Eine kleine Intervention und ein bescheidener Vorschlag in Sachen Rothfels
Peter Thomas Walther Im Verlauf der zurückliegenden Monate ist hierzulande eine erbitterte Konfrontation über den Ort von Hans Rothfels in der deutschen politischen Historiografie entstanden. Nachdem im letzten Jahrzehnt in der Historikerzunft die Rolle von "Patriarchen" wie Schieder, Conze, Brunner, Aubin und Brackmann vor und nach 1945 Anlass für einige disziplinhistorische Debatten gewesen war, ist jetzt der einzige Ordinarius für Geschichte, der emigrierte und remigrierte, ins Visier der Auseinandersetzungen geraten. Wieder geht es um die Verortung eines Historikers in der Zunftgeschichte. Die beiden Hauptkontrahenten - Ingo Haar, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der HU Berlin, und Heinrich August Winkler, Professor an der HU Berlin - haben inzwischen derart konträre Positionen bezogen, dass sie nach Argumentation, Logik und Stil wenig Raum für Vermittlung und Aufeinanderbeziehung lassen. Doch gerade deshalb soll dieser zur Verfügung stehende knappe Raum hier in aller Kürze und Schärfe skizziert werden.
Worum geht es? Haar hatte in seiner Hallenser Dissertation eine Historikerfraktion und ihre Institutionen untersucht, die ihre fachliche Kompetenz zuerst für die Revision des Versailler Systems einsetzten, um dann, teils mittelbar, teils unmittelbar an den ethnischen Flurbereinigungen in Ost-Mitteleuropa teilzunehmen, die schließlich zur Theorie und Praxis des Genozids an "Untermenschen" jeder Art führte. Haar verortet in diesem Zusammenhang etwas forsch Rothfels als einen der federführenden Revisionisten, der bis zu seiner Entfernung aus der Universität Königsberg 1934 das Rüstzeug für die spätere Entwicklung bereitgestellt habe, also als einer der "Totengräber" der Republik einzuschätzen sei.
Winkler argumentiert dagegen, vor allem anhand einer für den Rundfunk vorgesehenen Rede, dass der Königsberger Ordinarius Rothfels bis 1933, solange öffentliche Äußerungen möglich waren, sich sowohl für eine Revision der Versailler Ordnung ausgesprochen wie auch für eine Stabilisierung der Weimarer Republik eingesetzt habe - also als Stütze der Republik einzuschätzen sei.
In beiden Fällen geht es um die Erstellung von Traditionslinien in der deutschen Historikerschaft: während Winkler einen positiv zu bewertenden Rothfels aus Weimarer Zeiten zu den Ahnherren der westdeutschen Historikerschaft zählen möchte, sieht Haar ihn als einen der Historiker in der Weimarer Republik, die den Weg in die Hitlerei vorbereiteten - also in der Tradition der Zunft bestenfalls eine negative Rolle spielen kann. Insofern neigen beide Kombattanten - wohl ihrem jeweiligen Zunftbild verpflichtet - zu einer retrospektiven Konstruktion. Als Hintergrund kommt "erschwerend" hinzu, dass Winkler in Tübingen Rothfels-Schüler war, während Haar - anderthalb Generationen jünger - sich eher an der weitgehend ungebrochenen Traditionsverwaltung Königsberger und anderer Wissenschaftler durch die "Bielefelder Schule" reibt, wie sie auf dem Frankfurter Historikertag 1998 zelebriert wurde.
Bizarrerweise hat sich die Konfrontation in der letzten Runde vor allem an einer (Rundfunk-) Rede Rothfels' festgemacht, bei deren Datierung und damit Deutung Haar anfangs ein arger Fehler unterlaufen war, den er allerdings unterdessen korrigiert hat. Diese Rede bzw. die Interpretation dieser Rede, von der bis heute nicht klar ist, wie oft und in welchen Modifikationen vor welchem Publikum sie Rothfels gehalten hat, in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung zu stellen und ihr eine Form von Repräsentativität zuzuschreiben wie Winkler suggeriert, führt jedoch in die Irre. Denn ihr Stellenwert ist eher marginal; es gibt ausreichend und aussagekräftigere Veröffentlichungen von und über Rothfels sowie Unterlagen im Nachlass Rothfels, die die Grundzüge der politischen und historiografischen Entwicklung dieses Historikers - wenn auch mit einer großen Lücke - aufzeigen.
Um Rothfels gerecht zu werden, wird es wohl, so mein Vorschlag zur systematischen Historisierung des "Falles", notwendig sein, vier "Rothfelse" zu unterscheiden und einander korrigierend in Beziehung zu setzen: den Königsberger, den Chicagoer, den Tübinger und - last but not least - den Koblenzer.
Den Königsberger Rothfels zu einem Weimarianer zu machen, wie Winkler vorschlägt, dürfte ein schwieriges Unterfangen werden. Dagegen spricht nicht nur Rothfels' Publikationsliste mit seinem antiliberalen Bismarckkult, seinem Insistieren auf der antiparlamentaristischen "Autonomie des Staates" und seine dezidiert antidemokratische Stellungnahme auf dem Göttinger Historikertag 1932, dagegen spricht auch, dass maßgebliche Instanzen in Partei und Staat - wenn auch erfolglos - sich 1933/35 bemühten, den beliebten und politisch wertvollen Historiker trotz seiner "Nichtarischkeit" in seiner Professur in Königsberg oder auch als lehrenden Emeritus in Berlin zu halten. Nach dem Scheitern dieser Versuche unterlag Rothfels den staatlichen und sozialen Ausgrenzungen, die ihn schließlich 1939 in die Emigration trieben. Doch bis 1938 hatte er an der Devise "right or wrong - my country" festgehalten. Die personellen, konzeptionellen und institutionellen Schnittstellen zu den Wissenschaftlern, die später von der Revision von Versailles zur Liquidation der "Ostvölker" schritten, wären hier auszuloten - ob die von Haar vertretene Gruppenkohärenz einer erweiterten Königsberger Schule sich bewähren wird, ist noch immer offen. Insofern ist meine als Feststellung formulierte Frage von 1989 weiterhin unbeantwortet: dass es nämlich "nur ein gefährlich kleiner Schritt" sei von Rothfels' Revisionsbestrebungen zur "Vorstellung vom [Nationalsozialistischen] Reich als europäische(r) Ordnungsmacht", wie sie Karl Richard Ganzer entwickelte."
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Über den Rothfels in Großbritannien 1939/40, an der Brown University in Providence, Rhode Island, bis 1945 und an der University of Chicago bis 1951/56 wissen wir im Vergleich zu den anderen Phasen sehr wenig - abgesehen von ein paar Veröffentlichungen zu alten Themen. Bereits 1948 unternahm er seine erste (West-) Deutschlandreise und sprach auf dem ersten Nachkriegs-Historikertag in München, natürlich über Bismarck. Zwei Rufe nach Süddeutschland lehnte er ab; diese beiden Lehrstühle waren vakant, da ihre bisherigen Inhaber nicht entnazifiziert wurden. Erst den dritten Ruf, nach Tübingen, nahm er an; sein Vorgänger Stadelmann war jung und überraschend gestorben. Der Remigrant empfahl sich den "Im-Reich-Verbliebenen" durch strikte Einhaltung der Usancen, wie sie sich 1945/46 entwickelt hatten.
Doch in Tübingen agierte dann eben nicht ein etwas älter gewordener Königsberger Rothfels, sondern der Rothfels, wie er heute noch präsent ist: ein konservativ-liberaler Demokrat und weiterhin Bismarckverehrer, der Gerhard Ritter, seine Kollegen und Antipoden in Freiburg/Br., merkwürdig "links" überholte, der lebende Beweis für eine positive Kontinuität von Weimar über das Exil in die Bundesrepublik, der "Installateur" der Zeitgeschichte als anerkannter historischer Subdisziplin, einer der Väter des Instituts für Zeitgeschichte in München und seiner Reihen, der Initiator historischer Untersuchungen über Politik und soziale Steuerung im Nationalsozialismus, der Mitherausgeber von Großprojekten, der Doktorvater einer Reihe renommierter Schüler, die weit über Rothfels staatsorientierte Geschichtsschreibung hinausgingen, der internationale Repräsentant der westdeutschen Zunft, Träger des "Pour le Mérite", und - für einen gelernten Königsberger eher ungewöhnlich - ein öffentlicher Advokat der Ostverträge 1971/72.
Und Koblenz, das ist die List des Archivars Rothfels gegenüber dem Historiker: denn hier im Bundesarchiv ist eben nicht nur seine Aufbauarbeit in Tübingen und München dokumentiert, sondern auch die politischen und historiografischen Befunde aus Königsberger Zeiten bis zur Flucht nach England, die der gelernte Archivar Rothfels mit wenig Aufwand hätte kassieren können. Hier liegt auch Material, das sich anbietet für die Geschichte eines Vertreters der Frontkämpfergeneration von 1914/18 als Vorgeschichte zur Diktatur von 1933, und zwar am Objekt historischer Forschung namens Rothfels, gewissermaßen ein Exempel der Programmatik des Instituts für Zeitgeschichte.
Was bisher nahezu vollkommen fehlt, ist das, was Rothfels in den USA lernte, erfuhr und praktizierte, obwohl er bis Mitte der 1930er Jahre deren Unmöglichkeit - zumindest für Deutschland - historisch mehr als einmal "bewiesen" hatte: eine sich demokratisch regulierende Bürgergesellschaft. Dabei mag der "Schutz" des für das amerikanische Universitätssystem damals völlig atypisch-elitären Elfenbeinturms in Chicago den Lernprozess sogar gefördert haben. Doch dieses politische Umdenken der westdeutschen Zunft nach 1951 zu vermitteln, das wäre angesichts der fast allerorten glatten personellen Kontinuitäten in der Zunft von 1944 auf 1946 doch zu verwegen gewesen. Rothfels fuhr in der Zunft keinen Kollisionskurs; im Gegenteil, er war Getriebe und Öl im weiterhin praktizierten und zelebrierten "Old Boys' Network". Aber Rothfels bewies gleichzeitig den Mut zum langen Atem. Denn er setzte auf Zeit, auf lange Zeit: zeitlebens auf seine Schüler, die die bundesrepublikanische liberale Historiografie mit aufbauten und die bislang vorherrschende Homogenität ganz allmählich im normalen Generationswechsel aufbrachen, und für die Zeit danach auf die weitere Auswertung von Aktenbeständen, und eben auch seines Nachlasses.
Und hier könnten sich Haar und Winkler auch treffen, in einer etwas weniger verbissenen Analyse eines Mannes mit mehreren Lebensabschnitten, für die offenbar unterschiedliche Spielregeln und Regelveränderungen galten. Doch ist hier auch ein wenig mehr Gelassenheit anzumahnen, schließlich handeln Historiker auch bei widerstreitenden Interpretationsangeboten nur mit "vorletzten Dingen" und nicht mit ewigen Wahrheiten.
Dr. Peter Thomas Walther ist wissenschaftlicher Mitarbeiter sowie Koordinator und Koautor der AG "Universitätsjubiläum 1810-1910" an der der Humboldt-Universität zu Berlin. Seine Arbeits- und Interessengebiete sind Wissenschaftsgeschichte, Historiografiegeschichte, Exilforschung und Stadtgeschichte.
[1] Ganzer, Karl Richard, Das Reich als europäische Ordnungsmacht, 6. Aufl. Hamburg 1942, zit. in: Walther, Peter Th., Von Meinecke zu Beard? Die nach 1933 in die USA emigrierten deutschen Neuhistoriker, Ann Arbor, 1989 (Ph.D. Diss., State University of New York at Buffalo, 1989), S. 58, Anm. 56.
Hans Rothfels: Neo-konservative Geschichtspolitik diesseits und jenseits des Atlantiks
Karl Heinz Roth [Vorbemerkung der H-Soz-u-Kult Redaktion: Der folgende Beitrag ist eine Zusammenfassung eines Artikels, der in Sozial.Geschichte, Zeitschrift für historische Analyse des 20. und 21. Jahrhunderts, Heft 1, Februar 2003, publiziert wird. Diese Zusammenfassung erscheint ohne Anmerkungen und wissenschaftlichen Apparat, die in der endgültigen Veröffentlichung enthalten sein werden.]
[1]
Die kritische Auseinandersetzung mit Hans Rothfels ist keineswegs neu. Wegen seiner geschichtspolitischen Auffassungen ist er bereits zu Lebzeiten scharf kritisiert worden. George W. F. Hallgarten, der von den Nazis 1936 ausgebürgerte Historiker des Imperialismus, stand ihm zeitlebens in Feindschaft gegenüber. Seine Kritik am nationalkonservativen Habitus des Bismarck-Verehrers und späteren Anhängers des Kalten Kriegs wurde von dem 1933 in den USA verstorbenen Eckart Kehr noch übertroffen. Kehr bezeichnete Rothfels als den ersten deutschen Historiker, der mit seinen 1932 vorgetragenen Überlegungen über die Ostpolitik Bismarcks die neo-rankeanische Ideengeschichte der Meinecke-Schule offen mit der politischen Rechten verknüpft habe. Rothfels wolle "zurück zu einem autoritären und patriarchalischen Regime" und strebe "die Konservierung einer deutschen baltischen Herrenschicht über diesen vielen Ostvölkern" an. Dies sei, so Kehr weiter, ein bemerkenswerter Versuch zur faschistischen Neuinterpretation der Geschichte.
War dieses Urteil berechtigt? Hatte Rothfels 1932 gar eine faschistische Bresche in die "Zunft" geschlagen? Kehr erkannte den entscheidenden Fixpunkt des Rothfelsschen Paradigmenwechsels: Rothfels votierte für eine Restauration der patriarchalischen Ständeherrschaft in der ostmitteleuropäischen "Zwischenzone", was für die Unterschichten des slawischen Westens die Aufhebung der nationalstaatlichen Agrarreformen und die Restauration unfreier Arbeitsverhältnisse zur Folge gehabt hätte. Die neuen Unfreien sollten ent-nationalisiert und in einem multiethnischen Föderationssystem eingefriedet werden. Dabei sollte Deutschland als westliche "Kernmacht" die Herrenschicht stellen, weil sie kraft ihrer Kolonisierungserfahrungen zum "Leistungsträger" der Neuordnung auserkoren war.
Insoweit war Eckart Kehrs Befund zutreffend. Aber mit Faschismus hatte das begrifflich noch nichts zu tun. Dafür fehlten einige entscheidende Komponenten. Rothfels sprach sich für die Annullierung der osteuropäischen Nachkriegsordnung von 1919/20 aus, die im Verlauf einer nicht näher spezifizierten aggressiven Expansionsphase durch die deutsche Vormachtstellung abgelöst werden sollte. Unter Faschismus verstehen wir aber mehr als ein Programm zur Revision von Grenzregimes und imperialen Machtentfaltung. Er ist ein Herrschaftsmodell, das auf die diktatorische Umgestaltung des Nationalstaats setzt, um die Klassenwidersprüche korporatistisch zu überbrücken und die Nation so expansionsfähig wie möglich zu machen. Zudem zerfiel der Faschismus zu Rothfels´ Zeiten in mehrere Strömungen, die trotz ihrer gemeinsamen strategischen Klammer in der Ära der Präsidialkabinette und nach der Zerstörung des linken und demokratischen Lagers im Frühjahr 1933 heftig miteinander rivalisierten. Kehrs Verdikt scheint also unzureichend begründet. Es wäre berechtigt gewesen, wenn er Rothfels nachgewiesen hätte, dass dieser seine ostmitteleuropäischen Visionen erstens verallgemeinerte und auf die Weimarer Republik selbst projizierte, dass sie zweitens Teil eines umfassenden völkisch-nationalistischen Expansionsprogramms waren und drittens einer spezifischen Strömung des deutschen Faschismus angehörten.
Dieser Nachweis kann jedoch geführt werden. Rothfels´ Vorschlag zur ständestaatlichen Neuordnung war keineswegs auf die osteuropäische "Völkermischzone" begrenzt. Er stellte vielmehr die Fortführung eines klassenpolitischen Restaurationsmodells dar, an dem Rothfels seit der zweiten Hälfte der 1920er Jahre gearbeitet hatte. Er wollte die subalternen Klassen in eine "staatlich geeinte Gemeinschaft" integrieren, um auch ihnen gegenüber die "Staatsidee" von "Pflicht und Leistung" durchzusetzen. Nach dem Vorbild einer Bismarck unterstellten korporatistischen Vision sollte dadurch die "innere Reichsgründung" nachgeholt und dann auf die "offene Ostgrenze" des Reichs übertragen werden. Die am Modell der junkerlich-kapitalistischen Gutsherrschaft geschärfte Option für eine korporative Selbstverwaltung der patrizischen Stände gründete sich jedoch weiterhin auf die Bedingungslosigkeit der Staatsgewalt gegenüber Individuen und Gesellschaftsklassen. Rothfels verband die beiden Denkfiguren des "absoluten Etatismus" und der "völkisch-ständischen Neuordnung" ähnlich wie Arthur Moeller van den Bruck. Er gehörte wie dieser zu den Protagonisten eines aus dem "preußischen Sozialismus" hervorgehenden "Dritten Reichs".
Zu einer derart weitgehenden Absage an die Weimarer Republik waren vor dem Staatsstreich in Preußen vom 20. Juli 1932 nur wenige Hochschullehrer bereit. Rothfels avancierte nicht zuletzt deshalb zum Meinungsführer und zog seit 1931/32 wie kein anderer Historiker die Nachwuchskräfte der bündisch-konservativen Gegenrevolution in seinen Bann. Mit ihnen zusammen, aber auch als Berater der ostpreußischen Führungsschichten, der Reichswehrstäbe und der baltischen Irredenta, begrüßte er die Präsidialkabinette als "Wiederbelebung des alten Obrigkeitsstaates". Er ging sogar einen Schritt weiter. Die Präsidialkabinette sollten "nur Übergang sein". Er plädierte für ein Bündnis zwischen dem Präsidialregime und den Nationalsozialisten, die in den Staatsaufbau integriert werden sollten.
Mit dieser Vorarbeit zur Zerstörung der Weimarer Republik ließ Rothfels es jedoch nicht bewenden. Seit 1932/33 kamen "gesamtdeutsche" und "völkische" Visionen hinzu. Aus den Ruinen von Weimar sollte ein neues "Reich" hervorgehen, das auf zwei gleichgewichtigen Säulen beruhte: Dem ostpreußisch-baltischen Nordosten und den südosteuropäischen Vorposten des früheren habsburgischen Vielvölkerreichs. Rhein, Weichsel und Donau würden als "deutsche Ströme" das kontinentaleuropäische Imperium durchziehen, die Westgrenze würde irgendwo zwischen Nordsee und Adria verlaufen, und der östliche Bogen von Reval bis Bukarest geschlagen werden. Den tragenden Kern aber sollte "Mitteleuropa" bilden, das "engere Deutschland" mit seinem "östlich-südöstlichen Vorfeld", dem eigentlichen "deutschen Volksboden" und "Lebensraum". Aufgrund ihrer Verbindung von "absolutem Etatismus", ständischem Korporatismus und aggressiv-völkischer Expansionsperspektive verfügte Rothfels´ Vision über alle wesentlichen Charakteristika einer faschistischen Doktrin.
Rothfels verstand sich als Vordenker der traditionellen Führungsschichten, insbesondere des Junkertums, der Militärkaste, der Ministerialbürokratie und der protestantischen Staatskirche. Er war somit alles andere als ein Nationalsozialist, aber er betrachtete das Bündnis mit der NS-Massenbewegung als unverzichtbaren Bestandteil des Umsturzes im Innern und der anschließenden expansionistischen Machtentfaltung. Zweifellos lehnte Rothfels ihren biologischen Rassismus genau so ab wie die populistische Demagogie, mit der sich der Nationalsozialismus bei den kleinen Leuten anbiederte. Aber er vertraute auf ihre Integration im Prozess der Konsolidierung des "nationalen Aufbruchs".
Bis zum Sommer 1934 verlor diese Variante des deutschen Faschismus weitgehend an Einfluss. Bei ihrem Exponenten Rothfels kam zur politischen Marginalisierung noch etwas anderes hinzu: Seine Stigmatisierung zum Juden. Durch den "Arierparagraphen" des Berufsbeamtengesetzes vom April 1933 wurde der als Abiturient zum Protestantismus Übergetretene zum Juden gestempelt. Im Sommer 1934 musste er seine Lehrtätigkeit an der Universität Königsberg beenden. Im März 1935 wurde er emeritiert und erhielt im Rahmen der "Nordostdeutschen Forschungsgemeinschaft" einen Forschungsauftrag an der Staatsbibliothek Berlin, der auf Fürsprache Joachim von Ribbentrops zunächst mit einem bescheidenen Vorlesungsdeputat an der Berliner Universität verbunden war. Die nächste Etappe des sozialen Abstiegs war durch die Nürnberger Rassengesetze vom September 1935 erzwungen. Im Dezember 1935 beantragte Rothfels die Nichtanwendung der Bestimmungen des antisemitischen Reichsbürgerrechts auf seine Person, aber nun zeigte sich, dass die bisherige Protektion versagte. Im September 1936 teilte ihm Innenstaatssekretär Wilhelm Stuckart die endgültige Ablehnung mit, und Rothfels begann sich nun im Ausland umzusehen. Nach Vorträgen in Cambridge ging er im Sommer 1939 mit Zustimmung des Reichswissenschaftsministeriums als Hospitant an das St. John´s College in Oxford.
Lange Zeit wollte Rothfels die nun auch ihn treffende Marginalisierung nicht wahrhaben und setzte in seiner Publizistik demonstrative Signale eines scheinbar ungetrübten historisch-politischen Bündnisses. 1934 gab er sich überzeugt, die von ihm repräsentierte Geschichtswissenschaft sei und bleibe ein unverzichtbarer "Bundesgenosse". Noch ein Jahr später schrieb er seinen Lesern ins Stammbuch, er stehe als Repräsentant der Generation der "Frontkämpfer" nach wie vor für die Programmatik einer "kämpfenden Wissenschaft" ein. Sein Anspruch auf die geschichtspolitische Mitgestaltung des "Dritten Reichs" hielt sich erstaunlich lange. Jedoch waren Marginalisierung und Emigration dadurch nicht aufzuhalten, und diese Erfahrungen trugen dazu bei, dass Rothfels schließlich zu einer neo-konservativen Geschichtspolitik zurückfand.
Nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde aus dem Auslandsaufenthalt eine Emigration ohne absehbare Rückkehrmöglichkeit. Die Ruhestandsbezüge wurden gesperrt. Aber auch in England begann sich der Wind zu drehen, denn Rothfels war ja kein Flüchtling, sondern Staatsbürger eines Feindlands mit einem befristeten Gaststatus. In den Sommermonaten des Jahrs 1940 wurde er auf der Isle of Man interniert. Das einzige publizistische Lebenszeichen aus diesem dunklen Jahr 1940 war ein kurzer Aufsatz über das Zusammenspiel der Deutschen und Sowjets im Baltikum. Er betrauerte die im Gefolge des Molotov-Ribbentrop-Pakts erfolgte "Umsiedlung" der etwa 80.000 Deutschbalten in das annektierte Westpolen als "echte historische Tragödie".
Im Juli 1940 wurde Rothfels zu einer Gastprofessur an der Brown University in Providence/USA eingeladen und reiste nach seiner Freilassung aus der Internierung im November 1940 in die USA weiter. Dort gelangte er in eine sehr anstrengende und durch hohe Lehrbelastungen bestimmte Stellung, jedoch blieb ihm das Schicksal eines stellungslosen Emigranten erspart. 1946 erhielt er die US-amerikanische Staatsbürgerschaft und wurde als Gastprofessor an das Department of History der Universität Chicago berufen. Der Umgang mit den teilweise weit links eingestellten Studierenden und das weit gefächerte Lehrprogramm zwangen ihm neue Lernprozesse und ein gewisses Maß an Toleranz auf. Dadurch setzte sich die bereits 1937/38 begonnene Entradikalisierung seines geschichtspolitischen Denkens ein Stück weit fort. Rothfels blieb jedoch in ein konservatives Emigrantennetzwerk eingebunden, das sich von den Einflüssen der neuen Lebensumwelt weitgehend abkapselte.
Es war sicher der Zeitenwende des Kalten Kriegs geschuldet, dass einem Mann dieses Zuschnitts 1948 nach zweijähriger Gasttätigkeit die Nachfolge der Professur des renommierten Europa-Historikers Bernadotte Schmitt angeboten wurde. Schmitt hatte zeitlebens den preußisch-deutschen Sonderweg kritisiert und war von der deutschen Hauptverantwortung für den Ersten Weltkrieg überzeugt gewesen. Rothfels hingegen hatte seit Beginn der 1920er Jahre unermüdlich gegen die "Kriegsschuldlüge" gekämpft und einer Revision der Nachkriegsordnung von Versailles und Saint-Germain das Wort geredet. 1944/45 war aber eine ganz andere Nachkriegsordnung im Entstehen als 1918. Rothfels bekannte nun öffentlich, was er im vertrauten Kreis schon seit dem Sommer 1941 geäußert hatte: Er hielt das angelsächsische Kriegsbündnis mit der Sowjetunion für eine weltgeschichtliche Katastrophe. Noch 1944 sah er die Esten und Letten mit den Deutschen in einer tief verwurzelten Tradition der "Verteidigung der westlichen Kultur" verbunden, die sich gegen die Sowjetunion stemmte. Was ihn gegen Kriegsende besonders bewegte, war nicht der deutsche Völkermord an den europäischen Juden und der slawischen Bevölkerung in Osteuropa, sondern die Tatsache, dass sich die Sowjets im Kern Mitteleuropas festsetzten. Die härteste Attacke ritt Rothfels 1946, als er den Westalliierten vorwarf, sich auf der Potsdamer Konferenz an der Durchsetzung einer Nachkriegsordnung beteiligt zu haben, die einem "Hitlerschen Frieden" gleichkam. Mit diesem Verdikt bezog er sich nicht nur auf die in Potsdam sanktionierte Vertreibung der Deutschen aus Ostmitteleuropa, sondern bestritt auch die Legitimation der neuen Grenzziehungen im Osten. Noch immer war Rothfels nicht bereit, die nationale Integrität des neu erstandenen Polen anzuerkennen.
Ein derart konsequent "Richtung haltender" Geschichtspolitiker war in Westdeutschland willkommen. Rothfels gehörte zu den wenigen emigrierten Hochschullehrern, die um ihre Rückkehr gebeten wurden. 1947 schlug er mehrere Lehrstuhlberufungen aus. Erst nach dem Erfolg seiner ersten Nachkriegsstudie über die Opposition gegen Hitler und einer Vortragsreise in Westdeutschland waren seine Zweifel ausgeräumt, er könnte keinen Anschluss an die akademische Nachkriegsjugend mehr finden.
Mit der Besetzung des Tübinger Lehrstuhls im Jahr 1951 begann für den sechzigjährigen Rothfels eine neue Schaffensperiode. Als graue Eminenz der Berufungspolitik schied er die unbelehrbaren Nazis von den Geläuterten. Zusammen mit seinen Königsberger Schülern umschiffte er die Klippen eines Ministerauftrags, der "Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ostmitteleuropa". Ein weitgehend fertig gestellter Abschlussband über den NS-Völkermord als Vorgeschichte dieser Vertreibungen blieb unveröffentlicht, weil in ihm die Netzwerke aufgedeckt worden wären, in denen sich seine Königsberger Schüler als Vordenker der "ethnischen Flurbereinigungen" bewegt hatten, wie vor allem Mathias Beer in seinen neuesten Arbeiten nachwies. Zusätzlich beteiligte sich Rothfels am Aufbau des Münchener Instituts für Zeitgeschichte. Unter seiner Regie gediehen die dem Institut assoziierten "Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte", die lange Jahre die Richtung der Zeitgeschichte bestimmen sollten und die alternative Ansätze, beispielsweise eines George W. F. Hallgarten, ausgrenzten. Seit 1960 wirkte Rothfels auch als deutscher Hauptherausgeber der "Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik 1918-1945", eines konfliktbeladenen internationalen Editionsprojekts.
Hans Rothfels war ein neo-konservativer Repräsentant der nationalistischen Ideengeschichtsschreibung. In seiner mittleren Schaffensperiode überschritt er diesen Rahmen und entwickelte eine faschistische Geschichtskonzeption. Dadurch zerfällt sein Lebenswerk in drei deutlich unterscheidbare Teile. In den 1920er Jahren verband er seinen an Friedrich Meinecke geschulten Neo-Rankeanismus mit einer dezidierten Opposition gegen die Weimarer Republik und die europäische Nachkriegsordnung. Darauf folgte eine mittlere Periode, in der er das Bestehende nicht nur kritisierte, sondern ihm auch eine geschichtspolitische Utopie der Gegenrevolution entgegensetzte und sich trotz rasch einsetzender persönlicher und antisemitischer Diskriminierungen zur Mitgestaltung einer faschistischen Neuordnung berufen fühlte. Die dritte Schaffensperiode war durch die veränderten Rahmenbedingungen seiner Emigration geprägt. Sie führte zur Ent-Radikalisierung des Rothfelsschen Denkens, zugleich aber auch zu einer neuerlichen Frontstellung gegen die sich 1944/45 abzeichnende zweite Nachkriegsordnung des 20. Jahrhunderts. In den folgenden Jahren näherten sich jedoch die machtpolitischen Prozesse zunehmend an seine eigenen geschichtsphilosophischen Vorstellungen an, und deshalb kam es in dieser dritten Phase zu keiner neuerlichen Radikalisierung mehr. Rothfels profilierte sich als neo-konservativer Exponent des Kalten Kriegs. Als ordinarialer Sinnstifter der kulturellen Hegemonie hat er erst in seiner dritten Schaffensperiode zu wirken begonnen.
Dr. med. Dr. phil. Karl Heinz Roth ist Vorstandsmitglied der Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts und Mitherausgeber von Sozial.Geschichte. Zeitschrift für historische Analyse des 20. und 21. Jahrhunderts. Er ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Weltwirtschaftskrise, der NS-Diktatur und des Kalten Krieges. Homepage: http://www.stiftung-sozialgeschichte.de
[1] Roth, Karl Heinz, "Richtung halten". Hans Rothfels und die neo-konservative Geschichtsschreibung diesseits und jenseits des Atlantik, in: Sozial.Geschichte, N.F., 18 (2003), 1, S. 41-71; Sozial.Geschichte ist die neue Folge von 1999. Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts; mehr über diese Veränderung finden Sie unter http://www.stiftung-sozialgeschichte.de. Wir danken dem Verlag und den Herausgebern von Sozial.Geschichte für ihre freundliche Unterstützung.
Suchen wir Schuld oder wollen wir Gesellschaft analysieren? Eine Anmerkung zur aktuellen Debatte um Hans Rothfels Thomas Etzemüller Schaut man sich die seit einigen Jahren geführte Debatte zur Geschichte der Geschichtswissenschaft im Nationalsozialismus an, so kann man feststellen, dass nicht wenige Historiker einem "staatsanwaltschaftlichen" Paradigma folgen. Ob es - um nur einige Beispiele zu nennen - um Werner Conze, Theodor Schieder, Otmar Frhr. von Verschuer, Hans Nachtsheim oder nun auch Hans Rothfels geht, es wird in erster Linie durch akribische Quellenarbeit versucht herauszufinden, was ein Individuum von den Verbrechen des Nationalsozialismus wusste, inwieweit der Einzelne sie vorbereitete und inwieweit man ihm Verantwortung oder Schuld zuschreiben kann. Einzelpersönlichkeiten werden als "Vordenker der Vernichtung" (Conze, Schieder) oder zumindest als Vordenker des Faschismus entlarvt, so wie nun Rothfels durch Karl Heinz Roth. Zweifellos sind derartige Untersuchungen notwendig. Ohne Individuen, deren Intentionen man kausal auf die Verbrechen des NS bezöge, könnte man eine Geschichte des Nationalsozialismus gar nicht schreiben.
Es bleiben aber zwei Probleme bei diesem Ansatz. Zum einen die Frage von Moral. Derartige Untersuchungen können durchaus entgleisen, etwa wenn es in erster Linie darum geht, Schuld posthum festzustellen und ein Urteil zu fällen. Während Staatsanwälte immerhin verpflichtet sind, in ihre Anklage auch entlastende Momente einzubeziehen, wird bei manchen Historikern die Unschuldsvermutung von vornherein ausgeblendet. Die Feststellung von "Schuld" wird leicht zu einer moralischen Pflicht, und das kann soweit gehen, dass in der gegenwärtigen wissenschaftlichen Diskussion Theorien und methodische Ansätze mit moralischen Argumenten bekämpft werden, sei es, dass ein Generationenmodell abgelehnt wird, weil es "jegliche Verantwortung für das eigene Handeln" ausblende
[1]
, sei es, dass "postmoderne Theorien" - was immer das nun sein soll - mit dem unsinnigen Hinweis verworfen werden, dass dann Auschwitz zum Diskurs oder Text reduziert und verharmlost würde.
[2]
Das zweite Problem ist die Frage der Intention. Für die Verbrechen des Nationalsozialismus benötigt man Schuldige, die wussten und wollten, was sie taten. Das Gegenmodell baut auf die Figur des "Verführten" oder "Missbrauchten", der eigentlich ganz andere Intentionen gehabt habe und vom Regime (oder einfach nur von Hitler) verführt oder missbraucht worden sei, ohne auch nur zu wissen, was ihm geschah. Natürlich kann man beide Figuren beobachten. Wie weit aber kommt man analytisch, wenn man Schuld, Unschuld oder Mitläufertum plausibel zugewiesen hat? Was haben wir davon, dass Roth meint, den Nachweis führen zu können, dass Rothfels "eine faschistische Bresche" in die Zunft habe schlagen können? Wir laufen da rasch Gefahr, eine Geschichte des "Dritten Reichs" zu schreiben, die von Individuen besiedelt ist, deren Handlungen nachträglich beurteilt werden. Und dann?
Die Reduktion der Analyse auf Individuen, ihre Intentionen und Schuld scheint mir ein Ansatz zu sein, der zuviel verdeckt. Auf diese Weise kommt man nicht zu der in meinen Augen wirklich wichtigen Frage, wie der Nationalsozialismus sich entfalten konnte. Deshalb sollte man - ich kann das aus Platzgründen nur andeuten - kollektive Prozesse und das, was im Anschluss an Michel Foucault, Pierre Bourdieu und Ludwik Fleck pauschal als "Dispositionen" bezeichnet werden kann, in die Analysen einbeziehen. Damit wird der Nationalsozialismus grundlegend anders beobachtet: Nicht mehr Männer machen Verbrechen oder bereiten sie vor (Intentionalismus), nicht mehr Strukturen determinieren Verbrecher (Funktionalismus), sondern Dispositionen bringen Individuen dazu, im Kollektiv zu handeln. An dem, was sich als Individuum identifizieren lässt, kann man detailliert untersuchen, wie sich Diskurse, Denkstile und Habitus überschneiden und das Individuum in einem geistigen und sozialen Feld verorten, das seine Wahrnehmungen und seine Handlungen formatiert, ohne sie zu determinieren. Man versteht dann m.E. differenzierter, warum ein Individuum gehandelt hat, wie es gehandelt hat, und wie es durch sein Handeln zur Reproduktion von Dispositionen im Einklang mit einem Kollektiv beigetragen hat, Dispositionen, die wiederum den Nationalsozialismus begünstigt haben.
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Nehmen wir als Beispiel die bürgerlichen, oft humanistisch gebildeten deutschen Historiker wie Werner Conze, Theodor Schieder, Gerhard Ritter, Hermann Aubin oder Hans Rothfels, denen man durchaus Distanz zu den "pöbelhaften" Seiten des Nationalsozialismus unterstellen darf. Und doch traf dessen ideologischer Kern auf bestimmte mentale und habituelle Dispositionen der Historiker, etwa den Habitus des "feinsinnigen" Bildungsbürgers, der sich nach 1918 von der "Masse der Ungebildeten" bedroht fühlte. Dieser Habitus verband sich mit einem massiv antikommunistischen und national orientierten Diskurs, so dass für zahlreiche Historiker automatisch Affinitäten zur nationalsozialistischen Großmacht- oder Rassenpolitik entstanden - selbst dann, wenn dessen radikalste Ausformungen bewusst abgelehnt wurden -, denn der NS schien erneute nationale Größe und eine stabile, gegen Revolutionen imprägnierte Gesellschaftsordnung zu versprechen. Das Entscheidende ist, dass Historikern nicht bewusst wurde, dass sie diese Allianz nicht einfach auf der politischen Ebene schlossen (1933) und dann wieder lösen konnten (1945), sondern dass sie Ausdruck einer ganz anderen, wesentlich tiefergehenden Allianz war, die ihre wissenschaftliche Arbeit prägte. Es lässt sich nämlich beobachten, dass es für Historiker von der Weimarer Republik bis weit in die Nachkriegszeit nichts weniger als "natürlich" war, wissenschaftlich auf Seiten ihrer Nation gegen andere Nationen und vor allem gegen den Kommunismus zu kämpfen. Diese antikommunistisch geprägte Affinität zur Nation durchtränkte ihre gesamte Geschichtsschreibung und machte ihre wissenschaftliche Arbeit automatisch zu einer politischen Geschichte; damit bestand aber auch eine "natürliche" Affinität zum jeweiligen politischen System - soweit es die Nation nicht bedrohte. Die Nation war das unhinterfragbare und nichtreflektierbare Gehäuse, die Sorge vor ihrer Desintegration (sprich: Revolution) der Motor ihres Denkens und Handelns.
[4]
Diese Affinität zum System und die Prägung wissenschaftlicher Arbeit durch Denkbilder aus dem sozio-politischen Bereich ist den meisten Historikern verborgen geblieben. Auf Grund eines spezifischen Objektivitätsverständnisses - "Objektivität" als Abwehr alles subjektiv Willkürlichem, und "Ideologiefreiheit" als Abwehr politischer Anweisungen - konnten sie mit ihrer wissenschaftlichen Arbeit ein politisches System stützen und gleichzeitig, vor wie nach 1945, guten Gewissens der Meinung sein, ihre wissenschaftliche Unabhängigkeit und Objektivität gewahrt zu haben, also im engen Sinne unpolitisch geblieben zu sein. Eine ähnliche Politisierung ohne direktes Engagement und ein ähnliches symbiotisches Verhältnis zwischen Nation und Wissenschaft bzw. Technik ist mittlerweile für die deutschen Physiker, Architekten und Ingenieure herausgearbeitet worden.
[5]
Und diese nicht reflektierbaren Allianzen, die zu eindeutig politischen Effekten geführt haben, müssen analysiert werden. Das heißt, es sollten hier auf jeden Fall drei Ebenen untersucht werden: 1. Wollen: Intentionen, denen man Schuld zuordnen kann. 2. Nichtsehen-Wollen: Handlungen, die von den Handelnden mit Hilfe ausgeklügelter Mechanismen verdrängt wurden (räumliche Trennung von KZ und Forschungsinstitutionen, die neutrale Bezeichnung von menschlichen Körperteilen als "Material" und dergleichen mehr), denen man aber immerhin Verantwortung zuordnen kann. 3. Nichtsehen-Können: Praktiken, die Affinitäten zum NS herstellten, die die Beteiligten tatsächlich nicht sehen konnten, die aber gleichwohl Effekte zeitigten, die das Regime stützten und seine Verbrechen ermöglichten. Ich halte diese Ebene für die Wichtigste. Denn hier kann man beobachten, wie von Betroffenen Handlungen in ein kognitives System eingefügt wurden, so dass diese Handlungen legitim erschienen, während die Effekte abgespalten und über eine auf der Basis von Intentionen operierende Argumentation auf dezidierte Nationalsozialisten abgeschoben werden konnten. Das radikale Ordnungsdenken von deutschen Historikern ist ein Beispiel dafür, wie ein spezifischer Denkstil (Deutschland ist von Desintegration bedroht) unreflektiert bestimmte Intentionen (Ordnung wahren) und dann NS-stabilisierende Effekte produzierte (Volksgeschichte), die später mühelos in die bundesrepublikanische Sozialgeschichte überführt werden konnten, weil sie - auch in den Augen der Umwelt! - offensichtlich nicht gegen das Objektivitätspostulat verstoßen hatten. "Schuldig" waren einige wenige "Epigonen" wie Hans Frank.
[6]
Dieser Prozess war derart effektiv, dass noch heute die verborgenen Werthaltigkeiten etwa in Werner Conzes Aufsatz "Vom Pöbel zum Proletariat" oder seinem Buch "Ostmitteleuropa" übersehen werden.
[7]
Diese Mechanismen müssen voneinander abgegrenzt und beobachtet werden, um zu verstehen, dass der Nationalsozialismus nicht nur das Ergebnis böswilliger oder verblendeter Individuen war, nicht nur Folge struktureller Spannungen, sondern dass er letztlich nur deshalb bestehen konnte, weil er aus den unterschiedlichsten Gründen in der alltäglichen Praxis ganz unterschiedlicher Individuen immer aufs Neue vollzogen worden ist. Auf diese Weise verbleibt das Individuum in der NS-Geschichte, ohne dass man aber allein auf die Termini von Ideologie, Wille oder Schuld angewiesen ist. Was kann das Individuum wollen, was lassen die Dispositionen es wollen und was sind die realen Effekte seines (unreflektierten) Handelns? Vielleicht kann ein aktuelles Beispiel die Vorzüge einer solchen Herangehensweise verdeutlichen. Auf der einen Seite gibt es Wissenschaftler, die alles daran setzen, den ersten Menschen zu klonen. Ihnen kann man möglicherweise nachweisen, dass sie gegen ethische Regeln oder Gesetze verstoßen oder gar aus reinem Eigennutz oder kommerziellen Interessen handeln; dann lässt sich ihre Tätigkeit einschränken oder verhindern. Hinter solchen Frontfiguren, auf die man sich - zu Recht - einschießt, laufen andererseits ganz subtile Prozesse ab: Immer mal wieder werden den meisten Menschen bislang vollständig unbekannte Krankheiten in das Licht der Öffentlichkeit gehoben. Zeitungsartikel schildern tragische Schicksale, am liebsten die von Kindern, illustriert mit herzzerreißenden Bildern. Als Lösung werden zukünftige Medikamente angeboten, die aber nur mit Hilfe von Genforschungen entwickelt werden können. Sollte man da nicht tatsächlich eine Ausnahme machen, um diesen Kindern zu helfen? Nur nebenbei erfährt man allerdings, dass weltweit gerade 100 Menschen an der beschriebenen Krankheit leiden, das Bild des Kindes, die Vorstellung der schrecklichen Krankheit und der Diskurs, Krankheiten seien in jedem Fall zu vernichten, dominieren die Diskussion. So werden - durch Individuen, aber ohne explizite Intentionen - Maßstäbe in der alltäglichen Praxis unmerklich verschoben. Am Ende wird eine Grenze aufgeweicht und wir werden da angekommen sein, wo wir offiziell bislang auf keinen Fall hinkommen wollten. Und dann wird man auch den Wissenschaftlern kein Einhalt mehr gebieten können. Kann man diesen Prozess mit dem Nachweis von "Schuld" oder auch nur "Verantwortung" analysieren?
Prof. Dr. Thomas Etzemüller ist Juniorprofessor für Zeitgeschichte nach 1945 an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Seine Forschungsinteressen liegen im Bereich der deutschen bzw. schwedischen Gesellschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert sowie der Geschichte und Theorie der Geschichtswissenschaft. Homepage: http://www.staff.uni-oldenburg.de/thomas.etzemueller/
[1] Diese Kritik referieren Jaworski, Rudolf; Petersen, Hans-Christian, Biographische Aspekte der „Ostforschung“. Überlegungen zu Forschungsstand und Methode, in: Bios. Zeitschrift für Biographieforschung, Oral History und Lebensverlaufsanalysen 15 (2002), 1, S. 47-63, hier S. 55f.
[2] Und damit sei die Sinnlosigkeit der "postmodernen" Theorie für alle Bereiche der Geschichte bewiesen, vgl. Evans, Richard J., Fakten und Fiktionen. Über die Grundlagen historischer Erkenntnis, Frankfurt am Main 1998, hier S. 123. Evans ist ein typisches Beispiel für Historiker, die Theorie mit Moral auszuhebeln versuchen, weil sie nicht fähig (oder willens) sind, die abgelehnte Theorie adäquat (also: wissenschaftlich) zu diskutieren.
[3] Dazu ausführlich: Foucault, Michel, Archäologie des Wissens, 5. Aufl., Frankfurt am Main 1992; Ders., Die Ordnung des Diskurses, Frankfurt am Main 1991; vgl. auch Ders., Was ist ein Autor?, in: Ders., Schriften zur Literatur, Frankfurt am Main 1988, S. 7-31; Ders., Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften, 8. Aufl., Frankfurt am Main 1989 (als gute Einführung nunmehr: Maset, Michael, Diskurs, Macht und Geschichte. Foucaults Analysetechniken und die historische Forschung, Frankfurt am Main 2002, bes. S. 113-160); Fleck, Ludwik, Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv, Frankfurt am Main 1980; Bourdieu, Pierre, Entwurf einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft, Frankfurt am Main 1979; vgl. auch Ders., Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt am Main 1987; Ders., Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital, in: Kreckel, Reinhard (Hg.), Soziale Ungleichheiten, Göttingen 1983, S. 183-198.
[4] Für die Verquickung von Nation, "Masse" und Wissenschaft in der wissenschaftlichen und politischen Arbeit deutscher Historiker vgl. Etzemüller, Thomas, Sozialgeschichte als politische Geschichte. Werner Conze und die Neuorientierung der westdeutschen Geschichtswissenschaft nach 1945, München 2001, bes. S. 296-309.
[5] Metzler, Gabriele, Internationale Wissenschaft und nationale Kultur. Deutsche Physiker in der internationalen Community 1900-1960, Göttingen 2000; Willeke, Stefan, Die Technokratiebewegung in Nordamerika und Deutschland zwischen den Weltkriegen. Eine vergleichende Analyse, Frankfurt am Main 1995, bes. S. 131f., 152, 160, 167f.; Durth, Werner; Gutschow, Niels, Träume in Trümmern. Stadtplanung 1940-1950, München 1993, S. 9-11.
[6] Etzemüller, Thomas, Kontinuität und Adaption eines Denkstils. Werner Conzes intellektueller Übertritt in die Nachkriegszeit, in: Weisbrod, Bernd (Hg.), Akademische Vergangenheitspolitik. Beiträge zur Wissenschaftskultur der Nachkriegszeit, Göttingen 2002, S. 123-146.
[7] Vgl. hierzu Etzemüller (wie Anm. 4), S. 116-118, 273-278.
Repräsentant der Übergänge
Karen Schönwälder Sollten im Jahr 2003 Studierende der Geschichtswissenschaft und allgemein an deutscher Geschichte Interessierte Hans Rothfels kennen? Wieso eigentlich interessieren sich große Tages- und Wochenzeitungen für das Leben und Wirken eines bereits 1976 gestorbenen Historikers, dessen Werke keinesfalls Standardtitel auf den Literaturlisten von Vorlesungen und Seminaren sind?
Die Antwort auf die letzte Frage ist einfach: sie heißt Heinrich August Winkler. Sein außerordentliches persönliches Engagement war es offenbar, das "Die Zeit" dazu brachte, in dramatischer Art von Ingo Haar Abbitte für seine Verurteilung Hans Rothfels' zu fordern. Und Winkler war ebenfalls willens und in der Lage u.a. leitende Herren im Bundesarchiv Koblenz zu mobilisieren, um seine eigenen Recherchen zu unterstützen. Auch wenn Winkler bezüglich der Datierung der umstrittenen Rothfels-Rede (vor oder/und nach dem 30.1.1933?) überzeugende Argumente anführt und Haar sich einige Ungenauigkeiten hier selbst sicher kaum verzeiht, sollte man auch im Kopf haben, dass in wissenschaftlichen Kontroversen nicht immer auf Basis vergleichbarer Ressourcen gestritten wird.
Warum aber dieses Engagement? Meine Schlussfolgerung - auch aus einer anderen Erfahrung
[1]
- ist, dass Hans Rothfels eine außerordentlich faszinierende Persönlichkeit gewesen sein muss, der auf Studierende und Doktoranden einen großen Einfluss ausübte. Schon in den 1930er Jahren kämpften jüngere, keinesfalls unbedingt gegen den Nationalsozialismus eingestellte Kollegen (R. Craemer, E. Maschke) gegen seine Entlassung - und diese Erfahrung machte keinesfalls jeder der aus dem Amt gedrängten Professoren. Und noch Jahre nach seinem Tod fällt es ehemaligen Doktoranden und Assistenten schwer einzugestehen, dass ihr verehrter Lehrer Rothfels mit einigen Zielen des Nationalsozialismus sympathisierte (auch wenn Winkler dies letztlich tut).
Zumindest zu einem Teil ist also die Rothfels Debatte - ebenso wie die Schieder, Conze, Erdmann Debatte - interessant als Fallbeispiel sozialer Beziehungen in der deutschen Geschichtswissenschaft: zwischen "Lehrern" und "Schülern"
[2]
, und natürlich auch zwischen wiederum Jüngeren und Etablierten, gegen deren Vorherrschaft die Jüngeren rebellieren. Der Verweis auf den männerbündischen Charakter der Königsberger und anderer Kreise gewinnt hier eher an Plausibilität - aber natürlich ist dies eher eine Impression meinerseits und keine streng quellenkritischen Kriterien genügende Beweisführung.
Rothfels ist aber auch darüber hinaus interessant, und zwar als Repräsentant der Übergänge: In den 1920er und 1930er Jahren steht er für die Unzufriedenheit jüngerer Gegner der Demokratie mit der traditionellen Rechten. 1932 machte er Furore, als er auf dem Historikertag die gängige Fixierung auf das Reich von 1871 attackierte und darlegte, bei der Gestaltung Mittel- und Osteuropas könne dies noch nicht das letzte Wort gewesen sein. Eindeutig war Rothfels ein wichtiger Mann für die damals jüngeren völkisch orientierten Historiker, und seine Wirkung war auch darauf zurückzuführen, dass er eben nicht nur den gängigen revisionistischen Konsens formulierte. Was Winkler zu der Auffassung veranlasst, er sei Vernunftrepublikaner gewesen, ist mir rätselhaft. Zu dieser kleinen Gruppe rechnet man im allgemeinen Historiker, die nach 1918 die Weimarer Republik akzeptierten (und nicht nur an eine, auch von Parteien und Demokratie nicht unter zu kriegende deutsche Staatsidee glaubten), wie etwa Wilhelm Mommsen oder Friedrich Meinecke.
Rothfels wollte eine neue Art von Wissenschaft. Noch in einem auf Mai 1935 datierten Text bekannte er sich zu einer "kämpfenden Wissenschaft", die stärker involviert sein sollte vor allem im Einsatz für eine territoriale Neuordnung Mitteleuropas; sein Buch bezeichnete er als "Vorpostenbericht".
[3]
Offenbar reichte ihm die in der Geschichtswissenschaft der Weimarer Zeit vorherrschende, entschieden antidemokratische und nationalistische Haltung nicht aus; er wollte auch jetzt noch mehr politisches Engagement. Im Juni 1934 äußerte er die Hoffnung, die Geschichtswissenschaft möge "für die deutsche Gegenwart […] aus ihren eigenen Bedingungen, aus eigener Verantwortung, ein Bundesgenosse sein können - im Kampf um das Werdende."
[4]
Auch wenn Rothfels an einer gewissen Autonomie des Historikers festhalten wollte, hielt ihn dies nicht davon ab, im Vorfeld der Abstimmung über die Zugehörigkeit des Saarlandes zum Reich eine "unbedingte Anerkennung der klar zutage liegenden Volkstumsrechte, die an der Saar schon vor 70 Jahren aus liberalem Denken gefordert wurde und die aus der Weltanschauung des neuen Deutschland durch seinen Führer programmatisch verkündet worden ist", einzufordern.
[5]
Dreißig Jahre später beklagte Rothfels die um 1933 verbreiteten Affinitäten der Historiker zur NS-Propaganda und deren Verzicht auf die Ausnutzung vorhandener Freiräume - vielleicht auch eine selbstkritische Anmerkung.
[6]
Tatsächlich hatten mit Arthur Rosenberg, Veit Valentin und Friedrich Meinecke Anfang 1933 einzelne Historiker noch kritische Stimmen zur politischen Entwicklung veröffentlicht; es ging also auch anders.
Der Übergang ins Exil fiel Hans Rothfels schwer: Spät und widerwillig entschloss er sich Deutschland zu verlassen, und als er in Großbritannien keine Gastprofessur erhielt, da er kein Flüchtling sei, schrieb er an Siegfried A. Kaehler, "dass das Maß an Beliebtheit draußen von dem Maß der Bereitschaft zum Landesverrat" abhinge.
[7]
Offensichtlich - oder ist hier eine andere Interpretation möglich? - hielt er auch jetzt noch eine entschieden regimekritische Haltung für Landesverrat. In den USA dann allerdings scheint er sich von den Vorteilen des westlichen Systems überzeugt und seine politische Haltung revidiert zu haben.
Nach 1945 erleichterte er, der ins Exil getriebene, aufgrund seiner jüdischen Herkunft verfolgte Rückkehrer, dann den alten Kollegen den Übergang vom Nationalsozialismus in die Bundesrepublik. Alte Netzwerke wurden wieder belebt, und es ist nicht bekannt, dass Rothfels sich für eine Auswechslung der durch ihre enge Zusammenarbeit mit dem NS-Regime kompromittierten Kollegen eingesetzt habe. Im Gegenteil: Als Werner Conze in der Hochzeit der Studentenbewegung unter Druck geriet, sprang Rothfels ihm helfend zur Seite. Wie Dietrich Hildebrandt berichtet, wurden schon 1970 in studentischen Publikationen dem Heidelberger Rektor Conze antisemitische Äußerungen von 1938 vorgehalten.
[8]
Als der Senat die Angelegenheit debattierte, sei ein Brief Rothfels' verlesen, die Angelegenheit dann als vernachlässigenswerte Schriftstellerei Conzes abgetan worden.
War Rothfels ein Faschist, wie Karl Heinz Roth schreibt? Ich bleibe dabei, ihn in dem breiten, grauen Übergangsfeld zu verorten, in dem sich wichtige Ziele der Nationalsozialisten mit denen anderer Antidemokraten und Expansionisten überschnitten. Eindeutig wollte Rothfels eine Neudefinition der Staaten und Grenzen im östlichen Mitteleuropa, die mehr umfasste als eine Rückkehr zum Zustand von 1914, allerdings weniger anstrebte, als eine staatliche Zusammenführung aller Deutschstämmigen.
[9]
Für die mittleren dreißiger Jahre ist es typisch, dass manche Zukunftsvision - manchmal aus außenpolitischen Rücksichten heraus
[10]
- vage gehalten wurde; und mir scheint, dass die Textexegese bzgl. der umstrittenen Rothfels-Äußerungen an ihre Grenzen gestoßen ist. Typisch ist auch, dass viele Historiker ihre außenpolitischen Ansichten radikalisierten, als mit den Erfolgen des Regimes radikalere Optionen möglich wurden. Aber nicht alle taten dies. Ob ein Rothfels, der in Deutschland hätte bleiben können, im nationalsozialistischen Eroberungsfeldzug die Verwirklichung seiner Ideen gesehen hätte, ob er seine Auffassungen radikalisiert oder revidiert hätte, wissen wir nicht. Dieser Rothfels existierte nicht.
PD Dr. phil. Karen Schönwälder ist Leiterin der Arbeitsstelle "Interkulturelle Konflikte und gesellschaftliche Integration" am Wissenschaftszentrum für Sozialforschung in Berlin. Ihre wissenschaftlichen Interessensgebiete umfassen u.a. Politik und Gesellschaft in Großbritannien, Migration und Wissenschaftsgeschichte. Homepage: http://www.wz-berlin.de/zkd/aki/staff/schoenwaelder_publ.de.htm
[1] In meinem Promotionsverfahren gab es einen Gutachter, der mich sehr ermunterte und unterstützte, aber in einem Punkt meinen Einschätzungen entschieden widersprach: in der Einschätzung von Hans Rothfels.
[2] Winkler spricht noch heute dem Hochschullehrer eine prägende Rolle zu, wenn er argumentiert, Rothfels habe seine Schüler nicht zu einer bestimmten Haltung "erzogen".
[3] Vgl. das Vorwort zu Rothfels, Hans, Ostraum, Preußentum und Reichsgedanke. Historische Abhandlungen, Vorträge und Reden, Leipzig 1935.
[4] Vorwort, in: Rothfels, Hans, Bismarck und der Osten, Leipzig 1934.
[5] Rothfels, Hans, Selbstbestimmungsrecht und Saarabstimmung, in: Rothfels, Ostraum (wie Anm. 3), S. 207-222, hier S. 220.
[6] Rothfels, Hans, Die Geschichtswissenschaft in den dreißiger Jahren, in: Flitner, Andreas (Hg.), Deutsches Geistesleben und Nationalsozialismus, Tübingen 1965, S. 90-107, hier S. 94f., 98.
[7] Zitiert nach Conze, Werner, Hans Rothfels, in: Historische Zeitschrift 237 (1983), S. 311-360, hier 340.
[8] Hildebrandt, Dietrich, ".... und die Studenten freuen sich!" Studentenbewegung in Heidelberg 1967-1973, Heidelberg 1991, S. 169f., unter Verweis auf ein Asta Info 103 vom 27.1.1970: "Die Geburt der Sozialgeschichte aus dem Geiste des Imperialismus".
[9] So Rothfels in seinem zuerst 1933 veröffentlichten Aufsatz: Das Problem des Nationalismus im Osten, in ders., Ostraum, (wie Anm. 3), S. 183-194, hier S. 183.
[10] Dies ist etwa bekannt für den Band Deutschland und Polen, der u.a. Rothfels' eben aus anderer Quelle zitierten Beitrag beim Warschauer Historikerkongress dokumentiert und über dessen Interpretation Haar und Winkler streiten.
Historiografiegeschichte als Personaldebatte. Bemerkungen zu einer neuen Diskussion über deutsche Historiker Jan Eckel Die Diskussion um den Historiker Hans Rothfels (1891-1976) hat sich an einem Quellenstreit zwischen Heinrich August Winkler und Ingo Haar entzündet
[1]
, ist bald schon in der Öffentlichkeit rezipiert und nun innerhalb dieses Forums von Peter Th. Walther und Karl Heinz Roth fortgesetzt worden. Sie liegt auf der Linie der "Selbstaufklärung des Faches", die seit dem Frankfurter Historikertag von 1998 immer wieder eingefordert worden ist, und bei der es im Kern darum geht, die nationalsozialistischen Belastungen der deutschen Geschichtswissenschaft zu bestimmen. Die Arbeiten, die in diesem thematischen Zusammenhang bisher erschienen sind, haben das Wissen um die Fachgeschichte in wichtigen Punkten erweitert. Sie haben insbesondere den Blick auf die volksgeschichtlichen Neuansätze nach dem Ersten Weltkrieg gelenkt, auf deren Institutionalisierung in vorwiegend außeruniversitären Forschungszusammenhängen sowie im einzelnen auf die Mitarbeit von Historikern an besatzungspolitischen Maßnahmen während des Zweiten Weltkriegs.
[2]
In der Auseinandersetzung über Hans Rothfels ist dieser geschichtswissenschaftliche Selbstaufklärungsprozess zur Personaldebatte geworden, die in wesentlichen Teilen nach dem Muster von Anschuldigung und Verteidigung des historischen Akteurs geführt wird. Die emblematische Rolle, die Rothfels, wie neben ihm etwa Werner Conze und Theodor Schieder, bereits in der frühen Bundesrepublik kennzeichnete, verlängert sich dabei in die aktuellen Erörterungen insofern, als gerade diese Historiker heute als zentrale Gradmesser dienen, um die politische Integrität des Faches im Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit zu bewerten. Die individualisierende Perspektive ist ein legitimer Zugang der Disziplingeschichtsschreibung; vor allem gibt es offenbar ein Bedürfnis nach Information über die Lebensläufe einflussreicher Vertreter der frühen westdeutschen Geschichtswissenschaft, das auch über die Fachöffentlichkeit hinausgeht. Wenn dabei allerdings, wie es in der neuesten Debatte geschieht, sehr weitgehend von persönlichen Erfahrungen eines Historikers und von seiner Einbindung in das fachliche Umfeld sowie in zeitgenössische intellektuelle Diskurse abstrahiert wird, und wenn die realgeschichtlichen Prozesse außer Acht bleiben, die im wissenschaftlich-politischen Denken eines Historikers reflektiert werden, ist die Aussagekraft der Erkenntnisse begrenzt.
[3]
Das erste Problem der jüngsten Debatte ist somit die Entkontextualisierung. Geschichtswissenschaftliche Arbeit ist nicht schon historisiert, wenn ihre politischen Implikationen beurteilt werden, sondern erst, wenn sie als Ausdruck historischer Prozesse bzw. als Reaktion auf historische Entwicklungen verstanden wird.
[4]
Um die historiografische Produktion von Historikern ihrerseits als historisches Phänomen aufzufassen, muss man sie zum einen in den geschichtlichen Kontexten ansiedeln, in denen sie stattfindet. Im Falle von Hans Rothfels heißt das etwa, dass seine Geschichtsschreibung auf die Verarbeitungsformen der Weltkriegserfahrung, insbesondere der militärischen Niederlage zu beziehen ist, die die politische Situation Deutschlands im europäischen Vergleich spezifisch verschärfte; ferner auf die Konjunktur antiliberaler Ordnungsentwürfe in der Zwischenkriegszeit, welche letztlich auf eine durchgreifende Modernisierungsdynamik reagierten, die in Deutschland um die Jahrhundertwende eingesetzt hatte; auf die Problemwahrnehmungen innerhalb der "Völkermischzone" Ostmitteleuropas, die durch die Versailler Friedensverträge eine neue Ordnung erhalten hatte und in der Folge durch politische Instabilität und die staatliche Instrumentalisierung von Minderheitenkonflikten gekennzeichnet war; schließlich auf die verschiedenen Mechanismen der intellektuellen Umorientierung in den deutschen Geisteswissenschaften nach 1945, die biografisch verbunden waren mit dem ambivalenten Verhältnis von Fort- und Umschreibung der eigenen Konzeptionen, sowie politisch mit der Einfügung in ein neues globales Koordinatensystem und innerstaatliches Institutionengefüge. Da Hans Rothfels nach der rassistischen Kategorisierung des NS-Regimes "Volljude" war, kommen als biografische Spezifika der wissenschaftliche Ausgrenzungsprozess, der unmittelbar 1933 einsetzte, und die Diskriminierungserfahrung hinzu, die bislang überhaupt noch nicht zur Kenntnis genommen worden sind, und die für den Historiker in der Folgezeit einen lebensgeschichtlichen Angelpunkt bildeten. Die Überschneidungsflächen mit nationalsozialistischen Ideologemen und Politikentwürfen sind bei alledem ein zentraler Aspekt, der auf der Ebene von Denkmodellen und politischen Optionen zu untersuchen ist, weniger auf der von persönlichen Verfehlungen oder persönlicher Integrität. - Zum anderen lässt sich Geschichtsschreibung nicht von dem "Feld" ablösen, in dem sie stattfindet, von institutionellen Zugehörigkeiten und personellen Verbindungen eines Wissenschaftlers, von seiner Position im Fach.
Eine weitere Schwierigkeit der aktuellen Debatten ist methodischer Natur. Mit der Thematisierung der NS-Vergangenheit deutscher Historiker hat sich eine neue Art der politikgeschichtlichen Historiografieanalyse herausgebildet, in der geschichtswissenschaftliche Texte auf die ihnen inhärenten politischen Programme befragt werden. Inwiefern das möglich ist, stellt zunächst ein methodisches Problem dar. Historiografische Texte weisen verschiedene Aussagemodi auf, und sie durchgehend als Gegenwartsaussagen zu lesen, heißt, ihre temporalen und narrativen Strukturen einebnen. Ein Leser, der noch nie von Hans Rothfels gehört hat und die gegenwärtige Diskussion verfolgt, dürfte den Eindruck gewinnen, dass es sich bei ihm um einen politischen Publizisten handelt. Die gedanklichen Ansatzpunkte und Problemstellungen seiner historiografischen Produktion sind in den bisherigen Erörterungen fast vollständig ausgeblendet worden. Dabei hat sich Rothfels, anders als etwa Friedrich Meinecke oder Gerhard Ritter, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht in tagespolitischen Kommentaren geäußert, sondern fast stets in Form historischer Untersuchungen. Seine Texte weisen aktualisierende Bezüge auf, die charakteristisch sind für eine Geschichtsschreibung, in der die Gegenwart jeweils gleichsam als letztes Kapitel an den historischen Durchlauf angeschlossen ist. Und insbesondere in der Königsberger Phase findet sich eine Ausrichtung auf politische "Zukunftslösungen", die zumeist in programmatisch formulierten Schlusspassagen eingefordert werden. Doch erreichen beispielsweise Rothfels' hegemoniale "Mitteleuropa"-Vorstellungen nie die Konkretheit und Ausführlichkeit der politischen Konzeptionen etwa Friedrich Naumanns oder Giselher Wirsings, auch werden bestimmte Gedanken in verschiedenen Schriften variiert. Die innen- und außenpolitischen Entwürfe der Kampfschriften "Konservativer Revolutionäre" sind stellenweise institutionell relativ detailliert ausgeführt. Demgegenüber zeichnen sich die historischen Abhandlungen von Rothfels und anderer Historiker bei aller Deutlichkeit der antidemokratischen, revisionistischen und expansiven Zielrichtung prinzipiell durch größere programmatische Unschärfe aus, die sich daraus ergibt, dass sie sich im Medium der Geschichte auf die Gegenwart beziehen. Gerade aus dieser Unschärfe gewinnen sie zeitgenössisch ihre Suggestivkraft, und nur wenn man diese berücksichtigt, lassen sich die Reinterpretationen verstehen, denen viele Fachvertreter nach 1945 ihr eigenes Werk unterzogen bzw. unterziehen konnten. In jedem Falle besteht ein qualitativer Unterschied zwischen einer Denkschrift, wie derjenigen der Historikergruppe um Theodor Schieder vom Oktober 1939, in der Umsiedlungsmaßnahmen skizziert werden, und wissenschaftlichen historischen Aufsätzen und Reden - und zwar schon vor allen politischen und moralischen Implikationen ein Unterschied der Textsorte.
Mit einem textanalytischen Instrumentarium, das den Regelhaftigkeiten historiografischer Texte Rechnung trägt, mit der Rekonstruktion der Produktionsfaktoren, die die wissenschaftliche Arbeit bedingen, sowie mit der Einbettung in politik- und erfahrungsgeschichtliche Kontexte lassen sich auch Historiker zu historischen Objekten machen und lässt sich Historiografiegeschichte auch aus biografischer Sicht als Wissenschafts- und Intellektuellengeschichte schreiben.
Jan Eckel ist wissenschaftlicher Angestellter am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Er arbeitet an einer Dissertation über Hans Rothfels.
[1] Die Kontroverse findet sich in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 49 (2001), S. 643-652 und 50 (2002), S. 497-505, 635-652. In ihrem Zentrum stand die Frage der Datierung und des inhaltlichen Verständnisses eines Radiovortrages von Hans Rothfels mit dem Titel "Der deutsche Staatsgedanke von Friedrich dem Großen bis zur Gegenwart". Dass es sich bei dem Vortrag nicht um ein Bekenntnis zum Nationalsozialismus handelt, ergibt sich aus der ‚immanenten' Lektüre. Die genaueste noch mögliche Datierung dürfte mit den Beiträgen Winklers erreicht sein. Die Textgeschichte des "Staatsgedankens" ist damit allerdings noch nicht abschließend behandelt, da bisher u.a. eine veröffentlichte Fassung des Textes nicht herangezogen worden ist (Rothfels, Hans, Der deutsche Staatsgedanke von Friedrich dem Großen bis zur Gegenwart, in: Arbeitsgemeinschaft Hochschule und höhere Schule für Niederschlesien und Oberschlesien (Hg.), Staatsbürgerkunde und höhere Schule. Eine Vortragsreihe, Breslau 1931, S. 87-103).
[2] Vgl. als Auswahl: Oberkrome, Willi, Volksgeschichte. Methodische Innovation und völkische Ideologisierung in der deutschen Geschichtswissenschaft 1918-1945, Göttingen 1993; Schulze, Winfried; Oexle, Otto Gerhard (Hgg.), Deutsche Historiker im Nationalsozialismus, Frankfurt am Main 1999; Haar, Ingo, Historiker im Nationalsozialismus. Deutsche Geschichtswissenschaft und der "Volkstumskampf" im Osten, Göttingen 2000.
[3] Derzeit werden über verschiedene Historiker biografische Untersuchungen angefertigt, die solche Bezüge herzustellen versuchen. Vgl. als Überblick Petersen, Hans- Christian, „Ostforscher“-Biographien. Ein Workshop der Abteilung für Osteuropäische Geschichte der Universität Kiel und der Deutschen Forschungsgemeinschaft in Malente, 13.-15. Juli 2001, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 49 (2001), S. 827-829, hier S. 827ff.
[4] Vgl. stellvertretend zu den verschiedenen methodischen Zugängen und inhaltlichen Fragestellungen, die dafür in den letzten Jahren erprobt worden sind: Conrad, Sebastian, Auf der Suche nach der verlorenen Nation. Geschichtsschreibung in Westdeutschland und Japan. 1945-1960, Göttingen 1999; Cornelißen, Christoph, Gerhard Ritter. Geschichtswissenschaft und Politik im 20. Jahrhundert, Düsseldorf 2001; Etzemüller, Thomas, Sozialgeschichte als politische Geschichte. Werner Conze und die westdeutsche Geschichtswissenschaft nach 1945, München 2001.
Wo bleibt die Zeitgeschichte? Fragen zur Geschichte einer Disziplin Mathias Beer Mit dem denkwürdigen Historikertag von 1998 kam ein neuer Gegenstand auf die Tagesordnung der deutschen Geschichtswissenschaft: Deutsche Historiker im Nationalsozialismus.
[1]
Er war im Zusammenhang mit der intensiven Erforschung der Geschichte des Nationalsozialismus zwar gelegentlich schon früher angerissen und in Teilbereichen intensiv diskutiert worden. Aber erst die befreiende Wirkung des Frankfurter Paukenschlags verlieh ihm die Weihen eines von der historischen Zunft anerkannten Themas. So geadelt, entfaltete die Frage nach der Geschichte des eigenen Tuns in einer bestimmten historischen Epoche eine zusätzliche Anziehungskraft, die sie bis heute nicht verloren hat.
[2]
Dafür sprechen einschlägige Forschungsschwerpunkte, die mittlerweile veranstalteten Tagungen sowie die erschienenen oder in Arbeit befindlichen Studien. Nicht zuletzt ist auch die jüngste Auseinandersetzung um Hans Rothfels, für welche die Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte das Forum lieferten, ein Indiz dafür.
Im Kern geht es bei dem Thema um die Vergangenheit deutscher Historiker in der Zeit des Nationalsozialismus, insbesondere um das Maß und die Tiefe ihres Engagements für die nationalsozialistische Eroberungs- und Vernichtungspolitik. Im Mittelpunkt stehen nicht "wildgewordene Studienräte oder Außenseiter",
[3]
wie Hans Rothfels es Mitte der 1960er Jahre in einem Vortrag formulierte, sondern mit Werner Conze und Theodor Schieder, um nur zwei zu nennen, führende Vertreter des Fachs. Die brisante Mischung aus nationalsozialistischen Verbrechen und herausragenden Persönlichkeiten der Geschichtswissenschaft bildete die Grundlage dafür, dass die zunftinterne Diskussion das Interesse der Medien weckte und von ihnen aufgegriffen wurde. Damit wurde sie zu einer Debatte, die eine Wirkung über die engen Grenzen des Fachs hinaus entfaltete. Es konnte nur eine Frage der Zeit sein, bis das Licht des Scheinwerferkegels auch Hans Rothfels, die zentrale Figur der deutschen Geschichtswissenschaft nach 1945, in jedem Fall aber der deutschen Zeitgeschichte, erfasste.
Auch beschränkt auf den engen zeitlichen Rahmen der nationalsozialistischen Herrschaft wirft das Thema, wie es in Frankfurt mitunter emotionsgeladen diskutiert wurde, wichtige Fragen zur Geschichte der deutschen Historiografie auf. Diese erweisen sich, unabhängig von dem einzelnen untersuchten Lebenslauf, von grundsätzlicher Natur für das Fach, wenn mit den Voraussetzungen und den Nachwirkungen die Zeit vor 1933 und nach 1945 ins Blickfeld gerät. Zu den Personen gesellen sich Denkstile, Schulen, Netzwerke, Methoden, Forschungsansätze, Publikationsorgane und Institutionen. Vor diesem Hintergrund ist schon früh vor einer ausschließlichen Fixierung auf die besagten zwölf Jahre gewarnt worden. Damit verbunden ist die nachdrückliche Forderung nach einer Kontextualisierung des Themas: Also nicht Historiker im Nationalsozialismus, sondern Historiker und Nationalsozialismus, d.h. die Zeit des "Dritten Reichs" als ein Teil einer Historikerbiografie. Die Rekonstruktion eines Lebenslaufs kann, muss aber nicht, in erster Linie dazu dienen, Haben- und Soll-Seite, Licht und Schatten des Lebenswerks eines Historikers gegeneinander aufzuwiegen, sie kann jedoch auch helfen, Momente der Kontinuität und der Diskontinuität herauszuarbeiten. Der biografische Zugang vor dem Hintergrund der an lebensweltlichen Umbrüchen nicht armen deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts bietet sich dabei als Erfolg versprechendes methodisches Hilfsmittel geradezu an.
[4]
Dass damit die Gefahr der inhaltlichen Verengung des ergiebigen Themas nicht gebannt ist, dafür liefert die Auseinandersetzung zwischen Ingo Haar und Heinrich August Winkler ein anschauliches Beispiel. Ausgehend von einer verbesserungsbedürftigen oder nicht korrekten Anwendung der historischen Methode an einer zum "Schlüsseldokument" erhobenen Quelle, wird über die Frage nach dem Grad der Nähe oder Ferne des politischen und wissenschaftlichen Engagements von Hans Rothfels zur nationalsozialistischen Ideologie gestritten. Die direkten und indirekten Verbindungslinien zu den nationalsozialistischen Neugestaltungsplänen für Europa und der rassisch begründeten Vernichtungspolitik, die Ingo Haar zu sehen glaubt, werden von Heinrich August Winkler bestritten. Gewiss ist es wichtig, die Plausibilität des einen oder anderen Standpunktes zu klären, was ja auch weitgehend geschehen ist. Doch sollten dabei grundsätzliche Fragen, die sich bei dem großen, generationen- und epochenübergreifenden Thema stellen, nicht aus dem Blickfeld verschwinden. Eine solche ist sicher die der Geschichte des Fachs Zeitgeschichte in Deutschland, die eng mit der Person von Hans Rothfels verbunden ist und zugleich weit darüber hinausgeht.
Der im Kaiserreich geborene, im Ersten Weltkrieg verwundete, von den Nazis vertriebene jüdische Emigrant, der nach 1945 als einer der wenigen Historiker in ein nicht mehr vorhandenes Reich zurückkehrte, hat eine Einleitung zu einer neuen Zeitschrift geschrieben, die, zum Programm erhoben, nach und nach zum Grundstein für die Zeitgeschichte in der Bundesrepublik avancierte. Nicht so sehr dem Text als der Biografie seines Verfassers ist es wohl zu verdanken, dass "Zeitgeschichte als Aufgabe"
[5]
mittlerweile als der Taufschein für die Geburt der deutschen Zeitgeschichte aus dem Geist der Vergangenheitsbewältigung gilt. Von einer "Initialzündung"
[6]
, und von einer "Erfindung der Zeitgeschichte"
[7]
wird gesprochen. Diese zum roten Faden der Argumentation gesponnene Auffassung hat sich bereits so verfestigt, dass Vorschläge über eine erste, zweite oder gar dritte Zeitgeschichte diskutiert werden
[8]
, ohne dass die Anfänge des Fachs als historische Disziplin hinterfragt worden wären.
Dabei bietet gerade die Einleitung zu den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte doppelten Anlass dazu. Darin schreibt Rothfels von einem "Neuanfang" der Zeitgeschichte, was darauf schließen lässt, dass es schon einen wie auch immer gearteten Anfang gegeben haben muss. Und, im diskutierten Zusammenhang noch wichtiger, er weißt wiederholt auf die Bedeutung des "Betroffenseins" des Zeithistorikers hin, wenn dieser Geschichte schreibt. Dabei bezieht sich Hans Rothfels nicht auf abstrakte Erfahrungen, sondern er rekurriert mit großer Wahrscheinlichkeit auf die Erfahrungen seiner eigenen Biografie, die von den gesellschaftlichen Umbrüchen von 1918, 1933, 1945 und 1949 geprägte Lebensgeschichte. Die damit verbundene persönliche und historische Ver- und Aufarbeitung ist als wesentlicher Faktor in sein Verständnis und die Praxis der Zeitgeschichte als wissenschaftlicher Disziplin eingegangen, wie sie sich, auf ihn berufend, seit den 1960er Jahren durchgesetzt hat.
Diese Erfahrungen setzten nicht erst nach 1945 ein, sondern mit dem Ende des deutschen Kaiserreichs und seinem jähen Untergang als Ergebnis des Ersten Weltkriegs. Es spricht manches dafür, die Anfänge der Zeitgeschichte als Disziplin in Deutschland in diesem Umfeld zu verorten und weitere Entwicklungsstufen in der Weimarer Republik und der Zeit des Nationalsozialismus zu sehen
[9]
, die in den Neuanfang nach 1945 einflossen. Wenn das bisher nur ansatzweise geschehen ist, dann liegt es sicher auch daran, dass das autobiografische Erfahrungselement von Zeithistorikern, dem Objetivitätspostulat huldigend, bewusst aus historiografischen Untersuchungen ausgeklammert wurde, wie Eric Engstrom gezeigt hat.
[10]
Eine der damit verbundenen Folgen ist sicher die postulierte Traditionslosigkeit der deutschen Zeitgeschichte. Sie steht im Widerspruch sowohl zu den historischen Erfahrungen des "Vaters" der deutschen Zeitgeschichte als auch dem damit verbundenen Verständnis von Zeitgeschichte.
Der geschichtswissenschaftliche Aufklärungsprozess, der sich auf dem Historikertag in Frankfurt eine Straße und viele Wege gebahnt hat, sollte die Chancen nutzen, auch solche Widersprüche aufzulösen. Sie betreffen zentrale Fragen des Fachs. Die kritische Auseinandersetzung mit Hans Rothfels mag nicht neu sein. Diejenige mit der Geschichte der deutschen Zeitgeschichte steht erst am Anfang.
Dr. Mathias Beer ist Leiter des Forschungsbereichs Zeitgeschichte am Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde in Tübingen und Lehrbeauftragter an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Seine Arbeitsgebiete betreffen die Geschichte des späten Mittelalters und der Frühen Neuzeit sowie der deutschen und ostmitteleuropäischen Geschichte der Neuzeit und Zeitgeschichte mit Schwerpunkten zu Themen der Familien-, Kommunikations-, Mentalitäts-, Verwaltungs-, Politik-, Wissenschafts- und insbesondere Migrationsgeschichte. Homepage: http://www.uni-tuebingen.de/donauschw.institut/beer_mathias.html
[1] Schulze, Winfried; Oexle, Otto Gerhard (Hgg.), Deutsche Historiker im Nationalsozialismus, Frankfurt am Main 1999.
[2] Von einer Wiedergabe auch nur der wichtigsten Publikationen zur Entwicklung der Forschung und zum aktuellen Forschungsstand muss hier abgesehen werden.
[3] Rothfels, Hans, Die Geschichtswissenschaft in den dreißiger Jahren, in: Flitner, Andreas (Hg.), Deutsches Geistesleben und Nationalsozialismus, Tübingen 1965, S. 90-107, hier S. 99.
[4] Cornelißen, Christoph, Gerhard Ritter. Geschichtswissenschaft und Politik im 20. Jahrhundert, Düsseldorf 2001; Etzemüller, Thomas, Sozialgeschichte als politische Geschichte. Werner Conze und die westdeutsche Geschichtswissenschaft nach 1945, München 2001; Jaworski, Rudolf; Petersen, Hans-Christian, Biographische Aspekte der "Ostforschung". Überlegungen zu Forschungsstand und Methode, in: Bios. Zeitschrift für Biographieforschung, Oral History und Lebensverlaufsanalysen 15 (2002), 1, S. 47-63.
[5] Rothfels, Hans, Zeitgeschichte als Aufgabe, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 1 (1953), S. 1-8.
[6] Möller, Horst, Das Institut für Zeitgeschichte und die Entwicklung der Zeitgeschichtsschreibung in Deutschland, in: Ders., Wengst, Udo (Hgg.), 50 Jahre Institut für Zeitgeschichte. Eine Bilanz, München 1999, S. 1-68, hier S. 2.
[7] Conrad, Sebastian, Auf der Suche nach der verlorenen Nation. Geschichtsschreibung in Westdeutschland und Japan, 1945-1960, Göttingen 1999, S. 233.
[8] Doering-Manteuffel, Anselm, Deutsche Zeitgeschichte nach 1945. Entwicklungen und Problemlagen der historischen Forschung zur Nachkriegszeit, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 41 (1993), S. 1-29; Hockerts, Hans Günter, Zeitgeschichte in Deutschland. Begriff, Methoden, Themenfelder, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 28-30 (1993), S. 3-19; Kleßmann, Christoph, Zeitgeschichte in Deutschland nach dem Ende des Ost-West-Konflikts, Essen 1998.
[9] Aly, Götz, Rückwärtsgewandte Propheten. Willige Historiker. Bemerkungen in eigener Sache, in: Ders.: Macht - Geist - Wahn. Kontinuitäten deutschen Denkens, Berlin 1997, S. 153-183.
[10] Engstrom, Eric J., 'Zeitgeschichte' as disciplinary history. On professional identity, self-reflexive narratives, and discipline-building in Contemporary German History, in: Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte 29 (2000), S. 399-425.
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