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Zusammenfassung und Ausblick

China ist ein Land, das sich im Umbruch befindet und daher große Veränderungen in seiner politischen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Struktur bewältigen muss. Obwohl die wirtschaftliche Öffnung ein ökonomisches Wachstum verursacht, hat das Land mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen, deren Überwindung die Voraussetzung für eine weitere positive Entwicklung ist.

These 1. Die Kulturrevolution in China hat nicht nur dem Land in der Vergangenheit sehr geschadet, sondern wird auch seine Zukunft noch negativ beeinflussen, weil die Bibliotheken Nachholbedarf haben und immer noch 16% der Bevölkerung Analphabeten sind.

Keine oder nur geringe Bildungsvoraussetzungen und der Mangel an Zugang zu Informationen sind in manchen Regionen sehr ausgeprägt. Den sich stürmisch entwickelnden Städten wie Shanghai steht eine arme analphabetische Landbevölkerung gegenüber. Das bedeutet, dass der Wert der Bibliotheken und Informationen in einem großen Teil der Bevölkerung nicht verankert ist

These 2: Die Rolle der Bibliothek in China unterscheidet sich von der in postindustriellen Staaten wie Deutschland oder den USA. China muss quasi die Volksbildungsbewegung der Öffentlichen Bibliotheken durchlaufen, die beispielsweise in den USA und Deutschlandim späten 19. bzw. frühen 20. Jahrhundert stattgefunden hat, und sich nun im 21. Jahrhundert fortsetzt.

These 3: China hat sozusagen zwei Aufgaben gleichzeitig:

  1. die traditional gewachsenen Bibliotheken, wie ÖBs und Schulbibliotheken auf- und auszubauen
  2. das Bibliothekswesen in seiner Gesamtstruktur zu modernisieren.

Dabei ist auf ein ausgewogenes Verhältnis bei der Unterstützung der Spitzenwissenschaft und der Informationsversorgung der breiten Bevölkerung, in den Städten und auch auf dem Land, zu achten.


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These 4: Informationsversorgung und ökonomisches Umfeld bedingen sich gegenseitig. Der Zugang zu Informationen ist eine Grundbedingung für eine gesunde Ökonomie. Diese Erkenntnis muss sich auch in China durchsetzen.

Eine ökonomisch positive Entwicklung, ohne eine Entsprechung in der Informationstechnologie, kann bedeuten, dass China ein Billiglohnland auf der vergleichbaren Stufe der Entwicklungsländer bleibt. Es ist also wichtig, dass die wirtschaftliche Entwicklung ihre Entsprechung in der Entwicklung der Wissenschaft und Ausbildung findet.

These 5: Um die Entwicklung im Bildungswesen, in Forschung und Wissenschaft durch leistungsfähige Bibliotheken und eine möglichst rasche Informationsversorgung zu ermöglichen, wird ein Bibliotheksgesetz benötigt. Das Gesetz muss den Rahmen für eine möglichst ungehinderte Entwicklung der Informationsversorgung vorgeben, ohne einzelne Gruppen, insbesondere ethnische Minderheiten, zu benachteiligen.

Ein umfassendes Bibliotheksgesetz sichert zwar nicht die Informationsversorgung, aber würde einen gesetzlichen Rahmen zur Weiterentwicklung der Informationsversorgung und der Bibliotheken vorgeben.

These 6: Dieses Gesetz sollte auch die fachliche Ausbildung der Informationsberufe regeln, um einen optimalen und auch international akzeptablen Qualitätsstandard zu sichern. Da eine gute fachliche Ausbildung Voraussetzung für den Stellenwert der Informationen und deren Nutzung ist. Gerade in China, einem Land das noch immer durch ein sehr zersplittertes Bibliotheks- und Informationswesen gekennzeichnet ist, könnte ein Bibliotheksgesetz mit nationalen Strukturen den notwendigen Anschub für eine nationale Weiterentwicklung liefern. Dieses Gesetz und die Bibliotheken sollten in die Bemühungen um die allgemeine Alphabetisierung eingebunden werden, was das wichtigste Vorhaben für die absehbare Zukunft sein dürfte. Mangelnde Lesekenntnis und mangelnde Medienkompetenz sind aber nicht typisch chinesische Probleme, bzw. der Entwicklungs- und Schwellenländer, wie z.B. Südafrika. Vielmehr kämpfen auch hochentwickelte Länder wie die Vereinigten Staaten von Amerika und Deutschland mit diesem Problem. Das Problem ist in China besonders schwerwiegend, da es hier nicht nur bzw. vorwiegend um funktionalen Analphabetismus geht. Ein großer Teil der Bevölkerung besitzt keinerlei Lese- oder Schreibfähigkeiten. Hinzu kommen die kaum entwickelten Fremdsprachenkenntnisse.


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These 7: Insbesondere in einem Flächenland wie China (China ist 26 mal so groß wie Deutschland, bei der etwa 16,-fachen Einwohnerzahl) ist die Digitale Bibliothek für die gemeinsame Nutzung von Informationen, von besonders großer Bedeutung. Aus historischen Gründen gibt es in China sehr unterschiedlich entwickelte Bildungsniveaus und differente Informationsversorgungssituationen.

These 8: Trotz der eigenen kulturellen Geschichte kann und sollte China sich ausländische Erfahrungen zu Nutze machen, soweit die Digitale Bibliothek - auf der Basis des Internets - dies erfordert bzw. möglich macht.

Es sollte mit dem Ausland zusammenarbeiten, weil sich hier eine Kooperation ergeben kann, die insbesondere für die Zukunft der Digitalen Bibliothek wichtig ist. Das Ausland hat großes Interesse an chinesischer Literatur und am Zugang zu chinesischen Datenbanken. Daher könnte hier eine gute Kooperation der erste Schritt für eine zukünftige Zusammenarbeit sein, wie sie die Vernetzung und die weltweite Öffnung der Informationsressourcen erfordern.


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11.08.2004