld 2008: 424 f.).

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Hier wird deutlich, wie stark der psychologische Diskurs in die Berliner Flüchtlingsarbeit ausstrahlte und gleichzeitig die deutsche Vergangenheitsbewältigung mit einband. Ich finde die Heranziehung „unbewältigter Traumata“, „transgenerativer Abwehrprozesse“ und „seelischer Verhärtungen“ für die Beschreibung des behördlichen Umgangs mit den bosnischen Flüchtlingen bemerkenswert. Die Verwaltungspraxis wurde so mit individuellen und gruppenpsychischen Vorgängen erklärt, die sich im „‚eigenen’ Kollektiv“ vollziehen würden. Gleichzeitig konstituierten sich die Unterstützerinnen und Unterstützer von Flüchtlingen vor der „hartherzigen“ Behördenpraxis als mitfühlend, weil sie ihre Traumata verarbeitet hatten. Mitfühlen können wurde im Umkehrschluss zu einer Fähigkeit, die den hierzu Fähigen Selbstreflexion und Läuterung bestätigten. Sie setzten sich somit von den (kranken?) Mitmenschen ab, die kein Mitgefühl haben, weil sie unter den unbearbeiteten Traumata weiterhin, möglicherweise unbewusst, litten.

Mitfühlen wurde als neues Paradigma formuliert, ein Verstehen und Nachempfinden der Gefühle der Flüchtlinge, der damaligen deutschen genauso wie der heutigen bosnischen. „Seit Ende der 80er Jahre hat die Präsenz [des Themas Flucht und Vertreibung, A. W.] sowohl in der Forschung als auch in den Medien stark zugenommen“ sagte der Historiker Hans-Joachim Westholt, Projektleiter einer Ausstellung im Bonner Haus der Geschichte mit dem Titel „Flucht, Vertreibung, Integration“ im Jahr 2005 in einem Interview (Biskup 2005). Die Thematisierung der deutschen Kriegs- und Nachkriegserfahrung, das Mitfühlen und das Verstehen der älteren Generation bzw. ein spezielles Interesse an deren Erlebnissen, wurde auch durch die Bosnierinnen und Bosnier möglich. „Es gibt ein Mitfühlen, das auf eigenem Erleben beruht und ebenso ein mitfühlendes Interesse der Jüngeren. Wir beobachten da so etwas wie einen Austausch zwischen den Generationen, zwischen Großeltern und Enkeln. Deren Interesse ist oftmals angestoßen worden durch das Flüchtlingselend im ehemaligen Jugoslawien“ (Biskup 2005).170 Das Mitgefühl betraf nicht nur die Beziehung zwischen Großeltern und Enkeln und beschränkte sich nicht auf den familiären Rahmen, wie es auch Frau A. erklärte in ihrer Ausführung über ihr wachsendes Verständnis für ältere Kolleginnen und Kollegen. Auch sie meinte, dass die Deutschen für ihre Vergangenheitsbewältigung von den Bosnierinnen und Bosniern profitierten. Die Zitate verdeutlichen, dass viele Menschen, die sich mit deutscher (Nach-)Kriegsvergangenheit beschäftigten, durch die Jugoslawien-Flüchtlinge überhaupt erst dazu gebracht wurden oder sie eine Intensivierung des Interesses an ihrem Thema seitdem wahrnahmen.

Innerhalb des psychotherapeutischen und psychiatrischen Diskurses ermöglichte der Paradigmenwechsel zur Störungsdiagnostik ein „Mitfühlen“. Diagnostik und Behandlung Traumatisierter waren nicht mehr von Misstrauen, Simulationsspekulationen und der Vorannahme einer Disposition zu psychischer Krankheit gekennzeichnet. So haben es die vor 1980 (und auch noch etwas später, wie das Beispiel von Herr K. auf S. 124124 zeigte) ausgebildeten Psychiaterinnen und Psychiater sowie Psychologinnen und Psychologen noch gelernt. Diejenigen, die den Krieg und die Nachkriegszeit miterlebten, waren Vertreterinnen und Vertreter der alten Lehrmeinung, von der sie oft auch persönlich überzeugt waren, denn das von ihnen Erlebte machte sie ihrer Ansicht nach nicht zu schlechteren oder kranken Menschen. Die jüngeren deutschen Generationen hingegen hatten große Sympathien für Kriegsopfer und verstanden die Älteren als Opfer und nicht Überlebende. Sie selbst hatten keine kriegsbedingt potenziell traumatisierenden Erfahrungen machen müssen und kannten sie nur aus Erzählungen der Eltern- und Großelterngeneration, ansonsten waren sie ihnen fremd, was die Schilderungen möglicherweise gerade interessant machte.

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So entstand eine Spannung zwischen denen, die selbst nichts Traumatisches erlebt aber Verständnis hatten und jenen, die Traumatisches selbst erlebten und es relativierten und damit Ersteren als verständnislos galten. Diese Spannung war auch im vom Südost ins Leben gerufenen Fachaustausch mit Psychotherapeutinnen und -therapeuten in Bosnien vorhanden. Den dortigen Expertinnen und Experten wurde unterstellt, unreflektiert oder selbst traumatisiert zu sein und sich deshalb in die traumatisierten Flüchtlinge nicht genügend einfühlen zu können und mit ihnen überlastet zu sein (vgl. Michels-Vermeulen 2000: 3). Es war paradigmatisch, dass nicht die bosnischen, sondern die Berliner Therapeutinnen und Therapeuten die Workshops des Fachaustausches gestalteten. Damit war es weniger ein Austausch auf fachlicher Ebene, sondern eher eine Weiterbildung. Die hiesigen westlich-geprägten Psychotherapeutinnen und -therapeuten vermittelten ihr theoretisches Wissen und schauten sich die Praxis vor Ort an (Fachaustausch 2000: Punkt 9). Die Berliner Psy-Vertreterinnen und -Vertreter, die selbst keinen Krieg erlebten, aber auf ihre Elterngeneration und deren Erfahrungen verwiesen, engagierten sich für Flüchtlinge, deren Erzählungen sie kaum glauben konnten. Gleichzeitig meinten sie, dass deren Schilderungen für Außenstehende kaum nachvollziehbar wären, sprachen aber auch in den Verlauf und die Hintergründe des Krieges Eingeweihten, wie den bosnischen Therapeutinnen und Therapeuten, diese Fähigkeit ab. Die einen konnten die Grausamkeiten nicht wahrhaben, die anderen nicht die seelischen Auswirkungen und die individuellen Beeinträchtigung (an-)erkennen.

Zu diesen Diskursen und Entwicklungen hatten die muttersprachlichen Therapeutinnen und Therapeuten keine Beziehung, da sie keine deutsche Vergangenheit bewältigen mussten. Ihr Altruismus hatte, wenn er vorhanden war, andere Ursachen. Herr Dr. B. begründete ihn mit dem Arztethos, denn er hätte bereits in der Ausbildung gelernt, dass Arztsein ein 24-Stunden-Job sei. Frau G. engagierte sich nicht innerhalb der Flüchtlingsarbeit und wurde deshalb von den bosnischen Flüchtlingen auch nicht so stark aufgesucht, wie andere serbokroatisch sprechende Therapeutinnen und Therapeuten. Sie hatte eine einfache Erklärung für ihre Arbeit mit Traumatisierten:

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Und dann habe ich irgendwann eine Traumatherapie-Ausbildung gemacht und dann habe ich immer mehr mit diesen Menschen gearbeitet, aber gezwungen durch den Krieg sozusagen, denn ich weiß nicht, ob ich in diese Richtung gegangen wäre, wenn es keinen Krieg gegeben hätte. […] mich zu spezialisieren auf Trauma, das war Zufall sozusagen. (Frau G.)

Es war Zufall und der Lauf der Dinge, die Frau G. zur Arbeit mit Traumatisierten führten. Auch für Frau E. war es in erster Linie den historischen Umständen geschuldet, dass sie traumatisierte Flüchtlinge behandelte. Obwohl das Reagieren auf historische Gegebenheiten bei allen Psy-Vertreterinnen und -Vertretern vorzufinden war und nur Frau A. explizit gefragt wurde, ob sie mit Traumatisierten arbeiten wolle, wurde es nicht so geschildert. Es war kein Zufall sondern politisches (ehrenamtliches) Engagement oder die eigene Familienvergangenheit, die meine Gesprächspartnerinnen und -partner bewegte, bosnische Flüchtlinge zu behandeln, zum Teil sogar ohne Bezahlung.

Nur Frau P., die sich zwar davon distanzierte, ein guter Mensch sein zu wollen, engagierte sich trotzdem mit unzähligen Überstunden für die Flüchtlinge. Bei einem Workshop des DRK im Jahr 2003 übergab sie noch abends auf einem U-Bahnhof einem Flüchtling eine psychologische Stellungnahme, die sie am Vorabend nach dem Workshop geschrieben hatte, weil er sie am Folgetag auf der Ausländerbehörde vorlegen musste. Es ist kein Zufall, dass die meisten meiner Gesprächspartnerinnen und -partner beim zfm in Behandlung waren. Frau P. und ihre Kolleginnen leiteten mehrere und große Gruppen an. Die Anstrengungen der Arbeit beschrieb auch Frau R., die sich nach einem Burnout-Seminar dazu entschied, keine weiteren Flüchtlinge in Behandlung aufzunehmen, um auf ihre „Seelenhygiene“ zu achten. Ähnliche Motive bewogen auch Frau A. und Herrn W. dazu, sich aus der Flüchtlingsarbeit mit traumatisierten Flüchtlingen zurückzuziehen.

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Das Wissen, mit den Therapien und Stellungnahmen den Flüchtlingen eine Duldungsverlängerung und perspektivisch einen Aufenthaltstitel zu ermöglichen, verlieh den Therapeutinnen und Therapeuten eine neue Rolle und Verantwortung für das Schicksal ihrer Klientinnen und Klienten. Die neuen Einflussmöglichkeiten konnten auch überfordern, wenn es den Ärztinnen, Ärzten, Psychologinnen und Psychologen nicht gelang, sich ausreichend von den Sorgen und Ängsten der Flüchtlinge abzugrenzen. Dieses Spannungsfeld zwischen der Rolle des Lebensretters und der Sorge um sich selbst wurde auch von anderen Psy-Expertinnen und -Experten in der Flüchtlingsarbeit thematisiert (Birck et al. 2002: 199 ff.; Haenel/Wenk-Ahnson 2004: 208 ff.; BAFF 2006: 31 ff.). Die Abgrenzung von den Problemen der Klientinnen und Klienten ist in allen helfenden Professionen wichtig, besonders aber im Bereich der psychotherapeutischen Hilfen für Flüchtlinge, deren Akteure durch die aufenthaltsrechtlichen Weisungen eine neue Entscheidungsgewalt erhielten. Diese neue Rolle der Therapeutinnen und Therapeuten als Einzelfallentscheiderinnen und -entscheider wurde in zwei Diplomarbeiten thematisiert (Groninger 2001 und Rafailović 2005) und auch von der „Bundesweiten Arbeitsgemeinschaft der psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer“ (BAFF 2006). Gesellschaftliche und individuelle Ebenen sind in diesen Dynamiken mehrfach miteinander verzahnt.

Zudem hat die Diskussion um die nationalsozialistische Vergangenheit auch eine lokale Ebene. Im Kapitel zur Diagnose wies ich bereits darauf hin, dass die Diagnostik den gesellschaftlichen Hintergrund für Traumatisierungen ausblendet, dieser sich aber immer wieder aufdrängt. So wurden zum Beispiel die Sorgen bosnischer Flüchtlinge durch unsichere und reglementierte Lebensumstände verstärkt; deshalb erweiterten Psy-Vertreterinnen und -Vertreter in der Flüchtlingsarbeit das Diagnosekonzept durch ein weiteres eher soziologisches Konzept: die sequentielle Traumatisierung nach Keilson.

Der Psychoanalytiker und Psychiater Hans Keilson verfasste eine Arbeit über jüdische Waisenkinder in den Niederlanden, die im Untergrund die deutsche Belagerung überlebten und nach dem Ende des zweiten Weltkrieges aufgrund unklarer familiärer Zugehörigkeit in Waisenhäusern blieben, mehrere Pflegefamilien wechselten oder bei Volljährigkeit auf sich selbst gestellt waren. Diese unsichere Nachkriegszeit wurde von ihnen als sehr belastend erlebt, sodass Hans Keilson die traumatische Situation in drei Phasen oder Sequenzen einteilte und dazu analog das Phänomen „sequentielle Traumatisierung bei Kindern“ nannte (Keilson 1979/2005). Sein Konzept orientiert sich an konkreten gesellschaftlichen Entwicklungen und schloss den Umgang einer Gemeinschaft mit den Betroffenen nach dem ursprünglichen traumatischen Ereignis ein, der in den diagnostischen Manualen völlig ausgeblendet wird.

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Genau dieses kontextuelle Verständnis von Traumatisierung wurde von Berliner Psychotherapeutinnen und -therapeuten sowie Psychiaterinnen und Psychiatern als theoretische Grundlage für ihre Arbeit mit traumatisierten Flüchtlingen genutzt. Besonders Therapeutinnen und Therapeuten aus dem Umkreis des Südost e. V. und des BZFO vertraten diese Auffassung mit einer Betonung der dritten traumatischen Sequenz, „Nachkriegszeit mit allen Schwierigkeiten der Wiedereingliederung etc.“ (Keilson 2005: 56), die von ihnen in die Öffentlichkeit getragen wurde (z. B. Reichelt 2000; Birck et al. 2002: 143; Haenel/Wenk-Ahnson 2004: 54 oder BAFF 2006: 45 ff.). Die unveränderte Neuauflage des 1979 erschienenen Buches „Sequentielle Traumatisierung bei Kindern“ im Jahr 2005 hatte auch mit der so entstandenen steigenden Nachfrage zu tun.

So wurden Berliner Verwaltungen unter Zuhilfenahme des Konzepts der „Sequentiellen Traumatisierung“ geschult und den Sachbearbeiterinnen und -bearbeitern erklärt, dass verwaltungstechnische Vorgänge zur Verschlechterung des Befindens traumatisierter Flüchtlinge im Sinne der dritten traumatischen Sequenz beitragen und deshalb besondere Vorsicht geboten sei. Auch in der Lobbyarbeit konnte das Konzept erfolgreich eingesetzt werden (Funke/Rhotert 1999: 273 f. und Hohlfeld 2008: 355). Im folgenden Zitat, wo es darum geht, wie die Berliner Ärztekammer von der Schutzbedürftigkeit bosnischer Flüchtlinge und ihrer behandelnden Ärztinnen und Ärzte überzeugt werden sollte, wird klar wie das Konzept half, Unterstützende zu gewinnen:

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Nachdem Herr Jonitz [Vorsitzender der Berliner Ärztekammer, A. W.] zu Anfang sehr skeptisch gewesen war und mich das auch deutlich hat spüren lassen, haben wir es irgendwie geschafft, im Verlauf des Gesprächs einen Draht zueinander zu finden und ich glaube, mir hat die Türen geöffnet, dass ich mich auf Hans Keilson bezogen habe. Günther Jonitz hat früher im Moabiter Krankenhaus gearbeitet und das hat eine jüdische Vergangenheit und Psyche, und das hat es mir wirklich leicht gemacht. Und dann habe ich da erzählt über das Konzept der sequentiellen Traumatisierung, dritte Sequenz und so und Jonitz konnte mich auf einmal verstehen. Und während er zu Anfang meinte, ist das überhaupt eine Diagnose? Und ich so, ja, ICD-10; F-43.1 und ich habe die ganzen Kriterien aufgezählt und er war einfach ganz skeptisch und so. Und dann auf einmal mit Keilson hat er endlich was verstanden, so hatte ich das Gefühl. (Frau R.)

Die anfängliche Skepsis des Vorsitzenden der Berliner Ärztekammer den in der Flüchtlingsarbeit engagierten Psychiaterinnen und Psychiater gegenüber wich mit dem theoretischen Bezug auf Keilsons Konzept, womit er „etwas anfangen konnte“. Das daraus resultierende Verständnis für die Situation bosnischer Flüchtlinge und ihrer behandelnden Ärztinnen und Ärzte mündete in eine sehr erfolgreiche Unterstützung durch die Berliner Ärztekammer. So wurde in der Ausgabe der Sendung „Kontraste“ durch den Vorsitzenden der Ärztekammer darauf hingewiesen, dass Verwaltungsärzte – gemeint ist der begutachtende Polizeiärztliche Dienst – knapp 50 Jahre nach Kriegsende wieder zu „Erfüllungsgehilfen der Staatsgewalt“ (Soliman 2000) würden. Wieder ist die deutsche Vergangenheit ein kraftvoller Katalysator für die Unterstützerinnen und Unterstützer der Flüchtlinge, zu denen ab dem Jahr 2000 und der Eskalation mit der Durchsuchung der Praxis von Herrn Dr. B. auch die Berliner Ärztekammer zu zählen war, die eindeutig Stellung gegen die Berliner Innenverwaltung bezog.

Frau R. sprach die Ausbildung von Herrn Dr. Jonitz, die er im Krankenhaus Moabit absolvierte, an. Dieses spielte ebenfalls eine Rolle und illustriert weitere Verbindungen der Flüchtlingsarbeit zur deutschen Vergangenheitsbewältigung, diesmal ortsgebundener und individueller Natur. Zu Beginn der 1980er Jahre war auch Dr. Christian Pross, späterer langjähriger Leiter des Behandlungszentrums für Folteropfer, im Krankenhaus Moabit angestellt. Angestoßen durch ein Wandbild des ehemaligen „Oberarztes und Widerstandkämpfers Dr. Georg Groscurth, der am 8. Mai 1944 im Zuchthaus Brandenburg hingerichtet wurde“ (Pross/Winau 1984: 7), begann Dr. Pross die nationalsozialistische Vergangenheit des Krankenhauses zu erforschen. Vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten gehörten 70 Prozent der Ärzte zur jüdischen Minderheit und wurden 1933 entlassen. In der Festschrift zum 100-jährigen Bestehen des Krankenhauses (1972) fanden sich kurze Hinweise auf Dr. Groscurth, die Massenentlassung jüdischer Ärzte und eine Namensliste sämtlicher Chefärzte des Krankenhauses, die die Grundlage für weitere Recherchen bildeten. Die Überlebenden oder ihre Familien wurden ausfindig gemacht und interviewt, Fotos und Akten von Entschädigungsverfahren, die alte Originaldokumente enthielten, gesammelt.

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Die Krankenhausarchive wurden gegen Kriegsende systematisch vernichtet oder gingen in den Kriegswirren zu großen Teilen verloren, deshalb konnten die meisten Dokumente nur im Privatbesitz der Überlebenden oder ihrer Nachkommen recherchiert werden. Es entstand ein Buch, das am Beispiel des Krankenhauses Moabit auf der Basis der Schilderung von Einzelschicksalen Diskriminierung und Verfolgung im Dritten Reich nachvollziehbar machte. Es war Dr. Pross’ erste medizinhistorische Arbeit mit Bezug zur Verfolgung und Ermordung jüdischer Bürgerinnen und Bürger. Vier Jahre später erschien seine Arbeit zu den Entschädigungsverfahren „Wiedergutmachung. Der Kleinkrieg gegen die Opfer“ (Pross 1988), in der er die bundesdeutsche Entschädigungspolitik und die Fortsetzung der Diskriminierung jüdischer Überlebender durch deutsche begutachtende Psychiater schilderte. Durch die Recherche zur Vergangenheit des Krankenhauses Moabit kam er mit den Akten, Antragstellenden und deren Familien das erste Mal in Kontakt; dies bildete die Grundlage für sein zweites Buch. 1989 war Dr. Pross Leiter eines Ausstellungsprojekts der Ärztekammer Berlin mit dem Titel „Der Wert des Menschen – Medizin in Deutschland 1918–1945“, die zum Deutschen Ärztetag in Berlin eröffnet wurde (Birck et al. 2002: xvii). Drei Jahre später, 1992, wurde er zum ersten Leiter des Behandlungszentrums für Folteropfer, das im Jahr 2005 in ein Gebäude auf dem Gelände des – inzwischen von der Stadt aus Kostengründen geschlossenen – Krankenhauses Moabit umgezogen ist. Somit befindet sich das BZFO heute auf dem Gelände eines Ortes, der für die Vergangenheitsbewältigung deutscher und insbesondere Berliner Ärztinnen und Ärzte von Bedeutung war.

2007 wurde von der Berliner Ärztekammer das erste Mal die Georg-Klemperer-Ehrenmedaille, „eine Medaille für verdiente Ärzte im Namen Georg Klemperers“ (Pross 2007) an drei Ärztinnen und Ärzte verliehen (Ärztekammer Berlin 2007: 18 f.). Georg Klemperer war ein jüdischer Arzt im Krankenhaus Moabit. Dr. Pross hielt die Festrede, in der er seine eigenen Verbindungen zum Krankenhaus Moabit beschrieb, das soziale Engagement dessen jüdischer Ärztinnen und Ärzte für die Berliner bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten und auch die Rolle deutscher Ärztinnen und Ärzte im Nationalsozialismus.

Auch Herr Dr. Jonitz wurde im Krankenhaus Moabit praktisch ausgebildet und das zu dem Zeitpunkt als das Buch von Pross erschien. Dr. Jonitz konnte mit Keilsons Konzept „etwas anfangen“, weil er die Diskussionen um die nationalsozialistische Vergangenheit auf seiner damaligen Arbeitsstelle miterlebte, die nicht in der psychiatrischen Abteilung angesiedelt war, wo es um Folgen eines psychischen Traumas auch außerhalb des politischen Diskurses hätte gehen können, sondern in der Rettungsstelle des Krankenhauses. Das spricht für eine breite Thematisierung der nationalsozialistischen Vergangenheit im Klinikum, das eine konkrete Verbindung zur Verfolgung und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung und der Rolle deutscher Ärzte hatte. Dr. Jonitz’ politisches und historisches Bewusstsein und seine enge Verbindung zum Krankenhaus Moabit illustriert ein offener Brief, in dem er die Schließung des Krankenhauses durch den Senat in einem Kommentar im Berliner Ärzteblatt scharf attackierte (Jonitz 2001).

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Es war eine zufällige zeitliche Koinzidenz: Herr Dr. Jonitz war im zweiten Jahr Vorsitzender der Berliner Ärztekammer, als seine Kollegin, Frau R., ihn um Unterstützung bat. Als sie sich auf die jüdische Erfahrung des Holocaust bezog, hatte Herr Dr. Jonitz einen Anknüpfungspunkt, und die Leidenserfahrungen der jüdischen und bosnischen Opfer wurden zur gleichen Angelegenheit. Bezeichnenderweise war es nicht die ICD-10, die den Arzt überzeugte, sondern Keilsons Konzept der dritten traumatischen Sequenz (vgl. Zitat von Frau R. auf S. 142142). Verkürzt hieß die Botschaft: Die deutsche Gesellschaft muss den bosnischen Flüchtlingen aufgrund ihrer historischen Verpflichtung helfen.

Deshalb mischte sich die Berliner Ärztekammer zunehmend in die Auseinandersetzung zwischen Ärztinnen sowie Ärzten und der Senatsverwaltung für Inneres ein und schlug zum Beispiel Anfang 2000 ein gemeinsames Konsil zwischen den behandelnden und den für die Verwaltung begutachtenden Kolleginnen und Kollegen in Zweifelsfällen vor (Abgeordnetenhaus Berlin 23.03.2000: 300A und 06.07.2000: 9). Mit der abschließenden Regelung im Jahr 2002 wurde der Berliner Ärztekammer neben der Psychotherapeutenkammer, die erst zwei Jahre bestand, sogar noch mehr Verantwortung übertragen als sie mit den Konsilen ursprünglich vorschlug. Denn nun waren die Kammern für die Überwachung der Qualität der Begutachtungen zuständig und im Gegenzug wurden diese verbürgten Stellungnahmen von der Verwaltung anerkannt. Die Verbindungen zwischen deutscher Vergangenheitsbewältigung und den bosnischen Flüchtlingen durchzog sowohl die individuellen Schilderungen der Therapeutinnen und Therapeuten sowie Erklärungen für gesellschaftliche Entwicklungen und war mit konkreten Orten und Personen verknüpft.

4.2.4 Therapeutisches Wachsen

Im Folgenden geht es mir um zwei Bevorzugungen: Zum einen wurde die Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung bevorzugt, sowohl von Patientinnen und Patienten als auch von den Therapierenden. Daneben waren auch die Traumatisierten bevorzugte Patientinnen und Patienten der Behandelnden; auch hierfür gab es spezifische Ursachen. Resultat dieser beiden Entwicklungen ist die Bevorzugung psychologischer Interpretationen und psychotherapeutischer Behandlungen für menschliche Leidenserfahrungen. Diese Psychotherapien halfen, das schlechte Wohlstandsgewissen westlicher Therapeutinnen und Therapeuten zu beruhigen, den Betroffenen hingegen legten sie nahe, sich mit dem widerfahrenen Unrecht abzufinden.

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Die Arbeit mit traumatisierten Menschen war für die Behandelnden fordernd aber auch erfüllend. Die Patientinnen und Patienten hatten sozusagen einen „Opferbonus“, denn sie konnten nichts für ihre Erkrankung. Ihnen ist Schreckliches widerfahren, für das sie keine Verantwortung tragen. Das unterschied sie von anderen Patientinnen und Patienten in der psychiatrischen oder psychotherapeutischen Praxis. Therapeutinnen und Therapeuten entwickelten leicht Sympathien für Traumatisierte, die über die normale therapeutische Empathie hinausging. Traumatisierte waren ein Stück weit beliebte Klientinnen und Klienten, denen viel Verständnis entgegengebracht wurde, wie das folgende Zitat zeigt:

In der therapeutischen Arbeit mit TraumaklientInnen ist eine wohltuende Tiefe erreichbar. Da der Beitrag zur Rehabilitation und Integration extremtraumatisierter Menschen befriedigend erlebt werden kann, stellt sich die philosophische Frage nach dem Sinn des Daseins und der beruflichen Tätigkeit etwas seltener. Die gemeinsame Erfahrung von vielfältigen und extremen Emotionen und starker Solidarität schafft für mich eine Form der Begegnung und Intensität, die in anderen therapeutischen Beziehungen weniger der Fall ist. (Birck et al. 2002: 225)

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Das Zitat (ein ähnliches findet sich in BAFF 2006: 33) illustriert die persönlichen Veränderungen aufseiten der Behandelnden, die sie einen ideellen Gewinn aus der Behandlung von Traumatisierten ziehen ließ, den sie nicht (so oft) in der Behandlung anderer Klientinnen und Klienten fanden.

Traumatisierte waren „Lieblingspatient(inn)en“ für die Psy-Vertreterinnen und -Vertreter, die sich die Arbeit mit ihnen zutrauten. Denn viele Menschen, auch Psychotherapeutinnen und -therapeuten, schreckten vor dem Leid zurück. Diese Erfahrung machte ich auch persönlich wenn ich von meiner Arbeit mit Flüchtlingen, insbesondere mit traumatisierten, erzählte. Der Umgang mit Traumatisierten galt als schwer, weil man sich viele grausame Dinge anhören musste. Gleichzeitig schaffte dies eine intensive Verbundenheit mit den Betroffenen, wie es auch das obige Zitat beschrieb. Das Erkranken an Unrechtserfahrungen und Katastrophen fanden nicht nur die Behandelnden legitim und logisch, auch gesellschaftlich wurde dies als selbstverständlich angesehen. Auch die benötigten Interventionen waren klar, weshalb mit dem Krieg in Bosnien sofort „medizinische und psycho-soziale“ Hilfen für die Flüchtlinge gefordert wurden (Bundesrat 15.12.1995: 3). Es waren also Spezialistinnen und Spezialisten notwendig.

Doch die Posttraumatische Belastungsstörung ist nicht (mehr) mit dem gleichen Stigma wie andere psychische Krankheiten gezeichnet. In diesem Zusammenhang weist Young darauf hin, dass die Psychiatrie eigentlich ihren Patientinnen und Patienten mit Misstrauen begegnet und deren Erklärungsmustern nicht folgt, sondern im Gegenteil vom jetzigen Zustand ausgehend die Schilderungen der Vergangenheit unter Berücksichtigung der momentanen Symptome beurteilt. Bei der Posttraumatischen Belastungsstörung hingegen ist es andersrum: Die geschilderten Beschwerden werden vor dem Hintergrund des Vergangenen interpretiert (Young 1996: 97 f.). Young beobachtete, dass die Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung deshalb eine gewisse Attraktivität für Psychiatriepatientinnen und -patienten besaß, da sie zu einem Teil entlastete und zum anderen Ansprüche wie Renten, Entschädigungen, den Aufenthalt oder auch nur Aufmerksamkeit zu sichern half.

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Diagnose und Therapien waren auch bei meinen bosnischen Gesprächspartnerinnen und -partnern beliebt, sodass sie zum Teil jahrelang zur Psychotherapie gingen, auch wenn mittlerweile keine Notwendigkeit mehr bestand, sie einen Aufenthaltstitel hatten und keine weiteren Zwänge existierten, die einen Therapiebesuch und Attestierungen erforderten. Doch nicht nur für die Flüchtlinge, sondern auch für andere Patientinnen- und Patientengruppen ist die Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung reizvoll. So sandte mir ein ehemaliger Kollege den Ausschnitt folgender E-Mail, die ihm eine Psychologin im Praktikum schickte:

Lieber Herr X., ich habe das Buch von Frau Boos auch bei uns oben in der Klinik gefunden. Aber so wie es aussieht wird hier oben EMDR gemacht. Generell wollen alle Patienten Traumatherapie machen auch wenn sie gar kein Trauma erlebt haben. Alles andere ist irgendwie nicht so cool. Meine Patientin macht sich nun Sorgen, ob sie überhaupt fähig ist EMDR zu machen, weil sie gar kein Trauma erinnern kann. Ich habe ihr vorsichtig erklärt, dass aus traumatischen Erlebnissen viele verschiedene Störungen entstehen können und dass für manche davon andere Verfahren vielleicht besser geeignet sind. (Mail vom 08.02.2008)

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Diese E-Mail verdeutlicht, dass bestimmte Störungen und Behandlungsverfahren „in“ sein können und dass die Posttraumatische Belastungsstörung und das EMDR™ definitiv hierzu zu zählen sind. In der Klinik wurde „EMDR gemacht“ und nicht Verhaltenstherapie oder Psychoanalyse; erneut wird hier die beschriebene Verschiebung zu Hypnose und Trance deutlich. Das EMDR™ wurde auch in der E-Mail als „Traumatherapie“ bezeichnet, obwohl es nicht das einzige Therapieverfahren bei einer Posttraumatischen Belastungsstörung ist und auch andere Störungsbilder mit diesem Verfahren behandelt werden können. Die Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung war nicht nur für die Flüchtlinge attraktiv, um einen Aufenthaltsstatus zu erhalten. Generell reduziert die Benennung einer Ursache für eine psychische Erkrankung die Verantwortlichkeit der Patientinnen und Patienten. Wenn zudem die Ursache externalisiert werden kann, wie im Fall eines Traumas, so ist dies besonders entlastend.

Einen ähnlichen Fall von Stigma-Management (Goffman 1975: 120) beschreibt André P. Smith für die Demenz-Diagnose (Smith 2006), bei der es die körperliche Ursache war, die die Verantwortung für ein seelisches Leiden reduzierte und deshalb Patientinnen die Diagnose einer Demenz einer anderen Diagnose vorziehen ließ. Seitdem psychische Störungen über gemeinsam auftretende Symptome definiert werden, sind Diskussionen über ihre Entstehung ausgeklammert. Doch das entspricht nicht der Alltagslogik, die einen Krankheitsverursacher voraussetzt. Konnten sich Menschen vor 100 Jahren vielleicht noch mit dem Schicksal trösten, das ihnen eine bestimmte Krankheit auferlegte, so muss es heute immer einen Grund, eine Ursache, einen Erreger geben.

Im psychiatrischen Bereich jedoch wurden die Entstehungsgeschichten, die Ätiologien der Krankheiten, aus der Diagnostik verbannt, parallel aber auch chemische Reaktionen und biologische Marker gesucht, die psychische Veränderungen erklären und sie mit Psychopharmaka behandelbar machen sollen. Joseph Dumit beschrieb, wie solche biologischen Marker auch von Lobbygruppen zur Destigmatisierung psychischer Erkrankungen genutzt wurden (Dumit 2000). Auch Smith argumentiert, dass die Postulierung biologisch-organischer Ursachen für psychiatrische Symptome deren Akzeptanz steigere und entlastend wirke. Solche Diagnosen werden von Patientinnen und Patienten bevorzugt und sogar anstelle alternativer Diagnosen eingefordert (so auch Dumit 2000). Smith beschreibt beispielhaft die Auseinandersetzung zwischen vier Frauen mit Gedächtnisbeeinträchtigungen und einer Demenzklinik, in der sie als „nicht dement“ diagnostiziert wurden. Die Frauen waren davon überzeugt, an Demenz erkrankt zu sein, andere Erklärungen ließen sie nicht zu, denn die Diagnose einer Depression wäre stigmatisierend(er) (Smith 2006).

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Störung ist somit nicht gleich Störung. Es gibt „bevorzugte Diagnosen“, die den Betroffenen ihr Stigma-Management erleichtern. Eine solche „bevorzugte Diagnose“ war die Posttraumatische Belastungsstörung, weil sie moralisch entlastete und im Fall der bosnischen Kriegsflüchtlinge auch half, den Aufenthalt zu verlängern und später ein ständiges Aufenthaltsrecht zu erhalten. Das erklärte teilweise ihre Beliebtheit sowohl bei Patientinnen und Patienten als auch bei ihren Therapierenden. Und das förderte einen Kreislauf, der sich gegenseitig bedingte und aufrechterhielt: eine Häufung der Diagnose und ihrer Behandlung und ihre zunehmende Popularität. Je bekannter die Posttraumatische Belastungsstörung wurde, desto häufiger wurde sie diagnostiziert und behandelt. Dadurch wurde sie populärer und von anderen Patientinnen und Patienten nachgefragt und spezielle Therapieformen wie das EMDR™ von Therapeutinnen und Therapeuten erlernt und angewendet.

Eine weitere Veränderung fand im Prozess der Therapie einer Posttraumatischen Belastungsstörung statt und betraf die Behandelnden, die sich über ihre Zeugenschaft innerhalb der Erzählrituale veränderten. Diese Gemeinsamkeit der Therapeutinnen und Therapeuten unabhängig von ihrer Nationalität verdeutlicht ein Teil des Gesprächs mit Frau A.:

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Ich persönlich habe von diesem Kontakt mit den Frauen in den Gruppen unglaublich profitiert. Einmal ist, aber das können Sie wahrscheinlich nachvollziehen, in mir über diesen ganzen Schreck eine unendliche Dankbarkeit entstanden in Bezug auf das, was ich habe. Also jeden Freitag wenn ich nach Hause gefahren bin nach der Gruppe und wenn ich in diese Straße, in der ich wohne, eingebogen bin, gab es immer einen leisen Zweifel, steht das Haus noch? Und jedes Mal war ich zutiefst dankbar, dass das Haus stand, dass mein Mann noch lebt, mein Sohn lebt, meine Familie lebt, dass wir zu essen haben. Und das ist ein Gefühl, was mich nicht mehr verlassen hat. Und so komisch wie das klingt, das schätze ich auch sehr, weil es so eine Selbstverständlichkeit ist, in dieser Fülle zu leben, die wir hier haben. Und das hat die Selbstverständlichkeit dem genommen. Gleichzeitig muss ich auch keine Schuldgefühle mehr dafür haben. Ich glaube, ich habe vor dieser Arbeit sehr viel mehr mit Schuldgefühlen, dass es mir hier relativ gut geht, zu tun gehabt. Das habe ich jetzt nicht mehr, weil für mich klar war, das ist nichts, was man verdient, oder nicht verdient. Sondern es ist etwas, was einem zustößt und ich bin dankbar, dass es mir gerade nicht zustößt. (Frau A.)

Erneut taucht das Thema der Schuld und ihrer Bewältigung durch die Arbeit mit den bosnischen Flüchtlingen auf. Diesmal war es nicht die historische Schuld, sondern das schlechte Gewissen wegen des eigenen Wohlstandes. Mit dem Engagement für die Flüchtlinge ließ sich auch dieses „bearbeiten“, um einen psychotherapeutischen Begriff zu verwenden. Die Unterstützerinnen und Unterstützer der Flüchtlinge erhielten im Austausch für ihre Bemühungen Ruhe und Dankbarkeit: Ruhe, denn die historische Schuld wurde abgetragen, und Dankbarkeit für das eigene Leben in Wohlstand, das in Anbetracht dessen, was einem Menschen alles passieren kann und was den Flüchtlingen passiert ist, an Qualität gewann. Frau A.s Bemerkung „und das können Sie wahrscheinlich nachvollziehen“ kann ich nur bejahen: Auch ich empfinde es als Glück, bisher ohne größere Katastrophen gelebt zu haben und wäre dankbar für die Fortsetzung eines solchen Lebens. Auch ich lernte das von den Flüchtlingen. Ihr Leid gibt den Hintergrund ab für meine Zufriedenheit und steigert meine empfundene Lebensqualität, denn ich schätze das, was ich habe, weil ich bei anderen sah, was passiert, wenn man es verliert.

Diese Erfahrung wurde im Englischen als „posttraumatic growth“ und im Deutschen als „posttraumatische Reife“ bezeichnet, aber eigentlich für die Entwicklungen und Einsichten der Patientinnen und Patienten im Rahmen einer Psychotherapie verwendet. Die Erreichung von posttraumatischer Reife ist höchstes Ziel einer Therapie. Es wird angenommen, dass die wichtigen Dinge im Leben durch existenzielle Verluste erkannt werden bzw. durch die Erkenntnis, was einem alles noch hätte zustoßen können. Das eigene Leben oder Schicksal wird mit anderen (schlimmeren) verglichen und dadurch relativiert. Herr Imamović beschrieb es im vorherigen Kapitel, als er sagte, dass er und die anderen Gruppenmitglieder in den Gruppentherapien hörten, was anderen passiert war (S. 9292) und ihnen bewusst wurde, was ihnen trotz allem selbst erlebtem Leid erspart blieb.

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Dieses Phänomen ließ sich auch bei den Therapeutinnen und Therapeuten und anderen in der Flüchtlingsarbeit Tätigen beobachten. Dabei ist die Grenze zwischen Reife und Fatalismus äußerst vage, vorausgesetzt es gibt eine. Denn mit dem gewonnenen Bewusstsein für das eigene Glück, das Frau A. und ich beschreiben, erkennen wir an, dass wir uns mit Ungerechtigkeit abfinden müssen und können. Unter meinen bosnischen Gesprächspartnerinnen und -partnern war dies Herrn Tomić gelungen, der das Geschehene hinter sich ließ, indem er in Spiritualität und in seinen Enkelkindern einen neuen Lebenssinn fand und so seinen Frieden mit dem Gewesenen machte. Er war eine Ausnahme aufgrund seines Alters und finanzieller Absicherung. Frau Nuhanović ging es ähnlich; doch die Trennung von ihren Söhnen in Kanada belastete sie trotzdem. Meine anderen bosnischen Gesprächspartnerinnen und -partner waren jünger und empfanden es weiterhin als Unrecht, durch den Krieg und den entmachtenden Flüchtlingsstatus in ihrer persönlichen Entwicklung ausgebremst und behindert worden zu sein. Bis zur Rente sahen sie kaum eine Perspektive und danach auch nicht, wie es Herr Džaferović verbittert formulierte (S. 6262).

Was dem Einzelnen half, mit dem Leid umzugehen, das sogenannte „Wachsen“, war gleichzeitig eine Anpassung, ein sich Abfinden mit den Ungerechtigkeiten der Welt und eine Verlagerung des Unrechtes ins Zufällige: Den einen traf das Leid, eine andere nicht. So war die einzig angebotene Verarbeitung ein sich Abfinden mit dem Unrecht, der Verweis auf ein Schicksal, das man nicht zu verantworten hat, oder eine Unruhe, die als Posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert und behandelt wurde. Im zweiten Kapitel zitierte ich Freud, der eine Neurose, wenn sie aus existenziellen Fragen resultierte, als adäquate Anpassung anerkannte und den Rückzug des Arztes empfahl (S. 3131). Doch die Behandelnden zogen sich nicht zurück. Sie therapierten weiter und begaben sich auf ethisch fragwürdiges Terrain.

Denn ein Therapieerfolg bei Traumatisierten war nicht über eine Modifikation des Denkens oder Verhaltens zu erreichen, wie in psychotherapeutischen Interventionen bei Patientinnen und Patienten mit anderen Störungen, sondern in der Modifikation des Gerechtigkeitsempfindens – weg vom modernen Verständnis von Verantwortlichkeit und des „zur-Rechenschaft-gezogen-Werdens“ in der hiesigen Welt. Es war ein Eingeständnis, dass es keine Gerechtigkeit gibt und Menschen trotzdem weiterleben (müssen und wollen). Dieses Bewusstsein bildete den Hintergrund für die besondere Aufmerksamkeit und die Sympathien der Behandelnden dieser Patientinnen- und Patientengruppe gegenüber und das machte in der Konsequenz die Diagnose für Menschen interessant, die Verständnis und Anerkennung benötigten, diese aber von ihrem persönlichen und sozialen Umfeld nicht bekamen. Marginalisierte Flüchtlinge erhielten so Gehör, allerdings nicht von der gesamten Gesellschaft, sondern erneut nur im marginalen und stigmatisierten Ort des psychiatrischen oder psychologischen Sprechzimmers. Gleichzeitig wurde aber auch die gesellschaftliche Normalität durch ihre Anwesenheit stabilisiert. Die traumatisierten Bosnierinnen und Bosnier verdeutlichten sehr vielen Menschen in Deutschland, die bosnische Flüchtlinge persönlich kennenlernten, wie gut es ihnen ging und es hielt die Flüchtlinge in ihrem Opferstatus fest, denn sie wurden durch das Mitleid ihres Umfeldes auf die Opferrolle festgeschrieben.

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Die medikalisierende und psychologisierende Art des Umgangs mit leidvollen Erfahrungen und ihr Verweis an Therapierende wurde bereits durch die zweite Generation jüdischer Überlebender kritisiert und durch sie die Festschreibung auf den Opfer- und Krankenstatus als Ausschlussmechanismus enttarnt (Fischer/Riedesser 1998: 238). Menschliches Leid ist Teil des Alltags und wenn es medizinisch und psychologisch behandelt wird, wird es dadurch illegitim und ausgeschlossen. Deshalb forderte Freud den Rückzug des Arztes, womit er das Leiden anerkannte, für das es kein medizinisches oder psychologisches Trostpflaster gab. An dem Punkt, wo Therapeutinnen bzw. Therapeuten zu den einzigen und legitimen Ansprechpartnerinnen und -partnern für Menschen mit Leidenserfahrungen wie den Flüchtlingen wurden, machte jedoch die Gesellschaft klar, dass sie sich nicht für die Probleme der Flüchtlinge zuständig fühlte. Keiner in Politik und Alltag musste sich ihre Geschichten anhören, dafür bedurfte es Spezialistinnen und Spezialisten, die allerdings auch nichts Besseres anzubieten hatten, als den Rat, dass sich die Betroffenen mit dem Unrecht abfinden. Dieses Abfinden wurde dann individuell oder in Gruppen eingeübt.

Als Entwicklung lässt sich dies auch an Veränderungen im Südost e. V. sehen: Frau Schedlich hörte den Flüchtlingen anfangs selbst zu, dann wurden Selbsthilfegruppen gegründet, in denen die Flüchtlinge unter sich waren, dann erhielten sie nicht-psychologische Zuhörende (Funke/Rhotert 1999: 299). Am Ende sprach Frau Schedlich gezielt Psychologinnen und Psychologen sowie die Behandlungszentren an, weil Expertinnen und Experten benötigt wurden. Theoretisch hätten auch religiöse Autoritäten gefragt werden können, denn auch sie sind traditionell für das Seelenwohl zuständig. Wie sehr sich diese aus der „Seelen-Arena“ zurückzogen, illustriert die Tatsache, dass im Islamischen Kulturzentrum der Bošnjaken Psychologinnen Gruppentherapien anboten und keine religiösen Bewältigungsangebote gemacht wurden.

Erzählcafés, in denen deutsche Zeitzeugen über ihre Erinnerungen an die Kriegs- und Nachkriegszeit sprachen, darunter auch Prominente wie Hans Koschnick, wurden nur in Bosnien veranstaltet (Südost 2003). Erst ein neueres Projekt, das als Stiftung „Überbrücken“ im Jahr 2007 etabliert wurde, versucht die Bearbeitung von (verdrängten) Traumata im Dialog von Flüchtlingen und Einheimischen (Stiftung Überbrücken 2007). Diese zivilgesellschaftliche Aufarbeitung auf gleicher Augenhöhe war jedoch neu und entstand erst fünf Jahre nach dem Ende der intensiven Phase der Aktivitäten für ein Bleiberecht für traumatisierte Bosnierinnen und Bosnier.

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Dass es vonseiten der Flüchtlinge von Anfang an aber vor allem Gesprächs- und kein Therapiebedarf war, legt das folgende Zitat von Frau P. nahe:

Die Leute kamen wieder und wieder. Die Beratung war vorbei und dann sagten sie: „Ja kann ich dann bitte wiederkommen?“ „Ja.“ „Und wann kann ich bitte wiederkommen?“ Und so nach fünf Terminen dachte ich, das ist aber irgendwie keine Beratung, die Leute brauchen offensichtlich Kontakt. Die Leute haben offensichtlich den Bedarf, ihre Probleme zu bearbeiten, es gibt eigentlich so einen roten Faden. Es gibt alles Mögliche, was eigentlich typisch therapeutisch ist und dann müssten wir das eigentlich eine Therapie nennen. (Frau P.)

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Der Gesprächsbedarf wurde als Therapiebedarf gedeutet, denn was war eine Reihe von Gesprächen anderes als eine Therapie? Mehrmalige Gespräche signalisierten ein Bedürfnis, Probleme zu bearbeiten. Der ursprüngliche Gesprächs- und Mitteilungsbedarf der Flüchtlinge, dem Frau Schedlich zum Beispiel erst selbst und dann mit den Selbsthilfegruppen nachkam, der sich in jahrelanger Therapie äußerte und auch in den Gesprächen mit mir, zu denen viele Bosnierinnen und Bosnier bereit waren, und mir ausführlich von ihrem Leben vor, während und nach dem Krieg erzählten, wurde in engere psychotherapeutische Bahnen kanalisiert.

Mit der Behandlung traumatisierter bosnischer Flüchtlinge veränderten sich auch die Therapeutinnen und Therapeuten, was sie als Lernprozess beschrieben. Neben den persönlichen Veränderungen, die als therapeutisches Wachsen verstanden werden könnten, wuchsen die Therapeutinnen und Therapeuten auch zahlenmäßig und gewannen Einfluss. Die Behandlung von Bosnierinnen und Bosniern war auch ihren Karrieren förderlich, sie konnten sich in ihrem Berufsfeld weiterentwickeln und etablieren. Fast alle meiner Gesprächspartnerinnen und -partner avancierten zu Traumaexpertinnen und -experten und wurden als Referentinnen und Referenten zu Aus- und Weiterbildungsveranstaltungen eingeladen und verarbeiteten ihre Erfahrungen in Publikationen.

Auch hier gibt Frau A. ein gutes Beispiel; sie hat am frühesten den Übergang von der Praxis zur Theorie vollzogen und reflektiert darüber:

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Einmal durch die Ausbildung von Kollegen auch sehr viel, dann habe ich hier sehr viel im Rahmen von der Beratungsstelle mit, also auch so als Multiplikatorin mit dem Schulpsychologischen Dienst, also Lehrergruppen gemacht. […] Dann Gruppen mit, also immer so Einzeltermine, wo ich viele Vorträge gehalten habe über Traumatisierung, Auswirkungen davon. Mit Sozialarbeitern auf dem Sozialamt, eher in diesem kleinteiligen Bereich, im unmittelbaren Umgang mit den Menschen, die hier in der Stadt sind. Dann gab es eine Zeit sehr viele Interviews mit Journalisten […] Und das war am Anfang so, dass ich relativ viele Interviews gegeben habe, weil das Thema ganz präsent war. Und desto mehr es in den Medien auftauchte, desto gewichtiger wird auch die politische Brisanz. Ja weil dann beginnt sich auch etwas zu verändern. (Frau A.)

Hier wird klar, wie intensiv und gezielt Lobbyarbeit vonseiten der Psychologinnen und Psychologen betrieben wurde. Parallel dazu wuchs das Interesse in der Öffentlichkeit, durch die das Fachwissen der Psy-Vertreterinnen und Vertreter immer wieder nachgefragt wurde. Frau A. entsprach den Interviewanfragen von Journalistinnen und Journalisten und trug so auch zur Popularität der Posttraumatischen Belastungsstörung im Alltagsdiskurs bei. Durch Expertinnen- und Experteninterviews wurde Spezialwissen über die Medien in die Gesellschaft getragen, wo das Wissen mit zunehmender Bekanntheit erneut bei den Expertinnen und Experten nachgefragt wird. Außerdem schulte Frau A., die sich als Multiplikatorin verstand, Lehrerinnen und Lehrer sowie Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeiter, die ebenfalls in ihren jeweiligen Tätigkeitsbereichen Multiplikatorinnen und Multiplikatoren waren.

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Ein ähnliches Bild bietet sich bei der Durchsicht der online verfügbaren Jahresberichte des BZFO, in dem die Aktivitäten seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufgeführt wurden. Neben der Mitgliedschaft in politischen Gremien und Lobbyorganisationen, wurden jährlich um die 30 Weiterbildungsveranstaltungen und Vorträge für Verwaltungen, Lobbygruppen und Kolleginnen und Kollegen abgehalten und mehr als 30 Netzwerk- und Pressekontakte gepflegt (BZFO 2003, 2004, 2005, 2006, 2007). Mit diesen Schulungen und Vorträgen wuchs einerseits die Gemeinde der in Psychotraumatologie geschulten Ärztinnen und Ärzte sowie Psychologinnen und Psychologen, die Sensibilität der Menschen, die in ihrer Arbeit mit potenziell Traumatisierten in Kontakt kommen könnten und auch der breiten Öffentlichkeit. Davon wiederum profitierten nicht nur die bosnischen Flüchtlinge, die es mit den Attesten schafften, sich mehrere Jahre einer Abschiebung zu entziehen, sondern auch ihre Therapeutinnen und Therapeuten, die zu Traumaexpertinnen und -experten wurden und damit einen Zuwachs an kulturellem Kapital (Bourdieu 1982) verzeichnen konnten.

Wie stark die Nachfragen wurden, zeigt die Fortsetzung des obigen Zitats:

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Und das mache ich seit der Zeit. Und eben auch mit großem Erfolg, weil viele das sehr interessiert und mittlerweile hat sich auch gesamtgesellschaftlich die Diskussion verändert. Das ist mir manchmal dann schon zu viel, weil ständig alle dann traumatisiert sind. Also der Begriff bekommt auch etwas Inflationäres, ähnlich wie mit dem Thema Kindesmissbrauch. (Frau A.)

Nachdem Frau A. sich selbst stark für die Anerkennung der Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung einsetzte, konstatierte sie, dass mittlerweile zu viele Menschen behaupteten, traumatisiert zu sein und damit gleichzeitig das Leiden der Überlebenden relativierten. In der Konsequenz des beschriebenen inflationären Gebrauchs sind wir alle traumatisiert, die eine mehr, der andere weniger. Hacking illustrierte dies durch ein treffendes Zitat eines Psychiaters, der dieses Phänomen als „me-too-ism“ bezeichnete (Hacking 1996: 331). Das Phänomen nannte er „semantische Ansteckung“: Ein Konzept wurde mühevoll etabliert und auf einmal ist es derart verbreitet, dass es seine Unterscheidungskraft verliert. Sobald jeder „ich auch“ sagt und z. B. traumatische Erinnerungen und Symptome bei sich aufspürt, verliert eine Diagnose ihre Exklusivität, wird normal und entbehrt damit ihre Existenzberechtigung, weil sie ihre Differenzierungsqualität einbüßt.

Interessant finde ich Frau A.s Querverweis auf die Diskussionen um Kindesmissbrauch, die viele Parallelen mit den Traumatisierungsdiskursen aufweisen und sich in der Figur der „Multiplen Persönlichkeit“ bzw. deren Weiterentwicklung zur Diagnose der „Dissoziativen Identitätsstörung (DIS)“ miteinander verbanden. An dieser Störung erarbeitete Ian Hacking sein Konzept der Gedächtnispolitiken als neuer Spielart der Macht, die nicht mehr Bevölkerungen und individuelle Körper reguliert, sondern seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert zunehmend auch die „Seele“ oder das „Selbst“ über die Erinnerungen. Der Diskurs um Kindesmissbrauch war dabei ein Transportmittel, um Erinnerung zu thematisieren und als identitätsdeterminierend zu etablieren (Hacking 2001).

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Die Entstehungsgeschichte der Multiplen Persönlichkeit in Abhängigkeit von der zunehmenden öffentlichen Thematisierung von sexuellem Missbrauch im Kindesalter ähnelt in Vielem den Entwicklungen der Posttraumatischen Belastungsstörung. Zum einen begann die Beschäftigung mit der Multiplen Persönlichkeit in einem europäischen bürgerlichen Umfeld, wurde jedoch verworfen, um dann in den 1960er Jahren in den USA wieder aufgenommen zu werden und mithilfe von Lobbyorganisationen eine breite Öffentlichkeit zu gewinnen. Zum anderen stieg die Zahl der Patientinnen und Patienten sowie Therapeutinnen und Therapeuten mit der Popularität der Diagnose der Multiplen Persönlichkeit – und später der Dissoziativen Persönlichkeitsstörung – und verband sich mit bestimmten Personen (Patientinnen und Patienten sowie Therapeutinnen und Therapeuten), die die Diskussion bestimmten.

Ähnliche Entwicklungen lassen sich auch für die Posttraumatische Belastungsstörung beschreiben: Sowohl missbrauchte Kinder als auch Überlebende von Katastrophen und Gewalt sind schuldlose Opfer. In ihrer Opfereigenschaft haben sie ein hohes moralisches Aktivierungspotential. Die Betroffenen erfahren fast uneingeschränkte Unterstützung und Zweiflerinnen und Zweifler werden verurteilt. Als Ausgangspunkt für eine psychologische Diagnosekategorie sind moralische Urteile jedoch nicht geeignet. Gerald M. Rosen und Scott O. Lilienfeld leiten ihren kritischen Artikel zur Posttraumatischen Belastungsstörung mit einem Zitat folgendermaßen ein:

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Since its [PTSD, A. W.] introduction into DSM-III in 1980, no other DSM diagnosis, with exception of Dissociative Identity Disorder (a related disorder), has generated so much controversy in the field as to the boundaries of the disorder, diagnostic criteria, central assumptions, clinical utility, and prevalence in various populations (Rosen/Lilienfeld 2008: 838).

Dies ist ein Zitat der Professoren Robert L. Spitzer, Michael B. First und Jerome C. Wakefield. Robert L. Spitzer war sowohl an der Erstellung des DSM-III als auch des DSM-IV federführend beteiligt. Deren Beschreibung der Diagnosekategorie „Posttraumatische Belastungsstörung“ und implizit auch der „Dissoziativen Identitätsstörung“ unterstreicht die Schwammigkeit des Konzepts und dass dies auch innerhalb der klinischen Forschung als Problem wahrgenommen wurde.

Aber das ändert nichts daran, dass die Diagnosekategorien im Alltag angewandt wurden und in den Diskussionen um Traumatisierte normierende Paradigmen entstanden, die den Gedächtnispolitiken (Hacking 1996) zuzurechnen sind, wie das Nicht-Reden-Können über Kriegserinnerungen, das Reden-Müssen in den Gruppen, die Notwendigkeit von Medikamenten oder stationärer Behandlungen für „schwere Fälle“. Das Erzählen von Erinnerungen war jedoch für beide, Flüchtlinge und Behandelnde, wichtig. In den Therapiegruppen wurden die Kriegserinnerungen wiederholt evoziert, sodass sie zur Gruppeneigenschaft wurden und die Mitglieder sich über ihre Erinnerung an den Krieg in den Gruppen verorteten und ihnen diese Verortung Beruhigung verschaffte über die Einsicht bei allem Leid, Glück im Unglück gehabt zu haben. Bei den Therapeutinnen und Therapeuten war es die Erinnerung an die Erzählungen und Verhaltensweisen ihrer Eltern, älterer Verwandter, Freunde und Kolleginnen und Kollegen, die den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit erlebt hatten, die wiederholt evoziert wurde. Diese motivierte sie in Form historischer Schuld zur Flüchtlingsarbeit und half damit, ihr schlechtes Wohlstandsgewissen zu bekämpfen und sich als reflektierter Mensch von anderen „hartherzigen“ abzuheben. Damit bin ich bereits mitten im Feld der vielfältigen Interaktionen zwischen den verschiedenen Akteuren. Im Folgenden geht es mir nun also um weitere Interaktionen.

4.3 Interaktionen zwischen Therapeutinnen und Therapeuten, der Diagnose und den Flüchtlingen

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Für die Behandelnden war die Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung als Handwerkszeug neu. Durch ihre Vagheit war sie zwar als boundary object (Star/Griesemer 1989) besonders geeignet, doch diese stellt auch besondere Anforderungen an den Arbeitsalltag. Hier waren diffuse Konzepte eher hinderlich, deshalb mussten sich die Psy-Vertreterinnen und -Vertreter sowohl situativ anpassen als sich auch darüber verständigen, was „Posttraumatische Belastungsstörung“ bedeuten sollte. Neben den Interaktionen mit dieser Diagnose gab es auch vielfältige Annäherungen an die Flüchtlinge. Vor allem im Bereich der Therapietechniken passten sich die Behandelnden an die Bedürfnisse der Bosnierinnen und Bosnier an. Auf die Verlagerung von Gesprächen zu „Übungen“ bin ich bereits eingegangen und habe Sprachprobleme und das körperliche Gedächtnis als Ursachen für Verschiebungen lokalisiert. Daneben existierte die aktive Vermeidung der Patientinnen und Patienten, auf die die Therapierenden reagieren mussten. Und sie taten dies mit Gruppentherapien. So konnten die Therapien in Bezug auf die Symptome sogar wirkungslos sein, aber sie befriedigten den Kommunikationsbedarf der Flüchtlinge und wirkten der sozialen Isolation entgegen.

4.3.1 Therapeutinnen und Therapeuten und die Diagnose

Im Rahmen der Stellungnahmen, die die Vertreterinnen und Vertreter der Psy-Professionen für die Flüchtlinge schrieben, mussten sie sich mit der Diagnostik der neuen Störungskategorie auseinandersetzen. „Es gibt diese Posttraumatische Belastungsstörung, was sind klassische Symptome, was sind nicht klassische Symptome, treten die wirklich auf. Als ich am Anfang die Stellungnahmen gemacht habe, war ich tatsächlich verblüfft, dass es wirklich so ist“, beschrieb Frau A. diesen Lernprozess. Die Diagnosekategorie funktionierte in der Praxis entgegen ihren Erwartungen. Das „verblüffte“ Frau A. Sie hatte sich zwar schon früher mit transgenerationaler Traumatisierung bei Holocaustüberlebenden beschäftigt, hat aber bis dahin nicht mit konkret betroffenen Menschen gearbeitet, sondern las Studien und Literatur über die zweite und dritte Generation jüdischer Überlebender.

Mit den gerichteten diagnostischen Fragen wurde auch die Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung mit ziemlicher Sicherheit gestellt, denn das traumatische Erlebnis war nahezu die einzige Hürde, die genommen werden muss. Die Symptome sind derart diffus, dass sie im Grunde immer vorhanden sind, was auch den Psy-Vertreterinnen und -Vertretern klar wurde. So war Frau A. über das Vorhandensein der „klassischen Symptome“ zunächst „verblüfft“, beschrieb dann aber die Diagnosekategorie später als „butterweich“. Auch Frau R., die ich auf S. 124124 zitierte, sprach von einem „Gummikonzept“. Eine ähnliche Beobachtung machte auch Alan Young. Laut Bowker und Star stellte er für die Psy-Expertinnen und -Experten in der von ihm beschriebenen Veteranenklinik fest, dass sie auf der einen Seite mit der offiziellen Diagnosekategorie argumentierten und sie im Dialog zwischen Psy-Vertreterinnen und -Vertretern verwendeten, sie aber auf der anderen Seite nicht an sie glaubten und an ihrer wirklichen Existenz zweifelten (Bowker/Star 2002: 4). Auch die Berliner Therapierenden setzten die Diagnose in ihren Argumentationen für ein Aufenthaltsrecht für die Flüchtlinge ein, glaubten aber nicht daran, dass sie in der Form ihrer Definition existierte.

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Weil die Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung ein „Gummikonzept“ war, hing ihre Vergabe vom Standpunkt der Begutachtenden ab. Das ist, wie das Eingangszitat dieses Kapitels verdeutlicht, eine alte Einsicht und trifft vielleicht auf Begutachtungen generell, aber auf die traumatische Neurose – die spätere Posttraumatische Belastungsstörung – im Besonderen zu. Für das Einfordern eines Aufenthaltsstatus für die Flüchtlinge war ein schwammiges Konzept praktisch, denn es fielen viele Bosnierinnen und Bosnier in die Diagnosekategorie, doch im eigenen Fach stellte es ein Problem dar und schaffte Raum für Streit um die richtige Diagnostik. Ein Beispiel verdeutlicht dies: In Ottomeyer und Renner (2006) findet sich in einem Beitrag mit der Überschrift „Gutachtenverwahrlosung in österreichischen Asylverfahren“ eine Re-Interpretation eines Begutachtungsgesprächs. Hier wurde ein Negativ-Gutachten auf Hinweise für das Vorhandensein einer Posttraumatischen Belastungsstörung untersucht. Es überrascht nicht, dass vielfältige Anhaltspunkte gefunden wurden, die nahe legten, dass entgegen der Schlussfolgerung im Gutachten eine Posttraumatische Belastungsstörung vorlag. Diagnostizierende mussten nur wissen, wonach sie suchten. Wenn sie davon überzeugt waren, dass eine bestimmte Diagnose gestellt werden konnte, fanden sich auch immer genügend Anhaltspunkte dafür. Aber das Gegenteil konnte genauso zutreffen, sodass genauso jederzeit das Vorliegen einer Posttraumatischen Belastungsstörung durch konkretes Nachfragen auch verneint werden konnte. Je genauer gefragt wurde, desto eher schienen die Symptome nicht diagnostisch relevant zu sein. Die Klassifikationssysteme ICD und DSM konnten politische Standpunkte weder homogenisieren noch ausblenden und auch die Diagnostik nicht vereinheitlichen.

Auch am Berliner Forschungskolloquium für PTSD des BZFO wurde diskutiert, was Flashbacks sind. Das „schillerndste“ Symptom der Posttraumatischen Belastungsstörung war nicht so leicht zu diagnostizieren.183 War das Gefühl am Morgen beim Aufwachen nach einem schlechten Traum, in dem ein Bosnier sich auf der Flucht wähnte, ein Flashback, weil er längere Zeit benötigte, um zu begreifen, dass er in Berlin ist und in Sicherheit, sich aber in der Aufwachphase noch gedanklich und emotional in Bosnien während des Krieges befand?184 Wie real musste das Gefühl sein, sich in eine Situation zurückversetzt zu fühlen? Wer bewertet die Realität eines Gefühls? War es nicht eher ein schlechter Traum (der ebenfalls ein Symptom wäre) und kein Flashback?

Wenn dieser Bosnier durch den Anblick eines Polizisten auf der Straße an Milizionäre erinnert wurde, die einen seiner Freunde vor seinen Augen misshandelt haben und er diese Szenen „wie damals geschehen“ vor sich sah, und ihm kalter Schauer den Rücken runter lief und er Angst bekam – war das ein Flashback oder eine körperliche Reaktion auf einen Auslöser, der an die traumatische Situation erinnerte? Gehörte diese Situation zur Symptomgruppe B oder D oder zu beiden? Wie real musste eine Erinnerung sein, um als Flashback zu gelten und nicht mehr als sich aufdrängende Gedanken? Wer konnte dies eindeutig bewerten? Diese Praxisfragen der Diagnostik wurden selten in Forschungskreisen diskutiert. Sie tauchten auf, wenn es um sogenannte „interrater trainings“ ging, die Angleichung der Bewertungen von verschiedenen Diagnostizierenden in klinischen Studien. Doch in der Praxis blieb es ein „Gummikonzept“.

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Die Berliner Therapeutinnen und Therapeuten in den Behandlungszentren, Vereinen und die Niedergelassenen waren in ihrem Selbstverständnis als Menschenrechtsaktivistinnen und -aktivisten den Flüchtlingen wohlwollend gesinnt und haben sich nicht an deren unzusammenhängenden Schilderungen gestört. Im Gegenteil, sie galten und gelten als Zeichen für die Glaubhaftigkeit der Aussagen (Birck 2002: 140). Zusammenhängende Erzählungen erzeugten die Attestierenden in ihren Stellungnahmen, der Fokus lag auf einer nachvollziehbaren Fluchtgeschichte. Diese wurde zum einen für die Flüchtlinge geordnet, vor allem aber für die kritische Ausländerbehörde, auch wenn dies laut Frau P. oftmals „an jeder therapeutischen Notwendigkeit vorbei“ gewesen sei. Die Diagnostik hingegen wurde selten vollständig auf Symptomebene mit Fragebögen oder anhand der Symptomlisten aus dem DSM oder dem ICD vorgenommen. Die „künstlichen“ diagnostischen Gespräche anhand von Fragebögen entsprachen nicht dem Gesprächsbedarf der Flüchtlinge. Ihre alltagssprachlichen Problematisierungen des Leidens mussten in Symptome übersetzt werden und das war, wie das Flashback-Beispiel zeigte, auch für die Psy-Vertreterinnen und -Vertreter nicht einfach. Ohnehin waren es nicht die Symptome, sondern die Fluchtgeschichten, die genau schriftlich fixiert wurden und werden mussten, denn die Symptomatik konnte sich ändern, die Fluchtgeschichten nicht.

Wenn überhaupt ein Fragebogen in der Diagnostik eingesetzt wurde, dann die Impact of Event Scale IES (Horowitz et al. 1979) oder die Impact of Event Scale Revised IES-R (Maercker/Schützwohl 1998).187 Das war ein Selbsteinschätzungsfragebogen, der 22 Fragen enthielt, die den drei Symptomkategorien der Posttraumatischen Belastungsstörung zugeordnet waren. Einige Fragen waren umständlich formuliert, z. B. „Ich merkte zwar, daß meine Gefühle durch das Ereignis noch sehr aufgewühlt waren, aber ich beschäftigte mich nicht mit Ihnen“ oder „Die Gefühle, die das Ereignis in mir auslöste, waren ein bisschen wie abgestumpft“ (Maercker/Schützwohl 1998), sodass die Ausfüllenden oft nicht wussten, wonach genau gefragt wurde. Wie „beschäftigte“ man sich nicht mit aufgewühlten Gefühlen und wie fühlten sich abgestumpfte Gefühle an?

Die Bewertungsskalen reichten von „überhaupt nicht“ bis „oft“ (IES) oder „sehr oft“ (IES-R). Im Gegensatz zu anderen psychologischen Fragebögen gab es keine Fragen, mit denen überprüft werden konnte, ob die Fragen überhaupt gelesen wurden, oder ob nur einfach überall „(sehr) oft“ angekreuzt wurde, das heißt alle Kreuze ganz rechts gesetzt wurden. Eine Überprüfung übertreibenden Antwortverhaltens wurde nicht für nötig gehalten. Für die IES-R existierte eine Regressionsgleichung, die an ehemals in der DDR-Inhaftierten entwickelt wurde, nach der die Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung vergeben werden konnte (Maercker/Schützwohl 1998). Aber ohne eine solche Gleichung für bosnische Flüchtlinge sagten die Werte nichts über das Erfüllen der Diagnosekategorie aus und gaben nur Hinweise zur Symptomschwere. Trotzdem wurden die Fragebögen im Südost eingesetzt (Funke/Rhotert 1999: 281) und auch im BZFO (Birck et al. 2002: 228 f.)188 und Daten über die Bosnierinnen und Bosnier produziert.

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Es wurde eine Vielzahl von Prävalenz- und Therapiestudien mit bosnischen Flüchtlingen durchgeführt, interessanterweise vor allem in Kroatien und Bosnien, seltener in den westlichen Exilländern, in denen sie vor allem als Fallbeispiele auftauchen (Maercker 1997: 58 ein Fallbeispiel aus dem BZFO). Bosnische Flüchtlinge waren eine aktuelle europäische Hauptforschungsgruppe zur Posttraumatischen Belastungsstörung, die homogener war als zum Beispiel eine Gruppe von Unfall- oder Kriminalitätsopfern. Der Zugang zu Flüchtlingscamps oder zu Behandlungszentren war leichter als über die Opferhilfe oder Krankenhäuser zu anderen Gruppen potenziell Traumatisierter. Zudem waren bosnische bzw. Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien eine sehr große Gruppe innerhalb Europas, USA, zum Teil auch in Australien, deren Erlebnisse als vergleichbar galten. Das waren beste Voraussetzungen für Forschungen, die dazu beitrugen, die öffentliche Wahrnehmung von Bosnierinnen und Bosniern als Traumatisierte zu bestärken.

Wenn es in den Forschungen um bosnische Flüchtlinge im Exil als Gruppe ging, wurde die Prävalenz der Posttraumatischen Belastungsstörung untersucht, sehr selten jedoch die Effektivität einer Therapie.191 Die Prävalenzrate konnte in den Argumentationen gegenüber der Verwaltung genutzt werden, um Traumatisiertenzahlen zu schätzen. Zum Therapieerfolg bei bosnischen Flüchtlingen schwieg der Psy-Diskurs weitestgehend. Doch trotz fehlender Daten wurde die Notwendigkeit einer Therapie mit einem längerfristigen Therapieplan verteidigt und nicht infrage gestellt. Nach Auffassung einiger Behandelnder unterstützte der Verwaltungsdruck die Krankheitseinsicht bei den Flüchtlingen. In eine Psychotherapie wären Bosnierinnen und Bosnier aber ohne den aufenthaltsrechtlichen Zwang nicht gegangen. Sie hätten weiterhin Tabletten gegen ihre Symptome genommen.

4.3.2 Therapeutinnen und Therapeuten und Flüchtlinge

Zwischen den Therapierenden und den bosnischen Flüchtlingen gab es Interaktionen, die ich im Folgenden in vier Abschnitten darstelle. Im ersten Abschnitt geht es mir um die Spannungen zwischen Behandelnden und ihren neuen Patientinnen und Patienten, denn die Bosnierinnen und Bosnier waren nicht mit den alltäglichen Klientinnen und Klienten einer psychotherapeutischen Praxis zu vergleichen. Ihnen waren Psychotherapien unbekannt, deshalb mussten Wege gefunden werden, um trotzdem therapeutisch arbeiten zu können. In der Hauptsache fand diese therapeutische Arbeit in Gruppen statt, mit denen ich mich im zweiten Abschnitt befasse. Sie stellen in meinen Augen eine Anpassung der Psy-Vertreterinnen und -Vertreter an die Bedürfnisse der Bosnierinnen und Bosnier dar. Doch auf Symptomebene halfen die therapeutischen Interventionen nicht und schafften damit Misstrauensmomente und Frustrationen in der Arbeit mit Traumatisierten. Diesen Sachverhalt werde ich im dritten Abschnitt schildern. Im letzten Abschnitt verdeutliche ich, dass es auch alternative Bearbeitungsformen der Leidenserfahrungen gab, dass die psychotherapeutischen Angebote nicht die einzigen waren und dass erneut das Tätigsein eine wichtige Rolle in der Trauerarbeit spielte.

4.3.2.1 Psychotherapeutische Arbeit mit bosnischen Flüchtlingen

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Mit der Erweiterung der Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung um das offene und umweltbezogene Konzept der sequentiellen Traumatisierung Keilsons (1979/2003) übernahmen die Therapeutinnen und Therapeuten Argumentationsmuster der Flüchtlinge, die ihre Lebensbedingungen ständig bemängelten. Sie wurden zwar in der Diagnostik nicht berücksichtigt, waren aber das zentrale Thema der dritten traumatischen Sequenz. Ihr zufolge machten auch die Lebensbedingungen krank, wie die Flüchtlinge es empfanden. Aus Sicht der Psychotherapeutinnen und -therapeuten behinderten und verzögerten Arbeitsverbot, Heimunterbringung und der unsichere Aufenthaltsstatus die Genesung und minderten den Erfolg der Therapien. Weil diese Auffassung weitestgehend auf Verständnis stieß, gab es ruhigere und besser ausgestattete Wohnheime für Traumatisierte und später auch eine Arbeitserlaubnis für Härtefälle. Doch hauptsächlich ging es um die Verlängerung des Aufenthalts und die empfundene Bedrohung einer Abschiebung, die die Psy-Vertreterinnen und -Vertreter ein Bleiberecht für Traumatisierte fordern ließ. Ihrer Argumentation nach konnte das Trauma nur an einem sicheren Ort, in einer sicheren Umgebung bearbeitet werden. Auch hier passten sich die Therapeutinnen und Therapeuten dem Krankheitsverständnis ihrer Klientinnen und Klienten an, für die klar war, dass sie in Berlin bleiben wollten. Genauso hätte sie aber auch eine Traumatherapie theoretisch zur Rückkehr befähigen können. Diese Argumentationslinie wurde von den Verwaltungen verfolgt. Der Gesetzgeber sah keine Zuwanderung vor, also geschah die Aufnahme von Flüchtlingen auf Zeit. Wenn traumatisierte Flüchtlinge einen sicheren Ort zur Aufarbeitung ihrer Erlebnisse brauchten, dann hatten sie einen solchen in Deutschland; dies galt allerdings nur solange, bis es ihnen besser ging und sie wieder ausreisen konnten.

Argumentativ war das eine Sackgasse, denn eine Genesung würde für die Flüchtlinge die Aufforderung zur Rückkehr nach sich ziehen. Doch viele Bosnierinnen und Bosnier schlossen für sich zu diesem Zeitpunkt noch eine Rückkehr wegen Bedenken um ihre Sicherheit und materielle Existenz aus. Somit hatten sie keinen Anreiz, sich um ihre Genesung zu bemühen, oder konnten aus Angst vor einer Abschiebung nicht gesund werden. Ob den bosnischen Flüchtlingen absichtliche Krankheit oder verwehrte Genesung zugeschrieben wurde, war vom Standpunkt der jeweiligen Akteure, d. h. die Berliner Senatsverwaltung für Inneres und die ihr unterstehende Ausländerbehörde oder Psy-Vertreterinnen und -Vertreter, abhängig. Deshalb gewann die Psychotherapie für die Verlängerung des Aufenthalts an Bedeutung, denn nicht die Diagnose machte den Aufenthalt notwendig, sondern die Behandlung. Diese Verknüpfung sicherte die andauernde Nachfrage nach Psychotherapie, obwohl es keine Nachweise für ihre Wirksamkeit bei den bosnischen Kriegsflüchtlingen gab. So wurde eine Therapiebedürftigkeit bei vielen Flüchtlingen erzeugt, denn ihre Motivation war oft der Erhalt einer Stellungnahme, die es ihnen ermöglichte, ihre Duldung zu verlängern.

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Therapie wurde auch schon nachgefragt, aber nicht so, nicht so stark. Das hat sich dann später etwas geändert. Am Anfang also waren so, sagen wir mal, so ein Drittel Therapieanfragen und zwei Drittel nach solchen Stellungnahmen, die belegen sollen, dass jemand also im Krieg traumatisiert wurde. (Herr W.)

Auch wenn Herr W. im weiteren Gespräch explizit erklärte, dass er den Flüchtlingen, die er begutachtete, die Notwendigkeit einer Therapie nicht näher brachte, so sind viele nach einer ersten Begutachtung auch in eine Therapie gegangen, weil diese ihnen weitere Stellungnahmen sicherte und auch die Schwere der Erkrankung durch die Notwendigkeit der Behandlung bestätigte. Streng genommen, ist es ein Widerspruch, wenn Herr W. berichtete, dass am Anfang auch Stellungnahmen ohne Behandlung angeboten wurden. Denn ohne eine notwendige psychotherapeutische Versorgung war auch die Argumentation für eine Aufenthaltsverlängerung aufgrund fehlender Therapieangebote in Bosnien hinfällig. Obwohl immer von „traumatisierten Bosnierinnen und Bosnier“ die Rede war, ging es nicht darum, nur die Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung zu erhalten, sondern um den Besuch einer Psychotherapie oder den offiziell bestätigten Wunsch, eine Therapie in Anspruch zu nehmen, dem aufgrund fehlender Therapieplätze nicht entsprochen werden konnte.

Erst nach Einführung der Kammerlisten 2002 genügte für den Erhalt einer Aufenthaltsbefugnis ein Gutachten von Spezialistinnen und Spezialisten, die auf einer Kammerliste standen, wenn Flüchtlinge zuvor nur in psychiatrischer und nicht psychotherapeutischer Behandlung waren.

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Ab dem Zeitpunkt [2002, A. W.] haben wir auch zum Teil lediglich Stellungnahmen geschrieben, also ohne danach weiter eine Therapie zu machen, wiederum in der Hoffnung, dass jemand. Die meisten waren psychiatrisch behandelt durch Medikamente, das ist zwar nicht das, was wir uns als traumhaft vorstellten, aber das ist zumindest eine Form von Behandlung. Und in der Hoffnung, dass wenn sich tatsächlich die Aufenthaltssituation stabilisiert auch ein Stück weit der psychische Druck wieder zurückläuft und dann vielleicht die therapeutische Hilfe gar nicht nötig ist. (Herr K.)

Die Aufnahmesituation und die Unsicherheit wurden als psychischer Destabilisierungsfaktor angesprochen. Dabei folgte Herr K. mit seiner Argumentation der Logik, die das Handeln der Therapeutinnen und Therapeuten motivierte: Sicherheit macht gesund, Unsicherheit krank. Diese These hätte aber vor der abschließenden Aufenthaltsregelung gegenüber der Senatsverwaltung für Inneres oder der Ausländerbehörde nie eingesetzt werden können und dürfen. Denn dann hätten die Rückführungsmaßnahmen sogar als gesundheitsfördernd dargestellt werden können: Mit einer Rückkehr wären sowohl Aufnahmesituation als auch Unsicherheit beendet.

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Solange es keinen Aufenthaltstitel gab, benötigten die Flüchtlinge auf der einen Seite Atteste und Therapien; auf der anderen Seite trauten sich die Therapierenden aber auch nicht, mit ihnen traumafokussiert zu arbeiten, da sie befürchteten, die Flüchtlinge dadurch zu destabilisieren (vgl. Tumani 2002: 217). Hinzu kam, dass sich die Bosnierinnen und Bosnier der klassischen therapeutischen (Erinnerungs-)Arbeit entzogen, denn sie gingen nicht vorrangig in die Einzeltherapien, um ihre Gedanken und Gefühle während Vertreibung, Flucht, Misshandlungen und Erniedrigungen zu schildern und zu verarbeiten.

Natürlich nicht. Also das sind auch eben Leute, die noch nie Kontakt mit Psychologen hatten, früher. Vielleicht jetzt innerhalb vom Aufenthalt hier irgendwie mal wieder in unterschiedlichen Beratungsstellen. Aber also am Anfang waren es Leute, die nicht wussten, was Psychotherapie ist. Und es ist eigentlich schon oft so, dass sie keine Erfahrung, Psychotherapieerfahrung davor hatten und dementsprechend auch nicht wissen was. Also da ist schon oft die Erwartung, natürlich dass alles in meinen Händen liegt, also dass es so, eben nicht so eine Arbeit an sich erfordert. (Frau G.)

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Der psychotherapeutischen Arbeit wichen die Flüchtlinge größtenteils aus, was auch die Behandelnden bemerkten. Sie schrieben es der Unerfahrenheit und Belastung oder wie im obigen Zitat erwähnt, der therapeutischen „Arbeit“ zu. Trotzdem gingen die Bosnierinnen und Bosnier immer wieder zu den Therapierenden. Sie wollten zwar reden, eine Anerkennung ihres Leids, eine Erleichterung dadurch, dass sie sich jemandem mitteilten, der Verständnis hatte und unterstützen konnte. Deshalb kamen die Bosnierinnen und Bosnier immer wieder zu Frau P. in die Beratung (vgl. S. 150150) oder gingen zum Südost e. V. in die Selbsthilfegruppe. Herr Džaferović beschrieb das Reden in diesen Gruppen als „erinnern, was war“ sozusagen als Denkmal, damit es sich nicht wiederhole (S. 93). Damit sprach er die wichtigste Dimension der politischen Arbeit südamerikanischer Gruppen von Hinterbliebenen sogenannter „Verschwundener“ an. Doch psychotherapeutisches Erinnern ist keine politische Anklage, denn es will die Erinnerung der Betroffenen konditionieren, Angst und Aufregung sollen so genommen werden. Dieser Widerspruch wurde auch in der Flüchtlingsarbeit thematisiert (Becker 2003; Jovanović 2002/2003; BAFF 2006). Das aus dieser Einsicht resultierende Unbehagen dürfte unter anderem eine Ursache für die Anpassung von Therapien und Therapierenden an die Patientinnen und Patienten sein.

Eine sonderbare Situation also: Die Therapien wirkten nicht, aber sie halfen trotzdem. Die Beschwerden wurden nicht reduziert, im besten Fall lernten die Flüchtlinge Techniken des Selbstmanagements, um sich mit den Beschwerden zu arrangieren, aber sie halfen, den Aufenthalt zu verlängern und später zu erhalten. Argumentativ wurden die Ursachen für ineffektive Therapien bei den Patientinnen und Patienten gesucht. Die Flüchtlinge waren (in der Regel) ohne ein Vorwissen in die Therapien gegangen. Für sie waren es am Anfang einfach „Gespräche“. Die Behandelnden wussten um diese Besonderheit ihrer neuen Zielgruppe, die sie von Patientinnen und Patienten unterschied, die bewusst Psychotherapien nachfragten. So sprach Frau P. von „bosnischen Bauern“, die wenig Reflexionsvermögen hätten; Herr Dr. B. meinte, seine muslimischen Patientinnen und Patienten hätten „archaische Vorstellungen“. Frau G. sah ebenfalls Unterschiede zwischen ihren deutschen und bosnischen Patientinnen und Patienten, die sie am unterschiedlichen Wissen über Psychotherapien festmachte, da es Psychotherapien im ehemaligen Jugoslawien nicht in der Form gab wie in Deutschland. Darauf bezog sich auch Herr W. während des Gesprächs. Eingeschränkte Psychotherapieeignung der Flüchtlinge war ein Allgemeinplatz unter Psy-Vertreterinnen und -Vertretern (vgl. Sharratt/Kaschak 1999: 114). So wurde die Auswahl für eine Psychodramagruppe mit verschiedenen Nationalitäten am BZFO folgendermaßen beschrieben:

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Um diese interkulturelle Therapiegruppe zu ermöglichen, war es wichtig, dass alle Gruppenteilnehmer über ausreichende Deutschkenntnisse verfügten, um von Dolmetschern unabhängig kommunizieren zu können. Von den Teilnehmern wurde zudem eine gewisse therapeutische Vorerfahrung bzw. eine erste Vorstellung dessen erwartet, was sich mit Therapie verbindet (Merkord 2002: 150).

Die fehlenden Deutschkenntnisse wurden in anderen Kontexten durch sprachlich homogene Gruppen, Dolmetschende oder Serbokroatischkenntnisse der anleitenden Psychologinnen, Psychologen, Ärztinnen und Ärzte ausgeglichen. Das fehlende Wissen über den Ablauf einer Psychotherapie blieb jedoch eine Herausforderung für die behandelnden Therapeutinnen und Therapeuten.

Sie glichen sich deshalb ein Stück weit den Erwartungen der Flüchtlinge an. Das, was die Flüchtlinge als Gespräch und Treffen mit anderen in den Gruppen verstanden, bezeichneten die Therapeutinnen und Therapeuten als Psychotherapie, machten in den Gesprächen mit mir aber auch klar, dass es nicht die klassischen Techniken seien, die sie in ihren Ausbildungen erlernt haben, weil das mit den Flüchtlingen nicht funktionierte:

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Ich sammele ein bisschen Themen und dann manchmal nehme ich Papier und erkläre ihnen das auf dem Papier, was das ist, was gerade läuft und was das für ein Thema ist. Und dann, wir machen dann also Körperübungen, also die Übungen, die aus der Gestalttherapie und dann auch aus der Traumaarbeit sehr berühmt sind, mit sicherem Ort, mit Entspannung, mit Lichtausstrahlung oder Tiefatmung oder Phantasiereisen, also das machen wir auch in den Gruppen, weil ich denke, das hilft den Frauen. Und das ist schon ein bisschen so wie ein kleiner Notfallkoffer. Ich nenne das einen Psychokoffer. […] Und das habe ich auch dann mit den Frauen geübt und alles was ich nun, also EMDR natürlich, alles was ich da in meiner Ausbildung bis jetzt so gefunden habe, versuche ich anzuwenden. Aber ich kombiniere die Sachen. Ich arbeite nicht rein so oder rein so. Das ist nicht möglich. (Frau E.)

Die Kombination von verschiedenen Ansätzen schien den Erwartungen der Bosnierinnen und Bosniern am ehesten zu entsprechen und zu helfen. Traumafokussierte Gruppentherapien wie im BZFO waren weniger erfolgreich, denn ihre Mitglieder wechselten oft in eine Einzeltherapie oder medikamentöse Behandlungen, in denen es nicht mehr um das Trauma ging, wie beispielsweise im Fall von Herrn Šeferović. Dieser Entzug wurde auch in einem Artikel über eine interkulturelle Ambulanz geschildert, hier allerdings mit der Begründung des unsicheren Aufenthaltsstatus (Tumani 2002: 217). Es ergab sich das Paradox, dass Flüchtlinge in Therapie gehen mussten, um einen Aufenthaltstitel zu erhalten, aber keine traumafokussierte Psychotherapie mit ihnen begonnen wurde, solange sie keinen sicheren Aufenthaltsstatus hatten, weil ihre mögliche Destabilisierung infolge der Behandlung durch die Therapeutinnen und Therapeuten als zu riskant eingeschätzt wurde. Andererseits brachen Flüchtlinge traumafokussierte Therapien oft ab, wenn sie gedrängt wurden, über ihre Erlebnisse zu berichten. Gelang es den Flüchtlingen, einen Aufenthaltstitel zu erhalten, existierten Bewältigungsalternativen wie Arbeit oder der Besuch von Familienangehörigen; vor allem fehlte jedoch der größte Belastungsfaktor: der Ausreisezwang, sodass Psychotherapien überflüssig wurden, zumindest bis zur nächsten Krise.

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Im obigen Zitat beschrieb Frau E. einen Weg für Psychoedukation, dem Vermitteln von Wissen über eine psychische Erkrankung an die Betroffenen (und ihre Angehörigen), ohne das Erlebte ständig zu thematisieren. Sie ermutigt die Frauen in der Gruppe, sich selbst zu helfen. An Beispielen, die sie „gesammelte Themen“ nannte, erläuterte sie mögliche Bewältigungsformen für den Alltag der Frauen. So wurde es zum Beispiel von Frau Nuhanović gar nicht mehr als Psychotherapie wahrgenommen (S. 9191), kam aber mit den konkreten Handlungsanweisungen, die sie den Frauen auf den Weg gab, Techniken des Selbst(-managements) (Foucault 1984, Rose 1998) am nächsten.

4.3.2.2 Gruppenarbeit

Wie beschriebenen, waren die Erwartungen der Flüchtlinge an medizinische und psychologische Hilfe zum einen, dass sie Medikamente erhalten und zum anderen, Gespräche, die nicht anstrengten und in denen ihre Themen, d. h. Dinge, die sie bewegten und beschäftigten, im Zentrum standen. Es gab eine Vielzahl von Therapiegruppen, die diesen Erwartungen der Bosnierinnen und Bosnier entsprachen und mit den eingeschränkten Kapazitäten der Behandelnden erklärt wurden.

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Und dann haben wir die erste Frauengruppe gemacht. Und haben dann auch andere Therapieangebote, sagen wir mal jetzt so begleitende Therapieangebote eingeführt, wie eine Entspannungsgruppe, eine musische Entspannungsgruppe, die mit Bosniern gearbeitet hat. […] Also wir hatten schon den Ansatz, dass Einzeltherapie das ist, was uns insbesondere ausmacht, und was wir auch anbieten sollten. Und dann ist man halt beschränkt von seinen Möglichkeiten und Kapazitäten. Und darum ging’s dann letzten Endes, dass wir die Kapazität erweitern. (Herr K.)

Gruppen wurden also als Antwort auf die massive Nachfrage gegründet und die behandelnden Therapeutinnen und Therapeuten verabschiedeten sich vom Konzept einer individuellen, gesprächsbasierten Psychotherapie. Es wurden andere nicht psychotherapeutische Gruppensitzungen angeboten, zum Beispiel Entspannungs-, Tanz- und Singgruppen. Vor allem für Flüchtlinge waren Gruppen aus Kapazitätsgründen nötig und mit ihnen überhaupt möglich, denn ihre Erfahrungen waren für gemeinsame Therapiesitzungen ähnlich genug. Sie wurden durch die Gruppentherapien, in denen sich gemeinsame Narrative herausbildeten, in die die individuellen Erlebnisse einflossen, weiterhin homogenisiert. Gleichzeitig waren die Gruppen sehr groß, obwohl es Möglichkeiten zur Verkleinerung und intensiverer Arbeit gab.

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Und plötzlich hatte ich wieder zwei Gruppen mit je 25 Frauen, eine kleine Gruppe mit zehn und die vierte Gruppe hat sich aufgelöst. Und ich hab dann gesagt, hört mal zu, ihr wolltet doch kleine Gruppen? Ja. Und ihr sitzt wieder alle in großen Gruppen. Ja, aber wir kennen uns alle und das ist gemütlich und in der kleinen Gruppe, das ist irgendwie so, da haben wir Angst. Also die haben wirklich diesen, diese Ansammlung von Freundinnen gebraucht, um sich wohl und sicher zu fühlen. Dann habe ich es akzeptiert. (Frau P.)

Es war nicht nur der große Bedarf, weswegen die Arbeit in Gruppen forciert wurde, sondern auch der Widerstand der Bosnierinnen und Bosnier, die sich in einer (größeren) Gruppe besser aufgehoben fühlten. Deshalb waren die meisten meiner Gesprächspartnerinnen und -partner in Gruppentherapien. Unter ihnen war keine bzw. keiner, die oder der eine andere Therapieform bevorzugt hätte. Es gab einige, die eine Gruppentherapie ausprobierten und dann in eine Einzeltherapie wechselten. Aber auch der umgekehrte Weg war möglich. So war Frau Avdagić erst in einer Einzeltherapie, fand dann aber die Gruppe besser, weil diese ihr mehr entsprach. Eine Gruppentherapie wurde auch von Herrn Galić präferiert, weil er sonst vereinsamen würde. Das unterstreicht das Interesse an Treffen mit anderen Flüchtlingen, nicht aber an traumafokussierter Arbeit. Herr Osmić war gerade darüber enttäuscht und meinte, man könne sich genauso gut in einem Café treffen und reden. Herr Imamović hingegen fand, dass er kein „schwerer Fall“ sei und somit auch in die Gruppe gehen könne, wo es sowieso kaum Therapiekapazitäten gäbe. In dieser Äußerung wiederholte er die Rechtfertigung der Psychotherapeutinnen und -therapeuten für die Gruppenarbeit, doch er hatte auch noch nie nach einer Einzeltherapie gefragt.

Die Gruppen zeichneten sich durch Homogenität aus; geschlechtlich und auch im Hinblick auf das Erlebte und den ethnischen Hintergrund der Gruppenmitglieder. Besonders „schwere Fälle“ gingen in Einzeltherapien und Menschen, die aus ethnisch-gemischten Ehen stammten, in solchen lebten oder einer anderen Ethnie als der muslimischen oder kroatischen angehörten, die die Hauptklientel der Therapiegruppen ausmachte. Aber auch Flüchtlinge, die im Vergleich zu den anderen „wenig“ erlebt hatten, wurden in Einzeltherapien geschickt. „Wenig“ erlebt hatte zum Beispiel eine Frau, wenn sie ihren Ehemann, der regulärer Soldat war, im Krieg verloren hatte, während in der Gruppe gleichzeitig andere Teilnehmerinnen waren, die selbst vergewaltigt worden waren, oder die ansehen mussten, wie ihre Ehemänner, Söhne, Väter und Verwandten vor ihren Augen misshandelt und/oder getötet wurden. Im Vergleich zu den Erlebnissen der anderen Mitglieder verblasste ihr Verlust. Die Bewertung des Leids, der Symptome und des Erlebten, die nicht vorgenommen werden sollten, geschah dennoch. Auch die Psychotherapeutinnen und -therapeuten waren sich dessen bewusst und empfahlen in solchen Fällen individuelle Therapien, da sonst die Gruppe nicht homogen genug war. Von einem solchen Fall berichtete Frau R..

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Zufällig habe ich Frau Halkić, um die es ging, auch interviewt. Sie hat mir ihren Wechsel in eine Einzeltherapie nicht damit erklärt, „weniger“ erlebt zu haben als die anderen Gruppenmitglieder. Sie stellte ihn als ihre aktive Entscheidung dar, weil sie mit der serbischen Kotherapeutin in der Gruppe nicht klargekommen sei und ihre wahren Gefühle vor dieser nicht hätte äußern können. Sie berichtete auch davon, in der Gruppe angefeindet worden zu sein, weil sie den Verlust ihres Ehemannes nicht überwinden konnte. Von anderen Frauen wurde ihr nahe gelegt, sich einen neuen Partner zu suchen, da sie sexuell unbefriedigt sei. Diese Äußerung hat sie verständlicherweise tief verletzt. Trotzdem führte sie dieses Erlebnis nicht als Grund für ihre Entscheidung, die Gruppe zu verlassen, an, sondern die ethnische Zugehörigkeit der Kotherapeutin. Hier werden nochmals die normierenden Funktionen der Gruppen deutlich, die „schwere“ und „leichte“ Fälle und Angehörige anderer Volksgruppen ausschlossen.

Die bloße Nachfrage kann deshalb nicht die Ursache für die Gruppenarbeit mit Flüchtlingen aus Bosnien und später auch dem Kosovo gewesen sein, denn alle Gesprächspartnerinnen und -partner beschrieben Wechsel zwischen Gruppen- und Einzeltherapien als unproblematisch. Kapazitätsengpässe, die von Psy-Vertreterinnen und -Vertretern ins Feld geführt wurden, um einen verzögerten Therapiestart der Flüchtlinge gegenüber der Ausländerbehörde zu rechtfertigen, wurden von meinen bosnischen Gesprächspartnerinnen und -partnern nicht angesprochen, auch die Wartelisten nicht. Wer in Therapie wollte, für den wurde auch ein Platz gefunden, wie es auch Herr Kapić beschrieb „Und normalerweise gab es sie [Therapie] für solche“ (S. 119119). Kurdinnen und Kurden aus der Türkei wurden hingegen nicht vorrangig in Gruppen behandelt, obwohl sie beim Xenion e. V. und auch im Behandlungszentrum für Folteropfer die größte Patientinnen- und Patientengruppe waren. Ich werte diese Tatsache als einen Hinweis darauf, dass die bosnischen Flüchtlinge auch von den Therapeutinnen und Therapeuten stärker als Gruppe mit ähnlichen Erfahrungen wahrgenommen wurden.

Auch eine Äußerung von Frau A. wies in diese Richtung: Sie beschrieb als zentrales Ziel der Gruppe den Austausch unter den Flüchtlingen und die Feststellung, dass der Verlust von Angehörigen sich für alle gleich anfühlte, egal welche Nationalität, Herkunft oder welchen Bildungsstandes sie hatten. Persönliche Erlebnisse wurden so, gefördert durch die Therapiegruppen, zu einem Teil der kollektiven Kriegs- und Exilerfahrung. Es entstand unter psychotherapeutischer Anleitung eine Gruppe von Leidensgenossen, wobei das Leid sowohl Kriegs- als auch Exilerfahrungen beinhaltete, und im Hinblick auf beide Erfahrungen waren die Therapiegruppen homogen. Frau Avdagić beispielsweise fühlte sich zunehmend als Außenseiterin in ihrer Gruppe, weil fast alle anderen Frauen mittlerweile einen Aufenthaltsstatus erhalten hatten, sie aber noch nicht. Das war nicht die kognitive Neu- und Umstrukturierung, die eigentlich Inhalt einer Psychotherapie sein sollte.

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Die Gruppentherapie war die häufigste Therapieform in Berlin, die dem Bedarf der Bosnierinnen und Bosnier nach Austausch entsprach, deren Dynamik aber weitere Ausschlussmechanismen etablierte und psychotherapeutische Arbeit im klassischen Sinn unterlief. So kam die Psychotherapeutin Frau A. zum Schluss, dass sie mit dem Reden und Erzählen in den Gruppen viel früher hätte aufhören müssen, um nicht einen retraumatisierenden Effekt zu unterstützen, der bei den Anwesenden die Symptome verstärkte. Denn die Gruppentreffen ermunterten die Patientinnen und Patienten, das Erlebte immer wieder zu erinnern.195 Durch die wiederholten „Seelenstrips“ wurde die Integration des Erlebten in den individuellen Lebenslauf nicht befördert, sondern aufgehalten bzw. durch viele Schilderungen anderer Leidensgenossinnen und -genossen ergänzt. Oft war während Gesprächen mit Flüchtlingen nicht mehr klar, ob die Betroffenen etwas selbst erlebt, oder es von anderen gehört hatten.196 In der Erinnerungsarbeit wurde das zu Erinnernde in der Gruppe zusammen hergestellt und zu einem Opfernarrativ, das verinnerlicht wurde.

Die wiederholten Erzählungen und emotionale Aufregung in den Therapiegruppen erhält vor dem Hintergrund biologischer Traumatheorien, die von einer Veränderung des Stoffwechsels ausgehen und die Ausstoßung von Endorphinen bei Konfrontation mit traumatischen Inhalten postulieren, eine weitere Dimension: Das Mitteilungs- und Zuhörbedürfnis hätte demnach Suchtcharakter (vgl. Young 1997: 257 f.). Das erklärt die ständige Thematisierung der Erinnerungen, ohne sie bearbeiten zu wollen, diskreditiert jedoch gleichzeitig die Erkrankten als nach ihren eigenen Schilderungen süchtig. Solange den Überlebenden mit Wohlwollen begegnet wird, werden solche Thesen nicht weiter verfolgt. Sie könnten jedoch in einem sich wandelnden gesellschaftlichen Klima an Gewicht gewinnen und die Attraktivität von Diagnose und Behandlung verändern. In der Vergangenheit erhielten Soldaten mit traumatischen Neurosen wenig Verständnis aber zahlreiche Stromschläge.

Für mich liegt es weniger an biochemischen Zusammenhängen, sondern eher am Einklagen von gesellschaftlicher Anerkennung, dass die Erinnerung an das Vergangene durch die Überlebenden wachgehalten wurde. Nicht der Schmerz machte süchtig, sondern seine Anerkennung. Die Gruppen entlasteten nicht von der Erinnerung, erkannten aber das Leid des Krieges und Exils an. Und so zogen sich die Therapien in die Länge, weil die Anerkennung und das Verständnis halfen und bestätigten:

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Ungefähr vier Jahre und dann war das so, dass sich inzwischen immer diese Gruppe, die ich dann als erste angefangen habe früher. Es gab eine sehr große Fluktuation der Frauen. Einige wurden zurück, mussten zurückkehren, dann haben wir neue aufgenommen. Und so ging es immer wieder los. Oder sie haben die Gruppe aus verschiedenen Gründen verlassen. Wir haben uns von einigen getrennt, weil sie konnten, wollten und so weiter nicht mehr und da waren die Plätze frei für die anderen. Das war so eine erste Gruppe. Es war das erste Angebot. […] Momentan ist die Anwesenheit kein Problem, weil es kleinere Gruppen sind mit zehn Leuten, wegen Krankheit eventuell mal fehlen, aber sonst sind sie immer da. (Frau E.)

Frau E. beschrieb, dass die erste Gruppe immer wieder von Neuem begann, weil Mitglieder die Gruppe aus verschiedenen Gründen wie Rückkehr und Weiterwanderung verließen und andere nachrückten. So war es überall. Übrig geblieben waren wenige Flüchtlinge, die vom Angebot überzeugt waren und die die Sitzungen weiterhin und relativ konsequent besuchten. Mit einem Aufenthaltsstatus war eine Psychotherapie nicht mehr notwendig, denn es eröffnete sich gleichzeitig die Möglichkeit und auch die Notwendigkeit zu arbeiten. Dann hatten viele keine Zeit mehr für die Therapien, aber auch, wie Frau Lisac verdeutlichte, keinen Bedarf, denn sie konnten sich mit Arbeitskolleginnen und -kollegen austauschen (S. 105105). Für Frau Bašić machte ein Deutschkurs die Gruppe vorerst überflüssig. So sanken im BZFO die Patientinnen- und Patientenzahlen für Bosnierinnen und Bosnier von 106 Personen im Jahr 2003 (BZFO 2003: 4) auf 36 Personen im Jahr 2007 (BZFO 2007: 24).

4.3.2.3 Therapieerfolg

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Die Therapien halfen bei der Erlangung eines Aufenthaltstitels, stillten den durch Marginalisierung erzeugten Gesprächsbedarf und lehrten die Flüchtlinge eine neue Bewältigungstechnik: Attestierung und Therapie. Herr W. sprach diese Widersprüchlichkeit des Therapieerfolgs kurz im Interview an. Er beschrieb die ständige Gefahr, dass Flüchtlinge aus der Therapie entlassen werden und beim nächsten größeren Problem wiederkommen. Der Erfolg der Therapie wurde durch diese ständig mögliche Destabilisierung massiv infrage gestellt:

Oft fragt man sich dann, hat denn das überhaupt alles irgendwie Nutzen? Oder wenn man jahrelang investiert hat, an Arbeit und Motivation, und Wissen und so weiter. Hat das was gebracht? Ja und das fragte ich mich dann oft. Aber ich kann die Frage klar beantworten, es hat was gebracht. (Herr W.)

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Was die Therapie neben einem Aufenthalt brachte, blieb auch in Herrn W.s Antwort unklar. Langfristige Verbesserungen des Befindens konnten die Therapien nicht erreichen, dennoch wurden sie als hilfreich eingeschätzt.

Auch eine Studie des Behandlungszentrums für Folteropfer konnte nur einen signifikanten Effekt bei sich aufdrängenden Gedanken feststellen (Birck et al. 2002), der auch mit dem Ende der Therapie assoziiert sein könnte und dem Ende des ständigen Thematisierens des Erlebten in ihr. Überspitzt könnte es heißen, dass es den Flüchtlingen ohne Therapie besser ging, gleichzeitig aber die Behandlung in Bezug auf die anderen Symptome und Erkrankungen (insbesondere Depressionen) nicht halfen. Die Studie hatte viele methodische Einschränkungen. Interessant ist aber, dass es in der Regel keine Symptomerhebungen zu Therapieende gab. Nur am Anfang der Therapien wurden die Patientinnen und Patienten zu ihren Beschwerden befragt, danach nicht mehr. Für die Studie wurden die ehemaligen Klientinnen und Klienten zwei Jahre nach Therapieende nochmals aufgesucht. Die bosnischen Patientinnen und Patienten der ursprünglich ausgewählten Stichprobe waren zum Großteil nach Bosnien zurückgekehrt (Birck et al. 2002: 230). In der Publikation wird betont, dass es bei den meisten Studienteilnehmerinnen und -teilnehmern Symptomeinbrüche gab: bei Kurdinnen und Kurden nachdem der PKK-Führer Öcalan entführt wurde und bei der einzigen bosnischen Patientin nach Bekanntwerden serbischer Massaker im Kosovo. Implizite Botschaft: Normalerweise ging es den Befragten sonst besser, nur zum ungünstigen Zeitpunkt der Studie waren sie besonders belastet.

Da systematische Therapieevaluationen fehlten, war die Wirksamkeit von Therapien ein Misstrauensmoment zwischen Psy-Vertreterinnen und -Vertretern und Flüchtlingen, das ihre Beziehung begleitete. Obwohl sie es vorgaben, vertrauten die Therapeutinnen und Therapeuten den Patientinnen und Patienten in Bezug auf die Schilderung ihrer Symptome nicht völlig. Vielleicht vertrauen Vertreterinnen und Vertreter der Psy-Disziplinen ihren Patientinnen und Patienten generell nicht, denn Letztere sind erklärtermaßen krank. In Bezug auf Zugewanderte kann das Misstrauen zusätzlich unter dem Deckmantel der Kultursensibilität versteckt und diskutiert werden (Weiss 2003: 121 ff.). So wurde im Handbuch zur „Begutachtung psychoreaktiver Traumafolgen in aufenthaltsrechtlichen Verfahren“, das die Berliner Arbeitsgruppe zur Formulierung von Standards für Gutachten publizierte, explizit ein „Vorbeugen gegen Irregeführtwerden“ eingefordert (Haenel/Wenk-Ansohn 2004: 221 f.). Der betreffende Absatz verteidigt die professionelle Rolle der Begutachtenden als unabhängige Sachverständige. Auf allen übrigen Seiten des Buches wird ihnen jedoch erklärt, wo und wie sie nach Anzeichen einer Posttraumatischen Belastungsstörung suchen und diese Behörden und Ämtern gegenüber in ihren Stellungnahmen darstellen müssen.

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Der aufenthaltsrechtliche Zwang war für die Situation, in der sich Flüchtlinge an Psy-Vertreterinnen und -Vertreter wendeten, prägend. Ohne den Zwang wären viele Flüchtlinge nicht zu Psychotherapeutinnen und -therapeuten oder zu Psychiaterinnen und Psychiatern gegangen, das sahen auch die Psy-Vertreterinnen und -Vertreter so:

Und so hat sich dann auch immer mehr also ein Bedarf an Behandlung entwickelt. Und dann sind daraus langjährige Behandlungskontakte entstanden. Kurze, aber oft auch langjährige und langjährig auch deswegen, weil die ausländerrechtliche Situation dann überhaupt nicht zur Entspannung beigetragen hat, sondern im Gegenteil […] Und diese Kopplung von Krankheit in Anführungszeichen und eine Verschonung von der Abschiebung, das hat natürlich. Es ist einerseits sage ich mal, humanitär, weil man natürlich niemand, der krank ist, oder der, sage ich mal, kaum überlebensfähig ist [abschiebt, A. W.] […] Das einerseits, da ist was Richtiges dran, und andererseits hat es dazu beigetragen, dass viele auch nicht gesund werden dürfen oder konnten, sonst wären sie nämlich abgeschoben worden. (Herr W.)

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Herr W. erklärte, warum aus Sicht der Therapeutinnen und Therapeuten ihre Behandlung nicht half, denn es wurde kein Aufenthaltstitel gewährt. Auf der anderen Seite war es die fehlende Therapiemöglichkeit, die einen Aufenthalt für die bosnischen Flüchtlinge rechtfertigte, nicht die Diagnose einer Posttraumatischen Belastungsstörung an sich. An der Entstehung dieser Rechtfertigung waren die Psy-Vertreterinnen und -Vertreter maßgeblich beteiligt. Sie konstruierten ihre Angebote als hilfreich und notwendig, selbst wenn es dafür an bestätigenden Daten fehlte, so wurden rhetorisch vielfältige Gründe ins Feld geführt, warum die Therapien nicht helfen konnten. In der oben zitierten Evaluationsstudie des Behandlungszentrums für Folteropfer gaben 11 von 30 befragten Patientinnen und Patienten an, wegen aufenthaltsrechtlicher Probleme in Therapie gegangen zu sein, für 18 Patientinnen und Patienten waren es ihre Beschwerden (Birck et al. 2002: 233). Der aufenthaltsrechtliche Druck brachte den Therapeutinnen und Therapeuten Patientinnen und Patienten, dessen waren sich Erstere sehr wohl bewusst.

4.3.2.4 Was hilft?

Andere Möglichkeiten der Verarbeitung der Vergangenheit wären genauso möglich gewesen wie zum Beispiel die Selbsthilfegruppen im Südost, die erst später psychotherapeutisch angeleitet wurden. Wieso sollte es für die Flüchtlinge einen Gewinn darstellen, wegen des aufenthaltsrechtlichen Drucks in eine Psychotherapie zu gehen, wenn diese am Ende nicht die Symptome reduzierte, zumal die Medikamente bereits halfen? Die starke Position der Psy-Vertreterinnen und -Vertreter half bei der Erreichung eines Bleiberechts für einen Teil der bosnischen Flüchtlinge. Das war der eigentliche Verdienst der Psychotherapien und Psychotherapierenden.

Ähnlich wie in Youngs Beschreibung der Veteranenklinik wird klar, dass es nicht die psychotherapeutische Behandlung war, die eine Verbesserung des Gesundheitszustandes mit sich brachte. Bei Young war es der geregelte Tagesablauf, der für einen Rhythmus sorgte und damit die Orientierungslosigkeit der Veteranen minderte (Young 1995). Bei den bosnischen Flüchtlingen reduzierten nicht die Therapien die Probleme, sondern der Aufenthalt, der Sicherheit gab, Vorwärtsschauen ermöglichte und für einige auch Arbeit brachte und damit neue Freunde, Ablenkung und Teilhabe an der Gesellschaft.

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Von den Psychotherapeutinnen und -therapeuten wurde ihre neue Rolle in der Flüchtlingsarbeit klar erkannt und thematisiert (Rafailović 2005, Birck 2002, Groninger 2001 und 2006, BAFF 2006). Die zunehmende Bedeutung von psychiatrischen und psychologischen Stellungnahmen für aufenthaltsrechtliche Entscheidungen war kein bundesdeutsches Phänomen. Ähnliche Entwicklungen und Debatten waren in Österreich (Ottomeyer/Renner 2006), in der Schweiz (Maier/Schnyder 2007) und auch in Frankreich (Fassin/d’Halluin 2005 und 2006, d’Halluin 2006) zu beobachten. Im Resultat wurde die Arbeit mit Flüchtlingen als besonders fordernd empfunden (denn es ging um ein Bleiberecht) und erzeugte neben der beschriebenen Befriedigung (vgl. S. 145145) auch Frustrationen bei den Psychotherapeutinnen und -therapeuten:

Nein, die wollen Medikamente. Medikamente sind superwichtig. Da schluckt man was und da hat man, was man hat. Tütenweise. Und auch da ist die Gruppe gut, weil wenn sie schon von vielen anderen Frauen hören, dass diese Medikamente ihnen auch nicht helfen, dann nehmen sie manchmal so ein bisschen eine kritische Distanz zu dieser Menge an Gift, was die da schlucken. Wobei ich denen nie sagen würde, nehmen sie keine Medikamente, das wäre völlig unverantwortlich, natürlich sollten sie sie nehmen. Das ist eher die Frage immer wieder der Selbstreflexion. (Frau P.)

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Die medikamentöse Behandlung blieb die zentrale Bewältigungstechnik, trotz Psychotherapien. Gleichzeitig versuchten die Psychotherapeutinnen und -therapeuten den Flüchtlingen zu verdeutlichen, dass die Medikamente nicht oder nicht auf Dauer wirkten und damit keine Bearbeitung ihrer Probleme möglich sei. Erklärtermaßen konnte das nur eine Psychotherapie. Doch auf diese müssten sich die Flüchtlinge einlassen und dazu einen bestimmten Willen und eine Gabe mitbringen, über sich selbst nachzudenken, zu erzählen und immer tiefere Schichten ihres Selbst freizulegen. Wenn eine solche Therapie nicht wirkte, lag es an der mangelnden Reflexion der Teilnehmenden.

Diese Technik der ständigen Selbstreflexion und des andauernden Selbsthinterfragens und Bekennens hat eine bestimmte Tradition, die eng an städtisches Leben in westlich geprägten Zivilisationen gebunden ist und in bürgerlichen Kreisen zelebriert wurde. Mit den Verlusterfahrungen der Flüchtlinge und dem daraus resultierenden Schmerz hatte diese Technik nichts zu tun. Trotzdem wurde sie eingesetzt, weil ihre Vertreterinnen und Vertreter in die Flüchtlingsarbeit vorgestoßen waren und nun neben juristischen und sozialarbeiterischen Angeboten eine therapeutische Antwort auf die Probleme des Flüchtlingsalltags anboten. Erfolg hatten sie, weil die aufenthaltsrechtlichen Weisungen ihren Argumenten folgten und den Expertinnen- und Expertendiskurs über die Notwendigkeit einer Psychotherapie anerkannten und weil sie ihre Therapietechniken an die Bedürfnisse und Erwartungen der Flüchtlinge anpassten.

Dabei hatten die Flüchtlinge ihre eigenen Bewältigungstaktiken. Die eine war das Beisammensein, das sich in der Gruppenarbeit widerspiegelte. Eine andere Taktik, die Besinnung auf alte Fertigkeiten und Aktivitäten, war vor allem für die Männer in Berlin durch das Arbeitsverbot stark eingeschränkt. Die fehlenden finanziellen Mittel reduzierten auch ihren sozialen Radius, denn öffentliche Treffen, in Cafés zum Beispiel, waren eher selten, da sie mit Kosten verbunden waren. Die Frauen hingegen besuchten sich gegenseitig, kümmerten sich um den Haushalt, andere Familienmitglieder und widmeten sich (wieder) Handarbeiten:

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Und ich weiß noch, dass das erste Deckchen, das ich bekommen habe, mich wirklich auch zutiefst erschüttert hat. Das war eine Frau, die wirklich Entsetzliches durchgemacht hat. Und dann so ein, so dieses feinste Garn, sie kennen das wahrscheinlich, dieses ganz feine Baumwollgarn, so einen Tischläufer gemacht hat, also aus lauter Rosen. Und einmal die Rosen und gleichzeitig war es aber so, dass sie dann erzählt hat, dass sie, dass es das erste ist, was sie überhaupt wieder gemacht hat. Also dass sie sich erinnert hat, dass sie eine Fähigkeit und eine Fertigkeit hat. Und gleichzeitig hat sie in jede dieser Rosen diesen Schrecken gehäkelt. […] Weil das war, das war eher ein Ausdruck von, ja, sowohl von Dankbarkeit, als auch von Selbstachtung, als auch von den Schreck irgendwo unterbringen können, wie ihn einzuhäkeln. (Frau A.)

Frau A. beschrieb eine Bewältigungstechnik, die von den Frauen in die Gruppe eingebracht wurde. Wieder war es die Arbeit, etwas anzufertigen, die eine Überwindung, Ablenkung und Anerkennung ermöglichte. Durch die Tätigkeit gelang es, die Kluft zwischen damals und heute zu überbrücken und neue Anknüpfungspunkte zu finden. In dieser Gruppe entstanden Handarbeiten wie Häkeldeckchen; in der Folge gründete sich eine Frauengruppe im Südost e. V., die aus den Handarbeiten ein Kunstprojekt entwickelte: Namen und Geburtsdaten von vermissten Familienmitgliedern wurden auf Tücher gestickt und diese wurden im Eingangsbereich des Vereins ausgestellt. Die Treffen sollten auch therapeutischen Charakter haben. Den Vermissten wurde so ein Denkmal gesetzt, das sie dem Vergessen entriss und gleichzeitig ihren Verlust be- und anklagte. Weil der Südost e. V. kein Behandlungszentrum war, beschritt es auch neue Wege in der Trauerarbeit. Die einzelnen Tücher wurden von der Künstlerin Anna S. Brägger zu einem „textilen Raster“ verbunden und ausgestellt (Braegger, undatiert). Die Gruppe war zwar, laut Selbstdarstellung, therapeutisch ausgerichtet, kam aber ohne Psychotherapeutinnen und -therapeuten aus.

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Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Engagement für die Flüchtlinge auch für die Karrieren der Therapeutinnen und Therapeuten förderlich war und sie durch die Präsenz und Popularisierung der Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung gesellschaftlichen Einfluss gewannen. Gleichzeitig passte sie sich aber auch an die Bedürfnisse der Flüchtlinge an, sie waren aktiv in der Flüchtlingsarbeit engagiert und konnten durch professionelle Lobbyarbeit vielen bosnischen Kriegsflüchtlingen einen Aufenthaltsstatus sichern. Die Behandlung der Bosnierinnen und Bosnier war für viele Therapeutinnen und Therapeuten intensiver als die Arbeit mit anderen Patientinnen- und Patientengruppen und hatte für Therapierende mit deutschem Hintergrund auch enge Verbindungen zur deutschen Vergangenheit des Zweiten Weltkrieges und danach. In der Behandlung wurden Gruppentherapien bevorzugt und klassische Therapieformen um Körperübungen und hypnotische Verfahren erweitert. Zudem war Erinnerungsarbeit in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit wichtig, wobei hier Zeugenschaft und Verortung in einer Opfergruppe im Vordergrund standen. Die Therapien wirkten nicht primär auf der Symptomebene, sondern halfen, dauerhaft einen sicheren Aufenthaltsstatus zu erreichen. Diese Verschiebung beeinflusste auch die Beziehung zwischen Psy-Vertreterinnen und -Vertretern und Flüchtlingen. Kurz angesprochen wurden Argumentationslinien der Behandelnden der Berliner Innenverwaltung gegenüber, die zum Teil von ihrer Alltagspraxis abwichen. Im folgenden Kapitel stelle ich den letzten wichtigen Akteur in den Verhandlungen um ein Aufenthaltsrecht für bosnische Flüchtlinge dar: die Berliner Senatsverwaltung für Inneres und Sport und die ihr unterstehende Ausländerbehörde.


Fußnoten und Endnoten

142   Tölle, Rainer. (1982–2006): Psychiatrie. 6.–14. Auflage. Berlin u. a.: Springer. In der aktuellen Ausgabe, der 14., aus dem Jahr 2006, sind es fünf Seiten, die sich mit psychoreaktiven Folgen von Extrembelastungen und Trauer beschäftigen.

143   Aber auch in Wissenschaft und Forschung wird selten die Entstehung der benutzten Konzepte und Diagnosen reflektiert. Die Entwicklungen einer Diagnosekategorie interessieren im besten Fall in Einleitungskapiteln. Für ein solches wurde von einem psychologischen Kollegen Alan Youngs Beschreibung der Entstehung der Diagnose und ihre Veränderungen im DSM herangezogen. Young wurde damit vom Kritiker der Diagnose zu ihrem Chronisten.

144   Einer Ausweitung des Konzeptes widersprechen jedoch viele klinisch Forschende, die mit dem Aufweichen des Konzeptes seine Trennschärfe verloren gehen sehen und natürlich auch die Vergleichbarkeit zwischen Studien. Diese Spannung zieht sich durch alle theoretischen Diskurse über Posttraumatische Belastungsstörungen.

145   Die meisten Behandlungszentren für traumatisierte Asylbewerberinnen und -bewerber und Flüchtlinge entstanden in den 1990er Jahren, Refugium Bremen und der Xenion e. V. waren bereits Vorreiter in den 1980er Jahren.

149   Die Verhaltenstherapie geht davon aus, dass falsche Verhaltensmuster durch Lernen und Üben verändert werden können. Den Patientinnen und Patienten werden erst die falschen Muster erklärt, dann die Lernziele und danach wird geübt. Vor allem bei Angsterkrankungen – denen auch die Posttraumatische Belastungsstörung zugeordnet wurde – ist dieses übende Verfahren hilfreich. So ist es durchaus erfolgreich bei Flug- oder Höhenangst. Bei der Posttraumatischen Belastungsstörung aber, die zumeist nicht nur Angst beinhaltet, sondern auch Schuld- und Sinnfragen, wie meine Ausführungen zu den Bosnierinnen und Bosniern zeigten, lässt sich nur schwerlich eine bessere Anpassung trainieren. Doch analytische Verfahren haben noch weniger anzubieten als diese Gewöhnung.

158   Online zu besuchen unter der URL: www.emdr.com/index.htm [Stand 21.10.2008].

161   Auch während unseres Gesprächs, das während der Mittagspause stattfand, weshalb keine Patientinnen oder Patienten warteten, wurden wir innerhalb einer halben Stunde zweimal vom Praxispersonal wegen verschiedener abrechnungstechnischer Fragen unterbrochen. So unruhig war kein anderes Gespräch mit den Vertreterinnen und Vertretern der Psy-Professionen.

166   Zumindest theoretisch, denn in der Praxis tat die BRD es in den 1990er und 2000er Jahren eher selten. Die Asylanerkennungsraten fielen. Die neue Darstellung im Bericht des Bundesministeriums für Migration und Flüchtlinge beginnt 2000. Auch hier ist eine Abnahme von einer circa 5-prozentigen Anerkennungsquote auf eine circa 1-prozentige im Jahr 2007 zu beobachten (BAMF 2007: 41). Vor dem Hintergrund von drastisch gesunkenen Asylantragstellungen, es waren 116.367 im Jahr 1996 und nur noch 19.164 im Jahr 2007 (BAMF 2007: 11), ist das Sinken der Quote noch einmal drastischer in absoluten Zahlen.

167   Wird davon ausgegangen, dass ein „Mitfühlen nur nach eigener Abgrunderfahrung“ möglich ist, so wären vor allem die Älteren dazu in der Lage und nicht die Nachgeborenen. In der Flüchtlingsarbeit waren es jedoch diejenigen ohne Abgrunderfahrung, die meinten, besonders gut mitfühlen zu können, obwohl sie selbst auch dies infrage stellten (vgl. Zitat aus Ottomeyer/Renner (2006) zitiert auf S. 129129).

170   Auch der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge „beobachtet ein wachsendes Interesse am Volkstrauertag […]. Auch in der zweiten und dritten Nachkriegsgeneration ist das Interesse groß‘“ (Ostseezeitung 14.11.2008: 7).

183   Wegen fehlender Trennschärfe wurde es bei der Untersuchung zur Ermittlung der nationalen Prävalenzrate gar nicht erst eingesetzt (Maercker et al. 2008: 578).

184   Ein weiteres Beispiel findet sich im Aachener Appell, in dem es um die Begutachtung eines Asylbewerbers ging, dem Reisefähigkeit vom Gesundheitsamt bescheinigt wurde. Dies wurde in der Anlage zum Appell verneint, in der detailliert die Äußerungen des Gutachters mit Gegenargumenten kommentiert wurden. Darunter „Herr C. berichtet über Schlafstörungen mit flashbacks [Hervorhebung A. W.]“ (Gierlichs 2001: 10). Mit dem Aachener Appell wurden ärztliche Kolleginnen und Kollegen dazu aufgerufen, gegen die Begutachtungspraxis des Aachener Gesundheitsamtes und einen Herrn Dr. E. mit ihrer Unterschrift öffentlichen Druck aufzubauen.

187   Der erste Fragebogen hat eine vierstufige Skala, der zweite eine fünfstufige, und ein Symptom wurde, analog der DSM-Veränderung, von der Kriteriengruppe D in B umgruppiert.

188   Ich kann mich zudem an ein Attest von Herrn Dr. B. erinnern, dass mir von einem Studienteilnehmer in einem der Dresdner Forschungsprojekte, in denen ich tätig war, gezeigt wurde, in dem Herr Dr. B. den Summenwert des
IES-R berichtete.

191   Ich habe nur eine Forschungsarbeit aus Deutschland gefunden, die sich mit Therapieerfolgen bei Flüchtlingen aus dem ehemaligen Jugoslawien beschäftigte und nicht nur über Einzelfälle berichtete oder Flüchtlinge verschiedener Herkunftsgruppen zusammenfasste (Joksimović et al. 2005).

195   Butollo und Hagl stellten fest, dass es bisher keine Evaluation von Gruppentherapien gab, dass aber einige Publikationen betonten, dass traumafokussierte Gruppen eher kontraindiziert sind, da die Teilnehmenden durch ihre Erzählungen jeweils die Erinnerungen bei den anderen wachrufen und es zu Symptomverschlechterungen kommen kann (Butollo/Hagl 2003: 139).

196   In Anbetracht der Diskussionen um „false memories“ (insbesondere Loftus 1993 und 2003), die durch spätere Erzählungen von Ereignissen evoziert und beeinflusst werden können, ist diese Beobachtung schwerwiegend. So wurden im Nachhinein Erinnerungen generiert, die ursprünglich nicht da waren und sich auf Ereignisse bezogen, die so nicht passiert sind. Hier erhält das Wort „Erinnerungsarbeit“ einen neuen Sinn.

1 Herr Kapić: I ti koji su dolazili ovdje naravno nisu uvijek prevashodno došli prije svega za terapiju. Oni su došli da vide šta mogu dobiti pomoći. Pomoć je kurs njemačkog, pomoć je bolji smještaj u nekom Wohnheimu, jer se ovdje bavilo time, ali i terapija. Jer Bosiljka je sa svim njima razgovarala i pitala odakle ste, koliko ste članova porodice, šta ste gdje ste bili. I ljudi kada kažu recimo da dolaze iz Sarajeva ili šta ja znam iz Bihaća ili tako nekih mjesta koja su bila poznato po izloženosti ratnim dejstvima. Pretpostavlja se da im je potrebno takva pomoć. I ona im predloži ako ima. I obično je imala za takve.



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03.12.2014