5. SCHLUSS

Ziel dieser Arbeit war es einerseits, eine theoretisch fundierte Begründung der zunehmenden Notwendigkeit einer Öffnung des Unterrichts auf der Grundlage einer historischen Betrachtung zu entwickeln. Anderseits sollte die Ausgangssituation im Erdkundeunterricht an Brandenburger Real- und Gesamtschulen empirisch untersucht werden. Die Vorstellung eines erprobten und ausgewerteten Unterrichtskonzeptes diente der Konkretisierung eines geeigneten Weges zur Öffnung von Fachunterricht in der Sekundarstufe I.

Im Teil I wurde auf der Grundlage der historischen Entwicklung des Begriffs "Offener Unterricht" und der Diskussion bzw. praktischen Umsetzung im Rahmen der verschiedenen Reformprozesse eine Präzisierung des Begriffs „Öffnung von Unterricht“ entwickelt, die als Arbeitsdefinition die Grundlage für das weitere Vorgehen bildete.

Produktives Lernen wird bei Kindern und Jugendlichen mit sowohl unterschiedlichen Wahrnehmungs-, Verarbeitungs- und Lernmöglichkeiten, als auch unterschiedlichen Erfahrungen, Bedürfnissen, Interessen ermöglicht, wenn zum Beispiel nicht nur verschiedene kognitive Ebenen oder/und subjektive Zugänge zum Wissen angesprochen werden, sondern auch Handlungselemente zum Wissensaufbau führen und soziale, emotionale und motorische Bedürfnisse berücksichtigt werden. Unterricht muss also in seiner Organisation und seinen Inhalten eine stärkere Schülerbeteiligung bieten. Dies hat Veränderungen im Verhältnis Lehrender-Lernender zur Folge. Die dem Lehrenden anvertrauten Lernenden sind als individuelle Persönlichkeiten zu sehen und anzunehmen. Die Notwendigkeit einer differenzierenden und individualisierenden Unterrichtsgestaltung ergibt sich daraus und führt zu Veränderungen in der organisatorisch-methodischen und inhaltlichen Gestaltung des Unterrichts hin zu mehr Offenheit. Derartige Unterrichtsarrangements sind geprägt von einem größeren Anteil demokratischer Entscheidungsfindungen auf der Grundlage von Kommunikation und Kooperation der am Unterricht Beteiligten.

Ausgehend von der Vielfalt der in der modernen Schule anzutreffenden Schülerpersönlichkeiten, in der heutigen Zeit im Wesentlichen bedingt durch die unterschiedlichsten Sozialisationsbedingungen, wurde im II. Teil aufgezeigt, dass dies Konsequenzen für das Lernen selbst und die Lernmotivation hat. Diese Konsequenzen können in einer Öffnung von Unterricht münden. Eine Öffnung bietet neben neuen Chancen im Bereich der Lernmotivation und des Lernvorgangs, die Möglichkeit, die immer wieder geforderten Schlüsselqualifikationen, wie zum Beispiel Selbständigkeit, Erkundungs- und Handlungskompetenz oder Entscheidungskompetenz, anzubahnen bzw. zu entwickeln. Ausgehend von der These, dass eine schrittweise Öffnung des Unterrichts sowohl mit fast allen Schülern als auch durch jeden Lehrenden unter den Rahmenbedingungen des staatlichen Schulsystems möglich ist, leiteten sich die Fragestellungen der derzeitigen Verwirklichung und der Bedingungen und Möglichkeiten einer Öffnung von Unterricht unter Berücksichtigung der erreichbaren Ziele und Qualifikationen ab.

Im III. Teil konnte im Rahmen der empirischen Untersuchung mit Hilfe eines selbst erstellten Fragebogens gezeigt werden, dass Erdkundelehrerinnen und -lehrer die Bausteine von offenem Unterricht mit ihren Vorstellungen von einem optimalen Unterricht im Fach Erdkunde assoziieren. Diese weichen von ihrem tatsächlich praktizierten Erdkundeunterricht höchst signifikant ab. Es wurde deutlich, dass diese Ergebnisse in keinem deutlichen Zusammenhang zu dem Dienstalter der befragten [Seite 181↓]Lehrkräfte stehen. Weitere detaillierte Ergebnisse der empirischen Untersuchung hinsichtlich der Einzelitems sowie der Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Lehrkräften und zwischen Lehrkräften, die Erdkunde/Geographie studiert haben und denen, die das Fach nicht studiert haben, wurden dargestellt und diskutiert. Im Folgenden seien zwei Aspekte aus den Ergebnissen der empirischen Untersuchung besonders hervorgehoben:

Die Gründe, die sich den Lehrenden als schwerwiegende Hindernisse für die Umsetzung ihrer Optimalvorstellungen entgegenstellen, wurden ermittelt. Dabei wurde deutlich, dass sich die Mehrzahl der genannten Hindernisse stärker einer Öffnung von Unterricht in Bezug auf die inhaltlichen und methodisch-organisatorischen Veränderungen entgegenstellen als einer Öffnung in Bezug auf die Schülerorientierung.

Die Bereitschaft der Unterrichtenden, ihren Unterricht zu öffnen oder weiter als bisher zu öffnen, kann als hoch eingeschätzt werden. Entscheidend für die Lehrenden ist das Verhältnis von Vorbereitungsaufwand und Unterrichtserfolg.

Auf der Grundlage der Untersuchungsergebnisse wurde im IV. Teil ein Unterrichtskonzept zur Öffnung von Erdkundeunterricht entworfen, mehrfach überarbeitet und erprobt. Dabei wurde bestätigt, dass sich die Unterrichtseinheit als ein Praxisbaustein zur Öffnung von Fachunterricht in der Sekundarstufe I eignet. Es zeigte sich zum einen, dass die Unterrichtseinheit erfolgreich mit Schülern durchgeführt werden konnte, die in offeneren Arbeitsformen ungeübt sind, und zum anderen, dass der Mehraufwand für die Vorbereitung in einem sinnvollen Verhältnis zu den erzielten Unterrichtsergebnissen stand.


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10.11.2004