6 Interaktionen und Folgen

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Die bereits angeschnittenen Verhandlungen um einen Aufenthalt zwischen Psy-Vertreterinnen und -Vertretern und der Berliner Senatsverwaltung für Inneres interessieren mich im nächsten Kapitel. Trotz der unterschiedlichen Motivationen der beiden Verhandlungsseiten gelang es ihnen am Ende, eine Arbeitsgrundlage zu finden, um den Preis der Selbstregulation bei den Psy-Vertreterinnen und -Vertretern und den Verlust von Entscheidungsmacht aufseiten der Verwaltung.

6.1 Übersetzungen: Die Diagnose in der (psycho-)therapeutischen Flüchtlingsarbeit und Verwaltung

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Um zu beschreiben, wie zwischen den behandelnden Psychiaterinnen, Psychiatern, Psychotherapeutinnen und -therapeuten und der Verwaltung ein Arbeitskonsens gefunden wurde, verwende ich die Metapher der Übersetzung. Dabei orientiere ich mich an Susan Leigh Stars und James R. Griesemers Konzept des boundary objects, für das eine Vielzahl von Übersetzungen notwendig sind, um es als Arbeitskonsens zwischen zwei separaten sozialen Welten funktionieren zu lassen. Star und Griesemer bauten ihre Überlegungen auf theoretische Vorarbeiten von Michel Callon, Bruno Latour und John Law zur Akteur-Netzwerk-Theorie auf. Callon, Latour und Law lokalisieren Übersetzungen, interessements und obligatorische Passagepunkte in Aushandlungen zwischen Akteuren, auf deren Weg zu einem kooperierenden Netzwerk (Star/Griesemer 1989). Als zentrales Ziel eines solchen Netzwerkes sahen Star und Griesemer die Schaffung von Kohärenz zwischen den Akteuren bzw. im Finden eines boundary objects, das diese Kohärenz gewährleistet.

Für analytische Zwecke unterschieden sie vier Typen von boundary objects: „repositories“, „ideal type“, „coincident boundaries“ und „standardized forms“ (ebd. 410 f.). Diese vier unterschiedlichen Dimensionen von boundary objects lassen sich alle in der Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung und um ihre Anwendung herum lokalisieren. Die dargestellte Diagnosekategorie selbst ist ein „ideal type“ „which in fact does not describe the details of any one locality or thing. It is abstracted from all domains, and may be fairly vague“ (ebd. 410). Diese Vagheit der Diagnosekategorie habe ich ausführlich im zweiten Kapitel beschrieben und auf ihre Auswirkungen dieser Diffusität in der Praxis mehrmals hingewiesen (vgl. S. 124124 und Kap. 4.3 ab S. 153).

„Standardized forms“ lassen sich zum einen in der klinischen Diagnostik finden, die anhand von Fragebögen bzw. „Instrumenten“ erfolgt (vgl. S. 156156). Zum anderen hat im Berliner Kontext – und mit bundesweiter Auswirkung – mit der Definition von Mindestanforderungen an psychologische/psychiatrische Stellungnahmen in aufenthaltsrechtlichen Verfahren eine neue Standardisierung stattgefunden.

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Daneben gibt es „repositories“. „These are ordered ’piles’ of objects which are indexed in a standardized fashion. Repositories are built to deal with problems of heterogeneity caused by differences in unit[s] of analysis” (ebd. 410). Solche „repositories” lassen sich zum Beispiel in Daten(-banken) lokalisieren, in denen die Antworten auf standardisierte Fragen der Interviewpartnerinnen und -partner gespeichert werden. Sie stehen somit für spätere „Metaanalysen“ zur Verfügung, in denen mehrere ähnliche Stichproben zusammengefügt und ausgewertet werden, ohne ihre Herkunft und Entstehung weiter zu berücksichtigen. Ein Ergebnis solch einer Metaanalyse kann auch die Feststellung sein, dass die vorhandenen Daten dem Diagnosekonzept eher widersprechen als es unterstützen (vgl. S. 5050).

„Coincident boundaries“ „[…] are common objects which have the same boundaries but different internal contents. […] The result is that work in different sites and with different perspectives can be conducted autonomously while cooperating parties share a common referent“ (ebd. 410 f.). Solche „coincident boundaries“ lassen sich im vorliegenden Kontext mindestens gleich zweimal finden: Innerhalb von Forschungen zur Posttraumatischen Belastungsstörung, die zwar von unterschiedlichen Akteuren und Professionen geleistet wird, sich aber dennoch immer auf die Diagnose „Posttraumatische Belastungsstörung“ und ihre Begleitsymptome bezieht. Gleichzeitig lassen sich „coincident boundaries“ zwischen den verschiedenen sozialen Welten der Psy-Vertreterinnen und -Vertreter, Berliner Innenverwaltung und den bosnischen Flüchtlingen finden. Sie alle arbeiteten mit dem umgangssprachlichen Konzept „Traumatisierung“, auch wenn sie darunter recht unterschiedliche Dinge verstanden.

Im Rahmen aller vier Formen oder Ausprägungen von boundary objects sind Übersetzungen notwendig und möglich, um gemeinsame Handlungen zu bewerkstelligen. Star und Griesemer machten darauf aufmerksam, dass es eine Vielzahl von Übersetzungen gibt, welche die Aushandlungsprozesse begleiten und auch nicht nur einen obligatorischen Passagepunkt, wie ihn die Akteur-Netzwerk-Theorie formuliert, sondern parallel mehrere Passagepunkte, die miteinander konkurrieren und unendlich viele Übersetzungen ermöglichen.

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Translation here is indeterminate, in a way analogous to Quine’s philosophical dictum about language. That is, there is an indefinite number of ways entrepreneurs from each cooperating social world may make their own work an obligatory point of passage for the whole network of participants. There is, therefore, an indeterminate number of coherent sets of translations. […] Once the process has established an obligatory point of passage, the job then becomes to defend it against other translations threatening to displace it (Star/Griesemer 1989: 390 f.).

Ein obligatorischer Passagepunkt wie ihn Callon, Latour und Law beschrieben, ist somit keine Voraussetzung für eine Zusammenarbeit. Sollte einer etabliert werden, steht er in Konkurrenz zu alternativen Passagepunkten, die von anderen Akteuren definiert und kontrolliert werden. Im vorliegenden Fall gelang es den Vertreterinnen und Vertretern der Psy-Disziplinen, ihre Atteste als obligatorischen Passagepunkt zu etablieren. Ohne die Stellungnahmen der Psy-Spezialistinnen und -Spezialisten konnte keine Traumatisierung festgestellt werden und gleichzeitig konnte sich die Ausländerbehörde auch nicht über ihre Expertise hinwegsetzen.

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Im Folgenden geht es mir jedoch nicht so sehr um das Lokalisieren von Passagepunkten in den Aushandlungen um ein Aufenthaltsrecht für Traumatisierte, sondern vielmehr um eine Beschreibung der erfolgten Übersetzungen in der Auslotung von „coincident boundaries“ und der Entwicklung von „standardized forms“. Denn es wurde keine neue und gemeinsame Sprache gefunden, in der miteinander kommuniziert wurde, wie es Galison in seiner Fallstudie des ersten Radarlabors in den USA beschrieb und was für ihn die Grundlage bildete, das Konzept von „trading zones“ zu etablieren (Galison 1999). Es war aber kein Austausch und kein Gewinn für beide Seiten aus der Kooperation in der vorliegenden Situation, sondern eher eine Konkurrenz, die sich zugunsten der Psy-Vertreterinnen und Vertreter entschied. Trotzdem musste von der Senatsverwaltung für Inneres und Psy-Expertinnen und -Experten ein Arbeitskonsens gefunden werden und dieser wurde durch eine Vielzahl von Übersetzungen erreicht, die ich detaillierter betrachte. Im ersten Abschnitt konzentriere ich mich auf die Übersetzungen, die von den Psy-Vertreterinnen und -Vertretern ausgingen und an die Berliner Senatsverwaltung für Inneres, gerichtet waren. Im zweiten Abschnitt untersuche ich Übersetzungen, die sich an die Psy-Vertreterinnen und -Vertreter richteten.

6.1.1 Übersetzung eins – von den Psy-Vertreterinnen und Vertretern zur Senatsverwaltung für Inneres

„Traumatisierung“ war ein umgangssprachliches Wort, das diagnostisch betrachtet in viele Kategorien fallen konnte: akute und chronische Posttraumatische Belastungsstörungen, Persönlichkeitsveränderungen, Depressionen, Zwangsstörungen und auch über die Auslösung von psychotischen Störungen wurde im Zusammenhang mit traumatischen Reaktionen diskutiert. Zum „Zauberwort“ wurde jedoch „Posttraumatische Belastungsstörung nach ICD-10, F 43.1“. Diese Formel musste von Ärztinnen, Ärzten, Psychologinnen und Psychologen, die in der Arbeit mit Asylbewerberinnen und Asylbewerbern sowie mit Flüchtlingen geübt waren, niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen beigebracht werden. Hierfür wurden Weiterbildungen genutzt, die mit dem Curriculum nach der Standardisierung des Verfahrens auch vereinheitlicht wurden. Die Diagnose musste aber auch von der Senatsverwaltung für Inneres und der ihr unterstehenden Ausländerbehörde verstanden werden.

Das bedeutete, dass den Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeitern dieses medizinische Vokabular vermittelt werden musste. Eingangs waren sie über die Begutachtungen beim Landesgesundheitsamt und später beim Polizeiärztlichen Dienst davon entlastet, selbst die Attestierungen zu beurteilen. Doch ab 2001 waren die Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeiter angehalten, zu überprüfen, ob ein Attest „aussagefähig“ war und ob es durch einen „Facharzt für Neurologie/Psychiatrie oder ärztliche[n] oder psychologische[n] Psychotherapeut[en]/Psychoanalytiker“225 ausgestellt wurde. Diese Anweisung war entweder nicht klar genug oder die Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeiter verfügten nicht über genügend Beurteilungswissen. Jedenfalls zog ihre Umsetzung eine Klagewelle gegen die Ausländerbehörde nach sich (vgl. Fußnote 209), denn die Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeiter erkannten die Mehrzahl der geltend gemachten Traumatisierungen nicht an, da sie angehalten waren, die „Aussagefähigkeit“ von Stellungnahmen kritisch zu beurteilen und deshalb eher zum Nachteil der bosnischen Flüchtlinge entschieden. Die Betroffenen, deren Atteste nicht anerkannt wurden, klagten daraufhin ab Ende 2002. Die folgende Neuregelung mithilfe der Ärzte- und Psychotherapeutenkammer sollte mehr Klarheit schaffen. Schlussendlich mussten die Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeiter nur noch prüfen, ob die Attestierenden auf den Kammerlisten aufgeführt waren, die an die neue Weisung E.Bos.1. angehängt waren und keine inhaltlichen Kriterien mehr beurteilen.

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Diese sich ändernden Vorgehensweisen illustrieren die Übersetzungen, die am Ende zu einem anwendbaren Arbeitskonsens führten. Eine erste Übersetzung fand bereits in der Definition von „Traumatisierung“ als Posttraumatische Belastungsstörung statt, die die Berücksichtigung der Diagnose im Verwaltungshandeln nach sich zog. Der hierzu notwendige Dialog zwischen Behandelnden und der Innenverwaltung war am Anfang über die Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales gewährleistet. Diese legte die erste Beschreibung von „Traumatisierung“ aus dem Behandlungszentrum für Folteropfer Berlin der Senatsverwaltung für Inneres vor. Die in der Expertise des Behandlungszentrums enthaltene Definition fokussierte zwar auf die Posttraumatische Belastungsstörung, blieb aber insgesamt vage. Ungeachtet ihrer Unschärfe fand sie Eingang in die Weisung der Senatsverwaltung für Inneres, die von der Ausländerbehörde umgesetzt wurde.

Gleichzeitig wurden der Ausländerbehörde Fachleute an die Seite gestellt, um die richtigen Entscheidungen zu fällen. So sollten Stellungnahmen von September 1996 bis November 1997 von einer Psychiaterin des Landesgesundheitsamtes nach formellen Kriterien überprüft und das Ergebnis an die Ausländerbehörde rückgemeldet werden. Im November 1996 hieß es in der Antwort auf eine Kleine Anfrage der Abgeordneten Karin Hopfmann: „Um dem nichtärztlichen Personal des Landeseinwohneramtes Berlin eine Entscheidungshilfe bei der Würdigung der vorgelegten Beweismittel zu geben, prüft die Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales, ob die attestierten Befunde und Diagnosen dem Krankheitsbild der Posttraumatischen Belastungsstörung zuzuordnen sind [Hervorhebung A. W.]“ (Abgeordnetenhaus Berlin 14.11.1996).

Lediglich ein Jahr lang begutachtete die Psychiaterin des Gesundheitsamtes die Atteste der bosnischen Flüchtlinge. Und so lautet die Antwort auf eine Kleine Anfrage des Abgeordneten Ismail H. Koşan: „Die entsprechend sachkundigen Fachkräfte stehen jedoch zwischenzeitlich der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales nicht mehr zur Verfügung, so daß die betreffende Verwaltung keine Möglichkeit mehr sieht, mit eigenen Kräften die in der Vergangenheit geleistete Hilfestellung fortzusetzen“ (Abgeordnetenhaus Berlin 20.05.1998). In der Folge blieben die Anträge der betroffenen Flüchtlinge, deren Zahl mit dem wachsenden Ausreisedruck stieg, zunächst unbearbeitet. Es wurde nicht entschieden, ob die von ihnen eingereichten Atteste reichten, um sie als Traumatisierte im Sinne der Weisung anzuerkennen. Die Betroffenen wurden zwar nicht abgeschoben, doch sie erhielten auch nicht die vorgeschriebene Duldung mit einer Gültigkeit von einem Jahr, die für als traumatisiert geltende Personen und ihre Familienmitglieder laut gültiger Weisung ausgestellt werden sollte. Um die Anerkennung der Atteste fortsetzen zu können, versuchte die Senatsverwaltung für Inneres, die Begutachtung durch psychiatrische Abteilungen der Berliner Krankenhäuser übernehmen zu lassen, wie es in der Beantwortung der Kleinen Anfrage weiter hieß. Doch dazu kam es wegen fehlender Finanzierung nicht (Abgeordnetenhaus Berlin 06.07.2000: 4). Ende 1998 übernahm daher der Polizeiärztliche Dienst die Begutachtungen für die Ausländerbehörde.

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Somit wurden die Atteste der Ärztinnen, Ärzte, Psychologinnen und Psychologen von Anfang an nicht direkt anerkannt, sondern nochmals überprüft. Unklar ist, welche „attestierten Befunde und Diagnosen unter das Krankheitsbild einer Posttraumatischen Belastungsstörung fallen“ sollten. Von Vertreterinnen und Vertretern der Psy-Disziplinen wurde betont, dass Posttraumatische Belastungsstörungen nicht immer als solche erkannt würden und deshalb insbesondere von niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten in Form anderer Störungen attestiert würden. Darum sollten die Atteste auf Hinweise einer Posttraumatischen Belastungsstörung überprüft werden. Die Beantwortung der zitierten Kleinen Anfrage blieb in klinischer Hinsicht schwammig, doch gerade das machte das boundary object aus: es ließ Platz für weitere Übersetzungen und Aushandlungen, was zur Diagnose zu zählen war, auch wenn unter die Posttraumatische Belastungsstörung im strengen Sinn keine weiteren Diagnosen fallen konnten.

Die Flüchtlinge wurden nicht alle vorsorglich zu einer Begutachtung geschickt, um Traumafolgeschäden festzustellen oder auszuschließen. Die Geltendmachung einer Traumatisierung war Angelegenheit der Betroffenen und verband sich für sie mit fehlenden Rückkehrperspektiven und der daraus resultierenden Notwendigkeit, ihre Duldung zu verlängern. Ein Interesse der Ausländerbehörde an ihrem seelischen Zustand konnten sie im Verwaltungshandeln nicht erkennen. So war es für viele überraschend, dass sie ein Attest einreichen sollten oder konnten, um ihren Aufenthalt zu verlängern.

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Ja ich erinnere mich, dass ich auf die Polizei gehen musste. Ich hatte keine Ahnung, was ein Attest ist, ich hatte noch nie etwas von einem Attest gehört. Und dann hatte ich ein Einzelgespräch mit Z. und dann hat mir Z. gesagt, Marija, du bist schon lange bei uns in Behandlung, du hast ein Recht auf ein Attest. Und ich fragte, was ist ein Attest? Sie sagte, ich schreibe für die Behörde, dass du hier bist und was dich bedrückt und wie es dich bedrückt. Und ja, so habe ich von diesem Attest erfahren. Und als ich es gelesen habe, nachdem ich es von Z. bekam und es auf die Behörde brachte, die Hälfte der Ausdrücke habe ich nicht verstanden. Ich wusste einfach nicht, was ein Attest ist.226 (Frau Lisac)

So wie es hier Frau Lisac beschrieb, schilderten viele meiner Gesprächspartnerinnen und -partner den Informationsfluss. Die wenigsten hatten konkrete Erwartungen an die Psychotherapie oder nahmen sich überhaupt als therapiebedürftig wahr. Sie wurden von Verwandten, Freundinnen und Freunden sowie von Ärztinnen und Ärzten überwiesen, nur selten suchten sie aus eigenem Antrieb aktiv nach psychiatrischer oder psychologischer Hilfe. Ähnlich verhielt es sich auch mit den Attesten. Die Therapierenden, häufiger aber Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte, die mit den Stellungnahmen eine Aufenthaltsverlängerung beantragen konnten, erklärten den Flüchtlingen, dass sie Atteste benötigten. Erneut betonten die meisten meiner bosnischen Gesprächspartnerinnen und -partner, dass sie viele Dinge vorher nicht wussten und sie ihnen von Unterstützerinnen und Unterstützern mitgeteilt und erklärt wurden.

Zudem beschrieb Frau Lisac einen Verfremdungseffekt in der Stellungnahme. Die Psychotherapeutin erklärte ihr, dass sie im Attest geschrieben hätte, was Frau Lisac Sorgen bereite. Als Frau Lisac das Attest las, verstand sie wenig. Das individuelle Leiden wurde in eine Störungskategorie übersetzt, in der Frau Lisac ihre Sorgen nicht wiederfand, auch wenn sie sich in die Kategorie „traumatisierte Person“ einordnen würde. Das subjektive Erleben verschwand im Attest. Aber nur das geschriebene Wort der Behandelnden hatte für die Behörde Bedeutung, nicht die Berichte der Flüchtlinge für sich. So reduzierte sich die Verwaltungspraxis weitestgehend auf einen Papieraustausch, Attest gegen Duldung. Die Flüchtlinge verwandelten sich in Boten und Träger ihrer Papiere und in zu verwaltende Ausländerinnen und Ausländer; gleichzeitig nahm die Verwaltung sie nie als Personen mit individuellem Schicksal wahr, was ihr Auftrag gewesen wäre.

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Für den Austausch mussten sich beide228 Austauschseiten, Vertreterinnen und Vertreter der Psy-Disziplinen und Verwaltung, über die Art und Weise und die Objekte des Austausches verständigen. Wenn Traumatisierung ein boundary object mit „coincident boundaries“ ist, so haben beide Akteure Übersetzungsleistungen zu erbringen, um sich über Verfahren zu einigen, die ein in beide Kontexte passendes Verständnis dieses boundary objects sichern. Dies geschah am Runden Tisch, an dem die Senatsverwaltung für Inneres anfangs nicht teilnehmen wollte und sich auch später wieder zurückzog, als die Konfrontation auf dem Höhepunkt war. Mit der Zeit avancierte der Runde Tisch von einem Treffen auf dem sich verschiedene Institutionen und Organisationen, die mit Bosnierinnen und Bosniern arbeiteten, austauschten zu einem Fachtreffen der Psy-Vertreterinnen und -Vertreter, die sich in der Flüchtlingsarbeit engagierten. „Von den Behörden war niemand dann mehr da. Im Laufe der Zeit haben sich dann auch von der Kirche die Leute ausgeklinkt, sodass dann der Arbeitskreis immer mehr ein Treffen war von Therapeuten, Therapeutinnen, die in dem Bereich arbeiten“, beklagte Herr W. diese Entwicklung. Die in der Flüchtlingsarbeit engagierten Ärztinnen, Ärzte, Psychologinnen und Psychologen befanden sich am Ende allein in den Aushandlungen mit der Senatsverwaltung für Inneres. Da es um ein sehr spezielles Thema ging, nämlich traumatisierte Flüchtlinge, mit denen sich andere Unterstützerinnen und Unterstützer nicht auskannten, wurden die Argumentationen den Fachleuten überlassen.

Das wichtigste Werkzeug in den Auseinandersetzungen war die Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung und ihre Dehnbarkeit, die vonseiten der Vertreterinnen und Vertreter der Psy-Disziplinen mir als wahrgenommener Insiderin gegenüber auch offen eingestanden wurde: „Also ich bin froh, dass es die gibt, die Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung. Aber ich finde sie auch so butterweich und so wenig differenziert, dass eigentlich andere Diagnosen besser wären. Aber es ist ein Segen, dass es sie gibt und dass es sie offiziell gibt“, fand Frau A. Dass es die Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung offiziell gab, machte ihre Verteidigung nach außen, gegenüber diagnostisch nicht ausgebildetem Verwaltungspersonal erst möglich.229 Es gab sogar zwei Klassifikationssysteme, DSM und ICD, auf die sich bezogen werden konnte, die international anerkannt und verbindlich waren. So wurde auch die Diagnosekategorie als solche von der Verwaltung nie infrage gestellt, aber die Art der Diagnostik.

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Aber dann natürlich stellte sich als nächstes die Frage, stellte sich vonseiten des Senats, nicht vonseiten der Behandler, vonseiten des Senats und der Ausländerbehörde, wie können wir denn unterscheiden, wer traumatisiert ist und wer nicht? Und dann kam also die Frage der Diagnostik. Und wer macht die Diagnostik? Und wie zuverlässig ist die Diagnostik? (Herr W.)

Und Herr Hampel von der Senatsverwaltung für Inneres schien auf diese Äußerung von Herrn W. direkt zu antworten. In den Jahren der Aushandlungen, saßen sie sich auch persönlich am Runden Tisch gegenüber und versuchten miteinander einen Konsens zu finden:

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Zusammenarbeit hatten wir auch. Wir hatten diese, so alle halbe Jahre Runden. […] Aber ich konnte es immer nicht so richtig nachvollziehen, weil mir auch keiner erklären kann, so für einen Nichtmediziner, was denn so für Kriterien entscheidend sind, um so was festzustellen und wie, woher weiß ich, womit ich wie behandeln muss, oder so. Und warum brauchen einige acht Jahre, um überhaupt Traumatisierung geltend zu machen? […] Vom Selbstverständnis der Therapeuten her muss natürlich jeder hier bleiben dürfen, bei dem sie Behandlungsbedürftigkeit bestätigen. Klar. Schon, weil sie sagen, nur hier ist die optimale Behandlung gewährleistet. Auch das streite ich nicht ab, das kann aber aus gesetzlicher Sicht allein nicht ausschlaggebend sein. (Herr Hampel)

Hier wurde das Tauziehen beider Seiten um die Definition von Traumatisierungen und ihrer Diagnostik deutlich, die Herr Hampel trotz der Widersprüche als „Zusammenarbeit“ bezeichnete. Aber die Skepsis der Innenverwaltung in Bezug auf die Objektivität der behandelnden Ärztinnen, Ärzte, Psychologinnen und Psychologen, die jene immer wieder mit der Zuverlässigkeit und Eindeutigkeit der Diagnostik zu untermauern versuchten, blieb. Die Übersetzungen und Erklärungen der Psy-Vertreterinnen und -Vertreter waren nicht stimmig. In meinen Ausführungen zur Diagnose und Diagnostik verdeutlichte ich, dass beide nicht eindeutig waren und sie durchaus auch von Praktikerinnen und Praktikern hinterfragt wurden. Im Vergleich zwischen den Stellungnahmen niedergelassener und in Institutionen tätiger Psy-Expertinnen und -Experten und der begutachtenden Psychologin des Polizeiärztlichen Dienstes von Angelika Birck (2000) schlug sich dieses Rauschen nieder und involvierte auch die Senatsverwaltung für Inneres, die nach einer klaren Abgrenzung suchte.

Für die behandelnden Psychiaterinnen, Psychiater, Psychologinnen und Psychologen stellte sich hingegen nicht die Frage, wie eine Traumatisierung festzustellen ist, denn sie gingen davon aus, dass jede bzw. jeder, die bzw. der etwas Schreckliches erlebt hatte auch (sehr wahrscheinlich) traumatisiert war. Für sie war der Passagepunkt, den Star und Griesemer (1989) beschrieben, das traumatische Ereignis. Die Schwere der Erkrankung und die Gesundheitsbeeinträchtigung verstanden sich für die Flüchtlingsunterstützerinnen und -unterstützer von selbst und mussten ihrer Meinung nach nicht näher überprüft werden. Darin unterschieden sie sich von der Auffassung verwaltungsnaher Psy-Vertreterinnen und -Vertreter. Letztere konzentrierten sich im Rahmen ihrer Diagnostik auf die Erkrankungsschwere, denn dass die Flüchtlinge eine Posttraumatische Belastungsstörung haben, wurde auch von ihnen nicht in Abrede gestellt, wohl aber dass der Ausprägungsgrad einen Aufenthalt rechtfertigte. Beide Gruppen von Vertreterinnen und Vertretern der Psy-Disziplinen hatten unterschiedliche Herangehensweisen an die Diagnostik und deshalb unterschiedliche Passagepunkte – zum einen das traumatische Erlebnis und zum anderen die Schwere der Erkrankung –, die sich nicht miteinander vereinbaren ließen. Sie redeten aber dennoch über dasselbe Thema, nämlich Posttraumatische Belastungsstörungen bei bosnischen Flüchtlingen. Zu diesem Zeitpunkt war das boundary object bereits festgelegt, aber die Übersetzung mit den beiden unterschiedlichen Passagepunkten war nicht stimmig und deshalb funktionierte das Vorgehen auch nicht in der Praxis.

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Am Runden Tisch wurden im Laufe der Zeit nur noch die Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung und ihre „richtige“ Diagnostik verhandelt, d.h. ein Konsens über den Passagepunkt gesucht. In dieser Entwicklung lassen sich zwei Verschiebungen erkennen: Erstens von der gestaffelten Rückkehr aller Flüchtlinge zu einem Bleiberecht für Einzelne. Dies hing mit der langwierigen Rückkehr aufgrund der schlechten Sicherheitslage und dem stockenden Aufbau in Bosnien zusammen. Zweitens die Fokussierung auf die Traumatisierten, denn es ging nicht mehr um alle bosnischen Flüchtlinge und ein humanitäres Bleiberecht, wie es Unterstützerinnen und Unterstützer von Flüchtlingen sonst forderten. Menschenrechte, die politisch eingefordert werden müssen, wurden somit in ihrer Anwendung auf die Gruppe der Traumatisierten beschränkt.230

Doch auch wenn Grundrechte zu Privilegien geworden waren, wollten viele in deren Genuss kommen. Daraus resultierte die Vielzahl der Stellungnahmen, die die Psy-Vertreterinnen und -Vertreter für die Flüchtlinge schrieben, denn die Nachfrage war groß und stieg mit dem Bekanntwerden der Möglichkeit der Duldungsverlängerung mithilfe von Attestierungen und dem zunehmenden Ausreisedruck. Den Behandelnden fiel es nicht schwer, eine Posttraumatische Belastungsstörung zu attestieren, denn die Diagnose war so „elastisch“, dass alle Flüchtlinge sie erhalten konnten, weil sie zumindest ein potenziell traumatisierendes Erlebnis berichten konnten. Immerhin mussten sie ihre Häuser und Familien unter Zwang verlassen und viele erlebten weitere Grausamkeiten. Zusätzlich wurde den Hilfesuchenden mit Wohlwollen und Verständnis vonseiten der niedergelassenen und in Vereinen und Wohlfahrtsverbänden angestellten Psy-Vertreterinnen und -Vertretern begegnet. Zwischen traumatisierten und gesunden Flüchtlingen mussten nur die Senatsverwaltung für Inneres und die Ausländerbehörde unterscheiden. So wunderte sich der Psychologe Herr K. nicht, warum alle Flüchtlinge die Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung erhielten und erklärte es mit einer Vorselektion. „Also weil wir halt doch ein Anlaufpunkt sind für traumatisierte Flüchtlinge. Und wenn das Trauma nicht da ist, in dem Sinne, dann werden die Leute nicht zu uns geschickt oder finden auch den Weg nicht.“ Es gab kein Misstrauen vonseiten der Unterstützerinnen und Unterstützer. Zwar sagte Frau P., dass Flüchtlinge sie manchmal angelogen hätten, dass sich dahinter aber immer eine noch schlimmere Geschichte verborgen hätte als die eingangs erzählte. Es wären Schutzerzählungen, vor allem in Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch, gewesen.

Das Sehenwollen der Diagnose aufseiten der Behandelnden ist grundsätzlicher Natur und schlug sich nicht nur in ihren Argumentationen nieder, sondern auch in Artefakten. So waren die im Jahr 2002 eingeführten Kammerlisten überschrieben mit „Ärztinnen und Ärzte zur Begutachtung von Patienten mit PTSD“ und „Vorläufige Übergangsliste für qualifizierte Psychologen/Psychotherapeuten zur Erstellung psychologisch-gutachterlicher Stellungnahmen für traumatisierte Bürgerkriegsflüchtlinge“. In der ersten Liste wurde die englische Abkürzung der Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung „PTSD“ verwandt, obwohl deutschsprachig diagnostiziert wurde und die Diagnose auch als „Posttraumatische Belastungsstörung“ in deutscher Übersetzung existiert. „PTSD“ war kürzer als der Zungenbrecher „Posttraumatische Belastungsstörung“, baute aber Distanz zu Laien auf, die solche Kürzel nicht verstanden und sich diese erklären lassen mussten. Gleichzeitig wurde aber mit dem Titel der Liste impliziert, dass eben nur „PTSD“ diagnostiziert wurde, keine anderen Traumafolgeschäden oder andere psychische Erkrankungen. Das unterstreicht, dass allen beteiligten Psy-Vertreterinnen und -Vertretern klar war, was in den Attesten stehen musste. Auch die Listenbezeichnung der Psychologenkammer war setzend in ihrer Überschrift, denn sie implizierte, dass entweder nur traumatisierte Bürgerkriegsflüchtlinge begutachtet wurden oder alle Bürgerkriegsflüchtlinge traumatisiert waren. In keinem Listentitel ging es um die Feststellung von Traumafolgeschäden wie es sonst vorsichtiger für Begutachtungen formuliert werden müsste. Die Folgeschäden wurden in beiden Titeln bereits vorausgesetzt, mehr oder weniger klar definiert als Posttraumatische Belastungsstörung.

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Die Behörden allerdings wunderten sich, wie das Zitat von Herrn Hampel (S. 193193) zeigte, und sie begegneten den Ausführungen und Erklärungen der Vertreterinnen und Vertreter der Psy-Disziplinen nach anfänglichem Unwillen zur Kooperation am Runden Tisch mit zunehmendem Misstrauen. Der Innenverwaltung war nicht klar, warum alle Flüchtlinge die Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung attestiert bekamen, daran änderten auch die Treffen mit den Psychotherapeutinnen und -therapeuten nichts, auf denen die Symptome immer wieder erklärt wurden. Vor allem fand die Senatsverwaltung für Inneres es unverständlich, wie die Behandelnden zwischen jemandem unterschieden, der wirklich erkrankt war und jemandem, der es nur vorspielte. Hierbei handelte es sich um das alte Problem: Wie können Kranke von Simulierenden sicher unterschieden werden? Die Antwort lautete ehrlicherweise: gar nicht. Die politische Einstellung definierte das Ergebnis einer Begutachtung (vgl. Young 1993) und das war kein neues Phänomen. So war es möglich, dass ein Vorläufer der heutigen Posttraumatischen Belastungsstörung, das sogenannte KZ-Syndrom, von deutschen Psychiatern nicht festgestellt wurde, von US-amerikanischen Kollegen hingegen schon. Auch damals gab dies Anlass für polemische Auseinandersetzungen zwischen beiden Lagern (Eissler 1963). Es war nicht das erste Mal; davor gab es bereits Auseinandersetzungen um die Begutachtung traumatischer Neurosen (vgl. Eingangszitat Kap. 4, S. 112).

Der jeweilige Standpunkt beeinflusste auch in Berlin die Wahrnehmung:

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Das ist für mich eine Grauzone. Ich kann es nur glauben, ich kann es manchmal nicht nachvollziehen. Ich will auch nicht ausschließen, dass manche Leute vielleicht gar nicht traumatisiert sind und es trotzdem schaffen, darunter zu fallen. Das war auch immer der Streit mit den Ärzten und Therapeuten. Das ist so wenig messbar. […] Und ich denke mal, selbst einen erfahrenen Therapeuten kann ich, wenn ich es geschickt mache, sogar noch ausmogeln. Was die Therapeuten uns gegenüber natürlich nicht zugeben. Die sagen dann immer, wir haben hier wissenschaftlich geprüfte Kriterien.

Ich hatte […] in der Härtefallkommission eine Traumatisierte mit gutachterlicher Stellungnahme. Im Krieg vergewaltigt worden, hat sie vorgetragen, und sogar den Zeitraum umschrieben. Dann haben wir die Ausländerakte angefordert, um den Fall für die Beratung aufzuarbeiten und das erste Blatt der Ausländerakte war ein Polizeibericht, wo die Dame, genau zu dem Zeitpunkt, wo sie in Bosnien vergewaltigt worden sein wollte, in einem Berliner Bordell festgenommen worden ist. Also solche Fälle gibt es, gab es halt auch. Das sind alles so Dinge. Wenn eine Frau einem erzählt, sie ist vergewaltigt worden, dann scheut man natürlich von vornherein schon davor zurück, das überhaupt infrage zu stellen. Und dass so was dann vielleicht von Einzelpersonen ausgenutzt wird, das können sie ja auch nicht verhindern. (Herr Hampel)

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Dieses drastische Beispiel illustrierte das grundlegende Misstrauen der Behörden gegenüber den Flüchtlingen. Die Flüchtlinge schafften es sogar, die Behandelnden „auszumogeln“. Herr Hampel hatte Verständnis für die attestierenden Ärztinnen, Ärzte, Psychologinnen und Psychologen, auch sie waren den Lügen der Flüchtlinge gegenüber machtlos. Deshalb war die Ausländerbehörde umso mehr in der Pflicht, die behaupteten Sachverhalte, auch wenn sie attestiert wurden, nachzuprüfen. Obwohl die Messbarkeit und Wissenschaftlichkeit immer wieder von den behandelnden Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten ins Feld geführt wurde, gelang es ihnen nicht, die Verwaltung abschließend von der Eindeutigkeit der Diagnostik zu überzeugen. Beide Akteursseiten blieben in ihren Logiken verhaftet. Sie fanden zwar einen Kompromiss, aber nur in Ermangelung anderer begehbarer Wege nach der Praxisdurchsuchung bei Herrn Dr. B. und der Erkrankung der begutachtenden Psychologin des Polizeiärztlichen Dienstes. Weil keine bessere Lösung gefunden wurde und die beiden Passagepunkte, traumatisches Ereignis und Schwere, unvereinbar nebeneinander standen, wurden die Kammern um Unterstützung gebeten, einen Kompromiss zu finden, mit dem beide Seiten arbeiten konnten.

Dabei schwankte Herr Hampel im Gespräch in seiner Einstellung gegenüber den Flüchtlingen zwischen Unterstellungen232 und Verständnis. Er räumte ein, dass er sich in ihrer Situation wahrscheinlich auch so verhalten hätte, aber das sei kein Argument für die Ausländerbehörde. Doch Unterstellungen, für die es einzelne Anlässe gab, wurden verallgemeinert und auf die gesamte Gruppe der Bosnierinnen und Bosnier übertragen. Diese grundlegende Skepsis wurde auch von den Flüchtlingen wahrgenommen und sie fühlten sich damit in ihrem Leid ignoriert und diskreditiert:

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Na sie [die Ausländerbehörde, A. W.] zweifeln im Prinzip sofort am Anfang die Atteste an. Das ist ihr erster Gedanke, dass sie die Atteste anzweifeln. So fangen sie an. Sie behandeln jeden Menschen als hätte er gelogen, als hätte er betrogen, so als wäre er, als wäre er ein Lügner und Simulant. Und so weiter. Und so haben viele Leute wieder Zusammenbrüche erlebt, dank solcher Behandlung. Nicht nur ich. Ich habe gehört, dass viele Leute Beschwerden hatten nach einem solchen Verhör, nicht nur ich.233 (Frau Lisac)

Frau Lisac beschrieb ihre Begutachtung durch die Psychologin des Polizeiärztlichen Dienstes als „Verhör“ und den Umgang der Berliner Ausländerbehörde mit den Flüchtlingen als einen grundsätzlich von Zweifel geprägten. Dies wurde auch von Herrn Hampel bestätigt.

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Im Rahmen der Schlüssigkeitsprüfung wollten sie [die Ausländerbehörde, A. W.] selber rauskriegen, aufgrund eigener Ärzte. Die haben damals erreicht, dass die Polizei eine Therapeutin eingestellt hat, damit da nicht ein Allgemeinmediziner nun sich mit Trauma [beschäftigt], dazu ist er ja gar nicht ausgebildet. Das hat stattgefunden, das ist richtig. […] Aber damit haben wir ja dann 2001 aufgehört, als wir die Traumaregelung gemacht haben, dann gab es das nicht mehr, die Vorführung beim Polizeiarzt [Kursives A. W.]. (Herr Hampel)

In diesem Zitat gibt es zwei Dinge, auf die ich hinweisen möchte. Zum einen sprach Herr Hampel am Anfang von „die“ und „sie“ und meinte die Berliner Ausländerbehörde, als wäre sie eine selbstständig agierende Institution. Das war sie nur bedingt. Die Ausländerbehörde gehörte zum Landeseinwohnermeldeamt, das später zum Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten fusionierte, unterstand aber der Senatsverwaltung für Inneres und musste deren Weisungen umsetzen. Trotzdem wurde hier die Ausländerbehörde von Herrn Hampel als „Außen“ beschrieben. Auch wurde die Praxis der „Vorführung beim Polizeiarzt“ von „denen“ in der Ausländerbehörde durch die Traumaregelung, die Herr Hampel als „unsere“ bezeichnete, beendet. Denn „die wir gemacht haben“ bezog sich auf die Senatsverwaltung für Inneres, nur diese konnte Weisungen erlassen. Die Traumaregelung, die die Senatsverwaltung für Inneres in einem Schreiben vom 14.02.2001 an die Berliner Ausländerbehörde übermittelte,234 wurde von Letzterer nur sehr zögerlich umgesetzt und erforderte ein neues Vorgehen ab 2002 mit den Kammerlisten, weil die Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeiter die „Aussagefähigkeit“ der Attestierungen der Psy-Vertreterinnen und -Vertreter, die die Flüchtlinge behandelten und unterstützten, nicht eindeutig einschätzen konnten (vgl. S. 189189 f.).

Zudem sprach Herr Hampel von „Vorführungen beim Polizeiarzt“. Es kam zwar auch zu zwangsweisen Vorführungen und sogar zu einem „Hausbesuch“ in einem Wohnheim (Abgeordnetenhaus Berlin 23.06.2000), in der Regel wurde jedoch eine Terminbenachrichtigung verschickt und die Flüchtlinge erschienen dann zur Begutachtung oder auch nicht. Allerdings erhärtete das Fernbleiben den Verdacht der Behörde, dass die eingereichten Stellungnahmen substanzlos waren und die Betroffenen etwas zu verbergen hätten. Trotzdem passt das Wort „Vorführung“, denn auch wenn es kein körperlicher Zwang war, wurde das Vorgehen als Zwang wahrgenommen, wie unter anderem das Zitat von Frau Lisac zeigte. Zusätzlich fühlten sich viele Flüchtlinge von der Psychologin des Polizeiärztlichen Dienstes wirklich vorgeführt, da diese ihre Vorträge nicht immer ernst nahm und das Erlebte manchmal sogar abwertend kommentierte (Hohlfeld 2008: 642). Auch in einer Ausschussdiskussion des Berliner Abgeordnetenhauses wurden diese Vorwürfe thematisiert (Abgeordnetenhaus Berlin 06.07.2000: 5 ff.). Frau Lisac erlitt bei ihrer Begutachtung einen Nervenzusammenbruch und musste danach stationär behandelt werden. Sie erlebte die Begutachtung folgendermaßen:

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Sie haben mich zur Überprüfung geschickt, zu diesem, wie heißt es gleich, Gutachten. Und dann hat die Frau, die dieses Gutachten gemacht hat, übertrieben. Sie hat einfach übertrieben, sie hat großen Druck auf mich ausgeübt, sie hat nicht gut eingeschätzt in welchem psychischen Zustand ich bin und dann ist mir das passiert. […] Sie hat sich über mich lustig gemacht. Sie hat sich über meine Probleme lustig gemacht, sie war so arrogant und so grob in ihrem Verhalten mir gegenüber, dass ich mich frage, wer ihr überhaupt den Abschluss eines Mediziners gegeben hat.235 (Frau Lisac)

Die Psychologin des Polizeiärztlichen Dienstes entsprach nicht den gewohnten Umgangsformen von Psy-Vertreterinnen und -Vertretern mit Bosnierinnen und Bosniern. Es ging nicht um eine Behandlung, um Heilen oder Helfen, worauf in der Regel ärztliche oder psychotherapeutische Gespräche ausgerichtet waren, die die Flüchtlinge bis dahin in erster Linie kennengelernt hatten. Eine Begutachtung war eine andere Situation, in der Expertinnen und Experten sich nicht per Definition empathisch den Klientinnen und Klienten zuwendeten. Mit Begutachtungen sollen sie zur juristischen Urteilsfindung beitragen, da Richterinnen und Richtern der ärztliche Sachverstand fehlt. Esther Fischer-Homberger beschreibt die Verbindungen zwischen Medizin und Jurisprudenz als konkurrierend, wobei die Medizin zunehmend, insbesondere ab dem 19. Jahrhundert, an Einfluss gewann (1983: 85 ff.).237

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Mit den Beschlüssen der Ständigen Innenministerkonferenz die bosnischen Bürgerkriegsflüchtlinge betreffend, die Traumatisierte explizit als Gruppe differenzierten, wurden für aufenthaltsrechtliche Entscheidungen Sachverhalte ausschlaggebend, die keine Verwaltung anhand der Aktenlage, z. B. auf der Grundlage von Passkopien feststellen konnte, sondern nur unter Berücksichtigung ärztlicher oder psychologischer Stellungnahmen. Die Berliner Verwaltung benötigte diese Expertisen, wie auch alle anderen Innenverwaltungen und Ausländerbehörden bundesweit, für die Umsetzung der Beschlüsse der Innenministerkonferenz. Deshalb musste eine konkrete Zusammenarbeit mit den Vertreterinnen und Vertretern der Psy-Professionen ausgehandelt werden. Ihrer vorteilhaften Position waren sich die Psy-Vertreterinnen und -Vertreter durchaus bewusst:

Für die Durchführung, in der Umsetzung brauchten die Kliniker. Die konnten das nicht selber entscheiden. In Berlin hat man es so versucht. Der Polizeiärztliche Dienst hat sich daran aufgerieben, förmlich an dieser Aufgabe, das muss man auch so sehen. Da wurden Leute auch durchaus verheizt im politischen Sinne für die Ausländerbehörde. Die haben ihrerseits auch mitgemacht, von daher ist es ihr Problem letzten Endes. Aber man wollte es auf Teufel komm raus nicht den niedergelassenen Ärzten, den Klinikern überlassen, da ein Wörtchen mitzureden. (Herr K.)

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Die Einbringung eigener Expertisen der Ausländerbehörde durch die Begutachtungen des Polizeiärztlichen Dienstes scheiterte, wie Herr K. beschrieb. Er thematisierte die Instrumentalisierung von Kolleginnen und Kollegen kurz und distanzierte sich im nächsten Satz von seinem Mitgefühl, denn sie hätten „mitgemacht“, also wäre es ihr Problem. Daneben verdeutlichte Herr K. interessements (Star/Griesemer 1989: 390), die beide Seiten hatten: Die Verwaltung benötigte die Gutachten der Psy-Vertreterinnen und -Vertreter und die Flüchtlingsunterstützerinnen und -unterstützer wollten einen Aufenthaltstitel für ihre Klientinnen und Klienten. Nach insgesamt fünf Jahren und mehreren Zuspitzungen (Birck et al. 2002: 5) wurden die Attestierungen niedergelassener Psychologinnen, Psychologen, Psychiaterinnen und Psychiater im Herbst 2002 in der neuerlich überarbeiteten Berliner Traumatisiertenweisung ohne weitere Prüfungen anerkannt. Die Basis für eine realisierbare Zusammenarbeit von Ausländerbehörde und niedergelassenen Therapeutinnen und Therapeuten bildete die Einführung von Kammerlisten mit Fachleuten, für deren Qualifizierung die Kammern garantierten und deren Gutachten dafür im Gegenzug von den Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeitern der Ausländerbehörde ohne Prüfungen der „Aussagefähigkeit“ akzeptiert wurden. Die beiden Kammern funktionierten so als Puffer zwischen der Senatsverwaltung und den attestierenden Ärztinnen, Ärzten, Psychologinnen und Psychologen und etablierten so einen neuen Passagepunkt: den Platz auf ihren Listen, der durch Weiterbildung erworben wurde. Dieses Vorgehen war die zentrale Wende in der Konfrontation und ermöglichte endgültige Entscheidungen und die Ausstellung von Aufenthaltsbefugnissen für 2.800 noch in Berlin verbliebene Bosnierinnen und Bosnier, die eine therapiebedürftige Posttraumatische Belastungsstörung geltend machten und sich in Psychotherapie befanden, und ihre Familienangehörigen.

Die Übersetzungen um das boundary object Posttraumatische Belastungsstörung wurden von Machtdemonstrationen beider Seiten begleitet, gleichzeitig war jedoch auch eine Zusammenarbeit notwendig. Die Verwaltung hatte nach dem Wegfall der Prüfung durchs Landesgesundheitsamt keine eigene Expertise mehr, aber die Stellungnahmen der Psy-Vertreterinnen und -Vertreter konnten auch nicht ohne weiteres anerkannt werden, da deren Parteilichkeit für die Flüchtlinge zu offensichtlich war. Mit einer Akzeptanz der Atteste hätte die Verwaltung ihre Aufgabe der Zuwanderungsbegrenzung nicht erfüllt. So war in Anbetracht des zunehmenden politischen Drucks die Kammerlösung der einzig mögliche Weg, den Beschluss der Innenministerkonferenz aus dem Jahr 2000 auch in Berlin umzusetzen, ohne dass eine der beiden Seiten ihr Gesicht verlor.

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Wie wurde Traumatisierung festgestellt, habe ich das schon gesagt? Wenn eine gutachterliche Stellungnahme eines Listenarztes oder -therapeuten vorlag, galt das für uns als festgestellt. Da haben wir denn nicht noch mal nachgeprüft. Und das haben wir der Ärztekammer und Therapeutenkammer überlassen, welche Leute sie auf die Liste [setzen, A. W.]. Es ist schon vorgekommen, dass aufgrund herber Kritik der Verwaltungsgerichte, so einige Leute dann runtergenommen wurden von der Liste. Wo die dann selbst die Kammern nicht mehr abstreiten konnten, dass das zum Teil Gefälligkeitsgutachten waren. (Herr Hampel)

Herr Hampel hatte im Gespräch Mühe, sich an die Zeit vor dieser Regelung zu erinnern. Im Gegensatz dazu war diese Zeit für Flüchtlinge und ihre Ärztinnen, Ärzte, Psychologinnen und Psychologen, die durch die restriktive und oft unkoordinierte Berliner Verwaltungspraxis geprägt war, noch sehr präsent. Zudem verkehrte Herr Hampel einen zeitlichen Zusammenhang, denn die Kritik an zwei Ärzten wurde vor der Listenregelung laut. Die Zweifel an der Qualität von (einigen) ärztlichen und psychologischen Stellungnahmen waren, neben der fehlenden Fachexpertise der Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeiter der Ausländerbehörde, der Grund für die generelle Zweitbegutachtung der Flüchtlinge beim Polizeiärztlichen Dienst.

Mir ist kein Fall bekannt, wo (Fach-)Leute von einer der Listen „runtergenommen“ wurden und selbst die Kammern eingestehen mussten, dass Gefälligkeitsgutachten erstellt worden waren. Zwar hat sich die Liste der Berliner Ärztekammer von der ersten Version vom November 2002 bis zur Version vom März 2005 verkürzt, was mit Qualifizierungsanforderungen oder Pensionierungen zu tun hatte. Die Liste der Psychotherapeutenkammer hat sich im Gegensatz dazu vom Dezember 2002 bis zum Dezember 2004 verlängert. Der aktuelle Weisungsordner der Berliner Ausländerbehörde, der mittlerweile auch online auf der Seite der Ausländerbehörde zugänglich gemacht wurde, enthielt die Version der Ärztekammer vom März 2005 und die Liste der Psychotherapeutenkammer vom November 2004 (ABH 2008a: 524 ff.).

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In der neuesten Version vom Oktober 2007 war aus der „Vorläufigen Übergangsliste für qualifizierte Psychologen/Psychotherapeuten zur Erstellung psychologisch-gutachterlicher Stellungnahmen für traumatisierte Bürgerkriegsflüchtlinge“ die „Liste der Kammer für Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten im Land Berlin [für] Psychologisch-gutachterliche Stellungnahmen von psychisch-reaktiven Traumafolgen bei Bürgerkriegsflüchtlingen in aufenthaltsrechtlichen Verfahren“ geworden. Noch im Jahr 2004 war es eine Übergangsliste und die Expertinnen und Experten, die auf ihr zu finden waren, begutachteten der Überschrift nach von vornherein traumatisierte Bürgerkriegsflüchtlinge. Erst im Jahr 2007, als kaum noch Stellungnahmen angefragt wurden, wurde der Listenname geändert; damit wurde das Ergebnis der Begutachtung im Titel offen gelassen und die Liste war auch nicht mehr vorläufig.

Es war niemand von den Listen durch die Kammern gestrichen worden, weil sie oder er Gefälligkeitsgutachten erstellt hätte. Herr Hampel bezog sich wahrscheinlich auf den Approbationsverlust von Herrn K., dem jugoslawischen Allgemeinarzt, und die Anschuldigungen gegen Herrn Dr. B.. Allerdings stand Herr Dr. B. nie auf der Liste der Berliner Ärztekammer. Er hatte zwar versucht, aufgenommen zu werden, doch die von ihm eingereichten drei Gutachten wurden nicht anerkannt, weil sie zu alt waren. Viele seiner Kolleginnen und Kollegen, die auf der ersten Liste der Ärztekammer standen, konnten sicherlich ebenfalls nur ältere Gutachten vorweisen oder noch nicht einmal solche. Nur so war es möglich, zwei Listen mit 30 bis 40 Spezialistinnen und Spezialisten innerhalb von zwei Monaten zu erstellen.244 Doch in Anbetracht der Stimmung, in der über seine Praxis diskutiert wurde, tat sich die Ärztekammer verständlicherweise schwer, ihn mit auf ihre Liste zu setzen. Für die Senatsverwaltung für Inneres wäre dies inakzeptabel gewesen, denn dann hätten über 70 Prozent aller eingereichten Attestierungen (Abgeordnetenhaus Berlin 06.07.2000: 6) anerkannt werden müssen und die Auseinandersetzungen der vorangegangenen Jahre wären substanzlos gewesen.

Im Nachhinein haben Herrn Dr. B. viele Flüchtlinge ihren Verbleib in Berlin zu verdanken, da er sehr früh eine „Posttraumatische Belastungsstörung, nach ICD-10 (F43.2)“ attestierte und es mit diesen Attesten in den Ausländerakten einen ersten Hinweis auf eine mögliche Traumatisierung der Betroffenen gab, dem nachgegangen und der dann später in längeren Stellungnahmen nochmals bestätigt wurde. Dass jedoch selbst die Stellungnahmen der Listengutachterinnen und -gutachter unter dem Verdacht standen, Gefälligkeitsgutachten zu sein, und die Innenverwaltung sich geradezu zur Zurückhaltung bei Zweifeln an den ärztlichen oder psychologischen Stellungnahmen zwang, es aber mit einer gewissen Genugtuung sah, wenn das Verwaltungsgericht Stellungnahmen infrage stellte, zeigt, wie groß die Vorbehalte immer noch waren. Gleichzeitig unterstreicht es, dass kein ähnliches Verständnis vom Gegenstand, in diesem Fall der Posttraumatischen Belastungsstörung, gefunden werden musste. Nicht einmal für einen gemeinsamen Passagepunkt (Star/Griesemer 1989), der mit den Kammerlisten gefunden wurde, brauchte es einen Konsens zwischen den Akteuren. Allerdings hätte eine Übereinstimmung die Kooperation erleichtert. Aber auch so wurden Wege, zu kooperieren, gefunden, eben weil beide Seiten spezielle Interessen hatten, die sie nur miteinander durchsetzen konnten.

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Weisungen, die Ausnahmefälle schafften, bedeuteten zusätzliche Arbeit für die Ausländerbehörde. Bei der Weisung zu den traumatisierten Bosnierinnen und Bosniern wurden zudem auswärtige Expertisen notwendig. Das hätte funktioniert, wenn es Einzelfälle geblieben wären. So hatte z. B. Frau Bašić keinerlei Probleme mit der Ausländerbehörde. Sie erhielt sofort eine Aufenthaltsbefugnis gemäß der „Traumatisiertenregelung“ der Ständigen Innenministerkonferenz des Jahres 2000 – als erste meiner Gesprächspartnerinnen und -partner und zwei Jahre vor den anderen. Sie war als Überlebende aus Srebrenica, frühzeitiges Therapiegruppenmitglied und mit einer Bestätigung der Schwere ihrer Traumatisierung durch die Psychologin des Polizeiärztlichen Dienstes die gesamte Zeit eine „traumatisierte Bosnierin“ im Weisungssinn. Problematisch war die Vielzahl der geltend gemachten Traumatisierungen, vor allem nachdem der Ausreisedruck zunahm und die Ausländerbehörde den Eindruck gewann, dass sich die Flüchtlinge diesem Druck über die Atteste entzogen und die attestierenden Ärztinnen, Ärzte, Psychologinnen und Psychologen sie darin unterstützten. Ein Vorwurf der Ausländerbeauftragten, Frau Professor John, an die Flüchtlingsberatungsstellen in Berlin lautete, dass sie eine Bleibeberatung anboten (Hohlfeld 2008: 152). Auch in einer Stellungnahme der Senatsverwaltung für Inneres zur Situation der bosnischen Bürgerkriegsflüchtlinge vom Frühjahr 2000 wurde darauf hingewiesen, dass es immer noch viele Flüchtlinge in Berlin gäbe, weil „Hierbleibe-Beratung“ gemacht würde und die Unterstützungsstrukturen ein „enges Beratungsgeflecht verschiedener Organisationen“ bildeten.246 So hatte sich das die Senatsverwaltung, die die psycho-sozialen Angebote anfangs finanzierte, nicht vorgestellt.

Und mit der Zahl der Stellungnahmen dann, die geschrieben wurden, kamen vonseiten der Behörden immer mehr Distanz auf und mehr Misstrauen und Zweifel. Wie kann es denn sein, so viele Traumatisierte in einer so großen Zahl? Oder dann gab es auch natürlich widersprüchliche, oder scheinbare Widersprüche in, zum Beispiel in der Aktenlage bei der Ausländerbehörde und in einer Stellungnahme vom Behandlungszentrum, die man unter Umständen hätte aufklären können. (Herr W.)

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Der Psychologe Herr W. setzte die Skepsis der Behörde mit der Zunahme der Attestierungen in Zusammenhang und meinte, dass entstandene Widersprüche sich hätten aufklären lassen, wenn der nötige Wille hierzu vorhanden gewesen wäre. Die Ausländerbehörde war aber von Anfang an ebenso überlastet wie die Senatsverwaltung für Inneres, wie die in der Akte vermerkten Teilnahmeabsagen am Runden Tisch „aus Zeitmangel“ illustrierten. Deshalb fehlte auch die Zeit für einen Dialog mit den Betroffenen selbst, denen ohnehin mit einem hohen Maß an Misstrauen begegnet wurde, als auch mit den Institutionen und Personen, die die Flüchtlinge unterstützten. In der Konsequenz blieben Verhandlungsspielräume systematisch ungenutzt, um weiteren unsystematischen Druck247 aufzubauen und das Leben für die Flüchtlinge in Berlin möglichst unattraktiv zu machen.

Mit der Zunahme der Attestierungen hätte es eigentlich mehr Gesprächsstoff für beide Seiten gegeben, um das weitere Vorgehen miteinander abzustimmen. Da beide jedoch gegenüber der anderen Seite zunehmend Forderungen und Anschuldigungen formulierten, verlagerte sich die Machtprobe in die juristische Arena. Die Ausländerbehörde wurde wegen der Nichtumsetzung der Weisungen von den Flüchtlingen auf Anraten der Beratungsstellen und von spezialisierten Anwältinnen und Anwälten, die vor allem bosnische traumatisierte Flüchtlinge vertraten und ebenfalls eng mit den Behandelnden zusammenarbeiteten, mit Klagen überhäuft. Wie im Abschnitt über die Lebenswelten beschrieben, hatten viele meiner bosnischen Gesprächspartnerinnen und -partner Erfahrungen mit Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälten.249

6.1.2 Übersetzung zwei – von den Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälten zu den Psy-Vertreterinnen und -Vertretern

Nicht nur die Senatsverwaltung für Inneres musste sich damit auseinandersetzen, was Traumatisierung in klinischen Kategorien war und wie und von wem sie diagnostiziert werden musste. Die Weisungen diesbezüglich ließen auch die Flüchtlingsberatungsstellen sowohl nach neuen als auch nach weiteren Behandlungsangeboten suchen und die Flüchtlinge dazu auffordern, Atteste auf der Ausländerbehörde einzureichen. Von Anfang an war klar, dass psychotherapeutisch gearbeitet werden musste (Bundesrat 15.12.1992: 3; Abgeordnetenhaus Berlin 02.11.1993). Die Forderungen in politischen Gremien gingen auf die Anfangsjahre der bosnischen Flüchtlinge in Berlin zurück. Vor allem Psychologinnen und Psychologen, aber auch Ärztinnen und Ärzte boten sich als Spezialistinnen und Spezialisten für die psychischen Folgen der Kriegs- und Fluchterfahrungen an. Politikerinnen und Politiker erkannten diese Zuständigkeit von Psy-Vertreterinnen und -Vertreter an und finanzierten die Anwendung und Verbreitung psychologischen, psychiatrischen und psychotherapeutischen Fachwissens zum Beispiel durch die Unterstützung psycho-sozialer Projekte für die bosnischen Flüchtlinge (Abgeordnetenhaus Berlin 14.10.1994).

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Ihr neues Betätigungsfeld machte es für die Psy-Vertreterinnen und -Vertreter notwendig, sich mit ausländerrechtlichen Zwängen und Möglichkeiten auseinanderzusetzen. Dies geschah oft in Kooperation mit Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälten, wie es Frau R. im Gespräch beschrieb:

Also ich habe mir auch im Laufe der Jahre mehr angewöhnt, mit den Rechtsanwälten zusammenzuarbeiten, weil es einfach keinen Sinn macht, dass ich denke, ich weiß schon wie so eine Stellungnahme geschrieben wird. Und dann ist für mich klar, wenn ich sage, der Vater von Frau Soundso hat einen Suizid verübt, also gehört Frau Soundso zur Gruppe von besonders verletzlichen Menschen. Das muss dann nochmal extra ausgeführt werden, genetische Belastung und Umweltfaktoren und so weiter. Für mich und für dich ist das irgendwie klar, und wenn es einen Gutachter gäbe, wäre das auch klar, aber für Juristen ist es nicht automatisch klar. […] Und von den Juristen habe ich dann schon auch gelernt, dass die Sachbearbeiterinnen der Ausländerbehörde so infam mit Unterstellungen sein müssen, damit sie überhaupt Ausweisungsandrohungen schreiben können, damit dann überhaupt so eine komische Dynamik in Gang kommt. Aber dabei ist das etwas, was mich nach wie vor wirklich immer wieder zutiefst schockiert. Gerade wenn die Leute genau wissen, dass es sich um psychisch Kranke handelt. Und das ist so was, was ich irgendwie sehr seltsam finde, und dass ich bis heute noch nicht so richtig verstanden habe, warum man so mit den Leuten umgeht. (Frau R.)

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Die Bedeutung der Attestierungen für die Flüchtlinge wurde von den behandelnden Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten erkannt. Sie nahmen diese Rolle ernst und bemühten sich, möglichst eindeutige Atteste zu verfassen. Dazu schrieben sie ihre fachlichen Einschätzungen ausführlicher und allgemeinverständlicher, um sie auch für ein nichtklinisches Publikum nachvollziehbar zu machen. Es waren erneut Übersetzungen notwendig, um eine gemeinsame Arbeitsbasis zu schaffen. Zum Schutz ihrer Klientinnen und Klienten vor einer Abschiebung kooperierten Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte, Ärztinnen und Ärzte und Psychologinnen und Psychologen. Im obigen Zitat wurde deutlich, dass die Gegenseite, in diesem Fall die Berliner Ausländerbehörde, immer in die Überlegungen mit einbezogen wurde und dass versucht wurde, ihre Standpunkte zu verstehen und mögliche Reaktionen vorweg zu nehmen, auch wenn Frau R. am Ende des Zitats sagte, dass sie die Praxis der Behörde weiterhin entrüste. Eine andere Interviewpassage, in der Frau A. ihre Sensibilisierungsarbeit in der Verwaltung beschrieb, verdeutlichte ebenfalls, dass die Unterstützerinnen und Unterstützer die Verwaltungslogik rezipierten:

Und dann gab es am Anfang auch den Versuch mit der Innenverwaltung zu verhandeln, und da haben wir uns Strategien überlegt. Dadurch dass ich auch in der Verwaltung arbeite, kann ich Verwaltungshandeln gut verstehen. Und dann haben wir überlegt, wen kann man anschreiben, wie muss man anschreiben. Wie sind die korrekten Formen, worauf muss man achten, mit wem muss man nicht verhandeln, mit wem darf man, wen darf man nicht übergehen und was können so Forderungen sein. (Frau A.)

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Mit der Senatsverwaltung für Inneres wurde vonseiten der behandelnden Vertreterinnen und Vertreter der Psy-Disziplinen nicht unvorbereitet verhandelt, sondern es wurden Strategien geplant. Frau A. kannte Verwaltungshandeln aus eigenen Erfahrungen, wenn auch aus einem anderen Ressort der Berliner Verwaltung, die durchaus unterschiedlich agierten: So fand im Rahmen der Absprache zum Umgang mit den Attestierungen die Ausländerbehörde die Offenlegung von Angaben zu psychischen Erkrankungen unproblematisch, die Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales drängte hingegen auf einen vertraulichen Umgang mit diesen Daten (vgl. S. 184184). Neben Frau A. beschrieb auch Herr W. die Treffen mit der Senatsverwaltung für Inneres als einen Versuch, Verständnis füreinander zu entwickeln und miteinander ins Gespräch zu kommen. Insbesondere sollten aber die Ansichten der Psy-Vertreterinnen und -Vertreter der Senatsverwaltung für Inneres nahe gebracht werden und nicht umgekehrt. Dazu mussten aber die Argumentationslinien der Senatsverwaltung für Inneres bekannt sein, bzw. verstanden werden.

Deshalb fand neben der in den vorangehenden Kapiteln beschriebenen Wissensvermittlung zur Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung und ihrer Attestierung der Psy-Vertreterinnen und -Vertreter an Kolleginnen und Kollegen, an die Verwaltung und an die Flüchtlinge noch ein weiterer Wissenstransfer statt. Dieser hatte die umgekehrte Richtung und richtete sich an die behandelnden Psychologinnen, Psychologen, Ärztinnen und Ärzte. Ihnen wurde das Wissen über die verfahrensrechtlichen Regelungen und Notwendigkeiten von Rechtsanwältinnen, Rechtsanwälten und Flüchtlingsberatungsstellen vermittelt. Sowohl Herr W. als auch Frau R. betonten die Bedeutung der Zusammenarbeit mit Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälten. Herr W. referierte die verschiedenen in der Arbeit mit Flüchtlingen und Asylbewerberinnen und -bewerbern relevanten Paragrafen:

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Also aufgrund der Verfolgung wegen Rasse, Religion und so weiter. Dieser Flüchtlingsbegriff ist eigentlich weiter als unser im Asylrecht, von daher fallen viele, die nicht unter den 16a Grundgesetz fallen, unter den Paragrafen 51 und können also, auch wenn 16a nicht gewährt wurde, trotzdem nicht abgeschoben werden. Und dann gab es noch den Paragrafen 53, Absatz 6 glaube ich, 4 und 6, und das war bei vielen relevant, dass jemand also nicht abgeschoben werden darf, auch wenn die anderen beiden Paragrafen nicht greifen, wenn er bei einer Abschiebung also mit erneuter Folter oder einer Gesundheitsverschlechterung zu rechnen hat. (Herr W.)

Herr W. als Psychologe zählte die verschiedenen gesetzlichen Grundlagen auf, aufgrund derer Asylbewerberinnen bzw. Asylbewerber oder Flüchtlinge einen Aufenthalt erhalten könnten, oder eine Abschiebung nicht durchsetzbar ist. Dieses musste er nicht ins Attest schreiben. Das übernahmen die Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte in ihren Begleitschreiben. Würde Herr W. die Paragrafen in seinen Stellungnahmen zitieren, wäre klar, dass er nicht unabhängig war, sondern von vornherein im Hinblick auf eine Aufenthaltsgewährung argumentierte. Er würde als Psychologe eindeutig sein Fachgebiet verlassen. Trotzdem hatte Herr W. diese Paragrafen im Kopf, wenn er ein Attest für Flüchtlinge oder Asylbewerberinnen bzw. Asylbewerber verfasste. In diesen rechtlichen Rahmen musste seine Expertise passen, um zu wirken und von der Ausländerbehörde oder einem Verwaltungsgericht als Beweis für die Schutzbedürftigkeit der beschriebenen Klientin oder des beschriebenen Klienten anerkannt zu werden. Für Verwaltungsvertreterinnen und Verwaltungsvertreter mutet seine Aufzählung der verschiedenen Paragrafen des Grundgesetzes und Ausländerrechts wahrscheinlich relativ unzusammenhängend an. Sie verdeutlicht, dass Herr W. kein Jurist oder Verwaltungsfachangestellter war. Ähnlich unzusammenhängend waren aber auch die Weisungen der Senatsverwaltung für Inneres hinsichtlich der Diagnose und Psychotherapie einer Posttraumatischen Belastungsstörung aus der Sicht von Psy-Vertreterinnen und -Vertretern formuliert. Und mit dieser unvollständigen und fachfremden Definition ließ er ungewollt einen Interpretationsraum. Herr W. fuhr fort:

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Und da ist es dann relevant oder, und auch wichtig zu beurteilen, ob jemand, der traumatisiert ist, im Fall einer Abschiebung entweder erneut mit Verfolgungsmaßnahmen rechnen muss. Das entzieht sich häufig unserer Kenntnis. Aber was wir ja prognostisch schon für Urteile abgeben können, ist, was passiert, wenn ein Traumatisierter zum Beispiel an den Ort der Traumatisierung gegen seinen Willen zurückkehren muss. Da kann man sich viele Konstellationen vorstellen, die da eine Prognose beeinflussen, zum Beispiel, zum einen wie ist der bisherige Therapieerfolg oder Behandlungserfolg. Gab es ihn überhaupt, gab es keinen? Wie ist das Trauma integriert in die Gesamtpersönlichkeit? Ist mit einer Konfrontation mit den Tätern vor Ort zu rechnen. Solche Fragen spielen dann da mehr eine Rolle. Bei den Bosniern muss man sich einfach nur mehr konzentrieren, also liegt eine Traumatisierung aufgrund von Kriegserlebnissen vor und leidet die Person heute noch unter der Traumatisierung. Und das sind andere Schwerpunkte. (Herr W.)

Es waren nicht die Paragrafen an sich, sondern die antizipierte Zukunftsperspektive, die einen Aufenthalt ermöglicht. Dass sich jedoch ein Psychologe mit der Frage auseinandersetzte, ob bei einer Rückkehr mit einer Konfrontation mit Täterinnen bzw. Tätern zu rechnen war, zeigte den neuen Fokus der Attestierungen. Darüber hatte das Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge (BAFl), oder seine Nachfolgerin das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), die Ausländerbehörde oder das Gericht zu entscheiden. Psy-Vertreterinnen und -Vertreter in der Flüchtlingsarbeit machten aber dennoch auf diese Gefahr aufmerksam, weil sie wussten, dass dies für aufenthaltsrechtliche Entscheidungen von Bedeutung war. Sie nahmen in ihren Attesten die möglichen juristischen Argumentationen vorweg oder gaben sie implizit vor. Da den Psychotherapien keine Integration des „Traumas in die Gesamtpersönlichkeit“ gelang und wegen des unsicheren Aufenthalts auch nicht gelingen konnte, reduzierte sich die Attestierung auf die Prognose von Zustandsverschlechterungen bei einer Abschiebung oder Rückkehr.

Dabei mussten sich die Attestierenden bei Bosnierinnen und Bosniern „einfach mehr konzentrieren“, sagte Herr W. und meint damit die abweichende Attestierungspraxis bei Bosnierinnen und Bosniern, bei denen es „nur“ um die Feststellung der Kriegstraumatisierung und eines Behandlungsbedarfs ging. Im Asylverfahren war die Gefahr für die Psy-Vertreterinnen und -Vertreter größer, mit unpräzisen Äußerungen oder zu starken Setzungen angreifbar zu werden. Sowohl die Ausländerbehörde als auch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) und auch die Verwaltungsgerichte forderten Fakten, Tatsachen und Einschätzungen, auf deren Grundlage sie entscheiden konnten. Es reichte kein „Herr X. sagt, dass ihn der Gedanke an eine Rückkehr stark aufregt, weil er keine Perspektive für sich und seine Familie sieht“, sondern es muss ein „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird Herr X. durch die Rückkehr retraumatisiert“ sein. Im Asylverfahren ging es nicht, wie bei den bosnischen Bürgerkriegsflüchtlingen, um die reine Diagnostik, sondern den Entwurf und die Interpretation von Zukunftsszenarien. 

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Die Verschiebung auf ein Krankheitsasyl resultierte aus dem politischen Unwillen, Flüchtlinge aufzunehmen. Stattdessen wurde ein Gnadenasyl für Kranke gewährt, wenn sie eine lebensbedrohliche Krankheit hatten, die in ihrem Herkunftsland nicht (adäquat) behandelt werden konnte. Diese Einschätzung oblag zum Großteil sowohl Ärztinnen und Ärzten als auch Psychologinnen und Psychologen, die eine Therapie verordneten. Von ihren Attesten – und vor allem von den von ihnen entworfenen Zukunftsszenarien –, hing die Asyl- und Aufenthaltsgewährung ab. Die Zukunftsperspektive der Erkrankten wurde wichtig, nicht die politische Verfolgung oder Vertreibung. Deshalb wurde der hypothetische Verlauf einer psychischen Erkrankung bei einer Abschiebung ins Herkunftsland beschrieben. Beispiele für solche Entwürfe von Rückkehrszenarien in Stellungnahmen finden sich in Haenel und Wenk-Ansohn (2004: 252 und 276 f.).

Dabei waren Übersetzungen eine Voraussetzung und gleichzeitig keine Einbahnstraße. Beide Seiten lernten voneinander und passten ihre Argumentationen aneinander an. In den Zitaten des Vertreters der Senatsverwaltung für Inneres und der Psy-Expertinnen und -Experten wurde bereits jeweils die andere Seite implizit – zum Teil auch explizit – mitgedacht und deren Argumentation reproduziert bzw. auf sie geantwortet. Auch im Hinblick auf das Flüchtlingsrecht war eine Aneignung durch die behandelnden Psychologinnen, Psychologen, Ärztinnen und Ärzte beschreibbar und eine Übersetzung in ihre Arbeitspraxis. Herr W. zählte die Paragrafen auf und kombinierte die Argumentationslinien von Psy-Vertreterinnen und -Vertretern mit denen der Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte. Frau R. sagte, dass sie sich angewöhnt hätte, mit Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte zusammenzuarbeiten. Frau P. tat dies ebenfalls, wobei ihre Beratungsstelle parallel einen Rechtsexperten beschäftigte und so die multidisziplinäre Begleitung der Flüchtlinge sicherstellte.

Im Gegensatz zu den konfrontativ ablaufenden Übersetzungen zwischen Verwaltung und Psy-Vertreterinnen und -Vertretern, waren die Übersetzungen zwischen Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte, die Flüchtlinge vertraten, und den Psy-Vertreterinnen und -Vertretern, die Flüchtlinge behandelten, sehr viel einfacher, denn beide hatten mit der Erreichung eines Aufenthalts für ihre Klientinnen und Klienten das gleiche Ziel. Deshalb wurden die Expertise und Konzepte der anderen Seite, sowohl Paragrafen als auch Diagnostik, nicht angezweifelt. Eine befreundete Rechtsanwältin beschrieb es als positiv, dass es die Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung als Argumentationsmöglichkeit gab, denn außer ihr gebe es kaum Möglichkeiten, ein humanitäres Bleiberecht zu erstreiten. Genau diese Argumentation halte ich für kritikwürdig: Humanität fällt damit politischem Kalkül und finanziellen Erwägungen zum Opfer, denn die bosnischen Flüchtlinge wurden in Deutschland nicht aufgenommen, weil keine Arbeitskräfte benötigt wurden und die Finanzierung von Unterkunft und Verpflegung die öffentlichen Haushalte belastete. Die nach mehreren Jahren gefundene Notlösung wurde als humanitäre Geste verkauft und von allen Seiten als Erfolg verbucht. Dies ignoriert die Bedürfnisse der aus Bosnien und anderen Ländern stammenden Menschen, die Objekte dieser Humanität. In den Gesprächen wurde klar, dass die Flüchtlinge keine Almosen wollten, sondern ein selbstbestimmtes Leben mit freier Wohnsitzwahl und einem Recht auf Arbeit. Da sie dies auf keine andere Art erlangen konnten als über eine Psychotherapie und die Attestierung einer Posttraumatischen Belastungsstörung, entwickelten sie Taktiken des persönlichen Umgangs mit Attesten und Therapierenden, um in den Genuss von Rechten zu kommen, die keine humanitäre Geste sein sollten, sondern für alle gleichermaßen geltende Grundrechte.

6.2 Machtverschiebungen

Ich denke auch daran, wie das so gebieterische System der Strafjustiz seine Grundlage oder seine Rechtfertigung zunächst in einer Theorie des Rechts und seit dem 19. Jahrhundert in einem soziologischen, psychologischen, medizinischen, psychiatrischen Wissen sucht: als ob selbst das Wort des Gesetzes in unserer Gesellschaft nur noch durch einen Diskurs der Wahrheit autorisiert werden könnte (Foucault 1997: 16).

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Michel Foucault formulierte und begriff wissenschaftlich erzeugte Wahrheiten als modernes Ausschließungssystem (ebd.) und beschrieb in seinem Buch „Der Wille zum Wissen“ exemplarisch den Anspruch der Wissenschaften, Wahrheit zu erzeugen sowie ihr Vorgehen dabei (Foucault 1983). Dazu benutzte er das Bild der „Oberflächen ihres Auftauchens“ (Foucault 1981: 62) und meint damit die Entstehung neuer Themen, mit denen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beschäftigen. Es geht um den Moment, in dem neue Diskursthemen auftauchen, neue Phänomene beschrieben oder anders als bisher begriffen werden. Nikolas Rose forderte, wie auch Foucault, eine Analyse dieser Momente von Veränderungen und Neuerungen in Diskursen (Rose 1998: 70).

In den vorangegangenen Kapiteln habe ich neu entstehende diskursive Formationen, ihre Beziehungen untereinander und ihre Überschneidungen mit anderen Diskursen (Foucault 1981) beschrieben. So wurden die schweren Lebensereignisse der bosnischen Flüchtlinge als krank machend problematisiert und ihre Behandlung durch Psy-Vertreterinnen und -Vertreter als Problemlösung angeboten. Gleichzeitig wurde die als notwendig erachtete Psychotherapie genutzt, um einen sicheren Aufenthalt für die Flüchtlinge zu fordern, da eine Therapie mit einem unsicheren Aufenthaltsstatus nicht helfen könne. Diese Argumentationslinien waren zwar nicht zwingend, wurden aber von allen Seiten anerkannt. Und so tauchte ein neues Thema auf: Flüchtlinge, die Grausamkeiten und Verluste (üb-)erlebt hatten, waren traumatisiert und traumatisierte Flüchtlinge brauchten einen Aufenthaltsstatus, um zu genesen.

Wissenschaftlich erzeugtes Wissen sicherte Einfluss in der Gesellschaft und bildete die Grundlage von Körper- und Biopolitiken, die für Foucault zwei Pole darstellten, die durch „ein Bündel von Zwischenbeziehungen“ verbunden sind (Foucault 1983: 166). Unter Politiken verstand er Regulierungsstrategien, die Verhaltensmöglichkeiten von Menschen vorschreiben und Abweichungen sanktionieren. Beide Politiken, die auf individuelle Körper gerichteten Körperpolitiken und die auf eine Gemeinschaft gerichteten Biopolitiken, waren im Verwaltungsumgang mit den bosnischen Flüchtlingen vorhanden. Zum einen wurden sie als Fremde aus dem „nationalen Körper“ und auch aus dem Berliner Gemeinwesen ausgeschlossen. Sie sollten nicht dazugehören, weshalb ihre Partizipation durch Arbeitsverbot und Wohnheimunterbringung unterbunden wurde. Parallel dazu wurden ihre Körper sowohl über die räumliche Beschränkung kontrolliert, die gewährleisten sollte, dass die Flüchtlinge die Stadt nicht unregistriert verließen, als auch über den Zwang des regelmäßigen Vorstelligwerdens auf der Ausländerbehörde zur Duldungsverlängerung. Hier war der Zugriff auf die Individuen gesichert und auch die frühmorgendlichen Abschiebeaktionen wurden damit gerechtfertigt, dass die Festnahmequote höher wäre, denn nachts würden sich die Flüchtlinge am Ort ihrer Meldeadresse befinden.

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Diese umfassenden Zugriffsmöglichkeiten der Behörden wurden durch die Attestierungen der Behandelnden eingeschränkt, denn sie setzten ihnen psychologische und psychiatrische Expertisen entgegen, die den Betroffenen Schutz gewährten. Die Ausländerbehörde konnte traumatisierte Bosnierinnen und Bosnier nicht nach eigenem Ermessen abschieben. Die Atteste mussten durch weitere Begutachtungen bestätigt oder widerlegt werden. Erst nach erneuter Aktenschau wurde entschieden, ob eine Abschiebung vertretbar war. In verwaltungsrechtlichen Verfahren wurden Expertinnen- und Expertenmeinungen durch Richterinnen und Richter selbstverständlich eingeholt, weil es seit dem 19. Jahrhundert zum Standard gehörte, Entscheidungen aufgrund wissenschaftlicher Meinungen zu treffen. Diese Entwicklung benannte Foucault im Zitat, das diesem Kapitel vorangestellt ist, für die Strafjustiz. Für die Verwaltungsjustiz galt dies im gleichen Maß, für die Verwaltungen selbst war es allerdings (noch) nicht alltäglich.

Die Berliner Ausländerbehörde betrachtete die Attestierungen der Vertreterinnen und Vertreter der Psy-Disziplinen weder am Anfang noch nach Einführung des Listenverfahrens als Amtshilfe im Sinne einer Unterstützung bei der Beurteilung der Sachlage, sondern als Einmischung in ihren Hoheitsbereich. Auch wenn die Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeiter über keine Fachkenntnisse zu psychischen Erkrankungen verfügten, so war es doch ihre und nicht die Aufgabe der behandelnden Ärztinnen, Ärzte, Psychologinnen und Psychologen, über Duldungsverlängerungen und die Gewährung von Aufenthaltsbefugnissen zu entscheiden. Diese Aufgabe war ordnungs-, sprich biopolitisch, denn Zuwanderung sollte reguliert werden.

Die Attestierungen aber waren eine Einmischung in die Ordnungs-/Biopolitik, denn die behandelnden Psy-Vertreterinnen und -Vertreter forderten offen einen weiteren Verbleib der Betroffenen in der Psychotherapie. Anfänglich konnte die Psychotherapiebedürftigkeit von der Behörde als zeitweiliger Aufschub verstanden werden und wurde deshalb in den Jahren 1996/97 wohlwollend umgesetzt. Es gab nicht viele (fach-)ärztliche und psychologische Attestierungen, die vom Landesgesundheitsamt nach formalen Kriterien begutachtet wurden und dieses Verfahren funktionierte gut. Doch in den Folgemonaten und -jahren, mit steigenden Traumatisiertenzahlen und ohne ein funktionierendes Überprüfungsverfahren, wurde der Verwaltung zunehmend klar, dass es keine vorübergehende Problematik bleiben würde:

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Die sollen ja eigentlich [zurückkehren, A. W.], sagen wir mal so, das hat sich ja umgekehrt. Ursprünglich ist man davon ausgegangen, dass auch Traumatisierung nur ein vorübergehender Zustand ist, der irgendwann geheilt ist. Aber in den ganzen Ärzterunden ist. Faktisch ist es so, wer unter diese Regelung gefallen ist, der hat ein Dauerbleiberecht gekriegt. Es wird dann nicht noch mal geprüft. Es erzählen mir ja auch immer die Ärzte dann, das ist nie heilbar, denn in dem Moment, wo man ihnen sagt: „du bist geheilt und morgen musst du zurück“, tritt eine Retraumatisierung ein. (Herr Hampel)

Herr Hampel machte noch einmal den Standpunkt der Verwaltung klar: Es gibt keine Zuwanderungsmöglichkeit für (schlecht qualifizierte) Flüchtlinge. Die Aufnahme erfolgte auf Zeit und alle sollten zurückkehren. Das Bleiberecht, das einige dennoch erhielten, war eine nicht vorgesehene Entwicklung, in deren Verlauf die Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung argumentativ eingesetzt und der Senatsverwaltung für Inneres in einer bestimmten Art und Weise (klar diagnostizierbar, schwere psychische Erkrankung, nicht behandelbar im Herkunftsland) vermittelt wurde. Die Einsicht in die Unheilbarkeit der Krankheit kam auch den behandelnden Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten erst mit der Zeit, im Gefolge des längeren Aufenthalts der Flüchtlinge in Berlin und in den Therapien, den instabilen Nachkriegsverhältnissen in Bosnien und der daraus resultierenden Angst vor einer Rückkehr.

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Der im Zitat beschriebene Übersetzungsprozess zwischen den Vertreterinnen und Vertretern der Psy-Disziplinen und der Verwaltung stellte die Grundlage für eine Machtverschiebung von der Behörde hin zu den Expertinnen und Experten dar. Bezeichnenderweise konnte sich die Behörde nicht gegen die Spezialistinnen und Spezialisten sowie deren Wissen – die erzeugte Wahrheit über die Erkrankung – durchsetzen und auch keine eigene Expertise etablieren. Die Begutachtung beim Polizeiärztlichen Dienst war ein gescheiterter Versuch, von dem sich auch Herr Hampel von der Senatsverwaltung für Inneres distanzierte (vgl. S. 197197). Am Ende gab die Ausländerbehörde sogar ihr Endentscheidungsrecht fast gänzlich aus der Hand bzw. es wurde ihr durch die Senatsverwaltung für Inneres aus der Hand genommen, indem er sie zur Anerkennung der Stellungnahmen der Listengutachterinnen und -gutachter verpflichtete, um den Aktenrückstau aufzuarbeiten, endlich eine politisch vertretbare Lösung vorweisen zu können und die unzähligen Verwaltungsvorgänge abzuschließen.

So gewannen die Psy-Vertreterinnen und -Vertreter mehr Einfluss in der Arena der Flüchtlingsarbeit, denn von ihren Stellungnahmen hing das weitere Schicksal der Flüchtlinge ab. Dermaßen einflussreich wie ihre Expertisen waren nicht einmal die ausgefeilten Argumentationen der Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte, die in höheren Instanzen jeweils revidiert wurden. Auch gab es keine politischen Entscheidungen, die ein humanitäres Bleiberecht für Flüchtlinge, ungeachtet ihrer körperlichen oder seelischen Gebrechen, ermöglichte und damit ohne eine Begutachtung und Attestierung von Fachleuten. Doch jedes Wissen ist normierend: So wie die Atteste vor dem Zugriff der Behörden schützten, regulierten sie auch die Verhaltensweisen der bosnischen Flüchtlinge.

Ian Hacking sprach von Gedächtnispolitiken als einem dritten Pol, der wie Foucaults Körper- und Biopolitiken wirkt und diese ergänzt. In direktem Bezug auf das Foucault’sche Zitat vom „Bündel von Zwischenbeziehungen“ (Foucault 1983: 166) führte er aus:

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The metaphor of poles and intermediary relations hardly gets at the complexities, yet I have found it useful to adopt it. What I call memoro-politics is a third extreme point from which (to continue the metaphor of mapping and surveying) we can triangulate recent knowledge. But I can’t talk about three poles (for there’s only North and South) unless I make a gross pun. I grow my runner beans – pole beans – on a tripod made of three poles. The lush growth at the top, as the beans planted around each pole tangle with the others, is the richest image of Foucault’s “cluster of intermediary relations” (Hacking 1996: 72).

Mit diesem Bild ändert sich die Vorstellung von der Struktur von Machtbeziehungen. Sie sind keine (gebündelten) Linien mehr, sondern organische, gewachsene und sich ständig verändernde Beziehungen. In diesem Sinne waren auch die beschriebenen Entwicklungen miteinander verwoben und schwierig voneinander zu trennen. Vieles war so eng verbunden, dass einzelne Phänomene nicht separat betrachtet werden konnten. Die Attestierungen und Behandlungen der Psy-Vertreterinnen und -Vertreter sind diesem von Hacking eingeführten dritten Pol der Gedächtnispolitiken zuzuordnen. Durch sie wird auf das „Ich“ der Betroffenen zugegriffen, auf ihre Identität. Es ging um deren Selbstmanagement, wie ich es in den Abschnitten zu den Erfahrungen meiner bosnischen Gesprächspartnerinnen und -partner mit den psychotherapeutischen Behandlungen, ihren Neuinterpretationen und auch den Anpassungen der Therapietechniken durch die Psy-Vertreterinnen und -Vertreter an ihre bosnischen Klientinnen und Klienten ausführte. In den Psychotherapien sollten Selbststeuerungstechniken vermittelt werden, die die Gedanken und Gefühle der Flüchtlinge neu ordneten und kontextualisierten. Dass dies nur teilweise gelang, da sich die Flüchtlinge auch immer wieder den Strategien der Fachleute mit vielfältigen Taktiken entzogen (Certeau 1988), zeigte ich ebenfalls auf.

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Während die Verwaltung als Institution mit einem biopolitischen Auftrag auf die Anwesenheit der Körper bosnischer Flüchtlinge fokussiert war und diese im Interesse der Gattungskörper Gemeinwesen oder Nation entfernen wollte und auch ganz konkret im Sinne der Körperpolitiken auf die Körper zugriff, diese in Statistiken zählte, in Wohnheimen unterbrachte und abschob, beeinflussten die Therapien, aus denen die Stellungnahmen zum Großteil entstanden, das Selbstverständnis der Flüchtlinge. Sie begannen sich selbst als Traumatisierte wahrzunehmen. Die Eigenschaft „traumatisiert“ wurde zu einem Teil ihres Selbstbildes. Und diese Anerkennung einer ihnen zugeschriebenen Eigenschaft war eine erneute Regulation, denn die Psy-Vertreterinnen und -Vertreter entschieden (am Ende), wer einen Aufenthaltstitel erhielt. Wer sich ihrer Expertise nicht unterwarf, verwirkte damit seine Aussicht auf einen Aufenthaltsstatus. Wer seine Vorurteile den Psy-Disziplinen gegenüber nicht überwand, musste mit Abschiebung rechnen, weiterwandern, eine deutsche Staatsangehörige bzw. einen deutschen Staatsangehörigen heiraten oder freiwillig zurückkehren.

Es war das Ausweichen vor Regulationsmechanismen wie dem Arbeitsverbot, der Wohnheimunterbringung und der Abschiebung, das in einen anderen Regulationsmechanismus mündete. Obwohl die Therapien Antworten auf einen antizipierten Bedarf waren und die Attestierungen die betroffenen Flüchtlinge vor einem frühzeitigen Zugriff der Behörde schützten, sind beide Teil einer dritten Regulationsstrategie, den Gedächtnispolitiken, die Teil von Identitätspolitiken sind (Rose 1998: 39). Und dies waren sie in einem doppelten Sinn: Einerseits ist Identität an das Gedächtnis gekoppelt, die erinnerten Erlebnisse formen die Persönlichkeit. Diese Erinnerungen wurden insbesondere in den Gruppentherapien als Opfernarrativ geschaffen (vgl. S. 164164). Andererseits wurde „traumatisiert“ zu einer Gruppeneigenschaft der Bosnierinnen und Bosnier und damit ebenfalls Teil ihrer Identität.

Sie begannen sich selbst als traumatisiert wahrzunehmen. „Jeder ist vor dem Tod, vor dem Morden, vor dem Grauen geflohen. Und dann ist es logisch, dass die Leute traumatisiert sind250“ sagte Frau Marković während des Interviews, auch wenn sie mir ihre Traumatisierung nicht mit den Symptomen nach den Klassifikationssystemen erklärte. Für sie waren es existenzielle Fragen, die der Krieg aufwarf und ihre Verhaftung in den Morgenstunden durch die Berliner Polizei, die sie für einige Stunden in Abschiebegewahrsam nahm. Aber nicht nur Bosnierinnen und Bosnier in Berlin waren davon überzeugt, dass sie alle mehr oder weniger traumatisiert waren, die gleiche Argumentation hörte ich auch in Bosnien:

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Im Oktober 2003 war ich im Rahmen des ersten Forschungsprojektes, in dem ich arbeitete, in Sarajevo. Es fand ein psychiatrischer Kongress statt, auf dem einige Kolleginnen und Kollegen Vorträge hielten und im Anschluss daran ein Steuerungstreffen aller beteiligten Projektzentren. Den letzten Tag war auch ich auf dem Kongress und traf dort meine Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich zurück ins Hotel fuhr. Wir nahmen ein Taxi und der Fahrer fragte uns nach dem Einsteigen, was wir in Sarajevo machen würden. Wir sagten, dass wir vom psychiatrischen Kongress kämen und in einem Forschungsprojekt zu Kriegstraumatisierungen arbeiten würden. Daraufhin begann der Taxifahrer meiner Kollegin (Psychiaterin), meinem Kollegen (Psychologe) und mir einen Vortrag darüber zu halten, dass in Bosnien alle Menschen kriegstraumatisiert wären. Alle seien sie nervös, schreckhaft und hätten Schlafprobleme. Das wären eben die Kriegsfolgen, damit müsse jeder, den es betrifft, leben. Kürzer hätte die gängigen Symptome und Ursachen keiner meiner Fachkolleginnen und -kollegen zusammenfassen können, wie sie anerkennend beim Aussteigen kommentierten.

Dabei gab es einen wichtigen Unterschied zwischen den beiden Krankheitsbeschreibungen. Während Frau Marković auf das Erlebte hinwies, sprach der Taxifahrer in Sarajevo von den Symptomen. Wie im zweiten Kapitel zur Diagnose beschrieben, waren es die Symptome, die die gesundheitliche Beeinträchtigung ausmachten, das Erlebte war nur wichtig, um eine Posttraumatische Belastungsstörung von einer Anpassungsstörung zu unterscheiden. Es war aber für die Psy-Vertreterinnen und -Vertreter in der Flüchtlingsarbeit der Passagepunkt: Gab es ein traumatisches Erlebnis, erhielten die Flüchtlinge auch die Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung. Verwaltungsnahe Psy-Vertreterinnen und -Vertreter fragten hingegen nach den Symptomen, und je genauer nachgefragt wurde, desto unwahrscheinlicher wurde es, dass die Beschwerden eindeutig mit dem Erlebten zusammenhingen (vgl. S. 154154). In der Konsequenz wurde die Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung von verwaltungsnahen und auch klinischen Forscherinnen und Forschern, die versuchten, die Beschwerden eindeutig auf das Erlebte rückzubeziehen, seltener gestellt.

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Im Berliner Aufenthaltsdiskurs wurde auf die Erlebnisse der Flüchtlinge fokussiert, denn die Symptome, insbesondere ihre Schwere, sind völlig subjektiv. Deshalb scheiterte auch die Psychologin im Polizeiärztlichen Dienst, die über die Schwere urteilte. Die Fluchtwege hingegen konnten manchmal noch anhand von Stempeln in Pässen nachvollzogen oder mit Schriftstücken in Akten von Familienmitgliedern oder Verwandten abgeglichen werden. Aus diesem Grund mussten sie in den Attesten detailliert beschrieben werden, damit sie einer möglichen Prüfung durch die Ausländerbehörde Stand hielten. Es war die Konzentration auf ihre Erzählungen, auf das erinnerte Grauen, das den Umgang mit den Bosnierinnen und Bosniern in Berlin bestimmte. Die Verbindungen von traumatisierten Bosnierinnen und Bosniern, die unvorstellbare Grausamkeiten erlebten, und der lebensbedrohlichen Schwere der Traumatisierung, die von den Unterstützenden behauptet, aber nicht nachgeprüft wurde, konnten genutzt werden, um ein Aufenthaltsrecht aufgrund gesundheitlicher Beeinträchtigungen zu erwirken. Dies gelang aber nur auf lange Sicht. Kurzfristig wurde eine von Fachleuten, das heißt von Ärztinnen und Ärzten oder von Psychologinnen und Psychologen, durch Atteste bestätigte Traumatisierung zu einer Verschiebung der Abschiebung benutzt.

So wie sich die von Hacking beschriebenen Bohnenpflanzen um die drei Halt gebenden Stangen wanden und zu einem „cluster of intermediary relations“ verbanden (Hacking 1996: 72), griffen in den endgültigen Weisungen zur Erteilung einer Aufenthaltsbefugnis alle drei von ihm beschriebenen Regulationsmechanismen ineinander: Es war ein biopolitisches Interesse, den traumatisierten Flüchtlingen einen Aufenthalt zu geben, damit sie selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen konnten und nicht mehr auf Transferleistungen angewiesen waren. Die anfänglich individuell regulativen Körperpolitiken wurden stark reduziert. Nichtsdestotrotz wurden einzelne Personen bei Zweifeln der Ausländerbehörde, die sich regelmäßig ergaben, zu einer erneuten Begutachtung geladen und die anerkannten Traumatisierten und ihre Familienangehörigen immer wieder zu statistischen Zwecken gezählt. Und die Gedächtnispolitiken wirkten auf die Identitäten der betroffenen Flüchtlinge. Sie nahmen sich als traumatisiert, krank und hilfsbedürftig wahr, besuchten Psychotherapien und nahmen Psychopharmaka, weil ihnen dies empfohlen wurde und es auch gleichzeitig eine Bestätigung ihres Leidens war.

In den verschiedenen von mir beschriebenen Entwicklungen und Verschiebungen wurde ihnen kein anderer Platz gelassen als der von traumatisierten Opfern. Hierin formt sich ein wichtiges regulatives Moment, das auf den unterschiedlichen Akteursebenen reproduziert und so zu einem nicht hinterfragten Dispositiv wurde. Ein Dispositiv ist in den Worten Foucaults „ein entschieden heterogenes Ensemble, das Diskurse, Institutionen, architektonische Einrichtungen, reglementierende Entscheidungen, Gesetze, administrative Maßnahmen, wissenschaftliche Aussagen, philosophische, moralische oder philanthropische Lehrsätze, kurz: Gesagtes ebenso wie Ungesagtes umfasst. Soweit die Elemente des Dispositivs. Das Dispositiv ist das Netz, das zwischen diesen Elementen geknüpft ist“ (Foucault 1978: 119 f.). Dieses Netz hielt die bosnischen Flüchtlinge in der Kategorie von Traumatisierten und psychisch Kranken fest.

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„Weißt Du, ich war nicht so ein Kranker, denn es gibt welche, die brüsten sich damit, krank zu sein. Mich haben Bekannte ausgeschimpft: Du bist nicht in Behandlung, bekommst keine Spritzen, Tabletten“251, sagte Herr Džaferović. Seine von der psychologisierten und medikalisierten Norm abweichenden Verhaltensformen wurden von seinen Landsleuten kritisiert. Denn es gehörte für die meisten Flüchtlinge zum Selbstbild, traumatisiert zu sein und ärztliche und psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ein „normaler“ richtiger bosnischer Flüchtling war traumatisiert, nahm Tabletten und ging in Therapie. Wer das nicht tat und trotzdem behauptete, traumatisiert zu sein, stellte damit die existierende Logik „bosnischer Flüchtling = traumatisiert = therapiebedürftig“ infrage. Herr Džaferović sagte, dass er kein typischer Kranker war, er sah sich also nicht mehr als solcher. Aber er machte auch klar, dass es für viele seiner Bekannten ein bleibender Zustand war, „traumatisiert“ zu sein. Er selbst hat sich nicht vollständig in diese Kategorie einfügen lassen. Weil er Ärztinnen und Ärzten generell mit Skepsis begegnete, nahm er nur die Attestierungen in Anspruch, aber nicht die Psychotherapien. Dies unterscheidet ihn von seinen ihn rügenden Bekannten und anderen meiner Gesprächspartnerinnen und -partner, die den Therapien nicht kritisch gegenüberstanden, sondern sich von den Ärztinnen, Ärzten, Psychologinnen und Psychologen Hilfe erhofften.

Die Annahme, dass die Krankheit von Dauer ist, stellte einen weiteren Rückkopplungseffekt dar, in dem die Flüchtlinge Argumentationen der behandelnden Psy-Vertreterinnen und -Vertreter und anderer Unterstützerinnen und Unterstützer den Behörden gegenüber reproduzierten. Ihre andauernde Hilfsbedürftigkeit rechtfertigte ihren Verbleib in Deutschland und den Aufschub ihrer Rückkehr. Die Behandelnden hatten diese Begründung ihrerseits von Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälten übernommen. Sie beruhte auf deren Erfahrungen mit der Auslegung der Gesetze durch Verwaltungen und Gerichte. Es war eine Kette von Rückkopplungseffekten: Auf der Basis einer restriktiven Asyl- und Flüchtlingspolitik, die als Aufenthaltsgrund nur antizipierte Gesundheitsverschlechterungen bei erzwungener Rückkehr anerkannte, wurde diese Argumentation von Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälten an die Psy-Vertreterinnen und -Vertreter kommuniziert. Diese wiederum übernahmen diese Rechtfertigung gegenüber der Verwaltung, aber auch den Flüchtlingen erklärten sie den Grund für ihren Aufenthalt damit. Und obwohl die bosnischen Flüchtlinge diesen Aufenthaltsgrund weiterhin unlogisch fanden, arrangierten sie sich damit und reproduzierten die Kategorie, indem sie sich selbst als Traumatisierte verstanden, sich so zum Beispiel in den Gesprächen mit mir präsentierten und anderen Bosnierinnen und Bosniern das Gleiche nahe legten.

Im Grunde war es zweitrangig, ob sie sich mit dieser Kategorie identifizierten, manchmal sich nahezu darauf reduzierten, wie Herr Šeferović, oder sie kritisch hinterfragten, wie Herr Džaferović, die beide ehemalige Lagerinsassen waren. Beide Taktiken bildeten Extreme, zwischen denen es eine Vielzahl individueller Arrangements mit dem entstandenen Dispositiv gab. Am Ende erhielten sie jedoch nur mit dem Etikett „traumatisiert“ und aufgrund dieses Etiketts einen Aufenthalt. „Also im Grunde hatten diese Doktoren Psychologen Verständnis für uns. Deshalb sind wir wohl auch als Traumatisierte hier geblieben. Ob es das war, weiß ich nicht“252 wunderte sich Herr Džaferović. Für die Flüchtlinge waren die verständnisvollen Psy-Vertreterinnen und -Vertreter die Verantwortlichen für das Erreichen eines Aufenthaltstitels wichtig, allerdings unter der Voraussetzung, dass sie ihnen das Etikett „traumatisiert“ verliehen.

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Auf den ersten Blick scheint die dritte Spielart der Macht, die Gedächtnispolitiken, den Interessen der Flüchtlinge zu entsprechen. Doch wie gezeigt, strebten die Flüchtlinge ursprünglich keine Psychotherapie an, sondern einen Aufenthalt und die Anerkennung ihres Leidens. Letzteres erwarteten sie von Menschen, die sich das ihnen widerfahrende Unrecht anhörten, moralisch verurteilten und sie in ihrem Weltbild bestätigen konnten, womit sich für die Betroffenen eine Symptomminderung verband. Sowohl die Verlängerung der Duldung oder den Erhalt eines Aufenthaltstitels als auch die Bestätigung ihres Leidens konnten sie nur in und mit einer Psychotherapie erreichen, sodass diese zu einer Regulationstechnik wurde, insbesondere durch die Notwendigkeit der Attestierungen und Therapieteilnahme.

Die Reglementierungen wirkten aber auch auf die, die das Wissen erzeugten und die Definitionsmacht hatten. Die Einflussnahme auf Entscheidungen der Verwaltung erreichten die Behandelnden nur durch eine Standardisierung ihrer Therapien und Begutachtungen in Form von Therapieplänen und verbindlich festgelegten Anforderungen an ihre Stellungnahmen. Star und Griesemer sehen in der Standardisierung von Verfahren eine wichtige Voraussetzung, um Aushandlungen gelingen zu lassen (Star/Griesemer 1989: 392). Wissen(schaft) konnte so Einfluss auf das Verwaltungshandeln gewinnen, musste sich aber selbst regulieren, um anerkannt zu werden. Dies trug auch zur zunehmenden Professionalisierung der Psy-Disziplinen bei, im vorliegenden Fall insbesondere in der Arbeit mit (geflüchteten) Migrantinnen und Migranten.

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Seit dem [der Traumatisiertenregelung für die Bosnier, A. W.] wird das Trauma aber in politischen Kreisen und in der Verwaltung diskutiert, manchmal so, als hätte es die Verwaltung erfunden. Ja also, die hauen uns im Grunde genommen mittlerweile unsere Standards und unsere Stellungnahmen um die Ohren, weil sie der Meinung sind, sie würden formal nicht in Ordnung sein und solche Dinge. Wo wir diejenigen waren, die die Standards aufgestellt haben. (Herr K.)

Das Aufstellen von eigenen Standards schützte nicht davor, dass sich die „Gegenseite“ dieser bemächtigte und sie konsequent einforderte. Früher bemängelten die Psy-Vertreterinnen und -Vertreter die vom Wortlaut der Traumatisiertenweisung abweichende Praxis der Ausländerbehörde, heute bemängeln Verwaltungsangestellte die Gutachten von Psychologinnen, Psychologen, Ärztinnen und Ärzte, wenn sie nicht den formulierten Standards entsprechen. In beiden Fällen wurden die eigenen Vorgehensanleitungen durch andere Akteure überwacht und eingefordert. Beide Seiten mussten sich an ihre eigenen Kategorisierungen halten, da sie für einen größeren Kreis von Fachleuten galten, die sowohl auf Verwaltungsebene als auch aufseiten der Unterstützerinnen und Unterstützer allesamt mit Flüchtlingen beschäftigt waren. Es entstanden konkrete Erwartungen an die jeweiligen Expertinnen bzw. Experten, die sie erfüllen mussten, um weiterhin als solche zu gelten.

Im Ergebnis normierten und veränderten die von Spezialistinnen und Spezialisten aufgestellten Kategorien nicht nur die Subjekte, die in diese Kategorien passen (sollten), sondern auch die Fachleute selbst. Allerdings waren Letztere an der Fortsetzung des Fachdiskurses beteiligt und konnten darauf hinwirken, dass Kategorien verändert und angepasst wurden.257 Auch hier gibt es Machtgefälle. So profitierten insbesondere die beiden Behandlungszentren von der endgültigen Regelung zur Attestanerkennung, denn deren Sachverstand hatte Gewicht und wurde bekräftigt, sie führten die Fortbildungen für ihre Kolleginnen und Kollegen durch, die diese erst zum Verfassen von Stellungnahmen befähigten.

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Da wurde der Kompromiss 2002 glaube ich gefunden, dass man, wenn eine Stellungnahme vorliegt, die auch qualifiziert ist und das musste die Psychotherapeutenkammer garantieren, beziehungsweise die Ärztekammer. Die haben dann sogenannte Listen erstellt, auf denen die Gutachter drauf standen, die ihrer Ansicht nach qualifiziert waren. Wir haben uns bemüht, da mit auf diese Liste draufzukommen. (Herr K.)

Wo die Spezialistinnen und Spezialisten der Behandlungszentren sich „nur“ bemühen mussten, mussten andere Psy-Vertreterinnen und -Vertreter Weiterbildungsseminare durchlaufen (und bezahlen), um auf die Kammerlisten gesetzt zu werden. So wurden in erster Linie die niedergelassenen Ärztinnen, Ärzte, Psychologinnen und Psychologen reglementiert und zum Nachweis oder Erwerb von Qualifikationen gezwungen, deren Besitz sich hingegen für die Beschäftigten der Behandlungszentren von selbst verstand. Sie stiegen zu Dozentinnen und Dozenten auf, die ihre Kolleginnen und Kollegen in Fortbildungen für die Begutachtung psycho-reaktiver Traumafolgen im Rahmen des entwickelten „Curriculums“ weiterbildeten. Einige von ihnen wurden zu Supervisorinnen bzw. Supervisoren, die ihre Kolleginnen und Kollegen beim Verfassen von drei Gutachten begleiteten. Diese Gutachten waren neben der Teilnahme am Curriculum Voraussetzung, um in eine der Kammerlisten aufgenommen zu werden.

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Zusätzlich waren die beschriebenen Entwicklungen mit einem Zugewinn an Einfluss der Psychologinnen und Psychologen verbunden. Dieser ließ sich nicht nur im Bereich der Unterstützung von Flüchtlingen und Asylbewerberinnen und -bewerber finden. Auch im nationalen Kontext verfestigte sich der Status psychologischer Psychotherapeuten. 1999 wurde das Psychotherapeutengesetz verabschiedet, das Psychotherapeutinnen und -therapeuten Kassenärztinnen und -ärzten gleichstellte und sie direkt in die Versorgungsstruktur einbezog. Teil dieser Entwicklung war die Gründung eines eigenen Berufsverbandes im Jahr 2000 auf Initiative der Berliner Senatsverwaltung: die Psychotherapeutenkammer Berlin.

Diese Kammer hatte mit der Erarbeitung der Kriterien und der Erstellung der Liste für die Begutachtung von kriegstraumatisierten Flüchtlingen ihre erste Aufgabe zu bewältigen, in der es auch um die Repräsentation des Berufsstandes Psychologischer Psychotherapeutinnen und -therapeuten gegenüber der Verwaltung ging.259 Bei der Zusammenstellung der Kriterien und Listen kooperierte die neu gegründete Berliner Psychotherapeutenkammer, vermittelt über das Behandlungszentrum für Folteropfer, eng mit der Berliner Ärztekammer. Letztere existierte bereits seit 1961 und war ein etablierter und einflussreicher Akteur. In der Zeit der Zuspitzung des Konfliktes zwischen den Traumaexpertinnen bzw. -experten und der Verwaltung kritisierte auch die Berliner Ärztekammer neben dem Behandlungszentrum für Folteropfer die Senatsverwaltung für Inneres öffentlich (Birck et al. 2002: 5) und öffentlichkeitswirksam (Soliman 2000).

Die Machtverschiebung von der Verwaltung zu den behandelnden Psy-Vertreterinnen und Vertretern war im Foucault’schen Sinn eine „Oberfläche des Auftauchens“ der Psy-Expertise in aufenthaltsrechtlichen Angelegenheiten. Es ist der Zeitpunkt an dem beobachtbar ist, wie „consequences become conditions“ (Clarke 2005: 287 f.), das heißt Folgen von Entwicklungen zu Voraussetzungen für neue wurden. Neuere Entwicklungen waren auch kritische Auseinandersetzungen der Psy-Vertreterinnen und -Vertreter mit ihrem neuen Status. Denn die von ihnen in Aushandlungsprozessen mit der Berliner Senatsverwaltung für Inneres erstrittenen Regelungen wurden kurz nach ihrer Verfestigung von ihnen selbst kritisch hinterfragt. Sie problematisierten die neuartige therapeutische Beziehung, die durch eine Abhängigkeit der Klientinnen und Klienten von den Stellungnahmen geprägt war. Der größere Einfluss von Psy-Wissen politisierte die Behandlung und weitete die Notwendigkeit von Attestierungen aus.

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Wobei das, was wir heute produzieren, sind zehn Seiten mit wirklich detaillierter Untersuchung von allen Reisewegen und allen Beschwerden von bis und Familienangehörigen. Das haben wir nicht immer tun müssen. Zu Beginn waren die Stellungnahmen viel kürzer und das hat auch gereicht. Aber irgendwann mal hat man angefangen die Schlüssigkeit zu prüfen und dann hat man versucht, nachzuweisen, dass das, was wir schreiben, nicht schlüssig ist. Und dann wurde das irgendwie immer mehr kriminologisch. […] Eine ganz primitive Argumentation, aber die kam von einer wichtigen Stelle, die Macht hatte, und dann mussten wir halt dagegen argumentieren, das hieß, die ganze Situation noch mal aufrollen und nachweisen. […] Ist natürlich an jeder fachlichen Notwendigkeit vorbei und quält die Leute unnötig. Aber wir haben es machen müssen. Nicht nur wir, alle. Es gab auch diese Fortbildungen bei der Psychotherapeutenkammer, wo man dann extra noch darauf hingewiesen hat. […] Wenn Sie das nicht machen, dann gefährden Sie die Leute und machen Ihre Arbeit nicht richtig. […] Das war also unser Alptraum: Schlüssigkeitsprüfung. (Frau P.)

Es ist bezeichnend, dass Frau P. meinte, dass die Ausländerbehörde umfangreichere Atteste forderte, weil sie Macht hatte und dagegen argumentiert werden musste, ausführlicher und von Expertinnen und Experten, die sie als „wir“ und somit als einen gemeinschaftlichen Akteur begriff. Sie hielt das Vorgehen für unnötig, ja sogar schädlich für die Flüchtlinge, fügte sich aber dennoch, um die Flüchtlinge nicht zu gefährden, auch wenn sie sie für die Begutachtung „quälen“ musste. Die Kriterien, die den Umfang der Atteste und damit auch eine umfassende Befragung notwendig machten, wurden jedoch von Spezialistinnen und Spezialisten innerhalb der Kammern erstellt, die selbst Flüchtlinge unterstützten. Für die neuerdings notwendige Ausführlichkeit waren die unterstützenden Psy-Vertreterinnen und -Vertreter selbst verantwortlich. Als eine Konsequenz wurden die von ihnen aufgestellten Standards von ihren Berufsverbänden mit dem Hinweis auf Professionalität eingefordert und verteidigt.

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Mit den neuen Regelungen sahen sich die Therapeutinnen und Therapeuten in die Rolle von Einzelfallentscheiderinnen und -entscheidern gedrängt und thematisierten dies in zahlreichen Publikationen (Groninger 2001; Haenel/Wenk-Ahnson 2004; Rafailović 2005; BAFF 2006; Groninger 2006). Zuvor mussten sie für ihre Klientinnen und Klienten keine Stellungnahmen schreiben, die über deren weitere Zukunft entschieden. Mit dieser neuen Rolle, die sie sich in den Auseinandersetzungen mit der Berliner Senatsverwaltung für Inneres mühsam erstritten hatten, fanden sie im Ergebnis zu viel Verantwortung bei sich konzentriert (Haenel/Wenk-Ahnson 2004). Die Begutachtung verleugne das individuelle Leiden der Betroffenen und diene einem Kontrollsystem, in das die Begutachtenden mit eingebunden würden (Groninger 2006). Damit nahmen die Behandelnden die regulativen Momente ihrer Arbeit durchaus wahr und thematisierten sie, allerdings nur im Hinblick auf ihre Verbindung mit den Biopolitiken der Verwaltung, deren Verbindung sie zuvor aktiv eingefordert hatten. Den Therapiezwang an sich und die damit verbundene Medikalisierung und Psychologisierung von individuellen Leidenserfahrungen diskutierten sie nicht. Am ehesten machten sie in diesem Zusammenhang auf gesellschaftliche Kontexte und die Individualisierung des Leids aufmerksam. Ihre eigene Rolle in der Konstitution traumatisierter Subjekte blieb für sie ein blinder Fleck.

So ist in der Publikation „Begutachtung traumatisierter Flüchtlinge. Eine kritische Reflexion der Praxis“ zu lesen:

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Insgesamt ist eine Tendenz zur Medikalisierung von Traumata zu beobachten, die mit sozialen und politischen Dimensionen verknüpft sind, sowohl was den Kontext der Traumatisierung angeht als auch Aspekte der individuellen und kollektiven Bedeutung für die Überlebenssituation. […] Das ‚D‘ in PTSD steht für ‚disorder‘, Störung, womit ein sozialpolitisches Problem zur Psychopathologie umgedeutet wird. Es gibt wohl nichts weniger hilfreiches für die Opfer von Menschenrechtsverletzungen als ihre Leiden nur noch als psychische Krankheiten zu bezeichnen [Hervorhebung A. W.] (BAFF 2006: 40 f.).

In den folgenden Artikeln des Buches wurde jedoch genau dieses unpolitische und pathologisierende Konzept der Posttraumatischen Belastungsstörung und ihre Diagnostik in den Auseinandersetzungen mit Richterinnen und Richtern und Einzelfallentscheiderinnen und -entscheidern im Asylverfahren verteidigt (BAFF 2006: 51 ff.) und somit verfestigt, anstatt die zitierten kritischen Sätze weiterzudenken. Das „nur noch“ verweist auch darauf, dass sich die Kritik auf die ausschließliche Pathologisierung richtete, nicht auf das Konzept von psychischer Störung infolge von Leidenserfahrungen in einem westlichen Kontext an sich. Die Erkrankung ist legitim, sie sollte nur in einem größeren Zusammenhang gesehen werden. Im Gegensatz dazu finde ich die Auffassung, dass Leidenserfahrungen psychische Störungen hervorrufen, aufgrund der dargestellten regulativen und marginalisierenden Effekte an und für sich hinterfragenswert und kritikwürdig. Eine andere Publikation aus dem Kreis der Berliner Behandelnden fordert:

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Im Umgang mit Behörden ist immer wieder darauf hinzuweisen, dass die Beurteilung von Beeinträchtigungen, Symptomen, Krankheiten und ihren Prognosen […] eine originär klinische Aufgabe ist. Die notwendigen Kenntnisse dazu liefern ausschließlich die Disziplinen der Medizin, klinischen Psychologie und Psychotherapie mit ihren jeweiligen Methoden der Diagnostik (Haenel/Wenk-Ahnson 2004: 94).

Gleichzeitig kritisiert diese Publikation aber auch die Überlastung mit Verantwortung der Behandelnden durch Begutachtungen. Dabei entstand die Verantwortung aus der Forderung nach der eigenen Expertise. Diese Zweigleisigkeit war bezeichnend für die Argumentation der Psy-Vertreterinnen und -Vertreter in der Flüchtlingsarbeit. Auf der einen Seite wurde die Medikalisierung verurteilt und die Verschiebung der Verantwortung kritisiert, auf der anderen Seite die eigene fachliche Expertise jedoch gegenüber den Behörden verteidigt. Und auch den Flüchtlingen gegenüber etablierten sich die Psy-Vertreterinnen und -Vertreter als kompetente Ansprechpartnerinnen und -partner und als Unterstützende und sicherten so die Therapienachfrage:

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Und ich sagte es dann Doktor H. und er sagte mir: „Hab keine Angst, dich kann keiner ausweisen, wir stehen hinter dir. Denn du bist nicht für die Rückkehr.“ Und er hat ein Attest geschrieben. […] Und er hat mich beraten, was ich machen soll. […] Und dann hat die Polizei es akzeptiert und angenommen. Das heißt, danach hatte ich keine weiteren Probleme.260 (Herr Šeferović)

Die Psy-Vertreterinnen und -Vertreter waren sich ihres neuen Einflusses als Akteure durchaus bewusst und machten dies auch den Flüchtlingen, wie hier Herrn Šeferović, klar. Die Bosnierinnen und Bosnier hatten die Wahl: entweder den Psy-Vertreterinnen und -Vertretern zu glauben und in Therapien zu gehen und Atteste auf die Ausländerbehörde zu tragen oder sich der Therapie und den Attestierungen zu verweigern und alternative Wege zu suchen, in Deutschland zu bleiben, zurückzukehren oder weiterzuwandern.

Aus dieser Situation, die verkürzt als „Therapie oder Rückkehr“ beschrieben werden könnte, die von den Psy-Vertreterinnen und -Vertretern zum Teil erstritten und im Nachhinein kritisiert wurde, gab es keinen Ausweg. Eine Verweigerung der Attestierungen und ein radikaler Rückzug aus der politischen Flüchtlingsarbeit hätte für die Vertreterinnen und Vertreter der Psy-Disziplinen bedeutet, ihre erstrittene Stellung aufzugeben und die Zukunft der Flüchtlinge wieder der Entscheidungsgewalt der Ausländerverwaltung zu überlassen. Es war eine paradoxe Situation für die Therapierenden, die im Aufbau der Argumentation begründet lag. Wenn nur traumatisierte Flüchtlinge aufgrund ihrer Erlebnisse besonders schützenswert waren, musste dies attestiert werden. Solche Begutachtungen hätten auch Verwaltungsstellen übernehmen können, wenn sie zu den gleichen Ergebnissen gekommen wären wie die niedergelassenen Psy-Vertreterinnen und -Vertreter und die in Behandlungszentren und Beratungsstellen arbeitenden. Die Behandelnden hatten das politische Interesse, möglichst viele Flüchtlinge vor der Abschiebung zu bewahren und deren Lebensbedingungen zu verbessern. Auch wenn sie dieses Interesse mit Standards und Normen zu maskieren suchten und immer wieder den Behörden gegenüber betonten, die Diagnostik wäre eindeutig, handelte es sich um ihren persönlichen Beitrag zur Flüchtlingsarbeit, den sie oft mit der historischen Schuld Deutschlands begründeten.

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Der von den Psy-Vertreterinnen und -Vertretern ausgehandelte Einfluss auf die Flüchtlingspolitik Berlins hatte humanitären Charakter und stand im Zeichen der Hilfe. Doch sobald humanitäres Engagement mit wissenschaftlichen Wahrheiten, in diesem Fall dem Psy-Wissen über eine psychische Störung, verbunden wurde und die Diskussion bestimmte, verschwand die Humanitas. Stattdessen wurde mit (scheinbaren) Fakten argumentiert, die konkrete Entscheidungen nach sich ziehen mussten. Humanitäres Engagement gründet sich aber auf Mitgefühl, das keinen Platz in einem wissenschaftlichen Diskurs hat, auch wenn es seine Grundlage sein sollte.

Am Ende erstritten die Psy-Vertreterinnen und -Vertreter erfolgreich ein humanitäres Bleiberecht für Traumatisierte. Sie reduzierten mit ihren fachlichen Argumentationen den Einfluss der Flüchtlingsverwaltung für den konkreten Moment, für die Gruppe der bosnischen Bürgerkriegsflüchtlinge. Die Traumatisiertenregelung war eine Lösung, mit der zwar alle unzufrieden waren261, aber mit der sie trotzdem leben konnten. Dieser Umstand ist das Faszinierende und Einzigartige an der geschilderten Situation. Es wurde keine „gemeinsame Sprache“ gefunden, wie es Galison darstellte (Galison 1999) und auch Star und Griesemers Beschreibung eines gemeinsamen Ziels der meisten Akteure als Funktionsbedingung für eine Kooperation und die Einbeziehung von weiteren Akteuren über das neutrale Medium „Geld“ fanden sich nicht (Star/Griesemer 1989: 408). Es wurde ein Arbeitskonsens geschaffen, obwohl sich alle Akteure weiterhin gegenseitig misstrauten und sie in ihren eigenen Logiken verhaftet blieben.

Somit wundert es nicht, dass ein Resümee lautete: „Den Sündenfall Traumatisierungsregelung wird es kein zweites Mal geben.“ So zitierte Herr K. einen Vertreter der Senatsverwaltung für Inneres und fuhr fort: „Und warum Sündenfall? Weil sich die Ausländerbehörden letzten Endes so viel Ärger eingehandelt haben in der Umsetzung.“


Fußnoten und Endnoten

225   Brief der Senatsverwaltung für Inneres an das Landeseinwohneramt Berlin - IV - vom 14.02.2001 zur Vorbereitung der Weisung E.Bos.1 (Akte der Senatsverwaltung für Inneres).

228   Die Flüchtlinge waren nur als Boten am Austausch beteiligt, ansonsten aber die Objekte, auf die sich der Austausch bezog. Sie waren stille Akteure (Clarke 2005), deren Fluchtgeschichten und Symptome in den überbrachten Schriftstücken berichtet wurden.

229   Auch in der Argumentation der Berliner Ärztekammer gegenüber war es wichtig, dass die Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung in den Klassifikationssystemen beschrieben wurde (vgl. Zitat Frau R. auf S. 142142)

230   Die letzte Weisung, die allen bosnischen Flüchtlingen eine Aufenthaltsbefugnis zusprach, die irgendwann einmal eine Posttraumatische Belastungsstörung bei der Ausländerbehörde geltend machten, verband diese beiden Verschiebungen, weil für die langjährig Geduldeten eine Lösung gefunden werden sollte. Das hieß, dass Flüchtlinge, die in elf bis vierzehn Jahren Duldungszeit in Berlin kein einziges Attest eingereicht haben und immer noch einen unsicheren Aufenthaltsstatus hatten, wirklich zurückkehren mussten. Mir sind keine Bosnierinnen und Bosnier bekannt, auf die Letzteres zugetroffen hätte. Das Vorliegen einer Posttraumatischen Belastungsstörung bei mindestens einem Familienmitglied war der Hauptgrund, warum bosnische Bürgerkriegsflüchtlinge 2006, als diese Weisung erlassen wurde, noch in Berlin lebten.

232   So meinte er, dass sie keine oder schlechte Ausbildungen hätten und deshalb in Berlin nur Hilfsarbeiten verrichten könnten, für die es auch genug Deutsche und aufenthaltsberechtigte Ausländer gäbe. Zudem wäre das Leben hier bequemer als in Bosnien.

234   Akte der Senatsverwaltung für Inneres.

237   Zeit und Jung merkten an, dass es vor allem in der Inneren Medizin und der Psychiatrie frühzeitig, das heißt bereits im 17. und 18. Jahrhundert, ein Bewusstsein für die Wichtigkeit von Anamnesen, im wörtlichen Sinn „Vorgeschichte der Krankheit“ gab (Zeit/Jung 2004: 23). Es sind die Gebiete der Medizin, in denen wenig „offensichtlich“ ist. Körper und Gedanken brauchten medizinische Interpretationen, um für Fachfremde verständlich zu werden. Zeit und Jung wiesen darauf hin, dass sich das Wort „Anamnese“ vom griechischen Wort für „die Erinnerung“ ableitet und eine wichtige Rolle im abendländischen Denken spielt. Der auf diese Ausführungen folgende Absatz trägt die Überschrift „Gedächtnis als Baustein der Persönlichkeit“ und reproduziert Hackings historische Überlegungen zur Entstehung von Gedächtnispolitiken (Hacking 1996), in dem sie das Gedächtnis ins Zentrum der westlichen Identität stellen, natürlich ohne die regulativen Momente zu thematisieren, die Hacking aufzeigt (Zeit/Jung 2004: 18 ff.).

244   Die Entstehung der Listen wurde nicht dokumentiert. Aus den Gesprächen mit den Psy-Vertreterinnen und -Vertretern, die auf den Listen standen, schließe ich, dass die ersten Listen nach Interessenbekundungen entstanden und Nachweise später erbracht wurden.

246   Vorlage für die Vorbereitung eines Gesprächs am 31.03.2000 vom 27.03.2000 zur Planung des weiteren Vorgehens bezüglich der ehemaligen bosnischen Kriegsflüchtlinge auf S. 7 (Akte der Senatsverwaltung für Inneres).

247   Auch in der gerade zitierten Vorlage wurde unter „Gründe[n] für die weiterhin hohe Bestandszahl von Flüchtlingen/Probleme im Rahmen der Erhöhung der Abschiebezahlen“ auf S. 8 auf die „Inkonsistenz der in Berlin betriebenen Flüchtlingspolitik“ hingewiesen (ebd., Akte der Senatsverwaltung für Inneres).

249   Die Kooperation zwischen Rechtsanwältinnen bzw. Rechtsanwälten und Behandelnden zeigte das Zitat von Frau Nuhanović. Ihre Söhne sollten die Atteste bringen, damit eingeschätzt werden konnte, ob die attestierten Krankheiten, insbesondere eine Posttraumatische Belastungsstörung, dazu benutzt werden konnten, eine Visumsverlängerung zu beantragen oder einzuklagen (S. 7171). Herrn Šeferović ging es genauso (S. 72), Herrn Tomić ähnlich (S. 70).

257   Was nicht heißt, dass die Flüchtlinge den Fachdiskurs nicht verändert hätten. Das taten sie wie im Kapitel zur Interaktion zwischen Psy-Praxis und Flüchtlingen beschrieben. Aber sie taten dies implizit, als stille Akteure durch ihre Anwesenheit und Reaktionen des Fachwissens auf sie. Die Psy-Vertreterinnen und -Vertreter entwickelten im Gegensatz dazu den Diskurs strategisch und aktiv.

259   Diese Rolle hatte davor zum Teil das Behandlungszentrum für Folteropfer wahrgenommen, allerdings nicht exklusiv für Psychologische Psychotherapeutinnen und -therapeuten, da vor allem Ärztinnen und Ärzte zu dessen Personal zählten. Psychologinnen und Psychologen wurden erst in den letzten Jahren zunehmend eingestellt.

261   Für die Flüchtlinge kam die Regelung zu spät und bedeutete viele Jahre im Wohnheim, ohne Arbeitserlaubnis und unter hohem Abschiebungsdruck. Für die Psy-Vertreterinnen und -Vertreter waren die Attestierungen zuviel Verantwortung und beeinflussten die therapeutischen Interaktionen, die immer auch vor dem Hintergrund der Erlangung eines Aufenthalttitels stattfanden und nicht aus einem Therapiebedarf heraus. Für die Senatsverwaltung für Inneres waren die Kriterien zu weich und erforderten zuviel externe Expertise und interne Nachprüfungen. Die Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung wurde durch ihre kontroverse Diskussion und häufige Anwendung zweifelhaft.

226 Frau Lisac: Pa ja znam sjećam se da sam trebala ići na policiju. Nisam imala pojma šta je atest, nikada čula za atest. I tada sam imala razgovor pojedinačni sa Z. i onda je Z. meni rekla, Marija ti si već dugo kod nas u Behandlungu, ti imaš pravo na atest. Rekoh šta je atest? Kaže ona, ja ću napisati za Behörde da si ti ovdje i šta te muči i kako te muči. I eto, tad sam ja saznala za taj atest. Kada sam ga pročitala od Z. kada sam uzela od Z. i ponjela na Beh ö rde, ja pola tih izraza nisam razumijela. Jednostavno nisam znala šta je atest.

233 Frau Lisac: Pa, oni u principu odmah na početku sumnjaju u ateste, to je njihova startna misao da sumnjaju u ateste. Tako oni pođu. Oni tretiraju svakog čovjeka kao da je slagao, kao da je prevario, kao da je, kao da je ovaj folirant, simulant. I tako dalje. I tako su mnogi ljudi doživljeli ponovo slomove zahvaljujući takvoj, takvom tretmanu. Nisam samo ja. Ja sam čula da su mnogi ljudi doživljeli poteškoće poslije tog ispitivanja, ne samo ja.

235 Frau Lisac: Pa, oni su me pozvali na ispitivanje, to kako se zove taj Gutachten. I onda je žena koja je vodila taj Gutachten pretjerala. Ona je jednostavno pretjerala, izvršila veliki pritisak na mene nije procijenila dobro u kakvom sam ja psihičkom stanju i tada mi se to desilo. [...] Ona se, ona, ona je mene ismijavala. Ona je ismijavala moje probleme, ona je bila tako arogantna i tako je bila gruba u nastupu da ja, da se ja pitam ko je joj dao uopšte diplomu da ona bude ljekar.

250 Frau Marković: Svako je pobjegao od smrti od pokolja od tog užasa. I logično je da su ljudi traumatizirani.

251 Herr Rogonja: Pa u suštini večinom za ateste. Znaš kako ja ono nisam bio toliki bolesnik, jer neko se hvali da je bolestan znaš. Meni su kolege napadali ti se ne liječiš ne primaš injekcije, tablete.

252 Herr Džaferović: Eto u glavnom, esto, imali smo te imali su ti doktori psiholozi razumjevanje prema nama. Valjda smo i zbog toga eto kao traumatizirani ostajali tu. Da li je to to ne znam.

260 Herr Šeferović I rekao sam tada doktoru H. i tako. I onda on meni kaže ne boji se tebe ne može niko protjerati mi stojimo iza tebe. Jer ti nisi za vračanje za dole i tako. I on je napisao atest. [...] On mi je isto posavjetovao šta ću kako ću. [...] I tada je policija to akceptirala i prihvatila. Znači, tada nisam imao nikakve dalje problema.



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