Wilms, Karina : Eine elektrophysiologische Studie zum Einfluss von Serotonin, den 5-HT-Rezeptoragonisten 8-OH-DPAT und DOI sowie dem Neuropeptid CCK-8S auf die Entladungsrate neostriataler Neurone narkotisierter Ratten

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Kapitel 3. Material und Methodik

3.1 Versuchstiere und Haltung

Die Durchführung der Versuche erfolgte an erwachsenen männlichen Albinoratten des Stammes „Wistar“, welche aus einer Zucht der Bundesanstalt für Gesundheit Berlin stammten. Eine Genehmigung dieser Versuche wurde von der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales in Berlin erteilt (Nr. G 0251/95 und G 0123/98).

Die Tiere wiesen ein Gewicht von 250-400g auf. Sie wurden zusammen mit 3 bis 5 anderen Artgenossen in Käfigen in einem normalen Hell-Dunkel-Zyklus gehalten. Wasser und Trockenpellets standen ihnen ad libidum zur Verfügung.

3.2 Angewandte Substanzen

Die in der nachfolgenden Tabelle 2 stehenden Substanzen wurden jeweils an den striatalen Neuronen mikroiontophoretisch appliziert. Alle aufgeführten Substanzen bezogen wir von der Firma Research Biochemical International (RBI).

Als Lösungsmittel für das Neuropeptid CCK-8S stand Phosphatpufferlösung zur Verfügung. Zur Kontrolle des pH-Wertes diente Indikatorpapier und bei Bedarf erfolgte mittels verdünnter Salzsäure bzw. Natriumhydroxid die Einstellung des optimalen pH-Werts.

Um die Substanzen vor dem chemischen Abbau durch äußere Einflüsse, wie z.B. Wärme oder Licht, zu schützen, wurden sie als kleine Proben abgefüllt und bei ca. - 20 °C gelagert.

Physiologische Natriumchlorid-Lösung wurde zum Stromausgleich in den zentral gelegenen Kanal der Applikationselektrode gefüllt. Zur Markierung der abgeleiteten Neurone diente gesättigte Trypanblaulösung (Natriumsalz der 3,3-Dimethyl-4,4-diaminodiphenyl-1-amino-8-Ly-naphtalin-3,6-disulfonsäure) der Firma Lacheme Brno. Des Weiteren benötigten wir für die Versuche Diethylether und Urethan sowie 10%ige Paraformaldehydlösung (siehe nachfolgende Kapitel).


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Tabelle 2: Abkürzungen, Konzentrationen, pH-Werte, Applikationsstromstärken und Eigenschaften der in dieser Studie angewandten Substanzen

Substanz

Abkürzung

Applikationsstromstärke (nA)

Konzentration

(mM)

pH-Wert

Eigenschaften der

Substanz

5-Hydroxytryptaminkreatininsulfat

Serotonin
oder
5-HT

+10 bis +90

20

4,5

Agonist an den bekannten Serotoninrezeptoren

(±)-2-Dipropylamino-8-hydroxy1,2,3,4tetrahydronaphtalenhydrobromid

8-OH-DPAT

+5 bis +70

15 oder 50

4,5

Selektiver
5-HT1A/7Rezeptoragonist

(±)-2,5 Dimethoxy4iodoamphetaminhydrochlorid

DOI

+10 bis +60

10

4,5

Selektiver
5-HT2A/2C
Rezeptoragonist

N-[2-[4-(2-Methoxyphenyl)-1-piperazinyl]ethyl]-N-2pyridinylcyclohexancarboxamid-maleat

WAY 100635

+15 bis +60

5

4,5

Hochselektiver
5-HT1A-Rezeptorantagonist

S(-)-5-Fluoro-8hydroxy-2-dipropylamino-1,2,3,4tetrahydronaphtalenhydrochlorid

S-UH 301

+20 bis +60

10

4,5

Selektiver
5-HT1ARezeptorantagonist

3-[2-[4-(4-Fluorobenzoyl)-1piperdinyl]ethyl]-2,4(1H,3H)-quinazolindiontartrat

Ketanserin

+5 bis +50

5

4,5

selektiver 5HT2A/2CRezeptorantagonist

sulfatiertes CholecystokininOktapeptid

CCK-8S

-5 bis -90

0,25

7,8

Meist verbreitetste
Form im ZNS, Agonist an den CCKA-und CCKB Rezeptoren


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3.3 Versuchsvorbereitung

3.3.1 Vorbereitung des Versuchstieres

Das Versuchstier wurde zunächst in ein großes Glasgefäß von ca. 25 cm Durchmesser eingebracht, in das zuvor Diethyletherlösung eingetropft worden war. Die Ratte, welche sich nun in einem Etherrausch befand, wurde mit einem intraperitonealen Katheter versorgt, über den ihr das Anästhetikum Urethan, mit einer Initialdosis von 1,2 g/kgKG, injiziert wurde. Nach einem ausreichend langen Zeitintervall, in dem regelmäßig die Narkosetiefe des Tieres kontrolliert wurde, z.B. durch taktile Reize (Kneifen ins Ohr, eventuell gefolgt von Pfoten- u./o. Vibrissenbewegungen bei zu geringer Narkosetiefe) oder durch Beobachtung der Atemtiefe bzw. Atemfrequenz, und in welchem eventuell zusätzliche Urethandarreichungen (0,1-0,2 ml) vonnöten waren, konnte das Versuchstier weiter vorbereitet werden. Es wurden zunächst die Kopfhaut durchtrennt und der Schädelknochen trepaniert. Orientierend am Atlas von Paxinos und Watson (1986) wurden insgesamt vier Löcher, mit einem Durchmesser von ca. 3 mm, in die Schädeldecke gebohrt, welche den größten Teil des Caudato-Putamen überdeckten (Koordinaten: 3-5 mm rechts bzw. links lateral der Pfeilnaht sowie 0-1,7 mm vor und 2,2 mm hinter dem Bregma).

Das Versuchstier wurde anschließend in einem stereotaktischen Gerät mittels Schnauzenhalterung und Ohrstiften so fixiert, dass Kopfbewegungen, z.B. fortgeleitet über Atembewegungen, vermieden werden konnten. Über eine rektal eingeführte Mess-Sonde und das Platzieren der Ratte auf einer Heizplatte erfolgte zudem die Kontrolle und Konstanthaltung der Körpertemperatur auf ca. 37 °C während der gesamten Versuchsdauer.

3.3.2 Herstellung und Füllung der Elektroden

Für die Applikation der in der Tabelle 2 aufgeführten Substanzen verwendeten wir 7-Kanal-Elektroden, bestehend aus Borsilikatglas (Science Products), und als Ableitelektrode diente eine Ein-Kanal-Glaselektrode. Mittels eines Horizontalziehgerätes (Sutter Instrument & Co) erfolgte das Ausziehen der Elektrodenspitzen auf ca 1µm. Da dieser geringe Durchmesser aber mit einem sehr hohen Widerstand verbunden war, wurde unter mikroskopischer Kontrolle mit Hilfe eines am Mikroskop fixierten aber horizontal beweglichen Glasstabes die Spitze der


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Mehrkanalelektrode auf ca. 10 µm abgeschlagen, was zudem den Substanzfluss verbessern sollte. Anschließend wurden die beiden Elektroden so aneinander geklebt (mit lichthärtendem Kleber, Kulzer Durafill bond), dass der vertikale Spitzenabstand ca. 20-60 µm betrug. Nach dem vollständigen Erhärten des Klebers erfolgte eine nochmalige mikroskopische Kontrolle der Elektroden, um eventuell aufgetretene Spitzenverziehungen auszuschließen und nur die optimalsten Elektroden zu selektieren.

Mit Hilfe von Hamiltonkanülen wurde jede Substanz in jeweils eine Kapillare der 7-Kanal-Elektrode gefüllt, wobei darauf zu achten war, dass keine Luftblasen in die Kapillaren gelangten. In der zentral liegenden Kapillare der Mehrkanalelektrode befand sich NaCl, welches zur Überwachung der Ströme und zur Aufrechterhaltung des elektrischen Gleichgewichts diente. Anschließend gaben wir in jede Kapillare einen chlorierten Silberdraht und versiegelten jede der Öffnungen mit flüssigem Siegellack, um einen Substanzübertritt zwischen benachbarten Kapillaren bzw. einen Kontakt der Silberdrähte zu vermeiden.

3.4 Versuchsdurchführung

Um externe Störeinflüsse (optische oder akustische Signale etc.) während der gesamten Dauer des Versuches weitestgehend zu vermeiden, platzierten wir das Versuchstier in einen Faradayschen Käfig und führten die Untersuchungen in einem ruhigen und abgedunkelten Raum durch.

Die vorbereiteten Elektroden wurden in einer mit einem Mikromanipulator verbundenen Halterung befestigt und jeder Silberdraht der Mehrkanalelektrode wurde an ein Zwischenkabel geklemmt und so mit einem Kanal des Iontophoresegerätes (Ionophore 3, Biologic) verbunden. Um ein unbeabsichtigtes Herauslaufen der Substanzen zwischen den Applikationsintervallen zu verhindern, wurden Rückhalteströme in Höhe von 3 bis 7 nA eingestellt, mit einer zu den Ejektionsströmen entgegengesetzten Polarität. Der Silberdraht der Ableitelektrode kontaktierte den Vorverstärker bzw. den Impedanzwandler. Der optimalste Spitzenwiderstand der Ableit- und der Applikationselektrode sollte im Bereich zwischen 10-30 MÙ ?liegen, weil die elektrischen Impulse der Neurone bei höheren bzw. niedrigeren Widerständen kaum sichtbar gemacht werden konnten oder das Austreiben der Substanzen problematisch gewesen wäre. Die Erdungselektrode wurde in einen beliebigen Wundrand der aufgetrennten Kopfhaut gelegt.


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Nach einer ausreichend langen Ruhephase (ca. 30-45 min) für das Tier erfolgte nochmals die Kontrolle der Narkosetiefe an der Ratte und nach dem Ausbleiben sichtbarer Effekte (Vibrissenbewegung etc., siehe oben) auf taktile Reize begannen wir, mittels einer dünnen, spitzen Kanüle, mit dem vorsichtigen Entfernen der Dura in dem gerade zu untersuchenden Bohrloch. Nach dem korrekten Positionieren der Elektroden über dem Ableitloch wurden sie zunächst über den manuell betriebenen Mikromanipulator langsam an die Hirnoberfläche herangedreht (Nullpunkt) und anschließend in Schritten von 2-6 µm weiter ins Hirngewebe vorgetrieben. Um ein Austrocknen des Hirngewebes zu vermeiden, bedeckten wir das Ableitloch, wie auch die ungenutzten Bohrlöcher, nach Bestimmung des Nullpunktes mit physiologischer Kochsalzlösung. Nach dem Überwinden des Kortex konnte ab einer Tiefe von ca. 3 bis maximal 8 mm unter dem Nullpunkt mit dem Auffinden elektrischer Impulse von Neuronen des Caudato-Putamen gerechnet werden (Paxinos und Watson, 1986). Die bei der Suche entdeckten extrazellulären neuronalen Aktionspotenziale wurden über den Impedanzwandler sowie den Vor- und Hauptverstärker an den Oszillographen weitergeleitet und dort sichtbar gemacht. Mittels eines Fensterdiskriminators (World Precision Instruments) wurde eine adäquate Schwelle für die Aktionspotenziale festgelegt und, nachdem in diesem Gerät die Potenziale in Standardimpulse umgewandelt worden waren, wurden letztere über ein Interface (Cambridge Electronic Design, CED 1401) an einen Computer weitergeleitet und dort unter dem Programm „Spike 2“ gespeichert.

In der Abbildung 2 ist der geschilderte Versuchsaufbau noch einmal vereinfacht dargestellt.

Wir achteten regelmäßig darauf, dass das Versuchstier ausreichend narkotisiert blieb und verabreichten bei Bedarf, in der Regel nach zwei bis vier Stunden, eine zusätzliche Dosis (0,2 ml) 20%igen Urethans über den intraperitonealen Katheter. Die Aktionspotenziale wurden zunächst so lange aufgezeichnet, bis sich das neuronale Entladungsmuster auf ein gleichmäßiges Niveau eingependelt hatte, was die Grundaktivität der Zelle darstellte. Anschließend konnten wir mit der iontophoretischen Applikation der Substanzen beginnen, wobei die in der Tabelle 2 aufgeführten Austreibstromstärken benutzt wurden. Unsere Versuchsreihen bestanden sowohl aus Einzelapplikationen als auch aus kombinierten Substanzgaben, je nach dem jeweilig aktuellen Versuchsvorhaben.

Beabsichtigten wir, z.B., Interaktionen zwischen Serotonin, bzw. dessen Agonisten, und Cholecystokinin zu testen, so verabreichten wir zunächst jede der Substanzen über durchschnittlich 100 s jeweils allein und anschließend gemeinsam über einen ähnlichen Zeitraum.


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Abbildung 2: Schematischer Versuchsaufbau

Auch ließen wir in vielen Fällen eine der beiden Substanzen 50 bis 100 s vorlaufen, um nachfolgend die zweite Substanz für weitere 50 bis 100 s dazuzugeben.

Planten wir, diejenigen Effekte, welche durch die alleinige 5-HT-Rezeptoragonistengabe hervorgerufen worden waren, auf eine eventuelle Blockierung durch die Antagonisten hin zu untersuchen, so wurde in vielen Ableitungen zunächst dem entsprechenden 5-HT-Rezeptorantagonisten (siehe Tabelle 2) eine 50-100 sekündige Vorlaufzeit gegeben, um eine ausreichende Sättigung an den Serotoninrezeptoren zu erreichen. Daran anschließend gaben wir den Serotoninagonisten, meist 100 s lang, dazu. In einigen Fällen stoppten wir die Applikation des Agonisten nach ca. 100 s und trieben nur noch den Antagonisten über einen kurzen Zeitraum (50 s) weiter aus. In einigen wenigen Ableitungen verabreichten wir den Antagonisten zunächst allein (50-100 s) und nach einer ausreichen langen Wartezeit (ca. 300 bis 400 s) kombinierten wir diesen mit dem entsprechenden Agonisten nach obigem Schema. Folgende Substanzen wurden demnach während der Versuche kombiniert:

Wir waren bestrebt, möglichst alle in der Mehrkanalelektrode befindlichen Substanzen (maximal 6 verschiedene Testsubstanzen; NaCl - im zentralen Kanal gelegen - nicht mitgerechnet) am aufgefundenen Neuron zu testen, allerdings lag eine große Schwierigkeit darin, die Potenziale der Zellen über einen längeren Zeitraum ausreichend vom Hintergrundrauschen zu diskriminieren. Eine Zellableitung dauerte zunächst durchschnittlich 60 min und konnte nur fortgesetzt werden, wenn das nötige Größenverhältnis des Aktionspotenzials zum Hintergrundrauschen (ca. 3:1) eingehalten werden konnte, ansonsten musste die Ableitung abgebrochen werden. Dies hatte zur Folge, dass nicht alle Testsubstanzen an jedem Neuron appliziert werden konnten. Generell war es nicht einfach, Aktionspotenziale zu entdecken, da die Neurone des Striatum in Ruhe allgemein eine Ausgangsentladungsrate von geringer Frequenz und Amplitude aufweisen und dies unter Narkose natürlich noch verstärkt wird. Blieb die Suche nach extrazellulären Potenzialen im gesamten Trakt erfolglos, wurden die Elektroden, etwas versetzt zum ersten untersuchten Trakt, ein zweites Mal in das gleiche Trepanationsloch vorgeschoben. Allerdings beließen wir es bei maximal zwei Suchvorgängen pro Bohrloch, da das Hirngewebe ansonsten zu stark von den Elektroden zerstört worden und die Lokalisation einer dabei gefundenen Nervenzelle anschließend nicht mehr nachvollziehbar gewesen wäre. Gelang es uns, neuronale Aktionspotenziale in einem Trakt zu isolieren und die Wirkungen der Substanzen zu testen, notierten wir nach Beendigung der Zellableitung jeweils die Tiefe der Elektrode, um nach weiteren Such- und Ableitvorgängen in der Tiefe beim Herausziehen der Elektroden die entsprechenden Ableitorte zu markieren. Dazu diente das in der Ableitelektrode befindliche Trypanblau, welches mit einer Stromstärke von 12 nA über einen Zeitraum von 10 min ausgetrieben wurde.

Nach vollständiger Beendigung der Aktionspotenzialsuche in allen vier Trepanationslöchern, erhielt das Versuchstier eine Letaldosis (0,5-1 ml) Urethan und wurde dekapitiert. Nach der Entnahme des Gehirn, welches sofort in Paraformaldehydlösung fixiert wurde, erfolgte die vorschriftsmäßige Entsorgung des Tieres.


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3.5 Histologische Auswertung

Die untersuchten Rattenhirne verblieben für etwa 14 Tage in der Paraformaldehydlösung und wurden vor der histologischen Auswertung ausreichend lange (mehrere Stunden) gewässert und damit vom Formalaldehyd befreit. Anschließend wurden die Gehirne bei einer Temperatur von -15°C eingefroren und in 120 µm feine Frontalschnitte mikrotomiert. Die Markierungsorte konnten nun unter einem Aufsichtmikroskop sichtbar gemacht und mit Hilfe des Atlas von Paxinos und Watson (1986) entsprechend ihrer natürlichen Lage in schematische Papiervordrucke verschiedener Schnittebenen des Rattenhirns eingeordnet werden. Die für die Dokumentation der untersuchten Neurone relevanten Hirnschnitte wurden im Folgenden mit Kernechtrot angefärbt und archiviert.

3.6 Computergestützte statistische Datenverarbeitung

Während der gesamten Ableitdauer wurden die vorher in Standardimpulse umgewandelten neuronalen Entladungen mit Hilfe des Programmes „Spike 2“ auf der Festplatte des angeschlossenen Computers gespeichert und standen für spätere Analysen zur Verfügung. Die Impulsraten der Neurone wurden zeitgleich mit der Ableitung auf dem an den Computer angeschlossenen Monitor in Frequenz-Zeit-Histogrammen wiedergegeben, um eine visuelle Kontrolle des Versuchsablaufes zu gewährleisten und eventuell auftretende Artefakte zu identifizieren, um sie während der späteren Impulsanalysen isolieren zu können.

Zur Auswertung der Versuchsdaten (mit Hilfe des Programmes „Spike 2 data analysis“) gehörte zunächst für jede einzelne Zelle die Ermittlung der jeweiligen mittleren Impulsraten und der Standardabweichungen vor Substanzgabe, meist die 100 s direkt vor Applikation, (Kontrollperiode = Grundaktivität), während oder direkt nach der Gabe (frühe Periode) und während eines weiteren optimalen Zeitintervalls (in den meisten Fällen 100 s lang) nach der Beendigung der Applikation (späte Periode). Um zu sehen, ob und in welchem Ausmaß die Zellaktivität nach Substanzapplikation wieder ihren ursprünglichen Ausgangszustand (= Grundaktivität) erreicht, erfolgte zusätzlich die Bestimmung der mittleren Entladungsrate und der Standardabweichung in einem geeigneten späteren Intervall (100 s lang), der sogenannten Recovery-Phase. Allerdings konnte nicht in jedem Fall die Recovery-Periode bestimmt werden,


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da bei unzureichender Diskriminierung oder plötzlichem Verschwinden der Aktionspotenziale die Ableitung bei einigen Neuronen vorzeitig abgebrochen werden musste.

Betrug die Änderung der mittleren Impulsraten in der frühen bzw. späten Periode im Vergleich zu der Grundaktivität mehr als 25 %, so wurde dies als Effekt angesehen. Bei Neuronen, deren Ausgangsentladungsrate mit = 1 Imp./s als sehr gering einzuschätzen war, wurden nur die als responsiv angesehen, deren Änderung zur Grundaktivität = ?0,5 Imp./s umfasste.

Für jede Nervenzelle, an der sowohl der Einfluss des Serotoninagonisten als auch des entsprechenden Antagonisten getestet worden war, wurde bestimmt, ob es zu einer Blockierung der agonistischen Effekte durch den Antagonisten kam. Für diese Beurteilung wurde die durch den Agonisten hervorgerufene Aktivitätsänderung mit der durch die kombinierte Agonisten-Antagonistengabe verursachten Änderung verglichen.

Erzielte die kombinierte Gabe

  1. keine Aktivitätsänderung oder
  2. eine Reduzierung um mehr als 75 % im Vergleich zum alleinigen Agonisteneffekt oder
  3. eine Hemmung bei vorher exzitatorischem Agonisteneffekt oder
  4. eine Aktivierung bei vorher inhibitorischem Agonisteneffekt,

so wurde dies als Blockierung angesehen.

Mit Hilfe des Statistikprogrammes „SPSS 10.0 for windows“ konnten weiterführende statistische Analysen durchgeführt werden. Für jede einzelne untersuchte Population wurden der Mittelwert und die Standardabweichung der Entladungsraten für alle Zeitintervalle (Kontroll-, frühe, späte bzw. Recovery-Periode) ermittelt. Außerdem errechnete ich auch den jeweiligen Median und konnte damit feststellen, dass die Verteilungen der Entladungsraten einer stark linksschiefen Anordnung unterlagen. Aufgrund der fehlenden Normalverteilung kamen nachfolgend nur parameterfreie Prüfverfahren infrage. Dazu gehörten:

  1. der Wilcoxon-Rangsummen-Test
  2. der Mann-Whitney-U-Test
  3. die Ermittlung des Spearmanschen Korrelationskoeffizienten
  4. der Chi2-Test


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Mit Hilfe des Wilcoxon-Rangsummen-Tests erfolgte die Beurteilung der vorherrschenden Richtung der Änderung der neuronalen Entladungsraten, d.h. ob erhöhte oder erniedrigte Werte nach Substanzgabe erreicht wurden. Dabei wurden alle Daten, unabhängig davon, ob sie die obengenannten Antwortkriterien erfüllten oder nicht, in diesen Paarvergleich eingeschlossen. Die Ergebnisse der einzelnen Paarvergleiche wurden bei einer Irrtumswahrscheinlichkeit p = 0,05 als statistisch signifikant angesehen, was ebenfalls für die mit den anderen hier angewandten Testverfahren ermittelten Ergebnisse galt.

Der Mann-Whitney-U-Test wurde angewandt, um herauszufinden, ob sich zwei Neuronenpopulationen in ihren mittleren Entladungsraten unterscheiden.

In einigen Fällen sollte herausgefunden werden, ob sich die Entladungsraten von einer bestimmten Population unter verschiedenen Einflüssen in ähnlicher Weise ändern. Für diesen Zweck wurde der Spearmansche Korrelationskoeffizient r errechnet und beurteilt.

Bestimmte Häufigkeiten wurden in einer Vier-Felder-Tafel dargestellt und mit Hilfe des Chi2-Tests verglichen.

3.7 Kritische Betrachtung der Methodik

Untersuchungen, die auf einer mikroiontophoretischen Verfahrenstechnik beruhen, beinhalten eine Reihe von Schwierigkeiten, die nicht außer Acht zu lassen sind und auf die im Folgenden näher eingegangen werden soll.

Es war sehr problematisch, den horizontalen Elektrodenspitzenabstand vor und während des Versuches optimal einzustellen. Zum einen waren nach dem Zusammenkleben der beiden Elektroden während der gesamten Austrocknungsphase Spitzenverziehungen nicht immer auszuschließen und zum anderen war es möglich, dass es durch das Tiefertreten in das Hirngewebe selbst zu Abscherungen der biegsamen Elektrodenspitzen in verschiedene Richtungen kam. Die Einstellung des vertikalen Spitzenabstandes unterlag ähnlichen Schwierigkeiten und auch hier mußten diejenigen Elektroden ausselektiert werden, deren Abstand nach der Austrocknungsphase weniger als 20 µm bzw. mehr als 60 µm betrug, um Ableitartefakte zu umgehen.


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Bei zu nahem Aneinanderliegen der beiden Spitzen war mit einer elektrischen Reizung der Nervenzellmembran zu rechnen, was sich in den Frequenz-Zeit-Histogrammen als Stromartefakt geäußert hätte. Konnten wir nicht sicher beurteilen, ob auftretende Effekte während der Applikation wirklich echt oder doch eher artefaktbedingt waren, wurde vereinzelt Strom über die NaCl-Elektrode verabreicht. Trat dabei keine Änderung der neuronalen Entladungsrate auf, so konnten wir weitestgehend ausschließen, dass durch den Strom selbst ein Effekt vorgetäuscht wird. Lagen die Spitzen zu weit auseinander, so konnte nicht genau beurteilt werden, ob das Ausbleiben eines Effektes durch einen Rezeptormangel oder an der zu weiten Distanz der applizierten Substanz von den Rezeptoren verursacht worden war. Traten allerdings an anderen Neuronen, welche mit denselben Elektroden untersucht wurden, Effekte auf oder wurde durch eine der Substanzen eine Wirkung ausgelöst, so gingen wir davon aus, dass der Spitzenabstand in einem optimalen Bereich lag.

Manchmal gelang es uns nicht, die einzelnen Kapillaren der Mehrkanalelektrode völlig luftblasenfrei zu füllen, was dann mit einem zu hohen Widerstand verbunden sein konnte und das Austreiben der Substanzen erschwert hätte.

In früheren Arbeiten wurde herausgefunden, dass das in der Forschung relativ verbreitete Anästhetikum Urethan auch Einflüsse auf die neuronale Übertragung haben kann (Albrecht und Davidowa, 1989). Um dahingehende eventuelle Effekte auszuschließen oder zu bestätigen, erfolgte eine genaue zeitliche Notierung aller Urethangaben während unseres Versuches. Vor jeder erneuten Urethangabe bzw. am Ende jeder einstündigen Potenzialableitung führten wir, wie schon erwähnt, eine Kontrolle der Narkosetiefe durch, um das Tier in ausreichender Narkose zu halten. Außerdem sollte dadurch die Gefahr vermieden werden, dass, bei zu geringer Narkosetiefe und der damit verbundenen spontanen motorischen Reaktionen bzw. der Reaktionen auf die von uns verabreichten taktilen Reize seitens des Versuchstieres, Erschütterungen an die im Hirngewebe befindlichen Elektroden weitergeleitet werden.


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Mon Nov 18 16:00:16 2002