Band 13 • 2010 | ISBN: 978-3-86004-262-5 | Berichte vom Historikertag 2010 | | Berichte über Sektionen des Historikertages 2010 |  |
Am Rande des Imperiums. Der Osten des Reiches um 1150: Berlin-Brandenburg vor seiner EntstehungLeitung: Michael Lindner, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin; Michael Menzel, Humboldt-Universität zu Berlin Bericht von: Christoph Mielzarek, Monumenta Germaniae Historica, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften Aufgaben und Ziele dieser Sektion formulierte MICHAEL LINDER in einem Prolog: Es gelte, die Geschichte des Raumes zwischen Elbe und Oder im 12. Jahrhundert unter dem Paradigma von Grenze und Grenzüberschreitung zu (be-)schreiben, verlief doch hier, auf dem Gebiet des späteren Brandenburg, nicht nur die politische Außengrenze des römisch-deutschen Imperiums, sondern auch ethnische, sprachliche, religiöse Grenzen sowie der Übergang zwischen einer schriftlichen und einer mündlichen Kultur. In fünf Vorträgen sollte unter anderem folgenden Fragen nachgegangen werden: Welchen Charakter haben (imperiale) Grenzen? Sind sie durchlässig und wenn ja, wofür? Was trennen Grenzen? Wie sieht das Reich seine Nachbarn? Wie sah die imperiale Vorfeldpolitik aus? Wie stellen sich in diesem Zusammenhang etwa militärische Auseinandersetzungen oder Bündnisse dar? Wie verhalten sich Anrainer eines Großreichs? Gleichzeitig bot sich hier die Gelegenheit, die Frage nach dem Nutzen der „turns“ für die gegenwärtige Landesgeschichte zu erörtern.
MICHAEL LINDNER beschrieb, dem Beispiel des Tacitus folgend, ein (fiktives) Gespräch zwischen zwei Slawen, Pribislaw-Heinrich von Brandenburg und dem vermutlich unter polnischem Einfluss stehenden Jaczo/Jaxa von Köpenick. Dieser Dialog bot dem Referenten die Möglichkeit, der Logik von Imperien nachzuspüren, hier im Besonderen dem Umstand, dass sie sich an ihren Grenzen anders verhielten als andere politische Herrschaftsgebilde, etwa Königreiche oder Fürstentümer. Er verwies dabei auf drei Punkte: Erstens bestünden im Vorfeld von Großreichen vielfältig abgestufte politische, wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen mit halbdurchlässigen und unscharfen Grenzen. Dadurch sei die Vorstellung einer linearen Grenzziehung wenig sinnvoll. Ob Pribislaw-Heinrichs Brandenburg, das in einem Abhängigkeitsverhältnis zum Imperium stand, nun innerhalb oder außerhalb desselben gelegen habe, sei kaum zu entscheiden. Erst bei Köpenick stünde die Unabhängigkeit vom sacrum Romanum imperium außer Frage. Dennoch sei auch hier die Grenze für kulturellen, wirtschaftlichen und herrschaftstechnischen Austausch durchlässig. Zweitens wurden Nachbarn des Imperiums nicht als gleichberechtigt angesehen. Tribut-, Klientel- oder Lehnsabhängigkeiten seien die Formen „zwischenstaatlicher“ Beziehungen. Drittens gebe es an der Peripherie einen größeren Spielraum für Eigen- und Sonderinteressen der regionalen Kräfte, der Fürsten. Das liege am Integrationsgefälle, das vom Zentrum des Reiches zur Peripherie hin bestehe und Ausdruck in einer größeren politischen Selbständigkeit der Herrschaftsträger am Rande finde, z.B. bei Eroberungen, Bündnissen und Eheverbindungen mit Auswärtigen. Diese Zusammenhänge würden deutlicher, wenn man die Quellen mit neuen Fragen konfrontiere, die sich etwa aus dem spatial turn oder dem cultural turn ergäben.
Nach einer Kritik der immer noch überwiegend dekorativen Verwendung von Münzen und numismatischen Erkenntnissen durch die Mediävistik stellte BERND KLUGE eine Reihe von Münzen vor, die im 12. Jahrhundert zwischen Elbe und Oder geprägt wurden. Hauptaugenmerk legte er dabei auf eine nur auf die numismatischen Befunde gestützte Rekonstruktion der Ereignisse um die Übernahme der Brandenburg durch Albrecht den Bären und dessen Auseinandersetzung mit Jaczo/Jaxa von Köpenick und kontrastierte diese mit der auf schriftlichen Quellen basierenden etablierten Geschichtsauffassung. Demnach deute der Münzbefund darauf hin, dass Jaczo/Jaxa die Brandenburg eher vier Jahre in Besitz hatte als nur wenige Monate, wie die Forschung heute überwiegend annimmt. Von Albrecht dem Bären seien nach den 1150er-Jahren keine Münzen aus der Brandenburg bekannt, was seine praktische Herrschaftsausübung in dieser Burgstadt zweifelhaft erscheinen lasse. Stattdessen fänden sich aus dieser Zeit schon Münzen seines Sohnes Otto. Die anspruchsvollsten Münzen Jaczos/Jaxas wiederum und damit vielleicht auch erst der Höhepunkt seiner Macht stammten aus der Zeit nach seiner Vertreibung aus der Brandenburg und sind keineswegs in der Gegend um Köpenick aufgefunden worden. Eine in diesem Raum und dieser Zeit singuläre Gemeinschaftsprägung von Pribislaw-Heinrich und seiner Frau Petrissa deute auf deren bedeutende Rolle bei der Herrschaft (und Herrschaftsnachfolge) in der Brandenburg hin. Eine Auseinandersetzung der brandenburgischen Landesgeschichte mit diesen Ergebnissen der Numismatik erscheint überaus wünschenswert.
CHRISTOPH MIELZAREK ging auf die Rolle von politischen Grenzen in den Heiratsbeziehungen zwischen sächsischen Markgrafen und Piasten ein. Sie stellten keine Hindernisse dar, sondern böten im Gegenteil Anlass für Eheschließungen zwischen den Geschlechtern. Der Referent exemplifizierte dies an den Ehen der Söhne Albrechts des Bären und Konrads von Wettin mit Töchtern der „jüngeren“ piastischen Linie um die Herzöge Bolesław IV. und Mieszko III. Dass es sich bei dieser um die kaiserfeindliche Piastenlinie handelte, habe keine Rolle gespielt, eher orientierte sich die Heiratspolitik am Rande des Imperiums an den politischen Interessen. Sprachliche und kulturelle Unterschiede seien bei Eheschließungen auf fürstlicher Ebene offensichtlich unerheblich gewesen. Vielmehr diente die Ehe als Absicherung politischer Verabredungen und der Garantie gutnachbarschaftlicher Beziehungen.
MATHIAS LAWO referierte über die wichtigste Quelle zur Inbesitznahme der Brandenburg durch Albrecht den Bären in den 1150er-Jahren, den sogenannten „Tractatus de urbe (oder captione urbis) Brandenburg“ des Heinrich von Antwerpen. Dass die verschiedenen, sämtlich aus dem 19. Jahrhundert stammenden Editionen dieser Quelle fehlerbehaftet sind, liege nicht nur an der Unbedarftheit der Editoren und ihrer zeitbedingten Neigung, in ihrer Meinung nach unverständliche (und daher in ihrem Sinne unmöglich korrekte) Passagen des Textes konjizierend einzugreifen. Das Hauptproblem sei vielmehr, dass mit der Mittellateinischen Philologie als Universitätsdisziplin erst zum Ende des 19. Jahrhunderts die Grundlage für eine angemessene philologische Erschließung lateinischer Texte des Mittelalters geschaffen wurde. Eine philologische Betrachtung des Tractatus habe im Detail durchaus Folgen sowohl für einen künftigen Editor wie auch für die Interpretation des Historikers – etwa beim sogenannten Leitzkauer Kronopfer Pribislaw-Heinrichs, bei der Textdatierung oder beim Datum des Übergangs der Brandenburg von Pribislaw-Heinrich auf Albrecht den Bären.
MICHAEL MENZEL kritisierte die inflationäre Anwendung kulturwissenschaftlicher Theorien auf politisch determinierte Entwicklungen des Mittelalters. Am Beispiel des sogenannten Wendenkreuzzugs von 1147 konnte er zeigen, dass Untersuchungen von raumtheoretischen und von religiös-kulturellen Ansätzen her am Kern des Problems vorbei gehen können und die mit dem Kreuzzug verbundenen Geschehnisse nicht erklären. Die „turns“, die sich hinter den Interpretationen verbergen, seien letztlich ideelle, kulturelle, religiöse, raum- oder herrschaftsorientierte Deskriptionsmodelle, deren sich die mittelalterlichen Akteure oder ihre Chronisten auch schon bedient hätten. Eine gründliche Kritik dieser Tendenzen zeige hingegen, dass der Wendenkreuzzug in erster Line durch die Rivalität Heinrichs des Löwen und Albrechts des Bären geprägt gewesen sei, die ihren Ursprung gleichermaßen in zurückliegenden Auseinandersetzungen um das Herzogtum Sachsen wie in den Expansionsplänen der Fürsten jenseits der Elbe fände. Die Zerstrittenheit des Wendenkreuzzuges sei bisher kaum gesehen worden. Die „turns“ der Einordnung träfen lediglich Aspekte, die in zweiter und dritter Linie eine Rolle spielten, gingen aber an den primären persönlichen Motiven vorbei.
HEINZ-DIETER HEIMANN fasste die Sektion zusammen und verwies dabei insbesondere auf den Anteil der Landesgeschichte bei der Neuausrichtung der Geschichtswissenschaft in den letzten Jahrzehnten. Wenn auch ohne den theoretischen Überbau und damit in gewisser Weise mit einem geringeren Reflexionsgrad habe die Landesgeschichte viele der Entwicklungen, die heute als turns bezeichnet werden, vorweggenommen. In Bezug auf die brandenburgische Landesgeschichte verwies er dabei beispielhaft auf Untersuchungen zur Stadtgeschichte und die Germania-Slavica-Forschung.
Die abschliessenden Diskussion der sehr gut besuchten Sektion hätte von einer stärkeren Beteiligung der mittelalterlichen brandenburgischen Landesgeschichte profitieren können.
Sektionsübersicht:
Michael Lindner (Berlin): Prolog: Über Wenden – De conversionibus et Sclavis
Michael Lindner (Berlin): Grenzgänger: Jaxa von Köpenick und Pribislaw Heinrich von Brandenburg – Streitgespräch am Rande des Reiches über die Vor- und Nachteile, zum Sacrum Romanum Imperium zu gehören
Bernd Kluge (Berlin): Zwangsumtausch? Pribislaw-Heinrich, Jacza und Albrecht der Bär: Die Anfänge der Münzprägung im späteren Berlin-brandenburgischen Raum um 1150
Christoph Mielzarek (Berlin): Grenzenlose Liebe? Askanier, Piasten und Wettiner in grenzüberschreitenden dynastischen Heiratsbeziehungen
Mathias Lawo (Berlin): Kränze mit Eichenlaub: Die Monumenta Germaniae Historica, die Quellen und die Anfänge der brandenburgischen Geschichte
Michael Menzel (Berlin): Grenzwertig! Der Wendenkreuzzug 1147 und seine Motive.
Heinz-Dieter Heimann (Potsdam): Epilog und Diskussionsleitung Tagungsbericht Am Rande des Imperiums. Der Osten des Reiches um 1150: Berlin-Brandenburg vor seiner Entstehung. 28.09.2010-01.10.2010, Berlin. In: H-Soz-u-Kult 20.11.2010. Clan-Strukturen und Policy-Akteure. Die Machtzentralen der staatssozialistischen Parteien zwischen Poststalinismus und PerestroikaLeitung: Jens Gieseke / Rüdiger Bergien, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam Bericht von: Florian Peters, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam / Humboldt-Universität zu Berlin Ein nachgerade bilderstürmerischer Impetus lag der von Rüdiger Bergien und Jens Gieseke organisierten Historikertags-Sektion zu den zentralen Parteibürokratien im poststalinistischen Staatssozialismus zugrunde: An die Stelle verbreiteter Vorstellungen von sauber schnurrenden Apparaten, von nach außen hermetisch abgeschlossenen und nach innen homogenen Machtmaschinen sollten neue, akteurszentrierte Perspektiven gesetzt werden, die soziale Beziehungsgeflechte, Heterogenität und gegenläufige Dynamiken innerhalb der staatssozialistischen Machtzentralen in den Mittelpunkt der Betrachtung rücken. In diesem Sinne forderte JENS GIESEKE (Potsdam), den positivistischen Glauben an die durch die Archivöffnung nach 1989 zur Verfügung gestellten Aktenmassen hinter sich zu lassen und sich methodologischen Alternativen zu öffnen. Zugleich betonte er, dass diese alternativen Ansätze nicht vollkommen neu zu erfinden sind, sondern sich ihrerseits durchaus auf Forschungstraditionen berufen können. Fragen nach „Kulturen des Politischen“ und praxeologische Ansätze, die bisher vor allem auf die Basis diktatorischer Herrschaftsysteme bezogen worden seien, seien verstärkt auch für die Erforschung der Spitze staatssozialistischer Herrschaft in der Phase „zwischen Poststalinismus und Perestroika“ fruchtbar zu machen.
Das Potential solcher Ansätze illustrierten vier Referate, die die Sowjetunion in der Breschnew-Ära, die DDR sowie die ungarisch-rumänischen Beziehungen in den 1980er-Jahren in den Blick nahmen. Den Anfang machte SUSANNE SCHATTENBERG (Bremen) mit ihrem Beitrag über die „dnepropetrinische Epoche“ in der russischen Geschichte. So nämlich sei die Herrschaft Breschnews, die sich auf ein klientelistisches System von Gefolgsleuten aus dessen Heimatregion Dnepropetrowsk stützte, in einem zeitgenössischen Sprichwort bezeichnet worden – und dies nicht zu Unrecht, sei doch der breschnewsche Klientelismus keineswegs als systemwidrige Korruption zu fassen, sondern vielmehr als Kern des sowjetischen Systems in seinem damaligen Entwicklungsstadium. Zu verstehen sei dies nur im Kontext der Erfahrungen mit der terroristischen Führung unter Stalin einerseits und dem von der Parteielite als Bedrohung empfundenen Reformeifer Chruschtschows andererseits. Unter diesen Bedingungen könne Breschnew als „wandelnde vertrauensbildende Maßnahme“ (Christoph Boyer) durchaus nicht als schwacher Führer gesehen werden. Dass beide Nachfolger Breschnews, Andropow und Tschernenko, dessen Protegés gewesen waren, beweise die nachhaltige Prägekraft des breschnewschen Patronagesystems ebenso wie das Scheitern der Reformen Gorbatschows. Denn diese hätten sich eben nicht, wie Gorbatschow meinte, gegen Deformationen des Sowjetsystems gerichtet, sondern gegen das eigentliche System.
Während Schattenberg sich auf die unmittelbare Spitze der sowjetischen Führung konzentrierte, richtete FRANCESCO DI PALMA (Berlin) den Blick auf eine untergeordnete Leitungsebene, und zwar die außenpolitische Abteilung des Zentralkomitees der SED. Sein Interesse galt den Spielräumen der SED in der Zusammenarbeit mit den kommunistischen Parteien Italiens und Frankreichs PCI und PCF, die aufgrund der programmatischen Differenzen zwischen dem moskautreuen PCF und dem eurokommunistischen, auf einen Dritten Weg orientierten PCI unter Enrico Berlinguer von besonderer Brisanz gewesen sei. War die Verurteilung der Niederschlagung des Prager Frühlings durch den PCI für die SED noch inakzeptabel, habe im Laufe der 1970er-Jahre ein Wandlungsprozess stattgefunden, der den PCI als Mittler zwischen Ost und West zunehmend wertgeschätzt, die dogmatische PCF-Linie hingegen als Zeichen von Schwäche interpretiert habe. In diesem Zusammenhang seien die Bewertungen des außenpolitischen Ressorts der SED differenziert und die Kompetenzzuordnungen keinesfalls monolithisch. Als Ergebnis konstatierte di Palma eine partiell eigenständige internationale Politik der SED gegenüber den westeuropäischen kommunistischen Parteien.
Auch PETRU WEBER (Szeged) widmete sich den differenzierten Einflussfaktoren auf die Außenpolitik der Staatsparteien innerhalb des sowjetisch dominierten Ostblocks. Seine Darstellung der konfliktreichen ungarisch-rumänischen Beziehungen in den 1980er-Jahren zeigte die zunehmend offen ausgetragenen Differenzen zwischen beiden Parteien auf, die sich im Wesentlichen an der Frage der bedeutenden ungarischen Minderheit in Rumänien entzündeten. In Folge der reformkommunistischen Öffnung in Ungarn 1988/89 habe insbesondere der sinkende Grad der Parteikontrolle über Medien und gesellschaftliche Initiativen in Ungarn zu Verstimmungen auf rumänischer Seite beigetragen. Von ihrem eigenen Handlungsrahmen ausgehend, habe die monolithisch strukturierte rumänische Führung unter dem „conducator“ Ceaucescu kritische Berichte in der ungarischen Presse und die Tolerierung einer Großdemonstration für die Rechte der ungarischen Minderheit als Teile einer von oben gesteuerten antirumänischen Kampagne interpretiert. Andererseits sei auffällig, dass sich die ungarische Zensur bei rumänischen Themen grundsätzlich liberaler zeigte als bei inländischen Problemen. Insofern sei die Evolution der jeweiligen inneren Herrschaftspraxis in beiden Ländern als zentraler Faktor der beiderseitigen Beziehungen zu verstehen.
Mit seiner systematischen Analyse der „Brigadeeinsätze“ der Abteilungen des SED-Zentralkomitees bei untergeordneten Parteiinstanzen thematisierte RÜDIGER BERGIEN (Potsdam) am direktesten einen Aspekt der staatssozialistischen Parteiherrschaft, der im Rahmen der durch die Sektion zu hinterfragenden konventionellen Interpretationen für gewöhnlich als Instrument der von oben ausgeübten Disziplinierung und Kontrolle gedeutet wird. Solchen Bewertungen hielt Bergien entgegen, die Brigadeeinsätze seien vor allem als performative Inszenierungen zu verstehen, die sich keinesfalls in ihrem repressiven Charakter erschöpften. Die in der Regel nicht vom Politbüro, sondern von den Abteilungsleitern des ZK in eigener Verantwortung angeordneten Einsätze hätten mehrheitlich weniger den Charakter eines inquisitorischen Strafgerichtes gehabt, sondern vielmehr auf die inszenierte Wiederherstellung ideologischer Kohäsion zwischen verschiedenen Ebenen der Partei gezielt. Hierfür sei das bloße Zitieren des „autoritativen Diskurses“(Alexei Yurchak) seitens der untergeordneten Funktionäre ausreichend gewesen. Das Instrument der Brigadeeinsätze sei zugleich ein Symptom für die strukturelle Überforderung von Steuerungsorganen in staatssozialistischen Systemen, deren Funktionsfähigkeit nur mit Hilfe derartiger nicht-formalisierter Sondereinsätze zu gewährleisten gewesen sei.
Inwieweit allerdings im Rahmen dieser inszenierten Konsensherstellung individuelle Handlungsspielräume für die Beteiligten bestanden, wurde von CHRISTOPH BOYER (Salzburg) in seinem pointierten Kommentar in Frage gestellt. Die Struktur der Brigadeeinsätze wertete er als „subtil camouflierten Monolithismus“, dessen kommunikativ-figurativer Charakter von seiner Repressivität nicht zu trennen sei. Zudem belege gerade der nicht-formalisierte Status der Brigadeeinsätze im Vergleich zu den formalisierten Sonderverwaltungen des Nationalsozialismus den monolithischen Anspruch der staatssozialistischen Bürokratie. Grundsätzlich verwies Boyer auf die noch zu leistende theoretische Konzeptionalisierung des Gegensatzes von Hierarchie und Handlungsspielräumen sowie der Erklärung von Dynamik angesichts des vergleichsweise hohen Grades an paradigmatischer Festlegung im Staatssozialismus. Aus dieser Perspektive sei auch die personale Herrschaftspraxis Breschnews nur unter spezifischen systemischen Bedingungen möglich gewesen, nämlich auf der Grundlage des Immobilitätspaktes der Eliten eines Systems, das mit seinem Latein am Ende ist.
Dass dies für die Erforschung eben dieses Systems durchaus noch nicht gilt, wurde durch die Sektion gut illustriert. Die Beiträge demonstrierten insgesamt überzeugend, dass selbst die Funktionsmechanismen der Machtzentralen im weiteren Sinne für Fragestellungen jenseits des Paradigmas von Herrschaft und Repression gewinnbringend neu fokussierbar sind. Gerade die bisher eher vernachlässigte Phase zwischen dem Ende des Stalinismus und dem Beginn der Systemtransformation, für die sogar noch immer ein prägnanter Epochenbegriff fehlt, hält sowohl für empirische Forschungen als auch für die Theoriebildung noch eine Reihe von Herausforderungen bereit.
Sektionsübersicht:
Jens Gieseke (Potsdam): Einführung und Moderation
Susanne Schattenberg (Bremen): Dnepropetrovsk an der Macht. Clanstrukturen im ZK von Breschnjew bis Gorbatschow
Francesco Di Palma (Berlin): Die ZK-Abteilung für internationale Verbindungen der SED und der Eurokommunismus der PCI und PCF. Akteure, Funktionsweise, Probleme
Petru Weber (Szeged): Minderheitenpolitik im Kommunismus. Steuerungsprobleme und institutionelle Konflikte der ungarischen und rumänischen KP-Zentralen in den achtziger Jahren
Rüdiger Bergien (Potsdam): Policy-Akteure im „Großen Haus“. Der ZK-Apparat der SED und die Performativität kommunistischer Herrschaft
Christoph Boyer (Salzburg): Kommentar Tagungsbericht Clan-Strukturen und Policy-Akteure. Die Machtzentralen der staatssozialistischen Parteien zwischen Poststalinismus und Perestroika. 28.09.2010-01.10.2010, Berlin. In: H-Soz-u-Kult 06.11.2010. Creating a World Population: The Global Transfer of Techniques of Population Control in the 20th CenturyLeitung: Veronika Lipphardt, Max Planck Institute for the History of Science Berlin; Corinna R. Unger, Jacobs University Bremen Bericht von: Maria Dörnemann, Seminar für Zeitgeschichte Tübingen The issue of “population” occupies historians for multiple reasons. One of them is the fact that “population” as a social and academic construct is genuinely transnational in nature; the same is true of demography as a discipline. The transnational dimension of “population” enables historians to do research beyond borders, as the slogan of this year’s Historikertag in Berlin stated. Consequently, the panel on the global transfer of techniques of population control in the 20th century, which is summarized in the following, neatly fit the meeting’s theme, both thematically and with regard to the interest in the methodological challenges of border-crossing.
The panel’s goal, as the chairs CORINNA R.UNGER (Bremen) and VERONIKA LIPPHARDT (Berlin) pointed out, was not primarily to present answers but to raise and discuss conceptual questions in order to encourage a continuous scholarly dialogue across disciplinary divides. In their introduction, Unger and Lipphardt outlined recent debates in the field to frame the contributions of the panel. Ever since the use of the term “population” became popular, it has had a double meaning dependent on the aims and interests of politicians, experts or journalists. In their interpretations of demographic statistics, “population” often figured as a threat to security or resources, and many differentiated between quantity and quality.
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Lately, Unger and Lipphardt underlined, historians have focused on contemporary debates about quantity; consequently we know more about perceptions of “overpopulation” than on cases of dramatic demographic decline. Also, historians have preferred the top-down approach and often neglected the “voices from below”. Therefore, Unger and Lipphardt wanted the panel to aim at analyzing both sides of the issue. The thread tying the section together was the focus on intermediaries, meaning persons, objects, and images functioning as tools of knowledge transfer to implement the global population discourse in local circumstances.
ALEXANDRA WIDMER (Berlin), an anthropologist by training, opened up the panel. Her presentation, which focused on the region of the New Hebrides, a popular missionary destination from the mid-1800s on, combined the social history of a place with an analysis of population control measures. According to anthropologists, missionaries and public health doctors, the New Hebrides had a depopulation problem, which they tried to solve through the transfer of knowledge. In the 1940s, local men were sent to Fiji to be trained as assistant doctors. Additionally, expatriate nuns set up and ran two nurse training schools for indigenous women in the 1950s. Through her analysis of persons as intermediaries, Widmer focused on the contact zone between nuns, nurses, and child-bearing women. Working with oral history methods, she illustrated how external technologies meant to improve maternal and child health care services were inscribed into local rituals and practices. She showed how research on the micro level, which captures the “voices from below”, can help to address the problem of a static “western” perspective.
In her paper, Widmer examined the period between the 1950s and the 1970s, at time when the issue of depopulation became transformed into concerns about overpopulation. Therefore, she mentioned that IUD and the pill complemented the technological tools introduced during the maternal and child health care campaign. However, she did not discuss the categories experts used to diagnose the shift from depopulation to overpopulation. The question then arises whether that shift was inspired by a global discourse emphasizing overpopulation, and how that discourse reached the New Hebrides. Generally, apart from mentioning the World Population Conference of 1927, the global dimension and its effects on local practices played only a secondary role in the presentation. Although methodologically challenging, linking the rich local material with the global discourse would be most fruitful, it seems.
JESSE OLSZYNKO-GRYN (Cambridge) showed how the global theoretical discourse of overpopulation interfered with practices developed in the field of medical research. Recounting the evolution of techniques of female sterilization, he explained how those techniques enabled experts not only to think but also to act in a global manner. With a material history approach, Olszynko-Gryn described the initial development of laparoscopic sterilization in the 1960s and the USAID-supported distribution of that technique in developing countries in the 1970s. In the last part of his paper, he presented some examples of the manifestation of this technology in India in the 1980s. He underlined the efforts of USAID to transform earlier sterilization approaches into an efficient, affordable tool that could be easily implemented in developing countries. The intermediary in this case was an object, the lapracator, a sterilization instrument. Turning away from the abstract, theoretical discourse about overpopulation, Olszynko-Gryn illustrated the impact of this object, which made mass sterilization campaigns in India possible. There was one physician in India who completed up to 156 sterilizations within two hours, which meant that he spent less than one minute with each woman. Thanks to Olszynko-Gryn’s detailed (if somewhat descriptive) presentation, the audience gained a better understanding of the relevance of technology in promoting specific approaches to “population control”.
The last paper was presented by SYBILLA NIKOLOW (Bielefeld) and dealt with images as intermediaries. Those images translated knowledge generated by social scientists into statistical visual displays and thereby became tools of quantitative argument, which could be understood by lay people. To illustrate her thesis that the modern concept of world population was constituted by quantitative and statistical representations, Nikolow focused on Otto Neurath’s visual method of pictorial statistics. Since the Austrian social scientist (1882-1945) aimed at visualizing population not as an entity but as part of a social order through techniques of differentiation, Neurath differed from the mainstream of his time, Nikolow argued. To underline her point, Nikolow talked about some of the characteristics of Neurath’s method (Isotype), like the rule that every sign should represent a definite quantity, the effort to produce “speaking signs” in symbolizing birth by babies and death by gravestones, and the distinction of different groups by skin color. Furthermore, she reported that Neurath used “indexes of modernity”, such as lifespan, suicide rank, educational level and distribution of consumer goods. While the audience gained a detailed overview about Neurath’s techniques and intentions, Nikolow stopped short of analyzing his concepts of modernity and social order and did not reflect upon the conditions of understanding his visual statistics in Neurath’s time. Her goal, as she stated, was to discuss the limits and the potential of visual statistics by way of Neurath’s method, however, she didn’t contextualize or historicize Neurath’s approach.
PATRICK WAGNER (Universität Halle) commented on all three papers and closed with a general remark on the topic. With regard to Nikolow’s paper, Wagner pleaded for a differentiation between the social scientist’s intentions and the structural conditions of visibility. In order to extract these conditions, one has to define the rules of visualization in a given situation. Hence, it has to be taken into account that the legibility of visual statistics depends on the degree to which they link to categories and stereotypes already established in society. Consequently, Wagner raised the question how complex social phenomena that can be represented in visual statistics can be analytically separated from those that don’t allow for visual representation. Wagner wondered what kind of repercussions the limits of visibility might have on the evolution of expert knowledge. Finally, he posed the methodological question how researchers could measure the impact of visual technologies on a mass audience.
Discussing Jesse Olszynko-Gryn’s paper, Wagner diagnosed that in the 1960s “overpopulation” changed from a political issue to a social disease that could be “treated” by medical interventions. He raised the question of power of physicians over the freedom of choice of families. Wagner pleaded to integrate the political framework more strongly, and he suggested that Olszynko-Gryn’s top-down approach could be complemented by discussing examples of agency and the process of “appropriation” on part of those individuals who were sterilized.
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Wagner referred to the bottom-up perspective in Widmer’s paper, in which she considered the process of writing external interventions into established rituals, gender relations, and structures of knowledge and power. Here again, the commentator invited the audience to look at the other direction of the assumed appropriation process: “Are there any hints that practices and rituals performed in the New Hebrides had an impact on the biomedical birth control technologies brought to the islands by doctors and nuns?”
Wagner encouraged the audience to discuss the transfer of knowledge as transfer of power. In conclusion, he raised the question how expert knowledge changed due to the efforts of transforming theoretical expertise into practical approaches and techniques. How could it be possible, he wondered, to gather and integrate the internal feedback (in the so-called developing countries) into the external approaches, and how to understand if and in which ways this feedback had an impact on the local practices.
Thanks to the inspiring presentations, a lively discussion followed, raising questions of methodology as well as content. It was pointed out that the papers had a very strong focus on transnational history, and it was questioned how the impact of the international forums involved could be integrated. Moreover, possibilities to consider the gender dimension, particularly in Widmer’s paper, were discussed. Some raised the question of the role of the state in population projects.
When it comes to methodological questions, writing the story of the creation of a world population is still a work in progress. But the panel showed that the focus on intermediaries offers a promising approach to connect global and local level, scientific discourse and the knowledge of lay people, and the ambitions of scientific research in countries like the United States with their impact on individuals in countries like India. As such, the panelists contributed in a productive and fruitful way to current discussions within the discipline.
Panel:
Veronika Lipphardt (Berlin) / Corinna R. Unger (Bremen): Introduction: The Global Transfer of Techniques of Population Control in the 20th Century
Jesse Olszynko-Gryn (Cambridge): The Globalization of Laparoscopic Sterilization.
Alexandra Widmer (Berlin): An Anglican Nun, New Hebridean Nurses and Indigenous Women: Assemblages in the Attempts to Increase the Population in the New Hebrides.
Sybilla Nikolow (Bielefeld): Visualizing Population Changes: Pictorial Statistics and Global Demography
Patrick Wagner (Halle): Comment
[1] Thomas Etzemüller described this framework as the “matrix” of population discourse, see: Idem, Ein ewigwährender Untergang, Bielefeld 2007, p. 47.
[2] This remark is based on Emma Tarlos’s methodological approach in: Unsettling Memories. Narratives of the Emergency in Delhi, London 2000. Tagungsbericht Creating a World Population: The Global Transfer of Techniques of Population Control in the 20th Century. 28.09.2010-01.10.2010, Berlin. In: H-Soz-u-Kult 06.11.2010. Der Topos des leeren Raumes als narratives Konstrukt mittelalterlicher und neuzeitlicher EinwanderergesellschaftenLeitung: Matthias Asche, Eberhard-Karls-Universität Tübingen; Ulrich Niggemann, Philipps-Universität Marburg Bericht von: Kerstin Weiand, Geschichte der Frühen Neuzeit, Fachgebiet Neuere Geschichte, Philipps-Universität Marburg „ÜberGrenzen“, das Motto des diesjährigen Historikertages nahmen Matthias Asche (Tübingen) und Ulrich Niggemann (Marburg) bei der Ausgestaltung ihrer Sektion wörtlich. Mit dem Topos des 'leeren Raumes' als narrativem Konstrukt von Einwanderergesellschaften wählten sie nicht allein ein migrationsgeschichtliches Thema, sondern überschritten durch die chronologische wie geographische Breite ihres Zuschnitts auch intradisziplinäre Grenzen.
Im Zeichen einer Historischen Semantik stand dabei eine Konzeption, die nach der Bedeutung und Funktion von Narrativen in den Identitätsfindungsprozessen von Migrantengruppen fragte und diese in ihrem jeweiligen sozio-ökonomischen, politischen wie konfessionellen Kontext verortete. Soziale Gruppen weisen besonders in Zeiten intensivierten Wandels und des Verlusts von Sicherheiten ein erhöhtes Bedürfnis nach Sinnstiftungs- und Kohäsionsnarrativen auf. Ein Paradebeispiel dafür sind von Migration betroffene Bevölkerungsgruppen, die nicht zuletzt aufgrund der Tagesaktualität dieses Themas für unsere eigene Gesellschaft in den vergangenen Jahren verstärkt in den Fokus der Geschichtswissenschaft gerückt sind. In der aktuellen wie der retrospektiven Verarbeitung der Wanderung entwickeln sich Deutungen, die wiederum Wahrnehmungen strukturieren und sich durch kontinuierliche Tradierung zu Geschichtsbildern verfestigen. Konstrukte des Eigenen und Fremden, von Identität und Alterität zählen ebenso dazu wie die narrative Konstruktion des Siedlungsgebietes als 'leeren Raum'. Letzterer diente häufig als Legitimationsfigur, indem er die Vorstellung transportierte, in ein unbewohntes bzw. entvölkertes oder zumindest unkultiviertes Land einzuwandern und von diesem entsprechend rechtmäßig Besitz zu ergreifen. Dieser Topos lieferte, so die Ausgangsthese der Sektionsleiter, einen wichtigen Beitrag zur Ausbildung eines gruppenspezifischen Selbstbildes zahlreicher Einwanderungsgesellschaften. Diesem Anteil exemplarisch und in einem komparatistischen Zugriff über die Jahrhunderte in ganz unterschiedlichen Kontexten hinweg nachzuspüren, unternahmen die Referenten der Sektion. Gefragt wurde nach der Entstehung und vor allem der Durchsetzung entsprechender identitätsstiftender Narrative im kommunikativen Austausch. 'Raum' wurde dabei weniger als geographische denn als kognitive Größe im Sinne von 'mental maps' begriffen und damit also der Blick auf die diskursive Formation und nicht auf die materiellen Bedingungen der Landschaft gelenkt.
Dass mit dem Topos des leeren Raumes ein bestimmtes, wiederkehrendes Narrativ von Einwanderergesellschaften in den Mittelpunkt der Sektion gestellt wurde, erwies sich als gewinnbringend, ermöglichte es doch eine inhaltliche wie methodische Pluralität, die sonst bei migrationsgeschichtlichen Themen eher selten gegeben ist und die dazu einlud, Fragen nach übergreifenden semantischen Mustern und damit verbundenen Sinnstiftungsprozessen von Einwanderern, aber auch deren Varianz und Wandlungsfähigkeit zu stellen.
Makrogeschichtliche Überblicksdarstellungen, die den Blick lenkten auf Grundmuster von Migrationsnarrativen (Kersken), wurden ergänzt durch eher mikrogeschichtliche Analysen einzelner Einwanderungsgruppen (Niggemann, Asche). Zudem wurde die Genese von Solidaritäts- und Schicksalsgemeinschaften, sowohl in nationaler (Kersken, Schild, Kenny) wie in gruppenspezifischer (Asche, Niggemann) Hinsicht analysiert. Als fruchtbar erwiesen sich unterschiedliche Herangehensweisen, etwa die eines diskurszentrierten (Kenny, Niggemann, Asche) oder die eines akteurszentrierten (Schild, Kersken) Ansatzes, die den Wert eines Methodenpluralismus gerade auch für die Untersuchung der Entstehung und Durchsetzung von Narrativen empirisch belegten. Durch den Vergleichspunkt des Topos des leeren Raumes war es zudem möglich, epochenübergreifend und in globaler Perspektive zu argumentieren. Gründungsmythen im mittelalterlichen Europa (Kersken) wurden ebenso thematisiert wie die Inbesitznahme von Nordamerika im 17. und im 19. Jahrhundert (Niggemann, Schild), die Kolonisation Südafrikas in der Frühen Neuzeit (Niggemann) ebenso wie die Narrativierung der australischen Nation (Kenny) oder der Ansiedlung der Salzburger Protestanten in Preußen und deutscher Kolonisten im Wolgagebiet (Asche) von der Frühen Neuzeit bis ins 20. Jahrhundert.
Nach konzeptionellen Einführungen durch MATTHIAS ASCHE (Tübingen) ergriff, einer chronologischen Ratio folgend, zunächst NORBERT KERSKEN (Marburg/ Warschau) das Wort. In seinen Ausführungen zum leeren Raum in mittelalterlichen Narrativen zu Landnahme und Landesausbau untersuchte er in einem vergleichenden Zugriff unterschiedliche Traditionen europäischer Landnahmeerzählungen. Gründungsmythen seien fester Bestandteil der mittelalterlichen, frühnationalen Historiographie mit vergleichbaren semantischen Mustern gewesen, etwa der Beschreibung des Auswanderungsmotivs und des Siedlungslandes, dem in der Regel eponymen Landnahmeführer, sowie dem Rechtsgrund der Landnahme. Die jeweiligen inhaltlichen Ausprägungen seien jedoch sehr heterogen gewesen. Den Topos der Besiedlung eines leeren Raums als eines gänzlich unbewohnten Gebietes konnte Kersken allein für die britischen Inseln nachweisen. Der Hinweis auf eine ursprünglich verlassene Insel fand sich bereits in der 'Historia ecclesiastica' von Beda (731) sowie in der dem Nennius zugeschriebenen 'Historia Brittonum' (ca. 829-30), wurde aber erst von Geoffrey von Monmouth um ca. 1136 in eine kongruente Erzählung überführt, die im Folgenden die Deutungshoheit erlangen sollte. England war diesbezüglich ein Sonderfall, so Kersken, seien doch in zahlreichen Gründungsnarrativen des Kontinents die Verdrängung von bzw. der Streit mit indigenen Bevölkerungsgruppen durchaus thematisiert worden und habe gar identitätsbildend gewirkt, wie er ausführlich für Polen, Böhmen und Ungarn nachwies. In anderen diskursiven Kontexten spielte der Topos des leeren Raums gleichwohl eine Rolle. So sei in Urkunden zum Landesausbau im 12. und 13. Jahrhundert auf ursprünglich wildes und unbestelltes Land verwiesen worden. Der Bezug auf die autochthone heidnische Bevölkerung habe dieses Argument sogar gestützt und sei wichtiges Rechtfertigungsmotiv der Landnahme gewesen. Der leere Raum in mittelalterlichen Landnahmeerzählungen, so wurde deutlich, war also keineswegs ein feststehender Topos. Sein jeweiliger funktionaler Stellenwert und seine inhaltliche Ausgestaltung unterlag vielmehr einer hohen Varianz.
Den Ansatz, verschiedene Einwanderergesellschaften miteinander zu vergleichen, griff ULRICH NIGGEMANN (Marburg) für die Frühe Neuzeit auf, indem er Raumkonzepte von Einwanderern und deren Nachkommen in Neuengland und in Südafrika gegenüberstellte. Zentrales Motiv in der retrospektiven Narrativierung der Besiedlung Neuenglands habe in der Überwindung von 'wilderness' oder 'desert' gelegen. Nach der Idee der stark calvinistisch geprägten frühen Siedlergemeinden sei damit die Errichtung eines christlichen Idealstaates in apostolischer Tradition und die Verwirklichung einer göttlichen Sendung verbunden worden. Auch Niggemann stellte fest, dass die Urbevölkerung keineswegs ausgeblendet, sondern vielmehr selbst als integraler Bestandteil in das zugrundeliegende Konzept von Wildnis einbezogen wurde. Die diskursive Funktion dieses Narrativs habe jedoch nicht, wie möglicherweise anzunehmen, primär in der Rechtfertigung der eigenen Landnahme gelegen. Vielmehr habe es sich vor allem um einen religiös-moralischen Appell an die eigene Gemeinde zur Reaktivierung des Sendungsbewusstseins gehandelt, der besonders in der zweiten und dritten Generation nach der eigentlichen Besiedlung zur Stärkung der Gruppenidentität verbreitet gewesen sei. Um dieses Phänomen begrifflich zu fassen, prägte Niggemann den Terminus 'Kohäsionsnarrativ'. Auch wenn sich die Besiedlungen von Neuengland mit stark konfessionell geprägten und literaten Einwanderern und Südafrika mit einer zentral gelenkten und überwiegend agrarisch strukturierten Siedlerschaft stark unterschieden, ließe sich doch in diesem Punkt, dem Verständnis einer göttlichen Sendung zur Urbarmachung von Wildnis als eines zentralen Aspektes der eigenen Identitätsfindung, eine Gemeinsamkeit feststellen. Greifbar wird dieses Motiv in Südafrika aufgrund der Quellenlage freilich erst im 19. Jahrhundert.
Ebenfalls dem stark konfessionell aufgeladenen Beispiel einer Migrationsbewegung widmete sich MATTHIAS ASCHE (Tübingen) mit der Niederlassung der Salzburger Protestanten in Preußisch-Litauen, die er durch die nur wenig später anzusetzende deutsche Russlandsiedlung ergänzte. Während Selbstzuschreibungen der Siedler bzw. deren Nachkommen den Schwerpunkt der meisten Referate bildeten, bot Asche eine aufschlussreiche Perspektivenerweiterung, indem er Fremdzuschreibungen und deren Wirkung für die Identitätsbildung von Einwanderungsgruppen in den Blick nahm. Indem er seinen Untersuchungszeitraum bis ins 20. Jahrhundert ausdehnte, vermochte er die Beharrungsfähigkeit semantischer Muster und ihre gleichzeitige kontextuelle Varianz aufzuzeigen. Die Ausweisung der Salzburger Protestanten 1731 löste als 'gesamtprotestantisches Medienereignis' ein gewaltiges publizistisches Echo aus. Die Ansiedlung im zuvor durch die Pest entvölkerten Preußisch-Litauen sei in der Publizistik als göttliche Vorsehung gedeutet worden, die einen leeren Raum geschaffen habe für die Salzburger, die der verbleibenden eingesessenen Bevölkerung mit ihrem Glaubenseifer als Vorbild dienen sollten. Im Laufe des 19. Jahrhunderts sei dieses Narrativ einer dem Gemeinwesen dienlichen Integration in den säkularen preußischen Aufstiegsdiskurs eingegangen. Gleichsam mit der Rolle von 'Musterkolonisten' und damit von Vorbildern für andere Siedler seien die deutschen Siedler im russischen Reich, wobei hier auch die russische Regierung im 19. Jahrhundert die Pionierleistung und die Urbarmachung eines brach liegenen Raumes hervorgehoben habe. In beiden Fällen, so die These Asches, trugen die narrativen Fremdzuschreibungen zur Identitätsfindung der jeweiligen Gruppen bei und behielten Gültigkeit bis ins 20. Jahrhundert.
Während Matthias Asche also die Beharrungsfähigkeit des Topos des leeren Raums verdeutlichte, befasste sich GEORG SCHILD (Tübingen) mit der Überwindung dieses Topos im Nordamerika des 19. Jahrhunderts. Auf anschauliche Art und Weise griff er damit das Thema von Ulrich Niggemann auf und unterstrich den Anspruch der Sektion, diachron wie geographisch angelegte Vergleiche zu vermitteln. Ausgehend von dem allegorischen Gemälde 'American Progress' von John Gast aus dem Jahr 1872, das die Besiedlung und Erschließung des amerikanischen Westens darstellt, vertrat Schild die These, das Narrativ eines leeren Raumes habe im 19. Jahrhundert bei der Besiedlung des amerikanischen Westens ausgedient. Als Rechtfertigungsmotiv sei es abgelöst worden von der Leitidee eines 'Progress', eines unaufhaltsamen und zum Wohle aller gereichenden Modernisierung. Die Indianer als die ursprünglichen Bewohner seien in diesem Kontext zu Fortschrittsfeinden erklärt und damit ihre Verdrängung gerechtfertigt worden. Ihre Enteignung sei schrittweise erfolgt und habe auf einem Rechtskonstrukt basiert, nach dem ohne agrarische Nutzung des Landes auch keine Eigentums- oder gar Besitzrechte beansprucht werden könnten. Dieser Grundsatz sei durch verschiedene richtungsweisende Urteile im Lauf des 19. Jahrhunderts bestätigt worden. Schild zeigte dabei anschaulich, wie ein juristischer Diskurs, der keineswegs ohne Gegenstimmen oder Alternativen blieb, die politische Deutungshoheit gewann und damit wirkmächtig wurde, während andere Diskursebenen, etwa die literarische, in Bezug auf die amerikanische Westsiedlung weiterhin sehr heterogen blieben.
Einen Wandel der Diskurse zeichnete auch ROBERT KENNY (Melbourne) nach, der die Semantiken der Entdeckung, Landnahme und Nationsbildung Australiens analysierte. In einem weiten Bogen führte er Australiens Weg vom sagenhaften Südkontinent der europäischen Antike, der 'terra australis incognita', bis zu der nach der Koloniegründung durch James Cook 1770 allmählich einsetzenden Besiedlung eines als besitzlos gedachten Raumes, der 'terra nullius'. Aufgrund der äußerst heterogenen Einwanderungsgruppen habe sich nur allmählich ein übergreifendes Integrationsnarrativ gebildet. Identitätsstiftend habe dabei der Rekurs auf die ungezähmte, von menschlicher Gesellschaft unberührte Wildnis gewirkt, die durch die Pionierleistung der Siedler überwunden worden sei. Dieses Bild einer agrarisch geprägten und angesichts der Herausforderungen der Wildnis egalitären Gesellschaft, habe sich trotz der überwiegend urban geprägten australischen Gesellschaft lange gehalten. Erst in den 1970er-Jahren sei es durch die Aufarbeitung der Geschichte der Aborigines und der damit einhergehenden Entwertung des Konzeptes 'terra nullius' erschüttert worden. Zu einem spezifisch nationalen und bis heute ungebrochen wirksamen Narrativ habe sich daneben in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Erinnerung an die Teilnahme der australischen Armee am Ersten Weltkrieg und insbesondere die verheerenden Verluste gegen die Türkei in der Schacht von Gallipolli entwickelt. Zeremoniellen Ausdruck fände dieses Gedenken, die eine dezidiert antibritische Konnotation enthalte, in dem feierlich begangenen ANZAC Day, dem australischen Nationalfeiertag.
Der komparatistische Ansatz der Sektion hat sich insgesamt als sehr gewinnbringend erwiesen. Denn die breit angelegte Analyse des Topos des leeren Raums als narratives Konstrukt in Einwanderergesellschaften hat mehr zu Tage befördert als 'Grundmuster' und vergleichbare Charakteristika eines semantischen Gemeinplatzes. So haben die Referate für sich genommen, vor allem aber in ihrer Gesamtschau die Sensibilität eines Gemeinplatzes verdeutlicht, der eben nicht bestimmten narrativen Grundmustern unterzuordnen ist, sondern sich gerade durch seine Bedeutungspluralität auszeichnet. Obwohl nämlich bestimmte inhaltliche Aspekte des Sprechens über den leeren Raum in den Geschichtsbildern von Einwanderungsgesellschaften wiederkehren – wie etwa die göttliche Sendung oder das Konzept der Überwindung von Wildnis und das Gegenüberstellen der eigenen als überlegen empfundenen Zivilisation mit der als 'wild' und damit als minderwertig angesehen autochthonen Bevölkerung – ist doch deren Bedeutung nur im jeweiligen Kontext zu verstehen. Dies zeigen die vielfältigen Funktionen, die einem semantischen Muster zugeschrieben wurden, so etwa die Rechtfertigung und Legitimierung der Landnahme (Schild, Kersken), die Herausbildung, Festigung und Reaktivierung einer gruppenspezifischen Identität (Niggemann, Kersken, Kenny), die ethisch-religiöse Instruktion und Modellbildung (Niggemann, Asche), die Stützung obrigkeitlicher Projekte (Asche), die diskursive Begleitung von Staatsbildungsprozessen (Schild, Kenny) oder die polemische Spiegelung konfessioneller Auseinandersetzungen (Asche).
Daneben bot die Sektion auch wichtige Einblicke in die komplexen personellen und diskursiven Strukturen, die bei der Verbreitung von Narrativen und Geschichtsbildern wirksam sein können. Neben der Rolle von individuellen Meinungsführern (Kersken, Schild) und intellektuellen Eliten (Niggemann) wurden etwa auch die von Obrigkeiten und Regierungen (Asche, Schild, Kenny) oder von außerhalb der Siedlungsgemeinschaft stehenden Personengruppen (Asche) beleuchtet, freilich ohne dass diese Aufzählung Vollständigkeit beanspruchen könnte.
In diesem Sinne bot die Sektion das Beispiel einer gelungenen Historischen Semantik, die sowohl nach den kontextgebundenen sprachlichen Mustern und deren Wandlungen als auch nach deren jeweiligen Medien und Distributoren fragt. Die Hinterfragung eines vermeintlichen Topos und dessen Trägern, so kann man als wichtiges Ergebnis der Sektion festhalten, führt zu vertieften Einsichten hinsichtlich der für eine bestimmte historische Situation charakteristischen Wahrnehmungsmustern und deren narrativer Verarbeitung.
Sektionsübersicht:
Matthias Asche (Tübingen): Einführung in das Thema der Sektion
Norbert Kersken (Marburg): Der leere Raum in mittelalterlichen Narrativen zu Landnahme und Landesausbau
Ulrich Niggemann (Marburg): „Desert“, „Wilderness“, „End of the Earth“ – Konzepte von Wildnis in Neu- England und am Kap der Guten Hoffnung
Matthias Asche (Tübingen): „ein Land, worin Gott Raum gemacht“ – Wahrnehmungen und Deutungen der Einwanderung und Niederlassung Salzburger Protestanten in Preußisch-Litauen und deutscher Kolonisten im Russischen Reich
Georg Schild (Tübingen): „they did not own the land" – die Rechtfertigung der Verdrängung der Indianer Nordamerikas im 19. Jahrhundert
Robert Kenny (Melbourne): From „Terra Incognita“ to „Terra Nullius“ – Filling the Australian Emptiness Tagungsbericht Der Topos des leeren Raumes als narratives Konstrukt mittelalterlicher und neuzeitlicher Einwanderergesellschaften. 28.09.2010-01.10.2010, Berlin. In: H-Soz-u-Kult 13.11.2010. Die Entstehung des modernen Unternehmens: Aufkommen, Form und Grenzen der Institutionalisierung und Diffusion in Europa 1400-1900Leitung: Ralf Banken, Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt Bericht von: Christian Müller, Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt Unternehmen sind heutzutage die vorherrschende Institution zur Erstellung ökonomischer Leistungen und bilden damit einen zentralen Bestandteil moderner Volkswirtschaften. Ausgangsfrage der Sektion „Die Entstehung des modernen Unternehmens: Aufkommen, Form und Grenzen der Institutionalisierung und Diffusion in Europa 1400-1900“ war daher, wie es eigentlich dazu kam, dass die Institution des „modernen“ Unternehmens zur dominierenden Organisationsform der Produktion seit Beginn des 19. Jahrhunderts wurde. Sektionsleiter RALF BANKEN (Frankfurt am Main) begann die Sektion mit der Feststellung, dass die Unternehmensgeschichte bisher nur selten auf die Zeit vor den 1870er-Jahren blicke und daher die Frage nach der Entstehung des „modernen“ Unternehmens nicht präzise beantwortet werden könne. Im Rahmen einer historischen Einordnung werde deutlich, dass eine große Verbreitung von Unternehmen bereits um etwa 1800 zu beobachten sei. Man gehe in der Sektion jedoch nicht davon aus, dass es zuvor keine Unternehmen in diesem Sinne gegeben habe. Vielmehr sei ihre Zahl lediglich so gering gewesen, dass sie letztlich nur als Einzelphänomene der Wirtschaft verstanden werden könnten.
Die zentralen Fragen der Sektion waren daher, warum Unternehmen in Europa und den USA erst ab Anfang des 19. Jahrhunderts zu der prägenden Institution der Wirtschaft wurden und ob der neue Begriff des Unternehmens lediglich eine quantitative Veränderung etwa der Betriebsgröße markiere oder ob zu dieser Zeit eine auch qualitativ neue Institution zur Koordinierung ökonomischer Aktivität entstanden sei. In diesem Sinne war es das Ziel der Sektion, anhand verschiedener Beispiele aus unterschiedlichen Untersuchungszeiträumen den institutionellen Wandel der Produktion zu beschreiben und damit die Frage nach der Entstehung des „modernen“ Unternehmens konkreter als bisher beantworten zu können.
Die Sektion begann mit einem Vortrag von MICHAEL ROTHMANN (Gießen) über „Handelsgesellschaften und Gewerbeunternehmungen im Spätmittelalter“. Rothmann zeigte exemplarisch anhand der adeligen Domänenwirtschaft, dem Bergbau und dem florentinischen Bankenwesen die Vielfalt spätmittelalterlicher und frühneuzeitlicher Organisationsformen von Produktion und Dienstleistungen. Prinzipiell gehe es, so Rothmann, nicht darum, Aspekte moderner Institutionen bereits vor der Moderne zu lokalisieren, sondern um eine Analyse mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Wirtschaftsakteure in ihren jeweils zeitgenössisch bestimmten Kontexten. Rothmann machte im Gegensatz zu einem Dualismus von Subsistenz- und Marktwirtschaft deutlich, dass der jeweils historisch-spezifische Grad an Marktorientierung die Organisationsformen der Wirtschaft bestimmte.
Die adelige Domänenwirtschaft etwa, durchaus als eine unternehmerische Organisationsform zu verstehen, zeige dabei die Einbettung des wirtschaftlichen Handelns in die jeweiligen gesellschaftlichen Bezüge. Die erwirtschafteten Überschüsse der Adelshäuser wurden regelmäßig auf regionalen Märkten angeboten. Der adelige Haushalt war auf diesem Wege immer auch eingebunden in die lokale Natural-, Markt- und Geldwirtschaft. Noch grundsätzlicher sei jedoch die Einbettung wirtschaftlichen Handelns in Herrschaftsbezüge gewesen, denn wirtschaftlicher Erfolg galt als Grundlage für die Finanzierung effektiver adeliger Herrschaft. Ökonomisches Handeln als die kalkulierte Verwaltung adeliger Haushalte konnte daher durchaus auf den Markt bezogen sein, es war jedoch in erster Linie ein Mittel zur Realisierung herrschaftlicher Aufgaben im Rahmen der Selbstversorgung. Ein Beispiel für eine viel deutlichere Marktorientierung sei hingegen die florentinische Compagnia dei Bardi zu Beginn des 14. Jahrhunderts. Das Handels- und Finanzunternehmen expandierte nach und nach zu einem regelrechten Großbetrieb. Betriebsgröße und Internationalität der Ausrichtung führten zu einer Loslösung von ursprünglich familiären Bezügen und der Bildung eines die Verwandtschaft übersteigenden Netzwerkes.
Rothmanns Vortrag zeigte insgesamt, dass sich neben einer Vielfalt äußerst kleinteiliger Organisationsformen die spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Unternehmungen vor allem in Bezug auf den Grad der Marktorientierung differenzierten und daraus das Spektrum einer Institutionalisierung der Unternehmensformen resultierte.
STEFAN GORISSEN (Bielefeld) untersuchte in seinem Vortrag „Kaufleute – Verleger – Unternehmer. Ökonomische Akteure und Betriebsformen im 18. und frühen 19. Jahrhundert“ die Entwicklung und den Wandel protoindustrieller Betriebsformen im Rahmen einer Analyse der jeweils zugrunde liegenden Kostenstrukturen. Ausgangspunkt der Untersuchung waren verschiedene Fälle dezentraler Produktionsformen des 18. Jahrhunderts und die jeweils erkennbaren Grade an Integration in Unternehmen.
Die Fragestellung des Vortrages ergab sich aus einem institutionenökonomischen Ansatz. Die Entstehung von Unternehmen könne demnach verstanden werden als Integration von alternativ auch über Märkte absolvierbare Kooperationen. Die Höhe der Transaktionskosten sei jeweils entscheidend, ob sich der ökonomische Austausch über Marktbeziehungen oder Unternehmensgründungen vollziehe. In diesem Sinne untersuchte Gorißen für das Wolltuchgewerbe, die Eisen- und Stahlverarbeitung und das Leinengewerbe die Frage, ob der Versuch, die Kosten der Marktnutzung zu reduzieren, zu einer Integration ökonomischer Bereiche in Form von Unternehmen führte. Ein Beispiel für zunehmende Integration sei etwa in der Eisen- und Stahlverarbeitung der bergisch-märkischen Gewerberegion zu beobachten. Dort kam es zu kaufmännischen Unternehmensgründungen in Form von kleineren Protofabriken vor allem im Bereich der Herstellung von nur wenig spezifischen Vorprodukten. Die Kaufleute investierten in eigene Fabriken, um opportunistisches Verhalten zu begrenzen und so die Qualität ihrer Vorprodukte zu sichern. Die Kosten zur Sicherstellung von Qualität rechtfertigten die Investitionen der Kaufleute und führten daher zu einer Integration von Produktion und Distribution in einem Unternehmen.
Grundsätzlich, so Gorißen, lasse sich mit einer institutionenökonomischen Definition von Unternehmen der Übergang zu zentralisierten Formen der Produktion beschreiben. Mittels eines „breiten Kostenbegriffs“ könne der jeweilige Grad an Integration in Form von Unternehmen plausibel gemacht werden. Nicht möglich sei es jedoch, auf diesem Wege qualitativ zwischen Unternehmen und „vorunternehmerischen Formen ökonomischer Organisation“ zu unterscheiden. Beobachtbar werde jedoch die Logik und das Ausmaß von Integrationsvorgängen im Sinne eines historischer Wandels von Betriebsformen.
RALF BANKEN (Frankfurt am Main) fokussierte in seinem Vortrag „Handlung, Firma, Unternehmen. Zur Institutionalisierung der modernen Unternehmung im 19. Jahrhundert“ die Institutionalisierung der Wirtschaftsorganisation des „modernen“ Unternehmens. Ausgehend von der Frage, warum Unternehmen seit Anfang des 19. Jahrhunderts zu einem prägenden Phänomen der Wirtschaft wurden, analysierte Banken zum einen die Entwicklung der rechtlichen Erfassung von Unternehmen im europäischen Handelsrecht und zum anderen anhand eines konkreten Beispieles aus dem Hüttenwesen den historisch spezifischen Verlauf eines Institutionalisierungsprozesses bis Mitte des 19. Jahrhunderts.
Blicke man auf die zeitgenössischen Begrifflichkeiten, so Banken, dann lasse sich seit dem Ende des 18. Jahrhunderts und in Reaktion auf die wachsende Zahl von Unternehmen eine allmähliche Herausbildung erster gesellschafts- und unternehmensrechtlicher Rahmenbedingungen in Deutschland beobachten. Noch im 1861 eingeführten Handelsrecht jedoch basiere das Unternehmen auf dem Begriff des Vollkaufmannes. Nicht das Unternehmen als Organisation, sondern der Vollkaufmann als Person sei der primäre semantische Bezug für eine rechtliche Erfassung der Einzelunternehmung gewesen.
Am Beispiel der „Hüttengewerkschaft & Handlung Jacobi, Haniel und Huyssen“ zeigte Banken das Aufkommen der Organisation „moderner“ Unternehmen innerhalb frühindustrieller Wirtschaftsformen. Mit Bezug auf Werner Sombarts Bestimmung des Unternehmens als Rechts-, Rechnungs- und Krediteinheit zeige das Beispiel der Eisenhütte zahlreiche Merkmale „moderner“ Unternehmen auf, wobei es sich gegen Mitte des 19. Jahrhunderts um eine nach wie vor sich vollziehende Institutionalisierung handele, was sich etwa an der starken Bedeutung der handelnden Personen zeigen lasse.
Die grundlegende Frage sei letztlich, warum Unternehmen seit Beginn des 19. Jahrhunderts vermehrt aufkämen und zur primären Institution der Wirtschaft wurden. Dies mache weitere empirische Einzelstudien notwendig, da die Form des Unternehmens nicht ausschließlich theoretisch, etwa im Sinne der Neuen Institutionenökonomik, sondern immer auch als jeweils historisches Phänomen erklärt werden müsse.
ALFRED RECKENDREES (Kopenhagen) beschrieb in seinem Vortrag „’nur durch das Actiensystem lässt sich die englische Industrie auf deutschen Boden verpflanzen’? – Industrialisierung und Unternehmensformen im frühen 19. Jahrhundert“ die Bedeutung der Aktiengesellschaft und damit die Rolle einer „modernen“ Unternehmensform für die wirtschaftliche Entwicklung in der frühen Industrialisierung. Ausgehend von einer empirischen Analyse preußischer Aktiengesellschaften zeigte Reckendrees am Beispiel des Aachener Raumes die Relevanz „moderner“ Unternehmen für den Industrieprozess im frühen 19. Jahrhundert. Mit Blick auf die Tuchindustrie, der damals wichtigsten Branche der Region, sei zu beobachten, dass zwar Unternehmer der Tuchindustrie ihre Gewinne in diverse Aktiengesellschaften investierten, in der Tuchindustrie selbst jedoch eine Umgründung in Aktiengesellschaften erst während der 1870er-Jahre stattgefunden habe. In traditionellen Branchen wie der Textilindustrie sei zwar ebenfalls ein hoher Kapitalbedarf vorhanden gewesen, dieser konnte jedoch aufgebracht werden, da die Höhe der erforderlichen Mindestinvestition relativ gering gewesen sei. Die traditionellen Branchen der Aachener Region konnten demnach über den Weg der Selbstfinanzierung ein Größenwachstum aus sich heraus erzielen, was die Gründung von Aktiengesellschaften nicht erforderlich gemacht habe.
Wenn auch die Institution der Aktiengesellschaft nicht für das Entstehen der Industrie verantwortlich sei, so sei sie doch für die Dynamik der wirtschaftlichen Entwicklung in der Aachener Region wichtig gewesen: Kapitalbeschaffung für neue Branchen, Kooperation der Akteure, Wissensteilung, Risikobegrenzung und etwa die Einbindung von Privatbanken seien mit der Gründung von Aktiengesellschaften verbunden gewesen.
Insgesamt könne, so Reckendrees, nicht von einer entscheidenden Bedeutung der Aktiengesellschaft für die Zeit der frühen Industrialisierung ausgegangen werden. Die empirischen Befunde würden vielmehr bestätigen, dass nicht die Früh-, sondern vor allem die Hochindustrialisierung auf Aktiengesellschaften basierte. Traditionellen Branchen wie der Textilindustrie im Aachener Raum war es möglich, ihr Wachstum eigenfinanziert zu gestalten und ohne die Rechtsform der Aktiengesellschaft zur industriellen Produktionsweise überzugehen.
CLEMENS WISCHERMANN (Konstanz) wies in seinem Kommentar darauf hin, dass die Frage nach der Entstehung des „modernen“ Unternehmens ein historisches Denken nahe lege, welches zu sehr nach Kontinuitäten bzw. Übergängen und Umbruchszeiten suche. Es bestehe dabei die Gefahr, das moderne Unternehmen zu einem Modell zu machen, dem sich alle nicht (und in diesem Sinne noch nicht) modernen Formen des Wirtschaftens mit der Zeit mehr oder weniger anzunähern hätten. Im Gegensatz dazu schlug Wischermann vor, nicht das Unternehmen des 19. Jahrhunderts als Institution zu fokussieren, sondern in einem institutionell allgemeineren Sinne die Koordination ökonomischer Interaktion in ihren jeweils historischen Konstellationen und Konfigurationen nachzuvollziehen. Zur Erfassung des Wandels dieser Konfigurationen schlug Wischermann drei Begriffe zur Diskussion vor: Produktion, Koordination und Kooperation. Neben der Produktion als klassischer Zweck des Unternehmens meine Koordination dann die jeweils historische Organisation wirtschaftlicher Produktion und deren jeweilige Organisationskosten. Kooperation hingegen betreffe die historisch spezifischen und jeweils höchst unterschiedlichen Formen sozialer Kontrolle und deren Realisierung im Sinne des Eingehens unterschiedlicher Kontrollkosten wie etwa bei Familie oder Management. Der Begriff Kooperation und der darin enthaltene Verweis auf die verschiedenen Formen sozialer Kontrolle sei zudem geeignet, die Unternehmensgeschichte mehr sozialgeschichtlich zu positionieren.
Die Diskussion bezog sich einerseits auf die verschiedenen Vorträge, nahm andererseits aber auch nochmals die grundsätzlichen Fragen der Sektion in den Blick. Eine wichtige Nachfrage betraf unter anderem die Sichtbarkeit von Transaktionskosten in den Quellen, also die Frage, ob die unterschiedlichen Kosten im institutionenökonomischen Sinne überhaupt empirisch ausfindig zu machen seien. Gorißen erläuterte dazu, dass zwar Transaktionskosten nur schwer zu operationalisieren seien, dass aber dennoch etwa im Bereich der Rechnungsführung die Entscheidungsprozesse als Abwägung diverser Kosten zumindest mittelbar sichtbar gemacht werden könnten.
Sehr grundsätzlich wurde schließlich diskutiert, inwieweit sich die unternehmenshistorische Zäsur um 1800 überhaupt rechtfertigen lasse. Im Zuge eines funktionalen und damit sehr breiten Unternehmensbegriffs könnten, so das Argument, viele Merkmale „moderner“ Unternehmen auch schon vor 1800 ausfindig gemacht werden, was zu der Frage führe, inwieweit die Zeit um 1800 überhaupt einen tatsächlichen Wandel im Bereich der Unternehmensentwicklung darstelle. Dem wurde entgegengehalten, dass zu Beginn des 19. Jahrhunderts durchaus eine qualitative Veränderung beobachtet werden könne. Eine von bestimmten Personen losgelöste Organisation, ein höheres Maß an rechtlicher Institutionalisierung oder etwa eine neuartige soziale Kontrolle von Arbeit innerhalb von Unternehmen seien vielfältige Prozesse, die für einen grundsätzlichen Wandel in dieser Zeit sprechen würden. Unternehmen entwickelten sich in diesem Sinne aus eher einzelnen Erscheinungen integrierter Produktion hin zu prägenden Institutionen der modernen Wirtschaft.
Die Sektion machte insgesamt deutlich, dass es vielversprechend ist, die unternehmenshistorische Perspektive mehr als bisher auf die frühen Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts zu lenken. Interessant für die Frage nach der Entstehung des modernen Unternehmens wäre noch ein Blick auf den institutionellen Wandel in anderen Bereichen der Gesellschaft, der ebenfalls mit der Entstehung bestimmter Organisationen verbunden war. In diesem Sinne könnte das moderne Unternehmen noch deutlicher verstanden werden als Teil einer umfassenderen Veränderung, in der gesellschaftliche Aufgaben immer stärker speziell durch Organisationen bewältigt wurden. Dies wäre nicht zuletzt ein wichtiger Beitrag zur Institutions- und Organisationsgeschichte der modernen Gesellschaft aus wirtschaftshistorischer Perspektive.
Sektionsübersicht:
Michael Rothmann (Gießen): Handelsgesellschaften und Gewerbeunternehmungen im Spätmittelalter
Stefan Gorißen (Bielefeld): Kaufleute – Verleger – Unternehmer. Ökonomische Akteure und Betriebsformen im 18. und frühen 19. Jahrhundert
Ralf Banken (Frankfurt am Main): Handlung, Firma, Unternehmen. Zur Institutionalisierung der modernen Unternehmung im 19. Jahrhundert
Alfred Reckendrees (Kopenhagen): ’nur durch das Actiensystem lässt sich die englische Industrie auf deutschen Boden verpflanzen’? – Industrialisierung und Unternehmensformen im frühen 19. Jahrhundert
Clemens Wischermann (Konstanz): Kommentar Tagungsbericht Die Entstehung des modernen Unternehmens: Aufkommen, Form und Grenzen der Institutionalisierung und Diffusion in Europa 1400-1900. 28.09.2010-01.10.2010, Berlin. In: H-Soz-u-Kult 20.11.2010. Die innerdeutsche Grenze als Realität, Narrativ und Element der ErinnerungskulturLeitung: Carl-Hans Hauptmeyer / Detlef Schmiechen-Ackermann, Leibniz-Universität Hannover Bericht von: Ines Meyerhoff, Historisches Seminar, Leibniz Universität Hannover Für Berlin als Tagungsort des 48. Historikertags hatte der Titel „Über Grenzen“ eine besondere Bedeutung. Nur wenige Tage vor dem 20jährigen Jubiläum der Wiedervereinigung behandelten mehrere Sektionen Aspekte der Teilung Deutschlands. Die Sektion „Die innerdeutsche Grenze als Realität, Narrativ und Element der Erinnerungskultur“ fokussierte dabei konkret die Grenze, die Deutschland und Berlin über vier Dekaden teilte und beleuchtete sie aus unterschiedlichen Perspektiven.
Schon seit 2008 beschäftigt sich eine studentische Gruppe der Leibniz Universität Hannover im Rahmen eines Kooperationsprojektes mit dem Historischen Museum Hannover und der Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn mit der Geschichte sowie der Erinnerung an die innerdeutsche Grenze. Ihre Arbeit an der Ausstellung „Grenzerfahrungen“, die im April 2011 in Hannover eröffnet wird, wird seit Sommer 2010 von einem Forschungsprojekt unterstützt, das die mediale Form der Grenze im Spiegel von Film und Foto untersucht. Im Laufe des mehrjährigen Projektes haben sich Forschungsschwerpunkte herauskristallisiert, die im Juni 2010 bereits die internationale Tagung „Grenze: Konstruktion, Realität, Narrative“ in Hannover bestimmten. Mit Unterstützung von Rainer Potratz (Marienborn), Hedwig Wagner (Jena) und Jürgen Reiche (Bonn) präsentierte sich das Grenzprojekt in Berlin.
Der Sektionsleiter CARL-HANS HAUPTMEYER (Hannover) verwies bereits in der Einführung auf die zentrale Bedeutung visueller Quellen für die Geschichtswissenschaft. Nicht zuletzt Werke wie Gerhard Pauls „Das Jahrhundert der Bilder“ verdeutlichten den medialen und erinnerungskulturellen Stellenwert von Geschichtsbildern. Im medialen Zeitalter gelte es, die Grenze im Spannungsfeld von Realität und politischer Instrumentalisierung, ihrer Konstruktion und Erinnerungsformen, zu untersuchen, so Hauptmeyer. Die unterschiedlichen Beiträge der Vormittagssektion rekurrierten allesamt auf das Simmel’schen Diktum der Grenze: „Die Grenze ist nicht eine räumliche Tatsache mit soziologischen Wirkungen, sondern eine soziologische Tatsache, die sich räumlich formt.“
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Der Titel der Sektion „Die innerdeutsche Grenze als Realität, Narrativ und Element der Erinnerungskultur“ gab sogleich deren Struktur vor.
DETLEF SCHMIECHEN-ACKERMANN (Hannover) eröffnete das Panel mit seinem Vortrag „Teilung – Gewalt - Durchlässigkeit. Die innerdeutsche Grenze 1945-1989 als Thema und Problem der Zeitgeschichte“. Sein detaillierter Überblick über den Forschungsstand zur Grenze zeichnete Forschungsentwicklungen der drei im Titel verankerten Themenkomplexe nach und verwies darüber hinaus auch auf zentrale Forschungsdesiderate. Trotz Konjunktur der Grenzforschung in den Geschichts- und Kulturwissenschaften im internationalen und deutschen Raum sowie der starken Präsenz der Mauer, des Mauerfalls und der Fluchtgeschichten in den Medien, sei die Geschichte der deutsch-deutschen Grenze vergleichsweise schlecht bzw. „sehr ungleichgewichtig“ erforscht worden. Erst seit jüngster Zeit entdeckten Fachhistoriker/innen diese im kollektiven Gedächtnis stark verortete Thematik, während die DDR-Forschung in den 1990er-Jahren einen regelrechten Forschungsboom erlebte. Forschungen zur Teilung seien stark auf die Berliner Mauer fixiert, obwohl quantitativ mehr Menschen entlang der deutsch-deutschen Grenze lebten. Als Standardwerke, die diesen Trend umgehen, nannte er die erinnerungskulturell ausgerichtete Arbeit von Maren Ullrich sowie Roman Grafes erweiterte Grenzchronik. Schmiechen-Ackermann betonte das Ungleichgewicht zwischen wirtschaftlichen, strukturpolitischen und sozialen Forschungsschwerpunkten und den weniger erforschten kulturwissenschaftlichen Aspekten zum Alltag, der Politik und der Gesellschaft im westlichen Zonenrandgebiet. Unter dem Aspekt Gewalt an der Grenze sei die Untersuchung der Grenzopfer ein zentraler Aspekt, dessen juristische Aufarbeitung bereits erschöpfend untersucht worden ist, die Zahl der an der innerdeutschen Grenze und Ostseegetöteten Flüchtlinge bilde jedoch noch ein Desiderat. Neben Standartwerken wie Jürgen Ritter und Joachim Lapp zum Ausbau und Entwicklung der Grenze sowie Rainer Potratz‘ und Inge Bennewitz‘ Untersuchung zu Zwangsaussiedlungen markiere die soziologische Untersuchung zu Grenzsoldaten von Gerhard Sälter eine Erweiterung des Forschungshorizonts. Der Historiker appellierte an die Schließung der Forschungslücke zur Untersuchung der Zentralen Erfassungsstelle in Salzgitter, bevor er über den Forschungsstand zur Durchlässigkeit referierte. Neben punktuellen Betrachtungen bzw. feuilletonistischen Beiträgen, etwa zum „Westbesuch“ in der DDR und der genehmigten Reise in den Westen, zum „Westpaket“ lassen andere Aspekte des Reise- und Warenverkehrs bisher eine systematische Erfassung vermissen. Die Arbeit von Astrid M. Eckert zum Phänomen des Grenztourismus greife das Interesse am Blick nach „drüben“, zum sogenannten Anderen auf und bediene einen zentralen Aspekt der Durchlässigkeit, der bisher unberücksichtigt blieb.
Anschließend rückte die Grenze als Element der Erinnerungskultur in den Fokus. RAINER POTRATZ (Marienborn) stellte unter dem Titel „Die Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn- Ort der Erinnerung und Begegnung“ ihre Genese von der ehemaligen Grenzübergangsstelle (GÜSt) Marienborn zur Gedenkstätte vor und fokussierte die zentralen Aufgaben der Gedenk- und Erinnerungsarbeit. Die Bedeutung der Gedenkstätte als „Seismograph der deutsch-deutschen Beziehungen“ ergebe sich zum einen aus seiner zentralen Lage an der Transitstrecke Braunschweig Berlin sowie der Bahnverbindung Braunschweig-Magdeburg-Berlin. Bis 1982 nutzen 66 Prozent der von West-Berlin Reisenden die Grenzübergänge Marienborn/Helmstedt. Zum anderen markierte Potratz das Alleinstellungsmerkmal Marienborns als „authentischer“ Ort, da andere ehemalige GÜSt wie beispielsweise Teistungen nicht mehr existieren. Als „Bollwerk und Nadelöhr“ zwischen den beiden deutschen Staaten stehe der Ort exemplarisch für die gesamte innerdeutsche Grenze, deren Opfern es zu gedenken gilt. Dabei verfolge die Gedenkstätte, die 1990 unter Denkmalschutz gestellt wurde, neben der Dokumentation, dem Gedenken und dem Erinnern besondere pädagogische Konzepte. Als Ort der politisch-historischen Bildung, der sich zum Ziel setze diktatorische Systeme zu mahnen, zeichne sich Marienborn neben Ausstellungen, einer Bibliothek und Seminarräumen als Ort der Begegnung aus: Muliperspektivität soll verhindern, dass sich jemand angegriffen fühle und das Leben falsch erinnert werde, so Potratz. Die Begegnungsangebote richten sich dabei sowohl an ältere Besuchergruppen als auch an Schüler. Treffen zwischen ehemaligen Zöllnern und Reisenden, Kontrolleuren und Opfern, sowie Schülerprojekte mit Zeitzeugen sollen den Austausch zwischen Ost und West, Alt und Jung fördern. So treffen sich unter dem Motto „Was klöppelst denn Du?“ ost- und westdeutsche Klöpplerinnen, um ihre Erfahrungen „über ein gelebtes Leben in einem anderen Deutschland“ auszutauschen und gemeinsam an einer Sache zu arbeiten.
Über eine weitere Form der Erinnerung an die Grenze referierte THOMAS SCHWARK (Hannover), Direktor des Historischen Museums Hannover, mit dem Titel „Man sieht nur was man weiß…Strategien der Vermittlung von ‚Grenzbildern‘ in Geschichtsmuseen.“ In gewisser Weise stellte sein Beitrag eine Brücke zwischen der Erinnerung an die Grenze und dem Narrationscharakter von Grenzbildern, insbesondere Fotografien, dar. Zunächst betonte er die Verantwortung des Museums, da es als bildungspolitische Institution Geschichtsbilder für die Besucher konstruiere. Die Nutzung von Bildern als bloße Illustration, als materialgeschichtliche Zeugnisse, greife nicht mehr und erfordere didaktische Eingriffe. Dem Besucher müssten weitere Bildkompetenzen vermittelt werden, um in Bildern mehr zu sehen als eine scheinbare Wirklichkeit. Als Beispiel präsentierte er ein Fotoalbum des Grenzkommandos Nord aus dem Jahr 1973. Der Besuch ranghoher DDR-Offiziere der neu eingerichteten Grenzübergangsstelle Salzwedel ist darin dokumentiert. Als historische Quelle gewinne das Fotoalbum jedoch durch seinen Konstruktionscharakter an Bedeutung, da einzelne Bilder beschriftet seien, die Fotografien seriell angeordnet seien und eine besondere Auswahl erfolgte. Das Fotoalbum sei keine sachliche Dokumentation, sondern gebe als Narrativ die ideologische Perspektive der Grenztruppen wieder. Erst durch die Kontextualisierung und Erweiterung der konventionellen Bildpräsentation eröffne sich dem Besucher das Bedeutungsspektrum. Museale Arbeit bestünde somit auch darin dem Besucher die Aneignung einer nachhaltigen Bildkompetenz zu ermöglichen. Das Fotoalbum als haptisch erfahrbares Medium, dass den Besucher auffordere aktiv zu blättern, sei eine geeignete Form für den Vermittlungsansatz von Geschichts- bzw. Grenzbildern.
INES MEYERHOFF (Hannover) knüpfte an Fotografien der innerdeutschen Grenze an, um zum einen ihren Quellenwert zu verdeutlichen und zum anderen aufzuzeigen, inwieweit Grenznarrative bei der Konstruktion der sogenannten „Grenze im Kopf“ eine Rolle spielten. Unter der Leitfrage „Die fotografierte Grenze - Fotografien über Grenzen?“ stellte sie unterschiedliche Beispiele vor, um zu beweisen, dass ein einheitliches Grenzbild nicht existiere, sondern diese von heterogenen Faktoren und Perspektiven abhängig seien. Probleme im Umgang mit fotografischen Quellen treten durch den positivistischen Glauben an die Realitätswiedergabe von Fotografien auf. Der Deckmantel der „Wirklichkeit“, der dem Medium anhafte sowie seine ästhetische Wirkungsmacht machten aus der Fotografie ein politisches Instrumentarium. Weiterhin müsse die aktive Rolle des Rezipienten berücksichtigt werden, da Fotografien erst durch ihn an Bedeutung gewinnen. Die Deutungsoffenheit des Mediums exemplifizierte Meyerhoff anhand einer Fotografie eines Schäferhundes des westdeutschen Zolls, der das Schild „Achtung Zonengrenze“ attackiert. Datiert auf das Ende der 1950er-Jahre, der Hochphase des Kalten Krieges, oszilliere das Foto zwischen Schnappschuss und gezielter Hetze. Während es für den westdeutschen Zöllner eine willkommene Abwechslung im oft ereignislosen Dienst bedeuten konnte, drückte es in den Augen der SED aggressives Potenzial aus. Nach der Behandlung methodischer Probleme stellte sie exemplarisch zwei westdeutsche Fotografien aus unterschiedlichen Jahrzehnten gegenüber. Die offizielle Fotografie des Ministeriums für gesamtdeutsche Fragen aus dem Jahr 1959 entspreche in seiner inszenierten Dramatik, Emotionalisierung und der symbolischen Verwendung des Stacheldrahtes der westdeutschen Haltung im Kalten Krieg: Die Diffamierung und Brutalisierung der Grenze stellvertretend für die ganze DDR. Als Kontrast diente eine Fotografie eines Grenztouristen aus den 1980er-Jahren, die keinen konstruierten, sondern einen unterbewussten privaten bzw. gesellschaftlichen Blick auf die Grenze widerspiegelte. Das Selbstportrait vor der Grenze verdrängte zunehmend den Blick nach „drüben“, der in den 1960er-Jahren so präsent war. Die „domestizierte Grenzwahrnehmung“ in den 1980er-Jahren sei auf Entspannungspolitik und Generationswechsel zurückzuführen, so Meyerhoff. Die Rolle von Fotografien als gezielt inszenierte Grenznarrative sowie als Spiegel unterbewusster mentaler Grenzziehungen sei so von enormer Bedeutung.
HEDWIG WAGNER (Weimar) berichtete über Grenznarrative in bewegten Bildern. „Die Narrativisierung Berlins durch Berliner Mauerfilme“ stellte sie am Beispiel zweier Spielfilme vor, nachdem sie zunächst auf die Wirkungsmacht von Filmbildern bei der Herstellung von „affektiven, emotional getönten Vorstellungen“ einging. (Re)produzierte Bilddiskurse und Narrative konstruierten maßgeblich Vorstellungen und flößen somit in die politische Praxis ein. Grenznarrative bzw. Mauernarrative generierten sich stark durch die Konstruktion des Anderen, die abgrenzende Effekte erziele. Wagner verdeutlichte dies am Beispiel des bis 1961 vorherrschenden Mauernarrativs im westdeutschen Dokumentarfilm: Während im Osten ein Bildverbot der Grenze vorherrschte, stellte der voyeuristische Kamerablick des Westens auf die Grenze die DDR als Volksgefängnis dar. Am Beispiel der Filme „Redupers“ von Helke Sander und „Der geteilte Himmel“ von Konrad Wolf arbeitete Wagner die Mauernarrative für das Genre Spielfilm heraus. Die Sichtbarmachung der Mauer in Sanders Film erfolge durch Selbstreflexivität des Narrativs. Intermediale Bezüge zwischen Foto und Film sowie anderen Medien wie Text und Karte brächen den konventionellen und touristischen Blick auf die Mauer, der im westdeutschen Bilddiskurs lange dominant war: Die Protagonisten des Films, mehrere Fotografinnen, stellen Fotografien der Mauer direkt vor diese. Der häufige Medienwechsel entblöße so das Voyeuristische des Fremdblicks und mache politische Einsicht möglich. Bei Wolfs Film konzentrierte sie sich verstärkt auf den Form-Inhalts-Bezug, der Übereinstimmung von ästhetisch-ideologischen Inhalten, sowie seiner Rezeptionsgeschichte. Wurde dem Film vor der Wende Intellektualismus und Surrealismus seitens der SED vorgeworfen, wurde ihm nach der Wende eine Form-Inhalts-Kongruenz attestiert. In dieser Verschiebung der Interpretation resümiert Wagner, dass die „Vielschichtigkeit nicht-linearer Erzählweise“ des Films als „mediales Narrativ zu politischem Bewußtsein führen kann.“
Im anschließenden Kommentar bestätigte JÜRGEN REICHE (Bonn) vom Haus der Geschichte das Forschungsdesiderat der Grenze. Er transformierte die Diskussion über Grenznarrative auf eine allgemeine Ebene und fokussierte auf die mediale Inszenierung von Bildern und ihre ästhetische Wirkungsmacht. Das 20. Jahrhundert sei das Jahrhundert der politisch manipulierten Bilder. Er zielte dabei besonders auf die medienwirksamen Ikonen ab, bei denen er ein untrennbares Zusammenspiel von Politik, Macht und Bild verortete. Als Zukunftsprognose befürchtete Reiche den verstärkten politischen Einsatz von Bildern als „Waffe“ in einer globalisierten Welt. Als Beispiel diente ihm die 9/11-Fotografie Thomas Hoepkers, auf der die brennenden Tower des World Trade Centres den Hintergrund für ein alltägliches Szenario darstellen: Eine Gruppe junger Leute erholt sich am Hudson River. Der Kontrast der Szene von Alltäglichem und Katastrophe verdichte sich in diesem Bild aufs äußerste. Während die Ikonen der brennenden Tower seit Beginn den öffentlichen Bilddiskurs bestimmten, gelangte das Bild erst 2004 an die Öffentlichkeit. Reiche plädierte im Umgang mit dem Visuellen für eine verstärkte Medienkompetenz und eine medienkritische Perspektive sowohl in der Forschung als auch im Museum, das eine große Verantwortung bei der Vermittlung von Geschichtsbildern und Botschaften trage. Eine multiperspektivische Betrachtung sei dabei erforderlich, um den konstruierten und subjektiven Charakter von Bildern insbesondere Fotografien zu brechen und als Quelle nutzbar zu machen. Letztendlich sei Bildkompetenz, die Fähigkeit „die Wirklichkeit hinter den Bildern“ zu sehen, ein Ziel, das in der alltäglichen Wahrnehmung erreicht werden solle.
In der abschließenden von Carl-Hans Hauptmeyer moderierten Diskussion ging es zunächst zentral um das Ausstellungsprojekt. Die Einbindung einer studentischen Gruppe in die Konzeptionalisierung und Realisierung einer Ausstellung wurde gelobt und fand große Zustimmung. Des Weiteren wurde in diesem Zusammenhang insbesondere der reflektierte Medieneinsatz des Projektes begrüßt. Die Fachleiterin der Fachdidaktik aus dem Geschichtslehrerverband sprach sich dafür aus, dass Museen mit innovativen Konzepten und Strukturen für Lehrer zugänglich gemacht werden sollten. Schmiechen-Ackermann korrigierte, dass es dem Ausstellungsprojekt nicht in erster Linie darum gehe, neue Strukturen zu schaffen, sondern mit einer Gruppe von Schuldidaktikern ein Schülerprogramm zu betreuen, das mit Workshops und Führungen Lernziele erstrebt. Für eine stärkere Zusammenarbeit von Schule und Museum sprach sich auch Schwark aus, der jedoch an die Lehrer/innen appellierte, selbst verstärkt den Kontakt zu Museen zu suchen.
Im weiteren Verlauf der Diskussion wurde auf die ästhetische Eigenschaft abgehoben. Die Reflexion von Medien fand vor allen Dingen bei den anwesenden Lehrern auf große Zustimmung. Auf die Frage, ob der medienkritische Einsatz dem Besucher bewusst werden soll, wies Schwark auf die Schwierigkeit der Dekonstruktionsleistung hin, die der Besucher leisten müsste. Die Diskussion endete mit einer methodischen Frage im Umgang mit Medien und zielte auf die Probleme der Rezeptionsforschung ab: Inwieweit sei die höchst unterschiedliche Rezeption Einzelner für eine repräsentative Analyse und die Ermittlung einer durchschnittlichen Rezeption möglich? In der regen Diskussion negierte Reiche die Allgemeingültigkeit einer Methode und hob damit die Schwierigkeiten und Herausforderungen der Medienwirkungsanaylse hervor.
Sektionsübersicht:
Carl-Hans Hauptmeyer (Hannover): Einführung
Detlef Schmiechen-Ackermann (Hannover): Teilung – Gewalt – Durchlässigkeit. Die innerdeutsche Grenze 1945–1989 als Thema und Problem der Zeitgeschichte
Rainer Potratz (Marienborn): Die Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn – Ort der Erinnerung und der Begegnung
Thomas Schwark (Hannover): Man sieht nur, was man weiß… Strategien der Vermittlung von „Grenzbildern“ in Geschichtsmuseen
Ines Meyerhoff (Hannover): Die fotografierte Grenze - Fotografie über Grenzen?
Hedwig Wagner (Jena): Die Narrativisierung Berlins durch Berliner Mauerfilme
Jürgen Reiche (Bonn): Die Wirklichkeit hinter den Bildern – Kommentar
Carl-Hans Hauptmeyer (Hannover): Leitung der Abschlussdiskussion und Resümee
[1] Georg Simmel, Aufsätze und Abhandlungen 1901-1908, Band 1 (= Gesamtausgabe, herausgegeben von Ottheim Rammstedt, Bd. 7), Frankfurt am Main 1995, S. 141. Tagungsbericht Die innerdeutsche Grenze als Realität, Narrativ und Element der Erinnerungskultur. 28.09.2010-01.10.2010, Berlin. In: H-Soz-u-Kult 22.01.2011. Die Technisierung der Ernährung und die Grenzen des „Natürlichen“. Beiträge zur Technikgeschichte der Ernährung vom ausgehenden 19. bis ins 21. JahrhundertLeitung: Karin Zachmann, Technische Universität München Bericht von: Ulrike Thoms, Institut für Geschichte der Medizin, Berlin Die Veränderungen der Ernährungssysteme sind ein wesentlicher Bestandteil des technischen, sozialen und kulturellen Wandels der Moderne. Die Ernährungsgeschichte, in ihren Anfängen vielfach belächelt, hat sich in den letzten drei Jahrzehnten zu einem boomenden Feld historischer Forschung entwickelt. Da die Ernährung das Bindeglied zwischen Natur und Kultur des Menschen darstellt, erlaubt ihre historische Analyse eine multiperspektivische Betrachtung der komplementären Bereiche des alltäglichen Lebens in ihrer Verknüpfung mit den Bereichen von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Technologie. Die Sektion beschränkte sich mit ihrem Blick auf die technologische, institutionelle und organisatorische Innovation freilich auf nur einen Aspekt dieses breiten Feldes, um die Technisierung der Ernährung als Bestandteil des Industrialisierungsprozesses sowie die Neuvermessung und Überwindung der Grenzen des Natürlichen deutlich zu machen. In diesem Prozess entstanden immer komplexere technische Systeme, die gleichzeitig mit neuen Bedeutungen aufgeladen wurden. Ziel war daher, zu überprüfen, wie im Zusammenwirken von Wissen und Macht neue Konsumenten geformt wurden, die Ernährungsentscheidungen selbstbewußt, informiert und reflektiert treffen.
THOMAS WIELAND (München) diskutierte ausgehend von Nicolas Roses Begriff der Biopolitik am Beispiel der Züchtungsforschung Verschiebungen auf epistemischer, sozialer und politischer Ebene. Er konzentrierte sich dabei auf die Forschung zu Transposons, die springenden Gene, deren Fähigkeit, ihre Position im Genom zu verändern, Mitte der 1940er-Jahre entdeckt wurde. Transposons wurden und werden genutzt, um Gene für ein bestimmtes Merkmal zu identifizieren, zu isolieren und auszuschalten. Die Forschung an den Transposons blieb in den folgenden 20 Jahren zunächst reine Grundlagenforschung. Führende Forscher wandten sich nach der Entdeckung der Transposons von der Bakteriengenetik ab und der Pflanzengenetik zu. Damit war ein Wechsel des Experimentalsystems verbunden. Je mehr man über Struktur und Funktion der Transposons lernte, desto interessanter wurden sie als Werkzeuge der Gentechnik und für anwendungsorientierte Fragen. Mit dem Gelingen der Übertragung eines Gens aus einem Bakterium auf eine höhere Pflanze begann 1983 die sogenannte Grüne Gentechnik, die beansprucht, einen maßgeblichen Beitrag zur Lösung des Welternährungsproblems zu leisten. Wie Wieland auf der epistemischen Ebene, das heißt an der Entwicklung bestimmter Forschungstechniken und auf der sozialen Ebene, anhand der Karrierewege der beteiligten Wissenschaftler, zeigte, ging die Pflanzenzüchtung aus der Molekularbiologie hervor. Gleichwohl gab es intensive Wechselbeziehungen und Austauschverhältnisse zwischen Genetik und Pflanzenzüchtung, die letztlich zur Auflösung disziplinärer Grenzen beitrugen. Dabei rückten die Molekularbiologen vom Rand ins Zentrum des Geschehens, während die klassische Züchtungsforschung an Bedeutung verlor. Mit den öffentlichen Auseinandersetzungen um die Gentechnik ging ein Wandel des diskursiven Feldes einher. Im Zuge dieses Wandels wurde die Pflanzengenetik seit 1984 in den Risikodiskurs um die Gentechnik eingebunden. Bis heute ist die grüne Gentechnik umstritten, wobei die sozialen, politischen und vor allem ökologischen Risiken, die im Zusammenhang mit Freisetzungsversuchen von lokalen Protestbewegungen thematisiert werden, im Vordergrund stehen. Dabei ist die damit einhergehende Politisierung der gentechnisch veränderten Organismen prinzipiell nichts Neues, da schon im Nationalsozialismus die Züchtung ertragreicher, eiweißreicher Pflanzen in den Dienst der Autarkiepolitik gestellt wurde, was zu Pfadabhängigkeiten führte. Die Transposonforschung setzte alte Forschungen fort, bedeutete zugleich aber auch den Beginn einer neuen Forschungsrichtung, die gleichzeitig an Konjunkturen von Experimentalsystemen gebunden war. In der Diskussion wurde die Technisierung pflanzlicher Organismen und die Verwissenschaftlichung der Primärproduktion thematisiert. Die kritische Rückfrage, ob es denn überhaupt Grundlagenforschung gebe, wurde mit dem Hinweis auf entsprechende Selbstverortungen der Forscher beantwortet.
KARIN ZACHMANN (München) führte in ihrem Vortrag über das „friedliche Atom“ im Dienst der Land– und Ernährungswirtschaft diese Geschichte weiter in die Vergangenheit zurück. Der Zugriff auf die Anwendung einer neuen Forschungsdiziplin auf ein etabliertes Forschungsfeld nahm Konflikte vorweg, die sich circa 30 Jahre später in der grünen Gentechnik wiederholten. In seiner Rede vor der Generalversammlung der UN zur „Atoms for Peace“-Initiative im Jahr 1953 erwähnte Eisenhower auch den Agrarbereich als ein potentielles Anwendungsfeld zur friedlichen Nutzung des Atoms. Dies forcierte die Etablierung nationaler und transnationaler Atomprogramme für die Land- und Ernährungswirtschaft. Die Food and Agriculture Organization der Vereinten Nationen (FAO) gründete im Januar 1955 eine Arbeitsgruppe zur Atomenergie in der Landwirtschaft. Damit steckte sie ihren eigenen Kompetenzbereich als neues Arbeitsfeld ab und gab den Rahmen für die Kooperation mit der sich in der Gründung befindenden Internationalen Atomenergiebehörde IAEA vor. Doch kam es zwischen den Kernphysikern der IAEA und den Agrarexperten zu Konflikten, da diese mit der Anwendung der Kerntechnik in der Land- und Ernährungswirtschaft unterschiedliche Ziele verfolgten. Ging es den Kernphysikern in der IAEA generell um die Weiterentwicklung der Kerntechnik als Spitzentechnologie, sahen Agrarexperten der FAO Kerntechnik und Strahlungsforschung als potentielle Werkzeuge, deren Brauchbarkeit sich im konkreten regionalen Kontext und in Konkurrenz zu konventionellen Methoden in der Land- und Ernährungswirtschaft noch erweisen musste. Erst als 1964 die Joint FAO/IAEA Division of Atomic Energy in Agriculture errichtet wurde, um für eine effiziente Zusammenarbeit zu sorgen, erlangten die Kernphysiker den dominanten Einfluss. Das führte zu fragwürdigen und verlustreichen agrarpolitischen Entwicklungsprojekten, wo konventionelle Methoden viel effizienter zur Überwindung von Ernährungsproblemen beigetragen hätten. Im zweiten Teil ihres Vortrages lenkte Zachmann den Blick auf die europäische Ebene, wo mit der 1969 gegründeten European Society for Nuclear Methods in Agriculture (ESNA) eine blockübergreifende Kooperation zur Förderung nuklearer Methoden in der Landwirtschaft errichtet wurde, die Netzwerkfunktionen übernahm. Zu einer Zeit, zu der Kerntechnik und Kernforschung unter starken Legitimationszwang gerieten, stabilisierten die Mitglieder ihre Positionen und Projekte durch internationale Zusammenarbeit. Befördert durch das Ende der Wachstumseuphorie nach 1970, die wachsende Skepsis gegenüber Wissenschaft und Technik und das Aufkommen der neuen Umweltbewegung gelang eine dauerhafte Etablierung dieses Arbeits- und Forschungsbereiches jedoch nicht, zumal sich die Ernährungsindustrie nur wenig für nukleare Arbeitsmethoden wie die Lebensmittelbestrahlung interessierte. Erfolge der nuklearen Landwirtschaft blieben aus, doch haben die mit der Kerntechnik eingeführte Experimentalsysteme die Gentechnik maßgeblich vorbereitet, auch hat die politisch motivierte Aufwertung der Kerntechnik die Autorität von Wissenschaft und Technik gegen Erfahrungswissen und regional angepasste Problemlösungen in der Land- und Ernährungswirtschaft gestärkt.
Im Mittelpunkt von UWE SPIEKERMANNs (Washington, DC) Vortrag über die Geschichte der Eiweißpräparate und Lebensmittelsurrogate im späten Kaiserreich stand nicht der Erfolg, sondern der Mißerfolg eines stoffbasierten, utopischen Projektes der Ernährungswissenschaften. Der weitreichende Wandel der Ernährungsgewohnheiten seit 1880 und der Zuwachs an neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen bot die Folie für weitreichende Gestaltungs- und Machbarkeitsträume der jungen Ernährungswissenschaften, die in neuen Produkten und Produktgruppen Gestalt annahm, etwa in Produkten zur Säuglingsernährung und eben Eiweissprodukten. Fortschrittsoptimistisch betrachtete vor allem das Bürgertum diese Produkte als Vorboten einer neuen, chemisch definierten und industriell hergestellten Kost, in der das Labor die Küche ersetzen und mit der der Hunger ein Ende haben sollte. Die Bemühungen konzentrierten sich dabei vor allem auf Eiweiss und Eiweisspräparate. Mit erheblichen Forschungsanstrengungen wurden Nahrungsmittel chemisch nachgebildet, was die industrielle Verwertung von Restprodukten, die Erschließung eines Nischenmarktes für Diätprodukte durch die Pharmaindustrie sowie die Herstellung so innovativer Kernprodukte wie Tropon aus billigen Rohstoffquellen ermöglichte. Diese Ansätze folgten nicht allein einer industriellen Gebrauchsnutzen- und Gewinnlogik. Für die Angehörigen einer freien Bürgergesellschaft, die auf der Grundlage wissenschaftlichen Wissens neue Werte schuf, trugen sie deutlich sozialutopischen Charakter. Dass dieses Projekt dennoch scheiterte, lag einerseits an der Qualität der Produkte selbst, vor allem ihrem Geschmack, aber auch am zentralen Wert des Fleisches mit seinem starken Symbolcharakter. In der anschließenden, lebhaften Diskussion wurde unter anderem der Bezug dieses Konzeptes zur Lebensreformbewegung um 1900 hinterfragt. Im Gegensatz zu der vom Auditorium geäußerten Erwartung, die Künstlichkeit dieser Produkte könne Widerstand hervorgerufen haben, meinte Spiekermann, die Lebensreform sei wie die Ernährungsindustrie auf das Stoffparadigma fixiert gewesen. Für die Entwicklung eines vorsorgenden Verbraucherschutzes hatten diese Produkte schon durch die Skandalisierung von Betrugsfällen eine erhebliche Bedeutung. Insgesamt förderten sie den Ausbau der chemisch-physiologischen Grundlagenforschung ebenso wie die Bemühungen, Geldwert und physiologischen Wert in Beziehung zueinander zu setzen und Kriterien zur Beurteilung von Geschmack zu objektivieren.
CAROLYN DE LA PEÑA (Austin, TX) ging in ihrem Vortrag über das Marketing des Süßungsmittels Nutra-Sweet von der Beobachtung aus, dass entgegen der Versprechung reuelosen Genusses das Körpergewicht der Amerikaner eben nicht gesunken, sondern parallel zum beispiellosen Anstieg im Verbrauch künstlicher Süßungsmittel seit Beginn der 1980er-Jahre angestiegen ist. Dass dies überhaupt möglich war, erklärte de la Peña auf der diskursiven Ebene, auf der die wirtschaftliche Wachstumslogik auch vom Nahrungsmittelsektor steigende Absätze verlangt. Das Marketing von Nutra-Sweet kam dem entgegen, indem es Nutra-Sweet als ein natürliches Produkt darstellte, das grenzenlosen Genuss ohne Reue ermöglicht. Zugleich hob es - gegenüber der chemischen, risikobehafteten Substanz Saccharin auf Natürlichkeit ab. Es wurde als natürliches Hilfsmittel offeriert, um die negativen Konsequenzen des zu vielen Essens scheinbar natürlich und anstrengungslos zu vermeiden. So avancierte Nutra Sweet zur technologischen Lösung für das Problem des permanenten Überangebots an Nahrungsmitteln. Damit erlaubte es, mehr zu essen und trotzdem gleichzeitig einen schlankeren Körper zu produzieren. Dies entsprach zugleich der amerikanischen Sicht, dass Gesundheit nicht per se existiert, sondern hergestellt werden muss. Mit dieser Vereinbarkeit scheinbar paradoxer Forderungen kam es auch den soziopolitischen Befindlichkeiten und Forderungen zu Beginn der wirtschaftspolitisch schwierigen Reagan-Arä entgegen, in der Forderungen nach mehr Konsum der Notwendigkeit von Verzicht entgegenstanden. Nutra Sweet erlaubte es, den Ruf nach Konsumzurückhaltung mit Reagans Aufruf zu mehr Konsum zu vermählen. Die häufigen Klagen über unerwünschte Nebenwirkungen des Aspartams erwiesen sich als massenmedial erzeugtes und verbreitetes Konstrukt, da wissenschaftliche Überprüfungen ergaben, dass sie auf einen exzessiven Konsum zurückgingen.
Anschließend beschäftigte sich UWE FRAUNHOLZ (Dresden) mit der Geschichte jener Produkte, in denen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts der von de la Peña diskutierte Süßstoff zum Einsatz kommen sollte. Die Soft-Drink-Innovationen im Deutschland des 20. Jahrhunderts eignen sich in seinen Augen besonders für eine kulturwissenschaftlich informierte Innovations-, Technik- und Konsumgeschichte, da sie deren Perspektiven auf Innovation, Produktion und Konsum und seine Differenzierungen prismatisch zu bündeln vermögen. Fraunholz diskutierte die Geschichte dieser Getränke vorrangig im Kontext der historischen Innovationsforschung und der von Ulrich Wengenroth vertretenen These, Deutschland habe in einer „Flucht in den Käfig“ im 20. Jahrhundert den Anschluss an die weltweite Entwicklung verloren und insbesondere im Dritten Reich mit seiner Autarkieorientierung Zweitklassiges mit enorm hohem Aufwand hergestellt. Die DDR habe daran festgehalten, während sich die BRD nach 1950 offenkundig stark am amerikanischen Modell orientiert habe. Gleichwohl sei eine gemeinsame Tradition von Werten, Normen, Einstellungen unübersehbar, so dass es trotz grundlegender Unterschiede auch viele ähnliche bzw. gemeinsame Entwicklungen gab. Wolfgang König folgend schrieb Fraunholz den Substituten jedoch nicht allein Eigenschaften des Minderwertigen zu, sondern hob ihre Funktion für die Entwicklung des Massenkonsums heraus, da Surrogate durchaus eigenständigen Charakter gewinnen oder wie die Margarine zum gefragten Life-Style-Produkt aufsteigen können. Für die Zeit des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts untersuchte er sodann drei Fälle: Sinalco diente ihm dabei als Beispiel für ein Getränk, das im Zusammenhang der Lebensreformbewegung von Eduard Bilz als Alkoholersatz neu erfunden wurde und zum erfolgreichen deutschen Erfrischungsgetränk und Exportschlager aufstieg. Die 1940 entwickelte Fanta dagegen wurde als Surrogat für Coca-Cola eingeführt, die nach Kriegseintritt der Amerikaner nicht mehr in Deutschland abgefüllt wurde. Von seiner Grundidee her war das Rezept für den Grundstoff nicht neu; es basierte vor allem auf Molke, die im Rahmen der Käseproduktion anfiel. Im Nationalsozialismus etabliert, wurde Fanta 1960 als erste neue Produktlinie von Coca-Cola auf dem amerikanischen Markt lanciert. Auch dieses Surrogat war also über das Ende des Nationalsozialismus mit seinem Autarkiestreben hinaus sehr erfolgreich und dies auch international. Mangel an Coca-Cola veranlasste schließlich auch die DDR-Regierung, ein Surrogat herstellen zu lassen. 1954 entwickelt, kam 1958 die Vita-Cola auf den Markt. Mit Blick auf die Schwierigkeiten bei der Versorgung mit Obst und Gemüse wurde ihr Vitamin C zugesetzt und eine deutliche Zitrusnote verliehen. Damit strebte die DDR nach einem eigenständigen und besseren Produkt mit zusätzlichem Gesundheitsnutzen. Wegen seiner Beliebtheit entstanden häufig Versorgungsengpässe, so dass auf staatlichen Beschluss die ähnliche Club-Cola entwickelt wurde. Diesem geschmacklich eigenständigen Getränk verpasste man wiederum einen eigenständigen, durchaus national gefärbten Auftritt. Ein einheitliches Markenimage allerdings fehlte wegen der lokalen Abfüllung und der daraus resultierenden verschiedenen Etikettierung. Beide Sorten sind noch heute auf dem Markt, beide haben, vor allem in den östlichen Bundesländern, ihre Fans. Aus diesen drei Beispielen folgerte Fraunholz, dass sich für Deutschland nur bedingt von einer persistenten deutschen Innovationskultur sprechen lasse, zumindest nicht für die beteiligten Privatfirmen. Für die staatlichen Akteure im Nationalsozialismus und der DDR allerdings sah er durchaus ein Verharren in der tradierten Innovationskultur, entschieden sie sich doch bewußt dafür, den alkoholfreien Erfrischungsgetränken einen festen Platz in der Mangelwirtschaft zuzuschreiben und so eine Ersatzstoffkultur zu etablieren. Allerdings, so lässt sich kritisch festhalten, verlor sich der Ersatzcharakter dieser Getränke sehr bald. Gerade in der Jugendkultur erreichten sie eine eigenständige Stellung.
In gewisser Weise, so lässt sich resümieren, befaßten sich alle fünf Beiträge mit der Utopie, eine auskömmliche, ansprechende und gesunde Ernährung für alle auf technologischem Wege herstellen zu können. Dabei stand in den Beiträgen von Uwe Spiekermann, Thomas Wieland und Karin Zachmann letztlich der Aspekt der Fortifzierung im Vordergrund: Bei Wieland ging es um die Verstärkung erwünschter Eigenschaften von Pflanzen, bei Zachmann um die Vermehrung des weltweiten Nahrungsmittelbudgets durch höhere Ernten und Verringerung der Lagerungsverluste, bei Spiekermann dagegen um die (kostenneutrale) Erhöhung des Eiweissanteils als dem eigentlich wertgebenden Bestandteil der Nahrungsmittel im Zuge der sekundären Produktion. La Peña und Fraunholz beschäftigten sich dagegen mit Produkten, die sich gegen unerwünschte Konsumfolgen richteten, das heißt Alkoholismus bzw. Fettleibigkeit. Ursprünglich als Surrogat gedacht, erlangten die daraus hervorgehenden Produktinnovationen jedoch eigenständigen Charakter und große Dauerhaftigkeit. Damit haben die Beiträge die Paradoxien der modernen, hoch technisierten Ernährung sehr deutlich herausgearbeitet und – wie Helga Satzinger in ihrem Kommentar betonte – klar gemacht, wie differenziert eine Technikgeschichte der Ernährung sein kann, wie fluide aber auch die Grenzen zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit sind. Schon als Menschen begannen, Nahrung zuzubereiten und als Speisen zu verzehren, haben sie sich von der Natur entfernt; sie legte allerdings großen Wert auf die Feststellung, daß es dabei qualitative Unterschiede gebe. Dabei sprach sie auch das Problem an, daß es der wirtschaftliche Nutzen sei, der diese Entwicklung vorantreibe und auch als Argument für die Experimente am lebenden Objekt herhalten müsste, da Menschen zu Objekten für Experimente mit diesen neuartigen Produkten gemacht würden. Die abschließende Diskussion drehte sich denn auch vorrangig um das Verhältnis von Kultur und Natur. Insbesondere Uwe Spiekermann verwies darauf, daß „Natur“ eine semantische Illusion sei, dass Ernährungsweisen nie nur instrumental, sondern stets auch in ihrer soziale Dimension diskutiert worden sind. So seien die Eiweisspräparate immer auch unter dem Aspekt von Geschmack und Genuß betrachtet worden. In diesem Zusammenhang forderte Karin Zachmann unter Verweis auf die Actor-Network-Theory dazu auf, dass man bei der Diskussion der Grenzen zwischen Natur und Kultur den Akteuren folgen müsse. Dabei erweise sich, dass die Technisierung unterschiedlich tief in verschiedene Bereiche der Ernährung eingedrungen sei. Daraus leitete sie den Appell ab, Begriffe auch semantisch zu untersuchen und zu fragen, wie Innovationen in die Öffentlichkeit getragen wurden. Damit rücken dann auch zeitgebundene Konfliktlagen in den Fokus. Es wird die Entwicklung eines Risikodiskurses deutlich, der allerdings nicht verdecken darf, das die Industrialisierung entscheidend geholfen hat, dem früheren Ernährungsmangel abzuhelfen, die Versorgung zu verstetigen und überhaupt Wahl- und Gestaltungsmöglichkeiten zu schaffen.
Sektionsübersicht:
Helga Satzinger (London): Leitung und Kommentar
Thomas Wieland (München): Von der klassischen Pflanzenzüchtung zur Grünen Gentechnik. Transformationen des biopolitischen Raumes.
Karin Zachmann (München): Grenzenlose Machbarkeit und unbegrenzte Haltbarkeit? Das „friedliche Atom“ im Dienst der Land- und Ernährungswirtschaft
Uwe Spiekermann (Washington, DC): Die gescheiterte Neugestaltung der Alltagskost. Eiweißpräparate und und Lebensmittelsurrogate im späten Kaiserreich
Uwe Fraunholz (Dresden): Substitut, Imitat, Surrogat: Soft-Drink-Innovationen im Nationalsozialismus und in der DDR
Carolyn de la Peña (University of Texas at Austin): Have your Cake and Eat it Too: Visions of Techno-Nature in the marketing of Nutra-Sweet. Tagungsbericht Die Technisierung der Ernährung und die Grenzen des „Natürlichen“. Beiträge zur Technikgeschichte der Ernährung vom ausgehenden 19. bis ins 21. Jahrhundert. 28.09.2010-01.10.2010, Berlin. In: H-Soz-u-Kult 10.03.2011. Entgrenzungen (nationaler) Geschichte und Erinnerung: Historische Deutungskonflikte und Aussöhnung im Spannungsfeld von Wissenschaft, Öffentlichkeit und PolitikLeitung: Eckhardt Fuchs / Simone Lässig, Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung, Braunschweig Bericht von: Hanna Grzempa / Thomas Strobel, Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung, Braunschweig Die Vorstellung getrennter Sphären von Wissenschaft und Politik war lange ein prägendes Wissenschaftsideal, das in der Geschichtswissenschaft bis heute nicht ganz obsolet ist. Die im Titel der Sektion benannte Trias von Wissenschaft, Öffentlichkeit und Politik steckte hingegen einen weiten Rahmen für die Austragung historischer Deutungskonflikte ab und ermöglichte es so, auch Verflechtungen und Ressourcentransfers zwischen den verschiedenen Sphären sichtbar zu machen.
Charakteristisch für die von ECKHARDT FUCHS (Braunschweig) in seiner Einleitung angeführten Deutungskonflikte ist, dass diese „History Wars“ über nationale Erinnerung und die Interpretation von Vergangenheit erheblich an politischer Brisanz und medialer Präsenz – hier vor allem durch die „historical cyber-culture“ – gewonnen haben. Dabei geht der Anstoß zu historisch relevanten Kontroversen nicht mehr primär von Wissenschaftlern und Intellektuellen aus. Vielmehr sind es vielfach Politiker, verschiedene gesellschaftliche Interessengruppen, Medien oder gar staatliche Instanzen, die „Sinnbildung durch Geschichte“ betreiben und damit historische Deutungskonflikte initiieren. Diese Auseinandersetzungen sprengen immer öfter die Grenzen der universitären Geschichtswissenschaft, werden sie doch vielfach an deren Rande oder gänzlich ohne die Mitwirkung von Wissenschaftlern ausgetragen. Nicht selten, so Fuchs, reichen sie in Inhalt und Wirkungen über die jeweiligen nationalen Grenzen hinaus.
Die anschließenden Vorträge befassten sich dementsprechend anhand systematisch ausgewählter und aktueller Fallstudien mit dem Spannungsverhältnis von Geschichtswissenschaft, Zivilgesellschaft, Politik und Staat in nationalen, bilateralen und multilateralen Kontexten. Im Zentrum der drei entsprechenden thematischen Blöcke standen Fragen nach einer öffentlichen Verhandlung und Nutzbarmachung von Geschichte, die unter bestimmten Konstellationen wechselseitiges Verstehen befördern, aber auch – und wie es scheint immer öfter – in handfeste Erinnerungskonflikte münden können. Im ersten thematischen Block „Geschichte und Konflikt“ wurden drei Konflikttypen mit je einem Fallbeispiel behandelt: Erinnerungspolitische Kontroversen, in die mehrere Staaten involviert sind; Geschichtskonflikte, die sich auf bilateraler Ebene entwickelt haben und schließlich Konflikte um die Deutung einer belasteten Vergangenheit, die innerhalb einer Gesellschaft ausgetragen werden.
SÖREN BRINKMANN (Erlangen) skizzierte die spezifischen Bedingungen und die Entwicklung der Auseinandersetzung der spanischen Gesellschaft mit den Themen Bürgerkrieg und Franco-Regime. Die unmittelbar nach Francos Tod implizit getroffene Vereinbarung der demokratischen Kräfte, die Gesellschaft spaltende Themen aus der Vergangenheit ruhen zu lassen, sollte den gesellschaftlichen Frieden stabilisieren. Diese Zeit kollektiven Beschweigens endete erst nach 25 Jahren, als eine breit geführte öffentliche Debatte über die Bewertung der Franco-Zeit und die Frage der moralischen und rechtlichen Wiedergutmachung lange Zeit die politische und mediale Agenda dominierte. Diese Debatte ging in erster Linie von zivilgesellschaftlichen Kräften aus; die politischen Parteien beförderten diese jedoch aus politischem Kalkül. Im spanischen Fall führte der zeitliche Abstand zu den Geschehnissen nicht zur Abkühlung von Emotionen und zur Mäßigung von Positionen. Im Gegenteil: Es kam zu einer intensiven Debatte, die aus dem dringlichen Wunsch der Gesellschaft entsprang, sich mit dem historischen Erbe auseinanderzusetzen.
GERHARD SEEWANN (Pécs) widmete sich bilateralen Spannungen und Deutungskonflikten. In seinem Vortrag zeichnete er die Entwicklung der slowakisch-ungarischen Beziehungen seit dem Ende des Sozialismus nach. Vor allem politische Akteure beider Länder seien es gewesen, die sich kultur- und geschichtspolitischer Elemente – Sprachenpolitik, Denkmalsfragen, Staatsbürgerschaft – bedient hätten, um Wähler zu mobilisieren. Im Kern handle es sich dabei um Identitätskonflikte und die Bewältigung sozialer Folgekosten des Transformationsprozesses. Das Störpotenzial historischer Themen werde vor allem von populistischen Parteien geschickt eingesetzt. Historiker spielten eher eine Neben- oder eine Marionettenrolle und unterzögen ihr Wirken aus dem Gefühl der Abhängigkeit vom Staat oft einer unbewussten Selbstzensur. Initiativen wie etwa die slowakisch-ungarische Schulbuchkommission setzten aber Zeichen einer kritischen Distanz zu staatlicher Geschichtspolitik und könnten so auch ohne politische Unterstützung wichtige Impulse der Versachlichung setzen. Konkrete Sachprobleme zwischen beiden Ländern seien, so Seewann, durchaus lösbar. Die Wirkungsmacht von Identitätskonflikten werde aber auf absehbare Zeit bestehen bleiben.
SVEN SAALER (Tokyo), dessen Vortrag krankheitsbedingt von Eckhardt Fuchs zusammengefasst wurde, stellte die wichtigsten geschichtspolitischen Debatten zwischen Japan, Südkorea und China vor. Während bis in die 1980er-Jahre eine Auseinandersetzung mit historischen Themen faktisch nicht stattgefunden habe, seien diese in den letzten beiden Jahrzehnten mit Wucht auf die Agenda gekommen und hätten sich vor allem an der belasteten Vergangenheit des Zweiten Weltkriegs entzündet. Die historischen Deutungskonflikte in Ostasien seien aber gegenwärtig, so Saaler, nicht mehr durch eine direkte Konfrontation, sondern durch einen bi- und trilateralen Dialog gekennzeichnet, der sich in zahlreichen Initiativen auf staatlicher und zivilgesellschaftlicher Ebene äußert. Nicht zuletzt unterschiedliche nichtstaatliche Akteure – Historiker, NGOs, Fachverbände und Bürgerinitiativen – werden da, wo der politische Wille noch nicht ausreichend gegeben ist, zu Zugpferden des Dialogs. Beispielhaft hierfür nannte Saaler die von einer japanisch-chinesisch-südkoreanischen Kommission bis 2005 erarbeiteten Unterrichtsmaterialien unter dem Titel „A History that Opens up the Future: Modern and Contemporary History of Three East Asian Countries“. Gerade das ostasiatische Beispiel zeigt aber auch, wie die politische Deutungshoheit über die Geschichte und die Instrumentalisierung historischer Erinnerung immer wieder zu zwischenstaatlichen Spannungen führt.
Der zweite und dritte thematische Block zeigten, wie selbst aus schweren historischen Hypotheken ein Dialog über sensible geschichtliche Themen entstehen konnte und welche Interessen auf staatlicher wie zivilgesellschaftlicher bzw. wissenschaftlicher Seite dahinterstanden. „Geschichte und Aussöhnung“, der zweite Komplex der Sektion, drehte sich um die Frage, inwieweit die Beschäftigung mit bzw. die Verhandlung von Geschichte zur Überwindung von Spannungen zwischen zwei ehedem verfeindeten Gesellschaften und Staaten beitragen kann. Die von CORINE DEFRANCE (Paris) und ULRICH PFEIL (St. Etienne) vorgestellte Geschichte des deutsch-französischen Historikerdialogs begann schon in den 1920er-Jahren und fand nach der Zäsur des Zweiten Weltkriegs seine Fortsetzung, unter anderem in gemeinsamen Schulbuchgesprächen. Diese langjährige und vertrauensbildende Zusammenarbeit, an der auch politische und gesellschaftliche Akteure beteiligt waren, schuf die Grundlagen für die Erarbeitung eines gemeinsamen Geschichtsbuches, dessen drei Bände in den Jahren 2003-2010 erarbeitet wurden. Die Entstehung dieses Lehrwerks, das regulär im Oberstufenunterricht beider Länder eingesetzt werden kann, hat eine hohe symbolische Bedeutung und war Impuls für die Konzipierung anderer bilateraler Schulbücher. In der Schulpraxis hingegen hat es sich nur bedingt durchsetzen können, was skeptische Stimmen von Seiten von Lehrern - etwa zur mangelnden Kompatibilität mit den Lehrplänen einiger Bundesländer - auch in der Diskussion bestätigten. Dass das Schulbuch, so Defrance und Pfeil, einen wichtigen Beitrag zu einem gemeinsamen europäischen historischen Bewusstsein leiste, stehe außer Frage. Ob die Schwierigkeiten des Einsatzes des gemeinsamen Geschichtsbuches in der Schulpraxis aber nicht auch Beleg für die andauernde Dominanz der nationalen Narrative in den europäischen Lehrplänen ist, gelte es noch weiter zu diskutieren.
Hieran schloss sich der dritte Komplex an, in dem beide Perspektiven zusammengeführt wurden. „Zwischen History Wars, Konfliktbewältigung und cultural diplomacy“ war der Titel des Vortrages von SIMONE LÄSSIG (Braunschweig), in dem sie den Januscharakter von Geschichtsschulbüchern thematisierte: Schulbücher könnten Erinnerungskonflikte verstärken, aber auch einen Beitrag zur Verständigung leisten. Dies ergebe sich nicht zuletzt aus den Spezifika dieses Mediums, das politische Orientierungen in hoher Verdichtung und in staatlich autorisierter Form vermittelt. Simone Lässig skizzierte die Geschichte des Schulbuchdialogs zwischen der Bundesrepublik Deutschland und seinen ehemals verfeindeten Nachbarn. Dabei fragte sie, unter welchen Rahmenbedingungen es gelungen ist, ehemals tiefgreifende Deutungskonflikte auf rationale Weise auszutragen oder über die Beschäftigung mit Geschichte sogar neue Formen der Verständigung zwischen ehemals verfeindeten Gesellschaften zu etablieren. Für den Dialog der alten Bundesrepublik mit westlichen Staaten sei, so Lässig, die Konstellation vergleichsweise günstig gewesen. Hier verwies sie auf das gebrochene Verhältnis der Deutschen zur Nation, auf die kritische Aufarbeitung der eigenen Geschichte in der Generation der Nachgeborenen und vor allem auf die fortschreitende West-Integration, die aus ehemaligen Feinden Partner gemacht hatte. Obwohl diese Konstellation für Polen nicht zutraf, habe auch die 1972 gegründete Gemeinsame deutsch-polnische Schulbuchkommission von neuen politischen Rahmenbedingungen (Neue Ostpolitik, Helsinki etc.) profitiert, allerdings ohne dass sie eine dezidiert politische Agenda verfolgt hätte. Im Gegenteil: Die bilateralen Historiker- und Schulbuchkommissionen waren deshalb erfolgreich, weil sie sich wissenschaftlichen Standards der Arbeit verpflichtet fühlten und – so scheint es beim derzeitigen Stand der Forschung – auch eigene Regeln der Kommunikation entwickelt haben.
Staat und Zivilgesellschaft erfüllen in derartigen Konstellationen, so CHRISTOPH MARX (Essen) in seinem Kommentar, je unterschiedliche Bedürfnisse: Während der Staat die Bearbeitung historischer Themen eher instrumentell angehe, gehe es der Zivilgesellschaft um Versöhnung mit der Geschichte und die Herstellung innergesellschaftlicher Homogenität. Für die Historikerzunft sei es dabei in nationalen wie transnationalen Aushandlungsprozessen zentral, eine Distanz zum jeweiligen Forschungsgegenstand zu bewahren, nationale Loyalitäten unter Umständen auch zurückzustellen und zur Versachlichung von Debatten beizutragen.
Den 2010 im „Archiv für Sozialgeschichte“ dargelegten Modellen des Neben- und Miteinanders der Sphären von Wissenschaft und Politik, die seit 1945 deutliche Tendenzen der Verwissenschaftlichung der Politik und Politisierung der Wissenschaft aufzeigten, konnten in diesem Panel weitere aussagekräftige Fallstudien hinzugefügt werden. Es wurde deutlich, wie stark historische Themen und ihre Erinnerung bis heute innergesellschaftliche Verständigungsprozesse oder das Verhältnis zum Nachbarländern belasten und wie rasch dabei auch Schulbücher zum Politikum werden können. Deutlich wurde, wie bedeutsam politische Voraussetzungen bzw. tragfähige diplomatische Beziehungen für einen Dialog über historischen Themen einerseits und ein gewisser zeitlicher Abstand zu den Geschehnissen andererseits sind. Dabei prägen wissenschaftliche und andere nichtstaatliche Akteur diesen Dialog aber auf sehr unterschiedliche Weise – in Distanz zur Politik, eng mit ihr verknüpft oder in ständigen Aushandlungsprozessen.
Insgesamt zeigte sich allerdings, wie schwierig es im Einzelfall ist, Querverbindungen und Einflussnahmen zwischen Wissenschaft einerseits und innergesellschaftlicher bzw. transnationaler Austragungsprozesse von Geschichte andererseits im Detail zu erfassen und nachzuzeichnen. Übergeordnete Kategorien, die es ermöglichen würden, Akteure und Phasen von Erinnerungskonflikten zuzuordnen, fehlen bislang. Modellhafte Formen von „best practice“ des Dialogs über historische Themen, die in dem Panel immer wieder angemahnt wurden, sind nicht in Sicht, wären angesichts der Spezifik des jeweiligen Einzelfalls vermutlich aber auch kaum operationalisierbar.
Sektionsübersicht:
Eckardt Fuchs (Braunschweig): Einführung
1. Geschichte und Konflikt
Sören Brinkmann (Erlangen): Innergesellschaftliche Konflikte um die Deutung nationaler Geschichte: Das Beispiel Spanien
Gerhard Seewann (Pécs): Bilaterale Deutungskonflikte im geeinigten Europa? Das Beispiel Ungarn-Slowakei
Sven Saaler (Tokyo): Multilaterale und transnationale Geschichtsdebatten: Das Beispiel Ostasien
2. Geschichte und Aussöhnung
Corine Defrance (Paris) / Ulrich Pfeil (St. Etienne): Erinnerung und Geschichte im Prozess der deutsch-französischen Verständigung nach 1945
3. Geschichte zwischen Konflikt und Aussöhnung?
Simone Lässig (Braunschweig): Zwischen History Wars, Konfliktbewältigung und Cultural Diplomacy: Geschichtsschulbücher als Politikum
Christoph Marx (Essen): Kommentar Tagungsbericht Entgrenzungen (nationaler) Geschichte und Erinnerung: Historische Deutungskonflikte und Aussöhnung im Spannungsfeld von Wissenschaft, Öffentlichkeit und Politik. 28.09.2010-01.10.2010, Berlin. In: H-Soz-u-Kult 24.03.2011. Furcht und Liebe. Semantische Grenzen der Affekte und affektuelle Grenzen des Handelns in der europäischen VormoderneLeitung: Leitung: Andreas Bähr / Claudia Jarzebowski, Freie Universität Berlin Bericht von: Stefan Hanß, Freie Universität Berlin Die Charakterisierung des Affektes als Gemütserregung, welche die Handlungsfähigkeit mindere, sei eine Definition unserer Zeit, betonte RENATE DÜRR (Kassel) in ihrer Einführung in die Sektion. In der Frühen Neuzeit hätten, in aristotelischer Tradition, eher die körperlichen Ursachen der Affekte als deren Folgen im Mittelpunkt der Affektenlehre gestanden. Die Relativierung der anachronistischen Dichotomie von affectus und ratio sei deshalb ein Anliegen dieser Sektion. Außerdem müsse die moderne Entgegensetzung von Furcht und Liebe für den frühneuzeitlichen Kontext hinterfragt werden. In zeitgenössischen Auffassungen von den Affekten hatten Furcht und Liebe grundlegende Gemeinsamkeiten. Sie seien beide „gewisse Bewegungen des Gemu[e]ths und der Sinnen“, wie in Zedlers ‚Grossem vollständigem Universal Lexicon aller Wissenschafften und Künste‘ zu lesen ist, „dem eingebildeten Guten nachzustreben, und das Bo[e]se zu meiden.“
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Furcht und Liebe, die für die Zeitgenossen für den Aufbau einer göttlichen und gottgewollten Ordnung notwendig gewesen seien, müssten deshalb in ihrem Zusammenspiel als affektuelle Grundlagen menschlichen Handelns thematisiert werden, die in der Vorstellung der historischen Akteure beispielsweise durch Erziehung formbar waren.
LEE PALMER WANDEL (Madison/WI) betrachtete das Verhältnis von Liebe und Furcht in Martin Luthers ‚Großem Katechismus‘ und Peter Canisius’ ‚Summa doctrinae christianae‘. Die Katechismen versammelten, was Christen zu wissen hatten, und durch die Wiederholung der in ihnen gedruckten Sätze äußerten Christen nicht nur ihre Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft, sondern wurden dadurch auch geformt und informiert. Diese Katechismen seien aufgrund ihrer teils handlichen Größe (Canisius) auch außerhalb der Kirche oder des Haushaltes konsultiert worden. Luther habe das Verhältnis des Menschen zu Gott mit den Wörtern „Glaube“ und „Vertrauen“ beschrieben, die er in ihrem Zusammenwirken als „Liebe“ charakterisierte. Keinen anderen Gott zu haben stellte er als Gottesfurcht, -liebe und -vertrauen dar. Bei ihm waren Liebe und Furcht eng miteinander verbunden: Liebe hätte ohne Furcht nicht existieren und Furcht keinen Einfluss ohne die Liebe ausüben können. Beide intensivierten sich für Luther gegenseitig, führte die Referentin aus. Dies verdeutlichen auch die ‚Zehn Gebote‘ in Luthers Katechismus, die Gottesgehorsam mit Liebe und Gottvertrauen mit Furcht verbinden. Der Aufbau von Canisius’ ‚Summa‘ unterscheidet sich vom oben behandelten Katechismus: Er ist durch ein Frage-Antwort-Schema strukturiert und die ‚Zehn Gebote‘ werden nicht an erster, sondern an dritter Stelle behandelt, was die Memorierungsprozesse und die Entstehung von Wissen unter den LeserInnen beeinflusst haben dürfte. Die ‚Summa‘ beginnt mit dem ‚Apostolischen Glaubensbekenntnis‘, was eine andere Auffassung von einem christlichen Leben signalisiere. Durch diesen Anfang habe Canisius das aktive Wirken des Heiligen Geistes in der Welt verdeutlichen wollen. In den ‚Zehn Geboten‘ vermittelte er ein Caritas-Konzept, das unter dem Begriff eine Beziehung zu Gott verstanden habe, die jener zwischen den Menschen gleicht. Liebe sei für ihn ein Personen bindendes Konzept gewesen, das alles beinhaltete, was Gott in den Geboten als Liebe definierte. Gott sollte im Willen und Handeln der Gläubigen um seiner selbst willen geliebt werden, und das heißt durch das, was er in den ‚Zehn Geboten‘ als Liebe charakterisiert habe, durch gute Handlungen gegenüber Gott und den Nächsten. Furcht sei deshalb in Canisius’ Caritas-Konzept nicht eingeschrieben gewesen. Liebe manifestiere sich in der ‚Summa‘ letztlich in der Inkarnation Christi als Zeichen der Gottesliebe und des Opfers.
CLAUDIA JARZEBOWSKI (Berlin) untersuchte die Bedeutung von Liebe als (de)legitimierenden Aspekt politisch-gesellschaftlicher Handlungsspielräume, um damit zwei „historiografische Irrtümer“ zu revidieren: dass Gefühle Privatsache seien, und dass die Historische Emotionenforschung ausschließlich untersuche, wie Menschen tatsächlich fühlten. Anhand der ‚Zwölf Artikel‘ verdeutlichte die Referentin, wie sich „aufständische“ Bauern auf „Liebe“ als in der Welt tätige Gottesliebe bezogen, um ihr eigenes Handeln als gerecht und gottgefällig zu legitimieren. Demgegenüber sprach Luther zunächst beiden, Obrigkeiten und Bauern, die Deutungshoheit ab, indem er Aufstände als gewalttätiges Handeln und das ausbeuterische Verhalten der Obrigkeiten als unchristlich charakterisierte. Die diskursive Ambivalenz der Deutungen von Gottesliebe in frühneuzeitlichen Handlungskontexten trete auch im gesellschaftspolitischen Diskurs der Herrschaftslegitimation hervor. In seiner ‚Institutio Principis Christiani‘ fordere Erasmus von Rotterdam eine der Liebe der Beherrschten zur Obrigkeit vorausgehende Liebe der Fürsten, zu der sie sich anhaltend und andauernd neu zu „entfachen“ hätten. Niccolò Machiavelli betonte, dass ein Herrscher sowohl geliebt als auch gefürchtet werden müsse. Sollte sich nur eines verwirklichen lassen, sei die Furcht zu bevorzugen, welche die Herrschaft durch Angst vor Bestrafungen absichere. Furcht und Liebe wurden als sympathetisch aufeinander bezogen konzipiert, wohingegen Erasmus eine Konkurrenz zwischen diesen eröffnete und die Liebe privilegierte. In Traktaten zur Fürstenerziehung wurde in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts zunehmend der Zusammenhang zwischen der Befähigung zu lieben und derjenigen zu herrschen betont. In Marullus’ ‚Institutiones Principales‘ werde die „zärtliche“ Elternliebe argumentativ mit der Fähigkeit des „mütterlichen Fühlens“ verknüpft, die nicht biologisch begründet werden musste. Demgegenüber werden in Erasmus’ Schrift ‚De pueris instituendis‘ Mütter verdächtigt, ihre Kinder zu „verzärteln“. Die häufige Abwesenheit der Väter mache neben einer Amme die Anstellung eines Lehrers notwendig, dessen Verhältnis zum Schüler ebenfalls durch Liebe vitalisiert werden solle. Der Vortrag zeigte, wie die Berufung auf Gottesliebe im Bauernkrieg zu Grenzverschiebungen von Deutungsansprüchen und zur Erweiterung der Handlungsspielräume im politischen Kontext führen konnte. Er veranschaulichte auch anhand der frühneuzeitlichen Verwobenheit von Furcht- und Liebeskonzepten, dass die Befähigung zur Liebe nicht von biologischer Abstammung abhing. In engem Bezug auf Hannah Arendt plädierte Claudia Jarzebowski dafür, Emotionen als Modi des Zusammenlebens zu untersuchen und in ihren performativen Eigenschaften ernstzunehmen. Emotionen nicht länger in entwicklungsgeschichtliche Geschichtsvorstellungen einzusortieren und ihre Zuordnung zum Privaten zu hinterfragen, könnte einen grundlegenden Wandel in der Neubewertung von Emotionen für historisches Verstehen befördern.
In seiner Autobiographie schreibt Thomas Hobbes, dass seine furchterfüllte Mutter ihn zusammen mit der Furcht gebar. Hiervon ausgehend, verdeutlichte ANDREAS BÄHR (Berlin) die Zentralität der historisch-kulturellen Furchtsemantik für dessen politische Theorie. Sie sei in der zeitgenössischen Theologie zu verorten ebenso wie in der Affektologie, in der affektuellen Zuständen eine besondere körperliche Wirkungsmacht zugeschrieben wurde. Laut Hobbes haben die nach Selbsterhaltung strebenden Menschen einen Herrscher zu fürchten, um sich nicht voreinander fürchten zu müssen. Der furchtlose Leviathan (Hiob 41) vereine die Furcht der Menschen auf sich, um den „bellum omnium contra omnes“ zu beenden. Diese Furcht vor dem Leviathan erhalte bei Hobbes am Ende eine religiöse Begründung. Dabei greife Hobbes antike Vorstellungen auf, wonach die Suche nach den Ursachen der Dinge die Menschen veranlasste, eine göttliche „prima causa“ zu setzen. Diese, so Hobbes, erscheine den Menschen als nicht erklärbar und versetze sie in die Furcht der Gottesverehrung. Hobbes habe damit keine grundsätzliche Religionskritik formuliert, sondern vor einem „falschen“ Glauben an Dämonen gewarnt, der sich politisch ausnutzen ließ. Dieser, so Hobbes, nähre die Furcht, der er sich verdanke. „Wahre“ Religion dagegen sei für Hobbes in wahrer Furcht begründet und ein Heilmittel gegen die Furcht des „falschen“ Glaubens. Vor dem Hintergrund der zeitgenössischen theologischen Differenzierung zwischen einer kindlichen und einer knechtischen, sanktionswürdigen Furcht habe Hobbes eine Furcht vor Gott als liebendem Vater gefordert und nicht lediglich eine Furcht vor dessen Strafen. In diesem Zusammenhang erscheint die Furcht vor dem Leviathan nicht lediglich als eine monopolisierte und umgeleitete, sondern zudem als eine qualitativ andersartige Furcht. Eine derartige Transformation war theoretisch erforderlich, damit der Leviathan nicht seinerseits in Furcht versetzt und seine Herrschaftsgrundlage in Gefahr gebracht werden konnte. Dies gelang nur, indem Hobbes’ Theorie dem Souverän den Status eines göttlichen Stellvertreters zusprach und damit die Furcht vor ihm anders konzipierte als jene vor den anderen Menschen: als religiöse, liebende Ehrfurcht. Vor diesem Hintergrund wird der Gedanke des Gesellschaftsvertrags verständlich. Der Referent betonte, dass Furcht und Liebe in Hobbes’ politischer Theorie nicht als Gegensatzpaar gedacht worden seien, sondern immer schon wechselseitig ineinander eingeschrieben waren. Dies finde Unterstützung im autobiographischen Text, in dem Hobbes die Überwindung seiner von der Mutter ererbten knechtischen Furcht in die kindliche Furcht seiner Gerechtigkeit beschreibt. Vor diesem religiösen Hintergrund besaßen „Furcht“ und „Liebe“ bei Hobbes eine grundlegend andere Bedeutung als in aufklärerischen Konzeptualisierungen des „Gefühls“.
GADI ALGAZI (Tel Aviv) trug im Anschluss daran seine konzeptionellen Überlegungen zur historiografischen Annäherung an Affekte wie Liebe und Furcht am Beispiel mittelalterlicher Quellen vor. Er verortete diese innerhalb kultureller Repertoires der historischen Gesellschaften, für die er Distinktionsmechanismen (beispielsweise über Lebensstile und soziale Praktiken) besonders betonte. Liebe unterliege einer situationsbedingten Konstruktion als Leidenschaft, in der den Augen seit dem 12. Jahrhundert eine besondere Rolle zukomme. In kritischer Auseinandersetzung mit Max Weber und Norbert Elias, zu dem er ausführte, dass letzterer eigentlich die Zähmung der Affekte und nicht der Emotionen behandele und keine tiefergehenden Überlegungen zur Produktion von Leidenschaften liefere, kam der Referent zu dem Befund, dass Liebe als Aktion und Code zugleich behandelt werden müsse. Sie manifestiere sich relational als Beziehung, im Gegensatz zur Angst als einem Zustand, weshalb die Beziehung selbst, die ein gesamtes Spektrum an Emotionen beinhalte, zum Untersuchungsgegenstand gemacht werden müsse. Die unterschiedliche kulturelle Kodierung von Liebe wurde anhand literarischer Erziehungsformen am Beispiel des abbasidischen Hofes im 9. Jahrhundert und des ‚Le Roman de la Rose‘ demonstriert. Der Referent vertrat die These, dass Liebe als Code lesbar sei, der in Form eines sozialen Spieles zur Erlangung bestimmter Kompetenzen beigetragen habe. Diese Kompetenzen bestünden in mittelalterlichen face-to-face-Gesellschaften vor allem in der Einübung spezifisch kultureller Erwartungen und Formen der Selbstkultivierung. Literarische Diskurse hätten daher, in ihrer lebensweltlichen Rezeption als soziales Spiel, Akteure geformt, die bestimmte kulturelle Kompetenzen einübten. In diesem Prozess lernten die Rezipienten einerseits ihre Handlungsspielräume in der Hofpolitik kennen und nutzen, indem sie die Kunst des indirekten Zuganges, der Andeutungen und der verborgenen Absichten trainierten und mit Reizen sowie der Sprache zu spielen übten. Die Regeln, Erwartungen und Bedeutungen des Schenkens wurden ebenso erlernt. Außerdem habe die historische Rezeption literarischer Liebeskonzepte dazu gedient, eigene Emotionen in der Lebenswelt zu steuern. In diesem Zusammenhang seien vor allem Techniken religiöser Rituale bedeutsam gewesen, um Erinnerung und Handeln zu formen und zu gestalten. Liebe sei demnach ein Modell emotionalen Selbstmanagements gewesen und die historische Rezeption über das Zuhören dieser literarischen Geschichten von Liebe und über Liebende habe dem Erlernen kultureller Normen und Regeln gedient. Sie stelle demnach eine Art kontrollierter Übung zu dem, was am Hofe (nicht) getan werden sollte, dar.
Die Sektion führte mit ihren verschiedenen Beiträgen, die von MARTIN SCHAFFNER (Basel) präzise kommentiert wurden, eindrucksvoll vor Augen, welch enorme Bedeutung Emotionen für die Gestaltung sozialer Beziehungen innerhalb frühneuzeitlicher Vorstellungswelten zukam. Damit wurde auch verdeutlicht, wie wichtig zukünftige Studien hierzu sind, um ein umfassenderes Verständnis komplexer frühneuzeitlicher Vorstellungswelten und Handlungslogiken, auch in ihren semantischen Repräsentationen, zu gewinnen. Die Referenten und Referentinnen stellten nicht nur die Fülle des Quellenmaterials vor, das für derartige Untersuchungen von Interesse ist, sondern präsentierten auch weiterführende methodologische Überlegungen.
Sektionsübersicht:
Renate Dürr (Kassel): Moderation
Lee Palmer Wandel (Madison/WI): Love and Fear in the Catechisms of Luther and Canisius
Claudia Jarzebowski (FU Berlin): Lieben und Herrschen. Fürstenerziehung im späten 15. und 16. Jahrhundert
Andreas Bähr (FU Berlin): Die Furcht vor dem Leviathan. Furcht und Liebe in der politischen Theorie des Thomas Hobbes
Gadi Algazi (Tel Aviv): Love as a Code of Social Competence
Martin Schaffner (Basel): Kommentar
[1] Affectus, in: Johann H. Zedler: Grosses vollständiges Universal Lexicon aller Wissenschafften und Künste […]. 1. Bd. Halle/Leipzig 1732, Sp. 718. Tagungsbericht Furcht und Liebe. Semantische Grenzen der Affekte und affektuelle Grenzen des Handelns in der europäischen Vormoderne. 28.09.2010-01.10.2010, Berlin. In: H-Soz-u-Kult 23.10.2010. Genealogien der MenschenrechteLeitung: Stefan-Ludwig Hoffmann, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam Bericht von: Lasse Heerten, Freie Universität Berlin / Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam In den letzten Jahrzehnten sind die Menschenrechte zu einer globalen lingua franca aufgestiegen, die verschiedenen Akteuren dazu dient, politische Agenden zu formulieren, die so Eingang in die Foren der internationalen Politik finden. Nachdem insbesondere seit den 1990er-Jahren Rechts-, Politik-, und Sozialwissenschaftler begonnen haben, die Rolle der Menschenrechte in der zeitgenössischen Weltordnung zu analysieren, rücken sie nun auch in den Fokus der historischen Forschung.
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In der von STEFAN-LUDWIG HOFFMANN (Potsdam) organisierten Sektion beim Historikertag in Berlin wurden einige der Protagonisten dieser neuen Diskussionen zusammengeführt. In seiner Einführung argumentierte Hoffmann mit dem englischen Historiker Geoffrey Barraclough, dass die Zeitgeschichte dort beginnt, wo die Probleme sichtbar werden, die unsere heutige Zeit bestimmen und verwies damit bereits auf eine der zentralen Fragen einer Geschichte der Menschenrechte: Wo fängt sie an? Es gibt verschiedene Möglichkeiten, diese Frage zu beantworten. In der Sektion wurde versucht, verschiedene Genealogien der Menschenrechte offen zu legen und so einige dieser Perspektiven ins Gespräch zu bringen.
Eine dieser Perspektiven fehlte leider, da der tschechische Historiker MICHAL KOPECEK (Prag) krankheitsbedingt nicht vortragen konnte. Hoffmann fasste jedoch die Hauptpunkte seines Papers „Dissidence, Human Rights, and Liberal Nationalism in East Central Europe 1968–1989“ zusammen. Dabei wurde deutlich, wie wichtig es ist, das von Politologen und Philosophen dominierte Feld einer ordentlichen Historisierung zu unterziehen. Entgegen der weit verbreiteten Annahme, osteuropäische Dissidenten seien als Protagonisten einer post-nationalen Konstellation im Sinne Jürgen Habermas zu verstehen, war deren Menschenrechtsaktivismus ganz im Gegenteil ein auf Staatsbürgerschaft fokussiertes Programm der Rückkehr der Nationalgeschichte. Die Überwindung des sowjetischen Empires ist der entscheidende Kontext, in den diese Geschichte einzufügen ist – eine post-imperiale, aber durch und durch nationale Konstellation.
Dem Vortrag von SAMUEL MOYN (New York) zufolge sind diese Menschenrechte im Englischen auch nicht als „human rights“, sondern als „rights of man“ zu verstehen. Es gibt an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten verschiedene Versionen der Menschenrechte. Um der Frage nachzugehen, ob Menschenrechte eine Vorgeschichte haben, verortete Moyn sie in den Traditionslinien verschiedener konkurrierender Universalismen, deren Nebeneinander häufig auch innerhalb einer Traditionslinie besteht. Das Modell eines akkumulativen Durchbruchs müsse deshalb verworfen werden. Bei der Aufeinanderfolge von „natural rights“, „rights of man“ und „human rights“ handele es sich nicht um eine fortlaufende Entwicklung, sondern um „Revolutionen“. Die „natural rights“ und die „rights of man“ waren exakt die konkurrierenden Universalismen, die die „human rights“ überwinden mussten: Letztere richten sich gegen staatliche Souveränität, ihre zwei Vorgänger waren genau in dieser verankert. Einer der Schlüssel, um das Rätsel des Aufstiegs der Menschenrechte, bzw. „human rights“, zu lösen sei folglich die Dekolonisationswelle nach Ende des Zweiten Weltkriegs – die wahre „rights of man“ Bewegung des 20. Jahrhunderts, und ebenfalls ihre letzte Inkarnation. Mit ihr erreichten das Prinzip und die Praxis staatlicher Souveränität als Garant von Rechten ihre maximale globale Ausdehnung – und so auch ihre Grenzen. Zahlreiche postkoloniale Staaten versagten in der Ausübung von Souveränität. Hier öffnete sich einer der Räume, in dem die „human rights“ unserer Weltordnung konstituiert werden konnten.
HANS JOAS (Erfurt / Chicago) erzählte die Geschichte der Menschenrechte in seinem Vortrag als die einer Sakralisierung der Person. Eingangs verwarf er die häufig gestellte Frage, ob die Menschenrechte religiösen oder säkularen Ursprungs seien, als „unfruchtbar“. Weder die Meistererzählung von dem anti-religiösen Impetus von Aufklärung und französischer Revolution als Geburtshelfer der Menschenrechte, noch die alternative Meistererzählung einer zuerst protestantischen, dann katholischen Hinwendung zu den Menschenrechten, etwa über den Weg des christlichen Personalismus, könnten überzeugen. Gerade das Modell einer „Reifung über Jahrhunderte“ sei soziologisch wenig tragfähig. Als Alternative bot Joas an, von einem Prozess der Sakralisierung der Person auszugehen, einer gesellschaftlichen Attribution, die nichts der Person inhärentes beschreibe, aber den Aufstieg der Menschenrechte erst ermöglichte. Joas versteht diese Geschichte als die einer kulturellen und sozialen Transformation, die über eine reine Rechtsgeschichte hinausweist – andernfalls würden Erklärungen nur „Stücke Papier“ bleiben. Joas plädierte dafür die Menschenrechte nicht nur als Normen, sondern als Werte zu verstehen, die notwendigerweise vage blieben.
JAN ECKEL (Freiburg) begann seinen Vortrag zur „Neuerfindung von internationalem Menschenrechtsaktivismus in den 1970er-Jahren“ mit dem „Erstaunen der Mörder“. Das diktatorische Regime in Augusto Pinochets Chile zeigte sich verwundert über die Empörung, die die Verfolgung ihrer politischen Gegner international auslöste und sich sowohl in Demonstrationen als auch der Kürzung von Wirtschaftshilfe manifestierte. Die Deutungen innerhalb der Junta reichten von der Annahme einer jüdisch-sozialistischen Verschwörung zu der, dass es sich um ernst gemeinte Verdammung handelte. So oder so, dieses Erstaunen sei ein Indiz für ein neues historisches Faktum, so Eckel. Insbesondere anhand des NGOs Amnesty International verdeutlichte er die neu gewonnene Virulenz der Menschenrechte in den 1970er-Jahren. Dieser „post-revolutionäre Idealismus“ erteilte den Protestformen der 1960er-Jahre eine Absage. Regierungen wandten sich dieser Rhetorik ebenfalls zu, etwa die der USA in der Krise der post-Vietnam-Ära, aber auch bereits sehr früh die Niederlande. Hier bedeutete das Fehlen eines außenpolitischen Konsenses eine ähnliche Krisensituation, in der die Menschenrechte eine attraktive Alternative darstellten, die die Überwindung der Ordnung des Kalten Krieges versprach. Positive Effekte dieses neuen Aktivismus seien schwierig zu identifizieren. Jedoch habe diese „politische Gegensprache“ zuvor undenkbare politische Koalitionen ermöglicht, wie die der politischen Linken und der Kirchen. Zudem habe sie globale Loyalitätsbeziehungen zwischen Opfern und Aktivisten befördert. In dem beschränkten Sinne, dass staatliche Verbrechen auf diese Weise so sehr wie niemals zuvor in den Fokus gerückt wurden, könne deshalb von einer Humanitarisierung oder sogar Humanisierung der internationalen Beziehungen die Rede sein.
Der Kommentar von SANDRINE KOTT (Genf) initiierte eine angeregte Diskussion unter den Panelists. Kott wies darauf hin, dass die Periode von den 1940ern bis zu den 1970ern in den Vorträgen und in der jüngeren Forschung zur Geschichte der Menschenrechte insgesamt eine untergeordnete Rolle spiele. Gerade um die Konkurrenz verschiedener Diskurse zu studieren, mit denen die Menschenrechte konkurrierten, sei dieser Zeitraum jedoch sehr aufschlussreich. Joas fragte Eckel nach der Rolle der 68er Proteste, denn dem „post-revolutionären Idealismus“ sei keine Revolution vorhergegangen. Kontinuitätslinien seien eher zu den frühen 1960er-Jahren auszumachen, bevor die mit der Chiffre ‚68’ verbundene „Hysterisierung“ gesellschaftlicher Konflikte einsetzte. Eckel erklärte, dass der Menschenrechtsaktivismus der 1970er-Jahre in einigen Punkten Protestformen der 1950er-Jahre ähnelte, etwa der Anti-Nuklear-Bewegung. Die „Massenaktivierung von Protest“ sei jedoch ein Phänomen der 1960er-Jahre. Weitere Diskussionspunkte waren die Zusammenhänge von nationaler und internationaler Geschichte, sowie der Geschichte von Menschen- und Bürgerrechten. Auf Kotts Erklärung, dass Gesellschaften national seien, entgegnete Eckel, dass diese Unterscheidung nicht funktioniere – diese Sphären sind in zu komplexer Weise miteinander verflochten. Moyn erklärte, dass Joas Paper nicht helfe, um den Aufstieg eines internationalen Regimes der Menschenrechte zu erklären – bei Joas ginge es um Bürgerrechte. Joas antwortete, dass die Prozesse der Sakralisierung der Person und der Sakralisierung der Nation historisch parallel liefen und miteinander verbunden waren. Joas plädierte für ein Modell von konkurrierenden und miteinander kommunizierenden Universalismen, denen in bestimmten historischen Situationen durch Erweckungsbewegungen neue Kraft verliehen würde; Verschiebungen in der „kognitiven Attribution von Verantwortung“ beförderten einen solchen Prozess.
In der weiteren Diskussion erklärte BERND WEISBROD (Göttingen), dass es einen „weißen Elefanten“ im Raum gäbe – die Antisklavereibewegung, die mit der zumindest im britischen Fall langen „pre-history of NGOs“ in Zusammenhang stünde. Eckel bestätigte, dass es eine weiter zurück reichende Geschichte von NGOs gibt. Trotz einiger Gemeinsamkeiten seien diese NGOs, so wie die Antisklavereibewegung, aber im Gegensatz zum späteren Menschenrechtsaktivismus als „single-issue movements“ zu verstehen. Bezugnahmen auf den Abolitionismus waren bereits unter Aktivisten in den 1970er-Jahren, etwa bei Amnesty International, verbreitet. Hierbei handele es sich aber um eine Herstellung von Traditionen und nicht um eine Kontinuitätslinie. MARTIN GEYER (München) argumentierte, dass nicht nur das 19. Jahrhundert deutlich wichtiger sei als häufig angenommen, auch die 1940er-Jahre seien wirkmächtiger als in den Vorträgen dargestellt: Was ist mit dem Holocaust? Die Menschenrechte seien zudem in den 1960er- und 1970er-Jahren im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung mit Genoziden wieder thematisiert worden. FABIAN KLOSE (München) sprach davon, dass die Menschenrechtspolitik der letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts eine „Weiterentwicklung“ bereits etablierter Praktiken sei; eine „Neudefinition“ sei wenn dann bereits seit Mitte der 1960er-Jahre passiert. Eckel wies auf die Widersprüche in Kloses Einwand hin: er bezeichnete die Veränderungen in der Menschenrechtspolitik in diesen Jahrzehnten sowohl als „Weiterentwicklung“ als auch als „Neudefinition“: Was trifft nun zu? Joas unterstrich, dass der Menschenrechtsmoment der 1940er-Jahre sicherlich eine Reaktion auf den Nationalsozialismus war, aber nicht auf den Holocaust. Moyn betonte, dass dies auch wenig überraschend sei – die Forschung zur Erinnerung an den Holocaust habe klar gezeigt, dass die breite gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Massenmord an den Juden Europas zeitlich versetzt passierte, vor allem in den 1990er-Jahren sei diese intensiviert worden. Die empirische Grundlage für die Behauptung eines Zusammenhangs von der Etablierung des internationalen Menschenrechtsregimes und dem nationalsozialistischen Genozid ist sehr dünn. Er rief dazu auf, unsere eigene Verwobenheit in heute dominanten Vorstellungen zu reflektieren.
Moyns Plädoyer zur selbstreflektierten, kritischen Auseinandersetzung mit der Geschichte der Menschenrechte bietet ihrer weiteren Erforschung wichtiges Rüstzeug. Die Vorträge haben gezeigt, welche interessanten Ergebnisse dieser noch junge Forschungszweig bereits zu Tage gefördert hat. Dabei haben einige Historiker begonnen, die Menschenrechte in einer Weise in den Blick zu nehmen, die auch Raum für die Ambivalenzen und Konflikte in ihrer Geschichte lässt. In der Abschlussdiskussion der Sektion wurde jedoch die Hartnäckigkeit dominanter Erzählmuster deutlich, die auf einer liberalen Erfolgsgeschichte der Menschenrechte beruhen, wie sie etwa in Arbeiten zur Entstehung einer globalen Zivilgesellschaft verbreitet sind. Zumindest seit den 1990er-Jahren sind verschiedene Fassungen dieser Narrative zentraler Bestandteil der Selbstverortung westlicher Gesellschaften. Um die internationale Geschichte der Menschenrechte besser zu verstehen, müssen diese häufig als intuitiv richtig verstandenen Annahmen jedoch reflektiert werden. Sonst besteht die Gefahr, heutige Narrative über die Menschenrechte zurück zu projizieren, statt die Menschenrechte in ihren verschiedenen Erscheinungsformen in der Geschichte zu historisieren.
Sektionsübersicht:
Stefan-Ludwig Hoffmann (Potsdam): Einführung: Zur Genealogie der Menschenrechte
Samuel Moyn (New York): Do Human Rights Have a Prehistory?
Hans Joas (Erfurt / Chicago): Die Geschichte der Menschenrechte als Sakralisierung der Person
Jan Eckel (Freiburg): Moralischer Interventionismus. Zur Neuerfindung von internationalem Menschenrechtsaktivismus in den 1970er Jahren
Michal Kopecek (Prag): Dissidence, Human Rights, and Liberal Nationalism in East Central Europe 1968–1989 (ausgefallen)
Sandrine Kott (Genf): Kommentar
[1] Vgl. vor allem Jan Eckel, Utopie der Moral, Kalkül der Macht. Menschenrechte in der globalen Politik seit 1945, in: Archiv für Sozialgeschichte 49 (2009), 437-484; Stefan-Ludwig Hoffmann (Hrsg.), Moralpolitik. Geschichte der Menschenrechte im 20. Jahrhundert, Göttingen 2010; Samuel Moyn, The Last Utopia. Human Rights in History, Cambridge, Mass. / London 2010. Tagungsbericht Genealogien der Menschenrechte. 28.09.2010-01.10.2010, Berlin. In: H-Soz-u-Kult 18.12.2010. Geschichten von Menschen und Dingen – Potenziale und Grenzen der Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) für die GeschichtswissenschaftLeitung: Christina Benninghaus, Universität Bielefeld Bericht von: Catarina Caetano da Rosa, Lehrstuhl für Geschichte der Technik, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen; Marcel Streng, Zentrum für europäische Studien (ZEUS), Universität Köln Auf dem deutschen Historikertag 2010 am 29. September 2010 fand zum ersten Mal eine Sektion zur Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) statt. Die ANT ist im Rahmen der Science and Technology Studies entwickelt worden. Im angloamerikanischen Raum wird sie seit Mitte der 1980er-Jahre diskutiert, in Deutschland jedoch erst seit Kurzem. Die Referierenden zielten darauf ab, die Potenziale und Grenzen der ANT für die Geschichtswissenschaft auszuloten. Insgesamt beschäftigte sich die Diskussion mit der Frage, ob und wie es diesem Forschungsansatz gelingen werde, in der Geschichtswissenschaft Fuß zu fassen.
CHRISTINA BENNINGHAUS (Bielefeld) stellte die ANT einleitend als sozialgeschichtliche Heuristik und weniger als Sozialtheorie vor. Die ANT nehme nicht die „Gesellschaft“, sondern „Kollektive“ von Menschen und nicht-menschlichen Dingen in den Blick, wobei sie diese als gleichberechtigte Partner auffasse. Es gelte, die Interaktionen solcher Entitäten nachzuzeichnen. Laut einer Maxime von Bruno Latour, dem Hauptvertreter dieser Forschungsrichtung
[1]
, sollte die für die Moderne charakteristische Dichotomie zwischen Menschen und Nicht-Menschen selbst zum Gegenstand werden, um Akteur-Netzwerke als Mischwesen (Hybride) untersuchen zu können. Daran schloss sich die Frage an, ob sich diese Betrachtungsweise auch auf die Vormoderne übertragen lasse.
In ihrem Kommentar stellte MARTINA HESSLER (Hamburg) heraus, dass das Konzept des Aktanten für die ANT zentral sei und sie sich dadurch von anderen (Sozial-)Theorien unterscheide. Die damit verbundene Idee laute, nicht-menschlichen Dingen ein Handlungspotenzial (agency) und eine aktive Rolle im Aufbau von Wissens- und Sozialordnungen zuzuschreiben. Michel Callon, ein weiterer Vertreter der ANT, habe diesen Gedanken am Beispiel von Jakobsmuscheln illustriert
[2]
: Diese Aktanten würden Fischer dazu veranlassen, sie zu angeln. Die Fischernetze wiederum könnten als Aufforderung an die Muscheln verstanden werden, sich daran zu heften. Da dieses Vorhaben in der Empirie jedoch scheitern könne, zeige das Beispiel, dass nicht-menschliche Aktanten zuweilen anders reagieren würden als erwartet. Erst diese Sichtweise auf Mensch-Ding-Beziehungen, die den Dingen Handlungsmacht zugestehe, führe zu ihrer Neubeschreibung. Die Technikhistorikerin aus Hamburg spitzte ihre Ausführungen wie folgt zu: Falls man der Idee des Aktanten nicht zustimme, dann empfehle sich der Rückgriff auf andere Theorieangebote.
Es wäre interessant, diese Sektion unter den folgenden Fragestellungen zu besprechen: Ist es den Vortragenden gelungen, das Konzept der ANT für die historische Forschung zu erschließen? Haben sie den Anspruch, von einer Sozialgeschichte der Menschen zu einer Geschichte der Assoziationen von Menschen und Nicht-Menschen überzugehen und symmetrische Netzwerkbildungen zwischen Akteuren und Aktanten nachzuzeichnen, eingelöst?
KLAUS WEINHAUER (Wassenaar, NL) ging in seinem Vortrag „Vom Hustenmittel zur illegalen Droge (1898-1912)“ auf die Geschichte des Heroins ein. Die Firma Bayer hatte dieses halbsynthetische Opiat zunächst als Medikament gegen Hustenreiz verkauft, bevor es auf Opiumkonferenzen um 1910 zum illegalen Suchtmittel deklariert wurde. Der Referent interessierte sich für das Wissen, das vor dem Ersten Weltkrieg über Heroin zirkulierte. Im Rückgriff auf ein von Bruno Latour
[3]
entwickeltes Modell zeigte er auf, wie sich zwischen Ärzten, Patienten, Versuchsapparaten und Labortieren verschiedene Allianzen bildeten. Die Anwendung von Heroin sei nicht nur durch ‚reine Wissenschaft‘ oder ‚korrumpierende Industriepolitik’, sondern auch durch Mediziner gefördert worden, die nach Professionalisierung strebten, stellte er fest.
Da Klaus Weinhauer der Idee des Aktanten misstraute, legte er sich hinsichtlich der Wirkungsmacht des Heroins nicht fest. Der „Stoff“, seine Dosierungen und Verabreichungsformen traten daher nicht trennscharf in den Blick. Doch der Referent hob hervor, mit Hilfe der ANT zu der Einsicht gelangt zu sein, dass Wirkungen von Heroin (wie Angewöhnung oder Abhängigkeit) nicht auf das Problem eines Patienten oder dessen Persönlichkeit zurückzuführen seien, sondern einem Effekt des Medikaments entspreche. Der Vortragende plädierte dafür, Medikamente resp. Drogen mit Hilfe der ANT zu erforschen, weil diese Stoffe ihre Wirkung erst in einem tierischen oder menschlichen Körper entfalten und mit diesen ein hybrides Netzwerk bilden würden.
CHRISTINA BENNINGHAUS (Bielefeld) griff auf dasselbe Latoursche Modell zurück wie der Vorredner, um am Beispiel der Tubendurchblasung zu zeigen, wie sich der Begriff von „Unfruchtbarkeit“ veränderte. Vor 1920 gab es keine Möglichkeit, die Durchlässigkeit der Eingeweide zu beurteilen. Kontrastmittel führten zu Infektionen. Der Einsatz von Luft verhinderte das und war sogar in Röntgenbildern sichtbar. Die Methode war umständlich, dennoch ließen sich Ärzte davon überzeugen. Die Eileiter wiederum spielten nicht immer mit. Denn in einigen Fällen ließen sich keine oder nur widersprüchliche Ergebnisse erzielen. Neue, unvorhergesehene Fragen entstanden: Warum konnte die Luft nicht immer passieren? Ärzte fassten den Eileiter als Aktant auf. Sie isolierten ihn vom menschlichen Körper und führten Tierversuche durch. Christina Benninghaus zeigte auf, dass sich die Technik der Tubendurchblasung deshalb stabilisieren konnte, weil sie zum einen verfügbar war, und weil sich das Verfahren zum anderen so verändern ließ, dass sich die Eileiter nicht mehr entzündeten.
Die Referentin nahm auch die Frauen, die sich solch einer Behandlung unterzogen, als Mitspielerinnen in den Blick. Sie suchten die Kliniken wegen Kinderlosigkeit auf. Die Frage, wer an der Unfruchtbarkeit Schuld trage, diskutierte die Presse. Die Patientinnen sahen sich nicht selbst als Objekte, sondern das Objekt des Interesses befand sich im Inneren ihres Körpers. Das heißt, sie stellten ihren Körper als Laboratorium zur Verfügung. Benninghaus beschrieb die Innovation im Rückgriff auf die ANT, ohne anonyme Kräfte zitieren zu müssen. Sie betonte die Momente der Kontingenz, der Vorläufigkeit, aber auch der Expertise. Am Beispiel der Eileiterdurchblasung wurde deutlich, welch wichtige Rolle das Organ selber spielte. Demgegenüber erschienen die Ärzte weniger autonom, als die klassische Medizingeschichtsschreibung behauptet. Benninghaus betonte, sie untersuche nicht primär den Diskurs, sondern die Apparatur. Diese rücke viel näher an den Körper heran. Die Hybriden entstünden nicht erst im Diskurs, sondern in den Untersuchungspraktiken. Sie historisierte die Widerständigkeit der Eileiter und betonte damit deren Agency. Deutlich wurde, dass sie die Geschichte gerne aus der Sicht der Eileiter schreiben würde. Allerdings meldete sie Zweifel an, ob solch ein Text nicht für neue Meistererzählungen der Biopolitisierung verwendet werden könnte.
MARTIN KOHLRAUSCH (Bochum) widmete sich in seinem Vortrag der Architektengruppe „Congrès Internationaux d’Architecture Moderne“ (CIAM). Er zeichnete nach, wie sich die CIAM von deren Gründung im Jahr 1928 bis Ende der 1950er-Jahre zu einem professionellen Zusammenschluss entwickelte. Im Spiegel von Briefwechseln prominenter Architekten (wie Le Corbusier und Sigfried Giedion) stellte Martin Kohlrausch gruppeninterne Kontroversen vor, wobei auch „Antigruppen“ (wie das Architekturkomitee des Völkerbundes, die Weltausstellung etc.) für den Zusammenhalt der CIAM konstitutiv gewesen seien. Die CIAM habe es verstanden, die Probleme, die sie zu lösen beabsichtigte, selbst zu definieren, erklärte der Referent. Er griff die ANT auf, um „die soziale Dimension der Architektur“ zu analysieren. Die „technischen“ Innovationen gerieten dabei aus dem Blick: Dinge wie Baupläne, Zeichnungen, Baumaterialien, Statistiken, Modelle, etc. spielten in seinem Vortrag keine Rolle. Diese Lücke spiegelt eine selektive Rezeption der ANT wider, denn diese zieht das Soziale gegenüber der materiellen Dimension der Geschichte nicht vor, sondern versucht in ihren Untersuchungen, Personen, Artefakte und Zeichen gleichermaßen zu beachten.
[4]
DAGMAR ELLERBROCK (Bielefeld) unternahm in ihrem Vortrag den Versuch, Bruno Latours Denkfigur des Schütze-Waffen-Hybrids
[5]
als Handlungseinheit des Schießens zu historisieren. Sie argumentierte, die in den 1880er-Jahren eingeführten Revolver hätten die von der vorgängigen „Messerkultur“ geprägten Interaktionen nachhaltig verändert. Allzweckmesser galten als Alltagsgegenstände, führte sie aus. Die Kunst des Messerführens habe in Streitereien darin bestanden, nur die Kleider und damit das soziale Ansehen des Gegenspielers zu beschädigen. Die Revolver hingegen hätten sich in den ungeübten Händen vor allem junger Männer als gefährliche Dinge entpuppt, weil sich Schüsse zuweilen ungewollt lösten und Unbeteiligte verletzten oder töteten.
Die Referentin beschrieb eine Phase des alltagskulturellen Wandels, in der „soziale Skripte“ aus der vorherrschenden Messerkultur angesichts der neuen Waffen zwar obsolet wurden, aber solche für den Umgang mit Handfeuerwaffen noch nicht gefunden waren. Sie ging von der Grundannahme eines „männlichen Waffenhabitus“ aus, um auf die bedeutende Rolle von Waffen in gesellschaftlichen Virilisierungsstrategien hinzuweisen. An diesem Punkt blieb unklar, worin der Mehrwert der ANT gegenüber praxeologischen und ethnomethodologischen Ansätzen liegen soll, die in der Alltags- und Konsumgeschichte bereits seit einiger Zeit erprobt werden.
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Die Schlussfolgerung Dagmar Ellerbrocks, Schütze und Waffe seien im Rahmen der Schusswaffenkultur „zu einem neuartigen Aktanten verschmolzen, der Praktiken vollführte, die sich zwar an hergebrachten Skripten orientierten, aber aufgrund des Eigengewichts der Artefakte eine ganz neue, eigensinnige Wirkungskraft entwickelten und so […] am Gewebe der Gesellschaft“ mitwirkten, scheint an einer zentralen These der ANT vorbeizugehen: Es gibt a priori weder „die Gesellschaft“ noch „das Gewebe der Gesellschaft“ noch unspezifische „soziale“ Skripte. Nach Ansicht der ANT ist „die Gesellschaft“ (der Menschen) stattdessen ein ebenso erfolgreiches wie folgenreiches Produkt der modernen Sozialwissenschaften, das die eigengewichtige Mitwirkung von Artefakten gerade ausschließt. ANT-Begriffe wie „Kollektiv“ und „Assoziation“ sollen darauf verweisen, dass Dinge nicht am „Gewebe der Gesellschaft“ mitwirken, sondern selber wie ein netzwerkartig aufgebautes Gewebe gesehen werden können.
Christina Benninghaus charakterisierte die ANT schließlich, indem sie ein Diktum von Karl Marx paraphrasierte: „Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie gemeinsam mit den von ihnen geschaffenen Artefakten und mit den von ihnen […] auf den Plan gerufenen nicht-menschlichen Wesen.“
[7]
Es ist fraglich, ob diese Form der anthropozentrischen Sozialgeschichtsschreibung dem Potenzial der ANT gerecht werden kann, wie Martina Heßler andeutete. Christina Benninghaus äußerte dagegen die Sorge, dass mit der konsequenten Übernahme des Aktanten-Konzepts der biopolitischen Instrumentalisierbarkeit Vorschub geleistet werde. Ob allerdings die anthropozentrische Sozialgeschichte gegen „Ideologisierung“ gefeit ist, mag man ebenfalls bezweifeln. Das Latoursche Konzept der agency wird für seinen Minimalismus kritisiert, ist aber gerade deshalb auch für Historikerinnen und Historiker interessant: Nichts und niemand ist per se Aktant. Stattdessen wird er, sie oder es erst dann zum Akteur, wenn er, sie oder es einen Unterschied macht, die Assoziationsketten minimal verändert, die Liste der Kollektivglieder unmerklich ergänzt oder kürzt. Die verzweigte Geschichte solcher Verbindungen nachzuzeichnen, zu zeigen, welche Materialität Dinge entfalten, aber auch, wie sich Dinge als Netzwerke materialisieren, wäre der ANT zufolge das Geschäft der Historikerinnen und Historiker.
Sektionsübersicht:
Klaus Weinhauer (Wassenaar, NL): Heroin: Vom Hustenmittel zur illegalen Droge (1898-1912)
Christina Benninghaus (Bielefeld): Eine neue Art, unfruchtbar zu sein: Die Einführung der Tubendurchblasung um 1920
Dagmar Ellerbrock (Bielefeld): Browning, Mauser und Co. als Startschuss einer neuen deutschen Waffenkultur
Martin Kohlrausch (Bochum): Jenseits des Bauwerks: Professioneller Wandel und neue soziale Relevanz moderner Architekten nach 1918
Martina Heßler (Hamburg): Kommentar
[1] Bruno Latour, Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie. Frankfurt am Main 2010.
[2] Michel Callon, „Einige Elemente einer Soziologie der Übersetzung. Die Domestikation der Kammmuscheln und der Fischer der St. Brieuc-Bucht“, in: Andréa Belliger / David J. Krieger (Hrsg.): ANThology. Ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie. Bielefeld, 2006, S. 135-174.
[3] Bruno Latour, Die Hoffnung der Pandora. Untersuchungen zur Wirklichkeit der Wissenschaft. Frankfurt am Main 2002, S. 121.
[4] Zur weiterführenden kritischen Diskussion der ANT siehe: Georg Kneer / Markus Schroer / Erhard Schüttpelz (Hrsg.): Bruno Latours Kollektive. Kontroversen zur Entgrenzung des Sozialen. Frankfurt am Main 2008.
[5] Vgl. Bruno Latour, Die Hoffnung der Pandora. Untersuchungen zur Wirklichkeit der Wissenschaft. Frankfurt am Main 2002, S. 214-219.
[6] Siehe z.B. Arjun Appadurai (Hrsg.), The social life of things. Commodities in cultural perspective. Cambridge 1986.
[7] Im Original lautet der nicht zuletzt für die Alltagsgeschichte seit den 1980er-Jahren einschlägige Satz: „Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen.“ Karl Marx, „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“, in: Ders. / Friedrich Engels, Werke. Berlin, 1969, Bd.8, S.111-207, hier S. 115. Tagungsbericht Geschichten von Menschen und Dingen – Potenziale und Grenzen der Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) für die Geschichtswissenschaft. 28.09.2010-01.10.2010, Berlin. In: H-Soz-u-Kult 22.01.2011. Globalgeschichtliche Perspektiven im Geschichtsunterricht. Sektion des Verbandes der Geschichtslehrer DeutschlandsLeitung: Hans Woidt, Eberhard-Karls-Universität Tübingen Bericht von: Wolfgang Geiger, Historisches Seminar, Goethe-Universität Frankfurt; Thomas Lange, Seminar für Didaktik der Geschichte, Goethe-Universität Frankfurt am Main Einführend wies HANS WOIDT (Tübingen) auf ein erstaunliches Paradox hin: Die Welt ist durch den Globalisierungsschub der letzten Jahren stärker zusammen gewachsen als je zuvor, in der Öffentlichkeit wird Globalisierung als zentrales gesellschaftliches Thema wahrgenommen, in wachsendem Maße wird die Lebenswelt unserer Schüler in vielfältigre Weise bis in ihren Alltag hinein von globalen Faktoren bestimmt. Doch weder in der wissenschaftlichen Ausbildung noch im Geschichtsunterricht selbst sind bisher überzeugende Konsequenzen gezogen worden. Zwar gab es fachwissenschaftlich einzelne Vorstöße in Richtung weltgeschichtlicher Konzeptionen seit den 1960er-Jahren und auf der Forschungsebene gibt es großartige Fortschritte vor allem seit den 1990er-Jahren, parallel dazu trat auch das Thema Globalisierung ins öffentliche Bewusstsein. So erscheine es selbstverständlich, dass das Fach Geschichte auch globalgeschichtliche Perspektiven vermittelt. Dabei gehe es nicht um eine völlige Neuorientierung des Faches, betonte Herr Woidt, sondern um neue Sichtweisen auf weltweite Transfers und Interdependenzen, Wechselwirkungen in historischer Perspektive, um „eine besondere Art und Weise des Hinsehens und des Fragens“ (J. Osterhammel).
Die erste Runde der Vorträge galt dem geschichtswissenschaftlichen Aspekt. Aufgrund technischer Pannen (keine Beamer-Projektion) konnten die Vorträge der Sektion nur unter Einschränkungen gehalten werden, dies betraf negativ vor allem den Vortrag von UNSUK HAN. Er erläuterte die Hintergründe für das Interesse an Globalgeschichte in Korea. Ausgangspunkt hierfür war und ist die Kritik des Kolonialismus und seiner Folgen sowie des Eurozentrismus im damit verbundenen Geschichtsbild. Der Zusammenbruch des Realsozialismus hat hierfür einen Impuls geliefert in den Kreisen der südkoreanischen Intellektuellen. Hier wurde mittels zahlreicher Übersetzungen die entsprechende wissenschaftliche Literatur aus den USA, Europa, Japan und China rezipiert, vor allem jedoch Edward Saids Kritik des „Orientalismus“ in seinem gleichnamigen Buch. Man stellte Analogien zu den von Said analysierten Klischees, also eurozentrische Sichtweisen in koreanischen Schulbüchern fest. Es entstand ein Interesse an der Darstellung der Geschichte Asiens, der islamischen Welt, Afrikas und Lateinamerikas sowie an übergreifenden globalgeschichtlichen Themen wie Umweltgeschichte, in Anlehnung an die „kalifornische Schule“. In den 1980er-Jahren entstand unter japanischen Wirtschaftshistorikern eine Richtung regionalgeschichtlicher Erforschung der Zusammenhänge eines asiatischen Wirtschaftsraumes. Im Weiteren ging Herr Han auf den Eurozentrismus ein (in Asien „Okzidentalismus“ genannt und damit Nordamerika auch begrifflich einbeziehend), der sich von anderen Zentrismen (zum Beispiel Sinozentrismus) durch sein universalistisches Selbstverständnis auszeichne. Nebenbei gab Herr Han seiner Verwunderung Ausdruck, dass in vielen deutschen Schulbüchern immer noch vom „Zeitalter der Entdeckungen“ gesprochen werde, wo es sich doch um Eroberungen handelte. Der missionarische Kolonialismus des 16./17. Jahrhunderts und der Imperialismus des 19./20. Jahrhunderts weisen durch ihre universalistische Legitimation strukturelle Ähnlichkeiten auf, betonte Herr Han. Die Aufklärung lieferte für den modernen Ethnozentrismus Kriterien wie das Fehlen von Rationalismus, Menschenrechten und Privateigentum in nicht-europäischen Kulturen. Auf der anderen Seite gelte es aber auch die Tradition der Kolonialismuskritik in Europa zu würdigen, deren Grundlagen Las Casas bereits 1550 in der Kontroverse von Valladolid legte. Abschließend ging Herr Han noch einmal auf den Zwiespalt ostasiatischer Länder zwischen eigener Tradition und europäischer Beeinflussung ein, was in Japan ein besonderes Problem darstelle, da es sich heute als Teil der westlichen Zivilisation betrachte. Die Kritik des Eurozentrismus erzeuge in Korea eine Höherwertung der eigenen Kultur bis hin zu nationalistischen Tendenzen, was dann jedoch den Zielsetzungen einer globalgeschichtlichen Perspektive zuwiderlaufe. Es sei dadurch auch zu befürchten, dass die „wirklichen Leistungen Europas“ – gemeint waren damit diejenigen, die auch ohne Identitätsverlust übernommen und als Bereicherung verstanden werden können – auf Ablehnung stoßen.
HERMANN HIERY (Bayreuth) lehnte seinen Vortrag eng an die Vorgabe seines Vorredners an. Zunächst thematisierte er eine grundlegende Fragestellung: Warum ist die Globalisierung von Europa ausgegangen? Diese Frage sei lange Zeit vernachlässigt worden. Eroberungen und Missionierungsabsicht (im weitesten Sinne) seien Teil der europäischen Identität geworden und, wie allerdings auch die Hinterfragung dieser Entwicklung, legitimatorisch in der Aufklärung verwurzelt. Die Wahrnehmung fremder Kulturen ist dabei nicht einheitlich, sondern durchaus differenziert, man unterscheide zwischen näheren und ferneren Kulturen, letztere in Richtung „Primitivität“, und diese Klischees gelten heute noch. Dabei seien die rationale Klassifizierung und die emotionale Einordnung keineswegs kongruent, sondern können sich auch geradezu umgekehrt proportional zueinander verhalten (China: hohe Kultur, aber „gelbe Gefahr“; auf der anderen Seite das Klischee des „edlen Wilden“). Die Aufklärung an der Schnittstellte zwischen frühem und späterem Kolonialismus sei in ihrer Relativierung des europäischen Wissens von der Welt ein Resultat der europäischen Expansion, habe aber auch, janusgesichtig, den Eurozentrismus neu begründet. Herr Hiery unterschied auch inhaltlich zwischen den beiden Kolonialismen. Der erste habe die indigenen Kulturen weitgehend zerstört, zum Teil absichtlich, zum Teil unabsichtlich, wobei letzteres, nämlich die Verbreitung von Krankheiten, auch unter der Lupe der neuesten Forschung noch einmal zu überdenken sei, da es offenbar auch eine intentionale Verbreitung von Krankheiten gegeben habe (Crosby). Andererseits gab es neben der radikalen Missionierungsabsicht aber auch Tendenzen synkretistischer Vermischung. Die Aufklärung stelle mit dem ihr eigenen universellen Anspruch sowohl die eigenen alten christlichen Werte in Frage als auch die fremder Kulturen, sie richte sich somit gegen die Spiritualität (Religion) in ihrer eigenen wie in den fremden Kulturen und betrachte den Rationalismus als spezifisch europäische Entwicklung. Hieraus ergibt sich eine Spannung, so war das zu verstehen, durch den (scheinbaren) Widerspruch zwischen europäischer Exklusivität und universalistisch-diffusionistischem Anspruch. Als ein bleibendes Resultat der Globalisierung bilanzierte Herr Hiery, dass aus geschlossenen Gesellschaften offene wurden.
In der anschließenden Diskussion ging Herr Han auf den nationalistischen Aspekt des neuen Selbstbewusstseins in Korea ein. Es gäbe in der jeweiligen Wahrnehmung des Anderen in den Schulbüchern eine große Diskrepanz: Aus einer von ihm unternommenen Schulbuchanalyse gehe hervor, dass ein Anteil von ca. 30 Prozent des Inhalts koreanischer Schulgeschichtsbücher europäischer Geschichte gelte, aber umgekehrt Asien entsprechend nur zu ca. 3 Prozent in deutschen Schulbüchern thematisiert werde. Auf die Kritik aus dem Publikum an einer zu einseitigen Interpretation der Aufklärung als Legitimationsinstanz für Eurozentrismus und Kolonialismus und der entsprechenden Unterbewertung der kolonialkritischen Autoren (Condorcet, Kant…) entgegnete Hiery, ihm sei der kritische Aspekt wohl bewusst, und zitierte dabei aus Kants „Zum ewigen Frieden“. In der Gesamteinschätzung sehe er aber eine Parallele zwischen der Kritik der Aufklärung am alten spirituell geprägten Weltbild in Europa (Christentum) und der Kritik an der spirituellen Identität anderer Kulturen mit den daraus folgenden Konsequenzen dieser rationalistischen Sicht. Insgesamt stehe aus der Sicht der Kolonisierten der europäische Kolonialismus als sehr ähnlich da und die Unterschiede seien kaum relevant. In welcher Weise und in welchem Maße wurden und werden jedoch europäische Werte in anderen Teilen der Welt übernommen? Singapur z.B. sei vordergründig ein westlich geprägter Staat, legte Herr Hiery dar, lehne aber die Werte der Aufklärung ab. Auf der anderen Seite gäbe es jedoch auch einen intrinsischen Widerspruch zwischen dem Universalismusanspruch der Aufklärung und dem ebenfalls postulierten Selbstbestimmungsrecht der Völker. Wie weit dürfe letzteres gehen? Die Übernahme des europäischen bzw. angloamerikanischen Modells des Parlamentarismus halte er nicht für eine unabdingbare Voraussetzung für die Anerkennung des Anderen.
Im zweiten Teil der Sektion traten didaktische Perspektiven in den Vordergrund. HILKE GÜNTHER-ARNDT (Berlin), URTE KOCKA (Berlin) und JUDITH MARTIN (Berlin )verwiesen auf die mögliche Umsetzung globaler Sichtweisen im Unterricht an fünf Beispielen:
- Der 17. Juni 1953 als globales Phänomen im Zusammenhang des Kalten Krieges
- Regionalgeschichte (Industrialisierung) „im glokalen Blick“ (global-lokale Verknüpfung)
- Das Rittertum im Vergleich (z. B. Samurai)
- Sklaverei in globalen Bezügen
- Klimaglobale Auswirkungen auf das menschliche Verhalten
Eine globalgeschichtliche Orientierung bedeutet nicht Beliebigkeit, sie erfordert vielmehr eine sorgfältige Ausbildung von Kompetenzen des historischen Denkens und zwar sowohl von historischen Begriffen, Kategorien und Konzepten als auch von historischen Methoden: Begriffs- und Strukturierungskompetenz liefern den Rahmen für historisches Denken, in dem sich Kompetenzen und kategoriales Wissen verbinden. Hier wurde eine Hierarchisierung von Konzepten ersten Ranges (Staat, Bürger, Minderheit…), zweiten Ranges (Zeit, Raum, Quelle, Beweis, Ursache, Erklärung…) zum thematischen Wissen auf der dritten Stufe (zum Beispiel Imperialismus) vorgestellt. Wenn damit ernst gemacht wird, eröffnet sich angesichts der vielen Defizite ein weites Arbeitsfeld (Bildungspläne, zentrale Abiturthemen und Schulgeschichtsbücher). Während es in einigen Bundesländern in den Lehrplänen für Sek. I neue Ansätze zu globalgeschichtlichen Perspektiven gäbe, kritisierten die Referentinnen auf der anderen Seite die Verengung der thematischen Perspektiven in der Oberstufe durch die Vorgaben des Zentralabiturs. Dort sei Globalgeschichte zwar nicht als solche enthalten, werde aber auch nicht unmöglich gemacht. In den Lehrbüchern bilde die westliche Zivilisation immer noch das Kerncurriculum, außereuropäische Länder würden meist bezugslos thematisiert, also nicht im Rahmen eines globalgeschichtlichen Konzepts, mit Ausnahme des „Kursbuch Geschichte“ (Oberstufe). Möglichkeiten einer individuellen globalgeschichtlichen Akzentsetzung auch durch die einzelne Lehrkraft sehen die Referentinnnen durch den Spielraum im Rahmen des Anforderungsbereichs III. Ein realistisches Ziel könne daher in der „Globalisierung der Nationalgeschichte“ bestehen.
MATTI MÜNCH (Rottweil) stellte das von den Mitgliedern der AG Globalgeschichte des Verbandes der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD) erarbeitete Quellenheft vor
[1]
.. Dabei werden gängige Themen (z.B. die Verkehrs- und Kommunikationsrevolution, Industrialisierung, Migration, Weltwirtschaftskrise) in globaler Perspektive und unter globalen Fragestellungen behandelt. Die Materialien ermöglichen den Schülern Einblicke in weltweite Zusammenhänge und Verflechtungsprozesse, die aus nationaler Perspektive allein schwer verständlich wären. An kulturellen Globalisierungsphänomenen lässt sich besonders deutlich die Attraktivität von Globalgeschichte für die Schüler zeigen. Abschießend wurde noch einmal betont, dass die Integration von Globalgeschichte in den Geschichtsunterricht in vielfältiger Weise möglich sei, von der Neuperspektivierung ausgewählter klassischer Themen bis hin zur „Big History“, die den ganzen Geschichtsunterricht globalgeschichtlich ausrichten will. Für alle Ansätze aber gilt: Der Blick auf die Geschichte muss sich vor dem Hintergrund gegenwärtiger Phänomene ändern. Dies erfordert bei allem Beteiligten ein Umdenken: an der Universität, in der Schulverwaltung, in der der Lehrerausbildung, bei den Verlagen und vor allem im Geschichtsunterricht selbst.
Sektionsübersicht:
Hans Woidt (Tübingen): Einführung und Leitung
Unsuk Han (Seoul): Globalisierung aus asiatischer Sicht
Hermann J. Hiery (Bayreuth): Globalisierung aus europäischer Sicht
Hilke Günther-Arndt (Berlin) – Urte Kocka (Berlin) – Judith Martin (Berlin): Globalgeschichte im Unterricht (Theorie und Praxis)
Matti Münch (Rottweil): Globalgeschichte im Unterricht (Themen und Materialien)
[1] Werner Abelein, Wolfgang Geiger, Bernd-Stefan Grewe, Globale Perspektiven im Geschichtsunterricht. Quellen zur Geschichte und Politik, Stuttgart 2010. Tagungsbericht Globalgeschichtliche Perspektiven im Geschichtsunterricht. Sektion des Verbandes der Geschichtslehrer Deutschlands. 28.09.2010-01.10.2010, Berlin. In: H-Soz-u-Kult 16.10.2010. Grenzen der Erinnerung an den Zweiten WeltkriegLeitung: Waltraud Schreiber, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt; Felix Ackermann, Institut für angewandte Geschichte Frankfurt an der Oder Bericht von: Jakob Ackermann, Nürnberg Mit dem programmatischen Untertitel „Interkulturelle Projektarbeit im Rahmen der Geschichtswerkstatt Europa als didaktisch-methodischer Ansatz zur Wahrnehmung, Analyse und Reflexion europäischer Erinnerungskulturen“
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führte die Sektion „Grenzen der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg“ die derzeitig stark betriebene Suche nach Möglichkeiten zur Erfassung und wissenschaftlichen Erschließung eines etwaigen europäischen Gedächtnisses im Rahmen des Historikertags fort.
Durch die Präsentation und Reflexion exemplarischer Projektverläufe aus dem Programm „Geschichtswerkstatt Europa“ (GWE)
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der Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft (EVZ) wurde ein Förderungsansatz für fachwissenschaftlich betreute Geschichtsverhandlungsprozesse vorgestellt, die in ihrer Summe – so eine der Leitthesen – Elemente für die Formierung einer gemeinsamen Erinnerungskultur beitragen könnten. Dabei war insbesondere zu diskutieren, inwiefern die materielle, ideelle und methodische Förderung von kleinen interkulturellen Teams junger Geistes- und Kulturwissenschaftler auszurichten sei, um ihnen den notwendigen Spagat zwischen übernationaler Anerkennung sowie regional- bzw. lokalspezifischer Identifikationsmöglichkeit in Hinblick auf eine Ausdeutung des europäisches Gedächtnisses gelingen zu lassen – und das mit fachwissenschaftlichem Qualitätsanspruch.
Gerade Grenzerfahrungen ermöglichten es hierbei, das Phänomen Europa als Erfahrung und Erzählung zu verstehen, so die Grundthese von FELIX ACKERMANN (Frankfurt/Oder) in seinen einführenden Worten. Dass dabei der Untersuchungsfokus Erinnerung als Primat neben Geschichte treten müsse, entspricht den gängigen kulturwissenschaftlichen sowie gedächtnistheoretischen Erkenntnissen über die gegenwärtigen Interaktionsprozesse zwischen (nationaler) Geschichtspolitik, individueller Erinnerung und der fachwissenschaftlichen Historiographie. Ackermanns Erfahrung durch die Betreuung von circa 100 Projekten ließ ihn vermuten, dass gerade der enge Austausch innerhalb bi- und trinationaler Teams sowie die Kleinräumigkeit der Einzelmaßnahmen großes Potential für die Erschließung eines „europäischen Gedächtnisses“ zu scheinen haben: Die übersichtlichen Strukturen böten den nötigen Erfahrungs- und Entfaltungsraum, um eine konstruktive Konfrontation mit der jeweiligen eigenen wie fremden soziokulturell geprägten Subjektivität herbeizuführen. Die dabei erkannten Differenzen und Grenzen könnten so thematisiert und gegebenenfalls auch leichter anerkannt werden. Besonders die Barrieren sprachlicher Kommunikation sowie die Grenzen historischer Erkenntnis und die Kompromisslosigkeit bestimmter Deutungen bzw. Bedeutungszuweisungen seien so erfahrbar. Der so angeregte multiperspektivische Zugang zur Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg und seinen Folgen arbeite auch gegen eine Homogenisierung der europäischen Erinnerungskultur. Gleichzeitig sei die weiterhin bestehende Konjunktur von in sich abgeschlossenen, nationalistischen Deutungen gerade in Osteuropa kritisch zu analysieren und in einen historisch-politischen Rahmen einzuordnen sowie auch der deutsche Weg stets zu reflektieren.
Wie dabei gewährleistet werden kann, dass der Balanceakt zwischen Kritik und Sensibilität, Faktenglauben und Wissensgewinn, Selbstbewusstsein und Empathie von den Projektteilnehmern bewältigt werden kann, ohne beispielsweise in einen fortschrittsparadigmatischen oder ethnozentristischen „Wissenschaftsimperialismus“ zu verfallen, wird wohl die entscheidende Herausforderung des Programms bleiben. Stellenweise bestätigten dies auch die vorgestellten Projekte.
BERND ROBIONEK (Berlin) und sein Team fühlten sich beispielsweise in ihrem Projekt Erinnerungskulturen in Dalmatien dadurch herausgefordert, dass „der Umgang mit bestimmten Kapiteln der Vergangenheit weiterhin Kontroversen innerhalb der kroatischen Gesellschaft hervorruft“ – sichtbar an einer heißen Debatte, die nach einem Zeitungsbericht im Internet gestartet war. Kommentare zum Projekt wie „Jene, die in unseren Gegenden gemordet haben und Millionen Juden in den Gaskammern vernichtet haben – Ihr wollt uns erzählen was wir zu tun haben?“
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wurden als „nationalmotivierte Eigenwahrnehmung“ erkannt und die in Kroatien vorhandene geschichtspolitische Polarität nachvollziehbar herausgearbeitet. Die begleitenden Analysen vereinfachten jedoch die Vielschichtigkeit der Erinnerungskultur Kroatiens und besonders die Ursachen für die Unterschiedlichkeit der grassierenden Meinungen. Gleichzeitig wurde die eigene (deutsche) Perspektivität innerhalb der Projektarbeit im Vergleich nur wenig thematisiert. Auch der diagnostizierte Kontrast zwischen der deutschen und kroatischen Zeitgeschichte ist zwar wohl nachvollziehbar, die Schlussfolgerungen daraus bleiben jedoch oberflächlich (Zitat: „in Deutschland wird Aufarbeitung begrüßt“). Verfolgenswert bleibt die Empfehlung, dass bei transnationalen Projekten unbedingt die deutsche Erinnerungslandschaft parallel mit in den Untersuchungsfokus genommen werden sollte, um die Eigenperspektive im direkten Vergleich zu reflektieren und eine einseitige Außenwahrnehmung zu vermeiden. Dies entspräche auch den Bedürfnissen der multinationalen Teams, um sich auf Augenhöhe zu begegnen. Außerdem würde dies dem verbreiteten und problematischen Phänomen gerecht, dem sich jeder Versuch transnationalen Erinnerungskultur zu stellen habe, nämlich die „allergische Abstoßungsreaktion der fokussierten Länder“, wie STEFAN TROEBST (Leipzig) als wissenschaftlicher Experte der GWE in seinem Kommentar betonte. Auch angerissen wurde die Frage, inwiefern solche Anstöße von außen notwendig oder sogar unausweichlich seien. Definitiv schwierig bleibt, eine ausreichende Vorbereitung hinsichtlich eines angemessenen Kenntnisstands über die regionale Geschichte, Sprache, Motivik sowie politische Kultur für die Projektteilnehmenden zu gewährleisten, um interkulturellen Konflikten vorzubeugen und sie mit der oft komplexen Materie vor Ort im Vorfeld ausreichend vertraut zu machen. Das Beispiel für die unterschiedlichen Bedeutungen des „serbischen Grußes“ innerhalb Europas war hier sehr eindrücklich. In dieser Richtung seien viele der Projekte auf jeden Fall stärker unterstützungsbedürftig. Begrüßenswert war es dementsprechend, dass die Veranstaltung darauf ausgelegt war, den von der Geschichtswerkstatt gesetzten „Rahmen zur Diskussion über die Grenzen der europäischen Erinnerung“ weiterzuentwickeln und die methodische wie fachliche Projektbetreuung auszubauen.
„Europa ist eben ein Europa der Gedächtnisse“ (Plural!) führte WALTRAUD SCHREIBER (Eichstätt) in ihrer theoretischen Einführung zur „Bildung von Geschichte(n)“ weiter aus. Ein narrativistisches Verständnis sei dabei ein geeigneter Weg, um die Diversität der Perspektiven und konkurrierende Vergangenheitsdeutungen in ihrer jeweilige Ausprägung wahr und ernst zu nehmen sowie ihnen ihre regionale, nationale, individuelle Bedeutung einzugestehen. Mit der Analyse durch Methoden der „De-Konstruktion“, das heißt dem schrittweisen Nachvollziehen der Konstitutionsprozesse von geschichtskulturellen Manifestationen, ließe sich deren Gebilde aus unterschiedlichen Vergangenheitsdeutungen, Gegenwartserfahrungen und Zukunftserwartungen auf sachlicher Ebene erschließen, sowie spezifische Sinnbildungsstrategien und deren Qualität (Triftigkeiten) erkennen. Dies ermögliche den jungen Forschern, neben einer erhöhten Sensibilität gegenüber anderen Positionen, das eigene wissenschaftliche Selbstverständnis und individuelle Geschichtsbewusstsein zu hinterfragen: „In allen Teams werden so die Partner zur Reflexion der eigenen und anderen Identität und Sozialisierung gezwungen.“
In den internen Diskussionen innerhalb des Forschungsteams um RASA BALOCKAITE (Kaunas) gab es von Anfang an Differenzen vor allem aufgrund des unterschiedlichen wissenschaftlich-theoretischen Hintergrunds und den entsprechenden Zugängen zu den „städtischen Erinnerungslandschaften von Minsk, Vilnius und Kiew“. Besonders die kategorialen Zugriffe während der Analyse von Stadtplänen zeigten sich als unterschiedlich besetzt, dabei jedoch fundamental forschungsleitend: Inwiefern kann ein Vergleich zielführend bleiben, wenn sich bei der empirischen Analyse einer der drei Untersuchungsgegenstände – hier Vilnius – von den anderen fundamental unterscheidet, die Untersuchungskategorien nicht mehr greifen und er dadurch nicht hinreichend durch das Analyseraster erschlossen werden kann? Wie flüssig muss/darf das Konzept eines terminologischen Feldes also sein? Diese erkenntnistheoretischen Fragen bereicherten zwar das Projekt und öffneten die Untersuchungsperspektive, dennoch sei es genau aus dieser ungelösten Kategorienfrage heraus schwierig, die wissenschaftlichen Schulen zusammenzubringen. Letztendlich folgten unüberwindbare Deutungsdifferenzen, ohne jedoch die Endergebnisse in ihrer grundsätzlichen Qualität zu mindern.
Auf Grenzen hauptsächlich in interkultureller Hinsicht stießen CHRISTIAN GANZER (Kiew) als in Deutschland ausgebildeter Museumsanalyst und ALENA PASHKOVICH (Brest) als in Belarus promovierte Historikerin während ihres Projekts über die Brester Festung: Neben wohl anfänglich unterschiedlichen Projektintentionen
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zeigten sich auch hier kategoriale Dissonanzen – beispielsweise bei den Begriffen Mythos und Heldentum stießen die beiden jungen Forscher auf divergierende soziokulturell verwurzelte Konnotationen. Damit rückte schnell die Interpretation von Funktionen der jeweils eigenen und offiziellen Deutungsmuster über den Kampf um die Brester Festung in den Mittelpunkt der gemeinsamen Forschungsarbeit: Ist das Museum der Verteidigung der Brester Festung eher ein gemeinsamer, lokal wie überregional bedeutender Erinnerungsort für die postsowjetischen Gesellschaften und die Stadt Brest oder vielmehr eine emotionalisierende und tatsachenverfälschende Präsentation einer Herrschaftslegitimation aus Sowjetzeiten? Selbstverständlich war dieser prognostizierte Widerspruch in derartiger Gegenüberstellung nicht aufzulösen. Beide Positionen mussten zumindest in ihrer Wichtigkeit für die jeweiligen Rezipienten und nationalen Perspektiven stehen bleiben. Dies stellte sich in einem zweiten Schritt für den Projektverlauf als erstaunlich bereichernd heraus: Die Funktionsweise der in der eigenen Ausbildung und Gesellschaft angelegten Schemata, Deutungen und (Vor-)urteile konnte so beiden Seiten deutlich vor Augen geführt werden, dabei die Grenzen dieser eigenen Vorprägung klar aufgezeigt und durch die neue, fremde Perspektive bereichert werden – und das sowohl inhaltlich als auch theoretisch und methodisch. So wurde beispielsweise herausgearbeitet, dass die Festung in ihrer potenten Rolle in der lokalen Geschichtskultur die anderen Schichten der Erinnerung an die Stadtgeschichte verdecke, andererseits auch gründliche Archivarbeit Teile der (post-)sowjetischen Mythen nicht falsifizieren könne und so der Terminus „Held“ als eine unerwartet facettenreiche Begriffskategorie für beide Seiten in Erinnerung bleibt.
Insgesamt erfordert eine solche Projektarbeit also ein hohes Maß an Flexibilität bei allen Beteiligten, sowohl in Bezug auf die unterschiedlichen Bedürfnisse und Gewohnheiten, die wissenschaftlichen Fertigkeiten und kulturellen Kenntnisse, aber besonders hinsichtlich der Reaktionsfähigkeit auf unerwarteten Teilergebnisse und lokale Bedingungen. Die Komplexität solcher transnationalen und multilingualen Aushandlungsprozesse – allein schon innerhalb der Projekte – war sogar bei den Präsentationen am Historikertag noch nachzuvollziehen, konnte jedoch in Bezug auf die Verständigung durch spontanes Dolmetschen souverän gemeistert werden.
Wie dynamisch sich der Umgang sowohl mit dem Untersuchungsgegenstand als auch den Methoden und Zugängen gestalten kann, zeigte das Projekt von STEPHANIE HEROLD (Berlin). Geplant war ein dekonstruktivistischer Ansatz, welcher in interkultureller Zusammenarbeit und bunter fachlicher Zusammensetzung die multiethnische Stadt Skopie mit ihrer Substanz und Struktur als Quelle in den Mittelpunkt rückte. Leitende These war, dass jedes historische Ereignis seine Spuren in der Erinnerungs- und Gedenkstruktur dieser Stadt hinterlassen habe – offensiv präsentiert durch Denkmäler oder aber wenigstens indirekt vorhanden, beispielsweise durch Abrisse. Während der Projektarbeit verschob sich trotz professioneller Einarbeitung in die Materie der Untersuchungsfokus von der Analyse konkreter Erinnerungsorte auf das Nachvollziehen von Mechanismen bei der Konstruktion von Identitäten und Manifestationen von Erinnerungen im öffentlichen Raum. Die Frage nach eigenen Partizipationsmöglichkeiten und der eigenen gesellschaftliche Rolle in geschichtspolitischen Diskursen wurde zum leitenden Thema, was sich letzten Endes auch auf die Ergebnispräsentation – eine beeindruckende interaktive Ausstellung – niederschlug. Vom eigentlichen Projektvorhaben blieb jedoch nicht mehr viel übrig, die erinnerungskulturelle Vielfalt in Skopie wurde nur zu einem Bruchteil wahrgenommen (vgl. Kommentar Stefan Troebst) und so verschwand gerade die multiethnische Dimension auf Grund der Konzentration auf die albanisch-slawische Bevölkerung. Zusätzlich, so Troebst weiter, sei die Stadt Skopie ein Spezialfall, da nach dem Erdbeben von 1963 eine ambivalente „tabula-rasa-Situation“ geschaffen wurde. Trotz alledem waren die gewonnenen Erfahrungen für die Teilnehmenden durch die ernste, gemeinsame Auseinandersetzung mit Erinnerungsprozessen und politischer Partizipation wohl durchaus weiterführend für die eigene Biographie und wurden durch die Ausstellung auch ganz im Sinne der Stiftung vermittelbar.
MONIKA FLACKE (Berlin) führte die benötigte Flexibilität in der Auseinandersetzung mit europäischen Erinnerungskulturen darauf zurück, dass Erinnerung immer in Bewegung sei, sich ununterbrochen verändere. Und da die Methoden der historischen Wissenschaften und ihre Aneignung national verschieden seien, würden sich die daraus evozierten Geschichtsbilder unbedingt auch weiterhin unterscheiden und konkurrieren. Die historischen Deutungen in der Öffentlichkeit seien im Grunde genommen „alle ideologisch“, so dass sie der Kontextualisierung in Raum und Zeit bedürfen, als auch die durch sie angestoßenen Konflikte mit Vorsicht und Sensibilität behandelt werden müssen, aber durchaus notwendig seien. Selbst der hier propagierte De-Konstruktionsansatz sei auf den ersten Blick hart, könne man doch interpretieren, er stelle die Grundfesten einer Nation zur Debatte: „Es ist schwierig, diese Thematiken zerlegen zu können, ohne richtig Ärger zu bekommen“. Doch geht es dabei wirklich nur um die Analyse der multiplen Neucodierungen von Geschichte nach 1945 bzw. 1989 oder vielmehr um Deutungshoheit? Flacke betont, dass die lokalen Gesellschaften Änderungen befördern oder behindern können, Anstöße von außen aber erforderlich seien, sofern nicht durch Systemstürze neue Perspektiven offen ins Feld geführt werden. Ein offener und ehrlicher Diskurs sei der richtige Weg, auch wenn die Erinnerungen ein Kampfplatz bleiben würden, wie die Projekte eindrücklich schildern.
Dass dafür Stiftungen als potentiell überregionaler Rahmengeber, Initiator und Förderer dieser Aushandlungsprozesse eine nicht zu unterschätzte Rolle spielen, soll hier bewusst betont werden. Durch sie werden Grenzen durchlässig, können aber auch in ihrer Massivität und Sinnhaftigkeit verstanden und akzeptiert werden. Fremdverstehen und Selbstreflexion verbleiben dabei nicht als Worthülsen, sondern werden durch die Stiftungen in der Projektarbeit praktiziert.
Die Rolle der Wissenschaft muss es bleiben, den Arbeitsprozess an einem europäischen Gedächtnis theoretisch und fachlich zu begleiten und als Sachverständiger und Mediator die Qualität der Ergebnisse im Auge zu haben.
Für die EVZ gelte es deshalb in Bezug auf die Weiterentwicklung der Geschichtswerkstatt Europa, so Waltraud Schreiber in ihrem Schlusswort, die Expertenbetreuung sowohl in inhaltlicher als auch in interkultureller Hinsicht auszubauen und gleichzeitig die Methodenebene stärker zu berücksichtigen, das heißt. besonders an der Effektivität der Analysemethoden zu arbeiten. Schreiber regte auch an, den Schatz der Ergebnisse der zahllosen Einzelprojekte tatsächlich als Sammlung und Quelle einer europäischen, transnationalen Erinnerungsarbeit zu verstehen und auch in dieser Hinsicht zu nutzen für das Zusammendenken europäischer Gedächtnisse.
Sektionsübersicht:
Felix Ackermann (Frankfurt an der Oder): Moderation
Waltraud Schreiber (Eichstätt): Einführung
Block I:
Bernd Robionek (Berlin): Räumliche Erinnerungskultur in Dalmatien zwischen Partisanenkult und Nationalstaatlichkeit
Stephanie Herold (Berlin): Skopje. Stadtraum und Erinnerung in einem multiethnischen Staat
Stefan Troebst (Leipzig): Kommentar
Block II:
Rasa Balockaite (Kaunas): Vilnius, Minsk, Kiew. Städtische Erinnerungslandschaften des Zweiten Weltkriegs
Alena Paškovič (Brest) / Christian Ganzer (Kiew): Die Verteidigung der Festung Brest. Museale Repräsentation als Mythos?
Monika Flacke (Berlin): Kommentar
Waltraud Schreiber (Eichstätt): Kommentar
[1] So der propagierte Untertitel bei der Vorstellung des Panels; vgl. <http://www.geschichtswerkstatt-europa.org/veranstaltung-ansicht/items/id-48-historikertag-2010-in-berlin.html?file=media/downloads/aktuelles/Grenzen%20der%20Erinnerung.pdf> (04.02.2011).
[2] unter diesem Titel führt die EVZ in Zusammenarbeit mit dem Institut für angewandte Geschichte und dem Global and European Studies Institute der Universität Leipzig ein Förderprogramm für junge Historiker und Geisteswissenschaftler aus Mittel- und Osteuropa; vgl. <www.geschichtswerkstatt-europa.org> (04.02.2011).
[3] Vgl. Projektpräsentation unter <http://www.geschichtswerkstatt-europa.org/abgelaufenes-projekt-details/items/erinnerungskultur-dalmatien.html> (04.02.2011).
[4] Einerseits die Absicht, die Mechanismen des Museums zu untersuchen, wie es auf Besucher wirkt, andererseits das Vorhaben, den dort präsentierten Mythos zu zerlegen, was als „Helden wegnehmen“ interpretiert wurde. Tagungsbericht Grenzen der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg. 28.09.2010-01.10.2010, Berlin. In: H-Soz-u-Kult 02.03.2011. Grenzen der Gewalt – Definition, Repräsentation und Einhegung eines universalen Phänomens in antiken KulturenLeitung: Werner Riess, University of North Carolina, Chapel Hill, Martin Zimmermann Ludwig-Maximilians-Universität München Bericht von: Christian Jung, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg/Hohenstaufen-Gymnasium Eberbach In der von Werner Riess (Chapel Hill) und Martin Zimmermann (München) geleiteten Sektion „Grenzen der Gewalt - Definition, Repräsentation und Einhegung eines universalen Phänomens in antiken Kulturen“ wurden überlieferte Gewaltbilder verschiedener Quellentypen der griechischen und römischen Geschichte einander gegenübergestellt. Dabei ging es nicht nur um einen Vergleich der antiken Herangehensweisen an die Gewalt und die vielfältige Auseinandersetzung mit dieser in Literatur, Kunst und weiteren Quellengattungen, Medien und Kontexten, sondern auch um die Frage, inwieweit die antiken Vorstellungen von Gewalt mit dem aktuellen „westlichen“ Gewaltbegriff kompatibel sind.
Plötzliche Konfrontation mit Gewalt
In seinem Vortrag „Literarische Gewaltbilder als Medien moralischer, politischer und kultureller Grenzziehungen“ betonte MARTIN ZIMMERMANN (München) zu Beginn, dass der Mensch immer fähig sei, „physische Gewalt auszuüben, und daher auch ständig in Gefahr“ sei, „sie durch andere zu erleiden“. Diese banale Grundaussage benenne zwar recht neutral die verstörende Grundbedingung der menschlichen Existenz. Doch ist nach seinen Worten die Gefahr der plötzlichen Konfrontation mit Gewalt im Denken und Handeln von Individuen und Gemeinschaften existent. Dies erklärt auch die Entwicklung von Schutzgeistern, die sich später in den christlichen Schutzengeln manifestierte.
Rausch der Gewalt im Götterhimmel als Ordnungsinitiation
Durch die globalisiert-irratonalen Sorgen der Menschen, die Gewaltbereitschaft der Gesellschaften nehme zu, und die massive Medienberichterstattung über Ereignisse, die mit Gewalt in Verbindung stehen, werden in der Gegenwart immer wieder diffuse Gefühle und Ängste verstärkt. Diese gefährden für Zimmermann „immer die in langen Prozessen ausgehandelten Modi der Gewaltbändigung“ auf grundsätzliche Weise. Nach dieser Einführung spannte der Referent den inhaltlichen Bogen zurück zur mythischen Weltentstehung und des Pantheons, wie sie schon von Hesiod in seiner Theogonie beschrieben wird. Der seine Kinder verschlingende Uranus ist laut dem Münchener Althistoriker der erste, der im Rausch der Gewalt die „aeikieia erga“, die schrecklichen Taten vollführt und dadurch im Götterhimmel die gute Ordnung indirekt mit initiiert.
Schutz des Einzelnen gegen Gewalt
Nach zahlreichen Gewaltanwendungen schafft es dann schließlich Zeus nach langem Kampf gegen die Giganten, eine mit dem Recht in Verbindung stehende Ordnung, in der die physische Gewalt kalkulierbar wird und illegitime Formen der Gewalt „grausam und mitleidlos“ bestraft werden, zu errichten. Durch die fortwährende mythische Reflexion und die Weitergabe an die folgenden Generationen kam es schließlich in den antiken Gesellschaften zu einem komplizierten Prozess, in dem der Einzelne gegen Gewalt geschützt und seine körperliche Integrität gewährleistet wurde. So ist auch zu erklären, dass bei Verstößen gegen diese mythische Ordnung Züchtigung und Todesstrafe nur durch Personen vorgenommen wurden, die man im Konsens und gemeinschaftlich zu diesem Zweck bestellte.
Aufhebung der Ordnung durch Übertreibung
Das explizite Sprechen über Gewalt in der Literatur hat nach der Analyse Zimmermanns jedoch keine direkte moralisch-ethische Funktion, sondern verfolge, wie am Beispiel der Biographie Plutarchs über Cicero deutlich wird, andere Zielsetzungen. In der episch ausgeschmückten Lebensgeschichte zwingt die Frau Ciceros einen am Mord an ihrem Mann Beteiligten, sich das Fleisch von den Armen zu schneiden, dieses zu grillen und zu verspeisen. Diese in Anlehnung an den damals geläufigen Aias-Mythos aus medizinischer Sicht nicht durchführbare Handlung offenbart demnach durch die bewusst phantasievolle Schilderung als Motiv die Aufhebung der traditionellen Ordnung durch die literarische Übertreibung. In dieser wird nicht das Handeln der Ehefrau beurteilt, sondern auf einer damals für alle zugänglichen und verstehbaren Metaebene der Irrsinn als Folge des römischen Bürgerkriegs hervorgehoben, über den es nachzudenken gilt.
Prämissen für Gewaltbilder
Drei Prämissen für Gewaltbilder wurden in der Folge vom Referenten eingeführt: „Zum ersten wollten die Produzenten der Bilder tatsächlich über reale Gewalt berichten. Sie wählten zweitens dafür Bilder, die das Geschehen abweichend von den tatsächlichen Vorkommnissen schildern, wobei sie auf gängige Motive zurückgriffen. Zum dritten waren Bild und Text an ein Publikum gerichtet, das diese Informationen unmittelbar lesen und verstehen konnte.“ Hinter den Gewaltbildern römischer Historiographie habe auch ein heftig geführter politischer Konkurrenzkampf innerhalb der Aristokratie gestanden, den die Mitglieder der Führungsschicht mit medialen Mitteln austrugen. Insbesondere bei der biographischen und historiographischen Darstellung der einzelnen Kaiser wurde ein besonderer Einfallsreichtum entwickelt, um Hinrichtungen und Selbstmorde von Mitgliedern der römischen Führungsschicht in allen Farben auszumalen.
Horrormotive eröffnen neues Verständnis für die Antike
Solche Horrorszenarien gäben jedoch keine Hinweise über reale physische Gewalt. „Dafür eröffnen sich vielfältige Möglichkeiten, hinter der Erzählung stehende Absichten zu ermitteln und politische Konflikte zu diagnostizieren sowie juristische wie moralisch-ethische Aushandlungsprozesse zu beschreiben. Die Beschäftigung mit den Horrormotiven in der Geschichtsschreibung eröffnet die Chance, in ganz unterschiedlichen Feldern neue Einsichten zu gewinnen“, betonte Martin Zimmermann abschließend. Sie sind für ihn ein wichtiger Schlüssel für das Verständnis antiker Kulturen, indem durch die Gewalt-Darstellungsstrategien der Autoren die Rolle der Gewalt und die Aushandlungsprozesse von Macht und Ordnung in den jeweiligen Epochen und Gesellschaften besser analysiert werden können.
Bilderwelt Athens im 6. und 5. Jahrhundert
Mit dem Thema „Bilder der Gewalt - Annäherung an eine historische Interpretation medialer Gewalt“ beschäftigte sich im Anschluss SUSANNE MUTH (Berlin), die kurzfristig verhindert war und von KATHARINA LORENZ (Nottingham) vertreten wurde, die ihr Manuskript zusammen mit zahlreichen Bildbeispielen vortrug. Seitdem sich die Altertumswissenschaften zunehmend den Fragen nach den Kulturen der Gewalt zugewandt hätten, richte sich ihr Blick immer wieder auf die Bilderwelt Athens im 6. und 5. Jahrhundert v. Chr., so Muth. Denn in der Bildwelt des archaischen und klassischen Athen gebe es den wohl aufschlussreichsten und zugleich herausforderndsten Befund, wenn es um das „Verhandeln“ von Gewalt im Medium des Bildes in der griechischen und römischen Antike gehe.
Vom Befund zur Interpretation
Aus dieser Zielsetzung heraus ergab sich der weitere Rahmen des Vortrags. Zunächst ging es um den Befund der attischen Bilder und die Qualität, wie in diesen Bildern Gewalt verhandelt wird, um zentrale Phänomene darzustellen, auf denen alle weiteren interpretatorischen Fragen basierten. In einem zweiten Schritt wurden dann die geläufigen Ansätze beleuchtet, die an diese Bildbefunde bislang herangetragen wurden. Die kritische Diskussion dieser Ansätze führte in einem dritten Schritt zu den grundsätzlichen Möglichkeiten einer methodisch angemessenen Interpretation solcher Bildbefunde und der Frage, in welcher Weise die Gewaltabbildungen als historische Quellen überhaupt benutzt werden können; und in einem letzten und vierten Schritt wurden die Konsequenzen in den Blick genommen, welche sich aus der Betrachtung des Fallbeispiels für die Interpretation medialer Gewalt allgemein ergeben.
Schmerzhaftes Sterben wird visualisiert
Am Beispiel der attischen Luxuskeramik zeigte Muth, wie künstlerische Gewaltdarstellungen zu Beginn des 5. Jahrhunderts plötzlich immer wieder auf neue Weise Gewalttätigkeit und Aggressivität formulierten, und die Bildwelt Athens mit einem regelrechten „Blutrausch“ überzogen wurde. Bildmotive wie etwa der Tod des Minotauros fingen in einer völlig unbekannten Nahsichtigkeit das Opfer in seinem schmerzhaften Sterben oder aber in seinen psychischen Qualen im Anblick des ihm drohenden Schicksals ein - und brachten damit aggressives Töten und brutale Gewalttätigkeit in neuer Qualität zur Darstellung.
Leid wird aus der Opferperspektive geschildert
Ein anderes Beispiel war in diesem Zusammenhang ein Vasenbild, auf dem die Eroberung Troias, die Ilioupersis, mit dem Überfall des Neoptolemos auf den greisen König Priamos dargestellt wird. In der Szene ist der König kurz vor dem tödlichen Schlag zu sehen, er hält seine Hände vor das Gesicht, da er den Anblick seines brutal erschlagenen Enkels, der auf seinem Schoß liegt, nicht erträgt. Für Susanne Muth ist diese Darstellung ein eindrückliches Beispiel der Tragödie, die sich bildlich auf ihren Höhepunkt zuspitzt. Das visualisierte Leid wird aus der Opferperspektive geschildert und offenbart neben der Ohnmachtskategorie der Schwäche (Minotauros) insbesondere die der Verzweiflung, durch die die Gewalt im Spiegel der Auswirkung präsentiert wird.
Metaebene der Gewalt-Fantasie
In der untersuchten Periode nehmen somit Pathos und Dramatik bei den jüngeren Bildern zu, das schmerzhafte Sterben und psychische Qualen kommen in der Gewaltikonographie zum Vorschein. Vor 500 und nach 490 überwiegen „normale“ Kampfszenen, die aber nur starke oder schwache Protagonisten zeigen, nicht aber auf deren Leiden und Sterben verweisen. Somit stellte sich für die Wissenschaftlerin die Frage, weshalb gerade in der untersuchten Dekade die Gewalt in expliziter Weise in der Vasenmalerei mit vielen Waffen, Blut und den leidenden Opfern im Moment des Sterbens gezeigt wurde. Im Gegensatz dazu wurde ab 470 verstärkt eine „gedämpftere“ Gewaltikonographie favorisiert, eine implizite Gewalt, deren Folgen für die Betrachter auf eine Metaebene der Fantasie verlagert wurden. Denn die Gewaltanwendung wird hier nur angedeutet.
Schmutzige und saubere Gewalt
Bei der „blutrünstigen“ Periode sowie der nachfolgende Phase der „Gewaltdämpfung“ war man bisher - basierend auf modernen Erfahrungen im Umgang mit medialer Gewalt - davon ausgegangen, dass diese Darstellungen mit dem Erleben realer Gewalt in den Perserkriegen zu tun haben. Doch können diese Phänomene in der attischen Kunst für Susanne Muth keineswegs mit modernen Gewaltauffassungen und -theorien erklärt werden, die in der Regel zu einer polarisierenden Reaktion führen: Denn der Rezipient neuzeitlicher Gewaltdarstellungen ergreift meist Partei für den Stärkeren/Sieger oder schlägt sich auf die Seite des Opfers. Besonders explizite Gewalt soll verurteilt werden, zumal das Leiden des unschuldigen Opfers eindrücklich gezeigt wird („schmutzige Gewalt“). Wenn die Gewalt dagegen nicht verurteilt werden soll, darf beim Betrachter kein Mitleid entstehen, damit nicht die „falsche Seite“ berücksichtigt wird („saubere Gewalt“). „Die Ikonographie unserer heutigen Gewaltbilder funktioniert also eindeutig wertend, ihre Differenzierungsmöglichkeiten werden zur Distinktion verschieden bewerteter Gewaltarten eingesetzt; - und die jeweilige Gewaltikonographie dient folglich dazu, die Parteinahme des Betrachters zu steuern und seine polarisierende Reaktion zu unterstützen“, betonte Muth. Die attische Gewaltikonographie funktioniere jedoch im Gegensatz zu neuzeitlichen Gewaltdarstellungen themenunabhängig und sei damit auch bewertungsneutral.
Aushandelbarer Charakter jeglicher Gewaltdefinition
Im Anschluss sprach WERNER RIESS (Chapel Hill) über „Ritualisierungen von Gewalt im Athen des 4. Jahrhunderts v. Chr.“ Dabei betonte er zu Beginn, dass „Gewalt für jede Gesellschaft die Transgression gültiger Normen“ bedeute. Wo jedoch die jeweiligen Grenzen zwischen noch akzeptablen und inakzpetablen Verhaltensmustern verliefen, sei ebenso wie die Art und Weise, in der diese definitorischen Grenzziehungen erfolgen, kulturspezifisch. „Da diese Grenzziehungen alles andere als statisch sind, betonen Kulturwissenschaftler heute verstärkt den aushandelbaren Charakter jeglicher Gewaltdefinition. Sie wird dabei als dynamisches Konstrukt verstanden, das von sozialen, kulturellen und politischen Faktoren determiniert wird. In der Tat sind in den antiken Quellen explizite wie implizite Grenzziehungen zwischen legitimem und illegitimem Verhalten (Gewalt) auszumachen“, sagte Riess, der in seinem Vortrag Gewaltakte zwischen athenischen Bürgern analysierte.
Der physische Akt der Gewalt
Für Riess kommt es in einem kulturwissenschaftlichen Sinne besonders darauf an, die symbolische Bedeutung von Gewalt im athenischen Sozialgefüge herauszuarbeiten. Wie es Athen ohne reguläre Polizeikräfte schaffte, Gewalt so zu reduzieren beziehungsweise verstehbar zu machen, dass die Polis im 4. Jahrhundert stabiler als viele andere griechische Stadtstaaten war, zählte zum erweiterten Erkenntnisinteresse des Vortrags. Bei der Interpretation der athenischen Quellen legte Riess dabei einen engen Gewaltbegriff zugrunde: „Ich verstehe unter Gewalt einen physischen Akt, mit dem ein Mensch einen anderen schädigt oder die Absicht hat, dies zu tun.“ Wenn man sich frage, wie Sinn konstituiert und bestimmten sozialen Praktiken zugeschrieben würde, und welches die Bedeutungsträger seien, vor allem in vormodernen, semi-oralen Gesellschaften, so stoße man unweigerlich auf die Bedeutung von Ritualen. „Meiner Studie liegen somit die Ritual- und Performanzstudien zu Grunde.“ Mit diesem methodischen Ansatz könne man die heterogenen Quellen des 4. Jahrhunderts kombinieren und integrieren. Bei den herangezogenen Quellengattungen handelte es sich um die attischen Gerichtsreden, die Fluchtäfelchen und die Alte Komödie des Aristophanes. „Sie alle führten ursprünglich einen Gewaltdiskurs, der rituell eingebettet war, performativ auf“, unterstrich der Althistoriker. Exemplarisch soll hier kurz auf die Gerichtsreden und die Komödie eingegangen werden.
Die Diffamierung des Gerichtsgegners als politisches Statement
Zunächst arbeitete Riess den Gewaltdiskurs, der in allen öffentlichen Veranstaltungen von den Gerichtshöfen über das Rathaus und die Volksversammlung bis hin zum Drama performativ inszeniert wurde, am Beispiel der attischen Gerichtsreden heraus: „Obgleich wir keinen Zugriff auf die tatsächlichen Geschehnisse haben, können wir sehr wohl erkennen, wie der Gewaltdiskurs bei den Rednern strukturiert ist. Die Bedeutung von Gewalt wurde dichotomisch definiert oder, ritualdynamisch gesprochen, dichotomisch konstruiert. In diesem dynamischen Prozess wurde die Interpretation dessen, was Gewalt darstellte und bedeutete, rhetorisch und damit stark standpunktabhängig verhandelt“, sagte Riess. Der Sprecher, unabhängig davon, ob er als Angeklagter oder als Verteidiger sprach, suchte seinen Widersacher immer als unverantwortlichen Schuldigen zu delegitimieren und zu diffamieren, ihn als das diametral Andersartige darzustellen, als Anti-Bürger, hybristischen Tyrann und Barbaren.
Theatralisch inszenierter Diskurs
Desweiteren analysierte Riess Aristophanes’ Komödien unter den Gesichtspunkten Hybris, Slapstick und gewaltsame Umzüge im privaten Festkontext („kômoi“) in ihrem Gewaltpotential. Auch die Aufführung eines Theaterstücks im Kontext der religiösen Feste der Lenäen und der Großen Dionysien war rituell, das heißt räumlich und situativ gerahmt, so dass die Theateraufführung als Ganzes als Ritual betrachtet werden kann. Riess zeigte auf, dass Hybris bei Aristophanes die gleiche Bedeutungsoffenheit wie bei den Rednern zeige. Die indirekte Problematisierung der Gewalt auf der Bühne als tyrannisch, barbarisch und hybristisch sei am Ende so wirkungsvoll in der Alten Komödie wie die Stigmatisierung des Gegners entlang ähnlicher Linien in den Gerichtsreden. Obgleich der Slapstick immer komisch bleibe, verstand es Aristophanes, so Riess, ihn mit einem gewissen Problembewusstsein aufzuladen. Einmal mehr offenbart sich die diskursive und semantische Offenheit der aristophanischen Komödie, so dass man in Analogie zur offenen Textur des athenischen Rechtes durchaus von der offenen Textur der Alten Komödie sprechen könne.
Öffentlicher Diskurs über Gewalt war nicht nur Angelegenheit der Oberschichten
Das Aushandeln des Gewaltbegriffes und die Beantwortung der Frage nach legitimer Gewaltanwendung wurden in Athen in rituell abgegrenzten Räumen unter Anwesenheit eines entscheidungsfindenden Publikums durchgeführt. Die Vergleichbarkeit von Gerichtsreden und Komödien besteht in der performativen Qualität ihres ursprünglichen Aufführungskontextes und damit im jeweils theatralisch inszenierten Diskurs über Gewalt. Der öffentliche Diskurs über Gewalt war vor allem eine Angelegenheit der Oberschichten. Als Richter oder Zuschauer im Theater waren aber auch die Unterschichten an der Bildung eines gesellschaftspolitischen Basiskonsenses in Blick auf die Gewalt beteiligt, der wiederum die konkrete Einhegung von Gewalt begünstigte.
Argumentationsmuster für Kriege
Über „The Shifting Boundaries of Violence: Five Cultural Models for Going to War (and Not Going to War) in Greek and Roman Antiquity” sprach abschließend JON E. LENDON (Charlottesville / Heidelberg). In bestimmten Generationen hat es nach seiner Darstellung immer wieder unterschiedliche Argumentationsmuster für den Beginn eines Krieges oder dessen Abwendung gegeben. Wenn man vom „Wahrheitsgehalt“ einer von einem antiken Historiker oder Redner getroffenen Behauptung absieht, ist es möglich, eine Fülle von Aussagen darüber zusammenzustellen, warum ein Krieg geführt oder nicht geführt werden sollte, und damit eine Geschichte des diachronen Wandels hinsichtlich der dominanten Motive zu schreiben, aus denen heraus Griechen und Römer in den Krieg zogen - Motive, die jede Generation als eindeutig legitim betrachtete.
Rache als wichtigstes Motiv für Kriegsbeginn
Mit zahlreichen Beispielen stellte Lendon seine These vor, dass für die klassischen Griechen das höchste Motiv für einen Krieg die Rache war und dass die dazugehörigen Argumentationsmuster „eine aus den homerischen Pfaden der Überlieferung gewachsene Tradition“ sei. „Die Ilias präsentierte den Trojanischen Krieg als eine Auseinandersetzung der Vergeltung, und wie wir von Herodot wissen, akzeptierten die späteren Griechen diese Diagnose“, sagte Lendon. Weil der Trojanische Krieg als mythischer Beispielskrieg den Griechen immer als Orientierung diente, sei es nicht verwunderlich, dass die Rache infolgedessen das wichtigste Motiv war, um einen Krieg zu beginnen.
Tapferkeit als römische Traditionslinie
Die Römer der republikanischen Zeit hatten dagegen nach Lendons Darstellung in diesem Zusammenhang zwei implizit voneinander abweichende Sichtweisen. „Die erste können wir bei Caesar ausmachen, der meinte, ein Krieg müsse von Männern mit Tapferkeit geschlagen werden, um die Tapferkeit von anderen zu übertreffen.“ Cicero und Livius meinten dagegen, eine kriegerische Auseinandersetzung sollte von der Verteidigung der eigenen Person, der Verbündeten und der Ehre an sich geleitet sein. Beide Begründungsmuster hätten den griechischen Vergeltungsgedanken abgeworfen. Selbstverständlich spiele die Verteidigung der Ehre aber auch bei vielen attischen Rednern schon eine enorme Rolle. Lendon stellte die Hypothese auf, dass die nach Tapferkeit suchende Mentalität der Republik eine alte römische Tradition gewesen sein könne und die defensive Herangehensweise an einen Krieg - nicht zuletzt in den Augen vieler Römer - ein Resultat des griechischen Einflusses gewesen sein mag.
Auch wirtschaftliche Kosten-Nutzen-Analysen im römischen Kriegsdenken
Zu Beginn des römischen Imperiums sei noch ein neues Leitmotiv zur den nach Tapferkeit suchenden und defensiven Argumentationsmustern hinzugekommen: Besonders bei griechischen Autoren der Kaiserzeit gebe es eine Gegnerschaft zu weiteren römischen Expansionen, da diese in einer finanziellen Kosten-Nutzen-Analyse kritisch dargestellt wurden. So werde kommuniziert, Britannien würde mehr kosten, wenn man es halte, als es an Einnahmen überhaupt einbringen könne. „Die Herkunft dieses Gedankengangs, so angewandt in der Außenpolitik, liegt im Dunkeln. Er spielt weder in der griechischen noch in der vorherigen römischen Tradition eine Rolle“, betonte Lendon. Diese Form der Außenpolitik habe eher mit dem Denken von Händlern und Schiffskapitänen zu tun, die eine der Quellen des griechischen Wissens über Geographie waren.
Historischer Wandel der Kriegsrechtfertigung
Die Gründe, in einen Krieg zu ziehen, haben also eine Geschichte. Sie waren im Verlauf der klassischen Antike historischem Wandel unterworfen, wobei kulturelle Erklärungs- und Rechtfertigungsmodelle einander ablösten. Die treibenden Faktoren dieser Geschichte sollten nicht im idiosynkratischen Erleben von Diplomatie und Krieg gesucht werden, sondern zunächst in den spezifischen Erziehungsmodellen und kulturellen Erwartungen der Entscheidungsträger, von den von Homer besessenen Griechen des 5. Jahrhunderts v. Chr. bis hin zu den rhetorisch geschulten Römern des 4. Jahrhunderts n. Chr.
Zusammenfassung
Als Ergebnis der Sektion sind zwei Befunde festzuhalten, zum einen die grundsätzliche Alterität des antiken von unserem heutigen Gewaltbegriff. Während Gewalt in modernen westlichen Gesellschaften grundsätzlich negativ konnotiert ist, scheint der Gewaltbegriff in der Antike sehr viel bedeutungsoffener gewesen, ja Gewalt oftmals sogar „neutral“ gesehen worden zu sein. Zum anderen bedingte jedoch gerade dieses flexible Verständnis von Gewalt zahlreiche komplexe Aushandelungsmechanismen, die, oftmals ritualisiert durchgeführt, es den Zeitgenossen sehr wohl auch erlaubten, Gewalthandlungen richtig einzuschätzen und darauf angemessen zu reagieren. Während in modernen westlichen Demokratien Gewalt also a priori per Gesetz definiert ist, unterlag das Gewaltverständnis antiker Menschen einem ständigen Perspektivenwechsel, der sich, für uns noch heute greifbar, in diversen Ritualen und Medien niedergeschlagen hat, die es weiter zu erforschen und kulturwissenschaftlich fruchtbar zu machen gilt.
Sektionsübersicht:
Martin Zimmermann (München): Literarische Gewaltbilder als Medien moralischer, politischer und kultureller Grenzziehungen
Susanne Muth (Berlin): Bilder der Gewalt – Annäherung an eine historische Interpretation medialer Gewalt
Werner Riess (Chapel Hill): Ritualisierungen von Gewalt im Athen des 4. Jhs. v. Chr.
Jon Lendon (Charlottesville / Heidelberg): The Shifting Boundaries of Violence: Four Cultural Models for Going to War in Greek and Roman Antiquity Tagungsbericht Grenzen der Gewalt – Definition, Repräsentation und Einhegung eines universalen Phänomens in antiken Kulturen. 29.09.2010-01.10.2010, Berlin. In: H-Soz-u-Kult 08.01.2011. Grenzen der Sicherheit – Grenzen der (Spät-)Moderne?Leitung: Cornel Zwierlein, Ruhr-Universität Bochum Bericht von: Christoph Wehner, Lehrstuhl für Zeitgeschichte, Ruhr-Universität Bochum Die transepochal angelegte Sektion „Grenzen der Sicherheit – Grenzen der (Spät-)Moderne?“ unter Leitung von CORNEL ZWIERLEIN (Bochum) widmete sich dem Verhältnis von Sicherheitsregimen, Zeit- und Epochenvorstellungen vom Mittelalter über die Frühe Neuzeit bis hin zur Zeitgeschichte. Sie zielte in dieser Konstellation auf eine Zusammenführung disparater Forschungsdiskussionen um den Begriff der ‚Sicherheit’, der in den letzten Jahren zunehmend zu einer Leitkategorie der historischen Forschung avancierte und in diesem Zuge eine starke Erweiterung erfahren hat.
Wie CORNEL ZWIERLEIN (Bochum) in seiner Einführung betonte, finde die disziplinäre Entgrenzung des Sicherheitsbegriffs ihre Entsprechung in dem freilich latent normativ-ideologischen Konzept der human security, das seit den 1990er-Jahren in der internationalen Politik und seit 1994 auf UN-Ebene die State Security des klassischen Westfälischen Systems ersetzen oder sich zumindest komplementär zu ihr verhalten solle. Unter dem Namen der human security würden daher heute die unterschiedlichsten Gefahren, von Naturkatastrophen, Gewalt und Kriminalität, Hunger und Nahrungs-Unsicherheit bis hin zu sicherer Verkehrspolitik auf einer Ebene verhandelt; den Bezugsrahmen bilde dabei primär die Sicherheits-Bedürfnisstruktur des Individuums, nicht mehr der Staat. Damit verflochten ist auch die Rede von der Wiederaufnahme vor- oder frühmoderner Vorstellungen von ‚Sicherheit’ im entgrenzten Konzept der human security. Im Zentrum der Sektion müsse daher die Frage nach den Folgen stehen, die die massiven Verschiebungen der Zuständigkeits- und Aufgaben-Grenzen von ‚Sicherheit’ in der internationalen Politik der jüngsten Zeit für die Konzeption von Epochengrenzen hat. Zum Verhältnis von Sicherheits- und Epochengrenzen stellte Zwierlein weiter erste Überlegungen an: Insbesondere diskutierte er, ob die Frage nach Epochenmerkmalen und -unterschieden überhaupt noch sinnvoll sei und nicht doch zwangsläufig in eine tautologische Reifizierung einschlägiger Schemata münde, wie es insbesondere postkoloniale Theorie, historische Anthropologie und neo-hermeneutische Ansätze kritisierten. Im Ergebnis hielt Zwierlein die Suche nach Unterscheidungsmerkmalen jedoch heuristisch für hilfreich, ginge ohne sie doch eine diachrone Tiefendimension der Geschichte verloren.
Die Frage nach der historiographischen Konstruktion von Epochengrenzen stand auch im Zentrum des Vortrags von STEFFEN PATZOLD (Thüringen). Patzold skizzierte zunächst die bereits seit dem 19. Jahrhundert präsente und unter Mediävisten nach wie vor andauernde Debatte, inwieweit sich Elemente des modernen Staats bereits im Mittelalter zeigten. Er begriff den ‚modernen Staat’ dabei als potente Konstruktion des 19. Jahrhunderts, die die übliche Unterscheidung von ‚vormodern’ und ‚modern’ geprägt habe, und nahm die aktuelle Diskussion um failing states zum Anlass, neu über dieses Verhältnis nachzudenken. Das mit der fragilen Staatlichkeit eng verbundene Konzept der human security hielt Patzold aufgrund seiner normativ-deskriptiven Implikationen allerdings für zu unscharf, um es als heuristisches Element für eine historische Analyse nutzen zu können. Dennoch berge die Debatte um den Wandel von Sicherheit und Staatlichkeit Potentiale, insbesondere für die mediävistische Forschung. Sie eröffne die Chance, die überkommene Dichotomie einer nicht-staatlichen Vormoderne und einer staatlichen Moderne als Interpretationsraster zu überwinden und politische Systeme und ihre Herstellungspraktiken von ‚Sicherheit’ diachron zu historisieren. So könnten die im human security-Konzept anthropologisch-universell gedachten Werte (Individualität, körperliche Unversehrtheit) über die Einholung transepochaler Perspektiven in ihrer zeitlichen Bedingtheit sichtbar gemacht, sodann ein Erkenntniswert für die gegenwärtige Diskussion erzielt werden.
STEFANIE RÜTHER (Münster) widmete sich in ihrem Beitrag den Möglichkeiten und Grenzen von Sicherheitspolitik zwischen Mittelalter und Früher Neuzeit. Rüther kritisierte dabei zunächst die einseitige Betrachtung der religiösen Dimensionen mittelalterlicher Sicherheitsproduktion. Dies habe zu der Annahme geführt, dass Bedrohungen im Mittelalter vor allem als gottgewollt perzipiert worden seien und umgekehrt eine systematische Sicherheitsvorsorge kaum existiert hätte. Den Ursprung dieser eingeschliffenen Deutung erblickte Rüther in dem Selbstverständnis einer säkularisierten Moderne, das metaphysische Überzeugungen und rationale Praktiken als sich wechselseitig ausschließende Phänomene begreife. Demgegenüber verlieh Rüther einer aktiven mittelalterlichen Sicherheitspolitik jenseits von „Gebeten, Stiftungen und Prozessionen“ Konturen. Anhand zahlreicher Beispiele zu den Praktiken herrschaftlicher Sicherheitserzeugung und deren Rezeption durch die betroffenen Gruppen verwies sie auf den dezentralen Charakter mittelalterlicher Sicherheitsproduktion, der in deutlichen Kontrast zu dem allumfassenden Anspruch der human security stünde. Mittelalterliche Sicherheit müsse vielmehr als Privileg, das verschiedenen sozialen Gruppen von Herrschaftsträgern gewährt worden sei, fokussiert werden, als interpersonale Relation, die spezifische Bindungen zwischen Akteuren schuf und so auch sozialkonstruktivistische Ordnungsleistungen implizierte. Diesem sozialen Konstruktionscharakter vielschichtiger ‚Sicherheiten’ müsse Rechnung getragen werden, möchte man nicht vorschnell Parallelen zwischen vormodernen und modernen Formen der Sicherheitsproduktion ziehen.
Der Beitrag von CORNEL ZWIERLEIN (Bochum) griff die bereits angeklungene Kritik am Normativitätsgehalt des human security-Begriffs auf, verwies jedoch zugleich auf dessen heuristischen Wert, um Gefahren und Risiken des Einzelnen in unterschiedlichen Epochen sowie die dazugehörigen staatlichen wie nicht-staatlichen Sicherheitsregime und -institutionen zu fokussieren. Im Zentrum von Zwierleins Vortrag stand daher auch die historische Ausdifferenzierung des Versicherungsprinzips anhand der Epochenmarker 1300, 1700 und 2000 und dessen Relevanz für die Konstituierung einer ‚sicheren Normalgesellschaft’. Konkret ging es dabei um die Frage, inwieweit Versicherungsgrenzen mit sicherheitsgeschichtlichen Epochengrenzen korrelieren. Für Zwierlein markiert die Entstehung des Prämienversicherungsprinzips im 14. und dessen Transfer und Ausweitung im 18. Jahrhundert einen wichtigen Indikator der Epochenschwelle zur Neuzeit. Ausgehend von seinen Befunden zur Verortung der Versicherungen im Gesellschaftsvertrag begriff Zwierlein die sukzessive Versicherungspenetration der Gesellschaft als Konstruktionsprozess einer universell sicheren Gesellschaft, in der Unglück und Katastrophe die zu vermeidende bzw. zu neutralisierende Ausnahme sein sollten. Dieser Prozess solle allerdings nicht im üblichen Säkularisierungsschema historisiert werden; die ‚sichere Normalgesellschaft’ sei vielmehr neben, und nicht in Konkurrenz zur Sphäre religiöser Weltordnung getreten. Davon ausgehend entwickelte Zwierlein ein Narrativ, das die Herkunft und Universalisierung der Versicherung weniger in Aufkommen und Expansion der Sozialversicherung im 19. Jahrhundert, sondern bereits in der Frühen Neuzeit und der Abkopplung der Warenwelt von Naturunglücken erblickt (maritime Transportversicherung, Feuerversicherung). Dieses stifte auch eine Klammer zur heute in der Risikosoziologie verhandelten Zäsur zwischen einer ersten und zweiten Moderne, deren empirisch-institutioneller Indikator die zunehmende Unversicherbarkeit von Technik- und Umweltgefahren sei. Diese vor allem auf Ulrich Beck zurückgehende Interpretation unterzog Zwierlein abschließend einer überzeugenden Kritik. Grundsätzlich ließe sich am Beispiel des Versicherungsprinzips allerdings der Wandel von Sicherheitsregimen untersuchen und eine freilich um Differenzierung bemühte Bestimmung sicherheitshistorischer Epochenschwellen vornehmen.
Der nächste Beitrag von STIG FÖRSTER (Bern) problematisierte das Verhältnis von staatlichem Gewaltmonopol und Sicherheitsproduktion im 19. und 20. Jahrhundert. Förster skizzierte zunächst die diesbezügliche Meistererzählung, der zufolge sich seit dem 18. Jahrhundert in Europa ein staatliches Gewaltmonopol sukzessiv etabliert habe, das zugleich zum Vorbild für die außereuropäische Welt geworden sei. Demnach garantierten der Staat und seine Organe die Sicherheit nach innen und außen. Im Gegenzug zöge der Staat Steuern ein und kontrolliere weite Teile der Gesellschaft. Auch das Rechtsstaatsprinzip basiere letztlich auf dem staatlichen Gewaltmonopol. Förster setzte sich nun kritisch mit diesem Narrativ auseinander und betonte, das staatliche Gewaltmonopol stelle keineswegs eine Erfindung der europäischen Moderne dar, sondern sei bereits zuvor – etwa von römischen Kaisern oder mongolischen Großkhanen – beansprucht worden. Es müsse daher eher als Strukturphänomen in der Entwicklung von Staatlichkeit begriffen werden. Anschließend widmete sich Förster den Schattenseiten des staatlichen Gewaltmonopols, die insbesondere im 20. Jahrhundert sichtbar geworden seien. Im Konzept des Totalen Krieges habe der Staat die absolute Macht beansprucht, um auf der Grundlage hoch entwickelter Herrschaftstechniken Sicherheitspolitik ins Extreme zu treiben. In der Tendenz zum „Atomstaat“ im Zuge des Kalten Krieges habe diese Politik ihre Fortsetzung gefunden. Umgekehrt markiere jedoch auch das Abtreten staatlicher Hoheitsfunktionen an private Sicherheitsfirmen in der Gegenwart (Beispiel: Irak) eine zunehmende Bedrohung des Rechtsstaats; das Verhältnis von Sicherheit und Staat bleibe somit in vielerlei Hinsicht problematisch.
ECKART CONZE (Marburg) widmete sich im letzten Vortrag der Sektion dem ursprünglich auf die politikwissenschaftliche Kopenhagener Schule der Internationalen Beziehungen zurückgehenden Konzept der Securitization und dessen Potentialen und Grenzen für die historische Forschung. Securitization fasste Conze als akteursgesteuerten kommunikativen Prozess, der sich in politischen Diskursen und Praktiken abbilde und sich als solcher auch historisieren lasse. Dabei gelte es jedoch zum einen, Securitization nicht teleologisch zu fassen, sondern auch den Korrespondenzbegriff der Desecuritization analytisch zu berücksichtigen. Zum anderen solle das Verständnis von Securitization nicht auf einen einseitigen Staatsbezug hinauslaufen, vielmehr müsse der Pluralität der an Sicherheitsdiskursen partizipierenden Akteure und Institutionen in unterschiedlichen historischen Kontexten Rechnung getragen werden. Insofern kapriziere sich das an diese Überlegungen geknüpfte Forschungsprogramm auch keinesfalls auf die Neuere oder Zeitgeschichte, sondern eröffne auch transepochale Perspektiven. Anhand unterschiedlicher Beispiele rückte Conze im Folgenden drei mit dem Konzept der Securitization zu erschließende Gegenstandsbereiche in den Vordergrund: Erstens die Rolle von Versicherheitlichungsprozessen für staatliches Handeln bzw. die Legitimation des Staates selbst, zweitens das Handeln von und die sicherheitsbezogene Kommunikation zwischen unterschiedlichen Akteuren im politischen Prozess, drittens das Verhältnis von Versicherheitlichung und Mechanismen sozialer Integration, Identitätsbildung und Vergemeinschaftung. Eine konstruktivistische und diskursbezogene Sicht auf ‚Sicherheit’ müsse der Historisierung dabei zugrunde gelegt werden. Nur auf diesem Weg – so Conze abschließend – könne das ohne Zweifel vorhandene Potential des Konzepts für historische Untersuchungen eingelöst werden.
In seinem Kommentar zu den Beiträgen brachte CHRISTOPHER DAASE (Frankfurt am Main) eine politikwissenschaftliche Perspektive in die Diskussion ein und verwies auf die vielfältigen Überkreuzungen in der Schwerpunktsetzung der Nachbardisziplinen. Trotz bestehender Synergiepotentiale, die für das thematische Feld der Sektion ausgemacht werden könnten, verdeutlichte Daase auch bestehende Divergenzen hinsichtlich Konzept und Untersuchungsperspektive. Insbesondere für eine angemessene Verortung des human security-Konzepts sei politikwissenschaftliche Expertise für Historiker relevant, während historische Darstellungen neue Anschlussperspektiven für die primär auf jüngere Vergangenheit und Gegenwart abzielende politikwissenschaftliche Forschung generierten. Die äußerst lebhafte Plenumsdiskussion der gut besuchten Sektion griff diese Überlegungen auf und verband sie mit konkreten Nachfragen zu den einzelnen Beiträgen. Wenngleich ein abschließender Konsens zum Verhältnis von Sicherheits- und Epochengrenzen nicht erzielt werden konnte (und ‚sicherlich’ auch nicht wünschenswert wäre), so stärkte die Sektion den Austausch zwischen den Disziplinen und indizierte die Relevanz der Thematik für zukünftige Forschungen.
Sektionsübersicht:
Cornel Zwierlein (Bochum): Einführung
Steffen Patzold (Tübingen): „Human security“ und „fragile Staatlichkeit“ im Frühmittelalter: Zur Fragwürdigkeit der Epochengrenze zwischen Vormoderne und Moderne
Stefanie Rüther (Münster): Sicherheit als Privileg. Möglichkeiten und Grenzen der Sicherheitspolitik zwischen Mittelalter und Früher Neuzeit
Cornel Zwierlein (Bochum): Naturkatastrophen um die Jahre 1300, 1700 und 2000: Sind Grenzen der Versicherbarkeit auch Epochengrenzen?
Stig Förster (Bern): Staatliche Sicherheit und staatliches Gewaltmonopol im 19. und 20. Jahrhundert – Erstrebenswerte Norm oder historische Ausnahmeerscheinung?
Eckart Conze (Marburg): ‚Securitization‘: Gegenwartsdiagnose oder Prozess der ‚longue durée‘?
Christopher Daase (Frankfurt am Main): Kommentar Tagungsbericht Grenzen der Sicherheit – Grenzen der (Spät-)Moderne?. 28.09.2010-01.10.2010, Berlin. In: H-Soz-u-Kult 20.11.2010. Grenzen politischer Partizipation im klassischen GriechenlandLeitung: Jan Timmer, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn Bericht von: Rene Pfeilschifter, Lehrstuhl für Alte Geschichte, Institut für Geschichte, Technische Universität Dresden Die Grenzen der Teilhabe wurden erst einmal in der Praxis ausprobiert. Großes Interesse und eine unglückliche Raumzuweisung führten nämlich dazu, daß der Seminarraum bis auf den letzten Quadratmeter gefüllt war, ja Interessenten vor der Tür bleiben mußten. Die Zuhörer saßen zwischen und hinter den Referenten. Doch es sei gleich hier gesagt, daß die durchwegs ausgezeichneten Vorträge das Publikum die beengten Verhältnisse vergessen ließen. Die annähernd vier Stunden der Vormittagssektion wurden nie langweilig, sie erschienen nicht einmal langwierig.
Der Sektionsleiter JAN TIMMER (Bonn) wies in seiner Einführung auf den geringen analytischen Wert des Demokratiebegriffs hin, insbesondere im Hinblick auf die Antike. Wie ‘gelungen’ eine Demokratie ist, verbindet man gern mit dem Ausmaß der Teilnahme der Bürger am politischen Prozeß. Aufbauend auf politikwissenschaftlichen Überlegungen, zeigte Timmer, daß Partizipation – verstanden als über die bloße Symbolisierung von Zugehörigkeit zur Gemeinschaft hinausgehende Aktivität – am besten im Spannungsdreieck mit Effektivität / Systemrationalität und Legitimität gefaßt werden kann. Effektivität / Systemrationalität bezeichnen dabei die Fähigkeit, mit akzeptablem Aufwand kollektiv verbindliche Entscheidungen zu erzielen und den Erhalt des politischen Systems sicherzustellen. Wird nun durch die Ausweitung von Partizipationsmöglichkeiten Legitimität geschaffen, so kann dies negative Folgen für die Effektivität politischer Systeme haben. Umgekehrt leidet die Legitimität politischer Systeme, wenn die Partizipationsmöglichkeiten etwa durch Zensusgrenzen eingeschränkt werden. Von besonderer Bedeutung sind also die Mittel, mit denen die Gleichzeitigkeit von Teilhabe und Effektivität gesichert wird. Hierbei ist etwa an die Ausweitung normativer Partizipationsformen zu denken oder an Formen symbolischer Kommunikation, die es ermöglichen, Exklusion zu verschleiern.
Die erste historische Fallstudie präsentierte GUNNAR SEELENTAG (Köln) mit einem Vortrag über die Ungleichheit der kretischen Homoioi in spätarchaischer und klassischer Zeit. Etikettierungen wie Oligarchie oder Aristokratie sind nicht geeignet, die kretischen Gemeinwesen zu verstehen: Die Beamten, die so genannten Kosmen, wurden aus bestimmten Geschlechtern gewählt, und aus den ehemaligen Kosmen setzte sich wiederum der Rat der Alten, der Geronten, zusammen. Diese trafen die Beschlüsse, die Volksversammlung, zu der alle Bürger Zutritt hatten, stimmte stets zu. Aber: Ihre Zustimmung war nichtsdestotrotz notwendig zur Erzeugung von Legitimität. Die Kosmen und Geronten trafen ihre Entscheidungen im Konsens. Dies setzte eine Disposition zum Kompromiß und die Bereitschaft zu langwierigen Verhandlungen voraus. Möglich war das nur bei einer hohen sozialen Kohäsion der Verfahrensbeteiligten, und diese war durch die Auswahl aus vornehmen Familien ja gegeben. Umgekehrt stärkte der Konsens natürlich wieder den Zusammenhalt der Aristokraten. Die Agora dagegen, die Volksversammlung, verfuhr nach dem Mehrheitsprinzip. Die Transaktionskosten waren also erheblich niedriger, der Sozialisationsaufwand geringer, und die Zahl von Verfahrensbeteiligten konnte unendlich hoch sein, ja es galt sogar: je höher die Partizipation, desto größer die Legitimität. Allerdings: Mit der Akzeptanz der in der Abstimmung Unterlegenen war nicht unbedingt zu rechnen. Hier lag der Keim für innere Unruhen. Erst das Zusammenwirken von Konsens- und Mehrheitsentscheidung machte den Beschluß einer kretischen Polis legitim. Dieses Verfahren läßt sich als hierarchische Steuerung beschreiben: Ein Akteur legt die Entscheidungsprämissen der anderen Akteure fest, deren Präferenzen finden keine unmittelbare Berücksichtigung, statt dessen übertragen die sozial Höherrangigen ihre eigenen Präferenzen. Die sozialen Kosten, um die Rangniederen zum Befolgen der vorgegebenen Bahnen zu bringen, sind hoch. Die Ausrichtung an einem für alle geltenden ‘Gemeinwohl’ erfordert eine intensive Sozialisation und eine ethische Homogenisierung der Akteure.
Mit einer rein verfahrensanalytischen Methode sind die Eigentümlichkeiten der kretischen Verfassungen also nicht zu verstehen. Seelentag setzte stattdessen bei der sozialen Interaktion und Kommunikation an. Alle Bürger waren in zeitintensive gesellschaftliche Institutionen eingebunden, von Paideia und Ephebie über eine zehnjährige Phase als Jungbürger bis hin zu den Mahlgemeinschaften, den Andreia, in denen man für den Rest seines Lebens verblieb. Schon während der Paideia, die vor allem auf physisches Training Wert legte, ragten einige Knaben heraus, die ‘Strahlendsten’. Dabei handelte es sich nicht einfach um die Leistungsstärksten, sondern um die Abkömmlinge der führenden Familien. Ihr Vorrang setzte sich bis in die Andreia hinein fort. Diese Knaben stellten später die Kosmen, sie bildeten den kretischen Adel. Der große Unterschied zur übrigen griechischen Aristokratie bestand nun darin, daß die Vornehmen Kretas nicht einen separaten sozialen Raum für sich beanspruchten, in dem sie ihre Überlegenheit gegenüber dem Demos zur Schau stellten, sondern daß sie ihr Leben mit dem Volk teilten. Adel und Demos standen Seite an Seite. Daraus resultierten einige bemerkenswerte Eigentümlichkeiten: Die materielle Kultur Kretas ließ seit etwa 630 an Reichtum und Vielfalt deutlich nach (Bestattungen, Keramik), das Individuum war selbst in Weihinschriften kaum mehr zu fassen, überhaupt kamen Dedikationen weitgehend zum Erliegen, auf der Insel und erst recht in den panhellenischen Heiligtümern. Kreta isolierte sich kulturell wie politisch von der griechischen Welt. Der einzelne Adelige wurde unsichtbar. So wurde die Kohäsion der Aristokratie sichergestellt und gleichzeitig auf Distanz gegenüber dem Demos verzichtet. Wie diese soziale Integration funktionierte, zeigte Seelentag eindrücklich am Beispiel der Andreia, die strikt von den anderen, den Fremden und Unfreien, abgeschottet waren. Ich kann hier nur einen bemerkenswerten Punkt hervorheben: Anders als in Sparta zahlten die Bürger keinen absoluten Beitrag für die Mahlgemeinschaften, sondern einen relativen. Ein Kreter konnte also nicht seine Teilhabe an der Gemeinschaft verlieren, wenn seine materiellen Ressourcen schwanden. Die Reichen (= die Adeligen) zahlten mehr und unterstützten damit die Armen. Das verschaffte ihnen einen Prestigevorsprung, den die Ärmeren (= die einfachen Bürger) nie einholen konnten. Ein Element der Gleichheit wurde aber insofern gewahrt, als alle eben den gleichen Anteil ihrer Einkünfte einzahlten. Der Adel verwandte seine Mittel nicht auf einen verfeinerten Lebensstil, sondern ließ sie seinen Mitbürgern zukommen. Die jahrelange, ja lebenslange Übung in den Andreia zementierte den Führungsanspruch der Aristokratie. Gleichzeitig boten die Andreia den besten Ort, um informell über öffentliche Angelegenheiten zu sprechen und den politischen Prozeß vorzubereiten. Die Andreia bildeten die Grundlage für die hierarchische Steuerung des Demos bei politischen Entscheidungen. Exklusive Integrationskreise des Demos gab es nicht, alle Bürger waren in die Andreia und die geographisch organisierten Phylen eingebunden.
In der Diskussion wurde zum einen über die Auswirkung von Druck auf das System debattiert: ob äußere Aggression zur sozialen Kohäsion führte oder ob erst diese ein Zusammenhalten nach außen ermöglichte; welche Rolle die Unzufriedenheit der Unfreien spielte; ob das geringe außenpolitische Engagement eine Folge der langwierigen inneren Konsensaushandlung war. Zum anderen stand der Charakter des Adels im Mittelpunkt. Ist er überhaupt als solcher zu bezeichnen, wenn er sich so sehr vom gemeingriechischen unterschied (Seelentag: nein im panhellenischen, ja im kretischen Kontext), und, etwas anders, inwieweit ist er als einheitlich handelnde Schicht anzusehen angesichts der häufigen Staseis? Welche Rolle kommt hierbei der geringen sozialen Mobilität und der kleinteiligen Siedlungsstruktur zu?
WOLFGANG BLÖSEL (Düsseldorf) analysierte in seinem Vortrag Zensusgrenzen und politische Partizipation im klassischen Griechenland. Als Oligarchie bezeichnen wir solche Gemeinwesen, in denen nur ein kleiner Teil der Gesamtbürgerschaft die Ämter besetzt, also dieselben Individuen oder Familien. Der Zugang ist dabei durch bestimmte Qualifikationserfordernisse begrenzt, manchmal die Herkunft, meist das Vermögen. Belege für solche Zensusgrenzen sind rar, aber ausgerechnet für das demokratische Athen fließen die Quellen reichlich. Die Quellen belegen, gegen die communis opinio der Forschung, keineswegs einen Zugang aller Athener zu den Ämtern, im Gegenteil, sie legen den Ausschluß der untersten Zensusklasse, der Theten, nahe. Dafür spricht nicht nur die politische Praxis, auch in der voraristotelischen politischen Theorie war das Postulat einer Zulassung aller Bürger zu den Ämtern schwach ausgeprägt. Selbst die wenigen demokratischen Theoretiker behaupteten bloß, daß die große Masse der Bürger, sowohl was den Reichtum als auch die Tugend angehe, zusammengenommen den einzelnen Aristokraten weit überlegen sei, also gemeinsam notwendigerweise bessere Entscheidungen treffe als diese. Diese sog. Akkumulationstheorie zielte lediglich auf den Führungsanspruch vielköpfiger Gremien wie der Volksversammlung oder des Volksgerichtes. Bei Einzelbeamten oder bei Kollegien mit wenigen Amtsträgern gestand eine solche Argumentation jedoch implizit die Überlegenheit der Begüterten und Aristokraten gegenüber den ärmeren Mitbürgern ein. Arme, also solche, die nicht vom Ertrag ihrer Äcker leben konnten, mußten ohnehin nicht nur als Kleinhändler, Tagelöhner oder Handwerker ihr Leben fristen, sie waren auch moralisch stigmatisiert. Jedes Unrecht wurde ihnen zugetraut. Seit der Mitte des vierten Jahrhunderts wurden die Zensusgrenzen freilich kaum mehr überprüft. Dazu trug nicht nur ein gewisser Mangel an Kandidaten für die zahlreichen Posten bei, sondern auch die Aristokratisierung des Demos: Jeder, der an den Versammlungen teilnahm, wies allein dadurch seine zeitweilige Abkömmlichkeit aus dem Arbeitsprozeß und damit sein ausreichendes Einkommen nach; deswegen erübrigte sich der Nachweis der Zensusklasse bei einer Bewerbung für ein Amt.
Auch andere griechische Staaten hielten einen erheblichen Teil ihrer Bürgerschaft durch Zensusschranken von den Ämtern fern, wie Blösel in einem weitgespannten Überblick über das fünfte Jahrhundert zeigte. Es gibt einige Städte, welche die Forschung als Demokratien klassifiziert, in denen aber dennoch Zulassungsbeschränkungen für Ämter galten, ebenso existieren Hinweise auf oligarchische Verfassungen, die einige Bürger zwar von den Ämtern ausschlossen, aber zur Volksversammlung zuließen. Was aber bleibt dann noch als Unterschied zwischen Demokratie und Oligarchie? Die Athener meinten in ihrer Demokratiepropaganda nicht die tatsächliche Bekleidung aller Ämter durch alle Bürger, welche zumindest im fünften Jahrhundert in der Praxis nicht möglich war, sondern die Obmacht (kratos) des Volkes über die gesamte Polis. Diese kam aber in der allentscheidenden Volksversammlung zum Ausdruck, nicht in einzelnen Ämtern. Selbst in den Städten des Seebunds, welche im dritten Viertel des fünften Jahrhunderts abfielen und gewaltsam wiedereingegliedert wurden, scheint der athenische Staat die überkommenen Ämter und deren mutmaßliche Besetzung nach Zensusqualifikationen nicht abgeschafft zu haben, das institutionelle Gewicht der Volksversammlung aber erhöhte er enorm. Nicht nur die Athener, die meisten Griechen unterschieden in ihren Polisverfassungen zwischen regimentsfähigen Vollbürgern und nur zur Volksversammlung zugelassenen Minderbürgern. Die Aristotelische, von der Forschung übernommene Einteilung der Poleis in Demokratien und Oligarchien ist eine allzu schematische, die Begriffe wurden erst im Athen der Mitte des fünften Jahrhunderts in der sich verschärfenden Auseinandersetzung mit Sparta einerseits als Selbstbeschreibung und andererseits als ideologisiertes Feindbild geprägt. Der heuristische Wert der beiden Rubriken ist auch deshalb gering, er bedarf dringend der Revision.
Nach dem Vortrag wurde intensiv über die Möglichkeit und die Art und Weise eines Ausschlusses der athenischen Theten diskutiert. War der Ausschluß vielleicht kein formaler, sondern erfolgte erst durch die Wahl? Arme waren ohne Siegchance. Andere Diskutanten wiesen auf die Bedeutung der Zensusgrenzen in anderen Lebensbereichen, etwa im Erbrecht, hin. Auf den Einwand, die Zensusbeschränkungen seien in der Politik gar nicht mehr beachtet worden, entgegnete Blösel, daß man dann ja überhaupt keine Zensusklassen bei den Wahlen gebraucht hätte. Zudem seien diese vielleicht erst gegen Mitte des fünften Jahrhunderts eingeführt worden.
Nach einer Kaffeepause, die vorübergehend von der räumlichen Enge erlöste, sprach WINFRIED SCHMITZ (Bonn) über die Ausweitung von Partizipationschancen durch die Reformen Solons. Während die Forschung Solon zwar nicht mehr als Begründer der Demokratie ansieht, aber doch als Förderer der Partizipation des Demos, betonte Schmitz die Grenzen der Teilhabe. Durch die Einführung der vier Zensusklassen wurden Zeugiten und Theten von Archontat und Areopag, den institutionellen Zentren athenischer Politik, ausgeschlossen. Die Analyse nahm ihren Ausgang vom Solonischen Stasisgesetz, von dem nur ein einziger Satz erhalten ist: „Wer sich bei einer Stasis in der Stadt weder der einen noch der anderen Seite anschließt, der sei ehrlos (atimos) und verliere sein Recht der Teilhabe an der Polis.“ Mit Stasis ist nicht eine gewaltsame innere Auseinandersetzung gemeint, wie die Forschung annimmt – wenn sie das Gesetz nicht ohnehin für fiktiv hält –, sondern eine Abstimmung. Das Gesetz verlangt von den Abstimmenden also, bei einer brisanten Entscheidung Position zu beziehen und eine möglichst eindeutige Mehrheitsentscheidung herbeizuführen. Der Sprachgebrauch in klassischer Zeit bestätigt diese Deutung. Geregelt wurde nicht irgendeine Abstimmung, sondern Verfahren vor dem Areopag. Der Adelsrat entschied in der Solonischen Ordnung über richtungweisende politische Kontroversen, die natürlich immer auch Personenfragen waren. Diejenigen Mächtigen, welche die politische Ordnung gefährdeten, ein Amt gewaltsam an sich rissen oder ein Jahresamt gegen die Regel perpetuierten, konnten vor dem Areopag angeklagt werden. Durch das Vorschreiben einer Mehrheitsentscheidung unter Beteiligung aller Areopagiten wollte Solon sicherstellen, daß das Votum deutlich ausfiel und die unterlegene Partei um so eher bereit war, ihr Unterfangen aufzugeben. Dieses Verfahren ähnelt dem Ostrakismos des fünften Jahrhunderts, mit dem Unterschied, dass nun vom Volk abgestimmt wurde und es keine Beteiligungspflicht, sondern ein Mindestquorum von 6000 Stimmen gab. Das Stasisgesetz stellte eine Vorform des Scherbengerichts dar.
Von seiner Neuinterpretation ausgehend, zog Schmitz im zweiten Teil des Vortrags die Konsequenzen für die Entstehung der Demokratie. Kylons Tyrannisversuch um 636 heizte die politischen Kontroversen in der Stadt an. Drakon und vor allem Solon reagierten darauf. Letzterer setzte durch, daß sich Kylons Gegner wegen der frevelhaften Tötung von dessen Anhängern einem Prozeß unterzogen, der mit ihrer Verbannung endete. Auf diesem Präzedenzfall baute vermutlich Solons Stasisgesetz auf. Die inneren Spannungen schwanden aber nicht. Peisistratos’ erster Vertreibung im Jahr 556/55 lag wahrscheinlich nicht eine gewaltsame Eskalation zugrunde, sondern ein Verfahren vor dem Areopag. Immerhin wurden auf der Agora Ostraka mit dem Namen ‘Pisistratos’ gefunden. Vor 488/87, als das Scherbengericht in der uns bekannten klassischen Form eingeführt wurde, kam das Solonische Verfahren wohl wenigstens ein weiteres Mal zur Anwendung. Eventuell wurde sogar Kleisthenes Opfer eines solchen Prozesses, bevor er den Ostrakismos vom Areopag auf den Rat der 500 oder gleich auf das Volk übertrug. Ob seine persönliche Erfahrung der Grund dafür war, ob ein peisistratidenfreundlicher Areopag geschwächt werden sollte oder ob sich das Areopagverfahren als ungeeignet zur Beilegung inneraristokratischer Konflikte erwiesen hatte, weil die Areopagiten selbst zu stark in diese Konflikte involviert waren, ist nicht zu sagen. Insgesamt gesehen, entstand die attische Demokratie durch eine Verschiebung der Macht vom adeligen Areopag auf das Volk. Mit den Namen Solon, Kleisthenes und Ephialtes verbinden sich die wesentlichen Reformschübe. Solon hatte aber noch versucht, Kontroversen zwischen Adeligen durch die Standesgenossen entscheiden und schlichten zu lassen. Seine Hoffnung, durch klare Mehrheitsentscheidungen politische Auseinandersetzungen zu entschärfen und so das kompetitive Verhalten der Aristokraten zu zügeln, erfüllte sich nicht. So wurden die Entscheidungen auf Gremien außerhalb des Adels verlagert – die Partizipationschancen des Demos wuchsen erheblich.
Die Diskussion thematisierte erneut die Breite des Stasisbegriffs und die Frage, ob Kleisthenes den Ostrakismos zunächst auf den Rat oder gleich aufs Volk übertrug. Ferner stand das Problem der Enthaltung im Mittelpunkt. Gab es Enthaltungen auch sonst in Athen, war ein Enthaltungsverbot in antiken Gesellschaften üblich? Schmitz äußerte Vorbehalte gegenüber dem Begriff, da dieser anders als im modernen Verfassungsleben keinen formalen Platz besaß. ‘Enthaltung’ erfolgte durch Nichtbeteiligung, und dafür gab es durchaus Konzepte. Die Debatte kreiste aber vor allem um den Charakter von Solons Maßnahme. Wollte er neben der stärkeren Integration des Adels auch die Gefolgschaften besser einbinden? Spielten Sachfragen die entscheidende Rolle, an die sich dann die Personalfragen knüpften? Schmitz wies den Sachproblemen eine Rolle zu, auch wenn sie wohl nicht primär waren. Die Anhängerschaften wollte Solon integrieren, immerhin konnten diese ebenso wie ihre Führer verbannt werden. Das Hauptproblem aber war, daß die Aristokraten den mächtigsten unter ihnen, den potentiellen Tyrannen, natürlich loswerden wollten, während das Volk durchaus anderer Meinung sein konnte: Der Demos durfte manche Vorteile von einem Herrscher erwarten.
JAN TIMMER (Bonn) widmete sich im Anschluss der attischen Demokratie. Die Entwicklung des athenischen Gemeinwesens war im fünften und vierten Jahrhundert zwar von einer Ausweitung der Partizipation geprägt, doch war diese noch keineswegs gleichbedeutend mit einer Stärkung der Legitimität der getroffenen Entscheidung, dann nämlich, wenn man die Auseinandersetzungen zu Beginn des fünften Jahrhunderts nicht als demokratische Revolution, sondern als Machtkämpfe zwischen rivalisierenden Angehörigen der Elite versteht. Stattdessen wurden Konflikte innerhalb des Adels, deren Lösung den Gruppenmitgliedern nicht gelang, aus der Gruppe hinausverlagert und damit das politische System, jedenfalls der Intention nach, stabilisiert. Die entscheidende Verbindung war also diejenige von Partizipation und Systemeffektivität / Rationalität. Die Legitimität kam erst im Zuge eines Perspektivwechsels im Zuge der Demokratisierung hinzu: In der sich etablierenden Volksherrschaft wurde die Teilhabe selbst Grundlage und Indikator für die Legitimität von Entscheidungen. Im fünften Jahrhundert wurde Legitimität noch wesentlich durch sog. input-orientierte Argumente hergestellt, das heißt, die authentische, nicht durch Zwang oder Abhängigkeit zustande gekommene Zustimmung selbst war bereits eine hinreichende Bedingung für die Verpflichtung zum Gehorsam. Angesichts der außenpolitischen Erfolge Athens schien diese Variante zu genügen. Ihre Voraussetzung war aber eine weitgehende Homogenität der in der Bürgerschaft vorhandenen Interessen. Die Größe und Ausdifferenzierung der damaligen athenischen Gesellschaft läßt aber an einer solchen Identität von Einzel- und Kollektivinteressen zweifeln – damit ist auch die Behauptung, Entscheidungen seien in einem demokratischen Mehrheitsverfahren allein wegen des Ausmaßes der Teilhabe legitim, nicht aufrechtzuerhalten. Die Defizite bestanden in einer hohen Instabilität des Entscheidungsprozesses, einer fehlenden Effektivität des Verfahrens, der Gefahr einer despotischen, nicht im geringsten am Gemeinwohl orientierten Herrschaft einer dauerhaften Mehrheit und in der fehlenden Verbindlichkeit der Entscheidung. Im oligarchischen Umsturz von 411/10 trat die fehlende Akzeptanz von Teilen der Bürgerschaft klar zutage. Die Vorstellung, Partizipation alleine erzeuge bereits Verpflichtung zum Gehorsam, traf für das Athen dieser Epoche nicht mehr zu.
In der wiederbegründeten Demokratie von 404/03 traten deshalb so genannte output-orientierte Argumente in den Vordergrund: Eine Entscheidung ist dann legitim, wenn sie allen, das heißt dem Gemeinwohl, nützt, und dem Kriterium der Verteilungsgerechtigkeit entspricht. Verinnerlichen die Mitglieder der Gemeinschaft in hinreichendem Maße solidarische Interaktionsorientierungen, so treten die beschriebenen Probleme bei der Legitimation von Mehrheitsentscheidungen nicht länger oder zumindest nicht mehr im selben Umfang auf. Die Redner des vierten Jahrhunderts zeigen, daß nun die Differenz zwischen Partikularinteresse und Gemeinwohl sowie zwischen den einzelnen Partikularinteressen als berechtigt anerkannt wurde. Homogenität wurde von einer notwendigen Voraussetzung des Entscheidungshandelns zu einem erstrebenswerten Ziel. Schlagworte wie mia gnome oder koinon agathon wurden populär, sie waren Ausdruck eines neuen Verständnisses. Die kollektive attische Identität des fünften Jahrhunderts wurde aufrechterhalten und intensiviert. Wer die gewünschte solidarische Interaktionsorientierung aber (noch) nicht besaß, etwa wegen mangelnden Alters, konnte von der Teilhabe ausgeschlossen werden. Deshalb wurden im vierten Jahrhundert die Gelegenheiten zur Partizipation begrenzt. Das bedeutete nichts anderes als die Kapitulation vor den Grenzen der politischen Sozialisation und die Betonung des Outputs des Systems gegenüber der Rechtmäßigkeit von Mehrheitsentscheidungen. Ohne das Vertrauen des einzelnen in Mitbürger, Institutionen und politische Ordnung konnte dieses System freilich nicht funktionieren. Das Vertrauen wurde einmal durch die Institutionalisierung von Mißtrauen (Luhmann) erzeugt, also durch Ämterfristen und Kompetenzbegrenzungen. Gleichzeitig war erst im vierten Jahrhundert, nach dem Ende des Ostrakismos, ein öffentlicher Austausch divergierender Meinungen möglich: Demokratie lebt davon, so entsteht Vertrauen. Nur wenn verschiedene Meinungen dargestellt werden und die Abstimmenden ausreichend informiert sind, sind Mehrheitsentscheidungen, bei denen eine hohe Zahl von Akteuren beteiligt ist, als sinnvoll denkbar.
Der Vortrag war stark von Überlegungen der politikwissenschaftlichen Theorie geprägt, und so zielten auch die Fragen vornehmlich auf die Qualität des entworfenen Modells. Timmer wies darauf hin, daß Altersgrenzen sich besonders zur Beschränkung von Partizipation eignen, weil sie am ehesten Akzeptanz finden: Jeder darf hoffen, sie einst überschreiten zu können. Diskutiert wurde auch, ob die solidarischen Interaktionsorientierungen nicht einfach als schlichte Gemeinsinnsrhetorik besser gefaßt werden könnten. Am intensivsten wurde über die Kategorie des Vertrauens debattiert. Ist die graphe paranomon nicht ein hervorragendes Beispiel für eine Institutionalisierung des Mißtrauens? Und, vor allem: Baut sich Vertrauen nicht zu Personen auf, die man schätzt, und wird es durch dieses subjektive Element nicht eine unkalkulierbare Größe, was zu Konflikten und zu Vertrauensenttäuschung führt? Vertrauen war, so Timmer, tatsächlich eine sehr begrenzte Ressource, der Redner mußte Enttäuschungen um fast jeden Preis vermeiden. Den Mechanismen der Vertrauenserzeugung kam deshalb ein hoher Stellenwert zu, in erster Linie der Überhöhung der gemeinsamen Vergangenheit und Identität.
Die vier Vorträge waren ungewöhnlich eng auf die gemeinsame Sache bezogen. Sie boten daher nicht nur jeder für sich eine Menge an innovativen Ideen und Denkanstößen, sondern regten auch in der Summe zu neuer Reflexion über den Zusammenhang zwischen Teilhabe, Legitimität und Funktionieren eines soziopolitischen Systems an. Teilweise entstammten die Beiträge größeren Forschungsarbeiten. Dennoch ist zu hoffen, daß sie bald auch gemeinsam in Aufsatzform publiziert werden – die Rezeption könnte sich so über die Enge eines stickigen, aber lebhaften Seminarraums hinaus fortsetzen.
Sektionsübersicht:
Gunnar Seelentag (Köln): Die Ungleichheit der kretischen Homoioi
Wolfgang Blösel (Düsseldorf): Zensusgrenzen und politische Partizipation im klassischen Griechenland, oder: Wie groß war der verfassungsrechtliche Abstand der sog. Oligarchien von der athenischen Demokratie?
Winfried Schmitz (Bonn): Mut zur Entscheidung. Die Ausweitung von Partizipationschancen durch die Reformen Solons
Jan Timmer (Bonn): Entscheidung und Gemeinwohl. Die attische Demokratie im 4. Jahrhundert v. Chr. Tagungsbericht Grenzen politischer Partizipation im klassischen Griechenland. 28.09.2010-01.10.2010, Berlin. In: H-Soz-u-Kult 16.10.2010. Grenzgänger – Imperiale Biographien in Vielvölkerreichen. Das Habsburger, das Russische und das Osmanische Reich im Vergleich (1806-1914)Leitung: Dietrich Beyrau, Eberhard-Karls-Universität Tübingen Bericht von: Alexis Hofmeister, Historisches Institut, Abteilung für osteuropäische Geschichte, Universität zu Köln Abgesehen von Einzelbeiträgen waren Osteuropa und seine Geschichte auf dem 48. Deutschen Historikertag in Berlin vor allem durch eine Sektion vertreten, die sich mit den Imperien der Habsburger, der Romanovs sowie der Osmanen beschäftigte. Dabei wurden Lebensläufe und Karrieren ausgewählter Vertreter der Funktionseliten als Beispiele genutzt, um auf die Erkenntnispotentiale einer individualbiographischen Herangehensweise, die ganz bewusst auch auf autobiographische Texte setzt, hinzuweisen. Bis 1989 widmete sich die deutschsprachige Osteuropaforschung vor allem den vermeintlichen Konkurrenten der Imperien, den Nationalstaaten bzw. den sie legitimierenden Nationalismen. Heute hat sich ein breites Feld von Studien zu den europäischen Kontinentalimperien etabliert, und die entsprechende Literatur ist kaum zu übersehen.
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Zur anhaltenden Konjunktur imperialer Themen tragen verschiedene Faktoren bei. Dazu zählen neben der wachsenden weltpolitischen Bedeutung Chinas die nachlassende Integrationskraft demokratischer Nationalismen, die Auseinandersetzung der Vereinigten Staaten mit ihrer imperialen Rolle sowie die ungebrochene Anziehungskraft supranationaler Integrationsmodelle wie der Europäischen Union. Dass Imperien als Räume der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen trotz ausgeprägter politischer, sozialer und kultureller Hierarchien über Jahrhunderte eine bemerkenswerte Stabilität aufwiesen, ist historisch mindestens ebenso erklärungsbedürftig wie die sich am Ende des 19. Jahrhunderts deutlich abzeichnende Krise imperialer Ordnung als staatliche Legitimierungsideologie. Mit dem von der historischen Nationalismusforschung bereitgestellten Instrumentarium lassen sich auch Imperien und Träger imperialer Ideologien untersuchen. Denn auch die bisher in den Blick genommenen (proto)nationalen Eliten waren in erheblichem Maße an der zeitgenössischen Diskussion um die Heterogenität der Imperien beteiligt.
MALTE ROLF (Leibniz Universität Hannover) führte in die Sektion ein, indem er die Vorteile einer akteurszentrierten Perspektive für die Imperienforschung hervorhob. Die beruflichen Karrieren imperialer Funktionsträger seien durch die Zwänge und Möglichkeiten reichsweiter Mobilität, aber auch durch die Beschränkungen der jeweiligen Reichsverfassung bestimmt worden. Wolle man imperialen Selbstentwürfen und -beschreibungen auf die Spur kommen, sei man auch auf autobiographische Auskünfte etwa imperialer Funktionsträger angewiesen. Ihre Lebensläufe seien nicht nur aus Karrieregründen unauflöslich mit dem jeweiligen Imperium verbunden. Eine historische Analyse entsprechender Selbstzeugnisse zeige das Imperium als Vorstellungs- und Erfahrungsraum; sein Horizont habe professionelle und persönliche Erwartungen bestimmt. Dazu käme, dass bereits in der zeitgenössischen Wahrnehmung bestimmte Personengruppen für das Imperium gestanden hätten und es in gewisser Weise nachdrücklicher repräsentiert hätten als die jeweiligen Herrscherfiguren oder imperiale Symbole. Die Legitimität imperialer Herrschaft habe zwar traditionell auf persönlichen Bindungen an Herrscher bzw. ihre Vertreter vor Ort beruht.
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Dies habe sich jedoch mit der Aufklärung, zunehmend aber im 19. Jahrhundert, geändert, als abstrakte Ideen wie etwa spezifische Zivilisierungsmissionen zur Legitimitätssicherung eingesetzt wurden. Insofern – so eine These Rolfs – sei das Imperium vor Ort zwar als trans- bzw. extralokaler Akteur aufgetreten, blieb aber stets durch konkrete Personen verkörpert. Diese homini imperii wurden im Rahmen der Sektion als imperiale Grenzgänger bezeichnet. Rolf widmete sich im empirischen Teil seines Vortrags zwei hochrangigen Vertretern der russländischen Reichsbürokratie, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Warschau Dienst taten. Dabei zeigte sich, dass die Erfahrungen der imperialen Grenzgänger bzw. ihre entsprechenden Rationalisierungen sich trotz vergleichbarer institutioneller Voraussetzungen durchaus nicht gleichen mussten. Anton Budilovič (1846-1908), ab 1881 Professor für Russisch und Altkirchenslavisch sowie zeitweise Dekan der Historischen Fakultät der Universität zu Warschau, beschrieb seine Zeit in Warschau als „Fronterfahrung“. Dagegen erwarb sich der Ingenieur Sokrates Starynkevič (1820-1902) als von 1875 bis 1892 amtierender Warschauer Stadtpräsident durch den Ausbau der städtischen Infrastruktur einiges Ansehen unter der mehrheitlich polnischen Bevölkerung der Weichselmetropole und fand hier auch seine letzte Ruhestätte. Beide erlebten als nach Warschau entsandte Repräsentanten des Imperiums Konflikte, die ihnen im Hinblick auf andernorts gesammelte Erfahrungen nahe legten, das von Warschau aus regierte Königreich Polen in einer Homologie zu anderen Grenzregionen des Russischen Reiches zu sehen. Die Praxis der Zirkulation der Beamten im gesamten Reich sowie ihres krönenden Aufstiegs ins imperiale Zentrum unterstützte die Wahrnehmung eines imperial gegliederten Raumes, der in Kernland und Grenzsaum (russisch: okraina) zerfiel.
MICHAIL KHODARKOVSKY (Loyola University Chicago) betrachtete die Geschichte des nördlichen Kaukasus’ und seines Vorlandes im 19. Jahrhundert durch das Prisma des an Widersprüchen reichen Lebens eines exemplarischen Grenzgängers Leutnant Semën Atarščikov. Dieser habe sich – so Khodarkovsky – als imperialer Mittler in der Pufferzone zwischen dem südwärts expandierenden Zarenreich und Transkaukasien bewegt. Dabei habe er sich im buchstäblichen Sinne als Übersetzer aus dem Russischen in kaukasische Sprachen aber auch als Experte für lokale Sitten sowie die Kultur der Kaukasusvölker einen Namen gemacht. Im Auftrage des Generals Grigorij Christoforovič von Zass (1797-1883) operierte Atarščikov bei seinen Infiltrierungsmissionen weit jenseits der russischen Linien. Ohne erkennbaren Grund desertierte Atarščikov 1841. Wenige Monate später kehrte er zurück und bat in einem Schreiben an Zar Nikolaus I. um Verzeihung. Er erreichte durch von Zass’ Fürsprache ein Pardon, wurde jedoch zum Dienst nach Finnland abkommandiert. Daraufhin floh Atarščikov erneut in die Berge. Er konvertierte zum Islam und beteiligte sich an zahlreichen Überfällen auf russische Grenzposten und Siedlungen. Bei einem dieser Überfälle wurde er 1845 von einem flüchtigen Kosaken erschossen, weil dieser sich von dem Mord an dem gefürchteten Plünderer einen Vorteil für seine eigene Rückkehr ins Zarenreich versprach. An die skizzenhafte Schilderung der fragmentierten Biographie Semën Atarščikovs schloss Khodarskovsky generelle Überlegungen zur Geschichte des russländischen Nordkaukasus’ als imperialer frontier an. Um die ethnisch, religiös und sprachlich vielfach gespaltene Region dauerhaft zu befrieden und zu dominieren, hätte das Russische Reich einer ergebenen kaukasischen Elite bedurft. Beginnend im 18. Jahrhundert hätte man zunächst die Söhne der angesehensten einheimischen Familien in Petersburg ausbilden lassen. Diesen habe es allerdings an einer Gruppenidentität gefehlt. Zwischen der Heimat ihrer Vorväter und dem russischen Imperium hin und her gerissen habe es für diese imperialen Mittler keinen mentalen Platz gegeben. Dazu kam, dass die Elitenbildung offensichtlich nicht systematisch genug betrieben worden sei; die imperialen Grenzgänger aus dem Kaukasus fanden bei ihren Vorgesetzten mit ihren Vorschlägen nur selten ein offenes Ohr. Zu bedauern ist, dass Khodarkovsky neben Atarščikov keine weiteren Beispiele imperialen Grenzgangs vorstellen konnte. In der Person des baltendeutschen Generals von Zass wurde immerhin ein Vertreter der imperialen Funktionselite erwähnt, dessen imperiales Karrieremuster mit den von Malte Rolf skizzierten Beispielen vergleichbar ist.
Im Mittelpunkt des Beitrags von TIM BUCHEN (Technische Universität Berlin) stand der aus Galizien stammende Rabbiner, Politiker und Publizist Joseph Samuel Bloch (1850-1921) und sein Werben für eine österreichische Identität. Bloch, der einerseits eine traditionelle jüdische Ausbildung genossen hatte und nach Meinung des Historikers Heinrich Graetz (1817-1891) über ungeheure Talmudkenntnisse verfügte, erwarb nicht nur rasch weltliches Wissen. Während seines etwa zehnjährigen Aufenthalts im Deutschen Reich konnte er aus nächster Nähe den Wandel von einem kulturellen und inklusiven zu einem ethnischen und exklusiven Nationsverständnis erleben. Bloch bekleidete als Rabbiner zunächst eine Stelle in Brüx (Most), später aber im Wiener Arbeitervorort Florisdorf. Ab 1882 saß er mit dem Mandat der galizischen Kleinstädte Śniatyn (Snjatyn), Kolomea (Kolomyja) und Buczazcz (Bučač) versehen, im Wiener Reichsrat. Neben diesem Forum bediente sich Bloch laut Buchen auch der von ihm 1884 gegründeten „Österreichischen Wochenschrift“ sowie der „Österreichisch-Israelitischen Union“ als Bühne. Bloch verstand sich als Repräsentant aller Juden des Habsburgerreichs und erhob den Anspruch, in der Öffentlichkeit für sie zu sprechen. Buchen führte aus, dass die von Bloch propagierte österreichische Identität sich nicht in erster Linie auf die Monarchie und ihre Symbole stützte, sondern auf den übernationalen österreichischen Staat setzte. Sie speiste sich aus den Erfahrungen eines imperialen Grenzgängers, der nicht nur die innerhalb des Reiches verlaufende Grenze zwischen Ost- und Westjudentum überwand, sondern Österreich-Ungarn auch mit dem Deutschen Reich sowie den Vereinigten Staaten vergleichen konnte. Dieser durch Erfahrung konstituierte Erwartungshorizont formte die Sinnkonstitution Blochs, der nur im österreichischen Vielvölkerstaat eine Garantie für die Existenz bzw. Weiterentwicklung des widersprüchlichen und konfliktträchtigen Miteinanders im kulturell heterogenen Zentraleuropa sah.
Der von HANNES GRANDITS (Humboldt Universität zu Berlin) im abschließenden Sektionsbeitrag vorgestellte Militär Omer Paşa (1806-1871) repräsentierte die imperiale Funktionselite des Osmanischen Reichs. Der als Sohn eines habsburgischen Militärgrenzbeamten geborene Mihaijlo Latas überschritt mit zwanzig Jahren die Grenze zum Osmanischen Reich, trat zum Islam über und nahm den Namen Omer Lutfi an. Durch den Kronprinz und späteren Sultan Abdulmecid protegiert, machte er eine steile Karriere. Omer Paşa erzielte sowohl bei der Umsetzung der osmanischen Reformpolitik (Tanzimat), bei der Aufstandsbekämpfung sowie im Krimkrieg beachtliche Erfolge. Kurzzeitig leitete er 1868/69 das osmanische Kriegsministerium. Grandits skizzierte die bis heute mit dem Namen Omer Paşas verbundene Durchsetzung der Tanzimat in Bosnien und nahm sie zum Anlass für mehrere generalisierende Beobachtungen. Im Falle der südosteuropäischen Peripherie des Osmanischen Reichs sei die „Verwestlichung aus dem Osten“, aus der Hauptstadt Istanbul, gekommen. Diese habe zweitens versucht, die Modernisierung ohne Rücksicht auf örtliche Eliten bzw. regionale Traditionen durchzusetzen und dabei wenn nötig zur Gewalt gegriffen. Imperiale Funktionseliten hätte diese gewalttätige Modernisierung von oben exekutiert und sie verkörpert. Schließlich zeige das Beispiel Omer Paşas, dass die Modernisierung Südosteuropas nicht erst in der Epoche der Nationalbewegungen bzw. Nationalstaaten eingesetzt habe und sich daher das Bild des Osmanischen Reiches als Agent der Rückständigkeit nicht halten lasse.
Der Kommentar von JÖRG BABEROWSKI (Humboldt Universität zu Berlin) ordnete die in den Vorträgen vorgestellten Beispiele imperialer Granzgängerbiographien aus den europäischen Kontinentalimperien des 19. Jahrhunderts in eine längere historische Perspektive ein. Die Tatsache, dass jemand zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort gewesen sei bzw. eine bestimmte Grenze überschritten habe, erkläre - so Baberowski - noch gar nichts. In gewisser Hinsicht hätten alle Einwohner von Vielvölkerreichen eine imperiale Biographie. Um einen Vergleich der diskutierten Beispiele zu ermöglichen, sei die grundlegende Problematisierung der Heterogenität innerhalb der Imperien, wie sie im Laufe des 19. Jahrhunderts auch unter den imperialen Eliten um sich griff, zu berücksichtigen. In vormodernen Imperien sei die Fremdheit etwa von Religion aber auch ein Glaubenswechsel, wie ihn Omer Paşa vollzog, insofern nicht problematisch gewesen, als die Loyalität gegenüber dem Herrscher nicht in Frage gestellt worden sei. Für den modernen imperialen Staat und seine Eliten sei die Fremdheit der Untertanen zum Problem geworden, weil man sich nun in stärkerem Maße als zuvor als Teil einer Welt empfunden hätte. Baberowski bezweifelte, dass die zarischen Bürokraten die Ansprüche des imperialen Staates innerhalb der Bevölkerung des Zarenreiches nachhaltig hätten verankern können. Innerhalb weniger Tage sei 1917 nicht nur die Monarchie sondern der imperiale Staatsapparat mitsamt seinen Repräsentanten verschwunden. Allein den Minderheiten sei durch den zunehmenden Homogenisierungsdruck die Fremdheit zur zweiten Identität geworden; mobile Diasporagruppen wie die Juden seien die eigentlichen imperialen Grenzgänger. Malte Rolf hielt dagegen daran fest, dass auch und gerade für die zarischen Bürokraten, jene Experten des Fremden, das Imperium zum Überlebensrefugium geworden sei. Daher lohne sich gerade der Blick auf ihre Wahrnehmung des Imperiums. Hannes Grandits sprach sich gegen eine polarisierende Sicht der Unterschiede zwischen vormodernem und modernem imperialen Staat aus. Im Osmanischen Reich habe der Staat versucht, die Modernisierung mit vormodernen Mitteln zu erreichen. Dafür habe er sich der imperialen Grenzgänger bedienen müssen.
Die sich an Jörg Baberowskis Kommentar entzündende rege Publikumsdiskussion berücksichtigte vor allem die Verhältnisse im ausgehenden Zarenreich. Die Frage nach imperialen Integrationsprojekten rückte in den Mittelpunkt; nicht das Feld der Herrschaft, sondern der Gesellschaft sei für die imperialen Funktionseliten entscheidend gewesen. Dies gelte umso mehr, als es um die Wahrnehmung, nicht um die Performanz von Imperialität gehe. ULRIKE VON HIRSCHHAUSEN (Universität Hamburg) verwies im Übrigen darauf, dass der herkömmlich angenommene Antagonismus von Imperialität und Nationalität nicht haltbar sei. Gerade die Biographien imperialer Grenzgänger zeigten, dass sich vielmehr Fusionen beider Diskurse ergeben hätten. Die soziale Umwelt, nicht wie von Baberowski angenommen die staatliche Funktionslogik, habe die imperialen Funktionseliten des Zarenreichs geprägt. Malte Rolf merkte an, dass der Abschied vom Projekt einer imperialen Gesellschaft im Falle des Königreichs Polen relativ illusionslos erfolgt sei. Vielmehr sei hier ein Projekt der kulturell und administrativ differenzierten Russifizierung diskutiert und partiell umgesetzt worden. Obwohl die Betonung des Russischen im Russländischen für hochadlige Beamte am Ende des 19. Jahrhunderts zum Problem geworden sei, habe die Mehrheit der zarischen Bürokraten in Warschau das Zarenreich doch eher als ein russisches gedacht. Dies habe ihr Verhalten auch nach der Versetzung in andere Regionen beeinflusst. Michail Khodarkovsky betonte, dass es im Gegensatz zum British Empire im Zarenreich imperialen Grenzgängern zunehmend weniger gelungen sei, das Wissen der Peripherie im Zentrum zu Gehör zu bringen. MANFRED HILDERMEIER (Georg-August-Universität Göttingen) erklärte die Frage nach dem Vorrang von Funktionslogik und imperialen Lebenswelten für offen. Eine chronologisch und regional differenzierende Betrachtung zeige, dass Ende des 18. Jahrhunderts die imperiale Funktionslogik im Zarenreich sehr wohl auf Kooperation mit peripheren Eliten und damit im begrenzten Maße auf Heterogenität gesetzt habe. Netzwerke und Kontakte zum regionalen Adel hätten sich bis weit ins 19. Jahrhundert hinein als wichtig für den Erfolg eines Bürokraten erwiesen. Nach der Zäsur der 1860er-Jahre, die dem Zarenreich entscheidende Reformen brachten, habe sich die Lage allerdings gewandelt und sich immer mehr dem von Baberowski gezeichneten Bild angenähert. Ulrike von Hirschhausen kritisierte die Sicht des Imperiums als einheitlichem Rechts- und Herrschaftsraum. Die Unterschiede zwischen Finnland und dem Kaukasus seien offensichtlich, und daher müsse die Frage, wer das Imperium sei, bzw. was imperial agency bedeute, regional differenziert beantwortet werden.
Trotz der Disparität der für die exemplarische Vorstellung mehrerer imperialer Biographien genutzten Quellen gelang der Sektion ein innovativer und anregender Einblick in ein junges Forschungsfeld. Die Funktionseliten der europäischen Kontinentalimperien stellen eine bisher von der Forschung vernachlässigte Personengruppe dar. Wie die einschlägigen Bibliographien zeigen, hat die Funktionselite des Zarenreichs umfangreiche autobiographische Materialien hinterlassen. Doch selbst für Persönlichkeiten wie den letzten Zaren Nikolaus II. aber auch für den Großteil seiner Minister liegen nahezu keine kritischen Biographien vor. Die Imperienforschung wird vom „biographic turn“ profitieren, wenn es ihr gelingt, das bisher unberücksichtigt gebliebene Material im Sinne einer Selbstbeschreibung von Imperialität zu nutzen. Dabei müssen die Wahrnehmung des imperialen Raumes, seiner Grenzen, die Verhandlung imperialer Heterogenität in den Blick genommen werden. Die Bedeutung und die Performanz imperialer Erinnerungsorte, imperialer Symbole und imperialer Herrschaftsfiguren sowie ihr postimperiales Nachleben kann anhand autobiographischer Texte geprüft werden. Diese eröffnen im Übrigen durch ihre lebensgeschichtliche Konstruktion die Möglichkeit des synchronen und diachronen Vergleichs. Dabei sollte auch der Versuch unternommen werden, über den engeren sozialen Kreis der imperialen Elite hinaus zu blicken. Kriege und Revolutionen erschütterten als Krisenmomente der Imperien nicht nur die Ideologien der Funktionseliten, sie gaben der gesamten Bevölkerung Anlass zur autobiographischen Reflexion.
Sektionsübersicht:
Dietrich Beyrau (Tübingen): Einleitung und Moderation
Malte Rolf (Hannover): Imperiale Biographien von Grenzgängern: Zur Einführung / Sokrat I. Starynkevic und Anton S. Budilovic: Warschau als Fronterfahrung oder letzte Ruhestätte. Zwei ungleiche Bürokraten und ihre Wanderschaften durch das Romanov-Imperium
Michael Khodarkovsky (Chicago): The Return of Lieutenant Atarshchikov: Empire and Identity in Asiatic Russia
Tim Buchen (Berlin): Galizien und Wien: Der Abgeordnete Joseph Samuel Bloch und sein Werben für eine „Österreichische Identität“
Hannes Grandits (Graz / Berlin): Verwestlichung aus dem Osten? Das Beispiel von Omer-pasa Latas im Kontext des großen osmanischen Reformanlaufs im 19. Jahrhundert
Jörg Baberowski (Berlin): Kommentar
[1] Il'ja. V. Gerasimov u.a. (Hrsg.), Empire Speaks Out. Languages of Rationalization and Self-Description in the Russian Empire, Leiden 2009; Jan Plamper u.a. (Hrsg.), Rossijskaja imperija čuvst: Podchody k kulturnoj istorii ėmocij, Moskau 2010; Martin Aust u.a. (Hrsg.), Imperium inter pares: rol' transferov v istorii Rossijskoj imperii (1700-1917), Moskau 2010.
[2] Jörg Baberowski u.a. (Hrsg.), Imperiale Herrschaft in der Provinz: Repräsentationen politischer Macht im späten Zarenreich, Frankfurt am Main 2008. Tagungsbericht Grenzgänger – Imperiale Biographien in Vielvölkerreichen. Das Habsburger, das Russische und das Osmanische Reich im Vergleich (1806-1914). 28.09.2010-01.10.2010, Berlin. In: H-Soz-u-Kult 22.01.2011. Grenzmissverständnisse in der Globalgeschichtsschreibung (ca. 1500–1900)Leitung: Susanne Rau, Geschichte und Kulturen der Räume in der Neuzeit, Universität Erfurt; Benjamin Steiner, Excellenzcluster "Normative Orders", Johann-Wolfgang Goethe Univeristät Frankfurt am Main Bericht von: Stefan Kaufmann, Geschichte und Kulturen der Räume in der Neuzeit, Universität Erfurt „Grenzmissverständnisse in der Globalgeschichtsschreibung (ca. 1500-1900)“ – der Titel dieser Sektion konnte und sollte auf unterschiedliche Weise verstanden werden. Eine Lesart führt zu den Missverständnissen an den historischen Grenzen, wie Auseinandersetzungen, Missachtung, Übertretung, Verschiebungen, kriegerische Konflikte usw., welche für die Akteure egal ob lokal, regional oder global eine tatsächliche Relevanz hatten. Eine andere Lesart weist auf mögliche Fehlschlüsse bzw. Hürden der Globalgeschichtsschreibung hin, da die Globalgeschichtsschreibung oftmals gezwungen ist eurozentrische Analysebegriffe zu benutzen. Der europäische Duktus erscheint als semantisch notwendig, aber ebenso unangebracht. Gleichzeitig ermöglicht gerade die Globalgeschichte eurozentrische Analysebegriffe an ihre eigenen Grenzen zu führen, diese zu verflüssigen und vielleicht zu überwinden. Die Chancen, die sich aus einer globalgeschichtlichen Perspektive ergeben könnten versuchten SUSANNE RAU (Erfurt) und BENJAMIN STEINER (Frankfurt am Main) in ihrer Sektion auszuloten.
In der Einleitung stellten Rau und Steiner klar, dass aus ihrer Perspektive die aktuellen europäischen Grenzdiskurse weiterhin durch Territorialität und Linearität bestimmt und somit nur bedingt nutzbar seien. Verschiedene theoretische Grenzbegriffe, wie Kulturkontakt, métissage, Hybridität, Kulturtransfer oder histoire croisée, gehen trotz ihrer Binnendifferenz doch grundlegend von abgeschlossenen kulturellen Räumen aus, die sich zumeist antagonistisch gegenüber stehen. Daher betonten Rau und Steiner, dass es notwendig sei ein alternatives Modell zu erarbeiten. Ihr Arbeitsvorschlag resultierte aus der Einsicht, dass der Grenzbegriff aus sich heraus ambivalent sei und Schutz als auch Restriktion meine. Zudem können Grenzen nur bestehen, wenn sie nicht in Frage gestellt würden – aber paradoxer Weise immer ein Infragestellen generieren. In der Praxis bedeute Grenzziehung die Exklusion des Anderen ohne um dessen Nutzen zu wissen. Daher gelte es in der wissenschaftlichen Praxis Grenzen beständig radikal in Frage zu stellen, da sie doch immer Ergebnisse menschlicher Konstruktion sind. Es sei notwendig Grenzen und Grenzkonzepte zu historisieren, die Folgen und das Unterlaufen der Grenzziehung zu analysieren sowie subversive Handlungen, als mögliche Grenzauflöser und -verschieber, zu untersuchen. Gerade die globalgeschichtliche Grenzziehungen als Untersuchungsschwerpunkt müsse versuchen alle möglichen Umstände, wie direkte, indirekt und kontrapunktische sowie Theorie und Praxis in ihr Zentrum zu rücken. Mit ihrer Einleitung gaben Rau und Steiner den weiteren Referent/innen ein ausgezeichnetes theoretisches Rüstzeug an die Hand um möglichen Grenz(miss)verständnissen nachzugehen.
ALEXANDER DROST (Greifswald) versuchte mit seinem Vortrag den Differenzen von kulturellen Raumordnungsmustern, welche in der frühen europäischen Kolonisierung Südostasiens augenscheinlich vorhanden waren, auf die Spur zu kommen. Dabei war seine Hauptannahme, dass die Diskrepanz auf unterschiedliche Herrschaftskonzepte zurückzuführen sei und der sich daraus bedingenden Auffassungen von Grenzen und Räumen. Drost unterschied bestehende Herrschaftskonzepte in zwei Formen. Auf der einen Seite sieht er das europäische Herrschaftskonzept, welches sich durch die Gewalt über Territorien auszeichne und dem eine Vorstellung von Grenzziehung immanent sei. Dem gegenüber setzte er eine – für den südostasiatischen Raum dominierende – Vorstellung der Herrschaft über Untertanen. Die Macht werde nicht wie im europäischen Modell durch eine territoriale Grenze beschränkt, sondern verliere sich durch die fortschreitende Entfernung zum Zentrum der Macht. Entsprechend des Herrschaftskonzepts strukturierte sich auch die Vorstellung über Grenzen im südostasiatischen Raum. Grenzen seien stark mit natürlichen Begrenzungen wie Wasser, Urwald oder Gebirgszüge assoziiert gewesen. Nur zwischen Nordvietnam und China gab es zu dieser Zeit eine territoriale Begrenzung als ein Ergebnis kriegerischer Aushandlungsprozesse. Am Beispiel der Niederländischen Ost-Indien Kompanie (VOC) um 1600 und deren ökonomischen Rivalitäten zu den spanischen Hoheitsansprüchen auf der Insel Ternate – eine Insel der Molukken, zeichnete Drost die resultierenden Grenzmissverständnisse zwischen indigener Bevölkerung und den Kolonisatoren nach. Aus der ökonomischen Rolle Ternates für den Gewürzhandel leitete sich das Interesse europäischer Kolonialmächte ab. Die VOC konnte sich gegenüber den Spaniern als Verbündete des Sultans von Ternate positionieren und so ihre Rolle als Schutztruppe sowie als Besatzungstruppe festigen. Infolge wurden von der VOC verschiedene Befestigungsanlagen und eine Seegrenze, die Drost als frontier bezeichnete, errichtet. Diese Begrenzung bzw. Grenzziehung habe den europäischen Kolonialmächte vornehmlich der Abwehr europäischer Feinde und dem Ausfechten europäischer Interessenskonflikte gedient. Nach dem Sieg der Niederländischen über die Spanische Flotte sei die frontier somit obsolet geworden. Drosts Vortrag machte deutlich, dass die europäischen Mächte einerseits die südostasiatischen Raumordnungsmuster genutzt haben, etwa durch die Errichtung der Befestigungsanlagen nahe der Machtzentren, aber auch gleichzeitig europäische Raumordnungsmuster, durch die Begrenzung von Forts oder Seegrenzen, importiert haben. Jedoch warf der Vortrag verschiedene Fragen auf, z. B. wie in dieser Konstellation die Stimmen der indigenen Bevölkerung auf Ternate überhaupt gehört werden konnten. Drost hob hervor, dass es durch Briefwechsel und Verträge eine relativ gute Quellenlage gebe. In dieser werde sichtbar, dass sich in dieser frühen Phase der Kolonialisierung europäische Mächte oftmals der lokalen Herrschaft unterordnen mussten.
Rund 300 Jahre später sind die Bedingungen für koloniale Territorialherrschaft deutlich verschoben, betont STEFANIE MICHELS (Frankfurt am Main) in ihrem Vortrag. Gerade in Afrika sei es in dieser Phase der Kolonialisierung für die europäischen Mächte möglich gewesen Grenzen zu ziehen, Ordnungen zu schaffen und somit eine koloniale frontier zu generieren, welche durch europäische Grenzvorstellungen, aber auch seit Jahrhunderten etablierten Vertrags- und Handelsbeziehungen, vorbedingt gewesen sei. Dabei sah Michels die Grenzen und Ordnungen als ein soziales Produkt an, welches weiße Überlegenheit und schwarze Unterlegenheit festschreibe. Gleichzeitig sei – entgegen dem Versuch kolonialer Projekte klare Grenzen zu schaffen – die koloniale Ordnung beständig bedroht und in Veränderung begriffen gewesen. Diese Ambivalenz schreibe sich insbesondere für das deutsch-koloniale Projekt in der Figur des schwarzen deutschen Kolonialsoldaten ein. Dieser Spur folgend, untersuchte Michels die deutsch-koloniale Phase zwischen 1900-1910 in Kamerun und die bildliche Repräsentation von schwarzen deutschen Kolonialsoldaten. Mit Hilfe einer Postkarte von 1908 zeige sich, dass sich die Soldaten und der König der Bamum – ein Stamm in Westafrika – als deutsche Soldaten kleideten und zeremoniell inszenierten. Die Uniformierung nach deutschem Vorbild hatte unterschiedliche und zum Teil gegenläufige Symboliken. Zuvorderst stehe die Uniform als Abbild weißer hegemonialer Männlichkeit, gleichzeitig werde aber diese Grenze durch schwarze deutsche Kolonialsoldaten übertreten bzw. in Frage gestellt, wenn diese sich durch das Tragen der Uniform als ebenbürtig darstellten. Auch sei der scheinbar undisziplinierte und lässige Umgang mit der Uniformierung nicht allein durch deutsch-hegemoniale Konzepte zu verstehen, da diese eine Reproduktion bestehender afrikanischer Herrschaftsstrukturen und eines eigenen Machtanspruchs seien (die Bamum etwa waren in Westafrika eine dominierende Gruppe). Aus deutsch-kolonialer Perspektive funktioniere die Übernahme der Uniformen auf zwei Ebenen. Zum einen wird dies als eine Anerkennung der deutsch-hegemonialen Herrschaft verstanden, zum anderen wurde deutlich, dass die schwarzen deutschen Kolonialsoldaten ‚not quite‘, also nicht ebenbürtig, seien. Diese Perspektivierung, so Michels abschließend, mache bestehende Grenzmissverständnisse und deren Multidimensionalität erst erkennbar. Es konnte am Beispiel der Uniformierung schwarzer deutscher Kolonialsoldaten nach deutschen Vorbild aufgezeigt werden, wie zerbrechlich das Konzept kolonialer Herrschaft ist, da jede Übernahme bestärkend aber ebenso ein Anzweifeln beinhaltet. Michels konnte den Zuhörer/innen zeigen, dass Grenzen – als soziale und symbolische Räume – nicht linear oder einfach zu bestimmen, sondern polivalent, intersektional und vielschichtig sind.
NORBERT FINZSCH (Köln) eröffnete seinen Vortrag mit dem Ausspruch ‚sheep eat men‘, welcher auf Sir Thomas Moore zurückgeführt wird. Damit bezog Finzsch sich implizit auf den Strukturwandel in England im 17./18. Jahrhundert und dessen Negativfolgen für die Landbevölkerung.
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Entlang dieses Diktums versuchte Finzsch die Veränderungsprozesse in Australien im 19. Jahrhundert mit Hilfe von Mikropraktiken, die an den Siedlungsgrenzen vollzogen wurden, zu beschreiben. Daher ist es auch schlüssig, dass er den Strukturwandel in Australien mit den Negativfolgen – der fast vollständigen Dezimierung der indigenen Bevölkerung, welche er entschieden als Genozid bezeichnete – als ein Resultat der punktuellen Siedlungsprozesse und nicht den eines direkten Eingriffs verstand. Für diese genozidalen Veränderungen seien drei Komponenten maßgebend gewesen: die frontier, die Landnahme und die Veränderung des sozio-ökologischen Systems. Die frontier als kulturelle Kontaktzone sei selbstredend keine Grenze zwischen Zivilisation und Wildnis gewesen. Sie sei temporal uneinheitlich, territorial zersplittert, multipel und strukturiere sich an den wasserführenden Zonen des Outbacks. Die Landnahme als ein weiterer entscheidender Punkt sei durch drei Praktiken vollzogen worden. Erstens den Kauf von Land, zweitens squating – der illegalen Besetzung von Land, und drittens durch Vertreibung ansässiger indigener Bevölkerung. Den für Finzsch gewichtigsten Anteil an den genozidalen Veränderungsprozessen hatte das Kippen des sozio-ökologischen Systems in Australien. Diesen komplexen Strukturwandel probierte Finzsch mithilfe des adaptive cycle von C. S. Holling Herr zu werden.
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Das Modell versucht auf Grundlage der Systemtheorie Veränderungen in komplexen Systemen nachzuvollziehen, unabhängig ob es sich um wirtschaftliche, soziale oder ökologische Systeme handle. Nach dem Modell, so Finzsch, lösen auch Mikropraktiken in ihrer Gesamtheit Strukturveränderungen aus. Dabei seien bestimmte Mikropraktiken für Australien von besonderer Bedeutung gewesen. Etwa das bark ringing, als eine Methode zum Roden der Wälder. Beim bark ringing wurde die Borke um den Baum ringförmig eingeschnitten, was zum Absterben des Baums führt. Diese Form der Waldrodung sei besonders umweltschädlich. Eine weitere Mikropraktik war die Einfuhr exotischer Tierarten, wie Schafe, Hasen oder Rinder, welche das sozio-ökologische System durch deren extreme Verbreitung nachhaltig beeinflusst habe. Auch der individuelle Umgang mit den geringen Wasserressourcen führte zu tiefgreifenden Veränderungen, da Viehherden an das wenige Wasser getrieben wurden oder die indigene Bevölkerung von deren Nutzung abgehalten wurde. Abschließend betonte Finzsch, dass der Siedlerimperialismus und die damit einhergehenden Mikropraktiken zu einer extremen sozio-ökologischen Umwälzung geführt haben und in der Dezimierung der indigenen Bevölkerung kulminierte. Zum Ende des Beitrags musste sich Finzsch der Frage stellen, ob seine Annahmen über sozio-ökologische Systeme nicht doch die Vorstellungen von scheinbar abgeschlossenen Kulturräumen reproduziere und ob es nicht auch Gegenpraktiken der indigenen Bevölkerung gab.
Im letzten Beitrag versuchte BENJAMIN STEINER sich über eine wissensgeschichtliche Perspektive dem Thema der Sektion anzunähern. Dabei fokussierte er auf die Frage, wie normative Grenzordnungen zwischen Europäern und Afrikanern entstanden sind und wie diese sich in einem asymmetrischen Kräfteverhältnis etablierten. Um dem nachgehen zu können durchleuchtete Steiner die frühe Phase der kolonialen Handelsbestrebungen Frankreichs in Westafrika (insbesondere Senegal), da es bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts noch keine bzw. kaum eine kategoriale Abgrenzung zwischen afrikanischen und europäischen Wissenssystemen gegeben habe, welche eine Differenzerfahrung des Anderen erst möglich mache. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts entstanden die ersten französischen Handelsniederlassungen in Westafrika als ein beginnendes globales Netz kolonialer Herrschaft, auch wenn zu diesem Zeitpunkt noch die wirtschaftlichen Interessen im Vordergrund gestanden haben. Die senegalesische Küste diente im weiteren Verlauf als erster Anlaufpunkt um den Handel in Westafrika zu verstetigen. Das französische Wissen begrenzte sich in dieser Phase auf die Umrisse Westafrikas und konnte kaum etwas zu dessen Inhalt beitragen. Dieser Umstand führte notwendiger Weise dazu, so Steiner, dass indigene Wissenskategorien in französische Wissenssysteme integriert worden seien und ein interessierter Austausch stattfand. Weiterer Anhaltspunkte für einen positiven Afrikadiskurs in Frankreich seien zeitgenössischen Historiographien zu entnehmen, in denen, trotz der unterschiedlichen Disposition von Europäern und Afrikanern – europäische Schriftlichkeit als scheinbar bessere Art der Wissensakkumulation – Afrikaner gutwillig rezipiert wurden. Doch wie kommt es dann zu einer Trennung und Hierarchisierung des augenscheinlich vorher verschränkten indigenen und europäisch-französischen Wissens? Auch stellt sich die Frage, ähnlich dem Vortrag von Alexander Drost, ob und wie unterschiedliche Grenzkonzeptionen zu Missverständnissen geführt haben könnten. Steiner konnte dies ganz plastisch an einer Quelle, die das Aufeinandertreffen von einer französischen und einer senegalesischen Handelsgesandtschaft beschreibt, darstellen. Um der senegalesischen Gesandtschaft die Größe und Stärke Frankreichs aufzuzeigen zeichnete ein französischer Gesandter einen voluminösen Umriss Frankreichs in den Sand, und daneben als Bezugsgröße eine vielfach kleinere Skizze der Niederlande. Der aus der Quelle beschriebene Umstand der symbolischen Grenzziehung deute an, welche Rolle die Grenze für die historischen Akteure hatte und weise auf verschiedene Missverhältnisse hin, sagte Steiner. Um Macht zu zeigen, werde sich europäischer Raumordnungsmuster bedient, während gleichermaßen ein Missverhältnis von Größe und Macht produziert würde, da die Niederlande zu dieser Zeit weitaus einflussreicher gewesen sei. Auch werde die übersteigerte Selbstdarstellung genutzt, um die Verhandlungspositionen zwischen den zwei Gesandtschaften zu hierarchisieren. Dies werde durch den Umstand gesteigert, dass die Bezugsgröße der abstrakten Skizze eben nicht ein afrikanisches Handelszentrum ist, sondern ein europäisches. Abschließend wies Steiner darauf hin, dass die symbolischen Grenzziehungen im Sand, die als Abstraktion zum effizienten Wissensaustausch genutzt wurden, sich in der Praxis verfestigten. Auch wenn die europäischen Kolonialmächte beim Grenzziehen immer wieder auf oftmals selbstgenerierte Grenzen stießen.
Um sich der Terminologie des Grenzbegriffs zu nähern, verglich SUSANNE RAU in ihrem Kommentar die Nutzung des Grenzbegriffs zwischen dem deutschsprachigen und anglo-amerikanischen Raum. Es trete deutlich zu Tage, so Rau, dass es im deutschen Sprachgebrauch relativ wenige Worte für Grenze gebe und die Begriffe vornehmlich als Form der Schließung und Abgrenzung fungierten. Im anglo-amerikanischen Sprachgebrauch gebe es dem entgegen viele verschiedene Formen des Grenzbegriffs, die als öffnend verstanden werden können. Jedoch konstatiert Rau, dass im sprachlichen Gebrauch der historischen Subjekte Grenzen fast immer eine doppelte Bedeutung zugeschrieben wurde. Auf der einen Seite werde die Grenze positiv als Schutz dargestellt, auf der anderen als Beschränkung und Repression. Daraus leite sich auch das Verhältnis zwischen Grenze und Raum ab. Grenzen produzieren und strukturieren Raum, so Rau. Dabei sei die Grenze – ob nun materiell, immateriell oder symbolisch – als Raumfigur nicht ahistorisch oder fix, sondern Ergebnis menschlicher Konstruktionsleistung und muss daher aus ihren jeweiligen historischen Kontext verstanden und dekonstruiert werden.
Mit ihrem Kommentar schaffte Susanne Rau den Brückenschlag zur programmatischen Einleitung der Sektion und bündelte nochmals die Inhalte der jeweiligen Beiträge. In der abschließenden Diskussionsrunde zeigte sich, dass der Versuch neue Impulse für Globalgeschichtsschreibung zu geben positiv aufgenommen wurde und sich weiterführende Fragen ergaben. Etwa ob die kolonialen Grenzmissverständnisse auf die jeweiligen Zentren zurückwirkten oder wie die Ambivalenz und Diskontinuität von Grenzen angemessen dargestellt werden könne. Auch stellte sich die Frage, ob es nicht auch eine gewisse Sakralität von Grenzen gebe. Im Rahmen des Historikertags kann die Veranstaltung von Susanne Rau und Benjamin Steiner als voller Erfolg gelten, nicht nur aufgrund des mehr als gut gefüllten Hörsaals sondern vor allem wegen ihrer thematischen Perspektive.
Sektionsübersicht:
Susanne Rau (Erfurt) / Benjamin Steiner (Frankfurt am Main): Einleitende Bemerkungen, Grenztheorie-Diskurse und Grenzmissverständnisse in der Praxis der Globalgeschichtsschreibung
Alexander Drost (Jena / Greifswald): Grenzenlos eingrenzen – koloniale Raumstrukturen der Frühen Neuzeit in den Konfliktfeldern zwischen Asien und Europa
Stefanie Michels (Frankfurt am Main): Schwarze deutsche Kolonialsoldaten und die Ambivalenz der kolonialen frontier
Norbert Finzsch (Köln): Siedlerimperialismus in Australien: Frontier, Landnahme und Sozio-Ökologische Systeme
Benjamin Steiner (Frankfurt am Main): Wissen als Träger und Bedingung imperialer Grenzvorstellungen im Verhältnis von Europa und Afrika in der Frühen Neuzeit
Susanne Rau (Erfurt): Kommentar, Raumfiguren und Grenz-Sprachen
[1] Vandana Shiva, Earth Democracy: justice, sustainability and peace, Cambridge 2005.
[2] Crawford S. Holling, Understanding the Complexity of Economic, Ecological, and Social Systems, in: Ecosystems 4 (2001), S. 390-405, hier 293f. Tagungsbericht Grenzmissverständnisse in der Globalgeschichtsschreibung (ca. 1500–1900). 28.09.2010-01.10.2010, Berlin. In: H-Soz-u-Kult 28.03.2011. Grenzräume. Dimensionen der Berliner Mauer 1961-2010Leitung: Klaus-Dietmar Henke, Lehrstuhl für Zeitgeschichte, Technische Universität Dresden Bericht von: Sebastian Richter, Institut für Geschichte, Technische Universität Dresden Die Trennung beider deutscher Nachkriegsstaaten vereinigt auf sich wie kein zweites Thema das Ineinandergreifen von physischen, administrativen und weltanschaulichen Grenzen. Mit der Zäsur von 1989/90 hat die eigentliche deutsche Teilungsgeschichte einen zeitlichen Rahmen erhalten. Zwar wird die Überwindung der Mauer weithin als positiv bewertet. Gleichwohl ist die Erinnerung an sie bis heute durch Debatten geprägt, die sich alten, aber auch neuen gesellschaftspolitischen Grenzziehungen verdanken. Das Motto des 28. Deutschen Historikertages „Über Grenzen“ lud dazu ein, einerseits Errichtung, Funktionsweise sowie Ende des DDR-Grenzregimes zu thematisieren und sich andererseits dem wechselhaften Umgang mit den verbliebenen Grenzanlagen zu widmen. Speziell die Geschichte und Nachgeschichte der Berliner Mauer bilden ein eigenes komplexes Geschehen.
Die Sektion „Grenzräume. Dimensionen der Berliner Mauer 1961-2010“ fand im Besucherzentrum der Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße statt. Der Ort bot nicht nur den Vorteil des – gegenüber anderen Sektionen – geräumigen Veranstaltungsraumes. Publikum und Podium konnten mit direktem Blick auf die Überreste eines bekannten deutsch-deutschen Grenzabschnitts über das Grenzregime und den nachträglichen Umgang damit diskutieren. KLAUS-DIETMAR HENKE (Technische Universität Dresden) bezeichnete den historischen Ort einleitend als eine „Bodenstation“; dagegen setzte er die „Imagination Mauer“. Während sie nach 1961 rasch eine vom eigentlichen Bauwerk abgehobene metaphorische Bedeutung für die Unterdrückung in der DDR angenommen habe, sei ihr symbolischer Haushalt 1989 um den Aspekt der erfolgreich erkämpften Freiheit angereichert worden. Die Mauer werde, spitzte Henke die Suche nach dem „richtigen“ Umgang mit der ehemaligen Grenze zu, „immer präsenter, je länger sie verschwunden ist“.
Angesichts der Tatsache, dass der internationale Kontext, innerhalb dessen die Mauer einst errichtet wurde, immer weiter in Vergessenheit gerät, setzte sich MANFRED WILKE (Berlin) mit der 1958 einsetzenden zweiten Berlin-Krise auseinander, die 1961 zum Mauerbau geführt hatte. Er betonte das Zusammenspiel von amerikanischen und sowjetischen Strategien, das bis heute unterschätzt werde: Während Ulbricht gegenüber der Sowjetunion auf den Abschluss eines Separatfriedens mit der DDR gedrängt habe, um das „Schlupfloch“ West-Berlin selbst kontrollieren und die für das SED-Regime existenzbedrohende Fluchtwelle aus der DDR eindämmen zu können, sei die Berlin-Frage in Moskau eher geostrategisch als politischer Hebel gegenüber den USA betrachtet worden. Diese wiederum beschränkten in Form von Kennedys „Three Essentials“ ihre Schutzmachtrolle auf den westlichen Teil Berlins. Die amerikanische, auf die neuen politischen Realitäten einregulierte Prinzipienfestigkeit habe dann den Weg zum Mauerbau geebnet, da Chruschtschow mit dem impliziten Einverständnis der USA Ulbricht die Abriegelung der innerdeutschen Grenze zugeben konnte, ohne dabei sowjetische Hoheitsrechte einzubüßen. Die Entscheidung zum Mauerbau sei, legte sich Wilke fest, am 20. Juli 1961 gefallen. In der Forschung gehen die Meinungen über dieses Datum allerdings auseinander, mehr noch als in der Frage, ob die Entscheidung zum Mauerbau eher Ulbricht oder Chruschtschow zuzuschreiben ist. Wilke erkannte hier, wie die meisten Forscher, auf die durchschlagenden Interessen der Sowjets.
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Wilke setzte sich zudem mit der Generationsgebundenheit der Mauer-Erinnerung auseinander. Er unterschied zwischen Mitgliedern der Erlebnisgeneration und jenen, die – bei unterschiedlichen Vorzeichen in Ost und West – im Schatten der Mauer aufgewachsen sind. Den Nachgeborenen wiederum, deren Perspektive, wenn überhaupt, vom Fall der Mauer geprägt ist, sei, so Wilke, die einst an der Demarkationslinie zwischen Ost und West virulente „Frage von Krieg und Frieden“ nicht mehr bewusst. Als sichtbares Symbol für den in Europa zwischen den Großmächten erreichten status quo sei die Mauer schließlich zum Ausgangspunkt für die Entspannungspolitik geworden.
Einen weitgehend anderen Akzent setzte THOMAS LINDENBERGER (Ludwig Boltzmann-Institut für Europäische Geschichte und Öffentlichkeit, Wien) mit Überlegungen zu den Wechselwirkungen zwischen Grenzregime und Gesellschaftskonstruktion in der DDR. Während der Mauerbau seit 1961 weithin als „Bankrotterklärung“ der Ost-Berliner Machthaber interpretiert worden ist, rückte Lindenberger deren Perspektive in den Mittelpunkt. Abschottung nach außen sei von der SED durchaus als eine notwendige Etappe beim „Aufbau des Sozialismus“ angesehen worden. An seine Überlegungen zur „Diktatur der Grenzen“ anknüpfend, verwies er auf das Gesellschaftskonzept der SED, in dem das Ineinander von rigider Beschränkung menschlicher Mobilität einerseits und von kanalisierten Mobilisierungsabsichten des Regimes andererseits, etwa im Arbeitsumfeld oder in staatlichen Organisationen, typisch gewesen sei.
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Wer die von der Partei gesetzten Grenzen nicht verletzte, habe in der DDR Gestaltungsmöglichkeiten wahrnehmen können. Das Wissen um jene unsichtbaren Grenzen zwischen individuellem Aktionsraum und unantastbarer Machtsphäre habe in der DDR „Alltagswissen“ dargestellt. Gespür für die Prärogative der Partei habe innerhalb der gesetzten Grenzen (statt neben der Macht) Freiräume geschaffen. Das Geflecht aus politisch-räumlichen Grenzen habe der Gesellschaft eine „lokalistische Sozialibität“ aufgenötigt, die wiederum, so Lindenberger mit Blick auf den Transformationsprozess nach 1989/90, eine gewisse „Lebenstüchtigkeit“ und einen auch im liberal-kapitalistischen System hilfreichen „Eigensinn“ hervorgebracht hat.
Die anschließend von Manfred Wilke vorgebrachte Kritik, der Fokus Thomas Lindenbergers würde die entscheidenden Faktoren für den Mauerbau auf der internationalen Ebene nicht erfassen, zielte insofern ins Leere, als Lindenberger die Relevanz der alliierten Politik für den 13. August 1961 keineswegs bestritten hatte, sondern das Schließen der äußeren Grenze als eine mit dem SED-Gesellschaftskonzept vereinbare Maßnahme interpretiert hatte. Die offensive Art, in der die DDR-Führung den Bau des „antifaschistischen Schutzwalls“ als Rettung des Weltfriedens nach 1961 alljährlich pries, ist sonst auch kaum erklärlich.
Wie kompatibel Lindenbergers Fokus ist, zeigte sich anhand des Beitrags von GERHARD SÄLTER (Gedenkstätte Berliner Mauer). Mit dem Mauerbau habe die SED auf ein mehrfaches Souveränitätsdefizit reagiert, das vor allem in der Fluchtbewegung gen Westen und dem – durch die bloße Möglichkeit zur Flucht begründeten – beschränkten Zugriff auf die Gesellschaft bestanden habe. Die SED hat, so Sälter weiter, Fluchtverhinderung stets als „gesamtgesellschaftliche Aufgabe“ interpretiert und ihre Überwachungsstrategie gegenüber Flucht- bzw. Ausreisewilligen mit einem zentralisierten Überwachungsapparat forciert. In die so genannte „Fluchtabwehr“ seien neben den eigentlichen mit (Aus-)Reiseangelegenheiten befassten Stellen eine Vielzahl sonstiger Behörden, bis hin zur Wohnungswirtschaft, aber auch Zivilisten eingebunden gewesen. So sei es gelungen, etwa 80 Prozent aller Fluchtversuche im Vorfeld abzufangen. Zwar sei der Staat in seiner Absicht, die Gesellschaft zur Verhinderung von Fluchten zu gewinnen, nur partiell erfolgreich gewesen. Durch die Mitarbeit in so genannten „Grenzsicherungsaktiven“ bzw. „Kommissionen für Ordnung und Sicherheit“ sei es dem Einzelnen möglich gewesen, „systemzugewiesene Reputation“ zu erwerben. Auf Dauer sei die Diskrepanz zwischen den Ordnungsvorstellungen des Staates und jenen in der Bevölkerung aber unüberbrückbar gewesen.
Im zweiten Sektionsabschnitt standen Fragen des Mauer-Gedenkens sowie ihre Umsetzung in der Gedenkstätte Berliner Mauer im Vordergrund. Deren Direktor AXEL KLAUSMEIER ging auf ihre Besonderheit als einziger Berliner Ort ein, an dem die Tiefenstaffelung der einstigen Sperranlagen noch nachvollzogen werden kann. Dass dieser Zustand inmitten des allgemeinen Abrissgeschehens nach 1989 erhalten werden konnte, ist zähem bürgerschaftlichen Engagement, insbesondere der von Pfarrer Manfred Fischer geleiteten Versöhnungsgemeinde, dem Verein Berliner Mauer und schließlich politischen Entscheidungen auf Landes- sowie auf Bundesebene zu verdanken. Erst dadurch wurde die großflächige Ausstellung an der Bernauer Straße ermöglicht. Deren erster Abschnitt, dessen Zentrum das „Fenster der Erinnerung“ mit Photos der an der Grenze zu West-Berlin Getöteten bildet, wurde am 21. Mai 2010 im Beisein zahlreicher Opferangehöriger und des Regierenden Bürgermeisters eröffnet.
Die Bernauer Straße ist, so Axel Klausmeier, sowohl „historischer Ort“, an dem sich nach dem 13. August 1961 viele dramatische Fluchten abgespielt haben, als auch „Tatort“, an dem Menschen durch das Grenzregime zu Tode gekommen sind, und schließlich ein „Lern- und Bildungsort“. Auf die langwierigen Debatten um das Wie und Wo der Mauer-Erinnerung an der Bernauer Straße ging er, vielleicht aus Zeitgründen, nicht näher ein (Fürsprecher einer martialischer gehaltenen Wiedererrichtung der Grenzanlagen hatten gegen das letztlich umgesetzte Gedenkstättenkonzept zunächst ebenso gestritten wie ehemalige Eigentümer der für die Gedenkstätte vorgesehen Mauergrundstücke sowie die um die Bewahrung ihres einstigen Friedhofs bemühte, im ehemals östlichen Teil Berlins beheimatete Sophiengemeinde). Klausmeier erläuterte, dass die zentrale Prämisse des Gedenkstättenkonzepts in „jeglichem Verzicht auf Rekonstruktion“ liege. Nur so sei das Vertrauen der Besucher in die Authentizität des Ortes zu erhalten. Darum habe man sich mit archäologischer Akribie der Freilegung der erhaltenen Grenzspuren, seien es Mauerteile, alte Signalanlagen, Fluchttunnel oder freigelegte Bürgersteige, verschrieben. Der eigentliche Verlauf der Mauer wird dagegen, um sowohl die räumlichen Ausmaße als auch das Trennende der Grenzanlage zu verdeutlichen, mit zahlreichen aus Corten-Stahl gefertigten Streben markiert.
Die Frage nach dem Verhältnis von physischer und imaginierter Mauer aufgreifend, widmete sich LEO SCHMIDT (Brandenburgische Technische Universität Cottbus) dem veränderlichen medialen Konstrukt Mauer, das von unterschiedlichen visuellen Perspektiven zu unterscheiden sei. Während der „antifaschistische Schutzwall“ von der SED offiziell in Form des mit der DDR-Fahne drapierten „geschützten“ Brandenburger Tores ikonisiert wurde, hätten DDR-Bürger selbst – wenn überhaupt – nur die in weiß-grau gehaltene Hinterlandmauer zu Gesicht bekommen. Der West-Blick auf die Mauer war dagegen von der mit Graffiti übersähten Außenmauer, ihrem eigentlichen „Hinterteil“, geprägt. Diese auf zahllosen Abbildungen festgehaltene bunte Mauer-Ansicht hat aber, so Schmidt, eher eine Spiegelung der westlichen Lebenswelt als eine Beschäftigung mit den Verhältnissen in der DDR dargestellt. Das Brandenburger-Tor-Motiv habe sich längst weltweit als Ikone sowohl für die Teilung der Stadt als auch ihrer Überwindung etabliert. Typisch für den konstruktiven Charakter sei auch hier, dass weniger die konkrete Situation in Berlin, sondern die eigene Interpretation der historischen Ereignisse und das jeweils eigene Interesse daran thematisiert würden. Als Kontrapunkt zum Mauer-Gedenken nach 1989/90, das sich auf die bei Fluchtversuchen Getöteten und Geschädigten konzentriert, präsentierte Schmidt Filmaufnahmen vom militärischen „Kampfappell“ in Ost-Berlin 1986, der anlässlich des 25. Jahrestags der Errichtung des „antifaschistischen Schutzwalls“ abgehalten worden war.
Axel Klausmeier und Leo Schmidt erläuterten, dass die Planungen für die sogenannte „Mauer 2000“ während der 1980-Jahre bereits in Angriff genommen worden waren. Dies hätte die – letztlich nicht mehr errichtete – 4. Mauer-Generation dargestellt. Unabhängig davon seien an der Mauer seit dem 13. August 1961 beständig Ausbesserungsarbeiten vorgenommen worden, da die einzelnen Betonsegmente lediglich eine Lebensdauer von etwa 20 Jahren besaßen. Mit Blick auf die Debatten um das Holocaust-Mahnmal am Brandenburger Tor berichtete Klausmeier, dass es auf dem weiträumigen Gelände der Mauer-Gedenkstätte bislang kein „Vandalismus-Problem“ gegeben habe. Darauf angesprochen, warum es trotz der strikten Absage an Rekonstruktionsmaßnahmen zur Wiedererrichtung eines Wachturms gekommen ist, verwies er darauf, dass der Turm nicht im Gelände der neu eröffneten Open-Air-Ausstellung, sondern auf dem Areal des bereits 1998 eingeweihten Kohlhoff’schen Mauer-Denkmals stehe. Diese Lösung sei von den beiden Architekten ausdrücklich befürwortet worden.
Den in der Gedenkstätte an der Bernauer Straße verfolgten Ansatz zusammenfassend und die Mehrdimensionalität der Berliner Mauer nochmals vor Augen führend, wies Klaus-Dietmar Henke abschließend darauf hin, dass eine Rekonstruktion des Grenzregimes von seinen vorfindlichen Überresten ausgehen, dann aber im Kopf stattfinden müsse. Den Schrecken der Geschichte könne man nicht mit bloßem Nachbauen evozieren; die eigentliche Gefahr des Grenzregimes sei auch nicht von der Mauer selbst, sondern von ihren Bewachern ausgegangen, die sich niemand zurück wünsche. Das Mauergeschehen sei im Übrigen leichter zu vermitteln als die in NS-Gedenkstätten thematisierten Ereignisse. Dass die meisten Menschen heute das Bild von der gefallenen Mauer vor Augen haben, erinnere schließlich daran, dass dieser Teil der Geschichte letztlich gut ausgegangen ist.
Sektionsübersicht:
Manfred Wilke (Berlin): Die Berliner Mauer im Zentrum des längsten Konflikts des Kalten Krieges zwischen 1958 und 1963
Thomas Lindenberger (Wien): Die Wechselwirkung von Grenzregime und Gesellschaftskonstruktion im SED-Staat
Gerhard Sälter (Berlin): Fluchtverhinderung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe
Axel Klausmeier (Berlin): Die Bernauer Straße als deutscher Erinnerungsort
Leo Schmidt (Cottbus): Die Berliner Mauer als globale Ikone: vom Bauwerk zum lieu de mémoire
[1] Vgl. Gerhard Wettig: Rezension zu: Harrison, Hope Millard: Driving the Soviets up the Wall. Soviet-East German Relations, 1953-1961, Princeton 2003, in: H-Soz-u-Kult, 12.11.2003, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2003-4-087> (26.10.2010).
[2] Vgl. Thomas Lindenberger, Die Diktatur der Grenzen. Zur Einleitung, in: ders. (Hrsg.), Herrschaft und Eigen-Sinn in der Diktatur. Studien zur Gesellschaftsgeschichte der DDR, Köln 1999, S. 13-44. Tagungsbericht Grenzräume. Dimensionen der Berliner Mauer 1961-2010. 28.09.2010-01.10.2010, Berlin. In: H-Soz-u-Kult 30.10.2010. Grenzverschiebungen. Historische Semantik der 1960er und 1970er im deutsch-britischen VergleichLeitung: Elke Seefried, Deutsches Historisches Institut London / Universität Augsburg, Martina Steber, Deutsches Historisches Institut London Bericht von: Nicole Kramer, Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam Gleich zwei Grundfragen der jüngeren Zeitgeschichte verknüpften ELKE SEEFRIED (Augsburg) und MARTINA STEBER (London) und in der von ihnen geleiteten Sektion „Grenzverschiebungen. Historische Semantik der 1960er und 1970er im deutsch-britischen Vergleich“: Erstens richteten sie den Blick auf die 1960er- und 1970er-Jahre als Zeit tiefgreifender Wandlungsprozesse, für die Anselm Doering-Manteuffel und Lutz Raphael in ihrer Programmschrift „Nach dem Boom“ sogar einen Strukturbruch diagnostizierten
[1]
. Zweitens fragte die Sektion nach dem Schwellenzeitcharakter der beiden Jahrzehnte und zeigte Wege einer begriffsgeschichtlichen Annäherung an das 20. Jahrhundert auf, die jüngst auch Christian Geulen in den Zeithistorischen Forschungen gefordert hatte
[2]
.
Welche Chance die Verbindung dieser beiden methodischen Überlegungen eröffnet, legten SEEFRIED und STEBER in ihrer Einleitung dar. Mit Blick auf Begriffe – so die beiden Historikerinnen – ließen sich langfristige soziokulturelle Veränderungen und ideelle Neuformierungen ausloten, die vor dem Hintergrund wirtschaftlicher sowie finanzpolitischer Prosperität und Krise ins öffentliche Bewusstsein gerückt seien. Begriffe, die Wandlungsprozessen unterworfen seien und diese prägten, könnten als Sonden fungieren, die die Dynamik und Reichweite der Veränderungen über nationale (Sprach-) Grenzen hinaus sichtbar machen. Mit „Liberalismus“, „Konservatismus“, „Demokratie“, „Markt“ und „Zukunft“ sowie ihren jeweiligen englischen Entsprechungen griffen die Beiträge der Sektion Vokabeln heraus, auf die bereits Reinhart Koselleck sein Konzept der „Sattelzeit“ gestützt hatte. Zudem handele es sich um eine Auswahl von Begriffen, die nicht nur unter den deutschen Zeitgenossen der 1960er- und 1970er-Jahre besonders hart umkämpft gewesen seien. Die Sektion wählte Großbritannien, das ebenso wie die Bundesrepublik ökonomische Krise und ideologische Grabenkämpfe erlebte, als Vergleichsfolie. Ein akteurszentrierter Ansatz leitete Beiträge, wobei vor allem die Arenen von Partei, Parlamenten und Wissenschaft und in diesem Umfeld agierende Politiker, Intellektuelle und Publizisten im Mittelpunkt standen.
Drei Fragen gaben Seefried und Steber den Beitragenden in ihrer Einleitung mit auf den Weg: Erstens sollten die Begriffe – eine Grundfrage der Begriffsgeschichte – nach ihrem Verhältnis von Erfahrungsraum und Erwartungshorizont befragt und ganz allgemein Zeitstrukturen aufgezeigt werden. Zweitens ging es um – sich in den jeweiligen nationalen Kontexten möglicherweise auch unterscheidende – Binnenzäsuren. Schließlich galt es, Internationalisierungs- und Europäisierungsschübe auszumachen und zu ermessen, inwieweit sie nationale Bedeutungsbedingtheiten überlagerten.
Dem „Liberalismus“ als „Kommunikationsraum“ spürte RICCARDO BAVAJ (St. Andrews) in seinem Vortrag nach und setzte seine Untersuchung dafür vor allem im akademischen Feld an (Gegenwartsanalysen von Sozial- und Geisteswissenschaftlern, Lexikonbeiträge, zentrale Debatten in Zeitungen). Er zeichnete am Beispiel deutschsprachiger Hochschullehrer – Bracher, Sontheimer, Fraenkel, Dahrendorf –, wie problematisch bereits in den 1960er-Jahren die affirmative Verwendung des Liberalismusbegriffs war, der seine Verheißungskraft eingebüßt hatte. Die Ereignisse von 1968, so Bavaj weiter, hätten in Deutschland zu einer Neukodierung des „Liberalismus“ geführt und Fremd- und Selbstzuschreibung mancher Wissenschaftler verändert. „Aus Advokaten des Wandels wurden Kräfte der Beharrung“. Anders sah es hingegen in Großbritannien aus. Der Blick über die Grenzen – eher ein kurzer Abstecher – führte zur Erkenntnis, dass die Irritation der 1968er an den britischen Hochschulen fehlte und damit andere Herausforderungen, wie die strukturellen Veränderungen im Fahrwasser der Wirtschaftskrise, sprachlichen Wandel förderten. Auch wenn sich britische und deutsche Gelehrte unterschiedlich auf den Begriff des Liberalismus bezogen, teilten sie ähnliche politische Überzeugungen, wie der Referent mit Blick auf Bernard Crick und Sontheimer unterstrich.
Signifikant wich das deutsch-britische Vergleichspaar im Fall des in den 1960er- und 1970er-Jahren heiß umkämpften Begriffes „Markt“ voneinander ab. DOMINIK GEPPERT (Bonn) untersuchte diesen als Teil der Wortfelder „Marktwirtschaft“ und „Kapitalismus“, wobei er sich auf die parteipolitischen Debatten konzentrierte. Inwieweit Grenzen des Sagbaren auch Grenzen des Machbaren sind
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, unterstrich seine Hauptthese, indem er zeigte, dass die marktradikale Wende in Großbritannien und deren Ausbleiben in Deutschland auch auf semantischen Bedingtheiten und Begriffstraditionen zurückzuführen sind. Unter dem Einfluss von Think Tanks habe sich in Großbritannien ein positives oder zumindest neutrales Verständnis von Kapitalismus und Markt durchgesetzt. In Deutschland hingegen hätten nicht nur institutionelle Pfadabhängigkeiten tiefgehende Reformbemühungen verhindert; ebenso lasse sich Kontinuität der „sozialen Marktwirtschaft“ eben auch auf sprachlicher Ebene feststellen. Erst Ende der 1990er-Jahre sollte sich dies mit dem Ruf der SPD nach „mehr Markt“ ändern.
Die Bedeutung von „Demokratie“/„democracy“ beschäftigte die politisch interessierten und aktiven Zeitgenossen nicht minder. HOLGER NEHRING (Sheffield) entwickelte seine Argumentation auf der Basis der Auseinandersetzungen in Politik und Massenmedien im Übergang von den 1960er- zu den 1970er-Jahren, wobei ihn weniger die übergreifende Frage der Sektion nach den sozialen Trägern als die nach Strukturen und Bedeutung der Semantiken interessierten. In der von amerikanischen Sozialwissenschaftlern angestoßenen Debatte um Regierbarkeit/Nichtregierbarkeit habe sich in der Bundesrepublik und ebenso in Großbritannien die Befürchtung einer zukünftigen Krise demokratischer Repräsentation und Entscheidungsfindung ausgebreitet. Zu einer semantischen Neuformulierung von Demokratie sei es aber nicht gekommen, sondern es habe vielmehr eine Auffächerung stattgefunden. Mögen sich die Strukturen der Semantiken auch gleichen, so konstatierte Nehring die nationalen Unterschiede in ihrer Bedeutung: Während in der Bundesrepublik die Demokratie durch rationale und wissenschaftlich fundierte Herrschaft gesichert sein sollte, gewann in Großbritannien eine Semantik an Bedeutung, die den Staat vor den Interessen und Forderungen Einzelner abgeschirmt wissen wollte.
Die sozio-kulturellen Umwälzungen der beiden Jahrzehnte machten auch vor dem „Konservatismus“/„conservatism“ nicht Halt. In MARTINA STEBERs Vortrag stand die Definition des „Konservativen“ im Zentrum, worüber in Deutschland die gesamte Öffentlichkeit verhandelte, während sich in Großbritannien die Debatte innerhalb der Conservative Party abspielte. Traditionsbestände, die mit der Rolle der Konservativen als Wegbereiter des Nationalsozialismus zu tun hatten, und dem Trend der 1960er-Jahre zur Progressivität und Planbarkeit, drängten in den 1960er-Jahren zu einer Verständigung darüber, was konservativ sei. Infolge der Debatten, die sich in den 1970er-Jahren fortsetzten, erfuhr der Konservativmus eine Neuprägung. Während die Entwicklung in Deutschland durch eine Expansion des Wortfeldes gekennzeichnet gewesen sei, habe sich die britische Begriffsbedeutung verengt. Steber führte aus, dass sich die britischen Konservativen, frei von vergangenheitspolitischen Belastungen, auf die Frontstellung zum „Socialism“ der Labour Party konzentrierten. Ebenso prägend sei die Aufnahme liberalen Vokabulars, wie des „individualism“ gewesen, das zur Verfügung stand, da eine eigene liberale Partei fehlte. Steber bezog auch die europäische Ebene ein und behauptete, die semantische Grenzverschiebung sei durch die grenzüberschreitende Parteienkooperation begünstigt worden, die einen Definitionsprozess in Gang gesetzt habe.
Über den Begriff der „Zukunft“ sprachen Vertreter jeder parteipolitischen Couleur, vor allem aber auch die Wissenschaftler, die sie erforschten, wie ELKE SEEFRIED in ihrem Vortrag darlegte. Am Beginn ihrer Ausführungen stand die Zukunftsforschung, die das Bewusstsein sensibilisierte, Zukunft zu erkunden und dafür sogleich Instrumente bereithielt. Technischer Fortschritt und sozialer Wandel, so die Referentin, hätten den Erfahrungsraum geprägt und die Vorstellung gefördert, die Zukunft sei offen, aber gestaltbar. Sie konstatierte, dass durch das Machbarkeitsdenken der Zeit aus „Zukunft“ gestaltbare „Zukünfte“ wurden. Zwar meldeten sich bereits in den 1960er-Jahren auch kritische Stimmen zu Wort, die sich im Machbarkeitsdenken und Krisendiagnosen materialisierten. Dystopie- und Apokalypsevorstellungen verbreiteten sich aber erst 1971/72, allerdings noch vor dem Ölpreisschock, insbesondere in Form ökologischer und demographischer Schreckensszenarien. Die semantischen Grenzverschiebungen, so die These Seefrieds, gingen dabei den sozio-strukturellen und sozio-kulturellen Neuformierungen der 1970er-Jahre nicht nur voraus, sondern bedingten diese. Mit Phrasen wie „die Grenzen des Wachstums“ ließ sich die Krise erst sprachlich fassen. In Deutschland sei der Begriff der Zukunft schließlich zugunsten der Bezeichnung „Prognostik“ in den Hintergrund gedrängt worden. In Großbritannien hätten die Zukunftsforscher hingegen eine pragmatischere Haltung eingenommen und hätten, auch wenn sie die Gefahren anerkannten, „future oder„futures“ offener interpretiert als in Deutschland.
Die Beiträge der Sektion boten nicht nur anregende Einblicke in die Geschichte einzelner Schlüsselbegriffe der politischen Kultur in Deutschland und Großbritannien. Sie lieferten zudem einen Teilentwurf für eine historische Semantik im 20. Jahrhundert, auf den der Kommentator sowie die anschließende Diskussion aufbauen konnten. WILLIBALD STEINMETZ (Bielefeld) knüpfte an die konzeptionellen Überlegungen der Einleitung an und gab Anregungen zum Weiterdenken bzw. Präzisieren. Erstens reflektierte er die Auswahl der Begriffe, die allesamt der politischen Sprache entsprangen und sich bereits im Werk „Geschichtliche Grundbegriffe“ finden. Wissenschaftsbegriffe, so bemerkte Christoph Cornelißen in der Diskussion, fehlten hingegen, obwohl im 20. Jahrhundert die „Verwissenschaftlichung des Sozialen“ eine zentrale Entwicklung darstellte. Zweitens nahm Steinmetz den Untersuchungsansatz in den Blick. Er wies darauf hin, dass nicht allein Begriffe die Ebene des Vergleichs bildeten, sondern auch die mit ihnen eng verbundenen Problemlagen. Neben den Akteuren ließe sich auch die Frage nach den Grundmustern der Argumentation als Zugriff operationalisieren. Steinmetz beendete seinen Kommentar mit der Aufforderung, über die Gründe der Veränderungen zu diskutieren. Welche Rolle spielten externe Faktoren wie das Wahlrecht, Koalitionsrealitäten oder aber neue Technologien für die Entwicklung von Begriffen? Welche Schwerkraft hat die Geschichte bzw. wie bedeutsam sind die semantischen Pfadabhängigkeiten einzuschätzen?
Die Sektion zeigte, dass sich die Konzeptionierung einer Begriffsgeschichte im 20. Jahrhundert noch in den Anfängen befindet und dass über Fragen wie Auswahl, Binnenzäsuren oder die Verknüpfung mit Akteuren und Diskursen weiterhin Verständigungsbedarf bestehen wird. Die Sektion lieferte wertvolle Denkanstöße: Vor allem der Blick über die nationalen Grenzen hinaus, als Transfergeschichte aber auch in Form des klassischen Vergleichs, sollte in der noch jungen Debatte eine größere Rolle als bisher spielen.
Erkenntnisfördernd ist vor allem auch der Vorschlag, den Strukturbruch der industriegesellschaftlichen Moderne, der sich im Übergang von den 1960er- zu den 1970er- Jahren vollzogen haben soll, begriffsgeschichtlich zu untersuchen. Ob dies tatsächlich eine „semantische Schwellenzeit“ war, bleibt zwar noch zu beweisen. Die Richtung und Reichweite des Wandels in diesen Jahrzehnten lassen sich mit den Methoden der historischen Semantik jedoch untersuchen. Ob es sich bei der Zeitgeschichte immer weniger um die „Nachgeschichte vergangener, sondern um die Vorgeschichte gegenwärtiger Problemlagen“ handele
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, wie Hans Günter Hockerts es formulierte, könnte mit den Koselleckschen Kategorien „Erfahrungsraum“ und „Erwartungshorizont“ analysiert und dargestellt werden.
Sektionsübersicht:
Riccardo Bavaj (St Andrews): Liberalismus – liberalism
Dominik Geppert (Bonn): Markt – market
Holger Nehring (Sheffield): Demokratie – democracy
Martina Steber (London): Konservatismus – conservatism
Elke Seefried (London/Augsburg): Zukunft – future
Willibald Steinmetz (Bielefeld): Kommentar
[1] Anselm Doering-Manteuffel/Lutz Raphael, Nach dem Boom. Perspektiven auf die Zeitgeschichte seit 1970, Göttingen 2008.
[2] Christian Geulen, Plädoyer für eine Geschichte der Grundbegriffe des 20. Jahrhunderts, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 7 (2010) 1, <http://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Geulen-1-2010> (05.01.2011).
[3] Willibald Steinmetz, Das Sagbare und das Machbare. Zum Wandel politischer Entscheidungsspielräume: England 1780-1867, Stuttgart 1993.
[4] Hans Günter Hockerts, Rezension von: Anselm Doering-Manteuffel/Lutz Raphael, Nach dem Boom. Perspektiven auf die Zeitgeschichte seit 1970, Göttingen 2008, in: sehepunkte 9 (2009) 5, <http://www.sehepunkte.de/2009/05/15019.html> (05.01.2011.) Tagungsbericht Grenzverschiebungen. Historische Semantik der 1960er und 1970er im deutsch-britischen Vergleich. 28.09.2010-01.10.2011, Berlin. In: H-Soz-u-Kult 08.01.2011. Grenzziehungen. Projektionen nationaler Identität auf Migranten in europäischen Städten seit 1945Leitung: Bettina Severin-Barboutie, Justus-Liebig-Universität Giessen Bericht von: Olga Sparschuh, Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin Europäische Städte wurden im Rahmen der großen Urbanisierungsprozesse des 20. Jahrhunderts im besonderen Maße zum Ziel von Migration. Die Zuwanderung erfolgte dabei aus unterschiedlichen Kontexten – aus ländlichen Regionen innerhalb von Nationalstaaten, aus anderen Ländern an der Peripherie Europas oder aus den ehemaligen Kolonien – und stellte für viele Kommunen eine große materielle und kulturelle Herausforderung dar. Trotz der divergierenden Herkunft der Migranten erfolgte ihre Klassifizierung häufig nach nationalen Zugehörigkeiten, und auch in der Forschung wurden Migrationsbewegungen in den letzten Jahrzehnten vornehmlich nach nationalen Kategorien untersucht.
In der von BETTINA SEVERIN-BARBOUTIE (Gießen) geleiteten Sektion der „Gesellschaft für Stadtgeschichte und Urbanisierungsforschung“ ging es deshalb darum, das Verhältnis von Migration, Nation und Stadt genauer zu beleuchten und zu versuchen, den „methodologischen Nationalismus“
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der Migrationsforschung zu überwinden. Zwar sei bei der wissenschaftlichen Erforschung von Migration die Nation als Kategorie nicht mehr unbestritten, so Severin-Barboutie in ihrer Einleitung, aber sie spiele noch immer eine wichtige Rolle. Deshalb sei es das Ziel der Sektion, den Einfluss nationaler Zuschreibungen auf Grenzziehungen innerhalb von Städten zu ermitteln. Dabei sollten einerseits die Migranten selbst, andererseits die Zielstädte der Migration als Akteure in den Mittelpunkt rücken.
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ROBERTO SALA (Erfurt) setzte sich methodisch mit der Nation als Analysekategorie für die Erforschung von Migrationsprozessen auseinander. Anhand des Beispiels der italienischen Arbeitsmigration in die Bundesrepublik zeigte er, dass „Italiener in Deutschland“ vielfach als selbstverständliche Bezeichnung verwendet werde, obwohl sie zumindest missverständlich sei. Einerseits sei diese Kategorie aus Sicht der deutschen Mehrheitsgesellschaft konstruiert worden, für welche die nationale Zugehörigkeit der italienischen Minderheit das intuitive Unterscheidungsmerkmal dargestellt habe. Diese Einteilung sei in der Folge der Ausgangspunkt für ausländerpolitische Maßnahmen geworden und auch von der wissenschaftlichen Forschung übernommen worden. Andererseits sei der Diskurs über Italiener in Deutschland von den italienischen Vereinigungen in der Bundesrepublik geprägt worden. Deren Vertreter seien von einer nationalen comunità italiana in Deutschland ausgegangen, die sie bewahren müssten. Dabei erweise sich jedoch die unterschiedliche soziokulturelle Herkunft dieser „Elitenitaliener“ und der Arbeitsmigranten als problematisch: Während die ersteren sich und ihre „Landsleute“ in Deutschland viel stärker in Kategorien des Nationalen wahrnahmen und präsentierten, sei für die Arbeitsmigranten, die per Kettenmigration in die Bundesrepublik einreisten, die lokale Herkunft viel bedeutsamer gewesen. Sala warnte deshalb davor, von monolithischen nationalen Einheiten auszugehen, die es in dieser Form nicht gegeben habe, und schlug erneut den Begriff der „Nationalisierung in der Fremde“ vor, der beschreibt, dass die Arbeitsmigranten erst in Deutschland zu Italienern geworden seien.
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Gerade bei der Erforschung von Migrantennetzwerken im urbanen Raum, so Sala, sei es möglich, das Verhältnis zwischen der Wirksamkeit sozialer Strukturen aus der dörflichen Herkunftsgemeinschaft und der Relevanz nationaler Zugehörigkeit zu beleuchten. Gleichzeitig wies er jedoch scharf auf einige Defizite bisheriger stadtbasierter Studien hin, die oft den Konstruktionscharakter der Nation nicht diskutierten oder sich häufig auf offizielle Quellen wie Unterlagen von Stadtverwaltungen stützten und dabei den mehrheitsgesellschaftlichen Blick auf die Arbeitsmigranten reproduzierten. Zudem pressten sie die Arbeitsmigranten vielfach in dichotomische Schemata von deutsch bzw. italienisch und ließen so selbst ein mangelndes Gespür für die Differenziertheit der Herkunft der Migranten erkennen. Insgesamt müsse die nationale Herkunft bei der Erforschung von Migrationsprozessen eine Variabel unter mehreren werden und dürfe nicht länger pauschales Bestimmungskriterium sein.
In den folgenden beiden Beiträgen standen koloniale bzw. postkoloniale Wahrnehmungen von Migranten im Mittelpunkt. IMKE STURM-MARTIN (Köln) widmete sich Zuwanderern, die aus den (ehemaligen) Kolonien nach Frankreich und Großbritannien kamen.
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Im Zentrum ihrer Untersuchung standen zeitgenössische Kategorien für die Bezeichnung von Migranten sowie die Frage, welche Rolle die Nation für diese Zuschreibungen spielte. In beiden Fällen waren die Haupt- und Industriestädte die Ziele der Migration. Übereinstimmend sei der städtische Raum in beiden Aufnahmegesellschaften als überfüllt und belagert wahrgenommen worden und Migranten seien zunächst Ziel pauschaler Zuschreibungen geworden: Dabei seien die Annahmen, sie wären in höherem Maße kriminell, übertrügen Krankheiten und hätten abweichende Sitten unabhängig von der nationalen Herkunft gewesen und hätten die Kategorisierung nicht beeinflusst.
Sturm-Martin zeigte, dass die Minderheiten aus den Kolonien, die als British Subjects frei nach Großbritannien einreisen durften, dort in den 1950er-Jahren als coloured betitelt und in den 1960er-Jahren hauptsächlich als immigrant, coloured oder colonial immigrant erfasst wurden. Vor dem Hintergrund der Hautfarbe und der Kolonialvergangenheit der Migranten, welche z.B. das nationale britische Bildungssystem durchlaufen hätten, sei die Abgrenzung anhand der Kategorie Nation weniger bedeutsam gewesen. In Frankreich stammten die Zuwanderer aus den nordafrikanischen Kolonien, vor allem aus Algerien. Da die Algerier seit 1947 die französische Staatsbürgerschaft hatten, sei die Kategorisierung einerseits nach religiösen Kriterien, andererseits nach regionalen Gesichtspunkten erfolgt: sie wurden als musulman bezeichnet oder unter den Begriff Nord-Africain subsumiert. Durch den Dekolonisierungsprozess – der Algerienkrieg dauerte von 1954 bis 1962 – habe sich jedoch eine neue nationale Identität der Algerier entwickelt, die sich auch in der französischen Wahrnehmung durchzusetzen begann. Für die Migranten selbst sei die regionale Identifikation häufig stärker gewesen als die nationale – damit grenzten sie sich ihrerseits gegen andere Zuwanderergruppen aus demselben Nationalstaat und nationale Zuschreibungen im Aufnahmeland ab. Da die Kategorie Nation sich für die ehemaligen Kolonialreiche als problematisch erwies, speisten sich die Zuschreibungen aus anderen Einflüssen: In Großbritannien und Frankreich waren für die Wahrnehmung der Migranten aus den Kolonien deshalb „rassische“, koloniale und religiöse Komponenten wesentlich.
SUSANNE GRINDEL (Braunschweig) beschäftigte sich mit der heutigen Situation der (post)kolonialen Migranten und ihrer Nachkommen.
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Am Beispiel der französischen Nationalmannschaft zeigte sie, wie diese vom Vor- zum Spiegelbild der französischen Gesellschaft geworden sei: Während les bleus beim Weltmeisterschaftserfolg 1998 als Muster der Integration angesehen worden seien, repräsentierten sie durch die Skandale und die Niederlage 2010 nun das Scheitern des republikanischen Integrationsmodells. Dieses Modell untersuchte Grindel anhand des französischen Schulsystems und verschiedener Geschichtslehrmittel. Im zentralisierten französischen Schulsystem sei die Schule die Institution, welche die Kultur der Republik vermitteln solle, und damit ein wesentliches Integrationsinstrument. Besonders die Unruhen von 2005 hätten aber ihr Scheitern in den banlieues gezeigt, da sich die Angriffe der Jugendlichen besonders häufig gegen Schulen richteten. Dies erkläre sich dadurch, dass das Gleichheitsversprechen der republikanischen Schule von den Jugendlichen der Vorstädte als Heuchelei angesehen werde. Das französische Integrationsmodell, welches von einem homogenen Nationsverständnis ausgehe und von Zuwandernden Anpassung fordere, sei gleichgültig gegenüber Differenzen und beschränke religiöse und kulturelle Abweichungen auf den privaten Raum. In der Praxis habe dies zu gravierenden Unterschieden in den Bildungs- und Lebenschancen und zur Segregation der Migranten und ihrer Nachkommen in den Vorstädten geführt. Durch die Einführung sogenannter zones d’éducation prioritaire sei versucht worden, diese Probleme zu mildern. Dabei seien aber die Bedürfnisse der Jugendlichen nach Anerkennung ihrer Geschichte als ehemals Kolonisierte unberücksichtigt geblieben, während sie zu Objekten einer technokratischen Bildungspolitik geworden seien.
In den französischen Schulbüchern komme Migration zwar seit einigen Jahren vor, das Thema werde aber nicht eigenständig, sondern im Rahmen der sozialen Veränderungen nach 1945 behandelt. Migration werde dabei stets in ihrer Bedeutung für die französische Gesellschaft dargestellt, die Erfahrungen der Migranten selbst spielten keine Rolle. Das zeige sich auch darin, dass die kolonialen Hintergründe der Migration kaum thematisiert, Migration und Kolonisation/Dekolonisation nicht aufeinander bezogen würden, was das Gefühl der Exklusion bei den migrantischen Jugendlichen verschärfe. Sowohl im Schulsystem als auch in den Schulbüchern würden also koloniale Beziehungen reproduziert und das Paradigma von der Entwicklungs- und Anpassungsbedürftigkeit der migrantischen Adressaten genährt.
Interdisziplinär ergänzt wurde die Sektion durch den Beitrag von MARTIN ZILLINGER (Siegen). Er betonte, dass auch die Ethnologie Migrationsbewegungen zunehmend jenseits nationaler Zuschreibungen erforsche. Dabei gebe es inzwischen nicht nur transnationale Ansätze und die Untersuchung nach ethnischen Kategorien, sondern es werde zunehmend gefordert, „Kosmopoliten“ in den Mittelpunkt des Interesses zu rücken. Diese knüpften in stark durch Migration beeinflussten Städten, sogenannten gateway cities, ihre Netzwerke offen in alle Richtungen. Beiden Möglichkeiten spürte Zillinger in seinen Untersuchungen zu migrantischen Netzwerken in Brüssel nach.
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Während der nationale Rahmen für die Mehrheitsgesellschaft Möglichkeiten erschließe, errichte der Staat im Gegensatz dazu für die transnationalen Netzwerke der Migranten Grenzen. Durch die Rechtsunsicherheit der Migranten in europäischen Rechtsstaaten erwiesen sich diese als „die Nation der Anderen“. Um die ungleiche Ressourcenverteilung in Handlungsspielräume zu verwandeln, müssten Migranten Techniken finden, mit denen sie die daraus resultierenden Risiken abmildern können. Dabei werde häufig auf Strukturen zurückgegriffen, die im mediterranen Herkunftsraum bereits seit Generationen erprobt seien: Verwandtschaftsbeziehungen, Freundschaftsnetzwerke und Patronageverhältnisse.
Näher beleuchtete Zillinger eine ethnische Migrationsökonomie von Marokkanern und ein heterogenes religiöses Netzwerk arabischer Christen unterschiedlicher Nationalität. Am Beispiel der Migrationsbewegung aus dem marokkanischen Meknes nach Brüssel, zeigte er, dass an den Etappen der Wanderungsbewegung vor allem lokale aber auch ethnische und nationale Beziehungen für die Ausbildung von Netzwerken zwischen Migranten entscheidend seien. Gleichzeitig demonstrierte er anhand der Organisation arabischer Christen in Brüssel, dass sich im Ausland auch ganz neue Verbindungen ergeben können. Obwohl die Christen aus unterschiedlichen Regionen, Nationalstaaten, Sprachgruppen und religiösen Kontexten des arabischsprachigen Mittelmeerraumes stammten, versammelten sie sich in der arabisch-evangelikalen Kirche von Belgien und integrierten sich in dichten Kontexten religiöser Vergemeinschaftung. Während einerseits auf ethnischen Zugehörigkeiten fußende Netzwerke existierten, bildeten sich andererseits in der Migration neue, hier auf religiösen Zugehörigkeiten beruhende Geflechte.
In allen vier Vorträgen wurde deutlich, dass nationale Zuschreibungen aus Sicht der Mehrheitsgesellschaft als Unterscheidungsmerkmal innerhalb von Städten einen starken Einfluss auf die Grenzziehung zwischen dem Eigenen und dem Fremden hatten. Allerdings stellte die nationale Zugehörigkeit nur eine unter mehreren Abgrenzungsmöglichkeiten dar: Wenn andere, weiter gefasste Kategorien wie die Zugehörigkeit zu Kolonialimperien, zu Religionsgemeinschaften oder phänotypische Merkmale wie die Hautfarbe für die Beschreibung der Migranten griffen, erschienen die nationalen Perspektiven als zu parzelliert und traten in den Hintergrund. Dies besonders, wenn in den ehemaligen Kolonialimperien die Abgrenzung nach nationalen Kriterien nicht mehr sauber durchzuführen war, da die Bewohner der Kolonien die Staatsangehörigkeit der Kolonialmacht erhalten oder ihr Bildungssystem erfolgreich durchlaufen hatten.
Andererseits erwiesen sich die nationalen Projektionen auf die Migranten, die von Seiten der Mehrheitsgesellschaft – und in der Folge auch von der wissenschaftlichen Forschung – verwendet wurden, als zu grob. Durch die Einbeziehung der migrantischen Perspektive erschienen die lokalen, regionalen und ethnischen oder auch sozialen und politisch-weltanschaulichen Bindungen viel wesentlicher als die nationalen. Es wurden also Einheiten relevant, die kleinteiliger und damit genauer sind als die oftmals unzulässig homogenisierenden nationalen Klassifizierungen. Besonders bei der Konzentration auf einzelne Städte wurde deutlich, dass es durch Kettenmigration aus eng begrenzten Herkunftsgebiete in klar definierte Zielgebiete zu einer Reproduktion der migrantischen Ausgangsgesellschaften in den Großstädten kam: Die moderne industrialisierte Stadt wurde durch Migration zum Container für traditionale Dorfgemeinschaften, eröffnete zugleich aber auch neue Handlungsoptionen für deren Mitglieder. Die Vielfältigkeit der Migrantengruppen spiegelte sich jedoch nicht in den Zuschreibungen der Mehrheitsgesellschaften, sondern wurde in den Wahrnehmungen der Aufnahmegesellschaften durch nationale, koloniale, rassische und religiöse Kategorien überschrieben. Die Projektionen bestimmter Annahmen auf Migranten richteten sich dabei nach den Kriterien, anhand derer eine Grenzziehung zwischen Eingesessenen und Zuwandernden möglich war.
Während dem Desiderat der Migrationsforschung, die Migranten selbst als Akteure in den Blick zu nehmen, in allen Beiträgen entsprochen wurde, blieb die Stadt als Akteurin im Gegensatz dazu verhältnismäßig blass: Sie wurde abstrakt als Untersuchungseinheit herangezogen, um in ihrem kompakten Rahmen eine Gesellschaftsanalyse zu ermöglichen, um die „Eigenlogik der Städte“
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ging es weniger. In der Diskussion wurde deshalb gefordert, zu ermitteln, welche Rolle die Städte an sich spielten und welche Faktoren die Migranten – außer den verwandtschaftlichen Netzwerken – bewegt hätten, bestimmte Städte zum Ziel ihrer Wanderung zu machen. Inwiefern es für die Migrationsforschung von Nutzen sein kann, die konkreten Konstellationen in bestimmten Städten stärker herauszuarbeiten, müssen künftige Untersuchungen zeigen.
Städte bieten die Möglichkeit, die dominierende Rolle der Nation bei der Erforschung von Migration zu relativieren. Durch die Konzentration auf die Interaktion von Aufnahmegesellschaft und Zuwandernden in der Stadt wird die Nation als bestimmende Untersuchungskategorie umgangen und es wird möglich, Analyseeinheiten offenzulegen, die sowohl unter- als auch oberhalb der nationalen Ebene liegen können. Bei ausreichender methodischer Reflexion kann die Stadt als Dreh- und Angelpunkt von Migrationsbewegungen zur idealen Untersuchungseinheit werden, um die Nation als bestimmende Kategorie für die Erforschung von Migrationsprozessen abzulösen.
Sektionsübersicht:
Bettina Severin-Barboutie, Leitung der Sektion
Roberto Sala (Erfurt), Stadt und Nation im Einwanderungsprozess
Imke Sturm-Martin (Köln), Wahrnehmung und Kategorisierung von Migranten in Frankreich und Großbritannien
Susanne Grindel (Braunschweig), Banlieue und Nation. Jugendliche Migranten der Großstädte und die Erziehung und Schulpolitik in Frankreich
Martin Zillinger (Siegen), Verortung ethnischer Ökonomien und transnationaler Netzwerke in Brüssel
[1] Andreas Wimmer/Nina Glick Schiller, Methodological nationalism, the social sciences, and the study of migration. An essay in historical epistemology, in: International Migration Review 37 (2003), S. 576-610.
[2] Bettina Severin-Barboutie bereitet an der Universität Gießen gegenwärtig ein Forschungsprojekt vor, in dessen Mittelpunkt die vergleichende Untersuchung städtischer Migrationsgeschichte in Europa nach 1945 steht. Vgl. dies., Entre idéal et réalité. L’histoire comparée face aux sources, in: Sophie Baby/Michelle Zancarini-Fournel (Hrsg.), Histoires croisées. Réflexions sur la comparaison internationale en histoire, Paris 2010, S. 75–86.
[3] Vgl. dazu Roberto Sala, Die Nation in der Fremde. Zuwanderer in der Bundesrepublik Deutschland und nationale Herkunft aus Italien, in: IMIS-Beiträge 11 (2006), S. 99-122.
[4] Vgl. dazu Imke Sturm-Martin, Zuwanderungspolitik in Großbritannien und Frankreich. Ein historischer Vergleich 1945-1962, Frankfurt 2001.
[5] Der Vortrag von Susanne Grindel steht in Zusammenhang mit ihrem am Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung in Braunschweig verfolgten Forschungsprojekt „Europa als koloniale Erinnerungsgemeinschaft? Die Darstellung des europäischen Kolonialismus in deutschen, französischen und englischen Schulbüchern“.
[6] Vgl. dazu demnächst Martin Zillinger, Die Trance, das Blut, die Kamera. Trance-Medien und Neue Medien im marokkanischen Sufismus, Bielefeld 2011.
[7] Helmuth Berking / Martina Löw (Hg.), Die Eigenlogik der Städte. Neue Wege für die Stadtforschung, Frankfurt 2008. Tagungsbericht Grenzziehungen. Projektionen nationaler Identität auf Migranten in europäischen Städten seit 1945. 28.09.2010-01.10.2010, Berlin. In: H-Soz-u-Kult 23.10.2010. Historische Epochengrenzen und Periodisierungssysteme im globalen VergleichLeitung: Christoph Marx, Universität Duisburg-Essen Bericht von: Eckhard Meyer-Zwiffelhoffer, Historisches Institut, Fernuniversität in Hagen Diese Sektion ging dem Fragenkomplex nach, welchen Einfluss europäische Periodisierungssysteme und Epochengrenzen auf die Geschichtsschreibung in außereuropäischen Kulturen hatte und ob deren historiographische Traditionen auf Europa zurückwirkten oder jedenfalls alternative Modelle des geschichtlichen Verlaufs bereithielten. Im Sinne der postkolonialen Globalisierungsdebatte gefragt: Ist es heute möglich, Nationalgeschichte oder Weltgeschichte zu schreiben, ohne sich der notorischen Periodisierung in Altertum, Mittelalter und Neuzeit bzw. deren Binnengliederungen mit all ihren Implikationen zu bedienen und sich damit dem Vorwurf des Eurozentrismus auszusetzen? Auf der Folie eines einleitenden Vortrags zum Bild der Geschichte im „europäischen Narrativ“ wurden in den folgenden drei Beiträgen die Historiographie Chinas, Indiens und der islamischen Welt beleuchtet. Gemeinsam ist diesen vier Kulturkreisen, dass sie nicht nur über eine alte, schriftgestützte Geschichtskultur verfügen, sondern trotz aller politischen Zersplitterung jeweils eine eigene Oikumene bildeten, die sich zumindest in sprachlicher und religiöser Hinsicht zur Geltung brachte: das christliche Lateineuropa, die muslimische umma, das konfuzianische China und die Sanskrit cosmopolis in Indien. Während sich jedoch Europa in nachrömischer Zeit und die islamische Welt nach den Umayyaden (661-750) in zahlreiche Reichsbildungen und später Nationalstaaten aufgliederten, entwickelten sich China und Indien im 20. Jahrhundert zu großen, regional sehr heterogenen Nationalstaaten. In allen vier historiographischen Traditionen stellte und stellt sich damit die Frage nach dem Verhältnis von universalhistorischen bzw. globalgeschichtlichen Entwürfen zu national- oder regionalgeschichtlichen Periodisierungssystemen.
CHRISTOPH MARX (Universität Duisburg-Essen) fragte in seinen einleitenden Bemerkungen zur Sektion, welche Bedeutung für das Geschichtsbewusstsein der europäischen Expansion und der kolonialen Zäsur zukam, die diese drei außereuropäischen Kulturen im 19. Jahrhundert erlitten hatten und sie mit der Modernisierungsfrage konfrontierten. Obwohl die islamische Welt seit jeher mit Europa in einer konfliktreichen Auseinandersetzung gestanden hatte, während Indien und vor allem China – von Handelsbeziehungen abgesehen – kaum mit der europäischen Welt konfrontiert waren und sich weitgehend autonom entwickelten, wirkte der imperialistische Zugriff im 19. Jahrhundert in allen drei Kulturen traumatisch: Wie die drei Vorträge deutlich machten, wurden die napoleonische Eroberung Ägyptens (1798), der Opiumkrieg (1839-1842) und die britische Annexion Indiens (1858) als Zäsuren erfahren, die eine histori(ographi)sche Neuorientierung erzwangen. Die nun einsetzende Rezeption europäischer Geschichtsbetrachtung, seit Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem der marxistischen Geschichtsauffassung, stellte die eigenen Geschichtstraditionen in Frage und modifizierte diese erheblich. Christoph Marx erinnerte auch daran, dass die gegenseitigen Rezeptionsbedingungen höchst ungleich waren: Im Zeichen des Kolonialismus wurde die europäische Historiographie rezipiert, während die islamische und die chinesische Geschichtsschreibung – anders als die auf Englisch verfasste indische – in Europa erst spät zur Kenntnis genommen worden ist.
JUSTUS COBET (Universität Duisburg-Essen) rekonstruierte zunächst das „europäische Narrativ“, in dem bis zum 18. Jahrhundert die Vorstellung einer Abfolge von Weltreichen dominierte, bevor sich die im Humanismus entstandene Epochentrias von Altertum, Mittelalter und Neuzeit durchsetzte. Sowohl das seit Herodot fassbare, im 1. Jahrhundert v. Chr. kanonisierte und im 5. Jahrhundert n. Chr. christlich-eschatologisch gedeutete Vier-Reiche-Schema (Assyrer/Babylonier – Meder/Perser – Makedonen – Römer) – es wurde in der mittelalterlichen Weltchronistik von christlichen Weltaltermodellen überlagert – als auch die Epochentrias waren auf die Universalhistorie bezogen. Diese umfasste bis zum späten 16. Jahrhundert den durch die Griechen und Römer sowie die Bibel erschlossenen Raum und Zeithorizont, während die im Rahmen der europäische Expansion ‚entdeckten‘ „neuen Welten“ allmählich in die Universalhistorie der Neuzeit integriert wurden. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts erweiterte man das Drei-Perioden-Schema unter dem Eindruck der französischen und industriellen „Doppelrevolution“ um eine Neueste Zeit sowie im Zeichen der empirischen Befunde aus Geologie und Prähistorie um eine Vorgeschichte, womit der christliche Rahmen der Weltgeschichte zwischen Schöpfung und Jüngstem Gericht endgültig zugunsten einer Vorstellung gesprengt worden war, nach der die Vergangenheit und die Zukunft nun prinzipiell offen sind. Wie Cobet darlegte, ist dieses universalhistorisch begründete Periodenschema, das auch auf die nationalgeschichtliche Betrachtungsweise angewendet wurde, untrennbar mit dem Fortschrittsgedanken verknüpft und – gerade auch in Verbindung mit der sich formierenden geschichtswissenschaftlichen Methodik – ganz und gar eurozentrisch verankert. Die vieldiskutierte Frage, ob man das europäische Narrativ deshalb über Bord werfen müsse, verneinte Cobet einerseits mit dem Hinweis auf dessen Bedeutung für das nicht-professionelle Geschichtsbewusstsein und als Verständigungskonvention, andererseits aus methodischen Erwägungen, weil auf der Folie dieses Narrativs, das längst selbst historisiert und damit relativiert worden ist, außereuropäische Geschichtskulturen erst ihr eigenes Profil gewönnen. Diesen Aspekt überließ Cobet den folgenden Beiträgen und gab stattdessen einen Überblick über alternative Modelle von Weltgeschichtsschreibung seit dem 18. Jahrhundert. Eine zentrale Rolle kommt dabei dem von Adam Ferguson 1767 entwickelten Drei-Perioden-Schema Wildheit – Barbarei – Zivilisation zu, das aus der Erfahrung der Gleichzeitigkeit ungleich entwickelter Kulturen die Menschheitsgeschichte als Zivilisationsfortschritt beschrieb, wobei die außereuropäischen Kulturen auf einer früheren Entwicklungsstufe angesiedelt wurden. Die modernen globalgeschichtlichen Versuche seien dagegen von dem vergeblichen Bemühen gekennzeichnet, das europäische Narrativ zu vermeiden. Sowohl die von der UNESCO initiierte History of Mankind (1963-1966) und deren Nachfolger History of Humanity (1994-2008), als auch die Ansätze einer Big History, die die Menschheitsgeschichte in eine Geschichte der Erde einbettet, entkommen diesem Dilemma nicht; sie alle gliedern – ebenso wie etwa Gordon Childe (neolithische, urbane und industrielle Revolution) oder die postkolonialen area studies mit ihrer Devise provincializing Europe – mittels der Struktur des europäischen Narrativs. Cobet sah keine Möglichkeit mehr, im Zeichen einer globalisierten Welt eine ‚politisch korrekte‘ Weltgeschichte zu schreiben, die nicht dem europäischen Narrativ verpflichtet ist und vermutete, dass diese in eine Vielfalt von Erinnerungskollektiven zerfallen könnte, die sich jeweils ihrer eigenen Geschichte vergewissern.
HELWIG SCHMIDT-GLINTZER (Universität Göttingen/Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel) hob in seinem Vortrag zur chinesischen Historiographie einleitend hervor, dass die Vorstellung einer Dreiteilung der chinesischen Geschichte, in der man sich von einem Altertum der (konfuzianischen) Klassiker als Quelle aller chinesischen Kultur durch eine „mittlere Zeit“ getrennt sah, längst vor dem Einfluss der europäischen Geschichtsschreibung vor allem im buddhistischen Kontext verbreitet war. Die chinesische Geschichtsschreibung selbst, die heute über eine lückenlose Chronographie für den Zeitraum seit 841 v. Chr. verfügt und in Sima Qian (ca. 145-90 v. Chr.) ihren ersten Universalhistoriker fand, war dagegen bis zur Gründung der Republik 1911 überwiegend dynastische Geschichtsschreibung. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gliederten dann chinesische und japanische Historiker die Geschichte Chinas am europäischen Modell in ein Altertum bis zur Reichseinigung unter der Qin-Dynastie (221 v.-206 n. Chr.), ein Mittelalter, das etwa bis zur „Bürokratisierung“ der kaiserlichen Herrschaft im 11. Jahrhundert unter der Song-Dynastie (960-1279) dauerte, sowie eine damit einsetzende (Frühe) Neuzeit. Zu keinem dauerhaften Konsens ist die marxistische Geschichtsdeutung der chinesischen Geschichte gelangt, vor allem, weil die vorkapitalistische, feudale Formation einen Zeitraum von knapp 3000 Jahren umspannt (1046 v.-1911 n. Chr.). Schmidt-Glintzer betonte, dass die historiographische Perspektive sich nicht nur zwischen der japanischen und der amerikanischen bzw. europäischen Chinaforschung unterscheidet, sondern auch innerhalb der chinesischen Historikerschulen. Den Schwerpunkt seiner Ausführungen legte Schmidt-Glintzer aber nicht auf die Rekonstruktion chinesischer Periodisierungssysteme. Vielmehr kritisierte er aus einer globalhistorischen Perspektive das Bild, das die europäische Aufklärung von den außereuropäischen Kulturen entworfen hatte, indem sie diese als zivilisatorisch rückständig verortete, und verwies auf die historischen Bedingungen, die erst den Aufstieg Europas in der Frühen Neuzeit möglich gemacht hätten: Die Mongolenherrschaft habe zunächst zu einer Intensivierung des Fernhandels und Kulturaustausches zwischen Ost und West geführt; schon für diese Zeit könne man daher von einer Globalisierung sprechen. Durch die Pest und den Zusammenbruch der Mongolenherrschaft Mitte des 14. Jahrhunderts seien diese Verbindungen dann abgebrochen und hätten die „Westorientierung“ Europas, das im späten 14. und 15. Jahrhundert von außen nicht mehr behelligt wurde, ermöglicht. Abschließend hob Schmidt-Glintzer die Bedeutung der Song-Zeit (960-1279) als Übergang vom „chinesischen Mittelalter“ zur Frühneuzeit mittels der Parameter der europäischen Frühneuzeitforschung hervor: die Durchsetzung bürokratischer Verwaltung und formalisierter Beamtenrekrutierung, die zunehmende Urbanisierung und Marktwirtschaft, die Verbreitung des Buchdrucks und der Manufakturproduktion. Weshalb die chinesische Frühneuzeit anders als die europäische anschließend nicht zu einem Take-off geführt hatte, konnte er mit dem Hinweis auf unterschiedliche politische Machtkonstellationen nur noch andeuten.
ANGELIKA MALINAR (Universität Zürich) befasste sich mit der Periodisierung der Vergangenheit in altindischen Texten und der modernen Geschichtsschreibung, wobei sie die britische Kolonialgeschichtsschreibung als radikalen Bruch mit der indigenen hinduistischen Vorstellung vom Zeitverlauf betrachtete (die indo-persische Historiographie des Delhi-Sultanats und der Mogulzeit blieben dabei außer Betracht). Die traditionelle, hinduistische ‚Geschichtsauffassung‘ legte sie am Beispiel der purāṇas (der „alten Geschichten“) dar, einem Korpus von Sanskrit-Texten, die überwiegend zwischen dem 5. und 12. Jahrhundert verfasst wurden. Der Zeitverlauf ist hier (ähnlich wie bei Hesiod) in vier Weltalter mit absteigender Güte gegliedert, wonach das letzte Zeitalter, das des größten Verfalls, 3102 v. Chr. begonnen hat. Verbunden mit dieser kosmologisch verankerten Geschichtsdeutung ist die Zukunftserwartung einer besseren Zeit, einer „neuen Epoche“. Darüber hinaus bieten die purānas historisch ‚verwertbares‘ Material, da sie neben Kosmologien auch Heroengeschichten, dynastische Genealogien, geographische Repräsentationen, juristische und wissenschaftliche Traktate sowie Ritualbeschreibungen enthalten. Auf dem Hintergrund dieses traditionalen Geschichtsverständnisses, das für die konkrete Zeitrechnung durch eine Chronologie der herrschenden Dynastien ergänzt wurde, wirkte die britische Kolonialgeschichtsschreibung über Indien, die mit James Mills maßgebender ‚History of British India‘ 1817 einsetzte, als Zäsur. Sie lieferte nicht nur eine völlig neue Deutung der ‚indischen Geschichte‘, sondern brachte diese zuallererst hervor. Wie Malinar darlegte, gliederte Mill die indische Geschichte in ein vedisch-arisches Hindu-Altertum (ca. 1500 v.-1200 n. Chr.), ein islamisches Mittelalter (1206-1758) und eine kolonialbritische Neuzeit, wobei jeweils Invasionen und religiöse Distinktionen die Epochenschwellen markieren: die arische Einwanderung, die muslimische Eroberung und die koloniale Landnahme der Briten. Verbunden damit war die in der Aufklärung formulierte Vorstellung von der Geschichtslosigkeit Indiens, einer Erstarrung und Stagnation, die durch das „Kastenwesen“ und die „orientalische Despotie“ verursacht worden sei. Erst die britische Eroberung habe Bewegung in die Verhältnisse und Fortschritt gebracht. An diesem kolonialen Paradigma arbeitet sich die indische Geschichtsschreibung bis heute ab. Zwar setzte sie, wie Malinar ausführte, im Zeichen des (Hindu-)Nationalismus neue Akzente, indem etwa das indische Altertum verklärt wurde und man nach dem Ende der Gupta-Dynastie (320-510 n. Chr.) ein „finsteres“ Mittelalter zunächst von Regionalreichen, dann der muslimischen „Fremdherrschaft“ ansetzte, oder im Zeichen des bis heute wirksamen Marxismus den Feudalismus gleichfalls mit dem Ende der Gupta-Dynastie beginnen ließ, die britische Kolonialherrschaft aber als Übergang zum Kapitalismus begrüßte, doch blieb man dabei der europäischen Epochenvorstellung treu. Als Reaktion auf die hindu-nationalistische und die marxistische Historiographie kam es zu einer Neubewertung des „indischen Mittelalters“ und einer Diskussion um den Beginn der (Frühen) Neuzeit: Sowohl die politische Zersplitterung unter den Hindu-Reichen im „früheren Mittelalter“ (500-1200) als auch die muslimischen Groß- und Regionalreiche unter dem Delhi-Sultanat (1206-1526) bzw. der Mogul-Herrschaft (1526-1756/1858) im „späteren Mittelalter“ bzw. in der „Frühen Neuzeit“ untersuchte man nun unter dem Gesichtspunkt der Regionalisierung und Staatsbildung, wobei das Mogulreich zunehmend als Beginn der indischen Frühen Neuzeit betrachtet wurde. Malinar resümierte, dass zwar in der gesamten postkolonialen Historiographie die Epochentrias und ihre Binnengliederungen sowie das Konzept der Moderne beibehalten, doch diese zugleich für die Rekonstruktion einer vorkolonialen indischen Geschichtsdynamik fruchtbar gemacht worden sind.
STEFAN REICHMUTH (Universität Bochum) setzte sich in seinem Beitrag zur islamischen Welt nicht mit Periodisierungsvorstellungen muslimischer oder europäischer Provenienz auseinander, sondern erprobte das Konzept der Frühen Neuzeit an der Geschichte der muslimischen Staaten, wobei er die Parameter der europäischen Modernediskussion zugrundelegte. Anders als für die chinesische oder indische Geschichte lassen sich demnach bei der kulturübergreifenden Anwendung dieses Konzeptes sowohl epochale Gleichzeitigkeit als auch analoge Rahmenbedingungen erkennen. Reichmuth verwies auf die Reichsbildungen der türkischen Osmanen, der persischen Safawiden und der indo-persischen Moguln, die analog zur europäischen Frühneuzeit zwischen 1450 und 1750/1850 eine dominante Position innerhalb der „islamischen Oikumene“ eingenommen hätten und dabei mit ähnlichen Entwicklungsproblemen konfrontiert gewesen seien wie die frühneuzeitlichen Staaten Europas, was er an fünf zentralen Bereichen verdeutlichte: Die herrschaftliche Organisation dieser Großreiche sei mit ihren bürokratischen Formen der Verwaltung und einer auf dem Kern eines stehenden Heeres beruhenden Militärverfassung mit frühneuzeitlichen europäischen Staaten durchaus vergleichbar; die Tendenz zur Ausbildung regionaler Herrschaften neben und innerhalb der Großreiche hätten nicht nur zur Verbreitung des Islam geführt, sondern auch zur Kommerzialisierung der Landwirtschaft und einem Wachstum der Städte, und zwar auch an der Peripherie der islamischen Welt. Als Analogon zur Entwicklung des europäischen Bürgertums betrachtete Reichmuth die Ausbildung und Ausweitung urbaner Gesellschaften aus lokalen Herrschaftsträgern, religiösen Gelehrten sowie kommerziellen und gewerblichen Eliten, die häufig eine korporative Organisation aufwiesen und sprach in diesem Zusammenhang von „urbanem Korporatismus“. Vergleichbar mit der Konfessionalisierung in den frühneuzeitlichen europäischen Staaten sei die politische und dogmatische Etablierung schiitischer, sunnitischer und ḫāriğitischer Observanzen nicht nur bei den Safawiden und Osmanen, sondern auch in einigen islamischen Regionalstaaten (Marokko, Jemen, Oman, Buchara) gewesen, die nicht selten mit verschärften sunnitisch-schiitischen Gegensätzen einherging. Die wichtige Rolle, die das sich seit dem 15. Jahrhundert formierende sufische Bruderschaftswesen mit seiner Prophetenfrömmigkeit für die Integration heterogener Anhängerschaften in soziale Netzwerke oberhalb von Familie und Clan spielte, lasse sich durchaus mit frühneuzeitlichen europäischen Frömmigkeitsbewegungen wie dem Pietismus oder katholischen Vereinigungen im Umfeld der Jesuiten vergleichen. Die Verbreitung des Persischen als beherrschender Verwaltungs- und Literatursprache der östlichen islamischen Welt, ebenso die Ausbildung und Verbreitung weiterer Reichs- und Regionalsprachen (Osmanisch, Tatarisch, Urdu, Malaiisch, Swahili, Haussa), die die Rolle des Arabischen vielfach einschränkten, laufe schließlich parallel zur Etablierung der europäischen Nationalsprachen neben und unterhalb des Lateins, die auch in Europa neue sprachliche Hegemonien hervorbrachte und mit einer politischen und kulturellen Regionalisierung einherging. Als Differenz zum europäischen Modernisierungsprozess betrachtete Reichmuth hingegen die unterschiedliche Konstellation von Staat und religiösen Institutionen, die für eine Entsprechung zur europäischen Trennung von Staat und Kirche kaum Ansatzpunkte bot. Als Hypothek für die Modernisierung stelle sich ihre obrigkeitliche Durchsetzung durch Militär und Bürokratie seit dem 19. Jahrhundert dar, die die Zivilgesellschaft und ihre Institutionen nachhaltig schwächte.
Als Fazit der Vorträge und der anschließenden lebhaften Diskussion kann festgehalten werden, dass globalgeschichtliche wie regionalgeschichtliche Perspektiven in der europäischen wie außereuropäischen Historiographie vor allem am Konzept der (Frühen) Neuzeit bzw. der (Früh-)Moderne und insofern an der zum Fünf-Perioden-Schema erweiterten Epochentrias offenbar nicht vorbeikommen. Alternativen sind durch einen Rückgriff auf indigene Geschichtstraditionen nicht zu gewinnen, da alle außereuropäischen Kulturen durch die frühneuzeitliche wirtschaftliche Globalisierung und die späteren imperialen und kolonialen Verflechtungen unwiderruflich mit Europa und Amerika verbunden und somit „modernisiert“ wurden. Die diesem Prozess inhärenten Wechselwirkungen sind jedoch nicht zu unterschätzen. Gerade die universal verbreitete und weitgehend akzeptierte geschichtswissenschaftliche Methodik europäischer Provenienz einerseits sowie die heuristische Verwendung des inzwischen historisierten „europäischen Narrativs“ entkräften dieses Narrativ selbst: Das Konzept der (Früh-)Moderne gestattet es nicht nur, Globalisierungsprozesse vor der kolonialen Expansion Europas zum Gegenstand der Forschung zu machen, sondern auch den westlichen Weg der Modernisierung als Referenzpunkt und Wertmaßstab in Frage zu stellen. In diesem Zusammenhang verwiesen alle Referenten zur außereuropäischen Geschichtsforschung auf das Potential von Shmuel N. Eisenstadts Konzept der multiple modernities, das zwar nicht auf den Gedanken des Fortschritts verzichtet, aber doch auch andere Entwicklungs- und Rationalitätskriterien anerkennt als die des europäischen Wegs zur Moderne.
Sektionsübersicht:
Christoph Marx (Duisburg/Essen): Einleitung und Leitung der Sektion
Justus Cobet (Duisburg/Essen): Zur Periodisierung des europäischen Narrativs
Angelika Malinar (Zuerich): Repräsentation historischen Wandels in indischen Quellen und die moderne Geschichtsschreibung
Stefan Reichmuth (Bochum): Die Frühe Neuzeit als kulturübergreifendes Konzept: die islamische Welt
Helwig Schmidt-Glintzer (Göttingen/Wolfenbüttel): Vergegenwärtigung der Geschichte oder Versorgung der Vergangenheit: Periodisierungsdebatten in China Tagungsbericht Historische Epochengrenzen und Periodisierungssysteme im globalen Vergleich. 28.09.2010-01.10.2010, Berlin. In: H-Soz-u-Kult 30.10.2010. Homo Portans – eine Kulturgeschichte des TragensLeitung: Annette Kehnel / Sabine von Heusinger, Universität Mannheim Bericht von: Vanessa Wormer, Universität Mannheim „Sektion ‚Homo portans’ beim Historikertag: 14 Vorträgen [sic!] in 4 Stunden - entweder innovativ oder wah[n]sinnig“ – so twitterte es am 8. September 2010 ein Johannes W. in die Weiten des Internets. Sieht man von den für Kurznachrichten typischen Rechtschreibfehlern ab, hatte der Twitterer bereits drei Wochen vor Beginn des Historikertags einige wichtige Aspekte der Sektion Homo Portans – wohl eher unbeabsichtigt – auf den Punkt gebracht: Erstens hatte sich die Sektion unter Leitung von ANNETTE KEHNEL (Mannheim) einiges vorgenommen. Geplant waren eine Einführung und 13 Vorträge, und obwohl zwei Referenten nicht kommen konnten, waren das immer noch doppelt so viele Vorträge wie in jeder anderen Sektion des Historikertags. Zweitens fiel die Sektion aus dem Rahmen, sie übertrat wissenschaftliche Grenzen und war an vielen Stellen sicherlich innovativ. Die Verbindung von Wissenschaft und Kunst ist hier zu nennen, genauso wie die multimediale Aufstellung. Drittens drängte durch diese und andere Mittel das Projekt aktiv an die Öffentlichkeit. Dazu passt, dass ausgerechnet ein Twitterer eine erste, vorläufige Einschätzung des Projekts lieferte.
Homo Portans – der Sektionstitel ließ viel Spielraum für Assoziationen, erweckte aber vielleicht auch den Eindruck der Beliebigkeit. Deshalb provozierte er Fragen: Was soll und will das Projekt Homo Portans eigentlich sein? Was kann die Erforschung der „Kulturgeschichte des Tragens“ leisten? Annette Kehnel formulierte ihre Ambitionen: Das wissenschaftliche Projekt soll Grundlagenforschung betreiben, ein neues Forschungsfeld etablieren und dem Motto des Historikertags („Über Grenzen“) gerecht werden, sprich Grenzen überschreiten – disziplinäre, epochale und wissenschaftliche. Demgemäß hat Annette Kehnel die 11 anwesenden Referentinnen und Referenten in Berlin dazu eingeladen, aus ihrem Forschungsfeld heraus Ideen für das Projekt zu geben. Die Vorträge waren also als Impulsreferate zu verstehen, nicht als Präsentationen von Forschungsergebnissen.
Im Anschluss an die Begrüßung aller Sektionsteilnehmerinnen und –teilnehmer durch Annette Kehnel ordnete KARL-SIEGBERT REHBERG (Dresden) das Projekt Homo Portans in die Philosophische Anthropologie ein. Er leitete die Kulturgeschichte des Tragens mit einer quasi paradoxen Intervention ein, indem er das Bedürfnis nach Entlastung in den Mittelpunkt seiner Überlegungen stellte: Die Fähigkeit zu Tragen gehe einher mit Belastbarkeit, mit Belastungen und Überlastungen, die ihrerseits Entlastungsbedarf provozieren. Belastung erzeugt also Entlastungsbedarf. Und dieser werde durch ein komplexes System der Ordnungsleistungen kompensiert, das seinerseits Kultur genannt werden könne. Nicht die Leistungsfähigkeit des Homo Portans stehe demnach am Anfang der Kulturgeschichte des Tragens, sondern das menschliche Bedürfnis nach Entlastung.
Den Beginn des tragenden Menschen zeichnete SIBYLLE WOLF (Tübingen) nach: Der Homo Portans wird zunächst als Schmuckträger fassbar, zum Beispiel anhand der 40.000 Jahre alten tragbaren Frauenfiguren, die Wolf vorstellte. Als Sensation wertete die Referentin die erst kürzlich entdeckte „Venus vom Hohle Fels“
[1]
mit eindeutig identifizierbarer Anhänger-Öse. Sie ist mit einem Alter von 40.000 Jahren die älteste bekannte Figur. „Das Phänomen, Frauenfiguren zu tragen, blieb 30.000 Jahre eine Konstante in den verschiedenen Kulturen der jüngeren Altsteinzeit“, resümierte Wolf.
Auf den von Rehberg bereits aufgegriffenen Aspekt der Entlastung aufbauend, ging MARIA HÄUSL (Dresden) in ihrem Vortrag auf tragende Gottheiten ein. Sie veranschaulichte das menschliche Bedürfnis nach Entlastung an alttestamentlichen und vorderorientalischen Texten. Anhand von Versen Jesajas rekonstruierte Häusl das Bild, wie Jahwe sein Volk Israel trägt. Hier habe sich das menschliche Urvertrauen in die Gottheit ausgedrückt, der Mensch habe vom allmächtigen Gott getragen werden wollen, sagte Häusl. Damit könne man den Gott des Alten Testamentes in die Reihe tragender Frauen und Göttinnen aus der Neuassyrischen Prophetie einreihen.
Auf einem Beispiel für die gesellschaftsstrukturierende Funktion des Tragens baute AGOSTINO PARAVICINI BAGLIANI (Lausanne) seine Ausführungen auf: Unter dem Motto „gerere personam Christi“ stellte er den mittelalterlichen Papst als Träger göttlicher Autorität und Macht vor. Der Papst sei nicht allein Mensch, sondern verkörpere zugleich eine Institution. In diesem Sinne ließen sich auch die päpstlichen Gewänder und Objekte interpretieren: Beispielsweise würden die Gewandfarben Rot und Weiß für Jesus Christus und die römische Kirche stehen. Der Papst trage also die Kirche, und bei dieser Vorstellung handele es sich um das Selbstverständnis der mittelalterlichen Päpste.
Um ein profaneres Tragen ging es SABINE VON HEUSINGER (Mannheim): Sie beleuchtete die mittelalterliche Stadt als Mikrokosmos von Warenträgern, in dem der Homo Portans allgegenwärtig gewesen sei. Ohne ihn wäre der Warenstrom abgerissen. Sabine von Heusinger differenzierte zwischen zwei Gruppen: den Trägern mit und ohne Hilfsmittel. Am Beispiel von Straßburg konnte sie zeigen, dass die Fasszieher zwar zu den ärmeren Zünften gehörten und ihre Mitglieder eher sozial niedrig stehend waren, dennoch waren sie die längste Zeit im Mittelalter im Rat vertreten. Zudem lassen sich einzelne Fasszieher nachweisen, die nicht nur Ratsherren waren, sondern auch über ansehnliches Vermögen verfügten. Der Platz des Homo Portans in der mittelalterlichen Stadt müsse deshalb erst noch umfassender untersucht werden.
Ein „dunkles Kapitel in der Geschichte des Homo Portans“ (Kehnel) eröffnete JÖRG WETTLAUFER (Kiel) mit seinem Vortrag über das Tragen als Schandstrafe im Mittelalter. Frauen, die sich der üblen Nachrede oder des Zanks schuldig gemacht hatten, seien bestraft worden, indem sie einen 10 bis 50 Kilogramm schweren Schandstein durch die Stadt tragen mussten. Der Referent bezeichnete dies als „rechtshistorische Kuriosität, über deren Ursprung wir bislang nur Vermutungen anstellen können.“ Erste Belege fänden sich in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts im Hennegau und in Luxemburg bzw. Nordfrankreich; der Ursprung der Strafe könne im mittelalterlichen „Hundetragen“ gelegen haben. Besonders interessant war Wettlaufers Interpretationsansatz: Die Steine stünden als Zeichen des Schweigens und dienten gerade deshalb als passendes Bußwerkzeug für die weibliche „Zungensünde“.
PETER STEINBACH (Mannheim) führte den Aspekt des Tragens als Strafe für das 20. Jahrhundert weiter, nachdem er auf die enormen Entlastungsleistungen des Menschen hingewiesen hatte: Räder, Flaschenzüge, Tragekörbe, Kräne, Kiepen, Hebel, Fuhrwerke, Maschinen. Mit dem „Zivilisationsbruch von 1933“ habe das Tragen als Strafe und Schande eine neue Dimension erlangt. So seien in nationalsozialistischen Arbeits- und Konzentrationslagern Regelverstöße dadurch geahndet worden, dass die Häftlinge willkürlich schwere Lasten tragen mussten. „Diese Strafen zielten auf die Demütigung der Menschen“, fasste der Referent zusammen. Hinter ihnen habe der nationalsozialistische Gedanke der „Vernichtung durch Arbeit“ gestanden. Immerhin: Einzelnen sei es gelungen, durch das Ertragen der ihnen aufgebürdeten Lasten ihre Würde zu bewahren, was Steinbach einen Bogen zu Camus’ Sisyphos spannen ließ.
Auch im Vortrag von JOHANNES PAULMANN (Mannheim) haftete dem Homo Portans eine gewisse Bedeutungsschwere an: Der Referent zeichnete unsere Sicht auf das Tragen im Kolonialismus nach. Klar sei: Kolonisation war am Ende des 19. Jahrhunderts in Afrika nur durch einheimische Träger möglich, „koloniale Herrschaft beruhte in der Praxis auf der Arbeitskraft der Kolonialisierten“, so Paulmann. Gleichzeitig verwies der Referent auf den Mythos der „Bürde des weißen Mannes“, den Rudyard Kipling 1899 in seinem Gedicht „The White Man’s Burden“ geprägt hat. „Die Zivilisationsmission erscheint hier als schwere Last, die Europäer und Amerikaner auf ihren Schultern tragen“, sagte Paulmann. Damit habe man eine Legitimationsformel für die Kolonisation konstruiert. Der Referent spannte schließlich einen Bogen, wie dieser Legitimationsversuch von Anfang an kritisiert wurde und aktuell um den Faktor einer misslungenen Entwicklungshilfe erweitert wird.
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SIGRID SCHMITZ (Freiburg) beschäftigte sich in ihrem Vortrag ausgehend vom Gender-Aspekt mit der Frage, ob der Homo Portans eine Frau gewesen sei. Diese Annahme würden gängige Forschungsmeinungen zur kulturellen Evolution des Menschen nahelegen. Schmitz stellte diese Theorien zum Ursprung der geschlechtlichen Arbeitsteilung vor und arbeitete heraus, wie stark unsere Geschlechterbilder durch ebendiese Narrationen produziert wurden. „Men the Hunter“ und „Women the Gatherer“ sind nur zwei jener Vorstellungen der Wissenschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts, die mehr über zeitgenössische Geschlechterbilder aussagen, als über die Realität in der Jungsteinzeit.
Mit einer spezifisch weiblichen Form des Tragens überraschte MIRJAM MENCEJ (Ljubljana) ihre Zuhörer: Sie spannte einen Bogen von Egbert von Lüttich, Fecunda Ratis im 11. Jahrhundert bis zu Märchen und Sagen aus Wälschtirol (1867), um die Präsenz des roten Käppchens von Rotkäppchen als gängigen Motivs in weltweiten Erzähltraditionen aufzuzeigen und dessen Bedeutung zu interpretieren: So stehe das rote Käppchen als Symbol der Unschuld und erhalte eine sexuelle Implikation (genauso wie andere Symbole, beispielsweise die Blumen, die Rotkäppchen der Großmutter bringt).
Als letzter Impulsgeber der Sektion widmete sich CHRISTIAN HOLTORF (Dresden) dem Anliegen des Projekts Homo Portans, sich der Öffentlichkeit zu öffnen. Die Wissenschaft suche in der Öffentlichkeit nach Bedeutung und Anerkennung, was im Falle von Homo Portans laut Holtorf einen Widerspruch darstelle – gehe es in diesem Projekt doch gerade um das Phänomen des Tragens. Der Referent bot zwei Lösungsansätze an: Zum einen könne das Projekt den Fokus statt auf das „portare“ auf das „narrare“ legen, zum anderen könne man auch vom „homo portans portatus“ sprechen. Somit wäre dem Bedürfnis, eine wissenschaftliche Erzählung zu liefern und neben dem Tragen auch die Entlastung zu thematisieren, Rechnung getragen. Insgesamt ordnete Holtorf das Projekt Homo Portans in eine „Geschichte des Vergnügens an Forschung“ ein und bezeichnete es als ein interessantes neues Forschungsfeld.
Doch das Projekt Homo Portans, dessen Vorträge rege Diskussionen auslösten, beschränkte sich nicht allein auf die Wissenschaft: Vielmehr besteht eine Besonderheit des Projekts darin, die wissenschaftliche Perspektive durch die Zusammenarbeit mit der Kunst zu erweitern und neue Wege der Interaktion zu erproben: Eine kunstvoll gestaltete Broschüre fasste das Sektionsvorhaben attraktiv zusammen, die neue Website
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stellte das Projekt ausführlich vor, via Facebook konnte man „Fan“ von Homo Portans werden. Kurz vor Beginn der Sektion schlüpfte das Team sogar selbst in die Haut des Homo Portans und prozessierte mit Kunstobjekten der Künstlerin ANJA SCHINDLER (Klotten) durch die Humboldt-Universität zu Berlin, um die Aufmerksamkeit auf die Mannheimer Veranstaltung zu lenken. Vor dem Hörsaal wogen die Mitarbeiter der Sektion die Taschen der Besucher und sensibilisierten damit für das persönliche Trageverhalten. Die Kunstobjekte von Anja Schindler zierten den Hörsaal, eine Posterpräsentation von Trageprotokollen der Architektursoziologin ULRIKE SCHERZER (Dresden) verbreitete museale Stimmung. Was in Berlin begann, soll im Mai 2011 in einer gemeinsam mit dem Deutschen Hygiene-Museum in Dresden geplanten Tagung fortgesetzt werden. Bis dahin hält Homo Portans via Homepage und Facebook den Kontakt zum Publikum.
Sektionsübersicht:
Annette Kehnel (Mannheim): Einführung
Karl-Siegbert Rehberg (Dresden): Keynote: „Der Homo Portans, seine Natur und seine Stellung in der Welt“ – Anmerkungen zum Thema aus Sicht Arnold Gehlens
Sibylle Wolf (Tübingen): „Tragbare“ Frauenfiguren aus ganz Europa – Anhänger aus der Altsteinzeit
Maria Häusl (Dresden): Tragende Gottheiten im alttestamentlichen und vorderorientalischen Kontext
Agostino Paravicini Bagliani (Lausanne): gerere personam Christi: Der Papst als Träger göttlicher Autorität
Sabine von Heusinger (Mannheim): Fasszieher und Karrer – Warenträger in der mittelalterlichen Stadt
Jörg Wettlaufer (Kiel): Das Steintragen als Schandstrafe für Frauen im Mittelalter
Peter Steinbach (Mannheim): Tragen als Strafe im 20. Jahrhundert
Johannes Paulmann (Mannheim): The White Man’s Burden. Der Homo Portans im Kolonialismus
Sigrid Schmitz (Freiburg): Tragen ist Frauensache und die Erde ist eine Scheibe
Mirjam Mencej (Ljubljana): Bonnets, hoods and hats in history and folklore: Little Red Riding Hood as an example
Christian Holtorf (Dresden): Der Homo Portans in Wissenschaft und Öffentlichkeit
Posterpräsentation
Anja Schindler (Klotten): Erfahrungen von den „Etruskern in Bonn“
Ulrike Scherzer (Dresden): Homo Portans im Museum – eine Potentialanalyse
[1] <http://homo-portans.de/2010/die-venus-vom-hohlen-fels-als-der-homo-portans-zu-tragen-begann/> (08.12.2010).
[2] William Easterly, The White Man’s Burden: Why the West's Efforts to Aid the Rest Have Done So Much Ill and So Little Good, 2006.
[3] <http://www.homo-portans.de> (08.12.2010). Tagungsbericht Homo Portans – eine Kulturgeschichte des Tragens. 28.09.2010-01.10.2010, Berlin. In: H-Soz-u-Kult 10.12.2010. Im Grenzbereich zwischen Quellenproduzenten, Archiven und historischer ForschungLeitung: Rainer Hering, Landesarchiv Schleswig-Holstein / Universität Hamburg; Robert Kretzschmar, Landesarchiv Baden-Württemberg, Universität Tübingen Bericht von: Janina Fuge, Universität Hamburg Es sind wesentliche und für die historische Methodendiskussion brandaktuelle Themen, denen sich die Sektion „Im Grenzbereich zwischen Quellenproduzenten, Archiven und historischer Forschung: Heutige Anforderungen an eine archivalische Quellenkunde“ auf dem diesjährigen Historikertag in Berlin widmete. Einerseits ging es um Nutzen und Nachteil einer Reihe von bisher für die historische Forschung selten genutzten Quellen wie Bildern, Stadtplänen oder Registraturen, andererseits standen Herausforderungen des digitalen Zeitalters für die Archivierung und historische Auswertung zur Debatte. Dass es für die vielen Fragen in diesem Zusammenhang einen großen Klärungsbedarf gibt, zeigte der enorme Zulauf an Interessierten, die damit Rainer Herings Einführungs-Wort bestätigten, dass es sich hier um einen Bereich handele, der „bis dato viel zu wenig thematisiert wird.“
Zum Auftakt formulierte ROBERT KRETZSCHMAR (Stuttgart/Tübingen) sogleich ein entscheidendes Forschungsdesiderat – nämlich die Erarbeitung einer „zeitgemäßen Quellenkunde“, die sich als Historische Hilfswissenschaft neuer Art etablieren müsse, um jenen Besonderheiten und Forschungsanforderungen von einer Vielzahl neuerer Quellengattungen – darunter audiovisuelle Unterlagen, Datenbanken, Websites, elektronische Fachverfahren und damit zunehmend „genuin digitale Unterlagen“ – Rechnung zu tragen. Kretzschmar warf einen kurzen Blick zurück in die Geschichte der Aktenkunde als historischer Hilfswissenschaft und grenzte sie ab zu den Aufgaben der archivalischen Strukturlehre, die sich im Gegensatz zu ersterer nicht mit dem einzelnen Dokument, sondern den Strukturen ganzer Aktenbestände und Akteneinheiten befasst. Hiervon ausgehend skizzierte Kretzschmar eine Zusammenführung beider als „Nukleus einer auch kulturgeschichtlich auszurichtenden Archivalienkunde des 21. Jahrhunderts“, in der unter anderem eine „Aktenkunde der Email mit einer archivalischen Strukturlehre der elektronischen Fachverfahren aus quellenkundlicher Perspektive“ zu verbinden seien. Ansätze hierfür gäbe es bereits – wie beispielsweise einen Arbeitskreis im Verband deutscher Archivarinnen und Archivare, gleichsam plädierte Kretzschmar für eine Weitung der Perspektive: Eine dezidierte Beschäftigung der Archivarinnen und Archivare mit dem Themenfeld mitsamt einer entsprechenden Vermittlung archivwissenschaftlicher Kenntnisse an Universitäten. In der direkt anschließenden, von Kommentator PETER HABER (Basel) inspierten wie strukturierten Diskussion konturierte Kretzschmar weiterhin sein Anliegen und wünschte sich einen „Diskurs über digitale Aktenkunde“ dezidiert zwischen Archiven und Wissenschaft. Es kristallisierte sich heraus, dass ein solcher zu fördern sei und idealerweise in Kooperationsprojekten zwischen historischer Forschung und Archiven münden könne, um gemeinsam „Grundstrukturen zu erarbeiten“ und Basisarbeit zu leisten – beispielsweise in Klärung der Frage: „Was ist eigentlich eine E-Mail?“
RAINER HERING (Schleswig/Hamburg) nahm in seinem Vortrag diesen Faden auf und konzentrierte sich auf die Herausforderung der Archiv- wie Geschichtswissenschaften durch die digitale Welt. Anhand eingängiger Praxisbeispiele, konzentriert auf den zentralen Bereich „Verwaltung“, führte Hering lebendig aus, vor welchen Aufgaben Archive wie Geschichtswissenschaften stehen: Was ist für ein Archiv zu tun mit angebotenen 10.000 E-Mails von der Festplatte leitender Verwaltungsangestellter, wie die zahlreichen Ordner mit Titeln wie „Verschiedenes“ oder „Besonderes“ systematisieren, was ist zu tun, wenn von Sitzungen statt Ergebnis- oder Verlaufsprotokollen nur Powerpoint-Präsentationen bleiben? Hering zeichnete ein aktuelles, plastisches Szenario und formulierte Kernprobleme, zu denen beispielsweise die Mehrung so genannter Hybridüberlieferung zählt – so würden manche Register nur noch digital, die dazugehörigen Akten jedoch analog geführt, dazu komme das Problem einer systematischen Ablage und Archivierung von E-Mail-Korrespondenzen oder auch die grundsätzliche Thematik der „Echtheit“ von Dokumenten. Für eine geordnete Schriftgutverwaltung, die wiederum historisches Arbeiten ermöglicht und gleichzeitig umfassend die rechtlichen Anforderungen an die Nachvollziehbarkeit von Verwaltungshandeln erfüllt, sei noch viel zu tun: Eine „Mentalitätsoffensive“ forderte Hering für den Verwaltungsbereich, um ein neues Bewusstsein auch für die Dokumentation im Zeitalter neuer Überlieferungssysteme zu generieren. Auch hier statuierte Hering die Notwendigkeit von Kooperationen: Archivarinnen und Archivare seien gefordert, Behörden und Ämter bei „der Einführung von Dokumentenmanagementsystemen so zu begleiten, dass eine geordnete Schriftgutverwaltung gesichert sei“.
Die folgende Diskussion schärfte die Perspektive für tatsächliche und angenommene Veränderungen durch Digitalisierungsprozesse: Auch in früheren Zeiten, umriss Hering, sei auch nicht immer alles gespeichert worden, heute jedoch gäbe es ein geringeres Bewusstsein für die Dokumentation. Die Debatte brachte dabei das „Integralspeichermediumphantasma“ auf – jene Suggestion, dass via Copy-Funktion zumindest in der Theorie alles behalten werden kann. Dass es jedoch einer Sortierung, Bewertung und auch eines geordneten „Vergessenes“ bedarf, offenbarte sich gleichsam als konsensuale Erkenntnis, für die Kretzschmar und Hering als Archivare die Notwendigkeit einer „neuen Form der Bewertungsarbeit“ unterstrichen.
MALTE THIESSEN (Hamburg/Oldenburg) blickte in seinem Beitrag vom Standpunkt des Zeithistorikers aus auf die Notwendigkeit quellenkundlicher Horizonterweiterungen – denn je näher der Historiker an der Gegenwart arbeitet, desto mehr unterliegen Aktenbestände Schutzfristen, was das Heranziehen anderer Möglichkeiten erfordert. Als Ausweg aus diesem zeithistorischen Quellendilemma schlug Thießen den Umgang mit Registraturen vor – Quellensammlungen von Behörden, Parteien und Vereinen, die noch nicht von einem Archiv übernommen und bearbeitet wurden. Anhand eigener Forschungen zur Hamburger Erinnerungskultur seit den 1950er-Jahren gab Thießen Einblicke in den Erkenntnisgewinn durch Nutzung solcher Unterlagen und stellte fest, dass entsprechende erinnerungskulturelle Forschungen sich nicht nur auf Archivbestände stützen könnten: Bis in die 1970er Jahre seien aussagekräftige Akten zur öffentlichen Erinnerungen kaum in den Archiven erhalten, als Historiker sei man auf Zufallsfunde angewiesen. Diese Erfahrung gab für Thießen den Ausschlag nachzudenken über die „Grenzen des Archivs“ in der zeitgeschichtlichen Forschung und einen von ihm geforderten „bewussten Umgang mit Lücken“.
War Thießens Vortrag zunächst konzentriert auf seinen Plädoyer-Charakter für die Nutzung außer-archivalischer Bestände, ging es in der Diskussion zudem um die Schattenseiten der Arbeit mit Registraturen – und Fragen wie nach der Überprüfbarkeit dieser Quellen oder der Gefahr, mit der Nutzung schließlich die Entscheidung über eine Archivwürdigkeit des Materials vorwegzunehmen. Schnell wurde jedoch konstruktiv deutlich, dass es nicht auf ein klares „Entweder-Oder“ in der Nutzung ankäme, sondern auch klare Nutzungsordnungen wie beispielsweise einer „sensiblen Quellenkritik oder dem Gebot einer Registernutzung nur dort, wo sie vergleichbar mit einem Archiv ist. In jedem Fall ginge es langfristig um die Modi einer „Institutionalisierung der Arbeit mit Registraturen“, die Notwendigkeit eines „stringenten Regelwerks für den Umgang damit“ (Kretzschmar) und eine nachhaltige Debatte um die „Transparenz von archivalischen Bewertungsentscheidungen“ (Hering). Auch hier zeigte sich Konsens, vielleicht ja sogar im Sinne eines „Beginns einer neuen Freundschaft“ zwischen Archiven, Registratoren und Zeithistorikern.
SYLVIA NECKER (Hamburg) ergänzte die Quellendebatte abschließend um eine visuelle Ebene – als „Best-practice-Beispiel“ führte sie anhand eigener Forschungen zur „topographischen Kontinuität am Hamburger Lohseplatz“, von dem aus Hamburger Jüdinnen und Juden sowie Sinti und Roma aus ganz Norddeutschland zwischen 1941 und 1945 deportiert worden waren, ein in die Nutzbarmachung von Karten, Plänen und Modellen für die Geschichtswissenschaft. Als innovativen Umgang mit dieser Quellengattung zeigte sie ein von ihr selbst gewähltes Vorgehen: Der „normalen“ Erzählung wissenschaftlicher Arbeit stellte sie einen „äquivalenten Erzählstrang der Bilder“ zur Seite, sprich: Auf den rechten Seiten findet sich die textliche Ausarbeitung, dem ist linksseitig eine Präsentation der Ergebnisse lediglich anhand einer Bildstrecke sowie erläuternder Bildunterschriften gegenübergestellt, die textunabhängig verständlich ist. Anschaulich schilderte Necker, wie auf diese Weise Erkenntnisse greifbarer und deutlicher werden; in Zusammenarbeit mit entsprechendem stadtplanerischem Fachverstand arbeitete sie mit Überlagerungen von Karten, die wiederum deutlich werden ließen, welche ungeheuren Möglichkeiten für die historische Forschung hier liegen. Sylvia Necker verstand ihren Vortrag gleichsam als „Appell an Archive und Lehrende“, mehr Aufmerksamkeit diesen bisher von der Geschichtswissenschaft trotz eines nahenden Visual Turns stiefmütterlich behandelter Quellengattungen mehr Aufmerksamkeit zu widmen. In der Diskussion betonte Necker die Notwendigkeit, zukünftig eine eigene Quellenkunde für Modelle und Karten zu generieren; einbeziehen könne dies in der Folge auch Fragen von Digitalisierungen, die hinsichtlich der Überlieferungen ursprünglicher Maßstäbe, Größen und Darstellungsqualitäten wiederum neue Fragen für das Genre aufwerfen.
In seinem Fazit verwies Peter Haber auf den roten Faden, der sich durch alle Vorträge zog – auf der einen Seite sah er diesen in der unbedingten Notwendigkeit, Grenzen für Forschung, Quellen und Archive neu zu definieren: „Was ist das Must Have der historischen Kompetenzen, was das Nice to Have?“ brachte er es auf den Punkt, der insbesondere auch die Lehre herausfordere: Im weiteren kulturwissenschaftlichen Bereich gäbe es enormen Bedarf, in den Curricula der historischen und archivischen Forschung auf die Bedürfnisse der Zeit angemessen und zügig zu reagieren. Konsens stellte er zu recht in der Akzeptanz jener Notwendigkeit fest, neue Kooperationen und Austauschforen zwischen Archiven und historischer Forschung zu etablieren. Der Anfang hierzu, stellte Rainer Hering in seinem Schlusswort fest, sei gemacht: „Wir haben ein komplexes Themenfeld vor uns, wir sind diskussionsbereit – und haben den Dialog begonnen.“
Sektionsübersicht:
Robert Kretzschmar (Stuttgart/Tübingen): Hilflose Historikerinnen und Historiker in den Archiven? Zur Bedeutung einer zukünftigen archivalischen Quellenkunde für die universitäre Lehre
Rainer Hering (Schleswig/Hamburg): Digitale Quellen und historische Forschung
Malte Thießen (Hamburg): Quellenbewertung im vorarchivischen Bereich. Vom Nutzen und Nachteil der Recherche in Registraturen
Sylvia Necker (Hamburg): Verplant und Vermessen. Karten, Pläne und Modelle als Quellen für die Geschichtswissenschaft
Peter Haber (Basel): Kommentar Tagungsbericht Im Grenzbereich zwischen Quellenproduzenten, Archiven und historischer Forschung. 28.09.2010-01.10.2010, Berlin. In: H-Soz-u-Kult 23.10.2010. Migration als transkulturelle Verflechtung im mittelalterlichen Jahrtausend. Europa, Ostasien und Afrika im VergleichLeitung: Michael Borgolte, Humboldt-Universität zu Berlin Bericht von: Marcel Müllerburg, Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte I, Humboldt-Universität zu Berlin Das Mittelalter sucht seinen Platz in der Globalgeschichte. Doch Interaktionen innerhalb weltumspannender Systeme, die Jürgen Osterhammel als Gegenstand der Globalgeschichte bestimmt hat
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, sind ein neuzeitliches Phänomen, während die Ökumene des Mittelalters die beiden Amerikas, Sibirien und das Afrika südlich der Savanne ausschloss. Die Mediävistik kann den Anschluss an die Geschichte globaler Zusammenhänge daher nicht allein über die Erforschung vergleichsweise sporadischer und zum Teil ephemerer globaler Kontakte herstellen. Die Geschichte der Migrationen bietet hier einen Ausweg an, der auf dem 48. Deutschen Historikertag in Berlin in einer Sektion unter dem Titel „Migration als transkulturelle Verflechtung im mittelalterlichen Jahrtausend. Europa, Ostasien und Afrika im Vergleich“ erprobt wurde.
Der Berliner Mediävist MICHAEL BORGOLTE gab als Sektionsleiter zunächst eine kurze Einführung in das Thema. Migrationen, also die dauerhafte Verlagerung des Lebensmittelpunkts, könnten als „anthropologische Konstante“ begriffen werden, die auf dem gesamten Globus zu allen Zeiten Migranten und die sie aufnehmenden Gesellschaften in Prozessen der Integration und Desintegration miteinander in Beziehung setze. Keineswegs resultiere aus diesen Beziehungen ein zielgerichteter Prozess der Angleichung aneinander, sondern vielmehr ein stetiges Aushandeln von Formen des Zusammenlebens unter sich wandelnden Bedingungen. Der kulturwissenschaftlichen Migrationsforschung gehe es weniger um Personen, Gruppen und Völker, sondern um jene Denkformen, geistigen Güter und symbolischen Praktiken, die ausgetauscht oder auch abgelehnt würden und so Kultur in ihren ständigen Mutationen erfahrbar und ihre Essentialisierung unmöglich machten. Die Geschichte der Migrationen als die Geschichte von „cross-cultural interactions“, wie Borgolte den hawaiianischen Globalhistoriker Jerry Bentley zitierte, sei daher „zweifellos ein Schwerpunkt, wenn nicht der Königsweg“, um das Mittelalter in die Geschichte globaler Zusammenhänge einzufügen. Doch die „transkontinentale“ Geschichte kann keine Disziplin allein für sich schreiben. Daher hatte Borgolte, wie bereits zehn Jahre zuvor zu Beginn seiner europageschichtlichen Studien die Fächergrenzen überschreitend,
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Vertreterinnen und Vertreter der Afrikanistik, der Islamwissenschaften, Japanologie und Mediävistik sowie der Sinologie eingeladen, sich am gemeinsamen Nachdenken über die Globalgeschichte des mittelalterlichen Jahrtausends zu beteiligen.
Die Afrikanistin MARIANNE BECHHAUS-GERST (Köln) betrachtete „Nubier, Beja, Griechen, Kopten und Araber in Dongola“ und stellte den „Nordsudan als kosmopolitischen Raum im mittelalterlichen Jahrtausend“ ins Zentrum ihres Beitrags. Das Reich des Königs von Makuria zwischen dem 1. und dem 4. Nilkatarakt sei eine „historische Kontaktzone par excellence“ gewesen, deren Bewohner sich ganz bewusst eine „hybride Identität“ konstruiert hätten. Mit Beispielen aus Religion, Verwaltung und Sprache belegte Bechhaus-Gerst ihre Auffassung Makurias als einer hybriden Gesellschaft. Obwohl der ägyptisch-koptische Monophysitismus zur Staatsreligion des Reiches am Oberen Nil geworden wäre, hätten die nubischen Kirchenbauten eher jenen in Griechenland und Anatolien als denen der Bruderkirche nilabwärts geähnelt, und Griechisch sei lange die Liturgiesprache geblieben. Nicht nur im kirchlichen Bereich scheine Griechisch in einer „genuin nubischen Variante“ von breiten Bevölkerungsschichten gesprochen worden zu sein, wie zahlreiche Graffiti belegten, die eine nobiin-nubische Grammatik mit griechischem Vokabular zusammenbrächten. Jedoch hatte die bewusste Konstruktion von hybrider Identität offenbar ihre Grenzen: Das Beispiel des sogenannten Baqt-Vertrages zwischen Makuria und den muslimischen Eroberern Ägyptens scheint eher für eine bewusste Grenzziehung, denn für eine Verwischung von Grenzen zu sprechen. Nach zwei erfolglosen Eroberungsversuchen aus Ägypten räumte der Vertrag den Nachbarn im Norden zwar das Recht auf Handel, Mobilität und Niederlassung in den nördlichen Regionen ein, nahm jedoch die Landesteile südlich des 2. Nilkatarakts unter Strafandrohung davon aus.
Der Japanologe KLAUS VOLLMER (München) stellte jüngere historiographische Perspektiven auf transkulturelle Verflechtungen im mittelalterlichen Japan vor. Seit den 1980er-Jahren löse sich die japanische Geschichtsschreibung mehr und mehr vom zuvor dominierenden Bild des Archipels als eines „isolierten Insellandes“. Das Japanische Meer werde zunehmend in seinen verbindenden, nicht so sehr in seinen trennenden Eigenschaften aufgefasst und in Analogie zum Mittelmeer als ein Schauplatz vielfältigen, grenzüberschreitenden Austausches begriffen. Eindrücklich führte Vollmer die Wendung im Geschichtsbild und die damit einhergehende Beunruhigung überkommener Seh und Denkgewohnheiten durch eine gesüdete Karte Südostasiens mit dem Japanischen Meer im Zentrum vor Augen. Diese Veränderung der Perspektive bringe es mit sich, dass der Migration aus China und Korea auf die Insel Honshû für die Entstehung des japanischen Staates im 7. und 8. Jahrhundert mittlerweile größte Bedeutung zugemessen werde. Das Ausmaß der Wanderungsbewegungen zwischen 300 v. Chr. und 300 n. Chr. war mit geschätzten 3000 Migranten jährlich beträchtlich. Die neuen Bewohner der Japanischen Inseln hätten ihre Religion, soziale Stratifizierungsformen und Kulturtechniken mitgebracht, so dass beispielsweise das Monopol der Schriftbeherrschung am japanischen Hof bis ins 7. Jahrhundert in den Händen der Immigrantenfamilien gelegen habe. Entgegen der Vorstellung eines homogenen Zentralstaates lasse sich zeigen, dass sich im Norden Honshûs und auf Hokkaidô eine Frontier-Gesellschaft bildete, die sich der Kontrolle durch den japanischen Staat ebenso entzog wie ihrer ethnisch-kulturellen Einordnung durch die historische Forschung.
Der Mediävist BENJAMIN SCHELLER (Berlin) näherte sich dem Problem transkultureller Verflechtungen über eine Mikrostudie zu den sogenannten Palasteunuchen, die im normannischen Sizilien zentrale Aufgaben in der königlichen Verwaltung, aber auch in Militär und Diplomatie erfüllten. Diese Migranten, die als Sklaven aus dem muslimischen Nordafrika nach Sizilien gelangten, seien zwar getauft gewesen, die Authentizität ihres Christentums sei von den Zeitgenossen allerdings sehr unterschiedlich bewertet worden. Mit den Mitteln der Geschichtswissenschaft sei die Frage nach der „wahren“ religiösen Identität der Eunuchen jedoch unmöglich zu entscheiden. Vielmehr sei diese „kontextabhängig und uneindeutig, kurz hybrid“ gewesen. Während eines Aufstands gegen den König im Jahre 1161 werde diese Uneindeutigkeit augenfällig: Die Gewalt der Aufständischen habe nicht allein die Palasteunuchen, sondern auch die muslimische Bevölkerung Palermos getroffen und somit keinen Unterschied mehr zwischen Konvertiten und Muslimen gemacht. Nach der Deportation der sizilianischen Muslime durch Friedrich II. schließlich fänden sich auch keine Spuren von Christen arabischer Herkunft in Sizilien mehr. Deuteten, so fragte Scheller, solche Prozesse der Hybridisierung und Dehybridisierung möglicherweise auf eine „Hybriditätsintoleranz“ monotheistischer Religionen hin? Wenn auch die monotheistische Unterscheidung zwischen wahrer und falscher Religion nicht notwendig Intoleranz gegenüber Andersgläubigen zur Folge habe, so verhalte sie sich möglicherweise intolerant gegenüber religiösen Vermischungen und Uneindeutigkeiten. Aus diesem Frageinteresse heraus plädierte Scheller für die komparatistische Erforschung der konkreten Umstände, unter denen Hybridisierung gelang oder eben scheiterte, als eine der Aufgaben künftiger mediävistischer Migrationsforschung.
Die Sinologin ANGELA SCHOTTENHAMMER (Mexiko Stadt) untersuchte „Muslimische Medizin und muslimische Ärzte im yuanzeitlichen China“, mithin die Migration von Wissenschaftlern und Gelehrten, denen regelrechte Wundertaten zugeschrieben worden seien. Die mongolischen Herrscher der Yuan-Dynastie hätten die persisch-iranische Medizin offenbar hoch geschätzt, was sich beispielsweise in der Gründung von gleich vier Schulen erweist, an denen die westliche Heilkunst unterrichtet wurde. Im Jahre 1339 seien vier von neun Ärzten an der Kaiserlichen Akademie für Medizin Migranten gewesen. Neben dieser Institutionalisierung der westlichen Medizin im Umfeld des chinesischen Kaiserhofs habe auch ein reger Austausch pharmazeutischer Produkte und heilkundlicher Manuskripte stattgefunden. Schottenhammer verwies exemplifizierend auf das bedeutende früh-mingzeitliche medizinische Kompendium Huihui yaofang („Muslimische Medizinische Rezepturen“), dessen Chinesisch an einigen Stellen bis zur Unkenntlichkeit durch persische Syntax beeinflusst sei. Die Rezepturensammlung sei offenbar in einem Gelehrtenmilieu entstanden, in dem Chinesisch nur eine unter mehreren gesprochenen Sprachen gewesen sei. Doch der Einfluss muslimischer Medizin sei nicht auf die Eliten des chinesischen Reiches beschränkt geblieben. Über die Etablierung sogenannter Wohlfahrtsapotheken (Huimin yaoju) unter den Yuan sei die Pharmazie muslimischer Ärzte mit großer Wahrscheinlichkeit auch unter der breiten Bevölkerung bekannt geworden und zur Anwendung gekommen.
Die Islamwissenschaftlerin GUDRUN KRÄMER (Berlin) stellte sich abschließend der Herausforderung eines Gesamtkommentars, den sie insbesondere zum Anlass nahm, über den Begriff der „transkulturellen Verflechtung“ nachzudenken. Wenn auch „Verflechtung“, so Krämers ästhetisches Urteil, ein „hässliches Wort“ sei, so sei die damit vorgegebene Stoßrichtung doch klar: Der Ansatz richte sich, wie auch Borgolte betont hätte, gegen jede Essentialisierung von Kultur. Doch die Sprache der Quellen könne die Historikerin, die nicht auch das Andere im Blick habe, auf Abwege führen und Homogenität dort vorgaukeln, wo sie nicht gegeben sei. So existiere beispielsweise keine „muslimische Medizin“, sondern lediglich eine Vielzahl konkurrierender Medizinschulen, von denen einige deutliche indische und chinesische Einflüsse zeigten. Auch gegenüber dem Begriff der Hybridisierung, mit dem insbesondere Scheller und Bechhaus-Gerst in ihren Vorträgen gearbeitet hatten, bekannte Krämer ihre Zurückhaltung. Allzu häufig schwängen harmonistische Beiklänge mit, die die Spannung, die hybriden Phänomenen innewohne, zudeckten. Krämer schlug vor, stattdessen von kultureller Ambiguität zu sprechen. In jedem Fall aber solle man Identität und Hybridität voneinander trennen und vom Denken in Identitäten zum Denken in Formen der Praxis übergehen. Es mache keinen Sinn, so veranschaulichte sie diesen Gedanken, aus dem Befund der Homoerotik auf eine homosexuelle Identität der Beteiligten zu schließen. Es handle sich vielmehr um eine gesellschaftliche Praxis, die für die Identitätsbildung der Individuen durchaus nicht zentral sein müsse. Diese Überlegungen zur Praxis von Hybridität forderten auch die Fragen heraus, mit denen Krämer ihre Betrachtungen abschloss: ob denn die Zeitgenossen Hybridität in unserem Sinne – was auch immer unser Sinn von Hybridität sein mag – gekannt hätten und wer denn die Akteure jener Verflechtungsphänomene seien, die die historischen Wissenschaften meinten feststellen zu können.
Obwohl – oder weil – die Sektion Fallbeispiele aus Afrika, Asien und Europa, aus den Perspektiven der Historiographie , der Struktur und der Mikrogeschichte krass nebeneinander stellte, darf sie als Erfolg gewertet werden. Zu monieren, von dem im Titel der Sektion angekündigten Vergleich sei kaum etwas zu sehen gewesen, wäre nichts als wohlfeil. Ein Vergleich hätte doch am Ende eines gründlichen fächerübergreifenden Forschungsprozesses zu stehen, den Veranstaltungen wie diese erst ermöglichen. Denn die Bereitwilligkeit, mit der alle Beteiligten Phänomene der Hybridisierung und der transkulturellen Verflechtung in den Blick nahmen, zeugt von dem Potenzial dieses Ansatzes für eine transdisziplinäre Zusammenarbeit in globalgeschichtlicher Absicht. Zugleich machen freilich die unterschiedlichen Verwendungsweisen des terminologischen Instrumentariums deutlich, dass hier noch viele Diskussionen zu führen sind. So zeigte sich beispielsweise, dass man sich vom Begriff der Hybridität als einem Zustandsbegriff aufgrund der Aporien, in die er in dieser Lesart führt, verabschieden muss. An seine Stelle muss der Begriff der Hybridisierung als Beschreibung von Prozessen und ihrer Konjunkturen treten. Will man nicht das Begriffspaar „Integration und Desintegration“ verwenden, so ist wohl Schellers Vorschlag zu folgen, die Tatsache transkultureller Verflechtung analytisch in Vorgänge der Hybridisierung und der Dehybridisierung zu scheiden. Auch das Problem der Migration erwies sich als für die verschiedenen Disziplinen attraktiv und anschlussfähig – von seiner gesellschaftlichen Relevanz einmal ganz abgesehen, die sich nicht zuletzt in einem Artikel des Berliner „Tagesspiegel“ bekundete, der der Sektion gewidmet war. Die Möglichkeit, die Online-Fassung dieses Artikels zu kommentieren, nutzte ein Beiträger unter dem Pseudonym „freidenker“, um der Verunsicherung seines Identitätsgefühls durch den Verflechtungsansatz Luft zu machen: „Die Parteinahme für Migranten und das Geringschätzen des Abwehrrechts [eines Landes gegenüber Migranten] steht für mich unter zwingendem Ideologieverdacht!“
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. Fraglos sollte man die Möglichkeiten gelehrter Bedenklichkeit, korrigierend auf den gesellschaftlichen Diskurs einzuwirken, nicht überschätzen. Dennoch spricht die Tatsache, dass das Thema Migration solche lustvollen Absonderungen von Ressentiments auslöst, eindeutig dafür, es zum Gegenstand nüchtern-wissenschaftlicher Betrachtung zu machen.
Allein, hat das Mittelalter mit diesem Ansatz seinen Platz innerhalb der Globalgeschichte gefunden? In seinen Forschungen zum europäischen Mittelalter hat Michael Borgolte die These aufgestellt, das Verhältnis der drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam habe das Euromediterraneum, ja die „monotheistische Weltzone“ vom Nordatlantik bis zum Arabischen Meer geprägt.
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Diese Koexistenz verschiedener Religionen, die sich mit exklusivem Wahrheitsanspruch gegenübertraten, sei die Bedingung der Möglichkeit moderner Toleranz gewesen. Im Studium des Mittelalters konnte man folglich die Genese einer Kulturtechnik nachvollziehen, derer wir zur Bewältigung unserer von Pluralität geprägten Gegenwart so dringend bedürfen. Ein vergleichbares Motiv für die Erforschung des Mittelalters stellt die Aufhebung des Ansatzes „monotheistische Weltzone“ im Ansatz „transkulturelle Verflechtung durch Migrationen“ nicht zur Verfügung. Denn wenn die Rede von der Migration als anthropologischer Konstante zutreffend ist – und das dürfte wohl unstrittig sein –, so richtet sie an die Erforschung des Neolithikums, der globalisierten Gegenwart oder eben des Mittelalters die prinzipiell gleichen Fragen. Dies aber lässt offen, warum man sich unter den Auspizien der Migrationsgeschichte gerade dem mittelalterlichen Jahrtausend zuwenden sollte. Zweifellos verortet also die Untersuchung transkultureller Verflechtungen durch Migrationen das Mittelalter innerhalb der Globalgeschichte, wie aber eine Globalgeschichte des Mittelalters, eine Betrachtung der mittelalterlichen Welt in ihrer Spezifik, aussehen könnte, bleibt weiterhin zu diskutieren.
Sektionsübersicht:
Michael Borgolte (Berlin): Einführung
Marianne Bechhaus-Gerst (Köln): Nubier, Beja, Kopten und Araber in Dongola. der Nordsudan als kosmopolitischer Raum im mittelalterlichen Jahrtausend
Klaus Vollmer (München): „Isoliertes Inselland“ oder „Zum Meer hin geöffneter Archipel“? Perspektiven auf transkulturelle Verflechtung im mittelalterlichen Japan
Benjamin Scheller (Berlin): Migrationen und kulturelle Hybridität im mittelalterlichen Königreich Sizilien
Angela Schottenhammer (Mexiko Stadt): Muslimische Medizin und muslimische Ärzte im yuanzeitlichen China
Gudrun Krämer (Berlin): Kommentar
[1] Vgl. Jürgen Osterhammel, „Weltgeschichte“: Ein Propädeutikum, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 56, 2005, 452–479, hier 460.
[2] Vgl. den Band Michael Borgolte (Hrsg.), Unaufhebbare Pluralität der Kulturen? Zur Dekonstruktion und Konstruktion des mittelalterlichen Europa. (=Historische Zeitschrift, Beih. 32.) München 2001, der die Beiträge einer gleichnamigen Sektion auf dem 43. Deutschen Historikertag im Jahr 2000 in Aachen wiedergibt.
[3] freidenker, Was nervt, das ist…, in: Der Tagesspiegel [Onlineausgabe], URL: <http://www.tagesspiegel.de/wissen/flucht-vor-not-und-krieg/1946292.html> ( 06.10.2010). Ebd. auch der Artikel. Print-Ausgabe: Anna Sauerbrey, Flucht vor Not und Krieg. Schon im Mittelalter veränderten Einwanderer die Kulturen, auf die sie trafen, in: Der Tagesspiegel, 01.10.2010, 28.
[4] Vgl. u. a. Michael Borgolte, Ein einziger Gott für Europa. Was die Ankunft von Judentum, Christentum und Islam für Europas Geschichte bedeutete, in: Winfried Eberhard / Christian Lübke (Hrsg.), Die Vielfalt Europas. Identitäten und Räume. Beiträge zu einer internationalen Konferenz Leipzig, 6. bis 9. Juni 2007. Leipzig 2009, 581–590; Ders., Wie Europa seine Vielfalt fand. Über die mittelalterlichen Wurzeln für die Pluralität der Werte, in: Hans Joas / Klaus Wiegandt (Hrsg.), Die kulturellen Werte Europas. Frankfurt a. M. 2005, 117–163. Tagungsbericht Migration als transkulturelle Verflechtung im mittelalterlichen Jahrtausend. Europa, Ostasien und Afrika im Vergleich. 28.09.2010-01.10.2010, Berlin. In: H-Soz-u-Kult 16.10.2010. Nationalismus, Internationalismus und Transnationalismus im deutschsprachigen ZionismusLeitung: Stefanie Schüler-Springorum, Hamburger Institut für die Geschichte der deutschen Juden Bericht von: Ivonne Meybohm, Freie Universität Berlin Seit einigen Jahren herrscht in der Forschung Konsens darüber, dass sich Zionismus als eine besondere Form des europäischen Nationalismus verstehen lässt.
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Gleichzeitig hatte der Zionismus eine internationale Struktur, da seine Mitglieder aus den unterschiedlichsten Ländern der Erde kamen. Innerhalb der zionistischen Bewegung wurde um eine ideelle Bestimmung der jüdischen Nation, eine eigene Definition eines speziell jüdischen Nationalismus gerungen. Die deutschen und deutschsprachigen Zionisten orientierten sich dabei zum einen an den unterschiedlichen Ausprägungen der europäischen Nationalbewegungen, zum anderen entwarfen sie auch eigene Ideen und Vorstellungen über die mögliche Beschaffenheit eines spezifisch jüdischen Nationalismus. Diese Ideen waren geprägt von humanistischen Grundsätzen, Leitgedanken der Aufklärung, säkularen wie religiösen Vorstellungswelten und orientierten sich an den die Zionisten in ihren Herkunftsländern umgebenden zeitgenössischen Diskursen wie Kolonialismus, Kulturkritik oder völkischem Ideengut. Absicht des Panels „Nationalismus, Internationalismus und Transnationalismus im deutschsprachigen Zionismus“ war es, diese Orientierungen an den verschiedenen Nationalbewegungen und den unterschiedlichsten innerdeutschen Diskursen aufzuzeigen und die daraus entstandenen eigenen Entwürfe eines jüdischen Nationalismus zu analysieren.
Nach einer kurzen Einführung durch die Leiterin des Panels, STEFANIE SCHÜLER-SPRINGORUM (Hamburg), zeigte STEFAN VOGT (Beer Sheva), inwiefern der Kolonialdiskurs und die Kolonialpolitik des Deutschen Reiches von den deutschen Zionisten rezipiert, mitformuliert und auf ihre eigenen Ziele übertragen wurde. Die zentrale These seines Vortrags lautete, dass sich die Zionisten dabei zugleich als Kolonisierer und als Kolonisierte verstanden. Als Kolonisierer übernahmen sie einige der Modelle für die kolonisatorische Praxis wie auch die dahinterstehende Ideologie, insbesondere das Argument der „Kulturmission“. Auch standen zentrale Konzepte des zionistischen Projekts, wie „Kolonisierung“, „Sozialreform“, „Nation“ oder „Rasse“ in einem engen Kontext mit den deutschen Kolonialdiskursen. Eine Unterstützung ihres Projekts erhofften sich die deutschen Zionisten dabei unter anderem davon, dass sie es mit den weltpolitischen Ziele des Deutschen Reiches verbanden: Eine jüdische Kolonisation in Palästina, so glaubten die Zionisten, würde zur wirtschaftlichen Entwicklung und politischen Stabilisierung des Osmanischen Reiches beitragen, was wiederum im weltpolitischen Interesse des Deutschen Reiches liege.
Als Kolonisierte hätten sich die Zionisten laut Vogt vor allem deshalb verstanden, weil die zionistische Kolonisation nicht imperialistische Ziele verfolgte, sondern die Zionisten sich selbst in der Rolle der indigenen Bevölkerung einer Kolonie sahen. Demnach ginge es nicht in erster Linie darum, ein fremdes Territorium zu erobern, sondern sich aus einem solchen zurückzuziehen und in das eigene zurückzukehren. Im Gegensatz zum deutschen Kolonialdiskurs sei der Diskurs der deutschen Zionisten jedoch nicht von Vorstellungen einer Überlegenheit gegenüber der anderen „Rasse“ und einem ewigen Kampf zwischen den „Rassen“ gekennzeichnet gewesen. Stattdessen sei die Haltung zur arabischen Bevölkerung zumeist von Ignoranz, teilweise aber auch von Idealisierungen oder gar Identifizierungen geprägt gewesen. Eine Diskussion dieses höchst problematischen und widersprüchlichen Selbstverständnisses sei laut Vogt vor allem deshalb lohnenswert, weil Ansätze einer Überwindung der Grenzen nationalistischen und kolonialistischen Denkens darin angeklungen seien.
Im Anschluss referierte ULRICH SIEG (Marburg) über den Zionismus im Ersten Weltkrieg, ein Thema, das aufgrund der transnationalen Struktur der Bewegung, die sich schlecht in die nationalen Narrative einfügen ließ, bislang wenig bearbeitet wurde. Anhand der anfänglichen Kriegsbegeisterung der jungen Zionisten, deren Kriegserfahrungen in Osteuropa, der so genannten „Judenzählung“ (1916), sowie der Balfour Deklaration (1917) stellte Sieg das ambivalente Verhältnis heraus, dass sich für die deutschen Zionisten in Bezug zu Deutschland aus der Kriegssituation ergab. Sie befanden sich in dem Zwiespalt zwischen deutschem Patriotismus und der Zugehörigkeit zum Zionismus als einem dezidiert internationalen Phänomen, dessen ideelle Grenzen teilweise durch die kriegsbedingten Allianzen konterkariert wurden. In einem Zwiespalt sahen die Zionisten sich aber auch deshalb, weil ihr deutscher Patriotismus durch die 1916 vom preußischen Kriegsminister Wild von Hohenborn in Auftrag gegebene Judenzählung von innen in Frage gestellt wurde. Die Haltung der deutschen Zionisten zur Balfour Deklaration spiegelte ihre Zerrissenheit zwischen einer jüdisch-nationalen und einer deutsch-nationalen Identität besonders deutlich wider: Während sie als Zionisten die Erklärung befürworteten, konnten sie sich als deutsche Patrioten keine Stellungnahme für den englischen Kriegsgegner erlauben. Von einer „semantischen Enteignung“ der deutschen Zionisten durch die Balfour Deklaration zu sprechen, ginge indes zu weit, betonte Sieg. Während der ‚Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens‘, durch den die Mehrheit der deutschen Juden sich repräsentiert fühlte, im Ersten Weltkrieg einen Bedeutungsverlust in der Öffentlichkeit hinnehmen musste, konnten die deutschen Zionisten in und nach dieser Zeit verstärkte öffentliche Aufmerksamkeit und Zustimmung in Deutschland verzeichnen. Gleichzeitig verminderte sich aber auch ihre Bedeutung für die Bestimmung der Palästina-Idee innerhalb der internationalen Zionistischen Organisation mit der Verkündung der Balfour Deklaration.
FRANCIS NICOSIA (Burlington) griff im ersten Teil seines Kommentars die in beiden Vorträgen angesprochene Aufgeschlossenheit deutscher Zionisten gegenüber völkischen und rassischen Ideologemen, sofern diese nicht von eindeutig antisemitischen Motiven dominiert waren, auf. Er verwies auf die These George Mosses, der in seiner Studie „Germans and Jews: The Right, the Left, and the Search for a Third Force in Pre-Nazi Germany“ bereits 1970 auf die Übernahme von Elementen des völkisch-deutschen Nationalismus durch die deutschen Juden aufmerksam gemacht hatte. Die Zionisten entwickelten daraus, laut Mosse, einen speziell jüdisch-völkischen Nationalismus. Die jüdisch-deutsche Geschichte und damit die Geschichte des deutschen Zionismus müsse immer als Teil der allgemeinen deutschen Geschichte verstanden werden, deren Diskurse, Vorstellungen und Entwicklungslinien sie sowohl aufgriff als auch aktiv mitbestimmte.
Zu Vogts These merkte er zudem die Bedeutung der von Walter Laqueur als „The Unseen Question“
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bezeichneten Frage an, welche Rolle die arabische Bevölkerung in Palästina im Siedlungskonzept der Zionisten spielte. Außerdem sei zu fragen, wie die deutschen Zionisten ihre Rolle als Kolonisierte verstanden hätten, wenn sie selbst nicht vorhatten, nach Palästina auszuwandern, sondern Palästina hauptsächlich als ein Exil für die osteuropäischen Juden vorsahen. Nicosia plädierte zudem für einen differenzierteren Blick auf die Rolle der Einwohner Palästinas: Es komme darauf an, welcher Bezugsrahmen in dem Dualismus Kolonisierer und Kolonisierte gewählt werde, die arabische Bevölkerung oder die osmanische Regierung bzw. britische Mandatsmacht. Beide Vorträge, so Nicosia, bezeugten eine „ gewisse philosophische bzw. politische Isolation des deutschen Zionismus vor sowie während des Ersten Weltkrieges“. Diese Isolation bezog sich zum einen auf die deutsche Gesellschaft und zum anderen auf die jüdische Gemeinschaft bzw. den internationalen Zionismus.
Den Auftakt der zweiten Hälfte des Panels bildete der Vortrag von LUTZ FIEDLER (Leipzig), der sich mit der Biographie Hans Kohns und deren Einfluss auf Kohns Nationalismusforschung beschäftigte. In seinen Prager Studentenzeiten hatte sich Kohn (1891-1971) im Rahmen des ‚Vereins der jüdischen Hochschüler Bar Kochba‘, einem zionistischen Studentenzirkel, mit der Frage befasst, wie Menschen unterschiedlicher nationaler Herkunft in einem gemeinsamen Territorium gleichberechtigt miteinander leben könnten. Am Beispiel Prags, das um die Jahrhundertwende durch die verschiedenen national-kulturellen Einflüsse von Tschechen, Juden und Deutschen geprägt war, entwickelte Kohn seine Vorstellung eines Nationalismus. Die zunehmenden Konflikte zwischen Deutschen und Tschechen, in denen die Prager Juden eine Zwischenstellung einnahmen, ließen in ihm die Erkenntnis reifen, dass besonders der territoriale Aspekt des Nationalismus Auslöser von Konflikten war. Folglich könne ein harmonisches Zusammenleben verschiedener Nationen nur dann funktionieren, wenn der Nationalismus von seiner territorialen Fixiertheit gelöst wurde. Damit wäre auch zugleich die Minderheitenproblematik gelöst. Bezogen auf den Zionismus bedeutete dies die Forderung nach einem „jüdisch-nationalen Kollektivbewusstseins jenseits des Territorialen“, oder, mit Kohns Worten, dem Zionismus als einer „Heimat im Geiste“. Mit diesen Überlegungen traf sich Kohn ideologisch mit Martin Buber und den Kulturzionisten, die eine Neubelebung jüdischer Kultur in der Diaspora forderten. Anhand der jüdischen Minderheit führte Kohn 1922 in seiner ersten Schrift über den Nationalismus vor, dass in Zukunft die Nation unabhängig vom oder neben dem territorialen Staat existieren würde. Seit seiner Übersiedlung nach Palästina 1925 engagierte sich Kohn aktiv im ‚Brit Shalom,‘ wo er seine theoretischen Ideen auf einen binationalen Staat hin konkretisierte, in dem diese Trennung von Staat und Nation verwirklicht werden könnte. Die politische Realität in Palästina ließ ihn jedoch um 1930 enttäuscht mit dem Zionismus brechen. 1934 siedelte er in die USA über, wo er sich wissenschaftlich weiter den Möglichkeiten einer Überwindung des Nationalstaats durch imperial verfasste Entitäten widmete, die er in den USA, der Sowjetunion oder dem Britischem Empire angelegt sah.
Eine ergänzende Herleitung von Hans Kohns Nationalismusbegriff schlug MICHAEL ENDERLEIN (Hamburg) vor. Enderlein legte den Schwerpunkt auf die spezifische Verbindung von politischen und religiösen Vorstellungen Kohns und zeigte die messianischen Elemente im Denken Kohns auf. Er analysierte zunächst das soziale Milieu, in dem sich Kohn in seiner Studentenzeit bewegt hatte, den kulturzionistisch inspirierten Prager Kreis und dessen Einfluss auf das Denken Kohns. Kohn ging es bei seiner Beschäftigung mit dem Messianismus, wie Enderlein deutlich machte, nicht um eine systematisch gedachte Theologie, sondern vielmehr um eine auf die Gegenwart bezogene innerweltliche Erlösung, die in den Dienst der Politik gestellt werden konnte und sollte. Das Judentum verstand Kohn in diesem Zusammenhang nicht mehr als Religion, sondern als diskursoffenen „ethisch-politischen Habitus“. Charakteristika des Kohnschen Messianismus waren Demokratie, Gleichheit, Frieden und die Überwindung bisher gekannter Machtstrukturen. Aus diesen am jüdischen Messianismus orientierten Überlegungen, den damaligen philosophischen Diskursen über die säkulare Moderne und Kulturkritik sowie Bubers kulturzionistischem Programm einer „Jüdischen Renaissance“ entwarf Kohn seine politische Forderung nach einem Nationalismus als „humanistischem Kosmopolitismus“. Der Zionismus war für ihn die ins Politische konkretisierte Form des Messianismus.
Einen weiteren Vertreter des ‚Prager Kreises‘ stellte CHRISTIAN WIESE (Falmer/Frankfurt am Main) vor. Der Journalist Robert Weltsch (1891-1982) versuchte in den 1930er-Jahren, der Nazi-Ideologie mit einer humanistischen jüdischen Version des Nationalismus auf der Basis von Gerechtigkeit und friedlicher Koexistenz mit anderen Völkern entgegenzutreten. Weltsch gehörte wie Kohn dem ‚Brit Shalom‘ an und setzte sich in diesem Rahmen für einen binationalen Staat in Palästina ein, der durch politische Parität, kulturelle Autonomie und sozioökonomische Koexistenz gekennzeichnet sein sollte. Auch nach den schweren Gewaltausbrüchen zwischen Juden und Arabern in Palästina in den 1920er-Jahren hielt er im Gegensatz zu Kohn trotz Zweifeln am Zionismus fest. Ab 1933 sah er sich jedoch mit der Situation konfrontiert, dass sich gleichzeitig die Lage der Juden in Deutschland stetig verschlechterte, aber auch in Palästina der Konflikt mit der arabischen Bevölkerung sich zuspitzte. Wie sollte angesichts dieser doppelten Bedrohung der von ihm verfochtene moralische Charakter des jüdischen Nationalismus erhalten bleiben? Sein Plan einer langsamen und kontrollierten jüdischen Einwanderung nach Palästina bei gleichzeitiger Konzentration auf eine geistig-kulturelle Revitalisierung des Judentums in der europäischen Diaspora drohte angesichts der Zwangslage der europäischen Juden zu scheitern. Zudem wurde er für seine ambivalente Haltung zur jüdischen Emigration nach Palästina zunehmend angegriffen.
Der deutsche Nationalsozialismus galt Weltsch zeitlebens als Negativfolie, als die dämonische Variante des Nationalismus, der es eine humanistische, positiv konnotierte Variante gegenüberzustellen galt, an der er den jüdischen Nationalismus maß. Seit der Staatsgründung Israels 1948 waren Weltschs journalistische Texte wie auch seine Privatkorrespondenz von der Verzweiflung über das Zerbrechen seiner Idee eines humanistischen Nationalismus geprägt. Der Regierung David Ben Gurions unterstellte Weltsch, eine jüdische Variante des Faschismus zu propagieren und einen israelischen „Rassenstaat“ errichten zu wollen. Wiese schloss mit der Frage, ob Weltschs Vorstellung eines humanistischen Nationalismus eine naive Illusion gewesen sei oder ob sie relevante Erkenntnisse für die Bearbeitung des israelisch-palästinensischen Konflikts in der Gegenwart eröffnen könnte.
Im zweiten Teil seines Kommentars ging Francis Nicosia noch einmal auf die „Unseen Question“ ein. Er fragte, inwieweit die Mitglieder des ‚Brit Shalom‘ den Ethnonationalismus als ein einseitiges jüdisches Problem behandelten und ob der arabische Nationalismus mit seinen eigenen, ausschließlichen politischen und territorialen Forderungen eine Rolle für sie spielte. Wenn dies nicht der Fall sei, mutmaßte Nicosia, müsste man dann nicht auch den Mitgliedern des ‚Brit Shalom‘ unterstellen, dass ein Teil der Frage, wie der Zionismus mit den in Palästina lebenden Arabern umgehen sollten, auch für sie unsichtbar blieb?
Die darauf folgende Plenumsdiskussion widmete sich neben der Frage nach dem Fortleben von Kohns Nationalismustheorien vor allem der von Christian Wiese angesprochenen Thematik, inwieweit die Ideen des ‚Brit Shalom‘ illusorisch gewesen seien. Es wurde zudem angemerkt, dass eine osteuropäische Perspektive auf den jüdischen Nationalismus gefehlt habe.
Das Schwerpunktthema des diesjährigen Historikertags, „Über Grenzen“ hat sich für die Zionismus-Sektion als besonders gewinnbringend erwiesen. Jeder einzelne Beitrag lotete die sehr unterschiedlichen Grenzziehungen der jeweils besprochenen zionistischen Akteure oder Gruppierungen aus und machte auf deren Hintergründe, vor allem aber auch deren inneren Widersprüche oder Chancen aufmerksam. Allein die diversen zionistischen Untergruppierungen, die sich in der Zionistischen Weltorganisation sammelten, zeigen, wie stark die Organisation bereits von innen durch Grenzziehungen bestimmt war. Transfer scheint deshalb geradezu ein Schlüsselbegriff zu sein, der sich für die weitere wissenschaftliche Analyse des Zionismus anbietet. Besonders im Zuge einer regelrechten Konjunktur der Ideen des ‚Brit Shalom‘ für die Geschichtswissenschaft seit einigen Jahren, ist in dieser Hinsicht eine Fülle neuer Forschungsergebnisse zu erwarten. Die besondere Herausforderung für die Zionismusforschung wird dabei sein, den zionistischen Nationalismus in seiner Heterogenität zu erfassen und ihn in die jeweiligen zeitgebundenen Diskurse einzuordnen. Dabei wird es vor allem auch darauf ankommen im Sinne einer transnationalen Geschichtsschreibung die Verflechtungen zwischen den verschiedenen Vorbildern, Ideen und Diskursen, die in der Zionistischen Weltorganisation aufeinandertrafen, offenzulegen. Bei einer Ausweitung der Perspektive, beispielsweise auf den Zionismus in Osteuropa und dessen Verflechtung mit den west- wie auch osteuropäischen zeitgenössischen Diskursen, dürften so noch weitere spannende Ergebnisse erlangt werden.
Sektionsübersicht:
Stefan Vogt (Beer-Sheva): Zionismus und Weltpolitik: Die Auseinandersetzung der deutschen Zionisten mit dem deutschen Imperialismus und Kolonialismus
Ulrich Sieg (Marburg): Der Zionismus im Ersten Weltkrieg
Lutz Fiedler (Leipzig): Zwischen Zionismus und Universalismus: Prag und die Entstehung der Nationalismusforschung
Michael Enderlein (Hamburg): Messianismus und Weltbürgertum: Hans Kohns Theorien des Nationalismus als Versuche der Einhegung und Aufhebung
Christian Wiese (Falmer/Frankfurt am Main): Das dämonische Antlitz des Nationalismus: Robert Weltschs Deutung des Zionismus angesichts des Nationalsozialismus
Francis R. Nicosia (Burlington): Kommentar
[1] Hedva Ben-Israel, Zionism and European Nationalisms. Comparative Aspects, in: Israel Studies 8/1 (2003), S. 91-104; Dies., Herzl’s Leadership in a Comparative Perspective, in: Gideon Shimoni/Robert S. Wistrich (Hrsg.), Theodor Herzl. Visionary of the Jewish State, Jerusalem 1999, S. 147-164; Miroslaw Hroch, Zionismus als eine europäische Nationalbewegung, in: Ekkehard W. Stegemann (Hrsg.), 100 Jahre Zionismus. Von der Verwirklichung einer Vision, Stuttgart 2000, S. 33-40.
[2] Walter Laqueur, A History of Zionism, London 1972, S. 209-269. Tagungsbericht Nationalismus, Internationalismus und Transnationalismus im deutschsprachigen Zionismus. 28.09.2010-01.10.2010, Berlin. In: H-Soz-u-Kult 30.10.2010. Ökonomien der Aufmerksamkeit im 20. Jahrhundert. Eine transnationale Perspektive auf Techniken der Messung, Vermarktung und Generierung von AufmerksamkeitLeitung: Christiane Reinecke / Malte Zierenberg, Humboldt-Universität zu Berlin Bericht von: Regina Finsterhölzl, Institut für Asien- und Afrikawissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin Georg Franck diagnostizierte in den 1990er-Jahren einen Prozess in der Mediengesellschaft, in dem Aufmerksamkeit in gewisser Hinsicht mit einer Geldwährung vergleichbar werde: Sie könne gemessen, akkumuliert, ja sogar angelegt werden
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. Organisator/innen und Teilnehmer/innen dieses Panels bezogen sich in ihren Arbeiten durchaus mit kritischer Distanz auf seine Annahmen. Wie die Organisator/innen einführend betonten, sollte das Konzept als eine Art Stichwortgeber für historiographische Forschungen zur wissenschaftlichen Beobachtung in modernen Mediengesellschaften dienen. Dabei sollte nach der Herstellung von Wissen über Bevölkerungsgruppen gefragt werden, nach den Akteuren dieses Prozesses und nach den verschiedenen Formen, welche Wissensproduktion annehmen kann. Die Beiträge beschäftigten sich in unterschiedlichen zeitlichen und räumlichen Bereichen mit dem Aufkommen von Markt- und Meinungsforschung, von sozialwissenschaftlicher Technik und von wissenschaftlicher Beobachtung sowie mit Prozessen, in denen Umfragewissen über Bevölkerungen generiert wird. Die Beiträge setzten zudem diese Prozesse mit ihrer massenmedialen Vermittlung sowie mit gesellschaftlichen Selbstbeschreibungen in Beziehung.
MALTE ZIERENBERG (Berlin) untersuchte in seinem Beitrag die Publikumsforschung im anglophonen Raum ab den 1940er-Jahren sowie in Westdeutschland ab 1945 und damit Versuche, den Zuschauer als Figur wissenschaftlich zu beschreiben. Er stellte damit verbunden die Frage, wie diese Herstellung von Wissen über bestimmte soziale Gruppen mit Prozessen von gesellschaftlicher Selbstbeschreibung und Selbstwahrnehmung verbunden war. Die Zuschauerforschung in Westdeutschland stützte sich stark auf Entwicklungen und Konzepte aus der Publikumsforschung in Großbritannien und den USA, in der sich ein Blick auf den Zuschauer etablierte, mit dem Selbstbeschreibungen von Mediengesellschaften möglich waren. Zierenberg fokussierte auf die Zuschauerforschung des Fernsehens in der BRD seit den 1960er-Jahren. Dabei beschrieb er, wie das produzierte Datenmaterial über die Massenmedien in breite gesellschaftliche Kreise getragen wurde, und so eine Selbstbeobachtung über Fernseh-Konsum entstand, in der soziale Normen und Unterschiede etabliert und diskutiert wurden. Über die Thematisierung des Zuschauerstatus wie etwa in Talkshows wurden auch Partizipationsformen verhandelt. In solchen „Zuschauerdiskursen“ sei es, so Zierenberg, zu einer „medial vermittelten Selbstbeschreibung der Demokratie“ gekommen.
Die Herausbildung und transnationale Ausbreitung von politischen Meinungsumfragen in den 1930er- und 1940er-Jahren stand in dem Vortrag von BERNHARD FULDA (Cambridge) im Zentrum. Er beschrieb Meinungsforschung als Kommunikationsform, und lenkte hier den Blick zum einen auf die Frage ihrer Wirtschaftlichkeit und ihrer Finanzierung, und zum anderen auf ihre Verbreitung in und über die Medien. Die Methode des ‚scientific polling‘ hatte ihren Durchbruch anlässlich von Präsidentschaftswahlen in den USA der 1930er-Jahre und war eng mit dem ‚American Institute of Public Opinion‘, geleitet von George Gallup, verbunden. Am Beispiel dessen Erfolgsgeschichte in den USA und ihrer Expansion in verschiedene europäische Länder zeigte Fulda auf, wie mit dem Erfassen öffentlicher Meinung auch für nicht-kommerzielle Zwecke Aufmerksamkeit erzeugt und somit für einen medialen Markt ein kommerzieller Wert hergestellt wurde. Hierbei kam für Gewinn und Erhalt von Aufmerksamkeit der Grad des Vertrauens in die wissenschaftlichen Resultate eine besondere Bedeutung zu.
CHRISTIANE REINECKE (Berlin) legte in ihrem Beitrag einen vergleichenden Blick auf die Umfrageforschung in der frühen BRD und der DDR dar. Sie fragte dabei nach den Mechanismen und Bedingungen der Produktion des Umfragewissens im „Zusammenspiel von empirischer Sozialforschung, Massenmedien und Gesellschaft“. Der Vergleich schärfe hier besonders den Blick für die Rolle einer bestimmten Struktur von Öffentlichkeit in diesen Prozessen. Denn während in der DDR die Wissensproduktion der Sozialwissenschaften engen politischen Vorgaben folgte und über einem kleinen Kreis der Parteiführung hinaus kaum über Massenmedien einer breiten Öffentlichkeit zugänglich wurde, verwies sie hier für die BRD hier auf eine starke Wechselwirkung von sozialwissenschaftlichem Wissen und einer gesellschaftlichen Selbstbeschreibung. In den Massenmedien diente die Wissenschaftlichkeit der Umfragen hier einerseits dazu, den ‚Wahrheitscharakter‘ der Aussagen zu unterstreichen. Andererseits stellte sich damit aber auch eine Kommunikationssituation dar, in der die Erhebung von Umfragen zu eine Art gesellschaftlicher Mitsprache wurde, in die dann auch, massenmedial vermittelt, gesellschaftliche Normierungsdiskussionen ihren Weg fanden. Ebenfalls um gesellschaftliche Normierungen ging es in dem Vortrag von KERSTIN BRÜCKWEH (London), die die Ausbreitung eines gesellschaftlichen Klassifikationsmodells anhand der Geschichte der Geographischen Informationssysteme in Großbritannien seit den späten 1970er-Jahren untersuchte. Diese computerbasierten Systeme ermöglichten eine räumliche Darstellung von erhobenen Daten über die britische Bevölkerung als Bürger bzw. als Konsumenten. Ihre auf computergesteuerter Technologie basierende, marktbezogene, kommerziellen Prinzipien folgende Analyse löste, so Brückweh, einen grundlegenden Umbruch in der Selbstbeschreibung der britischen Gesellschaft aus: das System der ‚social classes‘ wurde deutlich in Frage gestellt und schließlich abgelöst durch die Einteilung der britischen Gesellschaft in bestimmte Modelltypen von Individuen oder Familien, die sich allein an ihrer Kaufkraft und ihrem Kaufverhalten orientieren. Dabei stand nicht mehr die Zuordnung zu einer sozialen Klasse, sondern die räumliche Zuordnung der Individuen zu einem bestimmten Bereich einer Stadt oder des Landes im Zentrum.
Stärker auf Fragen der Institutionalisierung von Selbstbeobachtung war der Beitrag von ANJA KRUKE (Bonn) ausgerichtet, die am Beispiel des Eurobarometers in den 1970er-Jahren Meinungsumfragen in Europa zum Prozess der europäischen Integration untersuchte. Die Etablierung des Eurobarometers war mit seinen zweimal jährlich durchgeführten Umfragen ein wichtiger Einschnitt in der bis dahin nur sporadisch durchführten Beobachtung der Europäischen Union über die sozialen und politischen Ansichten ihrer Bürger. Man versprach sich davon eine Förderung von gemeinsamer Öffentlichkeit und ein positives Bild des europäischen Einigungsprozesses in der Presse. Doch wie Kruke zeigte, entwickelte und verfestigte sich eher ein defizitorientierter Diskurs, den das Eurobarometer trotz Veränderungen in Umfragekonzepten nicht ausgleichen konnte.
AXEL SCHILDT (Hamburg) betonte in seinem Kommentar die Gegenwartsrelevanz der aufgeworfenen Fragen aufgrund der enormen Medienpräsenz in unserer Gesellschaft. Die Gewinnung von Aufmerksamkeit habe eine hohe Aktualität in den heutigen Gesellschaften. Auch er unterstrich, Francks Konzept der Aufmerksamkeitsökonomie als „Anregung mittlerer Reichweite“ aufzufassen, der einen pointierten Blick auf heutige Gesellschaften ermöglichte. Notwendig sei dabei auch eine kritische Beleuchtung des Konzepts der Mediengesellschaft durch die Geschichtswissenschaft, wie beispielsweise durch eine Genealogie der Kategorie Aufmerksamkeit.
Alle Beiträge boten fundierte Einblicke in Forschungen, in denen die Frage nach der Erzeugung und Bindung gesellschaftlicher Aufmerksamkeit gestellt wird und mit der Frage verbunden wird, wie diese wissenschaftlich vermessen und beschrieben wurde und so auch an ihrem Erhalt oder sogar an ihrer Konstruktion mitgewirkt wurde. In diesem Zusammenhang kamen auch Exklusions- und Inklusionsmechanismen zur Sprache; Fulda zeigte am Beispiel der Konstruktion von Wählergruppen in der politischen Meinungsforschung auf, wie nach kulturellen oder wirtschaftlichen Kriterien Bevölkerungsgruppen von vornherein von den Umfragen und so wohl auch von Prozessen der medialen Aufmerksamkeit ausgeschlossen wurden.
Thema in den verschiedenen Vorträgen war auch der Transfer von Umfragetechniken und von Umfragewissen über Staatsgrenzen hinweg; in dem Panel wurde deutlich, dass die untersuchten wissenschaftlichen Konzepte und ihr gesellschaftlicher Rückbezug nicht mit rein nationalem Fokus beschrieben werden können. Hier wurde oft auf die Ausbreitung von den USA in europäische Länder verwiesen, aber auch innereuropäische oder deutsch-deutsche Bewegungen von Wissen wurden thematisiert. Hier wies beispielsweise Reinecke auch darauf hin, dass sich diese Aneignung von Umfragewissen auch als eine gegenseitige Wahrnehmung der jeweiligen Gesellschaften beschreiben lässt, in der das Umfragewissen den Deutungen der anderen Gesellschaft eine Art objektiven Anstrich verleihen konnte. Doch in den Beiträgen wurden auch die Begrenzungen von Transfers über nationale Grenzen hinweg deutlich. Der Beitrag von Reinecke über den deutsch-deutschen Vergleich zeigte beispielsweise die politischen Begrenzungen von Transfer in der Anwendung wissenschaftlicher Konzepte auf und verwies auf die Gebundenheit dieser an die Eigenschaften der jeweiligen gesellschaftlichen Öffentlichkeit. Kruke verwies in ihrem Beitrag auch auf die Hemmnisse, welche sich durch die national strukturierten Öffentlichkeiten innerhalb der Europäischen Union für eine mediale Verbreitung der europaweit angelegten Forschungsergebnisse ergaben.
Im Kommentar und in der Schlussdiskussion kam nochmals die Frage nach den jeweiligen Akteuren in diesen Prozessen auf. Einerseits wurden nach den Akteuren der Wissensgenerierung und ihrer Rolle in diesem Prozess gefragt, was die Frage nach ihrer Finanzierung beinhaltet; aber auch, worauf Fulda am Beispiel der politischen Meinungsumfrage verwiesen hatte, die Frage danach, wer die Beobachter selbst eigentlich beobachtet. Der Vortrag von Kruke zeigte dabei auch die Grenzen der Konstruktionsmöglichkeiten von Seiten der Wissensgenerierenden auf: Wo es keine Aufmerksamkeit gibt, kann man auch keine generieren. Zum anderen wurde auch die Rolle und Position des Zuschauers thematisiert, und zur Sprache gebracht, dass dieser nicht nur Aufmerksamkeit gibt, sondern sie ihm eben auch gegeben wird.
Ebenso beleuchteten die Vorträge der Sektion auf unterschiedliche Weise das Verhältnis von kommerzieller Marktforschung und von politischer Meinungsforschung oder Umfrageforschung, die oft im staatlichen Auftrag durchgeführt wurde. Kamen die Konzepte meist aus der Marktforschung und wurden von staatlicher Seite aufgegriffen, so demonstrierte Brückweh am Beispiel der Geographischen Informationssysteme, dass hier ein Transfer aus den Methoden der Armutsforschung und in einem Rückgriff aus Daten von Volkszählungen in die kommerzielle Marktforschung stattfand und so in methodischer sowie inhaltlicher Hinsicht Einschnitte in Selbstklassifizierungen der britischen Gesellschaft auslöste. Heute dient dieses System wiederum zur Planung von Wahlkampfstrategien der politischen Parteien.
Mit dem Konzept, den Begriff der Aufmerksamkeitsökonomien als eine Anregung zu nehmen, um über wissenschaftliche Beobachtung von Gesellschaften und deren Wechselwirkung mit Prozessen von gesellschaftlicher Selbstbeschreibung nachzudenken, entstand eine sehr anregende und interessante Sektion, die sehr interessante Präsentationen von aktuellen Forschungsarbeiten und deren Diskussion bot. In den Vorträgen sowie in der Diskussion im Anschluss daran wurde deutlich, dass die in der Sektion aufgeworfenen Fragestellungen nach den Verschränkungen und Rückbezügen zwischen Wissenschaft, Medien und Gesellschaft notwendig sind für ein tieferes Verständnis einerseits der Karriere bestimmter wissenschaftlicher Konzepte in der Markt- und Meinungsforschung, aber auch der Auseinandersetzungen der jeweiligen Gesellschaften mit Selbst- und Fremdbeschreibungen und ihrer eigenen sozialer Ordnung.
Sektionsübersicht:
Malte Zierenberg (Berlin): Der Zuschauer. Zur Konstruktion einer Figur der Aufmerksamkeitsökonomie im 20. Jahrhundert
Bernhard Fulda (Cambridge): Der Markt der politischen Meinungen. Meinungsforschung und Öffentlichkeit in transnationaler Perspektive, 1930-1950
Christiane Reinecke (Berlin): Meinung mit und ohne Markt. Zur Rolle der Umfrageforschung in den beiden deutschen Gesellschaften
Kerstin Brückweh (London): Kartographierung sozialer Unterschiede. Zur Messung und Vermarktung soziokultureller Daten in Großbritannien
Anja Kruke (Bonn): Aufmerksamkeit für Europa. Eurobarometer, empirische Sozialforschung und die Europäische Kommission, 1962-1979
Kommentar: Axel Schildt (Hamburg)
[1] Siehe beispielsweise: Georg Franck, Ökonomie der Aufmerksamkeit. Ein Entwurf, München 1998. Tagungsbericht Ökonomien der Aufmerksamkeit im 20. Jahrhundert. Eine transnationale Perspektive auf Techniken der Messung, Vermarktung und Generierung von Aufmerksamkeit. 28.09.2010-01.10.2010, Berlin. In: H-Soz-u-Kult 06.11.2010. Passagen über GrenzenLeitung: Matthias M. Tischler, Technische Universität Dresden / Universitat Autònoma de Barcelona Bericht von: Britta Müller-Schauenburg, Hugo von Sankt Viktor – Institut, Philosophisch-Theologische Hochschule Sankt Georgen, Frankfurt am Main Im Panorama der Begriffe, die vermittels der Transferforschung in den vergangenen Jahren neu eingeführt und etabliert wurden, ist der Begriff der „Passage“ mit Rückgriff auf Walter Benjamin ein noch deutlich unterrepräsentierter Begriff. Als genuin geschichtsphilosophischer Begriff ist er anspruchsvoll und theoretisch komplex, der im Hintergrund stehende zentrale Quellentext ist ein schwer zu lesender philosophisch-erkenntnistheoretischer Entwurf
[1]
. Doch das erschließende Potenzial, das er birgt, ist enorm. Im folgenden Bericht wird (I.) der Aufbau der Sektion, (II.) der Begriff der „Passage“ so, wie er vom Sektionsleiter zu Grunde gelegt wurde, und (III.) jeweils eine kurze Zusammenfassung der einzelnen Vorträge referiert, um dann zuletzt (IV.) den Diskussionsertrag zu würdigen.
Die Sektion
Das nachwuchswissenschaftlich besetzte Referenten-Panel realisierte durch die beteiligten Personen bzw. Universitäten von Paris – über Barcelona, Heidelberg und Dresden – bis Bochum Internationalität von Marokko bis Deutschland, Multireligiosität durch die teilnehmenden Christen, Juden und Muslime, sowie Multilingualität durch die Sektionssprachen Deutsch, Französisch und Englisch. Der Kern des Panels ergab sich aus dem nunmehr in der dritten Förderphase befindlichen mediävistischen Schwerpunktprogramm 1173 der Deutschen Forschungsgemeinschaft, aus dessen Ergebnissen es seine zentralen Fragestellungen und den Forschungsverbund der internationalen Referenten bezog. Eine Veröffentlichung der Beiträge ist geplant. Das Vortragsprogramm wurde nach einer übergreifenden Einführung in den Begriff der „Passage“ gegliedert in zwei Untersektionen zu je zwei Vorträgen mit Diskussion, unterbrochen durch eine kurze Pause, und am Ende zusammengebunden durch eine Abschlussdiskussion mit Fokus auf das Passagen-Paradigma.
Der Begriff der „Passage“
Den Begriff der „Passage“ entfaltete MATTHIAS M. TISCHLER (Dresden / Barcelona) als einen bereits bei W. Benjamin vieldimensionalen Begriff zwischen Reflexion und Performation des Forschens. Bekannt sei, dass Benjamin in vielfacher Weise in „Passagen“ involviert war, als jüdisch-deutscher Philosoph sowie fachlich oszillierend zwischen den Disziplinen Philosophie, Germanistik und Geschichte. Sein Leben hat fast datumsgenau vor 70 Jahren in der Nacht vom 26. auf den 27. September 1940 auf der Flucht vor den Nationalsozialisten im bergigen Grenzraum zwischen Frankreich und Spanien vor der verweigerten Passage ausweglos mit dem Suizid geendet. Die „Passage“ sei schon bei Benjamin selbst, dessen letztes Werk den Titel „Der Begriff der Geschichte“ trägt, mit der historischen Disziplin eng verbunden. Im 2. und 3. Februar 2007 fand in Bordeaux erstmals eine Tagung von europäischen Mediävisten zum Passagenbegriff statt, unter dem Titel „Passages – Déplacement des hommes, circulation des textes et identités dans l'Occident médiéval“, in deren Folge Tischler diese Sektion sachlich einordnete. Seit der kulturanthropologischen Wende richte sich das historische Interesse insgesamt zunehmend auf Phänomene der Transkulturalität und untersuche an ihnen Bedingungen und Aktionen von Grenzüberschreitungen und Ortswechseln aller Art, insofern sich mit ihnen ein Wechsel des Darstellungs- und Interpretationsrahmens vollzieht. Im Reigen der Leitbegriffe der Transferforschung stelle der Passagen-Begriff allerdings nicht einfach nur ein weiteres Konzept zur Verfügung, sondern er leiste performativ die Verbindung von Quellenbegriff und Erkenntniskategorie im „Ort“ bzw. „Raum“ und zwinge in ein „Denken in Passagen“. Denn schon im Mittelalter finde sich der Begriff „passaticum“ (Zoll) im Fundus der lateinischen Sprache. Er konnte auch die Bedeutung „Fährgeld“ oder „Zollstation“ annehmen, und schließlich in der Handelssprache die „Überfahrt“ im weitesten Sinne bedeuten. Dieses Denken vermeide essentialistische Begriffe („Kultur“, „Religion“) und ein Operieren mit oppositionellen Begriffspaaren („lateinisch/arabisch“ oder „christlich/muslimisch“) und richte sich primär auf die Prozesse, auf die Passage als Ereignis, und ihre Wirkung und versuche auf diesem Wege, Kenntnis zu gewinnen über den Anderen, Partner, Nachbarn. Der Begriff der „Grenze“ selbst sei neu zu bedenken, indem der Ereignisstruktur und dem Erkenntnispunkt der Passage alle Aufmerksamkeit gewidmet werde, vor dem Hintergrund der Tatsache, dass jedes Passieren einer Grenze diese überhaupt erst zu ziehen ermögliche, und, mehr noch, das Ziehen neuer Grenzen notwendig impliziere (Foucault). Ähnlich wie „Migration“ sei auch „Passage“ ein offener Bewegungsbegriff ohne teleologische Konnotation, aber anders als bei „Migration“ gerieten in der „Passage“ eher kleinere Einheiten in den Blick, die unter Umständen auch nicht von hoher Dauer seien: Individuen, die nicht zwangsläufig mit einem klaren Ziel und einem eindeutigen Motiv flüchtig oder vorübergehend den Ort verlassen, und dies für einen begrenzten Zeitabschnitt – eben den der Passage. Das Passagenparadigma besitze daher eine Tendenz zu Mikrostudien, und favorisiere das Individuum in seinen singulären Bewegungsmomenten als leitende Einheit. Vielfältige geographische, institutionelle, geschlechtliche, sozialschichtbezogene, sprachliche und religiöse Forschungsfelder seien denkbar. Als thematisches Bindeglied dieser Sektion fungiere das Mittelmeer als kultureller Bewegungsraum zwischen den an ihm partizipierenden kulturellen und religiösen Anrainern.
Vorträge
YASSIR BENHIMA (Paris) beschrieb den Prozess der Islamisierung im südwestlichen Maghreb in der Zeit vom 7. bis zum 8. Jahrhundert als eine religiöse Passage. Nach der ersten militärischen Eroberung durch Muslime sei der Islam nur sehr teilweise auf eine romanisierte Vorkultur gestoßen, und, vor allem in der berberischen Bevölkerung, auf polytheistische Kulte wie zum Beispiel den Widderkult. Aus der arabischen Sprache stünden drei Wurzeln für den Begriff des „Heiligen“ zur Verfügung: QDSH, HRM, GRM (letzteres sei besonders in die Tradition der Berber aufgenommen worden). Im Westen des Maghreb könne man von drei „Stratifikationen“ des Heiligen sprechen: einem sogenannten prä-islamischen Paganismus, einem prä-islamisch bezeugten Ram-Kult oder Widderkult, und einer Abspiegelung des Ram- oder Widderkultes in Orts- und Personennamen. Anfangs hätten die Berber noch in gerader Konkurrenz mit den Arabern gestanden, mit fortschreitender Islamisierung sei aber die eigene Herkunft so umgeschrieben worden, dass die legendären Begleiter des Mohammed hinzugenommen und Datierung der Islamisierung vorverlegt worden sei in eine Zeit, in der historisch davon noch nicht die Rede gewesen sein könne. Frühe Moscheen hätten noch lange an das prä-islamische „Geheiligte“ erinnert.
DANIEL KÖNIG (Paris) befasste sich mit Verzerrungen in Bezug auf die heutige Wahrnehmung der Informationsvermittlung zwischen lateinisch-christlicher und arabisch-islamischer Welt, die er als vornehmlich kulturelle Passage begriff. Eine Korrespondenz zwischen muslimischen Herrschern und dem Papst etwa fände sich auf der lateinisch-christlichen Seite in über 26 lateinischen Briefen der Päpste, einem arabischsprachigen Original und neun lateinischen Übersetzungen von Antworten bezeugt, während auf muslimischer Seite nur ein einziger Brief erhalten sei. Die Beziehungen auf der Grundlage der arabischen Quellen rekonstruieren zu wollen, wäre also falsch. Ähnliche Fehler aber begehe man, wenn man für eine Beurteilung des Informiertseins etwa den genauen geographischen Sitz und die „Umwelt“ des in Frage stehenden muslimischen Gelehrten nicht beachtete. Einzelstudien zeigten, dem „Gesamteindruck“ entgegen, eine große Vielfalt an Kontakten zu oftmals auch überraschenden und unerwarteten Fragen (beispielsweise eine sorgfältige Recherche eines malikischen Rechtsgelehrten in Alexandria zu Beginn des 12. Jahrhunderts zu der Frage, ob der Verzehr christlichen Käses zu empfehlen sei). Und auch für eine sich nach Abzug all dieser Sonderbedingungen eventuell noch abzeichnende „schlechte“ Informationssituation der arabisch-muslimischen Welt im Vergleich mit der lateinisch-christlichen lohne sich das sehr genaue Hinsehen, bevor man unterstellten „mentalen Barrieren“ das Wort rede.
JENNY RAHEL OESTERLE (Bochum) zeigte die Fragilität des interreligiösen Beziehungsgeflechtes am fatimidischen Kalifenhof in Kairo auf, wo 995 ein dem Kalifen al-Aziz auf einem Ausritt von einem Unbekannten zugesteckter Zettel mit der Klage, der Kalif kümmere sich um Juden und Christen, aber nicht um die Muslime, eine Umbesetzungswelle für die öffentlichen Ämter und eine faktische Verdrängung der bis dahin durchaus vorhandene jüdischen und christlichen Beamten am Kalifenhof zur Folge hatte: Wo bis dahin die persönliche Qualifikation für die Laufbahn ausschlaggebend gewesen sei und Religionszugehörigkeit insgesamt keine Rolle gespielt habe, sei plötzlich die Religionszugehörigkeit entscheidend gewesen, obwohl der Konflikt an sich kein religiöser gewesen sei, sondern eine Frage des Einflusses und der Macht am Hofe. Zugleich seien unter Leitung des Kalifen Religionsdisputationen abgehalten worden, in denen sich die Rolle des Moderatoren allerdings von einem Augenblick zum nächsten in die des Machthabers, der mit militärischen Maßnahmen und Vernichtung droht, wandeln konnte, was die These von Michael Borgolte, diese Religionsgespräche seien weniger Versuche des Verstehenwollens als vielmehr eine Form der Konfliktaustragung gewesen, bestätige.
FREDEREK MUSALL (Heidelberg – abwesend, Paper wurde verlesen) widmete sich den wesentlichen philosophischen und theologischen Argumenten und inhaltlichen Analogien und Differenzen in rechtstheologischen Schriften des Al-Ghazali und Moses Maimonides vor dem Hintergrund der Frage, ob und in wiefern auch Intertextualität als eine Form von religiös-kultureller „Passage“ analysiert werden kann. Die literarische Abhängigkeit des Al-Ghazali von Maimonides sei nicht unwahrscheinlich, auch wenn er in Bezug auf Maimonides vollständig schweige und jegliche beleghafte Referenz fehle. Die Analyse müsse sich in diesem Fall also auf inhaltliche Übereinstimmungen beschränken. In dieser Hinsicht lasse sich allerdings eine deutliche gemeinsame Ausrichtung hin auf die Tradition der negativen Theologie feststellen sowie eine gemeinsame Interpretation des „Wissens“ letztlich als ein religiöses Wissen, wenngleich beide Philosophen naturwissenschaftliches Wissen dem religiösen Wissen nicht entgegenstellten, sondern die Wissensformen in einer grundsätzlichen Einheit sähen, was ein weiteres gemeinsames Element beider Bücher darstelle.
Der Ertrag der Diskussion
Gerade auch vermittels der Schlussdiskussion zu Status und „Verortung“ der „Passage“ als geschichtswissenschaftliches Forschungsparadigma ließ sich das Problembewusstsein hinsichtlich der großen Herausforderung schärfen, die speziell dieser Begriff in seiner anspruchsvollen Fassung bedeutet. Die Herausforderung liegt darin, den Begriff nicht wieder als einen weiteren „Kasten“ mißzuverstehen, und diesen neben die anderen „Kästen“ namens „Kultur“, „Religion“, „Staat“, „Nation“ etc. zu stellen, während die Art des forschenden Zugriffs und die Perspektive unverändert bleiben. Die „Passage“ avisiert vielmehr den Raum, das Ereignis und die Umstände des Übergangs, der im „Dazwischen“ überhaupt erst seine Begriffe ausbildet. Für die Wissenschaftssprache folgt daraus die Notwendigkeit einer sehr grundsätzlichen Reformulierung des Standardvokabulars, die in mühevoller Kleinarbeit zu leisten ist.
Das mittelalterliche Mittelmeer als verbindendes Element des Vortragspanels bewährte sich einmal mehr hervorragend als Bereich eines solchen Versuches, in seiner Stellung als exzellenter Weg und Verbindungsraum ohne eine „eigene“ dominierende Qualität. Zugleich wird klar, wie wenig auch die Einzelstudie bereits von selbst das „Denken in Passagen“ mit sich bringt, nur, weil sie einen Übergang zum Thema macht. Wenngleich die primäre Form der Passagenforschung sicher die Mikrostudie ist und sein wird, betrifft die Herausforderung doch in einem ganz umfassenden Sinne das gesamte Forscher- und Forschungsszenario, in dem sie angelegt und formuliert wird, ihr theoretisches und methodisches „Framing“.
Sektionsübersicht:
Matthias M. Tischler (Dresden / Barcelona): „Passagen über Grenzen“. Einführung in ein Forschungsparadigma
Yassir Benhima (Paris): Construction religieuse du territoire et processus d’islamisation au Maroc (IXe–XIIIe siècle)
Daniel König (Paris): Mittelalterlicher „Datenverkehr“ und seine Hürden. Zu Verzerrungen im Rahmen der Informationsvermittlung zwischen lateinisch-christlicher und arabisch-islamischer Welt
Jenny Rahel Oesterle (Bochum): Multireligiosität im höfischen Leben. Barrieren und Grenzen?
Frederek Musall (Heidelberg): Barrieren – Passagen. Intertextualität zwischen dem Ihya ulum ad-addin des Abu Hamid ibn Muhammad al-Ghazali und der Mishne Torah des Moses Maimonides
[1] Rolf Tiedemann (Hrsg.), Walter Benjamin, Das Passagen-Werk, Frankfurt am Main 1983.
[2] Vgl. als Sammelband aus diesem Verbund: Michael Borgolte / Juliane Schiel / Bernd Schneidmüller / Annette Seitz (Hrsg.), Mittelalter im Labor. Die Mediävistik testet Wege zu einer transkulturellen Europawissenschaft, Berlin 2008. Die Website findet sich unter <http://www.spp1173.uni-hd.de/links.html> (26.10.2010), Tagungsbericht Passagen über Grenzen. 28.09.2010-01.10.2010, Berlin. In: H-Soz-u-Kult 30.10.2010. Prekäre Siege. Die römische Monarchie und der BürgerkriegLeitung: Johannes Wienand, Universität Heidelberg Bericht von: Wolfgang Havener, Fachbereich Geschichte & Soziologie, Universität Konstanz Der Bürgerkrieg war ein hochgradig dynamisierendes Element der römischen Monarchie, hat in der modernen Forschung zu Prinzipat und Spätantike bislang jedoch nur unzureichende Beachtung gefunden. Die Sektion „Prekäre Siege“ auf dem Historikertag 2010 in Berlin widmete sich diesem Phänomen und befasste sich mit der Frage, wie sich der Bürgerkrieg auf die Genese des römischen Kaisertums von seiner Etablierung durch Augustus bis in die Spätantike auswirkte. Im Mittelpunkt stand dabei die Ambivalenz im diskursiven Umgang mit dem Bürgerkrieg: So stellte der militärische Erfolg im Allgemeinen ein zentrales Element kaiserlicher Legitimationsbemühungen dar. Im Falle des Bürgerkriegs trat zudem das Motiv der liberatio hinzu, wie es bereits im Tatenbericht des Augustus formuliert wird: Der siegreiche Feldherr hat den gefährdeten Staat aus den Händen einer factio befreit. Gleichzeitig befand sich der Sieger jedoch aufgrund der negativen Semantisierung des Bürgerkriegs in einer äußerst prekären Situation. Der Sieg in einem solchen Konflikt konnte nicht nur zur Stabilisierung der eigenen Position genutzt werden, sondern barg zugleich ein enormes Potential für Kritik und für die Delegitimierung des Herrschers. Diese Problematik fand ihren Niederschlag einerseits in der kaiserlichen Selbstdarstellung, innerhalb derer die heiklen Aspekte des Bürgerkriegs weitestgehend ausgeblendet wurden, sowie andererseits in bestimmten Narrativen und in der Gesamtheit des literarischen, öffentlichen und politischen Diskurses über den Bürgerkrieg.
ULRICH GOTTER (Konstanz) widmete sich in seinem Vortrag der Genese und Festigung des frühen Prinzipats und ging dabei konkret der Frage nach, welche Funktionen die Schilderung exzessiver Gewalt im Rahmen kaiserzeitlicher Darstellungen der Bürgerkriege der späten Republik erfüllen sollte. Den Ausgangspunkt seiner Überlegungen bildete die Beobachtung, dass das Bürgerkriegsnarrativ in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten durch eine Häufung von Schilderungen extremer Grausamkeit und Brutalität gekennzeichnet ist.
Besonders deutlich lässt sich diese Entwicklung Gotter zufolge im Versepos des Lukan über den Konflikt zwischen Pompeius und Caesar erkennen, dessen Höhepunkt die Beschreibung der Schlacht von Pharsalos bildet. Der Krieg zwischen römischen Bürgern wird darin in äußerst brutalen Bildern dargestellt, das Geschehen selbst als ein maßloses Morden. Auf diese Weise habe Lukan konsequent traditionelle Darstellungstabus mittels eines „Hyperrealismus des Schrecklichen“ überschritten. In den Pharsalia, so betonte Gotter, werden zum ersten Mal der positiv konnotierte externe und der negative interne Krieg explizit einander gegenüber gestellt, indem durch die eingehende Wiedergabe bestialischer Gewaltexzesse der Schrecken des Bürgerkriegs deutlich hervorgehoben wird. Diese scharfe Trennung zwischen legitimem externem Krieg und durch die Schilderung der Brutalität delegitimisiertem Bürgerkrieg stellt für Gotter eine Entsprechung zur binären Linie von domi und militiae im römischen Kontext dar, das heißt zwischen friedvollem Inneren und feindlichem Äußeren. Der Sieg im Bürgerkrieg stelle den Sieger unter einen enormen Rechtfertigungsdruck, auf den dieser lediglich durch die Diskriminierung des Verlierers antworten könne und ihn zwinge, die Überlebenden der anderen Seite nochmals zur Rechenschaft zu ziehen (beispielsweise durch Proskriptionen). Dies trage jedoch nicht zur Entschärfung des Konflikts bei, sondern berge stattdessen Potential für eine neuerliche Eskalation.
Aus diesen Beobachtungen ergaben sich für Gotter zwei zentrale Fragen: Warum bleibt das Bürgerkriegsnarrativ, wie es oben beschrieben wurde, auch im relativ friedlichen ersten und zweiten Jahrhundert so relevant, dass es in den entsprechenden Texten seit Lukan immer wieder auftaucht? Und weshalb hat sich offenbar vor allem der in der Literatur intensiv bearbeitete Konflikt zwischen Octavian und Antonius tiefer in die Erinnerung eingegraben als vorige Bürgerkriege? Von entscheidender Bedeutung ist dabei für Gotter die Verbindung von internem Krieg und der Etablierung eines gänzlich neuen Herrschaftssystems durch Augustus. Im Prinzipat komme dem Bürgerkriegsnarrativ eine höchst ambivalente Funktion zu: So habe einerseits Augustus selbst den Sieg im Bürgerkrieg zur Legitimierung seiner Vormachtstellung (insbesondere dem alleinigen Oberbefehl über die Truppen) benutzt. Die pax Augusta habe im Wesentlichen darin bestanden, den Krieg wieder nach außen zu verlagern. Andererseits sei das Narrativ auch für die Kritik an Augustus als dem finalen Profiteur der inneren Auseinandersetzungen instrumentalisiert worden. Der Bürgerkrieg konnte aus dieser Perspektive als Auslöser des Untergangs der traditionellen Ordnung und als Mittel zur Auslöschung der alten Führungsschicht dargestellt werden. Im Rahmen dieses Narrativs konnte, wie Gotter herausarbeitete, die Oberschicht im Verhältnis zum Monarchen explizit viktimisiert werden, wodurch sich ein neues Interpretationsmuster für Konflikte zwischen Kaiser und Eliten ergab. Das Bürgerkriegsnarrativ entwickelte sich so zu einem während der gesamten Kaiserzeit stabilen Element aristokratischer Selbstbeschreibung.
Diese Überlegungen Gotters bieten zahlreiche interessante Ansatzpunkte. So könnte unter anderem die Frage gestellt werden, ob sich die aufgezeigten Selbstdarstellungsmodi der Oberschicht nur auf das Verhältnis zum Kaiser beschränkten oder ob auch inneraristokratische Konflikte auf diese Weise bearbeitet werden konnten, wenn beispielsweis eine Schilderung des Selbstmords Catos als implizite Kritik am Opportunismus der überlebenden Führungsschicht und ihrer Anpassung an das neue Herrschaftssystem gedeutet werden würde. Lohnend wäre es möglicherweise ebenfalls zu untersuchen, ob und wie sich unterschiedliche Kontexte auf die Verwendung des Bürgerkriegsnarrativs auswirkten.
Dem krankheitsbedingten Ausfall eines Referenten war es geschuldet, dass die Entwicklungen im dritten Jahrhundert nicht eingehender beleuchtet werden konnten. Dennoch bildete diese Zeit, in der ein Kreislauf aus immer neuen Usurpationen und mit ihnen oftmals verbundenen reichsweiten Bürgerkriegen gleichsam zum Dauerzustand wurde, die entscheidende Schnittstelle im Übergang vom Prinzipat der ersten Jahrhunderte zur Spätantike. Die ständig wechselnden Herrscher sahen sich dabei mit einem schwerwiegenden Problem konfrontiert: Der Sieg im Bürgerkrieg und die Durchsetzung gegen andere Prätendenten waren für erfolgreiche Usurpatoren oftmals der einzige Weg, sich eine Legitimationsbasis zu verschaffen. Ohne ein solches Grundmaß an Stabilität war ein neuer Herrscher nicht in der Lage, die anderen Probleme des Reiches wie beispielsweise die wachsende Bedrohung an den Ost- und Nordgrenzen anzugehen. Gleichzeitig musste ein enormer kommunikativer Aufwand betrieben werden, um einen Herrschaftsbeginn, der auf dem Kampf gegen römische Bürger beruhte, akzeptabel zu machen. Eine eingehende Untersuchung der Prozesse des dritten Jahrhunderts müsste folglich den jeweils spezifischen Umgang mit dem Bürgerkrieg im Rahmen der sich permanent wandelnden Kontexte herausarbeiten, um aus diesem ein Gesamtbild der Veränderungen in dieser Phase zu entwickeln.
Mit dem Wandel der Inszenierungen von Bürgerkriegssiegen im späten dritten und vierten Jahrhundert befasste sich der Vortrag von JOHANNES WIENAND (Heidelberg). Gegenüber dem ersten und zweiten Jahrhundert ergibt sich durch eine Reihe struktureller Veränderungen eine merkliche Diskrepanz. Im Spannungsfeld innenpolitischer Auseinandersetzungen wurden in zunehmendem Maße Verweise auf das kriegerische Engagement eines Kaisers im Bürgerkrieg zur Mehrung des militärischen Ruhms eingesetzt. Sowohl in kaiserlichen Bildprogrammen (Münzen, Reliefs) als auch in Panegyriken, Siegesmonumenten und Inschriften wurden triumphale Sinngehalte, die früher dem Krieg gegen externe Feinde vorbehalten waren, auf den innerrömischen Konflikt übertragen – die Grenzen zwischen den konventionellen Darstellungsmodi wurden dabei zunehmend verwischt. Besonders deutlich zeigt sich dies in den triumphalen Feierlichkeiten, die nach den großen Bürgerkriegssiegen von Konstantin, Constantius II. und Theodosius in Rom zelebriert wurden.
Vor dem Hintergrund dieser Beobachtung ging Wienand der Frage nach, wie dieser neue Umgang mit dem Phänomen des Bürgerkriegs möglich werden konnte. Die Grundlagen sieht er in einer Reihe soziopolitischer Entwicklungen des dritten Jahrhunderts: Zum einen wurde die Bedeutung des Bürgerstatus durch die Constitutio Antoniana von 212 einem umfassenden Wandel unterzogen und verlor sukzessive an Integrationskraft. Stattdessen rückten regionale Identitäten stärker in den Vordergrund. Dazu trug auch die zunehmende Bedeutung kollegialer und dynastischer Formen von Herrschaftsteilung bei, durch die Herrscher von Teilreichen räumlich begrenzte Loyalitätssysteme etablieren konnten. All dies habe, so Wienand, dazu beigetragen, dass das Töten von römischen Bürgern anschlussfähiger werden konnte als in der Zeit davor.
Dennoch führt für Wienand keine gerade Linie vom dritten Jahrhundert zu den triumphal inszenierten Bürgerkriegssiegen des vierten Jahrhunderts. Eine so deutliche Aufladung eines Bürgerkriegssiegs mit Topoi, die in früherer Zeit dem Sieg über Barbaren vorbehalten waren, kann nicht lediglich als Kulminationspunkt eines schleichenden Prozesses verstanden werden. Dies zeigt sich schon daran, dass noch zur Zeit der Tetrarchie grundsätzlich an einer semantischen Differenzierung zwischen externem Krieg und Bürgerkrieg festgehalten wurde. Konstantin selbst hat noch zwei Jahre vor seinem triumphal inszenierten Sieg über Maxentius gänzlich darauf verzichtet, einen Bürgerkriegssieg für die Demonstration seiner militärischen Fähigkeiten zu verwerten.
Entscheidende Bedeutung kommt also dem jeweiligen politischen Kontext zu: Nach dem Sieg über Maxentius war Konstantin mit einer Situation spannungsreicher Herrschaftsteilung konfrontiert, die einen enormen Profilierungsdruck auf die einzelnen Teilherrscher ausübte. Zugleich hat die politisch-militärische Erfolgsgeschichte der diocletianischen Herrscherkollegien unhintergehbare Maßstäbe gesetzt, an denen sich auch Konstantin messen musste. Eine Auseinandersetzung auf Augenhöhe gelang Konstantin, indem er den prekären Sieg im Bürgerkrieg zur Demonstration der eigenen Stärke und des eigenen Führungsanspruchs nutzte. Die Gegenprobe zu dieser Hypothese gelingt Wienand durch den Vergleich mit dem Sieg über Licinius. Konstantin war nun Alleinherrscher und konnte in dieser Situation zum klassischen Modell des Umgangs mit dem Bürgerkriegssieg zurückkehren. Erst in der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts hat sich der triumphal inszenierte Bürgerkriegssieg endgültig als Standardoption für die Inszenierung militärischen Charismas durchgesetzt.
Um diese Thesen Wienands zu überprüfen, müsste man sich, wie oben bereits erwähnt, eingehender mit dem dritten Jahrhundert beschäftigen. Gerade die Hervorhebung der den innenpolitischen Umständen geschuldeten bewussten Entscheidung Konstantins könnte sich hier als besonders anschlussfähig erweisen. Der Kaiser erscheint hier deutlich als aktiv Handelnder. Diese Dimension wird gerade auch in der Forschung zum dritten Jahrhundert oftmals übersehen, wenn den Herrschern lediglich die Rolle des reagierenden Parts zugestanden wird.
Mit dem Wandel der Diskurse über kaiserliche Amnestien als einem bislang kaum beachteten Aspekt der Christianisierung hat sich HARTMUT LEPPIN (Frankfurt am Main) in seinem Vortrag auseinandergesetzt. Den Fokus legte Leppin dabei zunächst auf das vierte Jahrhundert, das wesentlich durch zwei Faktoren geprägt war: zum einen eine fortschreitende Desintegration durch das Auseinanderbrechen der Armee, die in der Wahrnehmung der Zeitgenossen zuvor oftmals das Reich selbst verkörpert hatte, in verschiedene regional basierte Teilheere; zum anderen ein dadurch bedingter gewaltiger Verlust an Ressourcen für die Herrscher, die sich im Krisenfall oft nur noch auf einen Bruchteil der eigentlich zur Verfügung stehenden Soldaten stützen konnten. Diese Gemengelage habe wesentlich den Umgang des Bürgerkriegssiegers mit den Angehörigen der gegnerischen Partei bestimmt, insbesondere mit den unterlegenen Soldaten. Die Tötung von Feinden erwies sich nach einem Erfolg für den Sieger als nicht praktikabel, da auf diese Weise die Desintegration weiter vorangetrieben worden wäre. Der Regelfall waren aus diesem Grund eine allgemeine Amnestie und die Integration der Truppen in das eigene Heer, von der meist nur der unterlegene Usurpator selbst und sein engstes Umfeld ausgenommen waren. An ihnen wurden stattdessen die Exempla statuiert, die für eine Demonstration der Stärke und für eine Einforderung von Loyalität auch gegenüber den neuen Soldaten im Heer des Siegers unerlässlich waren. Leppin betonte, ein solcher Umgang mit Unterlegenen habe unterschiedlichste diskursive Möglichkeiten geboten, sowohl für Affirmation als auch für Kritik. In den Quellen ließen sich folglich im Rahmen der spärlichen Angaben zur Behandlung von Besiegten einerseits lobende Hervorhebungen der Milde des siegreichen Kaisers finden, andererseits auch harsche Kritik an der Brutalität angeblich vorgenommener Bestrafungen. Entscheidend sei hierfür die Ausrichtung der jeweiligen Quelle gewesen, wobei die fortschreitende Christianisierung und der Bedeutungszuwachs des Bischofsamtes eine wichtige Rolle gespielt hätten.
Die kaiserlichen Handlungsmuster des vierten Jahrhunderts sind für Leppin von einer einheitlichen Praxis bestimmt: Es habe zumeist keine grausamen Massenbestrafungen gegeben. Der Normalfall seien vielmehr eine weitgehende Herstellung des status quo ante und die Nutzung der neuen militärischen Ressourcen durch den Sieger gewesen. Insbesondere die Amnestien für die Soldaten spielten dabei die entscheidende Rolle, so Leppin. Der siegreiche Kaiser habe ein klares Interesse daran gehabt, die Truppen des unterlegenen Usurpators in das eigene Heer zu übernehmen. Massenhinrichtungen hätten stattdessen das Ressourcenproblem zusätzlich unnötigerweise verschärft. Dabei habe es sich im vierten Jahrhundert keineswegs um ein neues Phänomen gehandelt. Neu sei jedoch eine mögliche Interpretation dieser Praxis vor einem christlichen Hintergrund gewesen. Amnestien wurden insbesondere in Quellen, die von Bischöfen verfasst wurden, oftmals auf den Willen Gottes zurückgeführt, wodurch ein christlicher Horizont eröffnet wurde, der mit der gesamten Herrscherdarstellung der Spätantike korrespondierte. Leppin sieht darin eine Vermischung von Herrschertugenden und christlichen Idealen, die sich am Umgang mit dem unterlegenen Gegner besonders gut verdeutlichen lasse. Vor dem neuen religiösen Hintergrund konnte auf diese Weise ein gebräuchliches Verfahren zu einer Forderung nach genereller Schonung für den Gegner im Sinne christlicher Nächstenliebe ausgeweitet werden. Die besondere Dimension des vierten Jahrhunderts liege folglich in einer Koinzidenz praktischer Elemente wie des Ressourcenproblems und eines neuen, vor allem durch die Bischöfe zur Stärkung der eigenen Position etablierten Deutungsmusters. Dass sich dieses am Ende der Epoche weitgehend durchgesetzt habe, illustrierte Leppin am Beispiel der Meuterei des oströmischen Heeres bei Monokarton im Jahr 588 sowie ihrer friedlichen Beilegung.
Es stellt sich an dieser Stelle die Frage, inwiefern sich ein fester Zusammenhang zwischen dem von Leppin beschriebenen Umgang mit besiegten Gegnern und dem Bürgerkrieg ausmachen lässt. Es könnte sich daher als lohnend erweisen, ein vom Einzelfall abstrahierendes Frageraster für den Umgang mit Unterlegenen nach einem Krieg zu entwerfen. Auf diese Weise könnte beispielsweise geklärt werden, ob bestimmte Kriegsarten bestimmte Handlungsmuster nach sich zogen, und eine Art Typologie dieser Handlungsmuster entworfen werden.
Die drei im Rahmen der Sektion gehaltenen Vorträge konnten eindrücklich vor Augen führen, welches Potential sich aus einer Untersuchung des Bürgerkriegs in einer diskursanalytischen Perspektive ergeben kann. Um die gesamte Dimension dieses Phänomens zu erfassen, muss sowohl nach der Präsentation eines Sieges im Bürgerkrieg durch die Beteiligten als auch nach der Rezeption dieser Darstellung gefragt werden. Und auch die aus dieser Rezeption sich ergebende Fremdbeschreibung, sei sie nun zeitgenössisch oder nicht, muss in den Fokus gerückt werden. Auf diese Weise ist es möglich, Konventionen und Grenzen im Rahmen von Selbst- und Fremddarstellung herauszuarbeiten und die Entwicklung der Rede über den Bürgerkrieg nachzuverfolgen. Ungeachtet der in der Abschlussdiskussion von Aloys Winterling (Berlin) vorgebrachten Bedenken, ob der Terminus „Bürgerkrieg“ auf die kaiserzeitlichen Konflikte zwischen römischen Feldherren, die jeweils ein Berufsheer befehligten, überhaupt angewandt werden könne, ist festzuhalten: Da der Kampf Römer gegen Römer während der gesamten Kaiserzeit eines der beherrschenden Themen des öffentlichen Diskurses wie auch der kaiserlichen Politik war, können sich hieraus neue und anschlussfähige Erkenntnisse ergeben.
Sektionsübersicht:
Ulrich Gotter (Konstanz): Blutige Ursprünge. Das Bürgerkriegsnarrativ und die Formierung der römischen Alleinherrschaft
Matthias Haake (Münster): Ambivalente Siege. Der Umgang mit dem Sieg im Bürgerkrieg im langen dritten Jahrhundert (ausgefallen)
Johannes Wienand (Heidelberg): Herrschaftsteilung und Bürgerkrieg. Die Entgrenzung der victoria civilis zwischen Prinzipat und Spätantike
Hartmut Leppin (Frankfurt am Main): Der Bürgerkrieg und das christliche Imperium Tagungsbericht Prekäre Siege. Die römische Monarchie und der Bürgerkrieg. 28.09.2010-01.10.2010, Berlin. In: H-Soz-u-Kult 30.10.2010. Public History – Geschichte in der Öffentlichkeit. Das zwanzigjährige Jubiläum von „1989“ im Spannungsfeld von akademischer und öffentlicher ZeitgeschichteLeitung: Irmgard Zündorf / Martin Sabrow; Zentrum für zeithistorische Forschung, Potsdam Bericht von: Ruth Rosenberger, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland Proppevoll war es im Hörsaal 2097, als Irmgard Zündorf und Martin Sabrow vom Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam, am Donnerstagvormittag auf dem Historikertag zur Sektion „Public History – Geschichte in der Öffentlichkeit“ einluden. Selbst Podium und Rednerpult waren von Zuhörern geradezu belagert – das spricht eindeutig für das Thema. Doch vielleicht steht dieses Bild auch dafür, dass angesichts des boomenden Felds der „Public History“ die praktisch vermittelnden Historiker den akademischen ganz schön auf den Pelz gerückt sind. Die grundsätzliche Idee der Sektion bestand darin, angesichts des anhaltenden breiten Interesses an Geschichte in den verschiedensten Medien, Praktiker dieser Vermittlung mit Vertretern der akademischen Geschichtswissenschaft zusammen zu bringen, um die Zusammenarbeit, ihre Grenzen und das Selbstverständnis als Historiker in diesem Spannungsfeld zu erörtern. Thematischer Schwerpunkt sollte dabei der Umbruch von „1989“ sein, der anlässlich des zwanzigjährigen Jubiläums einen Höhepunkt „medialer Wucht“ erreicht habe.
MARTIN SABROW (Potsdam / Berlin) konkretisierte in seiner Begrüßung, es gehe um „Public History“ als Geschichte für die Öffentlichkeit und in der Öffentlichkeit. Sie habe der akademischen Geschichtswissenschaft und ihren Ergebnissen die öffentliche Durchschlagskraft gegeben, die die Beschäftigung mit Mauerfall und Regimekollaps zu einem geschichtskulturellen „Mega-Event“ und das Wort „Aufarbeitung“ zu einer Alltagsformel gemacht habe. Die Frage, was das für das Fach Geschichte in Forschung, Lehre und Wissenstransfer bedeute, sei daher unabdinglich. Welche Rolle kommt Vertretern der akademischen Geschichtswissenschaft zu?
Dem anvisierten Debattencharakter der Sektion gemäß war die Veranstaltung als breite Podiumsdiskussion angelegt. Zum Auftakt führte SIMONE RAUTHE (Köln) in die Thematik „Public History“ ein. Sie erläuterte die Entwicklung der US-amerikanischen Public History von einer Laien gestützten Bewegung seit den 1970er-Jahren zu einem dienstleistungsorientierten Tätigkeitsfeld. Als Fachdidaktikerin stellte sie die durchaus berechtigte Frage, wer eigentlich die Adressaten der deutschen Geschichtswissenschaft seien. In vier nach Tätigkeitsfeldern geordneten Einheiten wurden dann für die weitere Diskussion Impulse gegeben, jeweils von einem Profi-Vermittler und einem akademisch reflektierenden Vertreter der Zunft: Historiker als Journalisten, Historiker in Museen/Gedenkstätten, Historiker als „Aufarbeiter“ und Historiker als Filmemacher.
FRANK BÖSCH (Gießen) und SVEN-FELIX KELLERHOFF („Die Welt“, Berlin) diskutierten auf dem Podium über die Rolle von Historikern als und in Zusammenarbeit mit Journalisten. Während Bösch unter anderem drei Problemfelder der Public History identifizierte: den unreflektierten Umgang mit Quellenmaterial, unhinterfragte Heldengeschichten und die Vernachlässigung von Kontexten zugunsten der Pointierung eines Themas, vertrat auch Kellerhoff zugespitzte Thesen. Er stellte seinen Ausführungen voran, dass nur öffentlich wahrgenommene Erkenntnis relevant sei. Als eingängige Formel journalistischer Public History benannte er das Dreigestirn von sachgerechter, mediengerechter und publikumsgerechter Aufarbeitung eines Themas. Kellerhoff skizzierte zudem ein Szenario der Zusammenarbeit zwischen Zeitungsjournalisten und Fachhistorikern, bei dem die Wissenschaftler Themen und Hintergrundinformationen liefern, während der Journalist allein die Form der Vermittlung bestimmt und damit zum Torwächter der Öffentlichkeit wird, indem er potentiell breite Aufmerksamkeit gewährt. Dass solches Ansinnen nicht widerspruchsfrei blieb, versteht sich.
ROSMARIE BEIER-DE HAAN (Deutsches Historisches Museum, Berlin) und OLAF HARTUNG (Gießen) beleuchteten das Tätigkeitsfeld von Historikern in Museen und Gedenkstätten. Dabei wies insbesondere Rosmarie Beier-de Haan dezidiert zurück, dass dem Museum als Vermittlungsinstanz allein die Funktion der Mediation akademischer Forschungsergebnisse zukomme. Museen seien vielmehr eigenständige „Agenturen der kulturellen Bildung, Zentren der objektbezogenen Forschung und Foren der Begegnung“. Um diese Orte zu gestalten, seien historische Kernkompetenzen in Kombination mit spezifischen Fertigkeiten – wie kuratorischen, gestalterischen, restauratorischen usw. – notwendig. Zwar ist die Vehemenz dieses Hinweises nicht zu übersehen. Doch schien insgesamt die historische Fachwissenschaft Museen als Institutionen der Geschichtsvermittlung weniger skeptisch gegenüber zu stehen als den meisten anderen mit breitem Adressatenkreis.
Der Filmproduzent THOMAS SCHUHBAUER (Hamburg) und HANNO HOCHMUTH (Berlin) erörterten auf dem Podium, über welche Kompetenzen und Rollenbilder Historiker im Kontakt mit Film und Fernsehen verfügen sollten. Während Schuhbauer betonte, dass es für Historiker im Filmgeschäft unerlässlich sei, nicht nur Sendeschemata, sondern auch die Produktionsbedingungen eines Films zu kennen sowie über journalistische Fertigkeiten in der Aufbereitung eines Themas zu verfügen, entwickelte Hochmuth eher analytisch ausgerichtet ein konstruktives Szenario herkömmlicher und neuer Rollenbilder. So identifizierte er die inhaltliche Detailkritik im Stile von „Vier historische Fehler in Walküre“ und die Knopp-Kritik mit Tendenz zur generellen Skepsis gegenüber populärer Vermittlung als wenig zielführend. Ästhetische Kritik an Film- und Fernsehproduktionen durch Fachhistoriker sei prinzipiell zwar aufschlussreich, de facto jedoch zumeist problematisch, da sie qua Ausbildung zumindest nicht über entsprechende Kompetenzen verfügten. Als produktiv hingegen schlug Hochmuth drei Ansätze vor: erstens die medienhistorische und geschichtspolitische Historisierung von Filmen mit historischem Inhalt, zweitens eine systematische Reflexion und Einübung von Vermittlungsformen (hier Filmen) als Bestandteil von Studienangeboten sowie drittens Historiker als Fachberater für Inhalte, Materialien und Themenschwerpunkte bei Filmproduktionen. Dass diese drei Ansätze weniger Orientierung für individuelles Handeln als vielmehr strukturelle Maßnahmen darstellen, zeigt nicht nur die Ernsthaftigkeit des Anliegens der neuen Debatte, sondern auch, dass sie bereits Früchte getragen hat.
Während es in den drei bisher beschriebenen Einheiten eher um das Selbstverständnis der Historiker ging, stand in der Gesprächsrunde, die EDGAR WOLFRUM (Heidelberg) und ANNA KAMINSKY (Stiftung Aufarbeitung, Berlin) einleiteten, das Thema „1989“ stärker im Vordergrund. Zwar berichtete Kaminsky überzeugend aus ihrer Arbeitserfahrung, dass Skepsis und Befürchtungen nach einem „Zu Viel“ an Aufarbeitung auf Seiten der Berufshistoriker nicht mit dem tatsächlichen Bedarf auf Seiten der Adressaten übereinstimmte. Die Gemüter erhitzten sich jedoch vor allem in der Diskussion, die Wolfrum mit seinen zugespitzten Einwänden zur Wahrnehmung von „1989“ im westlichen Teil der Bundesrepublik anstieß. Er bezweifelte den vollständigen Siegeszug des Narrativs der friedlichen Revolution. Im Westen sei es als Signum von „1989“ nicht angekommen. Vielmehr halte sich hier noch immer die Erfolgsgeschichte der „Staatskunst Helmut Kohls“. Es stelle sich daher die Frage, inwieweit das individuelle Gedächtnis systematisch durch ein kulturelles überformt werden dürfe, das vermittels eingängiger Darstellungen wenig Raum für persönliche Interpretationen lässt. Einig wurde man sich über diese Grenze (der Wirksamkeit) von Public History nicht.
Martin Sabrow betonte in seinem abschließenden Kommentar nochmals, dass der akademischen Geschichtswissenschaft eine Doppelrolle als Beobachterin und Teilnehmerin der Erinnerungskultur zukomme. Denn gerade sie verfüge über die besseren Möglichkeiten zur theoretischen Selbstreflexion. In der Tat – nicht zufällig wurde diese Selbstverständnisdebatte im Rahmen des Historikertags geführt. Insofern überzeugte der hier gewählte Ansatz als Anknüpfungspunkt für eine Erweiterung der Disziplin um den neuen Zweig der Public History. Zumal es tatsächlich nicht nur um Deutungshoheit geht, sondern mit der Einrichtung des neuen Studiengangs Public History an der Freien Universität Berlin systematisch auch Wege erschlossen werden, die Perspektiven für Historiker bieten jenseits von Uni, Lehramt und Archiv.
Sektionsübersicht:
Irmgard Zündorf (Potsdam): Moderation
Simone Rauthe (Köln): Einführung
Sven-Felix Kellerhoff (Berlin) / Frank Bösch (Gießen): Historiker als Journalisten
Rosmarie Beier-de Haan (Berlin) / Olaf Hartung (Gießen): Historiker in Museen/Gedenkstätten
Anna Kaminsky (Berlin) / Edgar Wolfrum (Heidelberg): Historiker als „Aufarbeiter“
Thomas Schuhbauer (Hamburg) / Hanno Hochmuth (Berlin): Historiker als Filmemacher
Martin Sabrow (Berlin/Potsdam): Kommentar Tagungsbericht Public History – Geschichte in der Öffentlichkeit. Das zwanzigjährige Jubiläum von „1989“ im Spannungsfeld von akademischer und öffentlicher Zeitgeschichte. 28.09.2010-01.10.2010, Berlin. In: H-Soz-u-Kult 13.11.2010. Schulfach Geschichte: Geschichtslehrpläne ohne Inhalte?Leitung: Ulrich Bongertmann, Rostock, Verband der Geschichtslehrer Deutschlands e. V. Bericht von: Ralph Erbar, Mainz „Bildungsstandards“ und die sich daraus entwickelnden „Kompetenzmodelle“ sind seit geraumer Zeit in aller Munde und wurden auch auf dem Berliner Historikertag in einer eigenen Abendveranstaltung kontrovers diskutiert. Vor allem seit dem Ergebnis der ersten Pisa-Studie ergab sich ein konkreter schulpolitischer Handlungsbedarf im Hinblick auf eine outputorientierte Kompetenzorientierung, die sich nicht länger an möglichen Unterrichtsergebnissen, sondern an abprüfbaren Kompetenzen orientiert. Für das Unterrichtsfach Geschichte hat die zuständige Kultusministerkonferenz jedoch keine nationalen Bildungsstandards geplant, auch für die nähere Zukunft nicht. Daher sprang der Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD) in die Lücke und legte bereits im Jahre 2006 auf dem Historikertag in Konstanz die erste Druckfassung seiner „Bildungsstandards Geschichte“ vor, die seinerzeit für Kritik, die sich sowohl am zugrundeliegenden Kompetenzmodell als auch an diversen Details entzündete, aber auch bundesweit für Lob und Anerkennung sorgten.
Seit diesem Zeitpunkt erscheinen ständig neue Monographien und Handreichungen zum Thema „Kompetenzorientierung“
[1]
, die sich vor allem dadurch auszeichnen, dass sie Kompetenzen durchaus unterschiedlich definieren. So basieren zwar alle Modelle auf der allgemeinen Kompetenzdefinition von Erich Weinert, profilieren davon ausgehend aber einen höchst unterschiedlichen Kompetenzkatalog. Ein länderübergreifender Konsens deutet sich bisher nicht an. Ein tragfähiges Modell der Kompetenzentwicklung wurde von der Geschichtsdidaktik noch gar nicht entwickelt.
Der Geschichtslehrerverband nutzte daher den Historikertag in Berlin, um auf einer eigens einberufenen Abendveranstaltung die überarbeitete Neuauflage seiner Bildungsstandards Geschichte zur Diskussion zu stellen. Diese werden in der ersten Jahreshälfte 2011 gedruckt vorliegen, sind aber jetzt schon auf der Seite <http://www.historikertag.de> einsehbar. Ulrich Bongertmann (Rostock), Leiter des Arbeitskreises „Bildungsstandards“ im VGD und zugleich Leiter der Abendveranstaltung, erläuterte in seiner Anmoderation die leitenden Grundgedanken der überarbeiteten Standards. Erhalten blieb das aus der ersten Auflage bekannte dreistufige Kompetenzmodell des Verbandes, das aus Sachkompetenz, Deutungs- und Reflexionskompetenz sowie Medien-Methoden-Kompetenz besteht.
Kompetenzen
Zur Sachkompetenz im Sinne eines Grundwissens zählt die Kenntnis themenbezogener Daten, Namen und Fachtermini. Der Arbeitskreis des VGD tritt damit allen Versuchen entgegen, Bildungsstandards „ohne Inhalte“ zu formulieren, ein Anliegen, für das sich besonders Rolf Ballof stark machte. Freilich reicht es nicht aus, hierfür einen bloßen und notwendigerweise subjektiven Themenkatalog zusammenzustellen. Es gilt vielmehr, möglichst präzise zu beschreiben, welche Kenntnisse, Erkenntnisse und Einsichten Schülerinnen und Schüler beim jeweiligen Thema gewinnen sollen, und darüber zu reflektieren, welchen Stellenwert dieses Thema im weiteren Kontext der historischen Bildung hat. Oder anders formuliert: Kompetenzorientierung im Geschichtsunterricht bedeutet auch, intensiv auf kategorialer Ebene und unter zunehmender Beteiligung der Schülerinnen und Schüler über die Auswahl und Begründung von Themen nachzudenken. Um aber dem falschen Eindruck einer Orientierung auf bloße Sachkenntnisse entgegenzutreten, hat der Arbeitskreis die zentrale Deutungs- und Reflexionskompetenz in seiner neuen überarbeiteten Auflage nach vorne gerückt, worauf vor allem Rolf Brütting hinwies.
Die Deutungs- und Reflexionskompetenz stellt das Herzstück der überarbeiteten Standards und das Alleinstellungsmerkmal gegenüber allen anderen Unterrichtsfächern dar. Sie umschreibt eine Zahl von Teilkompetenzen, die oft nicht leicht voneinander abzugrenzen sind, und führt von Grundeinsichten in die Struktur historischer Erkenntnis über den kritischen Umgang mit Begriffen und Untersuchungsverfahren bis hin zur Produktion eigener Deutungen und zur kritischen Analyse fremder Deutungen von Geschichte. So sollen Schülerinnen und Schüler am Ende der Klasse 10 unter anderem Perspektivität in Quellen und Darstellungen erkennen und adäquat berücksichtigen, darauf aufbauend Fremdverstehen leisten, Veränderungen in Vergangenheit und Geschichte wahrnehmen, bei passender Gelegenheit Gegenwartsbezüge herstellen, mit Darstellungen von Vergangenheit kritisch umgehen, eigene Deutungen von Vergangenheit sprachlich adäquat umsetzen und vor allem den Konstruktcharakter von Geschichte erkennen können. Schülerinnen und Schüler sollen also erläutern können, dass Geschichte nicht an sich existiert, sondern nur durch die interessegeleitete Auslegung von Überlieferungen aus der Vergangenheit entsteht. Dies sind hochgesteckte Ziele, die ein moderner Geschichtsunterricht aber anpeilen muss. Die Standards sollen dabei behilflich sein.
Durch die Umstellung der Deutungs- und Reflexionskompetenz an den Anfang der Synopse soll auch optisch der Unterschied zu den traditionell lernzielorientierten Lehrplänen deutlich werden: Der Erwerb einer Historischen Kompetenz bleibt an den Erwerb inhaltlicher Kenntnisse gebunden, sie hängt weiterhin davon ab, an welchen Stoffen junge Menschen im deutschen Kulturraum der Vergangenheit von den Anfängen in der Steinzeit bis zur Gegenwart begegnen. Sie darf sich aber keineswegs in der Sachkompetenz erschöpfen, sondern wird erst durch zunehmend selbständige Deutungen und Reflexionen der festgelegten Inhalte gefüllt.
Die Medien-Methoden-Kompetenz schließlich zielt darauf ab, dass Schülerinnen und Schüler den jeweils unterschiedlichen Charakter der im Geschichtsunterricht eingesetzten Medien, also in erster Linie der Quellen und Darstellungen, erkennen und damit angemessen umzugehen lernen. Insbesondere sollen sie Quellen und Darstellungen aller Art kritisch erschließen, miteinander in Beziehung setzen und in ihrer Perspektivität erkennen und beurteilen können. Am letzten Punkt wird deutlich, dass die Grenzen zur vorangegangenen Deutungs- und Reflektionskompetenz fließend sind.
Zustimmung und Kritik
Der Arbeitskreis des Geschichtslehrerverbandes (VGD) erhielt zunächst Lob und Anerkennung dafür, dass er die Anregungen der vergangenen zwei Jahre aufgenommen und für das überarbeitete Kompetenzmodell berücksichtigt hat. Aber auch Kritik wurde seitens der Teilnehmer der gut besuchten Abendveranstaltung geäußert, die sich auf vier Punkte konzentrierte: Erstens wurde die Frage nach der Auswahl und der Begründung der Inhalte im Geschichtsunterricht aufgeworfen, die naturgemäß subjektiv bleiben müssen. Das Modell des Geschichtslehrerverbandes stellt allerdings einen Katalog an Inhalten zur Verfügung, aus dem dann vor Ort ausgewählt und ergänzt werden kann. Einigkeit bestand unter den Teilnehmern allerdings darin, dass die Sachkompetenz wichtiger Bestandteil eines Kompetenzmodells in Geschichte bleiben müsse. Zweitens wurde darauf hingewiesen, dass bisher ein Modell fehle, das die Inhalte und Kompetenzen miteinander in Verbindung bringe. Es stellt sich allerdings die Frage, ob solch ein Modell überhaupt vonnöten ist. Es erscheint nicht ersichtlich, warum Schülerinnen und Schüler Kompetenzen an bestimmten, vorher festgelegten Inhalten erwerben müssen. Drittens und fast unweigerlich stellte sich in diesem Zusammenhang erneut die Frage nach der Sinnhaftigkeit des chronologischen Durchgangs im Geschichtsunterricht. Da der zweite chronologische Durchgang in den Sekundarstufen II der Bundesländer in den vergangenen Jahren zunehmend zugunsten anderer didaktischer Zugriffsmöglichkeiten, wie etwa historischer Längsschnitte, aufgeweicht wurde, entschied sich der Arbeitskreis den ersten chronologischen Durchgang in der Sekundarstufe I beizubehalten, um bei den Schülerinnen und Schülern erst einmal ein Orientierungsvermögen in der Zeit anzulegen.
Viertens wurde auf die fehlenden Schnittstellen zwischen der Lehrerausbildung an den Hochschulen und den Studienseminaren sowie dem Lehreralltag in den Schulen hingewiesen. Daraus resultiert die Forderung, dass Fragen der Kompetenzorientierung einerseits möglichst früh in die erste und zweite Phase der Lehrerausbildung einbezogen werden und andererseits im Unterrichtsalltag auf ihre Tauglichkeit hin überprüft werden müssen.
Ausblick
Die Diskussion um Bildungsstandards und Kompetenzmodelle im Fach Geschichte wird weitergeführt werden, spätestens auf dem kommenden Historikertag 2012 in Mainz. Weitere Publikationen werden nicht lange auf sich warten lassen, zumal im Bildungsbereich ein Markt entstanden ist, der bedient werden will. Ob dies zu einer Annäherung oder gar Vereinheitlichung der unterschiedlichen Kompetenzmodelle beitragen wird, bleibt abzuwarten, ob dadurch eine Verbesserung des Geschichtsunterrichts überhaupt erzielt werden kann, ist ebenso fraglich, zumal der Geschichte als Nicht-Standard-Fach die Instrumentarien zur Überprüfung erreichter oder verfehlter Standards nicht zur Verfügung stehen. Hier ist die Ministerialbürokratie gefordert nachzusteuern, um nicht die alte Zwei-Klassen-Gesellschaft der Haupt- und Nebenfächer durch eine neue Zwei-Klassen-Gesellschaft der Standard- und Nicht-Standard-Fächer zu ersetzen. Alle Schülerinnen und Schüler haben einen modernen Unterricht verdient – in allen Schularten und in allen Fächern.
Sektionsübersicht:
Diskutanten
Ulrich Bongertmann (Vorsitz, Mecklenburg-Vorpommern)
Rolf Ballof (Niedersachsen)
Rolf Brütting (Nordrhein-Westfalen)
Peter Droste (Nordrhein-Westfalen)
Willi Eisele (Bayern)
Wolfgang Geiger (Hessen)
Walter Helfrich (Rheinland-Pfalz)
René Mounajed (Niedersachsen).
[1] Werner Heil: Kompetenzorientierter Geschichtsunterricht. Stuttgart 2010; Frank Becker und Holger Reiner Stunz: Kompetenztraining Geschichte. Selbstdiagnose-, Förder- und Testbögen als Kopiervorlagen. Von der Urgeschichte bis zur Gegenwart. Berlin 2010. Tagungsbericht Schulfach Geschichte: Geschichtslehrpläne ohne Inhalte?. 28.09.2010-01.10.2010, Berlin. In: H-Soz-u-Kult 23.10.2010. Staatsausbau als Grenzüberschreitung: Das Vordringen der Staatsgewalt auf die lokale Ebene. Ein europäisch-globaler Vergleich mit Blick auf das 19. und 20. JahrhundertLeitung: Jörg Ganzenmüller, Friedrich-Schiller-Universität Jena / Tatjana Tönsmeyer, Humboldt-Universität zu Berlin / Ludwig-Maximilians-Universität München Bericht von: Jörg Neuheiser, Fachbereich Geschichtswissenschaft, Eberhard Karls Universität Tübingen Wie schreibt man die Geschichte des Staates im 21. Jahrhundert? Mit der Frage nach dem „staatlichen Vordringen“ in ländliche Regionen knüpfte die von Tatjana Tönsmeyer und Jörg Ganzenmüller organisierte Sektion zunächst ganz bewusst an traditionelle Perspektiven auf die Entstehung von Staatlichkeit an. Schon in seiner Einleitung am Beginn der Sektion skizzierte JOACHIM VON PUTTKAMER (Jena) die klassische Darstellung vom Prozess des Staatsausbaus: Auch heute noch werde er häufig als Entwicklung gesehen, die ihren Ausgang vom Monarchen bzw. Landesfürsten und seinem bürokratischen Apparat nahm, und von dort immer weitere gesellschaftliche Felder und soziale Räume durchdrang: vom konfessionellen Territorialstaat über den aufgeklärten Staat bis hin zum totalen Staat des 20. Jahrhunderts. Mit Blick auf die im Titel aufgeführte Metapher vom „Staatsausbau als Grenzüberschreitung“ machte er allerdings deutlich, dass es den Teilnehmern nicht darum ging, aus einer Perspektive der Provinz einmal mehr die alte große Erzählung vom Werden des modernen Staats zu skizzieren.
Entsprechend nannte v. Puttkamer neben dem Interesse an einer zeitgemäßen Form des historischen Vergleichs vor allem zwei Motive für die Sektion: Erstens gehe es darum, jüngeren kulturgeschichtlichen Ansätzen zu folgen, die gegen eine traditionelle Schilderung des Staatsausbaus die kommunikative Dimension von Herrschaft betonten und dabei deutlich machten, dass die Geschichte der Staatlichkeit sich nicht mehr ausschließlich als Geschichte von Institutionen oder dem Auf- und Ausbau des Gewaltmonopols eines bürokratischen territorialen Zentralstaats schreiben ließe. Gerade mit Blick auf ländliche Regionen gelte es, Herrschaft als wechselseitigen Aushandlungsprozess zwischen Herrschern und Beherrschten zu verstehen. Die dabei hervortretenden Überlappungen und Mischformen zwischen bürokratisch-rechtlicher Verwaltung und älteren Herrschaftsformen verwiesen bereits auf den zweiten Impuls für die Sektion: Man wolle der neueren Adelsforschung folgen und den Ausbau von Staatlichkeit mit der Frage nach Formen der Elitentransformation verbinden. Notwendig sei es, die alte Vorstellung vom Abwehrkampf des grundbesitzenden Adels gegen den vermeintlich „bürgerlichen“ Staat hinter sich zu lassen und die Hinweise auf ein spezifisches Modernitätspotential adeligen Grundbesitzes in ländlichen Regionen in das Bild der Entwicklung moderner Staatlichkeit zu integrieren.
Obwohl das Bild der „Grenzüberschreitung“ in den weiteren Beiträgen und Diskussionen der Sektion kaum eine Rolle spielte, bemühten sich die folgenden Vorträge durchweg um einen Blick jenseits der Grenzen alter Perspektiven auf die Geschichte des Staats. Die von v. Puttkamer aufgeworfene Frage nach der Rolle des Adels im Prozess des Staatsausbaus stellten vor allem die beiden Organisatoren in den Mittelpunkt ihrer Fallstudien; sie wurde aber auch im Beitrag von Jesús Millán berührt. Ganz andere Grenzüberschreitungen unternahm schließlich der theoretische Beitrag von Patrick Wagner, der mit Hinweis auf die Erfahrungen mit (versuchten) Staatsimplementierungen nach europäischem Vorbild in der Dritten Welt einen neuen Blick „zurück“ auf die Geschichte des Staats in Europa forderte.
Die Analyse lokaler Aushandlungsprozesse im ländlichen (Nord)-England und Böhmen prägte den Beitrag von TATJANA TÖNSMEYER (Berlin/München). Anhand der Rolle von Gerichten und Lokalverwaltungen in lokalen Rechtskonflikten untersuchte sie klassische Prozesse des Staatsausbaus wie die Verrechtlichung der Verwaltung von Land und Leuten und die Ablösung aristokratischer Herrschaft durch professionell-bürokratische Eliten. Sowohl in England als auch in Böhmen musste der Staat beim Vordringen in ländliche Regionen vor allem die Machtstellung von hochadeligen Eliten ablösen. Während der böhmische Adel seine Führungsrolle allerdings neben Landbesitz und Vermögen bis 1848 auch auf ständische Vorrechte begründete, beruhte die elitäre Position der englischen Peers letztlich schon seit dem Mittelalter ausschließlich auf der sozioökonomischen Führungsrolle lokaler Großgrundbesitzer. Trotz solcher Unterschiede gelang es beiden Gruppen im späten 19. Jahrhundert, gegenüber dem Ausbau staatlicher Institutionen auf dem Lande ihre privilegierte Stellung zu wahren.
In ihrer detaillierten Schilderung lokaler Handlungsspielräume und aristokratischer Strategien führte Tönsmeyer ein ungewöhnliches Bild zu Tage: Aus ihrer Sicht erschien das vermeintlich traditionell-aristokratisch geprägten Böhmen häufig wesentlich moderner als das üblicherweise als Modell des modernen liberalen Staats geltende England. Lokale Eliten konnten in England länger und in größerem Maße Einfluss und Autorität wahren; zudem gelang es ihnen in zähen Aushandlungsprozessen, für Einschnitte in ihre traditionelle Vorrangsstellung etwa in Gerichten und Grafschaftsräten Kompensationen zu erlangen. Lange Zeit blieb der moderne Staat in ländlichen Regionen Englands deshalb deutlich weniger präsent als in Böhmen, wo die Revolution von 1848 früh zu einem Vordringen des Staats in die Fläche führte. Tönsmeyer betonte so die Bedeutung von lokalen Aushandlungsprozessen und schilderte die Entwicklung des Staatsausbaus nicht als linearen Prozess, sondern als ein Wechselspiel von Kompromissen und Kompensationen zwischen staatlichen Behörden und alten Eliten, das etablierte Strukturen lange Zeit in Takt ließ.
Fragte Tönsmeyer gezielt nach lokalen Schauplätzen und gewissermaßen „von unten“, kennzeichnete den Beitrag von JÖRG GANZENMÜLLER (Jena) ein Blick „von oben“. Ihm ging es um die Fragen, unter welchen Bedingungen die Implementierung staatlicher Normen in neu gewonnenen Territorien im frühen 19. Jahrhundert gelingen oder scheitern konnten und welche staatlichen Strategien und Konfliktkonstellationen zum einen oder anderen Ergebnis führten. Verglichen wurde der weitgehend misslungene Versuch, die nach der dritten polnischen Teilung an Russland gefallenen Gebiete rechtlich und administrativ in das Zarenreich zu integrieren, und die üblicherweise als gelungen geltenden Maßnahmen zur Vereinheitlichung des nach 1806 neu entstandenen bzw. nach Westen und Norden verschobenen bayerischen Königreiches. Warum kam es im russischen Fall zu einer Spannung zwischen russischer Staatsgewalt und polnischem Adel, der sich in der späteren nationalistischen Überformung zum nationalen polnischen Abwehrkampf stilisieren ließ? Warum entstand in Bayern ein relativ einheitliches und in sich geschlossenes Territorium?
Ganzenmüller argumentierte, dass paradoxerweise gerade die Zusammenarbeit mit alten Eliten in den polnischen Gebieten zum Scheitern der russischen Reformen führte. Als Beispiel dienten die in beiden Staaten durchgeführten Adelsrevisionen und der jeweilige Ausbau lokaler Verwaltungsinstanzen. Angesichts der Größe und der relativen Armut des polnischen Adels strebte Moskau im frühen 19. Jahrhundert die Schaffung einer einheitlichen grundbesitzenden aristokratischen Elite an. Die Erstellung einer neuen Adelsmatrikel fand aber weitgehend unter Selbstverwaltung des polnischen Adels statt. In der Folge konnte sich fast der gesamte polnischen Adel in die neue Matrikel einzuschreiben und zwang den Staat so zu immer neuen Revisionen, die zu dauerhafter Verunsicherung der einzelnen Adeligen über ihre Stellung führten. In Bayern gelang es dagegen, die Harmonisierung des Adels konsequent unter zentraler Führung und mit strenger staatlicher Kontrolle durchzuführen. Anders als in Russland erfasste die Adelsrevision hier nicht nur die neu hinzugewonnenen Gebiete, sondern den ganzen Adel des Königreichs und erlangte dadurch wesentlich höhere Akzeptanz bei den Beteiligten.
Der Erfolg der Reformen in Bayern, das zeigte auch der Blick auf den Ausbau lokaler Verwaltungsstrukturen, lag letztlich darin, dass Bayern nach seiner territorialen Veränderung die gesamten Strukturen des Staates einer zentral geführten Erneuerung unterzog, während im Zarenreich nur die neuen polnischen Territorien reformiert wurden, bevor sie endgültig in einen unveränderten Gesamtstaat integriert werden sollten. Obwohl in beiden Fällen alte Eliten auch den Kern der neuen Führungsschichten bildeten und bestehende Führungsansprüche nicht grundlegend angegriffen wurden, führte der bayerische Weg zum Erfolg, weil dem Abbau alter Vorrechte klare neue Partizipationsmöglichkeiten gegenüberstanden. Dagegen produzierten die verschleppten Reformen in Polen vor allem Unsicherheit und Zurückhaltung der polnischen Adeligen gegenüber dem russischen Staat.
Anders als die bereits geschilderten Beiträge verzichtete das Referat von JESÚS MILLÁN (Valencia) auf eine vergleichende Perspektive. In seiner Darstellung der spanischen Staatsentwicklung im 19. Jahrhunderts bemühte er sich, das traditionelle Bild eines „gescheiterten Staatsausbaus“ zu differenzieren und verwies mit der Enteignung der Kirche, der Abschaffung der Erbämter und der Aufhebung der Fideikommisse auf typische Elemente der Überwindung vormoderner Herrschaft, die auch in Spanien im Laufe des 19. Jahrhunderts durchgesetzt wurden. Die Entstehung eines modernen Staats setzte für Millán mit dem Verlust des spanischen Kolonialreiches ein, der schon aus finanziellen Gründen zum Aufbau einer schlankeren Verwaltung und einem zentralisierten Staatsapparat zwang. Neben den langwierigen Bürgerkriegen, die üblicherweise für das „Scheitern“ des spanischen Staates verantwortlich gemacht würden, stellten sich vor allem zwei Probleme: Zum einen verlangte die komplexe Machtstruktur auf der iberischen Halbinsel immer nach regionalen Sonderrechten und lokalen Ausnahmen, die den Aufbau eines rechtlich und bürokratisch einheitlichen Territoriums unmöglich machten. Zum anderen hatte die rhetorisch-diskursive Figur des „nationalen Interesses“, die in anderen Staatsbildungsprozessen meist als Instrument des Staatsausbaus und der Zentralisierung angeführt wurde, in Spanien den gegenteiligen Effekt. Zwar galt auch hier in der politischen Öffentlichkeit der „nationale Wille“ zunehmend als höchste Machtinstanz, er wurde aber in der öffentlichen Wahrnehmung gerade vom „liberalen Volk“ verkörpert und konnte politisch regelmäßig gegen staatliche Instanzen instrumentalisiert werden. Die „Nation“ stellte das Handeln des Staats in Frage und der „nationale Wille“ wurde zur Triebkraft des Widerstands gegen die Zentralmacht, untergrub die jeweils gültigen Verfassungen und schwächte die Autorität der Behörden.
Obwohl Millán in seinem Fazit noch einmal auch Erfolge des Staatsausbaus in Spanien betonte, verwies sein Aufriss der dortigen Probleme beim Staatsausbau bereits auf Aspekte, die PETER WAGNER (Halle an der Saale) in seinem Beitrag aus postkolonialer Perspektive deutlich machte. So können unterschiedliche bzw. gegensätzliche Sprach- und Handlungsmuster bei der Begegnung zwischen regional-lokalen Eliten und den Sachwaltern des Staatsausbaus zu fatalen Folgen – vom Scheitern des Aufbaus staatlicher Strukturen bis hin zu ausufernder Gewalt – führen. Wagner entwickelte diesen Punkt als Teil einer Reihe von Beobachtungen zu Erfahrungen mit (gescheiterten) Versuchen, europäische Staatlichkeit als vermeintlich heilsbringendes Vorbild in die Dritte Welt zu exportieren.
Sein Vortrag war eine doppelte „Grenzüberschreitung“, weil er einerseits den Blick über kontinentale Grenzen lenkte und andererseits eine Umkehrung der eurozentrischen Perspektive einklagte: Aus der Analyse nachkolonialer Gesellschaften ließen sich Fragen ableiten, die zu einem neuen Blick auf „klassische“ Staatsbildungsprozesse in Europa führten. Seine anregenden Ausführungen verdeutlichten etwa die ständige Reversibilität von „Nationsbildungsversuchen“ und mahnten gegen teleologische Annahmen von vermeintlich zwangsläufigen Entwicklungen beim Ausbau des Staates. Dazu gehöre auch die gängige Bewertung der Abwesenheit des Staates in ländlichen Provinzen als Vollzugsdefizit staatlicher Autorität – Beispiele aus Afrika lehrten etwa, auch danach zu fragen, warum selbstversorgende Bauern sich überhaupt nach dem „modernen Staat“ sehnen sollten und welche Rolle „fehlende Nachfrage“ bei der Erklärung der marginalen Präsenz des Staates in der Provinz spielen könne. Nicht nur, wenn regionale Eliten mit ihren spezifischen Interaktionsmustern ins Spiel kämen, erwiesen sich staatliche Durchdringungsversuche als hochkomplexe Übersetzungsaufgaben mit ungewissem Ausgang. Insgesamt machte Wagners Vortrag deutlich, wie fruchtbar der Blick aus der Dritten Welt auf den europäischen Staat sein kann.
Die Diskussion am Ende der Sektion –eingeleitet durch einen fulminanten Kommentar von JÖRN LEONHARD (Freiburg im Breisgau) – kreiste schließlich um die Möglichkeiten, über die verschiedenen Formen des Vergleichs neue Perspektiven auf die Geschichte des Staats zu gewinnen. Leonhard unterstrich, dass die Beiträge der Teilnehmer das große Potential einer zeitgemäßen Geschichte des Staates aufgezeigt und die unveränderte Relevanz der klassischen Frage nach seiner Entwicklung deutlich gemacht hätten. Zugleich kritisierte er, dass die einzelnen Referate über Einzelbefunde nicht zu einem neuen Modell vorangeschritten seien. Dass das im Rahmen der Sektion kaum zu leisten war, verstand sich von selbst; deutlich wurde aber auch, dass die vorgetragenen Ergebnisse nicht recht zusammenpassen wollten und bisweilen nach wie vor im Rahmen klassischer Perspektiven verharrten. Leonhard machte dies etwa am Begriff der „Agency“ klar: Es reiche nicht, auf Aushandlungsprozesse und Handlungsspielräume lokaler Eliten zu verweisen, wichtig sei vielmehr, noch genauer zu zeigen, welche Akteursgruppen hinter den vermeintlich abstrakten Staatsbildungsprozessen stünden.
Damit benannte er einen wichtigen Punkt, denn trotz aller Betonung des Lösens von teleologischen Perspektiven und klassischen Erzählungen vom langsam-zwangsläufigen Werden des modernen Staats blieb „der Staat“ als abstrakt-anonymer Akteur in den Beiträgen stets präsent. Allzu oft erschien ein Staat als handelndes Subjekt, der scheinbar losgelöst von ihn tragenden Interessensgruppen, aber auch von in seinem Namen handelnden Kollektivakteuren wie Bürokraten, Richtern, Abgeordneten, Ministern, etc. in Konflikte mit alten Eliten oder nicht- bzw. vorstaatlichen Gruppen geriet und sein Werden betrieb. In solchen Momenten wurde deutlich, dass eine zeitgemäße Untersuchung des modernen Staats im 19. Jahrhundert vielleicht eine weitere Grenzüberschreitung notwendig macht – die zur frühen Neuzeitforschung, wo seit einigen Jahren am Beispiel des Alten Reiches darüber diskutiert wird, was der Staat jenseits seiner Repräsentation und der Vorstellung von seiner Existenz in den Köpfen der in seinem Namen agierenden Menschen eigentlich gewesen sein soll.
[1]
Patrick Wagners Beitrag wies in eine solche Richtung und lies aufscheinen, wohin eine neue Geschichte des modernen Staats in Zukunft führen könnte.
Sektionsübersicht:
Joachim von Puttkamer (Jena): Einführung
Tatjana Tönsmeyer (Berlin/München): Aushandlungsorte lokaer Herrschaft in England und Böhmen: Lokalverwaltungen und Gerichte zwischen Staat, Adel und lokaler Bevölkerung
Jesús Millán (Valencia): Von der dynastisch-katholischen Weltmacht zum spanischen Nationalstaat: Leistungen und Schwierigkeiten des Staatsausbaus in Spanien
Patrick Wagner (Halle an der Saale): Probleme lokaler Staatlichkeit in der nachkolonialen Welt – eine Vergleichsoption?
Jörn Leonhard (Freiburg im Breisgau): Kommentar
[1] Barbara Stollberg-Rilinger, Des Kaisers alte Kleider. Verfassungsgeschichte und Symbolsprache des Alten Reiches, München 2008. Tagungsbericht Staatsausbau als Grenzüberschreitung: Das Vordringen der Staatsgewalt auf die lokale Ebene. Ein europäisch-globaler Vergleich mit Blick auf das 19. und 20. Jahrhundert. 28.09.2010-01.10.2010, Berlin. In: H-Soz-u-Kult 04.12.2010. Über die Küsten hinaus: Thalassokratien im MittelalterLeitung: Nikolas Jaspert, Ruhr-Universität Bochum; Jan Rüdiger, Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt am Main Bericht von: Sebastian Kolditz, Zentrum für Mittelmeerstudien, Ruhr-Universität Bochum Für antike griechische Historiker und Geographen bildete der Begriff Thalassokratie einen geläufigen Terminus für ein Herrschaftsgebilde, das auf der Kontrolle von Seeräumen basiert und Seewege für seine Interessen sichert. In der Neuzeit wurde der Begriff auf delokalisierte Gebilde wie das British Empire vor allem in militärisch-strategischen Kontexten übertragen. Für das Mittelalter stellt die Beschäftigung mit Seeherrschaften jedoch ein Desiderat dar, wie JAN RÜDIGER (Historisches Seminar, Goethe-Universität Frankfurt am Main) in seiner Einleitung zu dieser von ihm und Nikolas Jaspert konzipierten Sektion des Historikertages ausführte. Das mittelalterliche Imaginarium sei in der deutschen Forschung bis heute von Burgen, Bauern und rodenden „Mönchen im Unterholz“ geprägt, erst seit wenigen Jahren zeichneten sich für den Nord- und Ostseeraum und das Mittelmeer, also für „Randzonen“ eines vom karolingischen Zentralraum her gedachten Europas, Initiativen zur Untersuchung seeherrschaftlicher Strukturen ab.
Als Leitfragen führte Rüdiger an, wie Macht zur See funktioniert habe, welche Ressourcen dafür erforderlich gewesen seien und welche Spezifika in den Herrschaftsstrukturen und der politischen Kultur von Küstengesellschaften existierten, aus denen sich Seeherrschaften ausbildeten. Denn nicht alle Mächte mit Küsten seien potentielle Thalassokratien, insofern sie, wie das British Empire oder die USA in der Gegenwart, zwar in ausgedehnten Räumen maritim operierten, aber nicht essentiell auf der Ausübung von Herrschaft zur See beruhten. Die spezifischen Bedingungen für Seeherrschaft werden im Kontrast zur mittelalterlichen terrestrischen Herrschaft besonders deutlich: Auf der unsicheren See konnten keine Grenzen gezogen, keine Orte lokalisiert, keine gesellschaftlichen Gruppen funktionalisiert werden; stets bewegliche Flotten kontrastieren mit festen Burgen, die Sicherung der Ernährung war noch weitaus ungewisser als auf dem Land. Seeherrschaft setze zudem einen anderen „sense of space“ voraus als das Konzept des zusammenhängenden europäischen Landraumes. Für den Historiker erweise sich aber auch die Quellensituation als schwierig, denn trotz der sehr reichhaltigen archivalischen Überlieferung einiger führender maritimer Zentren wie Lübeck und Venedig fehle für viele Regionen eine hinreichende Basis schriftlicher Quellen.
Nach dieser konzisen Abgrenzung des Themas widmeten sich die beiden ersten Vorträge dem früheren Mittelalter und zeigten besonders deutlich, dass Thalassokratie insbesondere die Fähigkeit einer Gesellschaft impliziert, mit der kontingenten Existenz auf See umgehen zu können.
DANIEL FÖLLER (Historisches Seminar, Johannes Gutenberg-Universität Mainz) widmete sich in diesem Zusammenhang den Navigationstechniken der wikingerzeitlichen Skandinavier auf ihren „Wegen durch die kalte Welt“. Hier lassen archäologische und schriftliche Quellen zwar die Fähigkeit zur Hochseeschifffahrt unzweifelhaft erkennen, nicht aber die Verwendung von Karte oder Kompass. Beschreibungen von Seewegen zeigen, dass das auf der Küstenschifffahrt beruhende skandinavische Raumkonzept nicht absolut, sondern relational gewesen sei, Orte und Inseln durch Routen in Verbindung zu anderen Orten gesetzt habe. Die Orientierung auf solchen Routen sei durch die Beobachtung charakteristischer ortsgebundener Phänomene erfolgt, durch die Identifizierung von Landmarken oder (teils künstlichen) Seezeichen wie Berge, Inseln, Bojen oder Besonderheiten der lokalen Fauna, verbunden mit dem Ausloten der Wassertiefe. Aus dem Südpazifik seien ähnliche Methoden bekannt, darunter auch die Beobachtung von Geräuschen, Wolkenformationen oder Strömungen, einiges davon hat sich analog vielleicht in poetischen Bildern der nordischen Fürstenpreisdichtung niedergeschlagen. Im Gegensatz zum Pazifik habe sich im Norden die Orientierung an den Gestirnen aufgrund der Sichtverhältnisse jedoch kaum angeboten; in welchem Maße astronomische Navigation genutzt wurde, bleibe eine offene Frage.
Über die konkreten Praktiken hinaus fragte Föller nach Rückwirkungen auf die kognitiven Leistungen der Seegesellschaften: das Wissen sei iterativ anhand des Routenverlaufs, nicht abstrakt nach allgemeingültigen Kategorien strukturiert gewesen, doch habe die Hochseeschifffahrt die Notwendigkeit mit sich gebracht, viele Informationen in schnell veränderlichen Kontexten zu verarbeiten. So werde im Fürstenlob auch der Herrscher am Steuer des Schiffes thematisiert, und dies offenbar nicht nur in einem übertragenen Sinn. Vielmehr gehöre die intellektuelle Fähigkeit zur Navigation wohl zum Oberschichtenhabitus in den frühskandinavischen Gesellschaften, ebenso wie Runenschriftlichkeit und Skaldendichtung. So könne erwogen werden, dass andere Kulturtechniken, etwa die komplexe Gestaltung einiger Runeninschriften, die kognitiven Fähigkeiten der Navigationspraxis reflektierten. Föller formulierte somit abschließend die Frage, ob die Prägung des Intellekts durch die Herausforderungen des Meeres als analytisches Kriterium für Thalassokratien betrachtet werden könnte.
Der Vortrag rief angeregte Diskussionen hervor, die sich nicht auf die Wikingerzeit beschränkten. So wurde auf den technischen Vorsprung der Hansestädte verwiesen, die die Skandinavier im Hochmittelalter in den Hintergrund gedrängt hätten. Föller schloss sich diesem Erklärungsansatz nur hinsichtlich der Schiffstypen an, nicht bezogen auf eine überlegene Navigationspraxis der Hanse. Einige Fragen bezogen sich auf den Zusammenhang von Navigation und Runeninschriften: Zwar sah Föller keine explizit nautische Prägung der Runenform, hob aber die aufgrund des schlichten inhaltlichen Gehalts der Inschriften bezweifelte kognitive Komplexität hervor, die sich in der graphischen Anordnung der einfachen Texte äußere. Die Himmelsrichtungen scheinen für die Navigation nur von untergeordneter Bedeutung gewesen zu sein, da sie in den Quellen stets mit spezifischen Routen assoziiert würden: so habe der „Ostweg“ über die Rus durchaus bis Italien führen können, während das Baltikum nicht als östlich gelegen bezeichnet werde. Hans-Werner Goetz stellte die zentrale Frage, was Navigationskunst mit Thalassokratie zu tun habe, zumal sich die nordischen Reichsbildungen letztlich nicht über Seegrenzen hinweg entwickelt hätten. Darauf antwortet Jan Rüdiger mit einer phasenbezogenen Differenzierung: Die thalassokratische Phase liege im Norden gerade vor der Stabilisierung der Königreiche als Binnenlandmonarchien seit dem 11. Jh., diese Frühzeit aber habe küstenorientierte (wie im Namen „Norwegen“ erkennbar) und seeübergreifende (am Kattegat und im Verbund Skandinavien-England) Herrschaftsgebilde hervorgebracht.
Die Rolle des Meeres in der Selbstwahrnehmung italienischer Städte, die in der Forschung üblicherweise als „Seestädte“ charakterisiert werden (Pisa, Genua und Venedig), untersuchte MARC VON DER HÖH (Historisches Institut, Ruhr-Universität Bochum). Während der enge Bezug dieser Gemeinwesen zum Meer auf dem Gebiet des Fernhandels und damit auch in ihrer politischen Verfassung bereits im früheren Hochmittelalter evident sei, würden sie in den Quellen bis zum 12./13. Jahrhundert nicht in einem spezifischen Sinn als Seestädte bezeichnet. Von der Höh fragte daher nach indirekten maritimen Bezügen in drei Textfeldern: Gründungslegenden, Hagiographie und Zeitgeschichtsschreibung. Dabei spiele zwar eine maritim geprägte Terminologie kaum eine Rolle, doch ließen sich zahlreiche inhaltliche Bezüge finden: Über die See sollten nicht nur die antiken Protagonisten der Gründungslegenden Pisas und Genuas gekommen sein, sondern auch die apostolischen Missionare wie der heilige Petrus in Pisa. In den Legenden werde dabei ebenso wie in den Berichten über mirakulöse Translationen von Heiligenreliquien (Markus in Venedig, Johannes der Täufer in Genua) besonders die Unsicherheit von Seefahrten sowie in Umkehr die göttliche Vorsehung und der Schutz durch die Heiligen auf See thematisiert. Einzelne direkte Bezüge auf das Meer ließen sich zwar in der städtischen Annalistik erkennen, doch werde Kampfesruhm auch hier an Land erworben, während Berichte von Irrfahrten wiederum eher auf die Gefahr der Auflösung aller Ordnung auf See verwiesen. Die Identität der drei Städte werde in ihrer eigenen Textproduktion des untersuchten Zeitraums somit nicht wesentlich vom Meer oder gar dessen Beherrschung abgeleitet, die stets gegenwärtige Gefahr auf See verweise vielmehr auf die Erfahrung von Kontingenz und Unbeherrschbarkeit.
In der Diskussion wurde unter anderem auf den unterschiedlichen Fokus der nordischen Quellen auf das Meer und der italienischen auf das Land verwiesen: Korreliere dies mit unterschiedlichen Bedrohungswahrnehmungen? Dagegen wurde angeführt, dass auch für die italienischen „Seestädte“ der privilegierte Zugang im Mittelalter vom Meer aus erfolgte, in den Texten jedoch nicht thematisiert werde. Einigkeit bestand hingegen in der Einschätzung, dass Venedig mit seinem nach 1204 offensiv herausgestellten dominium maris spätestens seit diesem Zeitpunkt einen von den im Vortrag skizzierten Mustern abweichenden Sonderfall darstelle.
Die zweite Hälfte der Sektion war der kritischen Revision etablierter Deutungsmuster zu zwei Beispielen spätmittelalterlicher Seeherrschaft gewidmet: ALBRECHT FUESS (Centrum für Nah- und Mitteloststudien der Philipps-Universität Marburg) verglich die Strategien von Mamluken und Osmanen zur Beherrschung des im islamischen Raum in aller Regel als „See der Römer“ (bahr ar-Rum) bezeichneten Mittelmeeres im späten Mittelalter. Die Bezeichnung selbst suggeriere, dass man den Raum als von seinem Norden her kontrolliert empfunden habe. Doch nicht nur Autoren wie Ibn Haldun billigten den Christen die Überlegenheit zur See zu, auch die mamlukische Strategie nach 1291 zur Verhinderung einer Rückkehr der Kreuzfahrer beruhe auf einer solchen Einschätzung. Um wirksam potentielle Angriffe von der See her abwehren zu können, entschlossen sich die Sultane zur Zerstörung aller befestigten Küstenstädte des syro-palästinensischen Raumes außer Beirut. So hätten die Angreifer keine befestigten Stützpunkte in ihre Gewalt bringen können und seien durch das Landheer leicht zu vertreiben gewesen. Eine offensive Strategie zur See sei nur in den 1420er-Jahren mit den Unternehmungen Sultan Barsbays gegen Zypern zu erkennen, die zur Einstellung der von der Insel ausgehenden Überfälle geführt habe.
Gegen die aufkommende portugiesische Seemacht im Indischen Ozean und Roten Meer mussten die Mamluken im frühen 16. Jahrhundert jedoch die letztlich fatale Hilfe der Osmanen mobilisieren. Denn diese betrieben unter Rückgriff auf die nautischen Ressourcen der Ägäis besonders nach 1453 einen aktiven Flottenaufbau und hätten so die Venezianer schnell verdrängen können. Jüngste Studien zeigten zudem eine beträchtliche maritime Präsenz der Osmanen im Indischen Ozean im 16. Jahrhundert, während die Unterstellung Algiers und das aktive Flottenbündnis mit Frankreich ihre Operationsgrundlagen im westlichen Mittelmeerraum bildeten. Auch die Schlacht von Lepanto habe keine strukturelle Änderung bewirkt. Resümierend hob Fuess hervor, dass entgegen der Ansichten Xaviers de Planhol keine generelle mentale Unfähigkeit der Muslime zur Beherrschung der See behauptet werden könne, vielmehr stets die spezifischen geographischen Kontexte und Ressourcen von Mächten berücksichtigt werden müssten. Mamlukische Defensiv- und osmanische Offensivstrategie gehorchten dieser Logik, da der Flottenaufbau an der holzarmen südlichen Mittelmeerküste viel schwerer gewesen sei als im Norden: Muslime hätten selbst das nördliche Erbe der Römer antreten müssen, um das „Meer der Römer“ zu beherrschen.
HAIN REBAS (Göteborg) widmete sich schließlich der Insel Gotland im „langen 15. Jahrhundert“ zwischen der Ausschaltung der Vitalienbrüder durch den Deutschen Orden und der Verheerung Visbys 1525. Er charakterisierte die Insel als komplexes System von Akteuren: der gotländischen Bauerngemeinde, der Stadtgemeinde Visbys und der politisch einflussreichen Herren der Festung Visborg seit der Zeit Eriks von Pommern. Zwar sei die betrachtete Phase im Gegensatz zur gotländischen Blütezeit im 13. Jahrhundert vor allem durch Piraterieaktivitäten geprägt, doch damit impliziere der wirtschaftliche Niedergang keine politische Bedeutungslosigkeit. Vielmehr handele es sich um eine Form des „Zurückschlagens“ der Insel gegen die ungünstigen Entwicklungen, um Erscheinungen von Frustration. Als Voraussetzung für die gewichtige Stellung der gotländischen Akteure bei den militärischen, vorwiegend maritim geführten Auseinandersetzungen des 15. Jahrhunderts könnten neben dem ererbten Reichtum der Insel als Handelszentrum die spezifischen maritim relevanten Ressourcen wie Holzvorkommen, nautische Expertise und die strategische Lage der Insel angeführt werden. Auch die Präsenz der eigenen Tradition in den zahlreichen Runensteinen, den prächtigen älteren Bauten und anderen Überlieferungsträgern sowie der weite politische Aktionsradius der Herren von Visborg zwischen Dänemark und Karelien hätten eine wichtige Rolle gespielt. Somit schlug Rebas vor, die „Seemacht“ Gotlands phasenweise zu charakterisieren: bis um 1350 geprägt vom Fernhandel als „friedliche“ Seemacht, im 15. Jahrhundert hingegen als „angestrebte Thalassokratie“ , die vor allem Furcht verbreitet habe, so dass sich bereits seit den 1480er-Jahren verbunden mit einer politischen Umorientierung der Eliten das Scheitern dieser Ambitionen andeute.
NIKOLAS JASPERT (Historisches Institut, Ruhr-Universität Bochum) konstatierte in seiner Zusammenfassung zunächst, dass das Meer in seiner trennenden wie verbindenden Funktion beim Generalthema „Grenzen“ berechtigtermaßen eine wichtige Rolle spielte; zu fragen sei, ob es auch eigene Grenzgesellschaften hervorbringe. Jedenfalls präge die Nähe zum Meer das Leben in Seegesellschaften, und daraus könne eine Definition von Thalassokratien als Herrschaftsformen erwachsen, die sich spezifisch auf die Beherrschung der See gründeten, in einem konstruktiven oder destruktiven Sinn. Daneben sei ein zweiter Definitionsansatz für Thalassokratien als Herrschaftsgebilde erkennbar gewesen, die ihre Interessen jenseits des Meeres mit politischen Mitteln dauerhaft erfolgreich zu vertreten verstünden. Letztlich zeigten alle Vorträge die enge Verbindung beider Ansätze, indem sie sowohl die Voraussetzung maritimer Ressourcen zur Beherrschung der See als auch die über die See hinausreichenden politische Horizonte der untersuchten Akteure thematisierten.
Vor diesem Hintergrund skizzierte Jaspert fünf weiterführende Forschungsperspektiven: Erstens die Untersuchung der Zusammenhänge zwischen Seemacht und naturräumlichen Bedingungen als Ansatz transdisziplinärer Regionalforschung. Zweitens die Bedeutung seeherrschaftlicher Phänomene für die Beschäftigung mit Beziehungen, Konnektivität und Kommunikation. Drittens die Frage nach der Wahrnehmung von Seeherrschaft, die auch in die Kulturgeschichte des Politischen einmünde. Viertens die Beschäftigung mit den Bedingungsfaktoren von Seeherrschaft im Vergleich zu terrestrischer Herrschaft, so die offenbar engere Verzahnung von Politik und Ökonomie oder die Rolle maritimer Experten. Fünftens schließlich den transregionalen, diachronen Vergleich verschiedener Ausprägungen von Seeherrschaft, der implizit bereits in der Sektion erfolgte.
Jaspert schloss sich in der Diskussion der Position an, dass Seeherrschaft im Mittelalter essentiell die Beherrschung von Küsten impliziere, da der Seeraum als Fläche kaum adäquat habe erfasst und von Grenzen durchzogen werden können. Auf die Frage nach Charakteristika für Übergangsprozesse zwischen Land- und Seeherrschaft verwies Jan Rüdiger auf die beschränkte Relevanz rein militärischer Faktoren (wie einer starken Kriegsflotte), generell lasse sich im Mittelalter durch die fortschreitende Erschließung agrarischer Ressourcen eher eine Tendenz zur Verringerung der Bedeutung des Faktors Seeherrschaft vermuten. Doch zeige sich vor allem im Vergleich konkreter historischer Entitäten, wie etwa Fraxinetum im 10. Jahrhundert gegenüber Algier im 16. Jahrhundert, der Nutzen, der sich mit dem Konzept „Seeherrschaft“ verbinde. So hat die auf ein reges Publikumsinteresse (über 100 Teilnehmer) gestoßene Sektion vor allem wichtige Impulse für die weitere Profilierung eines klassischen und doch für die Mediävistik neuartigen Forschungsgegenstandes gegeben.
Sektionsübersicht:
Jan Rüdiger (Frankfurt am Main): Einführung
Daniel Föller (Frankfurt am Main): Wege durch die kalte Welt. Navigation und Kognition in der Wikingerzeit
Marc von der Höh (Bochum): Das Meer im Selbstverständnis der italienischen Seestädte
Albrecht Fuess (Marburg): Wie beherrscht man die „See der Römer“? Seestrategien bei Mamluken und Osmanen im 15. und 16. Jahrhundert
Hain Rebas (Göteborg): Gotland als maritime Gesellschaft im langen 15. Jahrhundert
Nikolas Jaspert (Bochum): Zusammenfassung und Perspektiven Tagungsbericht Über die Küsten hinaus: Thalassokratien im Mittelalter. 28.09.2010-01.10.2010, Berlin. In: H-Soz-u-Kult 13.11.2010. Über Grenzen – Transnationale Parteienkooperation in EuropaLeitung: Wilfried Loth, Universität Duisburg-Essen; Jürgen Mittag, Ruhr-Universität Bochum Bericht von: Benjamin Legrand, Ruhr-Universität Bochum Die großen politischen Strömungen des 19. und 20. Jahrhunderts waren nie rein nationale Phänomene – ihre Organisationen dagegen, die Parteien, waren so nationalstaatlich organisiert wie ihre wissenschaftliche Rezeption orientiert. Politische Parteien waren und sind in den Staaten verankert, trotz eines politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entgrenzungsprozesses in Europa in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Kooperation von Parteien über Grenzen hinweg kulminiert in den europäischen Parteien, ihre Triebkräfte und ihre Widerstände wurden bislang jedoch nur selten aufgearbeitet.
Die Sektion „Über Grenzen – Transnationale Parteienkooperation in Europa“ versuchte diesem Desiderat Rechnung zu tragen und erste Schneisen zu schlagen. Dabei wurde nicht nur nach Entwicklungsstufen, Erfolgen und Hindernissen gefragt, sondern auch die Wechselwirkung zwischen der transnationalen Parteienkooperation und des europäischen Einigungsprozesses sowie deren Institutionen untersucht.
Einzelne Parteienfamilien – namentlich die konservativ-christdemokratische, die sozialdemokratische und die liberale – wurden in einem ersten Schritt synchron zueinander vergleichend dargestellt. In der zweiten Hälfte der Sektion wurden verstärkt methodisch-theoretische Überlegungen vorgenommen und Bezüge zur Gegenwart sowie zur praktischen Politik geknüpft. So wurden auch hier Grenzen überwunden – zwischen Wissenschaft und Praxis einerseits und andererseits zwischen den Disziplinen Sozialwissenschaften und Geschichtswissenschaft.
Vier Linien durchzogen dabei fast alle Vorträge: Auffallend war die in allen Parteienfamilien ausgeprägte Orientierung auf den Rahmen des Nationalstaates, besonders bei den Liberalen, aber selbst bei den Sozialdemokraten. Ost-West-Konflikt und Exilerfahrungen prägten die transnationale Kooperation gerade in einer ersten Phase nach dem Zweiten Weltkrieg. Wichtigster Impulsgeber durch die gesamte zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts waren jedoch die institutionellen Erweiterungsschritte des europäischen Einigungsprozesses. Die Einbindung von sowohl materiellen wie kulturellen Netzwerken bereichert die Analyse von Transnationalisierung europäischer Politik.
Informelle Netzwerke, insbesondere von einzelnen Persönlichkeiten, betrieben Europäisierung effektiver als formelle Netzwerke, so eine Beobachtung des Panels. Netzwerke, so eine Schlussfolgerung, müssten historisiert werden, schließlich seien sie zeitgenössisch geprägt. Der Netzwerkbegriff der Politikwissenschaft, so wurde in der Diskussion dieser Sektion klar, sei zu statisch, um neue Dimensionen aufzutun. So könnte eine historiographische Untersuchung der Parteienkooperation ein Weg sein, europäische Geschichte anders zu erzählen, so WILFRIED LOTH (Bochum), der diese Sektion moderierte.
Über Institutionen und deren Strukturen und Strukturbrüche fasste MICHAEL GEHLER (Hildesheim) die Entwicklung von Parteikooperationen konservativer und christdemokratischer Parteien nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen. Diese Zeitenwende habe insofern Einfluss auf die Kooperation gehabt, weil die Erfahrung von Krieg, Totalitarismus und Diktatur den Kohäsionsstoff der ersten Jahrzehnte der Parteienarbeit auf europäischer Ebene gebildet hätte. Den „Genfer Kreis“, 1945 gegründet, bildeten mittelosteuropäische Exilanten. Die „Nouvelles Equipes Internationales“ (NEI) etablierten Schweizer, Belgier sowie Franzosen, deren christlich-konservative Organisationen den Krieg überstanden hatten. Ihr Motiv sei das Ziel einer „doppelten Einheit“, in der die Verwirklichung einer europäischen Einigung als erster Schritt hin zu einer Weltunion verstanden wurde, gewesen.
Angesichts dieser Zielvisionen kann es nicht verwundern, dass die reale europäische Einigung die Organisationsstrukturen stark beeinflusste – zumal der Einfluss von Antikommunismus und Exilerfahrung als Kohäsionsmittel spätestens in den 1960er-Jahren spürbar nachgelassen hatte. Schon die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS, 1951) habe der Parteienkooperation in Form der NEI Wind aus den Segeln genommen, so Gehler. Ausdruck fand diese Verschiebung der christlich-demokratischen Parteien hin zu den europäischen Institutionen in der Gründung der „Europäischen Union Christlicher Demokraten“ (EUCD) 1965, die die transnationale Kooperation der Parteien an die Arbeit ihrer Abgeordneten in Versammlung und Europäischem Parlament anband. Die so begonnene enge Abstimmung mit Parteifreunden in Kommission und Mitgliedstaaten sei stetig ausgebaut worden, besonders nachdem angesichts der ersten Direktwahlen zum Europäischen Parlament 1976 die Europäische Volkspartei gegründet wurde. Seit 1983 trafen sich Regierungschefs der EVP-Mitgliedsparteien zur Vorbereitung von Gipfeln, kurz darauf auch Fraktionschefs und Fachminister.
Einen stärker theoriegeleiteten Zugriff auf die Geschichte der transnationalen Parteienkooperation präsentierte GUIDO THIEMEYER (Cergy Pontoise). Für seine Untersuchung liberaler Parteien übertrug er drei etablierte Theorien der Politikwissenschaft in Bezug auf nationale Parteien auf die Ebene der transnationalen Kooperation. Mit dem Ansatz Rudolf Hrbeks, der institutionelle Rahmenbedingungen in den Vordergrund stellt, erklärte Thiemeyer die Geschichte der Kooperation liberaler Parteien besonders durch den Einfluss der europäischen Institutionen. Demnach habe die Gründung der EGKS zur Etablierung des „Mouvement libéral pour l’Europe unie“ (MLEU), in dem seit 1952 Parteien aus den sechs Staaten der neu gegründeten EGKS zusammenarbeiteten, geführt; mit dem Ziel, ein supranationales Zentrum zu etablieren. Der Haager EG-Gipfel 1969 sei wiederum Anlass gewesen, aus dem Rahmen der Liberalen Internationalen (LI) die Liberale Parteiführerkonferenz einzuführen. Ähnlich habe die erste Direktwahl für das Europäische Parlament, in deren Vorfeld 1976 die European Liberal Democrats (ELD) als Parteiföderation aus der LI hervorgingen, gewirkt.
Erzählt man die Geschichte der Kooperation unter den Gesichtspunkten von Persönlichkeiten und Ideologien, dem Ansatz Angelo Pianebiancos, findet man Ansatzpunkte für hemmende Elemente in der Entwicklungsgeschichte. So sei die LI jahrelang durch den italienischen Vorsitzenden Giovanni Malagodi geprägt worden, der sich lange gegen eine Beschränkung auf die EGKS gewehrt hatte. Dadurch sei die Konkurrenz zwischen Parteienkooperationen wie der LI und dem MLEU verstärkt worden. Scharfe Rivalitäten der verschiedenen Auslegungen und Betonungen des Liberalismus, begründet durch die divergierende, nationalstaatlich orientierte Genese des europäischen Liberalismus, verhinderten tiefergehende gemeinsame Erklärungen.
Wie Gehler für die christdemokratischen und konservativen Parteien sah auch Thiemeyer im Antikommunismus eine einende Klammer für Kooperation. Insgesamt war es die gemeinsame Trennlinie zum Totalitarismus, die Liberale zusammenführte. Diese Trennlinie, so Thiemeyer dem Cleavage-Ansatz von Seymour Martin Lipset und Stein Rokkan folgend, sei als Erklärungsansatz für die liberale Kooperation besonders in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg prägend, in denen der Kommunismus sowjetischer Prägung und das Regime Francos in Spanien noch stärker bedrohlich wirkten.
Aus allen drei Ansätzen der nationalen Parteienforschung konnte Thiemeyer Erklärungsmuster für die Entwicklung liberaler Parteienkooperation gewinnen, wenn auch mit unterschiedlich starken Aussagen. Gewinnbringend war dabei vor allem die These Hrbeks, die Entwicklung mit Institutionen zu erklären. Dieser Ansatz zeigte erneut die enorme Bedeutung der EGKS/EG-Institutionen für die Entwicklung der Parteienkooperationen.
Wie bei den genannten Parteienfamilien stellte JÜRGEN MITTAG (Bochum) auch bei den sozialdemokratischen Parteien zum einen die Impulsfunktion der europäischen Institutionen, zum anderen die Dichotomie einer globalen und einer europäischen Zielsetzung der transnationalen Parteienkooperation fest. Mit einem Fokus auf die deutsche Sozialdemokratie skizzierte Mittag die transnationale Kooperation, die auf das Kommunistische Manifest zurückgehend als die älteste Kooperation gilt. Die Älteste war jedoch nicht die Festeste, sondern eher ein Forum für einen lockeren Meinungsaustausch. Erst mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs habe ein neuer Zeitabschnitt der Kooperation begonnen, so Mittag, die zudem stärker auf die europäische Integration ausgerichtet gewesen sei.
Mit der Sozialistischen Internationale hatte sich zunächst 1951 ein Forum mit globaler Perspektive etabliert. Aus diesem heraus entstand wiederum das European Committee, initiiert durch die Verhandlungen über die EGKS. Das Committee sollte die Zusammenarbeit der sozialistischen Parteien der Mitgliedstaaten und der sozialdemokratischen Fraktion in der EGKS sicherstellen. Anlässlich der Unterzeichnung der Römischen Verträge wurde das Committee zu einem Verbindungsbüro weiterentwickelt. Doch wie der Ausbau der europäischen Institutionen die Parteienkooperation bestärkte, so verflachte sie ebenso durch die Verringerung der Integrationsbemühungen auf EG-Ebene ab Mitte der 1960er-Jahre. Der Plan, eine schlagkräftige europäische Partei zu gründen, schlug fehl, auch als 1974 der „Bund der sozialdemokratischen Parteien in der Europäischen Gemeinschaft“ etabliert wurde. Diese zu Beginn lockere Kooperation wurde im Gefolge der Direktwahlen zum EP intensiviert und mündete 1992 in die Neukonstitution als „Sozialdemokratische Partei Europas“ (SPE). Bilaterale Kooperationen spielten, wie Mittag am Beispiel der deutschen SPD und der französischen SFIO zeigte, zu allen Phasen eine untergeordnete Rolle. Zusammenfassend fand Mittag ein ambivalentes Bild in der Parteienkooperation sozialdemokratischer Parteien: Einerseits habe die SPE ihre Interaktionsstrukturen vertieft und stelle heute kein unverbindliches Gesprächsforum dar. Andererseits sei sie weiterhin selbst Spielball innenpolitischer Interessen. So zeige sich, dass trotz des Bedeutungszuwachses der Parteiorganisationen auf europäischer Ebene weiterhin die nationalen Parteien die Strukturen der transnationalen Kooperation prägten.
Einen Einblick in die Praxis der transnationalen Kooperation der sozialdemokratischen Parteien gewährte CHRISTOPH ZÖPEL (Dortmund), der die SPD im Exekutivkomitee der Sozialistischen Internationale (SI) repräsentierte. Er umschrieb das Arbeiten in dieser Organisation als das „Nutzen eines Netzwerkes bei konkreten Problemen“. Institutionelle Arrangements wie die halbjährlichen Council Meetings, bei denen Vertreter der weltweit 140 sozialdemokratischen und linksdemokratischen Mitgliedsparteien zusammenkommen, dienten funktional als Knoten in einem Netzwerk. Dieses Netzwerk stelle bilaterale Kontakte zur Verfügung, die je nach Problemlage abgerufen würden: zu Wahlkampfhilfen, zu innerstaatlichen Konflikten wie in lateinamerikanischen Staaten oder zwischenstaatlichen Konflikte wie in Nahost. Auch sozialdemokratische Führungspersönlichkeiten in internationalen Organisationen wie UNHCR oder IWF sind Teil dieses SI-Netzwerkes. Wie Zöpel betonte, funktioniere das Netzwerk SI nicht über Programme oder Resolutionen, sondern vor allem auf der praktischen Ebene.
Historisch entwickelte sich die SI aus einer Spaltung der Internationale im Ersten Weltkrieg und nach der Russischen Revolution. Die SI in ihrer heutigen Form entstand 1951 im Gegensatz zur von der KPdSU dominierten Kommunistischen Internationale durch 34 vorwiegend europäische Mitgliedsparteien. Diese Eurozentrierung herrschte bis in die 1970er-Jahre vor, bis – eng verbunden mit den Persönlichkeiten Willy Brandt und Jürgen Wischnewski – der Prozess der „Enteuropäisierung“ eingeleitet wurde. Dieser Prozess war mit drei globalgeschichtlichen Prozessen verbunden: dem Ost-West-Konflikt und seiner Überwindung, die Gegnerschaft zu rechtsautoritärer Herrschaft und der Ausweitung des Verständnisses linksdemokratischer Parteien über das westeuropäische Selbstverständnis hinaus.
Praktische Folgen hatten diese Veränderungen bei neuen Aufgaben der SI, bei der Überwindung rechtsautoritärer Regime in Südeuropa und Südamerika sowie bei der Bildung linksdemokratischer Parteien in Osteuropa nach 1990. Insgesamt habe die Aufnahme vieler außereuropäischer Parteien das Spektrum an Positionen innerhalb der SI deutlich erweitert, so Zöpel.
Grenzüberschreitende Kooperationsformen finden sich auch bei der extremen Rechten. Eine Analyse dieser Entwicklung, die JANOSCH STEUWER (Bochum) skizzierte, erscheint lohnenswert, weil sie sich der systematisch-orientierten Parteienforschung im Kontrast zur Entwicklung der demokratischen Parteienfamilien als Vergleichsfolie anbietet. Auch antidemokratische und rassistische Gruppen hätten eigene Vorstellungen einer Europäischen Integration gehabt, so Steuwer. Dadurch würden zwei Erkenntnisse ermöglicht: Das positiv besetzte Masternarrativ der europäischen Integration kann selbst historisiert werden. Der Faktor „Programmatik“ werde stärker betont, schließlich nahm die transnationale Kooperation dieser Parteien im Gegensatz zu anderen Parteienfamilien über die Jahrzehnte ab.
Steuwer stellte dazu die Entwicklungsgeschichte dieser Kooperation in drei Phasen dar. Die erste Phase sei durch ein Treffen rechtsextremer Parteien 1951 in Malmö eingeleitet worden. Wenige Wochen nach der Unterzeichnung des EGKS-Vertrages, vor allem aber nur wenige Jahre nach dem Ende der Herrschaft des Nationalsozialismus sollte es dazu dienen, ein eigenes Konzept europäischer Einigung zu erarbeiten. Einerseits sei dies mit einer traditionellen Strömung versucht worden, die unter Bezug auf Europa lediglich eine Möglichkeit gesehen habe, weiterhin eine nationalistische Politik zu vertreten. Andererseits habe sich auch eine progressive Strömung entwickelt, die eine Überwindung des am Nationalstaat orientierten Nationalismus thematisierte. Die zweite Phase ab der Mitte der 1960er-Jahre sei durch zwei auseinanderstrebende Entwicklungen gekennzeichnet, die an die vorigen Strömungen anknüpften. Zum einen hätten Erfolge nationalistischer Parteien wie der NPD gezeigt, dass klassisch nationalistische Programmatik wieder Erfolge feiern konnte, zum anderen hätten die Diskussionen um die Modernisierung der rechtsextremen Programmatik fortbestanden. Eine Neue Rechte, die als Reaktion auf linke Studenten- und Bürgerbewegungen entstanden sei, habe statt eines Einigungsprozesses die kulturelle und historische Einheit Europas in den Mittelpunkt gerückt. Durch die Vertiefung des Europäischen Einigungsprozesses sei die dritte Phase der Entwicklung eingeleitet worden: Vom Scheitern der gemeinsamen rechten Wahlplattformen „Destra“ bei der ersten Direktwahl über die bloße Bildung einer gemeinsamen Fraktion 1984 bis hin zu einer Abnahme der gegenseitigen Besuche in den 1990er-Jahren habe die Parteienkooperation der rechten Parteien in dieser Phase stetig abgenommen.
Welchen Nutzen die sozialwissenschaftliche Netzwerkanalyse für die Geschichtswissenschaft haben könnte, diskutierte CHRISTIAN SALM (Portsmouth) anhand der transnationalen Zusammenarbeit europäischer Parteien. Der Wert dieses Ansatzes sei nach Stand der Literatur weiterhin umstritten, zumal interdisziplinäre Ansätze zur Erforschung der EU noch rar sind. Dabei könne der analytische Blick der Politikwissenschaft der Geschichtswissenschaft helfen, den informellen Charakter von Auseinandersetzungen besser zu beleuchten. Umgekehrt könne die Geschichtswissenschaft der Politikwissenschaft den „naiven Blick austreiben“, schließlich nehme die Politikwissenschaft Netzwerke erst ab den 1980er-Jahren in den Blick, dabei seien Netzwerke schon viel früher Bestandteil des Einigungsprozesses gewesen.
Bislang habe das Narrativ der EU-Geschichte die Rolle der Nationalstaaten und der Regierungen in den Fokus gestellt. Dagegen sei die Rolle von nicht-staatlichen Akteuren und deren Einfluss auf die Supranationalisierung von Politikfeldern lange übersehen worden. Eine Untersuchung der informellen transnationalen Parteiennetzwerke könne zu einem kompletteren Verständnis der Entstehung der EU beitragen.
Vor- und Nachteile der Netzwerkanalyse würden sich gegenseitig bedingen. Der Vorteil des Ansatzes, keine geschlossene Theorie zu sein, zwinge dazu, bei jedem Forschungsprojekt immer wieder neu zu definieren, inwiefern das Konzept gewinnbringend genutzt werden kann. Orientiert an vorliegendem Quellenmaterial und Fragestellung müsse das Netzwerkkonzept jeweils neu austariert werden. Politikwissenschaftliche Definitionskriterien von Netzwerken könnten dabei helfen. Der Vorteil der Netzwerkanalyse sei die Flexibilität, die eine Bearbeitung sehr unterschiedlicher Quellenlagen ermöglicht.
Sowohl die Vorträge als auch die sich anschließenden Diskussionsbeiträge haben verdeutlicht, dass erste Pfade zur Vermessung des Forschungsfeldes eingeschlagen wurden. Weitere offene Forschungsfragen und konzeptionelle Ansatzpunkte gibt es jedoch hinreichend, wie gerade die letzten drei Beiträge dieser Sektion zeigten. Hierzu zählen etwa Untersuchungen zur Bedeutung transnationaler Persönlichkeiten oder der Transfer von Ideen und Ressourcen. Um das Spannungsfeld zwischen Nationalgeschichte und Geschichte der Europäisierung auflösen zu können, ist es gleichermaßen unerlässlich, auch die Wechselwirkungen zwischen Zivilgesellschaft und den politischen Institutionen vermehrt zu untersuchen. Dafür müsste die politische Geschichte wieder stärker in den Blick genommen werden, so ein Fazit der Sektion. Nur so würden die Perspektiven auf Europäisierung deutlich erweitert.
Sektionsübersicht:
Michael Gehler (Hildesheim): Die transnationale Parteienkooperation christdemokratischer und konservativer Parteien
Guido Thiemeyer (Cergy Pontoise): Die transnationale Parteienkooperation liberaler Parteien
Jürgen Mittag (Bochum): Sozialistische und sozialdemokratische Parteienkooperation im 20. Jahrhundert
Janosch Steuwer (Bochum): Transnationale Kooperation rechtsextremer Parteien in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
Christoph Zöpel (Dortmund): Transnationale Parteienkooperation in der politischen Praxis: Die Sozialistische Internationale im 20. und 21. Jahrhundert
Christian Salm (Portsmouth): Das Potenzial von Ansätzen der Netzwerkforschung Tagungsbericht Über Grenzen – Transnationale Parteienkooperation in Europa. 28.09.2010-01.10.2011, Berlin. In: H-Soz-u-Kult 22.01.2011. Virtuelle Grenzen der Geschichtswissenschaft. Stand und Perspektiven der Digitalen GeschichtsforschungLeitung: Malte Rehbein, Würzburg; Patrick Sahle, Köln; Georg Vogeler, München Bericht von: Georg Vogeler, Zentrum für Informationsmodellierung in den Geisteswissenchaften, Karl-Franzens-Universität Graz; Patrick Sahle, Cologne Center for eHumanities, Universität zu Köln; Malte Rehbein, Zentrum für Digitale Edition, Universität Würzburg „Die zeitgenössischen Technologien zeichnen sich durch ungeheure Schnelligkeit aus und haben [ihre] eigene Dynamik entwickelt“ (Leeker / Schmidt).
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Wie gehen wir Historiker mit der „aktuellen Medienkultur des Computers“ um, wie bereiten wir uns auf eine künftige Medienkultur vor? Wo steht die Geschichtsforschung in Bezug auf neue Medien? Kann es eine digitale Geschichtswissenschaft geben, oder nur etwas Digitales in der Geschichtswissenschaft?
Obwohl auf dem Schreibtisch sicherlich jeder Historikerin und jedes Historikers ein Computer steht und auch genutzt wird, scheint sich diese Nutzung im Regelfall auch im 15. Jahr des World Wide Web auf Textverarbeitung, Internetrecherche und E-Mail-Kommunikation zu beschränken. Hinter vorgehaltener Hand hört man sogar, der Computer sei „nur etwas für die jüngere Generation“ und brächte eher die Gefahr der Oberflächlichkeit und Entwissenschaftlichung als Vorteile oder gar Veränderungen für die „echte Geschichtsforschung“. Sind also Forscher- und Forschungsnetzwerke, Textauszeichnungssprachen, Datenbanken, Geo-Informationssysteme, fortgeschrittene quantitative und qualitative Analyseverfahren oder elektronische Publikationsformen und Hypertexte wirklich nur etwas für die „Jungen“? Für Exoten und Dissidenten, die ihre wissenschaftliche Laufbahn mutwillig aufs Spiel setzen wollen? Sind die radikalen Positionen, die virtuelle Lehre und Forschung auch in der Geschichtswissenschaft seit etlichen Jahren als nahe Zukunft ansprechen, wirklich nur unrealistische Visionen des ungeduldigen Nachwuchses?
Diese Diskussion läßt sich nicht nur als polemischer Generationenstreit führen: So gibt es Fachvertreter, die davon ausgehen, dass sich der Diskurs über Geschichte durch Computer und Internet nicht wesentlich ändern wird, dass Narrationen, individuelle Quellenlektüre und autorengebundene Publikationen die Modi auch einer Geschichtswissenschaft im Computerzeitalter bleiben werden. Andere hingegen postulieren, dass sich Quellenbegriffe, historische Darstellungen und die Methoden zur nachprüfbaren Befragung der Quellen in kollaborativen Netzen, benutzergesteuerten Varianzen, automatisierten Auswertungsprozessen, dem beständigen Fortschreiben von Textbausteinen oder demokratischen Wikis auflösen werden. Jenseits dieser antithetischen Radikalpositionen ist nach den empirisch beobachtbaren Fundamenten der Beschreibung einer evolutionären wissenschaftspraktischen und wissenschaftsmethodischen Entwicklung zu fragen, in der eine allmähliche, aber letztlich unausweichliche, Integration der neuen Informationstechnologien in die Geschichtsforschung – und damit evtl. verbundene tiefer gehende Rückwirkungen auf Methoden und Praktiken – zu reflektieren ist.
Den Anfang der Podiumsdiskussion bildeten Referate der Sektionsleiter MALTE REHBEIN (Würzburg), PATRICK SAHLE (Köln) und GEORG VOGELER (Graz) zur Geschichte, dem Stand, den Perspektiven und den Entwicklungshindernissen einer durch digitale Medien geprägten Geschichtsforschung. In einem einleitenden historischen Abriss wurden exemplarische Meilensteine der Herausbildung „digitaler Geisteswissenschaften“ (engl. Digital Humanities) von ihren Anfängen mit Roberto Busa im Jahre 1949 bis zum Zeitalter des Internets vorgestellt. Dabei wurden drei treibende Faktoren in ihrer Wechselwirkung beleuchtet: technologische Innovation, ihre Nutzung durch die Geisteswissenschaften und – ideengeschichtlich – der vor allem hinter der Technik liegende Zeitgeist, also Vorstellungen und Visionen, wie sie für die jeweilige Zukunft entwickelt und formuliert wurden. Es waren dabei technologische Innovationen, die es erlaubten, schwelende, also bereits vorhandene Forschungsfragen neu oder überhaupt erst aufzugreifen. Ihre Operationalisierung durch computergestützte Werkzeuge und neue Medien führt dann aber auch zu methodischen Reflexionen, zur Ausbildung neuer Forschungsfragen und möglicherweise zu einem neuen Forschungsverständnis.
Inzwischen gibt es eine Vielzahl digitaler Projekte, die fast alle Bereiche des Faches betreffen. Man denke hier an die Retrodigitalisierung der Forschungsliteratur, Verzeichnisse, Repositorien und Editionen der Primärquellen, digitale Zeitschriften, hypertextuelle Darstellungen und ganz allgemein auf digitale Mittel gestützte Forschungsprojekte. Aus der Menge dieser Einzelprojekte, die wir als eine wachsende gemeinsame digitale Infrastruktur sehen können, lassen sich exemplarisch Perspektiven einer datengestützten Geschichtswissenschaft ableiten. So aus dem Projekt Monasterium.net, das Grundmaterial historischer Forschung (Urkunden als Quellen) und ihre wissenschaftliche Bearbeitung (Edition und Verschlagwortung) integriert. Hieraus entsteht ein Netzwerk von Daten und Informationen, das von Historikerinnen und Historikern für ihre Interpretationen genutzt aber auch durch diese Interpretationen rückfließend angereichert werden kann. Digitale Geschichtswissenschaft produziert damit intersubjektiv nachvollziehbare Informationseinheiten („Daten“), die explizit und implizit verknüpft sind und die sich entlang historischer Fragestellungen zu Geschichte(n) zusammenfügen lassen.
Wenn die Geschichtswissenschaft durch die polemisch-reduktionistische Parole vom Dreischritt „Lesen – Denken – Schreiben“ charakterisiert wird, dann stellt sich insgesamt die Frage, wie die digitalen Technologien diese Tätigkeiten nicht nur unterstützen, sondern auch tiefgreifend verändern. Dieser Prozess schlägt sich plastisch in der Terminologie der Beschreibung nieder, wenn „Lesen“ als „Informationsaufnahme“, „Denken“ als “Anwendung analytischer Operationen“ und „Schreiben“ als „Kreation und Modifikation von Informationen“ neu gefasst wird. Die Transformationen basieren auf der konkreten Nutzung neuer Werkzeuge und neuer Medien in den verschiedenen Projekten sowie in Kommunikations- und Publikationsplattformen. Auf dem Weg zu einer „digitalen Wissenschaft“ bestimmen sie dann aber auch ganz allgemein die Inhalte und die Bedeutung verschiedener Konzepte. Zu den Begriffen, die eine kontrastive Beschreibung der beiden Wissenschaftskulturen fördern, gehören dann z.B. Modellierung, Datenorientierung, Werkzeuge, Transparenz, Prozesshaftigkeit, Kollaboration, mediale Ausdrucksformen (in ihren Genres, in ihrer medialen Adäquanz, in ihrer Integration in Gesamtsysteme der Publikation) und Öffentlichkeit.
Der Aufbau digitaler Infrastrukturen schreitet voran und geht mit einer rasanten technischen und methodischen Entwicklung einher. Dabei droht sich aber gleichzeitig ein Graben zu einer „traditionellen“ Geschichtswissenschaft aufzutun und immer breiter zu werden. Es ist deshalb auch eine Diskussion darüber zu führen, wie eine Spaltung der Wissenschaft in eine digitale Avantgarde (isoliert und ohne Breitenwirkung) und eine auf ihren Methoden und Strukturen beharrende traditionelle Forschung (die digitale Ressourcen nur passiv nutzt) vermieden wird.
Die sich den Einführungsvorträgen anschließende Diskussion eröffneten die Podiumsmitglieder mit kurzen Reflexionen über Stand und Perspektiven digitaler Geschichtsforschung aus ihrer je eigenen Sicht: HELMUT FLACHENECKER (Würzburg) stellte dabei die digitalen Aktivitäten am Lehrstuhl für Landesgeschichte in Würzburg, etwa die franconica-online Projekte, vor. Er wies darauf hin, dass verfügbare Software für die Erarbeitung und Publikation digitaler Projekte nicht ausreichend Rücksicht auf die historische Perspektive nimmt. Nicht nur in Würzburg hat sich daraus die Bereitschaft ergeben, die Historiker schon in der Ausbildung an die neuen Technologien heranzuführen.
PETER HABER (Basel) skizzierte die Entwicklung des Verhältnisses von Geschichtswissenschaft und Internet in den vergangenen 15 Jahren in drei Phasen: die Nutzung des Internets als Recherchequelle seit 1995, das Internet als Ort für die Präsentation von Forschung seit 2000 und das Internet als Werkzeug der kollaborativen Produktion seit 2005. Er skizzierte dabei sechs Problemfelder, in denen die Geschichtswissenschaft in der Zukunft eine eigene Position wird finden müssen: Welche Kompetenzen der Informationsbeschaffung brauchen „digitale“ Historikerinnen und Historiker? Wie können sie den Quellenwert der online vermittelten Quellen kritisch beurteilen? Welche neuen Methoden der Geschichtsvermittlung z.B. als grafische Visualisierung oder als Hypertext entwickeln sich? Wie kann Geschichtswissenschaft kollaborativ organisiert sein? Welche Publikationskultur, d.h. welche Akzeptanz der verschiedenen Publikationsformen, wird eine digitale Geschichtswissenschaft haben?
JAKOB KRAMERITSCH (Wien) plädierte erstens für mehr Empirie in der Diskussion um die Auswirkungen des Medienwandels auf die Geschichtswissenschaft. Aus den historischen Erfahrungen zog er die Lehre, dass die Diskurse über den Medienwandel die wirkliche Medienpraxis hinter interessensgeleiteten und ideologisch aufgeladenen Polemiken zu verdecken drohen. Zweitens fragte er, wie die Geschichtswissenschaft auf die mit dem Medienwandel einhergehende Änderung der Identitätskulturen reagieren kann.
ANGELA SCHWARZ (Siegen) analysierte den Alltag der Mainstream-Geschichtswissenschaft. Sie beobachtete dabei Bereiche erhöhter Akzeptanz, wie z.B. bei der Nutzung des Internets für die Recherche von Literatur und Quellen, und Bereiche größerer Vorbehalte, die sich insbesondere gegen Kollaboration und Publikation im Internet richteten. Um die Potentiale des neuen Mediums zu nutzen, schlug sie vor, die Digitalisierung von Quellen und Literatur konsequent voranzutreiben und das kooperative Arbeiten bis hin zur Online-Publikation zu erproben. Im Mittelpunkt der wissenschaftlichen Arbeit bleibe aber immer noch das forschende, neugierige Individuum mit seinen je eigenen Fragestellungen.
Die die Sektion abschließende rund zweistündige offene Diskussion mit den gut 50 Teilnehmern vertiefte die aufgeworfenen Fragen nach Chancen und Entwicklungshindernissen einer „digitalen Geschichtswissenschaft“.
So wurde festgestellt, dass die verschiedenen medialen Umwelten zusammen mit dem herrschenden Zeitgeist bestimmte Forschungsbereiche, Forschungsfragen und methodische Ansätze prämieren. Zurzeit scheinen z.B. Globalgeschichte und komparative Forschung Felder zu sein, die für digitale Methoden besonders zugänglich sind und die von neuen Formen der Präsentation wie etwa der Visualisierung von Zeit und Raum oder der Schaffung von Informationssystemen zur Darstellung komplexer und dynamischer Zusammenhänge profitieren. Insgesamt scheint jedoch noch nicht geklärt zu sein, ob durch den Computereinsatz bislang nur die Bearbeitung alter Fragen einfacher geworden ist oder ob auch gänzlich neue Fragen entstehen werden. Mit anderen Worten: wird die bestehende historische Methode nur effizienter umsetzbar oder wandelt sie sich auch durch die Veränderung der Fragestellungen?
Digitale Medien verändern die Arbeit des Historikers auch am anderen Ende des „Dreischritts“, denn sie ermöglichen gänzlich neue Formen der Publikation. Diese bedeuten zwar einen Wandel zu mehr Visualität in der Geschichtsforschung und –schreibung aber keineswegs die Abkehr von der traditionellen Narrativität. Eine Balance der verschiedenen Formen ist jedoch erst noch zu finden. Zudem kann man beobachten, dass neue Publikationsformen trotz ihrer offensichtlichen Vorteile nur recht zögerlich angenommen werden. Ein möglicher Grund hierfür mag in der Monographie als „Leitwährung“ wissenschaftlicher Reputation liegen. Dies betrifft insbesondere den wissenschaftlichen Nachwuchs. Die soziale und wissenschaftliche Kapitalisierbarkeit digitaler Formen bzw. die Akzeptanz digitaler Publikationen in wissenschaftlichen Lebensläufen hinkt noch weit hinter den Beiträgen her, die diese Arbeiten für die historische Forschung leisten. Hier sind die Fachverbände gefordert, alternative Arbeits- und Publikationsformen angemessen und gleichberechtigt zu würdigen und damit Anreizsysteme für digitale Forschung zu schaffen.
In diesem Zusammenhang lässt sich mindestens in einem Aufgabenfeld der Geschichtswissenschaft, der Edition als Aufbereitung der Quellen, erkennen, dass im digitalen Zeitalter die wissenschaftliche Publikation immer weniger Produkt als vielmehr ein andauernder Prozess ist, in dem nicht nur abgeschlossene Ergebnisse, sondern auch „Rohdaten“ der Forschung zugänglich werden. Dazu gehört auch, dass sich kritische historische Methoden für digitale Inhalte entwickeln, die auch in der Lehre stärker Berücksichtigung finden müssen.
Ein Aspekt digitaler Medien wurde in der Diskussion besonders herausgestellt: die technische Unterstützung und damit Förderung kooperativer Arbeitsweisen. Bejaht man die grundsätzliche Frage, ob die historische Methode diesen Arbeitsformen überhaupt umfassend zugänglich sei, so ergeben sich in der Folge eine Reihe weiterer Fragen: Geht etwa mit kooperativen Arbeitsweisen eine Veränderung des wissenschaftlichen Selbstverständnisses einher, von der indiviudellen Objektivität zur offenen Subjektivität der Gruppe? Bedeutet Zusammenarbeit einen Verlust von Individualismus oder gerade im Gegenteil seine Stärkung? Gefährdet eine potentiell grenzenlose Zusammenarbeit das Prinzip des geistigen Eigentums und stellt unlösbare Herausforderungen an die Messbarkeit und „Kapitalisierbarkeit“ wissenschaftlicher Leistung? Läuft die historische Methode Gefahr, von den Gesetzen der Medien getrieben zu werden anstatt diese zum eigenen Nutzen zu gestalten? Dieses auch soziale Spannungsverhältnis bedarf noch einer systematischen Untersuchung.
Die neuen Publikationsmethoden verschieben den Schwerpunkt historischer Arbeit von der Geschichtsdarstellung als Produkt zur Geschichtsforschung als Prozess. Damit kommen noch ungelöste Probleme in den Blick: Wie begegnet digitale Geschichtswissenschaft der Gefahr, dass digitale Projekte wegen ihrer prinzipiellen Offenheit keinen Abschluss haben und Gefahr laufen, zu ewigen Baustellen zu werden? Die Antwort auf die schon lange andauernde Diskussion über Urheberrecht und Plagiate scheint nicht in der Technik zu liegen, sondern in quantitativ und qualitativ guten Betreuungsverhältnissen an den Universitäten, welche die Plagiate nahezu unmöglich machen würden. Auch die Diskussion über die Haltbarkeit der digitalen Daten ist eine, zu der es inzwischen einige technische Lösungsangebote gibt, zu deren sozial-institutionellen Aspekten jedoch noch keine Mehrheit der Akteure ein Verantwortungsbewusstsein entwickelt hat. Den Gefahren, dass Lücken in der Archivierung entstehen, müssten die Gedächtnis-Institutionen begegnen, indem sie sich zu ihrer institutionellen Verantwortung auch über den analogen Bereich hinaus bekennen. Die Fachwissenschaftler müssten sich positionieren und ihren Beitrag für dauerhafte Zitierfähigkeit (Verfahren hierfür existieren bereits) leisten. Offen ist auch, wie zunehmende technische Komplexität bewältigt werden kann, denn die Diskussion zeigte, dass Hypertext aufwändig und kompliziert ist und spezifische Lösungen für die Geschichtswissenschaft zusätzliche Ressourcen erfordern, die oft nicht vorhanden sind. Auf der anderen Seite fehlen einfache out-of-the-box-Lösungen, die auch technisch weniger gebildete Historiker/innen einsetzen können. In der Lehre stellt sich der Übergang zu einer digitalen Geschichtswissenschaft als ‚deadlock‘-Situation dar: Wie können digitale Methoden systematisch Teil der Lehre werden, wenn überwiegend traditionelle Praktiker lehren? Im Verhältnis von Forschenden zum Fachpublikum und zu einer weiteren Öffentlichkeit in einer digitalen Geschichtswissenschaft fehlt noch eine Kultur der Beteiligung der Öffentlichkeit an wissenschaftlichen Projekten, die gleichzeitig sicherstellt, dass die professionellen Historiker nicht die Deutungshoheit im digitalen Raum verlieren.
Die Diskussion beleuchtete insgesamt auch die Frage, wie der oder die „digitale Historiker/in“ von morgen nun aussehen wird. Offen bleibt, ob Historiker ihre alten Fragen nun mit leichter verfügbarem Material und effizienteren Werkzeugen bearbeiten oder ob sich auch Fragestellungen, Methodik und Formen der Ergebnispräsentation verändern, strukturell wie auch in der medialen Bereitstellung. Offen bleibt auch, ob Historiker in einer digitalen Welt einfach auf technische Lösungen warten können oder aktiv politisch und technisch zu ihrer Entwicklung beitragen müssen. Klar wurde allerdings, dass die digitalen Historiker sich nicht auf eine Arbeitsform werden festlegen lassen. Sie werden ebenso kooperativ wie als autonomes forschendes Individuum mit den digitalen Quellen, Werkzeugen und Publikationsformen umgehen und die je nach Aufgabenstellung geeigneten auszuwählen haben.
Sektionsübersicht:
Leitung:
Malte Rehbein (Würzburg)
Patrick Sahle
Georg Vogeler
Podiumsdiskussion
Helmut Flachenecker (Würzburg)
Peter Haber (Basel)
Jakob Krameritsch (Wien)
Angela Schwarz (Siegen)
[1] Martina Leeker / Kerstin Schmidt, Einleitung. McLuhan neu lesen. Zur Aktualität des. kanadischen Medientheoretikers. In: Derrick de Kerckhove / Martina Leeker / Kerstin Schmidt (Hrsg.), McLuhan neu lesen. Medien und Kultur im 21. Jahrhundert, Bielefeld 2008. Tagungsbericht Virtuelle Grenzen der Geschichtswissenschaft. Stand und Perspektiven der Digitalen Geschichtsforschung. 28.09.2010-01.10.2011, Berlin. In: H-Soz-u-Kult 22.01.2011. Was ist guter Geschichtsunterricht? Qualitätsmerkmale in der KontroverseLeitung: Meik Zülsdorf-Kersting, Universität Osnabrück; Holger Thünemann, Westfälische Wilhelms-Universität Münster Bericht von: Kristina Lange, Ruhr-Universität Bochum Was ist guter Geschichtsunterricht? Diese elementare und doch zugleich komplexe Frage wird seit geraumer Zeit in der universitären Geschichtsdidaktik wieder diskutiert. Ausgelöst wurde dieser Trend durch internationales und nationales Bildungsmonitoring, die derzeitige Out-Put-Orientierung im deutschen Bildungssystem sowie durch empirische Forschung in den Bildungswissenschaften und Fachdidaktiken. Die jüngste empiriegestützte Fokussierung
[1]
auf die Frage „Was ist guter Geschichtsunterricht?“ ist umso mehr zu begrüßen, da sich Akteure insbesondere der zweiten Phase der Lehrerausbildung, Lehrkräfte und Lehramtsanwärter/innen bislang – neben ihrer auf Erfahrungswissen in unterschiedlicher Qualität und Quantität basierender Expertise – lediglich auf normative theoretische Ansätze im Sinne geschichtsdidaktischer Kategorien beziehen konnten.
[2]
Ausgehend von der Frage, warum der Geschichtsunterricht als intitutionalisierte Form des historischen Lernens so zurückhaltend von der Geschichtsdidaktik bearbeitet wurde, systematisierte MEIK ZÜLSDORF-KERSTING (Osnabrück) in seiner Einführung den Forschungsstand und konstatierte Empiriedefizite auf drei Ebenen; erstens in der teilnehmenden Unterrichtsforschung, zweitens in der empirischen Überprüfung der entwickelten Kompetenzmodelle und der entwickelten „Stufungen“ bzw. „Graduierungen“, drittens in der Bearbeitung der Dilemma-Situation in der Pragmatik: Faktisch muss in der Praxis bewertet werden, es liegen jedoch keine geprüften handhabbaren Kriterien vor. Mit der letztgenannten Forschungslücke ist zugleich die erkenntnisleitende Fragestellung der Sektion umrissen: „Wie wird Qualität von Geschichtsunterricht beurteilt?“ Da die Qualitätskriterien von der Perspektive der Beurteilenden abhängen, wurden in der Sektion in den sich anschließenden Vorträgen die Lehrer- und Schülerperspektive sowie die fachdidaktische Sicht beleuchtet. Dieser mehrperspektivische Zugang entspricht dem explorativen Zugang und dem Design der dieser Sektion zugrundeliegenden Pilotstudie, die in der Unterrichtsforschung zu verorten ist. Exemplarisch an einem „Good-Practice“-Videomitschnitt einer Geschichtsstunde sollten nicht die aus der geschichtsdidaktischen Debatte abgeleiteten Kriterien, sondern die (möglicherweise konträr) angelegten Kriterien von Lehrer und Hochschullehrer sowie von Schülerinnen und Schülern sichtbar gemacht werden.
Der Frage „Was sind aus Lehrerperspektive Merkmale guten Geschichtsunterrichts?“, ging HOLGER THÜNEMANN (Münster) in seinem Vortrag nach. Zunächst wurde aus forschungsmethodischer Sicht erläutert, dass komplementär zu bisher vorliegenden, auf geschlossenen Fragebögen basierenden, Ergebnissen das problemzentrierte Leitfadeninterview eingesetzt wurde, um „subjektive Theorien“ der Geschichtslehrkräfte über den Untersuchungsgegenstand zu erheben. Das Angebot-Nutzungsmodell von Andreas Helmke zählt gegenwärtig wohl zu den elaboriertesten domänenunspezifischen Modellierungen von Unterrichtsqualität. Obgleich Helmke eine einseitige Fokussierung auf das Expertenparadigma kritisch sehe, so ist doch festzuhalten, dass subjektive Theorien als zentrale Faktoren in der Unterrichtspraxis handlungswirksam würden. Geschichtslehrkräfte hätten demnach subjektive Theorien über die Qualität ihres Unterrichtes. Diese könnten auf vier Ebenen auf Basis bereits vorliegender Befunde anderer Studien thesenhaft systematisiert werden: Erstens sind die Kriterien der Geschichtslehrkräfte eher fachunspezifisch. Zweitens haben die Lehrkräfte eher Theorien über den Stoff und weniger über den Unterrichtsprozess. Drittens weisen die subjektiven Theorien heterogene Theorieelemente auf und sind wenig systematisiert, aber pragmatisch sinnvoll. Viertens können Lehrer- und Schülerperspektive differieren. Die Analyse des Videomitschnittes führte zu folgenden Befunden: Erstens hat die Geschichtslehrkraft fachunspezifische Qualitätskriterien (beispielsweise strukturelle Kohärenz, Hausaufgaben). Diese greifen aber mit fachspezifischen Kriterien (beispielsweise Quellenkritik, historisches Urteil) ineinander. Die subjektiven Theorien der Geschichtslehrkraft haben somit einen „harten“ fachspezifischen Kern. Zweitens orientiert sich die Geschichtslehrkraft nicht nur an deklarativen, sondern auch an prozeduralem Wissen im Sinne des historischen Denkens. Drittens sind die subjektiven Theorien wenig systematisiert und kategorial. Als zentrale Kriterien konnten Sachwissen, geschichtskulturelle Kompetenz und historisches Denken als Hauptziel des Geschichtsunterrichts identifiziert werden. Viertens zeigen Lehrer- und Schülerperspektive eine große Übereinstimmung im Hinblick auf fachunspezifische Anteile und weniger Übereinstimmung bei fachspezifischen Anteilen.
Im Zentrum von JOHANNES MEYER-HAMMES (Hamburg) Beitrag stand die Frage: „Welche Perspektive nehmen die Schülerinnen und Schüler zu der videographierten Stunde ein?“ Im Hinblick auf den bisherigen Forschungsstand konstatierte J. Meyer-Hamme eine hypothesenprüfende Forschungslogik. Da in quantitativen Verfahren Unterschiede in Mittelwerten eingeebnet würden, betonte J. Meyer-Hamme die Vorteile des rekonstruktiven Forschungsansatzes, mit dem es möglich sei, maximale Kontraste herauszuarbeiten. Anhand von vier zufälligen Fallskizzen, die jedoch nicht die Ecken des Feldes markierten, wurde die Schülersicht hinsichtlich der Qualität von Geschichtsunterricht rekonstruiert. Die Befunde zeigen ein hohes Maß an Heterogenität: Bei einer Schülerin stand beispielsweise die Zielorientierung „Lernen für eine (gute) Klausur“ im Vordergrund. Qualitätskriterien waren demnach „gutes“ Tafelbild, hilfreiche Materialien und Klärung der Frage, „was ist richtig, was nicht“ in der Diskussion im Klassenverband. Die Qualitätskriterien dieser Schülerin waren zu großen Teilen fachunspezifisch. Eine andere Schülerin argumentierte mit fachspezifischen Kriterien (Quellenarbeit, -kritik, Kontroversität). Die größte Bedeutung für einen gelungen Geschichtsunterricht habe es ihrer Einschätzung nach aber, sich in andere Personen hineinzuversetzen, „die Gefühle zu spüren“. Empathie und Fremdverstehen als wesentliche, aber personalisierte Form des historischen Denkens sind für diese Schülerin ein zentrales Qualitätsmerkmal guten Geschichtsunterrichts.
GERHARD HENKE-BOCHSCHATZ (Frankfurt am Main) untersuchte den Gegenstand „Guter Geschichtsunterricht aus fachdidaktischer Perspektive“. Ausgehend von der These, dass eher Einigkeit über die Kritikpunkte als über Merkmale guten Geschichtsunterrichts bestünde, entwickelte er Gütekriterien für guten Geschichtsunterricht: klar strukturierter Unterrichtsprozess, anschlussfähiges und zur Orientierung befähigendes Wissen (mehr als Fachkenntnisse) sowie gute Rahmenbedingungen (Ausstattung, Lehrpläne, Zielorientierung der Schüler/innen). Guter Geschichtsunterricht sollte demnach „strukturiert, anregend, unterstützend“ (Eckhard Klieme) sein. Im Zentrum von G. Henke-Bockschatz‘ rekonstruktiver Interpretation zweier Passagen des Videomittschnitts stand der Lerngegenstand „Russische Revolution“ bzw. die Frage, wie in einer speziellen Unterrichtssituation Sinn über den Lerngegenstand erfasst wird. In diesem Sinn analysierte G. Henke-Bockschatz die kommunikativ-soziale Aktion, um praxeologisches stillschweigendes implizites Wissen sichtbar zu machen. Aus fachdidaktischer Perspektive kam G. Henke-Bockschatz hinsichtlich der punktuellen Bohrungen zu folgendem Fazit: Die Lehrkraft arbeitet in der Unterrichtsstunde mit einer klaren Problemstellung, auf die sie immer wieder zurückkommt. Hierbei haben die Schüler/innen Gelegenheit ihr Hintergrundwissen einzubringen. Lehrkraft und Schüler/innen kommen zu einem inhaltlichen Einverständnis über die Beurteilung der historischen Situation. Aus fachdidaktischer Perspektive ist kritisch zu bemerken, dass wohl begründete geschichtsdidaktische Prinzipien selten vertiefend eingesetzt würden, sondern die Verständigung über eigene Wertvorstellungen dokumentiere vielmehr einen konventionellen Umgang mit Geschichte.
In seinem Kommentar im Anschluss an die Vorträge systematisierte PETER GAUTSCHI (Aarau) das Forschungsfeld „guter Geschichtsunterricht“. Erstens könne der Zugriff normativ oder empririsch sein. In diesem Sinn müsste zwischen „gutem“ und „wirksamen“ Geschichtsunterricht bzw. zwischen „Gütekriterien“ und „Qualitätsmerkmalen“ unterschieden werden. Zweitens komme es auf die Sichtweise an: Es könnten Lehrpersonen, Kompetenzen oder Prozesse untersucht werden. Hierbei könne die Sichtweise disziplinär geprägt sein. Drittens könnten Betrachtungsfelder ganze Lektionen, Ausschnitte, Folgen, Wissen und Können sein. Viertens beziehe sich die Vorgehensweise auf die Forschungspraxis. Wie erfolgen Datenerhebung und -auswahl? Was sind adäquate Daten? Gibt es gesicherte Items? Liegen bereits Konstrukte vor oder müssen diese an die Forschungsfrage angepasst werden? Fünftens spielten Ziel und Zweck der Beurteilung von Geschichtsunterricht ebenfalls eine entscheidende Rolle: Geschieht dies für die Forschung, für eine Qualitätsprüfung, als Besoldungsindikator etc.. Letztendlich hingen die Kriterien von der beurteilenden Person ab (Fachlehrer, Schulleiter, Lehrer/in, Schüler/in, Eltern, Politik). Insofern resümierte P. Gautschi, dass der Dialog intensiviert, Beurteilungskriterien geschärft und andere disziplinäre Zugänge kennengelernt werden müssten.
Als Fazit der Vorträge und der anschließenden lebhaften Diskussion kann festgehalten werden, dass mit dem Thema der Sektion ein zentrales Thema oder das zentrale Thema der Lehrerausbildung in die geschichtsdidaktische Diskussion gerückt wurde. Die Sektion verweist auf das entscheidende Problem in der Lehrerausbildung: Lerngegenstand-Lehrkraft-Schüler/innen müssen zusammengedacht werden. Als Forschungsperspektive müssen die Muster der verschiedenen Sichtweisen untersucht und kennengelernt werden. Die geführte kritische Auseinandersetzung mit bisherigen geschichtsdidaktischen Ansätzen zeigt ferner, dass normative geschichtsdidaktische Kategorien und Prinzipien, theoretische, aber nicht empirisch validierte Kompetenzmodelle historischen Lernens vorliegen, aber ein Konstrukt „Qualität von Geschichtsunterricht“ noch aussteht. Auch wenn mit dieser konstruktiven Sektion das Forschungsfeld aufgerollt und problematisiert wurde, müssten bezüglich verschiedener Forschungsstrategien und -methodiken weitere zielführende Debatten folgen. In diesem Sinne ist es auch von Interesse, ob es mit dieser virulenten Fragestellung gelingt, eine fruchtbare Debatte zwischen den beteiligten Akteuren, das heißt zwischen universitärer Geschichtsdidaktik, Lehrerausbilder der zweiten und dritten Phase (Referendariat und Lehrerfortbildung), Lehrkräften und Lehramtsanwärter/innen (endlich wieder) zu initiieren.
Sektionsübersicht:
Meik Zülsdorf-Kersting (Osnabrück): Einführung
Holger Thünemann (Münster): Guter Geschichtsunterricht aus der Lehrerperspektive
Johannes Meyer-Hamme (Hamburg): Guter Geschichtsunterricht aus der Schülerperspektive
Gerhard Henke-Bockschatz (Frankfurt am Main): Guter Geschichtsunterricht aus fachdidaktischer Perspektive
Peter Gautschi (Aarau): Fazit – Fragen – Perspektiven
[1] Peter Gautschi u.a. (Hrsg.), Geschichtsunterricht heute. Eine empirische Analyse ausgewählter Aspekte (Geschichtsdidaktik heute), Bern 2007. Peter Gautschi, Guter Geschichtsunterricht. Grundlagen, Erkenntnisse, Hinweise (Forum Historisches Lernen), Schwalbach am Taunus 2009.
[2] Ulrich Mayer / Hans-Jürgen Pandel, Kategorien der Geschichtsdidaktik und Praxis der Unterrichtsanalyse. Zur empirischen Untersuchung fachspezifischer Kommunikation im historisch-politischen Unterricht (Anmerkungen und Argumente zur historischen und politischen Bildung 13), Stuttgart 1976. Ulrich Mayer, Beurteilung von Geschichtsunterricht, in: Klaus Bergmann (Hrsg.), Handbuch der Geschichtsdidaktik, 5. überarbeitete Auflage, Seelze-Velber 1997, S. 486-492. Ulrich Mayer, Qualitätsmerkmale historischer Bildung. Geschichtsdidaktische Kategorien als Kriterien zur Bestimmung und Sicherung der fachdidaktischen Qualität historischen Lernens, in: Wilfried Hansmann / Timo Hoyer (Hrsg.), Zeitgeschichte und historische Bildung, Kassel 2005, S. 223-242. Michele Barricelli / Michael Sauer, „Was ist guter Geschichtsunterricht?“ Fachdidaktische Kategorien zur Beobachtung und Analyse von Geschichtsunterricht, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht ( 2006), H.1, S. 4-25. Tagungsbericht Was ist guter Geschichtsunterricht? Qualitätsmerkmale in der Kontroverse. 28.09.2010-01.10.2010, Berlin. In: H-Soz-u-Kult 13.11.2010. Wie schreibt man Deutsche Geschichte im Zeitalter der Transnationalität? Die Neukonzeption des Oxford Handbook of Modern German History in der DiskussionLeitung: Thomas Mergel, Humboldt-Universität zu Berlin Bericht von: Thomas Werneke, Humboldt-Universität zu Berlin Braucht es ein weiteres Handbuch zur deutschen Nationalgeschichte und lässt sich ein transnationaler Ansatz mit dieser verbinden? Herausgeber Helmut Walser Smith und die Autoren des „Oxford Handbook of Modern German History“ bejahen beide Fragen. Auf dem Historikertag stellte Smith zusammen mit einigen der Autoren das Konzept und ausgewählte Kapitel aus der 2011 zu erwartenden Publikation vor. Das Novum beim Handbook liegt in der explizit vertretenen transnationalen Perspektive. Mit ihr erhofft sich Smith neue Erkenntnisse für eine deutsche Nationalgeschichte.
In seinen einführenden Bemerkungen hob Sektionsleiter THOMAS MERGEL (Berlin) die Nationalgeschichte hervor. Sie werde immer noch vorrangig geschrieben. Der Begriff „transnational“ diene dagegen häufig als Label in der Nischenforschung für Theorieaufsätze. Mergel nannte hier unter anderem die histoire croisee und entangled history-Ansätze. Nur selten werde eine transnationale Perspektive tatsächlich auch eingenommen. Dies liege nicht zuletzt auch an einer nationalen Ordnung von Wissen: in Bibliotheken, Archiven, Forschungsinstitutionen etc. Dennoch haben die Arbeiten mit vergleichender Perspektive speziell bei Transferprozessen, beispielsweise bei der Migration zugenommen. Mergel sieht daher eine Aufgabe des Handbuchs darin, die Spannungen nationaler und transnationaler Geschichte zu beschreiben und darzustellen. Er betonte, beides seien keine Gegensätze. Das Handbuch liefere eine nationale Geschichte in der Dimension des Transnationalen, mit dem Blick auf den Anderen. Mergel widerspricht jedoch dem Telos der Anpassung und steten Zusammenführung von Nationalgeschichten. Die relationale Bedeutung der Geschichte müsse auch ein Umdenken in der Historiographie zur Folge haben.
HELMUT WALSER SMITH (Nashville) stellte daraufhin die Konzeption des 2011 erscheindenen Handbuchs vor, das sich von anderen Handbüchern zur deutschen Geschichte abheben soll. Smith legte großen Wert auf die Erwähnung der internationalen Autorenschaft. Auch wenn es sich eher um ein anglo-amerikanisch-deutsches Handbuch handele, wie Smith einschränkte und in der Diskussion auch Wilfried Nippel feststellte, so sei dies dennoch ein Novum. Mit dieser Autorenschaft und dem transnationalen Fokus verknüpfe sich der Anspruch an das Handbuch, einerseits die Spannungen zwischen nationalen und internationalen Handlungs(spiel)räumen herauszuarbeiten und andererseits die Ähnlichkeiten der Nationalgeschichten Europas im 19. und 20. Jahrhundert hervorzuheben. Dabei soll keine Lösung auf die Frage geboten werden, wie man transnationale Geschichte schreibt, sondern verschiedene Strategien hierzu sammeln. Das Leitmotiv sei es, mehr die Konvergenz der deutschen Geschichte mit den Geschichten der anderen zu ermitteln und weniger deren Abtrennung. So sprach er die gemeinsamen Gewalterfahrungen sowie die Okkupationspolitik in diesem Sinne an. Mit dieser Aussage provozierte er die Frage aus dem Publikum, wie es denn um den deutschen Sonderweg bestellt sei, worauf Smith erwiderte, dass die Sonderweg-These mit dem Handbuch keineswegs gestützt werden solle – aber auch nicht gemindert.
REBEKKA HABERMAS (Göttingen) stellte daraufhin ihren Beitrag „Religion“ vor. Ein Ergebnis ihrer Untersuchungen lautet, dass die Konfessionalisierungsthese im 19.Jahrhundert, ähnlich wie die Modernisierungs- und Säkularisierungsthese an Überzeugung verloren hätte. Habermas kritisiert, dass oft die Wahrnehmungen der Deutschen im 19. Jahrhundert durch die Forschung reproduziert würden, statt jene einer Analyse zu unterziehen. Wesentlich sei eine globale Perspektive auf Religion sowie die Erforschung der Semantik von Begriffspaaren wie etwa „heilig“ und „profan“ bzw. „religiös“ und „säkular“. Diese sind nur auf den ersten Blick Gegensatzpaare. Ebenso wenig dürfe man dem zeitgenössischen Gegensatz von Naturvolk (Fetisch) und Kulturvolk (Religion) aufsitzen.
Auch die Vorstellung von klarer Trennung von Staat und Kirche sei ein „Selbstmißverständnis“ des 19.Jahrhunderts. Es habe zwar auch die „gemischten Dinge“ in der Wahrnehmung gegeben, doch gerade jenseits dieser Mischformen sei die Trennung keineswegs so klar gewesen, wie sie empfunden wurde. So hätten protestantische Schulen absurderweise als weniger religiös gegolten als katholische Schulen. Während mit dem Katholischen Aberglaube, Fetischismus und Prozessionen verbunden wurde, alles also, was gegen die Moderne sprach und nur im Privaten gepflegt werden sollte, so haben sich die protestantischen Landeskirchen dagegen selbst als objektiv und modern wahrgenommen und sahen nichts Bedenkliches darin, den öffentlichen Raum zu durchdringen. Wolfgang Hardtwig ergänzte dies in der Diskussion, indem er erläuterte, dass sich die Protestanten eher als liberal denn als protestantisch verstanden hätten. Diese Semantik hätte einen spezifischen Nutzen gehabt und man müsse bedenken, ob nicht so durch die Hintertür wieder die Säkularisierungsthese Einzug hält. Es darf aber nicht vergessen werden, dass auch der Begriff „liberal“ quasi-religiöse Semantik auf sich ziehen konnte. Dies spricht doch wieder für Habermas' These, dass Religion auch dort wirkte, wo die Zeitgenossen sie nicht vermutet haben. Zuletzt wies Habermas darauf hin, dass auch religiöse Bedeutungen nicht immer als religiös von den Zeitgenossen wahrgenommen worden seien. Habermas stellte hier zwei Beispiele vor. Das Religiöse verbarg sich bspw. in der Semantik, wenn Friedrich Engels die „soziale Frage“ mit religiöser Metaphorik auflud und sie als Moral statt Religion identifizierte. Oder es wurde transferiert über Bilder, etwa durch Missionare, die Fotos von frisch getauften bzw. zu taufenden Außereuropäern zeigten.
THOMAS MERGEL (Berlin) folgte mit einer Präsentation seines Beitrags für das Handbuch. Mergel beschäftigt sich darin mit den vermeintlichen Gegensatzbegriffen Demokratie und Diktatur während der Weimarer Republik. Er bemängelt, dass die Politikgeschichte Deutschlands immer noch sehr national eingestellt sei. Ganz besonders würde dies für die Zeit der Weimarer Republik gelten. Außerdem würde zumeist der unfaire Vergleich mit den Vorzeigedemokratien der Geschichte angestrengt, statt mit den zeitgenössischen Entwicklungen. Ebenso lägen kaum Vergleiche über grenzüberschreitende Diskurse vor (mit Ausnahme Mark Mazowers).
Eine wesentliche Gemeinsamkeit in vielen europäischen Ländern der Zwischenkriegszeit sei zum einen die relative Nähe der Begriffe von Diktatur und Demokratie gewesen. Für beide sei das Volk die Basis aller politischer Legitimation gewesen. Auch der Homogenitätsdiskurs ließe sich in vielen Ländern, sogar in Großbritannien wiederfinden. Was jedoch das Volk ist, diese Frage sei unterschiedlich beantwortet worden. Auch hätten sich die Nationen intensiv bei der Demobilmachung, in der Krise und bei Interventionen beobachtet. Eine weitere Gemeinsamkeit sei die besagte Kriegserfahrung gewesen, wobei Wolfgang Hardtwig in der anschließenden Diskussion zu Recht darauf hinwies, dass es hier den fundamentalen Erfahrungsunterschied der deutschen Niederlage gebe. Dennoch habe, so Mergel, der Krieg überall in Europa zum Zusammenbruch stabiler, symbolischer Muster geführt. Oft sei als Folge daraus der Diktatur eher zugetraut worden, die Probleme lösen zu können, als der Demokratie. In Deutschland habe es eine mehrschichtige Souveränitätskonstruktion gegeben, in der die Demokratie als Normalfall und die [kommissarische – Anm. Autor] Diktatur als Notfall galt. Dabei habe das Parlament mehr der Repräsentation des Volkes gedient und weniger als demokratisches Steuerungsorgan. Hier sei der Begriff Volksfeind eine Beleidigung für alle politischen Lager gewesen und die politischen Parteien hätten unter dem Generalverdacht gestanden, die Volksgemeinschaft durch Parikularinteressen zu zerstören. Die Besonderheit des Nationalsozialismus habe in der Zuspitzung bereits bekannter Muster gelegen. Bis 1939 war der NS eine Volksdiktatur auf breiter Basis, die sich von anderen Diktaturen vor allem durch eine einzigartige rassistische Exklusion unterschieden habe. Demnach sei der NS auch nicht allein aus einer transnationalen Perspektive erklärbar. Abschließend stellt Mergel die These auf, dass vielleicht die relative Verspätung der NS-Diktatur eine Erklärung für deren Radikalität liefern könne. Hier habe der NS vielleicht von den Erfahrungen der frühen Diktaturen profitieren können.
ADAM TOOZE (New Haven), Professor für Wirtschaftsgeschichte von der Yale University, schloss die Kapitelexempel mit seinem Beitrag „Wirtschaft“ ab. Trotz Toozes Ablehnung klarer Epochengrenzen, datiert er das Projekt, aus der deutschen Volkswirtschaft eine Macht zu machen zwischen 1917-1945. Dennoch sei für diese Zeit eine rein wirtschaftliche Teleologie unbefriedigend.
In Deutschland hatte der Krieg eine radikale Wirkung auf die Wirtschaftsverwaltung. Mit der Gründung des Reichswirtschafts- sowie Reichsarbeitsministeriums und mit der Umstrukturierung der Reichsbank sei es nun erstmals möglich gewesen, Wirtschaftspolitik umfassend auf nationaler Ebene zu steuern. Tooze sieht gerade auf dem Feld der Wirtschaft eine dialektische Verbundenheit von Transnationalisierung und Nation. Als Belege führt er drei Beispiele an. Erstens, die Schwerindustrie, welche vom Markt her global, jedoch von den Standorten der Rohstoffgewinnung und -verarbeitung her national bzw. sogar regional operierte. Als zweites nennt Tooze den Arbeitsmarkt, wo die Vernationalstaatlichung der Arbeitsmärkte weltweit auf Arbeitsmigrationsphänomene wie Zwangs- und Gastarbeit traf. Deutschland sei hierfür ein zwingendes und radikales Beispiel. Schließlich wies Tooze auch auf die Kapitalmärkte hin. Diese waren radikal auf wenige Knotenpunkte konzentriert, in Deutschland auf Hamburg, Frankfurt und Berlin sowie international auf New York und London. Gleichzeitig sei der Spielraum von London und New York zwischen 1930 und 1960 stark eingeschränkt gewesen. Diese Finanzzentren strebten eher nach einer technokratischen Lösung, denn der eines freien Marktes. Tooze hält die Globalisierungstendenzen unter anderem dieser Beispiele für anonym, womit die Frage nach der Agency, im Sinne einer Wirtschaft als Subjekt, ausgeblendet wird. Mit der deutschen Unterlegenheitsneurose sei immer wieder die Frage einhergegangen, ob man wirtschaftlich Subjekt oder Objekt einer globalen Ordnung war. Zuletzt beschäftigte Tooze die Leitfrage des Handbuchs: Wie schreibt man unter den Zeichen des Transnationalen von Wirtschaftsgeschichte nationale Geschichte? Zunächst dürfe der Bezug zu Macht und eigener Macht der Akteure nicht vernachlässigt werden. Dabei müsse man auch die Eigendynamiken ökonomischer Prozesse berücksichtigen und vor allem bescheiden vorgehen. Globalisierung sei keine abgemachte Sache sondern eine Herausforderung. Tooze mahnte auch, dass die Krise von 2008 gezeigt habe, dass wieder nur nationale Wirtschaftsprogramme beschlossen wurden und die internationale Gemeinschaft kaum einen Schritt weiter gekommen sei.
Den Kommentar zur Sektion lieferte DIETER LANGEWIESCHE (Tübingen), welcher mit allgemeinen Bemerkungen zum Transnationalen einstieg. Die Situation im gegenwärtigen Europa sei nicht transnational. Auch supranational und andere Begriffe könnten die Tatsache nicht eindeutig benennen, dass in Europa erstmals einzelne Staaten Teile ihrer Souveränität an ein größeres Gebilde abgegeben haben. Der Autor dieses Sektionsberichtes wundert sich sehr, dass der Begriff föderal hier nicht fiel - zumal Langewiesche wenig später kritisierte, dass die föderative Hauptlinie der deutschen Geschichte im Handbuch zu kurz käme.
Langewiesche hat für den transnationalen Blick der Forschung zwei Varianten ausgemacht. Zum einen eine sogenannte „sektorale Transnationalität“, das heißt das bekannte historische Zusammenhänge mit der transnationalen Perspektive neu erschlossen werden, wobei neue Erkenntnisse vielleicht geringer ausfallen könnten, als erwartet. Als Vertreterin nannte er Rebekka Habermas' Beitrag zur Religion. Smith bestätigte in der Diskussionsrunde, dass er diesen Ansatz für das Handbuch im Sinne habe und eben nicht transnationale Geschichte. Zum anderen sieht Langewiesche eine Variante, in welcher Räume mit transnationaler Perspektive komplett neu erschlossen werden sollen (etwa der deutsche Raum). Mergel mache aber eher nationalgeschichtliche Linien als Erklärung stärker. Dieser erwiderte, dass es ihm eben nicht um die Geschichte der Transnationalität gehe, sondern dass er Transnationalität als Methode des Historikers sehe, auch um Nationalgeschichte zu schreiben.
Langewiesches konkrete Äußerungen und Kritiken zum Handbuch reduzierten sich weitestgehend auf fehlende thematische Felder. Neben der bereits erwähnten föderativen Hauptlinie, bemängelte er auch das Fehlen von Revolutionen im Konzept sowie beider Weltkriege. Siegfried Weichlein ergänzte dies in der Diskussion um die thematische Integration von Selbstverständnissen in noch nicht geschlossenen Räumen. Gerade die Reichsgründung von 1871 wäre aus transnationaler Perspektive ein lohnendes Anschauungsbeispiel. Langewiesche bemerkte abschließend, dass bis dato keine umfassende transnational gefasste Nationalgeschichte vorliege.
Es bleibt abzuwarten, ob es dem Oxford Handbook of Modern German History gelingen wird, mit der internationalen Autorenschaft eine Synthese zur deutschen Geschichte zu erstellen und kein zerstückeltes Gesamtwerk, wie Volker Sellin warnte. Ebenso gespannt darf man sein, ob die gesammelten Strategien einer transnationalen Methode, wie sie von den Autoren vertreten werden, dieser Synthese zuträglich sein werden. Gewiss und zur Erinnerung: das Werk heißt bewusst nicht Oxford Handbook of Modern German Histories.
Sektionsübersicht:
Helmut Walser Smith (Nashville): Die Konzeption des Oxford Handbook
Rebekka Habermas (Göttingen): 19. Jahrhundert/Religion
Thomas Mergel (Berlin): 20. Jahrhundert/Politik
Adam Tooze (New Haven): 20. Jahrhundert/Wirtschaft
Dieter Langewiesche (Tübingen): Kommentar Tagungsbericht Wie schreibt man Deutsche Geschichte im Zeitalter der Transnationalität? Die Neukonzeption des Oxford Handbook of Modern German History in der Diskussion. 28.09.2010-01.10.2010, Berlin. In: H-Soz-u-Kult 20.11.2010. Zeitgeschichtliche Forschungen über Fächergrenzen und die Grenzen des FachsLeitung: Rüdiger Graf, Ruhr-Universität Bochum / Kim Christian Priemel, Humboldt-Universität zu Berlin Bericht von: Felizitas Schaub, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin Grenzziehungen zwischen Disziplinen sind nicht nur im Sinne einer Abgrenzung und Distanznahme zu verstehen. Denn Prozesse der Definition enthalten auch ein Moment der Selbstreflexion über die Besonderheit und Eigenheiten der Fächer und bergen Potential für eine disziplinäre Standortbestimmung. Die von Rüdiger Graf (Bochum) und Kim Christian Priemel (Berlin) organisierte Sektion „Zeitgeschichtliche Forschungen über Fächergrenzen und die Grenzen des Fachs“ nutzte das Thema „Über Grenzen“ des Historikertags in Berlin, um das interdisziplinäre Feld auszuloten, auf dem sich die Zeitgeschichte bewegt, wobei das Verhältnis von Zeitgeschichte und den Sozialwissenschaften im Zentrum stand. Verflochten mit diesem Anspruch fokussierte die Sektion auf Fragen nach der Spezifik einer (zeit-)historischen Perspektive in fächerübergreifenden Forschungen und damit nach ihrer Rolle in einem konstruktiven Dialog der Disziplinen.
Auf die Notwendigkeit, über das spezifische Potential der Zeitgeschichte nachzudenken, wies RÜDIGER GRAF (Ruhr-Universität Bochum) in seinem Eröffnungsvortrag vor allem für theoriegeleitete Forschungen hin. Die Tatsache, dass sich zeithistorische Studien häufig Theorien und Methoden bedienten, die aus den Sozialwissenschaften stammen, führe dazu, dass der Zeitraum, der Erkenntnisgegenstand der Zeithistoriker/-innen ist, und der Zeitraum, in dem diese theoretischen und methodischen Konzepte entstanden, kongruent seien. Die sich daraus ergebende Konstellation sei insofern problematisch, dass es Forschenden schwerer falle, die wirklichkeitskonstituierende Kraft dieser Theorien zu erkennen und sich von ihnen kritisch zu distanzieren, weil sie unsere Form der Weltaneignung bis heute prägen. An der Interdependenztheorie von Robert Keohane und Joseph Nye veranschaulichte Graf diese These. Die amerikanischen Politikwissenschaftler Keohane und Nye hatten in den frühen 1970er-Jahren in einer Studie zur Transformation der internationalen Ölwirtschaft komplexe, globale Abhängigkeitsverhältnisse aufgezeigt und damit eine multipolare Welt und das Ende der US-amerikanischen Hegemonie propagiert. Unterschiedliche Publikationen neuesten Datums, auch aus der Geschichtswissenschaft, die die Thesen Keohanes und Nyes nahezu unverändert übernommen haben, belegen die scheinbar „seismographischen Fähigkeiten“ ihrer Autoren und machen die Frage nach dem „spezifischen Mehrwert“ einer zeithistorischen Analyse gegenüber zeitgenössischen politik- und sozialwissenschaftlichen Untersuchungen überdeutlich. Graf betont in diesem Zusammenhang die Wichtigkeit, nebst der klassischen historischen Verfahrensweisen der Historisierung und Kontextualisierung auch die Wirkung politischer Begriffe und Theorien auf unsere Wahrnehmung abzuschätzen, um nicht in ihren Paradigmen zu verbleiben. Ausserdem müsse der Blick dafür geschärft werden, ob und weshalb bestimmte Darstellungen besondere Überzeugungskraft erlangten. Dazu sei es unerlässlich, sich der Vielfalt der zeitgenössischen Theoriebildung in ihrer jeweiligen politischen Verortung bewusst zu sein. Daraus folgert Graf die Forderung einer konsequenten Behandlung politik- und sozialwissenschaftlicher Gegenwartsdiagnosen als Quellen in ihrem Diskurskontext und nicht als zeitgenössische Darstellungen, um eine eigene disziplinäre Identität der Zeitgeschichte zu formen. Indem die Zeitgeschichte auch Theorien aus anderen Sozialwissenschaften in ihre Forschungen miteinbeziehe, könne sie ausserdem „verschiedene Weisen der Welterzeugung miteinander korrelieren und ihre wirklichkeitskonstituierende Funktion sichtbar machen.“ Unter diesen Prämissen wären für Zeithistoriker/-innen Voraussetzungen geschaffen, um über eine einfache empirische Ausmalung der Theorieerwartungen hinauszugehen.
BENJAMIN ZIEMANN (University of Sheffield) nahm in seinem Vortrag die Ambivalenz auf, die der empirischen Sozialforschung als „Erkenntnisgegenstand“ und „Quellenmaterial“ zeithistorischer Untersuchungen anhaftet. Anhand der Datenreihen von Sozialforschungen zum deutschen Katholizismus, die seit 1915 von der „Zentralstelle für kirchliche Statistik“ erhoben wurden und in aktuelle Forschungen immer noch Eingang finden, sowie anhand von Konzepten der „Pfarrei- und Pastoralsoziologie“ der 1960er-Jahre wies Ziemann auf die chancenreiche, aber auch problematische Verschränkung zeitgenössischer empirischer Sozialforschung und zeithistorischer Forschung hin. Dabei sei nicht nur mit den erhobenen Daten ein kritischer Umgang angezeigt. Vielmehr gelte dies auch für „breiter angelegte soziologische Veröffentlichungen mit einigem sozialtheoretischen Anspruch“, die auf diesen empirischen Daten basieren. Dass diese Darstellungen in einem wissenschaftlich kontrollierten Rahmen entstanden sind, dürfe nicht dazu verführen, vorbehaltlos auf sie zurückzugreifen. „Darstellungen“, die sozialwissenschaftliche Datenreihen zur Grundlage haben, sowie die Daten selbst, bezeichnete Ziemann dabei als „forschungsproduzierte Quellen“ (in Abgrenzung zu „prozessproduzierten Quellen“, die sich aus der alltäglichen Arbeit von Institutionen ergeben). Mit der Bezeichnung dieser Darstellungen als Quellen distanziert sich Ziemann von der These Lutz Raphaels und Anselm Doering-Manteuffels
[1]
, sozialwissenschaftliche Diagnosen seien für den Zeithistoriker gleichzeitig Quellen und Darstellung, die „Sozialdaten und Fakten“ lieferten. Das Potential soziologischer Forschungen für die Zeitgeschichte sieht Ziemann vielmehr in ihrer Eigenschaft als Selbstbeschreibungen der modernen Gesellschaft. So handle es sich nicht um ein „soziales Faktum“, wenn „die Kirchensoziographie männliche Arbeiter als defiziente Sozialgruppe im Sinne des Kirchenbesuchs“ identifizierte. Eher sei darin das Resultat eines unter Soziologen und Theologen verfestigten pastoralen Blicks zu erkennen, der eine „Anpassung der Kirche an die Realität einer als ‚Industriegesellschaft’ beschriebenen Umwelt forderte.“ Eine konsequente Historisierung soziologischer Forschungen bedeute, nach dem Wandel der Semantiken zu fragen, mit denen Gesellschaften sich selbst beschreiben. Gleichzeitig würden mit dieser Herangehensweise die notwendigen Grenzziehungen zwischen Sozialwissenschaft und zeithistorischer Forschung aufrechterhalten.
Für eine Annäherung im Sinne einer verstärkten gegenseitigen Wahrnehmung von Medienwissenschaften und der Zeitgeschichte appellierte CHRISTINA VON HODENBERG (Queen Mary, University of London). Gründe für die verhaltene Beziehung zwischen den beiden Fächern sieht von Hodenberg in den divergierenden Erkenntnisinteressen der beiden Disziplinen. So würden medienwissenschaftliche Forschungen vor allem auf die Eigenart bestimmter Medien und ihren Einfluss auf kulturelle Systeme fokussieren. Historiker/-innen betrachteten Medien hingegen häufig auf ihre Rolle in gesellschaftlichen Wandlungsprozessen hin, wobei sie zu einem blossen „Funktionselement“ neben anderen degradiert würden. Eine echte Konsonanz der Begriffe stellte von Hodenberg nur in wenigen Bereichen fest, wobei die Forschungen zu Medialisierungsprozessen eine Ausnahme bildeten. Auch in ihrer Methodik würden die Disziplinen von grossen Unterschieden getrennt: Während medienwissenschaftliche Studien auf Generalisierbarkeit und Empirie ausgerichtet seien, plädierten Zeithistoriker/-innen für eine Mediennutzung als individuellen, aktiven Aneignungsprozess, der empirisch kaum rekonstruierbar sei. Welchen Wert medienwissenschaftliche Studien als Quellen und/oder Darstellung für die Zeitgeschichte jedoch haben könnten, illustrierte von Hodenberg anhand ihres eigenen Forschungsprojektes, in dem sie untersucht, ob Fernseh-Unterhaltungsserien aus den 1960er- und 1970er-Jahren den sozialen Wandel beschleunigt oder qualitativ beeinflusst haben. Die Auseinandersetzung mit dem umfangreichen Material der zeitgenössischen medienwissenschaftlichen Untersuchungen zur Wirkung dieser Serien auf verschiedene Publikumsgruppen bestätigten, dass Zeithistoriker kritisch mit den Fragestellungen und Interpretationen dieser Forschungen umgehen müssten. Der Entstehungskontext der Studien müsse historisiert, die Durchsetzung bestimmter Deutungen hinterfragt werden. Im Gegensatz zu Benjamin Ziemann betrachtete von Hodenberg diese Untersuchungen aus den Medienwissenschaften nicht nur als Selbstbeschreibung. Vielmehr zeigte sie sich davon überzeugt, dass es eine „soziale Welt jenseits der Selbstbeschreibungen“ gebe, die in den empirischen Datenreihen durchscheine. Obwohl diese Daten keine klaren Konturen lieferten, sei es Zeithistoriker/-innen doch möglich, sie gegen den Strich zu lesen und damit Erkenntnisse zu gewinnen, die nicht dem eigentlichen Erkenntnisgegenstand der Studien entsprechen müssten. Der spezifische Mehrwert zeithistorischer Untersuchungen gegenüber Medienforschungen liege dann in der Ergänzung der verwendeten Methoden und Theorien durch historische Zugänge, die sich durch die Deutung medialer Phänomene im Rahmen (und zur Überprüfung) zeithistorischer Leitthesen auszeichne. Ihr Potential und ihre Spezifik würden aber vor allem in den Zugängen deutlich, die aus akteurszentrierten, diachronen und vergleichenden Perspektiven erfolgen können.
Wie ein historisierender Umgang mit Theorien aus anderen Disziplinen aussehen könnte, der diese als Quelle und nicht als Darstellung versteht, illustrierte KIM CHRISTIAN PRIEMEL (Humboldt-Universität zu Berlin) an einem Beispiel aus den Wirtschaftswissenschaften. Das Modell des Strukturwandels als sektoraler Wandel sei seit den 1980er-Jahren als Deutungsmuster in der Geschichtswissenschaft etabliert. Der begriffs- und ideengeschichtliche Hintergrund dieser Konzeptionen werde dabei von den Zeithistoriker/-innen meistens nicht zur Kenntnis genommen. Priemel wies in einem Einblick in die komplexe Geschichte der Genese und Transferprozesse des Konzepts darauf hin, dass die Verwendung des Begriffs „Strukturwandel“ bereits für das 19. Jahrhundert festgestellt werden könne. Die Drei-Sektoren-Theorie, die Berufsverhältnisse schematisch in die drei Sektoren Agrarwirtschaft, Industrie und Dienstleistungen einteilt, werde zumeist den Ökonomen Allan Fisher (NZ), Colin Clark (UK/Aus) und dem Sozialwissenschaftler Jean Fourastié (F) zugeschrieben und frühestens auf das Jahr 1935 datiert. Ihre Ursprünge reichten jedoch deutlich weiter zurück, wobei Priemel den amerikanischen Statistiker A. Ross Eckler heraushob, der 1929 in seiner Studie zur Berufsstruktur der USA zwischen 1850 und 1920 die Kategorien der „agriculture“ und „manufacturing“ um die des „rendering of services“ ergänzt hatte. Das Verhältnis der drei Sektoren zueinander wurde dabei als Gradmesser der gesellschaftlichen Entwicklung im Sinne einer Technologisierung der Güterproduktion gelesen, die mit einem wachsenden Anteil der Berufstätigen im Bereich der Dienstleistungen korreliere. Diese modernisierungstheoretischen Annahmen seien auch späteren Schematisierungen von Volkswirtschaften inhärent, die zwar in der theoretischen Herleitung jeweils unterschiedlich seien, die aber meistens auf das Drei-Sektoren-Modell rekurrierten. Die breite Verwendung des Modells solle dabei nicht darüber hinwegtäuschen, dass es innerhalb der wirtschaftswissenschaftlichen Disziplin kontrovers diskutiert wurde. Umbau- und Alternativvorschläge zur Drei-Sektoren-Theorie würden ausserhalb des wirtschaftswissenschaftlichen Fachs in der Regel jedoch kaum wahrgenommen. In der Zeitgeschichte sei es zumeist die soziologische Adaption des Strukturwandels als sektoraler Wandel, der Eingang in die Forschungen finde. Da nicht konsequent historisierend an diese Konzeptionen herangegangen werde, würde der „Strukturwandel“ als „Blackbox“ verwendet, anstatt in einer Untersuchung von Berufen und Tätigkeiten, von Produktionsweisen und Produkten, von Technologien und Konsummustern etc. der Frage nachzugehen, welche Strukturen sich wandelten und wie dieser Wandel jeweils strukturiert sei. Eine solche Forschungsleistung setzte die Distanzierung von sozialwissenschaftlichen Analysen voraus, um ihre wirklichkeitskonstituierende Wirkung zu erkennen. Hier, und nicht so sehr in der von Hans Rothfels propagierten mangelnden emotionalen Distanz, liege die Herausforderung für Zeithistoriker/-innen, der durch eine dichte und präzise Aufschlüsselung von zeitgenössischen Entstehungsbedingungen, Denk- und Diskussionszusammenhängen begegnet werden könne.
Als Plädoyer für eine „umfassende und erneuerte Zeitgeschichte“ und eine „erneuerte Quellenkritik“ fasste ANDREAS WIRSCHING (Universität Augsburg), der kurzfristig für MARY FULBROOK (University College London) eingesprungen war, die Vorträge der Sektion in seinem Kommentar zusammen. Die Referate hätten sich alle auf eine konstruktive Art und Weise mit der Frage befasst, wie Zeithistoriker/-innen besser einen distanzierten Blick realisieren können, um eine unkritische Übernahme von Theorien, Begriffen, Modellen und empirischen Daten aus den Nachbardisziplinen zu vermeiden. Dass sowohl ihre Historisierung als auch Kontextualisierung dazu von grösster Bedeutung sei, hätten alle Referate deutlich gemacht. Was das konkret für die Arbeit in der Zeitgeschichte bedeute, dazu hatte Wirsching den Vorträgen drei Antworten entnommen. Zum einen sei es die Chronologie von Ereignissen, sozialen Konstellationen, Ideengebäuden usw., die reflektiert werden müsse, die aber gleichzeitig zum „Mehrwert“ der Historiker/-innen beitrage. Durch die Chronologie würde eine diachrone Lesart der unterschiedlichsten Phänomene möglich. Zum anderen betonte Wirsching das Potential, das einer akteurszentrierten Perspektive der Zeitgeschichte inhärent sei. Sie würde dazu führen, „Blackbox“-Begriffe der Sozialwissenschaften, wie zum Beispiel „Individualisierung“, zu hinterfragen. Ausserdem ermögliche die Offenheit der Geschichte, überlieferte Narrative zu stören und etablierte Deutungen von Wirklichkeit zu dekonstruieren. Mit dem kritischen Einwand, ob eine Geschichtsschreibung unter diesen Prämissen nicht dem reinen Individualitätsprinzip entspreche und sich auf ein letztlich überholtes Prinzip des blossen Verstehens zurückziehe, leitete Wirsching zu der Frage über, ob die Zeitgeschichte denn grundsätzlich theoriefähig sei.
Dieser Einwand spricht einen wichtigen Punkt an, der in der Sektion, die durch eine hohe Kohärenz, gleichzeitig aber auch durch eine grosse Vielfalt der Themen beeindruckte, bis zu diesem Moment ein Desiderat geblieben war. Die Frage nämlich, inwieweit die Geschichtswissenschaft und hier explizit die Zeitgeschichte nicht nur mit Theorien aus anderen Disziplinen in der diskutierten Weise arbeiten sollte, sondern auch selbst zur Weiterentwicklung dieser theoretischen Konzeptionen oder zur Bildung neuer Theorien beitragen kann. In der Diskussion sprachen sich die Referierenden für einen aktiven Beitrag der Geschichtswissenschaft in der Theoriebildung aus, indem Ergebnisse aus der eigenen Forschung in den Prozess der Theorieformulierung eingeflochten werden sollten, um diesen in einem konstruktiven Dialog der Disziplinen mitzugestalten. Nur auf diese Weise könne ein reziprokes Verhältnis zwischen den Fächern entstehen. Die Voraussetzung dafür sei die Rezeption möglichst vieler verschiedener Theorien aus den unterschiedlichen Disziplinen. Eine solche Praxis würde sich von der Tendenz in der Geschichtswissenschaft unterscheiden, bereits die Fragestellungen aus der Theorie abzuleiten. Ein weiterer Punkt, der in den Vorträgen nicht angesprochen wurde, war die Reflexion über die Standortgebundenheit der forschenden Person. Die Vorträge hatten darauf rekurriert, dass das spezifische Problem der zeithistorischen Forschungen die epistemologische Nähe zu den Kategorien der Sozialwissenschaften sei. Auch wenn darauf hingewiesen worden war, dass durch die vorgestellten Möglichkeiten der Historisierung sozialwissenschaftlicher Theoreme nicht Objektivität, sondern immer nur neue Partikularität entstehe, konnte der Eindruck nicht ganz vermieden werden, dass Forschungszugänge aus anderen Bereichen der Geschichte höhere Chancen für einen objektiven Blick böten. Wird aber der Subjektivierung der Herangehensweise Rechnung getragen, die bereits bei der Wahl des Erkenntnisgegenstandes beginnt und gezwungenermassen jede Forschung prägt, kann das Problem, wie ein Verfremdungseffekt
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erzielt werden kann, auf die gesamte Geschichtswissenschaft übertragen werden und verliert die Spezifik für die Zeitgeschichte. Ebenfalls im Zusammenhang mit der Selbstverortung der Forschenden stand die Frage, inwiefern das gesellschaftliche Bedürfnis nach historischer Deutung für ihre Arbeit eine Rolle spiele und wie sich dieses mit der hier propagierten Praxis für Zeithistoriker/-innen vereinbaren liesse. Nicht zuletzt klang damit an, ob die Diskussion der Sektion als eine spezifisch deutsche einzuordnen sei — hier wäre eine Einschätzung Mary Fulbrooks besonders wertvoll gewesen. Wenn auch die Fragen nach dem Verlauf der Grenzen innerhalb des Fachs nicht ganz geklärt werden konnten, hat die Sektion zu ihrem primären Anspruch, die Möglichkeiten der Zeitgeschichte in Bezug, aber auch in einer reflektierten Abgrenzung zu den Sozialwissenschaften aufzuzeigen, einen anregenden und konstruktiven Beitrag geleistet.
Sektionsübersicht:
Willibald Steinmetz (Bielefeld): Moderation
Rüdiger Graf (Bochum): Theorien der Politik in der Zeitgeschichte. Internationale Beziehungen und Energie in den 1970er-Jahren
Benjamin Ziemann (Sheffield): Empirische Sozialforschung als „Erkenntnisgegenstand“ und „Quellenmaterial“
Christina von Hodenberg (London): Medienwissenschaftliche Studien als Herausforderung der Zeitgeschichte
Kim Christian Priemel (Berlin): Strukturwandel. Transfergeschichte eines wirtschaftswissenschaftlichen Konzepts
Andreas Wirsching (Augsburg): Kommentar
[1] Lutz Raphael / Anselm Doering-Manteuffel, Nach dem Boom. Perspektiven auf die Zeitgeschichte seit 1970, Göttingen 2008.
[2] Zum Prozess der Verfremdung sei an dieser Stelle auf die Soziologen Klaus Amann und Stefan Hirschauer verwiesen, die sich programmatisch mit der „distanzierenden Befremdung des Allzuvertrauten“ auseinandersetzen. Vgl. Klaus Amann / Stefan Hirschauer, Die Befremdung der eigenen Kultur. Ein Programm, in: dies. (Hrsg.), Die Befremdung der eigenen Kultur. Zur ethnographischen Herausforderung soziologischer Empirie, Frankfurt am Main 1997, S. 7-52. Tagungsbericht Zeitgeschichtliche Forschungen über Fächergrenzen und die Grenzen des Fachs. 28.09.2010-01.10.2010, Berlin. In: H-Soz-u-Kult 16.10.2010. Hinweis:
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