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Band 1 • 2004

ISBN 3-86004-176-2

Hans Rothfels und die Zeitgeschichte

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Tagungsberichte

Der Historiker Hans Rothfels (1891-1976) - "ein Wanderer zwischen den Welten"?
Bericht vom Workshop im Berliner "Centre Marc Bloch" am 15.07.2003

Matthias Berg

Die Kontroverse um den Historiker Hans Rothfels erreichte im letzten Jahr im Zuge des Streits um die Rolle deutscher Historiker im Nationalsozialismus ein besonderes Maß an Heftigkeit. Ohne Frage kulminieren in der Person Rothfels’ und in seiner Biografie ungewöhnlich viele und ungewöhnlich relevante Fragestellungen, so dass eine breit gefächerte und sachlich geführte Debatte notwendig ist. Zudem handelt es sich, wie nur in der durch Hans-Peter Schwarz als noch „qualmende Geschichte“ so treffend popularisierten Zeitgeschichte möglich, um einen Forschungsgegenstand, der zugleich legitimes Objekt der Historiografie und Bestandteil der Lebensgeschichte beteiligter Historiker ist. Nachdem sich der „Qualm“ nun etwas verzogen hatte, begannen für einen verlängerten Nachmittag unter der Diskussionsleitung von Peter Schöttler (Berlin) und Michael Wildt (Hamburg) die knapp fünfzig Teilnehmer des Workshops „Der Historiker Hans Rothfels (1891-1976) – »ein Wanderer zwischen den Welten« ?“ im Berliner Centre Marc Bloch mit der Debatte.

Dass der Workshop nicht als „Anklageinstanz“ gegen eine einzelne Person zu verstehen sei, verdeutlichte Peter Schöttler in seinen einleitenden Worten. Auch „Historikerkollegen“ könnten als zu beschreibende, historische Objekte von Historikern mittels „zeitgemäßer und international kompatibler Maßstäbe“ bearbeitet werden. Die Teilnahme von Georg Iggers gab dem Workshop überdies eine besondere, lebensgeschichtliche Note, über welcher die für diese Debatte so bedeutsame Gleichzeitigkeit von Rothfels Person als historischem Objekt und erlebtem Subjekt zu keinem Zeitpunkt in den Hintergrund geriet. Der Workshop wurde entlang der Emigration von Rothfels im Jahr 1939 in zwei Abschnitte unterteilt.

I. Hans Rothfels in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus

In seinem Beitrag „Zum biografischen Profil bis zur Emigration“ lieferte Lothar Machtan (Bremen) einen Abriss des wissenschaftlichen und politischen Weges Rothfels’ bis zum Jahr 1939. Von der Herkunft aus einer jüdischen Bankiers- und Gelehrtenfamilie über den prägenden Fronteinsatz und der Erlangung erster wissenschaftlicher Meriten bei Friedrich Meinecke bis hin zur Berufung nach Königsberg kennzeichnete Machtan den erfolgreichen Aufstieg, welcher für Rothfels zu Beginn der 30er Jahre in einen „Spitzenplatz“ innerhalb der deutschen Historikerzunft mündete. Politisch sei Rothfels auch in der Weimarer Republik dem „Geist von 1914“ verhaftet geblieben und habe sich die vielfach ersehnte „Erneuerung“ als „Aufstieg eines neuen Reiches in welcher Form auch immer, als die Inthronisierung eines nationalstaatlichen Willens von autoritativer und zwingender Gestaltungskraft“ gedacht. Der neukonservativen „Jungen“ - Bewegung nahestehend unterschied er sich jedoch vor allem durch die stärkere Ausprägung eines „politischen Bewusstseins der Verantwortung vor dem unbedingten Machtwillen des Staates“ von der revolutionär orientierten Variante des Neukonservatismus. Der angestrebte „Wiederaufstieg des Reiches“ blieb daher „zuallererst staatspolitisch verschränkt“, nach Machtan ließ sich Rothfels erst am Ende der 20er Jahre vom Stellenwert der Volkstumspolitik überzeugen. Die parlamentarische Demokratie konnte, im Gegensatz zur „politischen Ideenwelt des »originären« Preußen“, für ihn „keine normgebende Realität werden“. In der Ablehnung der Habilitation Eckart Kehrs und der gleichzeitigen Protegierung Rudolf Craemers sah Machtan die „politisch-ideologische Verhärtung seines Selbstverständnisses als Historiker mit öffentlichem, politischem Auftrag“ in besonderer Weise illustriert. Den von Rothfels verwandten Begriff der „historia militans“ verortete Machtan „prinzipiell“ in der „Richtung“ der „kämpfenden Wissenschaft“ Walter Franks, auch wenn diese noch einen Schritt entfernt sei. Seine „nationalpolitischen Verdienste“ ermöglichten es Rothfels nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten, trotz seiner Stigmatisierung zum Juden, vorerst auf dem Königsberger Lehrstuhl zu verbleiben und auf eine bevorzugte Behandlung hoffen zu können. Dies erwies sich jedoch als Irrtum, auch wenn sich, laut Machtan, „Rothfels (...) 1935 noch in prinzipieller Übereinstimmung mit bestimmten politisch-pädagogischen Vorgaben des NS-Regimes glaubte“. Den Weg in die Emigration vermied Rothfels buchstäblich bis in die letzte Sekunde, erst im Sommer 1939 ging er nach England.

Mit der Feststellung, dass sich die aktuelle Debatte in Ermangelung neuer Quellen vor allem auf die „Bewertung von bereits Bekanntem“ beschränke, leitete Karen Schönwälder (Berlin) ihren Beitrag ein. Es handle sich zudem überwiegend um eine Auseinandersetzung um die heutige Geschichtswissenschaft und ihre Protagonisten, hier fragte Schönwälder nach einer eventuellen Parallele zur Revolte Rothfels gegen zeitgenössische Gepflogenheiten der Wissenschaft. In ihrer Darstellung erschien Rothfels nun auch, im Gegensatz zum Beitrag Machtans, stärker als „Exponent des Neuen“, der auf der Suche nach einer „neuen Staatlichkeit“ keineswegs das alte Reich wiederherstellen wollte. Diese Konsequenz habe Rothfels, den Schönwälder als außergewöhnlich charismatische Figur skizzierte, aus der Niederlage des Reiches im Krieg gezogen. Auf die Forderung der Nationalsozialisten nach einem besonderen politischen Engagement der Wissenschaft reagierte Rothfels, nach Schönwälder, zustimmend, für seine Wissenschaft lehnte er eine „standpunktlose Objektivität“ ab. Diese Zustimmung sei, so Schönwälder, als Antwort auf die bereits in den Jahren 1933 und 1934 erkennbaren Konturen des NS-Regimes zu lesen. Anhand seiner Vorschläge zur Neuordnung des östlichen Europas erläuterte Schönwälder die „innovativen“ Ordnungsvorstellungen Rothfels’, der die fraglichen Gebiete unter deutscher Ägide in eine Bestandsform jenseits der bestehenden Nationalstaaten führen wollte. Dass eine „friedliche“ Revision der bestehenden Nachkriegsordnung für Rothfels eine vorstellbare Option dargestellt haben könnte, bezeichnete Schönwälder als fraglich. Weitere Interpretationen müsse man sich jedoch versagen, da Rothfels aufgrund seiner erzwungenen Emigration hierfür keine Anhaltspunkte liefere.

Ingo Haar (Berlin) betitelte seinen Beitrag mit „Hans Rothfels als Historiker der Extreme: Zwischen Republik und Diktatur“ und suchte durch drei ausgewählte Beispiele seine Einschätzung von Rothfels zu untermauern. Dass dem „sozialen und gesellschaftspolitischen Kontext mehr Aufmerksamkeit einzuräumen“ sei und die zu Beginn der 30er Jahre evidenten Systembrüche eine „eingängige Diskursanalyse“ ohnehin erheblich erschwerten, schickte er seiner Analyse voran. Die Rolle von Rothfels als Mitglied der Historischen Kommission im Reichsarchiv kennzeichnete Haar als „Blockadepolitik“, die sich vor allem in der Verweigerung, den Aktenzugang bezüglich der „Sozialstaatsgeschichte im Bismarck-Staat“ nach dem Abbruch der eigenen Forschungen freizugeben, manifestierte. Als aufstrebender Historiker Preußens, dessen Position Haar am „rechten Rand“ ausmachte, habe Rothfels alle Möglichkeiten genutzt, missliebige Forschungen zu „torpedieren“, was letztlich im „offenen Bruch“ mit seinem Mentor Friedrich Meinecke eskalierte. Einer „sorgfältigen Prüfung“ bedürfe die Frage, inwieweit hiermit eine „Ablehnung des politischen Systems einherging“. Zur Beantwortung setzte sich Haar mit der Rolle Rothfels’ im „Herrenklub“ und in der „Ringbewegung“ auseinander. Bereits in einem frühen „Herrenklub-Aufsatz“ von 1925 habe er die Themen der 30er Jahre vorweg genommen. Dies beinhalte vor allem die „föderative Reichsidee, durch welche die neuen osteuropäischen Nationalstaaten unter deutscher Führung und unter Verlust ihrer nationalen Souveränität zusammengefügt werden sollten“. Als Mitglied der „Ring-Bewegung“ und Königsberger Vertrauensmann habe Rothfels zudem das zentrale Anliegen der Bewegung, die Verhinderung des „Rückfalls in das System der Parlamentsregierung“, aktiv unterstützt und sich letztlich im Januar 1933 „endgültig hinter die neue Reichsregierung mit Hitler als Kanzler“ gestellt. Für Haar ist sowohl die Frage nach der „Feindschaft gegen den ersten deutschen demokratischen Verfassungsstaat“ wie auch nach der Nähe Rothfels’ zu „nationalsozialistischen Positionen“ zu bejahen. In den auf dem Internationalen Historikertag in Warschau vorgetragenen, offen revisionistischen Positionen sah Haar einen weiteren Prüfstein für die Ablehnung „liberaler Positionen“ durch Rothfels. Kennzeichnend für Rothfels Ansichten sei die vorurteilsbeladene Darstellung der Deutschen als den Polen „kulturell und ethnisch überlegen“. Trotz der „Anpassung an das NS-Regime“ schied Rothfels jedoch aus dem Universitätsbetrieb aus und musste schließlich emigrieren.

In der Diskussion zum somit abgeschlossenen ersten Teil des Workshops wurde zu Beginn die „wissenschaftliche Innovationsleistung“ Rothfels’ erörtert und mehrheitlich verneint. Georg Iggers wies auf die besondere Spannbreite zwischen der durch Rothfels verfolgten herkömmlichen Geschichtsschreibung und den Arbeiten der durch ihn geförderten „Volkstumshistoriker“ hin. Auch Peter Schöttler sah die „Innovationsleistung“ Rothfels’ vor allem in der Integration von traditioneller Geschichtsschreibung und Volksgeschichte, somit ergab sich eine „zweigleisige Chance“ sowohl zur Innovation wie auch zur Wahrung der Tradition. Michael Esch (Berlin) beklagte die in den Vorträgen mangelhaft erfolgte Problematisierung des Verhältnisses von politischen Stellungnahmen und historiografischen Paradigmen, fraglich sei doch vor allem die eventuelle Verbindung zwischen Rothfels’ politischen Ansichten und seinen „Geschichtsauffassungen“. Die von Michael Wildt problematisierte „zentrale Stellung des Volkes als Ergebnis der von den Siegermächten gewollten Nachkriegsordnung“ führte zu einem kurzen Disput um die Einordnung sowohl der Nachkriegsordnung wie auch der Position Rothfels’. Die Mehrheit der Beiträge stimmte der Einschätzung Wildts zu, der das Recht als „Beginn der Option zur Homogenisierung“ bezeichnete. Allerdings gab Peter Schöttler zu bedenken, dass der Parlamentarismus ein integraler Bestandteil der Konzeption war, sich in der Realität jedoch kaum durchzusetzen vermochte. Dass die entwickelten Minderheitenrechte bereits Antworten auf den eklatanten Widerspruch zwischen heterogenen Bevölkerungsstrukturen und den auf Homogenität ausgerichteten Nationalstaatskonzeptionen darstellten, führte Michael Esch hierzu abschließend aus. Leider konnten Lothar Machtan sowie Ingo Haar ihre Beiträge nicht persönlich vortragen und diskutieren.

II. Hans Rothfels in der Emigration und in der Nachkriegszeit

Der Beitrag John L. Harveys (Pennsylvania State University) beschäftigte sich mit der Zeit der Emigration Rothfels’ und mit seinem erstaunlichen Erfolg in einem „fremden Land“. Bei der Ankunft 1940 in New York des Englischen kaum mächtig, konnte Rothfels bereits fünf Jahre später an der Chicagoer Universität einen der wichtigsten Lehrstühle der amerikanischen Geschichtswissenschaft besetzen. Sowohl Rothfels wie auch seine Familie wurden amerikanische Staatsbürger und integrierten sich vollauf in ihrem akademisch geprägten Umfeld. Harvey fragte sich daher: „Was this the mark of the Deutschen Sonderweg?“ Zur Erklärung dieses phänomenalen Erfolgs verwies Harvey nochmals auf den Unwillen Rothfels’ zur Emigration, der jedoch nach dem Erlass der „Nürnberger Gesetze“ zunehmend unter Druck geriet und sowohl England als auch die USA als mögliche Fluchtorte in Betracht zog. Die Übersiedlung der Familie Rothfels nach England erfolgte jedoch, so Harvey, in zu engem zeitlichen Kontext mit dem Kriegsausbruch, die angestrebte Integration wurde mit den offen ausbrechenden Feindseligkeiten unmöglich. Erst ein Angebot der amerikanischen Brown University beendete die Internierung Rothfels’ auf der Isle Of Man. Bereits seit den zwanziger Jahren verfügte Rothfels, zum einen durch amerikanische Stipendiaten im Reichsarchiv, zum anderen über die Rockefeller Foundation, über Kontakte zur amerikanischen Geschichtswissenschaft. Zwar strebte Rothfels laut Harvey zur Zeit der Weimarer Republik keine engen Beziehungen an, doch halfen ihm diese Kontakte bei seinem Eintreffen im Jahr 1940 durchaus. Zudem befanden sich ehemalige Schüler von Rothfels, die ebenfalls emigrieren mussten, bereits in den USA und unterstützen ihn bei den ersten Versuchen, Fuß zu fassen. Mit dem Verweis auf Rothfels’ außergewöhnliches Charisma wie auf die durch die Einberufung amerikanischer Historiker seit 1941 sich verbessernden Möglichkeiten begründete Harvey den schnellen und umfassenden Erfolg an der Brown University. Dem Bruch im Jahr 1945 folgte der Ruf nach Chicago. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Rothfels, trotz seines „conservative, anti-slavic and anti-socialist bias“, in der amerikanischen Geschichtswissenschaft als Mensch wie als Lehrer ein hohes Ansehen erworben. Die Entscheidung zur Remigration nach dem Krieg knüpfte Rothfels dann auch an die jederzeitige Möglichkeit zur Rückkehr nach Chicago. Harvey erklärte sich den Erfolg Rothfels’ jedoch keineswegs nur aus dem bestehenden Netzwerk und seinem enormen Charisma, vielmehr schätzte er die Bereitschaft der Amerikaner Rothfels’ „talent for leaning toward political winds“ willig zu akzeptieren als ebenso bedeutsam ein. Nach Harvey erscheint der Rothfels der Emigration als „Chamäleon“, das sich seiner Umwelt anzupassen vermochte. Ob spezifische „ideological tinctures“ westlicher Historiker ihm dabei entgegen kamen, bedürfe weiterer Forschungen.

Die besondere Stellung Rothfels’ nach seiner Rückkehr aus Amerika stand im Mittelpunkt des Beitrages „Hans Rothfels und die Konstruktionen der westdeutschen Zeitgeschichtsschreibung“ von Karl Heinz Roth. In seinem Vortrag führte Roth an Hand einer Vielzahl von Beispielen die neuerliche „Erfolgsgeschichte“ des Remigranten Rothfels aus, der aus verschiedensten Funktionen heraus den Lauf der westdeutschen Zeitgeschichtsschreibung bis zum Beginn der 70er Jahre entscheidend beeinflusst habe. Aus dem „Gravitationsviereck seines Wirkens“, welches das Institut für Zeitgeschichte in München und die Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, die Mitarbeit an der „Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ostmitteleuropa“, die Tätigkeit als Hauptherausgeber der „Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik“ sowie seine Rolle als „Graue Eminenz“ des Historikerverbands umfasste, wurde Rothfels zum „Diskurssteuerer“, dessen allumfassender Einfluss „unsere Bereitschaft zum kritischen Verstehen in mancher Hinsicht auf die Probe“ stelle. Rothfels wurde zum Exponenten des für die Mehrzahl der deutschen Historiker am ehesten zu akzeptierenden Umgangs mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Nach Roth suchten sie „von ihrer nationalen Identität zu retten, was irgendwie noch zu retten war“, der Remigrant Rothfels wurde dabei zur „Brückenfigur“. In seinen zu Beginn der 50er Jahre veröffentlichten programmatischen Aufsätzen entwarf Rothfels das hierzu notwendige Argumentationsschema, das für die Zeit des NS-Regimes Deutschland als „besetztes Land“ ansah sowie die deutsche Nation und den Nationalsozialismus vollständig voneinander zu trennen suchte. Die „Wiederaufrichtung der Nation“ gelang nach dieser Interpretation nur durch die unbedingte „Frontstellung“ gegen den „östlichen Totalitarismus“. Im Prozess der Exkulpation der Historikerschaft wie auch der „erniedrigten Nation“ habe sich Rothfels als Evaluierer und Beichtvater, als Therapeut und Seelsorger betätigt. Nach Roth rückte in diesem „Selbstheilungsprozess“ die Beachtung der Opfer der NS-Politik in den Hintergrund, zuvorderst musste die Nation wieder aufgerichtet werden. An mehr als einem halben Dutzend Beispielen bemühte sich Karl Heinz Roth, die spezielle Art und Weise wie auch den durchschlagenden Erfolg der „Wissenschaftspolitik“ Hans Rothfels’ zu belegen. Abschließend verwies Roth auf die engagierte Mitarbeit Rothfels’ bei der Auseinandersetzung mit dem „Neo-Nazismus“ und seine Unterstützung des Verfassungsschutzes bei der Bewertung einschlägiger Publikationen. Diese Grenze sei bei Rothfels, trotz aller berechtigter Kritik, glasklar und unbestritten. Die spezifischen Ausprägungen der frühen westdeutschen Zeitgeschichtsschreibung sah Roth durch die Erlangung einer „transnationalen und transkulturellen Perspektive“ der heutigen Historiografie überwunden, so könne man nun mit „einem fast ethnologischen Blick“ auf die „merkwürdigen Verstrickungen und Diskurssteuerungen zurückblicken“.

Im letzten Beitrag referierte Nicolas Berg (Leipzig) unter dem Titel „Implizites Gedächtnis und unausgesprochene Geschichte: Hans Rothfels und der Gründungsdiskurs der deutschen Geschichtswissenschaft nach 1945“ die „Wirkungsgeschichte der Remigration“ Rothfels’ unter besonderer Berücksichtigung seiner wichtigsten Veröffentlichung: „Die deutsche Opposition gegen Hitler“. Einleitend skizzierte Berg eine kurze Doppelbiografie mit gänzlich unterschiedlichem Verlauf - die beiden Emigranten Hans Rothfels und Georg Iggers. Anhand der konträren Entwicklung zweier Lebensläufe illustrierte er prägnant die Besonderheiten beider Biografien, ein ausgesprochen packender Einstieg. Als Opfer der NS-Rassenpolitik kam Rothfels, der, wie ausgeführt, trotz seiner betont nationalkonservativen Einstellung letztlich emigrieren musste, in den zeitgeschichtlichen Kontroversen nach 1945 eine einzigartige Stellung zu, sein Wort erlangte „schlechthin konstitutive Bedeutung“. Als „Ausländer, Emigrant und vertriebener Jude“ „reimportierte“ er die „alten Perspektiven“ und formulierte als „deutscher Patriot (...) Positionen, die sich seine Kollegen gar nicht mehr leisten konnten.“ Wie Berg ausführte, erhellen weniger die gewaltigen Verwerfungen in der Biografie Rothfels’ als vielmehr die „über die biografischen Brüche hinwegzielenden Verbindungsversuche“ das Besondere dieser Vita. Ganz im Gegensatz zur exzeptionellen Position Rothfels’ war das Urteil gegenüber den Emigranten in Deutschland vorwiegend ressentimentgeladen und vom Versuch der „erkenntnistheoretischen Marginalisierung“ ihrer Beiträge gekennzeichnet. In der Beantwortung der Frage nach dem Umgang Rothfels' mit den an ihn gerichteten Erwartungen verwies Berg auf die Formulierung vom „besetzten Deutschland“, welche einen „ganzen Denkstil“ begrifflich fasste und zugleich die interpretatorische Eingangsvoraussetzung für die im Buch zum Widerstand zentrale Trennung zwischen „Deutschem und Nationalsozialistischem“ darstellte. Mit der Veröffentlichung von „Die deutsche Opposition gegen Hitler“ etablierte Rothfels nach Bergs Ansicht den „allgemeinen apologetischen Reflex der Deutschen nach 1945 als Wissenschaft“. Es handele sich jedoch keineswegs mehr ausschließlich um Geschichtsforschung - nach einer Formulierung Ulrich Raulffs schuf Rothfels eine „erträumte Autobiografie“, die für die Mehrheit der Deutschen anschlussfähig war. Die euphorischen Reaktionen illustrierte Berg an einer Vielzahl von Beispielen, die „Sehnsucht nach einem Widerstandsnarrativ“ fand in dieser „Gegenerzählung zum Nationalsozialismus“ ihre Heimat. Hingegen von „den Lagern zu sprechen hieß, eine Politik des Hasses und der Rache fortzusetzen“, Fragen nach den von Deutschen verübten Verbrechen wurden marginalisiert. Rothfels gelang in der Sichtweise Bergs somit die Rekonstruktion der durch seine Vertreibung zerstörten „Erlebnisgemeinschaft“, niemand habe so „kommunikativ geschwiegen“ wie Hans Rothfels. Die durch seine „schäbige und skandalöse Vertreibung“ offenen Fragen habe er weder öffentlich noch privat formuliert, seine „Wortmeldungen zum Nationalsozialismus waren Formen der Enthistorisierung“.

Der zweite Diskussionsteil wurde durch mehrere Beiträge zur Rezeption der von Rothfels eingeführten Widerstandskonzeption eingeleitet. Die vermutete Kritik von „linker Seite“ gestaltete sich nach Ansicht verschiedener Teilnehmer erstaunlich „marginal“. Anhand der Überlegung Michael Wildts, ob in der in den 80er Jahren brieflich geführten Kontroverse zwischen Martin Broszat und Saul Friedländer zur Trennung von Erinnerung und Analyse des Nationalsozialismus die bereits durch Rothfels implementierte Unterscheidung ihre Fortsetzung gefunden habe, entzündete sich eine kürzere Debatte. Der Zustimmung Bergs fügte Wildt selbst eine etwas versöhnlichere Interpretation hinzu, nach welcher eine derart „dialogisierende Erinnerung“ zumindest eine Möglichkeit der Annäherung darstellen könnte. Mit Verweis auf die Pionierstudie Max Weinreichs aus dem Jahr 1946 und auf Michael Burleighs 1988 erschienenes Buch „Germany turns eastwards“ wurde die für lange Zeit nicht erfolgte Übersetzung relevanter Beiträge und der Umgang mit ausländischen Darstellungen zum Nationalsozialismus diskutiert. Breiten Raum nahm im folgenden die Diskussion der „jüdischen Identität“ Rothfels’ und die durch ihn geprägte zeithistorische Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit ein. Die in diesem Zusammenhang durch Martin Broszat eingeforderte strikte Trennung von Erinnerung und Erforschung kritisierte Nicolas Berg deutlich, es handele sich hierbei um den „Ausschluss des »Jüdischen« aus dem wissenschaftlichen Diskurs durch die Diffamierung als »bloße Erinnerung«“. Karl Heinz Roth verwies auf das starke Engagement Rothfels’ für seine ebenfalls als jüdisch stigmatisierten Kinder und auf das durch Rothfels mit hohem Engagement begleitete Restitutionsverfahren. Dieses „paradoxe Bild“ fasste Berg mit der Einschätzung zusammen, dass Hans Rothfels unfreiwillig eine jüdische Geschichtserfahrung gemacht habe, ohne dass er dafür wissenschaftlich oder privat ein Narrativ gefunden habe. Dieser Widerspruch sei letztlich nicht auflösbar. Insgesamt verlief die zweite Diskussion deutlich lebhafter als die des ersten Teils. John Harvey konnte seinen Beitrag nicht persönlich vortragen, bedauerlicherweise blieb die Emigrationsphase daher im wesentlichen undiskutiert.

Die Ergebnisse der Veranstaltung in wenigen Sätzen zusammenzufassen, hieße den eigentlichen Sinn und Zweck eines „Workshops“ zu konterkarieren. Dass die Widersprüche einer Biografie nicht in einer Art Gesamtbilanz eingeebnet werden müssen, sondern als Ansatzpunkte der Annäherung dienen können, erscheint als Quintessenz dieser insgesamt gelungenen Veranstaltung. Neben der bereits vieldiskutierten Frage nach der Einstellung Rothfels’ zum Nationalsozialismus kann zukünftig vor allem für die Zeit der Emigration mit interessanten Beiträgen gerechnet werden. Die Kontroverse zur Rolle Rothfels’ als Initiator und wesentlicher Ideengeber der westdeutschen Zeitgeschichtsschreibung steht ebenfalls erst am Beginn. Auf eine sachliche und erkenntnisorientierte Fortsetzung der Debatte kann daher nur gehofft werden.


Hans Rothfels und die deutsche Zeitgeschichte
Bericht von der Tagung am Institut für Zeitgeschichte in München am 16. und 17.07.2003

Jochen Kirchhoff

Das Institut für Zeitgeschichte in München lud aus Anlass des 50jährigen Jubiläums seiner "Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte" zu einem wissenschaftlichen Kolloquium nach München. Zum Thema erkor man sich die Biografie des Historikers Hans Rothfels, dessen fachliche und persönliche Lebensleistung eng mit der Institutsgründung sowie einer jahrzehntelangen Redaktion der "Vierteljahrshefte", dem renommierten Fachjournal zur Geschichte Deutschlands im Europa des 20. Jahrhunderts, verbunden ist. In bester wissenschaftlicher Tradition der kritischen, methodisch begründeten Analyse der Zeitgeschichte hatte die Münchener Instituts- und Redaktionsleitung beschlossen, den Geburtstag ihres verdienten Hausorgans nicht einfach nur mit einem bayerischen Fest zu begehen. Stattdessen wollte man sich knapp zwei Tage lang auch den unbequemen Fragen widmen, die unlängst an die Biografie des verdienten, preußisch-konservativen Gründervaters gestellt worden waren: Konnte Hans Rothfels, der ein Opfer Hitlers wurde, vor 1933 sein Lobredner gewesen sein? Wirkte Hans Rothfels' spätere Tätigkeit in der Zeitgeschichtsforschung darauf hin, deutsche Verantwortung zu eskamotieren? Mit diesen Formulierungen stellte Institutsdirektor Horst Möller einleitend die zentralen Fragestellungen vor und forderte zu einer Diskussion nach den Regeln der historischen Zunft auf. Zugleich appellierte er, vor dem "exemplarischen deutschen Schicksal" von Hans Rothfels den nötigen Respekt zu bekunden. Damit trat die Doppelrolle des Kolloquiums zu Tage: einerseits war das Kolloquium im Institut nämlich zeitlich unmittelbar der Geburtstagsfeier für die "Vierteljahrshefte" vorgeschaltet, bildete also faktisch ein Festkolloquium zum ehrenden Andenken an Hans Rothfels. Andererseits aber hatte man sich in der Wahl der Referenten und Diskutanten auch ein Tribunal ins Haus bestellt, das implizit und explizit einige ernste Antworten auf die Vortragenden der Berliner Tagung über Hans Rothfels, die wenige Tage zuvor stattgefunden hatte, parat hielt. Gerade in dieser doppelten Funktion entwickelte sich ein spannender Austausch, der gleichsam als Zwitter zwischen akademischer Feierstunde, Forschungskolloquium und geschichtspolitischer Gerichtssitzung einen intellektuellen Ausweg suchte. Erkennbar wurde dieses Dilemma an den zwei verschiedenen Richtungen, mit denen die insgesamt acht Vorträge den Rothfels'schen Lebenslauf perspektivierten. Zum einen die wissenschaftssoziologische, um Distanz bemühte Sichtung eines nationalkonservativen Historikers; zum anderen die traditionell geistesgeschichtliche Eingemeindung von Person und Werk eines "Gründervaters".

Jan Eckel (Freiburg i.Br.), Doktorand bei Ulrich Herbert, skizzierte zunächst anhand der bekannten Eckdaten ein chronologisches 4-Phasen-Modell der Rothfels'schen Biografie (Weimarer Republik, Nationalsozialismus, Exil in Amerika, Remigration) und stellte die These auf, dass das historiografische Denken von Rothfels in allen diesen Phasen kontinuierlich einer spezifischen Struktur gefolgt sei. Eckel schlug vor, diese gedankliche Struktur als "Zyklus-Denken" zu fassen, und erläuterte, wie Rothfels darin den Aufschwung, den Abschwung und den erneuten Aufschwung von Nationalstaaten als grundlegendes Muster der Geschichte wahrnahm. Dieses zyklische Geschichtsbild habe Rothfels nach dem Exempel der Staatswerdung Preußens modelliert. Dessen wiederholte Erfahrung von Krisis und nachfolgender Restitution habe Rothfels, so baute Eckel sein Argument aus, mit existentiellen Aspekten der eigenen, von Karriererückschlägen und nachfolgenden Re-Etablierungserfahrungen gekennzeichneten Lebensgeschichte intellektuell verbunden und schließlich in der eigenen Geschichtsschreibung produktiv werden lassen. Eckels zentrale These lautete, dass Rothfels sein Zyklus-Denken von einer Phase zur nächsten jeweils erfahrungsabhängig umgedeutet habe. So zeigte Eckel zum Beispiel aufschlussreich, wie sich die Siedlungs- und Raumordnungskonzepte von Hans Rothfels in der späten Weimarer Republik als "Umschlag" eines "fatalistischen Zyklus-Denkens" in ein "dezisionistisches Zyklus-Denken" interpretieren lassen. Mit dieser wissenschaftssoziologischen Perspektive suchte Eckel plausibel zu machen, wie Rothfels für den ‚Nationalen Aufbruch' der deutschen Rechten im Jahr 1933 auch aufgrund seines zyklischen Geschichtsdenkens große Aufgeschlossenheit empfunden haben könnte. Obwohl Jan Eckel anhand des wissenschaftssoziologischen Ansatzes sowohl Wissenschaft und Politik gleichsam als ein System kommunizierender Röhren miteinander in Bezug setzte, warnte er davor, aus den fachhistorischen Arbeiten von Rothfels bruchlos auf dessen politische Einstellung schließen zu wollen oder etwaige politische Forderungen zu destillieren. Ulrich Herbert pflichtete diesem methodisch-kritischen Gedanken bei und erteilte allen Versuchen eine Absage, die bedeutende Persönlichkeit von Hans Rothfels retrospektiv mit moralischen Maßstäben beurteilen zu wollen. Ulrich Herbert und Jan Eckel plädierten stattdessen dafür, die allgemeinere Frage zu untersuchen, auf welche Weise intellektuelle Persönlichkeiten wie Hans Rothfels das 20. Jahrhundert verarbeitet hätten.

Wolfgang Neugebauer (Würzburg) eröffnete mit seinem Vortrag über "Hans Rothfels und Ostmitteleuropa" statt der wissenschaftssoziologischen Perspektive eine traditionell geistesgeschichtliche. Er stellte die These auf, dass sich Rothfels in den 1920er Jahren von den neuen Ansätzen der komparativen Verfassungsgeschichte habe inspirieren lassen. Die großregionalen, raumtypologischen Strukturbetrachtungen Otto Hintzes habe Rothfels auf die "Östliche Randzone Europas" angewendet. Auch lasse sich eine ausgreifende Theorierezeption in Rothfels wissenschaftlichem Nachlass nachweisen (Lasalle, sozialistische und marxistische Klassiker, Mehring, Max Weber, Michels, Bernstein, Lukacs, Smend u.a.). Neugebauer folgerte daraus, dass die bisherige Sichtweise, Rothfels sei maßgeblich von seinen akademischen Lehrer Friedrich Meinecke und Hermann Oncken geprägt worden, zu kurz greife. Unklar blieb in Neugebauers Ausführungen jedoch, warum Rothfels seine breite Theorielektüre nicht auch für die eigene historische Arbeit über Osteuropa fruchtbar gemacht hat, wo er ausschließlich ständisch-korporative Strukturen als prägende Ordnungsfaktoren gelten ließ. In der Diskussion formulierte außerdem Jan Eckel den wissenschaftssoziologisch bekannten Vorwurf, Neugebauer trenne in seiner geistesgeschichtlichen Betrachtung künstlich die Wissenschaft von der Politik, indem er die Rothfels'sche "Ostmission" als einen im Kern wissenschaftlichen Gedanken präsentiere, der nur der politischen Rhetorik, d.h. im außerakademischen Bereich der "verbalen Radikalisierung" gedient haben könnte. Ingo Haar wies darüber hinaus die gesamte These Neugebauers zurück und meinte, dass sich "keine einzige kognitive Verbindung zwischen Hintze und Rothfels" anhand der Publikationen von Rothfels in diesen Jahren belegen ließe. Neugebauers These stütze sich nur auf eine einzige Veröffentlichung aus dem Jahr 1934, in der allerdings keine Rede vom europäischen Verfassungsvergleich sei.

Unter den Historikern, die unlängst mit kritischen Anmerkungen zur Biografie von Hans Rothfels hervorgetreten waren, hatten Nicolas Berg (Leipzig), Ingo Haar (Berlin) und Karl Heinz Roth (Bremen) auf der Berliner Tagung Gelegenheit erhalten, ihre Thesen auszubreiten und zu diskutieren. Im Unterschied zu Berlin war in München allein Ingo Haar als Referent eingeladen worden. Haar sprach zum Thema "Hans Rothfels und der Nationalsozialismus" und präsentierte seinen Vortrag "Hans Rothfels als Historiker der Extreme: Zwischen Republik und Diktatur", dessen Manuskript bereits schriftlich auf der Berliner Tagung vorgelegen hatte. In aller Klarheit unterstrich Ingo Haar am Ende seiner Präsentation: "Hans Rothfels war kein Nationalsozialist." Freilich war in der Debatte von niemandem die Behauptung aufgestellt worden, Rothfels sei Nationalsozialist gewesen. Doch sollte Ingo Haars bloße Feststellung die zuvor sichtlich gespannte Atmosphäre auf der Tagung im Institut für Zeitgeschichte lösen. Die Presseberichterstattung hat diese Entkrampfung später so dargestellt, als habe Ingo Haar nun einen "Rückzug" von seinen Thesen angetreten. [1] Tatsächlich aber bekräftigte Ingo Haar anhand mehrerer, neu präsentierter Quellenbelege seine These, dass Hans Rothfels in den Jahren der Weimarer Republik am rechten Rand des politischen Spektrums stand und sich aufgeschlossen für ein Bündnis der konservativen Kräfte mit der nationalsozialistischen "Bewegung" zeigte. Dafür sprächen anti-republikanische Stellungnahmen in der Publizistik aus dem Jahr 1925 ("Herrenclub-Aufsatz" mit Franz von Papen und Martin Spahn), Rothfels' Protektion jungkonservativer Kreise sowie seine Mitgliedschaft in der 1931 sich formenden "Ring"-Bewegung. Darüber hinaus habe sich Rothfels offen auf dem Warschauer Historikertag für eine Grenz-Revision mit Polen ausgesprochen sowie eine neue Raumordnung entlang der "kulturellen Reife" der dort siedelnden Völker gefordert. Durch seine Verbindungen mit dem NS-Regime, vor allem über Joachim von Ribbentrop, habe Rothfels bereits 1937 einen Forschungsauftrag sowie die Möglichkeiten für einen Gastaufenthalt in Großbritannien erhalten, wohin Rothfels schließlich 1939 emigrieren musste. Auf die Darlegung dieser neuen Befunde reagierte das Auditorium mit einer lebhaften Debatte, die sich zunächst an der Interpretation und Kontextualisierung der einzelnen Quellenbelege entzündete. Ulrich Herbert machte dabei deutlich, wie wissenschaftlich unbefriedigend eine "exegetische" Diskussion von Partikeln aus Rothfels-Zitaten sei, wenn man Rothfels' Nähe zum Nationalsozialismus unterstelle. Denn in den frühen 1930er Jahren habe es - mit Ausnahme der rassistischen Ideologeme - gar keine eindeutige Definition nationalsozialistischer Positionen gegeben, auf die man heute eine weltanschauliche Verortung von Hans Rothfels stützen könne. Vielmehr komme es darauf an, warb Ulrich Herbert, das Verhältnis von Nationalsozialismus und Nationalismus in den Blick zu fassen. Ende Januar 1933 sei in der Wahrnehmung vieler Zeitgenossen das "nationale Lager" in Deutschland an die Macht gekommen, und mithin sei eine ganze Bandbreite völkischer und radikaler Positionen vertreten worden, u.a. auch ein "Spielen mit Gewaltphantasien", die Rothfels allerdings sicher nicht mitgetragen habe. Dagegen seien die Forderungen nach mitteleuropäischen Neuordnungen, die Rothfels ebenfalls formulierte, den soziotechnischen Utopien des Nationalsozialismus sehr ähnlich. Mit anderen Worten: zwischen Nationalisten, Konservativen und Nationalsozialisten hätten sich von 1930 bis 1934 "Konsenszonen" (Hans-Ulrich Wehler) der Weltanschauung gebildet. Hans Rothfels müsse man innerhalb dieser Konsenszonen genauer verorten. Jan Eckel schlug vor, die Rothfels'sche Position als einen "rechtsgerichteten Etatismus" zu bezeichnen, denn in Rothfels' Augen sei schon ein starker Staat gut, der sich im Innern und Äußern durchsetzen könne. Heinrich August Winkler schloss sich der Warnung von Ulrich Herbert an, man möge keine bloße "Zitatenklauberei" um Rothfels betreiben, drängte aber zugleich gegenüber Ingo Haar darauf, Quellenzitate zur Papen-Anhängerschaft von Rothfels im Detail zu überprüfen. Als Heinrich August Winkler dabei erneut seine Vorwürfe wiederholte, die er bereits 2001 in den "Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte" an der ersten Auflage von Ingo Haars Dissertation formuliert hatte, wehrte Ingo Haar den auf eine Delegitimation gemünzten Angriff ab, entschuldigte sich nochmals für einen nachweisbaren Flüchtigkeitsfehler in dieser Auflage des Dissertationsbuches und wies darauf hin, dass der von Heinrich August Winkler monierte Streitpunkt bereits letztes Jahr in den "Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte" bereinigt worden sei. Winkler möge daher "einen toten Hund nicht nochmal schlagen!" Die Tagung ging anschließend über zu den späteren Lebensphasen von Hans Rothfels.

Peter Walther (Berlin) fasste seine neuen Erkenntnisse, die er aus umfangreichen Archivbesuchen in den Vereinigten Staaten gewonnen hatte, in einem Vortrag mit dem Titel "Hans Rothfels in der Emigration 1939-1951" zusammen. Einhellig hatte das Auditorium schon nach Jan Eckels Vortrag bemerkt, dass bislang kaum etwas bekannt geworden sei über Rothfels' Wahrnehmung und Verarbeitung seines amerikanischen Exils von 1940 bis 1951. Peter Walther gestand zu, dass der historischen Forschung zu dieser Frage bislang keine aussagekräftigen Ego-Dokumente zur Verfügung stünden. Im Hinblick auf Rothfels' Remigration konnte Peter Walther anhand von Personalakten des Chicagoer Universitätsarchivs allerdings zeigen, dass Rothfels' Entscheidung zur Rückkehr nach Deutschland 1951 wesentlich motiviert war durch pensionsrechtliche Umstände. In den USA konnte Rothfels nämlich 1950 keine ausreichenden Versorgungsansprüche gegenüber der amerikanischen Hochschulverwaltung geltend machen, so dass für einen Ruhestand in den Vereinigten Staaten ein befriedigender Lebensunterhalt - auch für seine Familie - gefährdet schien. Entgegen der öffentlichen Meinung in Deutschland, wo man Hans Rothfels als politische Symbolfigur willkommen hieß, weil mit ihr ein charismatischer Emigrant mit Lebenserfahrungen in den USA scheinbar aus freien Stücken in die gewandelten politischen Verhältnisse der frühen Bundesrepublik zurückzukehren beschlossen hatte, zeigte Peter Walther detailliert, dass Rothfels noch 1949 offensichtlich keinerlei Überlegungen angestellt hatte, nach Deutschland zurückzukehren. Auch die Rufe auf Lehrstühle in Erlangen und Heidelberg im Jahr 1950 hatte Rothfels abgelehnt. Noch 1951, inzwischen in Deutschland, habe Rothfels dem ebenfalls in die USA emigrierten Mediziner Erich Posner geraten, nicht nach Deutschland zurückzukommen, da der "comeback" der alten Nationalsozialisten stärker geworden sei als einige Jahre zuvor. Die von Peter Walther anhand von Primärquellen abgesicherte, wissenschaftssoziologische Rekonstruktion von Rothfels Remigrationsentscheidung hätte die Diskussion noch stärker anregen können, die bemerkenswerte Divergenz zwischen biografischer Motivation und öffentlicher Rolle von Hans Rothfels in der frühen Bundesrepublik zu hinterfragen.

Christoph Cornelißen (Düsseldorf) verglich die Bücher von Hans Rothfels und Gerhard Ritter über die Opposition gegen das nationalsozialistische Regime. [2] Beide Zeithistoriker hätten den Aufstand am 20. Juli 1944 als eine "Auflehnung gegen angemaßte Gewalt" gedeutet. Cornelißen schlug vor, beide Bücher als Stücke einer "Transformationshistoriografie" für die frühe Bundesrepublik zu lesen. In ihnen würde, zum einen ein positives Bild des Preußentums verteidigt gegen eine Kritik der Linken; zum anderen stifteten beide Bücher Anknüpfungsmöglichkeiten zum "Anderen Deutschland" der 1920er Jahre und sie bezögen, drittens, ihre besondere Authentizität aus den persönlichen Verfolgungsgeschichten der Verfasser. Cornelißen kritisierte allerdings, dass diese "Transformationshistoriografie" die methodisch-kritischen Maßstäbe der traditionellen Politikgeschichte unterlaufen habe. Prägend für beide Widerstands-Bücher sei stattdessen ihre geschichtspolitische Funktion gewesen, als "moralischer Brückenbauer" für die deutsche Nachkriegsgesellschaft gewirkt zu haben. Sowohl Rothfels wie auch Ritter hätten dabei in der Überzeugung geschrieben, seit dem späten 19. Jahrhundert dränge die technische Moderne zur "Reduktion des Menschlichen". Affirmativ hätten sich beide mit ihren Büchern dagegen gestellt. Rothfels wie Ritter, so beobachtete Cornelißen, stünden damit am Traditionsbeginn einer zeitgeschichtliche Gedankenfigur, die später auch das Aufkommen des Faschismus als eine "Reaktion auf die Krise der technischen Moderne" interpretieren würde.

In der Diskussion kam Ulrich Herbert auf die "befreiende Wirkung" zu sprechen, die einige deutsche Leser emphatisch bezeugten, nachdem sie die Bücher von Hans Rothfels und Gerhard Ritter über die Opposition gegen Hitler rezipiert hatten. Herbert kritisierte dabei, dass Cornelißen die Rezeptionsprozesse von Rothfels' Buch nicht ausreichend kontextualisiert habe. Er schlug vor, die Wirkungschancen des Rothfels'schen Buches 1947/48 darin zu sehen, dass das Buch, erstens, den Post-Nationalsozialisten in Deutschland eine Konfrontation mit Widerständlern anbot, welche nicht mehr als "Staatsfeinde" denunziert, sondern als hochbewertete Helden gewürdigt wurden; zweitens, dass das Buch in die Phase fiel, während derer die gerichtlichen Anwürfe der Alliierten in Nürnberg bekannt wurden, dass insbesondere auch die Intellektuellen im Deutschen Reich eine Verantwortung für die Vorbereitung und Durchführung des Holocaust trügen. Mit seiner Darstellung habe Rothfels' Buch einer Geschichtslegende die Bahn geebnet, derzufolge Deutschland "das erste von den Nationalsozialisten besetzte Land" gewesen sei. Hans Mommsen merkte überdies an, Rothfels habe die Quellen zu seinem Buch über die Opposition gegen Hitler durchaus restriktiv ausgewählt: der Kreisauer Kreis etwa sei keineswegs im Zentrum von Rothfels' Interesse gestanden, und die ihm zur Verfügung gestellten Dokumente der Gräfin Freya von Moltke habe Rothfels "in den Schrank" gestellt. [3] Auch der kommunistische Widerstand sei von Hans Rothfels übergangen worden, ebenso wie im Widerstandsbuch von Gerhard Ritter.

Thomas Etzemüller (Tübingen) hatte sich aus wissenschaftssoziologischer Perspektive die "Rothfels-Gruppe" und ihren "Denkstil" zur Untersuchung vorgenommen. Er stellte die These auf, dass der akademische Schülerkreis, der sich ab 1926 an der Universität in Königsberg um Rothfels scharte, als "Rothfels-Gruppe" bezeichnet werden könne. Aus Briefen, historiografischen Texten und Kontaktanalysen suchte Etzemüller, einen gemeinsamen "Denkstil" der Gruppe zu filtern. Ihr "gemeinsames Projekt" sei eine Antwortsuche auf die Trias folgender Fragen gewesen: Wie sichert man die Stabilität der Ostgrenze, wie sichert man das Völkergemisch und wie sichert man sich gegen die drohende Instabilität der Industriegesellschaft? Ebenso wie Jan Eckel, Christoph Cornelißen und Hermann Graml berief sich damit auch Thomas Etzemüller auf das Konzept der staatlichen "Krisis", um einen zentralen Eckstein des Rothfels'schen Geschichtsdenkens zu erfassen. Thomas Etzemüller machte darüber hinaus auf die wiederkehrenden "Narrative" aufmerksam, die sich in den historiografischen Arbeiten der "Rothfels-Gruppe" ausmachen ließen. Allen Darstellungen sei typischerweise eine Sequenz von Meta-Histories gemeinsam, die jeweils von einer gedachten "Ordnung" über deren "Bedrohung und Abwehr" hin zur "Synthese" schritten. Thomas Etzemüller schloss seine Analyse der "Rothfels-Gruppe" mit einer Liste von weiteren (meta-reflexiven) "Denkstil"-Merkmalen ab. Dazu zählten, erstens, eine gedachte Grenze zwischen einem Innen und einem Außen ("Deutsche Nation" vs. "Das Andere" im "Osten"), zweitens, die Vorstellung einer "Unordnung im Innern" (d.h., einer sozialer Revolution) und, drittens, das imaginäre "Reich" als mentale Landkarte und Metapher für die gedachte Integrität und Homogenität aller "Deutschen". Etzemüller deutete an, dass die "Rothfels-Gruppe" in diesem Sinne als ein "Denkkollektiv" begreifbar würde. Jedenfalls sollten die "Rothfelsianer" nicht nur als ein personelles Netzwerk aufgefasst werden, das berufliche Interessen durchzusetzen verstand.
Da Thomas Etzemüller eine beachtliche Zahl von Gruppenmitgliedern aufzählte, kritisierte Heinrich August Winkler provokant: "Wer gehört eigentlich nicht zur Rothfels-Gruppe?" Thomas Etzemüller gestand zu, dass die Abgrenzung der "Rothfels-Gruppe" nicht leicht zu bestimmen sei. Ihre Mitglieder seien unabhängig voneinander gewesen, teilweise seien die Loyalitäten "quer" verlaufen: es habe unter den "Rothfelsianern" auch eine "Conze-Gruppe" und eine "Schieder-Gruppe" gegeben. Die "Rothfels-Gruppe" sei jedenfalls ohne "Leitfisch" ausgekommen, hinter dem alle anderen nur hätten "hinterherschwimmen" müssen. Problematisch empfand die anschließende Diskussion die Frage, ob eine Gruppenzugehörigkeit allein aufgrund von wissenschaftssoziologisch eruierten "diskursiven Affinitäten" bestimmt werden kann oder ob nicht auch eine Selbst-Zuschreibung ihrer Mitglieder - trotz sachlich divergierender Anschauungen - den Ausschlag geben darf. Jan Eckel unterstützte Thomas Etzemüllers These von der Formierung einer "Rothfelsianer-Gruppe", verlegte deren Genese jedoch nicht bis in die Königsberger Zeit zurück. Ein echter "Schüler" von Rothfels in der Königsberger Zeit sei eigentlich nur Theodor Schieder gewesen. Jan Eckel hielt im übrigen einen gemeinsamen Habitus der "Rothfelsianer" nach dem Motto "Bildung und Leben" im Kontext der "Grenzlanderfahrungen" für kohärenzstiftender als einen gemeinsamen "Denkstil". Willi Oberkrome regte an, die habitusbedingt "vitalistische" Wissenschaftstheorie der Königsberger dahingehend zu untersuchen, inwieweit sich auch deren Ordnungskonzepte im "Denkstil" abbildeten. Ulrich Herbert begrüßte grundsätzlich den "Denkstil"-Ansatz. Die "Auflösung der Intellektuellenfigur als autonomer Denkgeschichte" halte er für eine methodische Herausforderung. Die Rothfels-Tagung sollte deswegen aufhören, die "moralische Ehrbarkeit von Historikern" zu thematisieren. Ohnehin sei ein "Verlust an Brisanz der Fragen" bemerkbar. Herbert machte damit deutlich, dass er die Fragen nach Verantwortlichkeit und Schuld in wissenschaftlicher Hinsicht für durchaus gravierende methodische Schwächen der Debatte hielt. An Etzemüllers Vortrag kritisierte Herbert, dass dem Referat relevante "Distinktionen zu anderen Denkstilen" gefehlt hätten.

Mathias Beer (Tübingen) verfolgte ebenfalls aus wissenschaftssoziologischer Sicht die Pfade der deutschen Zeitgeschichte aus der frühen Bundesrepublik zurück in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Mathias Beer stellte dabei die These auf, dass die "Zeitgeschichte" als wissenschaftliche Disziplin - nach Hans Rothfels' Definition aus dem Gründungsjahr der Vierteljahrshefte 1953 - zwar offiziell in der deutschen Öffentlichkeit als Beginn auftrat. Doch tatsächlich knüpfe die Rothfels'sche "Zeitgeschichte" personell wie sachlich an das historische Forschungsunternehmen der "Zentralstelle zur Erforschung der Kriegsursachen" von 1921 an sowie an Justus Hashagens programmatische Schrift "Das Studium der Zeitgeschichte" aus dem Jahr 1915. Mit den Historikern Helmut Krausnick, Hans Rothfels, Theodor Schieder und Paul Kluke umriss Mathias Beer auch eine "Kerngruppe der Kontinuität" zwischen der Berliner "Zentralstelle" der frühen 1920er Jahre und dem Münchener "Institut für Zeitgeschichte" in den frühen 1950er Jahren. Und in gleicher Weise sei in München auch eine auf ihren positivistischen Kern reduzierte Agenda fortgeschrieben worden, nämlich die "Sicherstellung und Edition von Quellen" aus der "Epoche der Mitlebenden" (Zitat Justus Hashagen). Mathias Beer argumentierte, dass Hans Rothfels 1953 die "Zeitgeschichte" im buchstäblichen Sinne als einen "Neuanfang", d.h. als einen zweiten Anfang begründen wollte. Ähnlich wie Jan Eckel zeichnete Mathias Beer damit ein Bild von Hans Rothfels als einem Intellektuellen, der die politischen Brüche mit einer Umdeutung fortgeführter Schemata überwand. Rothfels habe mit der bundesrepublikanischen "Zeitgeschichte" die Traditionsstränge einer bereits früher entworfenen "Zeitgeschichte" aus dem Ersten Weltkrieg und der Weimarer Republik aufgegriffen, das "praktische Rüstzeug" der sog. "Volksgeschichte" aus den Jahren der nationalsozialistischen Diktatur integriert und nach 1945 - unter dem Zwang des Schweigens - einen "Neuanfang" apostrophiert, mit dem eine tatsächlich alte "Zeitgeschichte" scheinbar neu erfunden wurde. In jedem Falle greife die bisher gängige Deutung zu kurz, die "Geburt der westdeutschen Zeitgeschichte" an der scheinbaren Zäsur von 1945 reagiere nur auf einen Bewältigungsbedarf für die nationalsozialistische Zeit. Dagegen wandte Horst Möller ein, dass die Initiativen für die Gründung des Instituts für Zeitgeschichte nach 1945 von der Politik ausgegangen seien, nicht aber von der Wissenschaft. Auch seien zahlreiche Historiker, die nicht in das personelle Geflecht um Rothfels gehörten, an der Institutsgründung beteiligt gewesen.

Hermann Graml (München) skizzierte den Einfluss, den Hans Rothfels auf Form und Inhalt der "Vierteljahrshefte" ausübte. Seit ihrer Gründung 1953 bis zum Ende seiner redigierenden Tätigkeit als Mitherausgeber 1976 habe Rothfels ein "gnadenloses editing" walten lassen, wie Graml wohlmeinend formulierte. Auch im Kleid ihrer sprachlichen Nüchternheit hätten die "Vierteljahrshefte" zu Rothfels gehört wie ein "Lehen". Allerdings: an der eigentlichen Aufgabe, die sich der "preußische Nationalist" selbst mit der Redaktion ‚seines' Fachjournals zur Geschichte des 20.Jahrhunderts gestellt habe, sei Rothfels letztlich gescheitert. Graml zog diese negative Bilanz vor dem Hintergrund seiner These, dass Rothfels' in den "Vierteljahrsheften" eine bestimmte "Mission" verfolgt habe: das Fachjournal habe als ein historiografisches Debattenforum für eine "ganzheitliche Sicht" der gesamten Epoche dienen sollen. Die neue Zeitgeschichte jedoch habe sich nicht anhand des Interpretaments moderieren lassen, das Rothfels favorisierte. Rothfels habe im 20. Jahrhundert eine "Periode der großen Krisen" (Krise des Nationalstaats, Krise der bürgerlichen Gesellschaft oder Krise des internationalen Staatensystems nach 1917) begreifbar machen wollen. In diesem Punkt näherte sich Hermann Gramls Ausführung der analytischen Aufbereitung, die Jan Eckel als das Rothfels'sche "Zyklus-Denken" zwischen Krisis und Restitution präsentiert hatte. Hermann Graml wandte sich dann gegen den Vorwurf von Nicolas Berg (Leipzig), das Institut für Zeitgeschichte habe es vermieden, den Holocaust als historischen Forschungsgegenstand zu behandeln. Nicolas Berg trage "eine Brille, die mit seinem Vorurteil verklebt" sei, wenn er die Tatsache verkenne, dass die "Vierteljahrshefte" in ihrer Rubrik "Dokumentationen" 1953 den "Augenzeugenbericht zu den Massenvergasungen" von Kurt Gerstein ediert und 1954 eine Rede Adolf Hitlers zum "Lebensraum"-Eroberungkrieg im Osten vom Sommer 1943 publiziert hätten. Das Institut habe außerdem 1955 einen Plan über die historische Dokumentation der Judenverfolgung skizziert sowie eine Idee über eine Ausstellung zur sog. Reichskristallnacht vorgestellt. Gegen diesen polemisch vorgetragenen Punkt wandte Ulrich Herbert ein, Nicolas Berg spiele auf der Tagung die unverdiente Rolle eines "stummen Gasts", der sich nicht wehren könne, wenn man auf ihn "einhaue". Ulrich Herbert bat darum, Nicolas Bergs These einer "gestörten Kommunikation" zwischen deutschen und jüdischen Holocaust-Historikern einer angemessenen Betrachtung zu unterziehen. Nicolas Berg habe zu zeigen versucht, dass es keinen Bezug zwischen den Erinnerungen der Opfer und der Arbeit der Geschichtszunft nach 1945 gegeben habe. Im Hinblick auf den Holocaust spreche Nicolas Berg von einer "Konkretionsverweigerung" der deutschen Zeitgeschichtsforschung. Hermann Graml blieb jedoch dabei, Nicolas Bergs Schlussfolgerung, "von den Lagern zu sprechen heiße, eine Politik des Hasses und der Rache fortzusetzen" [4] , dürfe nicht für ein "debunking" von Rothfels und seiner Richtlinienkompetenz in den "Vierteljahrsheften" verwendet werden. Denn die Auswahl der Themen in den "Vierteljahrsheften" habe bei den Autoren gelegen. Rothfels habe meist für jedes Heft nach qualifizierten Autoren suchen müssen, so dass sich in der Themenfindung der Hefte "Zufälligkeiten" (Zitat Hans Rothfels!) ergaben. Graml schloss seinen Vortrag in diesem Zusammenhang mit der Bemerkung, man habe "allen Grund", angesichts der Leistung von Rothfels "dankbar" zu sein.

Die Münchener Tagung hat nicht zu einem Konsens über einen ‚neuen Rothfels' geführt. Die ältere Generation hielt an ihrem bisherigen, wohlwollenden Bild des Remigranten Rothfels fest. Gewiss, man ging auf Distanz zu der anti-republikanischen, rechtskonservativen Haltung, wie sie die Tagung - nicht nur im Falle von Rothfels - mehrfach dokumentierte. Und man lieh den Bemühungen der jüngeren Generation um methodisch neue Deutungen ein interessiertes Ohr. Auch blieb die Kritik an deren Deutungen zwar scharf in der Sache, doch fair im Umgang. Aber wenn die Jüngeren in das bisherige Rothfelsbild Ambivalenzen einzeichneten, dann fassten die Älteren dies im Grunde als eine Respektlosigkeit auf. Beherrschend erscheint daher im Ergebnis der Tagung der Sicherheitsabstand, den man sowohl auf dem Abschlusspodium als auch im Auditorium wahrte gegenüber den offensichtlich ambivalenten Zügen im Lebensbild des Historikers Rothfels. Dass Rothfels ein Befürworter des diktatorischen Regimes und sein Opfer zugleich werden konnte, dass er nach Amerika kommend dort der Zunft weniger galt, als es einer Öffentlichkeit in Deutschland scheinen wollte, und dass er ohne eigenhändige geschichtswissenschaftliche Innovation eine neue Geschichtswissenschaft in der Bundesrepublik schuf - diese Ambivalenzen bleiben wohl unvereinbar für diejenigen, die Rothfels' charismatisches Antlitz als Symbolgestalt eines Remigranten kennen- und schätzengelernt hatten. Die weitere Forschung sollte die denkbaren Möglichkeiten für eine Synthese der verschiedenen Bilder von Hans Rothfels als auch die möglichen Denkblockaden dagegen thematisieren.


[1] Ullrich, Volker, Der Fall Rothfels. Der Streit um den berühmten Zeithistoriker und die Versäumnisse der Geschichtswissenschaft, in: DIE ZEIT Nr. 31 vom 24. Juli 2003, S. 38.

[2] Rothfels, Hans, Die deutsche Opposition gegen Hitler. Eine Würdigung, Krefeld 1949. Ritter, Gerhard, Carl Goerdeler und die Deutsche Widerstandsbewegung, Stuttgart 1954.

[3] Ger van Roon dagegen erwähnt in seinem Standardwerk über den "Kreisauer Kreis" wohlwollend die Verwendung von Materialien über den "Kreisauer Kreise" aus der Widerstandszeit durch Hans Rothfels, vgl. Roon, Ger van, Neuordnung im Widerstand. Der Kreisauer Kreis innerhalb der deutschen Widerstandsbewegung, München 1967, S. 10, Anm. 58-60.

[4] Berg, Nicolas, Der Holocaust und die westdeutschen Historiker. Erforschung und Erinnerung, Göttingen 2003, S. 164. Nicolas Bergs Formulierung nimmt eine zentrale Passage von Hans Rothfels über die vermeintlichen Versäumnisse bei den "Enthüllungen" der Alliierten über die Konzentrationslager auf, vgl. Rothfels, Hans, Die deutsche Opposition gegen Hitler, 2. Auflage (1951), S. 26.


 
 

Letzte Änderung: 13.09.2004, sh