Band 3 • 2004 | ISBN 3-86004-179-7 | | |
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Literaturbericht: 'Erster Weltkrieg'
Winter, Jay; Parker, Geoffrey; Habeck, Mary R. (Hg.): Der Erste Weltkrieg und das 20. Jahrhundert.Hamburg: Hamburger Edition, HIS Verlag 2002.
ISBN: 3-930908-76-X; 352 S. Mommsen, Wolfgang: Die Urkatastrophe Deutschlands. Der Erste Weltkrieg 1914-1918. Stuttgart: Klett-Cotta 2002.
ISBN: 3-608-60017-5; 188 S. Hirschfeld, Gerhard; Krumeich, Gerd; Renz, Irina (Hg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg.Paderborn: Ferdinand Schöningh Verlag 2002.
ISBN: 3-506-73913-1; 1000 S. Salewski, Michael: Der Erste Weltkrieg.Paderborn: Ferdinand Schöningh Verlag 2002.
ISBN: 3-506-77403-4; 421 S. Pöhlmann, Markus: Kriegsgeschichte und Geschichtspolitik: Der Erste Weltkrieg. Die amtliche Militärgeschichtsschreibung 1914-1956. Paderborn: Ferdinand Schöningh Verlag 2002.
ISBN: 3-506-74481-X; 421 S. Förster, Stig (Hg.): An der Schwelle zum Totalen Krieg. Die militärische Debatte über den Krieg der Zukunft 1919-1939. Paderborn: Ferdinand Schöningh Verlag 2002.
ISBN: 3-506-74482-8; 495 S. Thoß, Bruno; Volkmann, Hans-Erich (Hg.): Erster Weltkrieg - Zweiter Weltkrieg: Ein Vergleich. Krieg, Kriegserlebnis, Kriegserfahrung in Deutschland. Paderborn: Ferdinand Schöningh Verlag 2002.
ISBN: 3-506-79161-3; 900 S. Lipp, Anne: Meinungslenkung im Krieg. Kriegserfahrungen deutscher Soldaten und ihre Deutung 1914-1918. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2003.
ISBN: 3-525-35140-2; 354 S., 18 Abb. Berghahn, Volker: Der Erste Weltkrieg.München: C.H. Beck Verlag 2003.
ISBN: 3-406-48012-8; 117 S. Ferguson, Niall: Der falsche Krieg. Der Erste Weltkrieg und das 20. Jahrhundert. München: Deutsche Verlags-Anstalt 2001.
ISBN: 3-423-30808-7; 512 S. Rezensiert von: Volker Ackermann, Historisches Seminar, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Bis weit in die 1960er-Jahre hinein stand im Zentrum der internationalen historischen Forschung zum Ersten Weltkrieg die Frage nach seinen Ursachen und den Verantwortlichen für die ‚Urkatastrophe’ des 20. Jahrhunderts. In Deutschland zumal verwies die als vordringlich empfundene Widerlegung der Versailler ‚Kriegsschuldlüge’ alle anderen Themen auf die hinteren Plätze. Erst nach der Kontroverse um Fritz Fischers 1961 erschienenes Buch ‚Griff nach der Weltmacht’, das Deutschland die Hauptschuld am Kriegsausbruch zuwies, rückten wirtschafts- und sozialhistorische Probleme in den Vordergrund; seit Mitte der 1980er-Jahre haben mentalitäts- und alltagshistorische sowie lokal- und regionalgeschichtliche Arbeiten den Horizont möglicher Fragen erweitert. Was eine moderne Weltkriegs-Forschung zu leisten vermag, zeigen die hier zu rezensierenden Gesamtdarstellungen, Sammelbände und Spezialstudien. Ihr Umfang reicht von knapp mehr als 100 Seiten bis auf gut das Zehnfache dieser Zahl.
Small is beautiful. Volker R. Berghahn analysiert den Ersten Weltkrieg auf nur 115 Seiten
Der an der Columbia University, New York, lehrende Verfasser (Jahrgang 1938) hat eine kenntnisreiche und kluge Darstellung der Geschichte des Ersten Weltkriegs geschrieben. Ungewöhnlich ist der Aufbau seines Büchleins: Es beginnt mit einer Aufstellung der menschlichen und materiellen Kosten des Ersten Weltkriegs, mit den Millionen von Toten und Verletzten, und mit den 175 Mrd. Dollar, die von den beteiligten Großmächten aufgewendet wurden. Zu den Kosten im weiteren Sinn gehören auch die kollektive Verarbeitung des Massensterbens und die psychischen Folgen wie etwa die ‚Shell Shock’ genannte Kriegsneurose.
Erst nach diesen einleitenden Bemerkungen und nach einem kurzen Abriss der Geschichtsschreibung zum Ersten Weltkrieg wendet sich Berghahn den tieferen Ursachen für dessen Ausbruch zu. Er sieht sie im Bündnissystem der europäischen Großmächte und in seiner langsamen Verfestigung in zwei feindliche Blöcke, im Wettrüsten (vor allem zur See) und in der imperialistischen Expansion der Europäer. Auch innenpolitische Kräfte und Konflikte werden in Rechnung gestellt, wie etwa die ungelösten Minderheitenprobleme in multinationalen Reichen. Klar benannt werden die Verantwortlichen für die Entscheidung zum Krieg: weder anonyme Kräfte noch die Bevölkerungsmassen noch bestimmte Elitegruppen, sondern ein kleiner Personenkreis, und zwar weniger in London, Paris und St. Petersburg als vielmehr in Berlin und Wien. Dort zeigten die Entscheidungsträger eine hohe Risikobereitschaft; Missmanagement und Fehlkalkulationen verschärften die Julikrise von 1914 bis zur ‚Flucht nach vorn’ in den Konflikt mit den anderen Großmächten.
Berghahn analysiert den Krieg zunächst ‚von oben’. Den Generälen auf beiden Seiten kann er nicht viel Gutes nachrühmen: eiskaltes Kalkül, Starrsinn, Erbarmungslosigkeit, übergroßes Selbstvertrauen, Fehlkalkulationen, unglaubliche Inkompetenz und schlicht Versagen - so lautet sein harsches Urteil. Aber auch andere Elitegruppen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft schneiden nicht besser ab: Alle wurden vom ‚Geist der Härte’ erfasst, stellten ihr Fachwissen und ihre Arbeitskraft zur Verfügung, um den Sieg zu ermöglichen. Der Krieg führte in allen Ländern zu einer immer stärkeren Zentralisierung in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft; die politische und militärische Führung wirkte von oben auf die innenpolitischen Entwicklungen ein. Während England und Frankreich eher zu Reformen und Verfassungsänderungen bereit waren, konnten sich in Deutschland die reformwilligen Kräfte in Regierung und Wirtschaft nicht durchsetzen.
Bei seiner Analyse des Krieges ‚von unten’ zeigt Berghahn, dass die Begeisterung der Bevölkerung in Deutschland, Frankreich und England selbst für einen kurzen Verteidigungskrieg wohl doch nicht so groß war, wie sie über Jahrzehnte hinweg in den Geschichtsbüchern geschildert worden ist. Aber warum kämpften dann die Soldaten in einem Krieg, der seit 1915 immer totaler und brutaler wurde? Motive waren kameradschaftlicher Zusammenhalt, Pflicht- und Ehrgefühl, Vaterlandsliebe und nicht zuletzt das militärische Disziplinarrecht. Je länger allerdings der Krieg dauerte, desto lauter wurde die Frage nach dem Sinn des großen Sterbens gestellt; Meutereien und Streiks zeigten die wachsende Neigung, die Bestimmung des Kriegsendes nicht mehr allein den politischen und militärischen Führern zu überlassen.
‚Totale’ Züge gewann der Krieg nicht nur an der Front, sondern auch in der Heimat. Dort war eines der wichtigsten Probleme die Lebensmittelversorgung, die in England und Frankreich besser als in Deutschland funktionierte, wo es den Behörden nicht gelang, die Verteilungskonflikte zu lösen; ähnlich war die Lage in Österreich-Ungarn, und noch schlimmer in Russland. Dort führte der Protest der Bauern-Soldaten an der Front und der Industriearbeiter in den großen Städten zum Zusammenbruch des Zarismus, und die russische Revolution nahm sowohl die militärische Niederlage als auch den Umsturz der alten politischen Ordnung voraus. Die Kosten des Ersten Weltkrieges machen es verständlich, warum Berghahn in seinem Fazit das Wort ‚Sieger’ in Anführungszeichen setzt: Für alle Beteiligten war er eine Katastrophe, in der es letztlich keine Sieger gab.
Sind irgendwelche Einwände gegen dieses Buch zu erheben, dessen Klappentext verspricht, es sei „eine vorzügliche Einführung auf dem neuesten Forschungsstand“? Berghahn bietet auf 3 ½ Seiten eine kommentierte Auswahlbibliografie. Auf zwei Bücher, die er in seine Auswahl nicht aufgenommen hat, sei hier hingewiesen. Holger Afflerbach hat in seiner Studie über den Dreibund den Ausbruch des Ersten Weltkriegs als das Resultat schwerer diplomatischer Fehler und Fehleinschätzungen bezeichnet, als ein mögliches, nicht aber als ein zwangsläufiges und sogar ein eher unwahrscheinliches Resultat der damaligen politischen Ordnung; eine unnötige, ja anachronistische Katastrophe beendete gewaltsam die friedliche Entwicklung Europas. Friedrich Kießling hat die Entspannung in den internationalen Beziehungen der Vorkriegszeit untersucht und gezeigt, wie bis unmittelbar vor Kriegsbeginn entsprechende Bemühungen mit konfrontativen und konfliktverschärfenden außen- und sicherheitspolitischen Maßnahmen einhergingen.
Die internationale Politik seit 1890 erscheint also nicht mehr als eine Einbahnstraße, die unweigerlich zum Ersten Weltkrieg führte. Berghahn selbst hat in seinem 2002 erschienenen Buch ‚Europa im Zeitalter der Weltkriege’ die Alternativen zu den Gewaltorgien zwischen 1914 und 1945 klar aufgezeigt. Seine kleine Geschichte des Ersten Weltkriegs ist daher ohne Einschränkungen zu empfehlen, nicht nur Lesern mit knappem Zeitbudget, sondern auch Studierenden zur Prüfungsvorbereitung. Dieses Urteil gilt auch für das folgende Buch, das in einer Reihe erscheint, die eine auf das Wesentliche konzentrierte Darstellung zum Grundsatz erhoben hat.
Rundumsanierung: Wolfgang J. Mommsen hilft dabei, den ‚Gebhardt’ zu erneuern
Im ‚Gebhardt’, dem bedeutendsten Handbuch der deutschen Geschichte, fasst jede Historikergeneration den Stand der deutschen Geschichtsschreibung zusammen. Die Darstellung von Epochen oder Teilepochen wird ergänzt durch detaillierte Angaben zu Hilfsmitteln, Quellen und weiter führender Literatur sowie durch Zeittafel, Orts-, Sach- und Personenregister. Der in 10. Auflage seit 2001 erscheinende ‚Gebhardt’ folgt einer ganz neuen Konzeption: Nicht mehr Politikgeschichte stellt er in den Mittelpunkt, sondern Sozial-, Kultur- und Wirtschaftsgeschichte. Statt einer bloßen Chronik deutscher Geschichte bietet er Analyse, stellt Fragen, macht weiterführende Interpretationsangebote, weist auf Lücken im Forschungsstand, auf Kontroversen und offene Probleme hin und präsentiert schließlich deutsche Geschichte in ihrer regionalen Vielfalt und in ihren europäischen Zusammenhängen.
Der Vergleich mit früheren Auflagen macht die Neuerungen sofort deutlich. In sechs Kapiteln informiert Wolfgang J. Mommsen (Jahrgang 1930) über den Stand der Forschung und ihre Kontroversen, die Julikrise und den Kriegsausbruch, die politischen und militärischen Ereignisse 1914 bis 1918, die deutsche Gesellschaft sowie die Peripetie des Krieges; in einem Ausblick fragt er nach den Auswirkungen des Ersten Weltkriegs auf Politik, Gesellschaft und Kultur. Er berücksichtigt zahlreiche Regionalstudien und Arbeiten zum Kriegsalltag.
Deutlich zurückhaltender als früher formuliert Mommsen die Sozialimperialismus-These, der zufolge die deutschen Eliten einen Krieg anzettelten, um überfällige politische und gesellschaftliche Reformen abzuwehren, die von der Arbeiterbewegung und vom Bürgertum gefordert wurden, wie etwa die Abschaffung des preußischen Drei-Klassen-Wahlrechts. Die deutsche Bevölkerung einschließlich der großen Mehrheit der Arbeiterschaft habe der Regierung geglaubt, die den Krieg als einen lange vorbereiteten Überfall der Alliierten darstellte; eine innerlich bereits überlebte Führungsschicht habe in einem „doppelbödigen machiavellistischen Kalkül“ Vabanque gespielt. „In gewissem Sinne“, heißt es jetzt einschränkend, habe die Führung im Juli 1914 ihre Zuflucht im Kriege gesucht.
Wie sehen die neuen Schwerpunkte Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur aus? Mommsen beschreibt die Kriegswirtschaft als eine innerhalb bestimmter Grenzen durchaus effektive Kombination von freier, marktorientierter und gewinnbewusster kapitalistischer Wirtschaft mit staatlich-bürokratischer Lenkung. Den damals aufkommenden und zunächst durchaus positiv gemeinten Begriff ‚Kriegssozialismus’ lehnt er allerdings als unzutreffend ab, denn der Anteil zentraler Planung am Produktionsprozess sei denkbar gering gewesen. Die Kriegswirtschaft entwickelte sich zu einem System eines kaum gebremsten Lobbyismus; der Kriegsausschuss der Industrie gewann mehr Einfluss auf die wirtschaftlichen Entscheidungen als alle staatlichen Planungen. Finanziert wurde der Krieg nicht durch höhere Steuern, sondern durch Kredite und Kriegsanleihen, in der Hoffnung, nach einem Sieg die unterlegenen Gegner bezahlen zu lassen. Die seit Mitte 1916 eingeführten Kriegssteuern machten nur 14 Prozent aller Kriegskosten aus. Diese Art der Finanzierung führte zu einer mühsam verschleierten Geld- und Kreditinflation, deren wahre Ausmaße sich erst 1920/21 zeigen sollten.
Der Kriegskapitalismus brachte sowohl Gewinner als auch Verlierer hervor; während die Unternehmer ihre ökonomische Lage erheblich verbessern konnten, verarmte der Mittelstand – die Angestellten und Beamten, die kleinen Händler und Gewerbetreibenden sowie die von Renten und Hausbesitz lebenden Bürger. Ihnen stand auch keine Interessenvertretung zur Verfügung wie der industriellen Arbeiterschaft mit ihren Gewerkschaften. Die Industriearbeiter nahmen zwar am allgemeinen Verarmungsprozess teil und mussten große Entbehrungen auf sich nehmen, konnten aber ihren sozialen Status im Vergleich zu anderen Gruppen deutlich verbessern. Erbitterte Richtungskämpfe innerhalb der Arbeiterbewegung über die Kriegszielpolitik der Sozialdemokratie schwächten ihr politisches Gewicht; spätestens seit 1920 war sie tief gespalten und für lange Zeit neutralisiert.
Die kulturellen Eliten und die Kirchen begrüßten den Krieg fast einhellig; sie verbreiteten die Ideologie des ‚Durchhaltens’ und versuchten, die Kriegsmoral aufrecht zu erhalten. Mit den blutigen Schlachten vor Verdun und an der Somme 1916 kam es zu einer Polarisierung der kulturellen Eliten in einander scharf bekämpfende Lager. Auf der einen Seite wurden Rufe nach politischen Reformen und nach Völkerverständigung laut, auf der anderen Seite lösten sich liberale Positionen zugunsten eines völkischen Mysterienkultes auf. Die Zerklüftung der künstlerischen und intellektuellen Kultur kündigte sich an, die in der Weimarer Republik offen ausbrechen und zur Zerstörung der ersten deutschen Demokratie wesentlich beitragen sollte.
In allen drei Bereichen hatte der Erste Weltkrieg langfristige Folgen. Er brachte einen neuen, aggressiven völkischen Nationalismus und einen radikalen Antisemitismus hervor, ebenso tief greifende Veränderungen der deutschen und europäischen Kultur. Die globale Vorherrschaft Europas war unwiderruflich dahin; der Prozess der Dekolonisation und der Emanzipation der Dritten Welt kündigte sich an, und im Nahen Osten sowie auf dem Balkan entstanden neue Konfliktfelder, die bis heute die internationalen Beziehungen bestimmen.
Wolfgang J. Mommsen schreibt ebenso wie Volker R. Berghahn als Vertreter einer ‚erweiterten’ Sozialgeschichte, die ihre Begriffe, ihr analytisches Instrumentarium und ihr theoriegeleitetes Erkenntnisinteresse Max Weber verdanken. Von ihrem methodischen Ansatz ist der Autor des nun zu besprechenden Buches meilenweit entfernt.
Vorbild Ranke: Michael Salewski zeigt, wie der Erste Weltkrieg eigentlich gewesen ist
Man müsse sich der Vergangenheit respektvoll, aufgeschlossen, vorurteilsfrei, aber kritisch nähern, versichert der Kieler Ordinarius (Jahrgang 1938); nicht stolze, rechthaberische Besserwisserei sei gefragt, sondern das „bescheidene Hineindenken“ in den Geist der vergangenen Zeiten, die „Anschauung der vergangenen Wesenheiten“. Das klingt nach Ranke, räumt Salewski ein und fügt in entwaffnender Offenheit das Geständnis hinzu, er wisse nicht, wie man über ihn hinwegkommen solle. Sein Buch über den Ersten Weltkrieg orientiert sich an der klassischen Aufforderung, die Historiker sollten zeigen, wie es eigentlich gewesen ist.
So viel ist sicher: Theorien sind Salewskis Sache nicht. Große historische Theorien schadeten dem Erkenntnisprozess eher, als dass sie ihm nutzten, schreibt er auf S. 56, denn man dürfe die Geschichte des Bismarckreiches und die der letzten Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg nicht nur vom Ergebnis her beurteilen; auch die Frage nach den Kriegsursachen lasse sich nicht „theoretisch“ beantworten.
Einer Theorie allerdings kann Salewski durchaus etwas abgewinnen: der Spieltheorie. Wer darüber genauere Auskunft wünscht, wird mit in einer Anmerkung auf zwei Bücher zu diesem Thema und mit der Bemerkung abgespeist, man könne die deutsche Außenpolitik als irrationales Spiel begreifen. Bismarck etwa habe Außenpolitik als Spiel betrieben, und Wilhelm II. sei ebenso eine Spielernatur gewesen wie die Paladine in seinem Dunstkreis. Im Juli und August 1914 habe man sich im Auswärtigen Amt und in der Wiener Hofburg wie bei einem Pokerspiel oder wie beim russischen Roulette verhalten; man sei unfähig zu dem Eingeständnis gewesen, dass man eine Weltmachtrolle im 20. Jahrhundert nicht spielen könne oder wolle. Also doch ein Vabanque-Spiel (wie bei Mommsen), nur eben nicht innenpolitisch motiviert. Aber was hat das alles mit Spieltheorie zu tun?
Wie auch immer - die Auseinandersetzung mit Fritz Fischer und seinen Schülern zieht sich durch das ganze Buch. Die Sozialimperialismus-These? Nichts weiter als ein „Schreibtischphänomen von Historikern“. Im Sinne des Zähmungskonzepts hätten Flottenbau und Kolonialismus kontraproduktiv gewirkt, da sie nicht nur Unsummen von Steuergeldern verschlangen, sondern auch das Geld für soziale Zwecke fehlen ließen. Etwa 1.500 Streiks pro Jahr von 1890 bis 1914 sprächen gegen die These von der Disziplinierung der Arbeiterschaft. Nur ein Krieg habe das Regime retten können? Wer die tradierte Sozialstruktur konservieren wollte, brauchte alles andere als einen Krieg, und überhaupt sei es im Deutschen Reich vor dem Ersten Weltkrieg „normaleuropäisch“, im Vergleich zu anderen Staaten sogar friedfertiger und aggressionsloser zugegangen. Zum Beweis kontrastiert Salewski das angeblich militarisierte Deutschland vor 1914 mit dem „Kriegsreich“ Hitlers und mit der alten Bundesrepublik, die beide weitaus höher gerüstet gewesen seien als das Kaiserreich.
Auch in seiner Erklärung der ‚inneren’ Kriegsursachen setzt er sich bewusst von einer als „klassisch marxistisch“ bezeichneten Deutung ab. Nicht die Industriebarone und Hochofenbesitzer führten den Krieg herbei, im Gegenteil: Sie wollten im Zeichen der Globalisierung vor 1914 ihre Geschäfte machen, und in der volkswirtschaftlichen Lehre wurde die Ansicht vertreten, ein großer Krieg sei wegen des damit verbundenen Zusammenbruchs der komplexen wirtschaftlichen Strukturen so gut wie ausgeschlossen. Wer konnte so dumm sein, den Krieg zu wünschen, wenn doch allen klar sein musste, dass man damit mehr verlieren als gewinnen würde? Schließlich war der Krieg ja „so unnötig wie ein Kropf“, wie der Autor nüchtern bilanziert; er führte nicht zur Modernisierung, sondern zu einem „historischen Rücksturz“ Europas.
Besonders unfreundliche Worte über die Sozialhistoriker fallen immer dann, wenn Salewski sein ureigenstes Gebiet verteidigt. Verständlicherweise spielt der Militärhistoriker seine Kompetenz aus, wenn er etwa den „zivilen“ Historikern die Kenntnis entsprechender Fachbegriffe abverlangt: Wenigstens in groben Zügen müsse man wissen, dass eine Division auf einem Schiff etwas ganz anderes ist als eine Division an Land. Eine jüngere Historikergeneration, so die geradezu erleichterte Feststellung, bemühe sich ernsthafter als die der 1960er und 1970er-Jahre darum, der militärischen Wirklichkeit von damals gerechter zu werden.
Die Analyse von Symbolen und Metaphern nimmt in Salewskis Buch einen bedeutenden Platz ein. Das Schlagwort vom ‚Burgfrieden’ etwa stellt er in größere Zusammenhänge: 1914 wurde das gesamte deutsche Kaiserreich zur Burg erklärt – das passte zur Einkreisungsthese und zur Behauptung, man wolle nicht erobern, denn Burgen sind defensive militärische Bauten. Daher war die Burg-Metapher hervorragend für die deutsche Friedenspropaganda geeignet; gleichzeitig suggerierte sie die schicksalhafte Notwendigkeit des Zusammenstehens aller. Im Zweiten Weltkrieg nahm Hitler diesen Gedanken der eingekreisten Burg wieder auf, in der abgewandelten Form der ‚Festung Europa’. Ähnliche mythische Qualitäten besaß das Wort ‚Skagerrak’. Die Seeschlacht am 31. Mai 1916 bewirkte strategisch und operativ nichts, psychologisch dagegen umso mehr: Wilhelm II. glaubte gar, der Nimbus der englischen Weltherrschaft sei geschwunden.
Salewskis besonderes Interesse gilt der hypothetischen Geschichtsschreibung; in der jungen Disziplin der Parallel- und Alternativgeschichte sieht er sogar einen guten Zugang zum Verständnis vieler Probleme. Warum etwa ist die zeitgenössische akademische Kritik am Schlieffenplan nicht ernst genommen, sondern wütend bekämpft worden? Oder man stelle sich vor, die Reichsleitung und die 3. Oberste Heeresleitung hätten nicht Lenin, sondern Alexander Kerenski unterstützt, eine der zentralen Figuren der Februarrevolution von 1917. Hätte man mit dem Kriegsminister und späteren Ministerpräsidenten der Provisorischen Regierung einen billigen Frieden ausgehandelt - wahrscheinlich wären der Welt 70 Jahre Kommunismus erspart geblieben (Aber, so ist hier einzuwenden, Kerenski wollte ja keinen Frieden schließen und wurde deshalb gestürzt!). Und schließlich: Was wäre geschehen, hätte es keine Novemberrevolution, sondern einen kaiserlichen Putsch gegeben? Die alliierten Friedensbedingungen wären kaum härter ausgefallen, aber in den Köpfen der Deutschen hätte sich die Vorstellung festgesetzt, Schuld an der Niederlage sei nicht der Dolchstoß der Heimat, sondern eben diese „Generalsclique“, die damit diskreditiert worden wäre - wahrscheinlich hätten dann die demokratischen Kräfte in Deutschland eine bessere Chance gehabt.
Über Leopold von Ranke kommt Salewski also doch hinweg: Er zeigt nicht nur, wie es gewesen ist, sondern auch, wie es hätte sein können. Anregungen gibt sein schwungvoll geschriebenes, aus einer Vorlesung hervorgegangenes Buch also durchaus. In seiner Vorliebe für kontrafaktische Überlegungen indessen wird sein Autor von einem englischen Historiker weit übertroffen.
Natürlich - die Engländer waren Schuld! Niall Ferguson im Spekulationsfieber
Solch einen kenntnisreichen und engagierten Fürsprecher wie Niall Ferguson (Jahrgang 1963) hat das deutsche Kaiserreich schon lange nicht mehr gehabt. Selten sind der wilhelminischen Gesellschaft und ihren Führungsgruppen so viele sympathische Züge nachgerühmt worden. Nicht an Deutschlands vermeintlicher Stärke sei die durchaus mögliche englisch-deutsche Allianz gescheitert, sondern an seiner Schwäche. Deutschland habe gar nicht nach der Weltmacht gegriffen, sondern lediglich gefürchtet, den Rüstungswettlauf zu verlieren. Die deutschen Sorgen vor einer Einkreisung zeugten weniger von Verfolgungswahn als von Realismus. Ausgerechnet die Macht, die selber einer bevorstehenden Niederlage im Rüstungswettlauf ins Auge sah, habe im Ruf eines exzessiven Militarismus gestanden.
Je heller das Licht, das auf Deutschland fällt, desto dunkler die Farben, in denen dessen Hauptgegner gemalt wird. Eben das England, von dem Salewski schreibt, ihm sei von allen Hauptbeteiligten wohl doch die geringste Schuld am Kriegsausbruch zuzuweisen, setzt Ferguson auf die Anklagebank. England hätte nicht in den Krieg eintreten müssen, schon gar nicht wegen des Einmarsches deutscher Truppen in Belgien. Die liberale britische Regierung habe sich durch den Vertrag von 1839 nicht gebunden gefühlt, die belgische Neutralität um jeden Preis zu garantieren; hätte Deutschland diese nicht verletzt, so würde Großbritannien es getan haben. Gewiss, Deutschland habe Frankreich und Russland einen Kontinentalkrieg aufgezwungen, aber es sei die britische Regierung gewesen, die den Kontinentalkrieg in einen Weltkrieg verwandelt habe.
Damit aber noch nicht genug. Aus einem Krieg ohne Beteiligung Großbritanniens und der Vereinigten Staaten wäre Deutschland als Sieger hervorgegangen und hätte mit dem ‚Mitteleuropäischen Wirtschaftsbund’ eine Version der Europäischen Union geschaffen, wie sie erst acht Jahrzehnte später Wirklichkeit wurde. Wäre der deutsche ‚Griff nach der europäischen Union’ nach Plan verlaufen, so hätte der Krieg nur halb so lange gedauert und weniger Menschenleben gekostet. Ferguson zufolge hätte ein deutscher Sieg auf dem Kontinent nicht den Anfang vom Ende der britischen Weltmacht bedeutet. Dies geschah nur, weil sich Großbritannien am Weltkrieg beteiligte. Deshalb lautet der Titel seines Buches ‚Der falsche Krieg’.
Auf fast allen Gebieten schneidet Deutschland besser ab als die Entente: Es konnte seine knappen Ressourcen besser mobilisieren, die Moral seiner Bevölkerung kam zu keiner Zeit einem Zusammenbruch so nahe wie in Russland oder Frankreich, und die Kampfkraft der deutschen Soldaten erreichte meist ein höheres Niveau an militärischer Effektivität. Positives kann Ferguson selbst den im September 1914 formulierten deutschen Kriegszielen abgewinnen, die, wären sie verwirklicht worden, zu einer von Deutschland beherrschten europäischen Zollunion geführt hätten - britische Interessen wären von ihr nicht bedroht worden.
Kein Wunder, dass der Vertrag von Brest-Litowsk im ganzen Buch nur einmal auftaucht. In diesem am 3. März 1918 von den Mittelmächten diktierten ‚Frieden’ musste die bolschewistische Revolutionsregierung u.a. der Ablösung Polens, Litauens, Estlands, Lettlands und der Ukraine einschließlich der Krim vom Russischen Reich zustimmen, das damit 34 Prozent seiner Einwohner sowie 54 Prozent seiner industriellen Unternehmen und 84 Prozent seiner Kohlenbergwerke verlor. Später folgende Zusatzverträge vervollständigten die wirtschaftliche Ausplünderung Russlands und schoben den deutschen Herrschaftsbereich immer weiter nach Osten vor. Zu Recht schreibt Volker R. Berghahn, dieser ‚Friede’ zeige, wie ernst es der Obersten Heeresleitung mit ihren Kriegszielen war: Hier sollte der östliche Teil des exorbitanten Annexionsprogramms verwirklicht werden, das Deutschland einen ‚blockadefreien’ Machtblock auf dem europäischen Kontinent zu errichten erlaubte. Brest-Litowsk gab zu erkennen, was ein siegreiches Deutschland mit Europa gemacht hätte.
Ferguson nun relativiert die Bedeutung dieses Diktatfriedens und lässt ihn sogar als akzeptabel erscheinen: Die Verringerung der russischen Macht in Osteuropa und die Schaffung eines ‚Mitteleuropäischen Wirtschaftsbundes’ hätte britischen Interessen nicht widersprochen. Großbritannien hätte die deutsche Hegemonie in Osteuropa als Bollwerk gegen den Bolschewismus durchaus hinnehmen können; schließlich hätten ja Finnland und Litauen ihre Unabhängigkeit erlangt, während allerdings, so muss Ferguson denn doch einräumen, Lettland, Kurland, die Ukraine und Georgien unter dem Deckmantel der nationalen Selbstbestimmung Opfer einer schlecht verdeckten Annexion geworden seien.
Passagen wie diese erwecken den Verdacht, dass mit Ferguson die wissenschaftliche Phantasie durchgegangen ist. Ganz anders verhält es sich dagegen, wenn der auf dem Klappentext als „Autorität für die Wirtschaftsgeschichte des Ersten Weltkriegs“ Gepriesene das Spekulieren lässt und seine in der Tat bewunderungswürdigen ökonomischen Kenntnisse ausbreitet. Man lernt viel über die Finanzierung des Rüstungswettlaufs und über die Steuersysteme verschiedener europäischer Staaten; man liest makaber anmutende, detaillierte Bilanzen über die Kosten für die Tötung eines Soldaten. Auch hier schneidet Deutschland bzw. schneiden die Mittelmächte besser ab als die Entente: Sie töteten mindestens 35 Prozent mehr Soldaten, als sie verloren; auch konnten sie 25 bis 28 Prozent mehr Gefangene machen als die Gegenseite; selbst die Niederlage hatte mehr mit Fehlern der deutschen Strategie zu tun als mit Fortschritten auf alliierter Seite.
Der nahe liegenden Frage, warum trotz aller angeblichen Überlegenheit Deutschland den Krieg schließlich dennoch verlor, weicht Ferguson nicht aus. Er konstatiert eine „Krise der Kampfmoral“ auf deutscher Seite und eine in den letzten drei Kriegsmonaten zunehmende Kapitulationsbereitschaft vieler deutscher Soldaten; daher habe der Krieg nicht länger fortgesetzt werden können. Aber wenn es stimmt, dass alle Soldaten (nicht nur die deutschen) kämpften, weil sich im Krieg eine Art ‚Todestrieb’ zeigte, dann bleibt zu erklären, warum sie schließlich damit aufhörten. Die gesunkene Kampfmoral wegen der fehlgeschlagenen Frühjahrsoffensive, Ludendorffs Bitte um Waffenstillstand sowie das wachsende Problem von Krankheiten – das alles habe deutsche Soldaten veranlasst, das Kämpfen als kostspieliger anzusehen, als sie es 1917 getan hatten; ihre Kapitulationsbereitschaft könne jedoch nicht als Ausdruck eines allgemeinen Überdrusses an der Gewalt interpretiert werden. Bei seinem Versuch, auf diese „letzte und schwierigste Frage“ eine abschließende Antwort zu geben, ist Ferguson wieder auf dem Gebiet der Spekulation angekommen.
Letztlich unerforschbar? Der Erste Weltkrieg und das 20. Jahrhundert
„Wer sich mit dem Ersten Weltkrieg befasst, begibt sich auf ein vertrautes und äußerst bedeutsames, im letzten aber doch unerforschbares Gebiet.“ Trotz dieser in der Einleitung ausgedrückten Skepsis versuchen Jay Winter, Geoffrey Parker und Mary R. Habeck in dem von ihnen herausgegebenen Sammelband den aktuellen Stand der historischen Forschung zusammenzufassen. Von den 13 beteiligten Autoren, die aus den USA, Kanada und Großbritannien kommen, teilen „viele“, wie es in der Einleitung heißt, einen generationenspezifische Erfahrung: Sie haben ihre Berufskarriere in einer Zeit begonnen, als der Kalte Krieg auf dem Höhepunkt war und alle militärpolitischen Fragen im Zeichen des Vietnamkrieges standen. Dieser Krieg habe deutlich gemacht, dass Militärgeschichte mehr einbeziehen müsse als nur strategische Überlegungen, Kriegstechnik, Logistik, Ideologie oder Massenpsychologie; vielmehr müsse sie mit Hilfe eines „umfassenden Ansatzes“ analysiert werden.
Was diesen Sammelband auszeichnet, ist aber nicht ein einziger umfassender, sondern sind viele verschiedene Ansätze. Im ersten Teil (‚Kriegsbeginn’) spüren die Autoren den tieferen Ursachen des Machtkampfes zwischen den Großmächten nach; im zweiten und dritten Teil (‚Kriegführung’ und ‚Im Schatten des Krieges’) präsentieren sie Aspekte des ersten totalen Krieges im 20. Jahrhundert aus vergleichender Sicht, angefangen von der Massenmobilisierung in den beteiligten Staaten bis hin zur Funktion der Kriegsökonomien und den Versuchen einer weitgehenden Einbeziehung der Arbeiterschaft in die Heimatfront; in den Blick kommen schließlich auch die langfristigen Folgen der ‚Urkatastrophe’ wie die Entkolonialisierung, die Veränderungen des internationalen Staatensystems sowie die Bildung von Mythen und Legenden.
Auch in diesem Sammelband werden kontrafaktische Szenarien entworfen. Was wäre geschehen, wenn Deutschland den Krieg gewonnen hätte? Michael Howards Antwort fällt ganz anders aus als bei Niall Ferguson: Eine antidemokratische Regierung unter Ludendorff hätte die liberale und sozialistische Opposition unterdrückt (wenn auch nicht so brutal wie die Nationalsozialisten), und protofaschistische Ideen hätten sich in Europa früher entfaltet und stärker ausgebreitet; daher habe die Niederlage Deutschlands der Demokratie in Europa wenigstens eine weitere Chance gegeben. Genau entgegengesetzt argumentiert William C. Fuller jr., der daran zweifelt, ob der Sieg der Alliierten ohne Russland tatsächlich der optimale Ausgang des Ersten Weltkriegs war. Wäre ein siegreiches Deutschland für die zivilisierte Menschheit nicht besser gewesen? Es hätte mit dem bolschewistischen Regime kurzen Prozess gemacht, und dem 20. Jahrhundert wäre Hitler und Stalin erspart geblieben.
Die Mobilisierung der Volkswirtschaften für den Krieg untersucht Gerald D. Feldman. Er sieht in der wirtschaftlichen Mobilmachung nicht das potentielle Vorspiel zu einer neuen Wirtschaftsordnung, sondern eine massive Störung und Verzerrung der hoffnungsvollen Ansätze, die das internationale kapitalistische System vor 1914 enthalten hatte. Inflation und Destabilisierung bereiteten den Weg für die Weltwirtschaftskrise, deren Bewältigung nicht gelang; die in Mittel- und Osteuropa eingeführte Zwangswirtschaft bedeutete faktisch Mangelwirtschaft. Feldman kann daher der Kriegswirtschaft keine positiven Seiten abgewinnen. Nicht die Erfahrung der wirtschaftlichen Mobilmachung im Ersten Weltkrieg, sondern die Erfahrung der Weltwirtschaftskrise gab nach 1945 den Anstoß zu sozialen und wirtschaftlichen Reformen sowie zur internationalen Zusammenarbeit.
Wie wirkten sich der industrialisierte Massenkrieg und die Mobilisierung aller Ressourcen auf die Arbeiterklasse und Arbeiterbewegung aus? John Horne arbeitet die Unterschiede in den kriegführenden Staaten heraus: In Nationalstaaten mit einem hohen Grad an demokratischer Legitimität und eingespielten Mechanismen zur Beilegung von Arbeitskonflikten wie Großbritannien und Frankreich hielten sich die Unzufriedenheit der Arbeiter und die sozialistische Agitation gegen den Krieg in Grenzen, zumal sich die Lebensbedingungen nicht so dramatisch verschlechterten wie in Russland und in Deutschland. Aber nicht nur in Europa führte der Erste Weltkrieg zu Revolutionen; er erschütterte auch die Grundlagen der europäischen Kolonialreiche und läutete das Ende der Vorherrschaft des weißen Mannes ein. Dabei habe das Selbstbestimmungsrecht eine Rolle gespielt, behauptet A. S. Kanya-Forstner, aber vor allem die Wahrnehmung Europas in den Kolonien: Der Weltkrieg ramponierte das Ansehen der angeblich überlegenen westlichen Zivilisation, in deren Namen sich die Europäer vier Jahre lang abgeschlachtet hatten.
In seinem Beitrag über ‚Das kulturelle Vermächtnis des Ersten Weltkriegs’ macht Modris Ekstein noch einmal seine These stark, die er in seinem 1989 erschienenen, Aufsehen erregenden Buch ‚Tanz über Gräben’ vertreten hat: Deutschland habe vor 1914 in kultureller Hinsicht seinen international anerkannten ‚Platz an der Sonne’ bereits gehabt, und der Erste Weltkrieg habe den endgültigen Durchbruch zur Moderne gebracht; die militärischen Sieger Großbritannien und Frankreich dagegen hätten den Krieg auf geistigem Gebiet verloren.
In dem Sammelband werden noch weitere Themen aufgegriffen wie etwa die aus der Perspektive des ‚kleinen Mannes’ gesehene Technik, eine Kulturgeschichte des Kampferlebnisses und die Bedeutung von Mythen. Die Untersuchungen über den Ersten Weltkrieg seien zu einem „Haus mit vielen Wohnungen“ geworden, schreiben die Herausgeber in der Einleitung, und sie wollen auf eine vergleichende Geschichte der Armeen und Gesellschaften hinarbeiten, die im 20. Jahrhundert gegeneinander Krieg geführt haben. Ihre Publikation stellt also nicht das Ende, sondern den Anfang von weiteren Forschungen dar, und so ist wohl auch die Formel von der ‚Unerforschbarkeit’ des Ersten Weltkriegs zu verstehen (wenn es kein Bescheidenheitstopos ist). Wer Freude an originellen Fragestellungen und anregenden Interpretationen hat, kommt jedenfalls bei der Lektüre voll auf seine Kosten.
Das Land der Kompensationsdiskurse – Bruno Thoß und Hans-Erich Volkmann schreiben die Erfahrungsgeschichte beider Weltkriege
Über dem Sammelband ‚Erster Weltkrieg – Zweiter Weltkrieg’ schwebt der Geist Ludwig Dehios: Deutschland unternahm im 20. Jahrhundert zwei kriegerische Anläufe zur Weltmacht, die schließlich mit seinem Zusammenbruch und mit der Zerschlagung seines militärischen Machtapparats endeten. Die Herausgeber Bruno Thoß (Jahrgang 1945) und Hans-Erich Volkmann (Jahrgang 1938), Mitarbeiter am Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Potsdam bzw. Freiburg, wollen nun zeigen, dass beide Weltkriege zwar den ihnen zugrunde liegenden Typus totaler Kriegführung variierten, aber sowohl verbundene als auch unterscheidbare Kriege waren, wenn man danach fragt, wie sie von den Betroffenen an der Front, in der Heimat und in den besetzten Gebieten wahrgenommen und gedeutet wurden.
Um Erfahrungsgeschichte also geht es, und zwar am Beispiel Deutschlands. Auf eine international vergleichende Bestandsaufnahme wird verzichtet; dafür präsentiert der Sammelband den Stand der Weltkriegsforschung auf möglichst breiter Ebene und gibt zugleich inhaltlich wie methodisch weiter führende Anstöße für künftige Forschungen. Vorgeschlagen wird etwa, Militärgeschichte als historische Soziologie organisierter Gewalt zu betreiben; eine zu entwickelnde Theorie der Macht müsse den vielfältigen Perspektiven von Opfern, Tätern und Zuschauern Rechnung tragen. Ein weiterer Vorschlag lautet, Kollektivbiografien von hohen und höchsten Offizieren zu schreiben. Warum eigentlich, so die ketzerische, weil zum Konzept der ‚Geschichte von unten’ quer stehende Frage, soll jeder Schütze an der Westfront und jede Näherin in der Heimat interessanter sein als ein General?
Die insgesamt 43 Aufsätze sind sieben Großkapiteln zugeordnet: 1. Die Weltkriege als Kriege neuen Typs, 2. Deutsches Führungsdenken und technologische Entwicklung in den Weltkriegen, 3. Krieg als Welt der Soldaten: die militärische Gesellschaft, 4. Krieg als kollektive Erfahrung in der Heimat: die zivile Gesellschaft, 5. Krieg als Besatzungsherrschaft: die Welt der Besatzer und Besetzten, 6. Erinnerungskulturen und Nachkriegszeiten sowie 7. Die Epoche der Weltkriege als Methodenwerkstatt für eine interdisziplinäre Militär-, Gesellschafts- und Erfahrungsgeschichte. Natürlich können hier nicht alle Beiträge gewürdigt werden; zwei Ergebnisse erscheinen dem Rezensenten besonders bemerkenswert.
1. Offen bleibt die Frage, ob trotz aller Gemeinsamkeiten letztlich doch die Unterschiede zwischen beiden bewaffneten Konflikten den Ausschlag geben. Die Herausgeber sprechen von einem qualitativen Sprung: Der Zweite Weltkrieg sei radikaler, brutaler und in jeder Hinsicht extensiver gewesen, und zwar sowohl im Einsatz von Gewaltmitteln und -methoden als auch in der Ausbreitung in die Gesellschaft und in den europäischen Raum. Nationale Stereotypen, Vorurteile und Antisemitismus hätten nach 1941 eine neue Dimension erreicht und die ‚Vernichtung‘ und ‚Ausmerzung‘ von ‚Untermenschen‘ mit eingeschlossen. Die Ähnlichkeit zwischen beiden Kriegen sei nur scheinbar, resümiert Bruno Thoß, der vor allem in der Radikalisierung das Andersartige sieht.
Allerdings fallen viele Befunde ambivalent aus. Das zeigt etwa der Beitrag über die deutsche Militärjustiz, in dem ein radikaler Bruch zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg behauptet und mit Zahlen gut begründet wird: Es gab 48 vollstreckte Todesurteile im Ersten, dagegen knapp 20.000 im Zweiten Weltkrieg. Zwar wurde ein autoritäres, aber immer noch rechtsstaatliches Verständnis von Justiz durch ein totalitäres abgelöst, aber offensichtlich hatte dies keine Auswirkungen auf den Kriegsverlauf - trotz einer milden Justizpraxis hielt das deutsche Heer im Ersten Weltkrieg jahrelang einer enormen Übermacht stand, und trotz der radikalen Terrorjustiz der Jahre 1939 bis 1945 erlag es dieser Übermacht schließlich auch beim zweiten Anlauf.
Unterschiede und Gemeinsamkeiten zeigen sich auch in der Wirtschaftspolitik. Im Vergleich zum Dritten Reich erscheint das ausgehende spätwilhelminische Deutschland noch als Hort liberaler Wirtschaftsgesinnung. Zwar lagen schon vor Kriegsausbruch theoretische Konzeptionen für einen autoritären Staat mit Kommandowirtschaft bereit, die dann auch seit 1916 von Politik und Verwaltung ansatzweise aufgegriffen wurden, aber von einer konsequenten Verwirklichung kann keine Rede sein. Aufgrund dieser Erfahrungen griffen die Nationalsozialisten zu staatlichen Lenkungsmaßnahmen im Bereich der Versorgungspolitik.
2. In vielen Beiträgen wird der Zusammenhang von Knappheitsproblemen und Kompensationsdiskursen angesprochen. Appelle an Willenskraft und Glaubensbereitschaft, an Tapferkeit und Nervenstärke dienten in beiden Weltkriegen der Mobilisierung psychischer Ressourcen als Ersatz für fehlende personelle und materielle Kräfte. Adressat dieser Kompensationsdiskurse waren zunächst die Soldaten, die im Ersten Weltkrieg den ‚Vaterländischen Unterricht’ und im Zweiten Weltkrieg die ‚Nationalsozialistische Führung’ über sich ergehen lassen mussten. Hinzu kam, dass das politische und militärische Führungsdenken hochgradig ideologisch aufgeladen und nicht selten von einem Optimismus ohne jeden Realitätskontakt geprägt war.
Erfahrungen von Knappheit machten etwa die deutschen Luftstreitkräfte. Im Ersten Weltkrieg stellten sie eine bedeutende Streitmacht dar, die allerdings wegen der begrenzten technischen Leistungsfähigkeit der Flugzeuge und der gewaltigen Ressourcen der Alliierten niemals eine strategische Wirkung entfalten konnte. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs war die deutsche Luftwaffe eine der stärksten der Welt, wurde aber 1942 von den Alliierten in der Flugzeugtechnik überholt und ab 1944 regelrecht deklassiert. Überdeutlich wurden ihre Leistungsgrenzen; ein wirkungsvoller Luftkrieg gegen Ziele im feindlichen Hinterland überstieg die Fähigkeiten von Technik und Führung.
Auch im Seekrieg konnten Knappheitsprobleme nicht von überlegenen technischen Innovationen der Ingenieure wettgemacht werden. Die mitteleuropäische Kontinentalmacht Deutschland versuchte zweimal, in einer Konfrontation mit den atlantischen Seemächten durch Vernichtung ihrer Transportmittel eine Entscheidung zu erzwingen; beide Versuche scheiterten. Beim ersten Mal fehlten genügend leistungsfähige U-Boote, beim zweiten Mal setzte man zu sehr auf Quantität statt auf Qualität; spätestens Mitte 1943 war der U-Boot-Krieg unwiderruflich verloren. Als Kompensation für fehlende technische Neuerungen blieben Fanatisierung und Ideologisierung des Kampfes übrig.
Fazit: Deutschland verfügte in beiden Weltkriegen über geringe materielle Ressourcen - in Kompensationsdiskursen dagegen brachte es das Land der Dichter und Denker zu wahrer Meisterschaft.
Das Land der Kriegsdiskurse - Anne Lipp kritisiert bürgerlich-militärische Deutungsanbieter
Der Erste Weltkrieg war auch ein Kommunikationsereignis. Erstmals versuchten Staat und Militär im großen Maßstab, Meinungslenkung und Meinungsführerschaft durchzusetzen. Sie reagierten auf bestimmte negative Erscheinungen, welche die Disziplin der Soldaten zu untergraben drohten: unbotmäßiges Verhalten, Gehorsamsverweigerung, unerlaubtes Entfernen bis hin zur offenen Agitation gegen einen Eroberungskrieg. Auf drei Bereiche richteten sie ihre Bemühungen: auf den Frontalltag der Soldaten, auf deren Wahrnehmung der Heimat und auf den Krieg als nationales Groß- und Gemeinschaftsereignis.
In ihrer Tübinger Dissertation von 2000 analysiert Anne Lipp die von ihr ‚Kriegsdiskurs’ genannte Propaganda der Behörden und der militärischen Führung. Entstanden ist ihre Arbeit im Rahmen des Forschungsprojektes ‚Mentalitätsgeschichte des Ersten Weltkriegs’, ein Gemeinschaftsprojekt zwischen den Universitäten Freiburg und Tübingen und der Bibliothek für Zeitgeschichte in Stuttgart sowie im Rahmen des Tübinger Sonderforschungsbereiches ‚Kriegserfahrungen, Krieg und Gesellschaft in der Neuzeit’. Lipp fragt nach den soldatischen Einstellungen und Erfahrungen, die diesem Kriegsdiskurs zugrunde lagen, und nach den von ihm hervorgebrachten Deutungs- und Identifikationsangeboten. Antworten sucht sie in den Druckerzeugnissen der Feldpresse sowie in Texten, die im Zusammenhang mit dem im Sommer 1917 eingerichteten ‚Vaterländischen Unterricht’ entstanden.
Schon oft ist in der Forschung darauf hingewiesen worden, dass sich die grauenvollen Erlebnisse der Soldaten gegen eine sprachliche Vermittlung sperrten. Lipp behauptet nun, der offizielle Kriegsdiskurs der von ihr so bezeichneten ‚bürgerlich-militärischen Deutungsanbieter’ habe die soldatischen Kriegserfahrungen in bestimmte sprachliche und bildliche Deutungsmuster überführt und damit gewissermaßen monopolisiert. Er habe also das einzige öffentliche sprachliche und bildliche Zeichensystem geschaffen, um über soldatische Kriegserfahrungen zu kommunizieren. Die an die Kriegsteilnehmer gerichteten Deutungs- und Identifikationsangebote regierten stets auf jene Einstellungen und Verhaltensdispositionen, die als bedrohlich für die eigene Kampfstärke wahrgenommen wurden.
Soldatische Erfahrungen, so lautet eine ihrer Thesen, wurden in ihr genaues Gegenteil verkehrt: Gegen das Grauen und die Schwäche, gegen das drohende und tatsächliche Versagen setzte man das heroisierende Identifikationsangebot des Frontkämpfers. Zweifel am Verteidigungscharakter des Krieges versuchte man zu entkräften, indem man ihn in einen aggressiv-nationalistischen Zusammenhang stellte. Drohte die Solidarisierung von Soldaten und Zivilbevölkerung etwa im Hinblick auf die Sicherung der eigenen Existenz oder auf einen Verständigungsfrieden, so spielte man die ‚Front’ gegen die ‚Heimat’ aus. Damit wurden gewissermaßen die Weichen für die Nachkriegszeit gestellt, folgert Lipp; weder die Niederlage von 1918 noch das politische und soziale Klima der Weimarer Republik erklären den Erfolg kriegsverherrlichender Mythen und Legenden, sondern die bereits während des Krieges entwickelten und verfestigten Deutungsmuster soldatischer Kriegserfahrungen mit ihren langfristigen Auswirkungen. Lipp zeigt das an mehreren Beispielen, von denen hier nur eines angeführt werden soll.
Eine der bekanntesten und folgenreichsten Auswüchse des Kriegsdiskurses war die Dolchstoßlegende, die Behauptung also, die militärische Niederlage Deutschlands im Jahre 1918 sei nicht oder nicht in erster Linie dem Versagen der Armeeführung oder der Erschöpfung der Soldaten zuzuschreiben, sondern dem Versagen bzw. dem Verrat von bestimmten Personen oder Gruppen in der Heimat. Die Schuld an der Niederlage wurde vom militärischen in den zivilen Bereich abgeschoben. Dieses Deutungsmuster wurde allerdings schon vor dem 9. November 1918 geschaffen; bereits in den Aprilstreiks von 1917 nahm mit Wertungen wie „versagende und verratende ‚Heimat’“ die spätere Dolchstoßrhetorik konkrete Gestalt an, und noch im Januar 1918 wurden in Armee- und Schützengrabenzeitungen die Streikenden als „Brudermörder“ gebrandmarkt. Zur späteren Dolchstoßlegende bestand aber ein wichtiger Unterschied: Auch wenn die Heimat vorübergehend ihre Unterstützung versagte, galt ein deutscher Sieg immer noch als möglich; erst nach der Niederlage wurden die alten Schuldzuweisungen reaktiviert und ausgeweitet. Bereits lange vor Kriegsende und nicht erst im Dezember 1918 wurde also der ‚Dolchstoß-Vorwurf’ formuliert.
Ihre analytischen Fähigkeiten stellt Lipp nicht nur an Texten, sondern auch an Bildern unter Beweis. In dem Kapitel ‚Bilder des Durchhaltens’ unterscheidet sie subtil die Darstellung des Soldaten in Armeezeitungen einerseits und in Schützengrabenzeitungen andererseits. Die in den ersten beiden Kriegsjahren vorherrschenden ironischen Porträtskizzen des ‚unbekümmerten Landwehrmanns’ wichen spätestens 1917 stilisierten Wächter- oder Frontkämpfer-Motiven und heroisierenden Kriegsallegorien. An die Stelle der einfachen Soldaten trat immer häufiger die riesenhafte, gepanzerte Heldengestalt mit dem Stahlhelm auf dem Kopf. Mit diesem Bild vom ‚Frontkämpfer’ taten sich dagegen die Schützengrabenzeitungen viel schwerer; sie stellten ihn nicht so schematisch-entpersonalisiert dar und gönnten ihm sogar noch einen Schnurrbart, der in der Frontkämpfer-Ikonografie des stählernen Gesichtes sonst keinen Platz mehr hatte.
In diesem Zusammenhang weist Lipp - wie schon andere vor ihr - darauf hin, dass die Geburtsstunde des deutschen Bildes vom ‚Frontkämpfer’ weniger die Schlacht von Verdun als vielmehr die Somme-Schlacht war (beide 1916). Die wider Erwarten erfolgreiche Abwehr des englisch-französischen Angriffs bot sich als Symbol für das ‚Durchhalten’ geradezu an. Verdun dagegen wurde als Symbol erfolgreicher Verteidigung zum französischen Erinnerungsort. In der Nachkriegszeit, das ist hier zu ergänzen, wurde auch in Deutschland der ‚Verdun-Kämpfer’ mythisiert, wurde Verdun zum Ort eines regelrechten ‚Schlachtfeldtourismus’, wo sich ehemalige Frontkämpfer aus beiden Ländern trafen, um ihre Kampferlebnisse auszutauschen.
Der lange Abschied von der Schlachtenerzählung - Markus Pöhlmann entdeckt neue Ansätze in der traditionellen Militärgeschichtsschreibung
Zwischen 1914 und 1956 lag die amtliche deutsche Weltkriegsgeschichtsschreibung in den Händen zunächst des Großen Generalstabs, sodann des Potsdamer Reichsarchivs und später dessen Nachfolgebehörden wie dem Bundesarchiv. Die Geschichte dieser Geschichtsschreibung analysiert Markus Pöhlmann (Jahrgang 1967) in seiner bei Stig Förster entstandenen Berner Dissertation. Er wertet zeitgenössische Zeitschriften aus sowie neue Quellen aus dem ehemaligen Zentralarchiv der DDR und dem lange geheimen Sonderarchiv in Moskau. Dabei zeigt er eindrucksvoll, wie konkurrierende Deutungseliten (also keineswegs nur Historiker) ‚Geschichte’ für ihre politischen Ziele instrumentalisierten.
Das Potsdamer Reichsarchiv wurde nach dem Ersten Weltkrieg vom Chef der Heeresleitung, Hans von Seeckt, errichtet. Dort arbeitete das Personal des aufzulösenden Generalstabs; es herrschte ein ausgesprochen militärischer und antirepublikanischer Korpsgeist vor, für den schon die Wahl von Potsdam als Standort sinnbildlich war. Republikanisch gesinnte Mitarbeiter zählten zur Minderheit, und die politische Führung versäumte es, durch eine entsprechende Personalpolitik einen loyalen Beamtenstab zu schaffen. Überhaupt bejahten die meisten Wissenschaftler den nationalen Machtstaat mit dem Militär als seiner wichtigsten Stütze. Parteiübergreifend lehnten sie den Versailler Vertrag ab und verstanden ihre Arbeit als Dienst nicht an der Republik, sondern an der deutschen Nation. Niemanden konnte überraschen, dass die meisten Forscher die ab 1934 einsetzende Remilitarisierung der amtlichen Kriegsgeschichtsschreibung begrüßten.
Eine Breitenwirkung erzielte die amtliche Kriegsgeschichtsschreibung zwischen 1918 und 1945 allerdings weniger durch ihr 18 Bände umfassendes und von 1925 bis 1956 herausgegebenes Monumentalwerk ‚Der Weltkrieg 1914-1918’. Erfolg hatten vielmehr amtliche, halbamtliche und private Veröffentlichungen, ein Medienmix aus Büchern, Fachzeitschriften, Presse- und Propagandafotografie sowie dem Film. Die breitenwirksamen, volkstümlichen Regimentsgeschichten und Reihenwerke wie ‚Schlachten des Weltkrieges’ verschwiegen zwar zahlreiche und teilweise auch schwerste Niederlagen nicht, interpretierten sie aber immer als Drama, Tragödie oder Schicksal, und Buchillustrationen verstärkten diese heroische Trivialisierung und mythische Überhöhung des Krieges. Nach dessen Ursachen und Folgen zu fragen, war tabu.
In diesem reaktionären Sumpf nun entdeckt Pöhlmann einige fortschrittliche Blüten. Über den Historismus mit seiner Orientierung am Nationalstaat und an der ‚großen’ Persönlichkeit kamen die Mitarbeiter des Reichsarchivs nämlich durchaus hinweg, aber gewissermaßen gegen ihren erklärten Willen. Wer unter Berufung auf Leopold von Ranke den Primat der Außenpolitik stark machte, widersprach damit dem ‚rechten’ Erklärungsmuster für die Niederlage, nämlich der Dolchstoßlegende, die ja gerade mit dem Primat der Innenpolitik argumentierte. Auch die Auffassung von den Aufgaben amtlicher Kriegsgeschichte veränderte sich; die quellenkritische Methode wurde nun auch von Generalstabshistorikern anerkannt, man nahm die umfangreiche in- und ausländische Literatur zur Kenntnis, und mit der planmäßigen Befragung von Zeitzeugen erschloss das Reichsarchiv systematisch eine für die damalige Geschichtswissenschaft neuartige Quellengruppe. Erstmals wurde in amtlichen Darstellungen auch Kritik akzeptiert, die jedoch gewissermaßen mit der Reihenfolge der Heeresleitungen an Schärfe verlor: vernichtend für Moltke, negativ für Falkenhayn und apologetisch für Hindenburg und Ludendorff.
Methodische Innovation - das hieß also Kritik an der alten Generalstabshistoriografie, endgültige Übernahme der Methoden der Geschichtswissenschaft, Entwicklung neuer Methoden wie der Zeitzeugenbefragung, Abweichung von der traditionellen, heroisch-apologetischen Darstellung, Auswertung unkonventioneller Quellen wie etwa Stimmungsberichte der militärischen Dienststellen oder Kriegsbriefsammlungen. Kurz: die innovatorischen Leistungen lagen weniger auf inhaltlichem als vielmehr auf methodischem Gebiet; sie betrafen die wachsende Bereitschaft, individualpsychologische Faktoren und ökonomische Strukturen stärker zu berücksichtigen. Die Totalisierung des modernen Massen- und Materialkriegs zu verdeutlichen, die Entwicklung vom Krieg der operativen Führerentscheidungen hin zum Krieg der Bruttosozialprodukte und der Weltanschauungen zu analysieren - das überforderte die deutsche Generalstabshistoriografie in jeder Hinsicht.
Wissenschaftliche Erträge sieht Pöhlmann auch in Gutachten des Reichsarchivs, die im Zusammenhang mit dem Münchner ‚Dolchstoßprozess’ von 1924 angefertigt wurden. Ergebnis dieses Prozesses war, dass die Mehrheitssozialdemokraten vom Vorwurf entlastet wurden, am ‚Dolchstoß’ beteiligt gewesen zu sein. Zu diesem Ergebnis hätten Pöhlmann zufolge auch Gutachter des Reichsarchivs beigetragen, die auf die unheilvolle Rolle der annexionistischen Kreise im Krieg oder die Frage der sozialen Missstände in Heer und Marine hinwiesen. Dadurch sei das Schlagwort vom ‚Dolchstoß’ in politischen und wissenschaftlichen Kreisen weniger gesellschaftsfähig geworden.
Die kontrafaktische Frage ‚Was wäre wenn’ kann man auch im Hinblick auf die nicht geschriebene Geschichte stellen. Geplant, aber nicht realisiert wurden Sonderbände etwa zum Kolonialkrieg oder zu den Luftstreitkräften. Die bereits in der Auslieferung befindlichen Bände zur Kriegsrüstung und -wirtschaft wurden auf Befehl des Reichswehrministeriums 1922 eingezogen und vernichtet, und auch der Plan einer ‚Kulturgeschichte des Weltkriegs’ musste 1934 aufgeben werden. Über Ansätze kam die Militärgeschichtsschreibung also nicht hinaus, und der Beginn des Zweiten Weltkriegs zerstörte alle Chancen zu einer Erneuerung endgültig. Ihr Ende läutete erst die Niederlage 1945 ein, aber der Abschied von der Schlachtenerzählung sollte sich noch lange hinziehen.
Beim nächsten Krieg wird alles anders. Stig Försters Schüler rekonstruieren Sandkasten-Planungen der Zwischenkriegszeit
Von 1918 bis 1939 stand der Begriff des ‚totalen Krieges’ im Mittelpunkt einer Diskussion über moderne Kriegführung, die in verschiedenen militärischen Fachzeitschriften ausgetragen wurde. An ihr beteiligten sich Offiziere aus der Schweiz, aus dem Deutschen Reich, aus Belgien, Italien, Frankreich, Großbritannien und aus den USA. Bei der Suche nach Lösungen für das Problem der Entgrenzung und der wachsenden Unkontrollierbarkeit des Krieges spielte das Konzept des ‚totalen Krieges’ eine zentrale Rolle: Sollte man ihn bewusst anstreben oder im Gegenteil vermeiden? Die Debatte über den modernen Krieg vergleichend ausgewertet zu haben, ist das Verdienst mehrerer jüngerer Historiker (meist in den späten 1960er-Jahren geboren), die unter der Leitung des an der Universität Bern lehrenden Historikers Stig Förster (Jahrgang 1951) an einem Mitte der 1990er-Jahre begonnenen Forschungsprojekt mitgewirkt haben.
Förster grenzt das Zeitalter des totalen Krieges auf die Jahre 1861 bis 1945 ein, also vom Amerikanischen Bürgerkrieg bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. ‚Total’ ist ein Krieg, wenn er vier Merkmale aufweist: 1. Totale Kriegsziele: An die Stelle traditionell begrenzter Kriegsziele tritt die Forderung nach bedingungsloser Kapitulation. 2. Totale Kriegsmethoden: Sobald beide Seiten totale Kriegsziele verfolgen, radikalisieren sich die Kriegsmethoden - Beispiele sind die Vernichtungsfeldzüge der Unionsgeneräle Sherman und Sheridan im Amerikanischen Bürgerkrieg, das brutale Auftreten deutscher Truppen in Belgien, die alliierten Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg und die Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen durch die Deutschen. 3. Totale Mobilisierung: Sie wird zwar angestrebt, aber nie vollständig verwirklicht, so dass man hier lediglich von einer Tendenz sprechen kann, Gesellschaft und Wirtschaft vollständig auf den Krieg auszurichten. 4. Totale Kontrolle: Zensur und Propaganda gelten als normal, ja kriegswichtig, so war blanker Terror alltäglicher Bestandteil der nationalsozialistischen und der sowjetischen Kriegsanstrengungen.
Was beim nächsten Krieg alles anders werden würde, zeigt am besten das Beispiel des Luftkriegs, der den ‚totalen Kriegsmethoden’ zuzurechnen ist. Im Jahre 1921 veröffentlichte der italienische General Giulio Douhet sein Buch ‚Luftherrschaft’, in dem er behauptete, der zukünftige Krieg werde von derjenigen Seite entschieden, welche die Luftherrschaft durchsetzen könne; es werde ein sehr gewalttätiger Kampf werden, der im Wesentlichen darauf hinauslaufe, die Moral des Gegners zu brechen. Douhets Buch wurde mehrmals aufgelegt und in verschiedene Sprachen übersetzt, allerdings ganz unterschiedlich wahrgenommen, diskutiert und umgesetzt.
Die italienische Luftwaffe sammelte praktische Erfahrungen mit neuen Kampfflugzeugen im Spanischen Bürgerkrieg. In Frankreich brachte Douhets Theorie eine Spaltung in die Luftstreitkräfte hinein: Einige Offiziere wollten sie komplett übernehmen, andere lehnten sie rundweg ab, ohne allerdings Alternativen anbieten zu können. Diese Uneinigkeit über die Rolle der Luftstreitkräfte in einem künftigen Krieg hatte negative Folgen für die Luftkämpfe von 1940. Frankreichs Nachbar Belgien verfügte in diesem Jahr nur über eine Handvoll moderner Jagdflugzeuge, und die in den USA bestellten modernen Kampfflieger trafen zu spät in Europa ein.
In den Vereinigten Staaten selbst dominierten traditionalistische Offiziere, die an der revolutionären Kraft moderner Technologie zweifelten. Noch nicht einmal ‚Verdun’ erschütterte das Dogma von der Infanterie als ‚Königin der Schlacht’, und man glaubte, der nächste Krieg werde wiederum in Schützengräben und mit Bajonetten ausgefochten; man stellte die Luftwaffe als ‚Auge der Infanterie’ mit der Kavallerie auf eine Stufe und bestritt damit ihre Eigenständigkeit. Großbritanniens Militärs schließlich rezipierten Douhet erst in den frühen 1930er-Jahren, aber das blieb folgenlos. Trotz eines durchaus existierenden internationalen Informationsaustausches verschloss sich die Royal Air Force (ähnlich wie Heer und Marine) ausländischen Vordenkern.
Die USA und Großbritannien waren diejenigen Mächte, die im Zweiten Weltkrieg mit massiven Luftangriffen die Infrastruktur Deutschlands zerstören und die Moral seiner Bevölkerung brechen wollten. Dort diskutierte man schon seit Mitte der 1920er-Jahre über die Rolle der Luftstreitkräfte im Krieg der Zukunft. Douhets erst 1935 ins Deutsche übersetzte Buch wurde weitgehend abgelehnt; die Bombardierung von Madrid während des Spanischen Bürgerkriegs zeigte, dass die Zerstörung von Großstädten aus der Luft nicht so leicht war, wie es sich die Theoretiker des strategischen Luftkriegs gedacht hatten. Dennoch: Die Planung des Krieges in der dritten Dimension, der ja die Grenzen zwischen Front und Hinterland auflöste, bezog schon früh die Zivilbevölkerung ein, führte zur Gründung des Reichsluftschutzbundes 1933 und zum zwei Jahre später erlassenen Reichsluftschutzgesetz. Gespenstischer Höhepunkt dieser Maßnahmen bildete der Abwurf von 8.000 Papierbomben über München.
An der Diskussion über den Krieg der Zukunft fallen einige Gemeinsamkeiten auf. Zunächst wuchs die Bereitschaft zur technischen Innovation (sieht man einmal ab von der kontrovers diskutierten Rolle der Luftstreitkräfte), sodann versuchten die Offiziere, ihre Stellung in Staat und Gesellschaft zu verteidigen bzw. aufzuwerten, und schließlich war ganz allgemein die Ansicht verbreitet, der nächste Krieg sei unvermeidbar. Lediglich in Frankreich, auf dessen Territorium sich die furchtbarsten Schlachten des Ersten Weltkriegs abgespielt hatten, bildet sich eine Philosophie der Abschreckung heraus, deren Anhänger hofften, einen neuen Krieg überhaupt verhindern zu können, eben weil er aller Voraussicht nach ‚total’ sein werde.
Ein entscheidendes Element allerdings fehlte in diesen Debatten, und eben dies sollte ein Merkmal des Zweiten Weltkriegs werden: Die Bereitschaft zum Völkermord überstieg die Vorstellungskraft noch des engagiertesten Befürworters eines totalen Krieges. Insofern übertrafen die Ereignisse von 1939 bis 1945 alles, was die militärischen Denker der Zwischenkriegszeit erhofft bzw. befürchtet hatten.
Die Mutter aller Synthesen - Enzyklopädie Erster Weltkrieg
Zwei Grenzen will diese Enzyklopädie überwinden: erstens die Grenze zwischen den Spezialgebieten und zweitens die Grenze zwischen den immer noch viel zu sehr auf ihre jeweilige Nationen beschränkten Wissenschaftlern, die seit mehr als 80 Jahren die ‚Urkatastrophe’ des 20. Jahrhunderts erforschen. Die Gesamtheit des Weltkriegs soll wieder in den Blick kommen - dieses anspruchsvolle Ziel setzt sich die erste moderne deutschsprachige Enzyklopädie des Ersten Weltkriegs. Sie versteht sich nicht als eine Sammlung des verfügbaren Wissens über den Krieg, sondern möchte über die Grenzen der einzelnen Arbeitsfelder hinausgelangen und vor allem den internationalen Vergleich ermöglichen. Sie richtet sich nicht nur an Spezialisten und Forscher, an Lehrende und Studierende, sondern insbesondere auch an die allgemein historisch interessierte Öffentlichkeit. Daher verbindet sie essayistische Überblicksdarstellungen mit fundiertem enzyklopädischem Wissen.
Das mehr als eintausend Seiten umfassende Werk ist in drei Großkapitel gegliedert: Auf die Darstellungen folgt ein Lexikon sowie eine Chronik der Ereignisse von 1914 bis 1918. Im ersten Großkapitel werden einzelne europäische Staaten und die USA vorgestellt, die Gesellschaft im Krieg (Frauen, Kinder und Jugendliche, Arbeiter, Soldaten und Wissenschaftler sowie Kriegsliteratur, Religion, Propaganda, Medizin und Kriegswirtschaft). Es schließt sich ein Unterkapitel über den Kriegsverlauf an, in dem der Weg in den Krieg, die Entwicklung vom europäischen Krieg zum Weltkrieg, die Kriegführung der Mittelmächte und der Entente ebenso geschildert werden wie das Kriegsrecht, die Kriegsverbrechen und schließlich das Ende des Weltkriegs. Das dritte Unterkapitel handelt von der Geschichtsschreibung in der Bundesrepublik und in der DDR.
Während das erste Großkapitel ein knappes Drittel der Enzyklopädie umfasst, nimmt mit mehr als 660 Seiten und 650 alphabetisch angeordneten Stichworten das Lexikon den weitaus größten Teil ein; es folgt eine ausführliche Chronik, ein Autoren- und Stichwortverzeichnis sowie ein Verzeichnis der 23 Karten und über 100 zumeist unveröffentlichten Abbildungen. 146 Verfasser aus 15 Nationen haben an dieser Enzyklopädie mitgeschrieben. Bei den deutschen Autoren handelt es sich ganz überwiegend um Vertreter der ‚erweiterten’ Sozialgeschichte, allen voran Wolfgang J. Mommsen mitsamt seinen Schülern. Er ist es, der im Großkapitel ‚Darstellungen’ den Aufsatz über Deutschland im Ersten Weltkrieg schreibt; Michael Salewski dagegen steuert lediglich einen vier Seiten umfassenden Lexikon-Artikel zum Thema ‚Seekrieg’ bei.
Als eine wahre Fundgrube erweist sich das Lexikon, das auch auf den ersten Blick exotisch anmutende Stichwörter bietet wie ‚Aberglaube’, ‚Gerücht’, ‚Hochspannungszaun’, ‚Null-Acht-Fünfzehn’ ‚Soldatenhumor’ und ‚Ungeziefer’. Nach der Lektüre stellt sich eigentlich nur noch eine Frage: Ist jetzt nicht alles gesagt, ist nicht jeder Fußbreit vermessen, nicht jeder Winkel ausgeleuchtet worden? Die Herausgeber selbst weisen auf Desiderate hin. So fehlt eine international vergleichende Betrachtung politischer, wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und mentaler Prozesse im Weltkrieg. Außerdem ist bislang die Verbindung von kollektiven Mentalitäten und individuellem Entscheidungshandeln noch nicht geglückt. Wer künftig die Geschichte des Weltkriegs im Sinne einer ‚verstehenden’ Strukturgeschichte schreiben will, muss den Faktor ‚Mentalität’ in den politischen und militärischen Entscheidungen berücksichtigen. Zugleich muss er die Grenzen des Verstehens deutlich machen, die Stereotypen der Wahrnehmungen und Einschätzungen, den Gruppendruck im Prozess des ‚decision-making’, aber auch das schlichte Nichtwissen über den Verlauf des Krieges an der Front und in der Heimat.
Eines jedenfalls ist sicher: Wie auch immer die hier angemahnten künftigen Synthesen aussehen werden - aufbauen müssen sie auf diesem Buch, dessen Rang als Standardwerk schon jetzt klar erkennbar ist. Die ‚Enzyklopädie Erster Weltkrieg’ stellt eine große wissenschaftliche Leistung dar. HistLit 2004-2-101 / Volker Ackermann über Winter, Jay; Parker, Geoffrey; Habeck, Mary R. (Hg.): Der Erste Weltkrieg und das 20. Jahrhundert.Hamburg 2002. In:
H-Soz-u-Kult 13.05.2004 HistLit 2004-2-101 / Volker Ackermann über Mommsen, Wolfgang: Die Urkatastrophe Deutschlands. Der Erste Weltkrieg 1914-1918. Stuttgart 2002. In:
H-Soz-u-Kult 13.05.2004 HistLit 2004-2-101 / Volker Ackermann über Hirschfeld, Gerhard; Krumeich, Gerd; Renz, Irina (Hg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg.Paderborn 2002. In:
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H-Soz-u-Kult 13.05.2004 HistLit 2004-2-101 / Volker Ackermann über Förster, Stig (Hg.): An der Schwelle zum Totalen Krieg. Die militärische Debatte über den Krieg der Zukunft 1919-1939. Paderborn 2002. In:
H-Soz-u-Kult 13.05.2004 HistLit 2004-2-101 / Volker Ackermann über Thoß, Bruno; Volkmann, Hans-Erich (Hg.): Erster Weltkrieg - Zweiter Weltkrieg: Ein Vergleich. Krieg, Kriegserlebnis, Kriegserfahrung in Deutschland. Paderborn 2002. In:
H-Soz-u-Kult 13.05.2004 HistLit 2004-2-101 / Volker Ackermann über Lipp, Anne: Meinungslenkung im Krieg. Kriegserfahrungen deutscher Soldaten und ihre Deutung 1914-1918. Göttingen 2003. In:
H-Soz-u-Kult 13.05.2004 HistLit 2004-2-101 / Volker Ackermann über Berghahn, Volker: Der Erste Weltkrieg.München 2003. In:
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ISBN: 3-515-08124-0; 386 S. Salewski, Michael: Der Erste Weltkrieg.Paderborn: Ferdinand Schöningh Verlag 2003.
ISBN: 3-506-77403-4; 415 S. Neitzel, Sönke: Blut und Eisen. Deutschland im Ersten Weltkrieg. Zürich: Pendo Verlag 2003.
ISBN: 3-85842-448-X; 272 S. Rezensiert von: Gerhard Altmann, Historisches Seminar, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg Der Erste Weltkrieg markiert eine tiefe Zäsur in der Geschichte der Menschheit. Auch neunzig Jahre nach seinem Beginn sind die Konsequenzen dieser globalen Auseinandersetzung noch allenthalben zu besichtigen. Ein Blick auf die politische Landschaft des Balkans etwa genügt, um den Weg zu ermessen, den Europa zurücklegen musste, ehe es die zwischen 1914 und 1918 geschlagenen Wunden wenigstens oberflächlich zu heilen vermochte. Nicht von ungefähr hat sich daher im Sprachgebrauch der anglophonen Welt die Bezeichnung „Großer Krieg“ als Synonym für den Ersten Weltkrieg erhalten. Und wenn der Methusalem der internationalen Diplomatie im 20. Jahrhundert, George F. Kennan, die Dimensionen der Gewaltexplosion ab 1914 mit dem vielzitierten Wort der „Urkatastrophe“ zu umreißen versuchte, dann drückt sich darin ein feines Gespür für die Fernwirkungen eines in seiner Dynamik bis dahin maß- und beispiellosen Geschehens aus. Neben den materiellen Verwerfungen, die Europa für lange Zeit zu einem Kontinent der strategischen wie ökonomischen Bittsteller reduzierten, waren es die ideologischen und psychologischen Frontlinien, die die Welt von 1918 so fundamental von der des Frühjahrs 1914 unterschieden. Dass Historiker in ihrem Bemühen, chronologische Sinnabschnitte zu definieren, das „lange 19. Jahrhundert“ meist 1918 enden lassen, hängt aufs Engste mit dieser Entwicklung zusammen. Es gibt zwar begründete Einwände gegen den Vorschlag, die Schüsse von Sarajewo als Auftakt zu einem neuen Dreißigjährigen Krieg zu konzeptualisieren. Die Bürgerkriege, die Europa zwischen 1918 und 1939 erschütterten, sind nicht ohne weiteres den Staatenkriegen zuvor und danach zu assimilieren. Und der Genozid, den Hitler-Deutschland mitten in Europa zu entfesseln verstand, machte den Zweiten Weltkrieg zu einem „Zivilisationsbruch“ (Dan Diner) ganz anderer Qualität als jenen, der die Menschen nach 1914 aus eingeübten Denk- und Verhaltensgewohnheiten herausriss. Dennoch schuf der Erste Weltkrieg offenbar trotz – oder gerade wegen – seiner präzedenzlosen Schrecken eine Disposition zur Gewalt, die erst 1945, im Schatten der Atombombe, eingehegt werden konnte. Auch danach blieb der Große Krieg freilich präsent: in der Erinnerung, in den Gedenktagen und in den geschichtspolitischen Debatten. Immerhin gilt der Erste Weltkrieg als Geburtsstunde der zeithistorischen Forschung. Die Kontroverse um die Thesen Fritz Fischers gehört neben den Disputen über die Arbeiten Ernst Noltes und Daniel Goldhagens zu den herausragenden historiografischen Kristallisationspunkten deutscher Selbstverständigungsprozesse. Die Frage nach dem „Sonderweg“, auf dem Deutschland vermeintlich in das Fiasko von 1914 geeilt war, hat zwar in den letzten Jahren etwas an Virulenz verloren. Vermittelnde Positionen konnten sich gegenüber deterministischen und exkulpatorischen Interpretationen gleichermaßen behaupten. Dennoch geben die Vorgeschichte und der Verlauf des Ersten Weltkriegs weiterhin Rätsel auf. Kein Wunder also, dass eine Reihe von Neuerscheinungen den neunzigsten Jahrestag des Kriegsbeginns begleitet.
In der überarbeiteten Neuauflage eines diplomatiegeschichtlichen Klassikers möchten Zara Steiner und Keith Neilson den britischen Anteil am Ausbruch des Ersten Weltkriegs klären. Das Vereinigte Königreich gilt gemeinhin als jenes Mitglied der 1815 inaugurierten Pentarchie, das am wenigsten Schuld trifft. Die Verpflichtungen eines weltumspannenden und bisweilen als verteidigungspolitische Bürde empfundenen Imperiums ließen Großbritannien zu einer Status-quo-Macht par excellence avancieren. Was auch immer man angesichts der globalen Vernetzung Großbritanniens von der Denkfigur einer „splendid isolation“ halten mag, so waren die Verantwortlichen in London zweifellos darauf erpicht, ein „continental commitment“
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nur im äußersten Notfall einzugehen. Steiner und Neilson analysieren die Entscheidungsprozesse und -träger der britischen Außenpolitik in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg und veranschaulichen dabei, wie die „deutsche Gefahr“ immer mehr zum Nervus rerum der britischen Verteidigungsstrategie wurde. Indem die deutsche Diplomatie – begleitet von schrillen Tönen seitens des Kaisers und der Presse – keine Chance ungenutzt ließ, das Wilhelminische Reich ins Abseits zu manövrieren, trieb sie Großbritannien förmlich in die Arme ganz unwahrscheinlicher Bündnispartner. Der Ausgleich mit Frankreich und Russland auf imperialem Terrain ebnete einer engeren Zusammenarbeit in Europa den Weg.
Die „strategische Revolution“ (S. 220) der britisch-französischen Gespräche über eine mögliche militärische Kooperation auf dem Kontinent vollzog sich indes unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Steiner und Nilson porträtieren die außenpolitische Elite Großbritanniens als eine Art Kaste, die nur das Nötigste an die Öffentlichkeit dringen ließ. Selbst innerhalb der Regierung Asquith existierten 1914 nur verschwommene Vorstellungen über die Reichweite der britischen Verpflichtungen im Falle eines europäischen Krieges. In dem Maße, wie das scheinbar zwischen ostentativer Selbstsicherheit und irrationaler Angst schwankende Gebaren Deutschlands in London zusehends als dreister Erpressungsversuch wahrgenommen wurde, betrieben die jingoistischen Massenblätter Großbritanniens antideutsche Stimmungsmache und schränkten damit den Spielraum für Kompromisse zusätzlich ein. Die auf Ausgleich bedachten Stimmen im Umfeld etwa der „Union of Democratic Control“, die wie Norman Angell vor den Fallstricken der Geheimdiplomatie warnten, konnten sich demgegenüber vor 1918 kaum Gehör verschaffen. In den Augen Steiners und Neilsons waren es die Regierungen in Berlin und Wien, die 1914 letztlich die Entscheidung für den Krieg trafen. Der britische Außenminister Lord Grey musste sich den Vorwurf gefallen lassen, naiv an die Handlungsfreiheit Großbritanniens zu glauben, während die Vertreter der Streitkräfte die Entente im Stillen zu einem regelrechten Militärbündnis ausbauten. Dieser Befund, an dem auch die Fehleinschätzungen, denen die Militärs ihrerseits erlagen, nichts ändern, kollidiert freilich ein Stück weit mit der These Steiners und Neilsons, dass die außenpolitische Elite Großbritanniens die traditionell defensive Strategie des Landes unabhängig von Dritten verfolgen konnte.
Die Autoren des von Richard Hamilton und Holger Herwig edierten Sammelbandes kommen zu anderen Ergebnissen als Steiner und Neilson. Sie lassen sich bei ihrer nach Ländern gegliederten Untersuchung der Kriegsursachen im Wesentlichen von der Annahme leiten, dass eine spezifische Kombination von „Gruppendynamik“ und mehr oder weniger objektiven „Informationen“ (S. 11) zur Eskalation führte. Die Entscheidung für den Krieg wurde Hamilton und Herwig zufolge von kleinen, maximal zehn Männer umfassenden Gruppen getroffen, welche die außenpolitischen Geschicke der fünf Großmächte Deutschland, Österreich-Ungarn, Großbritannien, Frankreich und Russland bestimmten. Anders als Steiner und Neilson glauben die Herausgeber mit Blick auf die Politik Berlins nicht an ein Ablenkungsmanöver in die Enge getriebener Eliten, die durch einen Krieg interne Probleme externalisieren wollten. Sie erteilen andererseits auch dem von David Lloyd George popularisierten Diktum, die Staaten Europas seien 1914 unabsichtlich in den Krieg geschlittert, eine klare Absage und verweisen stattdessen auf das Wechselspiel von „Cliquen und Kontingenz“ (S. 43). Mit dieser relativ unscharfen Ursachendiagnose scheinen sich die Herausgeber indes Versatzstücke genau von jenen beiden Großthesen – Sozialimperialismus und kollektive Verantwortung – zu borgen, die sie eigentlich dementieren.
Wie Hamilton in seinem Beitrag über Krieg und Frieden zwischen 1815 und 1914 ausführt, brach das Konzert der Mächte, das seit dem Wiener Kongress für eine in gewissem Umfang berechenbare Staatenwelt sorgte, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zusammen. Diese der Lockeschen Vertragstheorie vergleichbare Konfiguration der internationalen Beziehungen sprach den Großmächten ein prinzipielles Existenzrecht zu und knüpfte jedwede Veränderung der zwischenstaatlichen Balance an die Bedingung des Konsenses. Seit dem Krimkrieg schlichen sich Hobbesianische Elemente in die auf Ausgleich bedachte Diplomatie ein, die obendrein von folgenschweren Fehlentscheidungen unterminiert wurde. Zu den gewichtigsten zählt Hamilton die Nichtverlängerung des deutsch-russischen Rückversicherungsvertrages durch Berlin im Jahre 1890. Fortan gewannen die antideutschen Kräfte in Petersburg allmählich die Oberhand, während Bismarcks „cauchemar des coalitions“ Gestalt annahm.
In Deutschland generierte die Festlegung auf den Schlieffenplan, der einen zeitlich gestaffelten Zweifrontenkrieg gegen Frankreich und Russland vorsah, einen für die Unwägbarkeiten der Diplomatie und des Krieges sträflich unempfindlichen „Tunnelblick“ (S. 154). Zudem bewegten sich die Verantwortlichen in einem gesellschaftlich-kulturellen Umfeld, das den Krieg nicht nur wie einen festen Bestandteil der natürlichen Ordnung, sondern sogar wie ein sozialdarwinistisches Allheilmittel gegen die krankhaften Auswüchse der Moderne erscheinen ließ. Der Glaube an die Möglichkeit eines kalkulierten Kriegsrisikos komplettierte eine mentale Disposition, die den Ausbruch der Kämpfe als Chance und nicht als Katastrophe konturierte.
Frankreichs Unterstützung für Russland machte zwar einen Krieg wahrscheinlicher. Aber in Paris waren die Politiker genauso wenig an einem bewaffneten Konflikt interessiert wie die in London oder Washington. Österreich hingegen hoffte auf einen dritten Balkankrieg, der die Strafaktion gegen die Hintermänner des Attentats auf Franz Ferdinand mit der Ausschaltung eines für die Doppelmonarchie bedrohlichen Unruheherds verquickte. Die kleineren Mächte Italien, Griechenland, Rumänien und Bulgarien sannen indes auf territoriale Zugewinne und ordneten diesem Ziel notfalls ältere Loyalitäten unter.
Auch wenn dieses aus den einzelnen Beiträgen extrahierte Motivgeflecht eigentlich auf Wien und Berlin als die Hauptverantwortlichen deutet, kann Herwig keinen „Griff nach der Weltmacht“ erkennen. Vielmehr wagten überall improvisierende Cliquen den „Sprung ins Dunkle“, um entweder das als Unterpfand realer Macht unerlässliche Prestige der Nation zu sichern oder einer als lebensbedrohlich empfundenen Gefahr zu wehren. Vertragsverpflichtungen spielten dabei die geringste Rolle.
Alexander Sedlmaier untersucht in seiner ideengeschichtlichen Studie die Deutschlandbilder der Wilson-Administration. Die Vereinigten Staaten traten erst in den Krieg ein, als der uneingeschränkte U-Boot-Krieg Berlins amerikanische Bürger zu wehrlosen Zielscheiben machte. Sedlmaiers diskursanalytisches Interesse richtet sich auf die Bedeutung von wahrnehmungsprägenden Nationenbildern für die Formulierung der amerikanischen Außenpolitik. Damit folgt er einem Trend der jüngeren kulturgeschichtlichen Forschung, die sich intensiv mit der Konstruktion von Fremd- und Feinbildern auseinandersetzt.
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Präsident Woodrow Wilson hatte bereits in seiner Zeit als akademischer Lehrer die historische Entwicklung Großbritanniens mit Bewunderung quittiert, während ihm vor allem das universitäre Leben Deutschlands – trotz dessen weltweiter Vorreiterfunktion – uninspiriert pedantisch vorkam. Nach Beginn des Ersten Weltkriegs wahrte Washington zunächst Neutralität, obwohl die Sympathien insgeheim ungleich, nämlich zugunsten der Entente verteilt waren. Wilson stieß sich jedoch an der von ihm als völkerrechtswidrig erachteten Blockade, mit der London Deutschland in die Knie zu zwingen versuchte. Der 1915 erstmals von Berlin exekutierte U-Boot-Krieg gegen Handelsschiffe und die Washington nicht verborgen bleibenden Aktivitäten deutscher Spitzel in Amerika ließen das deutsch-amerikanische Verhältnis weiter abkühlen. Wilson gelangte zu der Auffassung, die Autokratie der Hohenzollern stelle das mit Abstand größte Friedenshindernis dar. Nach der Wiederaufnahme des uneingeschränkten U-Boot-Krieges 1917 und den plumpen Avancen Berlins gegenüber Mexiko konnte er schließlich die Nation auf den Krieg gegen die Mittelmächte einschwören.
Wilson charakterisierte den amerikanischen Kriegseintritt in der Folge als Aufbruch in ein neues demokratisches Zeitalter regelgeleiteter zwischenstaatlicher Beziehungen. Die Maximen der „Farewell Address“ George Washingtons und der Monroe-Doktrin wurden damit de facto annulliert, der Isolationismus Amerikas wich einem liberalen Imperialismus.
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Die zwiespältige Haltung Wilsons, die bei der deutschen Obersten Heeresleitung im Herbst 1918 trügerischen Hoffnungen auf milde Waffenstillstandsbedingungen Vorschub leistete, offenbarte ein „Dilemma des mitspielenden Schiedsrichters“ (S. 117). Die wenig idealistischen Bestrebungen der Alliierten, die nichts von einem Kompromissfrieden hielten und mit ihren territorialen Neuordnungsplänen dem Selbstbestimmungsrecht der Völker Hohn sprachen, mussten dem Präsidenten wie ein Stück aus dem alteuropäischen Tollhaus vorkommen. Doch seine Germanophobie dominierte letztlich die Position des Weißen Hauses bei den Friedensverhandlungen. Allerdings wurden diese für Amerika rasch Makulatur, da die republikanische Mehrheit des Senats den Völkerbundsträumen des Demokraten Wilson ein jähes Ende bereitete.
Die anderen von Sedlmaier untersuchten Protagonisten der US-Außenpolitik wie Colonel House, Robert Lansing oder William Bullitt waren insgesamt weniger für fest gefügte Nationenbilder anfällig. Außenminister Lansing schwenkte zudem nach Kriegsende behende von antideutschen zu antikommunistischen Invektiven über und zeichnete damit eine Entwicklung vor, die sich in Washington ein Vierteljahrhundert später wiederholen sollte. Sedlmaier zufolge eignet sich der Begriff der Nationenbilder besser als der des starren Feindbilds dazu, situationsbedingten Veränderungen unterworfene Wahrnehmungsroutinen zu beschreiben. Im Fall Präsident Wilsons habe sich die Verschlechterung des Deutschlandbildes nachhaltig in der Entscheidungsfindung der amerikanischen Administration niedergeschlagen.
Sönke Neitzels geraffte Überblicksdarstellung taucht das Geschehen von 1914 bis 1918 in das fahle Licht fatalistischer Ratlosigkeit. Neitzel beschreibt anschaulich Deutschlands Weg in und durch den Weltkrieg, blickt auf die letztlich vergeblichen Friedensinitiativen und skizziert den Alltag einer Gesellschaft im tendenziell totalen Krieg. Er hebt dabei die Ausweglosigkeit hervor, welche die Kontrahenten von 1914 auf ihren Kollisionskurs zwang, und geht scharf mit den Feldherren von damals ins Gericht. Sie hätten einen Krieg des 20. Jahrhunderts mit Armeen des 19. Jahrhunderts ausgefochten und angesichts maroder Kommunikationsmittel selbst schnell die Orientierung verloren. Das in der Forschung umstrittene „Augusterlebnis“, in dem auf dem Münchner Odeonsplatz der jubelnde Adolf Hitler seine gespenstische Ikone fand, ergriff, so Neitzel, im Wesentlichen das Bürgertum. Dieses hing den um 1900 weit verbreiteten Weltreichslehren an und begrüßte deshalb den Kriegsbeginn als Aufbruch zu neuen Ufern. Allerdings wurde es bald eines besseren belehrt, denn das Inferno des Stellungskriegs und der Materialschlachten an der Westfront entmenschlichten nicht nur die Soldaten in unsäglicher Weise. An der Marne, vor Verdun und an der Somme versanken auch die Kopfgeburten wilhelminischen Größenwahns im Morast der von Granaten durchpflügten Front. Zudem bezahlte der bürgerliche Mittelstand seine Kriegsbegeisterung mit dem sozialen Abstieg. Während die Arbeiterschaft dank der Kooperation der Gewerkschaften im Rahmen des Hindenburgprogramms und des Hilfsdienstgesetzes von 1916 über eine schlagkräftige Interessenvertretung verfügte, mussten Beamte und Angestellte ihrer ökonomischen Auszehrung in der Regel hilflos zusehen.
Nicht zuletzt aufgrund der britischen Fernblockade, die Entscheidungsschlachten auf hoher See vermeiden sollte und damit nachträglich das Flottenwettrüsten ad absurdum führte, starben während des Ersten Weltkriegs mehr Deutsche an den Folgen der Unterernährung als im Zweiten durch die Einwirkung alliierter Bomben. Neitzel macht dafür jedoch hauptsächlich die Ineffizienz der deutschen Verwaltung verantwortlich. Während die Kriegsrohstoffabteilung unter Walther Rathenau bei der Erfassung und Bewirtschaftung industrieller Ressourcen Beachtliches leistete, verschlimmerte sich die Nahrungsmittelknappheit durch administrativen Schlendrian zusätzlich.
Die um Fehlentscheidungen nie verlegene Reichsleitung stellte Neitzel zufolge mit dem uneingeschränkten U-Boot-Krieg jenes Schwert auf, in das sie mit dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten unweigerlich stürzen musste. Selbst das Ausscheiden des revolutionären Russlands aus der Entente konnte Deutschland nicht mehr retten. Die materielle und psychische Überlegenheit der um Amerika verstärkten Westalliierten zwang Ludendorff dazu, der konsternierten zivilen Führung die Augen zu öffnen und den Krieg verloren zu geben. Den Versailler Vertrag apostrophiert Neitzel als „unglückliches Mittelding zwischen Ausgleich und Repression“ (S. 218). Die etwa zehn Millionen Toten des Ersten Weltkriegs waren mithin die Drachensaat, die kaum eine Generation später erneut aufgehen sollte.
Ähnlich dunkle Töne schlägt John Keegan in seiner Monografie über den Ersten Weltkrieg an. Der renommierte britische Militärhistoriker betrachtet den Zweiten Weltkrieg als unmittelbares Produkt des Ersten und die liberal-optimistische Kultur der Zeit vor 1914 als einen der Hauptleidtragenden des Krieges. Die zwischen 1914 und 1918 heraufbeschworenen Hassgefühle vergifteten dauerhaft das Miteinander in Europa und gebaren die Totalitarismen des Kommunismus und Faschismus. Auf die Schuldfrage findet Keegan keine einfache Antwort. Wien wollte eigentlich nur Serbien bestrafen, aber nicht im Alleingang. Deutschland suchte dringend einen diplomatischen Erfolg, aber keinen Krieg. Für Russland galt dasselbe. Und Großbritannien konnte das Ausmaß seines Engagements relativ frei wählen. Das „neurotische Klima des Argwohns und der Unsicherheit“ (S. 583), das durch die mutwillig vom Zaun gebrochene deutsch-britische Rivalität angefacht wurde, verschloss letztlich wohl Auswege aus der Sackgasse, in die sich Europa nach dem Attentat von Sarajewo hineinmanövrierte.
Die Tragik des Ersten Weltkriegs lag Keegan zufolge nicht zuletzt in der militärisch-technischen Unzulänglichkeit der beteiligten Armeen, die den Konflikt wesentlich verlängerte und eine Entscheidungsschlacht verhinderte. Neben der mangelhaften Kommunikation zwischen Front und rückwärtigem Gebiet wirkte sich hier vor allem die völlige Schutzlosigkeit der Infanteristen verheerend aus, die ohne Aussicht auf größere Durchbrüche gegen immer professioneller befestigte Stellungen in den sicheren Tod stürmten. So mussten die indischen Verbände des britischen Expeditionskorps zum Beispiel vorzeitig ausscheiden, da sie die im Vergleich zu klassischen Kolonialkriegen weitaus härtere, auf Abnutzung zielende Gangart an der Westfront nicht ertrugen. Seinem romantischen Naturell gemäß sprach sich Winston Churchill als Erster Lord der Admiralität zudem im Frühjahr 1915 für ein schneidiges militärisches Abenteuer im östlichen Mittelmeer aus, um das Osmanische Reich von den Meerengen zu vertreiben und der russischen Marine so die Durchfahrt zu ermöglichen. Die Landung auf Gallipoli endete jedoch in einem Fiasko und kostete Churchill seinen Posten.
Deutschland versäumte indes die Konstruktion einer hinreichenden Zahl von Panzern, weshalb die britischen und amerikanischen Vorstöße mit dieser neuartigen Waffengattung die kaiserlichen Truppen nachhaltig demoralisierten. Keegan nimmt im Übrigen die Reichsleitung gegen Vorwürfe in Schutz, sie habe mit dem Frieden von Brest-Litowsk die hässliche Fratze des hemmungslosen Raubkriegs entblößt. Da weite Teile Osteuropas ohnehin schon in deutscher sowie Finnland in der Hand Verbündeter waren und die Bolschewiki weder in der Ukraine noch in Transkaukasien eine durchgreifende Kontrolle ausübten, ratifizierte Brest-Litowsk lediglich den Status quo.
Keegans versiert übersetzte Darstellung legt den Schwerpunkt auf den Verlauf der einzelnen Truppenbewegungen und Schlachten. Dabei gelingt es ihm jedoch zugleich, die menschliche Dimension der Kämpfe ebenso einzublenden wie die politisch-strategischen Rochaden der politisch Verantwortlichen. Hinzu kommt, dass er den Großen Krieg präzise im Kontext der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts zu verorten weiß. Aus der Distanz von neunzig Jahren vermag Keegan deshalb halb resigniert, halb erleichtert zu resümieren: „Wenn einer der typisch lebensmüden Beamten des Habsburgerreiches heute wieder geboren würde, könnte er durchaus fragen, was sich eigentlich verändert habe.“ (S. 590)
Michael Salewskis aus einer Vorlesung hervorgegangenes Buch erweist sich wie das Keegans als Musterbeispiel narrativer Geschichtsschreibung. Trotz Überarbeitung für die Druckfassung blieb der Duktus des gesprochenen Worts bewahrt. Noch stärker als Keegan zieht Salewski freilich Parallelen mit historischen Entwicklungen und Konstellationen seit der Frühen Neuzeit. Seine meinungsfreudige Darstellung enthält verschiedene an Trouvaillen reiche Exkurse und verschafft den Leserinnen und Lesern damit Einblicke nicht nur in die Geschichte des Ersten Weltkriegs, sondern auch in methodische, historiografiegeschichtliche und komparative Aspekte der zeithistorischen Forschung.
Salewski sieht in der Konzeption des Schlieffenplans eine der Hauptursachen des Kriegsausbruchs. Zudem klaffte eine immer bedrohlichere Lücke zwischen „Staatskunst und Kriegshandwerk“.
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Ein mediokres politisches Personal jonglierte am Abgrund des Krieges mit Heeren und Flotten und fand im Sommer 1914 schließlich keinen Weg mehr aus der Krise. Die Hybris, die im scheinbar mühelosen Triumph der Bismarckschen Blitzkriege wurzelte, ließ die Reichsleitung das militärische Potential der Kontrahenten sträflich unterschätzen. Allerdings weist Salewski die Sozialimperialismusthese für Deutschland kategorisch zurück. Die wilhelminische Gesellschaft musste – anders als die britische – nicht erst durch militaristischen Pomp zusammengeschweißt werden. Vielmehr war der „Militarismus von unten“ (Stig Förster) wirkungsvoll genug, um im Verein mit den populären Weltreichslehren und gebetsmühlenhaft artikulierten Einkreisungssorgen eine „Flucht in den Krieg“ als vermeintlich letzte Rettung vor den politisch-sozialen Fliehkräften überflüssig zu machen. Als die Herrscher Europas 1914 vor der Kriegsentscheidung standen, fürchteten sie Kompromisse auf dem diplomatischen Parkett offenbar mehr als das Risiko eines Krieges. Diese „merkwürdige Verschiebung der Wertigkeiten“ (S. 84) gehört zu den spezifischen Differenzkriterien, die den ersten totalen Krieg des 20. Jahrhunderts von den Kabinettskriegen früherer Zeiten unterscheiden.
Salewskis besonderes Augenmerk gilt den symbolischen, über das konkrete Kampfgeschehen hinausweisenden Aspekten des Krieges. So manifestiert sich für ihn im Ringen um Verdun, das seit karolingischer Zeit immer wieder Schauplatz historischer Ereignisse war, die These, dass Geschichte stets auch Geistesgeschichte sei. Der Retter Verduns, Marschall Pétain, konnte daher 1940 erneut für Frankreich in die Bresche springen. Der Held von Tannenberg, Feldmarschall von Hindenburg, musste seinerseits 1925 – ein zweites Mal – reaktiviert werden, um als eine Art „Vater des Vaterlandes“ die Nation durch die Fährnisse der Nachkriegszeit zu lotsen. Die weltgeschichtliche Zäsur des Jahres 1917, das den Kriegeintritt der Vereinigten Staaten und die Oktoberrevolution in Russland sah, bedeutete für Europa den Beginn einer Marginalisierung, die zumindest seiner Westhälfte nach 1945 durchaus bekommen sollte. Zwei so unterschiedliche Persönlichkeiten wie Tocqueville und Bismarck hatten im 19. Jahrhundert bereits den unaufhaltsamen Aufstieg Amerikas zur Hegemonialmacht prophezeit. Das sowjetische Intermezzo von 1917 bis 1991 sorgte nach der Auflösung der Anti-Hitler-Koalition für einen engen Schulterschluss zwischen dem Alten Kontinent und der Neuen Welt. Salewski erkennt daher in dem Eingeständnis seitens der Verantwortlichen in Großbritannien, dass der nicht länger finanzierbare Zweiflottenstandard nur aufgegeben werden könne, falls die Vereinigten Staaten kein potentieller Kriegsgegner mehr seien, den Keim der nach dem Zweiten Weltkrieg ins Leben gerufenen NATO.
Der Reiz von Salewskis Darstellung liegt nicht zuletzt im Mut zur kontrafaktischen Spekulation. Diese in der angloamerikanischen Geschichtswissenschaft jüngsthin mit einer gewissen Respektabilität ausgestattete Methode gibt den Blick frei auf alternative Ereignisketten und kann Historiker gegen quasi-teleologische Betrachtungsweisen immunisieren. In diesen Kontext gehört Salewskis Überlegung, dass Ludendorff die Abwicklung des verlorenen Krieges zwar allzu geflissentlich den demokratischen Kräften des Reiches überließ. Andererseits entsprach dies jedoch den – wenn auch diffusen – Ideen Präsident Wilsons, der das, was er als wilhelminische Autokratie betrachtete, nicht als satisfaktionsfähigen Verhandlungspartner für den Frieden akzeptierte. Und da Ludendorff, anders als Hitler, die Niederlage im Krieg nicht mit dem Ende der Welt gleichsetzte, wollte er das Schicksal seines Landes nicht mit einer militärischen Götterdämmerung herausfordern.
Neunzig Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs müssen auch die hier angezeigten Neuerscheinungen eine gewisse Ratlosigkeit konzedieren, wenn es darum geht, die Ursachen der „Urkatastrophe“ zu benennen oder gar die Verantwortlichen zweifelsfrei zu identifizieren. Schlechter hätte das neue Jahrhundert jedenfalls nicht beginnen können. Und so stehen bei aller Verwunderung über die Wege, die von Sarajewo über Tannenberg, Verdun, das Skagerrak und Brest bis Versailles geführt haben, die Konsequenzen des Großen Krieges recht klar vor Augen. Deutschland entwuchs dem Krieg als eine Demokratie auf Abruf. War die politische Führung vor 1918 auf dem westlichen Auge blind gewesen und hatte deshalb ohne Not zunächst Großbritannien den maritimen Fehdehandschuh hingeworfen und dann die Vereinigten Staaten in den Krieg gezogen, so machte der parteiübergreifende Revisionismus mit Blick auf die neuen Ostgrenzen den Rechtsradikalismus in der Weimarer Republik hoffähig. Die Verrohung und Brutalisierung, die im Krieg ein Stück weit zur Überlebensfrage wurden, avancierten in vielen Regionen Europas zu Kennzeichen des politischen Alltags und hinterließen auch in Kunst und Kultur ihre Spuren. In einer breiten Schütterzone, die praktisch vom Rhein bis an den östlichen Rand des Kontinents reichte, agierten mit Erfolg Polithasardeure, die man heute allenfalls als Schurken aus James-Bond-Filmen kennt. Dass die nationalen Entflechtungskriege der 90er-Jahre auf dem Balkan in gewissem Sinne den Zustand vom Beginn des 20. Jahrhunderts restaurierten, sagt gleichzeitig etwas über die Qualität der in den Pariser Vorortverträgen niedergelegten Friedensordnung aus. Sie bestätigte jene, die sie wie Joseph King, Mitglied der britischen Independent Labour Party, als „Frieden, um den Frieden zu beenden“
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, denunzierten. Feindbilder und tief sitzende Ressentiments brauchten ohnehin keine notariell beglaubigte Geburtsurkunde.
In globaler Dimension vollzog sich sukzessive der Wachwechsel von der Pax Britannica zur Pax Americana. Beide Friedenskonzepte waren in erheblichem Umfang mit moralischem Partikularismus unterfüttert, der sich indes immer dann gegen seine Urheber wandte, wenn diese sich nicht an ihm messen lassen wollten. Dieses Dilemma ist im Übrigen seit der Antike bekannt, als die Bewohner der Insel Melos während des Peloponnesischen Krieges nichts von der Mustergültigkeit der imperialen Demokraten Athens spürten. Nach 1918 richteten es sich die Vereinigten Staaten freilich wieder in ihrem überkommen Isolationismus ein und verschafften so dem Britischen Empire eine Atempause, die das Mutterland trotzdem zu überfordern drohte. Die Konversion zur Friedenswirtschaft, die langwierigen Verhandlungen über die deutschen Reparationszahlungen und die gestiegenen Anforderungen kolonialer Entwicklung ließen die weltweite Verantwortung Großbritanniens in einem geostrategisch prekären Umfeld eher als Last denn Lust erscheinen. Der Große Krieg erwies sich demnach als Triebfeder tief greifender Veränderungsprozesse – weltweit.
[1] Nach wie vor anregend dazu Howard, Michael, The Continental Commitment. The dilemma of British defence policy in the era of the two world wars, London 1972.
[2] Siehe stellvertretend hierzu Später, Jörg, Vansittart. Britische Debatten über Deutsche und Nazis 1902-1945, Göttingen 2003.
[3] Die Widersprüchlichkeit, die dieser Idee innewohnte, spiegelte sich auch in Wilsons Persönlichkeit. Der Mann, der die Welt für die Demokratie sicher machen wollte, verschärfte als Präsident der Universität Princeton und als Präsident der Vereinigten Staaten die Vorschriften zur Rassentrennung erheblich. Vgl. hierzu Ponting, Clive, The Twentieth Century. A World History, New York 1999, S. 472.
[4] Der Zwillingsbegriff stammt von Ritter, Gerhard, Staatskunst und Kriegshandwerk. Das Problem des „Militarismus“ in Deutschland, 4 Bände, München 1954ff.
[5] King, Michael, Political Crooks at the Peace Conference, London 1920, S. 15. HistLit 2004-2-106 / Gerhard Altmann über Hamilton, Richard F.; Herwig, Holger H. (Hg.): The Origins of World War I.Cambridge 2003. In:
H-Soz-u-Kult 14.05.2004 HistLit 2004-2-106 / Gerhard Altmann über Keegan, John: Der Erste Weltkrieg. Eine europäische Tragödie. Reinbek 2003. In:
H-Soz-u-Kult 14.05.2004 HistLit 2004-2-106 / Gerhard Altmann über Steiner, Zara S.; Neilson, Keith: Britain and the Origins of the First World War.Basingstoke 2003. In:
H-Soz-u-Kult 14.05.2004 HistLit 2004-2-106 / Gerhard Altmann über Sedlmaier, Alexander: Deutschlandbilder und Deutschlandpolitik. Studien zur Wilson-Administration (1913-1921). Stuttgart 2003. In:
H-Soz-u-Kult 14.05.2004 HistLit 2004-2-106 / Gerhard Altmann über Salewski, Michael: Der Erste Weltkrieg.Paderborn 2003. In:
H-Soz-u-Kult 14.05.2004 HistLit 2004-2-106 / Gerhard Altmann über Neitzel, Sönke: Blut und Eisen. Deutschland im Ersten Weltkrieg. Zürich 2003. In:
H-Soz-u-Kult 14.05.2004
Barth, Boris: Dolchstoßlegenden und politische Desintegration. Das Trauma der deutschen Niederlage im ersten Weltkrieg 1914-1933. Düsseldorf: Droste Verlag 2003.
ISBN: 3-7700-1615-7; 624 S. Rezensiert von: Patrick Krassnitzer, Centre Marc Bloch, Humboldt-Universität zu Berlin Die Konstanzer Habilitationsschrift von Boris Barth reiht sich in den aktuellen Trend der neueren mentalitäts- und kulturhistorisch inspirierten Weltkriegsforschung ein, die sich insbesondere einer kritischen Neubetrachtung der Mythologisierungen des Ersten Weltkrieges als kommunikativer symbolischer Deutungssysteme widmet.
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Die klassische Forschung über die Dolchstoßlegende analysierte diese unter rein ideologiekritischen Gesichtspunkten um ihre Apologetik und politische Instrumentalisierung zu entlarven.
[2]
Im Gegensatz dazu unternimmt Barth den Versuch einer Rekonstruktion der höchst komplexen Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des Dolchstoß-Topos, indem er dessen Genese, Funktion und Verbreitung innerhalb verschiedener gesellschaftlicher Submilieus des Deutschen Reiches (Konservatives Bildungsbürgertum, Armeeführung, Nationalprotestantismus, Völkisch-Rechtsradikale und Paramilitärs) untersucht, ohne allerdings dabei diese Erweiterung des Milieubegriffs methodisch ausreichend zu fundieren. Er zeigt auf diese Weise die im Titel angedeutete Pluralität der Dolchstoßlegenden auf, die in den skizzierten gesellschaftlichen Gruppierungen teilweise autonom entstanden, sich innerhalb dieser zur integrativen Selbstvergewisserung verfestigten und letztlich als verbindender Grundkonsens der ansonsten heterogenen rechten Republikgegner fungierten.
Obwohl der methodische Aufbau des Buches, die Vorbedingungen für die Genese der Dolchstoßlegenden bis weit in den Weltkrieg hinein zu verfolgen, im Kern überzeugt, wird dem Leser angesichts der Langatmigkeit und des Detailreichtums der Argumentation viel Geduld abverlangt. Trotz einer umfangreichen Materialbasis, insbesondere zahlloser Nachlässe und Zeitschriften und einer beeindruckenden Kenntnis der Sekundärliteratur synthetisiert Barth über weite Strecken Altbekanntes in epischer Breite. Erst ab Seite 212 beginnt die eigentliche Analyse der Dolchstoßlegenden im Kontext der Novemberrevolution. Zuvor breitet Barth aus, wie sich nach 1916 der Dualismus von "Front" und "Heimat" innerhalb der Armeeführung zum simplifizierenden Stereotyp angesichts des Scheiterns der totalen Indienstnahme einer komplexen modernen Industriegesellschaft für die Kriegsführung verfestigte. Anschließend skizziert er nacheinander die Ausdifferenzierung der Erfahrungsaufschichtung innerhalb des sich nach dem Scheitern der Frühjahrsoffensive 1918 auflösenden Frontheeres in Etappe, Stab und aktive Front, die Desintegration der bildungsbürgerlichen Schicht, die für Barth seltsamerweise nur aus Professoren zu bestehen scheint, die Kriegstheologie des Nationalprotestantismus, in der eine Niederlage ohne Verrat gar nicht denkbar war und die stetige Delegitimation des monarchischen Systems des Deutschen Reiches, das mit der Flucht des Kaisers kollabierte und im Lager der konservativen Monarchisten ein Vakuum hinterließ. Bei der Betrachtung der Revolution plädiert er für einen erweiterten Revolutionsbegriff, der diese als einen Prozess begreift, der im Juni 1917 mit dem rapiden Machtverfall der staatlichen Eliten einsetzt und erst im Ruhrkrieg 1920 sein Ende findet.
In den insgesamt stärksten Abschnitten des Buches über die Freikorps zeigt Barth wie sich aus diesen mittelfristig ein von der Armee unabhängiger ebenso antibolschewistischer wie antibürgerlicher Militarismus, den er als "paramilitärischen Nihilismus" bezeichnet, herausbildete. Dies galt insbesondere für die "Warlords" im Baltikum, die einerseits durch ihre brutalisierenden Erfahrungen im russischen Bürgerkrieg radikalisiert wurden und andererseits aus dem von der Regierung verordneten Rückzug eine eigenständige Dolchstoßlegende entwickelten. Damit bestätigt er die aktuell diskutierte These, dass weniger die eigentlichen Weltkriegserfahrungen, sondern vielmehr die Freikorpskämpfe und insbesondere der Baltikumeinsatz eine brutalisierende Wirkung auf die Veteranen entfalteten.
[3]
Im Zusammenhang mit dem Ruhrkrieg 1920 verweist er zu Recht auf den in der Literatur wenig berücksichtigten Aspekt, dass die Rote Ruhrarmee, die zu Beginn den im Ruhrgebiet stationierten Freikorps massive Niederlagen beibrachte, überwiegend aus ehemaligen Frontsoldaten der Arbeiterschaft bestand. Er interpretiert den Ruhrkrieg daher auch als einen "Aufstand der Frontsoldaten gegen die verhasste Armeehierarchie des Weltkrieges" (S. 279), die im Zusammenhang mit dem Kapp-Putsch wieder an die Macht zu kommen drohte.
In den folgenden Abschnitten widmet sich Barth der mentalen Verarbeitung der Niederlage und damit der Entfaltung und Wirkung der jeweiligen Dolchstoßlegende in verschiedenen rechten Submilieus der Nachkriegsgesellschaft. Erstens kompensierte demnach die annektionistische Mehrheit des Bildungsbürgertums die Revolution mit einer erfundenen Idealisierung der Vergangenheit vor 1914, was Barth als "invented memories" (S. 411) bezeichnet, sowie mit einer Hinwendung zu völkischen und raumstrategischen Visionen, während die Minderheit der "Vernunftrepublikaner" sich mit ihrer Bereitschaft zur kritischen Auseinandersetzung mit der Niederlage nicht diskursbestimmend durchsetzen konnten. Zugleich entstand außerhalb der Gelehrtenwelt die einflussreiche neokonservative Intellektuellenschicht mit totalitären Dispositionen, die von Barth jedoch nur oberflächlich gestreift wird. Zweitens zeigt Barth, dass eine apologetische Version des Dolchstoßes den Minimalkonsens innerhalb der sonst zerstrittenen ehemaligen Armeeführung darstellte. Drittens haben die nationalprotestantischen Kirchenführer wie kaum eine andere Gruppierung neben der Generalität die Dolchstoßlegende als Selbstverständlichkeit propagiert. Viertens entwickelte sich aus dem ehemals alldeutschen Umfeld ein rechtsradikal-völkisches Submilieu, das sich nicht zuletzt mit Hilfe der durchaus instrumentellen Verbreitung einer antisemitischen Dolchstoß-Variation zu einer völkischen Fundamentalopposition entwickelte, die ab ca. 1927 in der nationalsozialistischen Bewegung aufgefangen wurde. Und fünftens bildeten die Freikorpsveteranen, die mit dem Baltikum und Annaberg über eigene Variationen der symbolischen Repräsentation verratener "Siege" verfügten, in der Stabilisierungsphase der Weimarer Republik ein von allen Parteien unabhängiges militaristisches Submilieu, das durch eine nihilistische Gewaltbereitschaft und einen radikalen Hass auf die Novemberrepublik zusammengehalten wurde. Allerdings deutet Barth hier auf lediglich einer Seite (S. 386) die bedeutende geschlechterspezifische Dimension der paramilitaristischen Variante des Dolchstoßes an und verpasst es damit, die nach wie vor innovativen Ansätze in Theweleits "Männerphantasien" in seinen Untersuchungskontext einzubeziehen.
[4]
Im letzten Kapitel, das der gesamtgesellschaftlichen Erinnerungskultur an den Weltkrieg gewidmet ist, wird das Scheitern der zerrissenen Nachkriegsgesellschaft, eine allgemein akzeptierte und integrative symbolische Repräsentation der Kriegserinnerung zu etablieren, skizziert. Stattdessen standen sich zwei große gesellschaftliche Lager unversöhnlich gegenüber, zwischen denen die innergesellschaftliche Kommunikation über die Ursachen der Niederlage erfolglos abbrach, wodurch der Dolchstoßmythos im ausdifferenzierten rechten Lager endgültig zur Selbstverständlichkeit wurde.
Trotz eines kurzen Abschnittes, der unter dem Titel "Der Triumph des Nihilismus" (S. 540) dem Nationalsozialismus gewidmet ist, bleibt die durchaus eigenständige nationalsozialistische Weltkriegsmythologie seltsam unterbelichtet. Die NSDAP erscheint bei Barth lediglich als fast zufälliger Erbe verschiedener Strömungen des völkischen wie paramilitärischen Submilieus, aber nicht als selbstständiger Produzent und Agitator von Dolchstoßlegenden und radikalen Weltkriegsdeutungen.
[1] z.B. Verhey, Jeffrey, Der „Geist von 1914“ und die Erfindung der Volksgemeinschaft, Hamburg 2000.
[2] v.a. Petzold, Joachim, Die Dolchstoßlegende, Berlin-Ost 1963 und Friedrich Frhr. Hiller von Gaertringen, „Dolchstoss“-Diskussion und „Dolchstosslegende“ im Wandel von vier Jahrzehnten, in: Ders.; Besson, Waldemar (Hgg.), Geschichte und Gegenwartsbewußtsein, Göttingen 1963, S. 122-160.
[3] Wirsching, Andreas; Schumann, Dirk (Hgg.), Violence and Society after the First World War (Journal of Modern European History 1), München 2003.
[4] Es mutet befremdend an, dass trotz der ansonsten sehr gründlichen Aufarbeitung der relevanten Sekundärliteratur Theweleits Buch nicht einmal im Literaturverzeichnis auftaucht. Theweleit, Klaus, Männerphantasien, 2 Bde., Reinbek 1980. HistLit 2004-2-105 / Patrick Krassnitzer über Barth, Boris: Dolchstoßlegenden und politische Desintegration. Das Trauma der deutschen Niederlage im ersten Weltkrieg 1914-1933. Düsseldorf 2003. In:
H-Soz-u-Kult 14.05.2004
Leidinger, Hannes; Moritz, Verena: Gefangenschaft, Revolution, Heimkehr. Die Bedeutung der Kriegsgefangenenproblematik für die Geschichte des Kommunismus in Mittel- und Osteuropa 1917-1920. Wien: Böhlau Verlag/Wien 2003.
ISBN: 3-205-77068-4; 754 S. Rezensiert von: Rainer Pöppinghege, Historisches Institut, Universität Paderborn Als die ersten deutschen Kriegsgefangenen im Ersten Weltkrieg aus Russland repatriiert wurden, setzte auf Veranlassung General Ludendorffs sogleich eine umfassende propagandistische Offensive ein, um in ihnen vaterländische Gefühle zu reaktivieren. Denn schließlich hatten die Kriegsgefangenen aus den Staaten der Mittelmächte die revolutionären Ereignisse des Jahres 1917 aus erster Hand erlebt und ungewöhnlich enge Kontakte zur Gesellschaft des Nehmerlandes geknüpft. Einige von ihnen beteiligten sich militärisch in Form von Internationalisten-Abteilungen zugunsten der Bolschewiki, von deren Führungsriege zuerst misstrauisch beobachtet und später dann instrumentalisiert. Einige Bekanntheit erlangte auf der Gegenseite die „Tschechoslowakische Legion“, die ebenfalls unter Beteiligung von Kriegsgefangenen gebildet wurde. Auch ihr stand die national-russische Opposition jedoch reserviert gegenüber.
Im Deutschen Reich vermutete die Oberste Heeresleitung, viele der heimkehrenden Kriegsgefangenen seien mit bolschewistischem Gedankengut „infiziert“ worden. Auch auf dem Territorium der (ehemaligen) Habsburgermonarchie sah man in den Rückkehrern eine politische Gefahr. Auf der anderen Seite versuchten die politisch labilen Regierungen der Mittelmächte die russischen Kriegsgefangenen in den eigenen Lagern im Auge zu behalten, um bolschewistische „Umtriebe“ im Keim zu ersticken oder die Russen sogar für eigene Ziele einzuspannen. Bei dieser Gelegenheit verdiente sich der Weltkriegsgefreite Adolf Hitler erste Meriten als antibolschewistischer Redner. Insgesamt wurde die Propagandaarbeit nur halbherzig betrieben und bei Bedarf den ökonomischen Erfordernissen des Arbeitseinsatzes der Gefangenen untergeordnet. Wenn auch das Misstrauen gegenüber der Masse der Kriegsgefangenen – es gab schätzungsweise bis zu zwei Millionen Heeresangehörige der Mittelmächte in Russland – unbegründet war, so beteiligten sich Einzelne doch aktiv an den revolutionären Entwicklungen. Der spätere Berliner Oberbürgermeister Ernst Reuter war gegen Kriegsende ebenso ein strammer Bolschewist wie der ungarische Revolutionär Béla Kun, der erfolgreich den Rätegedanken in sein Heimatland exportierte. Die bei weitem überwiegende Mehrheit der Kriegsgefangenen in den russischen, österreichisch-ungarischen und deutschen Lagern sehnte sich dagegen nach einer zügigen Heimkehr, weshalb ihr Politisierungspotenzial und ihre Kampfbereitschaft – auf welcher Seite auch immer – nur gering ausgeprägt waren.
Verena Moritz und Hannes Leidinger haben es sich zur Aufgabe gemacht, den Beitrag der Kriegsgefangenen für die Ausbreitung des frühen Kommunismus in Mittel- und Osteuropa zu untersuchen. Zu diesem Zweck haben sie Teile ihrer Dissertationen in dem vorliegenden Band zusammengeführt und die politische Betätigung der Kriegsgefangenen auf beiden Seiten der Ostfront untersucht. Ausgangspunkt ist die These, dass die Kriegsgefangenen nach ihrer Rückkehr die „Geschicke ihrer Heimatländer nachhaltig“ beeinflussten (S. 25) – sowohl als politische Akteure als auch als sozialpolitische Integrationsherausforderung. Während dies für die Staaten Osteuropas ohne weiteres zutreffen mag, war der Einfluss der Kriegsgefangenen in Deutschösterreich deutlich geringer, im Deutschen Reich lediglich marginal. Doch steht das Deutsche Reich mit seinem relativ geringen Anteil an den Kriegsgefangenen in Russland auch nicht im Zentrum der Betrachtung. Die Arbeit befasst sich mit den Verhältnissen u.a. in Prag, Wien, Budapest sowie den weiter östlich gelegenen Schauplätzen des alten Zarenreiches und stützt sich dabei auf unveröffentlichtes Material aus russischen und österreichischen Archiven. Bei dem Untersuchungsgegenstand handelt es sich um eine der größten Migrationsbewegungen des 20. Jahrhunderts. Nicht nur verschwammen ethnische Grenzlinien, auch politische und soziale Interessen kollidierten und sorgten für eine nahezu unüberschaubare Gemengelage – ein Problem, an dem die Darstellung der Ergebnisse leidet: Das 14-seitige Personen- und Ortsregister am Ende des Bandes mag eine wertvolle Hilfe für den Leser bieten, andererseits ist es ein Symptom der Unübersichtlichkeit. Angesichts der äußerst vielfältigen, teilweise verworrenen Interessenkonstellationen im Bürgerkriegs-Russland der Zeit nach 1917 bietet das Buch wenig Strukturierungshilfen für den Leser, sondern es bildet die vielfältigen Gruppierungen, taktischen Winkelzüge, Einzelschicksale sowie gegenläufige Interessen mehr oder weniger ab und wirkt in einigen Passagen überfrachtet. Die Analyseleistung der Autoren wird hierdurch nicht beeinträchtigt, wohl aber die Lektüre des Buches durch den Leser.
Die Autoren geben einen profunden Überblick über die Kriegsgefangenenforschung und setzen sich wohltuend von jenen Ansätzen ab, die die Kriegsgefangenen lediglich als Objekte des Nehmerstaates und der Fürsorge betrachten. Ihre Befunde zeigen, dass sich Kriegsgefangene je nach Konstellation durchaus aktiv politisch betätigten. Auf die Darstellung der konkreten Lebensumstände kann das Buch im Übrigen verzichten, hierzu liegen gesonderte Untersuchungen vor.
[1]
Allerdings ist diese legitime Abgrenzung mit einer deutlichen Beschränkung der Perspektive verbunden. Denn die Frage, welche Einschätzungen der russischen Revolution unter den Kriegsgefangenen vorherrschten und was sich auf der Diskursebene z.B. in Briefen und Lagerzeitungen abspielte, wird kaum angerissen. Man sieht Akteure, die sich für oder wider die Bolschewiki betätigen, ohne dass deren Motivationen und Diskussionsprozesse im einzelnen transparent würden. Zu fragen wäre auch, welche besonderen Erfahrungen aus der Kriegsgefangenschaft die politische Betätigung beeinflusste? Ob es angesichts der Heterogenität der Gruppe der Kriegsgefangenen in den einzelnen Staaten überhaupt so etwas wie gemeinsame Dispositionen oder einen gemeinsamen Erfahrungshorizont gegeben hat? Eine weit reichende, sich politisch äußernde Proteststimmung aufgrund schlechter Behandlung scheint unter den Kriegsgefangenen in Russland nicht entstanden zu sein. Hannes Leidinger und Verena Moritz zeigen anhand der Kriegsgefangenenthematik, dass das System der „permanenten Säuberungen“ (S. 281) schon in den ersten Wochen nach der Revolution – und nicht erst unter Stalin – installiert wurde. Eine andere Erkenntnis ist die der engen Verzahnung der unter der Oberfläche der alten Monarchien gärenden Modernisierungsbedürfnisse. So kann das Buch belegen, dass es sich bei der russischen Revolution um den Kulminationspunkt einer Krise handelte, die mit dem Oktober 1917 keineswegs ausgestanden war, sondern in eine lange Phase der politischen Instabilität in ganz Mittel-, Südost- und Osteuropa mündete. Auch jenseits des bolschewistischen Netzwerks zeigt sich der internationale Charakter dieser Vorgänge. So ist das Buch für die politische Geschichte der russischen Revolution und die Entstehung neuer Staaten in Ost- und Mitteleuropa vermutlich sogar ertragreicher als für die Kriegsgefangenenforschung.
[1] Nachtigal, Reinhard, Russland und seine österreichisch-ungarischen Kriegsgefangenen (1914-1918), Remshalden 2003; Rachamimov, Alon, POWs and the Great War. Captivity on the Eastern Front, New York 2002; Wurzer, Georg, Die Kriegsgefangenen in Russland im Ersten Weltkrieg, Tübingen 2000. HistLit 2004-2-107 / Rainer Pöppinghege über Leidinger, Hannes; Moritz, Verena: Gefangenschaft, Revolution, Heimkehr. Die Bedeutung der Kriegsgefangenenproblematik für die Geschichte des Kommunismus in Mittel- und Osteuropa 1917-1920. Wien 2003. In:
H-Soz-u-Kult 15.05.2004
Lerner, Paul: Hysterical Men. War, Psychiatry, and the Politics of Trauma in Germany, 1890-1930. Ithaca: Cornell University Press 2003.
ISBN: 0-8014-4094-7; 326 S. Rezensiert von: Hans-Georg Hofer, Institut für Geschichte der Medizin, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg Können deutsche Soldaten hysterisch sein? Diese Frage wäre zu Beginn des Ersten Weltkriegs von führenden deutschen Psychiatern mit Entrüstung verneint worden. Denn 1914 war das Jahr der Mobilisierung der nationalen Nervenstärke, und hysterische Männer in Uniform existierten bloß in der flutartig einsetzenden psychiatrischen Diffamierungsliteratur, die den Kriegsgegner als verweichlicht und krank darzustellen suchte. Zwei Jahre später hingegen erhoben die deutschen Psychiater die Hysterie zum bevorzugten Erklärungskonzept für die epidemieartig auftretenden psychischen Erkrankungen der eigenen Soldaten. Wie lässt sich diese erstaunliche Wendung erklären?
Paul Lerner hat in den letzten Jahren durch mehrere Aufsätze zur deutschen Psychiatrie des Ersten Weltkriegs und durch die Mitherausgabe eines viel beachteten Sammelbandes zur Geschichte des Traumas in der Moderne auf sich aufmerksam gemacht.
[1]
Man durfte schon gespannt auf die Synthese seiner Forschungsarbeiten in Form einer Monografie sein. Von einer Geschichte der männlichen Hysterie ist anfangs weniger die Rede, mehr von einem Deutungsproblem, das ältere deutschsprachige Arbeiten zur Psychiatriegeschichte aufgeworfen hatten. Denn wer bislang an die Psychiater des Ersten Weltkriegs dachte, der hatte sogleich die „Maschinengewehre hinter der Front“ im Ohr, jenes auf Freud zurückgehende Diktum von 1920, das die Psychiater als kriegstreiberische Akteure und brutale Therapeuten beschrieb. 1996 kam dieses Diktum als Buchtitel einer knappen Überblicksdarstellung der deutschen Militärpsychiatrie erneut in Umlauf.
[2]
Damit verbunden war eine Sichtweise, die in den Psychiatern des Ersten Weltkriegs unheilvolle Schrittmacher der späteren NS-Vernichtungsaktionen erblickte.
Dieser linearen und simplifizierenden Sichtweise setzt Lerners Studie eine historische Kontextualisierung psychiatrischer Theoriebildung und Praktiken im Umfeld des Ersten Weltkriegs entgegen, die sowohl die strukturellen Rahmenbedingungen des Krieges als auch die interessengeleiteten Motive der Psychiater berücksichtigt. Lerner begreift die Psychiatrie im Zusammenhang mit den ökonomischen und sozialen Modernisierungsprozessen an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Zentral ist für ihn der Begriff der Rationalisierung; Lerner meint damit jene von Max Weber beschriebenen wissenschaftlichen und administrativen Prozesse, in deren Mittelpunkt das effiziente Ordnen und Systematisieren der Wirklichkeit steht. Ein auf Effizienzsteigerung abzielendes und nationalistisch aufgeladenes Denken habe zu einer „rationalized psychiatry“ geführt, die ihr Handeln in enger Abstimmung mit militärischen und politischen Zielen umzusetzen suchte.
Die Studie ist in drei Teile gegliedert. Der erste Teil (S. 15-60) gibt einen konzisen Überblick über die Psychiatrie der Wilhelminischen Ära. Lerner skizziert den wissenschaftlichen und sozialen Aufstieg der Psychiater und stellt deren Krankheitskonzepte vor, die am Ende des 19. Jahrhunderts als Begleiterscheinungen des modernen Lebens beschrieben wurden: Neurasthenie, Hysterie und traumatische Neurose. Manches kennt man hier schon aus den Arbeiten von Esther Fischer-Homberger (nicht Fischer-Homburger, wie es durchgehend im Buch heißt). Darauf aufbauend beschreibt Lerner, dass seit den späten 1880er-Jahren die „Rentenkampfneurosen“ im Mittelpunkt hitziger psychiatrischer Debatten standen. In dessen Verlauf erlangten nicht nur psychologische Deutungen von Nervenerkrankungen immer größere Bedeutung, sondern auch das Verantwortungsgefühl der Psychiater gegenüber dem Staat verfestigte sich zusehends. Etwas verwunderlich ist, dass in diesem Teil der Hinweis auf Martin Lengwilers Studie zur Geschichte der deutschen Militärpsychiatrie vor 1914 fehlt.
[3]
Eine Auseinandersetzung mit Lengwilers These, wonach die Hysteriediagnose schon vor dem Krieg in der deutschen Militärpsychiatrie akzeptiert und mit einer Politik der wohlwollenden Rentenvergabe verbunden war, wäre in diesem Zusammenhang durchaus lohnend gewesen.
Mit einem Kapitel über die psychiatrische Mobilisierung der nationalen Nervenstärke zu Kriegsbeginn leitet Lerner zum zweiten Teil der Arbeit über (S. 61-192). Es ist dies das Kernstück der Studie und Lerner geht hier weit über das hinaus, was bisher zur Geschichte der deutschen Kriegspsychiatrie publiziert wurde. Mittels neuer Quellenfunde in Archiven sowie einer umsichtigen Aus- und Neubewertung der zeitgenössischen Fachliteratur schafft Lerner ein solides empirisches Fundament, das seine Argumentation stets untermauert, nie aber zum Selbstzweck der Darstellung wird. Klare Schwerpunktsetzungen, drängende Fragestellungen und eine virtuose Gedankenführung kennzeichnen diesen Hauptteil. Ein Höhepunkt ist die Analyse des „Falls“ der traumatischen Neurose sowie der „Sieg“ der Hysterie auf der Münchener Kriegstagung der Psychiater im September 1916. Lerner kann zeigen, wie psychiatrische Wissensproduktion und die Gestaltung therapeutischer Praktiken an einzelne Akteure, professionelle Netzwerke, politische Strukturen und militärische Erfordernisse gebunden sind. Von besonderer Bedeutung ist die Rolle, die der Hamburger Psychiater Max Nonne einnahm. Mit seiner hypnotischen Therapie, die er an mitgebrachten Patienten vor den Augen der versammelten Konferenz durchführte, gab er der psychologischen Richtung – und damit der Hysteriediagnose – das entscheidende Argument in die Hand: Die Kriegsnervenkranken seien mit Hilfe suggestiver Behandlungstechniken prinzipiell heilbar. Lerner zeigt hier eindrücklich, dass der Krieg nicht die Neuentdeckung, sondern vielmehr die Wiederentdeckung psychiatrischer Konzepte und therapeutischer Praktiken brachte. Und noch etwas anderes zeigt der Hauptteil des Buches: In diesem Krieg bildeten Magie und Moderne, Scharlatanerie und Wissenschaft zwei Seiten derselben Medaille. Nonnes „Zauberheilungen“ in einer „entzauberten Welt“ führten die zuvor als unwissenschaftlich verworfene Hypnose als modernste Variante im rationalisierten therapeutischen Arsenal der Psychiater vor. Da trotz aller Anstrengungen viele Soldaten von ihren Symptomen nicht oder nur temporär befreit werden konnten, wurden ab 1916 spezielle Nervenstationen errichtet, in deren Umfeld die Patienten zu landwirtschaftlichen, administrativen und industriellen Arbeiten herangezogen wurden. In einem totalen Krieg, der die Mobilisierung aller Kräfte zum Zwecke des Kriegserfolges bündelte, war auch der Patientenalltag von Produktivitätsdenken bestimmt.
Der dritte Teil des Buches (S. 193-248) beschäftigt sich mit der unmittelbaren Nachkriegszeit sowie mit dem anhaltenden „Kampf“ der Psychiater gegen die Rentenneurosen der Veteranen. Anhand von ärztlichen Gutachten und Krankengeschichten gelingen Lerner neue Einblicke in das fragile politische und kulturelle Gefüge der Weimarer Republik. Die anhaltenden Unsicherheiten in der Begutachtung von Männern, bei denen keine organische Schädigung des Nervensystems nachzuweisen war, bedeuteten die Fortsetzung psychiatrischer Kontroversen über das Wesen der Hysterie. War es der Krieg oder die pathologische Konstitution der Veteranen, die ihre Körper zittern ließen? Den interessengeleiteten Narrativen der Veteranen, die verbissen um die Anerkennung einer Rente kämpften und dafür auf die schockierenden Erfahrungen des Krieges verwiesen, stand eine konsequente Abwehrhaltung der Psychiater entgegen, welche die ökonomische und kollektive Gesundung des Staates vor Augen hatten. In diesem Kampf um die „Wahrheit“ des Krieges prallten unterschiedliche Erinnerungs- und Deutungsdiskurse aufeinander und mündeten in „politics of trauma“, deren Verlaufslinien von Lerner eingehend besprochen werden.
Am Ende streift Lerner in seiner zweiseitigen Zusammenfassung nochmals die Frage der psychiatrischen Kontinuitäten zum Nationalsozialismus, und bei diesem Problem (das man das ganze Buch hindurch kaum vermisst hat) fühlt man sich doch etwas alleine gelassen. Sicher, dass von den Psychiatern des Ersten Weltkriegs keine direkte Linie zu den medizinischen Verbrechen der NS-Ärzte zu ziehen ist, wird nach der Lektüre von Hysterical Men sehr deutlich. Auch von den vereinfachenden Qualifizierungen der Psychiater als kriegstreiberische und inhumane Täterfiguren wird man sich endgültig verabschieden müssen. Doch geht es in diesem Fall um mehr als nur um das alte Grundproblem historischer Forschung, die ihren Untersuchungszeitraum beginnen und enden lassen und dafür plausible Kriterien entwickeln muss. Es geht um die Frage, welche psychiatrischen Wissensbestände und Praktiken des Ersten Weltkriegs bereitgestellt und von den Psychiatern im Vorfeld und während des Zweiten Weltkriegs aufgegriffen wurden. Nicht wenige, ist man nach dem bisherigen, unzureichenden Forschungsstand geneigt zu sagen. Welche aber genau? Lerner sagt hierzu nicht viel, was prinzipiell völlig in Ordnung ist, da er über die Psychiatrie des Ersten Weltkriegs schreibt. Etwas missverständlich ist jedoch, dass er an manchen Stellen selbst mit linear-retrospektiven Formulierungen spielt. So heißt es etwa im Hinblick auf die psychiatrische Diagnosepolitik des Ersten Weltkriegs: „But long before doctors mobilized“ (S. 1). Da Lerner zudem die NS-Wehrpsychiatrie gar nicht in seine Studie einbezogen hat, vermag man seiner distanzierten Position zur Kontinuitätsthese nur bedingt folgen.
Was bleibt als Fazit? Hysterical Men ist eine in vielerlei Hinsicht überzeugende Studie zur Geschichte der deutschen Psychiatrie in der Wilhelminischen Ära, während des Ersten Weltkriegs und in der Weimarer Republik. Lerners Ansatz, die Kriegspsychiatrie jenseits moralischer Bewertungen im Kontext der allgemeinen Modernisierungsprozesse dieser Epochen zu betrachten, ist überaus gelungen. Der sichere Umgang mit den Quellen, die methodische Stringenz, das sorgfältige Abwägen der eigenen Argumentation und nicht zuletzt die fesselnde Darstellung zeichnen dieses Buch aus. Auch die Ausstattung ist mit gut ausgewählten Illustrationen und einem Register vorbildlich. Für alle weiteren Untersuchungen zur Geschichte der deutschen Psychiatrie im Umfeld des Ersten Weltkriegs wird Lerners Studie ohne Zweifel die Referenz sein.
[1] Micale, Mark S.; Lerner, Paul (Hgg.), Traumatic Pasts. History, Psychiatry, and Trauma in the Modern Age, 1870-1930, Cambridge 2001.
[2] Riedesser, Peter; Verderber, Axel, „Maschinengewehre hinter der Front.“ Zur Geschichte der deutschen Militärpsychiatrie, Frankfurt am Main 1996.
[3] Lengwiler, Martin, Zwischen Klinik und Kaserne. Die Geschichte der Militärpsychiatrie in Deutschland und der Schweiz 1870 bis 1914, Zürich 2000. HistLit 2004-2-108 / Hans-Georg Hofer über Lerner, Paul: Hysterical Men. War, Psychiatry, and the Politics of Trauma in Germany, 1890-1930. Ithaca 2003. In:
H-Soz-u-Kult 15.05.2004
Liulevicius, Vejas Gabriel: Kriegsland im Osten. Eroberung, Kolonisierung und Militärherrschaft im Ersten Weltkrieg. Hamburg: Hamburger Edition, HIS Verlag 2002.
ISBN: 3-930908-81-6; 374 S. Rezensiert von: Steffen Bruendel, Gemeinnützige Hertie-Stiftung, Frankfurt am Main Vom Ostfronterlebnis des Ersten zum Vernichtungskrieg des Zweiten Weltkriegs? Dies ist, zugespitzt formuliert, die Frage, die Vejas Gabriel Liulevicius in seiner Studie über die deutsche Militärherrschaft in Osteuropa aufwirft. Bis heute konzentrieren sich Historiker zumeist auf die Westfront.
[1]
Die Kämpfe im Osten werden dagegen wenig beachtet, und selbst der Siegfrieden von Brest-Litowsk ist weitgehend vergessen.
[2]
Liulevicius, 1966 in Chicago geboren und gegenwärtig Associate Professor an der University of Tennessee, kritisiert die „Vernachlässigung der Ostfront“ in der Forschung und richtet sein Erkenntnisinteresse auf die Frage, „welche Bedeutung das Erlebnis an der Ostfront für die Masse der einfachen Soldaten hatte, und welche kulturellen Auswirkungen es zeitigte“ (S. 12f.). Quellengrundlage seiner mentalitätsgeschichtlichen Studie, die im Jahre 2000 erschienen ist und seit Ende 2002 auf Deutsch vorliegt, sind offizielle Dokumente und private Aufzeichnungen, die er im Bundesarchiv/Militärarchiv und in litauischen Archiven ausgewertet hat, sowie Erinnerungen und Romane von Kriegsteilnehmern. Dem deutschen Blick ‚von oben’ möchte er gestützt auf litauische Quellen den ‚Blick von unten’ auf die Besatzungsherrschaft gegenüberstellen (S. 15f.). Nach einer – äußerst knappen –Vorbemerkung zu Methodik und Quellen (S. 7-8) und einer Einleitung (S. 9-21) folgen sechs etwa gleichlange Kapitel, in denen Liulevicius die Eindrücke der Deutschen bei ihrem Vormarsch im Osten (S. 22-71), die „militärische Utopie“ des Oberkommandos Ost (S. 72-115), die Verkehrs- und Kulturpolitik (S. 116-142; S. 143-188), sowie das „deutsche Bild vom Osten“ (S. 189-216) und die Krise des Besatzungsregimes (S. 217-277) beschreibt. Die beiden letzten Kapitel sind dem Einsatz der Freikorps 1918/19 (S. 278-300) sowie den mentalitätsgeschichtlichen Folgen des deutschen Ostfronterlebnisses (S. 301-336) gewidmet. In einer kurzen Schlussbemerkung (S. 337-340) fasst Liulevicius seine Ergebnisse noch einmal zusammen.
1. Volk ohne Raum im Land ohne Leute – das Ostfronterlebnis als verborgenes Vermächtnis der Deutschen?
Die deutschen Soldaten eroberten ein ihnen unbekanntes Land. Schon die Verschiedenheit von Flora und Fauna beeindruckte sie und insbesondere die russische „Endlosigkeit“, diese „gewaltige, rätselhafte Weite“ (S. 35, 41f.). Hinzu kam die irritierende Patchwork-Identität der Einwohner, die ganz unterschiedlichen Völkern, Kulturen und Religionen angehörten.
[3]
Unbegreiflich war den Besatzern die Passivität der einheimischen Bevölkerung, die offenbar nie versucht hatte, das unwirtliche Land zu kultivieren.
[4]
Liulevicius’ Stärke liegt in seiner impressionistischen Schilderung der Eindrücke, die die deutschen Soldaten beim Vormarsch gen Osten erhielten. Es war ein „Wirrwarr aus menschlichem Leid, Schmutz und Krankheit“ (S. 17), das Mitleid wie Abscheu hervorrief. Das Kriegsland im Osten war nicht nur unbekannt, sondern auch befremdlich. Sich in einem „Unland“ zu befinden und von „Unkultur“ umgeben zu sein, war die vorherrschende Meinung (S. 44f.). Das Prinzip der verbrannten Erde, das die zaristischen Truppen beim Rückzug anwendeten, verstärkte den Eindruck allgemeiner Kulturlosigkeit noch und festigte die Überzeugung von einem Kulturgefälle nach Osten (S. 29f.). Die vorgefundene Rückständigkeit ließ den Vormarsch zugleich wie eine Reise in die Vergangenheit wirken (S. 42). War schon in Schule und Universität vermittelt worden, die Deutschen seien seit der „Ostkolonisation“ durch die Deutschordensritter dazu berufen, das Land im Osten auf eine höhere Kulturstufe zu heben, wirkte die Eroberung vormoderner Länder auf die Soldaten wie eine Wiederholung der Geschichte (S. 60). Dementsprechend war die Benennung des ersten großen Sieges an der Ostfront nach dem Ort Tannenberg von hoher symbolischer Bedeutung: Nicht nur manifestierte sie die Wiedergutmachung für die dem Deutschen Orden 1410 von polnisch-litauischen Truppen beigebrachte Niederlage, sondern auch den geschichtlichen Auftrag, dessen Werk fortzusetzen (S. 26f.). So gesehen erschien die leere Ödnis im Osten als „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ (S. 75). Liulevicius führt aus, dass die Besatzer mit fortschreitender wirtschaftlicher, verkehrs- und verwaltungstechnischer Erschließung des Gebietes begannen, Anspruch auf das Land zu erheben und Siedlungspläne zu entwerfen. Es reifte eine Überzeugung, die nach Meinung des Autors nach Kriegsende zum „verborgenen Vermächtnis“ (S. 9) wurde: dass das „Volk ohne Raum“ seine Zukunft im Land ohne Leute finden müsse.
[5]
2. Totaler Krieg und totale Kontrolle – „Militärische Utopie“ und Besatzungspolitik in Ober Ost
Nachdem die Deutschen 1915 zum Angriff übergegangen waren, entschloss sich Ludendorff, wie er in seinen Erinnerungen schrieb, etwas Neues, „etwas Ganzes zu schaffen“.
[6]
Im eroberten Gebiet Litauens und Kurlands wurde ein abgeschotteter Militärstaat – nach dem Oberbefehlshaber Ost kurz „Ober Ost“ genannt – aufgebaut, der Ordnung und Kultur verbreiten sollte (S. 72f.). Es galt, durch eine effiziente Verwaltung und die umfassende wirtschaftliche Ausbeutung von Land und Leuten die Versorgungslage der Deutschen zu verbessern und noch vor Friedensschluss eine dauerhafte Ordnung zu etablieren. Dabei wurden sehr moderne Herrschaftstechniken angewandt wie statistische Erhebungen, Volkszählungen und die Einführung von – bis dato unbekannten – Pässen für die Einwohner. Liulevicius differenziert zwischen zwei Säulen, auf denen der Militärstaat ruhte. Mit Hilfe der „Verkehrspolitik“ sollten die materiellen Ressourcen des besetzten Gebietes erschlossen und die personellen mobilisiert werden (S. 116ff.). Das „Kulturprogramm“ – die Vermittlung deutscher Sprache und Bildung sowie deutscher Hygiene- und Ordnungsvorstellungen – diente dazu, den deutschen Einfluss auf die gesellschaftliche und politische Entwicklung nachhaltig zu sichern (S. 143ff.). Trotz des enormen Apparates – Liulevicius schätzt, dass 1918 fast 20.000 Männer in der Verwaltung von Ober Ost arbeiteten (S. 76) – scheiterte Ludendorffs Militärutopie an der Kluft zwischen dem Anspruch des Militärstaates und der Wirklichkeit. Ein der Formel von der „Deutschen Arbeit“ (S. 68ff.) geradezu Hohn sprechendes Chaos sowie die rücksichtslose Ausbeutung der Einheimischen verhinderten die Etablierung von Recht und Ordnung und eine freiwillige Annäherung an Deutschland.
[7]
Es war der „desaströse Versuch, Kultur durch Gewalt zu vermitteln“ (S. 242). Der zunehmenden Auflösung der Disziplin und dem wachsenden Widerstand der Einheimischen stand die Militärverwaltung weitgehend machtlos gegenüber.
[8]
Nach dem Zusammenbruch Deutschlands versank das Gebiet von Ober Ost 1918/19 in einem Bürgerkrieg, der auf allen Seiten mit äußerster Brutalität geführt wurde (S. 296ff.). Bolschewisten kämpften gegen zarentreue Truppen und einheimische Wehren gegen deutsche Freikorps, deren Einsatz Liulevicius als das „brutale Schlussfanal des Ostfronterlebnisses“ (S. 20) bezeichnet.
3. Vom Ostfronterlebnis des Ersten zum Vernichtungskrieg des Zweiten Weltkriegs?
Geprägt durch das „Ostfronterlebnis“ (S. 14), resümiert Liulevicius, bildeten sich nach dem Ersten Weltkrieg „wichtige Ansichten über den Osten und die Vorstellung einer zivilisatorischen Mission der Deutschen heraus“ (S. 16). Die „Bedeutung der Geschehnisse“ (S. 13) an der Ostfront zeige sich darin, dass zwei bis drei Millionen Soldaten geprägt wurden vom Eindruck unendlicher und ungeordneter Weite sowie der Absenz jeder Kultur. Zum Ostfronterlebnis gehörte die Erfahrung, dass Russland besiegt werden konnte, der Größe seiner Armee und allen Unbilden der Natur zum Trotz (S. 303). Dieser Einstellungswandel ist vor einigen Jahren treffend auf die Formel: „Erst Dampfwalze, dann Sandkastenspiel“
[9]
gebracht worden. Dass das Russland- und Osteuropa-Bild durch die „militärische Utopie von Ober Ost und das Ostfronterlebnis“ (S. 336) einem „radikalen Wandel“ (S. 337) unterlag, hatte in der Tat Auswirkungen auf das politische und militärstrategische Denken in den 1920er-Jahren. Der osteuropäischen Vielfalt im Weltkrieg nicht Herr geworden, entwickelten Militärs wie Intellektuelle radikale geopolitische Raumordnungspläne, die später von den Nationalsozialisten aufgegriffen wurden und schließlich Eingang in den „Generalplan Ost“ fanden.
[10]
Zwar bringt Liulevicius diesen Radikalisierungsprozess auf die Formel: „Weg mit den Leuten und her mit dem Raum“ (S. 308), aber er stellt fest: „Hitlers alptraumhafte Visionen weisen Gemeinsamkeiten mit dem Projekt Ober Ost [...] auf, aber auch erhebliche Unterschiede dazu“ (S. 332). Obgleich er beides herausgearbeitet hat, suggeriert Liulevicius eine mentalitätsgeschichtliche Kontinuität zwischen dem Ostfeldzug von 1915 und dem Angriffskrieg von 1941. Die Besatzungspolitik des Ersten war aber etwas grundlegend anderes als die Vernichtungspolitik des Zweiten Weltkrieges.
Dicht belegt hat Liulevicius, wie negativ der Osten gesehen wurde. Paradoxerweise, schreibt er, konnte diese ablehnende Haltung mit dem Drang zur Kolonisation verbunden werden (S. 337). Aber für wen gilt dieses Paradoxon? In der Kluft zwischen dem Anspruch, die „Kriegserfahrungen der einfachen Menschen“ (S. 13) zu untersuchen, und einer letztlich schmalen Quellengrundlage liegt das Problem dieser Studie. Liulevicius belegt seine Thesen fast ausschließlich mit Aussagen von höheren Offizieren und einigen Rechtsintellektuellen wie Ernst von Salomon. Von diesen aber auf die Einstellung aller Ostfrontkämpfer (S. 24) oder gar der „gewöhnlichen Deutschen“ (S. 336) zu schließen, ist zumindest gewagt. So weicht anfängliche Freude über anregende Thesen und impressionistische Beschreibungen zunehmendem Ärger darüber, dass ein großes Thema, die Herausbildung dauerhafter Einstellungen und kollektiver Denkweisen, ohne wirklichen methodischen Ansatz bearbeitet wurde. Obwohl sein Erkenntnisinteresse es verlangt hätte, bezieht sich Liulevicius in seiner Vorbemerkung „zu Methodik und Quellen“ nur auf die Auswertung von Schriftstücken, nicht aber auf Theorien zur Erforschung von Mentalitäten, die anzuwenden seiner Studie gut getan hätte. Indem der Autor auf diese verzichtet, wird er seinem Anspruch nicht gerecht, mehr als Militärherrschaft, nämlich den Zusammenhang von „Culture, National Identity and German Occupation in World War I“
[11]
zu untersuchen. Ärgerlich sind zudem auch die vielen, zum Teil wortgleichen Wiederholungen sowie die fehlerhaften Karten.
[12]
Liulevicius’ Verdienst besteht darin, die Grundlagen der Herrschaftspolitik von Ober Ost und ihre Umsetzung genau untersucht zu haben. Er hat damit den Blick auf die allzu lange ‚vergessene’ Ostfront gelenkt und überzeugend dargelegt, dass das „Fronterlebnis“ nach West- und Ostfront zu differenzieren ist. Sein Buch gefällt als „Anatomie eines modernen Besatzungssystems“ (S. 339), als mentalitätsgeschichtliche Studie überzeugt es nicht.
[1] Ausnahmen sind z.B. Stone, Norman, The Eastern Font, 1914-1917, New York 1975; Strazhas, Aba, Deutsche Ostpolitik im Ersten Weltkrieg. Der Fall Ober Ost, 1915-1917, Wiesbaden 1993.
[2] Vgl. Churchill, Winston S., The Unknown War: The Eastern Front, New York 1931. Auch neue Arbeiten beziehen sich v.a. auf die Westfront, so Duppler, Jörg; Groß, Gerhard P. (Hgg.), Kriegsende 1918. Ereignis, Wirkung, Nachwirkung, München 1999. Zum Frieden von Brest-Litowsk vgl. Wheeler-Bennett, John W., Brest-Litovsk. The Forgotten Peace, March 1918, New York 1966 (Neudruck von 1938). Älteren Datums auch: Hahlweg, Werner, Der Diktatfrieden von Brest-Litowsk 1918 und die Bolschewistische Weltrevolution, Münster 1960.
[3] Liulevicius, S. 35, 40. Polen, Litauer, Weißrussen, Ostjuden und – vor allem in Kurland – Deutschbalten bildeten diesen „Mischmasch“ (S. 59), der bei deutschen Soldaten aus den polnischen Gebieten Preußens, zu einer Art Identitätskrise führte (S. 238ff.). Dieser Aspekt wird vom Autor aber insgesamt überbewertet, denn letztlich war es, wie er selbst ausführt, gerade die landschaftliche und kulturelle Ödnis, die die Deutschen in ihrem Deutschtum und ihrer kulturellen Überlegenheit bestärkte (S. 239).
[4] Anfangs irritierte auch die Unterwürfigkeit, mit der die ausschließlich bäuerliche Bevölkerung den Deutschen zunächst gegenübertrat (S. 65).
[5] Liulevicius, S. 125, 205ff., 293, 308 (Zitat). Die in den 1920er-Jahren populäre Selbstbezeichnung ging auf einen zum Schlagwort gewordenen Buchtitel zurück: Grimm, Hans, Volk ohne Raum, 2 Bde., München 1927.
[6] Ludendorff, zit. nach Liulevicius, S. 72. Er spricht von einem „Projekt der totalen Kontrolle“ (S. 20). Vgl. Wehler, Hans-Ulrich, „Vom ‚absoluten’ zum ‚totalen’ Krieg oder: Von Clausewitz zu Ludendorff“, in: Ders., Krisenherde des Kaiserreiches 1971-1918, Göttingen 1979, S. 89-116.
[7] Zum Chaos vgl. Liulevicius, S. 217ff., 223, 232; zur Ausbeutung und Entfremdung vgl. ebd., S. 85, 93, 225ff., 234.
[8] Vgl. Liulevicius, S. 50, 108ff., 171f., 226ff., 231f. Die Krise des Militärstaates spitzte sich paradoxerweise zu, als der Zusammenbruch des Zarenreiches und der Frieden von Brest-Litowks die deutsche Herrschaft über Osteuropa dauerhaft zu sichern schienen (S. 243ff.).
[9] Afflerbach, Holger, „Erst Dampfwalze, dann Sandkastenspiel“, in: Die Zeit 35, 26.8.1994. Vgl. auch Ders., „Die militärische Planung des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg“, in: Michalka, Wolfgang (Hg.), Der Erste Weltkrieg. Wirkung, Wahrnehmung, Analyse, München 1994, S. 280-317.
[10] Liulevicius, S. 308, 326-332, 338.
[11] So der Untertitel der Originalausgabe. Die deutsche Übersetzung stellt demgegenüber eine Verengung dar.
[12] Merkwürdig ist z.B., dass auf Karte 1 [S. 23: „Osteuropa vor 1914“] eine Art „Generalgouvernement“ zu sehen ist und Deutschland auf Karte 5 [S. 306: „Osteuropa in den zwanziger Jahren“] in den Grenzen von 1939 eingezeichnet zu sein scheint; zudem fehlt hier die Grenze zwischen Lettland und Russland. Auch der Verlag des Hamburger Instituts für Sozialforschung, dessen umstrittene „Wehrmachtsausstellung“ wegen gravierender Mängel vor einiger Zeit überarbeitet worden ist, muss sich fragen lassen, wie genau er es mit historischen Fakten nimmt. HistLit 2004-2-102 / Steffen Bruendel über Liulevicius, Vejas Gabriel: Kriegsland im Osten. Eroberung, Kolonisierung und Militärherrschaft im Ersten Weltkrieg. Hamburg 2002. In:
H-Soz-u-Kult 13.05.2004
Lohr, Eric: Nationalizing the Russian Empire. The Campaign Against Enemy Aliens During World War I. Cambridge: Harvard University Press 2003.
ISBN: 0-674-01041-8; 237 S. Rezensiert von: Christian Teichmann, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt Universität zu Berlin Die Geschichte Russlands verändert sich. Die politischen Entwicklungen der letzten zwei Dekaden und die Öffnung der Archive seit 1991 führten zu grundsätzlichen Neubewertungen. Zwei historiografische Trends sind dabei auszumachen: Russland wurde als Vielvölkerreich entdeckt und es kehrte auf neue Weise in die Geschichte der europäischen Moderne zurück. Während Russland im europäischen Vergleich lange Jahre als defizitär und rückständig interpretiert wurde, lautet nun die Fragestellung, welche Wirkungen die ideologischen Prämissen der europäischen Aufklärung und des Nationalstaats im russischen Imperium entfalteten. Ein herausragendes Beispiel für die innovative Aufnahme beider Trends ist das Buch "Nationalizing the Russian Empire" von Eric Lohr.
Thema des Buches ist die Reaktion des russischen Ancien régime auf die Herausforderungen einer mit nationalistischer Rhetorik operierenden Massenpolitik in der Zeit vom Kriegsbeginn bis zum Herbst 1917. Wie Lohr im Eröffnungskapitel "Nationalist Challenges, Imperial Dilemmas" (S. 10-30) zeigt, war das Ziel dieser Massenpolitik sowohl die Nationalisierung der Wirtschaft durch Enteignungen der zu "Feinden" erklärten "Ausländer" als auch die ethnische Homogenisierung der Bevölkerung. Während die Zivilbehörden in den ersten Kriegsmonaten die Unverletzlichkeit des Eigentums und der Person von "feindlichen Ausländern" als unverrückbar ansahen und in erster Linie an der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung interessiert waren, ging die Armee rücksichtslos gegen die Zivilbevölkerung im Frontgebiet vor. Im Generalstab herrschte nicht nur Konsens über die nötige Deportation von deutschen, jüdischen und dann auch polnischen "Feinden", sondern er war auch der Initiator einer großangelegten Pressekampagne gegen "Spione".
Die nationalistische Radikalisierung der Presseberichterstattung über die angeblichen Machenschaften "feindlicher Ausländer" wurde jedoch nicht nur vom Generalstab befürwortet. Neben einer großen Gruppe von Politikern unterstützten vor allem Unternehmervereinigungen die Kampagne tatkräftig. Diese Gleichlage der Interessen führte während des ersten Kriegsjahres zur Formulierung einer kohärenten Nationalisierungsagenda, die nicht nur die Regierung unter stetigen Handlungszwang setzte, sondern im Ergebnis zu einer Hinterfragung der Grundlagen des Imperiums als Ganzes führte. Denn die Kampagne gegen "feindliche Ausländer" richtete sich nicht gegen eine marginale Bevölkerungsgruppe, sondern gegen einen wesentlichen Teil der wirtschaftlichen Elite des Landes. Eine Schlüsselrolle in Industrie und Landwirtschaft fiel dabei den Deutschen zu, deren Schicksal sich Lohr in seiner Untersuchung schwerpunktmäßig widmet.
Jeder, der einen ausländisch klingenden Namen trug, geriet unter Verdacht. Lohr schildert im Kapitel "The Moscow Riots" (S. 31-54), wie sich der von der Presse angeheizte Volkszorn gegen vermeintliche "Feinde" austobte. In den letzten Tagen des Mai 1915 kam es in Moskau zu einem dreitägigen blutigen Pogrom, das sich zunächst gegen Fabriken richtete, in denen Ausländer arbeiteten oder die (angeblich) Ausländern gehörten. Bald weiteten sich die Angriffe gegen Geschäfte im Zentrum aus und ergriffen dann das ganze Stadtgebiet. Auf dem Roten Platz entstand in Windeseile ein Schwarzmarkt mit geplünderten Waren. Die Polizei war ohne die Hilfe der Moskauer Garnison nicht in der Lage, die Kontrolle wiederzuerlangen. Nach diesen Geschehnissen brachte auch der Rücktritt des Innenministers Maklakov Gerüchte nicht zum Verstummen, die Regierung hätte das Pogrom unterstützt. Es wirkte daher wie ein Signal zum Weitermachen. Diesen Eindruck verstärkte die amtliche Untersuchung, die unter so großer Geheimhaltung stattfand, dass am Ende nicht einmal alle Regierungsmitglieder den Untersuchungsbericht lesen durften. Hier hätten sie erfahren können, dass Russland 1915 kein starker Staat war, der Pogrome hätte dirigieren können, sondern ein schwacher Staat, dessen Beamte aus der Angst heraus handelten, die öffentliche Ordnung könne jeden Moment in sich zusammenbrechen.
Unter dem Druck des Volkszorns und der Presse, die jeden Schritt der Regierung akribisch überwachte, begann eine groß angelegte Kampagne gegen "ausländisches" Eigentum. In den Kapiteln "Nationalizing the Commercial and Industrial Economy" (S. 55-83) und "Nationalizing the Land" (S. 84-120) analysiert Lohr den Prozess der Enteignung von Eigentum im Hinblick auf die Gesetzgebung sowie ihre Implementierung und die Folgen. Nicht nur der ökonomische Schaden der Kampagnen war enorm, sondern auch der außenpolitische. Zunächst waren "Deutsche" die Zielgruppe, aber schnell kamen andere ausländische Unternehmen unter Verdacht, wie Lohr am Beispiel der amerikanischen Firma Singer zeigt. Ohnehin war die Zielgruppe der ökonomischen Nationalisierung sehr weit gefasst, denn sie betraf neben Staatsbürgern gegnerischer Länder auch alle "feindlichen Ausländer", die nach dem 1.1.1880 die russische Staatsbürgerschaft erhalten hatten. Lohr folgert daraus, die Enteignungen hätten unter dem Vorwand der nationalen Sicherheit vor allem zu einer Stärkung des ethnisch russischen Elements in der Wirtschaft führen sollen.
"Forced Migrations" (S. 121-165) sind eines der bekanntesten Kapitel des russischen Ersten Weltkriegs. Lohr schildert zunächst die Deportation von deutschen Kolonisten aus Kongresspolen ab Herbst 1914 und vergleicht diese relativ geordneten Eisenbahntransporte mit dem Chaos, das wenig später über die jüdische Bevölkerung des Frontgebiets hereinbrach, deren Vertreibung von Pogromen begleitet war. Besonders eindringlich wird die Analyse, wenn Lohr die politischen Konstellationen hinter den Deportationen aufzeigt und ihre Chronologie im Zusammenhang mit der Verkleinerung und der schließlich erfolgten Auflösung des "Ansiedlungsraions" dokumentiert. Ausführlich wird auf die von der Armee praktizierten Geiselnahmen eingegangen, durch die die Loyalität der als "Spione" und "Feinde" verdächtigten Juden erzwungen werden sollte. Doch nicht nur von der russischen Westfront, sondern auch von der Kaukasusfront wurden "feindliche" ethnische Gruppen deportiert. So wurden ab Januar 1915 circa 10.000 muslimische Andscharen aus Georgien nach Zentralrussland verbracht.
Die konservativen und nationalistischen Kräfte, die die Kampagne befürworteten und tatkräftig unterstützten, erwiesen Russland einen Bärendienst. Die wirtschaftlichen und politischen Folgen waren verheerend. In der Provinz führten die Enteignungen und die administrativen Blockaden zum teilweisen Zusammenbruch der Regionalwirtschaft und zu Missernten. An den Zielorten der Deportationen verlieh die Lokalbevölkerung ihrer Unzufriedenheit über die Neuankömmlinge Ausdruck. Die verfolgten Minderheiten organisierten und radikalisierten sich, was ethnische Spannungen verschärfte. Trotzdem setzte die Regierung die Kampagne eifrig fort, weil sie sich vom Vorwurf freizumachen versuchte, die militärischen Misserfolge Russlands seien durch die Verschwörung einer "deutschen" Kamarilla mit der Zarin im Zentrum verursacht. Je mehr die Regierung auf radikale Forderungen einging, desto schneller entglitt die Situation ihren Händen. Die russische Innenpolitik hatte endgültig mit der imperialen Strategie gebrochen, ökonomisch potente Ausländer zu assimilieren, und war vom Kriterium des Standes und der Staatsbürgerschaft zur ethnischen Kategorisierung der Bevölkerung übergegangen.
Eric Lohrs Untersuchung beeindruckt durch die Präzision der Analyse, die mit knappen Worten auskommt. Nicht gewagte Thesen, sondern der Detailreichtum lässt neue Bilder der russischen Gesellschaft im Ersten Weltkrieg entstehen. Die Verschiebung der Untersuchungsperspektive - von einer Geschichte des Innenlebens von Minoritäten hin zu einer Geschichte nationalisierender Staatspraktiken – macht die Leistung von Lohrs Buch aus. Ihm geht es darum, Nationalisierung nicht als Produkt von Langzeitentwicklungen zu beschreiben, sondern als ein plötzliches, kontingentes Umschlagen der Kategorien im öffentlichen und privaten Leben. Lohr dokumentiert dieses Umschlagen in vier detaillierten Fallstudien. Zugunsten dieser Vorgehensweise drängt er die Chronologie der Kampagne gegen "feindliche Ausländer" zurück. Die Dramaturgie des Buches steigert sich von einem Pogrom in Moskau über die Enteignung von Besitz bis zur Beschreibung von Deportationen. Die Chronologie der Ereignisse lässt den Höhepunkt der Deportationen in das erste Kriegsjahr fallen, während die meisten Landenteignungen Anfang 1917 stattfanden und eine große Anzahl deutscher Firmen erst nach der Februarrevolution liquidiert wurde. HistLit 2004-2-189 / Christian Teichmann über Lohr, Eric: Nationalizing the Russian Empire. The Campaign Against Enemy Aliens During World War I. Cambridge 2003. In:
H-Soz-u-Kult 21.06.2004
Martus, Steffen; Münkler, Marina; Röcke, Werner (Hg.): Schlachtfelder. Codierung von Gewalt im medialen Wandel. Berlin: Akademie Verlag 2003.
ISBN: 3-05-003587-0; 300 S. Rezensiert von: Steffen Bruendel, Gemeinnützige Hertie-Stiftung, Frankfurt am Main „Stell Dir vor, es kommt Krieg und keiner geht hin“
[1]
– mit diesem Slogan begleitete die Friedensbewegung in den 1980er-Jahren die NATO-Nachrüstung. Die irreal anmutende und zugleich reizvolle Vorstellung von einem leeren Schlachtfeld machte die Parole zur Metapher für kollektive Verweigerung aufgrund unbedingter Friedensliebe. Zwar wird der Slogan in dem Sammelband „Schlachtfelder“ nicht erwähnt, aber er veranschaulicht auf sehr markante Weise, worum es geht: um das Schlachtfeld als imaginativen Raum, um die mediale Darstellung von Schlachten und ihre Deutung. Ziel ist, so die Herausgeber Steffen Martus, Marina Münkler und Werner Röcke, die Ubiquität kriegerischer Gewalt historisch-systematisch zu untersuchen, um „sowohl Formen der Gewalt als auch das spezifische Imaginationspotential konkreter Räume des Krieges zu analysieren“ (S. 9). Die Bedeutung eines Schlachtfeldes wird durch die Memorialkultur bestimmt (S. 13), die es zum „bevorzugten Ort der Kriegsrepräsentation“ (S. 14) macht. Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft an der Humboldt-Universität geförderte Graduiertenkolleg „Codierung von Gewalt im medialen Wandel“ hat Schlachtfelder als imaginative Orte epochenübergreifend, interdisziplinär und vergleichend untersucht. Die Forschungsergebnisse wurden erstmals im Juni 2000 auf einer Tagung in Berlin vorgestellt und liegen nun gedruckt vor: In diesem Sammelband beleuchten Historiker und Kunsthistoriker, Soziologen und Juristen sowie Literatur-, Musik- und Filmwissenschaftler die Codierung von Gewalt im medialen Wandel. Sechs Aufsätze befassen sich mit der „Schlachtenrepräsentation“ (S. 19-128), sechs weitere mit der „sozio-kulturellen“ (S. 131-246) und drei mit der „technisch-medialen“ (S. 249-300) Codierung des Schlachtfeldes.
1. Die mediale Repräsentation von Schlachten
Im ersten Beitrag untersucht der Luzerner Mediävist Valentin Groebner Berichte über exzessive Gewalt auf Schlachtfeldern des 15. und 16. Jahrhunderts.
[2]
Greueltaten und Täuschungen sind häufige Topoi dieser Schlachtbeschreibungen (S. 28). Indem die „blutigen Heterologien“ (S. 32) Feind- und Selbstbilder verbreiten, unterscheiden sie sich nicht von der Greuelpropaganda moderner Kriege. Am Beispiel der Schlacht von Borodino
[3]
zeigt der Berliner Politologe Herfried Münkler, dass Clausewitz die impressionistische Berichterstattung des Augenzeugen mit der klaren Analyse des Strategen meisterhaft verband (S. 88f.). Hermann Danusers Beitrag ist nicht Berichten, sondern der Musik als Repräsentationsmedium von Schlachtereignissen gewidmet.
[4]
Der Musikwissenschaftler weist nach, dass die Gattung der Battaglien schon in der Frühen Neuzeit Geräuschwelten aufgriff, die erst im 20. Jahrhundert als ‚musikalisch’ akzeptiert wurden, und veranschaulicht am Beispiel Beethovens, dass diese Gattung in einer Symphonik aufging, welche die semiotische Bestimmtheit zugunsten eines musiksprachlich autonomen Kunstwerks aufgab (S. 49). Die Symphonie „Wellingtons Sieg oder Die Schlacht bei Vittoria“ analysiert er als narrativ konzipierte Darstellung des Ereignisverlaufs und bezeichnet sie als „musikalisches Gemälde“ (S. 45). Das Gemälde als Medium der Schlachtdarstellung untersucht Godehard Janzing, Doktorand der Kunstgeschichte, in seiner sehr anregenden Abhandlung über Goyas Kriegsgrafiken.
[5]
Er zeigt, wie Goya ab 1810 die Auflösung des Schlachtfeldes und die Entgrenzung des Krieges in der Auflösung traditioneller Schlachtbilder spiegelte. Exzessive Grausamkeiten werden dargestellt, aber die „leichengesäumte[n] Landschaftszüge“ (S. 52) machen jede topografische Bestimmung der „Schlachten“ unmöglich. In der von Goya gewählten formalen Dekomposition des klassischen Schlachtbildes erkennt Janzing die Absicht des Künstlers, überkommene Darstellungsmuster und mit ihnen die im spanischen Partisanenkrieg unbrauchbar gewordenen Regeln formalisierter Kabinettskriege in Frage zu stellen (S. 54).
Eine ganz andere Dekomposition des klassischen Schlachtbildes illustriert der junge Literaturwissenschaftler Martin Dönike am Beispiel eines Schlachtendenkmals des italienischen Bildhauers Canova.
[6]
Anstatt den Sieger der Schlacht von Magnano im Gestus des Triumphes darzustellen, bot er der Stadt Verona seine Figurengruppe Herakles und Lichas
[7]
an, die er vier Jahre zuvor angefertigt hatte (S. 94f.). Man lehnte ab, weil seine Skulptur zwar den Kampf, nicht aber den Sieger, streng genommen sogar nur Opfer repräsentierte (S. 109). Indem Canovas Figurengruppe die selbst zerstörerische Logik der Gewalt reflektierte, nahm sie die Problematik vorweg, die sich insbesondere im 19. und 20. Jahrhundert noch oft stellen sollte: Wie kann man Kriegsopfern angemessen gedenken, wie mit Sieg oder Niederlage umgehen? Diese Fragen stellten sich auch in Bezug auf das modernste Medium, mit dem Schlachten repräsentiert werden konnten, den Film.
[8]
Da keine Originalaufnahmen von Kampfhandlungen im Ersten Weltkrieg gemacht wurden, zeigte man entweder Soldaten kurz vor dem Angriff oder dessen Folgen: Zerstörungen. Das Schlachtfeld erschien somit als leerer tödlicher Raum. Das wirkte nach, so der amerikanische Kulturwissenschaftler Anton Kaes, denn verschiedene Bildmotive aus den Kriegswochenschauen kehrten in bekannten Spielfilmen der Weimarer Republik wieder: klaustrophobische Räume und verzerrte Dimensionen, abstrakte Landschaften, Aggression und Gewalt.
[9]
2. Die sozio-kulturelle Codierung des Schlachtfeldes
Der Münsteraner Mediävist Gerd Althoff legt dar, dass Gewalteskalation im Mittelalter wahrscheinlicher war gegenüber Andersgläubigen oder Angehörigen anderer, d.h. niederer Stände als innerhalb einer christlich-adligen Kriegergesellschaft.
[10]
War man „unter sich“, wurde ein Regelwerk beachtet, um „Gewalt einzudämmen, zu vermeiden oder die Folgen von Gewalt zu verringern“ (S. 137). Regelwerke sind auch Voraussetzungen, um Schlachten als „Rechtsentscheide“ zu deuten. Dies versucht der Bielefelder Jurist Wolfgang Schild in seinem sprachlich verunglückten und inhaltlich unklaren Beitrag zu erhellen.
[11]
Schlachtfeldern kommt als Orten der Kriegsentscheidung eine besondere Bedeutung zu. Wie unterschiedlich Siege und Niederlagen gedeutet werden können, untersucht Gernot Kamecke am Beispiel eines kolonialen Schlachtfeldes.
[12]
Der Übersetzer und Publizist zeichnet nach, wie die historische Überlieferung eines Sieges der französischen Armee über eine aufständische Kolonie „in die Legende vom heldenhaften Selbstmord einer karibischen Widerstandsbewegung“ (S. 177) transferiert wurde. Dass in der Erinnerung an Schlachten und Kriege Geschlechtsstereotype aktiviert werden, betont die Regensburger Soziologin Ruth Seifert.
[13]
Sie bezeichnet Geschlecht, Nation und Krieg als „kulturelle Konstruktionen“ (S. 235) und stellt fest, dass „über die Frauen der Nation auch die Nation in besonderer Weise angreifbar ist“ (S. 241). Die soziokulturelle Codierung von Schlachtfeldern erfolgt mittels Weiblichkeits- und Virilitätskonstruktionen, die für das Konzept des Soldaten als Beschützer von zentraler Bedeutung sind.
Was aber bringt Soldaten dazu, Schlachten auszuhalten und weiterzukämpfen? Diese Frage haben amerikanische Soziologen bereits im Zweiten Weltkrieg untersucht. Ulrich Bröckling stellt die Ergebnisse dieser Analysen vor.
[14]
Der Freiburger Soziologe zeigt, dass die Codierung des Schlachtfeldes mit der Konstruktion des optimal einsetzbaren Soldaten einherging und reflektiert den Zusammenhang von Kampfmotivation und Gefechtsverhalten. Ausschlaggebend sind die vielfältigen sozialen und affektiven Bindungen innerhalb der unmittelbaren Kameradengemeinschaft.
[15]
Für die kämpfenden Soldaten sind diese deshalb so bedeutend, weil das Schlachtfeld letztlich – in den Worten eines amerikanischen Armeehistorikers – „die einsamste Gegend ist, in der Menschen beisammen sind“ (S. 201). Auch wenn sich das Schlachtfeld als Raum im postindustriellen Zeitalter zunehmend auflöst, bleiben die Erkenntnisse der amerikanischen Forscher gültig. Dass das Schlachtfeld als Ort des Leidens und Schreckens an Bedeutung verliert, konstatiert der in New York lehrende Bernd Hüppauf.
[16]
Intelligente und unbemannte Waffen sowie die Digitalisierung der Kriegführung machen heutige und künftige Kriege zu einer „Konstruktion ohne Raum“ (S. 228). Mit Blick auf den „War against Terror“ seit dem 11. September 2001 spricht er vom „Krieg ohne Schlachtfeld und geographisch festgelegte Front“ (S. 230) und sieht in der allgemeinen Verunsicherung das Hauptmerkmal dieses neuartigen Krieges aller gegen alle.
3. Die technisch-mediale Codierung des Schlachtfeldes
Ein ungewöhnliches Kriegsspiel beschreibt der Berliner Kulturwissenschaftler Philipp von Hilgers. Mit Hilfe des 1912 für den preußischen König angefertigten „taktischen Kriegsspielapparats“ (S. 261) sollten taktisches Geschick geübt und künftige Schlachten geplant werden.
[17]
Die Simulation einer Schlacht in Echtzeit – was heutigen Armeen durch rechnergestützte Programme vertraut ist – und die Komprimierung des Schlachtfeldes auf Tischgröße ermöglichten dem Feldherrn den Überblick, der allerdings Ludendorff fehlte, als er 1918 „Schlachten ohne strategische Gesamtsicht“ (S. 266) plante, die – da nur auf den Durchbruch ausgerichtet – scheiterten.
[18]
Der Medienwissenschafter Peter Berz arbeitet heraus, wie die (Tank-) Schlachten von 1918 zwei Prinzipien begründeten, die nach dem Krieg verfeinert wurden: „die absolute Bewegung und der absolute Plan“ (S. 267). Maschinentechnische Standardisierung und kriegswirtschaftliche Planung verbanden sich zu einem modularen Kreislauf und machten das Schlachtfeld zum variablen Raum (S. 280).
Die Digitalisierung des Schlachtfeldes in den letzten Jahren hat diese Variabilität noch gesteigert und dazu geführt, dass nicht nur die räumliche Begrenzung aufgelöst wurde, sondern auch die körperliche Präsenz der Soldaten, ihre Anwesenheit auf dem Schlachtfeld ihre Bedeutung verloren hat.
[19]
Statt der bloßen Gewalt, so der Freiburger Soziologe Stefan Kaufmann, wird die Kriegsentscheidung immer mehr vom zielgerichteten Einsatz von Computertechnik abhängen (S. 287). Rechnergestützte Gefechtsleitsysteme sollen künftig die Informations- und Befehlsübermittlung in Echtzeit ermöglichen. Aber auch der Infanterist der Zukunft wird technologisch aufgerüstet – zum Beispiel mit Nachtsichtgerät, Kamera und Monocular-Display am Helm –, auch wenn diese Rüstung noch nicht in den Körper dringt. Von einer Symbiose aus Mensch und Maschine sind wir noch entfernt. Ziel ist die Risikominimierung für den Kämpfer. Gleichwohl stellt sich die Frage, ob die Abhängigkeit des Soldaten von der Technik bei gleichzeitiger sinnespsychologischer Isolierung ausschließlich Fortschritt bedeutet. Mit Blick auf den Aufsatz von Bröckling erinnert Kaufmann daran, dass Kampfmotivation und Gefechtsverhalten ganz wesentlich von seinen unmittelbaren Kameraden, also Menschen bestimmt werden.
5. Resümee: Das Schlachtfeld als imaginativer Raum
Die Herausgeber haben mit ihrem, im renommierten Berliner Akademie Verlag erschienenen, Sammelband ein anspruchsvolles Projekt vollendet. Es ist ihnen gelungen, die Codierung von Gewalt im medialen Wandel anhand sehr unterschiedlicher Beispiele aus verschiedenen Epochen zu untersuchen und aufzuzeigen, dass Schlachtfelder nicht nur konkrete Orte, sondern auch Vorstellungswelten, „Räume der Veranschaulichung und Ästhetisierung von Kriegen“ (S. 13) sind. Zwar ist die Geschichte von Schlachtfeldern nicht mit der Geschichte des Krieges identisch, aber – so ein Fazit des Buches – sie strukturiert die Erinnerung und macht „den Krieg erzählbar“ (S. 13). Das stimmt. Zu kritisieren ist allerdings, dass die Qualität der Beiträge unterschiedlich ist und einige besser noch einmal überarbeitet worden wären. Außerdem ist zu bedauern, dass es den Herausgebern nicht gelingt, die methodische Grundlage aller Beiträge oder eine Synthese zu skizzieren. So wirken die zum Teil hochinteressanten Aufsätze etwas disparat. Auch ist bedauerlich, dass Angaben zu den Autoren fehlen. Gerade weil so diverse und zum Teil spezielle Themen behandelt werden, hätte sich der Leser ein paar Informationen gewünscht. Gleichwohl ist überzeugend dargelegt worden, dass das Schlachtfeld konkreter Ort und hochgradig imaginativer Raum zugleich ist. Gerade deshalb irritiert der heutige Antiterrorkrieg, weil nicht nur der Ort, sondern auch der Raum aufgelöst und doch omnipräsent sind. Das sprengt jede Vorstellungskraft. Vielleicht ist der friedensbewegte Slogan „Stell Dir vor...“ auch deshalb Geschichte geworden, weil ein Schlachtfeld, dass überall ist, nie leer sein wird.
[1] Es handelt sich hierbei nicht um ein Zitat von Brecht. Vgl. die Ausführungen von Wolfgang Jeske in: Brecht, Bertold, Gedichte. Zusammengestellt von Wolfgang Jeske. Frankfurt am Main 1991, S. 551.
[2] Groebner, Valentin, „Menschenfett und falsche Zeichen. Identifikation und Schrecken auf den Schlachtfeldern des späten Mittelalters und der Renaissance“, S. 22-32.
[3] Münkler, Herfried, „Clausewitz’ Beschreibung und Analyse einer Schlacht: Borodino als Beispiel“, S. 68-91.
[4] Danuser, Hermann, „Kriegsgetöse. Zur Semiotik musikalischer Battaglien“, S. 33-49.
[5] Janzing, Godehard, „Die Geburt des Partisanen aus dem Geist der Graphik. Krieg als Capricho bei Francisco de Goya“, S. 51-68.
[6] Dönike, Martin, „Antonio Canovas Herakles und Lichas oder die Unmöglichkeit des Schlachtendenkmals“, S. 93-115.
[7] Aus Sophokles’ Tragödie „Die Trachinierinnen“ (S. 94f.).
[8] Kaes, Anton, „Schlachtfelder im Kino und die Krise der Repräsentation“, S. 117-128.
[9] So z.B. in den Filmen: „Das Kabinett des Dr. Caligari“, „Das Nibelungenlied“, Metropolis“ und „M“.
[10] Althoff, Gerd, „’Besiegte finden selten oder nie Gnade’, und wie man aus der Not eine Tugend machte“, S. 131- 145.
[11] Schild, Wolfgang, „Schlacht als Rechtsentscheid“, S. 147-168.
[12] Kamecke, Gernot, „Zur Codierung kolonialer Schlachtfelder. Die heldenhafte Niederlage des Louis Delgrès in Mantouba 1802“, S. 169-188.
[13] Seifert, Ruth, „Im Tod und Schmerz sind nicht alle gleich: Männliche und weibliche Körper in den kulturellen Anordnungen von Krieg und Nation“, S. 235-246.
[14] Bröckling, Ulrich, „Schlachtfeldforschung. Die Soziologie im Krieg“, S. 189-206.
[15] Folgende fünf Punkte beeinflussten die Kampfmotivation: die Überzeugung von der Notwendigkeit des Krieges, die Strafandrohung für Befehlsverweigerung, die Beziehung zum unmittelbaren Vorgesetzten, der Zusammenhalt in der Primärgruppe sowie religiöse Bindungen und Weltanschauungen. Dabei bildete die Primärgruppenbindung nicht nur die wichtigste Einzelvariable der individuellen Kampfbereitschaft, sondern auch den Transmissionsriemen der übrigen Einflussfaktoren (S. 194-199; S. 205f.).
[16] Hüppauf, Bernd, „Das Schlachtfeld als Raum im Kopf. Mit einem Postscriptum nach dem 11. September 2001“, S. 207-233.
[17] Hilgers, Philipp v., „Räume taktischer Kriegsspiele“, S. 249-263.
[18] Berz, Peter, „Die Schlacht im glatten und gekerbten Feld“, S. 265-283.
[19] Kaufmann, Stefan, „Der Soldat im Netz digitalisierter Gefechtsfelder. Zur Anthropologie des Kriegers im Zeichen des Network Centric Warfare“, S. 285-300. HistLit 2004-2-104 / Steffen Bruendel über Martus, Steffen; Münkler, Marina; Röcke, Werner (Hg.): Schlachtfelder. Codierung von Gewalt im medialen Wandel. Berlin 2003. In:
H-Soz-u-Kult 14.05.2004
Wirsching, Andreas; Schumann, Dirk (Hg.): Violence and Society after the First World War.München: C.H. Beck Verlag 2003.
ISBN: 1611-8944 (ISSN); 149 S. Rezensiert von: Patrick Krassnitzer, Centre Marc Bloch, Humboldt-Universität zu Berlin Da es sich bei dem vorliegenden Kompendium nicht um einen Sammelband im eigentlichen Sinne, sondern um die erste Ausgabe einer neuen historischen Fachzeitschrift handelt, erscheinen ein paar kurze Vorbemerkungen zu deren Gesamtkonzept sinnvoll. Das von einem renommierten, international besetzten Gremium herausgegebene Journal of Modern European History soll künftig zweimal jährlich als dreisprachiges (Englisch, Deutsch, Französisch) Themenheft erscheinen. Die Herausgeber haben sich zum Ziel gesetzt, jeweils größere Themenbereiche aus den vergangenen drei Jahrhunderten unter strikt komparatistischen, transnationalen Perspektiven zu betrachten, wobei ein Vergleich immer mindestens drei europäische Länder umfassen soll. Sie betonen hierbei, keinem programmatischen Europabegriff verpflichtet zu sein und streben eine Erweiterung des gängigen Drei-Länder-Vergleichs zwischen Deutschland, Frankreich und England insbesondere um die osteuropäischen Länder und ggf. um eine globale Perspektive an.
Es lässt sich vorwegnehmen, dass diese Prämissen in der vorliegenden ersten Ausgabe der Zeitschrift beispielgebend umgesetzt wurden. Das Thema Gewalt und Gesellschaft nach dem Ersten Weltkrieg wird in einem Sechs-Länder-Vergleich behandelt, wobei mit Ausnahme von Österreich-Ungarn alle bedeutenden kriegsführenden Gesellschaften betrachtet wurden: Großbritannien (Adrian Gregory), Frankreich und Italien (Andreas Wirsching), Deutschland (Benjamin Ziemann), Russland bzw. die Sowjetunion (Dietrich Beyrau) sowie das ostmitteleuropäische Staatengeflecht (Piotr Wróbel).
Diese fünf länderspezifischen Artikel werden durch die sehr gelungene Einleitung von Dirk Schumann gebündelt. Dieser macht bereits zu Beginn klar, worum es allen Beiträgern geht: um eine kritische Auseinandersetzung zum einem mit dem "(Ur-)Katastrophenmodell", das den Ersten Weltkrieg als fundamentale Zäsur der bürgerlichen europäischen Welt des 19. Jahrhunderts und die folgende politische Nachkriegsgewalt als dessen direkte Folge deutet und zum anderen mit der damit eng verknüpften "Brutalisierungsthese", die die angeblich verroht und gewaltbereit heimkehrenden Kriegsveteranen als Hauptakteure und Agenten dieser politischen Gewalt interpretiert. Diesen in der Historiografie nach wie vor gängigen, pauschalisierenden Erklärungsmustern setzt Schumann die These entgegen, dass die beträchtlichen nationalen Unterschiede der Nachkriegsgewalt vielmehr als Kontinuitäten der jeweiligen nationalgesellschaftlichen Traditionen und Modi im Umgang mit Gewalt und als gescheiterte oder erfolgreiche Bewährungsproben der gesellschaftlich-politischen Systeme und politischen Kulturen der Nachkriegszeit erklärt werden können.
Entsprechend dieser Interpretationslinien zeigt Gregory am britischen Beispiel, dass der Weltkrieg keinen Bruch in dem längerfristigen Trend eines Rückgangs von Tötungsdelikten bewirkte und dass vereinzelte gewaltsame Soldatenproteste 1919 eine raschere Demobilisierung zum Ziel hatten. Obwohl Gewaltanwendung in der politischen Auseinandersetzung Vorkriegs-England eine gewisse Tradition besaß, wurde diese nach 1918 in zunehmenden Maße missbilligt, was er auf eine graduelle Feminisierung der Politik durch die partielle Einführung eines Frauenwahlrechts, eine im Weltkrieg gewachsene Integration der Arbeiterklasse und vor allem auf die "construction of the English charakter" (S. 57) als gewaltfrei und zivilisiert zurückführt. Der gewichtigste Faktor scheint jedoch der "Export" politischer Gewalt u.a. nach Irland zu sein, wo den deutschen Freikorps ähnelnde Freiwilligeneinheiten von Weltkriegsveteranen für eine Brutalisierung des "Krieges" gegen die IRA verantwortlich waren.
Wirsching konstatiert für Frankreich und Italien nach dem Weltkrieg den Durchbruch eines neuen politischen Gewalttypus – im Gegensatz zu einer traditionellen Gewalt in Form von spontanen Revolten – den er allerdings in eine intellektuelle Traditionslinie zu Georges Sorel stellt und dem Krieg lediglich eine Katalysatorfunktion zubilligt. Der italienische Faschismus sei demnach die erste Erscheinungsform dieser "sorelianischen" Gewalt, hervorgegangen aus einer Synthese aus Nationalismus, Syndikalismus, kämpferischem Aktionismus und Antimarxismus. Diese (Über-)Interpretation scheint allerdings eine Folge von Wirschings ideengeschichtlichen Ansatz zu sein, schließlich konnte erst jüngst in einer praxeologischen Analyse der Gewaltformen von italienischen Faschisten und Nationalsozialisten eine hohe Übereinstimmung der Gewaltformen aufgezeigt werden, obwohl letztere keine syndikalistischen Wurzeln aufweisen.
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Überzeugender erscheint seine Argumentation in der Frage, warum sich die faschistische Bewegung in Italien durchsetzen konnte und in Frankreich vergleichsweise nur marginalen Einfluss gewann. Er stellt dabei drei italienische Besonderheiten in den Vordergrund: die relative Schwäche der italienischen Zentralregierung, eine weitgehend gescheiterte Reintegration der Veteranen und starke soziale Verwerfungen insbesondere innerhalb der Landbevölkerung. Auf der anderen Seite konnte in Frankreich die moralische Autorität der überwiegend pazifistisch orientieren anciens combattants und vor allem die integrative Wirkung tiefverwurzelter republikanischer Symbole, Riten und Mythologien das vorhandene extremistische Gewaltpotential erfolgreich neutralisieren.
Ziemann verzichtet in seinem Beitrag auf eine vergleichbare Analyse der politischen Gewalt in Deutschland und skizziert stattdessen einen methodologisch orientierten Überblick der neueren Gewaltforschung zur Weimarer Republik, die unisono die Brutalisierungsthese relativiert und die Traditionslinien der politischen Gewalt auf lange Sicht in der semantischen Gewaltbereitschaft des rechten Lagers bereits vor dem Weltkrieg und auf kurze Sicht in der realen Gewalterfahrung der Freikorps in den "Bürgerkriegs"-Jahren 1918-23 verortet. Die neuere Forschung versucht dabei, das Phänomen der Nachkriegsgewalt von dem Interpretationshintergrund des Scheiterns der Republik zu lösen und, basierend auf einem neuen theoretischen Gewaltbegriff, der diese als soziale Handlung begreift, "dichte Beschreibungen" der Gewaltakte in ihrer Eigenlogik vorzunehmen. Ziemann plädiert allerdings für eine noch stärkere Differenzierung zwischen dem ideologischen und semantischen Diskurs über Gewalt und der tatsächlichen Gewalterfahrung der Akteure sowie für eine intensivere Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Aspekte.
Im Gegensatz zu den westeuropäischen Gesellschaften zeigt Beyrau auf, dass der Erste Weltkrieg nicht nur im "offiziellen" Gedächtnis der Sowjetunion als der "vergessene Krieg" (S. 98) gelten kann. Vielmehr wurde er durch die Erinnerung an den Bürgerkrieg als Selbstbehauptungskampf des Bolschewismus überlagert und als eigentliche Zäsur kann daher das Jahr 1917 gelten. Die russische Revolution und der folgende Bürgerkrieg waren demnach der Ausgangspunkt für die Eskalation ungehemmter Gewalt, zum einen weil die weitgehende Vakanz staatlicher Autorität das unkontrollierte Ausleben von älteren, zum Teil im Weltkrieg aktualisierten, sozialen, regionalen und ethnischen Spannungen beförderte. Und zum anderen weil sich die bolschewistische Partei und ihre (para-)militärischen Institutionen unter den Bedingungen des Bürgerkrieges zu militanten Kampfverbänden entwickelten, wobei sich sozial und ethnisch marginalisierte Bevölkerungsgruppen des Zarenreiches mit brutaler Gewalt als neue Elite zu etablieren versuchten. Es ist zwar richtig, dass der Bürgerkrieg als Bewegungskrieg eine andere Gewalterfahrung darstellt als der Stellungskrieg des Ersten Weltkrieges, aber die daraus abgeleitete These von Beyrau, die im Übrigen auch von Schumann vertreten wird, dass diese Kriegsform eine deutlich brutalisierendere Wirkung auf die Soldaten hatte, erscheint als eine Überschätzung der verrohenden Folgen von "face-to-face-killing" bei gleichzeitiger Unterschätzung der Abstumpfung und Gewöhnung an die alltägliche Gegenwart von Gewalt und Tod im Schützengraben.
Wròbel skizziert auf unsystematische und oberflächliche Weise die Einflüsse von Weltkrieg und Bürgerkrieg auf das osteuropäische Staatengeflecht, wobei er etwas wahllos das sich neu formierende Polen, die nach Unabhängigkeit strebende Ukraine und das Baltikum betrachtet. Seine zentrale These ist dabei, dass in den Jahren 1914-21 die überwiegend ländliche Bevölkerung dieser Regionen schlagartig mit einer "modernen" Gewalt konfrontiert wurde, die traditionelle Werte und Strukturen nachhaltig zerstörte, ein kulturelles Vakuum schuf und die Zivilbevölkerung als Folge davon radikalisierte und brutalisierte. Wie auch Beyrau für die Sowjetunion setzt er die Zäsur für die Eskalation ungehemmter Gewalt mit dem Jahr 1917 an. Mit seiner allzu simplen Dichotomie zwischen der "heilen" Welt des 19. Jahrhunderts (vor allem angesichts der langen Tradition antisemitischer Pogrome in Ostmitteleuropa) und der Gewaltsamkeit des 20. konterkariert Wròbel allerdings die Bemühungen des Bandes, nach Kontinuitätslinien der politischen Nachkriegsgewalt zu suchen und reproduziert damit auf neuer Ebene die Brutalisierungsthese.
Die vielfältigen Befunde dieses Ländervergleichs summiert Schumann in seiner Einleitung, indem er die Differenzen der Auswirkungen des Ersten Weltkrieges nicht entlang der gängigeren Schemata Sieger - Besiegte, Revolution - keine Revolution interpretiert, sondern auf eine bemerkenswerte Übereinstimmung mit der Typologie der Nationalstaaten von Theodor Schieder hinweist: demnach konnten die alten, gewachsenen westeuropäischen Nationen die politische Nachkriegsgewalt weitgehend unter Kontrolle halten, während die verspäteten, aus Einigungsbewegungen hervorgegangenen mitteleuropäischen Staaten mit der demokratiezerstörenden Gewalt paramilitärischer Gruppierungen konfrontiert waren und die nach dem Weltkrieg in Sezessionsbewegungen neuformierten Staaten Osteuropas in der entgrenzten Gewalt der Bürgerkriege versanken.
Der Band setzt insgesamt den Trend der neueren (Nach-)Weltkriegsforschung einer Relativierung von "klassischen" historischen Interpretationsmustern fort und eröffnet auch methodologisch neue Forschungsfelder, wobei der größte Forschungsbedarf wohl für den bisher zu wenig betrachteten osteuropäischen Raum besteht.
[1] Reichardt, Sven, Faschistische Kampfbünde. Gewalt und Gemeinschaft im italienischen Squadrismus und in der deutschen SA, Köln 2002. HistLit 2004-2-109 / Patrick Krassnitzer über Wirsching, Andreas; Schumann, Dirk (Hg.): Violence and Society after the First World War.München 2003. In:
H-Soz-u-Kult 15.05.2004 Hinweis:
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