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3  Patientengut und Methodik

3.1 Patientengut

Die vorliegende Dissertation ist eine retrospektive Auswertung der Krankenakten von Hörsturzpatienten. Es werden keine Kontrollgruppen zu dem untersuchten Kollektiv aufgestellt. Die Ergebnisse sind reine Beobachtungen aus den Krankenakten, die wir mit der Statistik nicht belegen können.

An der Hals-Nasen-Ohrenklinik des Rudolf-Virchow-Klinikums der Freien Universität Berlin (Standort Charlottenburg ) wurden von Januar 1990 bis August 1992 213 Patienten mit der Verdachtsdiagnose Hörsturz stationär aufgenommen.

Aus diesem Krankengut werden 119 Patienten in diese Studie aufgenommen. 94 Krankenakten werden wegen Unvollständigkeit und falschen Diagnosen in die Arbeit nicht einbezogen. Da die Untersuchungen der Diagnostik für Hörsturz sehr zahlreich sind, werden nur die Krankenakten in die Bewertung einbezogen, die eine ausreichend vollständige Dokumentation enthalten.

Von den ausgewerteten 119 Patienten sind 32 weiblich und 87 männlich ( Abbildung 2 ).

Eine Übersicht über die Kriterien und Diagnostik gibt die Abbildung 4, die auch als Auswertungsbogen benutzt wurde.

Abbildung 2 : Geschlechtsverteilung (n = 119 )


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Das Durchschnittsalter aller Patienten beträgt 47,6 ± 6,5 Jahre, wobei die jüngste Patientin 20 Jahre und die älteste Patientin 87 Jahre alt ist.

Wir teilen die Patienten in unterschiedliche Altersgruppen auf ( Tabelle 5 ).

Tabelle 5:

Altersgruppe

I

II

III

IV

V

VI

Alter in Jahren

20 - 29

30 - 39

40 - 49

50 - 59

60 - 69

>70

Pat.-Zahl n=119

14

22

22

42

14

5

In der Altersgruppe IV sind die meisten Patienten mit 35,2%, gefolgt von Altersgruppe II

und III mit jeweils 18,5%. Die Gruppen I und V sind jeweils mit 11,8% vertreten, und

die Altersgruppe VI umfaßt 4,2%.

Die Abbildung 3 zeigt eine Übersicht über die Alters- und Geschlechtsverteilung.

Abbildung 3 : Anzahl der weiblichen und männlichen Patienten in einzelnen Altersgruppen


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3.2  Auswertungskriterien

Abbildung 4: Untersuchungsvorlage für den Hörsturz


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3.2.1  Untersuchungsvorlage

Die Auswertung der Unterlagen erfolgt systematisch nach dem folgenden Schema.

Hörsturzseite:

links / rechts oder beidseitig

Hörverlust:

Anhand der Audiometriebefunde werden die Frequenzbereiche ( Tief,- Mittel- oder Hochton ) des Hörverlustes ermittelt und in Dezibel ( dB ) angegeben.

Schwindel:

nein / ja

Die anamnestische Angabe über subjektiven Schwindel ohne Angabe des Schwindelcharakters bei der Aufnahmeuntersuchung.

Tinnitus (Ohrgeräusch):

nein / ja ( links / rechts )

Die anamnestische Angabe über ein Ohrgeräusch mit Seitenangabe ( betroffenes Ohr ) ohne Bewertung der Art des Geräusches.

Stapediusreflex:

auslösbar / nicht auslösbar

Die Impedanzänderung (akustischer Widerstand des Trommelfells) wird durch einen Tonreiz ausgelöst. Der Reflex des Hörgesunden wird bei 70 - 90 dB ipsilateral oder kontralateral registriert.

HNO-Spiegelbefund:

reizlos / pathologisch

Bewertung des äußeren Ohres und des Trommelfells.

BERA (brainstem evoced response audiometry):

nicht meßbar/meßbar ( negativ / positiv )

Messung der elektrischen Aktivität des Hirnstammes nach akustischer Reizung, zum Ausschluß retrocochleärer oder cerebraler Raumforderung. Bei den akustisch evozierten Hirnstammpotentialen lassen sich die fünf typischen Potentialkomplexe Jewett I bis Vsowohl nach ihrer Amplitude als auch nach ihrer Latenz analysieren. Eine Latenzverlängerung [Seite 27↓]um mehr als 0,5 ms im Vergleich zur gesunden Seite, eine Amplitudenminderung und Potentialmusterverformung sind Hinweise auf eine retrocochleäre Hörstörung

( MAURER u. Mitarb. 1982 ).

Positiver Befund entspricht einer verlängerten Latenzzeit, bei der eine CT-Untersuchung

zum Ausschluß retrocochleärer oder cerebraler Raumforderung empfohlen wird.

ENG (Elektronystagmographie):

nicht messbar / unauffälliger oder pathologischer Befund

Methode zur elektrischen Aufzeichnung von spontanem und experimentell ausgelöstem Nystagmus.

3.3 Konsiliaruntersuchungen:

Die akut symptomatischen Hörverluste sollen durch die Konsiliaruntersuchungen in neurologischen, orthopädischen und internistischen Fachbereichen nach ihrer interdisziplinären Ursachen untersucht werden.

  1. Neurologie:
    Die neurolgische Zusatzuntersuchung soll intrakranielle und zentralnervöse Störungen, die eine Hörsturzsymptomatik verursachen können, ausschließen (Akustikusneurinom, Kleinhirn brückenwinkeltumor, intrakranielle Tumoren oder Blutungen ). Der klinischen Untersuchung sollte eine CT-Aufnahme folgen, wenn Verdacht auf eine retrocochleäre Schädigung besteht.
  2. Orthopädie:
    Das Innenohr wird vaskulär über die Aa. vertebraliae versorgt, diese verlaufen in den Querfortsätzen ( Foramen transversii ) der Halswirbelsäule. Deshalb werden zum Ausschluß vertebraler Genese durch HWS-Irritationen, Röntgenaufnahmen des kranio-zervikalen Übergangs in mindestens zwei Ebenen durchgeführt. Die einzelnen HWS-Segmente werden nach Foramenverengung, Wirbelkörpersinterung und anderen pathologischen Veränderungen untersucht.[Seite 28↓]
  3. Innere Medizin:
    Die Halsgefäße ( Aa. carotis internae und externae ) werden dopplersonographisch auf hämodynamisch wirksame Stenosen oder Wandveränderungen untersucht. Zusätzlich wird anamnestisch und klinisch eine allgemeinmedizinische Untersuchung ( Herz-Kreislauf, Diabetes mellitus ) durchgeführt.

Virologie:

erhöht / nicht erhöht

Durch Lues-Serologie wird die virale Ursache (otologische Komplikation der Lues-Infektion ) ausgeschlossen. Hierzu wird eine Titerbestimmung vorgenommen.

3.3.1 Risikofaktoren und ihre Referenzbereiche:

Eine Vielzahl von Risikofaktoren ist in der Literatur bekannt, wir haben uns auf die häufigsten beschränkt. Alle Patienten werden auf Hypertonus, Hypercholesterinämie, Hypertriglyceridämie, Adipositas, Nikotinabusus und Diabetes mellitus als Risikofaktoren untersucht.

In der folgenden Aufzählung sind die Risikofaktoren mit den Referenzbereiche angegeben:

  1. Hypertonus:
    Der Blutdruck wird nach Riva-Rocci gemessen. Er wird als pathologisch registriert, wenn er systolisch >160 mmHg und diastolisch >95 mmHg übersteigt (Classen, Diehl, Kochsiek 1991).
  2. Cholesterin:
    Die Normalwerte für Serumcholesterin sind umstritten. Der Cholesterinwert ist über den Wert 220 mg/dl als pathologisch anzusehen ( CDK ).
  3. Triglyceride:
    Auch hier variieren die Normalwerte, abhängig vom Labor der Krankenhäuser; der pathologische Grenzwert besteht ab 175 mg/dl.
  4. Adipositas:
    Bestimmung des Broca-Index ( Körpergewicht in kg/Körpergröße in cm – 100 ); er ist pathologisch, wenn er >10% über demBroca-Index ( CDK ) liegt.[Seite 29↓]
  5. Nikotin:
    Zigarettenrauchen ist in jedem Fall als Risikofaktor anzusehen, obgleich eine „Dosisabhängigkeit” besteht. In die Auswertung werden alle Patienten genommen, die regelmäßig rauchen.
  6. Diabetes mellitus:
    Die Bestimmung des Blutzuckers erfolgt bei der Aufnahme routinemäßig, bei Nüchternzuckerwerten größer als 100 mg/dl, werden weitere Untersuchungen (Blutzuckertagesprofil oder/und Glucosetoleranztest) durchgeführt. Sonst sind die Angaben über einen bestehenden Diabetes mellitus anamnestisch.

Therapie-Beginn:

Der Zeitpunkt zwischen dem Auftreten des Hörsturzes und Beginn seiner Behandlung.

Therapie-Dauer :

Der Zeitraum der stationären Behandlung in Tagen.

Therapie-Form:

Welche Art der Therapie wird eingesetzt ?

Remissionsverhalten:

Anhand der Audiometrien wird während und nach der Therapie die Remissionsrate ermittelt. Diese wird in drei Kategorien

  1. Vollremission
  2. Teilremission
  3. Keine Remission

in unterschiedlichen Frequenzbereichen unterteilt.


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02.06.2005