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Band 4 • 2004

ISBN 3-86004-183-5

Querschnittsberichte vom Historikertag 2004

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Querschnittsberichte

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"Kommunikation und Raum" als Generalthema des Historikertages

Uffa Jensen

Besprochene Sektionen:

"Räumliche Ubiquität und kommunikative Lebensformen: Europäische Judenheiten zwischen Imperien, Nationalstaaten und Diaspora"
"Raum und Imperium. Kommunikationsgeschichte in Europa im langen 19. Jahrhundert"
"Raumvorstellung und Raumpolitik im Stalinismus. Kultur der Zentralität und Strategien ihrer Medialisierung"
"Crossing Cultures - Transkulturelle Kommunikationsräume in der Geschichte Afrikas"
"Repräsentation des Raumes: Das Beispiel der Karte"

Auf den Weg nach Ägypten und zurück reisten 1840 Adolphe Chrémieux und Sir Moses Montefiore durch Europa und statteten jüdischen Gemeinden sowie verschiedenen europäischen Regierungen einen Dringlichkeitsbesuch ab. Im fernen Damaskus waren uralte antijüdische Ritualmordvorwürfe wieder aufgekommen und hatten zu schweren Gewaltexzessen geführt. Unter Juden in ganz Europa kam es daraufhin zu Solidaritätsbekundungen. [1] Chrémieux' und Montefiores Reise stellte nicht nur ein erstes Beispiel moderner jüdischer Diplomatie dar. Zugleich reaktivierten die beiden jüdischen Honoratioren einen alten transnationalen Kommunikationsraum, den die Juden in früheren Jahrhunderten noch vor allem für geistlichen Austausch genutzt hatten. Mit dieser Reise zeigte sich, dass trotz der Emanzipations-, Säkularisierungs- und Akkulturationsprozesse, die ganz unterschiedliche europäische Judentümer entstehen ließ, Europa für Juden immer noch einen gemeinsamen Handlungsraum bilden konnte. Damit wurden die europäischen Juden jedoch zugleich zu einer transnationalen Gruppe im anbrechenden Zeitalter des Nationalismus - mit den bekannten Gefahren der Denunziation. Dan Diner (Leipzig) diskutierte dieses Beispiel in der von ihm organisierten Historikertagssektion "Räumliche Ubiquität und kommunikative Lebensformen: Europäische Judenheiten zwischen Imperium, Nationalstaaten und Diaspora". Das Ziel der Sektion lag genau darin, die komplizierten Raumverhältnisse zwischen Transnationalität und Nationalität zu erörtern, in denen die europäischen Juden im 19. Jahrhundert neue Kommunikationsbeziehungen aufbauten - sie eignete sich damit hervorragend als Einstieg in das Tagungsmotto des 45. Deutschen Historikertags in Kiel: Raum und Kommunikation.

Das Motto war ein Erfolg. Dass es im Vorfeld so viele Bewerbungen für Panels wie noch nie gegeben hatte, daran hatte nicht nur die erstmalige Ausschreibung durch einen "Call for Papers" Anteil, sondern auch das klug gewählte Großthema: Es war offen genug, um sehr unterschiedliche Zugänge und damit Sektionsthemen zu bündeln, und besaß zugleich ein für solche Veranstaltungen fast revolutionäres Innovationspotential. Schließlich werden über beide Begriffe innerhalb der Zunft und in den Nachbardisziplinen vielfältige methodische Grundsatzdebatten ausgefochten. [2] Wie stark das Oberthema wirkte, war auch daran zu merken, dass Diskussionsteilnehmer teilweise in Panels, die thematisch davon abwichen, eine stärkere Bezugnahme einforderten. Es sei jedoch ebenfalls angemerkt, dass die zweite wichtige Funktion solcher Tagungen - die Arbeit der Zunft als Ganzes zu dokumentieren - unter einer zu strikten Orientierung an einem Großthema auch leiden kann. Aber es wirkte sich in Kiel begünstigend aus, dass zumindest der Raumbegriff ein Anknüpfen an ältere historiografische Traditionen erlaubte, die allerdings in Deutschland ihre eigene belastete Vergangenheit besitzen und denen daher immer noch mit einigem Misstrauen begegnet wird. Insgesamt aber ist dem Historikertag für diese thematische Ausrichtung zu gratulieren, denn es wird nicht zuletzt dem Interesse weckenden Motto geschuldet gewesen sein, dass die Veranstaltungen insgesamt sehr gut besucht waren.

Gleichwohl ist die Frage erlaubt, ob vom Erfolg des Themas auf der zentralen Leistungsschau der deutschen Historikerinnen und Historiker auch auf eine breite Akzeptanz der darin liegenden innovativen Kraft geschlossen werden kann. Etwaige Befürchtungen, dass die historische Zunft zu alten und überholten Konzepten der Geopolitik zurückzukehren versuche, haben sich sicherlich nicht bestätigt. Dennoch manifestierte sich in den Verwendungsweisen des Raumbegriffes nicht selten eine alte Sehnsucht der Historikerinnen und Historiker, welche die kaum mehr zu zählenden methodischen Turns der letzten Jahrzehnte überlebt zu haben scheint: Der letzte, der "spatial turn" kann auch für eine Rückkehr zu einer vordiskursiven Vorstellung von "materieller Wirklichkeit" in Anspruch genommen werden. Im Schwelgen in räumlichen Gegebenheiten hofft man dann, die sprachliche Gebundenheit unseres Verständnisses von räumlichen Artefakten umgehen und zu den "Dingen an sich" zurückkehren zu können. Auf dem Historikertag lag das dort schnell nahe, wo man den zweiten Teil des Mottos - die Kommunikation - außer Acht ließ. Sollte das Beiwort Kommunikation von den Organisatoren ausgewählt worden sein, um die Panelteilnehmer davor zu bewahren, von einem Jenseits des Diskurses zu träumen? War das die geheime Absicht, so muss gleichwohl festgestellt werden, dass nur einige Sektionen und Referate sie verstanden und gerade die Verbindung von Raum und Kommunikation zu ihrem methodischen Ausgangspunkt erhoben haben. In anderen Sektionen wollten Historikerinnen und Historiker lieber selber "Raum machen" als das historische "Raum-Machen" zu analysieren.

Dass sich hinter der modischen Verwendung des Raumbegriffes durchaus eine Rückkehr zu alten Konzepten verbergen kann, wurde in der von Holm Sundhaussen (Berlin) geleiteten Sektion "Raum und Imperium. Kommunikationsgeschichte in Europa im langen 19. Jahrhundert" deutlich. Hinter dem spannend klingenden Signalwort der Kommunikationsgeschichte verbarg sich bei fast allen Vortragenden eine Betrachtung des Eisenbahnnetzes, das merkwürdigerweise mit einem Kommunikationsnetz weitgehend in eins gesetzt wurde. Dies böte an sich auch einen interessanten Ansatzpunkt, wenn man den Aufbau des Netzes mit der Frage verbinden würde, welche Folgewirkungen es in der jeweiligen Gesellschaft auslöste, d.h. in welcher Weise der schnellere Transport von Gütern, Nachrichten, Menschen - mithin die beschleunigte Überwindung des Raumes - die gesellschaftliche Kommunikation veränderte. So aber blieben einige der Vorträge dabei stehen, die politischen und ökonomischen Probleme sowie die jeweiligen Leistungen beim Eisenbahnbau in verschiedenen Gesellschaften aufzulisten. Es überraschte dann nicht mehr, dass in dieser Sektion "Raum" in der oben beschriebenen Weise die lang ersehnte Möglichkeit eröffnete, wieder über die "naturräumlichen Begebenheiten", mit denen sich die Eisenbahnbauer konfrontiert sahen, sprechen zu können. So wurde Raum zum bloß körperlichen Hindernis degradiert, das man nur überwinden muss, um ein neues Netz zu schaffen, das automatisch zu mehr Kommunikation führt. Hätte man die beiden Kategorien des Sektionsthemas wirklich ernst genommen, hätte man hingegen interessante Überlegungen komparativ verfolgen können: Gerade durch die Eisenbahn wurde Räumlichkeit auf ganz neue Weise zu einem Teil gesellschaftlicher Kommunikation, weil man sich über die Räume, durch die man sich plötzlich so schnell bewegen konnte, neu verständigen musste. Zugleich veränderten sich durch die Einführung der Eisenbahn (und des Telegrafennetzes, was in enger zeitlicher Nähe stattfand) die Bedingungen für Kommunikation innerhalb einer Gesellschaft und mit anderen Gesellschaften grundlegend. Solche Zusammenhänge muss man gleichwohl verfehlen, wenn man zu essentialistischen Aussagen über den Naturraum zurückkehren möchte. [3]

In der Sektion "Raumvorstellung und Raumpolitik im Stalinismus. Kultur der Zentralität und Strategien ihrer Medialisierung", von Jan Plamper (Tübingen) und Karl Schlögel (Frankfurt/Oder) geleitet, wurden Fragen der politischen Repräsentation mit und durch Raummetaphern und Räumlichkeit durchaus näher am Tagungsthema erörtert. Anhand von Stalin-Porträts demonstrierte Plamper, wie sich eine neue visuelle Ordnung in der Sowjetunion etablierte. Indem der Sowjetführer Stalin den Mittelpunkt von mehreren konzentrischen Kreisen bildete, erhielten die Darstellungen eine ruhige, machtvolle, heilige Aura, während bei Lenin-Porträts noch dynamische, lineare Bewegung den Grundton ausgemacht hatte. Plamper diskutierte zudem ausführlich die Produktionsbedingungen und Verbreitungsmöglichkeiten solcher Werke. Malte Rolf (Berlin) analysierte in seinem Vortrag die sowjetische Raumplanung und -politik, insbesondere in der russischen Provinz. Dabei betonte er vor allem den planerischen Kampf gegen einen noch immer religiös besetzten, traditionell geordneten Raum in diesen entfernten Regionen. Die Sowjetisierung des provinziellen Raumes geschah durch Inszenierung von profanen Plätzen, die nicht im Zentrum der traditionellen Städte lagen. An diesen Plätzen endeten beispielsweise die neuen Festumzüge, die von in der neuen sowjetischen Topografie wichtigen Orten (z.B. Fabriken) ausgehend einem neuen Zentrum zustrebten und so eine neue Ordnung des Raumes etablierten. Wie erfolgreich man damit letztlich war, kann man in den Städten heute sehen, da diese Zentren der 30er Jahre bis in die Gegenwart die städtischen Mittelpunkte bilden. Während Plamper in seinem Vortrag auf die Popularisierung der politischen Raumideale einiges Gewicht legte, blieb bei Rolf allerdings die Kommunikation der neuen Raumordnung etwas unterbelichtet, so dass die letztlich so erfolgreiche Ersetzung der traditionellen Raumstruktur noch immer verwundert.

In der Sektion "'Crossing Cultures' - Transkulturelle Kommunikationsräume in der Geschichte Afrikas", in die Winfried Speitkamp (Gießen) einführte, verdiente vor allem der von Clifford Geertz entlehnte Begriff der Kontaktzone besondere Aufmerksamkeit, in der sich laut Michael Pesek (Berlin) ostafrikanische Chiefs und europäische Forschungsreisende austauschten. Die Forscher waren auf die Ortskenntnis und das praktische Erfahrungswissen der lokalen Chiefs angewiesen und so entwickelten sich komplizierte Aushandlungsprozesse zwischen Europäern und Afrikanern, von denen Pesek u.a. die Blutsbrüderschaft hervorhob. Die Kontaktzonen erhielten dabei einen eigenständigen Wert mit einer eigenen Geschichte, in der die Forscher zunächst Wissen anhäuften, das ihnen bei ihren späteren Karrieren als Kolonialisten helfen sollte. Gegenüber gängigen Vorstellungen von Beherrschung und Ausbeutung wurde hier eine interessante Differenzierung von kolonialen Beziehungen erkennbar, weshalb eine eingehendere, theoretisch untermauerte Analyse dieser Zonen lohnen würde. Für eine solche dichte Beschreibung sollten jedoch gerade die räumlichen Aspekte dieser Austauschbeziehungen von Interesse sein, denn es ging nicht zuletzt um die Weitergabe entsprechender Kenntnisse durch die raumerfahrenen Chiefs.

In der Sektion "Repräsentation des Raumes: Das Beispiel Karte", die von Christof Dipper und Ute Schneider (beide Darmstadt) präsentiert wurde, führte letztere in die lange vergessene politische Bedeutung der Kartografie ein, in dem sie beschrieb, wie Karten der Beherrschung eines Raumes dienen können. Dabei diskutierte sie länger die Geburtsstunde der thematischen Karte im 19. Jahrhundert, die statistisches Wissen populär verbreitete und zugleich unsichtbar zu machen schien. In einem zweiten bemerkenswerten Vortrag dieser Sektion sprach Zoe Laidlaw (London) über die Bedeutung kartografischer Darstellung im britischen Imperialismus - und griff damit Gedanken von Ute Schneider wieder auf. Laidlaw zeigte vor allem einen Zusammenhang auf, nämlich dass in dem Moment, wo statistisches Material stärker auf professionelle Benutzer ausgerichtet wurde, Karten für die Allgemeinheit populärer wurden. Letztere erschienen ohne Interpretationsleistung lesbar zu sein; die in sie geflossenen Daten konnten so unhinterfragt vermittelt werden. Besonders spannend war dabei Laidlaws Analyse der kartografischen Ordnung des britischen Empires. Dabei ging sie nicht nur auf die Positionierung Englands im Mittelpunkt der Welt ein, sondern auch auf die rote Farbe, die auf kartografischen Darstellungen im 19. und 20. Jahrhundert zunehmend das Empire als einheitlichen Körper präsentierte, so dass allmählich nur noch von "The Red" die Rede sein konnte.
Die vielfältigen Erkenntnisse über Raum- und Kommunikationsstruktur, die man auf dem diesjährigen Historikertag durchaus gewinnen konnte, synthetisierten sich fast von selbst bei einem Rundgang über das Kieler Universitätsgelände, das der Konferenz den Rahmen bot. Als erfreuliches kommunikatives Zentrum stellte sich schnell eine gut gelegene Lounge und Kaffeebar heraus; die Mensa hielt in ihrer lichten Umgestaltung dem Ansturm der Tagungsteilnehmer stand; auch die Verlage waren dieses Mal mit ihren leicht erreichbaren Standorten zufrieden; ein ganzer Schwarm stets freundlicher Helferinnen und Helfer unterstützten jeden, der den Überblick verloren hatte. Ein Aspekt der Raumstruktur des Historikertages stach jedoch negativ heraus, möglicherweise, weil die Organisatoren gerade auf dieser Tagung sich selbst eine Frage nicht gestellt hatten: Was kommuniziert dieser Raum? Verräumlichte Distinktionsmechanismen sind immer noch beliebte Mittel, Botschaften zu kommunizieren, ohne sie aussprechen zu müssen. Offiziell stellte es der Historikertag als eine Öffnung, ein Zugeständnis an den drängenden Nachwuchs dar, zum ersten Mal auch Doktoranden und Doktorandinnen ein Forum für ihre Arbeiten zu bieten. In einem eigenen Raum durften sie auf Stellwänden dem naturwissenschaftlichen Vorbild entlehnte Plakate präsentieren, auf denen sie ihre Projekte in oft bemerkenswerter Weise vorstellten. Der Historikertag, auf dem sich diesmal auffällig mehr jüngere Kollegen und Kolleginnen an Sektionen beteiligten, bot damit erstmals allen Historikern und Historikerinnen ein Fachforum, allerdings zu unterschiedlichen Bedingungen.

Auch in Zukunft werden Doktorandinnen und Doktoranden wohl nicht in den Sektionen vortragen, die mindestens Promovierten vorbehalten bleiben. Ein Besuch des Doktorandenforums reichte aus, um über das entsprechend hierarchisierte Feld der deutschen Geschichtswissenschaft aufgeklärt zu werden: Obwohl viele der Plakate mit sehr viel Engagement erarbeitet worden waren, bekamen das nur wenige Besucher mit, da das Forum in einem eigenen Raum lag, der zudem abgelegen platziert und lange schlecht ausgeschildert worden war. Der Eindruck der organisatorischen Lieblosigkeit verstärkte sich durch das merkwürdige, wenig einladende Arrangement der Stellwände nur weiter. Dass man es für nötig gehalten hatte, den an sich sinnvollen Stand des Arbeitsamtes direkt am Eingang zum Doktorandenforum zu platzieren, konnte hingegen nur noch ungläubiges Kopfschütteln produzieren. Eine eigens angefertigte und bereitwillig von der freundlichen Arbeitsamtsberaterin verteilte Studie verriet den Besuchern (und nicht zuletzt den Ausstellern) die neuesten Arbeitslosenzahlen unter Historikern. Was wollten die Organisatoren des Historikertags mit dieser Raumpolitik kommunizieren? Die eh schon vorhandene räumliche Segregation kann man doch wohl nur als unmissverständliche Aussage verstehen: "Liebe Doktoranden, nehmt doch vielleicht gleich einen Hartz IV-Antrag mit, wenn Ihr schon mal hier seid. Ihr werdet ihn brauchen ..." Das Doktorandenforum dokumentierte damit in seltener Direktheit, dass der Historikerverband von seinem Tagungsmotto noch einiges lernen kann, oder zynischer: dass man dort die hierarchisierte Kommunikation über Räumlichkeiten sehr gut beherrscht.

Uffa Jensen ist DAAD-Fachlektor für Geschichte an der University of Sussex (GB). Seine Interessen- und Arbeitsgebiete sind: jüdische Geschichte, Geschichte des Antisemitismus, Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts und Medien- und Kommunikationsgeschichte.


[1] Vgl. dazu auch Frankel, Jonathan, The Damascus Affair. 'Ritual Murder', Politics, and the Jews in 1840, Cambridge 1997.

[2] Vgl. für die Geschichtswissenschaft Schlögel, Karl, Im Raume lesen wir die Zeit. Über Zivilisationsgeschichte und Geopolitik, München 2003 und Conrad, Christoph (Hg.), Mental Maps (Geschichte und Gesellschaft 28 (2002), Nr. 3), Göttingen 2002. Für die Diskussion in der neueren Geografie vgl. Werlen, Benno, Sozialgeographie alltäglicher Regionalisierungen (Erdkundliches Wissen), 2 Bde., Stuttgart 1995-1997; eine interdisziplinäre Diskussion soll demnächst dokumentiert werden in: Geppert, Alexander C.T. u.a. (Hgg.), Ortsgespräche. Raum und Kommunikation im 19. und 20. Jahrhundert, (im Erscheinen begriffen).

[3] Solche Überlegungen hätten durchaus bei bereits existierender Forschung ansetzen können, vgl. etwa Schivelbusch, Wolfgang, Geschichte der Eisenbahnreise. Zur Industrialisierung von Raum und Zeit im 19. Jahrhundert, 2. Aufl., Frankfurt am Main 2002.


Transnationale Geschichte

Vanessa Ogle

Besprochene Sektionen:

"Raum und Imperium. Kommunikationsgeschichte in Europa im langen 19. Jahrhundert"
"Räumliche Ubiquität und kommunikative Lebensformen: Europäische Judenheiten zwischen Imperien, Nationalstaaten und Diaspora"
"Die islamische Welt als translokaler Handlungs- und Kommunikationsraum in der Neuzeit"
"Normen, Netzwerke und Zivilisationen in der internationalen Geschichte (Neuzeit)"

"Wo?" - so könnte eine sehr kurze Version der folgenden Ausführungen über "Transnationale Geschichte auf dem Historikertag" auch lauten; glücklicherweise hieß die Themenvorgabe für diesen Querschnittsbericht nicht etwa "Alte Politikgeschichte auf dem Historikertag" oder "Untertheoretisierte Raumbegriffe auf dem Historikertag", denn dann hätte der Text wirklich umfangreich ausfallen müssen. Wer sich hingegen vornimmt, von einem deutschen Historikertag über "Transnationale Geschichte" zu berichten, läuft nach wie vor keine Gefahr, sich zu überarbeiten. So viel ist leider immer noch sicher.

Noch besser hätte man es vermutlich nur mit "Außereuropäische Geschichte auf dem Historikertag" treffen können, und das ist Teil eines mittlerweile hinlänglich bekannten und diskutierten Problems. Eine Geschichtswissenschaft jenseits des Nationalstaats, welche die vielfältigen Austausch- und Interaktionsbeziehungen zwischen vermeintlich abgegrenzten Entitäten in den Blick nimmt und ihre Fragen quer zu den Nationalgeschichten stellt, ist als methodisches Konzept nicht notwendigerweise auf Themen der außereuropäischen Geschichte festgelegt, sondern kann unter bestimmten Gesichtspunkten ebenso gewinnbringend innerhalb von Raumeinheiten wie "Europa" oder "Asien" praktiziert werden. Nur darf dabei, erstens, nicht übersehen werden, dass jene Interaktions- und Beziehungsräume, die durch transnationale Bezüge überhaupt erst konstituiert werden, oftmals eben mit den gesetzten geografischen Analyseeinheiten nicht in Deckung zu bringen sind. Zudem erschließt sich die Genealogie etwa der europäischen Moderne, zweitens, vielfach erst durch Bezüge und Verflechtungen zwischen Weltregionen, und diese globalgeschichtliche Dimension der transnationalen Geschichte fehlte auf dem 45. Deutschen Historikertag in Kiel nahezu gänzlich.

Was blieb also anderes übrig als der Versuch, zwischen "Raum und Kommunikation" irgendwo im Bereich der Neueren Geschichte doch noch ein wenig Transnationalität in den Beiträgen aufzuspüren, die im Rahmenthema implizierten theoretischen Prämissen berechtigten ja durchaus ein wenig zu der Hoffnung, auch fündig zu werden. Auf drei Aspekte, die in verschiedenen Vorträgen zu im weitesten Sinne potenziell transnationalen Themen immer wieder auftauchten, und die für transnationale und globale Geschichten von zentraler Bedeutung sind, soll im folgenden anhand einzelner Vortragsbeispiele näher eingegangen werden.

Staat und Staatlichkeit markierten einen ersten Schwerpunkt. Der Geschichtswissenschaft fällt es nach wie vor nicht leicht, (National) Staaten und Staatlichkeit nicht als Norm, sondern als historische Ausnahmen zu betrachten und diese nicht stillschweigend immer und überall vorauszusetzen, bzw. ihr Fehlen nicht als mangelhaftes Abweichen von der Norm zu werten. Die Sektion "Raum und Imperium. Kommunikationsgeschichte in Europa im langen 19. Jahrhundert" (Leitung: Holm Sundhaussen, Berlin) versprach, mit dem Begriff des "Imperiums" ein Gebilde in den Blick zu nehmen, dem zuletzt auch im Hinblick auf die europäische Geschichte eine gewisse Erklärungskraft als Alternative zum nationalstaatlichen Blick attestiert worden ist. Anstatt jedoch anhand der gewählten Fallbeispiele Preußens bzw. des Deutschen Reichs, des Russischen Reichs, des Habsburger Reichs, des British Empire und des Osmanischen Reichs Empire-Konzepte zu diskutieren, oder, wie ein Zuhörer in der Schlussdiskussion forderte, der Frage nachzugehen, wie "europäisch" das Ganze denn nun sei, entpuppte sich diese Sektion im Wesentlichen als Eisenbahngeschichte. Reichlich unterbelichtet blieb auch die von den Organisatoren ins Feld geführte so genannte "Janusköpfigkeit" derartiger Techniken, die einerseits die Integration peripherer Gebiete, andererseits regionale Autonomisierung ermöglicht hätten. Die Forschung zur aktuellen und zur historischen Globalisierung verhandelt derartige Entwicklungen seit geraumer Zeit etwa unter dem Schlagwort der "Glokalisierung" und hätte zahlreiche Anschlussmöglichkeiten geboten.

Markus Kirchhoff (Leipzig) behandelte in seinem Vortrag "Angesichts des geographical turn: Neue Diplomatiegeschichte der Juden in transnationaler Perspektive" innerhalb der Sektion mit dem opaken Titel "Räumliche Ubiquität und kommunikative Lebensformen: Europäische Judenheiten zwischen Imperien, Nationalstaaten und Diaspora" (Leitung: Dan Diner, Leipzig) Potenziale einer jüdischen Diplomatiegeschichte. Diplomatische Kontakte fänden, referierte Kirchhoff, dem allgemeinen Verständnis nach zwischen Völkerrechtssubjekten statt. Da jedoch ein jüdischer Staat lange Zeit nicht existierte und dieses Kriterium damit nicht erfüllt war, handle es sich bei jüdischer Diplomatie aus dieser Perspektive gewissermaßen um ein "Kuriosum". Nun hatten Wissenschaftler- oder Künstlerpersönlichkeiten, die sowohl in der Frühen Neuzeit als auch bis hinein in das Zeitalter der Nationalstaatlichkeit etwa im Rahmen des blühenden und thematisch überaus vielfältigen Kongresswesens der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts das betrieben, was als Diplomatie beschrieben werden kann, auch keinen "Staat". Nur wenn Staatlichkeit als Regelfall und Voraussetzung von Außenpolitik und Diplomatie gesehen wird, erscheint die Diplomatie nichtstaatlicher Akteure kurios. Fragestellung und Anlage des Vortrages blieben so ein wenig der nationalgeschichtlichen Perspektive verhaftet.

Dass es auch ohne "Staat" geht, zeigte Laurence Marfaing (Berlin) in ihrem Beitrag "Vom Senegalfluss nach Fès - Pilgerfahrt und Handel im Sahara-Sahel Raum" innerhalb der Sektion "Die islamische Welt als translokaler Handlungs- und Kommunikationsraum in der Neuzeit" (Leitung: Ulrike Freitag, Berlin; eine von zwei Sektionen, die sich ausschließlich mit Themen der nichtwestlichen Geschichte befassten). Marfaing beschrieb anhand der Pilgerfahrt der Tijaniyya-Bruderschaft vom Senegal ins marokkanische Fès und später nach Casablanca den Zusammenhang von religiösen und ökonomischen Praktiken. Der Vortrag analysierte die Strukturen des informellen Handels, der zunächst am Rande der Pilgerfahrt stattfand und diese dann zunehmend überlagerte, in einer Perspektive der langen Dauer vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart - jenseits der wechselnden staatlichen Strukturen. Man hätte sich an dieser Stelle vielleicht noch ein paar allgemeinere Bemerkungen zum Verhältnis von Religion und Ökonomie in der Moderne gewünscht, da hierin ein interessanter Rahmen für globale Fragestellungen und Perspektiven liegen könnte.

Ein zweites, mehrere Beiträge durchziehendes Thema war Mobilität. Die Zirkulation von Menschen, Gütern und Ideen jenseits festgelegter räumlicher und politischer Einheiten erhielt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch Innovationen im Transport- und Kommunikationswesen eine neue Qualität. Erst als Reaktion auf diese Mobilität wird die zunehmende Abgrenzung und Abschottung nationaler Räume voneinander etwa durch Einwanderungsgesetze, Grenzposten oder protektionistische Wirtschaftsformen in der Hochphase des Nationalismus verständlich. Derartige dialektische Verquickungen von Verflechtung und Abschottung sind ein zentrales Thema transnationaler Geschichten. Ravi Ahuja (Heidelberg) machte in seinem Vortrag über Eisenbahnbau in Britisch-Indien (Sektion "Raum und Imperium") deutlich, wie sehr derartige neue Techniken in kolonialen Kontexten die Mobilität nicht nur der Kolonialherren, sondern auch der kolonialen Subjekte förderten und damit nicht mehr nur ein Instrument imperialer Durchdringung, sondern plötzlich auch eine Bedrohung darstellten. Die Pilgerfahrt konnte nun von zuvor ausgeschlossenen sozialen Schichten angetreten werden, und in den Zügen entstanden neue Begegnungsräume. Bahnhöfe wurden zu zentralen Orten des Konflikts und der Berührung zwischen einer Kolonialmacht, die keineswegs nur repräsentativ spürbar war, und ihren Untertanen. In lagerähnlichen Strukturen wurden hier im großen Maßstab kollektive Impfungen und andere Kontrollmaßnahmen durchgeführt. Nichts fürchteten die Kolonialherren so sehr wie ungeregelte Mobilität. Anstatt hier wiederum den Begriff der "Janusköpfigkeit" zu verwenden, wäre es gewinnbringender gewesen, auf das durch diese deutlich außerdiskursive, nichtrepräsentative Dimension ergänzte postkoloniale Konzept der Ambivalenz zurückzugreifen.

Einen weiteren interessanten Aspekt von Mobilität verfolgte Madeleine Herren (Zürich) in der Sektion "Normen, Netzwerke und Zivilisationen in der internationalen Geschichte (Neuzeit)" (Leitung: Matthias Schulz, Nashville) am Beispiel der Frage, inwiefern sich die in den zahlreichen Internationalismen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts ausgedrückte Zugehörigkeit zu einer globalen Welt-Zivilgesellschaft auch am Beispiel globalisierter Biografien untersuchen ließe. Herren beschrieb in ihrem Vortrag "In this century, Clio has become for all the world a cosmopolitan. Netzwerke der Zivilgesellschaft im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert" den Fall eines "Felix Krull" der internationalen Aktivitäten dieser Zeit, dessen Reisen und Mitgliedschaften in Organisationen bald so zahlreich wurden, dass sie die Möglichkeiten behördlicher Erfassung sprengten. Die Echtheit seiner angegebenen wissenschaftlichen Qualifikation und akademischen Grade bleibt im Dunkeln, seine wortwörtliche Karriere ist in einzelnen Punkten schlicht nicht mehr nachvollziehbar - nicht weil er zu wenig in Erscheinung getreten wäre, sondern weil es zu viele Auftritte waren. Derartige Selbstinszenierungen globaler Individuen wären tatsächlich einmal genauer zu untersuchen, und man darf auf Herrens hoffentlich folgende Ausführungen zum Thema gespannt sein.

Ein drittes zentrales Thema waren die Kategorien von Raum und Zeit. Das Problem der Rekonfiguration von Raum und Zeit besitzt für eine transnationale oder Globalgeschichte eine mindestens doppelte Dimension. Periodisierungen und die Auswahl von Untersuchungsräumen waren bisher meist am "Modell" der europäischen Geschichte ausgerichtet. Solche eurozentrischen Ordnungsentwürfe wurden nichtwestlichen Geschichten einfach übergestülpt, was nicht passte, wurde an den Rändern rechts und links weggeschnitten. Und weil hier und da doch noch etwas rausguckte und die Sache nicht ganz rund war, erklärte man die anderen Geschichten dann gleich noch für defizitär. Gleichzeitig ist die Verschiebung von Raum- und Zeitvorstellungen mit der Entstehung von "Netzwerkgesellschaften" und dem Eindruck einer Überwindung von Raum und Zeit ein wichtiges Element auf der diskursiven Ebene transnationaler und globaler Geschichten. Dan Diner machte in seinem die Sektion "Räumliche Ubiquität" einleitenden Beitrag "Gleichzeitigkeiten von Raum- und Zeiterfahrungen der Juden - Zur Theorie jüdischer Geschichtlichkeit jenseits historischer Periodisierung" auf den besonderen Umgang mit den Kategorien Raum und Zeit aufmerksam, den eine transnationale (jüdische) Geschichte erfordere. Zentral ist dafür einerseits das sakrale jüdische Zeitverständnis, das sich in einer ahistorischen Bewegung an der überzeitlichen Beständigkeit von Textualität orientiert. Parallel waren jüdische Lebenswelten jedoch immer eingebettet in räumliche und zeitliche Kontexte einer nicht-jüdischen Umwelt, welche diese Vorstellungen kontrastieren kann. Die diasporische Lebensform der Juden hat darüber hinaus kommunikative Netzwerke ausgebildet, die wiederum andere Raum-Zeit-Begriffe hervorbrachten. Eine nicht länger eurozentrische Periodisierung jüdischer Geschichte müsste, so Diner, eben diese komplexen Synchronizitäten und Diachronizitäten in Erfahrungs- und Erinnerungsräumen berücksichtigen. Diese übertragbaren Befunde könnten und sollten vielfache Anknüpfungspunkte etwa für die Geschichte globaler Migrationszusammenhänge als kultureller Dimension von Globalisierung bieten.

Neben diesen drei thematischen Schwerpunkten, die verschiedene Sektionen durchzogen, erscheinen weiterhin zwei Einzelfälle erwähnenswert. Etwas mehr Bewusstsein für Transnationalität hätte man sich in der "Geschichte der Kriegsberichterstattung" gewünscht. Vom Siebenjährigen Krieg über den Deutsch-Französischen Krieg und den Burenkrieg bis zum Krieg in Bildern im 20. Jahrhundert und dem Krieg im Irak im Jahre 2003 blieb eine Dimension der Kriegsberichterstattung weitgehend unbeleuchtet: Wenn imperiale und/oder koloniale Mächte in der so genannten Neuzeit Kriege führten, dann handelte es sich dabei meist um globale Ereignisse, wenn auch in unterschiedlichem Umfang sicherlich, und mit verschiedener Intensität. Um ein Beispiel zu nennen: Als britische Truppen in den frühen 1880er Jahren verschiedentlich im Sudan intervenierten und Krieg führten, waren indigene indische Zeitungen voll von Berichten über diese Ereignisse, weil erstens in Frage gestellt wurde, warum Indien finanziell für die Beteiligung seiner Kolonialsoldaten an diesem britischen Unterfangen aufkommen sollte, und weil zweitens grundsätzlich erörtert wurde, dass hier unter Umständen Muslime gegen Muslime kämpften. Und in Europa beispielsweise schaute man aus der Perspektive der Konkurrenten im beginnenden Wettlauf um Afrika auf diese Kämpfe. Derartige globale Bezüge und Wahrnehmungen von Kriegsereignissen sind zahlreich, so dass Kriegsberichterstattung und später der Typus des Kriegsberichterstatters als zentrale Medien zur Herstellung globaler Diskussionszusammenhänge oder gar Öffentlichkeiten gelten müssen. Einzig Andreas Steinsieck (Braunschweig) hat in seinem Beitrag über den Burenkrieg auf die zentrale Rolle der Kolonialkriege (als einer Form kolonialer Globalität) für die Professionalisierung der Kriegsberichterstattung hingewiesen. Der Beitrag von Gerhard Paul (Flensburg) über die fotografische Kriegsberichterstattung im 20. Jahrhundert kam ohne Hinweis auf die Bedeutung der Bilder aus dem Vietnamkrieg für die Entstehung transnationaler sozialer Bewegungen aus, und Karl Prümm (Marburg) verzichtete darauf, die von ihm analysierte Fernsehberichterstattung über den Irak-Krieg in Deutschland mit der neuen Rolle arabischer Fernsehsender wie Al-Jazeera in diesem globalen Medienkrieg in Verbindung zu setzen.

Vom Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD) weitgehend unbemerkt, hatte sich eine Sektion in das Programm geschlichen, die konzeptionelle Fragen und praktische Probleme einer Globalgeschichte erörterte. Das Panel "Geschichtskultur im Umbruch: Neue Standards und global orientiertes Geschichtsbewusstsein", das leider parallel zu der anderen (!) ausschließlich mit außereuropäischer Geschichte befassten Sektion stattfand, hatte sich allerdings in didaktische Gewänder hüllen müssen, um der gestrengen Aufsicht des Verbandes zu entgehen. Matthias Middell (Leipzig) skizzierte dort die überwiegend amerikanischen Tendenzen und Strömungen welt- und globalgeschichtlicher Forschung der jüngeren Zeit, und Susanne Popp (Siegen) sprach von Seiten der Didaktiker über neue Standards für den Geschichtsunterricht und die Schwierigkeiten, angesichts der momentan in Deutschland erhältlichen Universitätsausbildung für Historiker, Kompetenzen auf diesem Gebiet zu erlangen und damit den Fragen und Bedürfnissen in den längst globalisierten Klassenzimmern gerecht zu werden. Ernst Ulrich von Weizsäcker (Berlin) mochte die Historizität der Globalisierung nicht recht einsehen und stellte das Phänomen als neuartige Entwicklung maximal der letzten dreißig Jahre dar, in denen ein Welttrend zur Machtverlagerung vom öffentlichen in den privaten Bereich zu konstatieren gewesen sei. Dagegen ließe sich viel einwenden, doch ein Argument Weizsäckers ist durchaus bedenkenswert: Wer behaupte, Globalisierung habe es schon immer gegeben, liefere eben jenen Profiteuren der Globalisierung im privaten Sektor eine perfekte Legitimation. Sebastian Conrad (Berlin) sprach sich denn auch dafür aus, Globalisierung nicht analog zu Modernisierung als "Erfolgsgeschichte" der Vernetzung zu feiern, sondern vielmehr die zahlreichen Brüche und Fragmentierungen einer Geschichte der Globalisierung zu berücksichtigen, die keinesfalls immer linear zu Homogenisierung geführt habe. Mit Blick auf die wissenschaftliche Umsetzung von Globalgeschichte plädierte Andreas Eckert (Hamburg) für mehr kollektive Forschung angesichts der Herausforderung dieser neuen Fragestellungen und die Bündelung gerade auch von sprachlichen Kompetenzen in Forschungsverbünden, die etwa Japanologen, Afrikanisten, Islamwissenschaftler und Südasienwissenschaftler vereinen.

Diese Fächer, um das Problem abschließend noch einmal allgemeiner zu betrachten, sprechen aufgrund der Hochschulorganisation und der Fakultätsstrukturen an deutschen Universitäten normalerweise nicht miteinander. Da erscheint es fast symptomatisch, dass recht zeitnah zum Historikertag und doch von der Geschichtswissenschaft vermutlich weitgehend unbemerkt vom 20. bis 24. September in Halle an der Saale der 29. Deutsche Orientalistentag stattgefunden hat. In Deutschland bekommen alle Fächer, die irgendwie ein bisschen seltsam und anders sind, zur Sicherheit traditionell lieber einen eigenen Tag. Unter "Orient" firmiert von Afrikanistik bis Zentralasien dort dann alles, was so richtig nach Orchidee aussieht. Wie wäre es zum Beispiel, wenn der VHD mal mit Kooperationsideen für solche Veranstaltungen an historisch arbeitende "Orientalisten" herantreten würde? All die Argumente rund um derartige Strukturen und Anforderungen, welche eine zunehmend globalisierte Welt auch an die Geschichtswissenschaft stellt, sind in den vergangenen Jahren zur Genüge geäußert worden. Die Reaktionen sind wenig rühmlich: Solange es grundsätzlich bleibt, sind vollmundige Bekenntnisse und Zustimmung rasch geäußert. Sobald konkrete Entscheidungen zu treffen sind, will niemand der Erste sein, der abgeben muss. Dies gilt für die Neubesetzung des Direktorenpostens am Max-Planck-Institut für Geschichte in Göttingen ebenso wie für die Panelzusammenstellung beim Historikertag. Der VHD hat sich in den vergangenen Jahren unter dem Vorsitz Manfred Hildermeiers erstaunlich beratungsresistent gezeigt in Sachen Änderungsbedarf und Erweiterungen des Gegenstandes. Es bleibt zu hoffen, dass sich dies in neuer personeller Besetzung ändern wird. Sonst schenken wir uns Konstanz nämlich und fahren lieber im kommenden September zum "Ersten europäischen Kongress für Welt- und Globalgeschichte" nach Leipzig.

Vanessa Ogle ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin. Sie arbeitet an einem Dissertationsprojekt zur Geschichte der Einführung der Weltzeit in globaler Perspektive.


Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte

Roman Köster

Besprochene Sektionen:

"Beschleunigung und Ausdehnung – Konturen der Bankgeschichte vom 15.-20. Jahrhundert"
"Raum und Finanzen der Stadt am Übergang vom Spätmittelalter zur frühen Neuzeit"
"Zwischen „Globalisierung“ und Konfessionalisierung: Kommunikation und Raum in der hansischen Geschichte"
"Der Raum des Unternehmens – das Unternehmen im Raum"
"Raumbildung als Mentaler Prozess: Schwerindustrielle Ballungsregionen im Vergleich"

Vorbemerkung
Die Themenvorgabe "Raum und Kommunikation" stellte für die Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte eine wirkliche Herausforderung dar. Musste sich doch ein derzeit eher in der Defensive befindlicher Bereich mit zwei zentralen Kategorien der Kulturgeschichte auseinandersetzen, die der Wirtschaftsgeschichte in einigen Bereichen das Wasser abgräbt. Das wurde auch auf dem Historikertag in Kiel deutlich und führte teilweise zu ärgerlichen Resultaten, etwa wenn in der Sektion über "Raum und Imperialismus" Eisenbahngeschichte unter völliger Ausblendung ökonomischer Aspekte getrieben wurde. Dies wurde pragmatisch damit begründet, dass die Wirtschaftsgeschichte des Eisenbahnbaus bereits gut erforscht sei. Aber: funktioniert so ein pragmatisches Arrangement wirklich ohne entscheidende Verluste? Zweifel sind angebracht. Demnächst wird man vielleicht eine Geschichte der Industrialisierung schreiben können, die von wirtschaftshistorischen Aspekten abstrahiert, weil diese schon so gut erforscht seien. Auf solchen Wegen wird dann auch ein ökonomisches Paradethema wie die Globalisierung zu einem kulturgeschichtlichen Phänomen erklärt. Die überragende Bedeutung der Wirtschaft für die moderne Gesellschaft und die Rolle von Unternehmen als ihre entscheidenden Institutionen wird, diesen Eindruck gewinnt man mitunter, zur Zeit in den Geschichtswissenschaften weggeredet. Die von der Wirtschaft im Zuge der Zwangsarbeiterdiskussion reichlich bewilligten Drittmittel für Forschungsarbeiten wurden zwar gerne mitgenommen, nach Abklingen dieser Sonderkonjunktur wird der Bereich der Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte aber institutionell weiter dramatisch beschnitten, wie die Lehrstuhlstreichungen in Hamburg und München belegen.

Gerade vor dem Hintergrund dieser Situation war es interessant zu beobachten, wie das Fach sich zweier kulturalistischer Leitvokabeln "Raum und Kommunikation" annimmt und ob es in der Auseinandersetzung in der Lage ist, sich auf seine eigenen Traditionen und Stärken zu besinnen. Immerhin hat gerade die Unternehmensgeschichte die kulturalistische Wende durchaus rezipiert und darüber weit hinausgehend eine anspruchsvolle Methodik entwickelt, mit der sie sich in den Geschichtswissenschaften nicht zu verstecken braucht. Dass sie diese Methodik leider häufig exklusiv für sich hat, mag auch an vernachlässigter Themenbesetzung und mangelnder Selbstvermarktung liegen; an "Begattungsscheu" (Stuart Jenks) leidet die Wirtschaftsgeschichte aber eigentlich nicht.

Im Folgenden möchte ich den Bericht in vier sektionsübergreifende thematische Schwerpunkte gliedern, in denen versucht wird, die insgesamt sehr disparaten Konzepte und Vorstellungen von Raum und Kommunikation inhaltlich zu ordnen. In den ersten beiden Abschnitten steht ein eher pragmatisches Verhältnis zum Raum im Vordergrund. Zunächst wird Raum als neu zu erschließendes Territorium behandelt, daran anschließend geht es um Raum und Kommunikation unter Kostengesichtspunkten. Hier existieren innerhalb der Wirtschaftsgeschichte bzw. Nationalökonomie mit der Raumwirtschaftslehre und der Standorttheorie immerhin zwei wichtige Anknüpfungspunkte. Daneben standen einige Vorträge unter dem Zeichen der andauernden Rezeption der Neuen Institutionenökonomik, deren Verständnis von Raum und Kommunikation sich von kulturalistischen Ansätzen scharf abhebt. Die direkte Auseinandersetzung mit solchen Ansätzen steht in den folgenden beiden Abschnitten im Fokus der Betrachtung. Zunächst geht es um die raumprägende Kraft von Industrialisierungsprozessen, wie diese Prozesse kommunikativ verarbeitet wurden und zur Ausbildung bestimmter regionaler Selbstbilder beitrugen. Nicht zuletzt sind es aber Unternehmen, die Räume prägen, die darüber hinaus aber auch ein Innenraum auszeichnet, der von seiner Umwelt streng geschieden ist. Um diesen sozialen Raum "Unternehmen" geht es im letzten Abschnitt.

Die Erschließung von Raum
Im Zuge territorialer Veränderungen, der verwaltungsmäßigen und verkehrstechnischen Erschließung von Regionen oder der Anbahnung neuer Handelsbeziehungen ist Raum zunächst in unterschiedlichem Grad terra incognita. Mit diesen Entwicklungen im Zusammenhang stehen deshalb vielfältige Kommunikationsprozesse, die interkulturelle Probleme verarbeiten und Neues mit Altem konfrontieren. Diese Probleme stellen sich in besonderem Maße für den Bankensektor, der ein höchst unsicheres Geschäft betreibt und darum umso mehr auf Vertrauen und stabile Netzwerkstrukturen angewiesen ist. Solche Aspekte standen deshalb in der Sektion über die "Expansion des Bankgewerbes" im Vordergrund. So stellte Markus A. Denzel (Bozen/Leipzig) in seinem Beitrag über die Ausweitung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs in der Frühen Neuzeit heraus, dass Banken als Finanzinstitutionen ein besonderes Interesse an längerfristigen Geschäftsbeziehungen hatten, die sich in Form belastbarer Netzwerke gestalteten. Dazu bedurfte es aber nicht nur der kommunikativen Verständigung, sondern auch einer Vereinheitlichung der technischen Mittel, also der Finanzinstrumente. Denzel wies dabei besonders auf die Dezentralität des europäischen Finanzmarkts hin; so wurden in der Frühen Neuzeit hoch dotierte Wechsel längst nicht nur in London gehandelt, sondern auch in (von ihm besonders untersuchten Fall) Bozen und anderswo. Jürgen Nautz (Wien) beschrieb die Filialpolitik der österreichischen Nationalbank bis zum Ersten Weltkrieg. Die Bank verband die Funktion einer Notenbank mit der einer Geschäftsbank. Durch letztere Funktion geriet die Nationalbank in das Spannungsfeld der Interessen diverser Statusgruppen und wurde darüber hinaus ein Politikum im Kontext des Nationalismus. Die Filialpolitik konnte so als bewusste Benachteiligung bestimmter Bevölkerungsgruppen gedeutet werden. Dabei fiel gerade die Ausweitung des Filialnetzes seit 1878 in eine Zeit, in der beispielsweise der ungarische Nationalismus seine höchste Blüte erlebte, für den die wirtschaftliche Benachteiligung Transleithaniens ein wichtiger Topos war.

Die Verbindung der räumlichen Expansion mit der Ausweitung der Geschäftsbeziehungen war das Thema des Referats von Niklaus Bartlome (Bern) in der Sektion über "Raum und Finanzen in der Stadt am Übergang vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit". Er trug die Finanzen Berns in diesem Zeitraum vor und stellte sich dabei besonders die Frage nach dem Zusammenspiel von politischer Machtausdehnung und der nachhaltigen Verbesserung der Stadtfinanzen während des 16. Jahrhunderts, die vor allem durch die zunehmende administrative Erschließung neugewonnener Territorien ermöglicht wurde.

Zuweilen konnte mit "räumlicher Expansion" allerdings auch schlicht verbrecherische Gebietsbesetzung gemeint sein. Der Beitrag von Harald Wixforth (Bielefeld) in der Bankensektion war in diesem Zusammenhang der einzige Beitrag zur nationalsozialistischen Unternehmensgeschichte auf dem Historikertag. [1] Wixforth ging es in seinem Beitrag um das Zusammenspiel von Netzwerkpolitik und räumlicher Expansion der Berliner Großbanken, vor allem der Dresdner Bank, während des Nationalsozialismus. Dabei konstatierte er zunächst eine Veränderung des Charakters bestehender Netzwerke. Die traditionelle Form der Netzwerkpflege wurde ersetzt durch einen aggressiven Lobbyismus, durch dessen zeitweilige Erfolge sich die zumeist jüngeren Protagonisten gegenüber der älteren Generation in der Bank durchsetzen konnten. Erstere waren es auch, welche die Expansionspolitik der Dresdner Bank in die besetzten Gebiete forcierten. Gerade jedoch dieser nationalsozialistische "Banker-Typus" überschätzte die sich in den besetzen Gebieten bietenden Karrierechancen. Nach dem Krieg kehrte man relativ rasch wieder zu den hergebrachten Formen der Netzwerkpolitik zurück.

In der Forschung zur Bankengeschichte und in der Wirtschaftsgeschichte generell hat der Netzwerkbegriff bereits seit längerem Konjunktur. Jedoch wurden leider neben den klar auf der Hand liegenden Stärken seine auch vorhandenen Schwächen kaum thematisiert. Vor allem suggeriert dieser Begriff mitunter eine Wettbewerb und Unsicherheit weitgehend ausschließende Planbarkeit und Eindeutigkeit von Geschäftsbeziehungen, die so kaum immer gegeben war. Eine etwas explizitere Rezeption der soziologischen Netzwerktheorien hätte man sich an dieser Stelle gewünscht. Trotzdem ist er als heuristische Kategorie für die Wirtschaftsgeschichte von großem Wert, was sich auch an seiner zunehmenden Verbindung mit institutionenökonomischen Ansätzen zeigt.

Raum und Kommunikation als Kostenfaktoren
Die Wirtschaftsgeschichte - nimmt man die Jüngere Historische Schule der Nationalökonomie als wichtigen Traditionsstrang - hatte seit jeher ein eher pragmatisches Verhältnis zum Thema Raum. In der Raumwirtschaftslehre und der Standorttheorie taucht Raum in erster Linie als Kostenfaktor und weniger ideologisierend als "Kulturlandschaft" auf. Raum und Kommunikation unter Kostengesichtspunkten werden in der aktuellen Debatte vor allem von der Neuen Institutionenökonomik ins Spiel gebracht, die die These vertritt, dass Wachstum und Entwicklung hauptsächlich von den jeweils gültigen Institutionen (in einem sehr weiten Sinn verstanden) abhängt. In der Wirtschaftsgeschichte, dies zeigte der Historikertag in Kiel, hat dieser Ansatz weiterhin einen guten Stand. Jedoch wirkt auf so manchen die ökonomische Terminologie anscheinend etwas abschreckend. Dabei illustriert der zentrale Begriff "Transaktionskosten" lediglich einen einsichtigen Zusammenhang, nämlich dass die Anbahnung, Durchführung und Abwicklung von Geschäftsbeziehungen Kosten produziert. Dabei sind mit Kosten nicht nur direkte Geldzahlungen gemeint, sondern beispielsweise auch der Aufwand an Zeit, die man anderweitig nutzen könnte.

Die Bedeutung von Transaktionskosten versuchten vor allem Stephan Selzer (Kiel) und Stuart Jenks (Erlangen) in der Sektion "Zwischen Globalisierung und Konfessionalisierung" über die Geschichte der Hanse deutlich zu machen. Selzer ging es in erster Linie darum, am Beispiel der Geschäftsbeziehungen verschiedener Kaufleute die Bedeutung der Netzwerkbildung zur Senkung von Kosten herauszuarbeiten, die bei der Auswahl von Geschäftspartnern, der Qualitätskontrolle, der Absicherung von Transporten etc. entstanden. Der Aufbau langfristiger Geschäftsbeziehungen schuf Vertrauen, wodurch die enormen und formal-rechtlich wenig regulierten Risiken des Fernhandels reduziert werden konnten. Selzer unternahm so den Versuch, einen mikroökonomischen Blick auf die Formen der Geschäftsbeziehungen innerhalb der Hanse zu werfen. Dabei handelt es sich durchaus um einen innovativen Zugang, nämlich um den Ansatz zu einer "Unternehmensgeschichte" der Hanse.

Stuart Jenks Ausführungen gingen hingegen stärker von einer volkswirtschaftlichen Perspektive aus. Wie Selzer trat er der These Wolfgang von Stromers von der innovatorischen Rückständigkeit der Hanse entgegen. Einsichtig konnte er darlegen, dass ein innovatorischer Rückstand sich mit einer immerhin 400jährigen Geschichte schwer in Einklang bringen lässt. Da zudem die Erklärung, die Hanse habe sich allein durch die Ausnützung einer einmal gewonnenen Machtposition so lange gehalten, als nicht überzeugend zurückgewiesen werden muss, stellt sich dringend die Frage nach der ökonomischen Rationalität des Hanse-Handels. Das war im Übrigen auch ein Punkt, den Carsten Jahnke (Kiel) in der Sektion über die Konturen der Bankgeschichte vom 15.-20. Jahrhundert klar und überzeugend betonte. Er widersprach der Meinung, es habe vor dem 17. Jahrhundert im norddeutschen Raum keine bedeutenden Bankgeschäfte gegeben - die noch dazu mit rückständigen Finanzinstrumenten durchgeführt worden seien. Vielmehr seien die Bankgeschäfte auf die spezifischen persönlichen Beziehungen zwischen den Kaufleuten ideal abgestimmt gewesen. Insofern kann man den Beitrag von Jahnke auf derselben Linie wie die Beiträge von Selzer und Jenks verorten, auch wenn er nicht explizit transaktionskostentheoretisch argumentierte.

Insgesamt zeigte sich, dass die Neue Institutionenökonomik mit der kulturalistischen Aufladung der Begriffe Raum und Kommunikation wenig gemeinsam hat. Das mag daran liegen, dass diese Begriffe im Theoriegebäude eben in Form von Kosten auftauchen, die es aus dem ökonomischen Kalkül heraus zu minimieren gilt. Raum ist als natürlicher Raum eine Barriere, die es zu überwinden gilt. Das zeigte sich auch in der Sektion über "Der Raum des Unternehmens - das Unternehmen im Raum" in dem Referat von Marcel Boldorf (Mannheim) über das protoindustrielle Textilgewerbe in Nordirland: Der Verleger als Zwischenhändler kam immer dann ins Spiel, wenn zu hohe Transaktionskosten beim traditionellen Kaufsystem anfielen, also wenn beispielsweise die regionalen Märkte zu weit entfernt und schwer zu erreichen waren. Hier scheint der Raum in der Bilanz in Form von Transportkosten auf und nicht durch seine soziale Konstruktion. Und auch wenn in Netzwerken viel kommuniziert wird und man den Formen dieser Kommunikation durchaus eine eigene Validität zuschreiben kann, dient sie doch in erster Linie der Vermeidung von noch mehr Kommunikation, deren Aufwand sich in Such-, Kontroll- und sonstigen Arten von Transaktionskosten äußern würde. Insofern hat die Neue Institutionenökonomik einen angenehmen Pragmatismus für sich. Zugleich ist dieser Ansatz jedoch - wegen der Perspektive der Kostenminimierung - wenig angetan, ein positives Verständnis von Raum und Kommunikation zu gewinnen, wie es in den kulturalistische Ansätzen versucht wird.

Industrialisierung und Raum
Wirtschaftliche Entwicklungen haben eine raumprägende Kraft, und das ist nicht nur streng geopolitisch gemeint; häufig dominieren sie das Selbstverständnis von Regionen, die sich wie z.B. das Ruhrgebiet stark über ihre schwerindustrielle Vergangenheit definieren. Für diese raumprägende Kraft lassen sich aber auch andere Fälle anführen: Frankfurt mit seinen Hochhäusern und seinem durch die Finanzwirtschaft geprägten Publikum wäre ein ähnlich gutes Beispiel.

Die Sektion "Raumbildung als mentaler Prozess: Schwerindustrielle Ballungsregionen im Vergleich" ging diesem Problem nach und stellte weiter die Frage, wie die Formen der regionalen Selbstbeschreibung auf die Deindustrialisierung reagierten, die in den schwerindustriellen Ballungsregionen Westeuropas durchgängig zu beobachten ist. Keine Region in Deutschland ist dabei so offensichtlich durch die Schwerindustrie geprägt worden wie das Ruhrgebiet. Dementsprechend verwies Klaus Tenfelde (Bochum) in der Einleitung zu der Sektion explizit auf diesen Zusammenhang. Er stellte die Frage nach der Kontinuität der regionalen Raumleitbilder und dem Verhältnis von Selbst- und Fremdwahrnehmung. Zugleich verwies er darauf, dass sich die kommunikative Bearbeitung solcher Prozesse von den sozialen Trägerschichten der Industrialisierung durchaus ablösen kann. So sei der Raumdiskurs im Ruhrgebiet mehr eine Sache der gebildeten Mittelschicht, während das Raumverständnis der Unterschichten eher "affektuell" sei. Die hohe Persistenz der Ruhrgebietsbilder wird, empirischen Erhebungen zufolge, jedenfalls besonders von den mittleren Einkommensklassen getragen.

Diese einleitenden Worte verwiesen bereits auf einen der vielen Spannungspunkte, die in den verglichenen schwerindustriellen Regionen auftraten. Dabei handelte es sich um Süd-Wales (Stefan Berger, Glamorgan), das Ruhrgebiet (Stefan Goch, Gelsenkirchen), Nord/Pas-de-Calais (Jean-Francois Eck) und Asturien (Holm-Delev Köhler). In allen Beispielfällen zeigte sich, dass die Ausprägung des regionalen Selbstverständnisses eng an den Industrialisierungsprozess gekoppelt war. Dabei definierten sich diese Regionen, die häufig auch keine natürlichen Grenzen hatten, zunächst nicht als einheitlicher Raum. Die Identitätsbildungen gingen zunächst von dem sozialen Gefälle und der Konfrontation sozialer Milieus aus. Die Vorstellung vom Ruhrgebiet als einer eigenständigen Region wurde, wie Stefan Goch herausstellte, erst in der Zwischenkriegszeit virulent - zumal das Revier in dieser Zeit im Zentrum brisanter politischer Auseinandersetzungen stand. Erstaunlicherweise führte aber vor allem die Deindustrialisierung in den behandelten Regionen zu einer Verstärkung des regionalen Selbstverständnisses. Einerseits vielleicht kompensatorisch, als Reaktion auf soziale Abstiegserfahrungen, zumal in Nord/Pas-de-Calais, Süd-Wales und Asturien der Strukturwandel sehr viel langsamer als im Ruhrgebiet vor sich ging. Andererseits konnte Stefan Berger anhand der Entstehung zweier Industriemuseen in Wales demonstrieren, dass dem langsamen Übergang zu einer neuen Normalität häufig politische Initiativen zur musealen Erhaltung des industriellen Erbes gegenüberstanden. Ganz allgemein sahen sich die Regionen vor dem Problem, dass mit der Außerdienstsstellung von Zechen und Stahlwerken die Areale und industriellen Artefakte nicht ebenfalls verschwanden. Das hatte zum einen stadt- und raumplanerische Folgen, zum anderen hielten und halten diese Artefakte die Erinnerung an das Vergangene aufrecht. Der Titel des Vortrags von Stefan Berger: "Von Landschaften des Geistes zu Geisterlandschaften" illustrierte dieses Problem durch seine Mehrdeutigkeit.

Die Sektion bot insgesamt eine spannende komparative Perspektive auf verschiedene schwerindustriell geprägte Regionen, die sich erstaunlicherweise nicht nur in ihrem wirtschaftlichen Entwicklungsgang glichen: auch die kommunikative Bewältigung von Aufstieg und Niedergang der Schwerindustrie ähnelte sich in den behandelten Regionen frappierend. Vielleicht ist das der beste Beleg dafür, dass wirtschaftliche Entwicklungen eine Eigenlogik besitzen, die regionale Besonderheiten des Raumes transformiert und überformt.

Nicht zuletzt sind es vor allem Unternehmen, die den Raum von Regionen bzw. Städten prägen. Das gilt in Deutschland wiederum besonders für das Ruhrgebiet, wo die großen Unternehmen der Schwerindustrie die Struktur einzelner Städte bestimmten, diese mitunter überhaupt erst entstehen ließen. Mark Stagge (Essen) führte mit der Firma Krupp in der Sektion über den "Raum des Unternehmens" einen Fall vor, der in seinen Dimension schwer zu überbieten sein dürfte. In einer grafischen Darstellung der räumlichen Entwicklung des Unternehmens konnte er zeigen, wie dieses sukzessive über den Essener Stadtkern hinauswuchs und ihn geradezu überwältigte. Krupp zerteilte die Stadt, indem sich das weit ausgreifende Werksgelände als Grenze zwischen verschiedene Stadtteile schob. Zugleich zeigte sich aber auch hier das Problem, das auch in der Sektion über die schwerindustriellen Ballungsregionen diskutiert wurde, dass nämlich mit dem Verschwinden des Unternehmens, das nach der Fusion zu Thyssen-Krupp heute in Duisburg noch ein symbolisches Büro besitzt, die Prägung des Raumes nicht ebenso verschwindet. Krupp in Essen, das bedeutet eine stadtplanerisch hoch bedeutsame Lücke, von der momentan noch unklar ist, ob und wie sie denn einmal geschlossen werden kann.

Das Unternehmen als sozialer Raum
Über ihre raumprägende Wirkung hinaus besitzen Unternehmen einen Innenraum, der durch eine klare und - besonders im Kruppschen Fall - schwer durchlässige Grenze von seiner Umwelt geschieden ist. Das mag erklären, dass das Verhältnis zwischen Krupp und der Stadt Essen keineswegs zu jedem Zeitpunkt als symbiotisch bezeichnet werden kann. Das Schild mit der Aufschrift: "Sie verlassen das Werksgelände. Gute Fahrt!" an einer Werkausfahrt von Krupp illustriert diesen Zusammenhang in besonders schöner Weise.

Dieser soziale Raum Unternehmen ist Ort von sozialen Aushandlungsprozessen und Ort der sozialen Konstruktion des Unternehmens. Ruth Rosenberger (Trier) konnte in ihrem Vortrag "Der Raum als Organisationselement" über den Beitrag der betriebspsychologischen Beratung zum Wandel des betrieblichen Sozialraums zwischen 1945-1975 deutlich machen, in welchem Maße Unternehmen sich wissenschaftliche Expertise zu Nutzen machten und dies mit vermeintlichen Trends einer "Demokratisierung" von Unternehmen zusammenhing. Rosenbergers zentrale These war, dass die betriebspsychologische Beratung mit dazu beitrug, die Unternehmen seit den 1960er Jahren zunehmend nach außen hin zu öffnen und dabei deren Selbstbild entscheidend zu veränderten. Auch wenn die Grenzen von Unternehmen - systemtheoretisch gesprochen - nicht verschwinden können, weil ansonsten das Unternehmen als Organisation aufhören würde zu existieren, wurden diese jedoch insgesamt durchlässiger. Das betonte ebenfalls Rainer Gries (Heidelberg/Jena) in seinem Vortrag, wobei er Produkte als Medien konzeptualisierte, mittels derer Unternehmen mit ihren potenziellen Käufern kommunizieren. Dabei brachte er insbesondere die Einführung der Selbstbedienung mit der zunehmenden Ausweitung der Produktkommunikation (in Form von Verpackung, Werbung etc.) in Verbindung. Stärker um die Konfliktaustragung innerhalb von Unternehmen ging es schließlich Karl Lauschke (Dortmund), der den Zusammenhang von technischer Rationalisierung in den 1960er Jahren mit den Veränderungen des sozialen Raums Unternehmen am Beispiel der Einrichtung einer Fertigungsstraße bei VW in Wolfsburg untersuchte.

Fazit
Was sind nun die Schlussfolgerungen, die sich aus dem Kieler Historikertag aus wirtschaftshistorischer Perspektive ergeben? Thematisch ist in jedem Fall positiv herauszustellen, dass die Wirtschaftsgeschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit in immerhin zwei eigenen Sektionen ein Forum bekam, nachdem dieser Bereich doch gegenüber der Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts in den letzten Jahren ins Hintertreffen geraten ist. Dass sich dieser Bereich auch stärker als vordem theoretischen Ansätzen zuwendet, kann ebenfalls nur begrüßt werden.

In den neuzeitlichen wirtschafts- und unternehmensgeschichtlichen Sektionen zeigte sich insgesamt eine enorme thematische und methodische Spannbreite, die von einem strikt pragmatischen Verständnis von Raum und Kommunikation hin zu stark kulturalistischen und systemtheoretischen Ansätzen reichte. Hier fehlte manchmal etwas die klare Linie, obwohl man sich natürlich darüber streiten kann, ob ein solcher Methodenpluralismus eher ein positives oder ein negatives Zeichen für die Situation der Wirtschaftsgeschichte ist. Bei der guten Qualität der Vorträge im einzelnen, hätte man sich von den Protagonisten jedoch mitunter etwas mehr Mut zur prononcierten These gewünscht, gerade auch um die speziell wirtschaftshistorische Sichtweise auf die historischen Probleme stärker zu betonen und trennschärfer zu konturieren. Die hoch emotionale Diskussion in der Hanse-Sektion konnte man diesbezüglich jedenfalls geradezu als befreiend empfinden. Etwas mehr Selbstbewusstsein würde der Wirtschaftsgeschichte - wie der Geschichtswissenschaft überhaupt - nicht schlecht zu Gesicht stehen.

Roman Köster ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt und promoviert über die Geschichte des Fachs Nationalökonomie während der Weimarer Republik.


[1] Das kann aber eigentlich nicht erstaunen, muss sich diese Disziplin doch - wie Christian Kleinschmidt (Bochum) einleitend zu der Sektion "Unternehmen im Raum" anmerkte - vom "Zwangsarbeiterboom" erst wieder distanzieren, um nicht auf diesen Themenkomplex reduziert zu werden.


Jüdische Geschichte

Miriam Rürup

Besprochene Sektionen:

"Räumliche Ubiquität und kommunikative Lebensformen: Europäische Judenheiten zwischen Imperien, Nationalstaaten und Diaspora"
"Juden und Räume. Selbstgestaltung und Fremdbestimmung in Europa während des Mittelalters und der Frühen Neuzeit"
"Kommunikative Konstruktionen eines Raumes - Juden in Polen und das Ghetto"

Ein erster Blick in das Programm des 45. Deutschen Historikertages in Kiel lässt einen erstaunt die starke Präsenz von jüdischer Geschichte feststellen: Drei Sektionen beschäftigten sich in Kiel mit Fragen zur jüdischen Geschichte - als epochenübergreifend galten dabei die Sektionen von Dan Diner (Leipzig/Jerusalem) "Räumliche Ubiquität und kommunikative Lebensformen: Europäische Judenheiten zwischen Imperien, Nationalstaaten und Diaspora" und von Alfred Haverkamp (Trier) "Juden und Räume. Selbstgestaltung und Fremdbestimmung in Europa während des Mittelalters und der Frühen Neuzeit"; der Zeitgeschichte zugeordnet wurde die Sektion von Katrin Steffen (Warschau) zum Thema "Kommunikative Konstruktionen eines Raumes - Juden in Polen und das Ghetto". Was aber ist jüdische Geschichte? Was entsprechend dem Programm des 45. Deutschen Historikertages in Kiel unter jüdischer Geschichte zu verstehen ist und wie bzw. ob sich die mottogebenden Kategorien Raum und Kommunikation zum Verständnis von jüdischer Geschichte eignen, ist hier die Frage.

Ubiquitäre Geschichte
Kann die Kategorie "Raum", die sich hier in allen Titeln wieder finden lässt, ebenso wie die Kategorie "Kommunikation" als besonderes Kennzeichen jüdischer Geschichte gesehen werden? Sicherlich sollte die Bezugnahme in Sektions- und Vortragstiteln auf ein Tagungsmotto nicht überbewertet werden. Dennoch - für die jüdische Geschichte scheinen die gewählten Kategorien durchaus zutreffend zu sein; oder anders formuliert: im Gegensatz zu den Motti der bisherigen Historikertage "Intentionen - Wirklichkeiten" (Frankfurt/M. 1998), "Eine Welt - Eine Geschichte?" (Aachen 2000), "Traditionen - Visionen" (Halle 2002) drängte das diesjährige Thema eine Beschäftigung mit jüdischer Geschichte geradezu auf. Schließlich ist diese gekennzeichnet von stetiger Bewegung - sowohl im räumlichen Sinne von Migration als auch von der alltäglichen - kommunikativen - Bewegung zwischen den "Kulturen"; zwischen der eigenen, jüdischen Kultur und der jeweils hegemonialen, christlich oder muslimisch geprägten Kultur. Jüdische Geschichte ist transnational und, um es mit einem Begriff, der der ersten Sektion zur jüdischen Geschichte entlehnt ist, zu sagen: ubiquitär.

Insofern könnte man einwenden, dass jüdische Geschichte ohnehin nicht im beschränkten Kontext der deutschen Geschichte betrachtet werden sollte. Ebendies zu umgehen versuchten alle Sektionen zur jüdischen Geschichte. Den Anfang - im chronologischen Ablauf des Historikertages gesehen, aber auch bezüglich dieses Ansatzes - machte die Sektion des in Leipzig angesiedelten Simon-Dubnow-Instituts für jüdische Geschichte und Kultur, die vom Direktor des Instituts, Dan Diner, geleitet wurde. Diner wies darauf hin, dass die jüdischen "Lebenswelten" in jeweils unterschiedlichen Kontexten eingebettet sind - sowohl räumlich als auch zeitlich. Diese Kontexte sind einerseits von der nichtjüdischen Umgebung (mit)bestimmt, zugleich verlaufen sie jedoch auch entgegen den hegemonialen Zeit- und Raumvorstellungen. Gerade diese Ubiquität ist es, die deutlich macht, dass jüdische Geschichte nicht isoliert betrachtet werden kann. Weder im innerjüdischen Kontext - die Geschichte der osteuropäischen Juden im Budapest der 1920er Jahre kann beispielsweise nicht betrachtet werden ohne die Migration Budapester Juden nach Berlin wahrzunehmen - noch im "außerjüdischen" Zusammenhang - so bliebe die Gründung der ersten studentischen zionistischen Vereinigungen an deutschen Universitäten im Kaiserreich unvollständig ohne eine Betrachtung der antisemitischen russischen Gesetzgebung: Denn ohne die Studenten, die aufgrund der Repressalien an den russischen Universitäten zum Studium nach Deutschland kamen, wären zwar studentische Vereinigungen und Verbindungen gegründet worden, eine zionistische Prägung hätte sich jedoch möglicherweise erst wesentlich später entwickelt. [1]

In seinen einleitenden Worten ging Dan Diner auch auf das spezifisch jüdische Zeit- und Raumverständnis ein. Anhand der Damaskusaffäre von 1840 verdeutlichte er sowohl einen Wandel im innerjüdischen Selbstverständnis in der Moderne als auch die ersten Schritte auf dem Weg zur Etablierung eines europäischen Forums des Völkerrechts, in dem bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts verschiedene Fürsprecher der disparaten Judenheiten auf internationalem Parkett agierten. Eine Entwicklung, die - aus der Perspektive des 20. Jahrhunderts betrachtet - als Vorstufe im Kampf um Minderheitenrechte und Minderheitenschutz angesehen werden kann. Dieser Minderheitenschutz sollte im Übrigen über die jüdischen Bevölkerungsgruppen hinausgehen und auch beispielsweise die "imperische Bevölkerung" (Diner) der Deutsch-Balten umfassen.

Der hier gleichsam durch die Hintertür eingeführte pluralisierte Begriff der "Judenheiten" scheint - sieht man über seinen altmodischen Klang hinweg - gut geeignet zur Bezeichnung der verschiedenen Ausprägungen jüdischer Vergesellschaftungsformen in den disparaten europäischen Räumen. Besonders geeignet vor allem deswegen, weil er der Vorstellung einer homogenen Einheit "der Juden" entgegenwirkt; eine Einheitlichkeit, die auch in der Gestaltung der Programme der Historikertage, die jüdische Geschichte fast immer als Separatgeschichte vermitteln, zu finden ist.

Weitere Vorträge dieser Sektion waren vorwiegend Auszüge aus aktuellen Forschungsprojekten von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen des Simon-Dubnow-Instituts; sie beschäftigten sich mit so unterschiedlichen Themen wie dem "jüdischen Ansiedlungsrayon" im 19. Jahrhundert (Yvonne Kleinman) oder einer "Neuen Diplomatiegeschichte der Juden in transnationaler Perspektive" (Markus Kirchhoff). Das breite Themenspektrum der Sektion spiegelte zwar einerseits die anregende Vielfalt von Forschungsgebieten in einem Institut zur jüdischen Geschichte wider. Andererseits zeigte sie aber auch ein Problem auf, das durch die Konstruktion und Zusammensetzung der Sektionen auf diesem Historikertag bzw. den Historikertagen allgemein zu bemerken ist: viele Institute nutzen die Gelegenheit einer Sektion vor allem dazu, ihr Profil darzustellen, und weniger zur Abhandlung eines gemeinsamen Themas. Dem entsprechend fehlte den Vorträgen in der Sektion des Leipziger Instituts auch ein gemeinsames Erkenntnisinteresse, mithin auch der rote Faden, der möglicherweise eine anschließende Diskussion lebhafter gemacht hätte. Wenn der gemeinsame inhaltliche Nenner einer Veranstaltung lediglich die "jüdische Geschichte" ist, so ist dies schon wieder fast zu beliebig, und es stellt sich der Zuhörerin die Frage, ob die einzelnen Vorträge nicht in anderen Sektionen thematisch besser untergebracht gewesen wären. [2] Denn so gingen die einzelnen, zum Teil sehr ehrgeizigen Projekte eher unter, einzelne Vorträge hätten eventuell in anderen Sektionen besser kontextualisiert werden können.

Konstruktion von Raum - Dekonstruktion von Begriffen
Von seinem methodischen Ansatz her verwies der o.g. Vortrag von Yvonne Kleinmann über den "jüdischen Ansiedlungsrayon" bereits auf das Thema der Sektion zu den "Kommunikativen Konstruktionen eines Raumes - Juden in Polen und das Ghetto". Hier sollte es nicht in erster Linie darum gehen, die historischen Fakten über das Leben der jüdischen Bevölkerung in den verschiedenen Staaten, Zeiten und Territorien am Beispiel der existenten oder eben gerade nicht existenten Ghettos nachzuzeichnen. Vielmehr wurde ein in der Historiografie wie auch in der historischen Bildung (nicht zuletzt in Schulbüchern) zumeist unhinterfragter Begriff vom "Ghetto" dekonstruiert. Was Yvonne Kleinmann für den Begriff des "Ansiedlungsrayons" vorgeführt hatte, unternahmen auch die Vorträge von Jürgen Heyde (Halle), Alina Cala (Warschau), Anne Lipphardt (Potsdam/Leipzig) und Katrin Steffen (Warschau) für den Begriff des "Ghettos".

"Ghetto" als "emotionsgeladene Metapher für die Trennung von Juden und Christen" (Heyde) zu klassifizieren, war Bestandteil aller Vorträge. Jürgen Heyde zeichnete darüber hinaus die gesamteuropäische Rezeption des Ghetto-Begriffes nach, die ihren Anfang in dem Emanzipationsdiskurs der deutschen Juden im ausgehenden 18. und gesamten 19. Jahrhundert nahm. Zunächst bezeichnete "Ghetto" eine Ortsbeschreibung, wie bei der Einrichtung des namensgebenden und damit ersten Ghettos in Venedig im Jahr 1516, die sich erst in einem langwierigen Bedeutungswandel veränderte. Wie Alina Cala darstellte, war der Begriff "Ghetto" in Polen zunächst völlig unüblich und wurde auch dann - jedenfalls bis zur Einrichtung nationalsozialistischer Ghettos - mehr als Chiffre verwendet als für einen tatsächlich vorhandenen Raum. Welcher Akteur was unter dieser Chiffre verstand, und welchen Zweck auch immer er mit deren Verwendung für einen bestimmten Zustand verfolgte - stets ging es eher darum, eigene Zugehörigkeiten zu beschreiben. So diente der Begriff beispielsweise (wie im Falle der Zionisten) dazu, in tiefer Ambivalenz sich entweder vom Ghetto als Hort der Orthodoxie abzugrenzen, das Ghetto mithin als Inbegriff der Rückständigkeit zu begreifen, oder aber es als Quelle jüdischer Authentizität im Gegensatz zu den Entfremdungen der Moderne wahrzunehmen. [3] Was nun die Historiografie betrifft, so droht bei der Übernahme des chiffrenartigen Begriffes "Ghetto" ähnlich wie beim Begriff des "Ansiedlungsrayons" eine Tendenz, Unterschiede zwischen den Akteuren und den Ländern zu annullieren. Die "eine" Form von Ghetto hat es nie gegeben, ebenso wenig wie im Osten Europas eine "in sich geschlossene Judenheit in abgeschlossenen Räumen gelebt" hat, worauf auch Katrin Steffen in ihrem Vortrag über den "Ghetto"-Begriff in jüdischen und nichtjüdischen Diskussionen zu Beginn des 20. Jahrhunderts hinwies.

Ein historiografischer Perspektivwechsel wurde dann im Vortrag von Anne Lipphardt deutlich, die das jüdische Stadtviertel in Wilna im Spiegel jiddischer Quellen aus der Zwischenkriegszeit betrachtete. Ihr Ansatz wie auch die Sektion in ihrer Gesamtheit trugen dazu bei, eines der großen Masternarrative der Geschichtsschreibung über die Juden zu dekonstruieren. So ist die deutsch-jüdische, und auch die zionistische Geschichtsschreibung viele Jahre und etliche Werke hindurch davon geprägt gewesen, jüdische Geschichte als eine Geschichte von Ausgrenzung und Verfolgung zu schreiben. [4] Der detaillierte Blick auf Interaktion zwischen den "Ausgegrenzten" und "Verfolgern", die Lipphart am Beispiel des Wilnaer jüdischen Viertels aufzeigte, öffnet ein Bild auf die Geschichte der Juden in west-, mittel- und ostmitteleuropäischen Metropolen, das mitnichten von beständigem Zwang und permanenter Diskriminierung geprägt war. So sollten offiziell seit 1633 im Wilnaer jüdischen Viertel nur Juden wohnen, dieses Ansinnen wurde von den Behörden jedoch nie umgesetzt.

Das Bemühen um die Überwindung der Perspektive auf "Verfolgte und Verfolger" wurde auch im Titel der von Alfred Haverkamp (Trier) geleiteten Sektion zu "Juden und Räume. Selbstgestaltung und Fremdbestimmung in Europa während des Mittelalters und der Frühen Neuzeit" deutlich. Hier schilderte Zofia Kowalska am Beispiel des mittelalterlichen Krakau, die "Gestaltungsräume" der jüdischen Gemeinde, eine Vielfalt von Wechselbeziehungen zwischen jüdischer und nichtjüdischer Bevölkerung. [5] Damit wurde auch in dieser Sektion einer adäquaten Betrachtung innerjüdischer Diversität und unterschiedlicher Zugehörigkeiten Rechnung getragen. Insgesamt folgten die anderen Vorträge in Haverkamps Sektion, die der Vormoderne gewidmet war, eher einer klassischen deutsch-jüdischen Geschichtsschreibung, die die jüdische Bevölkerung im Verhältnis zu ihrer Umwelt vor allem sozialgeschichtlich betrachtet und damit teilweise auch dem Narrativ der Ausgrenzungsgeschichte erliegt.

Ein Vortrag aus der Sektion eröffnete jedoch auch ein weiteres wichtiges Thema. Zentral für die Bedeutung der jüdischen Geschichte für die gegenwärtige Gesellschaft ist ihre Vermittlung in der Schule. Martin Liepach (Frankfurt/M.) fragte nach der "Rezeption der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Geschichte der Juden im Geschichtsunterricht". Die Brisanz einiger seiner Feststellungen wird deutlich, wenn festgestellt werden muss, dass mittelalterliche und frühneuzeitliche Geschichte der Juden im Unterricht nahezu ausschließlich am Beispiel von Kreuzzügen und den Pogromen während der Pestzeit dargestellt wird - und sich damit ein weiteres Mal auf die reine Verfolgungsgeschichte reduziert. Wenn man bedenkt, wie sehr "Identität" durch geschichtliches Bewusstsein formiert und damit in der Schule präformiert wird, so wird die immense Wichtigkeit differenzierter Vermittlung von einzelnen Aspekten jüdischer Geschichte bereits in der Schule besonders deutlich. [6]

Wichtige Beiträge zur "Jüdischen Geschichte" auf dem Historikertag fanden sich neben den Sektionen im erstmals eingeführten Doktorandenforum, auf dem Promovierende auf Postern in kurzen Sätzen oder grafischen Darstellungen die wesentlichen Thesen oder Quellen ihrer Dissertationsprojekte vorstellen konnten. [7]

Ausblick
Im Rückblick auf jüdische Geschichte auf dem Historikertag bleibt gleichsam als Ausblick festzustellen, dass die Frage, zu deren Beantwortung ein solcher Querschnittsbericht oder die Beschäftigung mit jüdischer Geschichte allgemein beitragen kann, nicht so sehr lautet: "Was ist jüdische Geschichte", sondern vielmehr: "wo ist der Ort der jüdischen Geschichte in der Geschichtsschreibung?" Das Ergebnis einer solchen Reflexion könnte auf absehbare Zeit sein, dass beim Durchblättern zukünftiger Historikertags-Programme keine Sektionen zur jüdischen Geschichte zu finden sein werden, sondern dass jüdische Geschichte als möglicherweise gar paradigmatische Kategorie in die allgemeine Geschichtswissenschaft eingegangen sein wird. [8] Damit würde man wieder an die Anfänge der "Wissenschaft des Judentums" zurückkehren, als die Berliner Universität 1848 dem seinerzeit wichtigsten Protagonisten dieser Wissenschaft, Leopold Zunz, einen Lehrstuhl für jüdische Geschichte verweigerte mit der Begründung, es sei "nicht zweckmäßig […], daß die jüdische Geschichte aus dem wissenschaftlichen Verbande mit der allgemeinen herausgerissen werde." [9] Dass die Motivation hinter dieser Ablehnung damals eine antisemitische war und damit der heutigen Forderung, jüdische Geschichte als Teil der allgemeinen Geschichte zu begreifen, nicht gleichzusetzen ist, versteht sich von selbst. Dennoch besteht in der Tendenz, jüdische Geschichte separat von anderer Geschichte und anderen Geschichten abzuhandeln, die Gefahr, "Juden durch die Geschichtsschreibung zu ghettoisieren", wie es Monika Richarz anmerkte. [10]

Diese Tendenz birgt jedoch nicht nur lediglich eine Gefahr, sondern auch eine Chance in sich. Diese Chance bestünde darin, dass jüdische Geschichte als eine Art "Gegengeschichte" [11] geschrieben werden könnte, eine Gegengeschichte, durch die Strömungen und Entwicklungen der "allgemeinen" Geschichte in einem Mikrokosmos gewissermaßen gespiegelt, exemplarisch nachvollzogen und damit verständlicher werden können. Wenn man jüdische Geschichte in diesem Sinne als paradigmatisch versteht, so könnte eine andere, ebenfalls in ihren Anfängen marginalisierte "Geschichte" möglicherweise sinnvolle Anregungen geben. Die Geschlechtergeschichte ist zunächst als "Frauengeschichte" ebenfalls aus der Erfahrung der Randständigkeit entstanden - sowohl wissenschaftspolitisch als auch, was die "Forschungsobjekte" betraf. Insofern könnten die methodischen Herangehensweisen der Geschlechtergeschichte auch für die Erforschung von jüdischer Geschichte ertragreich sein - so beispielsweise der von Judith Butler eingeführte Begriff der "Performativität", wonach jüdische Identität analog zur weiblichen oder männlichen Identität als konstruiert und durch "Performanz" entstanden analysiert werden kann. Damit könnte der umstrittene Begriff der "Assimilation" wenn nicht abgelöst so doch erweitert werden. Weitere methodische Anregungen bietet die historische Anthropologie, die die Akteure in den Mittelpunkt stellt und nicht an erster Stelle nach ihrer Relevanz und Stellung im politischen und historischen Gesellschaftsgefüge fragt, sondern Beziehungsgeflechte zwischen Männern und Frauen, Männern und Männern, Juden und Nichtjuden in den Blick nimmt. Wie es Ute Frevert für die Geschlechtergeschichte formulierte, lädt diese dazu ein, "die Kontaktstellen und Beziehungsgeflechte zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Frauen beziehungsweise Männern in den Blick zu nehmen und die Frage nach Machtverhältnissen nicht nur zwischen den Geschlechtern, sondern auch innerhalb der Geschlechtergruppen zu stellen" - und, könnte man hinzufügen, nicht nur die Machtverhältnisse zwischen Juden und Nichtjuden, sondern auch innerhalb der jüdischen Gemeinschaft. [12]

Jüdische Geschichte ist immer auch, aber bei weitem nicht ausschließlich eine Geschichte der Marginalisierungen. Es ist ebenso eine Geschichte der Überwindung der diversen Marginalisierungen, des Versuchs, Teil der Hegemonialgesellschaft zu werden oder in verschiedenen (Sub-)Kulturen selbst hegemonial sein. In keinem Fall ist jüdische Geschichte auf die Geschichte von Verfolgung und Ausgrenzung begrenzt, wie die überwiegende Mehrheit der Vorträge zu diesem Thema auf dem Historikertag in Kiel gezeigt hat. Diese Loslösung von großen Narrativen kann durch Anregungen aus anderen geschichtswissenschaftlichen Gebieten - wofür die Geschlechtergeschichte nur ein Beispiel war - vorangetrieben werden und damit zu einer Überwindung der Abgrenzung auch der jüdischen Geschichte beitragen.

Miriam Rürup promoviert z.Zt. als Stipendiatin der Zeit-Stiftung am Simon-Dubnow-Institut in Leipzig zu jüdischen Studentenverbindungen an deutschen Universitäten in Kaiserreich und Weimarer Republik.


[1] Vgl. dazu Zimmermann, Moshe, Jewish Nationalism and Zionism in German-Jewish Students' Organisations, in: Leo Baeck Institute Yearbook 27 (1982), S. 129-153; Rürup, Miriam, Jüdische Studentenverbindungen im Kaiserreich. Organisationen zur Abwehr des Antisemitismus auf "studentische Art", in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 10 (2000), S. 113-137.

[2] Diese Sorge beschrieb Ute Frevert bezüglich der jüdischen Geschichte als "Gefahr der Isolation und Selbstbegrenzung", vgl. Frevert, Ute, Geschlechtergeschichte: Rück- und Ausblicke, in: Brenner, Michael; Myers, David N. (Hgg.), Jüdische Geschichtsschreibung heute. Themen, Positionen, Kontroversen, München 2002, S. 172-180, hier S. 178.

[3] Vgl. zu dieser Faszination und Sehnsucht nach dem "Authentischen" Brenner, Michael, Jüdische Kultur in der Weimarer Republik, München 2000, bes. S. 170-184; sowie Petry, Erik; Ringger, Kathrin, Ikonographische Aspekte des Zionismus, in: Haumann, Heiko (Hg.), Der Erste Zionistenkongreß von 1897. Ursachen, Bedeutung, Aktualität, Basel 1997, S. 312-315.

[4] Vgl. zu diesen Großnarrativen den zusammenfassenden Aufsatz von Brenner, Michael, Von einer jüdischen Geschichte zu vielen jüdischen Geschichten, in: Brenner; Myers (wie Anm. 2), S. 17-35, bes. S. 18-23.

[5] Vgl. allg. zu der Interaktion im Alltag zwischen Christen und Juden recht neu: Kaplan, Marion (Hg.), Geschichte des jüdischen Alltags in Deutschland. Vom 7. Jahrhundert bis 1945, München 2003.

[6] Auf dem Historikertag in Halle im Jahr 2002 hatte sich bereits eine von Monika Richarz (Hamburg/Berlin) geleitete, fachdidaktische Sektion mit der Frage von "Vermittlung jüdischer Geschichte in Schulen, Universitäten, Museen" beschäftigt. Darin trug Dan Diner zur Frage des "Exemplarischen Lernens - Jüdische Geschichte im Kontext von Migrations- und Minderheitengeschichte" vor, Stefanie Schüler-Springorum (Hamburg) analysierte die Darstellung von jüdischer Geschichte im Jüdischen Museum Berlin kritisch, Michael Brenner (München) befasste sich mit der Frage "Orchideenfach, Modeerscheinung oder ein ganz normales Thema? Jüdische Geschichte und Kultur im universitären Rahmen" und Wolfgang Marienfeld (Hannover) betrachtete die "Darstellung jüdischer Geschichte in deutschen Schulbüchern".

[7] Weitere Dissertationsvorhaben zur jüdischen Geschichte wurden in diesem Zusammenhang vorgestellt (in chronologischer Abfolge): Marc Rottpeter ("Juden, Perser und Griechen am Nil. Untersuchungen zur multikulturellen Gesellschaft Ägyptens in persischer und hellenistischer Zeit"), Julia Wilker ("Philorhomaios - basileus megas - barbarus. Die herodianische Dynastie zwischen Judentum, römischer Zentralmacht und lokalen Traditionen"), Alexsandra Pawliczek ("Wissenschaftlicher Alltag und Elitenauslese. Jüdische Dozenten an der Berliner Universität im Kaiserreich und in der Weimarer Republik") und Veronika Lipphardt ("Biowissenschaftlicher Denkstil und jüdische Identität. Die wissenschaftliche Debatte über die sogenannte ‚jüdische Rasse' im Spiegel der Schriften von Biowissenschaftlern jüdischer Herkunft, 1900-1935").

[8] Ein solches Beispiel fand sich bereits im diesjährigen Programm des Historikertages, namentlich in der Sektion zur "Konstitution religiöser Netzwerke in Europa im 18. und 19. Jahrhundert" (Leitung: Martin Schulze Wessel, München), in der François Guesnet (Berlin) über "Religiöse Gemeinschaft und europäischer Raum: Internationale jüdische Hilfsaktionen 1744 und 1849" vortrug. Diese Frage stellte auch Brenner auf einem Symposion auf Schloss Elmau zur Jüdischen Geschichtsschreibung heute, vgl. Brenner (wie Anm. 4), S. 30.

[9] Geiger, Ludwig, Zunz im Umgang mit Behörden und Hochgestellten, in: Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums 60 (1916), S. 258, zit. nach Brenner, Michael, Orchideenfach, Modeerscheinung oder ein ganz normales Thema? Zur Vermittlung von Jüdischer Geschichte und Kultur an deutschen Universitäten, in: Bar-Chen, Eli; Kauders, Anthony D. (Hgg.), Jüdische Geschichte. Alte Herausforderungen, neue Ansätze. München 2003 (Münchner Kontaktstudium Geschichte 6), S. 13-24, hier S. 14.

[10] Monika Richarz in ihrem Kommentar zur Sektion von Katrin Steffen (Warschau), "Kommunikative Konstruktionen eines Raumes - Juden in Polen und das Ghetto".

[11] Vgl. zur ursprünglichen Ausformung des Konzept der jüdischen Geschichte als Gegengeschichte, wonach die Wissenschaft des Judentums als Gegengeschichte zur christlichen Wissenschaftstradition entstand: Heschel, Susannah, Jewish Studies as Counterhistory, in: Biale, David u.a. (Hgg.), Insider - Outsider. American Jews and Multiculturalism, Berkeley 1998, S. 102-115; Auszüge daraus in Teilübersetzung: Heschel, Susannah, Wissenschaft des Judentums als Gegengeschichte, in: Brenner, Michael u.a. (Hgg.), Jüdische Geschichte lesen. Texte der jüdischen Geschichtsschreibung im 19. und 20. Jahrhundert, München 2003, S. 392-404.

[12] Frevert, Ute, Geschlechtergeschichte: Rück- und Ausblicke, in: Brenner; Myers (wie Anm. 2), S. 172-180, hier S. 177.


Wissenschafts- und Bildungsgeschichte

Eckhardt Fuchs

Besprochene Sektionen:

"Orte und Verknüpfung von Wissenschaft und Technik im 20. Jahrhundert"
"'Raum' und 'Bevölkerung' in den deutschen Geschichts- und Kulturwissenschaften, ca. 1918-1960"
"Wissenschaft, Politik und Krieg. Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft 1933-1945"

Schon ein flüchtiger Blick auf das Tagungsprogramm des Historikertages verdeutlicht, dass Wissenschafts- und Bildungsgeschichte nicht zu den Dauerbrennern des historischen mainstream gehören. Es ist aber nicht allein die geringe Anzahl von insgesamt nur drei wissenschaftshistorischen Sektionen im Gesamtprogramm, die die marginale Bedeutung dieser Subdisziplin widerspiegelt, sondern auch die Tatsache, dass eine Woche nach der Kieler Tagung die Deutsche Gesellschaft für die Geschichte der Medizin, Naturwissenschaft und Technik in Mainz zu ihrer 87. Jahrestagung zusammentraf. Diese räumliche Trennung - und man könnte hier die Bildungshistoriker oder die Rechtshistoriker, die im September in Bonn zusammentrafen, ergänzen - unterstreicht eine institutionelle Ausdifferenzierung, in der Fächergrenzen kaum mehr überwunden werden können. Noch deutlicher wird die Limitierung der Wissenschaftsgeschichte auf dem Historikertag, wenn man auf die Themen der drei Kieler Sitzungen blickt, befassten sich doch zwei mit dem Nationalsozialismus, während die dritte zwar über den deutschen Raum hinausging, aber ebenfalls auf das 20. Jahrhundert beschränkt blieb.

In seiner Einleitung zu der Sektion mit dem Titel "Orte und Verknüpfung von Wissenschaft und Technik im 20. Jahrhundert" verwies Helmut Trischler (München) auf die ambivalente Haltung von Wissenschafts- und Technikgeschichte zum Raum, den selbige erst im Zuge des "spatial turn" in den letzten beiden Jahrzehnten wieder entdeckt habe. Trischler diagnostizierte dabei vier aktuelle Forschungsfelder: die Rekonstruktion lokaler Praktiken der Produktion von Wissen in Laborstudien; die Erforschung der Transferbeziehungen von Wissenschaft und Technik, in denen die Produktion, Diffusion, Rezeption und Nutzung von Wissenschaft, aber auch die Migration von Wissenschaft zwischen disziplinären und kulturellen Räumen untersucht werden; die historische Innovationsforschung und schließlich die Geo- und Raumwissenschaften, d.h. die Historisierung raumbezogener Forschung. Die einzelnen Beiträge in dieser Sektion gingen aus einer seit März 2000 in München und Regensburg bestehenden Forschergruppe hervor, die am Beispiel des deutsch-amerikanischen Vergleichs die Verknüpfung von Wissenschafts- und Technikgeschichte erforscht.

Martina Heßler (Aachen) untersuchte in ihrem Vortrag am Beispiel München/Garching das Phänomen von Städten als Orte des Wissens und zeigte im Kontext des Wechselverhältnisses von Wissenschaft und Technik im urbanen Raum nach 1945, wie die Topografie der räumlichen Organisation von Wissenschaften verschiedene Konzepte urbaner Wissenschaftspolitik schuf und vice versa Urbanität dabei als Metapher für Kreativität und für eine Integration von Wissenschaft in die Gesellschaft gesehen wurde, die allerdings, so die Referentin, zunächst nicht der Realität entsprach. Erst die Aufhebung der formalen Trennung von Wissenschaft und Stadt seit den 1990er Jahren führte zur Wiederentdeckung der Wissenschaftsstadt, wobei Urbanität nun quasi als Kulisse am Rande der Stadt imitiert und inszeniert wurde.

Michael Eckert (München) analysierte die Beziehungen zwischen den USA und Deutschland am Beispiel des Technologietransfers in der Aerodynamik in der Zwischenkriegszeit. Er zeigte dabei, dass das pragmatische Interesse der amerikanischen Luftfahrtforschung an der führenden deutschen Aerodynamik bereits in den frühen 1920er Jahren zu einer Unterwanderung des offiziellen Boykotts deutscher Wissenschaft führte. Die deutschen Forscher wiederum sahen in der Kooperation eine Möglichkeit, die internationale Isolierung zu überwinden und insbesondere seit Ende der 1920er Jahre die Expansion der deutschen Luftfahrtforschung zu forcieren. Erst Ende der 1930er Jahre kam es zu einer Abkühlung der Beziehungen, die Eckert im Spannungsverhältnis von "Geheimhaltung" und "wissenschaftlichem Internationalismus" interpretierte.

Der dritte Vortrag von Carsten Reinhardt (Regensburg) wandte sich Zentren wissenschaftlicher Großforschung und ihren Instrumentarien in den USA und Europa in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zu. Diese Zentren, an denen sich die größten und kostspieligsten Apparaturen befanden, bildeten Marktplätze des Wissens und fungierten als Produktionsort von Instrumenten. Sie dienten und dienen der Steuerung von Zugangsmöglichkeiten zu den Instrumenten, als Entwicklungseinrichtung und Ort der Verbreitung der Instrumente und als Kristallisationspunkt für eine Expertengemeinschaft, wobei die Betreiberexperten vor Ort ihr Zugangs- und Bedienungsmonopol in vielfältiger Weise gegen die wissenschaftliche Konkurrenz nutzen konnten.

Behandelten diese Beiträge die von Trischler angesprochenen Gebiete der Labor- und Transferstudien, wandten sich die beiden letzten Vorträge der Historisierung der Raumforschung und dem Transfer von wissenschaftlichem in triviales Wissen zu. Ralph Boch (München) zeichnete ein Panorama der Geschichte der Geowissenschaften am Beispiel der Institute auf dem Potsdamer Telegrafenberg und legte dar, wie die politischen Brüche des 20. Jahrhunderts die internationale Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Erdvermessung beeinflussten und insbesondere nach 1945 zu einer Vertiefung der fachlichen Fragmentierung führten. Ulrich Wengenroth (München) problematisierte anhand des Konzepts von Rationalitätsfiktionen die Wissensasymmetrie von Wissensproduktion und populärem Wissensverständnis am Beispiel rationaler Entscheidungen beim Einkauf und beim Umgang mit Technik. Die Sektion griff damit zahlreiche der von Trischler eingangs formulierten Forschungsthemen auf. Die Perspektive der Verknüpfung von Wissenschafts- mit Technikgeschichte, von Wissenschaft, Urbanität und Konsum verspricht dabei innovative Forschungsresultate.

Die in der allgemeinen Diskussion erhobene Warnung vor einer zu starken Separierung von Wissenschafts- und Gesellschaftsgeschichte mag in Einzelfällen berechtigt sein, der Blick auf die beiden folgenden Sektionen, in denen gerade das Verhältnis von Wissenschaft und Politik thematisiert wurde, offenbart allerdings, dass diese Gefahr zumindest für die Wissenschaftsgeschichte des Nationalsozialismus nicht akut ist.

Die Sektion über "'Raum' und 'Bevölkerung' in den deutschen Geschichts- und Kulturwissenschaften, ca. 1918-1960" wurde von Josef Ehmer (Salzburg) mit einem Überblick eingeleitet, in dem er auf das den Beiträgen zugrunde liegende DFG-Schwerpunktprogramm "Ursprünge, Arten und Folgen des Konstrukts ‚Bevölkerung' vor, im und nach dem ‚Dritten Reich'" einging. Ehmer verwies auf die Paradigmen der Bevölkerungsforschung im Wandel der politischen Systeme, deren Interesse aber stets auf das Wechselverhältnis von geografischem Raum und demografischen Strukturen abhob. Die Ambivalenz der Begriffe "Bevölkerung" und "Raum" zeigte sich insbesondere im Nationalsozialismus, als mit der Bevölkerungsforschung ethnische Vertreibungen und soziale "Säuberungen" wissenschaftlich legitimiert und machtstaatlich missbraucht wurden. Die Vorträge stellten überwiegend die Ergebnisse jüngst veröffentlichter Dissertationen vor und knüpften mit ihren Fallstudien über spezifische Konzeptionen dieser beiden Begriffe und das Verhältnis von Bevölkerungswissenschaft und Bevölkerungspolitik an Ehmers Einführung an.

So zeigte Wolfgang Freund (Metz) am Beispiel des Gauleiters der neugeschaffenen Verwaltungseinheit "Gau Westmark", Josef Bürckel, wie Wissenschaftler und bereits in den 1920er Jahren gegründete wissenschaftliche Institutionen mittels Raum- und ethnischer Konstruktionen eine Germanisierung mit dem Ziel betrieben, im Saarland eine neue, gegen Frankreich gerichtete Heimatidentifikation zu schaffen. Bevölkerungsforschung und Siedlungspolitik, etwa durch massive Zwangsumsiedlungen, gingen dabei Hand in Hand. Den Osten, nämlich das besetzte Polen, nahm Ingo Haar (Berlin) in den Blick, indem er nach einer theoretischen Erörterung des Paradigmas vom Grenz- und Auslandsdeutschtum anhand der nationalsozialistischen Raum- und Sozialstrukturplanung im besetzten Polen die Ex- und Inklusion von bestimmten Bevölkerungsgruppen als aktive Sozialplanung verschiedenster Akteure - vom Volkskundler bis zu politischen Entscheidungsträgern - kennzeichnete. Die Selektion und Neuansiedlung erfolgte dabei nicht nur nach rassischen Kriterien, sondern auch nach Gesichtspunkten der Arbeitskraft.

Michael Wedekind (Münster) verglich die sozioethnische und territoriale Raumplanung und -politik in Slowenien und Norditalien und nahm damit einen ethnisch sehr heterogenen Raum in den Blick. Er zeigte dabei die Kontinuitäten und Brüche eines geopolitischen, sich über ein Netzwerk von Wissenschaftlern, Administratoren und Politikern erstreckenden Diskurses zwischen 1918 und 1945. Besonders für die italienische Annexion ab 1943 fragte Wedekind nach dem Erfolg der Germanisierungsversuche der norditalienischen Bevölkerung mittels raum- und bevölkerungswissenschaftlicher Konzepte, die die deutsche Siedlungspolitik legitimieren sollten. Er betonte dabei die wohl nicht von der Reichsregierung direkt gesteuerten Befugnisse der lokalen Machthaber.

Der Abschlussvortrag von Alexander Pinwinkler (Salzburg) griff mit dem Konzept der "Grenze" eine der wesentlichen Kategorien bevölkerungswissenschaftlicher Forschung auf und zeigte anhand bevölkerungsgeschichtlicher Analysen, dass "Assimilation" und "Dissimilation" spezifische nationalsozialistische Konstrukte waren. Der sozialdarwinistisch-völkische Begriff der "Umvolkung" bot allerdings schon seit den 1920er Jahren ein zentrales Instrument zur Umsetzung der biologischen Angleichung in ethnisch gemischten Gebieten. Einen zentralen Aspekt der raum- und bevölkerungswissenschaftlichen Forschungen bildeten zunächst die Grenz- und Auslandsdeutschen, wobei es um eine wissenschaftlich legitimierte Rekonstruktion der Erstdeutschen - insbesondere durch die Kriterien von "Rasse", "Blut" und "Leistung" - und die Auffindung von Räumen zur deutschen Wiederbesiedlung ging. Bevölkerungsgeschichte bildete damit die Basis für die nationalsozialistische Siedlungspolitik mit dem Zweck, historische Ursachen demografischer Verschiebungen zu analysieren. Grenze wurde als Konzept sozialer Differenz, als Erklärungsmittel zur Verdrängung von Volksgruppen genutzt. Pinwinkler verband seinen historischen Überblick aber auch mit dem Hinweis, dass die Bevölkerungsgeschichte als Teildisziplin der Geschichtswissenschaft kaum akzeptiert sei. Leider blieb - im Unterschied zur Sektion über Wissenschaft und Technik - nur wenig Zeit zur Diskussion. So hätte man sich beispielsweise mehr über das von Haar verwendete und auf Foucault zurückgehende Konzept der Biopolitik und zur personellen und inhaltlichen Kontinuität der Bevölkerungs- und Raumforschung nach 1945 gewünscht, aber auch die Frage, wie denn die nationalsozialistische Idee eines "rein deutschen Siedlungsgebietes" überhaupt aussah, konnte nicht beantwortet werden.

Die Sektion zur Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG) im Nationalsozialismus präsentierte Forschungsergebnisse aus einem seit 1999 laufenden und im nächsten Jahr ausklingenden Forschungsprojekt, aus dem, so Wolfgang Schieder (Köln) in seinen einleitenden Bemerkungen, bereits acht von insgesamt 16 geplanten Bänden hervorgegangen sind. Schieder verwies dabei auf die drei wesentlichen Bereiche dieses Projektes, nämlich die Rassen-, Rüstungs- sowie Ost- und Lebensraumforschung, über die der Zugriff auf das Verhältnis von Wissenschaft und Politik erfolgen sollte. Im ersten Referat ging die ehemalige Projektleiterin Carola Sachse (Wien) allerdings über diese Bereiche hinaus, indem sie die Geschichte der KWG im Zweiten Weltkrieg in international vergleichender Perspektive verortete und dabei auf ein mit Mark Walker durchgeführtes Projekt einging, dessen Ergebnisse im kommenden Jahr in der wissenschaftshistorischen Zeitschrift Osiris erscheinen werden. Das Ziel dieses komparativen Ansatzes besteht laut Sachse darin, das Ausmaß, die Form und die Folgen der Kooperation der Naturwissenschaften mit der faschistischen Diktatur mit den Interaktionen von Wissenschaft und Politik in anderen Ländern in Beziehung zu setzen, um damit die Spezifik des deutschen Falls herauszuarbeiten. Dabei lassen sich drei, für alle Länder geltende Befunde feststellen: In allen kriegführenden Ländern herrschte keine "wissenschaftsfeindliche Haltung" vor, sondern es existierte vielmehr eine politische Unterstützung und Einbindung von Wissenschaft und Forschung; die wissenschaftlichen Institutionen stellten sich auf die militärischen Bedingungen und Forderungen ein und profitierten davon; schließlich gab es eine, wenn auch national unterschiedliche Reglementierung von Wissenschaft in allen untersuchten Staaten. Die Spezifik des Verhältnisses von Wissenschaft und Politik im Nationalsozialismus - und auch in Japan - bestand vor allem in der Aussetzung von Kontrolle und damit möglicher gesellschaftlicher Bremsfunktionen einerseits, dem Ausmaß und der Brutalität menschlicher Forschungen im Kontext von Rassenpolitik andererseits, die faktisch die systemimmanenten Schranken moderner Staatssysteme außer Kraft setzten.

Rüdiger Hachtmann (Berlin) ging auf das enge Wechselverhältnis von KWG und Rüstungsindustrie seit den 1920er Jahren ein und zeigte an Fallbeispielen die Bedeutung dieser Wissenschaftsinstitution für die Rüstung. Sie bildeten die Grundlage für den "Tauschhandel" von wissenschaftlichem mit politischem und ökonomischen Kapital, ermöglicht durch die personellen und informellen Netzwerke zwischen dem Führungszirkel der KWG und Ministerialbeamten sowie elitären Klubs und Vereinigungen. Dabei erfolgte, so Hachtmann, eine "politische Teilidentifikation" der KWG mit dem System, in dem ihr technokratisches Wissenschaftsmanagement eine Erfolgsgeschichte schrieb.

Helmut Maier (Berlin) stellte am Beispiel der physikalischen, chemischen und technischen Institute der KWG die Frage, wie sich der Machtwechsel von 1933 im Hinblick auf Themen und Formen der Förderpolitik auswirkte und offenbarte dabei die Kontinuitäten in der Kooperation zwischen KWG und Staat seit der Gründung der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt, die sich auch nach 1933 fortsetzte. Im Anschluss an Hachtmann schlussfolgerte er, dass die KWG den Erwartungen von Militär und Rüstungsindustrie entsprach und eine Schlüsselstellung in der Wissenschaftspolitik des Nationalsozialismus einnahm.

Hans-Walter Schmuhl (Bielefeld) unterstrich dieses Urteil anhand der Biowissenschaften - insbesondere am Beispiel des Kaiser-Wilhelm-Institut (KWI) für Psychiatrie, des KWI für Hirnforschung und der Deutschen Forschungsanstalt -, die in der nationalsozialistischen Biopolitik eine bedeutende Rolle einnahmen. Mit der Verteidigung von Zwangssterilisation und der Durchführung der Erb- und Rassenforschung spielten diese Wissenschaften eine Schlüsselrolle in der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik. Die Zusammenarbeit von Mengele und dem Berliner KWI offenbarte diese Pervertierung von Wissenschaft am unverblümtesten. Die drei Institute ließen alle wissenschaftsethischen Grenzen hinter sich und führten seit 1938/39 unbegrenzt Menschenversuche durch.

Die Sektion wurde durch den Vortrag von Reinhard Rürup (Berlin) beschlossen, der sich kritisch mit der Bewältigung bzw. Nichtbewältigung der nationalsozialistischen Vergangenheit der KWG nach 1945 auseinandersetzte. Nach Kriegsende stand zunächst die Existenzsicherung der Institution im Vordergrund, die einer radikalen Vergangenheitsbewältigung gegenüber wenig aufgeschlossen war. Dies führte nicht nur zur Legendenbildung von der Distanz zum nationalsozialistischen System, sondern verhinderte auch die Wiedereinstellung emigrierter Mitglieder. Erst in den 1980er Jahren begann die Max-Planck-Gesellschaft mit der Aufarbeitung ihrer Vergangenheit und dem Eingeständnis historischer Schuld.

Nun scheint es voreilig angesichts der weiteren, aus diesem Projekt zu erwartenden Bände, auf Forschungslücken zu verweisen. Ausgehend von den Referaten und in Anlehnung an die von Trischler aufgezeigten Forschungsrichtungen fällt auf, dass sowohl die Rekonstruktion lokaler Forschung, also die Praxis des Wissenschaftlers im Labor, als auch die Frage nach den spezifischen Innovationspotenzialen von wissenschaftlicher Großforschung in Diktaturen in Kiel keine Behandlung fanden. Bezugnehmend auf aktuelle Forschungsschwerpunkte in der Geschichtswissenschaft scheinen einerseits systematische internationale Vergleichsstudien der Wissensproduktion und -praxis in wissenschaftlichen Institutionen noch ein Desiderat darzustellen, andererseits eröffnet das Feld der internationalen und interinstitutionellen Transferforschung die Möglichkeit einer Vielzahl von Anschlussprojekten. Gerade der interinstitutionelle Wissenstransfer vermag dann vielleicht Netzwerke aufzuzeigen, über die etwa die Biopolitik der KWG und die Bevölkerungsgeschichte, um ein Beispiel eines anderen in Kiel behandelten Falls zu erwähnen, kommunizierten.

Allen drei Sektionen muss man bescheinigen, neueste Forschungsergebnisse aus laufenden Projekten oder gerade abgeschlossenen Qualifizierungsarbeiten vorgestellt zu haben. Um so bedauerlicher ist es, dass die Fülle der Referenten intensive Debatten nur in beschränktem Maße zuließ. Außer den eingangs erwähnten thematischen Beschränkungen der Wissenschaftsgeschichte auf dem Historikertag ist auffallend, dass es keine Sektion zur Geschichte der eigenen Disziplin gab. Sieht man von einem Vortrag von Hartmut Bergenthum (Gießen) über Geschichtswissenschaft im postkolonialen Kenia und einem Referat von Blažej Bialkowski (Berlin) über den deutsch-polnischen Historikerstreit zur Frage der Souveränität Polens ab, war Historiografiegeschichte nicht präsent. Nach den kontroversen Debatten vorhergegangener Historikertage über DDR-Historiografie, die nationalsozialistische Ostforschung (hierzu gab es im Programm einen Vortrag von Hans-Christian Petersen/Mainz über die deutsche Ostforschung am Beispiel Peter-Heinz Seraphims) und die Verquickung bundesdeutscher Historiker mit dem Nationalsozialismus scheint das Interesse an einer Reflexion über die Geschichte des Faches erlahmt zu sein. Dies trifft auch auf Geschichtstheorie und -methode zu. Erregten linguistic und cultural turns noch die Gemüter, blieb eine systematische theoretisch-methododologische Debatte des "spatial turn", immerhin Thema der Tagung, aus. Welche Konsequenzen Globalisierungsherausforderungen auf Geschichtstheorie und Geschichtskultur haben könnten, blieb ebenso unbehandelt wie auch der Bereich der Popularisierung historischen Wissens. Wenig, so hat man den Eindruck, ist in Kiel unternommen worden, um über die Rolle der Geschichtswissenschaft als zentralem Bestandteil der Geschichtskultur hinaus traditionelle Orientierungsfunktionen erneut zu beanspruchen.

Eckhardt Fuchs ist Wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl Erziehungswissenschaft I der Universität Mannheim. Seine aktuellen Forschungsschwerpunkte sind transnationale Beziehungen in Bildung und Wissenschaft und die historisch-vergleichende Bildungsforschung im 19. und 20. Jahrhundert.


Osteuropäische Geschichte

Franziska Exeler

Besprochene Sektionen:

"Raumvorstellung und Raumpolitik im Stalinismus. Kultur der Zentralität und Strategien ihrer Medialisierung"
"Europas Osten in der Wahrnehmung der Deutschen"
"Gestörte Kommunikation: Begriffstransfer zwischen Ost und West"

Am Anfang und am Ende des 45. Historikertages in Kiel stand die Frage, wo Osteuropa liegt. Manfred Hildermeier, der Vorsitzende des Verbands der Historiker und Historikerinnen Deutschlands, ging dieser Frage in seinem Abschlussvortrag nach, und auch mir stellte sich diese Frage allein schon aus organisatorischen Gesichtspunkten zu Beginn des Historikertages, galt es doch zu entscheiden, welche Sektionen zu besuchen waren. Wie sich am Ende der drei Tage herausstellen sollte, existieren unterschiedliche Auffassungen davon, wo Osteuropa zu verorten ist. Während Manfred Hildermeier sich in seinen Ausführungen stark auf den Bereich Ostmitteleuropa konzentrierte, liegt der Fokus dieses Berichts auf den Sektionen, die sich mal ausschließlich, mal überwiegend mit Russland und der Sowjetunion beschäftigten.

In der ersten Osteuropa-Sektion am Donnerstagmorgen unter der Leitung von Karl Schlögel (Frankfurt/Oder) wurden Raumvorstellungen und Raumpolitik im Stalinismus anhand von "Mosaiksteinen" (Schlögel) wie Stalinporträts, sowjetischen Massenfesten, Farbkonzepten in der russischen Avantgarde sowie der Ulica Gork'ovo und dem Moskauer Gorki-Park diskutiert. Jan Plamper (Tübingen) beschäftigte sich in seinem Vortrag mit dem Stalinkult, der im Laufe der 1930er Jahre entstanden war. Anhand eines Gemäldes von Alexander Gerasimov aus dem Jahr 1938, das Stalin und Vorošilov im Kreml zeigt (Tretjakow Galerie Moskau), veranschaulichte Jan Plamper das typische Muster der Stalinporträts der damaligen Zeit, die konzentrische Anordnung, wobei Stalin sich immer in der Mitte dieser konzentrischen Kreise befindet. Die Stalinporträts geben daher insofern Aufschluss über Raumvorstellungen im Stalinismus, als die Anordnung in den Gemälden die zentralistische Topografie der Sowjetunion widerspiegelt.

Malte Rolf (Berlin) behandelte in seinem Vortrag den städtischen Raum in den 1920er und 1930er Jahren, der nach neuen, nach sowjetischen Maßstäben ausgerichtet werden sollte. Dabei stellte das Massenfest ein wichtiges Medium für die Sowjetisierung des Raums dar. Durch die Feste wurde der neue sowjetische Raum nicht nur sichtbar gemacht, sondern zudem virtuell erfahrbar. Marktplätze wurden zu neuen sowjetischen Zentren ernannt und Straßen gebaut, die auf diese hinführten. Mit den 1930er Jahren ist die Zentrumsfixierung in der Choreografie des Festes fest verankert, die Plätze wurden zu festen Punkten der festlichen Marschrouten, die an den Prestigeobjekten des Bolschewismus vorbei auf das neue Zentrum zuführten.

Monika Rüthers (Basel) diskutierte die Rekonstruktion und Nutzung der Ulica Gork'ovo von 1928 bis 1953. Der Fokus ihres Vortrages lag dabei auf der Stadterneuerung Moskaus von 1935, die das "große Dorf" in die Hauptstadt des Kommunismus umwandeln sollte. Die Machthaber ließen in der Ulica Gork'ovo ganze Häuser versetzen, die nachts auf Schienen verschoben wurden; das vollbrachte Werk wurde am nächsten Morgen mit einer Parade gefeiert. Diese spektakulären Inszenierungen dienten der Visualisierung des Aufbaus.
Isabel Wünsche (Bremen) analysierte die Farbkonzepte der russischen Avantgarde in den 1920er Jahren. Die Künstler der Avantgarde sollten sich zwar auch am Aufbau des Sozialismus beteiligen, letztlich hatten sie jedoch nur wenig Einfluss auf konkrete Bauten. Unklar blieb deshalb, wo die realen Verbindungen zu Raumpolitik und Raumvorstellungen im Stalinismus bestanden. Katharina Kucher (Tübingen) zeigte die stalinistische Zentrumsfixierung an der Gestaltung des Gorki-Kulturparks in Moskau auf, der ein riesiges Areal umfasste und durch den in den 1930er Jahren bis zu 30 000 Personen täglich flanierten. Mit der Neugestaltung der Hauptstadt der Sowjetunion im Jahre 1935 wurde auch der Park umgestaltet; nun ging es um die ganzheitliche Erfassung und Motivierung des Menschen. Dazu gehörte ein Bildungsprogramm, von dem die Besucher des Parks Gebrauch machen konnten, und das von der Stalinschen Verfassung bis zu Tipps für die Kaninchenzucht reichte.

In seinen Anmerkungen begrüßte Karl Schlögel, dass der spatial turn nun auch in der Osteuropaforschung Anklang gefunden habe, und zeigte sein Erstaunen darüber, dass sich Selbige der Kategorie Raum so lange verschließen konnte. So sei etwa die räumliche Erstreckung Russlands nie thematisiert worden, obwohl doch zu fragen sei, ob es eine Geschichte Russlands ohne Raum überhaupt geben könne, und bis vor wenigen Jahren habe es niemanden gegeben, der zum zentralen Lebensort, der Kommunalka, geforscht habe. Mit der Einführung des Raumaspektes in die Osteuropaforschung würden sich neue Themenfelder eröffnen, die sich mit der Kolonisierung Sibiriens, der Vergesellschaftung durch neue Verkehrsformen wie etwa die Eisenbahn, aber auch noch stärker mit den privaten Räumen und ihren Bewohnern auseinander setzen könnten. Vor diesem Hintergrund betonte er die Bedeutung der in dieser Sektion vorgelegten Mosaiksteine zum Thema Raumvorstellungen im Stalinismus, die sich anhand von Quellen wie etwa Gemälden, die bisher nur selten in der Forschung verwendet worden seien, um die Rekonstruktion von historischen Lebenslinien bemüht hätten. Die Diversität des Quellenkorpus von Malerei bis hin zur Architektur war es dann auch, die eine der großen Stärken dieser Sektion ausmachte - und die gerade in Bezug auf das Thema Raumvorstellungen doch eigentlich eine Selbstverständlichkeit in der Geschichtswissenschaft darstellen sollte.

Es versteht sich von selbst, dass die auf einer Tagungssektion vorgelegten Mosaiksteine kein ganzes Bild ergeben müssen und können, dennoch aber die Umrisse eines Bildes erkennbar machen sollten. Die Referentinnen und Referenten arbeiteten in ihren Vorträgen sehr anschaulich und überzeugend die Kultur der Zentralität heraus, die sich in den 1930er Jahren etwa in der Choreografie von Massenfesten, in der Gestaltung von Kulturparks oder aber in den Stalinporträts wieder finden lässt. Aber: Gab es etwas jenseits dieser Kultur der Zentralität, das die Raumvorstellungen und die Raumpolitik im Stalinismus bestimmt haben könnte? Diese Frage zu stellen, erscheint vor dem Hintergrund der Intention der Referentinnen und Referenten, die die in den 1930er Jahren dominierende Kultur der Zentralität sichtbar machen wollten, fast ein wenig unangebracht, gilt es doch, die Sektion inhaltlich nicht an etwas zu messen, was bewusst nicht im Fokus der Ausführungen stand. Dennoch stellt sich die Frage, ob es etwa in den 1920er Jahren, also zu einer Zeit, als sich die Kultur der Zentralität erst herausbildete, auch andere Raumvorstellungen oder Konzepte von Raumpolitik gab. Und wie kam es, dass die Kultur der Zentralität so kennzeichnend für die 1930er Jahre wurde? Standen Strategien und Intentionen dahinter und wenn ja, hingen sie von den unterschiedlichen Kontexten ab, sei es Zentrum oder Peripherie, Führungsebene und lokale Ebene, in denen sie nicht nur erdacht, sondern auch zur Anwendung gebracht wurden? An dieser Stelle vergleichend anzusetzen und danach zu fragen, was jenseits einer Kultur der Zentralität stand, könnte im Hinblick auf zukünftige Forschungen zu Raumvorstellungen im Stalinismus lohnend sein.

Der Freitagmorgen begann mit der Sektion "Europas Osten in der Wahrnehmung der Deutschen" unter der Leitung von Gregor Thum (Pittsburgh). Vejas Gabriel Liulevicius (Knoxville) beschäftigte sich in seinem Vortrag mit den Bildern, die sich Deutsche vom Osten während und nach dem Ersten Weltkrieg machten. Im Unterschied zur Westfront wurde der Osten in der deutschen Wahrnehmung zu einem apokalyptischen Raum. Die Invasion der russischen Armee in Ostpreußen bestätigte früh diffuse Feindbilder von "den Russen", die auf Stereotypen aus dem 19. Jahrhundert basierten. Der russische Einfall wurde als "Sintflut", als "Überschwemmung" wahrgenommen und als solche etwa von Kriegsmalern, Zeitungen und von Seiten des Heeres dargestellt und instrumentalisiert. Die geordnete deutsche Welt traf nun auf die russische Unterwelt. Diese Bilder des Ostens sollten noch nach dem Ersten Weltkrieg einen langfristigen Einfluss auf die Wahrnehmung der Deutschen haben, konnten die Nationalsozialisten doch letztlich an diese Bilder anknüpfen und sie radikalisieren.

Neben dem Feindbild Russland gab es parallel dazu in den 1920er Jahren eine geradezu "emphatische Ostströmung", geprägt von romantischen Vorstellungen über das revolutionäre Russland, wie Gerd Koenen (Berlin) deutlich machte. Am Beispiel des linken Intellektuellen und langjährigen Korrespondenten der Frankfurter Zeitung Alfons Paquet zeigte er auf, dass das verheißende Bild des bolschewistischen Russlands oft auch die Kehrseite der Abwendung vom Westen, spätestens seit dem Versailler Vertrag, war und somit ein "Element der deutschen Hysterie" bildete, die zur Entzündung imperialer Phantasien beitrug und dazu führte, dass Russland als "Indien im Nebel" angesehen wurde - der Osten schien in vielerlei Hinsicht viel zu versprechen.

Dass die Rede über den Osten auch immer eine Rede über den Westen ist, verdeutlichte Stefan Troebst (Leipzig) in seinem Vortrag, der sich mit dem Balkan als Projektionsfläche deutschen Revisionsstrebens in der Zwischenkriegszeit beschäftigte. Das positive, enthusiastische Echo in der Weimarer Republik auf die mazedonische "Freiheitsbewegung" wurde in eine gesamteuropäische Bewegung des Widerstandes gegen den Versailler Vertrag gestellt und ein damit gemeinsamer anti-europäischer Nenner gesucht.

Von Männern und Elchen handelte dann zum Abschluss der Vortrag von Gregor Thum (Pittsburgh), der die Bilder vom "Deutschen Osten", jene Gebiete, die nach dem Zweiten Weltkrieg an Polen gingen, nachzeichnete, und darlegte, wie sie sich nach 1945 in der deutschen Heimatliteratur präsentieren. Der "Deutsche Osten" wird hier zu einem mythisch und sehnsüchtig verklärten Ort. Mehr noch: In der revisionistischen Literatur kommt der Verlust der Ostgebiete dem Verlust eines Teils deutscher Identität gleich. Der Osten wird im Vergleich zum Westen durch seine urwüchsige Natur (verkörpert durch den allgegenwärtigen ostpreußischen Elch, der tatsächlich nur noch in geringer Zahl vorhanden war), durch die deutsche koloniale Vergangenheit (symbolisiert durch mittelalterliche, massive Steinkirchen) sowie durch seinen dramatischen Untergang zu einem fundamental anderen Raum. In seinen Ausführungen betonte Gregor Thum, dass der Osten immer als ein Raum der Ängste und der Sehnsüchte herhalten musste, als Ersatz für das nie erreichte deutsche Kolonialreich. Zugleich habe jedoch immer Furcht vor einem Ansturm des Ostens geherrscht.

Die Vorträge ließen deutlich werden, dass das Verhältnis zum Osten in Deutschland nie neutral war - wie es auch heute noch nicht zu sein scheint. Zu stark scheinen die Ähnlichkeiten zwischen den historischen Bildern des Ostens und den Gegenwärtigen auf, seien es "polnische Wirtschaft", der "graue Osten" oder als Gegenteil dazu romantische Bilder von der "ursprünglichen russischen Seele". Es hat den Anschein, als gäbe es auch heute noch wenig anderes als eine diffuse Ablehnung des "Ostens", sei es etwa Russlands, der Ukraine oder Ostmitteleuropas, oder eine sozialromantische Verkitschung eben jener Länder. Die EU-Osterweiterung hat viele dieser historischen Stereotype zum Vorschein kommen lassen. In diesen Kontext passt auch die Angst der Deutschen vor einer Überschwemmung des Arbeitsmarktes mit "billigen Arbeitskräften aus dem Osten", speziell aus Polen, die ohne die vorherrschenden Stereotype über "den Osten" nicht zu denken ist.

Die historische Forschung steht, was die Wahrnehmung der Deutschen vom Osten betrifft, noch am Anfang einer systematischen Beschäftigung. Gerade die in der gegenwärtigen Öffentlichkeit vorherrschenden Stereotype zeigen aber auf, dass diese historische Wurzeln haben, die weit über die Zeit des Kommunismus hinaus zurückreichen. Sie zu erforschen, nach Dynamiken von Wahrnehmungsmustern, ihrer Umdeutung und Wandlung über die Jahre, aber auch ihrer Beständigkeit zu fragen, und somit nicht nur über die Vergangenheit, sondern auch etwas über die Gegenwart zu sagen, drängt sich als Forschungsfeld geradezu auf.

"Gestörte Kommunikation" war das Thema des Freitagnachmittags. Unter der Leitung von Jörg Baberowski (Berlin) behandelte diese Sektion den Begriffstransfer zwischen Ost und West. Üblicherweise, so Baberowski, handele es sich im Hinblick auf Russland dabei um Defizitgeschichten, deren Gegenstand die verfehlte Umsetzung eines westlichen Konzeptes ist. Anliegen der Referentinnen war es dann auch, jenseits dieser Defiziterzählungen nach verschiedenen Formen des Transfers von westlichen Begriffen und den dahinter stehenden Konzepten und Bedeutungen zu fragen, um etwas Neues über die jeweiligen Kontexte aussagen zu können, in denen sie verwandt wurden.

Martina Winkler (Berlin) zeigte in ihren Ausführungen zum Eigentumsbegriff im Russland des 18. Jahrhunderts die Bedeutung auf, die dieser mit Vorstellungen von Liberalismus und Individualismus westlich-modern aufgeladene Begriff, der von Katharina der Großen importiert worden war, im russischen Kontext hatte. Dahinter stand die Frage, inwiefern westliche Begriffe auf nichtwestliche Bedingungen angewendet werden können - eine Frage, die Martina Winkler insofern bejahte, als Begriffe um Bedeutungen, die sie in unterschiedlichen Kontexten erlangen, erweitert werden müssten; schließlich wandele sich die Bedeutung eines westlich geprägten Begriffs auch in den Gesellschaften, aus denen er hervorgegangen ist.

Was passiert, wenn Idealtypen mit der Wirklichkeit verwechselt werden, konnte Susanne Schattenberg (Berlin) einprägsam aufzeigen. Sie beschäftigte sich in ihrem Vortrag mit westlich geprägten Vorstellungen von Ehre, die, auf russische Beamte übertragen, zur Folge hatten, dass Selbige von ihren Zeitgenossen als "faul", "ehrlos" und "inkompetent" angesehen wurden. Dabei konnte sie jedoch aufzeigen, dass die Beamten durchaus ein Bild von "Ehre" hatten, das ihre Handlungen leitete - wir müssten uns den russischen Beamten jedoch weniger im Weber'schen Sinne als einen "modernen" bürokratischen Experten vorstellen, sondern vielmehr als Patrimonialbeamten, für den der Gabentausch nicht ein Zeichen von Korruption gewesen sei, sondern konträr zu einer westlich geprägten Wahrnehmung ein zentrales Element der Ehrerbringung in dem Klientelsystem darstellte, auf dessen Grundlage die russische Beamtenwelt basierte.

Ricarda Vulpius (Berlin) und Julia Obertreis (Freiburg) diskutierten anschließend die Anwendbarkeit westlicher Konzepte im Kontext der osteuropäischen Geschichte. Ricarda Vulpius kritisierte, dass die Idee von der Neuzeit als säkularer Moderne immer noch nicht aus den Köpfen der Historikerinnen und Historiker verschwunden sei. Sie zeigte am Beispiel der Dnjepr-Ukraine auf, dass die Moderne hier gerade nicht mit einer Verringerung des Glaubens einhergegangen ist, sondern dass es die religiös-konfessionelle Frage war, die die Nationenbildung im Rußländischen Reich beeinflusste. Julia Obertreis beschäftigte sich in ihrem Vortrag mit der Frage, inwiefern Kolonialismustheorien auf die Sowjetunion anwendbar sind. Dabei ging es ihr speziell um die Herrschaft der Bolschewiki in Zentralasien, die versuchten, mittels Zwangsansiedelungen und künstlichen Bewässerungssystemen die dort lebenden Menschen und das Land zu beherrschen. Wie umstritten die Verwendung von Kolonialismus-, aber auch Imperialismustheorien in diesem Kontext ist, wurde auch in der anschließenden Diskussion deutlich.

Auch wenn es in dieser Sektion letztlich weniger um Beispiele für eine Geschichte eines Transfers zwischen Ost und West ging, als um einen einseitigen Transfer von Begriffen oder Konzepten von West nach Ost, konnten die Referentinnen ihr Anliegen, durch das Prisma der Begriffsgeschichte etwas Neues über die von ihnen betrachteten osteuropäischen Kontexte zu erfahren, erfolgreich umsetzen. Zudem wurde deutlich, dass es auch gerade für eine westeuropäisch ausgerichtete Geschichtswissenschaft gewinnbringend sein kann, durch den Blick auf Osteuropa die eigenen, an der westlichen Welt ausgerichteten Konzepte und Vorstellungen stärker zu hinterfragen - nicht nur im Hinblick auf ihre Anwendung auf die nichtwestliche Welt, sondern auch im Hinblick auf mögliche notwendige Erweiterungen und Wandlungen von westlich geprägten Begriffen und Konzepten.

Die drei besuchten Osteuropasektionen setzten sich alle insofern überzeugend mit dem Thema des Historikertages auseinander, als in den Vorträgen verschiedene Raumvorstellungen und Raumwahrnehmungen sowie Kommunikation im Sinne eines Begriffstransfers an historischen Phänomenen oder Zusammenhängen zumeist im Bereich der Osteuropäischen Geschichte deutlich gemacht wurden. Dennoch: Eine theoretische Auseinandersetzung mit Raum und Kommunikation wurde in den Beiträgen nicht unternommen, geschweige denn, dargelegt, welches Verständnis von Raum oder Kommunikation den jeweiligen Beiträgen zugrunde lag. Auch hier gab es Ausnahmen, aber welcher theoretische Rahmen bzw. welche theoretische Basis verwandt wurde, wenn über Raumvorstellungen im Stalinismus, Wahrnehmungen des "Deutschen Ostens" oder über Begriffstransfer von West nach Ost gesprochen wurde und was damit gesagt und gezeigt werden kann, was bisher noch nicht so gesehen oder gekannt wurde, das blieb oft unklar oder schien nur manchmal an den konkreten Untersuchungsgegenständen durch. Fast schien es, als wenn den Vorträgen ein implizites Verständnis über die Begriffe Raum und Kommunikation und den dahinter stehenden Konzepten zugrunde lag, ein Verständnis, das auch für die Zuhörerschaft vorausgesetzt wurde. Eine kurze Auseinandersetzung mit den theoretischen Grundlagen der Vorträge hätte daher zum einen die sehr erhellenden und faszinierenden Einzelbeispiele in einen größeren theoretischen Rahmen einbetten können und somit die Vorstellung davon, was eigentlich genau mit den Begriffen Raum und Kommunikation gemeint ist, präzisieren können, zum anderen wären durch die Verknüpfung von theoretischen Grundlagen und konkreten historischen Untersuchungsgegenständen die Stärken wie auch die Grenzen des theoretischen Rahmenkonzepts "Kommunikation und Raum" stärker erkennbar gewesen.

Franziska Exeler studiert an der Humboldt-Universität zu Berlin Neuere und Neueste Geschichte, Politikwissenschaften und Volkswirtschaftslehre. Ihr Interessenschwerpunkt ist die Geschichte Osteuropas mit dem Fokus auf sowjetischer Geschichte.


Geschlechtergeschichte

Wiebke Kolbe

Besprochene Sektionen:

"Umkämpfte Räume. Delinquente Jugendkulturen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Bundesrepublik, DDR, USA)"
"Geschichte der Kriegsberichterstattung"
"Freiräume – Freizeitgestaltung in Europa in der Frühen Neuzeit"
"Eine „zweite Gründung“? 1968 und die langen 60er Jahre in der Geschichte der Bundesrepublik"

Das Geschlecht der Geschichte: Suchbewegungen auf dem 45. Deutschen Historikertag 2004 in Kiel

Gender History is here to stay“. [1] Diese programmatische Botschaft der renommierten amerikanischen Historikerin Lynn Hunt von 1998 war sechs Jahre später noch nicht bis zum Deutschen Historikertag durchgedrungen. Als die H-Soz-u-Kult Redaktion mich für einen Querschnittsbericht zur Geschlechtergeschichte über den Historikertag 2004 anfragte, vermutete ich zunächst einen Scherz – oder einen Test, ob ich das Tagungsprogramm denn auch aufmerksam studiert hätte. Das hatte ich – und keinerlei Spuren geschlechtergeschichtlicher Fragestellungen, Themen oder Perspektiven ausmachen können, weder in einzelnen Vorträgen noch in gesamten Sektionen. Daher verwunderte mich das – wie mir auf Nachfrage versichert wurde, durchaus ernst gemeinte – Ansinnen der Redaktion nicht wenig. Doch teilt sie offenbar die Meinung Lynn Hunts, denn sie behandelt Geschlechtergeschichte als eines ihrer fest etablierten redaktionellen Teilgebiete, zu denen regelmäßig Beiträge veröffentlicht werden und zu dem folglich auch ein zu den Epochen und Sektionen quer liegender Bericht über die größte deutsche historische Tagung erscheinen sollte.

Wie erklärt sich die offensichtliche Diskrepanz zwischen den Beurteilungen des Stellenwerts von Geschlechtergeschichte innerhalb der Disziplin durch die Redaktion des größten Online-Geschichtsforums und durch den nationalen Historikerverband, die auf dessen alle zwei Jahre statt findenden Konferenz nicht zum ersten Mal, doch dieses Jahr besonders deutlich zu Tage trat? Liegt es daran, dass sich bei H-Soz-u-Kult eher die so genannten Nachwuchswissenschaftlerinnen und –wissenschaftler tummeln, also HistorikerInnen unterhalb der Professur, während die Historikertage vor allem von etablierten professoralen Vertretern der Zunft besucht werden, deren Vorstellungen davon, was im Zentrum und was am Rande der Disziplin steht, deutlich von denen des Nachwuchses abweichen? Das allein kann es nicht sein, wurde doch gerade für dieses Jahr das „hippe“ kulturalistische Thema „Kommunikation und Raum“ als Motto des Historikertages gewählt, das eine Vielzahl jüngerer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler anlockte, und zählen umgekehrt zu den SubskribentInnen von H-Soz-u-Kult durchaus HistorikerInnen aller Qualifikations- und Altersstufen.

Auch am Fehlen historischer Geschlechterforschung oder einschlägiger Sektionsvorschläge kann es nicht gelegen haben. Diese gab es durchaus, und sie nahmen auch Bezug auf das Rahmenthema. Denn obwohl es derzeit (noch) keine ausdrückliche Geschlechtergeschichte des Raums oder der Kommunikation gibt, fließen diese beiden Kategorien in viele geschlechtergeschichtliche Fragestellungen ein. Die Geschlechtergeschichte ihrerseits zählt zu den expandierenden Feldern historischer Forschung, zudem zu denjenigen, die methodische und theoretische Innovationen und Diskussionen nicht nur aufnehmen, sondern auch anstoßen. Nicht zufällig ist der historischen Geschlechterforschung mehrfach eine auffällige Affinität zum Poststrukturalismus bescheinigt worden [2] – somit auch eine besondere Offenheit gegenüber kulturalistischen Fragestellungen. Das macht die offensichtliche Abwesenheit von Geschlechtergeschichte auf einem Historikertag mit dem Thema "Kommunikation und Raum" noch weniger erklärbar.

Machen wir einen weiteren Versuch: Schließlich ist Geschlechtergeschichte nicht nur dort drin, wo auch Geschlechtergeschichte draufsteht. Im Gegenteil: Ein Ziel der Disziplin ist es gerade, keine zu sein bzw. zu bleiben. Neben Forschungen, die Geschlecht ins Zentrum ihres Erkenntnisinteresses stellen (ähnlich wie Forschungen, die vornehmlich nach der Bedeutung von Klasse oder Ethnizität fragen), soll Geschlecht letztlich als eine weitere analytische Kategorie neben Stand/Klasse/Schicht, Rasse/Ethnizität, Konfession oder Alter in eine Vielzahl von Themenbereichen und Fragestellungen der Geschichtswissenschaft integriert und damit etabliert werden. Die ausdrückliche Benennung und Betonung von Geschlecht dient in dieser Sichtweise vor allem dazu, das Bewusstsein für die Relevanz dieser Kategorie zu wecken, wird also als Übergangsphase auf dem Weg zu einer „allgemeinen“ Geschichte verstanden, die ebenso selbstverständlich nach Geschlecht fragt wie nach anderen Kategorien sozialer Ungleichheit. [3] Man könnte nun vermuten, dass das Programm des Kieler Historikertages so „progressiv“ war, dass viele der Sektionen und Vorträge diese Art „allgemeine“ Geschichte einlösten. Das wäre eine mögliche Erklärung für das offensichtliche Fehlen einer als solchen deklarierten Geschlechtergeschichte. Eine mögliche, doch – die geneigten Leserinnen und Leser ahnen es – keine zutreffende.

Infolge des für einschlägig Interessierte unattraktiven Programms fehlte in Kiel auch die Mehrzahl derjenigen, die Geschlechtergeschichte hierzulande betreiben. Daher durchstreifte ich den Historikertag weitgehend auf mich selbst gestellt auf der Suche nach dem Geschlecht der Geschichte, von Epoche zu Epoche, von Thema zu Thema, von Sektion zu Sektion, um letztlich doch kaum fündig zu werden. Begleiten Sie mich im Folgenden auf meinen Suchbewegungen, die mich mangels geschlechtergeschichtlicher Perspektiven vor Ort zu einigen mehr oder weniger assoziativen Überlegungen verleiteten, wie und wo man durchaus hätte fündig werden können und wie sich manche Sektionen oder Themen verändert hätten, wenn sie geschlechtergeschichtliche Forschungen wahr genommen oder geschlechtergeschichtliche Perspektiven einbezogen hätten.

Mittwochnachmittag ging es in die Sektion über „Umkämpfte Räume. Delinquente Jugendkulturen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Bundesrepublik, DDR, USA)“. Die Person des Sektionsleiters Jürgen Reulecke (Siegen) ließ hoffen, dass auch Geschlecht als Analysekategorie vorkommen würde, hat er doch selbst ausführlich zur bündischen Jugend und Männerbünden im 20. Jahrhundert geforscht und geschlechtergeschichtliche Fragestellungen in seine Arbeiten einbezogen. [4] Doch wurde eine entsprechende Perspektive weder in Reuleckes Sektionseinführung noch in den einzelnen Vorträgen sichtbar. Gemäß dem Sektionstitel ging es in allen Beiträgen um delinquente Jugendkulturen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Räumen, wobei den Vorträgen sehr unterschiedliche Raumbegriffe zugrunde lagen. Während Detlef Briesen (Siegen) und Klaus Weinhauer (Hamburg) in ihren Ausführungen über die jugendliche Drogenszene im New York der 1940er und 50er Jahre und über Jugenddelinquenz in bundesdeutschen Großstädten der 1960er und 70er Jahre vornehmlich einen geografischen und sozialen Raumbegriff verwendeten, ging es bei den zeitgenössischen Deutungen der 68er-Bewegung (Franz-Werner Kersting, Münster) und den Bildern von Jugenddelinquenz in der DDR der 1950er und 60er Jahre (Thomas Lindenberger, Potsdam) eher um mentale Räume, besser gesagt um Vorstellungswelten oder gesellschaftliche Diskurse. Mit diesen unterschiedlichen Schwerpunkten griff die Sektion die beiden für die Geschichte der Jugend(-Delinquenz) zentralen Aspekte auf, die möglichst aufeinander bezogen betrachtet werden sollten: die sozialen Praktiken von Jugendlichen einerseits und die gesellschaftlichen Definitionen und Wahrnehmungen von Jugend bzw. Jugenddelinquenz andererseits. Denn bei der historischen Erforschung von „Jugend“ zeigt sich ganz besonders, in welch hohem Maße es sich dabei um eine sozial konstruierte Kategorie handelt – und zwar sowohl in Bezug auf die zeitgenössischen Vorstellungen von Jugend als auch auf Jugend als Kategorie historischer Analyse.

Damit sind wir wieder bei der Geschlechtergeschichte angekommen. Denn allzu häufig hat die historische Jugendforschung den zeitgenössischen Jugendbegriff einfach weitgehend übernommen – und dieser war in der Regel, quasi per Definition, der eines männlichen Jugendlichen. Die seit Ende des 19. Jahrhunderts virulente „Jugendfrage“ war „in vieler Hinsicht eine `Jungenfrage´“, die in den Fragestellungen der historischen Forschung vielfach mitsamt ihres Geschlechterbias´ reproduziert wurde. Denn die Jugendfrage wurde zu einer „Frage“ nicht zuletzt durch als delinquent oder zumindest problematisch wahrgenommenes Verhalten junger Menschen, und hier eben vor allem solcher männlichen Geschlechts, weil ihr Verhalten bei den Zeitgenossen meist mehr öffentliche Aufmerksamkeit erfuhr oder bedrohlicher erschien als das junger Mädchen. Darüber hinaus sind auch die der historischen Jugendforschung häufig zugrunde liegenden „Vorstellungen von der individualpsychologischen Bedeutung der Jugendphase einerseits, von der gesellschaftlichen Funktion und Entwicklung der Jugend als Gruppe andererseits [...] im Blick auf männliche Lebensläufe und männliche Verhaltensweisen entwickelt worden und lassen sich nur bedingt auf weibliche Jugendliche übertragen.“ [5] Auf diese Problematik hat die historische Geschlechterforschung in den letzten Jahren mehrfach hingewiesen, und mittlerweile gibt es Bestrebungen, dieses grundlegende konzeptionelle Problem der historischen Jugendforschung durch das Einziehen einer Gender-Perspektive in inhaltlicher und methodisch-theoretischer Hinsicht zu beheben. [6] Von einer Sektion, die sich mit Jugenddelinquenz beschäftigt, hätte ich erwartet, dass der Geschlechterbias, den dieses Thema in noch höherem Maße beinhaltet als „Jugend“ allein, zumindest benannt, besser noch berücksichtigt wird, indem es in die Fragestellungen mit einfließt. Zum Beispiel: Gab es in der Wahrnehmung der Zeitgenossen und in der sozialen Praxis weibliche „Rocker“, „Rowdies“ oder „Unruhestifter“; stimmten gesellschaftlicher Diskurs und soziale Praxis dabei überein? Wie wären eventuelle Diskrepanzen erklärbar, und welche Bedeutung hatten sie für jugendliche Männer und Frauen, ihre Selbstentwürfe und ihre Wahrnehmung in der Öffentlichkeit? Welche Funktion hatte die ge-genderte Konstruktion jugendlicher Delinquenz für die jeweilige Gesellschaft? Solche Fragen hätten aufgegriffen und integriert werden können, ohne dass deswegen die Themenwahl der einzelnen Beiträge oder der Gesamtsektion hätte verändert werden müssen. Bedauerlich, dass die Kategorie Geschlecht dennoch, trotz der mittlerweile vorhandenen (auch) geschlechtergeschichtlichen Arbeiten über Jugend, auf deren konzeptionelle Überlegungen wie auch inhaltliche Ergebnisse man hätte zurückgreifen können [7] , hier ignoriert wurde, wie dies leider noch allzu häufig auch in anderen Forschungsfeldern geschieht. Abgesehen davon, dass dabei ein Teil der aktuellen Forschung einfach ausgeblendet wird, werden dadurch auch Forschungskonzepte fortgeschrieben, deren Problematik offensichtlich ist.

Hätten beim Thema Jugenddelinquenz durchaus Geschlechterperspektiven erwartet werden können, galt dies für die donnerstagvormittag stattfindende, Epochen übergreifende Sektion über die „Geschichte der Kriegsberichterstattung“ sehr viel weniger. Wie die Sektionsleiterin Ute Daniel (Braunschweig) einleitend ausführte, steckt die Geschichte der Kriegsberichterstattung noch weitgehend in den Anfängen; daher überrascht kaum, dass es auch noch keine geschlechtergeschichtlichen Forschungen dazu gibt. Auch und gerade in einem neuen Forschungsfeld jedoch kann man geschlechtergeschichtliche Dimensionen von Beginn an mitdenken. Wiederum ließ die Person der Sektionsleiterin, die ausgewiesen in historischer Geschlechterforschung ist, vermuten, dass Geschlecht als Analysekategorie vorkommen würde; doch erneut wurde diese Erwartung enttäuscht.

Die Sektion wollte Anregungen geben, in welche Richtung eine künftige Geschichte der Kriegsberichterstattung gehen sollte, und demonstrierte dies exemplarisch anhand von fünf Beiträgen vom 17. bis zum 21. Jahrhundert, die sich an gemeinsamen Fragestellungen orientierten: Erstens ging es um die Quellen, aus denen sich die Nachrichten über Kriege speisten, und um die Rolle der recherchierenden Berichterstatter vor Ort. Zweitens wurde nach dem Einfluss der sich zunehmend beschleunigenden Kommunikations- und Übermittlungstechniken auf den Inhalt und die Ausgestaltung von Kriegsberichten, drittens nach den jeweiligen Medieneffekten gefragt. Ein vierter Aspekt waren Kontrollmechanismen und Zensur, der fünfte die Frage nach der Bedeutung des Raumes, wobei Daniel drei Raumkomponenten unterschied: Zum einen hatten Kriegsnachrichten räumliche Entfernungen zu überbrücken; zum anderen waren Kriegsschauplätze unstrukturierte Räume, die von den Berichterstattern erfasst werden mussten; und schließlich bestand eine strukturelle Ähnlichkeit zwischen Kriegs- und Reiseberichterstattung. Am Beispiel des Siebenjährigen Krieges (Andreas Gestrich, Trier), des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 (Frank Becker, Münster), des Burenkrieges (Andreas Steinsiek, Braunschweig), der fotografischen Kriegsberichterstattung im 20. Jahrhundert (Gerhard Paul, Flensburg) und der Rolle des Fernsehens in den neuen Kriegen nach 1989 (Karl Prümm, Marburg) griffen die Referenten diese Fragen und Aspekte auf, so dass die Sektion als Ganzes sehr anschaulich insbesondere die Auswirkungen sich wandelnder Medien (Zeitungsbericht, Zeichnung, Fotografie, Film) und Kommunikationswege (z.B. reitende Boten, Feldpost, Telegrafie, Internet), aber auch der Art der Kriegführung auf Inhalte und Gestaltung der Kriegsberichterstattung vom 17. Jahrhundert bis heute vorführte.

Wie die lebhafte und interessierte Diskussion zeigte, erreichte die Sektion ihr Ziel, Überlegungen für weitere Forschungen auf diesem Gebiet anzuregen. Das gilt auch für geschlechtergeschichtliche Aspekte, die sich in dieses noch wenig erforschte Gebiet integrieren ließen und interessante Fragestellungen eröffnen würden. Generell ist zu fragen, ob die durch den Wandel von Kriegführung und Medien veränderten Zugangs-, Vermittlungs- und Rezeptionsweisen zu und von Kriegsgeschehen auch Geschlechterdimensionen besaßen und welche Bedeutung diese dann hatten. Eine mögliche Fragestellung wäre etwa, wie die Berichterstatter die Kategorien „männlich“ und „weiblich“ verwendeten. Um ein mittlerweile bekanntes Beispiel zu nennen: Die feindliche Seite wurde häufig mittels Attributen oder Konnotationen von Weiblichkeit abgewertet, so etwa die angeblich verweiblichten/verweichlichten Franzosen aus Sicht der Deutschen im Ersten Weltkrieg. Weitere denkbare Fragen: Wie nahmen Kriegsberichterstatter männliche und weibliche „Täter“ und „Opfer“ in Kriegen wahr und präsentierten sie dem heimischen Publikum (z.B. US-Soldaten im Vietnamkrieg, US-Soldatinnen im Golfkrieg oder lange Flüchtlingsströme, die vorwiegend aus Müttern mit Kindern bestanden); wie wurden dadurch Kriege und Gewalt vergeschlechtlicht, und was sagten solche Prozesse des Gendering über die Vorstellungen von Geschlecht, von Krieg und nicht zuletzt von nationalem Selbstverständnis in der Medienberichterstattung aus? Wie veränderte sich das Verhältnis von Krieg und Männlichkeit, wie wandelten sich etwa die Vorstellungen von männlichen Kriegern in der Kriegsberichterstattung in bestimmten Zeiträumen? Und was bedeutet es etwa für kollektive Vorstellungen vom Krieg oder für das Geschlechterverhältnis, dass seit der umfassenden Kriegsberichterstattung im Fernsehen Kriege aus der Perspektive von Soldaten fast in Echtzeit im heimischen Wohnzimmer „miterlebt“ werden können – nun auch von Frauen, die bislang bei solchem Kampfgeschehen nicht dabei waren? Das sind nur einige von vielen möglichen Geschlechterperspektiven in der Geschichte der Kriegsberichterstattung. Hier gäbe es noch viel und Interessantes zu erforschen. Bedauerlich, dass die Sektion diese Dimension vollkommen außer Acht ließ und damit viele wichtige Fragen gar nicht erst aufwarf.

Mit einem deutlichen historischen Zeitsprung landete ich am Freitagvormittag in der Sektion „Freiräume – Freizeitgestaltung in der Frühen Neuzeit“. Dort schlug die Sektionsleitung, Ute Lotz-Heumann (Berlin) und Ulrich Rosseaux (Dresden), vor, den Begriff der Freizeit für die Frühe Neuzeit durch denjenigen des Freiraums zu ersetzen, da eine strikte Trennung zwischen Arbeit und Freizeit in der Vormoderne nicht auszumachen sei und zudem das Gegensatzpaar Arbeitszeit – Freizeit die Vorstellung einer nur auf die Moderne zutreffenden individuell verfügbaren Zeit beinhalte. Das Konzept des Freiraums erlaube es dagegen, sowohl die räumliche als auch die zeitliche Dimension von Freizeitgestaltung in den Blick zu nehmen und nach den sozialen und kulturellen Praktiken in diesen Freiräumen zu fragen. Diese konzeptionellen Überlegungen lösten eine lebhafte Diskussion und vielfachen Widerspruch aus. Von Freiräumen könne in frühneuzeitlichen Gesellschaften mit ihrem hohen Maß an sozialer Kontrolle kaum die Rede sein, war ein wiederkehrender Einwand, wenngleich die Skepsis gegenüber dem modernen Freizeitbegriff als adäquatem Konzept für die Frühe Neuzeit allgemein geteilt wurde. Nicht diskutiert wurde, dass das Konzept der Freizeit auch für die Moderne irreführend ist. Zwar kann man es als Quellenbegriff benutzen, der sich seit dem 19. Jahrhundert als Gegenbegriff zu „Arbeit“ im wahrsten Sinne des Wortes eingebürgert hat. Doch war er an der Lebenswelt und Norm bürgerlicher und proletarischer Männer als erwerbstätigen Familienernährern orientiert, während er die Arbeits- und Lebenswelt von Frauen ausblendete. [8] Nichtsdestotrotz hat sich die Dichotomie Arbeit – Freizeit im 20. Jahrhundert auch als analytisches Konzept zur Beschreibung und Erforschung moderner Gesellschaften durchgesetzt.

Aus Genderforschungsperspektive jedoch ist „Freizeit“ – bei der „Arbeit“ als Gegenbegriff unweigerlich mit gedacht wird – als analytische Kategorie für die Moderne ebenso ungeeignet wie für die Frühe Neuzeit, da die Zweiteilung des Lebens in Arbeit und Freizeit auf das Gros von Frauen aller Schichten nicht zutraf. Wie schon häufig wird damit ein selbstverständliches Konzept historischen Denkens aus geschlechtergeschichtlicher Perspektive grundsätzlich in Frage gestellt. Das resultierende Problem ist dasselbe, mit dem sich die Frühneuzeit-Historikerinnen und -Historiker der Freizeit/Freiraum-Sektion herum schlugen: Welchen Begriff soll man statt dessen nehmen? „Freiraum“ scheint für die Frühe Neuzeit nicht der adäquate Ersatz; zumindest konnte das Angebot der Sektionsleitung nicht wirklich überzeugen. Hätte sie Geschlechterperspektiven in ihre Überlegungen einbezogen, hätte zum einen die Abgrenzung zur Neueren Geschichte deutlich weniger pointiert ausfallen müssen; zum anderen wäre das Freiraum-Konzept unschwer als ebenfalls problematisch erkennbar gewesen, denn selbst wenn man von gewissen definierten Freiräumen in der Frühen Neuzeit ausgeht, waren diese für Männer und Frauen höchst unterschiedlicher Art und zudem verschieden weit abgesteckt. Auch den Freiraum könnte man somit nicht als gegeben voraus setzen, sondern müsste das Konzept selbst zum Gegenstand der Fragestellung machen, indem zu untersuchen wäre, ob, inwiefern und durch welche sozialen und kulturellen Praktiken konstituiert jeweils von Freiräumen für Männer und Frauen gesprochen werden kann. Das wäre zwar eine interessante Fragestellung; konzeptionell wäre damit aber gegenüber dem Begriff der Freizeit wenig gewonnen. Zumindest regte die Sektion mit ihren lebhaften Diskussionen, für die genügend Zeit (oder Raum?) blieb, zum Nachdenken über grundlegende konzeptionelle Probleme (nicht nur) der Freizeitgeschichte an, sei es nun aus geschlechter- oder aus „allgemein“-historischer Sicht.

Freitagnachmittag wurde es wieder gegenwartsnäher. In der von Christina von Hodenberg (Berkeley) und Detlef Siegfried (Hamburg) geleiteten Sektion „`Eine zweite Gründung´? `1968´ und die langen 60er Jahre in der Geschichte der Bundesrepublik“ ging es darum, das häufig mystifizierte Jahr 1968 einmal mehr als den entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte der Bundesrepublik in Zweifel zu ziehen, zugunsten einer Betrachtungsweise, die die langen 1960er Jahre an dessen Stelle setzt. Dies gelang überzeugend mit vier Vorträgen, die die in der Zeitgeschichte lange vorherrschende politikgeschichtliche Perspektive um sozial-, kultur-, medien- und mentalitätsgeschichtliche Aspekte erweiterten. Anhand der bislang nicht oder nur einseitig erforschten Themen Sexualität (Dagmar Herzog, Ann Arbor), Journalismus (Christina von Hodenberg), Umgang der 68er mit der NS-Vergangenheit (Wilfried Mausbach, Berlin) und Verhältnis jugendlicher Gegenkulturen zur Massenkultur (Detlef Siegfried) konnten die Referentinnen und Referenten zeigen, dass ein tief greifender Wandel in sozialen Praktiken und Mentalitäten in vielen Bereichen der bundesdeutschen Gesellschaft bereits seit Ende der 1950er Jahre und nicht erst mit den Protestbewegungen 1968 einsetzte. Damit unterstrichen sie die jüngsten Deutungen der Zeitgeschichte und erweiterten sie um zentrale inhaltliche Aspekte.

Der Geschlechterhistorikerin kamen in diesem Kontext unweigerlich die neueren einschlägigen Forschungen in den Sinn, die auch bezogen auf die Geschlechterverhältnisse den tief greifenden Wandel – nicht nur für die Geschichte der Bundesrepublik, sondern vermutlich für das gesamte 20. Jahrhundert sowie für alle westlichen Industrienationen – in den langen 1960er Jahren, beginnend mit 1957/58 (und nicht erst mit dem Einsetzen der „neuen“ Frauenbewegung), ausmachen. [9] Dieser Aspekt hätte sich als thematisches Komplement der Sektion durchaus angeboten: Zum einen ist er für ein umfassendes historisches Verständnis der 1960er Jahre und der Entwicklungen in der Folgezeit unverzichtbar; zum anderen gibt es wohl kaum eine gesellschaftliche Entwicklung, die unsere Lebensführung und Mentalität in den letzten Jahrzehnten so nachhaltig verändert und geprägt hat. Nun kann man einwenden, dass die Geschichte der Geschlechterverhältnisse zumindest teilweise beim Thema Sexualität berücksichtigt wurde und zudem keinen Bezug zum symbolischen Jahr 1968 hat – sofern man nicht dieses wiederum als Katalysator für die Frauenbewegung auffasst. Zugestanden – und doch bleibt aus meiner Perspektive eine Irritation über die vollkommene Abwesenheit der Kategorie Geschlecht auch und gerade in dieser Sektion bestehen.

Nur an zwei Orten war Geschlechtergeschichte auf dem Kieler Historikertag tatsächlich präsent: im Doktorandenforum, wo Dissertationsprojekte in Posterform präsentiert wurden, und bei der zweistündigen Vorstellung des Arbeitskreises Historische Frauen- und Geschlechterforschung am Donnerstagmittag. Letztere war recht gut von Interessierten besucht, während etliche der Aktiven offenbar den Weg nach Kiel gescheut hatten (siehe oben). Die Anwesenden stellten aktuelle Forschungsprojekte, Publikationen und Aktivitäten des Arbeitskreises vor, der seit 1990 besteht und derzeit rund 400 Mitglieder umfasst: ein weiteres Zeichen, dass Geschlechtergeschichte im Sinne Lynn Hunts durchaus „hier“ ist und offenbar auch „hier bleibt“ – solange man mit „hier“ nicht den Deutschen Historikertag meint, sondern die historische Forschung an deutschen Hochschulen und sonstigen Institutionen. [10]

Unter den 54 Dissertationsprojekten des Doktorandenforums, das durch die Vielfalt seiner Projekte und die teilweise überaus gelungenen und ideenreichen Präsentationen beeindruckte und eine unbedingt zu wiederholende Bereicherung des Historikertags darstellte, fand sich dennoch nur ein einziges, das ausdrücklich auch geschlechtergeschichtlich war und dies bereits im Titel erkennen ließ: das Projekt Levke Harders von der Berliner Humboldt-Universität über „Geschlecht – Disziplin – Geschichte: Akademikerinnen in der Germanistik und den American Studies von den zwanziger bis zu den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts.“ In ihrem anspruchsvollen Vorhaben verbindet Harders aktuelle Fragen der Wissenschaftsgeschichte mit solchen der Geschlechtergeschichte, indem sie die Zusammenhänge von Integration und Exklusion von Frauen im Wissenschaftssystem, in der Wissensproduktion und in der nationalen Identitätskonstruktion in einem transdisziplinären, transnationalen und transepochalen Vergleich untersucht. Wissenschaftsgeschichte, besonders die Geschichte der Sozial- und Geisteswissenschaften, ist bislang selten in einer Geschlechterperspektive geschrieben worden. Von der Dissertation Levke Harders´ sind daher, nicht zuletzt durch die genannten Vergleichsperspektiven, innovative Ergebnisse zu erwarten. [11]

Die Präsentation des Dissertationsprojekts von Cornelia Baddack von der Universität Köln über die rechte Politikerin Katharina von Kardorff-Oheimb (1879-1962) enthielt ebenfalls eine geschlechtergeschichtliche Dimension. Diese drängt sich bei einer Biografie einer der ersten deutschen Parlamentarierinnen fast unweigerlich auf; das Projekt knüpft damit an neuere Forschungen über Frauen der deutschen Rechten, ihre Motivationen, Aktivitäten und Akzeptanz an. Doch blieb leider unklar, welchen genauen Stellen- und Erkenntniswert die Kategorie Geschlecht in dem Projekt hat und wie sie mit dessen zentraler Fragestellung nach dem politischen Stil von Kardorff-Oheimbs verknüpft ist.

Lediglich ein weiteres Dissertationsprojekt ließ geschlechtergeschichtliche Bezüge eher erahnen, als dass es sie explizit machte: Christian Kehrt von der Technischen Universität Darmstadt fragt in seinem Promotionsvorhaben „Moderne Krieger. Die Technisierung des Kriegsalltags deutscher Militärpiloten, 1910-1970“ unter anderem nach dem „identitätsbildenden Einfluss militärischer Traditionen, Männlichkeitsvorstellungen und Hierarchien auf das Technikverständnis der Militärpiloten“ – ein Zitat, das sich allerdings nur auf seiner Homepage findet [12] , während das auf dem Historikertag präsentierte Plakat keinerlei Hinweise darauf enthielt, dass das Thema auch in männergeschichtlicher Perspektive bearbeitet wird. Dabei bietet sich diese hier geradezu an: Den Zusammenhang zwischen Technik, Militär und soldatischer Identität zu erforschen, ohne nach der Bedeutung von Männlichkeit zu fragen, hieße angesichts der Tatsache, dass gerade Militär und Technik wichtige Faktoren in der Konstruktion historischer Männlichkeiten waren, den vielleicht wichtigsten Aspekt soldatischer Identitätskonstruktion auszublenden. Das Projekt könnte mittlerweile auf Etliches an einschlägiger Forschung zurückgreifen. Denn obgleich die Geschichte der Männlichkeiten in Deutschland noch weitgehend am Anfang steht, ist der vergleichsweise am besten erforschte Zusammenhang derjenige zwischen Militär, Krieg und Männlichkeit, doch gibt es auch hier noch ganz erhebliche Forschungslücken. Auch diese Dissertation verspräche daher innovative Ergebnisse für die Geschlechtergeschichte. Bleibt zu hoffen, dass sie dieses Potential nicht verschenkt.

Was ist nun das Fazit meiner Suchbewegungen und Überlegungen? Ganz offensichtlich ist die deutschsprachige Geschichtswissenschaft (anders als etwa die US-amerikanische) noch weit davon entfernt, Geschlecht als eine selbstverständliche Kategorie historischer Forschung zu berücksichtigen. Die weitgehende Ignoranz gegenüber den Beiträgen der Geschlechtergeschichte findet sich – die Beispiele haben es gezeigt – nicht nur in den Kernbereichen des Faches, sondern auch in Forschungsfeldern, die selbst eher am Rand der Disziplin stehen oder noch relativ jung sind. Über die Gründe der ein-, manchmal auch gegenseitigen Nicht-Wahrnehmung ist schon häufig räsoniert worden, und auch ich werde hier die umfassende Erklärung schuldig bleiben. Der Historikertag spiegelt lediglich den Status quo der Geschichtswissenschaft an deutschen Hochschulen wider. Dort jedoch ist Geschlechtergeschichte durchaus präsent, mancherorts mehr, andernorts weniger. Bleibt zu hoffen, dass sich das im Programm künftiger Historikertage wieder stärker und dauerhaft niederschlagen wird – wenn schon nicht in Form integrierter geschlechtergeschichtlicher Perspektiven, dann doch zumindest in explizit geschlechtergeschichtlichen Sektionen und Vorträgen.

Dr. Wiebke Kolbe ist Wissenschaftliche Assistentin am Arbeitsbereich Geschlechtergeschichte der Universität Bielefeld und z.Zt. Habilitationsstipendiatin im Lise-Meitner-Programm des Landes NRW. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Geschlechtergeschichte, vergleichende Wohlfahrtsstaatsforschung und Tourismusgeschichte. Homepage: http://wwwhomes.uni-bielefeld.de/wkolbe/


[1] Hunt, Lynn, The Challenge of Gender. Deconstruction of Categories and Reconstruction of Narratives in Gender History, in: Medick, Hans; Trepp, Anne-Charlott (Hgg.), Geschlechtergeschichte und Allgemeine Geschichte. Herausforderungen und Perspektiven, Göttingen 1998, S. 57-97, hier S. 57.

[2] Hunt (wie Anm. 1), S. 68; Rosenhaft, Eve, Zwei Geschlechter – eine Geschichte? Frauengeschichte, Männergeschichte, Geschlechtergeschichte und ihre Folgen für unsere Geschichtswahrnehmung, in: Eifert, Christiane u.a. (Hgg.), Was sind Frauen? Was sind Männer? Geschlechterkonstruktionen im historischen Wandel, Frankfurt am Main 1996, S. 257-274, hier S. 258f., 268f.

[3] Vgl. Nagl-Docekal, Herta, Feministische Geschichtswissenschaft – ein unverzichtbares Projekt, in: L´Homme. Zeitschrift für feministische Geschichtswissenschaft 1/1 (1990), S. 7-18, hier S. 17; Blimlinger, Eva; Hornung, Ela, Feministische Methodendiskussion in der Geschichtswissenschaft, in: Gehmacher, Johanna; Mesner, Maria (Hgg.), Frauen- und Geschlechtergeschichte. Positionen/Perspektiven, Innsbruck 2003, S. 127-142, hier S. 133.

[4] Z.B. Reulecke, Jürgen, „Ich möchte einer werden so wie die ...“ Männerbünde im 20. Jahrhundert, Frankfurt/Main, New York 2001.

[5] Benninghaus, Christina, Verschlungene Pfade – Auf dem Weg zu einer Geschlechtergeschichte der Jugend, in: Dies.; Kohtz, Kerstin (Hgg.), „Sag mir, wo die Mädchen sind ...“ Beiträge zur Geschlechtergeschichte der Jugend, Köln u.a. 1999, S. 9-32, hier S. 11, 15.

[6] Ausführlich dazu: Benninghaus (wie Anm.5).

[7] Z.B. Benninghaus; Kohtz (wie Anm. 5); Maase, Kaspar, BRAVO Amerika. Erkundungen zur Jugendkultur der Bundesrepublik in den fünfziger Jahren, Hamburg 1992; Benninghaus, Christina, Die anderen Jugendlichen. Arbeitermädchen in der Weimarer Republik, Frankfurt am Main 1999; Poiger, Uta G., Jazz, Rock and Rebels: Cold War politics and American culture in a divided Germany, Berkeley 2000.

[8] Vgl. dazu Langhamer, Claire, Women´s Leisure in England 1920-1960, Manchester 2000; zum analogen Problem bei „Ferien“: Schumacher, Beatrice, Ferien. Interpretationen und Popularisierung eines Bedürfnisses. Schweiz 1890-1950, Wien 2002, bes. S. 61ff., 105f.

[9] Um nur eine Arbeit zu nennen: Oertzen, Christine von, Teilzeitarbeit und die Lust am Zuverdienen. Geschlechterpolitik und gesellschaftlicher Wandel in Westdeutschland 1948-1969, Göttingen 1999.

[10] Weitere Informationen zum Arbeitskreis unter:
http://www.uni-flensburg.de/akhfg/.

[11] Weitere Informationen zu dem Projekt unter: http://www.geschichte.hu-berlin.de/bereiche/wige/mitarbeiter/harders.htm.

[12] http://www.ifs.tu-darmstadt.de/gradkoll/Personen/KehrtC.html.


Geschichtsdidaktik

Katja Gorbahn

Besprochene Sektionen:

"Mit Schülern Kulturlandschaften lesen – Medien, Methoden, Unterrichtserfahrung"
"Die doppelte deutsche Nachkriegsgeschichte als wissenschaftliches und fachdidaktisches Problem"
"Geschichtskultur im Umbruch: Neue Standards und global orientiertes Geschichtsbewusstsein"
"Geschichtsprojekte in Schule und Hochschule - theoretische Überlegungen und praktische Beispiele"
"Sprache im Geschichtsunterricht"

Zahlreiche Brücken wurden geschlagen in den fünf geschichtsdidaktischen Sektionen des Kieler Historikertags, gehören doch Brückenschläge zum Kern einer Disziplin, die sich nicht nur in engem Bezug zu den Fachwissenschaften konstituiert hat, sondern auch in hohem Maße an der Schnittstelle zwischen Theorie und Praxisbezug, Schule und Hochschule angesiedelt ist - eine nicht immer spannungsfreie, allemal aber spannende Kommunikationssituation.

Eine systematischere Berücksichtigung des Raumes als konstitutiver Kategorie des historischen Denkens scheint nicht zuletzt im Hinblick auf die schwierige Diskussion um den Identitätsbegriff sinnvoll, die auch in der Geschichtsdidaktik noch keineswegs abgeschlossen ist. So war es sicher kein Zufall, dass dieser Aspekt des Tagungsthemas auf unterschiedlichen Ebenen ausgeleuchtet wurde: Den Begriff der "Kulturlandschaft" suchte die von Bettina Alavi und Gerhard Henke-Bockschatz geleitete Sektion mithilfe zahlreicher Unterrichtsbeispiele auf regional- bzw. lokalhistorischer Ebene fruchtbar zu machen, dem schwierigen Problem der Konzeptualisierung der "doppelten" deutschen Nachkriegsgeschichte widmete sich Christoph Kleßmanns Sektion und schließlich eröffnete die Sektion "Geschichtskultur im Umbruch" unter der Leitung von Peter Lautzas globale Perspektiven - nur als Randnotiz sei hier hinzugefügt, dass sich die nächste Jahrestagung der Konferenz für Geschichtsdidaktik voraussichtlich der europäischen Dimension des Geschichtsbewusstseins widmen wird. Deutlich wurde in den Sektionen immer wieder, dass diese unterschiedlichen Dimensionen sich keineswegs ausschließen, einander vielmehr bedingen bzw. füreinander fruchtbar gemacht werden können (und müssen).

Geschichte im Raum zu entdecken und gestaltete Landschaft als historische Quelle zu nutzen impliziert die Fähigkeit, die Grenzen zwischen Natur und Kultur in ihrem Wechselverhältnis differenziert wahrzunehmen und Landschaft historisieren zu können. Der Frage, wie entsprechende Kompetenzen entwickelt werden können, wie Schülerinnen und Schüler Kulturlandschaften also historisch "lesen" lernen können, näherte sich die Sektion "Mit Schülern Kulturlandschaften lesen - Medien, Methoden, Unterrichtserfahrungen" von ganz konkreten Beispielen her, in denen unterschiedliche methodische Verfahren genutzt wurden. Bettina Alavi erläuterte die Chancen eines Zugangs über die neuen Medien: Heidelberger Lehramtsstudierende erstellten im Rahmen eines Projekts zur Kurpfalz eine CD-ROM. Indem das Medium durch die Visualisierung verschwundener Landschaft und portionierte Erläuterungen einen Vergleich zur Gegenwart ermöglicht, kann die durch menschliche Eingriffe bewirkte Veränderung virtuell erfahrbar und in ihrer Abhängigkeit von gesellschaftlichen Faktoren nachvollziehbar gemacht werden. Das von Gerhard Henke-Bockschatz vorgestellte Projekt, bei dem Schüler der 11. Klasse den Rheingau erkundeten und auf landschaftsprägende Kräfte hin untersuchten, zeigte auf, wie ein Zugang über unmittelbare Landschaftserfahrung aussehen kann. Dass mit Volker Albrecht und Maik Böing auch Geografiedidaktiker einbezogen wurden, erscheint bei dem Thema Landschaft fast unverzichtbar. Ihr Projekt, bei dem Schülerinnen und Schüler sich in Köln und Straßburg auf die Suche nach europäischen Entwicklungslinien in mittelalterlichen Stadtbildern machten, ermöglichte einen Einblick in Herangehensweisen und methodisches Repertoire einer Disziplin, zu der es von Seiten der Geschichtsdidaktik zahlreiche Berührungspunkte gibt. Hervorgehoben sei hier die Methode des sog. "Croquis", mit dessen Hilfe Veränderungen in Grundrissen in einer Weise erfasst werden können, die in hohem Maße zur Suche nach historischen Erklärungen herausfordern dürfte. Auf einer anderen Ebene als die genannten Beiträge bewegte sich der Ansatz Saskia Handros. Mithilfe eines differenzierten analytischen Instrumentariums und unter Nutzbarmachung des Begriffs der Erinnerungslandschaft analysierte sie Schülerarbeiten, die im Rahmen des regionalen Geschichtswettbewerbs von "Forum Geschichtskultur" eingereicht worden waren. Der Prozess der Entdeckung, Bewahrung, Gestaltung und Umdeutung von "Industrielandschaft" im Ruhrgebiet ist ein geschichtskulturell höchst spannendes Phänomen. Die Beobachtungen zu den hierzu sichtbar werdenden Schülerwahrnehmungen boten zahlreiche Ansatzpunkte zur theoretischen Reflexion wie zu weiteren empirischen Untersuchungen. Überhaupt gab diese Sektion zahlreiche Anstöße in einem Feld, auf dem weiterzuarbeiten sich sicher lohnt. So dürfte es gewinnbringend sein, weiter darüber nachzudenken, welche systematischen Zugriffe für Schülerinnen und Schüler bei der Erschließung von Raumkonzepten hilfreich sein könnten und welchen Erkenntnisgewinn umwelthistorische Fragestellungen und Forschungsergebnisse bieten können.

Auf mehreren Feldern hat der Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD) in der letzten Zeit Kooperationen angestoßen. Dazu zählt auch eine gemeinsame Arbeitsgruppe mit dem Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam. Sie befasst sich mit der Frage, welche konzeptuellen Konsequenzen für die Vermittlung der Nachkriegsgeschichte sich aus der Tatsache ergeben, dass Ost- und Westdeutschland zwar mittlerweile in einem Staat aufgegangen, ost- und westdeutsche Vorstellungen der Nachkriegsgeschichte von einer Integration jedoch noch weit entfernt sind. Das von Christoph Kleßmann in der Sektion "Die doppelte deutsche Nachkriegsgeschichte als wissenschaftliches und fachdidaktisches Problem" vorgestellte Konzept zielt demgegenüber auf eine Integration beider Stränge, die mehr ist als eine reine Parallelisierung und eine teleologisch ausgerichtete Gegenüberstellung von Erfolgs- und Misserfolgsgeschichte vermeidet. Kleßmann unterschied dazu mehrere Entwicklungsphasen bzw. Strukturdimensionen, wobei u. a. die Bedeutung von Formen der asymmetrischen Verflechtung zwischen beiden Staaten herausgearbeitet und der Blick auf systemübergreifende Problemlagen fortgeschrittener Industriegesellschaften gelenkt wurde. Peter Lautzas ergänzte diese Ausführungen durch weitere didaktische sowie methodische Überlegungen und hob u. a. längsschnittartige Zugriffe als hilfreich hervor. Die weiteren Vorträge exemplifizierten den Zugang anhand verschiedener Themenfelder: "Grenze und Grenzerfahrung" (Thomas Lindenberger, Klaus Fieberg), "Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und Geschichtskultur" (Martin Sabrow, Michaela Hänke-Portscheller) sowie "Jugend und Jugendkultur" (Konrad H. Jarausch, Rolf Brütting). Zugrunde lag das Prinzip, die Themen von jeweils einem Referenten aus dem Zentrum für Zeithistorische Forschung und einem Lehrer bzw. einer Lehrerin erschließen zu lassen. Auch wenn Redundanzen dabei nicht immer vermeidbar waren: Indem alle Referenten ihre Gegenstände konsequent aufeinander bezogen und kategorial strukturierten, demonstrierte die Sektion, wie konstruktiv und ergebnisorientiert die Zusammenarbeit zwischen Fachwissenschaft und Fachdidaktik verlaufen kann.

Das vorgeschlagene Konzept verdient darüber hinaus in verschiedener Hinsicht Beachtung: Von vornherein auf Multiplikation angelegt - immerhin war mit Christoph Kleßmann einer der wichtigen geschichtskulturellen Multiplikatoren beteiligt - steht zu erwarten, dass die Ergebnisse der Arbeitsgruppe sich curricular und in Schulbüchern konkret niederschlagen werden. Des Weiteren sind die verschiedenen flexibel anwendbaren Strukturdimensionen geeignet, den Blick auf Brüche in der deutsch-deutschen Nachkriegsgeschichte zu lenken. Ob damit die Etablierung einer neuen nationalhistorischen "Meistererzählung" vermieden werden kann, wie Konrad Jarausch in seinem jüngst in den "Zeithistorischen Forschungen" erschienenen Aufsatz meint [1] , kann hier nicht diskutiert werden. Immerhin forderte auch Peter Lautzas eingangs die Situierung des Themas im europäischen und globalen Rahmen. Dass diese in den vorgeführten Beispielen nicht sehr deutlich wurde, mag zunächst daran gelegen haben, dass das Hauptanliegen der Sektion ein anderes war. Doch bleibt es eine spannende Frage, wie die verschiedenen Ebenen des historischen Raumes denn didaktisch zu integrieren seien.

In der Sektion "Geschichtskultur im Umbruch: Neue Standards und global orientiertes Geschichtsbewusstsein" wurden darauf einige Antworten gegeben. Überhaupt standen sich beide Sektionen vom Ansatz her nahe: Akzeptiert man die geschichtsdidaktische Grundannahme, dass ein enger Zusammenhang zwischen Gegenwartswahrnehmung, Vergangenheitsdeutung und Zukunftserwartung besteht, liegt die Folgerung nicht fern, dass Wandlungsprozesse in der Gegenwart u. U. zumindest partiell eine neue Ausrichtung des historischen Curriculums erfordern. Dass die sich derzeit vollziehenden Globalisierungsprozesse neue gesellschaftliche Orientierungsbedürfnisse schaffen und das überkommene nationalhistorische Narrativ infrage stellen, ist Ausgangspunkt der Überlegungen des VGD-Arbeitskreises "Global orientiertes Geschichtsbewusstsein", in dem Fachdidaktiker, Fachwissenschaftler und Mitglieder des VGD der Frage nachgehen, wie solche transnationalen historischen Narrative geschichtsdidaktisch sinnvoll und in einer Weise konstruiert werden können, dass Chancen für ihre curriculare Implementierung bestehen. Dies ist eine große Herausforderung in mehrfacher Hinsicht: Nicht nur existieren im deutschen Geschichtsunterricht - anders als in sehr vielen anderen Bildungssystemen - wenige Erfahrungen mit dem Unterricht in Weltgeschichte, auch die akademische Ausbildung ist vorwiegend regional, national und eher europäisch, in der Regel jedoch nicht global ausgerichtet.

Nach der Einführung durch Peter Lautzas stellte Matthias Middell, u.a. Mitherausgeber des Fachforums geschichte.transnational, die verschiedenen Konzepte der world oder global history vor, skizzierte vergleichend die derzeitige Situation in den USA und in Deutschland und forderte ein enges Bündnis zwischen Schule und Hochschule. Auch Hanna Schissler argumentierte unter Bezugnahme auf die Debatte in den USA und in Abgrenzung zu älteren universalhistorischen Entwürfen für die Notwendigkeit transnationaler historischer Narrative, die jedoch nicht in eine neue "master narrative" - gar mit universalhistorischem Anspruch - münden dürften. Susanne Popp diskutierte im Anschluss daran das Verhältnis von nationaler, europäischer und globaler Dimension im Geschichtsunterricht und betonte, dass die globale Dimension in den Konzepten der Nation und Europas wie auch der nationalen und europäischen Identität nicht mehr fehlen dürfe. Als konkreten Beitrag zur Debatte um die Bildungsstandards für das Fach Geschichte führte sie im Anschluss vor, wie sich ein globaler Ansatz konkret im Geschichtsunterricht niederschlagen könnte. Durch zahlreiche Beispiele machte sie deutlich, dass keinesfalls die Überfrachtung des Curriculums mit immer neuen Themen anzustreben ist, sondern dass es um einen Perspektivwechsel geht, der es den Schülerinnen und Schülern ermöglicht, bestehende Themen in unterschiedlichen und eben auch globalen Bezügen zu situieren. Ein solcher Zugang, der von den derzeit vorherrschenden Unterrichtsinhalten ausgeht, könnte nicht nur höhere Umsetzungschancen haben. Er konkretisiert mit der Fähigkeit u. a. zum vertikalen Perspektivenwechsel und zum historischen Vergleich auch diejenigen Kompetenzen, die bei den Schülerinnen und Schülern systematisch zu schulen wären, und trägt damit zur Ausdifferenzierung des geschichtsdidaktischen Postulats der Multiperspektivität bei. Eckhardt Fuchs beleuchtete das Thema schließlich noch aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive und schloss mit einem Plädoyer für empirische Unterrichtsforschung in diesem Bereich, die Klarheit verschaffen soll, wie die Schülerinnen und Schüler Globalisierungsphänomene wahrnehmen und verstehen.

Die anschließende Podiumsdiskussion brachte Teilnehmer aus ganz verschiedenen Feldern zusammen: In den USA wurde in den letzten Jahren eine intensive und breit verankerte Diskussion um Weltgeschichte im Geschichtsunterricht geführt. Eine Rolle spielt dabei, dass das Fach Weltgeschichte im US-amerikanischen Modell - dem zahlreiche Staaten folgen - als Fach neben der Nationalgeschichte fest verankert ist. Mit dem "Advanced Placement (AP) World History Course" stellte Lawrence Beaber den derzeit erfolgreichsten world history-High-School-Kurs vor. Dass dieser Vortrag zugleich Einblick in ein gänzlich anders strukturiertes bildungspolitisches Steuerungssystem gab, sei hier auch deshalb eigens vermerkt, weil sich im Zusammenhang mit der derzeitigen Diskussion um Bildungsstandards ein Paradigmenwechsel hin zur outputorientierten Steuerung vollzieht, zu dessen differenzierterer Beurteilung dringend Informationen über den Umgang mit Geschichte in Bildungssystemen eingeholt werden müssen, die mit solchen Steuerungsformen Erfahrung haben. Zu Wort kamen außerdem, ohne dass dies im gegebenen Rahmen genauer ausgeführt werden könnte, der Afrikanist Andreas Eckert sowie der Historiker und Japanspezialist Sebastian Conrad. Beide nahmen zur Frage der möglichen Fortentwicklung des traditionellen nationalhistorischen Narrativs in globaler Perspektive Stellung. Schließlich rückte Ernst Ulrich von Weizsäcker in einem vehementen Plädoyer die Notwendigkeit eines kritischen Zugangs zu den gegenwärtigen Globalisierungsprozessen ins Bewusstsein. So lässt sich im Fazit festhalten, dass die Sektion für die geschichtsdidaktische Erschließung des Feldes, die seit dem von Susanne Popp und Johanna Forster herausgegebenen Band "Curriculum Weltgeschichte" [2] im Gange und bei weitem noch nicht abgeschlossen ist, einen wichtigen Beitrag leistete. Eine klare Positionierung von Seiten der Geschichtsdidaktik ist hier umso wichtiger, als die derzeit unter der Federführung der Kultusbürokratien entwickelten Standards möglicherweise das nationalhistorische Modell zu zementieren drohen.

Die vom schleswig-holsteinischen Landesverband des VGD verantwortete Sektion "Geschichtsprojekte in Schule und Hochschule - theoretische Überlegungen und praktische Beispiele", geleitet von Reinhard Mischke, führte Teilnehmer aus Schule, Universität und weiteren Einrichtungen der Geschichtskultur zusammen. Leitend für die Sektion war das konkrete Anliegen, Hilfestellungen zu leisten in einer bildungspolitischen Situation, in der sich die Lehrkräfte zwar mit der Forderung nach schüleraktivierenden Unterrichtsformen konfrontiert sehen, in der Praxis jedoch nicht unerhebliche Umsetzungsprobleme bestehen.

Bereits die einleitenden Ausführungen von Karl Heinrich Pohl zum gegenwärtigen Diskussionsstand benannten neben Leistungen des Projekts für das historische Lernen auch Probleme in praktischer, theoretischer und systematischer Hinsicht. Damit war der Rahmen gesteckt für die Praxisbeispiele, die nicht nur aus unterschiedlichen Schulformen und -stufen, sondern auch aus dem universitären Lernen stammten. Vorgestellt wurden ein an der Realschule durchgeführtes stadt- und technikgeschichtliches Projekt zum Brückenbau über den Elbe-Lübeck-Kanal (Michael Kiss), ein gymnasiales Mittelstufenprojekt zur Hanse-Schifffahrt (Martin Krotz), ein Projekt zum Bismarck-Bild in Vergangenheit und Gegenwart an der gymnasialen Oberstufe (Ralf-Gunnar Rathlau) sowie ein an der Universität Kiel durchgeführtes Projekt, in dessen Rahmen Studierende die Präsentation eines Filmdokuments zu den Segelwettbewerben von Kiel 1936 konzipierten (Thomas Hill). Letztgenanntes Beispiel konkretisierte die Arbeit der Kieler Initiative zur Studienreform HIP ("Historiker in der Praxis"), die sich zum Ziel gesetzt hat, fachwissenschaftliche Ausbildung und Vorbereitung auf den außeruniversitären Berufsalltag sinnvoll miteinander zu verknüpfen. In allen Vorträgen wurden sehr konkrete Arbeitsberichte geliefert, in denen nicht nur positive Ergebnisse herausgestrichen, sondern auch Probleme offen benannt wurden - speziell die Fragen der Motivation sowie der Selbstbestimmtheit der Schülerinnen und Schüler wurden in den Vorträgen wie in der Diskussion problematisiert. Ein besonderer Reiz der Sektion lag darin, dass nicht nur die Lehrenden, sondern auch die Lernenden zu Wort kamen, als ein Student (Ole Hagemann) bzw. eine Schülerin und ein Schüler (Sarah Scheffer und Malte Kröger) die Projekte aus ihrer Sicht kommentierten. Angesichts des häufig beklagten Defizits an empirischen Forschungsergebnissen zu den Sichtweisen der Schülerinnen und Schüler scheint hier immerhin ein Ansatzpunkt gegeben, fernab jeglichen Repräsentativitätsanspruchs Positionen der Lernenden zumindest stärker ins Blickfeld zu rücken.

Ein weiterer Akzent der Sektion lag auf Angeboten der Geschichtskultur, die zur Durchführung von Projekten geeignet sind. Andreas von Seggerns, Museumspädagoge an der Otto-von-Bismarck-Stiftung in Friedrichsruh, stellte im Zusammenhang mit dem oben genannten Projekt zum Bismarck-Bild seine Einrichtung als außerschulischen Lernort vor und erläuterte zudem, welche Möglichkeiten für Lerngruppen bestehen, die das Angebot nicht direkt vor Ort nutzen können. Die Plymouth Plantation in Massachusetts hingegen werden wohl ohnehin die wenigsten besuchen können. Höchst anregend war der Vortrag von Simone Lässig dennoch, stellte er doch ein gelungenes Beispiel eines "Living History"-Museums vor, ein Konzept, das hierzulande weniger bekannt ist. Ihr Beitrag reflektierte darüber hinaus auf allgemeinerer Ebene Möglichkeiten und Grenzen historischen Lernens in speziell gestalteten Lernumgebungen und warf die Frage nach der Grenze zwischen erlebnisorientierten Zugängen zur Geschichte und vordergründigem Motivationsspektakel auf.

Einen angesichts des Mottos "Raum und Kommunikation" passenden Abschluss der Reihe der geschichtsdidaktischen Sektionen lieferte die von Hans-Jürgen Pandel geleitete Sektion "Sprache im Geschichtsunterricht". Hier wurde es unternommen, das zentrale Erkenntnisinstrument des Historikers in den Blick zu nehmen, ist doch Zugang zu Geschichte losgelöst von Sprache nicht denkbar, sei es, dass der Gegenstand der Geschichtswissenschaft nur in sprachlicher Überlieferung vorliegt, sei es, dass auch ikonische Aussagen verbalisiert werden müssen, sei es, dass alle Deutungen notwendigerweise in Worte gefasst werden müssen. Durch welche Charakteristika aber zeichnen sich Sprache des Historikers, Sprache der Quellen, Sprache der Schüler und Sprache der Geschichtskultur aus? Wie verhalten sich diese Sprachkulturen und Textwelten zueinander? Welche Kompetenzen müssen Schülerinnen und Schüler erwerben, um mit ihnen umgehen zu können? Die Diskussion auf diesem Feld voranzubringen, war Anliegen der Sektion.

Hierzu analysierte Horst-Walter Blanke die sprachlichen Strategien von Historikern an den Beispielen von Werken Theodor Mommsens, Veit Valentins und Hans-Ulrich Wehlers, arbeitete dabei besonders ihr Verhältnis zur Alltagssprache heraus und verortete in diesem Rahmen die Sprache der Schulbücher. Vadim Oswalt untersuchte exemplarisch fiktionale Texte zur Geschichte und strich insbesondere deren spezifische Stärken heraus. Die Vorträge von Helmut Beilner und Hilke Günther-Arndt zielten direkter auf den schulischen Raum. Helmut Beilner benannte zahlreiche sprachlich bedingte Hindernisse, die für Schülerinnen und Schüler den Umgang mit Quellen erschweren - die angeführten Schwierigkeiten wiesen allerdings über genuin fachspezifische, aus der historischen Differenz der Quellen resultierende Probleme hinaus und berührten z. T. allgemeinere Probleme des Textverstehens. Hilke Günther-Arndt führte vor, wie in einem von ihr initiierten und geleiteten Forschungsprojekt mittels einer genauen Analyse von Schüleräußerungen Zugang zu Schülervorstellungen gesucht wird. Spezielle Aufmerksamkeit wandte sie den in den Interviews deutlich werdenden metaphorischen Konzepten der Schülerinnen und Schüler zu und demonstrierte, mit welch großer Feinheit deren Untersuchung erfolgt. Die Frage, wie diese Vorstellungen im Einzelnen aufgebaut werden, wird sicher noch Anlass zu Diskussionen geben.

Eine systematische Untersuchung der sprachlichen Aspekte, die eine Rolle für das historische Denken bzw. Lernen spielen, und eine theoretische Klärung der sprach- bzw. texttheoretischen Merkmale von sprachlichen Äußerungen, die man dem historischen Diskurs zurechnet, sind zentrale Desiderate geschichtsdidaktischer Forschung. Dass dies in Kiel angegangen wurde, ist mehr als begrüßenswert, und es steht zu hoffen, dass die Sektion erst am Anfang einer detaillierten Auseinandersetzung mit einem Thema steht, das vielfältige Forschungsperspektiven eröffnet und gewaltige Impulse zu vermitteln in der Lage ist. Dabei könnten auch die Erkenntnisse anderer Disziplinen für die Geschichtsdidaktik von großem Gewinn sein - insbesondere wäre die konsequente Heranziehung von Linguisten bzw. Semiotikern denkbar und wünschenswert.

Die Funktionen eines Historikertags aus der Sicht der Geschichtsdidaktik sind mannigfaltig: Es gilt, theoretisch über Fragen der Geschichtsvermittlung zu reflektieren, aber auch im Austausch mit den Fachwissenschaften über die Konsequenzen fachwissenschaftlicher Forschungsergebnisse und weltpolitischer Veränderungen für die herrschenden Narrative und Vermittlungskonzepte nachzudenken. Es gilt, ein Forum für den Austausch praktischer Unterrichtserfahrungen zu schaffen, Impulse aus anderen Bildungssystemen zu vermitteln und systematisch Unterrichtsmodelle anzubieten. Und schließlich ist es notwendig, nach gemeinsamen Positionen in der bildungspolitischen Auseinandersetzung zu suchen. Diese und andere Aufgaben erfordern Kommunikation - Kommunikation über die Grenzen der Disziplinen hinweg wie zwischen Schule und Hochschule oder zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen. Der Historikertag in Kiel 2004 hat gezeigt, dass die Disziplin dazu bereit ist.

Katja Gorbahn ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Didaktik der Geschichte, Neueste Geschichte der Universität Siegen. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Bildungspotenziale der antiken Geschichte im europäischen Zusammenhang, Schulbuchforschung, Lehrplananalyse und Qualitätssicherung im Geschichtsunterricht. Homepage: http://www.fb1.uni-siegen.de/history/dgng/gorbahn.htm


[1] Jarausch , Konrad H., "Die Teile als Ganzes erkennen". Zur Integration der beiden deutschen Nachkriegsgeschichten, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 1 (2004), S. 10-30, online unter: http://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Jarausch-1-2004.

[2] Popp, Susanne; Forster, Johanna (Hgg.), Curriculum Weltgeschichte. Interdisziplinäre Zugänge zu einem global orientierten Geschichtsunterricht, Schwalbach/Ts. 2003.


Alte Geschichte

Henning Börm

Besprochene Sektionen:

"Beschränkte Götter im Reich ohne Grenzen: Horizonte religiöser Kommunikation im Imperium Romanum"
"Römer und Germanen in der Spätantike – ein Konflikt der Kulturen?"
"Wege als Medium der Kommunikation zwischen Mittelmeer und Indischem Ozean in der Antike"
"Alte Geschichte und Alter Orient – Auch ein Plädoyer für Universalgeschichte"

Der Historikertag hat für die Alte Geschichte nicht ganz die Bedeutung, die er für andere historische Fächer - vor allem für die Neuere und Neueste Geschichte - besitzt. Schon ein flüchtiger Blick auf das Programm bekräftigte auch für das Jahr 2004 diesen Eindruck: Mit nur vier regulären Sektionen (zuzüglich der Vorträge im Rahmen der "Jungen Historiker") war der Anteil der Alten Geschichte so gering wie der keiner anderen Teildisziplin. Dem Vernehmen nach wurden dabei von den Organisatoren im übrigen alle althistorischen Sektionsvorschläge berücksichtigt. Die geringe Zahl an Sektionen aus dem Bereich der Alten Geschichte war mithin nicht auf eine rigide Zulassungspolitik der Veranstalter, sondern auf die geringe Zahl der Vorschläge zurückzuführen.

Alle althistorischen Sektionen waren hingegen gut bis sehr gut besucht, wobei sich das Publikum relativ bunt gemischt präsentierte - neben einer ganzen Reihe bekannter und etablierter Gelehrter aus dem gesamten deutschsprachigen Raum war insbesondere der akademische Mittelbau recht zahlreich vertreten. Gerade für den wissenschaftlichen Nachwuchs, für Doktoranden und Habilitanden, boten sich so zahlreiche Möglichkeiten, miteinander ins Gespräch zu kommen und neue Bekanntschaften zu schließen. Einen besonders günstigen Rahmen dazu bot zudem das abendliche Althistorikertreffen am 16. September.

Die einerseits bedauerlich niedrige Zahl an althistorischen Sektionen brachte andererseits einen deutlichen Vorteil mit sich: Es war möglich, alle vier zu besuchen, da kein Abschnitt zeitlich mit einem anderen kollidierte. Doch während zu hören war, dass gerade für die neuhistorischen Sektionen die Ergiebigkeit des Mottos "Kommunikation und Raum" oft lobend erwähnt worden sei, da diese tatsächlich wie eine Klammer viele der Sektionen miteinander verbunden habe, konnte dieser Effekt für die Alte Geschichte weniger verzeichnet werden; jeweils zwei der Sektionen hingen aber thematisch enger miteinander zusammen. Es drängte sich der Verdacht auf, dass sich viele aktuelle Forschungsschwerpunkte des Faches möglicherweise eher schlecht dem gewählten Motto des Historikertages unterordnen ließen.

Bereits im Vorfeld war nicht selten zu hören gewesen, dass unter den althistorischen Sektionen Themen vermisst würden, die traditionell im Zentrum der Alten Geschichte stünden. Und in der Tat befassten sich alle vier Sektionen mit Bereichen, die erst in den letzten Jahren zunehmend das Interesse der Forschung auf sich gezogen haben, nämlich mit der kaiserzeitlichen Religionsgeschichte, mit der Spätantike sowie mit den antiken Kontakten zwischen Orient und Okzident. Sektionen zur griechischen Geschichte in archaischer und klassischer Zeit, die nach wie vor den Forschungsschwerpunkt vieler Althistoriker bildet, fehlten hingegen vollständig, Hellenismus und römische Republik wurden lediglich während der Veranstaltung "Junge Historiker stellen sich vor" behandelt - also bezeichnenderweise in eben jenem Rahmen, in dem aktuelle und abgeschlossene Habilitationsprojekte vorgestellt wurden und der mithin einigen Rückschluss darauf erlaubt, in welchen Themengebieten derzeit geforscht wird.

Wenngleich also keinesfalls bestritten werden soll, dass die vier althistorischen Sektionen wichtige Teilbereiche des Faches behandelten, bleibt doch festzustellen, dass zentrale Themenfelder der Alten Geschichte weitgehend bis vollständig unberücksichtigt blieben. Nicht zuletzt diesem Umstand dürfte wohl zuzuschreiben sein, dass die Diskussionen innerhalb der Sektionen nicht selten eher allgemein und leidenschaftslos geführt wurden, da eben in der Regel nur wenige Zuhörer selbst Experten auf den fraglichen Gebieten waren, während zu vermuten ist, dass etwa bei einer Sektion zur Sozialgeschichte der römischen Republik oder einem anderen "Mainstream"-Thema ein lebhafterer und kontroverserer Meinungsaustausch stattgefunden hätte.

Im Folgenden sollen alle althistorischen Sektionen kurz vorgestellt werden, wobei eine detaillierte Darstellung der Inhalte den jeweiligen Sektionsberichten vorbehalten bleiben wird. Abschließend soll ein allgemeines Fazit gezogen werden.

Mittwoch, 15.9.2004
Mit Bedauern nahmen viele Zuhörer zur Kenntnis, dass Simon Price (Oxford) nicht wie angekündigt an der ersten althistorischen Sektion "Beschränkte Götter im Reich ohne Grenzen: Horizonte religiöser Kommunikation im Imperium Romanum" teilnehmen konnte. Doch auch so wurden dem Publikum zahlreiche interessante Informationen geboten. [1] Den Auftakt der Sektion bildete Alfred Schäfers (Berlin) Vortrag über die Rolle der "Reichsreligion" bei der Besiedlung Dakiens. Schäfer stellte zunächst fest, die römische Kultur sei dort vornehmlich von Soldaten und sonstigen Zuwanderern getragen worden. Dabei hätten die in diversen Militärlagern nachweisbaren Kulte nicht zuletzt der Stärkung eines Gemeinschaftsgefühles innerhalb der Einheiten gedient; dies gelte insbesondere für die Pflege von Kulten aus der ursprünglichen Heimatregion solcher Truppenteile, die der östlichen Reichshälfte, zumal Syrien, entstammten. Durch Aufnahme von Einheimischen in die Truppe seien dann mit der Zeit auch neue Kulte eingeführt worden. Einigen Zuhörern schien die postulierte langjährige Pflege der Kulte der ursprünglichen Herkunftsregion dennoch mit der communis opinio zu kollidieren, der zufolge die Einheiten meist innerhalb weniger Jahre ihren Charakter durch Aufnahme von Soldaten aus dem Stationierungsraum änderten und bald nur noch dem Namen nach mit dem anfänglichen Rekrutierungsgebiet zusammenhingen. [2] Zudem wurde eine grundsätzlichere Klärung des Begriffs "Reichsreligion" eingefordert, der von vielen eher mit der kapitolinischen Trias verbunden wurde als mit östlichen Lokalgottheiten wie Bel/Baal.

Den zweiten Vortrag der Sektion hielt Anette Hupfloher (Leipzig), die sich mit der Frage auseinander setzte, ob das kaiserzeitliche Korinth tatsächlich so lange Zeit eindeutig römisch geprägt gewesen sei, wie oft angenommen wird. Als Argumentationsgrundlagen dienten Hupfloher die epigrafischen Zeugnisse; in das Zentrum ihrer Betrachtungen stellte sie den religiösen Bereich. Hier sei zu beobachten, dass die korinthische Kultverwaltung von der stadtrömischen zwar inspiriert worden sei, sie aber nicht im Detail nachgeahmt habe. Aus dem frühen Vorkommen einiger eigentümlicher Priesterämter, deren Bezeichnungen griechische und lateinische Bestandteile enthalten, schloss Hupfloher auf eine baldige Vermischung römischer und einheimischer Kultorganisation. Auffällig sei in diesem Kontext auch die frühe Wiederaufnahme der Isthmien, die eine wichtige Kontaktebene zwischen Römern und Griechen geboten hätten.

Den Höhepunkt der Sektion stellte wohl der Vortrag von Rudolf Haensch (München) dar, der sich mit der Frage auseinander setzte, ob die römische Armee tatsächlich für die Verbreitung jener Kulte im Imperium gesorgt habe, die innerhalb des Militärs besonders prominent gewesen zu sein scheinen. Haensch trennte dabei die "privaten" religiösen Überzeugungen der Soldaten von den "offiziellen" der jeweiligen Einheiten. Die Teilnahme an gemeinschaftlichen Kulten sei wie die Errichtung von Weihinschriften für bestimmte Gottheiten vermutlich unter gewissen Bedingungen üblich gewesen, sage aber nichts über den Glauben des Einzelnen aus. Während senatorische und ritterliche Offiziere offenbar oft den Iupiter Optimus Maximus verehrt hätten, seien die einfachen Soldaten in der Regel Anhänger der Lokalgötter ihrer Heimat sowie ihres Stationierungsraumes gewesen und hätten daher als Veteranen nicht für ein Eindringen der im Militär gepflegten Kulte in die Provinzbevölkerung gesorgt. Die "Reichsreligion" (wenn man unter dieser die Zwölfgötter und den Kaiserkult verstehen will) sei auf diesem Wege nicht verbreitet worden, sondern allenfalls die heimatlichen Kulte der Veteranen. Wie Hupflohers Beitrag stieß auch Haensch insgesamt auf Zustimmung im Plenum.

Jörg Rüpke (Erfurt) schließlich untersuchte in seinem Beitrag die Frage, ob die "Buchreligionen" in Hinblick auf die Verbreitung im gesamten Imperium gegenüber den anderen Kulten im Vorteil gewesen seien. Rüpke beantwortete diese Frage eher negativ. Zum einen zeige etwa die reichsweit im Kern identische ikonografische Darstellung der Stiertötung im Rahmen des Mithraskultes, für die keine literarische Tradition erkennbar ist, dass Schriftlichkeit nicht unumgänglich für die Verbreitung von Formen und Inhalten gewesen sei. Zum anderen erleichterten schriftliche Texte zwar überregionale Kommunikation, garantierten sie aber keineswegs. Und in der Tat spielte Schriftlichkeit auf die eine oder andere Weise in so vielen antiken Kulten eine Rolle, dass sich über die Sinnhaftigkeit der Bezeichnung "Buchreligion" trefflich streiten ließe. So bleibt auch zu untersuchen, welche Rolle die Re-Oralisierung der Texte im Rahmen der Kulthandlungen spielte. Wie verlief der Prozess der Kanonisierung? Insgesamt blieb der Zuhörer nach der Sektion mit mindestens ebenso vielen offenen Fragen wie Anregungen zurück.

Die zweite althistorische Sektion ("Römer und Germanen in der Spätantike - ein Konflikt der Kulturen?") schloss sich thematisch recht glücklich an die vorhergehende an, da die ersten beiden Beiträge ebenfalls religionsgeschichtliche Probleme behandelten - wobei allerdings keiner der Vorträge einen Gegenwartsbezug in der Weise herzustellen versuchte, die der Titel der Sektion nahe legte. So sprach Wolfgang Spickermann (Osnabrück) über die Bedeutung der germanischen Landnahme in den gallischen und germanischen Provinzen für die Stellung von Christen- und Heidentum. [3] Im Kern liefen Spickermanns Ausführungen auf die These hinaus, dass die Ereignisse des fünften Jahrhunderts weniger zu einer Re-Paganisierung als vielmehr nur zu einem vorläufigen Ende der christlichen Mission geführt haben dürften, die erst nach der Taufe Chlodwigs langsam wieder eingesetzt habe. Dieser These ist sicherlich zuzustimmen, auch wenn der faktische Rückschlag, den die starke Beeinträchtigung des spätantiken Städtewesens durch die Barbareneinfälle für das Christentum gerade deshalb bedeutete, weil sich im ländlichen Bereich hartnäckig pagane Kulte hielten, wohl nicht unterschätzt werden darf. Offen blieb die Frage, ob sich die verbliebenen Kulte der römischen Provinzialen mit denen der germanischen Neuankömmlinge vermischten. [4]

Mit der Frage nach der Rolle der Religion befasste sich auch Jörg Spielvogel (Bremen), der in seinem Beitrag die Beziehungen zwischen den arianischen [5] Germanen und den katholischen Römern untersuchte. Im vandalischen Nordafrika lasse sich dabei insgesamt eine klare Bevorzugung der Arianer fassen, und die Konfession habe dort noch nach der oströmischen Rückeroberung eine wichtige Rolle gespielt. Im ostgotischen Italien hingegen habe es praktisch keinen Konvertierungsdruck von seiten der Germanen gegeben, ohne dass dies aber zu einer Akzeptanz der gotischen Herrschaft geführt habe; und im Westgotenreich sei 589 auch das Königshaus schließlich zum Katholizismus übergetreten, um das Reich zu stabilisieren. Spielvogels These, die Germanen seien zum Katholizismus konvertiert, da sich nur so die notwendige innere Einheit der Reiche habe herstellen lassen, ist allerdings nicht ganz unproblematisch, konnten Vandalen und Goten doch offensichtlich lange Zeit auch ohne Konversion über katholische Römer herrschen.

Karl Leo Noethlichs (Aachen) skizzierte die oströmische Sicht auf die Germanenreiche mit dem Schwerpunkt auf der Zeit Justinians. Er zeigte überzeugend, dass sich im Verlauf des 5. und 6. Jahrhunderts die nur begrenzt geduldete Präsenz der Germanen auf weströmischem Reichsboden schleichend hin zur faktischen Autonomie entwickelt habe, versuchte, verschiedene "offizielle" und "inoffizielle" Sichtweisen der Römer auf die Barbaren zu fassen, und stellte schließlich völlig zu Recht die Frage, ob die "Reconquista" Justinians wirklich im Namen der Orthodoxie geschehen sei. Insgesamt sei die oströmische Politik stets von Nützlichkeits- und Machbarkeitsüberlegungen bestimmt gewesen. [6]

Den Abschluss der Sektion bildete der Beitrag von Herwig Wolfram (Wien), der gewiss von vielen als ein Höhepunkt empfunden wurde, wenngleich der untersuchte Zeitraum eigentlich nicht mehr zur Alten Geschichte zu zählen ist. In einem an Fakten und Beispielen reichen Vortrag skizzierte Wolfram das Fortbestehen, die Veränderung und Fragmentarisierung der Dichotomie "Römer/Romanen" und "Barbaren" im Alpenraum bis ins Hochmittelalter. Es wurde deutlich, wie fließend sich der Übergang von der Antike zum Mittelalter auch in dieser Region gestaltete. Als Detail ist für den Experten übrigens bemerkenswert, dass Wolfram die Angaben der Vita Severini, die bekanntlich von einem weitgehenden Abzug der Römer spricht, für stark übertrieben hielt.

Donnerstag, 16.9.2004
Die dritte Sektion ("Wege als Medium der Kommunikation zwischen Mittelmeer und Indischem Ozean in der Antike") wurde von einem weiteren Österreicher eröffnet: Reinhold Bichler (Innsbruck), ausgewiesener Herodot-Experte, fasste in einem weiten Bogen die Kernthesen seiner Forschungen zusammen. Die Entwicklung des griechischen Orient- und Perserbildes seit der Eingliederung der ionischen Städte ins Achaimenidenreich, die zunehmende Verfestigung von Topoi, Klischeefiguren und -abläufen, die Spiegelfunktion des herodoteischen Perserbildes oder der große Einfluss der Persika des Ktesias auf das griechisch-römische Orientbild bis in die Spätantike - all dies war dem Fachmann aus Bichlers Veröffentlichungen zwar schon bekannt, doch bot der Historikertag eine gute Bühne, die Thesen einem breiteren Publikum vorzustellen.

Der Beitrag von Hilmar Klinkott (Tübingen) befasste sich mit dem Wegenetz des Achaimenidenreiches und hier insbesondere mit den Königsstraßen, die sicherlich richtig als staatlich beaufsichtigt und betreut dargestellt wurden. Leider geriet die Schilderung einer Hieroglypheninschrift, die Klinkott aufgrund einer neuen Lesart als Beleg für die Existenz des Amtes eines Oberaufsehers über die Reichsstraßen präsentierte, für viele Zuhörer etwas zu detailreich, was bedauerlich war, da der Inhalt des Vortrags mehr Aufmerksamkeit verdient hätte.

Andreas Luther (Berlin) stellte in seinem Beitrag die palmyrenischen Karawaneninschriften vor, die er als Belege für das weitreichende Handelsnetz und die engen Kontakte zwischen den "Auslandspalmyrenern" und ihrer Heimat auswertete. Für die rapide Abnahme der Zeugnisse nach etwa 200 bot Luther zwei mögliche Interpretationen: Entweder sei der Handel stark beeinträchtigt worden, oder er sei im Gegenteil so reibungslos verlaufen, dass man keine Dankinschriften (denn darum handelt es sich in den meisten Fällen) mehr zu setzen brauchte. So sei der epigrafische Befund letztlich nicht als Quelle für die wirtschaftliche Entwicklung des palmyrenischen Handels heranziehbar.

Den Abschluss der Sektion bildete der Vortrag von Udo Hartmann (Berlin) über die Kanäle des Kontaktes zwischen Rom und dem sasanidischen Persien. Zwar habe es vor allem im philosophisch-religiösen Bereich regen Austausch zwischen den beiden spätantiken Großmächten gegeben, dennoch habe man sich um eine möglichst weitgehende Kontrolle bemüht. Hartmann lieferte eine knappe Übersicht über diejenigen Gruppen, die in seinen Augen vor allem für Kontakte gesorgt hätten: Spione und Überläufer, Diplomaten, Ärzte, Fernhändler, religiöse Flüchtlinge und Deportierte (vor allem im dritten und sechsten Jahrhundert wurden zahlreiche Römer nach Persien verschleppt). In der westlichen Historiografie (Ammian, Prokop usw.) zeige sich dennoch weitgehende Ignoranz gegenüber den Sasaniden. In der anschließenden Diskussion wurde allerdings die Ansicht vertreten, der Austausch gerade entlang der langen Grenze sei nicht zu unterschätzen; die Römer hätten notwendig mehr über die Perser gewusst, als sich in den herangezogenen Quellen, die eben der traditionellen Barbarentopik verpflichtet gewesen seien, finde - gerade auch im militärischen Bereich.

Auf die Vorträge der "jungen Historiker" kann hier aus Platzgründen nicht weiter eingegangen werden; sie boten aber, wie gesagt, gerade aufgrund ihrer fehlenden Einbindung in einen größeren thematischen Kontext eine angenehme Abwechslung - auch wenn man sich über Sinn und Unsinn dieser Institution gewiss nach wie vor trefflich streiten könnte.

Freitag, 17.9.2004
Die letzte althistorische Sektion ("Alte Geschichte und Alter Orient - auch ein Plädoyer für Universalgeschichte") stand als einzige im Zeichen einer Grundsatzfrage: Sollte die Geschichte des Vorderen Orients integraler Bestandteil des Faches Alte Geschichte sein, oder fallen die "Randkulturen" nur dann ins Arbeitsfeld des Althistorikers, wenn es sich um unmittelbare Kontakte mit Griechen und Römern handelt?

Josef Wiesehöfer (Kiel) vertrat vehement die erste Position. Es gehe dabei nicht darum, den Alten Orient [7] auf Kosten der griechisch-römischen Geschichte zu bevorzugen; vielmehr seien zahlreiche Themenfelder auch der griechisch-römischen Antike ohne tiefere Kenntnis des Orients kaum zu bearbeiten. Diese These wurde durch den Beitrag von Amélie Kuhrt (London) sogleich eindrucksvoll illustriert: Anhand zweier Episoden des Alexanderzuges - zum einen des friedlichen Einzugs des Makedonen in Babylon, die analog zur früheren persischen und assyrischen Eroberung erfolgt sei, zum anderen des Erscheinens eines rätselhaften "Usurpators", der laut Kuhrt in Wahrheit ein traditioneller babylonischer "Ersatzkönig" gewesen sei - wurde die Nützlichkeit von Kenntnissen der orientalischen Geschichte deutlich gemacht. Allerdings äußerten später einige Zuhörer, dass gerade in Hinblick auf Alexander und den Hellenismus die Wichtigkeit solcher Kenntnisse ohnehin längst nicht mehr bestritten werde und Kuhrt mithin offene Türen eingerannt habe.

Fortgesetzt wurde die Sektion durch einen Beitrag von Robert Rollinger (Innsbruck), der einen Überblick über die Rahmenbedingungen für Kulturaustausch und Kontakte zwischen Ägäisraum und Levante in der Archaik gab. Im Kern ging es hierbei darum, sowohl die Präsenz von "Ioniern" im vorderen Orient als auch das Vorhandensein von Sprachkenntnissen festzustellen - und damit also zu klären, dass die Rahmenbedingungen für Kulturkontakte bis weit ins Zweistromland hinein bereits zu dieser Zeit gegeben waren. Zudem seien die Zeugnisse ergiebiger und zahlreicher, als oft vermutet werde.

Es folgte das Referat von Rolf Michael Schneider (München), der sich kritisch mit der etablierten These befasste, während der Perserkriege sei es in Athen zur Ausprägung eines persischen "Feindbildes" gekommen, das sich vor allem in einigen spektakulären Vasenmalereien finden lasse, die im Kampf unterliegende Perser zeigen. [8] Indem Schneider diese Bilder in den weiteren Kontext der Gewaltdarstellungen einordnete, konnte er eindrucksvoll verdeutlichen, dass sich die Darstellung der besiegten Perser eher positiv von der unterlegener Hopliten (die überdies weit häufiger sei) abhebt, so dass von den Vasen nicht auf die Entstehung eines Feindbildes geschlossen werden könne. Dieses habe sich erst im Verlauf der folgenden Jahrzehnte langsam entwickelt.

Den Abschluss der Sektion bildete der Vortrag von Eckhard Meyer-Zwiffelhoffer (Hagen) über die Rolle des Orients in der Frühzeit der Altertumskunde. In seinen sehr detailreichen Ausführungen stellte er, beginnend mit dem 18. Jahrhundert, die Sichtweise zahlreicher Gelehrter dar und konnte erhebliche Unterschiede in der Auffassung und Bewertung des Orients verdeutlichen, leider sprengte das Referat aber den zeitlichen Rahmen und musste abgebrochen werden, bevor Meyer-Zwiffelhoffer auch das 19. Jahrhundert behandeln und zu einer Synthese kommen konnte. Vielleicht auch deshalb blieb eine lebhaftere Diskussion, die eigentlich zu erwarten gewesen wäre, am Ende der Sektion leider weitgehend aus.

Insgesamt kann der Historikertag aus althistorischer Sicht gewiss als gelungen betrachtet werden, auch wenn die Diskussion während der Sektionen, wie bereits angedeutet, meist leider nicht eben sehr angeregt war - was als Indiz dafür gedeutet werden kann, dass entweder die Interessen vieler Teilnehmer eher in anderen Bereichen lagen oder dass die gewählten Themenbereiche (vielleicht mit Ausnahme der letzten Sektion) wenig Anlass zu Kontroversen boten. Andererseits kann man natürlich die Ansicht vertreten, der althistorische "Mainstream" beherrsche ohnehin oft genug das Feld, so dass der Umstand, dass sich die meisten Teilnehmer veranlasst sahen, sich mit ihnen bislang eher unbekannten Gebieten des Faches auseinander zu setzen, gewiss auch begrüßenswert war. Dies gilt insbesondere für die Beschäftigung mit dem Alten Orient und seinen Kontakten zur Mittelmeerwelt, die sich als fruchtbarer erwies, als mancher erwartet haben dürfte. So bleibt festzuhalten, dass die Veranstaltung dem Althistoriker zwar viel Gelegenheit bot, mit Kollegen ins Gespräch zu kommen und mindestens in dieser Hinsicht die Anreise lohnte. Einen wirklich repräsentativen Querschnitt durch die derzeitigen Schwerpunkte des Faches (mit Ausnahme der Spätantike) oder einen Blick auf derzeit besonders kontroverse Themen hingegen konnten die althistorischen Sektionen schon aufgrund ihrer geringen Zahl kaum bieten. Erfreulich war aber in jedem Fall, dass das Fach durch die Verleihung des Historikerpreises an Mischa Meier, der für seine althistorische Arbeit über Justinian geehrt wurde, und die Wahl von Peter Funke zum neuen Verbandsvorsitzenden zusätzliche öffentliche Aufmerksamkeit erfuhr.

Es ist zu hoffen, dass sich die Alte Geschichte der Öffentlichkeit bei zukünftigen Historikertagen in größerer Breite präsentieren wird - auch wenn die Besucher dann eher als jetzt die Qual der Wahl haben werden. Dabei soll und muss die Grundlagenforschung natürlich weiter einen wichtigen Platz einnehmen; zugleich aber wäre es sicher klug, ein Fach, das in der Öffentlichkeit (wie unter Neuhistorikern) leider oft als besonders antiquiert und wirklichkeitsfern gilt, bei einer Großveranstaltung wie dem Historikertag als möglichst interessant, zugänglich und relevant zu präsentieren. Dies zu bewerkstelligen, ohne sich anzubiedern oder das Wesen des Faches preiszugeben, wird eine der Herausforderungen sein, denen man sich spätestens 2006 in Konstanz stellen müssen wird.

Henning Börm ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Klassische Altertumskunde der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Römische Geschichte in Kaiserzeit und Spätantike sowie die Kontakte zwischen Rom und dem Orient. Die Dissertation wird sich mit Prokop von Caesarea als Quelle für die Geschichte Persiens und die oströmisch-sasanidischen Beziehungen im Zeitalter Justinians befassen.


[1] Erwähnt werden sollte vielleicht auch, dass drei der Referenten am Erfurter DFG-Schwerpunktprogramm 1080 beteiligt sind, das sich mit römischer Reichs- und Provinzialreligion befasst.

[2] Allerdings zählten gerade syrische Bogenschützen (ähnlich wie etwa die batavische Reiterei) zu jenen spezialisierten Auxiliareinheiten, die oft noch lange weiter aus der Heimatregion ergänzt wurden. Dies könnte eine Erklärung für die längere Beibehaltung syrischer Traditionen sein.

[3] Verwiesen sei hier auch auf Spickermann, Wolfgang u.a. (Hgg.), Religion in den germanischen Provinzen Roms, Tübingen 2001.

[4] Bemerkenswert war im Übrigen die Aussage, dass sich im germanisch-gallischen Bereich kaum Belege für eine christliche Okkupation zuvor heidnischer Stätten finden ließen; für diese Praxis gibt es zumindest im oströmischen Reich durchaus Beispiele.

[5] Die Bezeichnung "arianisch" ist übrigens ähnlich wie "monophysitisch", "katholisch" oder "orthodox" nur mit Vorsicht zu verwenden, da es sich um polemische Begriffe handelt, die "die Sicht des Gewinners zementieren" (H. Leppin).

[6] Dem interessierten Leser sei ferner als Überblickswerk empfohlen: Blockley, Roger C., East Roman Foreign Policy. Formation and conduct from Diocletian to Anastasius, Leeds 1992. Zum justinianischen Zeitalter vgl. auch die kurze Einführung von Meier, Mischa, Justinian. Herrschaft, Reich und Religion, München 2004 (mit weiterer Literatur).

[7] Unter dem "Alten Orient" versteht Wiesehöfer dabei Vorderasien und Ägypten nicht nur bis 539 oder 323 v. Chr., sondern bis zur arabischen Expansion, die für Ostrom und das Sasanidenreich das endgültige Ende der Antike markiert.

[8] Zum athenischen Perserbild im 5. Jahrhundert vgl. insbesondere: Miller, Margaret C., Athens and Persia in the fifth century BC, Cambridge 1997.


Mittelalter

Julian Führer

Besprochene Sektionen:

"Raum, Identität und Konflikt im frühen Mittelalter"
"Zwischen „Globalisierung“ und Konfessionalisierung: Kommunikation und Raum in der hansischen Geschichte"
"Raum und Finanzen der Stadt am Übergang vom Spätmittelalter zur frühen Neuzeit"
"Räume erfassen, besetzen, durchdringen. Zur Bedeutung der Kommunikation für die Herrschaft über Räume"
"Konstruktion politischer Räume im Spätmittelalter"
"Meistererzählungen vom Mittelalter. Verlaufsmuster und Epochenimaginationen in der Praxis mediävistischer Disziplinen"

Das Motto des Historikertages "Kommunikation und Raum" gab Gelegenheit zu flexibler Auslegung. Gleichzeitig drohte angesichts der wenig präzisen Schlagwörter, denen sämtliche Sektionen gerecht werden mussten, eine gewisse Beliebigkeit. Eine historische Fragestellung, die sich weder mit der Kategorie der Kommunikation noch mit der des Raumes zumindest implizit auseinander setzt, dürfte wahrhaft selten sein. Einige Vorträge vermittelten entsprechend den Eindruck, dass an Anfang und Ende einige Bemerkungen zu Kommunikation und Raum genügen würden, um dem gestellten Thema zu entsprechen. Andere Sektionen nahmen das Oberthema ernster und beschränkten sich auf die Untersuchung dieser Aspekte unter bestimmten Fragestellungen. In diesem Querschnittsbericht zur mittelalterlichen Geschichte sollen zunächst (I) die Verteilung der Sektionen, dann (II) inhaltliche Schwerpunkte in den Sektionen und Diskussionen behandelt werden, wobei diese notwendigerweise einer subjektiven Betrachtung geschuldet sind. In einem weiteren Punkt (III) soll auf die beiden Sektionen eingegangen werden, die inhaltlich wie zeitlich andere Akzente setzten als die Mehrzahl und schließlich (IV) ein Fazit versucht werden, um im Idealfall eine Momentaufnahme der deutschsprachigen Mediävistik vom Kieler Historikertag zu liefern.

I
Der diesjährige Historikertag zeigte wie schon seine Vorgänger eine starke neuzeitliche Orientierung - neuere Geschichte und Zeitgeschichte waren mit 21 Sektionen vertreten, und auch in den Epochen übergreifenden Sektionen war diese Dominanz zu verspüren. Doch auch für mediävistisch Interessierte blieb eine mit acht Sektionen im Vergleich zur Alten Geschichte immerhin doppelt so umfangreiche Auswahl. Über den Sinn dieser Epochenunterscheidungen wie ihrer unterschiedlichen Präsenz auf der Tagung ließe sich gewiss streiten, doch ist hier der Ort, die spezifisch mediävistischen Veranstaltungen zu würdigen. Es stellt sich hierbei die Frage, ob die Sektionen in ihrer Gesamtheit als repräsentativ gelten dürfen. Aufgrund terminlicher Überschneidungen zwischen den Sektionen können nicht alle Veranstaltungen einbezogen werden. Die detaillierte Berichterstattung über einzelne Veranstaltungen bleibt den Sektionsberichten überlassen. Die Veranstalter, Vortragenden, Zuhörer und Interessenten der Sektionen "Vom Zentrum zum Netzwerk - Raumüberwindung in der hoch- und spätmittelalterlichen Kirche" und "Mechanismen der regionalen Transformationen in bi- und multikulturellen Räumen" seien bereits an dieser Stelle um Nachsicht gebeten. Dass diese Sektionen hier nicht betrachtet werden können, hat nichts mit inhaltlicher Bewertung zu tun, sondern ist ausschließlich in dem organisatorischen Zwang begründet, nur eine von mehreren parallel veranstalteten Sektionen behandeln zu können.

In der Mediävistik scheint das Spätmittelalter derzeit eine besondere Konjunktur zu genießen. Abgesehen von einer explizit frühmittelalterlich ausgerichteten Sektion war diese Dominanz an allen Vor- und Nachmittagen zu spüren. Während in der entsprechenden Sektion der Alten Geschichte "Römer und Germanen in der Spätantike" durch Karl L. Noethlichs (Aachen) und Herwig Wolfram (Wien) ein Blick in die frühmittelalterlichen Jahrhunderte geworfen wurde, setzten die als mittelalterlich klassifizierten Sektionen erst mit der Karolingerzeit ein. Das hohe Mittelalter (nach allgemeinem Verständnis die Zeit zwischen etwa 1000 und 1250) spielte in mehreren Themenbereichen eine Rolle, meist allerdings in der Funktion vorbereitender Vorträge für den eigentlichen spätmittelalterlichen Schwerpunkt. Als besonders auffällig ist hier die Präponderanz der Vorträge zum 15. Jahrhundert zu bezeichnen. Angesichts der Forschungsgeschichte der letzten anderthalb Jahrhunderte ist dies sicherlich als ein Nachholen zu begreifen, um einen in quantitativer Hinsicht und im Vergleich zu anderen mittelalterlichen Jahrhunderten immensen Quellenbestand für die historische Analyse fruchtbar zu machen. Gerade das 15. Jahrhundert erfreute sich, abgesehen von Arbeiten bedeutender Forscher wie Erich Meuthen, bislang keiner besonderen Beliebtheit; dies mag in der institutionellen Trennung zwischen mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Geschichte begründet liegen. Wer sich mit dieser Zeit beschäftigte, ob aus mediävistischer oder frühneuzeitlicher Perspektive, untersuchte aus dem Verständnis seines jeweiligen Faches eine Randzeit. Dass dies heute keine Rolle mehr zu spielen scheint, ist fraglos zu begrüßen. Gleichzeitig darf man gespannt sein, ob sich diese Konjunktur verstetigt oder nur eine kurzfristige Schwerpunktbildung vorliegt. Manche Vorträge schlugen gleichsam die Brücke zur Frühen Neuzeit und machten so die Künstlichkeit einer Epochengrenze um 1500 deutlich. Im Sinne der Prüfungsordnung mancher bürokratisch organisierten deutschen Universität dürfte ein Vortrag in der Reihe "Junge Historiker stellen sich vor" über eine 1502 gestorbene Figur nur unter Stirnrunzeln als zur mittelalterlichen Geschichte zugehörig betrachtet werden (Jörg Schwarz, "der mir am meisten hulflich gewest ist". Johann Waldner (gest. 1502), Kanzler und Rat Kaiser Friedrichs III. und König Maximilians I.). Die institutionelle Um- und Durchsetzung von Fächergrenzen findet hier ihre wenig erfreuliche und fachlich nicht wünschenswerte Konsequenz. Bereits an dieser Stelle kann nur betont werden, dass ebenso wie das stets geforderte inter-, trans- und pluridisziplinäre Arbeiten auch eine Offenheit der chronologischen Perspektive dringend zu wünschen ist.

II
Ein Schwerpunkt der Vorträge und Diskussionen mag überraschend erscheinen - immer wieder ging es um Kampf und Krieg. Ist dies wohl kaum als besonders sensibles Reagieren der Mediävistik auf aktuelle Erscheinungen zu werten, so ist doch zu fragen, ob sich eine Rückkehr zur "histoire-bataille" ankündigt. Hiervon dürfte jedoch kaum auszugehen sein, vielmehr ist vielleicht doch der geforderte Bezug zu Kommunikation und Raum bestimmend gewesen. Bei Räumen ging es oft um deren Wahrnehmung, symbolische Besetzung und reale Inbesitznahme und dadurch schnell um den Kampf, der zu deren Zuteilung führte. Einige Beispiele mögen dies verdeutlichen: In der Veranstaltung "Junge Historiker stellen sich vor" präsentierte Uwe Israel (Göttingen) sein Forschungsprojekt "Der mittelalterliche Zweikampf als agonale Praktik zwischen Recht, Ritual und Leibesübung". Forschungen von Gerd Althoff zur symbolischen Kommunikation und kontrollierten Eskalation als Konfliktbereinigung aufgreifend und weiterführend, verdeutlichte Uwe Israel am Beispiel eines geplanten Zweikampfes zwischen den Königen Karl von Anjou und Peter von Aragon im Jahr 1283 die Implikationen eines Entscheidungskampfes zweier Herrscher. Man kann hier wohl von einem Punktsieg für Karl sprechen, da der Kampf vermieden wurde, andererseits aber Karl von Anjou von sich sagen konnte, er habe sich am vereinbarten Ort dem Kampf gestellt und habe vergeblich auf den Gegner gewartet. Thematisch in eine verwandte Richtung gingen die Überlegungen von Malte Prietzel (Berlin) in "Das Feld behaupten. Die Besetzung der Walstatt als Faktum, Symbol und Konstruktion". Da mittelalterliche Schlachten oft erst durch nachträgliche Deutung klar entschieden wurden, spielte hierbei das Verweilen auf dem Schlachtfeld eine gewisse Rolle. In der Diskussion wurde zusätzlich ein Akzent darauf gelegt, dass das Verweilen auf dem Schlachtfeld gleichzeitig impliziert, dass die Gefolgsleute des Siegers ihm weiterhin gehorsam sind und weder plündernd die Umgebung durchziehen noch nach Überlebenden der unterlegenen Seite suchen, um durch Gefangennahme Lösegelder zu erzielen. Das Verweilen auf dem Schlachtfeld erhält somit gleichzeitig eine Komponente der Demonstration von Herrschaft. Stefan Tebruck (Jena) konnte in "Heilige Krieger - bewaffnete Pilger? Mitteldeutschland und die Kreuzzüge (1100-1300)" - ebenso wie Uwe Israel im Rahmen von "Junge Historiker stellen sich vor" - eine Personengruppe beschreiben, die sich an den Kreuzzügen beteiligte und dafür entsprechende Vorkehrungen traf. Simona Slanicka (Bielefeld) schließlich ("Aggression durch Herrschaftszeichen. Visuelle Außenpolitik unter Philipp dem Guten und Karl dem Kühnen von Burgund") demonstrierte anhand von bildlichen Darstellungen aus Handschriften ein Ausgreifen burgundisch-herzoglicher Symbole in weite Bereiche der in den Handschriften dargestellten Räume. Dass hier nicht nur Wappen eine Rolle spielen, wurde anhand der Devisen klar - neben dem burgundischen Herzogswappen diente etwa Johann ohne Furcht auch die bildliche Darstellung eines Hobels zur Markierung von Räumen. Burgundisch konnotierte Zeichen wie etwa das Andreaskreuz finden sich zum Beispiel auch auf der berühmten Winterdarstellung der Très riches Heures des Duc de Berry. Ob es sich hier jeweils um aggressive Zeichen handelt, blieb allerdings mitunter fraglich; unter anderem wäre die Frage intensiver zu behandeln gewesen, welches Publikum von der jeweiligen Handschrift intendiert war. Die kommunikative Situation konnte mithin nicht bei jedem der gezeigten Objekte verdeutlicht werden.

Eine ganze Sektion unter der Leitung von Stefan Esders (Bochum/Berlin) und Thomas Scharff (Münster/Braunschweig) stand unter dem Titel "Raum, Identität und Konflikt im früheren Mittelalter"; hier wurde entweder direkt auf Kampf und Krieg oder auf deren Reflex und Verarbeitung in den Quellen Bezug genommen. Besonders Thomas Scharff wies in dem Vortrag "Die Verteidigung und Erweiterung der Christianitas als Motiv frühmittelalterlicher Kriegsführung" auf mehrere Quellenpassagen hin, u.a. eine Stelle bei Einhard (Vita Karoli Magni, c. 15), dass Karl der Große das Reich fast verdoppelt habe - ein deutlicher Hinweis (ebenso wie Einhards Notiz, es gebe keine natürliche Grenze zwischen Franken und Sachsen), dass frühmittelalterliche Reichsbegriffe doch nicht rein personal zu fassen sind, wie es Theodor Mayers Diktum vom Personenverbandsstaat und vor allem dessen Rezeption mitunter nahe legen. Die karolingische Geschichtsschreibung wolle Herrscherlob schreiben, so Scharff, und dieses werde vor allem über militärische Erfolge erzählbar. Entsprechend würden Jahre ohne größere kriegerische Unternehmungen in der Historiografie fast entschuldigend behandelt. Einhard berichtet im Übrigen in der Vita Karoli nichts über die jeweiligen Kriegsgründe, deren Kenntnis also entweder beim Publikum vorausgesetzt wird oder für das Lob des Herrschers ohne Belang ist.

Ein weiterer thematischer Schwerpunkt lag offensichtlich auf der Erforschung der Eliten und der Funktion vor allem geistlicher Fürsten und Legaten. Durch die Sektionen zog sich das nicht explizit formulierte Ziel, die bislang so oft im Vordergrund stehende herrschende Schicht der Kaiser, Könige und Päpste in den Hintergrund treten und die Persönlichkeiten und Strukturen der ‚zweiten Reihe' sichtbar werden zu lassen. Besonders einschlägig in dieser Kategorie waren die Beiträge "'Macht' durch Kommunikation? Zur Beurteilung des Herrschers durch hofnahe Eliten und durch den ‚gemeinen Mann'" von Christine Reinle (Bochum), "Zur kommunikationsgeschichtlichen Bedeutung der Kirchenversammlungen des hohen Mittelalters" von Thomas Wetzstein (Frankfurt/Main), "Das Karolingerreich als Kommunikations- und Handlungsraum der fideles Dei et regis" von Stefan Esders (Bochum/Berlin) und besonders der bereits genannte Vortrag von Jörg Schwarz (Mannheim) im Rahmen von "Junge Historiker stellen sich vor". In "Bis in den hintersten Winkel? Das Papsttum und die räumliche Expansion der römischen Kirche im hohen Mittelalter" verdeutlichte Harald Müller (Berlin) die Bedeutung von Legaten und delegierten Richtern bei der Ausrichtung der Christianitas auf das römische Papsttum - dieses Instrument erhielt eine gesteigerte Bedeutung in Gebieten, die dem westlichen Christentum noch nicht lange angehörten, wie z.B. in Teilen Spaniens und den Kreuzfahrerstaaten. Während die Legaten vom Papst entsandte Mandatsträger mit Entscheidungsgewalt waren, handelte es sich bei den delegierten Richtern um päpstlich beauftragte Einheimische. Diese pragmatisch eingesetzte Mischung führte zu einem "Papsteuropa der unterschiedlichen Geschwindigkeiten", dem eine gänzlich einheitliche päpstliche Verwaltung noch fremd war. Mit "Grab und Herrschaft. Zur Funktion von Grabdenkmälern in geistlichen und weltlichen Residenzen" griff Wolfgang Schmid (Trier) den Titel eines kürzlich erschienenen Buches von Olaf B. Rader (Berlin) auf, um ihn sogleich mit "Grabmal und Herrschaft" zu nuancieren. Die Gestaltung des Grabmals, gezeigt anhand der Erzbischöfe von Mainz, Köln und Trier, ließ sich auf unterschiedliche Weise verwirklichen, die sich mitunter an Tendenzen orientierte, die von französischen Königen und geistlichen Fürsten, mitunter von den direkten Konkurrenten im Reich, übernommen waren. Während bei den französischen Königen in Saint-Denis die Kombination von Genealogie, Heiligenverehrung und Grabmalserie besonders eindrücklich und wirkungsmächtig werden konnte, ist bei Bischofsgräbern der Spielraum wesentlich geringer - die geistlichen Gewänder bei Liegefiguren erlauben sehr viel weniger als bei weltlichen Herrschern eine Distinktion durch Accessoires, nicht zuletzt ist natürlich auf das rein männliche Personal einer bischöflichen Grablege zu verweisen. Der Vortrag, der zum Teil Überlegungen Rudolf Schieffers [1] weiterführte, konnte mithin deutlich die Erkenntnismöglichkeiten darlegen, die in einer Untersuchung liegen, die sich nicht nur auf Könige und Päpste bezieht.

Ein dritter Themenkreis lag wohl im Bereich der Städte. Zum Themenfeld der Städte und ihrer Verwaltung soll bei aller Problematik dieser Vereinnahmung auch die Sektion "Zwischen ‚Globalisierung' und Konfessionalisierung: Kommunikation und Raum in der hansischen Geschichte" gezählt werden, die aufgrund terminlicher Überschneidungen leider nicht besucht werden konnte. Deutlich in den bezeichnete Umfeld fiel der Themenkreis "Raum und Finanzen in der Stadt am Übergang vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit". Hier wurden durch Hans-Jörg Gilomen (Zürich) mit dem einleitenden Referat "Der Raum als Strukturelement der Finanzwirtschaft mittelalterlicher Städte" entscheidende Grundlagen gelegt. Anhand einer Typologie der räumlichen Kreditbeziehungen bei Stadtanleihen wurde deutlich, dass die eigenen Bürger als Gläubiger ihrer Stadt nicht unbedingt eine bessere Stellung haben, denn die Bürger sind den Pressionen der eigenen Stadt hilflos ausgeliefert; andererseits kennen die Bürger die finanzielle Potenz oder die Nöte ihrer Stadt am besten und werden daher, wie im Fall der Stadt Bern, bei Rückzahlungen bevorzugt behandelt. Die günstige Archivlage in Städten wie Bern und Basel erlaubt quantitative Aussagen, die den Historikern sonst versagt bleiben. Wie in der Diskussion durch Gerhard Fouquet (Kiel) betont wurde, ist der Umgang der Städte mit ihren Haushalten oft erschreckend modern, da auch im 15. Jahrhundert die tatsächliche Finanzlage einer Stadt in der Buchführung verschleiert werden konnte. Bei aller Verführungskraft der anscheinend objektiven und exakten Zahlen ist auch hier quellenkritische Vorsicht geboten. Weitere Vorträge sind zu Bern durch Niklaus Bartlome (Bern), zu Nürnberg durch Bernd Fuhrmann (Siegen) und zu Leiden durch Harm von Seggern (Kiel) zu verzeichnen. Zu betonen ist die rege Korrespondenz zur Ermittlung besonders effektiver Haushaltsmodelle. Ebenso wurde in der Sektion "Konstruktion politischer Räume im Spätmittelalter" durch Michael Rothmann (Köln) in dem Vortrag "Zwischen Diplomatik und Diplomatie - Städtische Briefbücher als serielle Schlüsselzeugnisse städtischer Kommunikation" auf diese bislang nicht genügend berücksichtigte Quellengattung hingewiesen. Die städtische Informationsverwaltung durch Briefbücher verdiene eingehendere Betrachtung, die es u.a. erlaube, die in diesen Büchern registrierten Schreiben mit der etwaigen vorhandenen Empfängerüberlieferung zu kontrollieren und so zu ermitteln, welcher Prozentsatz des ausgehenden Schrifttums überhaupt in den Briefbüchern erfasst wurde. Direkt im Anschluss an diesen Beitrag betonte Pierre Monnet (Saint-Quentin-en-Yvelines) in "Information und gutes Regieren in den deutschen spätmittelalterlichen Städten" die Probleme, die das spätmittelalterliche Botenwesen mit sich brachte. Boten sind mit der Überbringung von oft geheimen Nachrichten und Geld beauftragt und so dem Risiko von Überfällen ausgesetzt, außerdem werden sie im Falle einer schlechten Nachricht oft stellvertretend für den Urheber rituell gedemütigt (etwa durch erzwungenes Aufessen der Nachricht); gleichwohl entsteht in der spätmittelalterlichen Literatur der Topos des betrunkenen, unfähigen Boten, so dass in der Diskussion mehrfach nach der Qualifikation der beauftragten Boten gefragt wurde.

Kriege, Eliten und Städteforschung sind natürlich nicht die einzigen Themen der mittelalterlich orientierten Sektionen dieses Historikertages gewesen, doch scheinen sie ein beträchtliches Gewicht besessen zu haben. An dieser Stelle sei hier auf Sektionen und Vorträge hingewiesen, die sich teilweise abseits dieser Schwerpunkte bewegten, aber durch ihre innere Schlüssigkeit auffielen.

III
Bereits erwähnt wurden die Beiträge von Stefan Esders (Bochum/Berlin) und Thomas Scharff (Münster/Braunschweig) in der Sektion "Raum, Identität und Konflikt im früheren Mittelalter". Dieser Themenschwerpunkt hielt sich eng an das vorgegebene Thema "Kommunikation und Raum", das anhand der Situation in den karolingischen Teilreichen exemplifiziert wurde. Philippe Depreux (Göttingen) wies in seinem Vortrag "Raumerfassung und Raumergreifung im Frühmittelalter am Beispiel der Reichsteilungen" nachdrücklich darauf hin, dass die Definition von Grenzen die Herausbildung regionaler Identitäten befördert. Nicht nur im neunten Jahrhundert ist es primär von Bedeutung, bestimmte Zentralorte zu kontrollieren; bei den karolingischen Reichsteilungen scheint man über recht genaue Inventare verfügt zu haben, die die Ausdehnung der königlichen fisci und damit den genauen Verlauf der Grenzen in den meisten Fällen bestimmbar machten. Helmut Reimitz (Wien) sprach über "Vergegenwärtigung von Raum und Konstruktion von Identität in der fränkischen Historiographie" und befasste sich mit vermeintlich längst bekannten Texten wie den fränkischen Reichsannalen und der Chronik des so genannten Fredegar. Reimitz konnte den verblüffenden Befund präsentieren, dass je nach Herkunftsort und Überlieferungszusammenhang eines Textzeugen der geografische Rahmen mitunter neu gefasst wurde. Aus dem karolingischen Westen stammende Handschriften beispielsweise betten diese Texte in anders zusammengestellte Kompendien ein, so dass Neustrien als geografisches Gebilde eine historische Legitimation erhält. Dies geht so weit, dass Ortsangaben, die den Ostteil betreffen, getilgt oder in einer gerafften Zusammenfassung übergangen werden. Hier wurde eine fruchtbare Anwendung der Kategorie des Raumes deutlich. In einer anderen Sektion befasste sich Wolfgang Eric Wagner mit dem Phänomen "Grenzüberschreitende Erinnerung. Königsherrschaft und liturgische Präsenz in der späten Karolingerzeit" und behandelte die Frage, wie ein Herrscher im Bereich eines Konkurrenten dennoch durch Gebetsauflagen an ein bedeutendes Kloster, in diesem Fall Saint-Martin in Tours, gegenwärtig bleiben konnte oder dies zumindest versucht hat.

Etwas außerhalb der thematisch oder chronologisch auf das Tagungsthema bezogenen Schwerpunkte stand die Sektion "Meistererzählungen vom Mittelalter. Verlaufsmuster und Epochenimaginationen in der Praxis mediävistischer Disziplinen" unter der Leitung von Frank Rexroth (Göttingen). Ihr sei abschließend noch kurz die Aufmerksamkeit gewidmet. Der etwas sperrige Begriff der "Meistererzählung" umfasst Gesamtdarstellungen einer Disziplin oder ihrer Teile, deren Intention nicht auf reflektierender Forschung, sondern auf narrativer Deutung liegt. Dass es hier keine ganz klare Trennung geben kann, ist selbstverständlich. In seinem einleitenden Referat legte Frank Rexroth die Grundproblematik dieser Erzählform dar: Sie diktiert die Grundstruktur anderer Erzählungen. Durch eindeutige Perspektive, Reduktion und Dramatisierung historischer Prozesse werden diese erzählbar. Das Schlagwort vom "finsteren Mittelalter" ist noch lange keine Meistererzählung, kann aber bestimmend für eine solche werden. Der Umstand, dass in einem narrativen Gesamtentwurf den Fakten ein Sinn verliehen wird, demonstriert seine Anfälligkeit für ideologische Vorannahmen. Die Reserven Lyotards und Hayden Whites gegenüber der Möglichkeit historischer Erkenntnis, die stets vorgefassten Erzählmustern unterliege, waren damit angesprochen. Besonders nützlich erschien im Rahmen der Sektion wie im allgemeinen Interesse des Historikertages die Einbindung der Literaturwissenschaft. Thomas Haye (Göttingen) skizzierte aus der Perspektive der mittellateinischen Philologie "Die Periodisierung der lateinischen Literatur des Mittelalters - literarische Meistererzählungen als axiomatische Muster der Objektkonstitution und Strukturbildung" und fasste Literaturen als Textsummen, die in Meistererzählungen zu gliedern sind. Die methodischen Probleme (impliziertes Nacheinander, Eindimensionalität) gelten ebenso für historische Darstellungen. Dramatisierende Partikel wie "noch", "schon", "noch nicht", "nicht mehr" usw. transportieren diese mitunter unbewusste Voreingenommenheit der Verfasser, die für die Außenwahrnehmung eines Faches jedoch von zentraler Relevanz sind - denn das Publikum dieser Meistererzählungen besteht nicht zuletzt aus Studierenden der ersten Semester, denen Orientierung geboten werden soll, und Angehörigen von Nachbardisziplinen, die über die wichtigsten Arbeitsgebiete und Thesen des anderen Faches informiert werden wollen. In dem Vortrag "Jahreszeiten, Blütezeiten. Verlaufsmuster für Literaturgeschichte" betonte Klaus Grubmüller (Göttingen) die verblüffende Häufigkeit von Naturanalogien in Literaturgeschichten - und nicht nur dort. Immer wieder ist von "Blütezeit" die Rede, ebenso finden sich regelmäßig Modelle, die die Analogie der Jahreszeiten bemühen. Diese "Flucht ins anscheinend Naturgegebene" ist natürlich sehr suggestiv. Begriffe wie ‚Blüte' oder ‚Entfaltung' begegnen besonders in Überblicksdarstellungen auch der jüngsten Zeit immer wieder und regen dazu an, große geschichtliche Modelle zu entwerfen und beispielsweise immer wieder ‚Renaissancen' zu postulieren. Dass das einzelne literarische Werk eine solche Einordnung mitunter nicht zulässt, bewirkt entweder dessen Beurteilung als ‚unzeitgemäß' - oder dessen Eliminierung aus der Literaturgeschichte. Aus der Perspektive der Geschichtswissenschaft demonstrierte Walter Pohl (Wien) dies am Beispiel der so genannten Wanderungszeit ("Ursprungserzählungen und Gegenbilder: germanisches und archaisches Mittelalter"), während Patrick Geary (Los Angeles) in "Multiple Middle Ages: Rival Meta-Narratives and the Competition to Speak the Past" die räumliche Beschränkung der europäischen Meistererzählungen vom Mittelalter und damit meist auch der Forschung auf einen geografisch eng umrissenen Raum in Frage stellte. Sollte nicht stärker für das Mittelalter etwa eurasische Geschichte betrieben werden? Diese letzte Sektion gab methodische Denkanstöße, die bei folgenden Historikertagen eventuell Berücksichtigung finden sollten.

IV
Welches Fazit kann nun aus mediävistischer Sicht nach diesem Historikertag gezogen werden? Das Mittelalter steht schon lange nicht mehr im Zentrum des historischen Interesses. Auch das erstmals präsentierte Doktorandenforum hinterließ diesen nachhaltigen Eindruck - von 54 Beiträgen befasste sich gerade einmal ein halbes Dutzend mit dem Mittelalter, also rund 10 Prozent. Die wenigen Sektionen, die sich dennoch dieser Epoche widmeten, konnten jedoch zeigen, dass unter Anwendung einer Vielfalt von Methoden weiterhin neue Erkenntnisse zu erwarten sind. Die Kooperation mit der österreichischen und schweizerischen Mediävistik ist besonders zu betonen. Aus Wien steuerten Herwig Wolfram, Walter Pohl und Helmut Reimitz in unterschiedlichen Sektionen wertvolle Vorträge aus ihren Arbeitsgebieten bei; dass die Referenten aus der Schweiz (Hans-Jörg Gilomen, Niklaus Bartlome, Oliver Landolt, Claudius Sieber-Lehmann) sich vorwiegend mit Fragen der mittelalterlichen Stadtfinanzen und des Bankwesens befassten, mag als bemerkenswertes Detail gelten. Thematisch und inhaltlich wurde bereits auf das Übergewicht der Studien zum späten Mittelalter und besonders zum 15. Jahrhundert hingewiesen, das sich sowohl in den einzelnen Sektionen als auch bei "Junge Historiker stellen sich vor" bemerkbar machte. Vielleicht darf man das 15. Jahrhundert als das verspätete Jahrhundert der deutschen Mediävistik bezeichnen, dem verstärkte Aufmerksamkeit verdientermaßen zukommt. Es ist zu fragen, wie lange diese Konjunktur andauern wird; Schwerpunkte der vergangenen Jahre wie zum Beispiel Fragen der mittelalterlichen Nationsbildung oder der Memoria fanden beim Historikertag 2004 keinen Platz mehr im Programm. Es wäre bedauerlich, wenn manchen Gebieten ein ähnliches Schicksal drohen sollte. Das bemerkenswerte Wiederaufleben der Studien zu Krieg, Schlacht und Kampf lässt darüber spekulieren, ob in zwei Jahren nicht sogar wieder Studien zum Königtum zu erwarten sind, die seit einiger Zeit weniger stark betrieben zu werden scheinen und dennoch gerade im Bereich der Frühmittelalterforschung immer wieder neue Ergebnisse zeitigen. Im Kontext der für 2006 angekündigten Magdeburger Ausstellung zum mittelalterlichen Reich sind hier vielleicht neue Impulse zu erwarten. Als Letztes sei die Prognose oder vielmehr die Hoffnung geäußert, dass die Mediävistik sich (wieder) verstärkt ihren schriftlichen Quellen in ihrer Materialität zuwenden könnte. Der Beitrag von Wolfgang Schmid (Trier) zu den erzbischöflichen Grabmälern zeigte ein mögliches Erkenntnisfeld auf, viel stärker noch deuteten die sich mit den Handschriften und dem Überlieferungskontext der Texte auseinander setzenden Vorträge von Simona Slanicka (Bielefeld), Wolfgang Eric Wagner (Rostock), Helmut Reimitz (Wien) und Michael Rothmann (Köln) an, dass über das Druckbild einer vermeintlich abschließenden kritischen Edition hinaus viele Texte erst aus ihrer Einbettung in die jeweiligen Handschriften verständlich werden. Die Mediävistik kann sich über einen Mangel an Arbeitsfeldern nicht beklagen - wohl aber über einen Mangel an Arbeitsplätzen.

Dr. Julian Führer ist Lehrbeauftragter an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Nach seiner Dissertation über den französischen König Ludwig VI. und die Kanonikerreform befasst er sich derzeit mit Fragen der transkulturellen Wahrnehmung zwischen den westlichen Reichen und Byzanz sowie mit der Problematik von Mündlichkeit und Schriftlichkeit im frühen Mittelalter.


[1] Schieffer, Rudolf, Das Grab des Bischofs in der Kathedrale (Bayerische Akademie der Wissenschaften. Philosophisch-Historische Klasse, Sitzungsberichte Jg. 2001 Heft 4), München 2001


Frühe Neuzeit

Achim Landwehr

Besprochene Sektionen:

"Die große Welt im kleinen Raum. Städtische Kommunikationsräume in der Frühen Neuzeit"
"Zeitverständnis und Herrschaftsakzeptanz im 20. Jahrhundert"
"Kirchenräume in der Frühen Neuzeit"
"Fremde Herrscher im Ostseeraum. Kolloquium im Rahmen des Doktorandenforums"
"Freiräume – Freizeitgestaltung in Europa in der Frühen Neuzeit"
"Sprachen und Formen der Kommunikation in Adligen Führungsschichten in der Frühen Neuzeit"

Räume, Zeiten, Orte. Die Frühneuzeitgeschichte auf dem Historikertag 2004

Dienstag, 14. September
Das Einzige, was die Vorfreude auf den Historikertag 2004 trüben kann, ist die Deutsche Bahn. Zwar ließ sie sich durch das Organisationsbüro des Historikertages erfreulicherweise dazu überreden, Fahrkarten zum Einheitspreis an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Kongresses abzugeben (an dieser Stelle sei ein großes Lob und ein herzlicher Dank an die Tagungsorganisation ausgesprochen, die bereits im Vorfeld für umfangreiche Informationen und einen reibungslosen Ablauf gesorgt hat). Das garantiert aber leider nicht, dass die Züge auch so verkehren, wie sie das fahrplangemäß sollten.

Die Wartezeit bis zur endgültigen Gewissheit darüber, ob der Anschlusszug in Hamburg nun noch erreicht werden kann (es gelang nicht) und ob diese Tagung einmal mehr mit einer unerfreulichen Verspätung beginnt, lässt sich mit einem Blick in das Tagungsprogramm überbrücken. Das Feuilleton der "Süddeutschen Zeitung" machte heute Morgen bereits eine wichtige und möglicherweise auch überfällige inhaltliche Erweiterung der Sektionen aus, die sich vor dem Hintergrund des Generalthemas "Kommunikation und Raum" endlich über die Grenzen deutscher und europäischer Geschichte hinauswagten. Auch wenn sich der Artikel dann vor allem der wenig erfreulichen Situation am Max-Planck-Institut für Geschichte in Göttingen zuwandte, um diese als pars pro toto für den Zustand der Geschichtswissenschaft in Deutschland anzuführen, ist der generellen Einschätzung durchaus zuzustimmen. Hält man das gut gestaltete Programmheft (man sollte zutreffender sagen: Programmbuch) in Händen, stellt sich bei der Lektüre in der Tat Neugierde auf diverse Sektionen und Vorträge ein. Insofern kann man sich als Berichterstatter für H-Soz-u-Kult nur glücklich schätzen, denn durch die aufgetragene Spezialisierung auf einen bestimmten Themenbereich wird die Auswahl von vornherein deutlich eingeschränkt und die Gefahr, sich in zahllosen Veranstaltungen zu verzetteln, hoffentlich gebannt. Also werde ich mich in den kommenden Tagen mit frühneuzeitlichen Scheuklappen durch den Historikertag bewegen und hoffen, dass diese epochale Reduktion durch räumliche Weite und thematische Tiefe aufgefangen wird.

Mit der frühneuzeitlichen Brille gelesen, fällt zunächst auf, dass Sektionen zur Frühen Neuzeit wie diejenigen zur Alten und zur Mittelalterlichen Geschichte einen recht kleinen Raum einnehmen. Nicht nur in der öffentlichen Wahrnehmung, sondern auch auf Historikertagen wird Geschichte vor allem gleichgesetzt mit dem 19. und 20. Jahrhundert. Aber das Faktum, dass es zum gesamten Zeitraum vor 1800 weniger Sektionen gibt als zu den zwei Jahrhunderten danach, ist inzwischen schon zu selbstverständlich geworden, als dass man noch großartig darüber lamentieren müsste. Erfreulich ist hingegen die relativ große Zahl an Epochen übergreifenden Sektionen, die sich gerade bei diesem Oberthema anzubieten scheinen.

Ansonsten erweist sich die Frühneuzeitforschung in durchaus positiver Art und Weise als phantasievoll, soweit es den Umgang mit dem Oberthema angeht. Da geht es ebenso um Wirtshäuser, Marktplätze und Kirchenräume wie um Schlüsselbegriffe, Freizeitgestaltung oder adlige Führungsschichten. Erfreulicherweise konnte auch ein studentisches Kolloquium in das Programm aufgenommen werden. Was all diese schillernden Titel und vielversprechenden Schlagworte halten, wird sich ab dem morgigen Tag zeigen, wenn der Tagungstrubel seine Betriebstemperatur erreicht.

Mittwoch, 15. September
An diesem Vormittag heißt es gleich, die frühneuzeitliche Brille abzunehmen, die gestern erst angepasst wurde. Angesichts des Fehlens einer Sektion zu diesem Zeitraum (dem leider die Überschneidung von zwei Frühneuzeitsektionen am Freitag Nachmittag in unverhältnismäßiger Weise gegenübersteht), lässt sich die Zeit nutzen, um abseits des Auftrags den Blick schweifen zu lassen. Im völlig überfüllten Bus drängen sich auf dem Weg zum Audimax nicht nur die Tagungsteilnehmer, sondern auch zwei Alternativen auf: Soll es die islamische Welt als translokaler Handlungs- und Kommunikationsraum oder die Frage nach der Verbindung von Zeitverständnis und Herrschaftsakzeptanz im 20. Jahrhundert sein? Beide liegen auf sympathische Weise abseits der etablierten Pfade, entweder thematisch oder geografisch.

Persönliche Interessen lenken die Schritte schließlich doch zu den unterschiedlichen Zeitverständnissen im 20. Jahrhundert. Angesichts der in den nächsten Tagen drohenden Überdosis an Raumbegriffen, verspricht diese Sektion bereits ein früh wirkendes Gegengift. Zudem scheint in der Geschichtswissenschaft nicht nur ein allzu selbstverständlicher Umgang mit der Kategorie des Raumes vorzuherrschen, der auf diesem Historikertag erfreulicherweise aufgegriffen wird, sondern ebenso ein nicht ausreichend problematisiertes Verständnis von Zeit, das es auf einer kommenden Versammlung der "Zunft" einmal in den Mittelpunkt zu stellen gelte. Der Ansatz der von Martin Sabrow geleiteten Sektion, nämlich zu betonen, dass es neben der Kalenderzeit auch eine individuelle Eigenzeit gibt, ist dahin aber nur ein erster Schritt. In einem zweiten Schritt wäre es nötig, die neueren Erkenntnisse der Physik zur Zeittheorie einmal konsequent auf die Geschichtswissenschaft anzuwenden. In anderen wissenschaftlichen Feldern ist eine solche Konzeption bereits Teil der eigenen Wissenschaftsgeschichte, wie z.B. Alexander Schmidt-Gernig mit einem Blick auf die Zukunftsforschung der 1960er und 1970er Jahre zeigt. Im Feld des institutionalisierten Blicks auf das, was morgen kommen wird, ist es seit mindestens einem halben Jahrhundert deutlich, dass sich der Weg in die Zukunft gerade nicht nach dem gleichmäßig tickenden, wie ein Uhrwerk ablaufenden Zeitpfeil richtet, sondern dass der temporale Wandel von Systemen aufgrund der komplexen und variablen Verarbeitung von Informationen kontingent verläuft.

Zur weiteren Verdeutlichung der Komplexität des Phänomens ‚Zeit' sind im Hörsaal H des Kieler Audimax dankenswerterweise zwei Uhren angebracht, - die unterschiedliche Zeiten anzeigen. Während die eine der Norm entsprechend 11.25 Uhr verkündet, ist es nach der anderen bereits (oder erst?) 16.40 Uhr.

Auf diese Weise durch die Kategorie der Zeit imprägniert, lässt sich den kommenden Sektionen mit ihrer Raumdominanz entgegenschreiten. Es wurde bereits deutlich - falls eine solche Verdeutlichung überhaupt nötig war -, dass sich Raum keinesfalls ohne Zeit betrachten lässt. Eine Trivialität, ohne Frage, aber wie werden kommende Vorträge darauf reagieren?

Multimedial, so ließe sich antworten. Denn gleich zu Beginn der Sektion "Die große Welt im kleinen Raum. Städtische Kommunikationsräume in der Frühen Neuzeit" wird dem Publikum die Ubiquität von Räumen in der Gleichzeitigkeit vor Augen geführt, da die Sektion nicht nur im Hörsaal, sondern auch qua Live-Stream im Internet verfolgt werden kann. Oder lässt sich der Nicht-Ort der Virtualität nicht mehr als Raum begreifen?

Die Beiträge der Sektion kümmern sich nicht in erster Linie um solche Fragen, konzentrieren sich vielmehr einerseits auf Wirtshäuser, andererseits auf Marktplätze. Im Zentrum stehen die Wechselwirkungen zwischen dem großen und dem kleinen Raum. Das Verkehrswesen und der sich entwickelnde Straßenbau des 18. Jahrhunderts spielten dabei für die Wirtshäuser keine größere Rolle, vielmehr war, wie Beat Kümin für das Berner Oberland zeigte, deren Struktur und Dichte bereits wesentlich früher ausgebildet. In seinem Vortrag sowie demjenigen von Susanne Rau wird aber vor allem ein - man ist versucht zu sagen: intimer - Einblick in das Innere von Wirtshäusern gewährt. Die Anordnung von Schlafräumen wird ebenso thematisiert wie die Menschen aus unterschiedlichen Schichten, die sich in den Gaststuben zusammenfanden.

Nun sind Wirtshäuser noch nicht lange Objekt wissenschaftlicher Aufmerksamkeit, weshalb es sicherlich vonnöten ist, sich des Gegenstandes zunächst einmal zu versichern, indem seine geschichtlichen Varianten ausgelotet werden. Allerdings fragt es sich, ob in dieser Situation ein allzu starker Bezug auf elaborierte Raumtheorien, wie er in dieser Sektion zum Teil bemüht wird, tatsächlich hilfreich ist. Der Zusammenhang zwischen fraglos wichtigen, aber doch stark abstrahierenden Raumbegriffen und Streitereien beim Kartenspiel im Gasthaus wird nur ansatzweise deutlich. Eine theoretisch inspirierte Geschichtswissenschaft hätte hier sicherlich mehr zu leisten, als theoretische Versatzstücke in nur lose Verbindung mit empirischen Ergebnissen zu bringen. Denn dass das konkrete Material genügend Ansatzpunkte für weiter gehende, auch abstrahierende Überlegungen bietet, zeigt die Beschäftigung mit anderen Wechselwirkungen zwischen großem und kleinem Raum, nämlich zwischen dem makrohistorischen Raum marktwirtschaftlicher Beziehungen zwischen Ländern und Kontinenten sowie den mikrohistorischen Räumen städtischer Marktplätze. Hier lässt sich in der konkreten Bewegung von Gütern und Menschen die Herstellung von Räumen als sozialen Konstrukten wesentlich plausibler machen.

Nimmt man diese Sektion gemeinsam mit derjenigen zu Zeitverständnissen in den Blick, dann lässt sich als Fazit des ersten Tages festhalten, dass sich hier ein Komplexitätsgrad historischer Prozesse andeutet, dem übliche geschichtstheoretische Entwürfe nicht auch nur annähernd gerecht werden können. Neben einer Vielzahl von Zeitschichten, die sich in einem Raum überlagern können, kristallisiert sich vor dem Hintergrund von Wirtshäusern und Verkehrsnetzen, Marktplätzen und globalen Märkten heraus, dass zur gleichen Zeit auch eine Pluralität von Räumen vorherrscht. Von einem sinnvollen oder gar selbstverständlichen Umgang mit dieser Komplexität ist die Geschichtswissenschaft noch meilenweit entfernt. Möglicherweise muss hier noch viel Material gesammelt werden, bevor man zu einer entsprechenden Konzeptualisierung schreiten kann.

Martina Löw stellt zum Abschluss der Sektion als Vorschlag den "Ort" zur Diskussion. Nach ihrem Verständnis fallen im "Ort" die unterschiedlichen Räume mikro- und makroskopischer Art zusammen und tragen dadurch der Erd- und Leibgebundenheit des Menschen Rechnung. Am Ort werden plurale und kontingente Räume durch Menschen handelnd hervorgebracht und reproduziert. Denkt man diesen Ansatz weiter und identifiziert man den Ort nicht vorschnell mit einem bestimmten geografischen Punkt, sondern rubriziert man unter Orten auch Menschen oder soziale Gruppen, dann fallen hier möglicherweise nicht nur die unterschiedlichen Räume, sondern auch die differenten, durch Menschen produzierte Zeiten zusammen.

Donnerstag, 16. September
Wirkt die Kirche abschreckend? Möglicherweise. Zumindest zeichnet sich die Sektion zu Kirchenräumen in der Frühen Neuzeit nicht gerade durch einen Massenandrang an Besuchern aus. Im Nachhinein stellt sich dies vor allem für all diejenigen als bedauerlich heraus, die sich diese Veranstaltung entgehen ließen, denn es handelte sich um eine der konzisesten Sektionen zur Frühen Neuzeit. Sollten Kirchenräume aber tatsächlich abschreckend wirken, wäre das mehr als bedenklich, denn deren historische Bedeutung zu betonen hieße in der Tat, Sonderdrucke zum Historikertag zu tragen.

Die Aufmerksamkeit des ausgewählten Publikums wird in den vier Vorträgen vornehmlich auf die sinnliche Erfahrung des Kirchenraums gelenkt - oder sollte man im Sinne von Martina Löw eher von einem "Ort" sprechen, der sich durch seine Erd- und Leibgebundenheit auszeichnet? Zumindest wird, im Gegensatz zur Sektion um Wirtshäuser und Märkte, dieser Vormittag nicht durch theoretische Vorbemerkungen überfrachtet. Wie heilsam es sein kann, der detaillierten Interpretation eines einzigen Kirchenraumes zu lauschen, führen diese Vorträge vor Augen (und Ohren). Bis in feinste Ziselierungen werden Planungen, Wandbemalungen und Predigten ausgeleuchtet - und dies keineswegs ohne theoretischen Anspruch. Ganz im Gegenteil, aufgrund des empirischen Materials, das heißt den Aussagen von Bildunterschriften, den Texten von Predigtbüchern oder den Streitigkeiten um Innendekorationen, offenbaren Andreas Holzem und Renate Dürr in ihren Vorträgen ganz konkrete Beziehungen zwischen Raum und Kommunikation: die Koinzidenz von Bilderwelt und Sprechakt, der Aufbau eines dreiseitigen Kommunikationsraumes zwischen Gemeinde, Geistlichkeit und transzendenten Mächten oder auch die Sakralität von vermeintlich sinnlich entleerten lutherischen Kirchen. Die Kirche als Raum, die sich hier herauskristallisiert, ist konfessionell aufgeladen, ist Überschneidungsterrain von Öffentlichkeit und Privatheit und ist ein eindeutig hierarchisch gestufter Raum.

Die Kirche ist aber auch ein gemalter Raum, der sich beispielsweise in der Malerei der nördlichen Niederlande des 17. Jahrhunderts großer Beliebtheit erfreute, wie Peter Burschel zeigte. Welche Bedeutung es hat, dass in diesen Kirchen regelmäßig Hunde abgebildet wurden (und welche Hunde dies waren), das wird ein Geheimnis der kleinen Diskussionsgemeinschaft dieser Sektion bleiben. Wichtig ist jedoch auch hier die Pluralisierung der Räume, indem der Raum der Kirche in den Bildraum überführt wird. Es handelt sich bei dieser nordniederländischen Obsession der Kirchenbilder aber nicht einfach nur um Architekturdarstellungen, sondern immer auch um den Transport von Bewegungen im Raum, weil praktisch ausnahmslos Menschen auf diesen Bildern zu sehen sind. Die Kirchendarstellungen waren geprägt durch Dynamik und Multifunktionalität - sie zeigen einen sozialen Raum. Dadurch macht sich eine Spannung bemerkbar zwischen dem Kirchenraum und dem umgebenden städtischen Raum. Zugleich verweist die soziale Praxis dieser Bilder auch auf eine neue Selbstsicht der niederländischen Gesellschaft: Anstatt sich selbst ausschließlich auf die Hilfe Gottes zu verlassen (und ausschließlich den Kirchenraum zu zeigen), legen diese Raumbilder ein neues Selbstbewusstsein der Niederländer als Gemeinschaft nahe.

Nimmt man die Beziehungen zwischen Kirchenraum und Stadtraum, zwischen den verschiedenen Funktionen von Kirchenräumen, zwischen einer Kirche und ihrer künstlerischen Darstellung in den Blick, offenbart sich einmal mehr die Überlagerung vielfacher Räume - an einem Ort. Die Differenzierung von Martina Löw zwischen Raum und Ort scheint in ihrer Funktionalität also belegt, da auch im Ort der Kirche unterschiedliche soziale Räume zusammenfallen können.

Freitag, 17. September
Der gestrige Tag endete traditionell mit den Sektionen der "jungen Historiker", die sich einem breiteren Publikum vorstellten. Diese Sektion bietet - ebenfalls traditionell - einen willkommenen Anlass für ironische Bemerkungen, die meist darauf hinauslaufen, dass sich die historische "Jugend" nicht selten als schon reichlich ergraut und (fast schon) habilitiert präsentiert.

Umso erfreulicher ist es, dass auf dem Historikertag auch den "jüngsten Historikern" eine Sektion eingeräumt wurde. Fünf Promovierende aus vier Ländern (ja, das klingt in der Tat wie der internationale Frühschoppen von Werner Höfer) fanden sich zusammen, um sich dem Thema "Fremde Herrscher im Ostseeraum" zu widmen. Die Titel der Einzelvorträge klingen, offen gestanden, einigermaßen irritierend: Es geht um Christoph von Bayern, Christian von Oldenburg, Sigismund Vasa und Friedrich von Hessen-Kassel, die in Skandinavien und Polen zu Königswürden kamen. Irritierend daran ist, dass man von den "jüngsten Historikern" eher ketzerische, innovative, mit einem Wort: neue Fragen erwarten würde. Die Beschäftigung mit diversen Königen riecht jedoch nach den ältesten nur möglichen Ansätzen, nämlich nach der alten Politikgeschichte und ihren großen Männern. Sollte in der Beschäftigung mit Herrscherbiografien tatsächlich die Zukunft der Geschichtswissenschaft liegen? Nach dem "cultural turn" also der "political return"?

Aber es besteht Hoffnung, dass sich hinter den nüchternen Titeln spannende Vorträge verbergen mögen, die dem Themenbereich eine ganz neue Perspektive abgewinnen können. Doch diese Hoffnung erfüllt sich leider nicht. Es geht tatsächlich um Herrscher und ihr Wirken, um politische Verstrickungen und Machtspiele, um Ämterbesetzungen und Hofintrigen (und nur sehr am Rande um Kommunikation und Raum). Um nicht missverstanden zu werden: Gegen solche Themen ist überhaupt nichts einzuwenden, aber erwartet man sich vom Nachwuchs nicht eher einen frischen Wind? Sollte nicht eher an etablierten Ansätzen gezweifelt werden, anstatt sie zu reproduzieren? Möglicherweise fördert die Beschäftigung mit Geschichte doch den Konservatismus - oder ist es die unsichere Stellensituation des historischen Nachwuchses, die ihn dazu verleitet, in der Flucht in die methodisch-theoretische Vergangenheit sein Heil zu suchen?

Wechseln wir daher zu einer Sektion, die recht unverdächtig ist, Affinitäten zur politischen Geschichte zu haben: zur Geschichte der Freizeit. Dass Freizeit und Freiraum enge Verbindungen aufweisen, bedarf keiner tief schürfenden Argumentation. Die in diesen Vorträgen präsentierten Ergebnisse verweisen allerdings noch einmal auf einen anderen, bisher weniger thematisierten Aspekt von Räumlichkeit (und Zeitlichkeit), nämlich deren Ökonomisierung. Ulrich Rousseaux zeigt dies am Beispiel der Entwicklung von Unterhaltungsmöglichkeiten in Dresden während des 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Diese waren um 1700 noch eindeutig korporativ organisiert. Feiern, Schützenfeste und Umzüge wurden von Innungen und Gesellschaften ausgetragen. Im 18. Jahrhundert wuchs allerdings allmählich die Zahl unterschiedlicher Schaustellergruppen an. Dieser Bereich kommerzieller Unterhaltungsmöglichkeiten weitete sich ab 1780 stark aus. Neben diesem quantitativen Anstieg machte sich auch eine inhaltliche Erweiterung bemerkbar, vor allem durch wissenschaftlich-technisch geprägte Attraktionen: Automaten, chemische Versuche oder Ballonfahrten fanden großen Zuspruch. Vergnügen und Belehrung gingen hierbei eine fruchtbare Verbindung ein. Dies weist deutlich darauf hin, dass die städtische Gesellschaft sich immer mehr Freiräume eroberte. Nach dem Vorbild des Theaters wurden Unterhaltungsmöglichkeiten nun auch vermehrt im Winter angeboten, dehnten sich in die Abendstunden aus und zeichneten sich durch längere Aufführungszeiten aus. Die Zeit des Vergnügens nahm also immer mehr ‚Raum' ein und konnte diesen Raum auch beanspruchen, weil die ständische, korporativ verfasste Gesellschaft sich in allmählicher Auflösung befand.

Als ganz speziellen Freiraum stellt Ute Lotz-Heumann den Kurort vor. Dabei änderte sich die Räumlichkeit dieses Ortes seit dem 16. Jahrhundert grundlegend. Aus zuvor lange ausgedehnten und in größeren Gruppen vollzogenen Bädern wurden Einzelbäder für Adlige und Bürgerliche. Die soziale Abgrenzung innerhalb dieses Raumes nahm im Verlauf der Frühen Neuzeit deutlich zu. Auch zwischen unterschiedlichen Kurorten baute sich eine klare Hierarchisierung auf. Zudem lässt sich in der inhaltlichen Ausrichtung eine Stärkung des Aspekts der Rekreation gegenüber demjenigen der Gesundheit ausmachen. Vor allem das Spazieren gehen als gesundheitsfördernde Bewegung im Raum gewann im 18. Jahrhundert eine wachsende Bedeutung.

Dass Freizeit keine unschuldige und unproblematische Angelegenheit ist, muss kaum hervorgehoben werden. Die sehr anregende Sektion zu diesem Thema macht deutlich, wie sehr dieser Zeit-Raum einerseits ökonomisch durchdrungen, andererseits sozial hierarchisiert ist. Neben Pluralität, Komplexität und Kontingenz ist die Kategorie ‚Raum' daher nicht minder von den Medien Geld und Macht durchsetzt.

Die Identität des Adels war stets prekär - von dieser Prämisse ging daraufhin die von Ronald G. Asch geleitete Sektion zu "Sprachen und Formen der Kommunikation in adligen Führungsschichten der Frühen Neuzeit" aus. Diese Schwierigkeit des frühneuzeitlichen Adels mit dem eigenen Selbstverständnis manifestierte sich möglicherweise auch im Raum, verdeutlicht sich aber vor allem im zweiten Schwerpunkt des Historikertages, nämlich in der Kommunikation. Die Sprachen des Adels, darum soll es den Vorträgen gehen. Dort finden sich Ehrbegriffe, heraldische Präferenzen oder Duelle, in denen immer wieder ausgehandelt wurde, was adlig war, wer dazu gehörte und wer vor allem von diesem Stand ausgeschlossen wurde.

Dass und wie solche Kommunikationsformen auch Räume unterschiedlicher Art aufspannen konnten, verdeutlicht Richard Cust anhand eines Manuskripts mit Wappen englischer Gentry-Familien. Nicht nur, dass diese heraldischen Zeichen auf dem Papier den Raum eines Zeichensystems errichteten, sondern auch die Verschiebung und Veränderung der Position der Wappen verweist auf eine soziale Hierarchie adliger Familien, auf den Kampf in einem gesellschaftlichen Raum um Macht und Einfluss.

Nicht anders verhält es sich bei den Versuchen des Adels, während der Frühen Neuzeit in den Bereichen des Rechts oder der Bildung seine Stellung zu verteidigen. Christian Wieland führt vor dem Hintergrund des frühneuzeitlichen Verrechtlichungsprozesses vor, mit welchen Schwierigkeiten der Adel zu kämpfen hatte, um körperliche Gewaltfähigkeit als ein Mittel zu erhalten, das den spezifischen Ehrbegriff zum Ausdruck brachte. Um diese tradierten Vorstellungen von Ehre und Gewalt erhalten zu können, wurde auf außergerichtliche Einigungspraktiken ausgewichen oder ein komplexes Duellwesen etabliert. Doch auch die geschickte Nutzung der Justiz durch den Adel fand hier ihren Platz. Nicht weniger ambivalent zeigt sich das Verhältnis des Adels zur Bildung, dieser neuen sozialen Aufstiegsmöglichkeit für nicht-adlige Schichten in der Frühen Neuzeit. Gerrit Walther führt vor, dass man als Adliger zwar durchaus gebildet sein konnte - dies aber auf keinen Fall zeigen durfte, um nicht mit akademischen Pedanten verwechselt zu werden. Vielmehr wurden Bildungsmöglichkeiten genutzt, um auch hier die Standeskonkurrenz zu überbieten, die Memoria zu pflegen oder Freundschaftsbeziehungen herzustellen.

Auf dem Weg zum Bahnhof stellt sich ein insgesamt positiv gestimmtes Gefühl im Hinblick auf diesen Historikertag ein. Die Atmosphäre war sehr freundlich, aufgrund der Konzentration auf dem Kieler Campus trotz der großen Teilnehmerzahl nahezu intim, die Organisation erwies sich als hervorragend und bei den Vorträgen und Sektionen waren einige wirkliche Glanzpunkte dabei. Wissenschaftliche Revolutionen waren kaum zu erwarten, auch wenn man sie sich immer wieder erhofft und erwünscht. Aber die Frühneuzeitgeschichte hat sich keineswegs verstaubt, vielmehr auf der Höhe der Zeit präsentiert, vor allem in dem Bemühen, theoretische Überlegungen und empirisches Handwerk in eine fruchtbare Verbindung zu bringen. Und nach dreieinhalb Tagen in Hörsälen, nach Mittagspausen, die mit Fachgesprächen vergingen und nach einer Reihe von Abendessen, die durch Spekulationen über die nächste Stellenausschreibung geprägt waren, ist man unverhofft wieder froh, dass es die Deutsche Bahn mit all ihren Unzulänglichkeiten gibt, - nicht nur weil sie einem Sitzplätze inklusive Tisch und Steckdose zur Verfügung stellt, an denen man mit einem Laptop ausgerüstet den Bericht über den Historikertag beenden kann, sondern auch weil der Zug auf dem Heimweg natürlich wieder Verspätung hat und einem dadurch vor Augen führt, dass es ‚dort draußen' noch andere Probleme gibt als die auf Historikertagen verhandelten.

Dr. Achim Landwehr ist Juniorprofessor für Europastudien an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Seine Forschungsschwerpunkte sind: Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit sowie Theorien und Methoden der Geschichtswissenschaft. Homepage: http://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/europastudien


Neuere Geschichte: "langes" 19. Jahrhundert

Stefan Moitra und Alexander Schwitanski

Besprochene Sektionen:

"Städte im europäischen Raum (19./20. Jahrhundert)"
"Raum und Imperium. Kommunikationsgeschichte in Europa im langen 19. Jahrhundert"
"Crossing Cultures – Transkulturelle Kommunikationsräume in der Geschichte Afrikas"
"Grenzen: Räume, Erfahrungen, Konstruktionen (17.-20. Jahrhundert)"
"Normen, Netzwerke und Zivilisationen in der internationalen Geschichte"
"Geschichte der Kriegsberichterstattung"

Techniken des Raums, Grenzziehungen und Friedenssicherung. Das "lange" 19. Jahrhundert beim Historikertag in Kiel

Gegenüber dem Begriff des Raums hätten die Historiker in Deutschland immer gewisse Berührungsängste, "aber zum Glück gibt es Franzosen, um darüber zu sprechen", bemerkte Etienne François zu Beginn der von ihm mit geleiteten Sektion des Historikertags in Kiel. Der ironische Kommentar traf recht gut den Zwiespalt, der sich zwischen der Themenstellung des Historikertags, "Raum und Kommunikation" mit der darin erkennbaren Konzession an die "kulturalistische Wende" in der Geschichtswissenschaft und den Problemen besonders in den Veranstaltungen zum 19. Jahrhundert auftat, dem gesteckten Rahmen methodisch Herr zu werden und sich auf die Wendung zur Kultur einzulassen. Sämtliche Sektionen behandelten dann auch Schlüsselbegriffe wie Raum- und Identitätsbildung, Be- und Entgrenzung, Vernetzung, Durchdringung, Hybridisierung und Bricolage - die methodische Annäherung an solche Konzepte und deren Nutzung gestaltete sich allerdings in den verschiedenen Vorträgen und Sektionen äußerst unterschiedlich.

Raumdurchdringung und Raumbeherrschung durch technische Innovationen
So ist zunächst auffällig, dass eine Reihe Referenten quer zu den einzelnen Sektionsthemen Raum- und Kommunikationsgeschichte ganz materiell als eine Geschichte der infrastrukturellen Entwicklung der Raumdurchdringung auffassten. Die Perspektive verengte sich dabei jedoch zumeist auf die diesbezüglich klassische Innovation des 19. Jahrhunderts - die Eisenbahn. Andere mediale Errungenschaften der Epoche wie Telegraf, Presseerzeugnisse, Fotografie kamen ebenso nur am Rande vor wie die sonstigen Verkehrswege, etwa Straßen- oder Schiffsverkehr. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang vor allem die von Holm Sundhausen (Berlin) geleitete Sektion "Raum und Imperium. Kommunikationsgeschichte in Europa im langen 19. Jahrhundert" und die von Dieter Hein und Ralf Roth (beide Frankfurt/M.) organisierte Sektion "Städte im europäischen Raum (19./20. Jahrhundert)". [1] Roths eigener Vortrag über die "Entwicklung der Kommunikationsnetze europäischer Städte unter besonderer Berücksichtigung der Eisenbahn" führte in sehr eindrücklicher Weise aus Sicht der modernen Stadtgeschichte einerseits die rasche Vernetzung Europas durch die Eisenbahn als "Verfügbarkeit der Räume" und andererseits die "Ausstrahlung der Städte in den Raum" durch das neue Transportmittel vor Augen. Was hier allerdings mit dem Fokus auf der Vernetzung der europäischen Metropolen und auf der Dynamik der Urbanisierung sozialgeschichtlich interessant war, erschien als Ausgangspunkt für die Sektion über Imperien im langen 19. Jahrhundert zumindest problematisch.

Die Sektion "Raum und Imperium" stand unter dem Eindruck zweier Leitannahmen: Zum Ersten sollte die These von Alexander Motyl [2] überprüft werden, wonach kommunikative Strukturen innerhalb von Imperien sich als sternförmiges Muster ausbildeten. Alle Kommunikationswege sollen demnach allein zwischen der imperialen Zentrale und den einzelnen Peripherien verlaufen, jedoch nicht zwischen den Peripherien. Dieser Ansatz ging einher mit einem Verständnis vom Raum als Naturraum, welcher durch die technische Innovation Eisenbahn verändert und innerhalb dessen so kulturelle Entwicklungen angestoßen werden. Da diese bezogen auf die Annahmen Motyls diskutiert wurden, gerieten unter dem Etikett der Kultur fast nur Phänomene der Politikgeschichte in den Blick. In den Beiträgen zum Deutschen, Russischen und zum Habsburger Reich wurden in Bezug auf Motyls Ideen eher gegenläufige Entwicklungen ausgemacht. Im föderalen Deutschen Reich, so Martin Aust (Kiel), war eine Zentrum-Peripherie-Struktur allenfalls in den polnischen Teilungsgebieten Preußens zu finden, wobei hier der Ausbau der Eisenbahn ganz im Sinne imperialer Intentionen bzw. preußischer Interessen realisiert wurde. Die Technik der Eisenbahn habe aber auch - einer der doppelbödigen Effekte der Bahn - die polnischen Gebiete als Verbindung zwischen den einzelnen Landesteilen für Preußen unverzichtbar werden lassen.

Auch das Referat zum Habsburger Reich lieferte, bezogen auf die Thesen Motyls, ähnliche Resultate. Für die Gebiete der Donaumonarchie stellte Andreas Helmedach (Braunschweig) fest, dass der Bahnbau im Zuge der Industrialisierung als Ergänzung und Überwindung naturräumlicher Gegebenheiten überwiegend ökonomischen Interessen gefolgt sei. Die Ausbildung eines sternförmigen imperialen Musters mit Wien als Zentrum sei daher mit der Entstehung zumindest dreier ökonomischer Zentren in den deutschen, tschechischen und ungarischen Gebieten, verfestigt durch die Einbeziehung des Nationalitätenkriteriums in die staatsrechtliche Organisation der Monarchie, durch die wirtschaftliche Logik unterlaufen worden.

Im Gegensatz zum Deutschen und zum Habsburger Reich, wo ökonomische Interessen überwogen, wurde der Eisenbahnbau im Russischen Reich nach Frithjof Benjamin Schenk (München) vordringlich durch politische und militärische Motive vorangetrieben. Dazu gehörten primär die Konsolidierung des Territoriums, das heißt die eigentliche Beherrschung des Raumes durch Beschleunigung der Nachrichtenübermittlung und der Möglichkeit zur rascheren Truppenverlegung, dann die Erschließung des Raumes durch innere Kolonisation und Ausbeutung der Peripherie zugunsten des Zentrums, die Sicherung der Grenzen nach außen sowie die Konkurrenz zu anderen Imperien und die Möglichkeit zur Expansion.

Gerade am letzten Punkt ließen sich noch weitergehende Fragestellungen festmachen. Zum einen erwies sich das Zentrum-Peripherie-Muster Motyls vor allem dann als anwendbar, wenn das imperiale Zentrum über die europäischen Grenzen hinaus expandierte. Zum anderen wurden gerade durch die technischen Möglichkeiten der Raumüberwindung expansionistische Ambitionen beflügelt, die so die Konkurrenz unter den imperialen Großmächten verschärfte. Da die Entwicklungen innerhalb der Imperien oft durch die gegenseitige Beobachtung und Interessenkonkurrenz bedingt waren, plädierte Aust dafür, die Geschichte der Eisenbahn stärker in eine Beziehungsgeschichte der imperialen Großmächte einzubinden.

Verkehr als Transformation des sozialen Raumes
Von diesen auf Europa konzentrierten Beiträgen setzten sich methodisch solche ab, die sich mit der Eisenbahn in den außereuropäischen Kolonien beschäftigten. Offensichtlich angeregt durch neue Perspektiven der Postcolonial Studies mit ihrer Behauptung des kulturellen Eigensinns der kolonialisierten Gesellschaften [3] , betrachteten Ravi Ahuja (Heidelberg) für den Fall Britisch-Indiens und - in der Sektion "Crossing Cultures - Transkulturelle Kommunikationsräume in der Geschichte Afrikas" - Christine Reichart-Burikukiye (Gießen) parallel für Deutsch-Ostafrika die Nutzung, Aneignung und Kontrolle von neuen und alten Kommunikationswegen zwischen der kolonisierten Gesellschaft und der imperialen Administration. In beiden Referaten wurde ein weiter Begriff gesellschaftlicher Kommunikation zugrunde gelegt, und der Raum-Begriff nicht primär als geografische Kategorie verstanden, sondern als durch soziale Praktiken generiert. Die Eisenbahn wurde hier als eine neue, durch die imperiale Verwaltung eingeführte Technik verstanden, die einen neuen Raum erschloss, nicht nur geografisch, sondern als Kontinuum möglicher Erfahrungen. Vor diesem Hintergrund zeichnete Ahuja das Bild eines sozialen Raumes in Indien, der bereits vor Ankunft der Eisenbahn durch verschiedene Verkehrsformen und Medien geprägt war, seine eigenen Rhythmen entworfen hatte und durch den Raum der Eisenbahn nicht ausgelöscht werden konnte. Der Wahrnehmung Indiens als leerer Raum durch die imperiale Zentrale, der durch ein modernes Verkehrswegenetz getilgt und mit Zivilisation gefüllt werden sollte, widerstanden die traditionellen Strukturen.

Ahuja wies in diesem Zusammenhang kritisch darauf hin, dass ein Großteil der Wirtschaftsgeschichtsschreibung stets allein auf die Bedeutung der Anbindung der indischen Wirtschaft an die Ökonomie der britischen Metropole fixiert gewesen sei, während daneben weiterhin existente Handelsformen, sowohl inländisch wie nach außen gerichtet - etwa im maritimen Handel der indischen Westküste mit dem ostafrikanischen bzw. arabischen Raum - weitgehend übersehen worden seien.

Andererseits gelang es den kolonisierten Gesellschaften, sich neue Techniken anzueignen und in den eigenen sozialen Raum einzuschreiben, oft gegen die Intentionen der imperialen Verwaltung, beispielsweise wenn die Eisenbahn von Hindus wie Muslimen zu massenhaften Pilgerreisen genutzt wurde. In Indien wie in Ostafrika generierte die Eisenbahn mit Bahnhöfen und Streckencamps sowohl Orte der Disziplinierung und verdichteter Machtausübung der Kolonialmacht, als auch der Öffentlichkeit und Kommunikation, die ebenfalls von Nationalbewegungen in Anspruch genommen werden konnten oder an welchen der Machtzugriff durch Aushandlung von Interessen gebrochen wurde.

Die an solchen Beispielen dargestellte Instrumentalisierbarkeit von Verkehrs- und Kommunikationsstrukturen sowohl für als auch gegen die Zwecke ihrer Betreiber, ebenso wie das Phänomen der parallelen und teilweise konträren Verdichtungsprozesse auf imperialer und auf der jeweiligen regionalen Ebene hatten die Veranstalter der "Raum und Imperium"-Sektion vorab mit dem Begriff der "Janusköpfigkeit" beschrieben. Dieser wurde in der Diskussion als analytisch zu unscharf abgelehnt und alternativ die "Polyvalenz" oder "Multifunktionalität" technischer Innovationen und ihrer kulturellen Nutzung angeführt. Es ist jedoch fraglich, ob solche Begriffe etwas anderes als Allgemeinplätze darstellen können. Die komplexen Phänomene von verdichteter Kommunikation, beherrschtem Raum, regionalem Eigensinn und Stabilität imperialer Strukturen bedürfen auch innerhalb einer Kommunikationsgeschichte des 19. Jahrhunderts einer Betrachtung, die über ein Medium hinausreicht. Und auch ein scheinbar so selbstverständliches Phänomen wie der Raum verlangt dann, wenn er geeignet sein soll, diese Gemengelage adäquat zu erfassen, nach einem neuen, umfassenderen Verständnis.

Raumbildung und Identitätsbildung: die Grenze
Im Gegensatz zu diesen mehrheitlich eher politikgeschichtlichen Vorträgen war die eingangs erwähnte, von Etienne François und Bernhard Struck (beide Berlin) organisierte Sektion unter dem Titel "Grenzen: Räume, Erfahrungen, Konstruktionen" von vornherein konstruktivistisch ausgerichtet, womit der Bereich der Politik nicht ausgeschlossen blieb, sondern vielmehr als abhängig von den sozialen Praktiken historischer Akteure auf den verschiedensten Ebenen betrachtet wurde. Nationalgeschichtlich war die Sektion auf Frankreich, Deutschland und Polen bezogen, zeitlich auf einen weiten Raum vom 17. bis ins 20. Jahrhundert. Gerade in dieser langfristigen Perspektive sollte dem Wandel der identitätsstiftenden Bedeutung von Grenzen nachgegangen werden. Einführend reflektierte François über die den einzelnen Beiträgen zugrunde liegenden Hauptbegriffe "Konstruktion", "Raum" und "Erfahrung". Er wies zunächst darauf hin, dass die faktische Rolle von Grenzen immer von den verschiedenen Akteuren abhing, die der Grenze Bedeutung beizumessen hatten. Insofern war davon auszugehen, dass zwar Grenzziehungen einerseits durch eine administrative Obrigkeit durchgesetzt wurden, andererseits aber der Umgang mit ihnen bzw. ihre Aneignung "von unten" durch lebensweltliche Erfahrung bestimmt wurde. Die Fixierung oder Durchlässigkeit einer Grenze, mithin eines Raumes, war also stets im definitorischen Fluss. Mit der Untersuchung sowohl frühneuzeitlicher wie moderner, regionaler wie nationaler Räume sollte der basalen Frage nachgegangen werden, ob sich anhand von Grenzziehungen und Grenzerfahrungen eine Sattelzeit nationaler Identitätsbildung beobachten ließe. Dabei sollte der Vergleich mit dem 17. und 18. Jahrhundert den Übergang vom regionalen Bewusstsein der Frühen Neuzeit zum nationalen des 19. Jahrhunderts verdeutlichen.

Im ersten Vortrag untersuchte daher Christophe Duhamelle (Göttingen) das frühneuzeitliche thüringische Eichsfeld, das als kleinteilige katholische Enklave innerhalb einer protestantischen Umgebung einen stark grenzgesellschaftlichen Charakter aufzuweisen hatte. Duhamelle konnte zeigen, wie die diversen historischen Akteursgruppen, die mit dem Faktum der Grenze konfrontiert waren, diese in der Praxis einerseits ignorieren, andererseits verfestigen konnten. So setzten sich die katholischen Bewohner des Eichsfelds gern über das Verbot hinweg, sich mit Protestanten zu verheiraten, indem sie die Hochzeit auf ein benachbartes Territorium verlegten. Der Adel des Eichsfelds war mehrheitlich protestantisch und diente oftmals in der Verwaltung oder im Militär benachbarter Fürsten. Durch einen solchen Umgang war die Durchlässigkeit der Grenze also relativ hoch. Andererseits bestanden etwa in der Form von Grenzwallfahrten kulturelle Praktiken, sich selbst von den Nachbarn abzusetzen und gemeinschaftlich die eigene territoriale Identität zu feiern.

Einen ähnlichen Gegensatz von Durchlässigkeit und Verfestigung von Grenzen behandelte Bernhard Struck in seinem Vortrag. Allerdings ging es hierbei nicht um die Gleichzeitigkeit beider Phänomene wie im Falle des Eichsfelds, sondern um den deutlichen Wandel der Fremdwahrnehmung von einer eher regional spezifischen Distinktion hin zur nationalen Abgrenzung. Struck untersuchte Beschreibungen deutscher Reisender nach Frankreich und Polen, wobei er einen zeitlichen Vergleich zwischen Texten aus den 1770er und solchen aus den 1820er bzw. 1830er Jahren zog. Anhand dieser Beispiele ließ sich deutlich die diskursive "Eingrenzung der Nation" innerhalb dieses Zeitraums veranschaulichen. So waren die Reisebeschreibungen des 18. Jahrhunderts noch eher durch einen aufklärerischen Duktus gekennzeichnet, in dem regionale Unterschiede gleichsam "proto-ethnografisch" konstatiert wurden. Nach der Wende zum 19. Jahrhundert war der Grenzübertritt hingegen klar nationalisiert. Die Überschreitung der Grenze bedeutete nun nicht mehr nur den Übergang von einer Region in die andere, sondern das Verlassen des vaterländischen Gebiets und den Übertritt in das Land des feindlichen und absolut Fremden. In der Entwicklung dieses deutschen Abgrenzungsdiskurses gab es strukturell keinen Unterschied im Wandel der Wahrnehmung Frankreichs und Polens, zu beiden gab es aber mit den Napoleonischen Kriegen und dem polnischen Aufstand 1830/31 auch lokalisierbare Fixpunkte der Veränderung.

Thomas Serriere (Saint Denis) und Morgane Labbé (Paris) betrachteten schließlich jeweils einen einzelnen Raum und den Kampf um die identifikatorische Hegemonie der verschiedenen Akteure. Serriere untersuchte die östlichen Gebiete Preußens im 19. und 20. Jahrhundert und die jeweils deutschen und polnischen Bemühungen, in der städtischen Architektur, in Literatur, Kunst und anderen Repräsentationsformen eine je eigene nationale Marke zu setzen. Labbé untersuchte die Karte als Projektionsfläche des Verhältnisses von Sprache, Raum und Bevölkerung in Deutschland im 19. Jahrhundert. Sie konnte aufzeigen, wie durch die grafische Markierung verschiedener Sprachen im Staatsgebiet Nationalitäten quantifiziert und von einander geschieden wurden. Die kartografische Repräsentation führte den historischen Akteuren objektivierend statistische Verhältnisse vor Augen und verfestigte damit die nationalen Abgrenzungen innerhalb des Staates.

Die verschiedenen Beiträge dieser Sektion machten deutlich, dass die Thematisierung des Begriffs der Grenze sehr ertragreich sein kann, wenn man sich mit regionalen und nationalen Identitätsbildungen und der Wahrnehmung des Fremden beschäftigen will. Die Ausgangsfrage nach der Sattelzeit des nationalen Diskurses konnte, vor allem nach dem Referat von Bernhard Struck, mit dem Zeitraum vor und nach 1800 bezeichnet werden. Allerdings ergab sich im Anschluss daran die Frage, ob die regionale, gleichsam grenzdurchlässig hybride Identität der Vormoderne nicht eine zu starke Projektion der Gegenwart in Abwehr eines nationalisierten Diskurses des 20. Jahrhunderts sei. Insofern muss sich im Zuge der weiteren europäischen Integration das Potential des regionalen Bewusstseins als Alternative zum Nationalen erst noch beweisen.

Die Gestaltung von sozialem Raum durch Normen: eine nicht gestellte Frage
Europa als sozialen Raum zu erfassen, der geprägt war durch unterschiedliche Akteursgruppen, miteinander konkurrierende Normensysteme und neue kulturelle Techniken, ist ein Konzept, das als solches nicht thematisiert wurde, jedoch in den Referaten der Sektion "Normen, Netzwerke und Zivilisationen in der internationalen Geschichte (Neuzeit)" zumindest angelegt war. Andreas Osiander (Berlin) schilderte den Raum europäischer Politik für das 18. Jahrhundert als plurales Geflecht von Beziehungen zwischen Dynasten und ihren Ministern, die oftmals weniger durch die sprichwörtliche raison d'état als durch ganz persönliche Belange bestimmt waren. Die von Osiander untersuchte Sprache der Quellen hätte genutzt werden können, um den Wandel zu beschreiben, den der auf einem pluralen Beziehungsgeflecht beruhende europäische Raum der Dynasten durch die Einschreibung nationalstaatlicher Qualitäten erfuhr. Statt dessen orientierte sich das Referat in Ziel und Methode an den Vorgaben der Begriffsgeschichte und riet zu einem distanzierten Umgang mit der Quellensprache.

Die von Matthias Schulz (Nashville) gegebenen Schilderungen der einzelnen Institutionalisierungsstadien des europäischen "Konzerts der Großmächte" als eines kollektiven Systems der Friedenssicherung, der Tendenzen seiner Rechtsentwicklung und der Ausdifferenzierung eines Maßnahmentableaus des internationalen Krisenmanagements waren durchaus interessant, verließen aber mangels Bezug zu den anderen Referaten der Sektion nie den Rahmen einer Geschichte der internationalen Beziehungen. Unter einer vereinheitlichten Fragestellung wäre, bezugnehmend auf den Vortrag von Andreas Osiander, Gelegenheit gewesen, die Wandlung des sozialen Raumes Europa darzustellen, welcher nun, nach der tiefen Zäsur der Napoleonischen Kriege, nicht mehr durch die personalen Beziehungen von Dynastien und ihrer Minister geprägt wurde, sondern durch institutionalisierte Beziehungen auf der Ebene von Diplomaten, die sich als Agenten staatlicher Apparate verstanden und den politischen Raum mit Hilfe des Rechts gestalten wollten. Hierbei hätte die Frage aufgeworfen werden können, inwieweit dieses neue System von älteren normativen Traditionen Europas profitierte und ob die zunehmende Konsolidierung der Nationalstaaten und ihrer verdichteten Kontrolle über die sich etablierenden Teilgesellschaften das System des "Konzerts der Großmächte" nicht auch beschädigte. Dieser Gedanke schien zumindest in Schulz' These auf, wonach das Scheitern des "Konzerts" maßgeblich auf die sich in Deutschland etablierende, positivistisch geprägte und dem staatlichen Souveränitätsdogma verhaftete Rechtslehre zurückzuführen sei, welche die Möglichkeit eines bindenden Völkerrechts verneinte.

Die normative Gestaltung Europas war aber auch im 19. Jahrhundert nicht allein in die Hand der Nationalstaaten gelegt, sondern wurde von nichtstaatlichen "zivilgesellschaftlichen" Akteuren zumindest mit beansprucht, wie Madeleine Herren (Zürich) ausführte. Anhand des Beispiels der Haager Friedenskonferenzen von 1899 und 1907 zeigte sie, dass zwar die Nationalstaaten immer noch Hauptakteure des internationalen Systems waren, gerade aber die großen Diplomatenkonferenzen zu Gelegenheiten wurden, den Partizipationsanspruch einer internationalen Zivilgesellschaft zu dokumentieren. Diese großen Konferenzen blieben keine isolierten Veranstaltungen. Sie tagten über einen langen Zeitraum und in ihrem Umfeld fanden parallel weitere Treffen statt, so dass ein ganzes Konferenzsystem letztlich die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zog. Die Diplomatie als Arkanbereich staatlicher Tätigkeit wurde durch speziell für den Zeitraum der Konferenzen herausgegebene Zeitungen öffentlich gemacht, und die Apostrophierung der Haager Konferenz von 1907 als parlement de l'humanité sowie die Herausgabe eines Verzeichnisses der staatlichen Vertreter auf dieser Konferenz im Stile eines Parlamentshandbuchs deuteten die Konferenz praktisch zu einem Vertretungsorgan der Zivilgesellschaft um. Während der Partizipationsanspruch sich so jedoch meist mit seiner symbolischen Bekundung zufrieden geben musste, stellte aber umgekehrt das etablierte Nachrichtensystem zivilgesellschaftlicher Akteure, welche die große Nachfrage nach Öffentlichkeit der Veranstaltungen befriedigte, zumindest für die Vertreter kleiner Staaten oft das einzige Mittel dar, um selber ausreichend informiert zu sein. So sah Herren auch in der Informationsverbreitung eines der Hauptanliegen einer internationalen Zivilgesellschaft und stellte die Frage, ob sich anhand von allgemein bildenden Enzyklopädien die Verbreitung eines grenzübergreifenden Wissens nachweisen lasse.

Die Frage, was mit dem Auftreten dieser zivilgesellschaftlichen Akteure am Ausgang des langen 19. Jahrhunderts im Vergleich zu älteren Solidaritätsnetzen in Europa eigentlich Neues entstand, blieb ungeklärt, ebenso die spannende Frage, auf welche normativen Konzepte sich zivilgesellschaftliche Akteure bei ihrem Handeln beriefen und aus welchen, eventuell älteren Quellen und Traditionen sich diese speisten. Dass die sich etablierende internationale Zivilgesellschaft von Menschen getragen wurde, deren Handeln durchaus quer zu staatlichen Normen lag, verdeutlichte Herren anhand eines biografischen Zugriffs, der vielleicht in der Zukunft Aufschluss über diese Frage wird geben können.

Mediale Techniken des sozialen Raums
Mit der "Geschichte der Kriegsberichterstattung" stand schließlich eine der medialen Kulturtechniken zur Debatte, die mit dazu beitrugen, den Nationalstaat als primäre räumliche Ordnungseinheit zu ermöglichen. Die von Ute Daniel (Braunschweig) geleitete Sektion war indes nicht allein auf das 19. Jahrhundert angelegt, sondern zeichnete vom Siebenjährigen Krieg bis in die Gegenwart den medialen und kulturellen Wandel des Genres nach.

Frank Becker (Münster) beschrieb, wie die Berichterstattung über den deutsch-französischen Krieg von 1870/71 die Nation als imagined community erfahrbar machte. Die moderne Nachrichtenübermittlung durch den Telegrafen ließ die Entfernung zwischen Front und Heimat zusammenschmelzen und die Feldpost sorgte dafür, dass trotz der Abwesenheit der Soldaten von ihren Familien der Kontakt zu diesen nicht verloren ging und die jeweilige soziale Rolle, welche diese Männer in ihren Familien wahrnahmen, nicht aufgegeben werden brauchte. Umgekehrt ließen die Darstellungen des Krieges in den Berichten und den zunächst noch hauptsächlich gezeichneten Bildern in den rasch massenhafte Verbreitung findenden Zeitungen die Zurückgebliebenen an den Geschehnissen des Krieges teilnehmen. Vermittelt wurden dabei Topoi über das Soldatenleben, welche die Fortdauer eines bürgerlichen Lebens der Soldaten im Krieg suggerierten und diese so zu Agenten der zivilen Gesellschaft in besonderer Mission werden ließen. Front und Heimat wurden so unter einer nationalen Zielsetzung vereint, und die in den älteren Landsknechtstopoi über das Soldatenleben enthaltene Distanz zwischen Heer und zivilem Bürgertum, zwischen Krieg und Frieden, vermieden.

Die Techniken, welche die Distanz zwischen Front und Heimat einschmolzen, konnten jedoch schon Ende des 19. Jahrhunderts ihr Versprechen der Authentizität nicht mehr einlösen, wie Andreas Steinsieck (Braunschweig) am Beispiel der Berichterstattung über den Burenkrieg 1899-1902 zeigte. Die neuen Techniken von Fotografie und Film, die besonders die Realitätsnähe ihrer Abbildungen gegenüber der zeichnenden Konkurrenz hervorhoben, waren jedoch schon zur Zeit ihres Durchbruchs nicht mehr in der Lage, der noch rasanteren Entwicklung der Militärtechnologie standzuhalten. Die Reichweite des Gewehrs war größer als die des Objektivs und entzog so der Fotografie und dem Film den Raum des Schlachtfelds und die Zeit der Schlacht. Rauchloses Schießpulver, Tarnuniformen und Schützengräben verwiesen das Bild zurück auf die Landschaft. Es wundert daher nicht, dass besonders die Bildkorrespondenten auf gewohnte Sujets zurückgriffen und so eigene Bildwelten des Krieges in hergebrachter Formensprache kreierten, die mit der Realität des Kampfes wenig gemein hatten. Ute Daniels Plädoyer für eine neue Kriegsgeschichte als Mediengeschichte ist deshalb schon im Sinne kritischer Auseinandersetzung mit den vorhandenen Bildquellen zu unterstützen.

Raum und Kommunikation im langen 19. Jahrhundert
Die Geschichtsschreibung zum langen 19. Jahrhundert, wie sie sich auf dem Historikertag präsentierte, changierte zwischen traditionellen und neuen Zugängen. Wenn zum Teil auch Einflüsse aus dem weiten Bereich neuerer "kulturalistischer" Ansätze nicht zu übersehen waren, so bleibt insgesamt doch der Eindruck, dass sich der Großteil der Beiträge aus veränderter Perspektive mit alten Problemen beschäftigte. Die strukturelle Durchdringung des (außer-) europäischen Raumes, die Ausbildung von nationalem Bewusstsein, die Techniken internationaler Politik konnten in den verschiedenen Sektionen in interessanten Aspekten beleuchtet werden. Dennoch bleibt der Eindruck, dass man vielleicht zu sehr an einem eher politikgeschichtlichen Rahmen des 19. Jahrhunderts orientiert blieb.

So blieben Raum und Kommunikation aufs Ganze betrachtet weitgehend unvermittelte Leitbegriffe. Der für die Problematisierung von Kommunikation im 19. Jahrhundert zentrale mediale Schub mit seinen sozialen wie politischen Folgen - gerade wegen der kommunikationstechnischen Neukonstituierung von Räumen - wurde, abgesehen vom Beispiel der Eisenbahn, kaum thematisiert. Allenfalls in verwandten Sektionen wie der zur Kriegsberichterstattung oder in einer Veranstaltung zur Beziehung von "Medialisierung und Demokratisierung im 20. Jahrhundert" fand das Thema Beachtung. Hier fungierten dann aber die Entwicklungen des 19. allein als Vorgeschichte zu denen des 20. Jahrhunderts.

Neben den nur zum Teil realisierten Möglichkeiten müssen aber auch die Gefahren erwähnt werden, die die Ausrichtung an so allgemeinen Leitbegriffen wie Raum und Kommunikation mit sich bringt. Der Rückzug hinter diese Begriffe machte es offensichtlich möglich, dass zum Beispiel die fruchtbaren Ansätze der Geschlechtergeschichte auf dem Historikertag so gut wie keinen Widerhall gefunden haben. Frauen und Männer waren im Kieler langen 19. Jahrhundert gleichsam inexistent; eine Lücke, die bei der großen Aktivität auf diesem Feld kaum nachzuvollziehen ist.

Zum Schluss bleibt festzuhalten, dass sich das 19. Jahrhundert auf dem Historikertag 2004 einmal mehr als ein lang dauerndes Transformationsstadium erwiesen hat. Mit Hilfe neuer Ansätze der Kulturgeschichte dürfte künftig mehr und tiefer gehend die Gemengelage von langlebigen Merkmalen des alten Europa und zukunftsweisenden Neuerungen aufgezeigt werden, die sich nicht nur als Widerstreit unversöhnlicher Antagonismen innerhalb einer Modernisierungsgeschichte, sondern mehr als ein Miteinander verschiedener Faktoren darstellt, denen jeweils auf ihrer - auch räumlichen - Ebene identitätsbildende Relevanz zukam.

Stefan Moitra promoviert an der Ruhr-Universität Bochum zur Geschichte des Kinopublikums. Alexander J. Schwitanski promoviert an der Ruhr-Universität Bochum über die Geschichte der Menschenrechte in Deutschland.


[1] Anzumerken ist, dass in der Sektion "Städte im europäischen Raum (19./20. Jahrhundert)" drei von fünf Vorträgen kurzfristig ausfallen mussten, die eine erweiterte thematische Ausrichtung erwarten lassen konnten.

[2] Motyl, Alexander J., Imperial ends. The decay, collapse, and revival of empires, New York 2001.

[3] Vgl. als deutschsprachige Textsammlung Randeria, Shalini; Conrad, Sebastian (Hgg.), Jenseits des Eurozentrismus. Postkoloniale Perspektiven in den Geschichts- und Kulturwissenschaften, Frankfurt am Main 2002.


Zeitgeschichte / 20. Jahrhundert

Volker Depkat

Besprochene Sektionen:

"Medialisierung und Demokratie im 20. Jahrhundert"
"Umkämpfte Räume. Delinquente Jugendkulturen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Bundesrepublik, DDR, USA)"
"Zeitverständnis und Herrschaftsakzeptanz im 20. Jahrhundert"
"Nichts mehr wie es war? Der 11. September und die Wende von 1989 in historischer Perspektive"
"Orte der Verknüpfung von Wissenschaft und Technik im 20. Jahrhundert"

Zeitkulturen, Kommunikation und Herrschaft im 20. Jahrhundert. Zeitgeschichte auf dem Historikertag 2004

Mit "Kommunikation" und "Raum" hatte sich der 45. Deutsche Historikertag in Kiel gleich zwei Zentralkategorien einer kulturgeschichtlich erweiterten Sozial- und Politikgeschichte zu Eigen gemacht, die auch und gerade für den Bereich der Zeitgeschichte ein großes Innovationspotential versprechen. Dieses offenbart sich freilich erst so richtig, wenn Kommunikationsgeschichte nicht auf Mediengeschichte reduziert wird, nicht auf die Geschichte der technischen Mittel also, durch die im 20. Jahrhundert Nachrichten verbreitet, Wissen gespeichert, Unterhaltung gestaltet und Meinungen gelenkt bzw. manipuliert wurden. Kommunikationsgeschichte fasst ihren Gegenstand breiter, nämlich umfassend als die Geschichte sozialer Kommunikation. Damit ist eine Geschichte derjenigen kommunikativen Praktiken und kommunizierten Inhalte gemeint, durch die Gesellschaften und politische Systeme sich im Laufe der Zeit über sich selbst verständigt, ihre Ordnung legitimiert, stabilisiert und reproduziert haben. Medien spielen in diesem Zusammenhang zwar eine wichtige Rolle, doch geht das Konzept einer Kommunikationsgeschichte weit über den mediengeschichtlichen Rahmen hinaus, weil Kommunikation als Basiskategorie des Politischen und des Sozialen überhaupt verstanden werden muss. So gesehen findet soziale Kommunikation in institutionell, sozial und regional differenzierten Räumen statt, und sie manifestiert sich als konkrete, macht- und hierarchiegefügte Praxis, der gegenüber diese kommunizierten Inhalte nicht autonom sind. Ein kommunikationsgeschichtlicher Zugriff auf die Vergangenheit setzt somit die Überlegung an den Anfang, dass sich Politik und Gesellschaft historisch als und in Kommunikation vollzogen haben. [1] Er zielt darauf, den Wandel von Kommunikationsformen, -praktiken und -medien als eingebettet in übergreifende politische, gesellschaftliche und kulturelle Veränderungsprozesse zu beschreiben, weil es letztlich, wie Jörg Requate zu Recht hervorgehoben hat, "keine autonome, allein von den technischen und kommerziellen Bedingungen gesteuerte Mediengeschichte" gibt und geben kann. [2]

In einem eben so breit gesteckten Forschungsrahmen scheint mir für das 20. Jahrhundert der Zusammenhang von Herrschaft und Kommunikation besonders relevant zu sein, weil einerseits die für das "kurze 20. Jahrhundert" epochenkonstitutive Konkurrenz von Demokratie und totalitären Anti-Demokratien (Nationalsozialismus/Faschismus und Kommunismus) einen massiven politischen Orientierungs- und Legitimierungsdruck freisetzte, der neuartige Formen und Praktiken der sozialen Kommunikation erzwang. Anderseits ist der Zusammenhang von Herrschaft und Kommunikation im 20. Jahrhundert aber auch deshalb von besonderer Bedeutung, weil der rasante, sich in Schüben vollziehende, die Strukturen, Formen und Praktiken der Politik nachhaltig und wiederholt transformierende Prozess der Medialisierung sich weitgehend unabhängig von den drei großen politischen Systemen des 20. Jahrhunderts entfaltete. Nicht zuletzt deshalb bieten kommunikationsgeschichtliche Ansätze die Chance zu vergleichenden Längsschnitten von unterschiedlicher Dauer. Grund genug also zu fragen, wie das Thema "Herrschaft und Kommunikation" auf den zeitgeschichtlichen Sektionen des Kieler Historikertages erörtert wurde.

Medialisierung der Politik
Am unmittelbarsten greifbar war der Zusammenhang von "Herrschaft und Kommunikation" in der von Frank Bösch und Norbert Frei, beide Bochum, organisierten Sektion "Medialisierung und Demokratie im 20. Jahrhundert", in der die rasante Ausbreitung der Massenmedien im 20. Jahrhundert in ihrem Effekt auf Politisierungsprozesse in Deutschland untersucht wurde. Der Begriff "Medialisierung" wurde hier in dreierlei Bedeutungszusammenhängen verwandt, und zwar (1) als Durchdringung der Gesellschaft durch Massenmedien, (2) als Ausrichtung politischer Praktiken auf angenommene oder tatsächlich operierende mediale Logiken und (3) als Entstehung neuartiger, medial gestützter gesellschaftlicher Beobachtungssysteme.

Wichtig ist die begriffliche Unterscheidung zwischen Politisierung und Demokratisierung, denn während der Prozess der Medialisierung im 20. Jahrhundert zweifelsohne zur Erweiterung des politischen Kommunikationsraumes, zur Vergrößerung der politischen Themenpalette und zur Verdichtung der öffentlichen Kommunikation führte, war die Bedeutung der Massenmedien für die Demokratisierungsprozesse in Deutschland höchst ambivalent. Im Kaiserreich und in der Bundesrepublik waren beide Entwicklungsstränge komplementär, in der Weimarer Republik und während des "Dritten Reiches" unterlief die fortschreitende Medialisierung der Politik die Demokratisierungsprozesse bzw. drehte sie zurück.

Frank Bösch untersuchte in seinem Vortrag "Wege zur 'vierten Gewalt'? Skandal, Politik und Öffentlichkeit vor 1914" die im Kaiserreich gehäuft auftretenden Skandale als Kommunikationsereignisse und Prüfsteine für neuartige Formen der Interaktion von Politik, Öffentlichkeiten und Massenmedien. Die meisten Skandale wurden bis 1914 nicht von der neuen Massenpresse aufgedeckt, sondern von einzelnen Parlamentariern, die sich der Medien geschickt bedienten, um den von ihnen entdeckten Normbruch öffentlich zu machen. Einmal publik gemachte Skandale wurden dann von den Zeitungen und Zeitschriften eigenständig aufgegriffen und weiterverfolgt. Diese symbiotische Beziehung von Massenpresse und Politik trug zum Aufbrechen bisheriger politischer Arkanbereiche bei, erweiterte den Teilnehmerkreis an politischer Kommunikation und zog insgesamt einen Bedeutungsgewinn für den Reichstag nach sich. Der alten Frage, ob das Kaiserreich bis 1914 nicht bereits auf dem Wege einer schleichenden Parlamentarisierung gewesen sei, wurde hier aus kommunikationsgeschichtlicher Perspektive eine spannende neue Facette abgewonnen; die Interaktion von Massenpresse und Politik, so Bösch, beförderte die Demokratisierungsprozesse zumindest indirekt.

Dass die Massenmedien in der Weimarer Republik eher ein Faktor der politischen Desintegration als einer der Demokratisierung waren, machte Bernhard Fulda, Cambridge, zum Gegenstand seines Vortrages "Die Politik der 'Unpolitischen'". Die in den 1920er Jahren stetig sinkenden Auflagenzahlen von Partei- und parteinahen Zeitungen und der gleichzeitige Aufstieg der vermeintlich "unpolitischen" Massen- und Boulevardzeitungen sei weniger ein Ausdruck der Entpolitisierung der deutschen Gesellschaft als vielmehr Anzeichen der kontinuierlichen Modernisierung der deutschen Presselandschaft in diesen Jahren. Das Politische im vermeintlich Unpolitischen der Massen- und Boulevardpresse freilegend, zeigte Fulda, wie die neuen Printmedien Politik mit und als Sensation machten und damit insgesamt eine mediale Popularisierung von Politik einleiteten, die die Politik selbst zunehmend überforderte. Die illustrierten Boulevardzeitungen und Massenblätter waren während der gesamten Weimarer Republik nicht nur Indikator der tiefen politischen Gräben in der deutschen Gesellschaft, sondern zugleich auch ein Faktor im Prozess des fortschreitenden Verfalls des republikanischen Konsenses.

Der Kommunikations- und Öffentlichkeitspolitik der Adenauer-Regierung in der frühen Bundesrepublik wandte sich Matthias Weiß, Bochum, in seinem Vortrag "Propaganda und kritische Öffentlichkeit. Medienpolitik zwischen Nationalsozialismus und früher Bundesrepublik" zu. Die autoritäre Öffentlichkeitspolitik der Regierung Adenauer war getragen von einer kommunikationspolitischen Fürsorge zur Wiederherstellung einer integrierten Gesellschaft im Spannungsfeld von Westintegration, Nationalismus, NS-Vergangenheit und kommunistischer Gegenpropaganda. Das Bestreben nach einer kanzlerzentrierten Bündelung der informationspolitischen Energien zielte auf die Bändigung der öffentlichen Diskussion und die Zurücknahme der auf Liberalisierung und Demokratisierung zielenden alliierten Medienpolitik während der Besatzungszeit. Dieses Verständnis von Öffentlichkeitspolitik als einer arkanen Maßnahmenpolitik traf zunächst auf ein weit gestreutes Bedürfnis in der traumatisierten Nachkriegsgesellschaft, doch konnte die liberale Kommunikationsrevolution der Alliierten in den 1950er Jahren nicht gänzlich rückgängig gemacht werden. Deshalb wurde die Adenauersche Öffentlichkeitspolitik und das ihr zugrunde liegende Verständnis von Öffentlichkeit in dem Maße problematisch, in dem sich die "Modernisierung im Wiederaufbau" (Schildt/Sywottek) beschleunigte. [3] Insofern hat die "Spiegelaffäre" die Demokratisierung der Bundesrepublik nicht nur vorangetrieben; sie war ihrerseits bereits Ausdruck und Ergebnis stattgehabter Liberalisierung in den 50er Jahren.

Anja Kruke, Bochum, rekonstruierte in ihrem Vortrag "Macht und Meinung. Meinungsforschung und Politik in der Öffentlichkeit der sechziger und siebziger Jahre" wie die Ende der 1950er Jahren einsetzende Integration der Meinungsforschung in den politischen und medialen Prozess neue Formen der politischen Kultur und neue Praktiken der Kommunikation zwischen Politikern und Wählern einerseits ermöglichte, andererseits erzwang. Die Demoskopie als neue Form der Wählerbeobachtung und sozialer Selbstbeschreibung machte den Bürgerwillen nach wissenschaftlichen Kriterien transparent und schuf damit buchstäblich neue Realitäten, hinter die die politische Praxis nicht mehr zurückfallen konnte. War die Demoskopie zunächst eine Art Arkanwissenschaft, die die politischen Parteien für den internen Gebrauch verwandten, so unterlag die Demoskopie selbst einem Prozess der Demokratisierung - und den Massenmedien der Bundesrepublik kam in diesem Zusammenhang eine Schlüsselfunktion zu. Trugen sie zunächst ihren Teil zur Durchsetzung der Methode der demoskopischen Weltbeobachtung bei, indem sie über die von den Parteien in Auftrag gegebenen Meinungsumfragen berichteten, so entwickelten sie selbst Ende der 1960er Jahre eine stärkere Eigeninitiative und gaben eigene Umfragen in Auftrag. In dem Maße, in dem das geschah, wurde die Demoskopie zu einem Instrument der Medien. Gleichwohl führte diese von den Maximen "Information" und "objektive Berichterstattung" geleitete Integration der Demoskopie in den medialen Prozess auch zu einem steigenden Grad an medialer Selbstreferentialität, weil sich die Berichterstattung immer mehr auch als Bericht über die demoskopischen Berichte anderer Medien entfaltete.

Konkurrierende "time communities" als Indikator und Faktor politischer Konflikte
In den anderen von mir besuchten Sektionen zur Zeitgeschichte spielte der Zusammenhang von "Herrschaft und Kommunikation" keine durchgehende und tragende Rolle. In dem Moment jedoch, wo ich anfing, einige Sektionen gegen den Strich zu lesen und einzelne Vorträge im Hinblick auf meine Erkenntnisinteressen neu zu kontextualisieren, konnte ich einiges für das Thema Relevante entdecken. Von zentraler Bedeutung scheint mir in diesem Zusammenhang die Beobachtung zu sein, dass politische Kommunikation und die Kommunikation des Politischen stets in überwölbende, kultur- und systemspezifische Zeitkulturen eingelassen sind. Als für die historische Analyse besonders weiterführend erweist sich dabei in der Zusammenschau das von Jürgen Reulecke, Siegen, in seiner Sektion "Umkämpfte Räume. Delinquente Jugendkulturen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts" einleitend entworfene, dann aber in den Einzelvorträgen leider nicht konsequent genug eingelöste Konzept von konkurrierenden "time communities", in die politische, sozioökonomische, kulturelle und emotionale Differenzen eingeschrieben sind und deren Konkurrenz historische Konflikte aus sich hervortreiben kann. In dem Moment, wo die keinesfalls nur auf die historische Jugendforschung beschränkte und deshalb auch nicht allein über ‚Alter' und ‚Generation' definierte Konkurrenz von "time communities" selbst zum Thema der historischen Analyse wird, in dem Moment also, wo die jeweilige historische Konstellation konkurrierender "time communities" identifiziert, die Frontlinien ihrer Konkurrenz nachgezeichnet und die Konkurrenz selbst an die zeitspezifischen Erfahrungs-, Problem- und Konfliktlagen rückgebunden wird, eröffnen sich weitreichende neue Erkenntnismöglichkeiten für die zeithistorische Analyse, die auf diesem Historikertag allenfalls erst angerissen worden sind.

In der von Martin Sabrow, Potsdam, organisierten ungemein anregenden Sektion "Zeitverständnis und Herrschaftsakzeptanz im 20. Jahrhundert" stand die Frage nach dem Zusammenhang von Zeit und Herrschaft, also von Zeitstilen und politischer Kultur, Zeitempfinden und Systemloyalität in den drei großen Herrschaftssystemen des 20. Jahrhunderts im Zentrum aller sechs dort präsentierten Beiträge. Zwei Beiträge wandten sich aus ganz verschiedener Perspektive dem Phänomen der "Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen" in ihrer politischen und gesellschaftspolitischen Relevanz zu, und zwar Martin Geyers "Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen in der Weimarer Republik. Fragmentierte Zeitstile in der Weimarer Republik" und Alexander Schmidt-Gernigs "Die Globalisierung der Zeit in der bundesrepublikanischen Zukunftsforschung der sechziger und siebziger Jahre".

Martin Geyer, München, zeigte, wie der tiefen Fragmentierung des politischen Spektrums in der Weimarer Republik eine Zerklüftung der Zeitlandschaft entsprach, die den Effekt hatte, dass die radikalen Kräfte von rechts und links die Gegenwart der Weimarer Republik nicht als die ihre anerkannten und in ihren politischen Zielutopien über diese Gegenwart hinausstrebten. Die dramatische Gegenwartserfahrung produzierte eine Vielzahl von in die Zukunft gerichteten Wunschträumen und ließ so die Zukunft als Verwirklichungsort antirepublikanischer Herrschafts- und Gesellschaftsutopien erscheinen. Diese konkreten Utopien der klassischen Moderne projizierten das Bedürfnis nach sozialer, politischer und kultureller ‚Gleichzeitigkeit' in eine nationalsozialistisch-volksgemeinschaftliche oder sozialistisch-kommunistische Zukunft, in der die die Gesellschaft der Weimarer Gegenwart fragmentierenden ‚Ungleichzeitigkeiten' überwunden sein würden. Insofern lässt sich der grassierende Mangel an Gleichzeitigkeit als ein zentraler Faktor für die politische Instabilität in der Weimarer Republik interpretieren.

Alexander Schmidt-Gernig, Düsseldorf, erläuterte, wie die Erfahrung eines sich in den 1960er/70er Jahren enorm beschleunigenden wissenschaftlichen Fortschritts und die von ‚big science' ausgelöste Revolution der menschlichen Lebensformen bei den Zeitgenossen selbst die Diagnose plausibel werden ließ, einen Zeitbruch zu erleben, der die eigene Gegenwart radikal von der Vergangenheit abtrennte. Die Folge war ein regelrechter "Zukunftsboom", in dessen Folge mit der Kybernetik eine systematische, ihrem Anspruch nach wissenschaftliche Zukunftsforschung entstand, die ‚Zukunft' prognostizierbar und planbar machen wollte. Die Kybernetik verstand sich als eine Metawissenschaft, die von vornherein in globalen Dimensionen verankert war. Sie forderte sowohl supranationale Institutionen als auch globale Steuerungsmechanismen und entwickelte neue Denkmodelle von Raum und Zeit, die insgesamt auf die Globalisierung von Raum- und Zeitbezügen zielten. Die kulturelle und soziale Vielfalt in der Welt im Hinblick auf eine angenommene, gewissermaßen gleich getaktete "Weltgesellschaft" reflektierend, konfrontierte diese globale Kommunikationsverdichtung im Zeichen der Kybernetik nicht nur die verschiedensten Gesellschaften und Kulturen auf bisher ungeahnte Weise miteinander; sie trieb vielmehr auch die Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen auf globaler Ebene immer stärker und konfliktreicher hervor.

In zwei Beiträgen wurden systemspezifische Zeitkulturen in ihrer Auswirkung auf die Gestaltung des städtischen Raumes nach 1945 erörtert: Georg Wagner-Kyora, Oldenburg, ging am Beispiel der kommunalpolitischen Debatte um den Abriss des kriegszerstörten Residenzschlosses in Braunschweig der 1950er Jahre dem Problem von "Gegenwartsdiagnosen und Zukunftserwartungen im westdeutschen Wiederaufbaudiskurs" nach, während Albrecht Wiesener, Potsdam, in seinem Vortrag zur "Zukunft im Planquadrat. Über den Wandel zeit-räumlicher Perspektiven im DDR-Städtebau" am Beispiel von Halle/Neustadt die Entwicklungen im DDR-Städtebau in Abhängigkeit von den gesellschaftlichen Diskursen über die "sozialistische Stadt der Zukunft" rekonstruierte.

Wagner-Kyora legte geschickt die sich mit dem Braunschweiger Stadtschloss verbindenden Zeitschichten, Gegenwartsdiagnosen und Zukunftsprognosen frei, konnte zeigen, wie die Nutzung des Schlosses während des ‚Dritten Reiches' die weiter zurückliegenden an das Schloss gebundenen Geschichtserfahrungen zu einem Grade überlagerte, dass das Schloss aus Sicht der Braunschweiger Kommunalpolitiker Ende der 1950er Jahre als faschistischer Bau erschien, so dass mit dessen Abriss auch ein Stück der unmittelbar in die Gegenwart hineinragenden NS-Vergangenheit ‚entsorgt' wurde. Der Neubau einer Stadthalle auf dem Gelände des ehemaligen Residenzschlosses wurde so zu einem geschichtspolitischen Akt, durch den ein Kontrapunkt zur faschistischen Herrschaftsarchitektur, die überall im städtischen Raum noch gegenwärtig war, gesetzt werden konnte.

Wiesener zeigte wie das DDR-spezifische Epochenbewusstsein, in einer das bürgerliche Zeitalter überwindenden ‚neuen' Zeit des anbrechenden Sozialismus zu leben, das Projekt der ‚sozialistischen Stadt' zur zentralen, in die Zukunft gerichteten Aufgabe werden ließ. Die Suche nach einer ‚neuen deutschen Baukunst', die sich einerseits von der als imperialistisch und amerikanisch diskreditierten Moderne abgrenzte und andererseits zugleich spezifisch ‚sozialistisch' sein sollte, führte zunächst in den 1950er Jahren über die Stalinallee in Ost-Berlin und dann, als der ‚Zuckerbäckerstil' der Stalinallee in der Sowjetunion selbst als unsozialistische Verschwendung verurteilt wurde, mit dem Projekt Halle-Neustadt in den 1960er Jahren zum Wiederanschluss an die städtebauliche Moderne.

Die übrigen beiden Beiträge der Sektion behandelten auf die eine oder andere Art Modi der zukunftsbezogenen Sinnstiftung. Rainer Gies, Wien, kontrastierte in seinem Beitrag "Die Geschichte des Übermorgen" die zukunfts- und damit zeitgebundenen Sinnstiftungsprozesse der Offizialdiskurse in der DDR mit den eher raumgebundenen Meistererzählungen in Österreich nach 1945. Während in Österreich Landschaften und Bauwerke die Kernelemente offizieller österreichischer Selbstdefinition und Selbstdarstellung nach außen waren, erfüllte in der DDR die als Verwirklichungsort der sozialistischen Utopie gedachte Zukunft diese Funktion. Daraus entwickelte Gies einen auf den ersten Blick sehr überzeugendes kategoriales Schema von progressiven, über das Versprechen einer ‚lichten Zukunft' integrierten zukunftsbezogenen Gesellschaften, die eine problematische Gegenwart durch den Verweis auf das ‚bessere Übermorgen' sublimieren könnten, und raumbezogenen Gesellschaften, deren insgesamt anderes Gegenwartsverständnis in einer konservativen, bewahrenden und zyklischen Zeitkultur verankert sei. In der Diskussion wurde dann jedoch deutlich, dass auch die Zeitnarrative der DDR eine dezidiert räumliche Dynamik hatten, die sich vor allem aus der Tatsache ergibt, dass in der deutsch-deutschen Konkurrenz die DDR ja der Ort in Deutschland war, an dem der sozialistische Zukunftsstaat partiell angebrochen zu sein schien.

Martin Sabrow schließlich probierte in seinem Beitrag "Zukunftsverlust und Herrschaftserosion im ‚Dritten Reich' und in der DDR" den Umgang mit Zeit als Grundlage für einen Diktaturvergleich aus, und fragte, ob es nicht einen ursächlichen Zusammenhang gebe zwischen den systemspezifischen Unterschieden in den jeweiligen Zeitkulturen und der Art und Weise, wie die beiden deutschen Diktaturen zusammenbrachen. Anders als es Gies nahe legte, bildeten die sozialistischen Gesellschaften nach Sabrow keine alle Bereiche des Lebens gleichermaßen erfassende und durchziehende Beschleunigungsästhetik aus, sondern beschränkten die Tempoästhetik weitgehend auf die Arbeitswelt. Dominant seien hier die Aspekte der linear rationalen Dienstbarmachung von Zeit, Planung und Eintaktung von Zeit gewesen. Demgegenüber habe der Nationalsozialismus eine allumfassende, in den Kernbegriff von "Schwung" und "Kampfeswillen" gründende Tempoerfahrung mobilisiert, die sich jedoch durch eine fortlaufende Synthese von "Tempo" und "Ruhe", von "Schnelligkeit" und "Kontrolle" zugleich auch von der als Ausfluss liberal-kapitalistischer Werthierarchien begriffenen Hektik und Unrast der Weimarer Republik abgrenzen wollte. Paradigmatisch sei dies im Autobahnbau zum Ausdruck gekommen, bei dem nicht die schnellste Verbindung, sondern die landschaftlich schönste Strecke die Wegeführung bestimmte. Da wo es in der DDR um Takt und rational-planerische Dienstbarmachung von Zeit gegangen sei, ging es im NS-Staat um Rhythmus und die rhythmische Versöhnung von Beschleunigung und Entschleunigung.

Die NS-Zeitkultur unterlag, so Sabrow, mit der Dauer des Regimes und vor allem dem Fortgang des Zweiten Weltkrieges einem Prozess der radikalen Entzeitlichung. In dieser "Flucht in die Ewigkeit", die mit der Dauer der NS-Herrschaft immer stärker zum Ausdruck kam, suchte Sabrow eine Erklärung dafür, warum die NS-Gesellschaft und ihre politische Führung trotz der im Verlauf des Krieges dramatisch schrumpfenden Zukunftshorizonte so erstaunlich resistent waren gegen den Zerfall aller Zukunftsperspektiven. Demgegenüber konstatierte er für die DDR eine in den 1970er Jahren bereits einsetzende und sich dann rasant beschleunigende Erosion der Zukunftsgewissheit. Die rapide Entleerung des Fortschrittspathos trug maßgeblich zum inneren Zerfall des SED-Regimes bei. Utopieverlust bedeutete hier Legitimitätsverlust, und dieser Zusammenhang ist dann auch eine Erklärung dafür, warum der DDR-Sozialismus so vergleichsweise lautlos in sich zusammensank. Weniger äußerer Druck und Zwänge ließen das DDR-Regime implodieren, als vielmehr der mit dem Verlust der Zukunft einhergehende innere Akzeptanzverlust in der eigenen Gesellschaft.

Von besonderer, ausgesprochen politischer Relevanz wird die Frage nach unterschiedlichen Zeitkulturen und Differenzen im Epochenbewusstsein, je näher wir an die eigene Gegenwart kommen, deren Beginn scheinbar auf die doppelte Zäsurerfahrung 1989/91 und 11. September 2001 zu datieren ist. Die historische Einordnung dieser beiden vermeintlich oder tatsächlich zeitalterscheidenden Umbrüche und die Aufhellung der Zusammenhänge zwischen ihnen, das war die anspruchsvolle Aufgabe, die sich die von Wilfried Loth, Duisburg, organisierte Sektion "Nichts mehr wie es war? Der 11. September und die Wende von 1989 in historischer Perspektive" vorgenommen hatte. Dies unter anderem auch deshalb, um die diesbezüglichen Diskussionen nicht mehr nur den "Experten der Gegenwart" (W. Loth) zu überlassen. Das Thema von den konkurrierenden "time communities" und den Auswirkungen dieser Konkurrenz für das "politische Handeln aus historischem Bewusstsein" (T. Schieder) [4] wurde besonders deutlich in den Vorträgen von Detlef Junker, Heidelberg, "Die USA und Europa. Adaption, Erosion oder Bruch?" und Gudrun Krämer, FU Berlin, "Die arabische Welt. Integration oder Isolation?"

Junker beantwortete die von ihm selbst aufgeworfene Frage eindeutig: Seit dem Ende des Kalten Krieges und verstärkt seit dem 11. September 2001 unterliege das Verhältnis der USA zu Europa einem Prozess der Erosion - und dieser hänge nicht an der Person des Präsidenten George W. Bush, sondern sei strukturell bedingt. Ohne es mit diesem Begriff zu bezeichnen oder sich in diesen analytischen Bahnen zu bewegen, machte Junker klar, dass die gegenwärtige U.S.-amerikanische Politik von einem Epochenbewusstsein getragen ist, das sich in seinen wesentlichen Elementen in etwa so skizzieren lässt: Mit dem Ende des Kalten Krieges sei die Zeit einer unipolaren Welt angebrochen. In dieser seien die USA die einzig verbliebene Führungsmacht, deren enormen technologischen Vorsprung die anderen Mächte nicht einholen und deren erdrückendem militärischem Übergewicht die übrigen Mächte nicht auch nur annähernd Vergleichbares entgegenzusetzen hätten. Das U.S.-amerikanische Militär erscheint vor dem Hintergrund dieser Zeitdiagnose als Weltarmee, die sich fallweise jeweils regionale Bündnispartner sucht, um Krisenherde zu eliminieren, Stabilität zu garantieren und die Globalisierung von ‚liberty' und ‚property' durchzusetzen. Dieses Selbstbild der einzig verbliebenen Supermacht treibe eine "neue amerikanische Unilateralität" aus sich hervor, die einhergehe mit einer tiefen Verachtung für die Europäer und die EU. Insgesamt konstatierte Junker einen Bedeutungsverfall Europas aus Sicht der U.S.-Führungseliten; die Amerikaner bräuchten Europa einfach nicht mehr.

Gudrun Krämer wies in ihrem Vortrag auf das so ganz anders strukturierte Zeit- und Geschichtsverständnis der orientalischen Welt hin und ging der Frage nach, ob die Wende von 1989/91 und der 11. September 2001 in der arabischen Welt auf die gleiche Art als Zäsuren wahrgenommen und erfahren wurden, wie dies in der westlichen Welt der Fall war. Weder der Fall der Mauer noch der Anschlag auf das World Trade Center markierten in der arabischen Welt eine Zäsur, argumentierte Krämer. Zwar sei 1989/91 auch für die arabische Welt das Ende der Bipolarität gekommen, doch stehe dieses Datum in der arabischen Wahrnehmung eher für den Aufbruch anderer. An dem Epochenbewusstsein der arabischen Welt, in einer seit langem währenden Krisen- und Schwächeperiode zu leben, habe das Ende des Kalten Krieges ebenso wenig etwas geändert wie der 11. September, obwohl der Anschlag von 2001 im Gegensatz zu 1989 aus der arabischen Welt selbst gekommen sei. An den Grundlagen der Machtstrukturen, an den Handlungsmustern und Akteurszusammenhängen hat die Erfahrung des 11. September nicht gerüttelt und auch die arabische Selbstwahrnehmung, die um die Schlüsselbegriffe "Krise" und "Opfer" kreise, sei dadurch nicht erschüttert worden. Vielmehr habe der von den USA angeführte Kampf gegen den Terrorismus und die U.S.-amerikanische Intervention in den Irak diese althergebrachten Selbstbeschreibungen noch einmal verstärkt.

Lässt sich also, das wäre dann meine Frage, der vielzitierte "clash of civilizations" im Kern als ein "clash of competing time communities" interpretieren; leben die westliche und die arabische Welt also in unterschiedlichen Zeitwelten und hilft uns diese neue Variation des Themas von der "Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen" die Konflikte unserer eigenen Gegenwart besser zu verstehen?

Fazit
Insgesamt waren in Kiel so vielfältige wie vielversprechende kommunikationsgeschichtliche Zugriffe auf die Zeitgeschichte zu beobachten, die sich freilich meist erst auf den zweiten Blick erschlossen. Auf diesen zweiten Blick wurde schnell deutlich, dass es für das Verhältnis von "Kommunikation und Herrschaft im 20. Jahrhundert" noch viel zu entdecken gibt, sofern das Phänomen nicht auf eine Geschichte der Propaganda und der Techniken der obrigkeitlichen Meinungsmanipulation oder auf eine simple Gleichsetzung von Medialisierung und Demokratisierung oder schlicht auf eine Geschichte der Massenmedien, ihrer Technik, ihrer Macher, ihrer Inhalte und ihres Publikums reduziert wird. In Kiel bewegten sich demgegenüber ganze Sektionen oder einzelne Beiträge jenseits dieser eingetretenen Pfade durchs 20. Jahrhundert und zeigten vielfältige Möglichkeiten auf, wie die immer noch stark politiklastige Zeitgeschichte durch die Einbeziehung kommunikationshistorischer Fragestellung kulturgeschichtlich erweitert werden könnte.

Am systematischsten geschah dies in den Sektionen von Frank Bösch/Norbert Frei und Martin Sabrow, die beide auf ihre Art neuartige Längsschnitte durch das 20. Jahrhundert zogen, anregende Systemvergleiche ermöglichten und damit ihren Beitrag zur Überwindung der weiterhin dominanten räumlichen und zeitlichen Kleinteiligkeit der Zeitgeschichte leisteten. Besonders ergiebig für das Projekt der kulturgeschichtlichen Erweiterung der Politikgeschichte des 20. Jahrhunderts erwies sich in Kiel die eingehende Beschäftigung mit den unterschiedlichen Zeitkulturen von Herrschafts- und Gesellschaftsordnungen - ein Gegenstandsbereich, von dem Martin Sabrow meinte, dass dessen systematische Einbeziehung in die zeithistorische Forschung noch ausstehe. Dem ist nur zuzustimmen, weil in den für diesen Bericht referierten Beiträgen das Innovationspotential dieses Ansatzes kräftig genug durchschimmerte, um eine eingehendere Beschäftigung mit diesem Thema sinnvoll erscheinen zu lassen. Die Perspektive auf Zeitkulturen eröffnet nicht nur neue Zugriffe auf die verschiedenen 'Epochen' des 20. Jahrhunderts, sondern ermöglicht auch fruchtbringende Vergleiche, sowohl was diachrone Längsschnitte als auch was den synchronen Blick anbetrifft. Letzterer war besonders deutlich in der von Wilfried Loth geleiteten Sektion, die gerade durch den 'historischen Blick' auf die eigene Gegenwart ein stückweit dazu beitrug, eben diese Gegenwart neu und anders zu verstehen.

Diese innovativen Ansätze, die sich in Kiel beobachten ließen, sind auch ein Ergebnis der Tatsache, dass die meisten Beiträger in den von mir besuchten Sektionen erkennbar bemüht waren, sich auf das Rahmenthema einzulassen und "Kommunikation und Raum" für die eigenen Vorträge produktiv nutzbar zu machen, so unterschiedlich dann auch die Akzente jeweils gesetzt wurden. Gleichwohl wurden "Zeitkulturen" und "Herrschaft" in Kiel für meine Begriffe immer noch nicht eng genug auf "Kommunikation" bezogen, wurde das, was kommuniziert wurde, noch zu wenig in Abhängigkeit von dem Wie und dem Warum der Kommunikation analysiert. Es reicht unter kommunikationsgeschichtlichem Aspekt meines Erachtens nicht aus, Zeitkulturen und konkurrierende "time communities" in ihrer Relevanz für das Politische beschreibend zu rekonstruieren und kontrastierend miteinander zu vergleichen, wie es in Kiel meist geschah. Es hätte auch der Frage nach Mitteln, Strategien und Praktiken der Kommunikation bedurft, um das mit kommunikationshistorischen Ansätzen verbundene Erkenntnispotential voll auszuschöpfen.

Hinter diesem Plädoyer für eine stärkere Beschäftigung mit dem Wie der Kommunikation steht letztlich die Einsicht, dass soziale Sinn- und Vorstellungsbildung prozesshaft verläuft, dass kulturelle Sinn- und Ordnungssysteme keine sozialen Tatsachen an sich sind, sondern als "Konstruktionen am Rande des Chaos" (Berger/Luckmann) in und durch soziale Kommunikation entstehen. Sie werden zwischen verschiedenen Kommunikationspartnern ausgehandelt, erstritten, immer neu legitimiert, im Lichte neuer historischer Erfahrungen umgebaut oder für ungültig erklärt. [5] Nicht zuletzt deshalb ist Kommunikation ja die Basiskategorie des Politischen und des Sozialen überhaupt.

PD Dr. Volker Depkat ist Privatdozent und wissenschaftlicher Oberassistent am John-F.-Kennedy-Institut der Freien Universität Berlin. Seine wissenschaftlichen Interessen liegen in der deutschen und nordamerikanischen Politik-, Sozial- und Kulturgeschichte vom 18. bis zum 20. Jahrhundert. Homepage: http://userpage.fu-berlin.de/~jfki/history/depkat_d.shtml


[1] Vgl. dazu ausführlich: Depkat, Volker, Kommunikationsgeschichte zwischen Mediengeschichte und der Geschichte sozialer Kommunikation. Versuch einer konzeptionellen Klärung, in: Spieß, Karl-Heinz (Hg.), Medien der Kommunikation im Mittelalter, Stuttgart 2003, S. 9-48.

[2] Requate, Jörg, Öffentlichkeit und Medien als Gegenstand historischer Analyse, in: Geschichte und Gesellschaft 25 (1999), S. 5-32, hier: S. 15.

[3] Schildt, Axel; Sywottek, Arnold (Hgg.). Modernisierung im Wiederaufbau. Die westdeutsche Gesellschaft der 50er Jahre, Bonn 1993.

[4] Schieder, Theodor, Politisches Handeln aus historischem Bewusstsein, in: HZ 220 (1975), S. 4-25.

[5] Berger, Peter L.; Luckmann, Thomas, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie, Frankfurt 1980, S. 111.


Ein Blick vom Übermeer
The 45th Historikertag as experienced by a non-European

Patrick J. Geary

Schleswig-Holstein is an excellent location from which begin to consider space and communication in history. This region of flat, irregular bits of land that mix easily with vast expanses of water has no natural boundaries and has required human intervention to turn it into Raum, that is, into socially and culturally defined space. A good place from which to begin to observe this process is the Danewerk, that long earthen wall that once cut across the peninsula, erected in the ninth century when Danes had good reason to fear their expansive and aggressive Frankish neighbor to the south. From the ninth century forward, this featureless landscape was a vital node of communication and trade across the peninsula to connect the Baltic and the Atlantic, just as the bays, fiords, and inlets provided settlements that from the age of the Vikings through the Hansa, through the Cold War, connected the Slavic world to the Germanic to the Scandinavian. The Danewerk, like other attempts to bound this space that followed across almost two millennia to establish the "natural boundaries" of Denmark and Germany remained illusive, and in her elegant and intelligent opening remarks Ministerpräsidentin Heide Simonis evoked the oft-told statement of Lord Palmerston that only three people had ever understood the Schleswig-Holstein situation: Prince Albert, who was dead, a professor, who was insane, and himself, who had forgotten it. Thus when two thousand historians gathered in Kiel for the 45th Historikertag, in a rare display of academic discipline, a considerable number of sections actually addressed, and addressed well, the themes of the conference, Space and Communication, and did so with specific attention to what is often termed the "Northern Mediterranean" and thus Germany and its northern and eastern neighbors.

But of course there were other items on the agenda, as there always are at the Historikertag. The purpose of these biannual assemblies requires no less. The Historikertag is more than the meeting of a professional association. It provides a formal occasion for Germany to focus for a week on the discipline of history as practiced in universities and institutes in order to take stock of the role of history in German society. To the amazement of an American, the German media does just this. In the US, the annual American Historical Association meeting in the first week of January is almost entirely ignored by the press and the wider public. At most, a reporter will thumb through the program and select the titles of a few particularly bizarre papers titles to hold up to ridicule as evidence of how trivial history has become. ("Buggery in the nineteenth century British Navy" was one that a journalist singled out a few years ago.) Ours is a society populated by citizens and lead by politicians who for the most part want to believe that the past is irrelevant to the present or the future. They are of course repeatedly proven wrong, but since recognizing this would itself require some sense of history, the lesson continues to go unlearned. Not so in Germany, where the local and even national press gave large and detailed discussions of the conference in the wider context of the state of the historical discipline in Germany today.

Of course, journalism being what it is, there was a natural tendency to look for crises, conflicts, scandals, and the like: Controversy sells newspapers. Thus in the first article to appear on Historikertag in the Sueddeutsche Zeitung Frank Ebbinghaus, eager for some controversy, allowed himself to be misinformed by someone within the Max-Planck-Gesellschaft to write an interesting but somewhat distorted account of the disaster that the search for the two directors of the MPIfG has become. Political spin can come from informants as well as from journalists.

However Ebbinghaus did recognize that part of the MPG's mess is that it is attempting to solve its problems on the cheap. This tendency is not limited to research institutes. If there is a more general crisis facing the historical profession in Germany, it is not the Max-Planck-Gesellschaft's mismanagement of the succession in Göttingen but the much wider and deeper crisis in the funding of humanities research and instruction generally in Germany. This crisis, underscored by the announced decision of the University of Hamburg to slash its humanities instruction by roughly 50% and to eliminate over a dozen professional chairs, was not only the topic of discussion at a special section of the Historikertag itself, but very much part of the discussions in the hallways, book exhibitions, and restaurants around the University of Kiel. Caught in the continuing financial crisis that affects the German economy as a whole, the needs to transform higher education in accord with the Bologna Accords, and a growing belief that technical training without a humanistic education will solve Germany's problems (A very "American" attitude in a country that at times glories in anti-Americanism), Länder seem ready to take the cheap road to university reform.

But what of the Historikertag itself? Much was familiar to an habitué of the American Historical Association's conventions: a few public sessions; numerous smaller sections with varying levels of attendance and quality; a fair amount of professional gossip; and everywhere young and not-so-young historians greeting each other and looking eagerly for the "Grosse Tiere" for whom the crowd parted like the Red Sea as they strode through the corridors. Also familiar were book exhibitors and editors offering their wares and huddling with authors either to squeeze out of them long-overdue volumes or else to try to sell them on future projects, even while dodging wantabe authors they have no intention of ever publishing.

Also familiar, but apparently for the Historikertag a real innovation, was the attention to secondary school education. The American Historical Association has long had a serious commitment to secondary school teachers and while sections at the convention do not directly address high school students, considerable attention is given to professional and substantive issues in teaching history in secondary school. The Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands has apparently recognized the importance of secondary school education: if history is not well and attractively taught in Gymnasia, there will be no students willing to study it in universities. I was impressed that senior scholars such as Hanna Vollrath were ready to take the lead in building these bridges.

Blessedly missing from the Historikertag was the most striking and depressing aspect of the American Historical Association's Convention: the slave market. The real purpose of the AHA is buying and selling historians: virtually every university and college with an opening in history (and there are hundreds every year) uses the Convention as a convenient moment to interview as many as fifteen potential candidates for every post, only three of whom will be invited to the institute itself for the eagerly sought-after "on-campus" interview. Most of these preliminary interviews take place in hotel rooms or, if the institution can afford to follow the Association's guidelines, in a hotel suite, so that young candidates do not have to confront half drunken committees across unmade beds. Four or five bored and exhausted members of search committees see one candidate after the other in thirty minute intervals, while hundreds of eager un- or under-employed historians stand in the hall waiting their turn or wander the convention looking for a last-minute posting for a part time position. The Historikertag was blessedly free of such things, the closest thing being the traditional session "Junge Historiker stellen sich vor," which, while still something of a slave auction, is at least a more tasteful one.

The sessions themselves, or at least those that this medievalist attended, seemed more disciplined that the average at the American Historical Convention. As is ever the case, most attention was directed to Contemporary History, with Antiquity, the Middle Ages, and even the Early Modern periods receiving relatively little play. This is only normal: we pre-modern historians are accustomed to this minority status and expect nothing better. For the most part, speakers actually addressed the broad themes of space and communication, usually in case-studies drawn from real knowledge rather than in generalities thrown together to meet the program committee's requirements. I cannot pretend that I heard any presentations that were epoch-making breakthroughs, but what I heard was competent, intelligent, and well presented.

If the quality of the presentations was above the American average, the breadth of the spaces and communication systems seemed somewhat provincial. True, the Baltic states of Poland, Lithuania, Estonia, and Latvia were well represented and signaled out as "Partner States" in the program, and a good number of foreign historians from Europe and beyond were integrated throughout. More disquieting was a certain narrowness of geographical focus. While German industry may look to global markets, to judge from the Historikertag the same cannot apparently be said of German historical culture. Thus the overwhelming majority of sections concentrated on Germany and German relations with its near neighbors, especially with Eastern and, to a lesser extent Western Europe. Asian history, African history, and Latin America were all but absent from the Historikertag, just as they tend to be from historische Seminaren in German Universities. The "ghettoization" of non-European history in ahistorical area studies and philological faculties seems alive and well in Germany, with a resulting dearth of professional historians who can speak with real expertise to deep pasts of contemporary world issues. Germany may have no aspirations to becoming a world power and may cringe at the dangers of globalization. However the historical profession owes to the nation (and the nation needs to finance) historians who can provide a better understanding of a world that is much larger, and much more dangerous, than the shores of the Baltic Sea.

Patrick J. Geary is professor of history at the University of California, Los Angeles. His research interests are Medieval culture and society, 500-1200. Homepage: http://www.history.ucla.edu/geary/


 
 

Letzte Änderung: 14.12.2004, sh