7 Fazit

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Ich zeichnete die Verhandlungen um ein Aufenthaltsrecht für bosnische Bürgerkriegsflüchtlinge in Berlin zwischen den Jahren 1996 bis 2006 nach. Im Verlauf verengten sich diese Verhandlungen auf die Gruppe der Traumatisierten, die eine psychotherapeutische oder psychiatrische Behandlung benötigten und deshalb bleiben durften. Ausgangspunkt waren Leidenserfahrungen, die sowohl den Bosnierinnen und Bosniern selbst als auch der Verwaltung in psychologisierter Form erklärt wurden, aber nur als schriftlich attestierte psychische Erkrankung in Kombination mit ihrer psychotherapeutischen Behandlung einen weiteren Aufenthalt rechtfertigten. Es wurde verhandelt und behandelt, um bosnischen Bürgerkriegsflüchtlingen einen Neuanfang in Berlin als behandlungsbedürftige psychisch Kranke infolge von Kriegserfahrungen zu gestatten.

Das endgültige Ergebnis – die Anerkennung ihres Leids in psychischen Kategorien und einem Bleiberecht – steht im Schnittpunkt vielfältiger historischer Entwicklungen, die in mehr oder weniger intensive Beziehungen zueinander traten. Dazu zählen: die Standardisierung psychiatrischer Diagnostik seit 1980, die zunehmende Bedeutung und Professionalisierung von psychologischen Psychotherapeutinnen und -therapeuten, die Flüchtlingsbewegungen aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland, die Wiedervereinigung mit den daraus resultierenden wirtschaftlichen Belastungen und der deutschen Vergangenheitsbearbeitung. Ich zeigte, wie sich diese Gegebenheiten und Entwicklungen verstärkten oder behinderten, unabhängig voneinander parallel entwickelten, um später miteinander in Beziehung zu treten, oder sich in Abhängigkeit voneinander zu entwickeln, um sich dann separat fortzusetzen. In ihrem spezifischen Zusammenspiel bedingten sie die von mir beschriebene Psychologisierung menschlicher Leidenserfahrungen im Umgang mit den bosnischen Flüchtlingen.

Hacking definierte diese Entwicklungen als Gedächtnispolitiken, die sich auf das Selbstverständnis von Individuen richten, die lernen, sich in einer bestimmten Art und Weise zu definieren. In meinem Feld begannen sich die bosnischen Flüchtlinge als „traumatisiert“ zu verstehen und agierten dementsprechend. So redete eine Frau zum Beispiel nicht über ihre Erlebnisse, weil ihr gesagt wurde, dass Traumatisierte nicht über ihre Erlebnisse reden können. Doch die Anpassungen an die neuen Verhaltensmuster verliefen nicht reibungslos. So gelang es einzelnen Flüchtlingen, zwar als „traumatisiert“ anerkannt zu werden und sich selbst in Situationen auf Behörden als „traumatisiert“ zu präsentieren, sich parallel aber nicht in Psychotherapie zu begeben und auch keine Psychopharmaka zu nehmen. Sie entwickelten ihre eigenen „Taktiken“ (Certeau 1988), um mit den neuen Zwängen umzugehen. Das stereotype Bild der „traumatisierten bosnischen Flüchtlinge“ wirkte zwar normierend, eröffnete gleichzeitig jedoch auch Handlungsräume, in denen sich Bosnierinnen und Bosnier zurechtfinden mussten und eigene Handlungslogiken und -taktiken entwickelten. Zwar entsprachen sie weitestgehend den Erwartungen der Politik und der Psy-Expertinnen bzw. -Experten und begaben sich in psychiatrische und psychologische Behandlungen, doch weil zum Beispiel die Psychotherapeutinnen und -therapeuten mit klassischen Gesprächstherapien bei ihnen an ihre Grenzen stießen, trugen die Flüchtlinge zur Veränderung von Therapiekonzepten bei.

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Obwohl die Bosnierinnen und Bosnier im Zentrum der politischen Auseinandersetzungen um ein Aufenthaltsrecht standen, widerfuhr ihnen eine Verallgemeinerung und Unsichtbarwerdung. Michel de Certeau lokalisierte die literarische Verkörperung des Durchschnittsmenschen als „Jedermann“ und gleichzeitig „Niemand“ (Certeau 1988: 35 f.). Meine bosnischen Gesprächspartnerinnen und -partner wurden in den Verhandlungen zu einer homogenen Gruppe zusammengefasst, zu „Jedermann“, den Bosnierinnen und Bosniern oder zu Traumatisierten. Gleichzeitig wurden sie zu „Niemand“, zu Menschen ohne eigene Entscheidungsmacht, die auf Taktiken auswichen, um den Zwängen zu begegnen, die ihr Alltag enthielt. Trotz der Unterstützungsstrukturen, die sich für die Bosnierinnen und Bosnier bildeten, erhielten sie keine Stimme, wurden nicht zu „Jemand“. Im Gegenteil: seitdem sie einen Aufenthaltstitel erhielten, wechselten sie fast nahtlos in die Masse der Langzeitarbeitslosen, für die bei Weitem weniger Lobbyarbeit geleistet wird als für traumatisierte Flüchtlinge.

Es waren Psychologinnen und Psychologen und vereinzelte Ärztinnen und Ärzte, die sich im Feld der politischen Flüchtlingsarbeit etablierten, Einfluss gewannen und am Ende „Jemand“ waren in Berlin. Sie wurden ein ernst zu nehmendes Gegenüber für die Verwaltung, denn ihre Stellungnahmen, deren Qualität von ihrem eigenen Berufsverband, aber von keinem externen Akteur überwacht wurde, wurden anerkannt. Der Streit um die Anerkennung von Expertisen, die auf der einen Seite von Psy-Vertreterinnen und -Vertretern in verwaltungsnahen Institutionen und auf der anderen von niedergelassenen oder in der Flüchtlingsarbeit tätigen angefertigt wurden, entschied sich zugunsten Letzterer.

All diese Entwicklungen fanden vor einer größeren Verschiebung statt, in der Psy-Wissen in unserem Alltag scheinbar natürlich und selbstverständlich zunehmend an Einfluss gewann. Meine Arbeit zeigte den Ablauf dieser Psychologisierungsprozesse auf. Nachdem psycho-soziale Unterstützungsangebote für die bosnischen Bürgerkriegsflüchtlinge politisch gefordert und von Vereinen, Wohlfahrtsverbänden und niedergelassenen Psy-Vertreterinnen und -Vertretern umgesetzt wurden, begaben sich die Flüchtlinge scheinbar selbstverständlich in Therapien und verblieben in diesen, bis sie einen Aufenthaltstitel erhielten, aber auch darüber hinaus, wenn sie erneut in Problemsituationen gerieten. Doch die Nutzung von Psy-Angeboten verstand sich für sie nicht von selbst. Sie mussten ihre Vorurteile überwinden und sich in ihre neue Rolle als psychisch Erkrankte einfinden. Denn nur so ließen sich die Erleichterungen, wie eine Arbeitserlaubnis, eine bessere Wohnheimunterbringung und eine zwölf Monate gültige Duldung rechtfertigen, in deren Genuss sie im Gegensatz zu ihren Landsleuten kommen konnten. Am Ende war das Verbleiben in Berlin möglich, wenn sie Verhaltensmuster, die von traumatisierten Flüchtlingen erwartet wurden, reproduzierten, denn Menschen können sich an die Kategorien anpassen, denen sie sich zugehörig fühlen. Dies endet allerdings nicht in einem statischen Zustand, sondern wird weiterhin täglich ausgelotet und neu gelebt. Das machten auch die Definitionsversuche von „Traumatisierten“ klar, die von den Bosnierinnen und Bosnier sehr verschieden beschrieben wurden als eine Gruppeneigenschaft aller Flüchtlinge oder als nicht mehr normal aber auch nicht psychisch krank.

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Aber nicht nur die Flüchtlinge veränderten sich durch den psychologischen Umgang mit ihren Erfahrungen, auch die Berliner Verwaltung gewann neue Einsichten. So wurde klar, dass sie durch Öffentlichkeit und Parlament gezwungen werden konnte, externe Expertisen anzuerkennen, auch wenn sie selbst an diesen Zweifel hegte. In Zukunft wird sie sicherlich auf andere Kriterien für die Verlängerung oder Erteilung von Aufenthaltstiteln drängen als medizinische oder psychologische, da sich dieser Bereich ihrem verwaltungstechnischen Verständnis völlig entzog und ihr Entscheidungsgewalt nahm. Diese Gewalt wurde beinah vollständig an die behandelnden und Stellungnahmen verfassenden Psy-Vertreterinnen und -Vertreter übertragen. Auch diese mussten sich in ihrer neuen Rolle zurechtfinden, den Umgang mit der Verwaltung erlernen, ihre eigenen Begutachtungsstandards einhalten und auch den Flüchtlingen in ihren Erwartungen an Therapien entsprechen. Zwar wiesen die Vertreterinnen und Vertreter der Psy-Disziplinen den größten Zuwachs an Einfluss auf, doch gleichzeitig hatten sie damit auch mehr Verantwortung und waren in mehr Verhandlungen involviert, wofür sie ihre eigenen Standpunkte bestimmen mussten und sich mit denen der anderen Akteure auseinandersetzen.

Alle Akteure waren ihren eigenen Logiken verhaftet, die interagierten, neue Strukturen bildeten und ältere veränderten. Es ist wichtig, diese Entwicklungen in ihren vielfältigen Zwängen und Möglichkeiten zu verstehen. In der konkreten Situation war es möglich, eine Aufenthaltsverlängerung aufgrund einer psychischen Störung zu erhalten, und bosnischen Flüchtlingen wurde nahe gelegt, dass sie durch den Krieg wahrscheinlich psychisch gestört seien. Die Berliner Verwaltung wollte solcherart psychisch beeinträchtigte Flüchtlinge erst später nach Bosnien zurückschicken, nachdem „gesunde“ Rückkehrer das Land bereits wieder aufgebaut hatten. Zur Feststellung der psychischen Beeinträchtigung brauchten sie die Expertise von Psy-Vertreterinnen und -Vertretern, die ihnen von diesen gern zur Verfügung gestellt wurde, doch anders als von ihnen erwartet. Denn sie forderten für ihre Patientinnen und Patienten nicht nur eine spätere Rückkehr, sondern ein Bleiberecht, und sie waren damit erfolgreich. Den entstandenen Interessenkonflikt um die Überprüfung der Stellungnahmen in einer weiteren Begutachtung konnten die Psy-Vertreterinnen und -Vertreter um den Preis einer Eigenregulation in Form von standardisierten Begutachtungsverfahren für sich entscheiden. All diese Aushandlungsprozesse und -ergebnisse brachten allen Akteurinnen und Akteuren sowohl Vor- als auch Nachteile. In ihrem Zentrum stand die Diagnose der Posttraumatischen Belastungsstörung. Sie ist ein Symptom unserer Zeit. Als Kategorie war sie sowohl plastisch als auch robust genug, um die Rolle eines boundary objects zu übernehmen. Seitdem sie in einem spezifischen gesellschaftlichen Umfeld entstand, das westlich und bürgerlich war und sich in der Industrialisierung befand, und seit den 1990er Jahren zunehmend populär wurde, begleitete sie die Psychologisierung westlicher Gesellschaften und der humanitären Hilfe.

Marilyn Strathern reflektierte über die Möglichkeiten einer Repräsentation kultureller Phänomene (Strathern 1991). Sie verdeutlicht, dass es keine geschlossene Situation, Praxis oder Gesellschaft gibt, die beschrieben werden könnte. Es sind immer nur partielle Ausschnitte, die gleichzeitig von vielfältigen Entwicklungen durchzogen sind und die sich bereits verändert haben, wenn Texte über sie entstehen. In Anbetracht dieses Pluralismus wird das Schreiben von Ethnografien zu einer Herausforderung, denn es gilt eine dynamische Vielheit zu beschreiben, ohne sie zu vereinfachen oder zu verkürzen. Doch Strathern macht deutlich, dass es zwischen den möglichen Perspektiven Verbindungen gibt, die konkrete Phänomene sowohl mit Vorangegangenem als auch mit anderen Phänomenen verknüpfen, die ähnliche Muster aufweisen. Sie nennt diese Verbindungen „partial connections“, denn sie determinieren Artefakte oder Ereignisse nicht vollständig, beeinflussen und charakterisieren sie aber.

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Mit dem Fokus auf solche partiellen Verbindungen ändert sich der Anspruch ethnologischer Beschreibungen: sie versuchen nicht mehr imaginierte Ganzheiten wie kulturelle Phänomene oder ganze Kulturen darzustellen. Stattdessen konzentrieren sie sich auf Verbindungen, Beziehungen und Abhängigkeiten zwischen Praktiken, die in einem konkreten Moment beobachtbar sind und sich vielleicht auch in anderen Zusammenhängen beobachten lassen. Kommen sie häufig vor und sind sie relativ konsistent, können sie als „Oberflächen des Auftauchens“ neuer diskursiver Formationen beschrieben werden. Diese Konsistenz besaß der psychologische Diskurs um menschliche Leidenserfahrungen in Form der Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung, der sich in die von mir beschriebene Berliner Situation der Aufnahme bosnischer Bürgerkriegsflüchtlinge tief einschrieb. Traumatisierung als Resultat leidvoller Erfahrungen tauchte hier mit den Flüchtlingen auf und übertrug sich auf sämtliche Opfer von Krieg, Katastrophen und Gewalt. Die Diagnose selbst wurde sogar zu einer gewissen Modeerscheinung, die Patientinnen und Patienten sowie Therapeutinnen und Therapeuten einer psychologischen Station, wie in Kapitel 4.2.4. gezeigt, bevorzugten.

Dieses Bewusstsein für die dynamische Vielschichtigkeit und Vielheit erzeugte neue, dem Organischen verpflichtete Metaphern wie das „Rhizom“ von Deleuze und Guattari (1977) oder die rankenden Bohnenpflanzen Hackings (Hacking 1996: 72). Dem Organischen, Gewachsenen und Flexiblen muss auch durch die methodische Herangehensweise Rechnung getragen werden. Hier lässt die Methodenvielfalt der Europäischen Ethnologie weitestgehend die notwendige Flexibilität zu. So stellten die Interviews mit Akteurinnen und Akteuren mein Hauptmaterial dar, doch diese hätten nicht ausgereicht, um die reichhaltigen Hintergründe meines Feldes zu beleuchten. Daneben nutzte ich vielfältige Publikationen, um Argumentationslinien zu verdeutlichen, aber sie allein hätten nie Einblicke in die Praxen gegeben, die von den Beschreibungen oftmals abwichen und sich nur teilweise in den Gesprächen niederschlugen. Diese beiden Quellen wurden vor allem im Dialog zu wichtigen Pfeilern meiner Argumentationen, ergänzt durch meine eigenen Erfahrungen. Die fünf Jahre meiner Tätigkeit in einem psychologischen Arbeitsfeld waren ein nahezu unerschöpfliches Reservoir an Beobachtungen, Gesprächen und eigener Teilnahme an Konferenzen, Trainings, Treffen und Diskussionen. Meine etwas untypischen teilnehmenden Beobachtungen waren der Ausgangspunkt für die Auswahl meiner Gesprächspartnerinnen und -partner, der analysierten Fachliteratur, ihrer Bewertungen und leiteten mich bei meinen Beschreibungen. Diese ethnologische Methodenvielfalt ermöglicht auch das Aushalten und Beschreiben komplexer Zusammenhänge. Sie unterstützt die Thematisierung von Berührungspunkten, die Übergänge des Wissens in die Praxis und der Praxis ins Wissen, deren Voraussetzungen, Widerstände und Verstärkungen.

Bei meiner Darstellung der vielfältigen Schnittstellen und Verbindungen zwischen den Praxen meiner Akteure erhebe ich keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Einige angrenzende Diskurse habe ich bewusst ausgeklammert, um nicht vom Hundertsten ins Tausendste zu gelangen, was unweigerlich geschieht, sobald eine Situation umfassend beschrieben werden soll. Weitere Schauplätze in den Verhandlungen um einen Aufenthaltsstatus für traumatisierte bosnische Kriegsflüchtlinge mögen sich mir nicht erschlossen haben. Im Nachhinein hätte ich teilnehmende Beobachtungen in den Gruppentherapien sehr hilfreich gefunden. Erweiterungsfähig wäre die vorliegende Analyse auch um Standpunkte der Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte in der Flüchtlingsarbeit oder des Berliner Abgeordnetenhauses und seiner beiden Ausschüsse für Inneres und Soziales, Gesundheit und Migration, wenn es um eine umfassendere Darstellung der vielfältigen Akteure und eine genauere Nachzeichnung der Aushandlungsprozesse geht. Um das Krankheitsverständnis der Flüchtlinge und das ihrer Behandelnden zu kontrastieren, wäre eine Gegenüberstellung ihrer eigenen Beschreibungen mit denen in den über sie verfassten Stellungnahmen aufschlussreich. Auch die Akte der Senatsverwaltung für Inneres könnte umfassender analysiert werden, beispielsweise unter Einbeziehung der Akten anderer jugoslawischer Nachfolgestaaten, um Ursachen für die Sonderstellung der Bosnierinnen und Bosnier zu ergründen. Zugleich werfen die Akten Fragen nach der Art und Weise von Vorgangsdokumentationen in Entscheidungsprozessen auf, zu deren Beantwortung sich teilnehmende Beobachtung im Verwaltungsalltag anbietet und in Ergänzung ein Abgleich mit Archiven von Beratungsorganisationen.

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Es gibt somit genügend Raum für Ergänzungen und kreative Neudeutungen meines Materials. So wie ich Theorien und Texte interpretierend und rekontextualisierend eingesetzt und damit ein Stück Textkörper produziert habe, ist natürlich auch mein Text im Idealfall Datenquelle und Inspiration für andere. Ich habe mich als Ethnologin auf die aus medizinanthropologischer Sicht und aus der Perspektive von Wissenschafts- und Technologiestudien wesentlichen Entwicklungen konzentriert und die verschiedenen Akteure und Diskurse neu gruppiert. In der Breite an Akteuren, ihrer Perspektiven, Praxen und Verbindungen untereinander ergibt sich ein vielschichtiges und gleichzeitig widersprüchliches Bild. Das ist Alltag. In ihm haben vielfältige menschliche und materielle Akteure Einfluss auf die individuellen Praxen von Individuen und sind „partiell verbunden“. Die zentrale Frage der Europäischen Ethnologie ist: „Wie sind sie es?“. Um Antworten zu finden, geht sie dem Abstrakten im Konkreten nach, spürt dem Funktionieren der Macht im Individuum nach, beschreibt sowohl die Zwänge als auch die neu geschaffenen Freiräume, ihre Auswirkungen auf Identitäten und Alltagspraxen. Die beschreibbaren Übersetzungen zwischen Theorien und Praxen geben Aufschluss über gesellschaftliche Veränderungen und Denkmuster, wobei gerade ihre Brüche Konflikte konkurrierender Denkstile kennzeichnen (Clarke 2005) und deshalb besonders aufschlussreich sind.

In der vorliegenden Arbeit ging ich unterschiedlichen individuellen und teilweise verbundenen Entwicklungen nach, die Mosaiksteine aktueller gesellschaftlicher Veränderungen sind, die eine Psychologisierung menschlicher Leidenserfahrungen und ihren Ausschluss aus der Normalität begleiteten. Es verdeutlicht, wie wichtig Untersuchungen zu konkreten Praxen verschiedener Akteure sind, denn nur die Gegenüberstellung der Perspektiven und ihrer Interaktionen lassen gesellschaftliche Tendenzen erkennbar werden. Es reicht meines Erachtens deshalb nicht aus, das Krankheitskonzept an sich zu hinterfragen, wie es von den Science and Technology Studies gemacht wird. In meinen Ausführungen wurde deutlich, dass die Brüche und Widersprüche den Psy-Vertreterinnen und -Vertretern durchaus bewusst waren, sie die brüchigen Kategorien trotzdem weiterhin oder gerade wegen ihrer Brüchigkeit einsetzten, um eigene Interessen zu vertreten. Diese Interessen waren in meinem Feld an humanitäres Engagement gekoppelt, in anderen Zusammenhängen an Fortschritt in der Medizintechnik oder Erhöhung der Patientinnen- und Patientenzufriedenheit. Unter diesen Oberflächen liegen ökonomische Interessen professioneller Kollektive wie z. B. Forschungsfinanzierungen und Investitionen in Personal und Ausstattung.

Medizinanthropologische Studien erhalten vor dem Hintergrund einer zunehmenden Medikalisierung unseres Alltags auch innerhalb der Europäischen Ethnologie größere Bedeutung. Ergänzt um Ansätze der Science and Technology Studies und der Medizinanthropologie, halte ich diese für besonders fruchtbar, um neue Rationalitäten zu verstehen und ein begriffliches Instrumentarium zu ihrer Analyse zur Verfügung zu haben. In der Verbindung von wissenschafts- und technologiekritischen Theorien und der medizinanthropologischen Analyse von konkreten Praxen liegt ein großes Potential für die Europäische Ethnologie. Sie kann aus einer stärkeren Auseinandersetzung mit naturwissenschaftlichem Wissen unter Nutzung von Theorien und Methoden der Science and Technology Studies Gewinn ziehen. Nur mit einer solcherart kombinierten Analyse ist die Anwendung des in Laboren und Fachdiskursen generierten Wissens im Alltag, wo es individuellen Aneignungstaktiken unterliegt und sich in der Nutzung verändert, beschreibbar.

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Zur Analyse der alltäglichen Manifestationen und des Gebrauchs von (Fach-)Wissen sind vielfältige Zugänge und manchmal auch Zufälle notwendig, die sich im vorliegenden Fall aus meiner spezifischen Position im Feld ergaben. Viel Material hätte ich ohne meine eigenen Erfahrungen als Ethnologin im Feld der Psychotraumatologie, den vielen Gesprächen mit Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien und die theoretischen Hintergründen von Philosophen wie Foucault und Hacking nicht sehen können. Durch die Kombination von Methoden, die Einbeziehung von Artefakten und Diskursen ergibt sich ein neues organisches Geflecht, dass sowohl mich als Schreibende als auch die Lesenden einbezieht, es kann weiter wachsen, aber auch vertrocknen. Ich hoffe, dass es wächst, erweitert und weiter quergedacht wird zum allzu logisch strukturierten Psy-Diskurs, der trotz seiner Fruchtbarkeit und Anschlussfähigkeit für andere Disziplinen – einschließlich Ethnologie und Anthropologie – nicht verabsolutiert, sondern intensiver hinterfragt werden sollte.


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24.08.2010