Band 11 • 2008 | ISBN: 978-3-86004-224-3 | "Berichte vom Historikertag 2008" |
| Querschnittsberichte |  |
Alte Geschichte
Monika Schuol Besprochene Sektionen
"Das Leben der Hauptstädter. Spätantike Städte als Herrscherresidenzen"
"Manche sind gleicher. Institutionelle Stabilisierung von Ungleichheit von der Antike zur Moderne"
"Politisch-kulturelle Ungleichheiten im Spannungsverhältnis zwischen 'Orient' und 'Okzident' "
"Demokratie in der hellenistischen Polis?"
Zweifellos ist das Programm des 47. Deutschen Historikertags dominiert von zwei großen neuzeitlichen Themenfeldern, nämlich dem Nationalsozialismus und der DDR. Besondere Aufmerksamkeit wurde dem Bericht der Historikerkommission zur Ermittlung der Opferzahlen der Luftangriffe auf Dresden vom 13.-15. Februar 1945 gewidmet.
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Zudem wurde am zweiten Tagungstag (1. Oktober) die DFG-Wanderausstellung „Wissenschaft, Planung, Vertreibung – Der Generalplan Ost der Nationalsozialisten“ an ihrer letzten Station, an der TU Dresden, eröffnet. Dennoch waren auch die althistorischen Sektionen gut besucht und die Veranstaltungsräume häufig bis auf den letzten Platz besetzt oder sogar überfüllt.
Vorbemerkungen
Wie verträgt es eine Stadt, wenn sie unvermittelt Kaiserresidenz wird? Wie wird eine Spannungsbalance zwischen den beiden Polen „faktisch bestehende Ungleichheiten“ und „Forderungen nach Gleichheit“ institutionell stabilisiert? Wie gestalten sich Konzeptualisierung und Darstellung von Ungleichheiten im Umgang mit kulturellen Grenzen? Können hellenistische Poleis als Demokratien bezeichnet werden? Dies waren die Leitfragen der drei althistorischen Sektionen und einer epochenübergreifenden Sektion. Schon dieser Fragenkatalog lässt das breite Spektrum der hier präsentierten Themen erkennen.
Überblick über die Sektionen
Den Auftakt machte die Sektion „Das Leben der Hauptstädter. Spätantike Städte als Herrscherresidenzen“. Einer exemplarischen Betrachtung unterzogen wurden zunächst vier Städte (Antiochia, Mailand, Ravenna, Karthago), die in der Spätantike zeitweilig als Herrscherresidenzen dienten. Der Fokus der Beiträge richtete sich auf die Besonderheiten dieser Plätze vor und nach ihrer Residenzwerdung. Gefragt wurde nach den Veränderungen für die frischgebackenen Hauptstädter, eingenommen wurde also der Blickwinkel der Bevölkerung, nicht die Perspektive der Herrscher. RENE PFEILSCHIFTER (TU Dresden) arbeitete heraus, dass in Antiochia die Infrastruktur günstig gewesen sei für die Beherbergung des Kaisers, aber dessen ungeachtet sich für Julian Apostata als ein schwieriges Pflaster entpuppt habe; und es fand sich in der Stadt auch keine von allen Parteien gleichermaßen als Autorität akzeptierte Person (powerbroker) zur Vermittlung in dem Konflikt, denn es hätten sich praktisch keine Kontakte zwischen den Kaisern und den Antiochenern entwickelt. Die Besonderheiten von Mailand vor und nach der Etablierung der Kaiserresidenz skizzierte CLAUDIA TIERSCH (Universität Leipzig): Wenngleich hinter anderen Städten zurückstehend, sei Mailand eine wirtschaftlich bedeutende Stadt gewesen, die ebenso wie hochkarätige Gelehrte (Augustinus) auch in Luxus lebende Hofbedienstete und Verwaltungsangestellte zu ihren Bürgern zählen konnte. Die kuriale Oberschicht der Metropole sei jedoch konturlos geblieben und nicht in hohe Reichsämter aufgestiegen. Als einschneidendes Ereignis für Mailand müsse die Wahl des Ambrosius zum Bischof gewertet werden, denn Ambrosius habe die politische und kulturelle Identität seiner Residenz entscheidend geprägt, zur Integration des Kaiserhofes in die Stadt beigetragen und Mitgliedern der Mailänder Oberschicht zu Karrieren im Dienst des Kaisers verholfen. Völlig anders als in Antiochia gestaltete sich die Situation seit der Etablierung des kaiserlichen Hofes (402 n.Chr.) unter Kaiser Honorius in Ravenna, wie ANDREAS GOLTZ (Universität Bamberg) herausstellte: Die Stadtbevölkerung Ravennas einschließlich der Kurialen habe sich unabhängig von der kaiserlichen Präsenz in der Stadt entwickelt, ohne dass es zu Unruhen kam, denn die Einwohner seien seit langem die Präsenz von Militär gewohnt gewesen. Den größten Gewinn aus der Residenzwerdung Ravennas habe der dortige Bischof gezogen: Er habe als Berater und Vertreter des Kaisers fungiert, sei in den Genuss materieller Zuwendungen gekommen, und das ravennatische Bistum habe Mailand den Rang abgelaufen. Für Karthago vertrat KONRAD VÖSSING (Universität Bonn) die durchaus überzeugende These, dass sich vandalische und römische Eliten in Parallelgesellschaften aufhielten; dabei sei auf Seiten der Vandalen dem arianischen Glaubensbekenntnis eine zentrale Funktion in der Abgrenzung von der Romania zugekommen. Einen Ausblick in die frühislamische Zeit boten die Ausführungen von ISABEL TORAL-NIEHOFF (FU Berlin) zu der am Stadtbild deutlich ablesbaren „Orientalisierung“ von Damaskus: Bereits in der Spätantike seien das Straßennetz „verwildert“ und Sackgassen entstanden, öffentlicher Raum sei reduziert worden. Mit der islamischen Eroberung hätten die Araber ein funktionierendes urbanes Zentrum übernommen, die griechische Verwaltung habe weiterhin bestanden, die damaszenischen Christen hätten den Status von Schutzbefohlenen erhalten, die Kirche Johannes’ des Täufers sei im 8. Jahrhundert in eine Moschee umgewandelt worden.
Im Mittelpunkt der Diskussion standen zumeist Einzelprobleme, so etwa im Fall von Mailand Nachfragen zur Funktion der Heiden im Veränderungsprozess der Metropole, dem Zusammenhang von Hauptstadtfunktion und Literaturproduktion und zu baulichen Veränderungen infolge der Residenzwerdung. Meines Erachtens zeichnete sich diese Sektion aus durch eine besonders stimmige Konzeption und durch eine Fragestellung mit großem innovativen Potential. Die exemplarische Betrachtung von fünf Städten mit hohem Bekanntheitsgrad regt an zur Untersuchung weiterer Orte, die ebenfalls vorübergehend Hauptstadtfunktionen übernahmen, aber aufgrund einer eher disparaten Quellenlage und einer nicht ganz so spektakulären Entwicklung zumindest auf den ersten Blick als ein weniger attraktiver Forschungsgegenstand erscheinen mögen; zu nennen wären hier etwa Trier als Residenz der römischen Kaiser im Westen, Split mit dem Diokletianspalast oder Tolosa (Toulouse) als Hauptstadt des Tolosanischen Reiches.
In der epochenübergreifenden Sektion „Manche sind gleicher. Institutionelle Stabilisierung von Ungleichheit von der Antike zur Moderne“ präsentierten sich Mitglieder des Dresdner SFB 537 „Institutionalität und Geschichtlichkeit“. Über diese Sektion liegt bereits ein ausführlicher Bericht vor
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, daher möge hier ein kurzer Abriss genügen. Im Mittelpunkt des althistorischen Vortrags von MARTIN JEHNE (TU Dresden) stand der römische Senat als Verwalter der Privilegien und Wächter der dignitas: Mit der Zulassung von Ausnahmen von der Gleichhheit vor dem Gesetz für verdiente Persönlichkeiten bei gleichzeitiger Einschränkung der Freiheit (libertas) der Bürger gehe nicht nur eine Hierarchisierung im Senat selbst einher; vielmehr zeige die demonstrative Überhöhung der Senatoren steile hierarchische Unterschiede in der gesamten Gesellschaft auf, die von der Bevölkerung auch wahrgenommen und akzeptiert worden seien. Die Stabilisierung derartiger Spannungszustände wertete Martin Jehne als die größte Leistung der institutionellen Ordnung. Das Spannungsverhältnis zwischen Egalitätsanspruch und faktischer Ungleichheit stand auch im Zentrum der beiden Beiträge zur spätmittelalterlich-frühneuzeitlichen Ständegesellschaft von GERD SCHWERHOFF (TU Dresden) und zur vergleichenden Deutung der Sozialstrukturen in der DDR und der BRD von KARL-SIEGBERT REHBERG (TU Dresden). Themen waren die Erkennbarkeit sozialer Differenzierung (z.B. durch die Kleiderordnung), die Zementierung sozialer Ungleichheit (durch Ehrzuweisungen und Privilegien) im Widerspruch zur postulierten bürgerlichen Gleichheit vor Recht und Gesetz in der städtischen Gesellschaft und die in Ost und West gleichermaßen langfristig nicht erfüllten Konsumerwartungen eines Teils der Bevölkerung gegenüber der regelmäßigen und abgesicherten Teilhabe am Konsum anderer Teile der Gesellschaft als Ausdruck einer nicht überwundenen Klassendifferenzierung. Als Fazit dieser Sektion bleibt festzuhalten, dass das Spannungsverhältnis von Behauptung von Gleichheit und Bestreitung von Ungleichheit bestehen bleibt; Ungleichheiten werden durchaus offen zur Schau gestellt, in Ritualen choreographiert und inszeniert, aber auch durch institutionelle Mechanismen ausbalanciert.
Die Sektion „Politisch-kulturelle Ungleichheiten im Spannungsverhältnis zwischen ‚Orient‘ und ‚Okzident‘“ widmete sich den Ungleichheitswahrnehmungen zwischen den Hochkulturen Vorderasiens einschließlich Ägyptens auf der einen Seite und Griechenland und Rom auf der anderen Seite. Auch hier wird lediglich ein summarischer Abriss gegeben, da der Bericht zu dieser Sektion bereits vorliegt.
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Thematisiert wurde das Verhältnis zwischen Vorderasien und Rom und dem gräko-ägyptischen Herrscherkult. Die wiederholten militärischen Konfrontationen und die in diesem Kontext erfolgten Begegnungen von kulturell höchst unterschiedlich geprägten politischen Gebilden wurden am Beispiel Persiens und Roms sowohl aus der Sicht der östlichen Kontrahenten als auch aus der Perspektive Roms betrachtet (JOSEF WIESEHÖFER (Universität Kiel) und ROLF SCHNEIDER (LMU München)): Darstellungen der besiegten Römer und in sāsānidische Gefangenschaft geratener römischer Kaiser in literarischen und ikonographischen Zeugnissen persischer Provenienz hätten dem spezifisch römischen Umgang mit kultureller Ungleichheit durch das Medium der Bilder (z.B. Überführung des Kultes der Kybele als Magna Mater auf den Palatin, Ikonographie des schönen Orientalen, Aufstellung von Obelisken in Rom) gegenüber gestanden. Die Harmonisierung und Konstituierung politischer Ungleichheiten im ptolemäischen Ägypten durch die Etablierung eines Herrscher- und Dynastiekultes erörterten GREGOR WEBER (Universität Augsburg), SITTA VON REDEN (Universität Münster) und STEFAN PFEIFFER (Universität Mannheim): In einer Phase des Experimentierens mit theologischen Konzeptionen und deren Umsetzung in die kultische Praxis sei ein letztendlich eigenständiger Dynastiekult der Ptolemäer mit Anbindung an die griechisch-makedonische Herrscherverehrung und an ägyptische Tradition entwickelt worden. Die Einbeziehung der lokalen Bevölkerung habe man durch Beteiligung an mehrtägigen öffentlichen Festen erreicht (vgl. Dekret von Rosette). Dabei hätten die neuen politischen Oberherren Ägyptens das Ziel verfolgt, religiöse Ungleichheit aufzuheben und die Fremdheit des Fremdherrschers zu überwinden; die Träger dieser Entwicklung seien einflussreiche Kreise der Priesterschaft gewesen. Jenseits einiger in der Diskussion schnell geklärter Sachfragen blieb allerdings offen, ob nicht mit der Ausdehnung griechisch-römischer Herrschaft und Kultur auf Ägypten Ungleichheit überhaupt erst entstanden ist.
Die letzte althistorische Sektion („Demokratie in der hellenistischen Polis?“) des Historikertages 2008 nahm den Charakter der hellenistischen Städte in den Blick. Im Mittelpunkt stand die Forschungskontroverse, ob die hellenistischen Poleis als Demokratien bezeichnet werden können; und damit verbunden war eine kritische Auseinandersetzung mit Jochen Bleickens scharfer Abgrenzung des Hellenismus von der klassischen Demokratie. Dem Beitrag von CHRISTIAN MANN (Universität Frankfurt am Main) lagen zwei jüngst erschienene Monographien zur Demokratie im Hellenismus zugrunde
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: Volker Grieb betrachtet schwerpunktmäßig die Bürgerschaft und die Polis-Institutionen und schlussfolgert, dass das Ende der Klassik nicht das Ende der Demokratie bedeutet hätte; vielmehr habe eine Oligarchisierung erst Mitte des 2. Jahrhunderts v.Chr. als Folge der freilich unausweichlichen Anlehnung an Rom stattgefunden. In den hellenistischen Poleis seien einflussreiche Bürger, von deren Beziehungen die Polis profitierte, sehr viel stärker honoriert worden, als dies in Athen der Fall gewesen sei, wo herausragende Persönlichkeiten wie Themistokles ostrakisiert worden seien. Die hellenistische Polis hätte also eine größere Stabilität in der politischen Führungsschicht gewährleistet als das klassische Athen. Die Gleichheit und Ungleichheit in den griechischen Städten der hellenistischen Zeit wurde von PATRICE HAMON (Universität Rouen) konkret herausgearbeitet am Beispiel von Smyrna und dem dortigen epigraphischen Befund, der im Späthellenismus eine Ausdehnung von koinonia und isotes auf die gesamte Gesellschaft dokumentiert habe, also ein Verschwimmen von Statusgrenzen und eine Entpolitisierung der Begriffe erkennen lasse. Das Gerichtswesen als möglichen Hinweis auf die demokratische Ordnung der hellenistischen Poleis nahm ANDREAS VICTOR WALSER (Deutsches Archäologisches Institut München) unter die Lupe und gelangte zu dem Fazit, dass die Entwicklung der Rechtsprechung für eine schrittweise Oligarchisierung spreche: Entgegen der Idealvorstellung von großen Gerichtshöfen und aus dem Volk gelosten Richtern als wesentliche Merkmale eines demokratischen Gemeinwesens der klassischen Zeit sei bereits mit der Entsendung von Fremdenrichtern das Losverfahren außer Kraft gesetzt worden; und in einem weiteren Schritt hätte man richterliche Fähigkeiten nur noch den Reichsten zugestanden. Gestützt u.a. auf Polybios, die Stoa und die Epikureer untersuchte PETER SCHOLZ (Universität Stuttgart) die Bedeutung von demokratia im Hellenismus als traditions- und gesetzesgebundene Herrschaft der gesamten Menge in Abgrenzung zur Pöbelherrschaft (Polybios) und die Idealvorstellungen von politischer Betätigung zum Wohl des Staates sowie das Verhältnis von Volk und politischen Eliten. In seinem Resumée zu dieser Sektion sprach MARTIN ZIMMERMANN (LMU München) (in Vertretung für Hans-Ulrich Wiemer) nochmals die wichtigsten Charakteristika der institutionellen Ordnung der hellenistischen Poleis an, z.B. die Verpflichtung der Eliten zur Legitimierung, die Neudefinition der Bürgergemeinden, das Funktionieren von Institutionen sowie die architektonische Ausprägung und die Veränderung der Demokratie als verschiedene Aspekte ein und derselben Entwicklung. Als dringendes Desiderat künftiger althistorischer Forschung bezeichnete er die Beschäftigung mit der hellenistischen Epigraphik.
Gibt es neue Forschungstendenzen in der Alten Geschichte?
Der Historikertag ist mit durchschnittlich 3.000 Teilnehmern der größte geisteswissenschaftliche Fachkongress Europas. Mehr als an kleinere, nur von einer begrenzten Anzahl von Wissenschaftler/innen besuchte Tagungen zu Spezialthemen wird deshalb an den Historikertag die Erwartung herangetragen, neuere Forschungsprojekte aus verschiedenen Bereichen des Faches kennen zu lernen. Bezweifeln möchte ich aber, ob tatsächlich eine größere Anzahl von Historikertagsbesucher/innen darauf gehofft hat, aus erster Hand über neue Themen, Fragestellungen, Methoden und Theorieansätze im eigenen Fach informiert zu werden, die tatsächlich das Prädikat „aktuelle Forschungstrends“ für sich in Anspruch nehmen könnten.
So lässt der Überblick über die Sektionen zwar das Fazit zu, dass die meisten Beiträgerinnen und Beiträger durchaus interessante Einzelaspekte im Hinblick auf das Schwerpunktthema „Ungleichheiten“ beleuchteten. Sie schöpften aber insgesamt aus ihren bereits veröffentlichten Forschungsarbeiten und traten gar nicht mit dem Anspruch an, die althistorische Forschung zu revolutionieren. Geboten wurde anstatt dessen ein breites Themenspektrum, das vom klassischen Griechenland bis in die Spätantike reichte. Selbst wenn man neben den einzelnen Sektionen auch die mit dem Hedwig-Hintze-Preis ausgezeichnete Dissertation von Andreas Victor Walser
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berücksichtigt, zeichneten sich auf dem diesjährigen Historikertag keine neuen Trends in der Alten Geschichte ab: Auch wenn vielleicht manch’ eine Erwartung nicht erfüllt worden sein mag, hat gerade diese große Bandbreite althistorischer Forschung auch etwas Beruhigendes – würde doch die Ausrufung eines neuen Trends eine Einschränkung der bisherigen Vielfalt bedeuten und insbesondere die Nachwuchswissenschaftler/innen in eine bestimmte, ihnen aufoktroyierte Richtung drängen. Generell sollten meines Erachtens aber nicht die Präsenz oder das Fehlen bestimmter Themen im Programm eines Historikertages als einziges Indiz für neue Forschungstendenzen angesehen werden: Der Personenkreis der Bewerber/innen ist nicht zwangsläufig repräsentativ für das ganze Fach, und schon aus organisatorischen Gründen kann auch nur ein Teil der beantragten Sektionen tatsächlich ins Programm aufgenommen werden. So ist zwar ein neuer Trend auf einer ganz anderen Ebene oder besser gesagt: die stärkere Ausprägung einer bereits auf früheren Historikertagen hervortretenden Tendenz festzustellen, nämlich das zunehmende Engagement von Nachwuchswissenschaftler/innen mit der Organisation mehrerer Sektionen und der Präsentation eigener Beiträge. Ein aktueller Forschungstrend zeichnete sich aber auch in diesen Sektionen nicht ab. Um neue Trends aufzuspüren, müsste über die auf dem Historikertag präsentierten Beiträge hinaus die Gesamtheit der althistorischen Publikationen und der laufenden Forschungsprojekte ausgewertet werden, was dann auch eher zu einem realistischen Bild von langsamen Veränderungen führen würde anstatt kurze Zyklen von allenfalls zwei Jahren zu suggerieren.
[1] Holger Starke, Tagungsbericht Dresden und die unbekannten Toten. 30.09.2008-03.10.2008, Dresden. In: H-Soz-u-Kult, 04.12.2008, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=2403> (20.12.2008).
[2] Jörg Sonntag, Tagungsbericht Institutionelle Stabilisierung von Ungleichheit. Historische Fallstudien von der Antike bis zur Neuzeit. 30.09.2008-03.10.2008, Dresden. In: H-Soz-u-Kult, 06.11.2008, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=2337> (20.12.2008).
[3] Astrid Möller, Tagungsbericht Politisch-kulturelle Ungleichheiten im Spannungsverhältnis zwischen »Orient« und »Okzident«. 30.09.2008-03.10.2008, Dresden. In: H-Soz-u-Kult, 06.11.2008, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=2336> (20.12.2008).
[4] Susanne Carlsson, Hellenistic Democracies. Freedom, Independence and Political Procedure in Some East Greek City-States, Uppsala 2005; Volker Grieb, Hellenistische Demokratie. Politische Organisation und Struktur in freien griechischen Poleis nach Alexander dem Großen, Stuttgart 2008.
[5] Andreas Victor Walser, Bauern und Zinsnehmer. Politik, Recht und Wirtschaft im frühhellenistischen Ephesos (= Vestigia 59), München 2008.
Geschichtsdidaktik
Urte Kocka Besprochene Sektionen
"Kompetenzorientierung im Geschichtsunterricht"
"Nachhaltiger Geschichtsunterricht in der Sek. I und II"
"Historische Erinnerung im Zeitalter des Internets – Ungleichheit als Methodenproblem"
"Geschichtsvermittlung durch Landes- und Regionalgeschichte. Ein deutsch-tschechischer Vergleich"
Der Historikertag fand vom 30. September bis zum 3. Oktober 2008 an der TU Dresden statt. Veranstalter waren der „Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands“ und der „Verband der Geschichtslehrer Deutschlands“. Das Schwerpunktthema lautete „Ungleichheiten“. Unter diesem systematischen Gesichtspunkt konnte ein weites Themenfeld zur Diskussion gestellt werden. Die Sektionen waren nicht wie auf vergangenen Historikertagen nach der historischen Epochenchronologie zusammengestellt, sondern stellten unter dem Leitthema „Ungleichheiten“ konkrete Themen aus allen Forschungsgebieten und Epochen der Geschichtswissenschaft zur Diskussion, z. B. aus der Wirtschafts-, Politik-, Gender-, Sozial-, Kulturgeschichte und der Geschichtsdidaktik. Vom geschichtsdidaktischen Blickwinkel ist das Tagungskonzept sehr zu begrüßen, nimmt es doch eine aktuelle Gegenwartsproblematik als Ausgangspunkt geschichtswissenschaftlicher Untersuchungen.
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Die Wahl des Schwerpunktthemas wurde auch in den Reden zur Eröffnung des Historikertages aufgrund seiner Aktualität mehrfach gutgeheißen. So bedankte sich der Bundespräsident bei der Geschichtswissenschaft, dass sie gegenwärtige Fragen zugrunde lege, um damit für Gegenwart und Zukunft aus der Vergangenheit Antworten zu suchen und ermutigte, mit diesen Forschungen zum Besten der gegenwärtigen Gesellschaft fortzufahren.
Auch der Vorsitzende des Verbandes der Geschichtslehrer Deutschlands, Peter Lautzas, hob die Bedeutung des Geschichtsunterrichtes für die Gegenwart hervor und bemängelte in diesem Zusammenhang die vielfach fehlenden Kenntnisse der Lernenden gerade auch zur deutsch-deutschen Geschichte nach 1945. Diese Kenntnisse seien deshalb besonders wichtig, weil aus ihnen über Diktatur und Demokratie in aufklärerischer Absicht gelernt werden könne. Der aufklärerische Aspekt im Geschichtsunterricht sei immer wieder neu zu erarbeiten. Nur so sei die gesamte Geschichte für die Gegenwart zu nutzen. Dank dieser Begründungen konnte Lautzas dann auch sagen, das Unterrichtsfach Geschichte stehe in den Kultusministerien der Länder gut da und könne bei der „nationalen Aufgabe“ helfen, mehr Bildung zu schaffen. Die Geschichtswissenschaft müsse sich aber umso mehr um die inhaltliche Ausgestaltung des Faches Gedanken machen und sich um die Erstellung eines Kerncurriculums bemühen.
Eine Besonderheit des Historikertages in Dresden ergab sich aus der Tatsache, dass Tschechien als Nachbarland Sachsens auch als Partnerregion angesehen wird und damit Sektionen mit Themen zur tschechischen Geschichte und zu deutsch-tschechischen Beziehungen ins Programm aufgenommen wurden. Für die Geschichtsdidaktik ergab sich damit auch eine Diskussion über Regional- und Beziehungsgeschichte.
Von etwa 60 Sektionen auf dem Historikertag gab es sieben als eindeutig geschichtsdidaktisch ausgewiesene, also knapp 10 Prozent. Von diesem Zahlenverhältnis angeregt könnte der Frage nachgegangen werden, wie viele Teilnehmer und Teilnehmerinnen aus der Schulpraxis oder dem Schulfachstudium kamen. Damit soll nicht gesagt sein, dass dieser Teilnehmerkreis sich auf geschichtsdidaktische Veranstaltungen konzentrieren müsste, im Gegenteil: Der Historikertag ist eine gute Gelegenheit, sich Forschungsergebnisse aus den unterschiedlichsten Themenkomplexen vermitteln zu lassen. Zu beobachten war aber, dass zumindest zwei geschichtsdidaktische Sektionen in nicht gerade kleinen Hörsälen überfüllt waren, die Teilnehmenden auf dem Boden oder den Fensterbrettern saßen oder überhaupt standen.
Versucht man einen Gesamtüberblick über die geschichtsdidaktischen Sektionen, so soll erstens eine Einordnung der Sektionsthemen in den augenblicklichen Diskussions- und Arbeitsstand der Geschichtsdidaktik an den Hochschulen erfolgen und zweitens das Leitthema „Ungleichheiten“ im geschichtsdidaktischen Kontext gefunden werden. An dritter Stelle folgt eine Vorstellung einzelner Sektionen.
In der fachdidaktischen Diskussion wird das Thema der Kompetenzorientierung als besonders aktuell behandelt. Im Zusammenhang mit dieser Thematik wird viel empirische Forschung betrieben, um Geschichtsunterricht auf seine Nachhaltigkeit hin zu untersuchen. Erforscht werden unter anderem außerschulisch gewonnene Begrifflichkeit, der Einsatz von unterschiedlichen Lehr-/Lernmethoden im Unterricht und der Grad von reflektiertem Geschichtsbewusstsein. Mottoartig heißt es: Geschichtsunterricht soll als Denkfach und nicht in erster Linie als Lernfach vermittelt werden. Diesen geschichtsdidaktischen Vorgaben entsprachen thematisch die beiden ersten oben angegebenen Sektionen.
Zugleich aber passten alle vier Sektionen in die Vorgaben des Leitthemas „Ungleichheiten“. Empirische Forschung richtet ihr Augenmerk nicht nur auf sozial und ethnisch unterschiedliche Herkunft der Lernenden. Hierzu gab es eine eigene Sektion von Béatrice Ziegler.
Empirische Lehr-/Lernforschung untersucht auch die ungleich vorhandenen Voraussetzungen und Fähigkeiten zur Kompetenzorientierung, zum selbstständigen Lernen, zur Reflexion, zur Methodenanwendung, zur Begrifflichkeit.
Eine weitere, heutzutage gravierende Ungleichheit im Geschichtsunterricht ergibt sich aus der in unterschiedlichem Maße vorhandenen Medienkompetenz. Dabei geht es nicht nur um technisches Know-how im Umgang mit dem Internet, sondern auch um das selbstständige und kritische Hinterfragen der Mediendarstellungen geschichtlicher Themen im Internet, im Fernsehen, auch in Museen. Mit diesem Themenkomplex beschäftigten sich die schon erwähnten Sektionen von Thomas Lange und Klaus Fieberg, aber darüber hinaus auch die Sektion von Hans-Ulrich Thamer „Militärgeschichte ausstellen.“ Eine besondere Art von „Ungleichheit“ wurde in der Sektion von Manfred Treml und Rolf Brütting angesprochen, da es nicht nur um Regionalgeschichte allgemein ging, sondern konkret um eine deutsch-tschechische Beziehungsgeschichte.
In der Sektion „Kompetenzorientierung im Geschichtsunterricht“ von Roland Wolf ging es allen Vortragenden darum Wege aufzuzeigen, wie Geschichtsunterricht effektiver und nachhaltiger zu gestalten sei. ROLAND WOLF (Tübingen) zeichnete klar die Entwicklung des Begriffs der Kompetenzorientierung in der Geschichtsdidaktik nach. Die heute vertretenen Theorien, von denen er besonders die von Andreas Körber, Michael Sauer und Peter Gautschi hervorhob
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, hätten Vorläufertheorien. Schon in der Curriculumdebatte der 1960er- und 1970er-Jahre sei die Kompetenzdebatte eingeschlossen gewesen, auch in dem Ansatz des problemorientierten Unterrichtes von Uwe Uffelmann
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und im Konzept des entdeckenden Lernens von Günther Schmid
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. Bei der Kompetenzorientierung legten alle Befürworter fachspezifische Strukturmerkmale des historischen Lernens zugrunde. Diese seien: Konstruktion und Rekonstruktion, Betonung von Quellenarbeit, Ernstnehmen von Alterität und Partikularität, Selektivität durch Gegenwartsbezug. Für die aktuelle Praxis des Geschichtsunterrichtes müsse das theoretische Modell anwendbar gemacht werden. Dies bewirke im positiven Sinn, dass Geschichtsunterricht zum Denkfach werde, die Lernenden im selbstständigen Erarbeiten eine neue Unterrichtsqualität erleben würden, die sie mündig mache für den Umgang mit der Geschichtskultur und mit ihrer Lebenswelt. Dadurch sei eine höhere Akzeptanz von Geschichtsunterricht in der Schule zu erwarten. Für die Lehrenden ergebe sich eine Grundlage zur Unterrichtsplanung, die sich bei allen Curricula und Inhalten anwenden lasse, das Fach Geschichte erfahre eine gute Profilierung im Fächerkanon und es bedürfe nur eines Anstoßes zur Erprobung und Umsetzung der Theorie.
ANDREA KIMMI (Eberhard Karls Universtität Tübingen) zeigte sehr überzeugend, wie ein Kompetenzorientierungsmodell bereits im Anfangsgeschichtsunterricht in der 5. oder 6. Klasse funktionieren kann. Am Beispiel des steinzeitlichen Jagens auf einer bildlichen Darstellung aus heutiger Zeit konnten die Lernenden durch Gegenüberstellung mit Quellen (haptische, ikonische von Felsmalereien) feststellen, was auf der bildlichen Darstellung stimmen könne, was nicht. Die Unterschiede von Darstellung und Quelle, von Vergangenheit und Gegenwart können so bewusst gemacht werden. Reflektiertes Geschichtsbewusstsein kann entstehen. Den Lernenden (6. Klasse Gymnasium) soll die Arbeit Spaß gemacht haben, und es wurde der Schluss aus der Erfahrung mit diesem Unterrichtsmodell gezogen, man möge nicht nur frühzeitig mit dem Geschichtsunterricht beginnen, sondern dabei von Geschichtsbildern und dem Konstruktcharakter von Geschichte ausgehen. Man möge nicht einfach einen „fertigen Inhalt“ vorsetzen, den die Lernenden aus den angebotenen Materialien „herausholen“ mit der Botschaft: so war es! Diese Empfehlung möge auch den Schulgeschichtsbuchmachern zu Ohren kommen.
In einem weiteren Beitrag zu nachhaltigem und kompetenzorientiertem Lernen wurde die Fragekompetenz als grundlegend genannt. Zur Herkunft von Fragehorizonten und Fragequalifikationen, auch über außerschulisch gewonnene Begrifflichkeit, werde in den Niederlanden empirisch geforscht, so in einem Beitrag von ALBERT LOGTENBERG (Amsterdam) in Vertretung von DAPHNE VON MANEN (Amsterdam).
Zwei weitere Vorträge stellten Kompetenzorientierung und nachhaltiges Lernen in den Kontext der Lernpsychologie. CLAUDIA STUHRMANN (Stuttgart) machte für die Tatsache, dass Schüler und Schülerinnen so wenig über Geschichte wissen, das ‚Pauken‘ verantwortlich, ein rein additives und nicht kumulatives Lernen. Nur kumulatives Lernen könne Kompetenzen aufbauen, in Stufen und in längeren Phasen. So funktioniere auch das Memorieren. Lernzuwachs könne bei einem solchen Vorgehen auch evaluiert werden.
Über nachhaltiges Lernen in einem kumulativen Verfahren sprach auch ANDREAS GRIESSINGER (Konstanz). Er betonte, dass historische Sachkompetenz nur dann erreicht werde, wenn Begriffe mit ihrem Bedeutungsumfeld gedacht und verstanden würden. Geschichtliche Grundbegriffe seien als Leitkategorien zu verstehen, mit deren Hilfe Begriffshierarchien gebildet werden könnten, um zu generalisieren, einzuordnen und zu vernetzen. Nachhaltiges Lernen bedürfe der Wiederholung, der Leitkategorisierung und der Vernetzung.
So notwendig und wichtig die Debatte über Kompetenzorientierung und nachhaltiges Lernen auch ist, so klar wurde auch, dass eine Umsetzung der Theorie in die Praxis nicht gelingen kann, wenn nicht unterrichtspraktische Beispiele gegeben werden. Das zeigte auch die anschließende Diskussion. Deshalb war der Beitrag von Andrea Kimmi besonders erhellend und hilfreich. In ihrem Fall ging es um Analyse-, Deutungs- und Reflexionskompetenz, die in jedem Schulalter, an jedem Inhalt geübt werden können. Damit kann Geschichtsunterricht in der Tat spannender und attraktiver werden.
Die Thematik der Kompetenzorientierung und die Betonung des Unterrichtsfaches Geschichte als Denkfach waren auch präsent in der Sektion „Nachhaltiger Geschichtsunterricht in der Sekundarstufe I und II: Vorschläge für neue Kerncurricula“ von Martin Stupperich.
Die Förderung von Nachhaltigkeit des Geschichtsunterrichtes sei nur zu erreichen, wenn Themen und Inhalte zu einem vernetzten Denken führten. Der Verein der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD) hat einen Arbeitskreis eingerichtet, der sich mit Bildungsstandards im Fach Geschichte befasst. Die zum Teil vorliegenden Vorschläge müssten überarbeitet werden in Richtung Deutungs- und Reflexionskompetenz, ohne die nicht problemlösend gedacht werden könne. Der Erwerb von inhaltlichen Kenntnissen müsse angemessen sein, die Inhalte nicht beliebig. Voraussetzung dafür solle ein Referenzrahmen sein, z. B. ein Epochenschema, für die Sekundarstufe I auch das chronologische Prinzip. Eine Lernprogression sei zu erreichen, wenn Inhalte in neue Zusammenhänge eingebettet würden (so Martin Stupperich aus Hannover).
Ähnlich argumentierte SUSANNE POPP (Universität Augsburg), die relevantes Grundwissen forderte, allein schon um einer Allgemeinbildung willen, doch müsse dieses Grundwissen in ein Orientierungswissen integriert sein, das epochenspezifisch gedacht und hierarchisch aufgebaut, aber nicht additiv sein dürfe.
Diese Überlegungen wurden von ARIE WILSCHUT (Educatieve Faculteit Amsterdam) konkretisiert und in einen schulpolitischen Rahmen gestellt. In den Niederlanden wurde ein Curriculum für den Geschichtsunterricht erarbeitet, welches einen Referenzrahmen für historische Themen vorgeschlägt.
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Dabei wird die Geschichte in 10 Epochen untergliedert, die in mehreren Durchgängen im Geschichtsunterricht behandelt werden sollen. Jede Epoche ist mit kennzeichnenden Merkmalen versehen, die allein für den Unterricht als verbindlich gelten sollen. Themen und Inhalte können gewählt werden. So heißt die erste Epoche „Zeit der Jäger und Bauern/Prähistorie“, die neunte Epoche „Zeit der Weltkriege/1.Hälfte des 20. Jahrhunderts“, die zehnte Epoche „Zeit des Fernsehers und des Computers/2. Hälfte des 20. Jahrhunderts“. Wenn unter diesen Prämissen unterrichtet werde, dann sei es möglich vernetztes Denken zu fördern; die Geschichte bleibe offen, denn Ideen, Werte, Anschauungen seien relativ in der Zeit; Alternativen zu denken sei möglich, und damit würden die Lernenden zu historischem Denken und zur Reflexion gelangen. Dieses Konzept des „Referenzrahmens“ habe in den Niederlanden gegen das Konzept eines nationalen Geschichtskanons gestanden, der sich auf nationaler Ebene mit konkret festgelegten und verbindlich zu unterrichtenden Ereignissen, Namen und Daten durchgesetzt habe. Die Forderung nach einem nationalen Geschichtskanon sei begründet worden mit dem Ziel, die niederländische Identität zu stärken.
Die Debatte geht einerseits um offene Geschichtscurricula mit systematisierenden Gesichtspunkten, unter denen verschiedenartige, nicht festgelegte Themen und Ereignisse behandelt werden. Andererseits wird für Geschichtscurricula mit einem verbindlichen Wissenskanon plädiert. Die Diskussion steht noch am Anfang, sei bisher nur „angedacht“, so Susanne Popp. Sie dürfe nicht im Sinne eines Entweder-Oder geführt werden. Eine Verknüpfung sei wünschenswert, bei der neue Inhalte dank eines Orientierungsrahmens eingeordnet und gelernt würden. Ein pures Paukwissen erreiche dieses Ziel nicht.
Die Frage bleibt, ob nicht nachhaltiges Geschichtswissen nur durch ein relativ offenes Curriculum mit Referenz- oder Orientierungsrahmen erreicht werden kann, da Nachhaltigkeit die Gegenwartsorientierung braucht, die sich in neuen Themen und Inhalten, auch globaler Art, in neuen Wertungen und Perspektiven äußert. Sicherlich darf unter diesen Bedingungen ein Kerncurriculum nicht nur aus einem nationalen Wissenskanon bestehen.
In der Sektion von Thomas Lange aus Darmstadt und Clemens Rehm aus Karlsruhe „Historische Erinnerung im Zeitalter des Internets – Ungleichheit als Methodenproblem“ ging es vor allem um Medienkompetenz, doch auch um Ungleichheit im zweifachen Sinn: um das technische Know-how für eine verlässliche Informationsbeschaffung und um Ungleichheit der Erinnerung, so Thomas Lange in einer Einleitung zur Sektion.
Mit prinzipiellen Überlegungen zum Begriff der Erinnerung eröffnete MARTIN SABROW (Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam) die Podiumsrunde. Erinnerung sei eine „Pathosformel der Gegenwart“. Erinnerung habe eine eigene Geschichte seit der Antike, aber auch das Vergessen. Heutzutage werde beides nicht mehr nur als individueller Faktor interpretiert, man spreche vielmehr vom „kollektiven Gedächtnis“. Nicht-Erinnern werde mit Verschweigen gleichgesetzt, und es gebe einen Kampf gegen das Vergessen. Aus Erinnerung könne aber nur dann Geschichte werden, wenn man sich ein Stück aus der Erinnerungskultur löse, sie wissenschaftlich-methodisch bearbeite und kritisch kontrolliere. Von Ungleichheit der Erinnerung wurde gesprochen, weil es einerseits die kritisch hinterfragte und bearbeitete Erinnerung gibt, andererseits die im medialen Kontext unkritisch benutzte und damit auch zu missbrauchende.
Für die „Aufbewahrung von historischer Erinnerung“ seien die Archive zuständig. Sie seien nach wie vor mit ihren Materialien und Sammlungen die „Rüstkammern für Aufklärung“, die „Werkzeuge der Demokratie“, so CLEMENS REHM (Landesarchiv Baden-Württemberg) in seinem Beitrag „Archive – Agenten der Erinnerung“. Heutzutage seien aber viele Medien – Fernsehen, Radio, Film und Internet – an der Vermarktung unterschiedlichster Quellen interessiert, ohne auf deren Kontext zu achten. Dadurch würden Quellen zur „Hehlerware“.
Diesen Prozess zu stoppen, forderte VADIM OSWALT (Justus-Liebig-Universität Gießen) in seinem Beitrag „Quellenkritik im Zeitalter des Internet“. Nur mit Medienkompetenz, besonders mit Quellenkritik, könne die Leichtgläubigkeit gegenüber dem Internet und anderen Medien bekämpft werden. Gerade das Internet müsse mit gründlichen und kritischen Analysen der Geschichtswissenschaft konfrontiert und kontrolliert werden.
Zu fordern sei, so JOACHIM PIEPER (Hauptstaatsarchiv Düsseldorf), das auch Schüler und Schülerinnen ins Archiv gehen, um dort zu arbeiten. Es solle als Unterrichtsort ernst genommen werden, um an Ort und Stelle Kritikfähigkeit durch Medienkompetenz zu erwerben. Noch gebe es in Deutschland viel zu wenig Archivpädagogen im Unterschied zu Frankreich, was in einem Beitrag von ARIANE JAMES-SARAZIN (Musée de l'histoire de France, Archives Nationales Paris) eindrücklich vorgestellt wurde.
In der Diskussion wurde große Zustimmung zu allen Forderungen signalisiert. Es bleibt aber die Skepsis, ob die vorhandenen Hilfen zum Erwerb von Medienkompetenz angenommen werden und auch ausreichen.
An das Kongressthema “Partnerregion Tschechien“ knüpfte die geschichtsdidaktische Sektion von Manfred Treml aus München und Rolf Brütting mit dem Titel „Geschichtsvermittlung durch Landes- und Regionalgeschichte. Ein deutsch-tschechischer Vergleich“ an.
BERND SCHÖNEMANN (Universität Münster) leistete einen geschichtsdidaktischen Beitrag mit dem Titel „Regionalgeschichtlich akzentuiertes geschichtliches Lernen. Eine Bestandsaufnahme in systematisierender Absicht“. Für Regionalgeschichte gelte, dass Räume nicht im geographischen Sinn zu verstehen seien, vielmehr als politik- und sozialhistorische Konstrukte. Sie seien funktional definiert, als Konstrukte verschiedenster Art, vor allem auch translokal. Das Ziel von Regionalgeschichte sei es nicht, Identität zu schaffen, sondern Heterogenität, Konflikte und Konkurrenzen zu thematisieren.
Regionalgeschichtliche Themen könnten mit Projektunterricht vermittelt werden, an außerschulischen Lernorten beispielsweise, so dass auch geschichtskulturelle Erfahrungen einbezogen würden. Alternativ zur „Geschichte des kleinen Raumes“ müsse auf Beziehungsgeschichte Wert gelegt werden und auf die Erkundung translokaler europäischer Räume, gegebenenfalls auch in globalen Beziehungen.
Über die tschechischen Erfahrungen mit Regionalgeschichte sprach ROBERT LUFT (Collegium Carolinum, München). In Tschechien sei der Geschichtsunterricht faktenorientiert, ohne explizit behandelte Unterscheidungen von lokaler, regionaler, nationaler und weltgeschichtlicher Thematik. Alles sei mit der nationalen Geschichte verbunden. Wenn von Region die Rede sei, dann nur im allgemeinen Sinn von informeller, traditioneller oder moderner Region. Das nationale Paradigma überwiege, allerdings gebe es durch die Universitäten Projekte binationaler Art, etwa mit Deutschland, und man habe eine „makroregionale Interpretation“ als Perspektive.
Von ROLF BRÜTTING (Universität Dortmund) wurde im Sinne Schönemanns gefordert, die Regionalität selbst im Geschichtsunterricht und in der Geschichtsdidaktik zum Thema zu machen, sie als veränderbar zu zeigen und als Raum mit mehrfachen Loyalitäten.
EDUARD MIKUSEK (Staatliches Gebietsarchiv Litomeríce) zeigte eindrucksvoll die konkrete Beschäftigung mit Regionalgeschichte am Beispiel der Stadt Aussig im damaligen „Sudetengau“ im Kreis Leitmeritz. Im Archiv in Aussig gebe es sehr viele Materialien, anhand derer die Beziehungen zwischen der deutsch- und tschechischsprachlichen Bevölkerung aufgearbeitet werden können. Seit der Wende sei Aussig ein wichtiges Forschungszentrum für diese Fragen und Probleme geworden. Dank der vorhandenen Materialien könne man bis ins 19. Jahrhundert zurückgehen. An dieser Stelle hätte man gern noch mehr darüber gehört, welche Themen von wem und wie intensiv erforscht werden.
In anderen Sektionen des Historikertages waren globalgeschichtliche, transnationale und beziehungsgeschichtliche Themen sehr präsent, in der Geschichtsdidaktik fehlten sie ganz, bis auf die hier vorgestellte binationale Sektion zur Regionalgeschichte. Das ist bedauerlich und wäre auch nicht nötig gewesen, da es die Diskussion um globalgeschichtliche Perspektiven im Geschichtsunterricht nicht nur bei der geschichtsdidaktischen Schulgeschichtsbuchforschung gibt und bei der Erstellung von binationalen Schulgeschichtsbüchern
[6]
, sondern auch bei der Diskussion um Kerncurricula. Auch beim Thema der Kompetenzorientierung und der Selbstständigkeit historischen Lernens kommt man nicht um global- und weltgeschichtliche Betrachtungen herum, da das global operierende Internet und andere Medien in der alltäglichen Geschichtskultur immer präsent sind.
Auch auf diesem Historikertag zeigte sich wieder, dass Geschichtsdidaktik und die übrige Geschichtswissenschaft separat agieren, mit je eigenen Themen. Dabei gäbe es sehr wohl gemeinsame Interessen, z. B. die Diskussion darüber, welche Themen in welcher Perspektive, mit welchen Methoden aus gegenwärtigen Fragestellungen gelehrt werden könnten und sollten, sowohl an den Universitäten, als auch an den Schulen. Den Bachelor-Studierenden könnte damit ein thematisch nachhaltigeres Studium angeboten werden, den Schulcurriculum-Machern eine fundiertere Grundlage für ihre Entscheidungen im Hinblick auf nachhaltigen Geschichtsunterricht. Auf den Podien zu allgemeinen und aktuellen geschichtswissenschaftlichen Problemen sollte eigentlich auch immer eine geschichtsdidaktische Position vertreten sein, wie schon vor Jahren vorgeschlagen.
Für die Geschichtsdidaktik ist der Historikertag aber dennoch als positiv und erfolgreich zu beurteilen, da mit der Kompetenzorientierung für nachhaltigen Geschichtsunterricht grundlegende Positionen in aller Ausführlichkeit zu Wort kamen. So ist zu hoffen, dass viel davon auch in der alltäglichen Praxis des Schulgeschichtsunterrichtes ankommt dank all der Multiplikatoren, die anwesend waren, und dass der Riesendampfer Schulgeschichtsunterricht flottere Fahrt aufnimmt.
[1] So auch immer wieder von der Geschichtsdidaktik für nachhaltig geschichtswissenschaftliche Lehre und Forschung gefordert. Siehe z. B. grundlegend Uwe Uffelmann, Problemorientierter Geschichtsunterricht, Villingen-Schwenningen 1990.
[2] Von den erwähnten Autoren können z. B. folgende Schriften angegeben werden: Kompetenzen historischen Denkens, Hrsg. von Andreas Körber / Waltraud Schreiber / Alexander Schöner, ars una Neuried 2007, darin mehrere Beiträge von Andreas Körber; Michael Sauer: Methodenkompetenz als Schlüsselqualifikation. Eine neue Grundlegung des Geschichtsunterrichts? In: Geschichte, Politik und ihre Didaktik 30, 3/4 (2002), S. 183-192; Peter Gautschi, Kompetenzen von Lernenden, in: Barbara Bonhage / Peter Gautschi / Jan Hodel u.a. (Hrsg.), Hinschauen und Nachfragen: die Schweiz und die Zeit des Nationalsozialismus im Licht aktueller Fragen, Zürich 2006, S. 1-13.
[3] U. Uffelmann a.a.O.
[4] Z. B. Heinz Dieter Schmid, Entdeckendes Lernen im Geschichtsunterricht, in: Hans Süssmuth (Hrsg.), Geschichtsdidaktische Positionen. Bestandsaufnahme und Neuorientierung, Paderborn 1980, S.283-314.
[5] Ausführlich wird dieses Projekt von Susanne Popp vorgestellt und besprochen in einem Aufsatz: Geschichtliches Überblickswissen aufbauen – ein konzentrisch-longitudinales Geschichtscurriculum aus den Niederlanden, in: Elisabeth Erdmann / Robert Maier / Susanne Popp (Hrsg.): Geschichtsunterricht international, Hannover 2006, Studien zur internationalen Schulbuchforschung, Band 117, S. 269-300.
[6] Zu erwähnen ist das Deutsch-französische Schulgeschichtsbuch, aber auch das im Entstehen begriffenen deutsch-polnische Schulgeschichtsbuch. Darüber hinaus gibt es Diskussionen und Veröffentlichungen zum Thema der globalgeschichtlichen Perspektiven im Geschichtsunterricht, z. B. a.a.O. „Geschichtsunterricht international“ oder in: Susanne Popp / Johanna Forster (Hrsg.), Curriculum Weltgeschichte“, Schwalbach im Taunus. 2003.
Mittelalterliche Geschichte
Juliane Schiel Besprochene Sektionen
"Ungleichheiten oder Gleichheiten? Transkulturelle Vergleiche zwischen Ost und West"
"Versehrt durch Arbeit, Krieg und Strafe. Ursachen und Folgen körperlicher Beeinträchtigung im Mittelalter"
"Ungleichheit der Gleichen. Religiöse Egalität und soziale Distinktion in sakralen Räumen des Spätmittelalters"
"Integration und Desintegration der Kulturen im europäischen Mittelalter"
"Bleibt im Vatikanischen Geheimarchiv vieles zu geheim? Historische Grundlagenforschung im Mittelalter und in der Neuzeit“
"Zentrum und Peripherie? Das universale Papsttum und die europäischen Regionen im Hochmittelalter"
Grundsätzliche Beobachtungen
Welch Erleichterung – das Debakel von Konstanz hat sich nicht wiederholt: Das Mittelalter hat gegenüber der Alten Geschichte die Nase wieder vorn. Sechs mediävistische (im Vergleich zu drei althistorischen) Sektionen wurden auf dem diesjährigen 47. Deutschen Historikertag in Dresden angeboten, an sechs weiteren – darunter auch hochschulpolitischen – waren Mediävisten beteiligt. Vier Dissertationsprojekte zu Themen des Mittelalters waren in Posterform ausgestellt, eines davon wurde sogar Preisträger. Alle Sektionen waren gut besucht, in einigen mussten die Zuhörerinnen und Zuhörer (nicht zuletzt wegen des winzigen Seminarraums) auf Fensterbänken, Heizkörpern und dem Boden Platz nehmen. Grund zur Entwarnung ist dies allerdings nicht. Nach wie vor ist das Fach Mittelalterliche Geschichte auf dem Historikertag stark unterrepräsentiert, weiterhin wird die Veranstaltung von den etablierten Fachvertreter/innen wenig als fachinterne Austauschmöglichkeit und öffentliches Informationsforum genutzt. Ob die Tatsache, dass Podium und Publikum in Dresden deutlich von der Nachwuchsgeneration geprägt waren, auf eine Trendwende hoffen lässt oder die mangelnde Bedeutung der Veranstaltung für die Mediävistik nachgerade unterstreicht, kann dabei nur als Frage formuliert werden.
Dennoch lassen sich auf der Grundlage des in Dresden Gebotenen einige grundsätzliche Beobachtungen und Reflexionen zur Lage des Faches anstellen. Erstens: Fast alle mediävistischen Sektionen waren von einem kulturalistischen Vokabular geprägt. Ganz gleich, ob es sich um sozial-gesellschaftliche oder regionalspezifische, um ideen- oder religionsgeschichtliche Themen handelte, die Begrifflichkeiten und Konzepte der diversen turns der letzten Jahre beherrschten Titel und Vorträge der Rednerinnen und Redner. „Kultur und Religion“, „Kommunikation und Raum“, „Gewalt und Sexualität“, „Minderheit und Diskriminierung“, „Gesundheit und Umwelt“ waren die Leitkategorien (wenn auch zuweilen mehr als label gebraucht), mit denen operiert wurde, „Hierarchie und Heterotopie“, „Transfer und Vergleich“, „Ethnozentrismus und Verflechtung“ die Denkfiguren und Ansätze, die diskutiert wurden. Die Sektion des Deutschen Historischen Instituts in Rom, welches die „sich abzeichnenden Ungleichheiten“ zwischen den kulturalistischen Trends an den Universitäten und der zunehmend marginalisierten Grundlagenforschung an den Akademien und spezialisierten Forschungsinstituten eigens zum Thema machte, bildete zu dieser Beobachtung den passenden Kontrapunkt.
Zweitens: Deutlich war außerdem die zunehmende Interdisziplinarisierung des Faches. Keine der mediävistischen Sektionen wurde von Historikern allein bestritten, die meisten erhoben den fächerübergreifenden Zugriff auf ihr Thema explizit zum Programm. Eine nicht geringe Zahl der Rednerinnen und Redner war zudem dem neuen Typus des „disziplinären Grenzgängers“
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zuzurechnen, der, in zwei oder drei Fächern ausgebildet bzw. mehrere Quellensprachen beherrschend, Ansätze und Methoden verschiedener Disziplinen in einer Person zusammenzuführen vermag. Bis zu welchem Grad dieser Trend als eine Folge des Aufstiegs der Kulturwissenschaften anzusehen bzw. dem amerikanischen Vorbild der Medieval Studies zu verdanken ist oder durch zunehmende Sparmaßnahmen und Kürzungen in den Geisteswissenschaften schlicht erzwungen wurde, lässt sich dabei nicht abschließend klären. Fest steht jedoch: Die mediävistischen Sektionen des Dresdner Historikertages haben durch die dargebotene Fächervielfalt gewonnen.
Drittens: Auffällig war schließlich, dass viele Sektionen nicht von Einzelpersonen, sondern von Arbeitsgruppen, Netzwerken und Forschungsprogrammen bestritten wurden. Kaum eine Sektionsleitung hatte ihre Rednerinnen und Redner eigens für den Historikertag zusammengestellt. Die meisten der jeweils auf dem Podium versammelten Personen waren sich aus laufenden Projekten oder eigenverantwortlich organisierten Arbeitsverbünden bereits gut bekannt und berichteten gemeinsam von gewonnenen Einsichten, vorläufigen Ergebnissen und künftigen Vorhaben. Für das Publikum hatte dies den Vorteil einer verhältnismäßig großen Kohärenz. Die Vorträge waren inhaltlich und methodisch teilweise eng aufeinander bezogen, die übergeordnete Themenstellung verdichtete sich im Verlauf der Sektion häufig zu einem inspirierenden Bündel an weiterführenden Fragen und Thesen. Was diese Beobachtung über den Historikertag hinaus für das Fach bedeuten könnte, hat Bernd Schneidmüller (Heidelberg) in seinem Schlussplädoyer zur Sektion „Integration und Desintegration der Kulturen im europäischen Mittelalter“ auf den Punkt gebracht. Dort fragte er, wie lange man es sich noch leisten können wird, den geisteswissenschaftlichen Nachwuchs im Geiste von Konkurrenz und Wettbewerb zu Individualisten zu erziehen. Offensichtlich – so jedenfalls legt der Dresdner Historikertag nahe – haben sich nicht nur die Forschungsfelder, sondern auch die wissenschaftlichen Organisationsweisen pluralisiert. Die Forderung nach kollaborativen Formen geisteswissenschaftlichen Forschens scheint erste Früchte zu tragen.
Die mediävistischen Sektionen im Einzelnen
Doch nun zu den Sektionen im Einzelnen.
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Gleich am Mittwochvormittag (1. Oktober) präsentierte sich eine Gruppe von Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern, die dem „Göttinger Arbeitskreis für transkulturelle Geschichte der Vormoderne“ bzw. dem daraus hervorgegangenen wissenschaftlichen Netzwerk „Vormoderne monarchische Herrschaftsformen im transkulturellen Vergleich“ angehören.
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Die meisten ihrer Mitglieder sind in mindestens zwei Disziplinen bzw. Großkultursprachen zuhause und boten in Dresden unter der Leitung von Jenny Rahel Oesterle und Wolfram Drews sechs Vorträge zum Thema „Ungleichheiten oder Gleichheiten? Transkulturelle Vergleiche zwischen Ost und West“ an. Eröffnet wurde die Reihe von WOLFRAM DREWS (Bonn/Berlin), der ausgehend von einem Vergleich zwischen karolingischen und abbasidischen Strategien der Herrscherlegitimation einige methodische Eingangsbemerkungen zum Theorem der „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ formulierte. Angefangen von Marc Bloch und Elke Uhl, über Reinhart Koselleck und Paul Nolte bis hin zur neueren Globalgeschichte zeichnete Drews die Potentiale dieses Theorems nach und plädierte dafür, „Ungleichzeitigkeit“ im transkulturellen Vergleich als Differenzbegriff zu verstehen. Auch ALMUT HÖFERT (Basel) stellte einen christlich-muslimischen Vergleich an, indem sie Sakralmonarchien im europäischen und arabischen Hochmittelalter gegenüberstellte. Anders als Drews arbeitete sie dabei nicht in erster Linie die Ungleichheiten und Unterschiede heraus, sondern betonte unter Rückgriff auf das Konzept der „shared“ bzw. der „entangled history“ die Gleichheiten. Beide Herrscherverständnisse hätten ihre Wurzeln in der Spätantike. Die Vogelperspektive des transkulturellen Vergleichs ermögliche gerade auch die Sichtbarmachung von Gemeinsamem bzw. Ähnlichem. Herausragend war der daran anschließende Vortrag von JENNY RAHEL OESTERLE (Bochum), die in vorbildlicher Weise vorführte, wie der Historiker seine Vergleichsgegenstände zu wählen hat, um den blinden Flecken der eigenen ethnozentrischen Sicht auf die Welt zu entgehen. Ausgehend von der Annahme, dass Schutzgewähr ein transkulturelles Phänomen ist, das sich in allen Gesellschaften findet und als Seismograf für den jeweiligen Umgang mit Krisen betrachtet werden kann, verglich Oesterle Formen und Funktionen des Asyls im christlichen und islamischen Kulturraum des Mittelalters miteinander. Dabei wurde das christliche Verständnis des Kirchenasyls, demzufolge Räume selbst schützende Funktion haben können, mit der Vorstellung vom Personenschutz im Islam kontrastiert, die die Unantastbarkeit der Ehre des Beschützers in den Mittelpunkt rückt. Mit DOROTHEA WELTECKE (Konstanz) wechselten die Koordinaten des Vergleichs von einer Gegenüberstellung Islam/Christentum zu einer innerchristlichen Perspektive. In sechs pointierten Thesen hielt Weltecke ein eindrucksvolles Plädoyer für eine neue Meistererzählung der Geschichte des Christentums. Die Geschichtswissenschaft müsse endlich lernen, das westliche Christentum als Teilmenge zu begreifen, die bis ins 13. Jahrhundert hinein von den „Kirchen des Ostens“ in den Schatten gestellt wurde. Dabei zeigte sie auf, wie eine Überarbeitung der großen Narrative zur Geschichte des Christentums und eine neue Periodisierung geeignet wären, die traditionelle Orient-Okzident-Dichotomie auf den Kopf zu stellen. DIRK JÄKEL (Hagen) unterstrich die Dringlichkeit dieser Forderung durch einen seinerseits durchgeführten Vergleich zwischen der syrisch-orthodoxen und der armenischen Kirche zur Zeit der lateinischen Kreuzfahrerreiche. Ergebnis war eine Binnendifferenzierung innerhalb des „orientalischen“ Christentums, die die armenische Kirche – hier insbesondere in ihren Endzeitvorstellungen – der lateinischen Kirche strukturell näher erscheinen ließ als der syrisch-orthodoxen. EVA-MARIA STOLBERG (Duisburg-Essen) verlagerte zum Schluss nochmals den regionalen Fokus und diskutierte die Auswirkungen der Mongolenherrschaft auf die russische Orthodoxie, wobei die praktische Durchführung und der methodische Nutzen des transkulturellen Vergleichs hier sicherlich zu implizit geblieben sind.
Am Mittwochnachmittag (1. Oktober) hatte Cordula Nolte unter dem Titel „Versehrt durch Arbeit, Krieg und Strafe. Ursachen und Folgen körperlicher Beeinträchtigung im Mittelalter“ zu einer Sektion des Bremer Forschungsschwerpunkts der „disability history“ geladen – eine Thematik, die in Dresden gleich mehrfach vertreten war.
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Beeindruckend war hier die inhaltliche Breite. Die Themen reichten von Schädigungen, die durch Arbeit oder Umwelt hervorgerufen wurden, über Kriegsinvalidität oder Behinderung als Folge gerichtlicher Strafe bis hin zum gesellschaftlichen Umgang mit sexuellen Dysfunktionen. Zwei Bremer Kollegen wechselten sich mit zwei auswärtigen Experten ab. Nach dem Eingangsreferat von CORDULA NOLTE (Bremen) zu Stand und Perspektiven der „disability history“ wurde das Themenspektrum durch einen archäologischen Vortrag eröffnet. UTA HALLE (Bremen) gewährte Einblick in archäologische Erkenntnisse zu Bleivergiftungen, die durch Arbeit mit Schwermetallen oder das Leben in einer bleibelasteten Umwelt hervorgerufen wurden. OLIVER AUGE (Greifswald/Göttingen) widmete sich dem Thema der Kriegsinvalidität und konnte zeigen, wie sich durch Kampfhandlungen hervorgerufene Versehrtheit von Adeligen zwischen Ausgrenzung und Anerkennung bewegte. Wer aufgrund körperlicher Verletzungen nicht mehr kampffähig war, verlor seine sozialständische Handlungsfähigkeit, was vielfach zur Folge hatte, dass Behinderungen so weit als möglich verheimlicht wurden. Umgekehrt sicherte sich jedoch derjenige, der trotz körperlicher Beeinträchtigungen die Norm erfüllte bzw. übertraf, die besondere Hochachtung seiner Standesgenossen. Anschließend referierte JAN-ULRICH BÜTTNER (Bremen) in seinem ausgesprochen materialreichen Vortrag zur mittelalterlichen Praxis der Blendung als Strafmaßnahme und dem gesellschaftlichen Umgang mit Blinden. Büttner konnte dabei im Übergang vom Hoch- zum Spätmittelalter eine zunehmende Marginalisierung dieser Randgruppe feststellen. Blinden wurde in den spätmittelalterlichen Städten immer häufiger mit Misstrauen begegnet, ihr Betteln kriminalisiert. Zum Schluss der Sektion ergänzte KLAUS VAN EICKELS (Bamberg) das thematische Spektrum um den Aspekt sexueller Beeinträchtigungen, speziell: männlicher Zeugungsunfähigkeit. Ähnlich wie die Befähigung zum Kampf galt auch die Zeugungsfähigkeit als wesentlicher Bestandteil männlicher Ehre – die Entmannung umgekehrt, strafrechtlich gesehen, als schwere Körperverletzung. Während in den Unter- und Mittelschichten die so genannte „Ehe auf Probe“ praktiziert werden konnte, die die Verlobungszeit als Testphase für die Zeugungsfähigkeit nutzte, stand dem Adel diese Möglichkeit nicht offen. Adelige Männer konnten sich stattdessen durch vor- und außerehelichen Geschlechtsverkehr Klarheit über ihre Zeugungsfähigkeit verschaffen. Überzeugend führte van Eickels am Beispiel von Richard von Löwenherz und Balduin von Jerusalem vor, wie die Annahme, dass Herrscher um ihre Zeugungsunfähigkeit wussten, unser Verständnis für Herrscherverhalten erweitern kann.
Am Donnerstagvormittag war unter der Leitung von Andreas Ranft und Matthias Meinhardt eine Sektion zum Thema „Die Ungleichheit der Gleichen. Religiöse Egalität und soziale Distinktion in sakralen Räumen des Mittelalters“ zu hören, die in geradezu musterhafter Weise den Nutzen der Interdisziplinarität vorführte. Ein Theologe und Kirchenhistoriker, ein Mittelalter-Historiker, eine Kunsthistorikerin und ein Musikwissenschaftler beleuchteten das Begriffspaar „sakraler Raum“ und „soziale Ungleichheit“ aus unterschiedlicher Fächerperspektive. Nachdem ANDREAS RANFT (Halle-Wittenberg) zunächst in das Spannungsfeld der Sektion eingeführt hatte, das sich zwischen der theologisch begründeten Gleichheit der Seelen und der bewussten Zurschaustellung sozialer Distinktion im Kirchenraum bewegen sollte, entwarf THOMAS LENTES (Münster) anhand liturgischer Texte und Kommentare eine ideengeschichtlich basierte Anthropologie des sakralen Raumes. Dabei diskutierte er in einem ersten Schritt das Verhältnis von Raum und sozialer Ungleichheit, wobei er die Untergliederung des sakralen Raums in die drei Stände nicht als reines Darstellungsverhältnis, sondern als selbst Distinktion schaffendes Phänomen verstanden wissen wollte. In einem zweiten Schritt untersuchte er das Verhältnis von Raum und Sakralität und zeichnete dabei die verschiedenen Positionen und Entwicklungen zu der von den Theologen des Mittelalters häufig diskutierten Streitfrage nach, ob ein Raum an sich schon heilig sein kann oder der Leiber der Heiligen bedarf. Drittens schließlich plädierte Lentes für eine Revision des herkömmlichen Dualismus von „profan“ und „sakral“, da sakrale Räume eben gerade alle Grenzen von Diesseits und Jenseits, von Jetztzeit und Heilszeit, von lokal und universal sprengten. Im Anschluss daran sprach ARND REITEMEIER (Kiel) über die Pfarrkirche als einem Ort sozialer Distinktion. Reitemeier stützte sich dafür exemplarisch auf eine Schrift des Joachim von Pflummern, der zu Beginn des 16. Jahrhunderts in anti-reformatorischer Absicht die Gott gewollte Ordnung der Gemeinde St. Martin in der Stadt Biberach beschrieben hatte, und unterzog diesen Text mithilfe der Analysekategorien Stand, Besitz, Familie, Geschlecht und Kleidung einer „dichten Lektüre“. Die Gemeinde erschien hier als soziale Gruppe, die sich durch das Praktizieren von Frömmigkeitsformen nach außen konstituierte und nach innen stabilisierte. Im zweiten Teil der Sektion präsentierte die Kunsthistorikerin ANTJE HELING-GREWOLLS (Lübeck) verschiedene Formen adeliger Selbstdarstellung am Beispiel der Ausgestaltung von Seitenkapellen und Nebenaltären in norddeutschen Kirchen, wobei die Kernaussage hinter dem Materialreichtum des Vortrags bedauerlicherweise nicht recht sichtbar wurde. Den Abschluss dieses Fächerpanoramas bildete der musikwissenschaftliche Vortrag von WOLFGANG HIRSCHMANN (Halle), der sein Publikum nicht nur durch schöne Klangbeispiele beeindruckte. Eigens für Memorialfeiern in Auftrag gegebene Musik war ein teures Gut und eignete sich deshalb ausgesprochen gut, dem Oberthema der Sektion einen weiteren Blickpunkt hinzuzufügen. Dabei enttarnte Hirschmann am Beispiel der Sterbemotette des Guillaume Dufay die weit verbreitete These von der Herausbildung der Musik als individualisiertes Kunstwerk an der Wende zum 16. Jahrhundert als moderne Rückprojektion und unterzog das Verhältnis von Funktionalität und Autonomie in der Musik des Spätmittelalters einer ebenso umsichtigen wie kritischen Revision. In seinen Schlussbemerkungen zeigte MATTHIAS MEINHARDT (Halle) noch einmal das Begriffsfeld auf, in welchem sich die Vorträge bewegt hatten. Sein Plädoyer, die Konzepte von Raum, Sakralität, Repräsentation, Kommunikation und Öffentlichkeit allesamt als heuristische Kategorien zur Erfassung sozialer Ungleichheiten zu begreifen, hat allerdings eine nachträgliche Reduktion vorgenommen, die durch die erfrischende Vielfalt der fachspezifischen und methodischen Zugänge gerade nicht gegeben war.
Am Freitagnachmittag schließlich, dem letzten Sektionsblock des Dresdner Historikertages, präsentierte sich das DFG-Netzwerk „Zentrum und Peripherie? Das universale Papsttum und die europäischen Regionen im Hochmittelalter“ unter der Leitung von JOCHEN JOHRENDT (München) und HARALD MÜLLER (Mainz/Aachen).
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Wenn überhaupt, dann war hier wohl am ehesten die „klassische Mediävistik“ anzutreffen. Im Mittelpunkt der Sektion stand die Frage nach dem Beziehungsverhältnis von Kurie und Ortskirchen in der entscheidenden Formierungsphase der lateinischen Kirche zwischen 1050 und 1200. Anliegen war es, das weit verbreitete Einheitsbild der mittelalterlichen Kirche und den speziell für das Hochmittelalter unterstellten Homogenisierungsprozess kritisch zu hinterfragen. Dem Ansatz des Netzwerks folgend sollten dabei die Perspektiven von Zentrum und Peripherie, von Rom und Region kontrastiert werden, um sowohl die vielschichtigen Interaktionen und Wechselwirkungen zwischen beiden Polen, als auch die regionalen Unterschiede in der Gestaltung des Verhältnisses zur Kurie besser in den Blick zu rücken. Den Anfang machte THOMAS WETZSTEIN (Heidelberg) mit einem kommunikationsgeschichtlichen Vortrag zu den Möglichkeiten und Grenzen der hochmittelalterlichen Päpste bei der Durchsetzung ihres Suprematieanspruchs, indem er die Formen päpstlicher Raumdurchdringung im Kontext der jeweiligen regionalspezifischen Haltung gegenüber Rom verortete. Auch LOTTE KÉRY (Bonn) nahm die Perspektive des Zentrums ein und untersuchte die hochmittelalterliche Exemtionspraxis. Dabei konnte sie überzeugend zeigen, dass die Päpste in der „Exemtionsbewegung des 12. Jahrhunderts“ eher der passive, reagierende Teil waren und die Initiative für die Herauslösung monastischer Einrichtungen aus dem Diözesanverband der Ortskirche in den meisten Fällen bei den Klöstern selbst lag. Der transregionale Vergleich zwischen Beispielen aus Fleury (Diözese Orléans), Gandersheim (Diözese Hildesheim) und Corbie (Diözese Amiens) ermöglichte hier zudem interessante Binnendifferenzierungen. Diesen beiden „Zentrums-Referaten“ wurden im zweiten Teil der Sektion zwei „Peripherie-Vorträge“ gegenübergestellt. NICOLOANGELO D’ACUNTO (Brescia) nahm dabei die lombardische Perspektive ein und konnte durch den Blick „von unten“ die praktischen Schwierigkeiten Roms bei der Durchsetzung des päpstlichen Primats aufzeigen. RAINER MURAUER (Rom/Wien) schließlich führte anhand einer lokalhistorischen Studie zum Salzburger Eigenbistum Gurk vor, wie sich die Streitigkeiten zwischen dem Salzburger Erzbischof und dem Bistum Gurk um das Besetzungsrecht im spannungsvollen Wechselspiel zwischen Zentrum und Peripherie besser begreifen lassen.
Schlussbemerkungen
Alles in allem war der Dresdner Historikertag eine gelungene und lohnende Veranstaltung für die Fachvertreterinnen und Fachvertreter der Mediävistik, und man kann nur bedauern, dass er insbesondere unter den etablierten Köpfen des Faches nicht mehr Resonanz gefunden hat. In einer Zeit, in der das Tagungsangebot im In- und Ausland stetig zunimmt und jeder gezwungen ist, Prioritäten zu setzen, ist der Historikertag den Mediävisten vielleicht zu Unrecht etwas zu sehr aus dem Blick geraten. Doch gibt es wahrscheinlich keine historische Veranstaltung in Deutschland, die in Politik, Öffentlichkeit und Medien so stark wahrgenommen wird wie der Historikertag. Er ist wie kein anderer der Ort zur eigenen Standortbestimmung, zur kritischen Bestandsaufnahme, zum Aufzeigen von Desideraten und zur Selbstkritik. Sektionen zu neuesten Entwicklungen der Forschung haben hier ebenso ihren Platz wie Reflexionen zur Situation des Faches in Schule und Universität. Und wer den Abendvortrag des Vorsitzenden des Legislativrats der Tschechischen Republik, Cyril Svoboda, in der Dresdner Kreuzkirche gehört hat, wird sicherlich unterstreichen, wie wichtig es ist, dass Historiker, und hier insbesondere Mediävisten, ihre gesellschaftliche Verantwortung als kritisches Korrektiv bei der Formung kollektiver Erinnerungen und Identitäten wahrnehmen.
[1] Jürgen Mittelstraß, Transdisziplinarität – wissenschaftliche Zukunft und institutionelle Wirklichkeit (Konstanzer Universitätsreden, Bd. 214), Konstanz 2003. Zu dieser Tendenz vgl. jetzt auch Valentin Groebner, Das Mittelalter hört nicht auf. Über historisches Erzählen, München 2008, v. a. Kap. 10.
[2] Ich beschränke mich im Folgenden auf die vier der sechs mediävistischen Sektionen, an denen ich selbst teilgenommen habe. Da ich an der Sektion „Integration und Desintegration der Kulturen im europäischen Mittelalter“ (DFG-Schwerpunktprogramm 1173) als Moderatorin beteiligt war, enthalte ich mich hierzu. Ein separater Bericht zu dieser Sektion wird von Julia Dücker und Marcel Müllerburg verfasst und ebenfalls über HSK veröffentlicht. Bei der Sektion von Michael Matheus und Hubert Wolf (DHI Rom) konnte ich entsprechend wegen terminlicher Überschneidungen nicht anwesend sein. Die Inhalte des Sektionsexposees, das mir freundlicherweise zugänglich gemacht wurde, sind jedoch in die allgemeinen Beobachtungen eingeflossen.
[3] Weiterführende Informationen zum Göttinger Arbeitskreis und zum Netzwerk unter: <http://www.monarchietranskult.uni-bonn.de> (20.10.2008).
[4] An der Universität Bremen ist im Sommer 2005 ein Forschungsprojekt mit dem Titel „Behinderte und chronisch Kranke im Frühmittelalter – zwischen Sozialfürsorge und Ausgrenzung“ angelaufen. Im September 2007 veranstaltete das Projekt eine internationale Tagung zum Thema: „Homo debilis. Behinderte – Kranke – Versehrte in der Gesellschaft des Mittelalters“. In Dresden selbst war neben dem preisgekrönten Poster des Bremer Doktoranden Klaus-Peter Horn vor allem die neuzeitliche Sektion von Anne Waldschmidt, Elsbeth Bösl und Anne Klein zum Thema „Dis/ability in History – Behinderung in der Geschichte: Soziale Ungleichheit revisited“ zu besuchen; aber auch in anderen Sektionen spielte das Thema der Behinderung eine Rolle. Vielleicht ein Indiz dafür, dass dieses wichtige Thema sich langsam breiter etabliert – auch wenn das Motto „Ungleichheiten“ des Dresdner Historikertages hierfür sicherlich besonders geeignet war.
[5] Hingewiesen sei in diesem Zusammenhang auf den kürzlich in den Neuen Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen erschienenen Sammelband des Netzwerks mit dem Titel „Römisches Zentrum und kirchliche Peripherie“. Weitere Informationen zum Netzwerk finden sich unter <http://www.zentrumundperipherie.de> (20.10.2008).
Ostmitteleuropa
Bianca Hoenig Besprochene Sektionen
"Asymmetrien in Vergangenheit und Gegenwart. Deutsche und Tschechen als ungleiche Nachbarn?"
"Neue tschechische Interpretationen der Fragen des tschechisch-deutschen Zusammenlebens"
"Geschichtsvermittlung durch Landes- und Regionalgeschichte. Ein deutsch-tschechischer Vergleich"
"Europas Osten als Objekt kolonialer Phantasien? Imperiale Denkmuster in Mitteleuropa zwischen 1848 und 1918"
"Kollektives Gedächtnis und Beziehungsgeschichte. Binationale Erinnerungsorte im deutsch-polnischen Verhältnis"
"Roundtable: Presse und Auslandskorrespondenten in und aus Ostmitteleuropa – Erfahrungen, Wahrnehmungen und Probleme"
Im besten Sinne ungleich, nämlich von großer Vielfalt, waren die Sektionen des diesjährigen Historikertags zu Ostmitteleuropa. Von eher ereignisgeschichtlichen Vorträgen bis zur Untersuchung von Erinnerungskultur, von der Auslotung forschungstheoretischer Ansätze bis zur schulischen Vermittlung, vom klassischen Vortrag zur Podiumsdiskussion reichte die Bandbreite der regionalspezifischen Angebote. Dennoch lässt sich auch eine Reihe übergreifender Gemeinsamkeiten feststellen. Von einer etwaigen „triumphale[n] Rückkehr der Sozialgeschichte“
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konnte keine Rede sein, denn Ungleichheiten im sozialen Sinn kamen höchstens am Rande zur Sprache; vielmehr wurde das Schwerpunktthema zum Anlass genommen, Beziehungsgeschichte in vielfachem Sinne zu treiben, die das Verhältnis der ostmitteleuropäischen Länder zu Deutschland in den Mittelpunkt stellte und aus verschiedensten Perspektiven beleuchtete.
Der Fokus lag auf der Analyse von Prozessen, die zur Entstehung, Festigung oder Beseitigung von Ungleichheiten zwischen den verschiedenen Ländern bzw. Bevölkerungsgruppen führten. Es liegt auf der Hand, dass es hierbei nicht allein um die Herausarbeitung von Differenzen, sondern ebenso von gemeinsamen Elementen und Parallelen ging. Dominierendes Bezugssystem dafür war die Nation, jene Vergesellschaftungsform, die in der Moderne mehr als jede andere Menschen in gleich und ungleich scheidet. Sektionenübergreifender Schwerpunkt in den Beiträgen zum 19. Jahrhundert war folgerichtig die Analyse der miteinander konkurrierenden Nationalbewegungen, in denjenigen zum 20. Jahrhundert der Stellenwert des Nationalstaats in der Erinnerung und Vermittlung der Vergangenheit.
Herausgehobene Bedeutung kam der Untersuchung des deutsch-tschechischen Verhältnisses zu, denn Partnerland des diesjährigen Historikertags in der sächsischen Kapitale war aus buchstäblich nahe liegenden Gründen die Tschechische Republik. Vier Sektionen widmeten sich ausschließlich der tschechischen/böhmischen Geschichte bzw. der tschechisch-deutschen Beziehungsgeschichte. Dass die Wahl diesmal auf Tschechien gefallen war, erschien auch aus einem weiteren Grunde passend, da das Land in diesem Jahr einer ganzen Welle an historischen Jubiläen ausgesetzt war, die an die Reihe der Ereignisse in einem 8er-Jahr (1918, 1938, 1948, 1968) erinnerten. Beim Durchblättern des Programmhefts jedoch keine Spur von Münchner Abkommen oder Prager Frühling – vielleicht war es die Absicht der Organisatoren, den Länderschwerpunkt nicht rund um diese prominenten Anlässe zu gestalten, denen das Jahr über schon eine ganze Reihe an eigenen Konferenzen gewidmet worden war.
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Andererseits wäre zu überlegen gewesen, ob das Aufgreifen solcher Schlüsselereignisse, ebenso wie die Einbettung bohemistischer Thematiken in gesamteuropäische Panels nicht ein größeres Publikum angezogen hätte.
Im Mittelpunkt standen stattdessen die verschiedenen Formen des deutsch-tschechischen Zusammenlebens zwischen den Polen von Rivalität und Gegnerschaft einerseits, Miteinander und gegenseitiger Befruchtung andererseits. Das Panel zu „Asymmetrien in Vergangenheit und Gegenwart. Deutsche und Tschechen als ungleiche Nachbarn“ (Leitung: Martina Schattkowsky, Petr Lozoviuk) trug den Bezug zum Konferenzmotto schon im Namen. Exemplifiziert wurde die ungleiche Nachbarschaft an verschiedenen Feldern: Die beiden frühneuzeitlichen Referate von UWE TRESP (Universität Leipzig) und MARTINA SCHATTKOWSKY (Technische Universität Dresden) beschäftigten sich mit den Beziehungen zwischen dem sächsischen und dem böhmischen Adel. KRISTINA KAISEROVÁ (Universität Ústí nad Labem) untersuchte das Zusammenleben von Tschechen und Deutschböhmen im 19. Jahrhundert im Spannungsfeld von konfessionellen und nationalen Identifikationsangeboten.
MILOŠ ŘEZNÍK (Technische Universität Chemnitz) sprach über die Nationsbildungsprozesse im selben Zeitraum, im Laufe derer die beiden Nationalitäten erst konstruiert worden seien. Er betonte, dass sich die tschechische Nationalbewegung in Abgrenzung zur deutschen entwickelt hätte, die Rolle der Deutschböhmen insofern aber ambivalent sei, da der Feind hier auch als Vorbild fungiere. Treffend beschrieb er die Problematik bei transnationalen tschechisch-deutschen Forschungen, die sich sicherlich genauso in anderen Kontexten wie etwa dem deutsch-polnischen wiederfinden lassen kann, als ein Dilemma, das entweder die vermeintlich besondere Konfliktbeladenheit betone oder aber bemüht sei, diese auszuräumen. Da in beiden Fällen die Differenz akzentuiert würde, gerieten die tatsächlichen Prozesse von Annäherung und Abgrenzung etwas aus dem Blick.
Eine Erweiterung der Perspektive auf das Thema der Nationalbewegungen bot der Volkskundler PETR LOZOVIUK (Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde Dresden, Technische Universität Liberec), der seine Disziplin in ihren Anfangszeiten als wichtigen Akteur beim Entwurf eines Volkscharakters porträtierte. In seinem Vortrag wurde deutlich, wie die neu entstandenen Nationalbewegungen Legitimation durch die Konstruktion von historischen Traditionslinien schaffen wollten, indem Beweise für die kulturell eigenständige Entwicklung in der Volkskultur gesucht wurden. Lozoviuk betonte, dass sich die tschechische und die sudetendeutsche Ethnografie zwar der gleichen Strategien bedient, um ihren Anspruch auf kulturelle Vorherrschaft zu stützen, jedoch entgegengesetzte Ziele damit verfolgt hätten: Während die Tschechen ihre nationale Selbstbestimmung rechtfertigen, sich also kategorisch von den Deutschen absetzen wollten, sprachen diese den Tschechen die kulturelle Eigenständigkeit per se ab und verfolgten den Nachweis, dass die böhmische und mährische Volkskultur lediglich eine Abart der deutschen „Kulturträgerschaft“ sei.
Vielfältige Anknüpfungspunkte daran bot die vom tschechischen Historikerverein ausgerichtete Gastsektion „Neue tschechische Interpretationen der Fragen des deutsch-tschechischen Zusammenlebens“ (Leitung: Petr Vorel). Durchgängiges Element der Beiträge war die Problematisierung konkurrierender Loyalitäten. Dieser Komplex wurde epochen- und themenübergreifend behandelt; immer war es das Ziel, historische Prozesse in den böhmischen Ländern in ihrer Komplexität darzustellen und auf diese Weise dem deutschen Publikum Einsichten in die aktuelle tschechische Forschung zu ermöglichen.
Die Frühe Neuzeit war mit dem Vortrag von PETR VOREL (Universität Pardubice) nochmals berücksichtigt, der die de facto wie de jure Ablösung Böhmens vom Alten Reich seit dem 14. Jahrhundert schilderte. Erneut thematisiert wurde die Ausbildung der tschechischen und deutschen Nationalbewegungen im 19. Jahrhundert: Die Aktivität in Gremien der kommunalen Selbstverwaltung habe wesentlichen Anteil an der politischen Bewusstwerdung des tschechischen Bürgertums gehabt, wie MILAN HLAVAČKA (Karls-Universität Prag) für Böhmen und PAVEL KLADIWA (Universität Ostrava) für Mähren illustrierten. Die Konkurrenz zu deutschsprachigen Verwaltungsorganen sei dann ausschlaggebend für seine nationale Mobilisierung gewesen. Das Element der nationalen Konkurrenz beschrieb auch JAROSLAV ŠEBEK (Tschechische Akademie der Wissenschaften Prag) als Triebfeder, allerdings in Bezug auf die katholische Kirche in der Zwischenkriegszeit. Die tschechische und die sudetendeutsche Kirche hätten in der neu entstandenen Tschechoslowakei völlig entgegengesetzte Ziele verfolgt, nämlich die Konsolidierung des Staates einerseits, seine Unterminierung andererseits. Mit zunehmender politischer Radikalisierung auf beiden Seiten sei eine übernationale Kooperation in immer weitere Ferne gerückt; das trennende Element der nationalen Zugehörigkeit hatte über die gemeinsame Konfession gesiegt.
Die Frage nach der Etablierung einer grenzüberschreitenden Kommunikation, diesmal mit Blick auf die Medienlandschaft, stand im Mittelpunkt der Podiumsdiskussion, die von Teilnehmer/innen der parallel stattfindenden Tagung der Deutsch-Tschechischen und Deutsch-Slowakischen Historikerkommission zum Thema „Medien und Öffentlichkeit“ bestritten wurde. Ursprünglich sollten Auslandskorrespondenten aus den drei Ländern aufeinander treffen und über ihre Position in einer sich ausbildenden europäischen Presselandschaft diskutieren; durch Absagen der deutschen Medienvertreter reduzierte sich das Spektrum auf dem Podium bedauerlicherweise auf deutsche Historiker sowie tschechische und slowakische Journalist/innen.
Als Einstieg formulierte CHRISTOPH CORNELISSEN (Universität Kiel), der die Diskussion leitete, die These, dass in der Presselandschaft statt eines Zusammenwachsens eher eine „Enteuropäisierung“ zu verzeichnen sei, womit von vornherein die Ungleichheiten zwischen den verschiedenen nationalen Berichterstattungen ins Zentrum rückten. JAN ŠICHA (Tschechisches Außenministerium Prag) spitzte Cornelißens Diktum noch zu, indem er sowohl zwischen der deutschen und der tschechischen Presse als auch innerhalb der tschechischen Medien große Verwerfungen bezüglich Arbeitsweise und Zielsetzung der verschiedenen Blätter konstatierte. Für das Verhältnis der beiden Länder besonders brisant seien die ungleichen Besitzstrukturen, denn ein Großteil der tschechischen Presse gehört zu deutschen Unternehmen. Wie MARTIN SCHULZE WESSEL (Ludwig-Maximilians-Universität München) betonte, werde die Möglichkeit einer „deutschen“ Beeinflussung der Medien in der tschechischen Öffentlichkeit aufmerksam registriert.
Uneinigkeit bestand in der Frage, inwieweit der Leser Einfluss auf die Inhalte der Presse habe; ŠÁRKA DAŇKOVÁ (Lidové noviny, Prag) jedenfalls wertete die geringe Präsenz historischer Themen in den Medien, die von mehreren Teilnehmer/innen etwas hilflos konstatiert wurde, als symptomatisch für das Desinteresse der tschechischen Gesellschaft an ihren Nachbarn. Einen ähnlich geringen Stellenwert nähmen Beiträge über die EU ein. Trotz dieser sehr pessimistisch anmutenden Ergebnisse bestehe für die Zukunft eines europäischen Medienraums laut Cornelißen Anlass für „gemäßigten Optimismus“, da ebenfalls der Trend hin zu einer ausgewogeneren Berichterstattung beobachtet werden könne.
Aus einer ganz anderen Perspektive, nämlich der des Schulbuchs, betrachtet wurde das Partnerland in der didaktischen Sektion „Geschichtsvermittlung durch Landes- und Regionalgeschichte. Ein deutsch-tschechischer Vergleich“ (Leitung: Manfred Treml, Rolf Brütting). Der Titel war Programm, sollte hier doch der Regional- und Landesgeschichte „ihr wohlverdienter Platz“, so MANFRED TREML (Museumspädagogisches Zentrum München) in seiner Einführung, gegeben werden. Und so behandelten zwei Vorträge die Vorteile, die das historische Lernen am Beispiel der eigenen, konkret erfahrbaren Umgebung für die Schüler habe, und die Möglichkeiten, auf diese Weise die abstrakte National- und Weltgeschichte zu ergänzen. BERND SCHÖNEMANN (Universität Münster) tat dies in seiner „Bestandsaufnahme in systematisierender Absicht“, ROLF BRÜTTING (Technische Universität Dortmund) in Hinblick auf die deutschen Lehrpläne.
Boten die sich in wesentlichen Passagen überschneidenden Referate interessante Erkenntnisse auch oder gerade für Nicht-Lehrer (etwa in Bezug auf die Genese der Region als Gegenstand des Heimatunterrichts zum heutigen konstruktivistischen Raumbegriff), wurde der zweite im Titel formulierte Anspruch des binationalen Vergleichs nur partiell eingelöst. Zwar erläuterte ROBERT LUFT (Collegium Carolinum, München) die Geschichtsvermittlung im tschechischen Schul- und Universitätssystem und machte darin deutlich, wie sehr die dortige Abwesenheit eines regionalen Zugangs zur Geschichte mit dem Nations- und Staatsbildungsprozess der Tschechoslowakischen bzw. Tschechischen Republik zusammenhängt, und gab EDUARD MIKUŠEK (Staatliches Gebietsarchiv Litoměřice) einen Überblick über die Regionalgeschichtsschreibung im böhmisch-deutschen Grenzraum seit dem 19. Jahrhundert am Beispiel der Stadt Aussig/Ústí nad Labem; jedoch blieb weder Raum für die Diskussion des böhmisch-tschechischen Falles noch gab es den Versuch, die beiden Länder einander gegenüber zu stellen und damit dem Motto des Historikertags zu genügen. Erst damit wäre deutlich geworden, wo die Unterschiede in der schulischen Vermittlung von Raumkonzeptionen begründet liegen und wo sich Möglichkeiten des gegenseitigen Lernens und der Zusammenarbeit eröffnen.
Dies wäre vielleicht in dem leider ausgefallenen Beitrag zur grenzüberschreitenden Projektzusammenarbeit von Vertretern der Dresdner Brücke/Most-Stiftung geleistet worden, ebenso wie ein Regionsverständnis, das nicht an den nationalstaatlichen Grenzen Halt macht – bemerkenswert selten war die Rede vom grenznahen Raum, der an die Geschichtsvermittlung im regionalen Maßstab sicherlich spezielle Herausforderungen stellt, sich aber auch außerordentlich gut dazu eignet, den viel beschworenen konstruktiven Charakter räumlicher Ordnungskategorien zu veranschaulichen.
Außer den vier bohemistischen Sektionen gab es noch zwei weitere, die ihren Fokus auf die Länder Ostmitteleuropas richteten. Sie gingen über das Schreiben von nachbarschaftlicher Beziehungsgeschichte hinaus und formulierten schon im Titel den Anspruch, ein Theoriekonzept auf diesen Raum anzuwenden.
Dem von Peter Haslinger und Gregor Thum geleiteten Panel lag die These zugrunde, dass sich das Verhältnis Preußen-Deutschlands und der Habsburgermonarchie zu dem ostmitteleuropäischen Raum mit den Mitteln der Kolonialismusforschung analysieren lasse: Der Osten stelle einen Baustein im „Mosaik der deutschen und österreichischen Weltaneignung“ (so DIRK VAN LAAK in seinem instruktiven Kommentar) dar, was seine strukturellen Merkmale mit denen der überseeischen Expansion vergleichbar mache.
Illustriert wurde diese Parallele an zwei Beispielen: GREGOR THUM (Freiburg Institute for Advanced Studies, Freiburg) und IZABELA SURYNT (Universität Wrocław) arbeiteten heraus, wie stark das deutsche Bild von Polen mit Begründungsstrategien für die Ausdehnung nach Osten aufgeladen wurde; PETER HASLINGER (Herder-Institut Marburg, Universität Gießen) und PIETER JUDSON (Swarthmore College, Swarthmore) erläuterten, in welchem Maße koloniale Muster die Herrschaftspraxis im Habsburgerreich und das Verhältnis der Nationalitäten untereinander bestimmten. In beiden Fällen lasse sich von einem wahrhaftigen Kolonialdiskurs sprechen, der den Osten als wüstes Land und seine Bewohner als fremdartig und unzivilisiert darstellte (das Bild des „orientalischen“ Polen oder Bosniers) und der somit das Vordringen als Pflicht der kulturell höher stehenden Nationen rechtfertigte. Seine literarische Entsprechung habe diese Auffassung in populären Reiseberichten gefunden, die ihre Ziele zwar einerseits als exotisch und geheimnisvoll anpriesen, andererseits aber im öffentlichen Bewusstsein die Vorstellung eines Zivilisationsgefälles zum Heimatland festigten. Van Laak zufolge sei die Wirksamkeit der kolonialen Semantik in Anwendung auf Ostmitteleuropa mit der kompensatorischen Funktion zu erklären, die sie bei den Mächten entfaltet habe, welche nicht an der Aufteilung der Kontinente beteiligt waren. Die Vision einer Expansion nach Osten habe den den Gesellschaften des 19. Jahrhunderts eigenen Bewegungsdrang befriedigen können.
Trotz dieser Gemeinsamkeiten wurden in den Vorträgen auch große Unterschiede zwischen den beiden Fallbeispielen erkennbar, vor allem in Bezug auf das Verhältnis zwischen den Kolonisatoren und dem Staat: Während sich diese Lobby in Preußen-Deutschland teilweise direkter Unterstützung durch die Obrigkeit erfreuen konnte, bedeutete ihre nationalistische Argumentation eine Gefahr für das übernationale Selbstverständnis der Habsburgermonarchie, die den innerkolonialen Bestrebungen deshalb meist ablehnend gegenüberstand. Notwendigkeit für weitere Forschungen wurde dann in der Diskussion gerade in der näheren Untersuchung der verschiedenen Akteursgruppen gesehen, sowohl der Träger des Expansionsgedankens wie auch der Bevölkerungsmehrheit, die diesen Bestrebungen skeptisch bis ablehnend gegenüberstand. Des weiteren sei eine Systematisierung von Übersee- und Kontinentalexpansion wünschenswert, die den Kolonialismus in seiner Komplexität und Wandelbarkeit historisiere.
Von der „Geschichte des ersten Grades“ zu derjenigen „des zweiten Grades“ (Pierre Nora) wechselte die Sektion „Kollektives Gedächtnis und Beziehungsgeschichte. Binationale Erinnerungsorte im deutsch-polnischen Verhältnis“ (Leitung: Hans Henning Hahn). Sie entspann sich rund um das von Hahn und Robert Traba konzipierte Projekt der deutsch-polnischen Erinnerungsorte, dessen Zielsetzung es ist, Beziehungsgeschichte und das Konzept der „lieux de mémoire“ zusammenzubringen. Dies ermögliche, die nationale Begrenztheit von Identitätskonstruktionen zu überwinden, ohne aus den Augen zu verlieren, wie stark Identitätsbildungsprozesse mit dem nationalen Raum verknüpft seien.
Mit dieser Zielvorgabe war es nur folgerichtig, dass das Einstiegsreferat von ETIENNE FRANÇOIS (Freie Universität Berlin) gehalten wurde. Seine Bemerkungen zum Potential bi- und transnationaler Erinnerungsorte veranschaulichte er mit französischen Beispielen, was eine willkommene „Trilateralisierung“ der ansonsten rein deutsch-polnischen Sektion bedeutete. Die Thematik der Sektion umreißend betonte er, dass der nationale Rahmen nicht ausreiche, um die Erinnerung zu analysieren. Erinnerungskonstruktionen entstünden immer im Wechselspiel mit den Nachbarn, sei es in gegenseitiger Befruchtung, sei es mit dem Ziel der Abgrenzung. Daran knüpfte ROBERT TRABA (Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften / Freie Universität Berlin) an, demzufolge die binationale Perspektive das fehlende Glied zwischen der nationalen und der transnationalen Betrachtung von Erinnerungsorten darstelle.
Dies wurde im Folgenden an zwei Fällen illustriert: ZOFIA WÓYCICKA (Universität Warschau) erläuterte am Beispiel Auschwitz ein vielschichtiges Gedenken, das neben einem mehrfachen nationalen Kontext auch im deutsch-polnischen Zusammenhang und darüber hinaus zum weltweiten Erinnerungsort des Holocaust geworden ist. HANS-JÜRGEN BÖMELBURG (Universität Gießen) stellte die parallelen Erinnerungsorte Altes Reich und Rzeczpospolita vor, die im deutschen bzw. polnischen Gedächtnis als Bezugspunkt nationaler Bestrebungen fungierten. Die in den Beispielen deutlich gewordene Diskrepanz – in der polnischen Erinnerungskultur spielt Deutschland eine unübersehbare Rolle, während Polen im deutschen Fall nur peripher auftaucht – unterstrich den von Traba konstatierten Bedarf eines „gemeinsamen übernationalen Dialograums“.
Es fällt schwer, die hier vorgestellten Panels in einer zusammenfassenden Schlussbemerkung zu resümieren. Wie eingangs betont, waren Thematik und Herangehensweise höchst unterschiedlich, so dass ihre Gesamtheit als eine Vielzahl an Arten, über den ostmitteleuropäischen Raum zu sprechen, erscheint. Auch das Konferenzmotto bildet keine übergreifende Klammer, wurde es doch, wie deutlich geworden ist, meist nicht weiter vertieft, teilweise auch ganz ignoriert.
Die Chance, die verschiedenen Facetten des Begriffs „Ungleichheiten“ auszuloten und auf die regionalen Spezifika anzuwenden, wurde nur partiell genutzt; viele Bereiche wie etwa die Sozial- oder Geschlechtergeschichte blieben unberücksichtigt, Vergleiche zwischen den Ländern Ostmitteleuropas oder in größerem, europäischen Maßstab blieben aus. Neben der fast schon standardmäßigen Aussparung des Mittelalters und der Frühen Neuzeit blieben auch große Bereiche des 20. Jahrhunderts unterbelichtet, namentlich die Periode des Staatssozialismus, der wegen der ihm zugrunde liegenden Gesellschaftsutopie ein besonders dankbares Studienobjekt für den diesjährigen Historikertag abgegeben hätte.
Jenseits aller Desiderate bleibt jedoch hervorzuheben, dass Ostmitteleuropa generell und insbesondere die tschechische/böhmische Geschichte auf diesem Historikertag stark vertreten war und durch diese Präsenz, auch in einigen Abendveranstaltungen, sicherlich größere Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnte, als dies üblicherweise der Fall ist; in den Sektionen wurde gezeigt, wie aktuelle kulturwissenschaftliche Ansätze auf fruchtbare Weise auf die Region angewendet werden können; und nicht zuletzt erfuhr die transnationale Herangehensweise, die alle Panels verband, ihre praktische Umsetzung in der Zusammenarbeit von (nicht nur) deutschen, tschechischen und polnischen Historikern auf dem Podium – Hinweis darauf, dass der mehrfach angemahnte Dialog zumindest in der Geschichtswissenschaft schon stattfindet.
[1] Johan Schloemann, Ist es schlimm? Deutschlands Historiker wenden sich der Ungleichheit zu, in: Süddeutsche Zeitung, 6.10.2008, S. 11.
[2] Exemplarisch hier nur der Konferenzzyklus der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik: <http://1918-1938-1968.cz/content/view/1/3/lang,de/> (13.10.2008).
Politikgeschichte
Dominik Geppert Besprochene Sektionen
"Neue Politikgeschichte"
"Politisch-kulturelle Ungleichheiten im Spannungsfeld zwischen ‚Orient’ und ‚Okzident’"
"Vergessene Kategorien sozialer Integration: Ehre, Treue und Vertrauen als Aspekte einer Kulturgeschichte der Politik"
Die Geschichte der Politik beziehungsweise des Politischen hatte auf dem Dresdener Historikertag Konjunktur. Eine Sektion stellte die „neue Politikgeschichte“ ausdrücklich zur Diskussion, zahlreiche andere führten die Begriffe „Politik“ oder „politisch“ im Titel. Eine Abteilung befasste sich mit „politisch-kulturellen Ungleichheiten im Spannungsfeld zwischen ‚Orient’ und ‚Okzident’“. Ein anderes Podium thematisierte „politische Korruption in historischer Perspektive“, ein drittes „vergessene Kategorien sozialer Integration“ wie Ehre, Treue und Vertrauen als „Aspekte einer Kulturgeschichte der Politik“. Das Spektrum erstreckte sich zeitlich von der Antike bis zur Gegenwart mit einem Übergewicht auf dem 19. und 20. Jahrhundert. Geographisch lag der Schwerpunkt auf Deutschland und Europa mit Ausflügen in den Nahen und Fernen Osten. Thematisch gab es eine Bandbreite von antiken Herrscher- und Dynastiekulten bis zur Vertrauenssemantik bundesdeutscher Wahlkampfwerbung. Die ausgebreitete Vielfalt der Ansätze reichte von der transnationalen Geschichte über eine an Karl Rohe orientierte Analyse politischer Kultur bis zur Kommunikationsgeschichte und einer Geschichte der Emotionen.
Innerhalb der Sektion über die „neue Politikgeschichte“ in der Diskussion stellte SEBASTIAN CONRAD (European University Institute Florenz) seine transnationale Perspektive auf Politik nicht als Paradigma mit Ausschließlichkeitsanspruch vor, sondern als heuristische Alternative zur überkommenen Konzentration auf den Nationalstaat. Am Beispiel des deutschen und chinesischen Nationalismus um 1900 plädierte er dafür, Nationalismus und Internationalismus nicht im Denkmuster eines zeitlichen oder kausalen Nacheinanders zu interpretieren, in dem der Nationalismus als Vorbedingung oder Vorläufer des Internationalismus erscheint. Vielmehr solle man von einer gegenseitigen Durchdringung der beiden Phänomene ausgehen. BIRGIT EMICH (Universität Freiburg) verknüpfte das Konzept der politischen Kultur mit den makrohistorischen Prozessen der Staatsbildung im frühneuzeitlichen Oberitalien. Am Beispiel von Bologna und Ferrara demonstrierte sie, wie die politische Kultur der zwei Stadtstaaten die Handlungsmuster und Wahrnehmungsschemata von deren politischen Entscheidungsträgern prägte und auf diese Weise die langfristigen politischen Entwicklungen in beiden Staatswesen entscheidend bestimmte. WILLIBALD STEINMETZ (Universität Bielefeld) betonte bei seiner Präsentation des Bielefelder Ansatzes einer Politikgeschichte aus kommunikationsgeschichtlicher Perspektive den dynamischen Charakter des „Politischen“, das keinen zeitlos gültigen Wesenskern besitze, sondern sich in seinem Bedeutungsspektrum beständig verschiebe. Demzufolge stand die Erkundung von Politisierungs- und Entpolitisierungsprozessen im Zentrum seiner Überlegungen. Demgegenüber trat ANDREAS RÖDDER (Universität Mainz) mit bedenkenswerten Argumenten für eine hermeneutische, nicht theoriegeleitete Herangehensweise an die Politikgeschichte ein. Er sprach sich für eine Pluralität der Zugänge aus, beharrte aber mit Hans-Georg Gadamer auf dem „Vorrang der Frage“ und somit darauf, dass ein konkretes Erkenntnisinteresse, nicht eine bestimmte Theorie oder Methode am Anfang geschichtswissenschaftlicher Arbeit stehen müsse.
In der Sektion über Ehre, Treue und Vertrauen als vergessene Kategorien sozialer Integration beschrieb GUNILLA BUDDE (Universität Oldenburg) Emotion und Kalkül in der Politik nicht als Gegensätze, sondern als gleichberechtigte Bestandteile innerhalb eines kommunikativ konstruierten politischen Raumes. Im Anschluss an Agnes Hellers Theorie der Gefühle unterschied sie zwischen Basisgefühlen wie Angst oder Wut und komplexen Gefühlen, zu denen auch Ehre, Treue und Vertrauen gehörten. BIRGIT ASCHMANN (Universität Kiel) konzentrierte sich auf den Zusammenhang von Ehrkonzepten, nationaler Integration und Krieg, indem sie Gefühle verletzter Ehre als den eigentlichen Grund für den Ausbruch des deutsch-französischen Krieges 1870 darstellte. NIKOLAUS BUSCHMANN (Universität Tübingen) wies nach, wie nach dem Untergang des Kaiserreiches konträre Treuekonzepte den politischen Raum der ersten deutschen Republik in bitter verfeindete Lager spalteten. Auf diese Weise, so Buschmann, habe sich die ursprüngliche Funktion eines der sozialen Integration dienenden Treuebegriffs in ihr Gegenteil verkehrt. UTE FREVERT (Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin) demonstrierte anhand des Vertrauensbegriffes, wie die Entpersonalisierung von Herrschaft gerade im 20. Jahrhundert zu einer „emotionalen Infusion“ in die politische Semantik geführt habe, um das entstandene Gefühlsvakuum auszugleichen.
Was die beiden Sektionen über die Beschäftigung mit den Begriffen der „Politik“ und des „Politischen“ hinaus verband, war die Frage, welchen Mehrwert ein dezidiert kulturgeschichtlicher Ansatz in der Politikgeschichte verspricht. Wer von den Diskussionen über eine derart erneuerte Politikgeschichte eine Fortsetzung der heftig geführten Auseinandersetzungen zwischen Sozialgeschichtlern und Politikhistorikern während der 1960er- und 1970er-Jahre erwartet hatte, wurde aus verschiedenen Gründen enttäuscht. Zum einen hat sich die Kultur wissenschaftlicher Debatten in den vergangenen drei Jahrzehnten stark gewandelt – zum Positiven, wenn man unter wissenschaftlicher Diskussion den sachlichen Austausch von Argumenten im Dienst des Interesses an einer gemeinsamen Sache versteht; zum Negativen mag meinen, wer sich von streitbarer Zuspitzung größere sachliche Trennschärfe und Erkenntniszuwachs verspricht. Thomas Mergels Beobachtung, die Debatte über die „neue“ Politikgeschichte stagniere „auf nicht sehr hohem Niveau“, war das Maximum an Polemik, das sich die Diskutanten gestatteten.
Dass bissige Konfrontationen in Dresden ausblieben, hatte aber auch damit zu tun, dass die Politikgeschichte älterer Prägung sich heute zwar methodisch wie thematisch herausgefordert, aber nicht in ihrem gesamten Ansatz in Frage gestellt sieht. Von der Sozial- und Kulturgeschichte her kommende Historiker, die Politik und Politischem lange Zeit ausgesprochen skeptisch gegenüberstanden, entdecken gegenwärtig Felder historischer Forschung für sich, auf deren zentrale Bedeutung ihre Kollegen von der „traditionellen“ Politikgeschichte schon seit jeher hingewiesen haben. Ungewendete Politikhistoriker haben somit trotz aller Irritation über theoretische Umorientierungen oder ungewohnte Ausweitungen des begrifflichen Instrumentariums bei den gegenwärtigen Debatten doch gleichsam ein Heimspiel.
Das wurde in Dresden immer dann deutlich, wenn Vertreter einer „neuen“ Politikgeschichte traditionelle Konzepte der Politikanalyse entweder mit großer Selbstverständlichkeit übernahmen oder nur unter großen Schwierigkeiten in ihre eigenen Ansätze integrieren konnten. So operierte Birgit Emich in ihrem Vortrag ganz selbstverständlich mit der Kategorie des „Interesses“. Diese wollte sie zwar als Ergebnis kultureller Bedeutungszuschreibungen verstanden wissen, aber doch im Sinne einer subjektiven Handlungsrationalität der beteiligten Akteure, an der kaum ein „konventioneller“ Politikhistoriker Anstoß genommen hätte. Ähnliches galt für Gunilla Buddes Darlegungen über Emotionen in der Politik, die sich über weite Strecken mit der medialen Konstruktion von Gefühlen durch politische Inszenierungen beschäftigten und nur selten über die Propagandaebene hinaus zu den Emotionen der Bürger vorstießen, wie sie sich etwa in Selbstzeugnissen aufspüren lassen. Eine derartige Fokussierung ist zwar verständlich, wenn man die methodischen Schwierigkeiten jeder Rezeptionsanalyse bedenkt. Sie relativiert jedoch den Neuigkeitsanspruch einer Geschichte der Gefühle, die sich nicht zuletzt als Kontrapunkt zur Überbetonung des Rationalen verstanden wissen will, aber doch immer wieder unweigerlich auf die Beschäftigung mit den Kosten-Nutzen-Kalkülen der beteiligten Akteure verwiesen ist.
„Macht“ und „Entscheidung“ stellen weitere derartige Kategorien dar, mit denen sich die „neue“ Politikgeschichte oftmals schwer tut. Thomas Mergel, der auf diesen Umstand hinwies, beharrte darauf, dass der konstruktivistische Ansatz der Kulturgeschichte sehr wohl zur Analyse von Macht- und Entscheidungsfragen geeignet sei. Er verwies in diesem Zusammenhang auf Max Webers Definition der Macht als Chance auf Gehorsam – sicherlich kein schlechter Rat, aber kaum einer, der unbedingt das Attribut „neu“ rechtfertigt. Willibald Steinmetz räumte ein, dass innerhalb des Bielefelder Sonderforschungsbereiches (noch) keine Einigkeit über die Frage bestehe, wie man Machtverhältnisse analysieren solle. Er selbst plädierte dafür, Diskurshegemonie als komplexes Zusammenspiel von Ressourcenkonstellationen und Diskurskämpfen zu begreifen, die in ihrer Rückbindung an außerhalb der Kommunikation liegende Machtverhältnisse über die Dimension der Diskursanalyse hinauswiesen. BERND WEISBROD (Universität Göttingen) benannte zwei weitere Aspekte, die in einer auf Diskurse und Kommunikation reduzierten Politikvorstellung zu kurz kämen. Erstens gehe der Erfahrungsgehalt – Weisbrod sprach von der „Welthaltigkeit“ – von Politik über die sprachliche Vermittlung hinaus: die Erfahrung der Arbeitslosigkeit sei eben nicht dasselbe wie das Reden über Arbeitslosigkeit. Zweitens könne der performative Aspekt von Politik (beispielsweise als Gewalt im Krieg) nur unzureichend in einen kommunikationsgeschichtlich verkürzten Begriff des Politischen integriert werden.
Spätestens an dieser Stelle in der Debatte wurde deutlich, dass der zur Feindbildbestimmung gern bemühte erkenntnistheoretische Gegensatz zwischen Vertretern der „alten“ und „neuen“ Politikgeschichte – ob man ihn nun auf die Formel Essentialismus versus Konstruktivismus oder Realismus gegen Kulturalismus bringt – vieles von seiner Schärfe verloren hat. Auch Rödder, der als Vertreter einer „Politikgeschichte aus klassischer Perspektive“ aufs Podium gebeten worden war, positionierte sich mit seinem Plädoyer für eine an Gadamer angelehnte erneuerte Hermeneutik als gemäßigter Konstruktivist. Umgekehrt bestand auch über die Grenzen eines radikalen Konstruktivismus weitgehend Konsens – ob man das nun mit den Stichworten „Welthaltigkeit“ und „Performanz“ begründete (Weisbrod), für Ressourcen-Untersuchungen zur Abstützung der Diskursanalyse plädierte (Steinmetz) oder Gadamers Begriff des Common sense ins Spiel brachte, um eine Realität außerhalb der Konstruktion zu postulieren (Rödder).
Wenn es einen tiefer gehenden Dissens gab, dann brach er über der Frage auf, ob eine Kulturgeschichte des Politischen als Ergänzung oder als Alternative zur herkömmlichen Politikgeschichte mit ihrem Fokus auf staatlichen Institutionen und Entscheidungsprozessen innerhalb zumeist von Männern dominierter politischer Eliten anzusehen sei. Gegen die Vorstellung eines um kulturgeschichtliche Gegenstände erweiterten Themenspektrums der Politikgeschichte regte sich dabei auch unter den traditionelleren Vertretern des Faches kaum Widerspruch. Allenfalls wurde die Relevanz einer Kulturgeschichte „des Einstecktüchleins“ oder „der Zahnbürste“ bezweifelt. Demgegenüber führten einige Kulturalisten dezidiert den Ehrgeiz ins Feld, sich nicht nur auf neue Themen abdrängen zu lassen, sondern auch „die alten Geschichten neu zu erzählen“. Die Kulturgeschichte als Methode tauge nicht, so das Argument, wenn sie nicht einen neuen Blick auf die ganze Politik eröffne – und somit eben auch die großen Themen der klassischen Politikgeschichte neu und anders interpretiere.
Nimmt man die Dresdener Vorträge und Diskussionen als Indiz dafür, inwieweit dieser Anspruch (schon) eingelöst werden kann, so fällt die Bilanz eher ambivalent aus. Einige Bemerkungen von Nikolaus Buschmann über die deutsche Revolution von 1848 als Zusammenstoß zweier diametral entgegengesetzter Treuekonzepte (zwischen Monarch und Untertan einerseits, zwischen Bürger und Verfassung andererseits) deuteten an, in welche Richtung sich künftige Forschungen bewegen könnten. Aber insgesamt lag der Akzent der meisten Beiträge doch auf der Erweiterung des Themenspektrums und nicht auf der Revision als gesichert geltender Erkenntnisse der herkömmlichen Politikgeschichte. Allein Birgit Aschmann setzte mit ihrem Vortrag zum Ausbruch des deutsch-französischen Krieges direkt bei einem der unzweifelhaft „großen“ Themen der klassischen Politikgeschichte an. Sie erzählte die Geschichte aber keinesfalls umstürzend neu, sondern lediglich mit einigen anderen Nuancen versehen. Das Bild eines kühl kalkulierenden Reichskanzlers und emotional reagierender französischer Politiker, das Aschmann entwarf, bestätigte sogar überkommene Vorstellungen vom zynisch-brillanten Realpolitiker Bismarck.
Ute Freverts Vorschlag schließlich, die deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert als Geschichte von Vertrauen und Misstrauen neu zu lesen, muss jedem einleuchten, der in Zeiten der gegenwärtigen Bankenkrise die Zeitung aufschlägt. Man darf in diesem Fall – wie bei anderen Projekten der „neuen“ Politikgeschichte – gespannt sein, ob und wie sich die skizzenhaften Umrisse einer vortrefflichen Idee über historische Annäherungen hinaus konzeptionell bändigen, methodisch überzeugend aufzäumen, empirisch unterfüttern und zu einer Monographie verdichten lassen: „The proof of the pudding will be in the eating.“
Zeitgeschichte vor 1945
Marc Buggeln Besprochene Sektionen
"Ungleichheiten in der nationalsozialistischen "Volksgemeinschaft""
"Wirtschaftliche Ungleichheit als globales Problem des 20. Jahrhunderts"
"Ungleichheit, Prosperität und Glück. Wirtschaftshistorische Perspektiven"
„Visualisierung der Ungleichheit“
Historiker und Historikerinnen beweisen manchmal prognostische Fähigkeiten, wie die Wahl der Überschrift „Ungleichheiten“ für den Historikertag 2008 auf dem Historikertag 2006 in Konstanz zeigt. Die Wahlerfolge der Partei „Die Linke“, vor allem aber die schwere, globale Finanzkrise zeigen, dass die Auseinandersetzung mit „Ungleichheit“ derzeit äußerst aktuell ist. Gegenüber den Themen vorheriger Historikertage zeichnete sich durch diese Wahl eine erhöhte Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit gesellschaftlich brennenden Fragen ab. Ob damit allerdings eine Rückkehr zur Sozialgeschichte verbunden ist, wie Christoph Cornelißen
[1]
vermutet, muss bei einem Blick auf die Vielfalt des Programms bezweifelt werden. „Ungleichheiten“ bildeten nicht nur für die Sozialgeschichte ein lohnendes Gebiet, auch für wirtschafts- und kulturgeschichtliche Ansätze eröffneten sich zahlreiche Fragestellungen. Auch für das Feld der Zeitgeschichte bot die Überschrift zahlreiche Anknüpfungspunkte, so dass der für den Historikertag in Konstanz 2006 konstatierte Bedeutungsverlust der Zeitspanne sich nicht bestätigte.
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Insbesondere gab es wieder eine größere Anzahl von Sektionen, die sich der Zeit des Nationalsozialismus widmeten.
Die Sektion „Ungleichheiten in der nationalsozialistischen ‚Volksgemeinschaft’“ orientierte sich an der durch Götz Alys „Volksstaat“ aufgeworfenen Frage, ob die NS Herrschaft egalisierende Tendenzen gehabt habe. Mehrheitlich wandten sich die Vortragenden gegen diese Ansicht und wiesen stattdessen auf die neuen Ungleichheiten hin, die in den Jahren 1933 bis 1945 entstanden. Gleichzeitig wurden aber auch die Angebote des Staates an seine Bevölkerung in den Blick genommen und deren Attraktivität untersucht. Das Panel lieferte dadurch auch Erklärungsansätze für die phasenweise starke und aktive Loyalität breiter Teile der deutschen Bevölkerung gegenüber der NS-Diktatur.
Der Begriff „Volksgemeinschaft“ wurde bereits in der Weimarer Republik sowohl von der SPD als auch von liberalen und konservativen Parteien verwendet, so MICHAEL WILDT (Hamburger Institut für Sozialforschung). Auch wenn sich das Bedeutungsfeld dort deutlich von dem der NSDAP unterschied, stand der stark kollektivistische Zug im Gegensatz zu dem Verständnis von angloamerikanischen, demokratischen Parteien. In den USA oder Großbritannien erlangte der Begriff darum keine vergleichbare Relevanz. ARMIN NOLZEN (Ruhr-Universität Bochum) untersuchte die Eintrittswellen der deutschen Bevölkerung in die NSDAP und die ihr angeschlossenen Verbände unter dem Aspekt der Selbstmobilisierung. Seiner Schätzung nach waren 1939 zwei Drittel aller Deutschen Mitglied zumindest einer NSDAP-Organisation, was auf ein erhebliches Maß an Zustimmung und Selbstmobilisierung schließen lasse. FRANK BAJOHR (Forschungsstelle für Zeitgeschichte, Hamburg) betonte die weitere Ausdifferenzierung der Arbeiterlöhne während der NS-Zeit. Während Unterschiede auf diese Weise erhalten und sogar verstärkt wurden, bemühte sich die NSDAP, den Wert der Arbeit ideologisch aufzuwerten, wobei sie insbesondere in technologisch innovativen Industriezweigen erfolgreich war. SYBILLE STEINBACHER (Friedrich-Schiller-Universität Jena) zeichnete den beibehaltenen Ausschluss der Frauen aus der Politik nach. Jedoch erhielten Frauen durch neue Arbeitsplätze andere Möglichkeiten des Aufstiegs und der Anerkennung und damit auch Chancen zur Herrschaftsausübung. BIRTHE KUNDRUS (Hamburger Institut für Sozialforschung) analysierte die Selektionspolitik im Warthegau und im Generalgouvernement. Für Volksdeutsche und Teile der polnischen Bevölkerung, die als „eindeutschungsfähig“ deklariert wurden, bot diese Politik Vor- wie Nachteile. Für die Ausgeschlossenen, insbesondere die jüdische Bevölkerung, waren Verfolgung, Vertreibung und Mord die Folgen. DIETMAR SÜß (Friedrich-Schiller-Universität Jena) fragte, ob der Luftkrieg die deutsche Bevölkerung zusammenschweißte oder eine Zermürbung bewirkte. In seinem Fazit gab Süß jedoch keine eindeutige Antwort, sondern betonte eher eine Vielfältigkeit von Differenzen, die durch den Luftkrieg entstanden oder sich durch ihn verschärften.
Leider fehlte den Vorträgen meist eine vergleichende Perspektive zu anderen Ländern. Oft blieb in den Vorträgen offen, ob die diskutierten Fragen eine Spezifik des Nationalsozialismus darstellten oder sich in anderen Ländern ähnlich ausformten. Auch ergab sich eine gewisse Differenz zwischen Postulat und Umsetzung: Die meisten Vortragenden forderten zwar explizit einen Zugriff über die soziale Praxis ein, konnten diesen aber aufgrund der als Forschungsüberblicke konzipierten Manuskripte kaum einlösen. So wurde zwar mehrfach betont, dass Gewaltpraxen ein wichtiges Mitmach-Angebot des NS-Regimes darstellten, doch wie diese konkreten Aktionen aussahen, und welche Gewinne die Akteure aus ihr zogen, blieb leider unausgeführt. Trotz dieser Defizite, die auch in der Kürze der Zeit begründet waren, war die Sektion die kohärenteste aller von mir besuchten Sektionen. Alle sechs Vorträge gaben zudem Forschungsüberblicke auf höchstem Niveau.
Während die Wirtschaftsgeschichte auch durch den Aufstieg der Kulturgeschichte in den letzten Jahren oft ein Randdasein in der Geschichtsforschung führte, hat die Konjunktur der Globalgeschichte wie auch die zunehmende öffentliche Diskussion über Ungleichheiten Themen auf die Tagesordnung gesetzt, die in der Wirtschaftsgeschichte seit längerem eine wichtige Rolle spielen. In der Regel analysiert die Wirtschaftsgeschichte dabei das Handeln von Unternehmern und politischen Funktionsträgern oder versucht auf Basis statistischer Daten Zusammenhänge herzustellen. Die Sektion „Ungleichheit, Prosperität und Glück. Wirtschaftshistorische Perspektiven“ suchte zu ihren Fragen vor allem über statistisches Material Antworten. Erörtert wurde jedoch auch die Überlegung, inwieweit eine Befragung der Bevölkerung Aufschlüsse über Ungleichheit zu bringen vermag. So wertet die ökonomische Glücksforschung Umfrageergebnisse aus, um anhand dieser eine Relation zwischen den ökonomischen Verhältnissen einer Person und ihrem allgemeinen Wohlbefinden herzustellen. ULRICH WOITEK (Universität Zürich) berichtete über verschiedene Verfahren der ökonomischen Ungleichheitsmessung, die er an der Einkommensverteilung von Schweizer Lehrern im 19. Jahrhundert illustrierte. Eine ökonomische Glücksforschung ist seiner Ansicht nach hingegen nur für die letzten dreißig Jahre möglich, in denen ausreichend Befragungen der Bevölkerung darüber vorliegen, wie zufrieden Menschen in ihrer Situation sind. Für die Auswertung der Daten wäre, so Woitek, eine Zusammenarbeit zwischen Ökonomen und Psychologen notwendig. Dieser stand er allerdings skeptisch gegenüber. Mitunter betont die ökonomische Glücksforschung, dass ärmere Menschen nicht unglücklicher sind als Wohlhabende. In der Debatte wurde deshalb die Frage aufgeworfen, ob die ökonomische Glücksforschung nicht vor allem der Verklärung ökonomischer Ungleichheit diene. MICHAEL PAMMER (Johannes-Kepler-Universität Linz) untersuchte die ungleiche Vermögensverteilung in einigen Bundesländern des Königreichs Österreich-Ungarn im 19. Jahrhundert. Dabei entwickelte er ein vielschichtiges Instrumentarium zur Erklärung der Unterschiede. JAN-OTMAR HESSE (Georg-August-Universität Göttingen) legte dar, dass das Einkommen von Professoren in Deutschland zu Beginn des Jahrhunderts mitunter mehr als zehn Mal höher lag als das des Durchschnittsverdieners. Heute hingegen sei die Differenz lediglich zweieinhalb Mal so hoch. Er stellte fest, dass es ob dieses vergleichsweise deutlich zu Tage tretenden ökonomischen Positionsverlustes überraschend wenig Proteste gegeben habe.
In dieser Sektion gab es außer dem Oberthema „Ungleichheit“ wenig Verbindendes, was dazu führte, dass in der Diskussion keine übergreifenden Zusammenhänge erörtert wurden. Das Publikum stellte lediglich konkrete Nachfragen zu den einzelnen Vorträgen. Ein Grund hierfür war zweifelsohne der kurzfristige Ausfall des Vortrags von Mark Spoerer (Berlin) über Ungleichheit in Westeuropa im 20. Jahrhundert. Doch auch mit ihm dürfte eine sinnvolle inhaltliche Verbindung zwischen Schweizer Lehrern, österreichischen Bundesländern und deutschen Professoren über unterschiedlichen Zeiten hinweg kaum einfacher geworden sein.
Die Sektion „Wirtschaftliche Ungleichheit als globales Problem des 20. Jahrhunderts“ erweiterte die Perspektive um die globale Dimension der Ungleichheit. Warum es überhaupt reiche Länder gebe, fragte PEER VRIES (Universität Wien). China und Indien hätten zu Beginn des 18. Jahrhunderts einen größeren Marktanteil an der Weltwirtschaft gehabt als Europa. Im Pro-Kopf-Einkommen seien die Europäer zwar reicher gewesen, doch höchstens im Verhältnis von eins zu zwei. Heute habe sich das Ungleichverhältnis vervielfacht. Wie diese Differenz entstand, beleuchtete er am Beispiel von China und Großbritannien. Großbritannien war im 18. Jahrhundert ein fiskal-militärischer Staat, der in der Regel etwa 80 Prozent seines Staatsbudgets für das Militär ausgab. China trieb kaum Steuern ein und unterhielt nur wenig Militär. Das war unproblematisch, solange die Welt noch nicht kapitalistisch organisiert und die Transportzeiten sehr lang waren. Mit der Zunahme kapitalistischer Konkurrenzverhältnisse und der Verkürzung der Transportwege wurde Chinas militärische Unterlegenheit relevant. Europa konnte sich nun durch seine militärische Dominanz wirtschaftliche Vorteile sichern, was die Unterschiede zwischen den Ländern schnell deutlicher werden ließ. Vries betonte abschließend, dass für den Aufstieg reicher Länder letztlich die differente Organisation des Staates entscheidend war und genau dies Ökonometristen nur bedingt erklären könnten.
Während Vries die Entstehung von armen und reichen Ländern untersuchte, fragten die folgenden Vorträge nach dem Blick vorwiegend westlicher Experten auf die im 20. Jahrhundert zunehmend zur Kenntnis genommene Ungleichheit zwischen Ländern und Kontinenten. DANIEL SPEICH (Eidgenössische Technische Hochschule Zürich) beleuchtete den Umgang von Wirtschaftsstatistikern mit Fragen globaler Ungleichheit, der in den 1940er- und 1950er-Jahren seine erste Konjunktur hatte. Durch diesen sei zwar ein Problembewusstsein entstanden, aber eben auch eine Norm, wie sich Länder der Peripherie zu entwickeln hätten. ALEXANDER NÜTZENADEL (Viadrina-Universität Frankfurt/Oder) sah in der Rückkehr des Hungers nach Europa im Ersten Weltkrieg den auslösenden Moment dafür, Hunger als globales Problem zu begreifen. Bereits in der Zwischenkriegszeit, vor allem aber in den 1940er- und 1950er-Jahren entstanden global agierende Organisationen der Hungerhilfe. Doch blieben diese – zum Beispiel auch die Food & Agricultural Organization (FAO) – bis zu den Hungerkrisen der 1960er-Jahre unterfinanziert und mit geringem politischem Einfluss. CORINNA UNGER (Deutsches Historisches Institut Washington) untersuchte die „Modernisierungsstrategien“ der Rockefeller und der Ford Foundation in der Dritten Welt. Sie betonte das große Engagement der in den Stiftungen arbeitenden Experten, die einem universellen Fortschrittsversprechen verpflichtet waren. Gleichzeitig meinte sie, dass es den Stiftungen auch um die Regulation der unübersichtlichen Länder der Dritten Welt gegangen sei. Das Scheitern der Modernisierungsstrategien begründete sie vor allem mit dem westlichen Blick der Experten und der nicht ausreichenden Berücksichtigung lokaler Gegebenheiten. Damit folgte sie der Kritik, die in den Stiftungen selbst seit den 1970er- und 1980er-Jahren formuliert wurde.
ANDREAS ECKERT (Humboldt-Universität zu Berlin) betonte in seinem Kommentar, dass man den Verkauf von Produkten in die Dritte Welt als Teil von Entwicklungsprojekten nicht unterschätzen sollte. Zudem gab er zu Bedenken, dass das Scheitern nicht allein durch einen westlichen Blick zu erklären sei. Vielmehr bestünde ein Spannungsverhältnis zwischen dem Anspruch, Rückständigkeit zu bekämpfen und dem Wunsch, den eigenen Machtstatus zu erhalten. Ulrich Herbert (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg) entgegnete, dass dies doch die Instrumentarien einer veralteten Imperialismuskritik seien. Er plädierte dafür, den in den 1950er-Jahren entstehenden idealistischen Universalismus, der seiner Meinung nach erst im Vietnam-Krieg ins Zynische abglitt, ernst zu nehmen. Nun hätte man von der „streitbaren Zunft“ eine erhitzte Diskussion über den Sinn und Zweck der Weiterverwendung bestimmter analytischer Elemente der Imperialismuskritik erwarten können, doch die konträren Positionen blieben weitgehend unerörtert im Raum stehen.
Die Sektion „Visualisierung der Ungleichheit“ nahm sich der Analyse von Schaubildern und Grafiken an, die aus demographischen Statistiken generiert wurden. HEINRICH HARTMANN (Freie Universität Berlin) sah die Anfänge der demographischen Wissenschaften und deren Visualisierungsstrategien eng verbunden mit Bedürfnissen der Kriegsführung und dem Aufkommen von Wehrkraftstatistiken in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Er wies dabei auf den Zwiespalt der Demographen hin, die sich zumeist als universelle und transnationale Forscher begriffen, in der Regel aber auf nationalstaatliche Daten zurückgriffen. SYLVIA KESPER-BIERMANN (Universität Bayreuth) untersuchte die Bedeutung von Torten- und Flächendiagrammen bei der Konstruktion und Verortung der „unheilbaren Verbrecher“ im Deutschland der 1930er-Jahre. DANIEL SCHMIDT (Universität Leipzig) analysierte die Verbreitung der 1932 vom Bevölkerungswissenschaftler Friedrich Burgdörfer eingeführten Bevölkerungspyramide. Er konnte feststellen, dass diese sowohl in der BRD wie in der DDR die häufigste Visualisierungsstrategie der Bevölkerungswissenschaftler war. VERONIKA LIPPHARDT (Humboldt-Universität zu Berlin) beleuchtete die Versuche der Humangenetik und der Ökologie, die Bevölkerungswissenschaft als zentrale Beratungsinstanz der Politik zu verdrängen. Als langfristigen Wandel charakterisierte sie dabei, dass Burgdörfer 1932 ein wachsendes Volk als Ideal formuliert hatte. Er sah für Deutschland einen Bevölkerungsrückgang als große Gefahr. Die neueren Wissenschaftszweige begreifen heute ein alterndes, "stationäres" Volk im Zeichen des Bevölkerungswachstums als Ideal, während die eher wachsenden Völker der Dritten Welt als das zentrale Problem betrachtet werden, dem mit Bevölkerungskontrolle beizukommen sei. JAKOB VOGEL (Universität zu Köln) versuchte in seinem Kommentar eine Chronologie der Visualisierungsstrategien in den Bevölkerungswissenschaften zu entwerfen, die jedoch vom Publikum aufgrund der Heterogenität der Vorträge skeptisch kommentiert wurde. Die Diskussion fokussierte sich im Wesentlichen auf die Frage, inwieweit Schaubilder und Graphiken autoritäre Setzungen oder/und auch deutungsoffen sind, sowie inwieweit eine Erforschung der Rezeptions- und Aneignungsformen möglich und sinnvoll ist.
Zusammenfassend betrachtet lag eine Stärke des diesjährigen Historikertages aus der Perspektive der Zeitgeschichte in der Auseinandersetzung mit bis heute politisch bedeutsamen Themen. Dieses Lob können sowohl die sozial- und wirtschaftshistorischen wie auch kulturgeschichtlichen Sektionen für sich beanspruchen. Weiter ist hervorzuheben, dass der Bedeutung von Statistiken nachgegangen wurde. Durch sie konnten auch ansonsten eher verdeckte Ungleichheiten sichtbar gemacht werden. Positiv ist weiter zu vermerken, dass die Statistiken auf dem Historikertag nicht ausschließlich als getreues Abbild der Welt dargestellt, sondern auch auf ihren Konstruktionscharakter hingewiesen wurde. Bemerkenswert war außerdem, dass die postkoloniale Kritik am westlichen Blick schon fast zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist.
Die Schwäche des Historikertags lag darin, dass das Handeln und die Blicke der Experten nicht in Relation zum Handeln und den Vorstellungen der Menschen gesetzt wurden, die „ungleich“ gemacht oder betrachtet wurden. Weder wurde die soziale Praxis der Herstellung von Ungleichheit analysiert, noch beschäftigte sich eine Sektion mit den Vorstellungswelten der „Ungleichen“. Völlig aus dem Blick gerieten Formen des Widerstandes gegen Ungleichheit. Gerade diese Abwesenheit erstaunt, formulierten doch fast alle Redner bei der Eröffnungsveranstaltung oder bei Kurzeinführungen in die Sektionen, dass Ungleichheit ein häufiger Anlass zum Protest war und ist. Auf dem Historikertag waren jedoch weder Gewerkschaften noch andere soziale Bewegungen ein Thema, ganz zu schweigen von Protestbewegungen in der Dritten Welt. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Die Analyse der Vorstellungswelten von Politikern, Managern und Wissenschaftlern ist ein wichtiger Bestandteil, um die Welt zu verstehen. Diese bilden aber nur einen Teil des Ganzen, denn in der Praxis gibt es immer dort, wo sich Macht manifestiert auch Widerstand. Erst durch die Analyse der Interaktionen und den Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Gruppen lässt sich ein differenziertes Bild vom Zustand der jeweiligen Zeit zeichnen, denn die Praxen üben starken Einfluss auf die Vorstellungen über die Welt aus. So ist zum Beispiel Kriminalität im Sinne des „Labeling Approach“ zwar immer auch eine Zuschreibungspraxis, aber die Zuschreibungen sind ohne das tatsächliche Brechen von Gesetzen kaum verstehbar. Darum wird eine Untersuchung, die sich ausschließlich auf die Vorstellungen von Eliten beschränkt, immer nur einen Ausschnitt des Ganzen zeigen können. Werden weder Praxen noch Widerstand dargestellt, bleibt „Ungleichheit“ merkwürdig steril.
Eine weitere Folge dieser Blickverengung war, dass die blutigen und dreckigen Seiten von Ungleichheit höchstens am Rande erwähnt wurden. Selbst bei den Sektionen über den Nationalsozialismus standen vor allem strukturelle Ungleichheiten und Selbstmobilisierungen der deutschen Bevölkerung im Blickpunkt. Gewalt wurde erwähnt, aber nur selten im Detail analysiert. Auch bei allen anderen Themen blieben, etwas bildlich gesprochen, die Leichen im Keller. Nur ansatzweise wurde beispielsweise geschildert, welche dramatischen Folgen die nicht ausreichende Macht der Welternährungsorganisationen bis in die 1960er-Jahre hatte oder welche gewalttätigen Praxen mit den Modernisierungsstrategien westlicher Experten in der Dritten Welt verbunden waren. Eine Verbindung der Analyse von politischen Entscheidungen mit ihren Auswirkungen in der Praxis vor Ort ist leider, insbesondere bei der Untersuchung der Länder der Dritten Welt, immer noch eine Seltenheit. Es bleibt zu hoffen, dass für künftige Historikertage genauso spannende Überschriften wie dieses Jahr gefunden werden und es den Zeithistorikerinnen und Zeithistorikern dann gelingt, das Thema noch multiperspektivischer anzugehen.
[1] Interview mit Christoph Cornelißen, in: Berliner Tagesspiegel vom 30.9.2008, <http://www.tagesspiegel.de/magazin/wissen/;art304,2625669> (20.10.2008).
[2] Isabel Heinemann: Zeitgeschichte (bis 1945), in: H-Soz-u-Kult, 20.10.2006, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/id=832&type=diskussionen> (20.10.2008). Hinweis:
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