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Einführung

1. China als Region

1.1 Politische Struktur 1

Oberstes Staatsorgan Chinas ist der auf fünf Jahre gewählte Nationale Volkskongress. Er wird von den Provinzen, autonomen Gebieten und den regierungsunmittelbaren Städten gewählt. Der Nationale Volkskongress ist für die Gesetzgebung und für die Ernennung des Ministerpräsidenten sowie des Staatsrates zuständig. Der Staatsrat ist das oberste Regierungsorgan. In seiner Eigenschaft als zentrale Volksregierung leitet er die Verwaltung der Volksrepublik China und ist richtungsweisend für die Verwaltung der örtlichen Staatsorgane. In den Provinzen und in den regierungsunmittelbaren Städten sowie in den Bezirken und Gemeinden bestehen örtliche Volkskongresse, die die Regierungsgeschäfte in diesen Gebietskörperschaften wahrnehmen.

Die lokalen Volkskongresse werden unterhalb der Provinzebene gewählt.

Seit 1982 wird bei der Beschreibung der Wirtschafts- und Eigentumssysteme auf die Bedeutung des Marktes hingewiesen. Ausländische Direktinvestitionen sind seitdem zugelassen2 und werden heute durch Steuervergünstigungen und weitere wirtschaftspolitische Anreize, die auch die Informationsversorgung beeinflussen, stark gefördert.

Die Bevölkerungsverteilung ist in China sehr ungleichmäßig. Der dicht besiedelte Osten ist auch der wirtschaftlich am intensivsten genutzte Teil Chinas, der sich von der nordostchinesischen Ebene (Mandschurei) über die vom Unterlauf des Hwan-gho durchströmte Ebene und das Tiefland am Mittel- und Unterlauf des Jang-tse-kiang [Seite 10↓]bis zum südostchinesischen Bergland erstreckt. 94% der Bevölkerung leben auf 59% der Gesamtfläche, daher ist es im Laufe der Zeit immer wieder zu staatlich verordneten Bevölkerungsverschiebungen gekommen. Im Ausland (ohne Hongkong und Taiwan) leben 34,87 Mio. Chinesen3, deren Kontakte zum Mutterland i.d.R. sehr eng sind. Sie spielen zurzeit bei der stürmischen wirtschaftlichen Entwicklung des Landes eine sehr große Rolle.

1.2 Wirtschaftliche Entwicklung, insbesondere die Wirtschafts- und Handelsbeziehungen mit Deutschland

Die chinesischen Vertreter aus Politik und Wirtschaft, sowohl auf der staatlichen Ebene als auch auf der Provinzebene, bezeichnen China als ein Entwicklungsland. Ziel der seit Beginn der 80er Jahre auf der Agenda stehenden Reformpolitik ist daher die Öffnung des Landes für ausländische Waren und Investitionen, was zu dem stürmischen Wirtschaftswachstum der letzten Jahre beigetragen hat. Besonders in den Küstenregionen und in der Region um Hongkong werden Gemeinschaftsunternehmungen mit ausländischer Kapitalbeteiligung, aber auch ausländisches Alleineigentum gefördert. Bis Ende 2001 investierten Geschäftsleute aus mehr als 170 Ländern in China und gründeten rund 390.000 Unternehmen. Von den 500 weltgrößten supranationalen Gesellschaften haben bereits über 400 Investitionen in China getätigt.4 Im November 2001 wurde China nach 15jährigen Bemühungen ein offizielles Mitglied der World Trade Organization (WTO).

Der ehemalige Ministerpräsident ZHU Rongji sagte dazu: „Wir werden unsere Versprechen halten, den inländischen Markt weiter zu öffnen, die geöffneten Bereiche und Regionen zu erweitern, die Öffnung in den Bereichen Finanzen, [Seite 11↓]Versicherung, Handel und Touristik schrittweise voran zu treiben und aktiv neue Formen und neue Wege zur Nutzung ausländischen Kapitals zu suchen.“5

Im neuen Heft der „National Geographic Deutschland“ steht in Editorial folgender Satz: „Es ist an der Zeit, unser Bild von China zu überdenken. Wenn Sie es sich noch immer als ein malerisches Agrarland nur mit Fahrrädern und Handkarren vorstellen, dann machen Sie sich auf eine Überraschung gefasst“.6 China ist jetzt ein unbändiges, industrialisiertes Land, wo schicke Autos und zahllose Exportfabriken die Vergangenheit in den Schatten stellt. Und Chinas Abkehr von alten Gewohnheiten und Einstellungen hat gerade erst begonnen.

Die Zusammenarbeit in Wirtschaft und Handel zwischen China und Deutschland erweitert sich ständig. Deutschland ist der größte Handelspartner Chinas in Europa. Das Handelsvolumen zwischen China und Deutschland betrug im Jahr 2002 27,8 Mrd. US-Dollar. Deutschland ist auch das Land in Europa, aus dem China die meisten Technologien einführt. Bis zum November 2002 unterhielt Deutschland in China 3010 Projekte mit direkter Kapitalbeteiligung im Wert von ca. 8 Mrd. US-Dollar, mit dem Schwerpunkt in Bereichen wie Verkehr, Telekommunikation, Energiewirtschaft und Infrastruktur. Die finanzielle und technische Zusammenarbeit zwischen der chinesischen und der deutschen Regierung verläuft sehr erfolgreich. Deutschland führt in China über 160 Projekte im Rahmen der Entwicklungshilfe durch. Neben der Intensivierung der Zusammenarbeit im traditionellen Handel sind beide Länder zugleich dabei, neue Formen und Bereiche der Zusammenarbeit zu erschließen.7

Die folgenden vier Grafiken verdeutlichen die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen China und Deutschland.


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Abbildung 2: Die Struktur der Einfuhr und Ausfuhr: Handel zwischen Deutschland und China

(Quelle: DG Bank)8

Abbildung 3: der Außenhandel Deutschlands und die Rolle Chinas9

(Angaben in Milliarden DM, gerundet. Quelle: Stat. Jahrbuch der BR Deutschland 2000/2001)


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Abbildung 4: Deutsche Firmen in China : Regionale Aufteilung:10

Quelle: Wirtschaftsabteilung der Deutschen Botschaft Peking

Abbildung 5: Branchendarstellung: Prozentuale Aufschlüsselung nach Branchen11

Quelle: Wirtschaftsabteilung der Deutschen Botschaft Peking


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2. Historischer Überblick: die Schrift, „Cang Shu Lou“ und „Tu Shu Guang“ 12

Chinas Geschichte ist seit ca. viertausend Jahren schriftlich belegt. Carl W. Bishop, ein berühmter amerikanischer Orientalistiker geht davon aus, dass schon früh in der Xia-Dynastie (21.-26. Jh. v. Chr.) in China Bambusbücher existierten, was durch archäologische Funde bestätigt wurde. Tierknochen und Schildkrötenpanzer mit Gravuren werden bis in die Shang-Dynastie (16.-11. Jh. v. Chr.) nachgewiesen. So gab es möglicherweise auch zu dieser Zeit schon Sammlungen beschriebener Materialien, die vergleichbar mit dem sind, was wir heute als Bibliothek oder Archiv kennen. Allerdings waren diese Materialien nicht so resistent wie Knochen oder Bronze und haben die Einflüsse der Zeit nicht überlebt.

In China wurden Bambus, Holzstreifen und Seidenrollen seit dem dritten oder vierten Jahrhundert v. Chr. zum Schreiben benutzt, bis ca. 100 n. Chr. das Papier erfunden wurde. Die Erfindung des Papiers hat die Buchproduktion und die Entwicklung der Bibliotheken vorangetrieben. Obwohl nicht viele Texte über die Zhou-Dynastie (1122-221 v. Chr.) gefunden wurden, geht man davon aus, dass beschriebene Materialien in verschiedenen Bereichen der Regierung für die Kommunikation immer wichtiger wurden und es daher zur Gründung von Archiven am königlichen Hof und in Feudalstaaten kam.

Historische Funde zeigen,13 dass China in jeder Dynastie seiner Geschichte (vom 26. Jh. v. Chr. bis zum Jahr 1911) eine kaiserliche Bibliothek hatte. Im alten China trugen die königlichen Historiographen die Verantwortung für die Archive, oder im heutigen [Seite 15↓]Sinn für die Bibliotheken. Lao-tze, der Begründer der Philosophie Taoismus, war der weitaus berühmteste Betreuer der kaiserlichen Bibliothek der Zhou-Dynastie.

Kaiserliche Bibliotheken wurden in allen Dynastien nur für die privilegierte Klasse eingerichtet. Ab der Song-Dynastie (960-1279) waren die kaiserlichen Bibliotheken und großen Landesbibliotheken zwar auch für gut ausgebildete Lehrer und Studierende zugänglich, jedoch noch nicht für die breite Öffentlichkeit. Die Bestände der Sammlungen, ob in den kaiserlichen Bibliotheken oder in Privatsammlungen, spiegeln zum großen Teil die Interessen der Besitzer wieder. Die kaiserlichen Bibliotheken wurden z.B. eingerichtet, um Material für die Erstellung der Enzyklopädien oder Dynastiegeschichten zu sammeln.

Die Einführung des Buchdrucks (insbesondere des Blockdrucks) im 10. Jahrhundert revolutionierte die Buchproduktion. Die Kosten eines Buches waren nicht mehr unerschwinglich hoch. Daher wurden private Bibliotheken populär, von denen einige berühmt geworden sind. Tian Yi Ge (Ming-Dynastie)war damals das größte private Gebäude einer Büchersammlung in China.14

Nach dem chinesisch-japanischen Krieg 1894-1895 und dem Boxeraufstand 1899-1901 begann die Regierung in der Qing-Dynastie, eingeschränkte Reformen im Bibliothekswesen durchzuführen. Die Intellektuellen empfahlen, das japanische oder das amerikanische Bibliotheksmodell nach China zu importieren, da Bibliotheken eine große Rolle bei der Modernisierung und Volksbildung spielen, wie es in Japan und den USA der Fall ist. Aber diese Bewegung vollzog sich in China fast ein halbes Jahrhundert später als in industrialisierten Ländern. In Deutschland versuchten Volksbibliotheken schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die sogenannten „unteren sozialen Klassen“ mit Lesestoff zu versorgen. Und „in den rasch wachsenden Industriestädten entwickelten sich Öffentliche Bibliotheken in einem Maße, dass nach 1900 ein deutlicher Mangel an finanzierbarem und gleichzeitig geeignetem Personal spürbar wurde“.15 Als Bona Peiser (1866-1929) die erste deutsche Bibliothekarin im Jahre 1895 in der „Öffentlichen Lesehalle der Deutschen [Seite 16↓]Gesellschaft für Ethische Kultur“ in Berlin arbeitete,16 gab es in China noch keine Öffentlichen Bibliotheken.

Das japanische Wort „Tushuguan“ wurde 1896 aus Japan nach China übernommen. 1902 wurde ein Schulgesetz (Xuetang Zangcheng) von der Qing-Dynastie erlassen. Das Wort „Tushuguan“ wurde zum ersten Mal in offiziellen Dokumenten benutzt.17 Obwohl der erste moderne Bibliotheksbau 1903 in der Provinz Zhejiang vollendet wurde, hieß diese Bibliothek aber noch „Cang shu Lou“ (Lagerhaus des Buches). Bis 1909 wurden dann Provinzbibliotheken in den meisten Provinzen aufgebaut, die nach dem Vorbild der Hunan Provinzbibliothek im Jahre 1905 auch „Bibliothek“ hießen.18

Die Entwicklung des chinesischen Bibliothekswesens kann grob in vier Perioden eingeteilt werden:

(vor 1905) Bibliotheken als Orte zur Aufbewahrung von Büchern;

(1905-1949) Bibliotheken für den öffentlichen Gebrauch;

(1949-1976) Bibliotheken für die Politik;

(1978-heute) Bibliotheken für Marktwirtschaft und Modernisierung (Digitalisierung).


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Fußnoten und Endnoten

1 Materialien von Frau Elisabeth Simon. Frau Simon hat im Oktober 1994 als Gast vom chinesischen Kulturministerium zwei Wochen lang die chinesischen Bibliotheken besucht. Sie war in Beijing, Shanghai und Kanton und hat für das Auswärtige Amt einen Bericht über diese Studienreise verfasst.

2 “Zwischen 1979 und 2001 summierte sich das in China tatsächlich genutzte Auslandskapital aus den direkten ausländischen Investitionen auf 393,5 Mrd. US-Dollar. China ist nach den USA das zweitgrößte Land hinsichtlich der Aufnahme ausländischen Kapitals“. Siehe: „China 2002“. -. Beijing: Neuer Stern Verlag, 2002: 129.

3 According to the „Oversees Chineses Economy Yearbook (1999)“, the population of ethnic Chinese outside Taiwan and mainland China was 34.87 million in 1999. Taiwan had a population of 22 million in 1999. China has 1.2 billion, of which abut 33.7 million were connected to the Internet as of December 2001 (CNNIC, 2002). Siehe: Yang, Guobin (University of Hawaii at Manoa, USA), “The Internet and the rise of a transnational Chinese cultural sphere”. Media, Culture & Society -. London: SAGE publications, 2003 : 487.

4 „China 2002“, a.a.O.: 130.

5  http://www.china-botschaft.de. 31.01.03

6 Becker, Jasper. „China: Der wilde Boom - Chinas 1000 Sorgen“. National Geograhpic Deutschland. März (2004): 114-141.

7  http://www.china-botschaft.de/ger/33237.html, 24.02.04

8  http://www.ahk-china.org/china-economy/aktuelle-statistiken.htm. 07.05.02.

9 s.o.

10 s.o.

11 s.o.

12 Lin, Sharon Chine, a.a.O.: Introduction and chapter 1. “Historical Development“: 3-13.

13 Das frühste gedruckte Exemplar in der Library of Congress ist die „Buddhist sutra“, die im Jahre 975 n. Chr. in China gedruckt wurde. Mehr dazu siehe: http://www.loc.gov/rr/asian/collections.html#Chinese, 19.03.04. Die alten chinesischen Papiere sind in der Regel von ausgezeichneter Qualität, nicht wie heutiges säurehaltiges Papier, die bei der Buchproduktion ihre Qualität mindert. Vgl.: Krempien, Rainer. „Die Japan-Sammlung der Staatsbibliothek zu Berlin und ihre Weiterentwicklung ins 21. Jahrhundert“. In: Symposium Information zu Japan im 21. Jahrhundert-Neue Aufgaben für die Japanbezogenen Bibliotheken im deutschsprachigen Raum. 2.-3.11.2000. (Berlin) 2001: Veröffentlichungen des Japanisch-Deutschen Zentrum Berlin Band 44: 19.

14 Zhang, Yulan/Liu, Ying. „Die Geschichte über Tian Yi Ge“. Theorie und Praxis der Bibliotheken 1 (2002): 65-66.

15 Lüdtke, Helga (Hg.): Leidenschaft und Bildung, zur Geschichte der Frauenarbeit in Bibliotheken. -.Berlin: 2. Auflage, Orlanda Frauenverlag. 1993: 26.

16 Mahrt-Thomsen, Frauke. Dissertation (in Vorbereitung) „Bona Peiser - Die erste Bibliothekarin in Deutschland“. Vgl.: Lüdtke, Helga: 50.

17 Huang, Jiahui. „Sekretariatsarbeit in der Universitätsbibliothek“ Library Tribune Vol.23 No. 2. 4 (2003): 58-59 und 41.

18 Lin, Sharon Chien, a.a.O.: 5.



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11.08.2004