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5.  Diskussion

5.1. Zellspezifische Langzeitplastizität im Subikulum der Ratte

Bursterzellen und regulär feuernde Zellen zeigten nach Tetanisierung ein unterschiedliches Ausmaß der Potenzierung synaptischer Antworten. Die Versuche dieser Arbeit legen den Schluss nahe, dass Axone von Pyramidalzellen der Area CA1 selektiv auf subikuläre Pyramidenzellen projizieren und so den hippokampalen Informationsfluss steuern und regulieren können. NMDA-Rezeptoren auf beiden Seiten des synaptischen Spaltes spielen hier eine besondere Rolle.

Bislang sind wenig zellspezifische Unterschiede zwischen beiden subikulären Pyramidalzellen bekannt. Mason, Stewart und Wong, sowie Taube haben zu Beginn der neunziger Jahre erstmalig beide Zelltypen elektrophysiologisch charakterisiert (Mason, 1993; Stewart & Wong, 1993; Taube, 1993). Offensichtliche Unterschiede der Membran-, sowie der synaptischen Eigenschaften konnten zwischen den beiden Zelltypen nicht festgestellt werden. Obwohl nachfolgende Studien die Existenz von Bursterzellen bestätigen konnten (Behr et al., 1996; Mattia et al., 1997), bleibt das Verhältnis regulär feuernder Zellen zu Bursterzellen Gegenstand der Diskussion (Menendez et al., 2002). Allerdings gibt die Mehrzahl der Autoren unabhängig von der verwendeten Meßmethode (scharfe Mikroelektrode vs. patch-clamp Technik) das Verhältnis mit zwei zu eins zu Gunsten der Bursterzellen an (O'Mara et al., 2001; Staff et al., 2000). Vor dem Hintergrund der zellspezifischen Potenzierung, ist das Verhältnis für die Prozessierung hippokampaler Informationen von entscheidener Bedeutung.

Obgleich Taube (Taube, 1993) keine zellspezifischen Unterschiede im Bezug auf die synaptischen Antworten nach alveärer Stimulation finden konnte, beschreibt eine nachfolgende Studie einen Unterschied in der langsamen GABAergen vermittelten Neurotransmission. In regulär feuernden Zellen fand sich nach synaptischer Stimulation subikulärer Afferenzen im Alveus ein vergrößertes GABAB-vermitteltes inhibitorisches postsynaptisches Potential. Die GABAA-vermittelte Komponente stellte sich in beiden Zelltypen identisch dar (Greene & Mason, 1996). Darüber hinaus konnte eine Beteiligung von Bursterzellen an γ-Oszillationen beschrieben werden (Stanford et al., 1998).


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Eine morphologische Untersuchung beider Zelltypen zeigte hinsichtlich Somagröße, Somaform sowie Form der dendritischen Ausläufer keine zellspezifischen Unterschiede. Lediglich die Distanz bis zum ersten dendritischen Ausläufer war in den regulär feuernden Zellen signifikant kürzer als in Bursterzellen (Greene & Totterdell, 1997). Zudem konnten die Autoren dieser Studie eine schichtspezifische Verteilung der Zelltypen feststellen. Bursterzellen fanden sich zahlenmäßig vermehrt in der tiefen Schicht des Subikulums (alveusnah in der sogenannten polymorphen Schicht) während regulär feuernde Zellen eher in der oberflächlichen Schicht, dem Stratum moleculare zu finden waren (Greene & Totterdell, 1997). Diese Verteilung, so spekulierten die Autoren, könnte Aufschluss geben über mögliche zellspezifische Afferenzen wie auch Efferenzen. In der Tat konnte Stewart mit Hilfe antidromer Stimulation nachweisen, dass Bursterzellen selektiv in das Präsubikulum und regulär feuernde Zellen zum entorhinalen Kortex projizieren (Stewart, 1997).

Zusammenfassend bieten die vorliegende Ergebnisse ausreichend Hinweise für die Hypothese, dass subikuläre Pyramidalzellen neuronale Informationen zellspezifisch modulieren und prozessieren. Die zellspezifische Langzeitpotenzierung stützt diese Hypothese.

5.2. Prä- versus postsynaptische Induktion der Langzeitpotenzierung

Es finden sich in der vorliegenden Arbeit mehrere Hinweise darauf, dass die Langzeitpotenzierung (LTP) in Bursterzellen präsynaptisch induziert und exprimiert wird. So fand sich zum einen eine hochsignifikante Änderung des Doppelpulsindexes und zum anderen eine Änderung des Variationskoeffizienten. Beide Parameter unterstützen die These einer präsynaptisch exprimierten LTP (Bekkers & Stevens, 1990; Debanne et al., 1996; Tsien & Malinow, 1990). Die BAPTA Experimente belegen, dass die LTP in Bursterzellen tatsächlich unabhängig Kalziumeinstrom in die Postsynapse und somit präsynaptisch induziert wird.

Die Technik der scharfen Mikroelektrode hat den Vorteil das intrazelluläre Milieu geringer zu beeinträchtigen als die patch-clamp Technik und intrazelluläre Signalkaskaden nicht auszuwaschen. Allerdings bleibt trotz der langen Dialysedauer mit dem Kalziumchelator BAPTA von einer Stunde und der hohen Konzentration von 200 mM offen, in wiefern BAPTA unter Verwendung scharfer Mikroelektroden in der Lage ist [Seite 61↓]postsynatisches Kalzium ausreichend zu puffern. Zalutzky und Nicoll konnten mit Hilfe der gleichen Technik die LTP der kommissuralen Fasern in CA3 Pyramidalzellen bei identischer BAPTA Konzentration und geringerer Dialysedauer von lediglich 20 bis 50 Minuten blockieren (Zalutsky & Nicoll, 1990). Aber selbst bei Verwendung der patch-clamp Technik ist nicht sichergestellt, dass BAPTA bis in distale Dendriten diffundiert und dort in dendritischen Ausläufern Kalzium adäquat puffert. An der hippokampalen Mossfasersynapse berichteten Yeckel und Kollegen mit einer Konzentration von 30 bis 50 mM BAPTA die LTP blockieren zu können (Yeckel et al., 1999), während Mellor und Nicoll auch nach 80 Minuten Dialyse von 50 mM BAPTA weiterhin eine LTP auslösen konnten (Mellor & Nicoll, 2001).

In den regulär feuernden Zellen ist BAPTA bei einer Dialysedauer von einer halben Stunde in der Lage die Induktion der LTP zu unterdrücken. Dies belegt, dass LTP in regulär feuernden Zellen postsynaptisch induziert und exprimiert wird. Zudem fand sich keine Veränderung des Doppelpulsindex, allerdings inkonsistente Ergebnisse bezüglich des Variationskoeffizienten. In der Literatur findet sich nach Induktion einer LTP in der Area CA1 ebenfalls keine Veränderung des Doppelpulsindex, wohl aber eine Zunahme des Variationskoeffizienten. Diese Zunahme war allerdings geringer ausgeprägt als bei Prozessen, die ausschließlich präsynaptischer Natur sind, wie z.B. die Zunahme der EPSP-Amplitude nach Veränderung des Kalzium-Magnesiumquotienten in der extrazellulären Lösung (Manabe et al., 1993). Daten zu Veränderungen des CV-2 nach Veränderungen des Kalzium-Magnesiumquotienten liegen für das Subikulum bislang nicht vor.

5.3. Beitrag von NMDA-Rezeptoren zur LTP in subikulären Zellen

Nachdem Collingridge und Kollegen in in vitro Versuchen an hippokampalen Hirnschnitten eine Beteiligung von NMDA Rezeptoren (NMDAR) an synaptischen Plastizitätsprozessen nachweisen konnten (Collingridge et al., 1983), gelang es Morris und Kollegen diese Ergebnisse in vivo zu bestätigen. Die intraventrikuläre Applikation des NMDAR-Antagonisten APV führte in Ratten zu einem Verlust der Fähigkeit räumlichen Lernens (Morris et al., 1986). Weitere Studien konnten eine Beteiligung von postsynaptisch lokalisierten NMDAR an der Induktion der LTP in der Area CA1 [Seite 62↓]bestätigen, so dass diese Ergebnisse als gesichert gelten (Bliss & Collingridge, 1993; Malenka & Nicoll, 1999).

Der NMDAR besteht aus mehreren Untereinheiten. Man unterscheidet die Untereinheiten NR1, NR2A bis 2D und NR3. Arbeiten an rekombinanten NMDAR konnten zeigen, dass die Leitfähigkeit der Rezeptoren von der Komposition der Untereinheiten abhängig ist. Die Kinetik der NR2B – 2D-abhängigen synaptischen Antworten ist deutlich langsamer als die der NR2A Untereinheit (Cull-Candy et al., 2001; Monyer et al., 1994). Somit stellen gerade die Untereinheiten NR2B – 2D einen „idealen“ Rezeptor zur Detektion synaptischer Koinzidenz dar.

Entwicklungsabhängig werden postnatal und im juvenilen Alter in Ratten verstärkt die Untereinheiten NR2B bis 2D exprimiert. Adulte Tiere zeigen hingegen eine verstärkte Expression der Untereinheiten NR2A und 2B gegenüber den Untereinheiten NR2C und 2D (Hrabetova et al., 2000; Monyer et al., 1994). Die Expression der NR2B Untereinheit unterliegt aber ebenfalls einer ‚Downregulation’ beim Übergang vom juvenilen zum adulten Tier (Sheng et al., 1994). Spekulativ könnte diese ‚Downregulation’ einer Abnahme der Lernfähigkeit in höherem Alter entsprechen. In der Tat konnten Tang und Kollegen mit Hilfe transgener Tiere zeigen, dass eine Überexpression der NR2B Untereinheit eine Verstärkung der LTP nach sich zieht. Die transgenen Tiere zeigten in der Tat in verschiedenen Verhaltenstests eine verbesserte Lernfähigkeit (Tang et al., 1999).

In Bursterzellen des Subikulums der Ratte spielen NMDAR auf beiden Seiten des synaptischen Spaltes im Rahmen der LTP eine besondere Rolle. Präsynaptische NMDAR der Untereinheit NR2B scheinen an der LTP in Bursterzellen beteiligt zu sein und über einen Kalziumeinstrom in die Präsynapse eine langanhaltende Erhöhung der Transmitterausschüttung herbeizuführen. In Bursterzellen blockierte der selektive NR2B-Antagonist Ifenprodil die präsynaptische APV-insensitiven LTP Komponente. In regulär feuernden Zellen hingegen hatte Ifenprodil keinen Einfluß auf die Induktion der LTP.

Bislang gibt es wenig Hinweise für eine Beteiligung präsynaptischer NMDAR im Rahmen synaptischer Plastizität. An zerebellären Synapsen der Parallelfasern auf Purkinjezellen konnte kürzlich gezeigt werden, dass präsynaptische NMDAR eine langanhaltende Depression der synaptischen Übertragung induzieren können (Casado et al., 2002). In der postsynaptischen Membran der Purkinjezelle finden sich in adultem Gewebe keine NMDAR. Obwohl postnatal exprimiert, sind diese nach ungefähr einer [Seite 63↓]Woche nicht mehr nachweisbar (Farrant & Cull-Candy, 1991; Llano et al., 1991). Duguid and Smart beschrieben ebenfalls erst kürzlich eine neue Form synaptischer Plastizität im Kleinhirn, die ebenfalls abhängig ist von präsynaptischen NMDAR. Eine kurzzeitige Depolarisation der zerebellären Purkinjezelle führt auf einem bisher unbekanntem Weg zu einer dendritischen Glutamatfreisetzung. Glutamat bindet an präsynaptische NMDAR auf zerebellären Interneuronen und erhöht über einen Kalziumeinstrom langanhaltend die Transmitterfreisetzung. Die Autoren bezeichneten dieses Phänomen als „Depolarisation-induzierte Potenzierung der Inhibition“ (DPI) (Duguid & Smart, 2004).

Im entorhinalen Kortex der Ratte finden sich ebenfalls elektrophysiologische Hinweise auf präsynaptische NMDAR (Woodhall et al., 2001). Es wurde gezeigt, dass präsynaptische NMDAR für eine passagere Potenzierung von 15 bis 20 Minuten verantwortlich sind (Solger et al., 2004). Ob diese transiente Potenzierung dem ebenfalls transienten Phänomen der DPI entspricht ist unklar.

In der Amygdala konnte auch in adultem Gewebe eine Beteiligung der NR2B Untereinheit an NMDA-vermittelten postsynaptischen Signalen nachgewiesen werden (Lopez & Sah, 2003; Szinyei et al., 2003). Applikation des spezifischen NR2B Antagonisten Ifenprodil in die Amygdala konnte die Aquisition von Furchtreaktionen, aber nicht deren Expression verhindern (Rodrigues et al., 2001). Rosenblum und Kollegen konnten zeigen, dass es nach Sensibilisierung des Geruchsinns im insulären Kortex zu einer Phophorylierung der NR2B Untereinheit kommt (Rosenblum et al., 1997). Insgesamt mehren sich die Hinweise auf eine Beteiligung der NR2B-Untereinheit an synaptischer Plastizität.

5.4. Expressionsmechanismen subikulärer LTP

Die präsynptisch exprimierte LTP in subikulären Bursterzellen zeigt Ähnlichkeiten mit der LTP der hippokampalen Moosfasern (Weisskopf et al., 1994), den kortikothalamischen Fasern (Castro-Alamancos & Calcagnotto, 1999) sowie den Parallelfasern des Kleinhirns (Salin et al., 1996). Diese Formen der präsynaptischen LTP sind abhängig von cAMP. Die Applikation des Adenylylcylase Aktivators Forskolin führte in Bursterzellen zu einem massiven Anstieg der exzitatorisch postsynaptischen Antwort. Ein nachfolgender Tetanus war nicht in der Lage, die Potenzierung zu steigern. [Seite 64↓]Dies weist darauf hin, dass es sich bei der chemischen Potenzierung mit Forskolin und der elektrischen Induktion der LTP um denselben Mechanismus handelt. In regulär feuernden Zellen erhöhte sich die synaptische Antwort nach Forskolingabe nur mäßig. Zudem konnte die Antwort weiter potenziert werden.

Mittels in-situ Hybridisierungen konnte sowohl in der Area dentata als auch in den Areae CA1 und CA3 mRNA für das Protein Adenylylcyclase I nachgewiesen werden. In der Area dentata sowie im Kleinhirn fand sich das Maximum der Signalintensität, während in den übrigen hippokampalen Arealen lediglich moderate Signale detektiert wurden (Xia et al., 1991).

Interessanterweise wurde an der hippokampalen Moosfasern ebenfalls eine zielspezifische LTP beschrieben. Maccaferri und Kollegen konnten nachweisen, dass nach tetanischer Reizung von Pyramidalzellen der Area CA3 zu einer langanhaltenden Potenzierung der synaptischen Antworten auftritt, wohingegen in Interneuronen der Area CA3 die Tetanisierung zu keinem Effekt oder gar einer langanhaltenden Depression der synaptischen Übertragung führen kann. Die Autoren führten dies auf die Tatsache zurück, dass die synaptischen Terminalen je nach Zielzelle über einen unterschiedlichen Gehalt des Proteins Adenylylcyclase verfügen (Maccaferri et al., 1998).

Ob im Subikulum, wie an der hippokampalen Moosfaser die vesikulären Transmittermoleküle Rab3A und Rim1α eine Rolle in der LTP Expression spielen, bleibt abzuwarten. Hinweise auf eine Beteiligung des H-Stromes fanden sich im Subikulum im Gegensatz zur Moosfasersynapse (Huang & Hsu, 2003; Mellor et al., 2002) nicht.

5.5. Pathologische Plastizität in Pilokarpin-behandelten Tieren

Eine anerkannte Theorie hinsichtlich der Entstehung einer Epilepsie beruht auf der Annahme eines Ungleichgewichts zwischen Exzitation und Inhibition. Eine Verminderung der Inhibition neuronaler Zellen, eine Disinhibition, führt zu einer Verstärkung der Exzitation und somit zu einer erhöhten Anfallsbereitschaft. In vitro Epilepsie-Modelle, die in Hirnschnittpräparaten iktale und interiktale Anfälle auslösen können, wie z.B. durch die Applikation des GABAA-Rezeptor Antagonisten Bicuculline in Kombination mit Veränderungen des extrazellulären Ionenmilieus oder das sogenannte „Niedrig-Magnesium Modell“ bauen auf dieser Hypothese auf. In der Tat konnte für das [Seite 65↓]in vivo Pilokarpin-Modell der TLE (siehe Material und Methoden Kapitel 2.3) gezeigt werden, dass inhibitorische Interneurone vulnerabler gegenüber anfallsinduziertem Zelltod sind als (exzitatorische) Pyramidalzellen und so das Ungleichgewicht begründen (Houser & Esclapez, 1996; Mello & Covolan, 1996). Neben Zelluntergängen spielen morphologische Reorganisationsphänome wie axonale Sprossung in der Anfallsgenese eine besondere Rolle (Dudek & Spitz, 1997; Prince, 1997).

Klinisch können bei Patienten mit einer TLE Lern- und Gedächtnisdefizite nachgewiesen werden. Es ist Gegenstand der Diskussion, inwiefern bestimmte Charakteristika pathologischer Plastizität denen der physiologischen Plastizität gleichen. Auf Gemeinsamkeiten des Kindling-Modells und der NMDA-abhängigen LTP wird in diesem Zusammenhang gerne verwiesen (Kullmann et al., 2000). Hesse und Teyler konnten schon 1976 eine verminderte LTP nach konvulsiven Anfällen nachweisen (Hesse & Teyler, 1976). Die genauen Ursachen blieben indes unklar. Beck und Kollegen konnten diese Ergebnisse in Operationsresektaten von Patienten mit TLE bestätigen (Beck et al., 2000). In einer kürzlich veröffentlichen Studie konnte mit Hilfe hippokampaler Schnittkulturen gezeigt werden, dass epileptiforme Aktivität zu einer NMDAR-abhängigen Vergrößerung der AMPAR-vermittelten Neurotransmission führt und eine nachfolgende LTP okkludiert. Eine Aktivierung von sogenannten „funktionell nicht aktiven Synapsen – silent synapses“ 2 soll nach Ansicht der Autoren eine Erklärung bieten (Abegg et al., 2004).

In der vorliegenden Arbeit konnte im Subikulum von Pilokarpin-behandelten Tieren nach hochfrequenter Reizung keine langanhaltende Potenzierung der synaptischen Antworten festgestellt werden. Stattdessen scheinen polysynaptisch latente Verbindungen mittels tetanischer Stimulation aktivierbar zu sein. In einigen Fällen waren diese polysynaptisch latenten Verbindungen per se, in anderen Fällen nach die Blockade der GABAergen Neurotransmission aktiv.

Miles und Wong konnten in intrazellulären Paarableitung von CA3 Pyramidenzellen zu einem sehr geringen Anteil (< 1%) polysynaptische Verbindungen im Kontrolltier nachweisen. Interessanterweise führte eine tetanische Stimulation zu [Seite 66↓]einer Aktivierung von synaptisch latenten Verbindungen und zum Auftreten von polysynaptischen Signalen (Miles & Wong, 1987b). Da die pharmakologische Blockade von GABAA-Rezeptoren denselben Effekt erzielte und den Prozentsatz polysynaptischer Verbindungen auf ungefähr 20% anhob, mutmaßten die Autoren, dass die Effizienz von rekurrenten inhibitorischen Verbindungen durch den Tetanus reduziert wird. Eine Verminderung der GABAAR-abhängigen Inhibition nach tetanischer Stimulation in Pilokarpin-behandelten Tieren im Subikulum kommt als Erklärung in der vorliegenden Arbeit nicht in Frage, da die Ableitungen unter pharmakologischer Blockade des GABAAR durchgeführt wurden.

An glyzinergen Neuronen des Goldfisches konnte ein ähnliches Phänomen beobachtet werden. Latente inhibitorische Verbindungen wurden nach tetanischer Reizung funktionell. Der Grund hierfür findet sich nach Ansicht der Autoren in der vorgeschalteten Zelle. Präsynaptische Terminalen sind nach ihrer Meinung nicht aktiv und können vor tetanischer Reizung keinen Transmitter freisetzen (Charpier et al., 1995).

Die Aktivierung synaptisch latenter Verbindungen im Pilokarpin-behandelten Tier könnte auch auf pathologische axonale Sprossung im chronisch epileptischen Gewebe zurückzuführen sein. In einer Untersuchung der eigenen Arbeitsgruppe fand sich allerdings kein Unterschied in der Gesamtarborisierung zwischen subikulären Zellen von Kontrolltieren und Pilokarpin-behandelten Tieren. Ein signifikanter Unterschied wurde aber bei den Teilungspunkten der Dendriten festgestellt. So teilen sich Dendriten von Zellen der Kontrolltiere signifikant häufiger als die der Kontrolltiere (Knopp et al., 2004). Ob dies in Zusammenhang steht mit den polysynaptischen Signalen, ist unklar. Ebenso unklar ist, ob sich, wenn auch nur zu einem geringen Prozentsatz, rekurrente Verschaltungen im Subikulum von Kontrolltieren nachweisen lässt.

5.6. Pathologische Plastizität im humanem Subikulum

Bislang gibt es nur wenige Untersuchungen zur Rolle des Subikulums im Rahmen der TLE. Im Gegensatz zu den Areae CA1 und CA3 findet sich im Subikulum meist nur ein sehr gering ausgeprägter Zellverlust. Auf Grund dieser Tatsache könnte dem Subikulum eine Schlüsselfunktion in der Generierung von Anfällen zukommen, da [Seite 67↓]ein intaktes Netzwerk eine notwendige Voraussetzung für die Generierung synchronisierter synaptischer Aktivität ist..

In der Tat konnte in den durchgeführten Untersuchungen in Hirnschnittpräparaten von Patienten mit pharmakoresistenter TLE im Subikulum spontane rhythmische Aktivität mit einer Frequenz von 0,75 bis 3 Hz aufgezeichnet werden. Diese Aktivität, bestehend aus EPSP/IPSP Sequenzen, wurde sowohl in sklerotischem (Ammonshornsklerose: AHS) wie auch in nicht sklerotischem Gewebe (Non-AHS) gefunden. In beiden Gruppen korrelierte die in vitro Aktivität sehr gut mit elektroenzephalografisch detektierter interiktaler Aktivität.

Ein Teil der Ergebnisse wurde zeitgleich von Cohen und Kollegen publiziert (Cohen et al., 2002). Cohen et al. untersuchten allerdings lediglich Patienten mit einer bildmorphologisch diagnostizierten AHS. Eine histologische Aufarbeitung und eine Einordnung nach der neuropathologischen Klassifikation von Wyler erfolgte nicht. Unter Berücksichtigung der bildmorphologischen Diagnose folgerten Cohen et al., dass eine Deafferenzierung des Subikulums einer erhöhten Anfallsbereitschaft verursacht. In einer kleinen Population von Zellen konnten Cohen et al. depolarisierende GABAerge Antworten nachweisen. Interneurone können, so die Autoren, Pyramidalzellen mittels des Neurotransmitters GABA erregen, die wiederum in einem Netzwerk weitere Pyramidalzellen, sowie Interneurone erregen können. Welche Mechanismen der Schrittmacherfunktion zu Grunde liegt, ist unklar. Depolarisierende GABAerge Signale waren bislang lediglich in juvenilem Gewebe nachgewiesen worden. Der Übergang von depolarisierenden zu hyperpolarisierenden GABAAR-vermittelten Antworten ist gekoppelt an die Expression des Kalium-Chlorid-Kotransporters KCC2 (Rivera et al., 1999). In in vitro Epilepsie Modellen kann ungefähr ein bis drei Stunden nach Aktivitätsbeginn tatsächlich eine Verminderung des KCC2 nachgewiesen werden (Rivera et al., 2004).

In der vorliegenden Studie konnte im Gegensatz zu der Arbeit von Cohen et al. nicht in allen Zellen interiktale Aktivität aufgezeichnet werden. Dies kann zwei Gründe haben. Zum einen könnten die nicht aktiven Zellen dieser Studie außerhalb des epileptischen Fokus gelegen haben, zum anderen könnte sich in dem untersuchten Hirnschnittpräparat kein Fokus befunden haben. Cohen und Kollegen haben die Größe des spontan aktiven Areals mit zwei mal drei Millimeter angegeben. Die resizierten Gewebestücke der hiesigen neurochirurgischen Klinik haben in der Regel eine Größe [Seite 68↓]von ungefähr zwei mal zwei Zentimeter, so dass per se nicht in jedem Hirnschnitt (500 µm Dicke) interiktale Aktivität gefunden werden kann.

In der vorliegenden Arbeit konnte ebenfalls in Non-AHS Gewebe spontane Aktivität gefunden werden. Non-AHS Gewebe zeigt auch in den Wyler Graden W1 und W2 (siehe Einleitung) einen geringgradigen Zellverlust. Ob eine partielle Deafferenzierung des Subikulums ausreichend ist, oder ob es sich im Fall des Non-AHS Gewebes um eine grundlegend andere Aktivität handelt, ist unklar.

Bislang ist ebenso unklar, welche Rolle diese spontane, rhythmische Aktivität in der Pathogenese der TLE spielt. Schwartzkroin und Haglund konnten interiktale Aktivität auch im Kontrollgewebe von Affen nachweisen. Die Autoren hielten deswegen diese spontanen, rhythmischen Ereignisse als einen Marker epileptischen Gewebes für ungeeignet (Schwartzkroin & Haglund, 1986).

Weitere Studien müssen klären, inwieweit Schrittmacherzellen diese Aktivität generieren können und welche zellulären Prozesse dieser zugrunde liegen. Es bleibt zu hoffen, dass aus dem Verständnis der zellulären Prozesse Patienten mit einer TLE neue Wege in der Pharmakotherapie eröffnet werden können.


Fußnoten und Endnoten

2 „Stille Synapsen – silent synapses“ zeichnen sich durch die Abwesenheit von AMPA-Rezeptoren aus, die nach Induktion einer LTP in die postsynaptische Membran eingebaut werden können. Bei Ruhemembranpotential kann nach synaptischer Stimulation einer „stillen Synapse“ kein postsynaptisches Signal aufgezeichnet werden.



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09.03.2005