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Vorwort

Die „Bibliothek“ hieß vor dem 20. Jahrhundert auf Chinesisch „Cang Shu Lou“, was „Lagerhaus für Bücher“ bedeutet. Ende des 19. Jahrhunderts wurde sie nach „Tu Shu Guang“ umbenannt, das ursprünglich vom Japanischen ins Chinesische übersetzt wurde und genauso wie im Japanischen ausgesprochen wird. „Tu“ bedeutet auf Chinesisch das Bild (oder Bilder, da es in chinesischer Sprache keinen Unterschied zwischen Singular und Plural gibt), „Shu“ heißt das Buch (Bücher) und „Guang“ Haus. Man könnte dies im Hinblick auf die Medienausbreitung in den Bibliotheken des letzten Jahrhunderts wohl am besten mit Haus der Bilder und Bücher übersetzen.




Abbildung 1: Die erste als „Tushuguan“ bezeichnete Bibliothek

Die erste als „Tushuguan“ bezeichnete Bibliothek wurde 1905 in der Provinz Hunan (in der heutigen Hauptstadt Changsha) eingerichtet. (Quelle: http://www.library.hn.cn/gqgm/gqgm10.htm , 06.03.04)




1. Die Wahl des Themas

Wenn man aus China nach Deutschland kommt, wird man oft gefragt: Was trinkt man in China, gibt es dort auch Bier? Schreibt man mit Pinseln und von rechts nach links und von oben nach untern? Wie schreibt man chinesisch mit dem Computer? Aber auch fachliche Fragen werden gestellt: Wie viele Bibliotheken gibt es dort? Es ist unverkennbar, dass wir trotz der Globalisierung noch zu wenig über die anderen Kulturen wissen. Austauschprogramme und Studienreisen verbessern diese Situation aber langsam.1 Eine systematische Darstellung des chinesischen Bibliothekswesens bietet in deutscher Sprache die Dissertation von C. Lux2 und aus dem englischen Sprachraum „Libraries and librarianship in China“ von S.C. Lin.3

Die letzten zwanzig Jahre waren eine dramatische Wendezeit in China, von der Plan- zur Marktwirtschaft, zum privaten Investment und zur zunehmenden Eigentumsgarantie. Unter solchen Rahmenbedingungen hat sich das Bibliothekswesen in China sehr verändert, obwohl die Struktur in der Basis gleich geblieben ist. Vor 20 Jahren gab es noch kein Internet. Vor 8 Jahren, als das Buch von Lin 1998 erschien, sprach man in China noch nicht über Digitale Bibliotheken, sondern lediglich über „information automation“ bzw. „networking“.

Das chinesische Bibliothekswesen ist zweifellos ein so umfangreiches Thema, das man es in einer Dissertation nicht erfassen kann. Nicht nur wegen der viertausendjährigen Geschichte, den verschiedenen geographischen Eigenheiten [Seite VI↓]oder den verschiedenen ethnischen Gruppen mit zahlreichen Sprachen und Dialekten, sondern auch durch die zurzeit wirksam werdende Modernisierung. Das erfordert eine klare Begrenzung auf bestimmte Aspekte. Unter „China“ wird das Kernland China, nicht die „Republik China“ mit Taiwan verstanden. Die Situation in Macao, Hongkong und Taiwan wird gesondert geschildert. Die chinesische Regierung sieht diese als „Sonderverwaltungszonen“ an. Alle Statistiken, die von den offiziellen chinesischen Quellen ausgewählt werden, behandeln überwiegend nur das Kernland China.

2. Die Einteilung in fünf Kapitel

Diese Arbeit ist in fünf Kapitel unterteilt, mit einer Einführung und einer Einleitung. Die Einführung gibt allgemeine Informationen über China und eine kurze Beschreibung der Geschichte von Schrift, Buch und Bibliothek in China bis zum Beginn des 20 Jahrhunderts. Kapitel 1 berichtet über die Entwicklung des Internets in China, die Basis der Digitalisierung und damit einer vernetzten Gesellschaft. Kapitel 2 befasst sich ausführlicher mit der Digitalen Bibliothek in China. Die Schwerpunkte sind: die Digitalisierung der historischen chinesischen Sammlungen und klassischen Werke von Minderheiten. Dargelegt werden auch Projekte außerhalb Chinas, z.B. in Taiwan und Singapur, da Digitalisierung und Vernetzung über Landesgrenzen hinaus reichen. Die technischen Schwierigkeiten bei der Darstellung der chinesischen Schriftzeichen auf dem Bildschirm werden beschrieben. So befasst sich dieses Kapitel nicht nur mit der theoretischen Diskussion dessen was eine Digitale Bibliothek ist, obwohl über diesen Begriff auch in China viel diskutiert wird und er immer noch umstritten ist.

Bei einer Verbreitung von nur 0,24 Büchern pro Kopf ist die Digitale Bibliothek von wachsender Bedeutung, zumal die Versorgung mit Internetanschlüssen in Privathaushalten zunimmt. Ist die Erwerbung des Buchs für eine Bibliothek wichtiger als Digitalisierung? Für China ist beides gleich wichtig. Das heißt, die traditionelle Bibliothek, besonders die Öffentliche Bibliothek (ÖB) ist immer noch von großer Bedeutung, besonders weil es in China immer noch über 15% Halb- und Voll-[Seite VII↓]Analphabeten gibt.4 Die Öffentlichen Bibliotheken werden im Kapitel 3 dargestellt. China muss quasi die Volksbildungsbewegung der Öffentlichen Bibliotheken durchlaufen, die in den USA und Deutschland im späten 19. bzw. frühen 20. Jahrhundert geschehen ist und sich im 21. Jahrhundert fortsetzt. Einen Überblick über die Öffentlichen Bibliotheken bietet die Arbeit von C. Lux.5 Hier soll vor allem die Rolle der chinesischen Bibliotheken für sogenannte „Randgruppen“ betrachtet werden. Auf dem Volkskongress vom 5. März 2004 war dies u.a. ein wichtiges Thema. In den deutschen Zeitungen konnte man dazu lesen: „..Regierungschef Wen benennt Probleme des Landes in unerwarteter Deutlichkeit“.6 Dabei werde ich auf die neuen Angebote und Dienste seitens der Bibliotheken eingehen.

Das Kapitel 4 behandelt das chinesische Bibliothekswesen im internationalen Umfeld. Die Kooperation ist nicht nur im Inland Chinas, sondern auch international wichtig. Das bezieht sich nicht nur auf den traditionellen Publikationsaustausch, sondern auch auf die Digitalisierung und Vernetzung, den Austausch von Datensätzen und den gemeinsamen Aufbau virtueller Dienste. China hat zwar seit Jahrzehnten eine engere Zusammenarbeit mit den USA als mit Deutschland, in dieser Arbeit wird aber hauptsächlich auf die Beziehungen zu Deutschland eingegangen.

Kapitel 5 versucht ein Modell für das chinesische Bibliothekswesen der Zukunft zu entwerfen. Dargestellt wird die Arbeit für ein zukünftiges Bibliotheksgesetz in China, die gemeinsame Nutzung der Informationen und die fachliche Ausbildung. Ausgebildetes Personal ist immer der wichtigste Faktor für die Weiterentwicklung, in Deutschland, wie auch in China.


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3. Die Quellen

Wie bei C. Lux, sind die überwiegenden Quellen für diese Arbeit die chinesischen Fachzeitschriften, da sie aktueller als die monografische Fachliteratur sind, was man bei der raschen Entwicklung in den letzten 20 Jahren berücksichtigen muss. Diese Zeitschriften befinden sich in Deutschland überwiegend im Bestand der Staatsbibliothek zu Berlin – Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Einen Teil der Literatur habe ich selbst aus China mitgebracht oder mir von dort mitbringen lassen. Als weitere Quellen habe ich die Homepages der Bibliotheken mit zahlreichen aktuellen Informationen benutzt und zusätzlich waren die Gespräche mit Fachleuten und die Besichtigung der Bibliotheken sehr erhellend. Dadurch erhielt ich auch notwendige Hintergrundinformationen. Ebenso diente mir Graue Literatur, die ich soweit möglich gesammelt habe, als Quellenmaterial.

Es wurden zahlreiche Statistiken benutzt, was die bekannten Probleme verursacht. Die Kriterien der Bibliotheksstatistiken sind nicht einheitlich, z.B. die Zahl der Bibliotheken berücksichtigt manchmal die Dorfbibliotheken, manchmal jedoch nur die Kreisbibliotheken. Die Einwohnerzahl einer Stadt umfasst entweder ihr Umland oder nur die Kernstadt selbst. Manche Statistiken werden nicht von ausländischen Beobachtern akzeptiert, z.B. die Zahl der Arbeitslosen oder die Ausgaben für das Militär.7

Die Fußnoten dieser Arbeit verweisen nicht nur auf die verwendeten Quellen, sondern bieten zudem Informationen zu den kulturellen Hintergründen. Fast zu allen chinesischen Einrichtungen und Zeitschriften wurden gleichzeitig die originalen Namen im Klammern hinzugefügt und befinden sich zudem im Anhang 1. Wenn die Einrichtung, Zeitschrift oder der Zeitschriftsaufsatz schon eine englische Übersetzung hatte, wurde der englische Namen übernommen. Ansonsten habe ich sie ins Deutsche übersetzt. Zitat auf Englisch wurden ohne Übersetzung übernommen.

Bei den chinesischen Personenamen und den geographischen Namen habe ich meist Hanyu Pinyin (Lautschrift) benutzt, mit Ausnahme mancher im Westen bekannter oder eingedeutschter Namen wie zum Beispiel Peking (Beijing), Kanton [Seite IX↓](Guangdong). Eine Einheitlichkeit konnte dabei nicht erreicht werden, da manche Begriffe heute sogar in China benutzt werden, z.B. „Tsinghua Universität“ (auf Hanyu Pinyin sollte es „Qinghua“ heißen).

An dieser Stelle möchte ich mich bei vielen Kolleginnen und Kollegen bedanken, die mir geholfen haben. Zu aller erst bei den beiden Tutoren Ben Kaden und Stefan Duhr, die dazu beitrugen, den deutschen Text leichter verständlich zu machen. Mein Dank gilt auch Frau Elisabeth Simon, die mich mit vielen Materialien und Vorschlägen unterstützt hat.

Frau Renate Schmidt und Herr Dr. Rainer Krempien der Ostasienabteilung der Staatsbibliothek Berlin haben die Arbeit durch die Zugänglichmachung der Fachzeitschriften unterstützt.

Mein großer Dank gilt Herrn Prof. Dr. Walther Umstätter, der viel Geduld mit mir gehabt hat und mich immer unterstützt hat. Mein Dank gilt auch meinem zweiten Betreuer Herrn Prof. Dr. Robert Funk.

Diese Arbeit wurde vom DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst) unterstützt. Ohne diese finanzielle Hilfe wäre die Arbeit nicht möglich gewesen. Ich möchte mich bei meiner Mutter, meiner Schwester Zhi Hui und meinem Bruder Hong bedanken. Sie haben mich während meines fünfjährigen Auslandsstudiums unterstützt. Zu guter letzt gilt mein besonderer Dank meinem Mann, Damon Wallace. Er hat Geduld mit mir gehabt, da ich wegen der Arbeit für sehr lange Zeit in Berlin bleiben musste. Ohne sein Verständnis und seine Unterstützung wäre mir das Schreiben dieser Arbeit noch schwerer gefallen.


Fußnoten und Endnoten

1 Mehr siehe Simon, Elisabeth / Xu, Wenhui: China und Deutschland/China und Europa: Die Chinesisch-Deutschen Bibliotheksbeziehungen. In: Bibliotheksdienst 35. Jg. (2001), H.10: 1282-1299.

2 Generaldirektorin der Zentral und Landesbibliothek Berlin, sie hat diese Arbeit „ Das Bibliothekswesen in der Volksrepublik China“ vor 20 Jahren verfasst und 1986 wurde sie bei K. G. Saur veröffentlicht. Sie hat dazu zwei Jahre in China verbracht.

3 Lin, Sharon Chien: Libraries and Librianship in China. - Westport, Connecitcut. London: Greenwood Press. 1998. 241 S.

4 „Illiterate and semi-illiterate % to total aged 15 & over: 15.78, male: 9.01 Female: 22.61”. Siehe: China Statistical Yearbook 1999. Compiled by National Bureau of Statistics, P. R. China. -.Beijing: China Statistics Press: 122.

5 Lux, Claudia: Das Bibliothekswesen der Volksrepublik China. – München: K. G. Saur, 1986.

6 Erling, Johnny: China: „Sozialer Fortschritt vor Wirtschaftswachstum“. In: Berliner Morgenpost am 06.03.04. S. 6.

7 Die Ausgaben für Militär wurde von der chinesischen Regierung auf 25 Mrd. US Dollar jährlich benannt, wird aber von ausländischen Beobachtern sogar als doppelt so hoch geschätzt. Siehe: The Epoch Times am 11.03.04.



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11.08.2004