Zobel, Rita: Beschäftigungsveränderungen und organisationales Lernen in japanischen Industrieaktiengesellschaften Eine empirische Analyse anhand der Kaisha-Datenbank

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D. Analyse der wirtschaftlichen Lage

Finanzwirtschaftliche Analysen zielen auf die Beurteilung der Kapitalherkunft (Finanzierung) und der Kapitalverwendung (Investition) sowie der Zusammenhänge zwischen beiden Kategorien (Liquidität) ab. Die Analyse der wirtschaftlichen Lage vermittelt einen Überblick über die Leistungsfähigkeit der Unternehmen. Nach einem Überblick über die finanzwirtschaftlichen Gegebenheiten wird anhand der ertragswirtschaftlichen Rentabilitätsanalyse auch Bezug auf mitarbeiterorientierte Kennzahlen genommen. Sie leiten über zur Untersuchung der Beschäftigungsstruktur in den Untersuchungsgruppen.

1 Finanzlage

1.1 Finanzanalyse nach Erfolgsgruppen

Der vergleichsweise hohe Eigenkapitalanteil der erfolgreichen Unternehmen äußert sich in einer niedrigen Verschuldungsrate und deutet auf eine geringere Abhängigkeit von Banken und damit auf eine stärkere Unabhängigkeit von Kreditgebern hin.<99>

Abbildung 4: Kapitalstrukturanalyse nach Erfolgsgruppen

a) Kapitalstruktur b) Verschuldungsgrad

Quelle: Kaisha-Datenbank, eigene Berechnungen

Bei den Unternehmen der Bottom-Gruppe läßt sich eine höhere Abhängigkeit von Kreditgebern feststellen. Der hohe Eigenkapitalanteil der exzellenten Unternehmen, der im Vergleich zu den anderen Unternehmen auch in der ’Bubble‘-Krise noch gesteigert wird, ermöglicht ihnen, weiterhin relativ unabhängig von Kreditgebern zu agieren. Die Bottom-Unternehmen müssen hingegen ab 1994 wieder mehr Fremdkapital akquirieren (Abbildung 4a).

1.2 Finanzanalyse nach Einflußgruppen

In der Finanzierungsanalyse nach Industrien zeigen sich in der Zusammensetzung der eigenen und fremden Mittel große Unterschiede (Abbildung 5a). Die Pharmaindustrie verzeichnet den höchsten Anteil an Eigenkapital (ca. 52%), gefolgt von der Maschinenbauindustrie (ca. 46%). Während die Unternehmen der Elektroindustrie insgesamt noch einen Anteil von ca. 39% erreichen, haben die Unternehmen der Chemieindustrie mit durch-schnittlich ca. 26% bei weitem den geringsten Eigenkapitalanteil. Der Anteil eigener Mittel ist


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in der Chemieindustrie sogar geringer als der des langfristigen Fremdkapitals von ca. 28%. Beim kurzfristigen Fremdkapital liegen die Unternehmen der Elektroindustrie (ca. 47%) nur knapp über der Chemieindustrie (ca. 46%), während die Pharmaunternehmen (ca. 31%) konsequenterweise den niedrigsten Anteil am kurzfristigen Fremdkapital aufweisen. Die finanzielle Stabilität erscheint damit vor allem in der Chemie-, aber auch in der Elektroindustrie weniger ausgeprägt als in der Pharmaindustrie.

Die Entwicklung des Verschuldungsgrades wird in Abbildung 5b dargestellt. Die Verschuldung konnte über alle Branchen verringert werden. Die Elektroindustrie hat ihren relativ hohen Fremdkapitalanteil allerdings am wenigsten abgebaut. Während sie zu Beginn des Untersuchungszeitraumes ein ähnlich hohes Niveau wie die Maschinenbauindustrie aufwies, konnte diese ihre eigenen Mittel deutlich erhöhen. Krisenzeiten spiegeln sich beim Maschinenbau in einem prompten Anstieg der Verschuldung wider. Die Unternehmen der Pharmaindustrie scheinen da vor allem in der ’Bubble‘-Krise resistenter. Der Verschuldungsgrad der Chemieunternehmen verringert sich zwar ebenfalls beträchtlich, bleibt jedoch immer auf höherem Niveau, so daß hier die größte Abhängigkeit von Fremdkapitalgebern besteht. Da sich die Teilstichprobe der Chemieindustrie zu 50% aus horizontal integrierten Unternehmen zusammensetzt, ergibt sich hier ein klarer Gruppeneffekt: den horizontal integrierten Chemieunternehmen werden offensichtlich über die Main-Bank günstige langfristige Kredite zur Verfügung gestellt ( Hoshi et al. 1991).

Die Kapitalstrukturanalyse nach keiretsu-Zugehörigkeit (Abbildung 5c) zeigt einen auffallend niedrigen Eigenkapitalanteil von ca. 29% bei den horizontalen Unternehmen. Dies weist ebenfalls auf die Absicherung der langfristigen Finanzierung durch die ’Main-Bank’ hin. Bei den Core-Unternehmen liegt der Eigenkapitalanteil mit ca. 35% ebenfalls relativ niedrig. Das mag zum einen daran liegen, daß in der Gruppe der Core-Unternehmen ebenfalls horizontal integrierte Unternehmen enthalten sind. Zum anderen werden hier auch Größeneffekte wirksam. Durch ein hohes Kreditvolumen erhalten die Core-Unternehmen offenbar mehr Verhandlungsspielraum. Die auf Eigenständigkeit bedachten unabhängigen Unternehmen verfügen dementsprechend mit ca. 44% über den höchsten Eigenkapitalanteil, dicht gefolgt von den vertikalen Unternehmen.

Die vertikalen Unternehmen, die Anfang der 1970er Jahre einen ähnlich hohen Verschuldungsgrad hatten wie die Core-Unternehmen, vermochten diesen deutlich zu senken und erreichten in den 1990er Jahren ein ähnlich niedriges Niveau wie die unabhängigen Unternehmen (siehe Abbildung 5d). Diese Entwicklung impliziert, daß sie sich allmählich aus der finanziellen Abhängigkeit von ihrer Kerngesellschaft befreien. Bei den Core-Unternehmen scheint sich der Verschuldungsgrad ab dem Ende der 1980er Jahre auf einem stabilen hohen Niveau einzupendeln.

Betrachtet man die Kapitalzusammensetzung der Unternehmen nach Größenklassen, zeigt sich bei der Gruppe der 15 kleinen Unternehmen ein enorm hoher Eigenkapitalanteil (ca. 47%) und ein immens niedriger Anteil an langfristigem Fremdkapital (ca. 13%). Die Gruppe der 15 großen Unternehmen hat dagegen einen beträchtlich niedrigeren Eigenkapitalanteil zu verzeichnen (ca. 33%). Es läßt sich also ein deutlicher Einfluß der Unternehmensgröße auf die Kapitalzusammensetzung der Unternehmen feststellen: Mit zunehmender Unternehmensgröße steigt der Anteil an kurzfristigem Fremdkapital, während sich der Anteil des Eigenkapitals verringert (Abbildung 5e).

Der Verschuldungsgrad hat zu Beginn des Untersuchungszeitraums in allen Größenklassen ein ähnlich hohes Niveau (Abbildung 5f). Nach der Ölkrise sind vor allem die kleinen Unternehmen sehr bestrebt, ihren Verschuldungsgrad zu verringern. Hier zeigen sich deutliche keiretsu-Effekte zu den vertikal integrierten Unternehmen. Die großen Unternehmen erhöhen ihr Eigenkapital in viel geringerem Umfang. Für sie scheint die Minderung der Schulden ein weniger relevantes Thema zu sein. Durch höhere Kreditsummen können sie günstigere Konditionen aushandeln. Auch auf die besseren Bankverbindungen, die sich durch eine Integration in eine horizontal integrierte Gruppe ergeben, wurde bereits verwiesen.

Abbildung 5: Kapitalstrukturanalyse nach Einflußgruppen


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a) Kapitalstruktur der Industrien
b) Verschuldungsgrad der Industrien

c) Kapitalstruktur der keiretsu d) Verschuldungsgrad der keiretsu

e) Kapitalstruktur nach Größe f) Verschuldungsgrad nach Größe

Quelle: Kaisha-Datenbank, eigene Berechnungen


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2 Vermögenslage

2.1 Vermögensanalyse nach Erfolgsgruppen

Die Abbildung 6a zeigt die Intensität des Vermögens der erfolgreichen und weniger erfolgreichen Unternehmen. Die Sachanlageintensität der Unternehmen aus der Top- und Bottom-Gruppe liegt mit ca. 20% auf einem vergleichbaren Niveau. Die Intensität des Umlaufvermögens ist bei den weniger erfolgreichen Unternehmen leicht höher. Mit dem höheren Anteil an Umlaufvermögen zum Gesamtkapital geht eine größere Vermögenselastizität der Bottom-Unternehmen einher (Abbildung 6b). Je höher die Umlaufvermögensintensität, desto schneller können die Unternehmen auf wechselnde Marktsituationen und Liquiditätsengpässe reagieren ( Tanski et al. 1991: 646) und können damit ebenfalls Beschäftigungsengpässe besser ausgleichen.

Abbildung 6: Vermögensstrukturanalyse nach Erfolgsgruppen

a) Vermögensintensität nach Erfolg b) Vermögenselastizität nach Erfolg

Quelle: Kaisha-Datenbank, eigene Berechnungen

2.2 Vermögensanalyse nach Einflußgruppen

Die Vermögensanalyse nach Industrien zeigt in der Chemieindustrie den höchsten Anteil des Sachanlagevermögens am Gesamtvermögen (ca. 31%) (Abbildung 7a). Diese sachanlagenintensive Industriestruktur weist auf eine hohe Eigenfertigung hin. Vorgefertigte Produkte, die über Zulieferer bezogen werden, sind für die Produktion weniger wichtig als bei der montageintensiven Maschinenbau- und Elektroindustrie. Die Unternehmen des Maschinenbaus haben nur einen geringfügig höheren Sachanlagenanteil (ca. 20%) als die Elektro- und auch die Pharmaindustrie. Dem geringen Anteil des Sach- und Finanzanlagevermögens der Pharma- und Maschinenbauunternehmen steht ein hoher Anteil an Umlaufvermögen von ca. 70% gegenüber, der sie besonders flexibel agieren läßt.

Die hohe Sachanlagenintensität der Chemieindustrie verdeutlicht sich in einer sehr niedrigen und relativ stabilen Vermögenselastizität (Abbildung 7b). Die Unternehmen des Maschinenbaus zeigen demgegenüber mit starken Schwankungen das höchste Elastizitätsniveau. Seit Beginn der 1980er Jahre haben sie stark in ihr Sachanlagevermögen investiert. Die Investitionen in die neuesten Technologien haben ihnen geholfen, ihre Wettbewerbsfähigkeit auf dem internationalen Markt unter Beweis zu stellen. Zu Beginn der 1990er Jahre ist ihre Vermögenselastizität jedoch unter das Niveau der Pharma- und Elektroindustrie gesunken.

Abbildung 7: Vermögensstrukturanalyse nach Einflußgruppen


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a) Vermögensintensität nach Industrie
b) Vermögenselastizität nach Industrien

c) Vermögensintensität nach keiretsu d) Vermögenselastizität nach keiretsu

e) Vermögensintensität n. Größengruppen f) Vermögenselastizität n. Größengruppen

Quelle: Kaisha-Datenbank, eigene Berechnungen


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In der Vermögensstrukturanalyse nach keiretsu (Abbildung 7c) fällt insbesondere die hohe Sachanlagenintensität der horizontalen Unternehmen (27%) ins Auge, die offensichtlich mit dem hohen Anteil an langfristigem Fremdkapital ihre Investitionen ins Sachanlagevermögen tätigen. Die Core-Unternehmen haben die niedrigste Intensität ihres Sachanlagevermögens (ca. 16%). Das gibt bereits einen Hinweis auf eine hohe Fremdfertigungsquote. Dafür verzeichnen sie das höchste Liquiditätspotential, was sich in einer leichteren Anpassungsfähigkeit und guter Kapazitätsauslastung niederschlägt. Bei den vertikalen Unternehmen spielt die Finanzanlagenintensität die geringste Rolle. Anscheinend werden ihre Finanzgeschäfte eher über die Mutterunternehmen abgewickelt. Sie haben aber die höchste Umlaufvermögensintensität und sind damit ebenfalls außerordentlich reaktionsfähig.

Die Elastizität des Vermögens ist in allen keiretsu-Gruppen bis zum Ende der 1970er Jahre enorm gestiegen und war Anfang der 1980er Jahre am höchsten (Abbildung 7d). Die vertikalen Unternehmen liegen zusammen mit den unabhängigen Unternehmen bis zu den 1990er Jahren immer unterhalb des Elastizitätsgrades der Core-Unternehmen, überholen diese jedoch im Anschluß an die ’Bubble‘-Krise. Die Auslagerung der Produktion, die von den Core-Unternehmen extensiv betrieben wird, spielt nun auch für die anderen Unternehmensgruppen eine zunehmende Rolle.

Die Analyse der Vermögensstruktur nach Größenklassen zeigt deutliche Unterschiede vor allem beim Finanzanlage-, aber auch beim Umlaufvermögen (Abbildung 7e). Der Anteil des Umlaufvermögens am Gesamtvermögen liegt in der Gruppe der kleinen Unternehmen bei ca. 70%. Auch hier zeigen sich durch die Parallelen mit den vertikalen Unternehmen deutliche Gruppeneffekte.

Zu Beginn der Untersuchung im Jahre 1972 ist die Vermögenselastizität bei den kleinen Unternehmen noch genauso hoch wie bei den großen Unternehmen, steigt aber dann bis 1981 auf das dreifache an. Danach fällt sie sukzessive wieder ab und erreicht 1994 mit dem niedrigsten Wert erneut das Niveau der großen Unternehmen. Während diese ihre Elastizitäten durch Investitionen weiter senken, steigt sie bei den kleinen Unternehmen wieder an (Abbildung 7f). Diese Entwicklung zeigt, daß die kleinen Unternehmen in der Krise nicht in der Lage sind, Investitionen zu tätigen, während die großen Unternehmen regelmäßig und krisenunabhängig Investitionen vornehmen können.

3 Ertragslage

3.1 Produktivitätsanalyse nach Erfolgsgruppen

Das ordentliche Betriebsergebnis pro Mitarbeiter konnte von den Top-Unternehmen enorm gesteigert werden (Abbildung 8a). Während die Yenkrise 1985 nur einen leichten Rückgang der Leistungskraft bewirkte, fallen in der ’Bubble‘-Krise die erwirtschafteten Gewinne jedoch deutlich ab. Bei den Top-Unternehmen sinken sie lediglich auf das Niveau von 1987 von ca. 4 Mio. Yen zurück, während die Bottom-Unternehmen sogar Verluste hinnehmen müssen. Sie werden damit insgesamt noch schlimmer getroffen als durch die Folgen der Ölkrise. Nach dem Tiefpunkt durch die erneute Yenaufwertung von 1994 erholen sich die Unternehmen wieder. Die exzellenten Unternehmen erreichen allerdings das hohe Niveau, das sie vor der Krise hatten, viel schneller, während die Leistungskraft der weniger erfolgreichen Unternehmen deutlich dahinter zurückbleibt. Die Top-Unternehmen zeigen damit nicht nur eine weniger starke Krisenanfälligkeit, sondern vor allem auch eine viel bessere Regenerationsfähigkeit.

Abbildung 8: Produktivitätsanalyse nach Erfolgsgruppen


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a) Betriebsergebnis/Mitarbeiter
b) Wertschöpfung/Mitarbeiter

Quelle: Kaisha-Datenbank, eigene Berechnungen

Der technische Fortschritt der Unternehmen äußert sich nach Krelle (1969: 241) in einer Erhöhung der Arbeitsproduktivität. Von den frühen 1970er Jahren bis heute haben die Top-Unternehmen eine um das vier- bis fünffache verbesserte Leistungsfähigkeit pro Beschäftigten erzielt (Abbildung 8b). Dies deutet darauf hin, daß sich vor allem die Top-Unternehmen durch eine starke Orientierung am technischen Fortschritt auszeichnen.<100> Ob die Zunahme der Arbeitsproduktivität eher durch den effizienteren Einsatz des Personals bewirkt wird oder in welchem Ausmaß Investitionen in das Sachkapital eine Rolle spielen, läßt sich auf Basis des vorliegenden Datenmaterials nicht eindeutig klären. Dennoch ermöglicht die Betrachtung des Einflusses der Produktionsfaktoren Kapital und Arbeit auf den Output eine Einschätzung der Investitionsbereitschaft, die später noch herausgearbeitet wird.

3.2 Produktivitätsanalyse nach Einflußgruppen

Auch nach Industrien betrachtet, werden die fatalen Auswirkungen der ’Bubble‘-Krise deutlich. Von 1991 bis 1994 erlitt das pro Mitarbeiter erwirtschaftete Betriebsergebnis in allen Industrieunternehmen starke Einbrüche. Die meisten Unternehmen haben sich auch jetzt noch nicht von der Krise erholt, wie Abbildung 9a verdeutlicht. Nur die Pharmaindustrie bildet eine Ausnahme: sie kann mit geringem Rückgang ihr hohes Niveau halten und ihre Produktivität bereits ab 1994 weiter ausbauen. Trotz zunehmender Deregulierungen des Marktes hat die Pharmaindustrie offensichtlich Strategien entwickelt, mit denen sie ihre hohe Ertragskraft weiter vorantreiben kann.<101>

Die Wertschöpfung pro Mitarbeiter entwickelte sich in allen Industrien äußerst positiv und erreicht in der Chemieindustrie die höchsten Werte, gefolgt von der Pharmaindustrie. Diese Entwicklung zeigt, daß sich die hohen Investitionen in das Sachanlagevermögen in einer hohen Produktivität der Mitarbeiter niederschlagen. Investitionen in die Ausbildung der Mitarbeiter müssen aber in gleichem Ausmaß gewährleistet werden. Die Maschinenbauer verzeichnen den geringsten Produktivitätsfortschritt. In dieser Entwicklung scheinen weitere Gruppeneffekte zum Ausdruck zu kommen.

Abbildung 9: Produktivitätsanalyse nach Einflußgruppen


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Betriebsergebnis/Mitarbeiter nach Industrien
b) Wertschöpfung/Mitarbeiter nach Industrien

Betriebsergebnis/Mitarbeiternach keiretsu Wertschöpfung/Mitarbeiter nach keiretsu

Betriebsergebnis/Mitarbeiter nach Unternehmensgröße Wertschöpfung/Mitarbeiternach Unternehmensgröße

Quelle: Kaisha-Datenbank, eigene Berechnungen


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Die Untersuchung der Ertragskraft nach keiretsu (Abbildung 9c) führte zu folgenden Ergebnissen: die unabhängigen Unternehmen erreichen mit ca. 2,9 Mio. Yen noch vor den Core-Unternehmen (ca. 2,4 Mio. Yen) die besten Werte. Die horizontalen Unternehmen liegen dagegen nur knapp über den vertikalen, die mit ca. 1,7 Mio. Yen das niedrigste Betriebsergebnis pro Mitarbeiter aufweisen. Die Arbeitsproduktivität (Abbildung 9d) der horizontalen und Core-Unternehmen befindet sich auf vergleichbar hohem Niveau. Sie haben den deutlichsten Zuwachs. Die Produktivität der unabhängigen Unternehmen stellt sich zwar stabiler dar, liegt aber über den gesamten Untersuchungszeitraum niedriger. In puncto Arbeitsproduktivität erreichen die vertikalen Unternehmen die schlechtesten Werte. Sie zeigen zwar ebenfalls einen enormen Zuwachs und entwickeln sich annähernd parallel zu den anderen Gruppen, können sich allerdings keinen entscheidenden Vorsprung verschaffen.

Die Arbeitsproduktivität nach Größengruppen zeigt ebenfalls, daß die Schwankungen der kleinen Unternehmen breiter und stärker von den Krisen- und Boomphasen geprägt sind. Aus Abbildung 9e wird klar ersichtlich, daß sich diese Unternehmen seit 1994 wieder von der Krise regenerieren. Die Arbeitsproduktivität ist über beide Größenklassen gestiegen (Abbildung 9f). Während sie sich bei den kleinen Unternehmen bis 1998 verdoppelt hat, konnte sie bei den Mitarbeitern der großen Unternehmen sogar um das Dreifache gesteigert werden. Auch hier verzeichnen die großen Unternehmen weniger Produktivitätseinbußen in den Krisen und eine wesentlich schnellere Erholung.

4 Kernaussagen

Die Analyse der wirtschaftlichen Lage der Erfolgsgruppen verdeutlicht, daß sich die Best-Performer nicht nur durch gute Gewinnerwirtschaftung kennzeichnen lassen. Ein steigendes Betriebsergebnis pro Beschäftigten sowie eine bereits um das vierfache gesteigerte Arbeitsproduktivität erfordert Mitarbeiter, die sich schnell an neue wirtschaftliche Gegebenheiten anpassen können und über eine hohe Motivation sowie eine anhaltende Lernbereitschaft verfügen.

Im Überblick über die wirtschaftliche Lage zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Industrien. Der hohe Anteil an langfristigem Fremdkapital in der Chemieindustrie impliziert, daß die relativ hohen Investitionen in das Sachanlagevermögen, die zu einer geringen Vermögenselastizität führen, hauptsächlich durch Fremdkapital finanziert werden, zu dem die Unternehmen relativ leichten Zugang haben. Die Pharmaindustrie zeigt dagegen eine niedrige Sachanlagenintensität sowie einen hohen Eigenkapitalanteil. Sie erwirtschaftet die höchsten Renditen und Erträge. Beide Industrien haben einen drei- bis vierfachen Anstieg der Arbeitsproduktivität zu verzeichnen, der bei den Chemieunternehmen allerdings größeren Schwankungen unterliegt. Die Maschinenbauindustrie weist ebenfalls einen hohen Anteil an Eigenkapital auf. Ebenso zeigt sie eine sehr hohe Vermögenselastizität. Die Ertragskennzahlen der Maschinenbauunternehmen unterliegen im Zeitverlauf starken Schwankungen und lassen eine hohe Krisenanfälligkeit erkennen. Die Elektroindustrie hat eine besonders hohe Fiananzanlagevermögensintensität. In der Ertragsentwicklung wird ein stabiler Verlauf deutlich.

Im Überblick über die wirtschaftliche Lage der keiretsu-Gruppen werden ebenfalls deutliche Unterschiede erkennbar. Die horizontalen Unternehmen haben den höchsten Verschuldungsgrad, der sich besonders stark aus langfristigem Fremdkapital bestimmt. Durch die horizontalen Verflechtungen und die daraus resultierenden engen Beziehungen zur Main-Bank<102> erhalten sie offensichtlich günstige Kredite, mit denen sie die hohen Investitionen in ihr Sachanlagevermögen tätigen. Es zeigt sich ein deutlicher Zusammenhang mit dem Entwicklungsverlauf in der Chemieindustrie. Die unabhängigen Unternehmen, die den niedrigsten Verschuldungsgrad haben, erzielen sehr hohe Renditen und gute betriebliche Ergebnisse. Die Core-Unternehmen haben einen hohen Verschuldungsgrad und auch ein


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relativ hohes Finanzanlagevermögen. Durch einen niedrigen Anteil an Sachanlagevermögen erzielen sie eine ausgesprochen hohe Vermögenselastizität. Sie sind damit in der Lage, schnell in dem sich rasch ändernden Umfeld ihrer Industrie zu agieren. Außerdem steigern sie ihre Arbeitsproduktivität. Demgegenüber haben die vertikalen Unternehmen zwar einen sehr niedrigen Verschuldungsgrad, erwirtschaften aber die schlechtesten Erträge und zeigen vor allem in Krisenzeiten deutliche Verluste. Hier wird ein Produktivitätsgefälle zwischen den Mutterunternehmen und Tochter- bzw. den Zulieferbetrieben deutlich. In der hierachischen Beziehungskette können die Core-Unternehmen bspw. über ein Festlegen der Preise die Gewinnmargen der Zulieferer beeinflussen.

Als Resümee der Untersuchung nach Unternehmensgröße kann festgehalten werden, daß die Größe auch noch in diesen Dimensionen - die Stichprobe setzt sich ja laut Definition bereits aus den größten der jeweiligen Industrien zusammen - einen deutlichen Einfluß auf den Erfolg der Unternehmen hat. Die kleinen Unternehmen haben einen relativ niedrigen Verschuldungsgrad, während die großen Unternehmen eine deutlich höhere prozentuale Verschuldung aufweisen. Je größer die Unternehmen sind, desto höher ist der Verschuldungsgrad. Dies läßt darauf schließen, daß die großen Unternehmen einen besseren Verhandlungsspielraum für Kredite haben. Die höhere Vermögenselastizität erwirken die kleinen Unternehmen durch den hohen Anteil des Umlaufvermögens am Gesamtvermögen. Dem steht ein geringes Finanzanlagevermögen gegenüber, das umfangreiche Investitionen nur in wirtschaftlichen Boomphasen ermöglicht, wenn auch gute Erträge erwirtschaftet werden. Die Ertragskennzahlen werden stark von Krisen geprägt. Mit zunehmender Unternehmensgröße läßt sich also eine größere Stabilität in der Ertragserwirtschaftung feststellen, die aber nicht zwangsläufig zu höheren Renditen führt.


Fußnoten:

<99>

Für die Untersuchung des Einflusses von Bankbeziehungen auf das Investitionsverhalten deutscher Unternehmen siehe Yang (1999), der feststellt, daß Unternehmen mit engen Bankbeziehungen weniger Entscheidungsfreiheit in ihrem Investitionsverhalten haben.

<100>

Zur Rolle des technischen Fortschritts in japanischen Unternehmen siehe Görtzen (2000).

<101>

Nach Koen (1999: 8) besteht ein beträchtlicher Unterschied zwischen den Preisen, die von der Krankenversicherung für ein Medikament veranschlagt werden, und den günstigen Marktpreisen, die Krankenhäuser und Ärzte dafür bei den Pharmaunternehmen direkt bezahlen müssen.

<102>

Siehe u.a. Nakatani (1984), Hoshi et al. (1991), Hoshi (1994), Miarka und Yang (1999), Miarka (1999).


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