Band 6 • 2005 | ISBN 3-86004-189-4 | "Westforschung" |
| Rezensionen | |
Derks, Hans: Deutsche Westforschung. Ideologie und Praxis im 20. Jahrhundert. Leipzig: AVA-Akademische Verlagsanstalt 2001.
ISBN: 3-931982-23-8; 304 S. Rezensiert von: Michael Fahlbusch, Basel „Im Westen nichts Neues?“ oder „Totgesagte leben länger“ wäre fast ein angemessenerer Titel der vom niederländischen Sozialwissenschaftler Hans Derks vorgelegten Einführung in das wechselvolle Verhältnis von deutscher und niederländischer Wissenschaft und Politik im 20. Jahrhundert. Ausschlaggebend für seinen Ansatz ist die bis in die 1970er-Jahre hinein geführte Kritik der an französischer und englischer Sozialgeschichte orientierten „Wageninger Schule“ von Bernard Slicher van Bath. Ziel der Kritik der Wageninger Schule war die deutsche Kulturraumforschung (KRF), die inzwischen unter dem Einfluss der Münsteraner Schule Horst Lademachers in den Niederlanden erneut an Bedeutung gewinnt: sie sei „lyrischer Patriotismus“ und biete „Fantasien über Blut und Boden“ (S. 135).
Dass Forschungsprogramme wachsen und ihre heuristischen Kerne - wenn sie sich als nicht mehr tragfähig erweisen - absterben können, ist ein Gemeinplatz. Im Falle der deutschen Westforschung (WF) scheint eine besondere Persistenz prägend zu sein. Derks stellt fest, dass dieses Programm gleich zweimal mit der Hilfe von „Kollaborateuren“ in den Niederlanden implementiert worden sein soll. Einmal in der NS-Zeit durch die Bonner und Kölner Schule der rheinischen Landesgeschichte. Und jetzt nach dem 2. Weltkrieg - so seine provozierende These - erneut durch die Münsteraner Schule. Derks verabsäumt nicht den Hinweis, die Sprache dieser Richtung habe sich zwar geändert, aber das „Raum“-Verständnis und der territoriale Grenzen auflösende Blick der alten „deutschen“ KRF sei kognitiv beibehalten worden. Daraus erklärt Derks sein Engagement, das Thema Westforschung nicht ausschließlich als eine deutsche Angelegenheit zu betrachten. Das Buch ist speziell an dieser Stelle - im Gegensatz zu anderen Ausführungen in den insgesamt sechs Kapiteln - nicht ironisch gemeint. Derks sieht noch immer Formen der Kollaboration nachwirken, die es ihrerseits nötig machen, sich an die deutsche Öffentlichkeit zu wenden. Schließlich begreift er die offene Streitkultur in Deutschland als eine Chance, um über den Umweg einer deutschen Publikation auch in den - an diesem Thema offenbar uninteressierten - Niederlanden diskutiert zu werden. Allein in Deutschland wird es an Rezeption nicht fehlen, weil Derks mit wenigen Federstrichen und einem Minimum an Archivrecherchen gleich an mehreren Doyens der bundesdeutschen Westforschung, einschließlich ihrer Apologeten, rüttelt.
Hans Derks‘ zweite Arbeitshypothese, die er sehr durchdacht und stringent präsentiert, lautet, dass die SS analog zum Generalplan Ost einen Westplan in Form des von dem Raumplaner der Zivilverwaltung, Hermann Roloff, ausformulierten „Hollandplans“ und des „Belgien-Nordfrankreich-Programms“ realisierte. Einer der Ansprechpartner des so genannten „Germanischen Wissenschaftseinsatzes“ im Westen war kein Geringerer als der in der Militärverwaltung in Belgien tätige Franz Petri. Dieser rheinische Landesgeschichtler hatte - wie Derks belegt - an diversen kulturpolitischen Säuberungsaktionen mitgewirkt. Mit seinen neuen Erkenntnissen greift Derks nicht nur positiv die These von Peter Schöttler auf, Petri sei konzeptionell maßgeblich an der Grenzziehungspolitik der deutschen Militärverwaltung im Westen beteiligt gewesen. Bislang war man entweder auf Peter Schöttlers Aussagen angewiesen, der Petri bereits auf die braune Spur gekommen war, oder begnügte sich mit Karl Ditts Versuch, Petris Innovationsfähigkeit in der Landesgeschichte höher zu bewerten als seine NS-Kontaminierung.
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Nun bildet Hans Derks nicht das Zünglein an der Waage zwischen Schöttler und Petri. Seine Interpretation, die an den wichtigsten Stellen durch Archivmaterial aus holländischen Archiven gut belegt wird, widerlegt den Forschungsstand ausschließlich und weittragend zuungunsten von Karl Ditt. Hans Derks führt überzeugende und bisher ungelesene Belege an, dass Petri ein Vordenker der SS-Konzeptionen im Umfeld des „Großholland-Planes“ war. Seinerzeit hatte ich auf Ditts Darstellung vertrauend noch die Feststellung übernommen, seit der großen Koalition in den 1960er-Jahren seien die alten Inhalte der Kulturraumforschung politisch obsolet geworden. Auch dass Petri der SS ferngestanden sei, womit Petris Kriegsaktionen nicht so problematisch gewesen sein könnten (Ditt, S. 131), ist aufgrund der neuen Aktenlage nicht mehr zu halten.
Die Ursprünge der Westforschung schlugen sich laut Derks in einem von rechtsradikalen Intellektuellen der Weimarer Republik formulierten Forschungsprogramm nieder, welches von Rheinland und Westfalen in Reaktion auf die Verluste geistiger und materieller Art des I. Weltkriegs auf Belgien, Niederlande und Nordfrankreich wirkte. Dieses Netzwerk von flämischen Nationalisten und deutschen Rechtsradikalen richtete sich gegen die unter „französischem Firnis“ stehende wallonische Kultur. Gemeinsam machte man sich an der Begründung einer germanisch-flämischen Einigung zu schaffen. Mit den gleichen Argumenten wurde übrigens auch Luxemburg von den rheinischen Landeskundlern bearbeitet.
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Im Gegensatz zu Ditt betont Derks die Anreicherung der mediävistischen Kulturraumforschung à la Franz Steinbach, Franz Petri und Hermann Aubin durch schlicht rassistische Vorurteile und geopolitische Verdikte. Zudem sei entscheidend, dass diese Landeskunde als völkische Kulturraumforschung eine kulturelle und politische Ausstrahlung „germanischer“ Ursprünge auf Belgien und die Niederlande behauptet habe. Das regionale Wirkungsfeld war dem katholischen Rheinland entsprechend das ebenfalls katholische Gebiet der Nachbarstaaten gewesen. Es ist daher wohl auch kein Zufall, dass sich die zukünftigen Kollaborateure aus den Regionen südlich Utrechts und des flämischen („germanischen“) Teils Belgiens rekrutierten. Kulturpolitisch arbeiteten diese Kollaborateure nach Derks einerseits in Belgien mit Franz Petri im Bereich der Säuberung der Universitäten von Juden, des Zwangsarbeitseinsatzes und bei der Exploitation Walloniens mit. Andererseits weist er eine Zusammenarbeit Petris mit der deutschen Zivilregierung in den Niederlanden nach. Hier standen gleichfalls die Hochschulpolitik, die Raumordnung (Polderplanung bzw. Hollandplan) und der Zwangsarbeitseinsatz der Holländer im Osten im Vordergrund der deutschen Besatzungspolitik. Das politische Ziel war es, die Niederlande in ein „germanisches Europa“ einzubinden, welches bis zur Loire reichen sollte.
In Kapitel drei reflektiert Derks die Interdisziplinarität der KRF. Auffallend sei das weitestgehende Fehlen demografischer, agrarhistorischer und ökonomischer Daten, die dagegen beim Counterpart Ostforschung einen zentralen Stellenwert eingenommen hatten (S. 60). Im Osten ging es beispielsweise darum, die ‚überbevölkerte‘ polnische Agrarbevölkerung zurückzudrängen. Als einen der Gründe dieser Abwesenheit sozioökonomischer Analysen und politischer Herrschaftsstrategien nennt Derks die Dichotomie, die der Auffassung von Germanen und Romanen in Westeuropa zugrunde lag sowie eine kulturelle oder gar rassische Überlegenheit der Germanen obsolet erscheinen ließ. Auch liege in der Raumkategorie ein verlockendes Potential für den Historiker, diese als simple Kategorie der Abgrenzung von Kulturlandschaften in Anspruch zu nehmen. Derks bringt den 1910 geborenen Bernard Slicher van Bath in die Diskussion, der – wie eingangs erwähnt - gleich den Vertretern der Annales-Gruppe zu den schärfsten niederländischen Widersachern der deutschen Kulturraumforschung wurde.
Als Komponenten der Kulturraumforschung identifiziert Derks auch die Volkskunde. Sie erlangte in Deutschland erst in den 1930er-Jahren die Weihen einer akademischen Disziplin. Freilich konnte sie nur unter großem Aufwand Teilaspekte wie den „Atlas der Deutschen Volkskunde“ in die Nachbarstaaten exportieren. Eines der Institute, welches sich mit religiöser Volkskunde in Südholland beschäftigte, war das Institut Georg Schreibers, das mit Kriegsbeginn aber von der SS beschlagnahmt worden war. Die Aufgabe des „Germanischen Wissenschaftseinsatzes“ der SS im Westen war laut dem Verfasser Otto Plassmann, einerseits die katholischen Kräfte und andererseits die NSB zu kontrollieren. Konkret verfolgten der im Detail umgesetzte „Hollandplan“ und seine holländischen Akteure gemeinsam mit dem SS-Ahnenerbe folgende Strategie in der Forschung: „Konzentration auf wenige universitäre Institutionen, beschleunigte Germanisierung, völlige Dekonfessionalisierung und wachsender Einfluss der SS“ (Derks, S. 92). Da Petri intensiv mit dem Ahnenerbe der SS und den Planern der Siedlungspolitik in Holland und Belgien kooperierte, verfolgte er nicht mehr nur allein Interessen der Wehrmacht, sondern auch der SS. Als zweite Basis steht für Derks deshalb der seit 1918 bestehende „zivile“ Zweig der Westforschung, der weniger physisch-rassische als biologisch-kulturell-ethnische Ziele verfolgte, und keinen direkten Bezug zur SS pflegte. Stellvertretend stellt Derks Petri dar, der sich bereits in seiner Habilitationsschrift 1937 neben sprachgeografischen und archäologischen Verbreitungsmerkmalen explizit auf rassenanthropologische Untersuchungen stützte. Zentral schienen ihm die 46 Langschädel aus Reihengräbern und weitere Funde zu sein, die seine (kaum zu haltende) These bestätigen sollten, dass die Franken auch südlich der heutigen Sprachgrenze in einem Kulturkampf mit den Romanen gestanden hätten. Inwieweit aber nun Langschädel und Reihengräber analog zu den in der Ostforschung beliebten Reihendörfern germanischen Ursprungs gewesen seien, bleibt mehr dem wishful thinking als einer wissenschaftlichen Analyse geschuldet. Hier weist Ditts Darstellung gegenüber der soliden, und nicht selten ironisch gewendeten Interpretation von Derks, eindeutig eine frappante Schwäche auf (Ditt, S. 88, Derks, S. 110).
Die Derksche Arbeit gewinnt dort besonders an Kontur, wo er Ditts Lücken in der Biografie zu Petri bewusst benennt. So war Petris Arbeit in der Militärverwaltung keineswegs so belanglos, wie Ditt glauben machen wollte. Petri führte mehr Arbeiten in Kooperation mit der SS aus, als angenommen. Zum Verständnis der „Auslassungssünden“ von Karl Ditt reicht die in Fußnote 217 weggelassene Position, die Petri anlässlich seiner Antrittsvorlesung 1943 vertrat, um die Lücken zu benennen (Ditt, S. 130): „Flandern als germanisches Grenzland“ sei bis zum Ende des Mittelalters „Eckpfeiler“ des „Germanentums“ des mittelalterlichen deutschen Reiches gewesen, welches schließlich eine selbständige Entwicklung durchlief und sich damit dem Reich entfremdet habe. Die Herauslösung Flanderns aus dem Reich sei jedoch „nicht aus dem Zwang einer Uranlage“ erfolgt, sondern „vielmehr Grenzschicksal“ gewesen. Die „Wiederaufrichtung des Reiches werde im Enderfolg auch zur Wiederannäherung beider führen“. (Westdeutscher Beobachter v. 1.6. 1943)
Da Derks eine ganze Reihe von gedruckten Erzeugnissen von Petri in seine Analyse einbezieht, die bei Karl Ditt nicht genannt oder ausgewertet wurden, kommt Derks zu wesentlich präziseren Feststellungen. Gemeint sind die „Berichte über die Tätigkeit und Arbeitsziele der Militärverwaltung in Belgien auf dem Gebiet der Kultur“, die Franz Petri und Werner Reese während des ersten halben Jahres der deutschen Okkupation verfassten, sowie die Artikel in der von Seyss-Inquart herausgegebenen Zeitschrift „Westland, Blätter für Landschaft, Geschichte und Kultur an Rhein, Mosel, Maas und Schelde“. Allein Petris Beiträge in diesen Schriften weisen ihn als radikaleren Denker aus, als Ditt es darzustellen vermochte. Derks weist in mehreren Fällen nach, dass Petris Arbeiten an der Konstruktion von „germanischen“ Grenzlanden in Westeuropa von der SS in dem „Belgien-Nordfrankreich-Programm“ und dem „Hollandplan“ aufgegriffen wurden. Es hat demnach über Petri funktionierende Arbeitsbeziehungen zwischen der Militärverwaltung in Belgien, dem SD-Hauptamt und dem Ahnenerbe der SS gegeben (Derks, S. 195ff.). Pikant an Derks Ergebnis ist indes die Feststellung, dass Petris belgische und holländische Kollegen, allesamt mit ihm vor 1945 als germanische Herrenreiter auf SS-Kurs unterwegs, in der Nachkriegszeit mit positivem Leumund aushalfen, so dass Petri nach einer gewissen Karenzzeit wieder als „nicht belastet“ rehabilitiert war. Es ist fast überflüssig anzuführen, dass Petri ohne die Entlastung durch seine niederländischen und belgischen „Kollegen“ in der Nachkriegszeit nie mehr so weit gekommen wäre wie zuvor im 2. Weltkrieg.
Auch Petris Mitwirken beim Arbeitseinsatz in Belgien und Nordfrankreich dürfte vor dem Hintergrund der rassenkundlichen Untersuchungen an polnischstämmigen Bergarbeitern für die Deutsche Volksliste des Kollegen aus der Westdeutschen Forschungsgemeinschaft, Hauptmann Wilhelm Brepohl, einen ganz neuen Stellenwert erhalten. Hier reicht es jedenfalls nicht mehr aus, sich auf die Arbeit des Petri-Doktoranden Mathias Georg Haupt zu stützen. Vergleicht man dagegen die Arbeiten über die Besatzungspolitik in Luxemburg von Paul Dostert und Emile Krier, so sind die Diskrepanzen auf diesem Gebiet zu signifikant, als dass man sich künftig noch auf diese - nach Derks auch irreführenden - Forschungen verlassen könnte. Dass Petri eng mit dem SS-Ahnenerbe unter Wolfram Sievers, Dr. Schneider (alias Schwerte) und dem Raumplaner Hermann Roloff 1942 zusammenarbeitete, irritiert nach dieser Lektüre auch nicht mehr. Wahrscheinlich saßen sich Petri und Schneider/Schwerte nach 1945 sogar auf gleicher Augenhöhe gegenüber (Derks, S. 115, 197ff.) und nahmen sich gegenseitig die Legenden und falschen Namen augenzwinkernd ab.
Hans Derks rekonstruiert in einem anderen wichtigen Kapitel in nuce auch das wohl für die Niederlande selbst heikle Thema der Polderkolonisation. Demnach wurden im 2. Weltkrieg die ursprünglich von deutschen Raumplanern für den Osten entwickelten Pläne lediglich als neues „deutsches“ Exportmodell eingeführt und nach 1945 vollendet. Ein Skandalon an diesem Planungsprozess ist allein schon die Vorgeschichte der Polderplanung. Die holländischen Planungsexperten unterzogen ebenso wie ihre Kollegen aus dem Rasse- und Siedlungshauptamt der SS in Polen und der damaligen Sowjetunion die Kolonisation dem Verdikt der Rassenauslese. Tatsächlich wurden trotz gegenteiliger Versprechen von den rund 4000 Arbeitssklaven pro Kriegsjahr nur etwa 400 Siedler von Schülern Eugen Fischers selektioniert; jüdische Zwangsarbeiter wurden direkt nach ihrer Zwangsarbeit in die KZ’s deportiert, aber nicht von reichsdeutschen, sondern von holländischen Stellen (Derks, S. 178-190).
Speziell anhand des Beispiels der Polderplanung und des Großhollandplanes der SS gelingt es Derks, die konkrete Kooperation von deutschen und holländischen Experten als ein Handeln in einem Netzwerk nachzuweisen. Es ist ein auch für den Agrarsoziologen und Politologen noch heute interessanter Sachverhalt, dass der spätere EWG-Kommissar für Agrarpolitik, S. Mansholt, in diesem Netzwerk für die Polderplanung tätig war. Wer mag, kann daraus auch noch schließen, dass die Butterberge und Milchseen auf eine verfehlte Politik von Eliten zurückzuführen sind, die eine marktwirtschaftliche Prinzipien außer Kraft setzende Autarkiepolitik betrieben und nach 1945 auch nicht mehr anders denken konnten, als in diesen Kategorien. Derks ist jedenfalls der Meinung, und das sei hier am Schluss noch vermerkt, dass die Steuerzahler in Europa noch bis in die 1980er-Jahre für diese Politik berappen mussten (Derks, S. 178, 180, 195).
Mit der Einführung in die Westforschung des 20. Jahrhunderts liegt nunmehr ein Stoff neu aufbereitet vor, der die Grundlagenforschung anregen wird. Für jeden, der sich durch diese leider mit Polemik und mit überpointierenden Adjektiven gespickten Arbeit durchgebissen hat, werden sich neue Aspekte ergeben: Nämlich, dass sowohl die deutsche „Westforschung“ als auch die holländischen Historiker konzeptionell und personell offenbar noch heute in der Tradition der Westforschung stehen. Weder scheint das Problem der konzeptionellen Kontinuität im Bereich der Raumkonstruktion noch in der Themenauswahl gelöst zu sein. Auch eine zweite „Kollaboration“ durch holländische und belgische Sozialwissenschaftler, die Petri in der Nachkriegszeit einen Persilschein ausgestellt haben, dürfte das Forschungsinteresse am Thema erhöhen.
Warum aber nun Horst Lademacher durch seinen 1993 verfassten Nachruf auf Petri als Vollender der Kulturraumforschung und Weißwäscher von Petris Vergangenheit angeprangert wird, leuchtet nicht ein. Schließlich präsentiert Derks nun selbst zahlreiche Belege der grenzüberschreitenden Kooperation auch in der Säuberung der „braunen Leiber“. Hier scheint wohl leider die wissenschaftliche Erkenntnis dem persönlichen Disput geopfert worden zu sein.
[1] Ditt, Karl, Die Kulturraumforschung zwischen Wissenschaft und Politik. Das Beispiel Franz Petri (1903-1993), in: Westfälische Forschungen 46 (1996), S. 73-176; Schöttler, Peter, Die historische „Westforschung“ zwischen „Abwehrkampf“ und territorialer Offensive, in: Ders. (Hg.), Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft, Frankfurt am Main 1997, S. 204-263.
[2] Hierzu liegen zwei ausgezeichnete Studien von Paul Dostert und dem mittlerweile verstorbenen Emile Krier vor: Dostert, Paul, Luxemburg zwischen Selbstbehauptung und nationaler Selbstaufgabe. Die deutsche Besatzungspolitik und die volksdeutsche Bewegung 1940-1945, Diss. Freiburg, Luxemburg, 1985. Krier, Emile, Deutsche Kultur- und Volkstumspolitik von 1933-1940 in Luxemburg, Bonn 1978. HistLit 2002-085 / Michael Fahlbusch über Derks, Hans: Deutsche Westforschung. Ideologie und Praxis im 20. Jahrhundert. Leipzig 2001. In:
H-Soz-u-Kult 27.06.2002
Derks, Hans: Deutsche Westforschung. Ideologie und Praxis im 20. Jahrhundert. Leipzig: AVA-Akademische Verlagsanstalt 2001.
ISBN: 3-931982-23-8; 304 S. Rezensiert von: Karl Ditt, Landschaftsverband Westfalen-Lippe In den letzten Jahren lag ein Akzent der Forschung zur Wissenschaftshistoriografie im Dritten Reich darin, den Beitrag der Historiker, insbesondere der sog. Volksforscher, für die Konzipierung und Legitimierung der nationalsozialistischen Expansions- und Massenvernichtungspolitik herauszuarbeiten.
[1]
Hierbei rückten zahlreiche Wissenschaftler, Organisationen und Einrichtungen in das Blickfeld, die versucht hatten eine frühe deutsche Besiedlung und Kultur jenseits der zeitgenössischen deutschen Ostgrenze nachzuweisen. Denn ihre Arbeiten waren z. T. von Nationalsozialisten zur Begründung und Legitimierung für die Eroberung osteuropäischer Länder, die Umsiedlung, ja Ausrottung der einheimischen Bevölkerung und die Ansiedlung deutscher Siedler verwandt worden.
[2]
Die Resonanz auf diese Studien der 1980er und 1990er-Jahre war groß, eröffneten sie doch eine neue Perspektive durch die Feststellung wissenschaftlicher Vorarbeiten für die Überfälle auf andere Nationen, für Ausrottungs- und Umsiedlungsprozesse sowie für die Germanisierungspolitik insgesamt. Darüber hinaus wiesen sie auf die wissenschaftlich-politische Doppelrolle von Historikern hin, die in der Bundesrepublik eine wegweisende Rolle für die Entwicklung der Geschichtswissenschaft spielten und die z.T. auch hohe Auszeichnungen von einem demokratischen Staat erhielten
[3]
In der Tat erhielten manche den Stempel „Vordenker der Vernichtung“ (Götz Aly); zudem wurden die Ansätze der Volks- und Kulturraumforschung insgesamt unter den Verdacht der politischen Zuarbeit und Instrumentalisierung gestellt.
Seit kurzem sind nun auch diejenigen Historiker der 1920er und 1930er-Jahre, die den Westen jenseits der Grenzen des Deutschen Reiches erforscht haben, stärker in das Zentrum des Interesses gerückt.
[4]
Auch für sie stellt sich die Frage, inwieweit sie sich konzeptionell und praktisch an der nationalsozialistischen Expansionspolitik, d.h. dem Einfall in Westeuropa, beteiligten. Zu diesem Thema liegt jetzt das Buch des niederländischen Sozialwissenschaftlers Hans Derks vor. Die Sicht von außen, gekoppelt mit Kenntnissen der Wissenschaftssituation in den Niederlanden und Belgien, verspricht einen besonderen Erkenntnisgewinn. Zudem ist das Buch von Michael Fahlbusch, der zu den Historikern gerechnet werden kann, die den umfassendsten Überblick über die Volksforschung im Dritten Reich besitzen, in dem Internetdienst für Historiker ‚H-Soz-Kult’ euphorisch besprochen worden. Nichtsdestoweniger soll das Buch von Derks hier einmal kritisch betrachtet werden.
Derks kündigt seine Arbeit vorsichtig und bescheiden an: Er möchte „lediglich eine Einführung in die Problemgeschichte der Westforschung“, d.h. „die wissenschaftlichen Tätigkeiten der deutschen Besatzer in den besetzten Gebieten [hier: Niederlande, Belgien und Nordfrankreich] und ihre Geschichte“ (S. 9f.) geben. Unmittelbar darauf konfrontiert er jedoch den Leser mit einer starken These: Der Unterschied zwischen der West- und der Ostforschung „liegt in dem [...] merkwürdigen Faktum, daß die Westforschung nach dem Krieg unbeirrt fortgesetzt werden konnte, und zwar sowohl in Deutschland als auch in den Niederlanden und Belgien“ (S. 9f.). Vor allem sieht Derks eine anhaltende Kollaboration zwischen der holländischen Bürokratie und den niederländischen „Westforschern“ auf der einen Seite und den deutschen bzw. westdeutschen „Westforschern“ auf der anderen Seite. Zu denen, die diese Tradition auf der deutschen Seite fortführten, rechnet er u.a. die Mitarbeiter des Sonderforschungsbereichs (SFB) 235 „Zwischen Maas und Rhein“. Dieser SFB erscheint bei Derks gleichsam als monumentale Neuauflage der Westdeutschen Forschungsgemeinschaft aus der Zeit des Dritten Reiches.
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Auch Mitarbeiter der ehemaligen Protagonisten der „Westforschung“ dieser Zeit, Franz Steinbach und Franz Petri, aber auch von Edith Ennen würden „hervorragende Positionen“ darin einnehmen. Als weitere Belege für die Kontinuität der „Westforschung“ und der Kooperation führt Derks an, dass drei neue Deutschlandinstitute in Amsterdam, Utrecht und Nijmegen, die seit dem Jahre 1996 gegründet wurden, „mit dem typisch deutschen ’Grenzlandinstitut’ in Münster, dem Zentrum für Niederlande-Studien – ‚damals’ und heute einer der wichtigsten Orte der Westforschung - zusammenarbeiten müssen.“ (S. 19). Neben dem Nachweis entsprechender Kontinuitäten und Kooperationen verwundert es deshalb nicht, dass ein zweites Ziel von Derks darin besteht, die „Politik des inszenierten Schweigens“ (S. 19) zu brechen und die seit dem Ersten Weltkrieg bestehenden Pläne der Integration der Niederlande in Deutschland zu entlarven.
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Nach diesen einleitenden Paukenschlägen geht Derks in sechs Kapiteln auf „die Westforschung“ ein. In Kapitel 1 behandelt er die Anfänge der „Westforschung“ während der Weimarer Republik. Methodisch wegweisend benennt Derks aufgrund einer Häufigkeitsauszählung aus dem Register der Arbeit von Michael Fahlbusch
[7]
15 Wissenschaftler, die „wahrscheinlich die wichtigsten Positionen in den Forschungsgemeinschaften“ innehatten (S. 30) und behandelt dann – wenig strukturiert - einige Schriften und Aktivitäten einzelner „Westforscher“, so u.a. Hermann Aubin und Franz Steinbach, „die alle schon vor 1933 von nationalsozialistischem Geist beseelt waren“ (S. 42).
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Kapitel 2 unterzieht die in den 1920er-Jahren am ‚Institut für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande’ entwickelte Kulturraumforschung einer Kritik. Derks stellt den innovativen Charakter ihrer Interdisziplinarität in Frage, indem er auf Vorläufer in der Geografie und „den staatlichen Zwang zur Interdisziplinarität“ (S. 62) verweist. Darüber hinaus moniert er zu Recht die fehlende Verknüpfung der volkskundlichen, historischen und mundartlichen mit den geografischen Ergebnissen sowie die mangelnde Berücksichtigung agrargeschichtlicher und wirtschaftlicher Quellen. Man könne nur eine „temporäre Multidisziplinarität“ (S. 65) feststellen; es fehle eine Theorie der Kulturraumforschung; im Ergebnis seien „sehr fragwürdige Geschichtskonstruktionen“ entstanden (S. 62).
In Kapitel 3 behandelt Derks zunächst eine zu Beginn des Jahres 1940 gestartete Initiative des Germanisten, Volkskundlers und SS-Hauptsturmführers Otto Plaßmann, das von dem Zentrumspolitiker Georg Schreiber im Jahre 1927 gegründete ‚Deutsche Institut für Auslandskunde’ in Münster zu übernehmen, um es für die Zusammenarbeit zwischen dem Deutschen Reich und den Niederlanden auf den Gebieten der germanischen Brauchtumsforschung – Plaßmann war Leiter der Märchenforschung im SS-Ahnenerbe
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- und der volkskulturellen Erziehungsarbeit einzusetzen.
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Diese Zielsetzungen seien Bestandteile des sog. Holland-Planes gewesen, den Plaßmann mit dem ‚Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda’ vereinbart habe (S. 86). Obwohl Plaßmann, so Derks, sich schon bald anderen Aufgaben zuzuwenden hatte, scheint der „Holland-Plan“ offenbar weiter, jetzt als Plan der SS, gültig geblieben zu sein.
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Das weitere Schicksal des Instituts, das eine institutionelle Basis der „Westforschung“ der SS werden sollte, bleibt unbehandelt.
Das zweite Zentrum der „Westforschung“ habe seine personelle Basis in den etablierten Wissenschaftsorganisationen gehabt. Einem der Protagonisten, dem Historiker Franz Petri, sei zu Beginn des Zweiten Weltkrieges die Leitung der Kulturpolitik der Militärverwaltung in Belgien übertragen worden. Hier habe er vor allem durch Maßnahmen gegenüber den Universitäten eine Germanisierungspolitik verfolgt und durch eigene Schriften versucht die völkische Zusammengehörigkeit der belgischen, holländischen und deutschen Gebiete zu belegen. Derks erweckt darüber hinaus den Eindruck, dass Petri weniger als Angehöriger der Militärverwaltung agierte, vielmehr aufgrund seiner Vorgeschichte, Einstellung und Zielsetzungen zur SS gehörte, ihre Planungen legitimierte und sich letztlich auch auf sie stützen konnte (S. 103ff.). Die bisherige Forschung (Horst Lademacher und Karl Ditt) hätte dies verharmlost oder unterschlagen.
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Letztlich hätten sich die beiden Zentren der „Westforschung“, d.h. das „niederländische SS-„Ahnenerbe““ und die
„„belgische“ Wehrmachtsforschung“, nur durch die politischen Neuordnungsvorstellungen einer völkischen, großniederländischen Lösung bzw. einer germanischen kleinniederländischen/kleinbelgischen Lösung unter Integration in das Deutsche Reich unterschieden (S. 127).
Kapitel 4 über die Westforschung der niederländischen Wissenschaftler präsentiert dann den ersten Teil der Hauptthese über die Kollaboration zwischen den Nationalsozialisten und der niederländischen Elite. Derks sieht eine „Interessengemeinschaft zwischen der niederländischen und deutschen Staatselite“ (S. 149), d.h. er behauptet eine so weitgehende Unterstützung der deutschen Besatzung durch die niederländische Verwaltung, „daß von einer Zweiten Besatzung gesprochen werden kann“ (S. 130). Namentlich nennt er mehrere niederländische Wissenschaftler – u.a. den Historiker Pieter Geyl, den die Nationalsozialisten zeitweise in einem KZ inhaftiert hatten – , die mit deutschen Wissenschaftlern zusammengearbeitet hätten, sieht in der Realisierung der niederländischen Polder eine – ökonomisch letztlich nutzlose – Umsetzung der Christallerschen Theorie der zentralen Orte, d.h. ein Beispiel für die Kollaboration zwischen niederländischen und deutschen Planern
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, konstatiert generell ein erfolgreiches Bestreben, die deutsche mit der niederländischen und belgischen Raumplanung zu vernetzen, und verweist auf Übernahmen der deutschen anthropologischen und volkskundlichen Forschungsansätze durch niederländische Wissenschaftler. Diesen politisch-wissenschaftlichen Kollaborationen stellt er die distanzierte und kritische Haltung seines Lehrers, des Agrarhistorikers Slicher van Bath, positiv gegenüber.
Vor allem aber weist Derks auf die Existenz eines „Holland“- und eines „Belgien-Nordfrankreich“-Plans hin, in denen er wiederum Bestandteile „des SS-Westprogramms“ erkennt. Dieses Westprogramm, über das „bis heute keine weiteren Daten zur Verfügung stehen“ (S. 199), betrachtet er offenbar als das westliche Pendant zum Generalplan Ost. Jedenfalls hätten seit Ende 1942/Anfang 1943 deutsche Wissenschaftler auf der Basis einer Strategie des für Belgien zuständigen Historikers Franz Petri und des für die Niederlande zuständigen Raumplaners Hermann Roloff Themen zu Wirtschaft, Bevölkerung und Kultur Dänemarks, der Niederlande und Belgiens bearbeiten sollen, um die beiden Einzelpläne auszufüllen. Aufgrund einer Interpretation dieser Themenstellungen zeichnet Derks ein Szenario, nach dem es zu einer Reagrarisierung Walloniens, Verlagerungen der wallonischen Industrie in die Niederlande und Umsiedlungen der Wallonen in den Osten kommen sollte.
Vor allem Petri, der bei Derks geradezu als abhängig (S. 108), Anhänger (S. 114), Propagandist und wissenschaftlicher Unterstützer (S. 117ff.) der SS erscheint, sei nicht nur ein Planer, sondern auch ein besonders wichtiger Gutachter für die Frage gewesen, inwieweit die Wallonen der nordischen Rasse zugehörig seien – einer Frage, die, wie Derks unter Verweis auf die „Ostforschung“ erklärt, entscheidend dafür sein konnte, ob die Wallonen in das Generalgouvernement umgesiedelt und damit eventuell auch ermordet werden sollten. Er scheint sich Derks zufolge, der sich dabei auf zwei seiner Artikel in der SS-Ahnenerbe Zeitschrift „Westland“ stützt, „definitiv gegen die Wallonen entschieden“ zu haben (S. 115ff., 202f.). Derks spekuliert deshalb auch darüber, ob Petri mehr „Vordenker“ oder „Vollstrecker“ gewesen sei (S. 117, 202).
Kapitel 5 bringt die Fortsetzung seiner Hauptthese, die These der Kontinuität der „Westforschung“ und der Kollaboration von „1945 bis heute“ (S. 206). Ausgehend davon, dass „[h]ier [...] der Einfachheit halber angenommen [wird], daß das ganze NS-Ostforschungspotential innerhalb der BRD zur Unterstützung der tendenziell nicht geänderten Westforschung angewendet wurde“ (S. 206), weist Derks zunächst auf die 1949 erfolgte Gründung der ‚Arbeitsgemeinschaft für westdeutsche Landes- und Volksforschung’ hin. Die Zielsetzung dieser Arbeitsgemeinschaft, für die Franz Petri als Geschäftsführer tätig war, sei erneut die Forschung diesseits und jenseits der westlichen Grenzen der BRD gewesen. Petri, mittlerweile Direktor im Provinzialinstitut für westfälische Landes- und Volkskunde, habe denjenigen niederländischen Wissenschaftlern Publikationsmöglichkeiten eröffnet, die sich schon an der Diskussion über die Polderkolonisation während des Zweiten Weltkriegs beteiligt hätten. Außerdem habe er sich zusammen mit Steinbach durch Tagungseinladungen und Publikationsangebote um die Wiederaufnahme der Kontakte zu den niederländischen Kollegen aus der Zeit des Dritten Reiches bemüht und zahlreiche von ihnen zur Zusammenarbeit und Wiederaufnahme der historischen Westforschung gewinnen können. Auf den Tagungen seien von den gleichen Protagonisten gleiche Themen, Ansätze und Argumente wie in der Zeit des Dritten Reiches diskutiert worden, so etwa die Frage nach dem Einfluss kultureller Phänomene aus dem deutschen in den niederländischen Raum. Dabei sei etwa Köln als Zentralort eines Kulturraumes behandelt worden, dessen Grenzen bis weit in die Niederlande und an die belgisch-französische Sprachgrenze gereicht hätten.
In Kapitel 6 fasst Derks einige seiner Thesen noch einmal zusammen: die in den Niederlanden erfolgte Entwicklung der Staatsbürokratie und ihrer wissenschaftlichen Gefolgschaft zu „zweiten Besatzern“; der bei der SS bestehende, von Roloff und Petri verfolgte Plan, Belgien und die Niederlande zu Teilen eines Großgermanischen Reiches zu machen; die Kooperation zwischen deutschen Westforschern sowie niederländischen und belgischen Wissenschaftlern während des Dritten Reiches und nach seinem Ende „bis heute“. Zu den Erfolgen des „Westforschungskombinats“ (S. 247) habe u.a. gehört, dass die Besetzung wichtiger geisteswissenschaftlicher Stellen an den Universitäten Utrecht und Nijmegen weitgehend gesteuert worden sei und dass die Kulturraumforschung fortgesetzt werden konnte; Protagonist für den deutsch-niederländischen Raum sei nach 1945 der Petri-Schüler Horst Lademacher, Gründer und langjähriger Leiter des ‚Zentrums für Niederlande-Studien’, gewesen. Schließlich könne auch die mehrbändige, von niederländischen Autoren vorgelegte „Algemene Geschiedenis der Nederlanden„ „als ein Triumph der deutschen Westforscher gelesen werden.“ (S. 255). Demgegenüber sei in den Niederlanden die wissenschaftliche Alternative, der Ansatz Slicher van Baths, nur begrenzt zum Zuge gekommen.
Das Buch von Derks zerfällt nicht nur beim Umblättern sofort in seine Teile, auch die Argumentation ist wenig haltbar. Derks zieht zwar Quellen aus dem Amsterdamer Weltkriegsarchiv heran, behandelt die Zusammenarbeit niederländischer, belgischer und deutscher Wissenschaftler und geht über die Zeit des Dritten Reiches hinaus, bemüht sich aber weniger um Erkenntnis als um Anklage. Diese bleibt in den Hauptpunkten oberflächlich und spekulativ, ist z.T. ehrenrührig und scheint eher von ausgeprägt subjektiven Erfahrungen und Präferenzen bestimmt zu sein. Vier Kritikpunkte seien erwähnt. Zum ersten geht Derks unzureichend auf die Eigenständigkeit, Prinzipien und Ursachen der Resonanz der Volks- und Kulturraumforschung ein. Sie bildete – gerade im Vergleich zur weiterhin dominierenden ideen- und politikorientierten Geschichtsschreibung – mit ihren Grundbegriffen und Determinanten „Raum“ und „Volkstum“ und den daraus sich ergebenden, politische Grenzen und Epochen überschreitenden Arbeitsfeldern, der Erschließung neuer Quellen und Fragen, ihren kartografisch-statistischen und interdisziplinären Methoden sowie ihren – aus heutiger Sicht höchst spekulativen, z. T. auch falschen – Ergebnissen zweifellos eine wissenschaftliche Innovation. Diese Innovationskraft trug wesentlich zur Expansion der Landeskunde u. a. durch die Gründung zahlreicher neuer, primär außeruniversitärer Institutionen bei. Die Raum- und Volksorientierung machte diese Ansätze zudem auch angesichts der Reichsreformpläne während der Weimarer Republik innenpolitisch und angesichts der Revisionsbestrebungen des Versailler Vertrages außenpolitisch interessant und sicherte ihnen entsprechende finanzielle Förderung. Wissenschaftliche Innovationskraft und politische Verwendbarkeit zogen wiederum einen Teil des geisteswissenschaftlichen Nachwuchses innerhalb des Reiches, aber auch diejenigen Forscher des Auslandes an, denen die Grundgedanken des Ansatzes sprachlich zugänglich waren.
Neu und erkenntnisfördernd wäre es nun gewesen, wenn Derks die deutsche Volks- und Kulturraumforschung mit ihrem Interesse an der Erforschung germanischer Zeugnisse jenseits der zeitgenössischen politischen Grenzen als einzigartig hätte ermitteln bzw. ein etwaiges Wechselspiel von Reiz und Reaktion der wissenschaftlichen und wissenschaftspolitischen Ansätze Deutschlands bzw. Frankreichs, Belgiens oder der Niederlande hinsichtlich der Erforschung ihrer historischen Grenzen hätte feststellen können.
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Derks aber behandelt nicht einmal die Arbeiten des ‚Instituts für geschichtliche Landeskunde’, die drei Hauptwerke der Kulturraumforschung
[15]
oder die Ergebnisse der deutschen „Westforscher“ näher. Weiterführend hätte Derks dann sein können, wenn er die zeitgenössische nationale und internationale Rezeption dieser Arbeiten behandelt hätte, insbesondere inwieweit sie die in den Wissenschaften, etwa in Rezensionen oder Handbüchern, herrschende Meinung bestimmten.
[16]
Fortschrittlich hätte Derks schließlich auch dadurch sein können, dass er die Beurteilung der Ansätze und Ergebnisse der Raum- und Volksforschung durch die heutige Archäologie, Geschichte und Philologie einbezogen hätte.
[17]
Ohne die Berücksichtigung der zeitgenössischen und gegenwärtigen Kommentierungen und Einordnungen wird man die Konstruktionsversuche, Tendenzen und Spielräume der Interpretationen in den Arbeiten der Volks- und Kulturraumforscher nicht seriös einschätzen können. Derks macht es sich also in der Deskription und Analyse eines seiner Hauptgegenstände, nämlich dessen, was er Westforschung nennt, sehr einfach: Er stempelt ihre Vertreter und Ansätze ohne Einschränkung als politisiert ab und verschenkt damit einen wichtigen Bewertungsmaßstab für die Abwägung, was in ihren Arbeiten als wissenschaftlich und was als politisch motiviert gelten kann.
Zum Zweiten misslingt auch der Versuch von Derks, die organisatorischen und programmatischen Beziehungen zwischen Wissenschaft und Politik überzeugend nachzuzeichnen. Sicherlich bildete bereits die imperialistische Politik des Kaiserreichs und der verlorene Erste Weltkrieg mit seinen Gebietsabtretungen für manche Wissenschaftler ein wichtiges Motiv, sich der Erforschung der historischen Zusammenhänge diesseits und jenseits der deutschen Grenze zu widmen – wobei die Rückwendung auf die germanische Zeit als besonders ertragreich erschien –, und sicherlich wurden diese Interessen von den jeweiligen Staatsformen und insbesondere dem Dritten Reich mannigfach gefördert. D.h. Dispositionen und Interessen für eine Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Politik waren gegeben. Gerade das ‚Institut für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande’ nahm seit seiner Gründung eine wissenschaftlich-politische Doppelrolle ein. Entscheidend ist aber doch, jeweils detailliert zu analysieren, ob oder inwieweit politisch bestimmte Arbeitsaufträge ausgeführt wurden oder ob eine Autonomie der Themenwahl gegeben war, ob wissenschaftliche Ergebnisse zugunsten politischer Interessen verfälscht wurden und ob eine kritische Diskussion unterdrückt wurde. Derks vermeidet diese Mühe.
Das Gleiche gilt für die Behandlung der deutschen Wissenschaftspolitik in Belgien während des Zweiten Weltkrieges. Worin lagen die Interessen der Militärverwaltung, worin diejenigen der SS? Wo gab es Übereinstimmungen, wo Differenzen? Was war das Ergebnis? Die von Derks hervorgehobenen Kontakte zwischen Vertretern der Besatzungsverwaltungen und der SS in den besetzten Ländern während des Zweiten Weltkrieges, die Fahlbusch in seiner Rezension zu „funktionierenden Arbeitsbeziehungen“ stilisiert und als neu betrachtet, waren selbstverständlich und lassen zunächst einmal keine Rückschlüsse auf inhaltliche Ergebnisse zu. Die von Derks herangezogenen Westland-Artikel Petris, in denen er Petri eine Ausgrenzung der Wallonen aus der nordischen Rasse unterstellt, so dass er sie gleichsam zur Umsiedlung oder zum Abschuss freigegeben habe, sagen m. E. gerade das Gegenteil aus. In diesen Artikeln vertritt Petri vielmehr seine alte Position, dass auch die Wallonen über germanisch-fränkische Wurzeln verfügen würden, m.a.W. nicht ausgegrenzt werden dürften.
[18]
Mit Fehlinterpretationen, bloßen Hinweisen auf Treffen mit SS-Führern, geschweige denn rhetorischen Fragen und Vermutungen lässt sich jedenfalls aus Petri – bei all seiner bereits detailliert beschriebenen Einsatzbereitschaft zugunsten des Dritten Reiches
[19]
– kein Stratege und Legitimator der SS-Pläne machen.
[20]
Ein über den bisherigen Forschungsstand hinausgehender Nachweis von Vordenker- und Vollstreckerfunktionen deutscher Wissenschaftler im Westen, der es erlauben würde, die „Westforschung“ mit der „Ostforschung“ zu parallelisieren, bedürfte etwa des Nachweises eines Angebots oder einer Weisung, vor allem aber des Nachweises der Existenz eines Generalplans West, seiner Vorbereitung und seiner Umsetzung und nicht bloßer Vermutungen. Aus der Logik der Auffassungen von Kulturraumforschern wie Franz Steinbach und Franz Petri, die Nordwesteuropa in hohem Maße als fränkisch geprägt sahen, ließen sich im Westen zahlreiche politische Lösungen für etwaige politische Neuordnungen entwickeln; sie begegneten zudem den Völkern im Westen des Reiches mit einem ganz anderen Respekt als denen im Osten. Trotz aller Tendenzen zur Verwissenschaftlichung der Politik, die in Deutschland seit den 1920er-Jahren einsetzten, überschätzt Derks m.E. auch die Bedeutung der Wissenschaften für die nationalsozialistische Politik. Nicht nur war aus historischer Perspektive eine Vielzahl unterschiedlich weit reichender Raumkonstruktionen möglich, es wäre vielmehr auch erstaunlich gewesen, wenn sich gerade die Nationalsozialisten für ihre Expansionspolitik an „wissenschaftlich“ begründ- und begrenzbaren und nicht an militärisch-machtpolitischen Kriterien orientiert hätten.
Zum dritten bedarf die Betonung der Kollaboration zwischen Verwaltung und Wissenschaftlern in den Niederlanden mit der deutschen Besatzungsmacht, um überzeugend zu sein, mehr als des Hinweises auf einzelne Projekte und des Verweises darauf, dass in den Niederlanden deutlich mehr Juden als in Belgien umgebracht wurden: Hier wären bei den Vertretern der besetzten Länder in Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur und Politik Motive und Ziele zu rekonstruieren, Handlungsmöglichkeiten und -zwänge zu analysieren, die Frage zu berücksichtigen, ob sie den Besatzern Alternativen zu ihrer Politik soufflierten, und wenn möglich auch Vergleiche zu ziehen.
Zum vierten ist es geradezu abstrus, im Sinne von Derks eine Kontinuität der „Westforschung“ vom Kaiserreich „bis heute“ zu behaupten. Dieser versteht darunter offenbar jegliche Behandlung von germanischen oder deutschen Spuren jenseits der deutschen Westgrenzen oder der Beziehungen und Einflüsse Deutschlands auf die Länder im Westen und unterstellt ihr das Ziel, dass sie der Expansion Deutschlands dienen sollte und solle. Die damit vorgenommene Parallelisierung des Kaiserreichs, der Weimarer Republik und der Bundesrepublik mit dem Dritten Reich sowie die Parallelisierung der Zielsetzungen von Arbeiten nicht namentlich genannter belgischer und niederländischer Wissenschaftler, des SFB 235 und Horst Lademachers mit politischen Zielsetzungen der „Westforschung“ des Dritten Reiches disqualifizieren Derks als ernst zu nehmenden Historiker.
[21]
Die eigentlich spannende Frage nach den wissenschaftlich-politischen Anpassungsformen der Wissenschaftler im Wechsel der Systeme, insbesondere vom Dritten Reich zur Bundesrepublik Deutschland, die der Historiografieforschung zum Dritten Reich auch ein gewisses öffentliches Interesse gebracht hat, wird mit einer blanken Kontinuitätsthese und dem Beibringen undurchdachter Beispiele gleichsam niedergetrampelt.
Was bleibt, ist eine in hohem Maße personenzentrierte Anklageschrift, die bislang das radikalste Produkt einer jüngeren historiografischen Tendenz bildet. In dieser Anklageschrift gehen die wenigen neuen Fakten unter bzw. erregt ihre Interpretation und Bewertung aufgrund der offenkundigen Voreingenommenheit Misstrauen. Es stellt sich deshalb die Frage, warum die Herausgeber der Reihe ‚Geschichtswissenschaft und Geschichtskultur im 20. Jahrhundert’ dieses offensichtliche Pamphlet ohne Darlegung von Gründen akzeptiert haben.
Anmerkung der Redaktion: Der Text erscheint auch in der Westfälischen Forschungen 52 (2002).
[1] Vgl. Schönwälder, Karen, Historiker und Politik. Geschichtswissenschaft im Nationalsozialismus, Frankfurt am Main 1992; Wolff, Ursula, Litteris et Patriae. Das Janusgesicht der Historie, Stuttgart 1996; Schöttler, Peter (Hg.), Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft 1918-1945, Frankfurt am Main 1997; Schulze, Winfried; Oexle, Otto Gerhard (Hgg.), Deutsche Historiker im Nationalsozialismus, Frankfurt am Main 1999; Fahlbusch, Michael, Wissenschaft im Dienst der nationalsozialistischen Politik? Die „Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften“ von 1931-1945, Baden-Baden 1999.
[2] Vgl. z. B. Burleigh, Michael, Germany Turns Eastwards. A Study of Ostforschung in the Third Reich, Cambridge 1988; Rössler, Mechtild, „Wissenschaft und Lebensraum“. Geographische Ostforschung im Nationalsozialismus. Ein Beitrag zur Disziplingeschichte der Geographie, Berlin 1990; Haar, Ingo, Historiker im Nationalsozialismus. Deutsche Geschichtswissenschaft und der “Volkstumskampf” im Osten, Göttingen 2000.
[3] Der Aspekt der „braunen Wurzeln“ der bundesdeutschen Sozialgeschichte ist frühzeitig von Willi Oberkrome behandelt und gültig beantwortet worden: vgl. Oberkrome, Willi, Volksgeschichte. Methodische Innovation und völkische Ideologisierung in der deutschen Geschichtswissenschaft 1918-1945, Göttingen 1993; Ders., Historiker im „Dritten Reich“. Zum Stellenwert volkshistorischer Ansätze zwischen klassischer Politik und neuerer Sozialgeschichte, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 50 (1999), S. 74-98; Ders., Zur Kontinuität ethnozentrischer Geschichtswissenschaft nach 1945, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 49 (2001), S. 50-61; vgl. ferner Schulze, Winfried, Deutsche Geschichtswissenschaft nach 1945, München 1989; zuletzt Etzemüller, Thomas, Sozialgeschichte als politische Geschichte. Werner Conze und die Neuorientierung der westdeutschen Geschichtswissenschaft nach 1945, München 2001.
[4] Vgl. Schöttler, Peter, Die historische „Westforschung“ zwischen „Abwehrkampf“ und territorialer Offensive, in: Ders. (Hg.), Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft 1918-1945, Frankfurt am Main 1997, S. 204-261; Ders., Von der rheinischen Landesgeschichte zur nazistischen Volksgeschichte oder Die „unhörbare Stimme des Blutes“, in: Schulze, Winfried; Oexle, Otto Gerhard (Hgg.), Deutsche Historiker im Nationalsozialismus, Frankfurt am Main 1999, S. 89-113; Dietz, Burkhard, Die interdisziplinäre „Westforschung“ der Weimarer Republik und NS-Zeit als Gegenstand der Wissenschafts- und Zeitgeschichte. Überlegungen zu Forschungsstand und Forschungsperspektiven, in: Geschichte im Westen 14 (1999), S. 189-209.
[5] „Es handelt sich nicht nur um ein Projekt, das von 1987 bis 2003 im Kernraum der Westforscher von Mediävisten, Kunsthistorikern, Geographen, Landes- und Volkskundlern und Heimatforschern durchgeführt wird; es ist wahrscheinlich auch das größte humanwissenschaftliche Nachkriegsprojekt mit gegenwärtig 29 Teilprojekten, die zusammengenommen 200 Projektjahre dauern und – wenn ich richtig schätze – mindestens 1000 Wissenschaftler irgendwie und irgendwann in diesen Jahren mit Forschung, mit Tagungen oder Publikationen beschäftigt haben.“ Derks, S. 21.
[6] Im Übrigen habe auch ein parlamentarischer Fraktionsführer der niederländischen Sozialdemokratie „indirekt dazu aufgefordert [...], die Niederlande mit Deutschland zu verschmelzen, womit ein primäres Ziel der Westforschung erreicht sein würde.“ Derks, S. 20.
[7] Vgl. den Titel von Fahlbusch in Anmerkung 1.
[8] Für Steinbach stellt Derks auf der Basis eines Zitats aus dem Jahre 1926 fest, dass sich dieser „also früh und klar als prototypischer Nazi etabliert“ habe. Derks, S. 34.
[9] Zu Plaßmann vgl. Kater, Michael H., Das „Ahnenerbe“ der SS 1935-1945. Ein Beitrag zur Kulturpolitik des Dritten Reiches, München 2001, S. 46, 201f.; Lixfeld, Gisela, Das „Ahnernerbe“ Heinrich Himmlers und die ideologisch-politische Funktion seiner Volkskunde, in: Jacobeit, Wolfgang u.a. (Hgg.), Völkische Wissenschaft. Gestalten und Tendenzen der deutschen und österreichischen Volkskunde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Wien 1994, S. 217-255, 219ff; Lerchenmüller, Joachim; Simon, Gerd, Maskenwechsel. Wie der SS-Hauptsturmführer Schneider zum BRD-Hochschulrektor Schwerte wurde und andere Geschichten über die Wendigkeit deutscher Wissenschaft im 20. Jahrhundert. Mit zahlreichen Dokumenten und einem bisher ungedruckten Text von Hans Schwerte aus neuester Zeit, Tübingen 1999, S. 61ff.
[10] Derks, S. 87, rechnet dieses Institut im Übrigen zur Vorgeschichte des im Jahre 1989 gegründeten ‚Zentrums für Niederlande Studien.’
[11] „Die allgemeine Strategie im „Hollandplan“ in bezug auf die Forschung in wissenschaftlichen Institutionen war: allmähliche Konzentration auf einige wenige universitäre Institutionen, beschleunigte Germanisierung, völlige Dekonfessionalisierung und wachsender Einfluß der SS.“ Derks, S. 92. Nach den bei Lerchenmüller/Simon, S. 177f., abgedruckten Passagen bestand Plassmanns Holland-Plan primär in der Beobachtung und Beeinflussung der holländischen Presse in nationalsozialistischem Sinne.
[12] Vgl. Lademacher, Horst, Franz Petri zur Vollendung des 85. Lebensjahres, in: Westfälische Forschungen 38 (1988), S. 303-308; Ders., Franz Petri zum Gedächtnis *22.2.1903 +8.3.1993, in: Rheinische Vierteljahrsblätter 57 (1993), S. VII-XIX; Ditt, Karl, Die Kulturraumforschung zwischen Wissenschaft und Politik. Das Beispiel Franz Petri (1903-1993), in: Westfälische Forschungen 46 (1996), S. 73-176. Dem Unterschlagungsvorwurf schließt sich Fahlbusch mit besonderem Vorwurf gegen Ditt an („Auslassungssünden“), nimmt dafür Horst Lademacher gegenüber den Attacken von Derks in Schutz.
[13] Hinzu komme, dass die Anlegung der Polder aufgrund der schweren Arbeitsbedingungen der niederländischen Verwaltung die Gelegenheit teils zur rassischen Selektion, teils zur Ausbeutung der Arbeitskraft gegeben habe. Derks, S. 185f.
[14] Dazu hätte z. B. gehört, die Schriften, insbesondere das mehrbändige Werk von Henri Pirenne, Histoire de Belgique, Bruxelles 1922ff., in denen er die Vorgeschichte Belgiens bis in das Mittelalter hinein behandelt, in ihrer Wirkung auf die deutsche Historiografie zu thematisieren. Vgl. auch Schöttler, „Westforschung“, S. 225ff.
[15] Vgl. Aubin, Hermann; Frings, Theodor; Müller, Josef, Kulturströmungen und Kulturprovinzen in den Rheinlanden. Geschichte. Sprache. Volkskunde, Bonn 1926, ND Darmstadt 1966; Ebert, Wolfgang; Frings, Theodor; Gleißner, Käte; Kötzschke, Rudolf; Streitberg, Gerhard, Kulturräume und Kulturströmungen im mitteldeutschen Osten, Halle 1936; Aubin, Hermann u.a. (Hgg.), Der Raum Westfalen, 6 Bände in 13 Teilbänden, Berlin 1931-1996.
[16] Vgl. Ditt, S. 90ff.
[17] Vgl. z. B. Haubrichs, Wolfgang, Germania Submersa. Zu Fragen der Quantität und Dauer germanischer Siedlungsinseln im romanischen Lothringen und in Südbelgien, in: Burger, Harald; Maas, Alois; von Matt, Peter (Hgg.), Verborum Amor. Studien zur Geschichte und Kunst der deutschen Sprache. Festschrift für Stefan Sonderegger zum 65. Geburtstag, Berlin 1992, S. 633-666; Ders., Über die allmähliche Verfestigung von Sprachgrenzen. Das Beispiel der Kontaktzonen von Germania und Romania, in: Ders., Schneider, Reinhard (Hgg.), Grenzen und Grenzregionen. Frontières et régions frontières, Borders and Border Regions, Saarbrücken 1994, S. 99-129; Brühl, Carlrichard, Deutschland-Frankreich. Die Geburt zweier Völker, Köln 1990, S. 182ff.; vgl. ferner das im Erscheinen begriffene Werk Dietz, Burkhard; Gabel, Helmut; Mölich, Georg (Hgg.), Griff nach dem Westen. Die „Westforschung“ der völkisch-nationalen Wissenschaften zum nordwesteuropäischen Raum (1919-1960), 2 Bände, Münster 2002.
[18] Nach der Referierung seiner eigenen Ergebnisse zu den germanischen Spuren in Nordfrankreich und Wallonien fasst Petri zusammen: „Auch die von der modernen Rassenforschung ermittelte Tatsache, daß Wallonien und das angrenzende Nordfrankreich heute eine vorwiegend nordische Rassenstruktur besitzen, passt zu der neuen [Steinbachs und Petris] Auffassung. Nach ihr ist die Wallonie weniger eine romanische Grenzmark als vielmehr ein ausgesprochenes germanisch-romanisches Grenzland, dessen Bevölkerung neben ihren alten vorgeschichtlichen und kelto-romanischen Grundlagen, die keineswegs geleugnet oder verkleinert werden sollten, auch eine wichtige germanische Komponente aufweist.“ Franz Petri, Um die Herkunft der Wallonen, in: Westland, Folge 1 (1943), S. 61, auch abgedruckt bei Derks, S. 268. Vgl. ferner ebd.: „Dass jedoch die wallonische und nordfranzösische Bevölkerung eine viel bedeutendere germanische Komponente besitzen, als bisher angenommen wurde, wird man heute schon als gesichertes volkswissenschaftliches Ergebnis betrachten dürfen. Es findet seine Bestätigung durch die rassenbiologischen Aufnahmen, die zur Zeit auf Anregung des Reichsführers-SS in Wallonien durchgeführt werden.“ Derks, S. 268f. Vgl. generell Ditt, S. 116f.; Schöttler „Westforschung“, S. 218ff.
[19] Die Aussage von Derks, dass der Rezensent Petri „zum Unschuldslamm und beinahe zum Naziopfer“ (S. 115) hochstilisiert habe, ist abstrus und deutet, wie auch das von Derks ebd. z.T. als Beleg herangezogene Zitat, auf Verständnisschwierigkeiten der deutschen Sprache hin.
[20] Petri hatte im Jahre 1937 eine von dem Hamburger Unternehmer gebotene Möglichkeit ausgeschlagen, eine volkspolitische Schulungs- und Lehrstätte sowie ein Institut für Grenz- und Auslandsdeutschtum aufzubauen, die ihn in einen engen Kontakt zu der SS-geführten Volksdeutschen Mittelstelle gebracht hätte. Vgl. Ditt, S. 94; Fahlbusch, S. 60f. Laut seiner Personalakte im Bundesarchiv Berlin-Zehlendorf war Petri seit 1937 Mitglied der NSDAP, nicht aber der SS. Nach seinen Forschungsergebnissen zum Frühmittelalter konnte Petri Nordfrankreich, die Niederlande und Belgien als weitgehend germanisch reklamieren. Damit war im Sinne völkisch-nationalsozialistischer Vertreter eine historische Legitimierung für eine informelle oder formelle „Rückkehr“ dieses Raumes in das Deutsche Reich möglich. Über die künftige politische Beherrschung und Gliederung dieses Raumes bzw. seiner Teilräume – Vasallenstaat, Reichsgaue etc. – gab es kein Einvernehmen; eine öffentliche Diskussion der politischen Neuordnung im Westen hatte Hitler verboten. Petris Vorstellungen dazu sind keineswegs nur auf den Nenner Großniederlande zu bringen (S. 96ff.), vielmehr war er hierin flexibel.
[21] Umgekehrt gesehen verharmlost die Behauptung der Kontinuität einer „Westforschung“ vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik einen Teil der entsprechenden Volks- und Kulturraumarbeiten sowie der Wissenschaftspolitik während des Dritten Reiches. HistLit / Karl Ditt über Derks, Hans: Deutsche Westforschung. Ideologie und Praxis im 20. Jahrhundert. Leipzig 2001. In:
H-Soz-u-Kult 03.12.2002
Hausmann, Frank-Rutger: "Auch im Krieg schweigen die Musen nicht". Die Deutschen Wissenschaftlichen Institute im Zweiten Weltkrieg. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2001.
ISBN: 3-525-35357-X; 400 S. Rezensiert von: Matthias Middell, Zentrum für höhere Studien, Universität Leipzig Frank-Rutger Hausmann hat in den vergangenen Jahren außerordentlich verdienstvolle und umfangreiche Untersuchungen zur Geschichte der Romanistik im Dritten Reich und zum Kriegseinsatz der Geisteswissenschaften vorgelegt, die einerseits das Bild vom Absentismus der Humanwissenschaften gegenüber den Zumutungen der NS-Diktatur, wie es für lange Zeit in der Bundesrepublik aufrechterhalten wurde, derart erschüttert haben, dass heute niemand mehr an den alten Exkulpationsstrategien seiner akademischen Lehrer festzuhalten wagt. Andererseits schiebt die unaufgeregte und die verfügbaren Quellen tatsächlich umsichtig auswertende Art des Verfassers polemischen Zuspitzungen einen Riegel vor, in denen alle Katzen grau werden und die Haupttäter ebenso wie die willigen Mitläufer und gedankenlosen Opportunisten in gleicher Weise zu Vordenkern und Antreibern der Vernichtung werden.
Im Laufe seiner akribischen Suche in zahllosen Archiven ist Hausmann immer wieder auf die Beziehungen der in Deutschland tätigen Philologen und Historiker zu den 16 Auslandsinstituten gestoßen und hat einen Teil des Materials, das in diesem Band kohärent vorgeführt wird, auch bereits ausgewertet.
Nun gibt ihm die Veröffentlichungsreihe des Max-Planck-Instituts für Geschichte in Göttingen Gelegenheit, die Deutschen Wissenschaftlichen Institute in Bukarest, Paris, Sofia, Budapest, Belgrad, Kopenhagen, Madrid, Athen, Brüssel, Helsinki, Stockholm, Agram (Zagreb), Preßburg, Lissabon, Venedig und Tirana sowie die selbständigen Außenstellen in Barcelona, Porto, Fünfkirchen, Hermannstadt, Marseille, Odessa und Sarajevo mit ihren fast 300 Mitarbeitern Revue passieren zu lassen.
Inspiriert von den Erfolgen der französischen auswärtigen Kulturpolitik schwebten dem Auswärtigen Amt und dem Reichsministerium für Erziehung, Wissenschaft und Volksbildung positive Wirkungen in den befreundeten, verbündeten oder besetzten Ländern vor, die durch eine rege Vortrags-, Ausstellungs- und Konzerttätigkeit, den Austausch von Professoren und Studierenden sowie Sprachenlektorate erreicht werden sollten. Dazu wurden renommierte Gelehrte an die Spitze der Institute gesetzt, die sich allzu plumper Agitation enthielten, aber auch den Rahmen einer "von jüdisch-westlichem Geist ‚befreiten' Wissenschaft auf völkisch-rassischer Grundlage" nicht verließen, wie Hausmann betont, und die Institute dienten "der Exploration der Nachbarländer, um deren Gleichschaltung vorzubereiten; sie widmeten sich der Raumforschung mit dem Ziel der Umvolkung und der Ausbeutung; sie warben für die Kollaboration, um fremde Eliten an Deutschland zu binden" (S. 9).
Die Kapitel, die den Instituten gewidmet sind, präsentieren Informationen zum Personal, zu den Zweigstellen und Lektoraten, zur Gründungsgeschichte und den deklarierten Arbeitszielen, zur Einbettung in die Geschichte des Gastgeberlandes und der deutschen Strategie gegenüber diesem Land, zu den Veranstaltungen und Gästen, zur Wirkung und zum schließlich unvermeidlichen Zusammenbruch infolge des Kriegsverlaufes. Angesichts des beeindruckenden Umfangs der ermittelten Zusammenhänge bleiben wenige Wünsche offen. Hausmann hat vielmehr die Grundlage dafür geschaffen, dass künftig in einer grenzüberschreitenden Kooperation die Verbindungen zur jeweiligen Wissenschaftsszenerie in den betroffenen Ländern genauer herausgearbeitet werden können, wie das jüngst Hans Derks für die deutsche Westforschung, die Niederlande und Belgien anregend vorgeführt hat. Nachdem die deutsche Wissenschaftsgeschichte ihre Hausaufgaben umfassend in Angriff genommen hat und sich tatsächlich kritisch der Rolle deutscher Humanwissenschaftler im Krieg und nach 1945 zugewandt hat, sind die Voraussetzungen für einen vergleichenden und beziehungsgeschichtlichen Blick günstiger und komparatistische Fragen können nicht mehr als Entlastungsstrategie (miss-)verstanden werden. Frank-Rutger Hausmanns Beitrag dazu, dass dieser Punkt inzwischen als erreicht gelten darf, ist nicht zu überschätzen. Mit dem vorliegenden Band scheinen die Erkenntnisse seiner beeindruckenden Arbeitsleistung auch von den Rändern der etablierten Romanistik ins Zentrum der Geschichtswissenschaft diffundiert zu sein.
Doch die Bedeutung von Hausmanns Untersuchung geht über die Rekonstruktion einzelner Institutsgeschichten weit hinaus. Studien zu einzelnen Instituten (für Paris von Michels, für Kopenhagen von Jakubowski-Tiessen, für Lissabon von Seruya und für Brüssel von Jäger) lagen bereits vor. Hausmann erlaubt mit seiner systematischen Darstellung Vergleiche und betont den Netzwerkcharakter der Deutschen Wissenschaftlichen Institute, deren Leiter regelmäßig zu Tagungen und Strategiebesprechungen zusammenkamen. Leider wird der Gedanke allerdings nur in einer Dimension, der Indienststellung von Wissenschaft durch Kollektivierung für ein verbrecherisches Regime, verfolgt, nicht aber in seinen allgemeineren wissenschaftshistorischen Aspekten. Denn die Rückkehr zur Forschung "in Einsamkeit und Freiheit" wurde zwar nach dem Zweiten Weltkrieg versucht und vorzugsweise in Westdeutschland zum Ideal der Reorganisation des Wissenschaftssystems, aber im Laufe der zweiten Hälfte des 20. Jh. wurde immer offensichtlicher, dass eine Entgegensetzung des arbeitsteiligen Laborbetriebs in den Naturwissenschaften und der Individualforschung in den Humanwissenschaften nicht mehr den Notwendigkeiten internationaler Wettbewerbsfähigkeit entsprach - der Bruch der späten dreißiger und frühen vierziger Jahre war grundlegender und nicht an die Verbindung mit den Nationalsozialismus gebunden. So verdienten nicht nur die Deutschen Wissenschaftlichen Institute, sondern auch die zahlreichen anderen multidisziplinären Verbünde etwa zur Ost- oder zur Westforschung, die in dieser Zeit entstanden, eine Betrachtung, die die Ambivalenz unterstreicht, einerseits wissenschaftsorganisatorisch mit den französischen und amerikanischen Konkurrenten mithalten zu wollen und andererseits dafür den Pakt mit den politischen Zielen der Nazis einzugehen und eine paradigmatische Grundlage in der Kulturraumforschung zu wählen, die besonders anfällig für Mystifizierungen und Instrumentalisierungen war. HistLit 2003-1-030 / Matthias Middell über Hausmann, Frank-Rutger: "Auch im Krieg schweigen die Musen nicht". Die Deutschen Wissenschaftlichen Institute im Zweiten Weltkrieg. Göttingen 2001. In:
H-Soz-u-Kult 20.01.2003
Sammelrez: Berney und Heimpel
Matthiesen, Michael: Verlorene Identität. Der Historiker Arnold Berney und seine Freiburger Kollegen 1923-1938. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1998.
ISBN: 3-525-36233-1; 131 S. Schulin, Ernst: Hermann Heimpel und die deutsche Nationalgeschichtsschreibung.Heidelberg: Universitätsverlag Winter Heidelberg 1998.
ISBN: 3-8253-0765-4; 121 S. Heimpel, Hermann: Aspekte. Alte und neue Texte. Göttingen: Wallstein Verlag 1995.
ISBN: 3-89244-095-6; 464 S., Geb. Duchhardt, Heinz: Arnold Berney (1897-1943). Das Schicksal eines jüdischen Historikers. Köln: Böhlau Verlag/Köln 1993.
ISBN: 3-412-13492-9; IX, 136 S. Rezensiert von: Klaus-Peter Sommer, Institut für Wissenschaftsgeschichte der Georg-August Universität, Arnold Berney und Hermann Heimpel - zwei Freunde und ihr Verhältnis zum Nationalsozialismus Neuere Literatur und Archivalien
Der 42. Deutsche Historikertag im September vorigen Jahres in Frankfurt am Main entfachte die Diskussion über das Verhalten deutscher Historiker in der NS-Zeit neu. Die weitaus größte Aufmerksamkeit des Publikums wie der Presse zog die Sektion „Deutsche Historiker im Nationalsozialismus“ auf sich, die O. G. Oexle und Winfried Schulze am 10.9.1998 leiteten. Auf ihr trugen Peter Schöttler, Pierre Racine, Götz Aly, Michael Fahlbusch und Manfred Beer vor. Jürgen Kocka kommentierte die Vorträge. Die Diskussion, an der sich Arnold Esch, Konrad Jarausch, Hans und Wolfgang J. Mommsen, H.-U. Wehler, Wolfgang Schieder, Ulrich Herbert und einige andere beteiligten, berührte - so hochemotionalisiert wie sie war - mitunter peinlich, wirkte auf viele aber auch befreiend. Die Vorträge von Fahlbusch, Beer und Kocka liegen inzwischen publiziert vor.
[1]
Die weiteren Vorträge, die Diskussionsbeiträge und einige andere Aufsätze zum Thema werden in einem Band erscheinen, den die Leiter der Sektion vorbereiten. Hans-Ulrich Wehler hat sich kürzlich über Theodor Schieder und Werner Conze geäußert (seinen Berliner Vortrag druckte die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 4.1.1999). Darauf antworteten mindestens sieben Leserbriefe vom 13., 23. und 30.1., einer sogar von Wolfgang J. Mommsen (23.1.). Götz Aly entgegnete Wehler in einem ausführlichen Artikel am selben Ort (am 3.2.1999), dem wieder Leserbriefe - einer unter dem Titel „Mit marxistischer Klitterung gegen Theodor Schieder“ regelrecht in der Art eines Dossiers über Aly - am 8.2. und 15.2. antworteten. Winfried Schulze resümierte in seinem „Editorial“ zum eben erschienenen Heft 2 der GWU die Debatte seit dem Historikertag bis zu Wehlers Vortrag unter dem Titel „Vergangenheit und Gegenwart der Historiker“.
[2]
Bei der Debatte über die Rolle der Historiker im 3. Reich standen bisher Otto Brunner, Conze, Schieder, K. D. Erdmann, Theodor Mayer und Hermann Aubin im Vordergrund. Nicht ohne Grund nannte die FAZ in ihrem Vorspann zum Abdruck der Rede Wehlers aber auch Hermann Heimpel. Denn Johannes Fried, der Vorsitzende des Verbandes der Historiker Deutschlands, ging in seiner „Eröffnungsrede zum 42. Deutschen Historikertag am 8. September 1998 in Frankfurt am Main“ nicht nur auf diese Debatte ein, sondern zitierte auch einige, wie er es nannte, „gewöhnliche 'Mitläufer'„ und einen von ihnen mit folgender Passage: „Am 12. November 1933 wählten in geheimem Wahlverfahren alle Deutschen - denn den Rest zählt die Geschichte nicht mehr - Adolf Hitler zu ihrem Führer zur Freiheit, zu einem neuen Deutschland, zu einem neuen Abendland. Wir [...] beugen uns heute vor dem Führer, vor dem Todesmut, vor der Kraft des Verzichts auf rasches Glück, vor dem Ahnungsvermögen seiner Gefolgen [!]. Die Zehn, die Hunderte und dann die Tausende haben den unsteten Kampf um die Strasse und um die Massen gekämpft, haben Klassen und Parteien zerschlagen und das Volk geeinigt in begründeter Hoffnung und klarem Willen“.
[3]
Neben Percy Ernst Schramm und Johannes Haller hatte Fried mit diesen Worten Heimpel zitiert. Er sagte dazu: „Das den Terror verherrlichende Pathos Hermann Heimpels dröhnte seinen Studenten zu Beginn des Wintersemesters 1933/34 in den Ohren, sah sich privat gedruckt und an Freunde verschenkt, als Heimpel die Professur seines entlassenen Lehrers Siegmund Hellmann übernahm.“
[4]
Sie entstammen zwei „Vorreden“, die Heimpel zu Beginn des Sommer- und Wintersemesters 1933 bzw. 1933/34 hielt. Dieser bisher unbekannten Publikation Heimpels war Michael Matthiesen durch die Korrespondenz zwischen Heimpel und Gerhard Ritter, in der sie erwähnt wird, auf die Spur gekommen. Ihre Entdeckung blieb aber nicht unbekannt, so dass Matthiesen nur mit Mühen seine Priorität in ihrer Verwendung wahren konnte. Wenige Wochen nach seinem Büchlein über Berney ging auch Schulin in seiner hier ebenfalls zu besprechenden Publikation über Heimpels „Deutsche Geschichte“ auf sie ein.
In Bezug auf Hermann Heimpel hatte aber auch schon Schöttler auf dem Historikertag 1994 in Leipzig Aufklärung angemahnt: „Heimpels Biographie und sein Verhalten im Dritten Reich bedürfen dringend einer kritischen Aufarbeitung. Die kurze Skizze von Hartmut Boockmann: Der Historiker Hermann Heimpel, Göttingen 1990, ist leider apologetisch. Jede Kritik an Heimpels Verhalten und Schreiben unterm NS wird als 'postumer Antifaschismus' denunziert (S. 16; vgl. auch S. 53), während die völkischen und antifranzösischen Ressentiments des Historikers als zeitbedingte Wahrnehmung verharmlost werden.“
[5]
Auf dem vorjährigen Historikertag warf Pierre Racine an Hand des Briefwechsels zwischen dem „Gründungsdekan“ Ernst Anrich und Heimpel manches Licht auf die Zeit von 1941 bis 1944, in der Heimpel neben Anrich, Günther Franz, den Juristen Ernst Rudolf Huber und Friedrich Schaffstein - beide wie Heimpel zuvor in Leipzig und später auch wieder in Göttingen -, dem Kunsthistoriker Hubert Schrade, dem Germanisten Gerhard Fricke - der in Göttingen die 'Brandrede' während der Bücherverbrennung am 10.5.1933 hielt -, dem Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker und anderen - der Ruf des Siedlungs-Historikers Franz Petri wie auch der des Germanisten, Volkskundlers und Münchener Professors Otto Höfler zerschlug sich - Professor an der wiedereröffneten „Reichsuniversität“ Straßburg gewesen war.
[6]
Neben den Büchern von Matthiesen und Schulin wirft weiteres Licht auf Heimpel die Edition von Krüger von 1995. Sie enthält auch Texte aus seinem Nachlas und ist als Quellenedition unerlässlich. Deswegen soll sie hier nicht nur herangezogen, sondern auch vorgestellt werden. Die Studie von Matthiesen erwähnt Heimpel nicht im Titel. Doch bei den „Freiburger Kollegen“ des Untertitels handelt es sich insbesondere um Heimpel und Gerhard Ritter. Und da Berney und Heimpel eine Art Castor-und-Pollux-Paar bildeten, spielt Heimpel hier eine besonders prominente Rolle. Da das Buch Matthiesens aber ohne Kenntnis des Buches von Duchhardt nicht ganz einfach zu verstehen und dieses noch lieferbar ist, soll es hier ebenfalls einbezogen sein.
Das, was man diesen Publikationen - z.T. über den Umweg Berney - über Heimpels Verhältnis zum Nationalsozialismus entnehmen kann, ist die eine Seite dieses Besprechungsaufsatzes. Die andere Seite soll das sein, was man seiner seit dem 23.12.1998, Heimpels 10. Todestag, zugänglichen Personal- und Entnazifizierungsakte entnehmen kann. Begonnen werden soll mit der Vorstellung Berneys. Dann wird es um die Beziehung der Freunde Heimpel und Berney zum Nationalsozialismus gehen. Im nächsten Abschnitt steht die Konfrontation der archivalischen Funde mit den von Schulin, Matthiesen und Fried benutzten „Vorreden“ Heimpels von 1933 im Vordergrund. Im letzten Abschnitt werden dann die Bücher von Schulin, Matthiesen und Krüger resümierend besprochen.
1. ARNOLD BERNEY
Arnold Berney wurde 1897 in Mainz als Sohn eines jüdischen Weinhändlers geboren. Er wurde nicht getauft und ließ sich nicht taufen. Das Judentum war ihm wichtig, aber er fühlte sich vorrangig als Deutscher. Er nahm am 1. Weltkrieg teil und beteiligte sich 1918 in Mainz kurz an der Gründung eines „Rats geistiger Arbeiter“. Zweifel an der „Gesinnungsreinheit“ der Initiatoren ließen ihn sein Engagement einstellen. Seinem Vater zu Liebe studierte er Jura. Er schloss dieses Studium Ende 1920 in Heidelberg mit einer Promotion ab, die stark historisch bzw. wirtschaftsgeschichtlich ausgerichtet war. Gleichzeitig war sie ein politisches Manifest. Er plädierte darin für einen „Staatssozialismus“, der die „Anerkennung des rechtmäßig erworbenen Privateigentums“ umfasse, ja das Kleingewerbe vor der „dahinrasenden großgewerblichen Entwicklung“ schütze (Duchhardt S. 16f.).
Danach ging Berney endgültig zu einem seinen Neigungen entsprechenden Zweit-Studium der Geschichte über. Noch in Heidelberg lernte er die Mitglieder des George-Kreises Friedrich Gundolf und Ernst Kantorowicz kennen. Nachhaltigen intellektuellen Einfluss übte auf ihn die „geistige Bewegung“ dieses Kreises aus. Er scheint aber nicht den persönlichen Kontakt zu ihm - wenn er ihn überhaupt gesucht hat - gefunden zu haben. Denn Ende 1921 wechselte er zur zweiten badischen Universität, nach Freiburg. Anfang 1922 war auch Hermann Heimpel von München dorthin gewechselt. Als 1901 Geborener hatte er nicht mehr am 1. Weltkrieg teilgenommen. Während des Kapp-Putsches im März 1920 hatte Heimpel aber ganz fraglos gemeint, mit seiner „Zeitfreiwilligenbatterie Brenner gegen die Roten im Ruhrgebiet kämpfen“ zu müssen.
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Der Protestant Heimpel und der deutsche Jude Berney befreundeten sich, doch spielte der Ältere nach dem Empfinden des Jüngeren ein wenig zu rigide den „Erzieher“ (Heimpel S. 156f.). Ihrer beider große Musikalität glich aber manches aus: „Der vokal-instrumentale Zusammenklang mit ihm wog unangenehme Stunden auf“, wie sich Heimpel erinnerte (ebd. S. 160f.). Beide wurden 1924 in Freiburg promoviert und habilitierten sich auch dort 1927.
Den Neuzeitler Berney wie den Wirtschafts- und Konzilshistoriker Heimpel interessierte die Entstehung eines nationalen Bewusstseins und die Geschichte des Reichsgedankens - allerdings zu jeweils sehr verschiedenen Zeiten. Berney publizierte über Schlözer, über König Friedrich I. von Preußen und 1929 in der Historischen Zeitschrift seinen bekanntesten Aufsatz: „Reichstradition und Nationalstaatsgedanke (1789-1815)“. Heimpel verfolgte das Thema des ersten Auftretens spezifisch „deutschen“ Selbstverständnisses sein Leben lang über Dietrich von Niem (das westfälische Nieheim) von 1929, 1932, 1937, 1957f., Alexander von Roes 1936, 1949, 1957f., seinen „Entwurf einer Deutschen Geschichte“ von 1953 und etliche weitere Vorträge und Aufsätze bis hin zu seinem monumentalen Alterswerk über „Die Vener von Gemuend und Straßburg 1162-1447“ von 1982.
Für seine Habilitation hatte Berney selbstfinanzierte, langwierige Archivstudien in Wien, Paris und Berlin unternommen, während Heimpel bei Heinrich Finke, dessen beide Söhne im 1. Weltkrieg gefallen waren, als Mitarbeiter und „Sohn im Hause“ vier Jahre wohnte (Heimpel S. 198). 1925 kam als Ordinarius Gerhard Ritter nach Freiburg, der 1929 Rudolf Stadelmann nach Freiburg brachte. Seitdem hatte sich Heimpel „im Ertragen der Genialität des von Ritter geförderten und unablässig gerühmten Rudolf Stadelmann [...] mit Berney zu teilen“ (ebd. S. 160). Kurz nach Heimpels Habilitation war Below am 21.10.1927 gestorben. Sein Nachfolger, Erich Caspar, kam 1928 aus Königsberg nach Freiburg, folgte aber schon 1930 einem Ruf nach Berlin. Den Violinisten Heimpel, den Pianisten und Baß Berney, den Cellisten Caspar und den Flötisten Ritter verbanden gemeinsame musikalische Interessen (ebd. S. 160).
Während Berney in Deutschland unverheiratet blieb, heiratete Heimpel am 11.4.1928 Elisabeth Michel (1902-1972), „Tochter des verstorbenen Geheimen Justizrats und Vorstandsmitgliedes der I.G. Farbenindustrie“, wie Heimpel sie in seinem Lebenslauf von 1949 in seiner Personalakte (PA) nannte.
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Ritter gab dann nicht dem älteren Berney, sondern quasi als Hochzeitsgeschenk Heimpel die erste etatisierte Assistentenstelle am Seminar (zum 1.4.1928; Heimpel S. 160). Nach dem Fortgang Caspars erhielt Heimpel - also in Form einer durchaus ungewöhnlichen „Hausberufung“ - den Belowschen Lehrstuhl - während Berney nur auf Heimpels untergeordnete Assistentenstelle nachrücken konnte. Zu seiner Berufung bemerkte Heimpel selbst: „Daß ich so früh, mit neunundzwanzig Jahren, ein Ordinariat erlangte, [...] war dem Umstand zuzuschreiben, daß die für den angesehenen Lehrstuhl im Jahre 1931 zuständige mittlere Generation durch den ersten Krieg dieses Jahrhunderts dezimiert war.“
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Heimpels Frau hatte in Freiburg bei Martin Heidegger und dem Psychologen Jonas Cohn sowie dem Historiker Heinrich Finke, in Göttingen dann bei dem Psychologen Narziss Ach, bei den Historikern Karl Brandi und A. O. Meyer, den Philosophen Moritz Geiger, Georg Misch und Leonard Nelson sowie den Pädagogen Erich Weniger und Hermann Nohl studiert. Hier wurde sie von Misch und Nohl, der als 'Vater' der modernen Sozialpädagogik galt und in dem Ruf stand, Sozialdemokrat zu sein (Heimpel S. 200), Ende 1927 mit einer Arbeit des Titels „Die Aufklärung: Eine historisch-systematische Untersuchung“ promoviert.
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Elisabeth Heimpel-Michel schreibt in ihrer Dissertation über deren Entstehung und Absicht, sie sei „aus einem Seminarreferat bei Prof. Nohl entstanden“.
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Als ihr Ziel gibt sie an: „Eine Rettung der Aufklärung soll auch hier von der Wissenschaft der Pädagogik aus versucht werden.“ (ebd. S. 3). Gleich das erste Kapitel hieß: „Die Aufklärung als die Volksbewegung des Rationalismus.“ (ebd. S. 5) Laut Traudel Weber-Reich erforschte sie darin die „Aufklärung [...] als 'pädagogische Bewegung'.“
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Mit dieser Arbeit muss sie im Übrigen Berney nahe gestanden haben.
Sehr eindrucksvoll schildert Duchhardt, in welchem Wettlauf mit der Zeit - bei respektgebietender Loyalität seines Verlegers Oscar Siebeck - Berney 1933 den ersten Band seiner Biografie Friedrichs des Großen zu Ende schrieb, der bis 1756 reichte. Er erschien 1934 und sollte Berney „an die Seite der damaligen Großen seines Faches stellen“ (Duchhardt S. 65). Die Bemühungen Ritters und Heimpels, Berney zu befördern oder wenigstens trotz der nationalsozialistischen „Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ (Gesetz vom 7.4.1933) dem Seminar zu erhalten, waren dagegen kontraproduktiv. Denn erst auf einen erneuten Antrag Heimpels stellte das Ministerium klar, dass Berneys Vertrag nicht erst Ende 1934 auslaufe, sondern ihm schon längst gekündigt sei und ihm als „ehemaligen Frontkämpfer“ nur gewährt sei weiterzuleben. Das musste er aber auch, wollte er seine venia nicht verlieren. Er tat es „bis zum Ende“, in dem „Willen, für mein Deutschtum einzutreten“ (Matthiesen S. 62f.). Ende 1935 wurde ihm dann die venia entzogen.
Der württembergische Landeshistoriker Erwin Hölzle wollte eine Rezension, die Berney 1935 über ein Buch Hölzles von 1931 geschrieben hatte, nicht unerwidert lassen. Gleichzeitig fühlte er sich weiterhin verletzt von der scharfen Ablehnung seiner Habilitation in Freiburg 1929 durch Ritter. Heimpel hatte in diesem Zusammenhang ihm gegenüber sogar erklärt, dass „mir persönlich alle weiteren Habilitationen hier besonders im Interesse meines Freundes Berney nicht gerade erwünscht sind“ (ebd. S. 75). So erwiderte Hölzle 1935 nicht nur Berney, sondern spielte unzweideutig auf dessen jüdische Herkunft an (ebd. S. 75f.). Berney hatte nun den Glauben verloren, „daß die ohnehin nicht mit allzu viel Zivilcourage gesegnete deutsche Geschichtswissenschaft sich offen und ehrlich mit meiner Darstellung auseinandersetzt. Um so mehr wird sie benutzt und anonym verschlissen werden“ (ebd. S. 76 - allerdings scheint sie der Verlag noch heute in der Erstauflage zu vertreiben).
Matthiesen schließt sich dieser eigenen Deutung Berneys an und meint offenbar, dass erst durch diese Erwiderung Hölzles von 1935 in der Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte das Judentum Berneys publik geworden und nun auch für den Verlag an einen zweiten abschließenden Band von Berneys „Entwicklungsgeschichte eines Staatsmannes“ nicht mehr zu denken gewesen sei. Den Historikern in Freiburg und Heidelberg und wohl auch vielen darüber hinaus war aber sicherlich das Judentum Berneys bekannt. Paul Bernays, der Schüler des weltbekannten Mathematikers David Hilbert und dessen engster Mitarbeiter bei seinem - durch Kurt Gödels „Unvollständigkeitsbeweis“ gescheiterten - Projekt einer „Beweistheorie“ der Mathematik, hielt man in Göttingen sicherlich auch auf Grund seines Namens für einen Juden. Denn die Bernays waren eine berühmte Wissenschaftler-Familie. Ihr Name galt vielen und insbesondere darauf sensibilisierten Antisemiten als typisch jüdisch - und gewiss auch seine Variante „Berney“. Jacob Bernays war ein höchst angesehener Altphilologe und Direktor der Bibliothek in Bonn, sein - getaufter - Bruder Michael war Literaturwissenschaftler und Großordinarius in München. Daß in den Rezensionen von Berneys Friedrich dem Großen offenbar keine entsprechenden Andeutungen gemacht wurden, ist gewiss erstaunlich. Auch Duchhardt meint, die Besprechungen in den „völkischen“ Periodika wären nicht so positiv ausgefallen, wie sie dann ausfielen, wenn diesen „Rezensenten [...] bewußt gewesen wäre, daß der Verfasser [Berney] ein 'Nichtarier' war“ (S. 72). Dennoch erscheint es mir sehr unwahrscheinlich anzunehmen, mit einer rassistischen Anspielung in einer Erwiderung in der VSWG etwas über den engeren Kreis der sowieso informierten Historiker hinaus regelrecht publik machen und damit die Fortsetzung einer Arbeit verhindern zu können.
Duchhardt schildert dann Berneys Jahre als Dozent für Geschichte seit 1936 an der „Lehranstalt (Hochschule) für die Wissenschaft des Judentums“ in Berlin und - unmittelbar nach der „Kristallnacht“ - seine Emigration nach Palästina, wobei im Hamburger Hafen die Bibliothek und der Großteil der schriftlichen Unterlagen Berneys beschlagnahmt wurden (S. 96). In Jerusalem gründete er eine Familie. An der Hebräischen Universität war aber für Geschichte Richard Koebner der einflussreichste Mann. Er war gleich nach seiner Entlassung als außerordentlicher Professor in Breslau 1933 dorthin gegangen und hatte ein historisches Institut gegründet, das er leitete. Berney bot er dort eine untergeordnete Lehrstelle an. Doch der scheint zu stolz gewesen zu sein, sich damit zu begnügen.
Berney lehrte daher privat und musste entwürdigende Jobs annehmen. Das entfernte ihn von der Wissenschaft, zumal er jetzt die literarischen Versuche seiner Jugend wieder aufnahm. Wirklicher Zionist scheint er nicht geworden zu sein. Hebräisch hatte er schon in Berlin gut gelernt, doch schrieb er zeitlebens deutsch und entzog sich auch der „erstaunlich populären“ Hebraisierung des Namens. Ende 1943 starb er rasch an der „spanischen Grippe“. Duchhardt schließt seine Darstellung mit einem langen Zitat aus dem von ihm in Berneys Nachlas aufgefundenen Roman „Das Urteil“ (S. 111ff.; ähnlich Matthiesen S. 83). Es liefert eine beeindruckende Analyse des Irrsinns, der die Juden zu Schuldigen der deutschen Misere machte: „Dabei kam ich unter die Räder. [...] Heute oder morgen wird das ganze Judenvolk in Deutschland am Boden liegen - und was dann folgt, kann nur der ahnen, welcher weiß, daß die Deutschen auch ohne Rücksicht auf die Richtigkeit ihrer Prämissen konsequent zu handeln verstehen. Sie werden die ganze Niederlage von 1918 [...] wettmachen, und wenn sie dabei die Welt in Brand stecken.“
Duchhardts fesselnde, das ganze Leben Berneys umfassende Darstellung beruht ersichtlich auf jahrelanger intensiver Recherche. Auch wenn ihm einige Quellen entgangen sind
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, wird seine Biografie Berneys sicherlich nicht so schnell ersetzt werden. Dass er Erich Marcks (S. 22) weit vor seiner Zeit sterben lässt, Paul Darmstädters evangelische Konfession nicht kennt (S. 52, Stadtarchiv Göttingen, Einwohnermeldeamt) und statt von einer „vorsorglichen“ von einer „fürsorglichen“ Kündigung Berneys spricht (S. 63), sind unwesentliche Versehen. Dem Buch ist zum Glück ein Register beigegeben (anders als denen von Matthiesen oder Schulin). Wäre es so großzügig gesetzt wie das von Matthiesen, wäre es zwar lesbarer, hätte aber wohl auch fast den doppelten Umfang und Preis.
2. BERNEYS UND HEIMPELS VERHÄLTNIS ZUM NATIONALSOZIALISMUS
Anlass zu Matthiesens Buch wurden Quellen, die Duchhardt unbekannt geblieben waren und erst Matthiesen durch seinen Kontakt mit der Herausgeberin der Heimpel-Aufsätze Inedita Krüger zugänglich wurden. Zwar hatte Duchhardt einige Briefe Berneys an Heimpel (bzw. an dessen Frau) noch von diesem selbst Mitte der 1980er-Jahre erhalten (er nennt sechs zwischen Dezember 1923 und Oktober 1928), offenbar aber nicht die besonders erhellenden Briefe aus dem November 1923. Fairerweise erwähnt Matthiesen es jeweils, wenn er Quellen benutzt, die schon Duchhardt vorlagen. Da er aber keine Liste mit den Daten der Briefe anfügt, kann man keinen rechten Überblick gewinnen, was insgesamt überliefert ist und ihm über Duchhardt hinaus zur Verfügung stand.
Matthiesen ist ein ausgewiesener Kenner der Biografie Ritters (er promovierte mit einer 1300-seitigen, leider aber nur bis 1933 reichenden Arbeit über ihn). Sein Anliegen in der Studie über Berney ist, das Leben eines Individuums in Abhängigkeit von seinen inneren Dispositionen und äußeren Konstellationen zu analysieren. Berney empfand sich als dem „gute[n] und tüchtige[n] jüdische[n] Deutschtum“ angehörig (Brief an Heimpel 16.11.1923, Matthiesen S. 22). Die Frage war nur, ob die Konstellationen so waren, dass sie es ihm erlaubten, sich so zu definieren.
Zwischen Heimpel und Berney muss es rasch Diskussionen über dessen „Deutschtum“ gegeben haben. Heimpel scheint den Juden weder damals noch später als wahren „Deutschen“ empfunden zu haben. In dem offenbar durch Duchhardts Interview von 1984 (Duchhardt S. 30) angeregten und von Krüger edierten Text Heimpels über Berney erinnert sich Heimpel, wie Berney ihn fast angefleht hatte, ihm den letzten Meter „bis zur vollen Deutschheit“, der ihm nach seinem Empfinden noch fehle, durch seine „unbedingte Freundschaft“ zu schenken. Heimpel scheint ihm diesen Freundes-Dienst aber nicht erwiesen zu haben. Zwar erinnert er sich nicht daran, etwas geantwortet zu haben, aber daran, auf andere Weise eine Ausflucht aus dieser unangenehmen Situation gefunden zu haben: Berney „lag, ein Verzweifelter, auf seinem Sofa. In meiner Angst wurde ich zynisch. Ich sah nur die Löcher in seinen Strümpfen“ (Heimpel S. 157).
Als sich Heimpel 1984 Berneys und dessen Danksagung in seiner Biografie Friedrichs des Großen erinnert, gibt er 'melancholisch' (Matthiesen S. 35) selbst zu, wie es sich zwischen ihnen verhalten habe: dass Berney „da einen nannte, der ihn längst verlassen hatte“ (Heimpel S. 161): Vielleicht schon nach dieser pathetischen Sofa-Szene, spätestens aber wohl 1932, da Berney in seiner handschriftlichen Widmung die Zeit der Freundschaft auf die zehn Jahre von 1922 bis 1932 beschränkte (Matthiesen S. 36).
Am Abend des 8.11.1923 hatte ein vertrauter Arbeitskollege seines Vaters Heimpel in den Bürgerbräukeller mitgenommen: „Die vaterländischen Verbände hatten gerufen“.
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In diesem Text, der ursprünglich die Erinnerungen an seine Münchener Jugendjahre, „Die halbe Violine“, abschließen, dann aber erst 13 (und nochmals 32) Jahre später separat veröffentlicht werden sollte, schildert er seine Eindrücke dieses Abends. Er lernt, den Sinn der Worte wie in diesem Fall den Sinn der Reden dieses denkwürdigen Abends verstehe nur, „wer zu glauben bereit ist“. Schon über den mittelalterlichen „Urkunden und Chronikschreibern“ habe er doch gelernt: „Erst verstehen, dann urteilen.“
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Heimpels Lehre scheint zu sein: Wie bei Urkunden und Chroniken solle man auch im Fall der Reden dieses Abends erst einmal verstehen - wozu man bereit sein müsse zu glauben - und erst dann urteilen, um in diesem Fall nicht vorschnell zu verurteilen, wozu ein Zweifelnder anders als einer, der zu glauben bereit ist, gerade einer so jungen Bewegung gegenüber leicht versucht sein könnte. Politische Voreingenommenheit scheint Heimpel hier zu einer Verkennung eines Kernpunktes historischer Wissenschaft verleitet zu haben. Denn anders als er hier verkündet, lehren gerade diese Quellen, wie sich verstehen und urteilen wechselseitig bedingen: Wenn man besser emendiert, dann versteht man auch besser, und wenn man besser versteht, dann emendiert man besser.
Die Briefe Heimpels an Berney aus dem November 1923 scheinen verloren zu sein. Doch aus Berneys Reaktionen sind sie erahnbar. Denn Heimpels von Sympathie getragene Berichte müssen Berney veranlasst haben, sich in einem Brief an ihm vom 16.11.1923 über sein Verhältnis zum Nationalsozialismus auszusprechen. Erst einmal beteuert er, dass man auch in Freiburg und nicht nur Heimpel in München vor revolutionärer Energie platze, dass er sie in Freiburg nicht für Zweifelnde oder „Quietisten“ halten solle. Auch hier „trägt [mancher] die Faust in der Tasche“ (Matthiesen S. 19). Berney teilt aber nicht das Heimpelsche 'Erst bereit sein zu glauben, dann verstehen, dann urteilen'. Er schaut sich die geistesgeschichtlichen Ursprünge des Nationalsozialismus an und kommt zu dem Urteil: Der Nationalsozialismus verkenne die Ursprünge seiner Ideen und gefährde damit deren „Reinheit“.
Bei dem einen, dem Zweifler und „Quietisten“ Berney, erzeugt dies „Gegnerschaft“ (Matthiesen S. 20), während der andere sich zur selben Zeit dafür entscheidet, statt zu zweifeln, bereit zu sein zu glauben. Über das „Zweifeln“ in Heimpels Text „Traum im November“ und den „Quietisten“ in dem Brief Berneys vom 16.11.1933 sind diese beiden Schriftstücke verbunden (in Heimpels „Vorrede“ aus dem Mai 1933 taucht der „Zweifler“ an signifikanter Stelle als Gegen-Figur wieder auf). Diese Verbindung über die Figur des „Zweiflers“ ist Matthiesen entgangen - und mit ihr eine schöne Pointe. Denn in dem kurzen Text Heimpels tritt wenig später Berney auf und nennt Heimpel dort als Historiker außer Berney nur noch Siegmund Hellmann namentlich, was Matthiesen ebenfalls nicht aufgefallen zu sein scheint. Dabei hatten beide, Berney und Hellmann, Heimpel Zukünftiges klar vorausgesagt, wurden entlassen und kamen als Vertriebene außerhalb Deutschlands ums Leben. Heimpels „Freund“ Berney und sein verehrter Lehrer Hellmann scheinen in seinem Text als Repräsentanten seines schlechten Gewissens aufzutreten. Zwar mag es richtig sein, dass Heimpel Berney nach dessen ihn nicht genügend erwähnender Danksagung „rasch“, wie Matthiesen sagt (S. 61), „aus den Augen verloren“ habe (Heimpel S. 163), doch vergessen hatte er ihn nicht. Nach 1945 erinnerte er sich offenbar sogleich wieder an ihn und zwar gerade im Zusammenhang mit dem 9.11.1923.
Trotz Berneys „Gegnerschaft“ macht er eine Ausnahme, die seine Zweifel verstummen und an seine juristische Dissertation denken lässt: „Zu diesem Hauptziel des nationalen Socialismus, der staatlichen Knebelung des Capitalismus, der Reinigung des wirtschaftlichen Ethos durch die Idee des wahrhaft volksgemäßen, ständisch aufgebauten Staates vermag ich nichts zu sagen als ein fanatisches Ja“ (Matthiesen S. 21). „Dieses Ja ist so stark, daß es noch den Schmerz darüber, daß eine solche Bewegung antisemitisch, noch antisemitisch sein muss und die Spinoza, Mendelssohn, Stahl, daß sie das gute und tüchtige jüdische Deutschtum, daß sie mich zertreten will, übertönt“ (ebd. S. 22; die sinnentstellende Orthografie und Interpunktion habe ich hier korrigiert). Hitler sei der einzige, der sich „durch Adel in Haltung und Miene als Führer legitimieren kann“, ansonsten fehlen Berney aber die legitimierenden, 'entflammenden' „Manifestationen - wo sind die napoleonischen Proklamationen“, die einen statt mit „Schlagworten“ mit tatsächlichen „Ideen“ zu bezwingen vermöchten?
Am nächsten Tag erhielt dieser Brief eine ungeheure Nachschrift: „Ganz erfüllt von jenem Ja lief ich durch die Nacht. Ich sah eine neue, reinere höhere deutsche Zukunft. Da fiel es mir plötzlich ein, daß ich Jude sei. Sie werden Dich exilieren, sie werden Dich aus Deinem Beruf stoßen, wusste ich da. [...] Sie können mich töten und ich muss es bejahen, wenn ich weiß, sie tun es mit Reinheit und Unschuld. Wenn sie durch dieses Vernichten Kraft gewinnen, will ich vernichtet sein, weil ich der ihre bin. So bin ich heiter geblieben und bin es noch.“ (Matthiesen S. 23f.) Wenn ein Berney selbst dann noch „der ihre“ sein will, wenn er weiß, dass sie ihn vernichten wollen, wie begeistert muss dann erst einer wie Heimpel gewesen sein, dem das nicht drohte?
3. HERMANN HEIMPEL
Nicht nur von Berney erhielt Heimpel so klare Prophezeiungen. Sein „wissenschaftliches Idol“ (Heimpel S. 153), der „linksdemokratisch[e]“, „protestantisch getaufte Jude“ Siegmund Hellmann (ebd. S. 148, 150), schrieb ihm kurz vor den Reichstagswahlen vom 31.7.1932 über seine Urlaubspläne: „Etwa Mitte des Monats (August) denke ich [...] nach Starnberg zu gehen (falls nach dem 31. nicht ein Konzentrationslager auf mich wartet)“ (ebd. S. 151).
[16]
Und „in einem Brief vom 3. Mai 1933 erinnerte er Heimpel an ihr Gespräch in der Silvesternacht 1932/33 [...] in München, in dem er vorausgesagt hatte, dass er im neuen Jahr nicht mehr lehren werde, um hinzuzufügen, 'und dann wären Sie mir als Nachfolger der liebste'“.
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Diesen Wunsch konnte Heimpel erfüllen. Allerdings scheint er sich später nicht mehr gerne daran erinnert zu haben. Schrieb er in seinem Lebenslauf von 1949 noch, dass er „am 1. April 1931 [...] als Nachfolger von Erich Caspar zum ordentlichen Professor der Geschichte an der Universität Freiburg/Br. ernannt“ wurde, so folgte darauf nur ein blasses: und „in gleicher Eigenschaft [wurde ich] mit Wirkung vom 1. April 1934 an die Universität Leipzig berufen“, ohne zu erwähnen, wessen Nachfolger er dort wurde.
[18]
In einem Brief vom 2.7.1933 schrieb Hellmann Heimpel noch: „Ich fürchte, meine letzten zehn Jahre werden davon ausgefüllt sein, dass ich das Grauenhafte mit über mich ergehen lassen muß, das man jeden Tag drohender heraufziehen sieht.“
[19]
Nachdem sich Hellmann 1935 genötigt gesehen hatte, Heimpel um ein Darlehen zu bitten, endete ihr Kontakt mit Hellmanns Dank dafür.
[20]
Heimpel hat sich nicht weiter um Hellmann gekümmert, obwohl er erfahren haben wird, wohin er gekommen ist. Hellmann hatte sich mit seinen Voraussagen nämlich nur um ein halbes Jahr geirrt: Er erlitt, wie Fleckenstein schreibt, am 7.12.1942 „im Lager Theresienstadt einen grauenhaften Tod“.
[21]
Doch Heimpels selbst eingestandene Neigung „zu einem geistigen Phlegma“ ließ ihn unempfindlich gegenüber den Voraussagen, Informationen und „'Anregungen'“ anderer sein (Heimpel S. 157).
So wurde 1933 Heimpel wie so mancher andere 'Edle' einer der „Zauberlehrlinge“ (ebd. S. 138), die „in ihrer Rat- und Wehrlosigkeit“ (ebd. S. 209) nicht mehr hätten bannen können, was sie herbeigerufen hatten. In ihrer „intellektuellen Hybris“ hatten manche von ihnen geglaubt, sie könnten „die Mächtigen [...] erziehen“ (ebd. S. 142). Aber dann kam es anders als gedacht: „Wie sollte [...] die einmal als 'Herde', das andere Mal als 'Sumpf' abgetane Demokratie sich wehren gegen soviel Edles, Vornehmes, dessen sich endlich das Gemeine zu bedienen wußte“ (ebd. S. 138; vgl. Schulin S. 50). Das „Gemeine“ sind die Nazis, das viele 'Edle' und die Weimarer Republik langjährig Verpönende sind Leute wie er, Albrecht Haushofer, Ernst Kantorowicz, ist das „Stefan-Georgesche“ „Geheime Deutschland“ und sind dann noch Stadelmann, Heidegger, der Gräzist Wolfgang Schadewaldt und der Kunsthistoriker Kurt Bauch, „unsere damalige Gemeinschaft“, die „den Aufstieg der Philosophie Heideggers und die Macht seiner Persönlichkeit“ erlebte (Heimpel S. 210).
Im Januar 1946 schrieb Ritter Heimpel, er habe 1933 „wochenlang vor Unruhe über die geistige Katastrophe nicht schlafen können, dass Männer wie Sie, Schadewaldt, Bauch und Stadelmann auf einen politischen Irrweg geführt wurden“ (Matthiesen S. 111 Anm. 27). Hugo Ott redet in seiner Biografie Heideggers nicht wie Heimpel von einer „Gemeinschaft“, die Opfer des Faszinosums Heidegger geworden sei und nur passiv „den Aufstieg der Philosophie Heideggers und die Macht seiner Persönlichkeit“ erlebte, sondern sagt klar, wie es sich verhalten hat: „nach genauem Plan eines kleinen Kaders nationalsozialistischer Professoren an der Universität Freiburg sollte er [Heidegger], [...] in die führende Position gebracht werden“.
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Zwar führt Ott leider nirgends die Mitglieder dieses 'kleinen NS-Kaders'
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namentlich auf, doch dass Ritter und Heimpel dieselben Namen nennen, scheint mir kein Zufall zu sein. Beide werden die Mitglieder dieses Kreises genannt haben.
Dass Heimpel auch sich selbst als „Zauberlehrling“ bezeichnet, ist ein unzweideutiges Eingeständnis, nicht nur passiv Opfer einer Entwicklung geworden zu sein, sondern sie selbst mit herbeigeführt und wohl auch herbei-gewählt zu haben. Erstaunlicherweise ist sowohl Schulin als auch Matthiesen diese Selbst-Titulatur Heimpels entgangen und was sie bedeutet. Heimpels eigene Worte legen folgende Deutung nahe: Auf der einen Seite gibt es die 'Edlen', auf der anderen „das Gemeine“, die Nazis. Selbst wenn die 'Edlen' sie seit Jahren gewählt haben sollten, konnten sie qua eigener 'Vornehmheit' nie ordinäre Nazis sein, haben sie höchstens strategische Allianzen mit ihnen geschlossen. Die gemeinsame Abneigung gegenüber der Weimarer Republik war dabei der Mittler. Manche hatten sich der Nazis sogar zu bedienen versucht. Albrecht Haushofer z.B. hatte nach Heimpel gehofft, die Nazis „erziehen“ zu können (Heimpel S. 142). Zwar erwähnt Heimpel die Ambitionen seines Freiburger Kollegen Heidegger nicht, doch dessen hybrider Wunsch, der „Führer des Führers“ zu werden, wird ihm bekannt gewesen sein - und Heimpel hätte ihm wohl kaum seinen wichtigsten Vortrag des Jahres 1933 gewidmet, wenn er dem widersprochen hätte. Doch hätten - so stellt es Heimpel dar - die 'Edlen' ihren Bündnispartner, die Nazis, dabei verkannt. Statt dass er sich, wie manche gehofft hatten, von ihnen „erziehen“, „führen“, „bedienen“ ließ, bediente er sich ihrer. Mithin seien sie auf einmal zu dessen 'rat- und wehrlosen' Opfern geworden.
Zwar vermag es Heimpel, eigene Versäumnisse und solche seiner Freunde einzugestehen: Abneigung gegen die Demokratie von Weimar, Hybris, „Rat- und Wehrlosigkeit“ gegenüber dem, was sie selbst herbeigerufen, ersehnt, gewählt hatten. Dennoch suggeriert er, sie seien keine 'echten' Nazis gewesen und dann ja auch deren Opfer geworden. Sich aber Heimpel oder die von ihm Genannten als Wähler führender Politiker der Weimarer Republik oder einer Partei wie der Deutschen Volks-Partei (DVP) vorzustellen, fällt schwer. Selbst die Deutschnationale Volks-Partei (DNVP) wird ihnen zu sehr als eine Partei der alten Männer, derer, die noch vom Wilhelminischen Kaiserreich geprägt waren, erschienen sein. Ein Bekenntnis zu Stresemann oder der deutsch-französischen Wiederannäherung findet man auch bei Heimpel allem Anschein nach genauso wenig wie bei jenen. Ich vermute, dass sie mehrheitlich die NSDAP gewählt haben und sich - ihrer 'Vornehmheit' bewusst - dennoch nicht als Nazis empfunden haben werden.
In seinem „Fragebogen“ von 1946 gibt Heimpel an, im November 1932 und März 1933 die DVP gewählt zu haben.
[24]
Zur Wahl im November hatte die DVP sich in einer gemeinsamen Reichsliste mit der DNVP verbunden. Der damalige Vorsitzende der DVP, Eduard Dingeldey, hatte damit den Niedergang seiner Partei nur aufschieben können. Der Mandatszuwachs genügte ihm aber, sich „der ungeliebten Verbindung mit der DNVP zu entziehen“.
[25]
In einem Bündnis mit dem Christlich-Sozialen Volksdienst, der Deutschen Bauernpartei und der Deutsch-Hannoverschen Partei zog die DVP in die Wahl im März 1933 „sowohl als Gegner eines autarken Wirtschaftskurses im Sinne Hugenbergs als auch einer Bedrohung der geistigen Freiheiten durch den Nationalsozialismus“.
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Damit verlor sie ein Drittel ihrer Wähler vom November, neun ihrer elf Mandate und landete bei 1,1 Prozent.
Dass Heimpel diese Partei gewählt haben soll, erscheint als wenig glaubwürdig. Er wäre dann auch Parteigenosse Ritters gewesen, der aber den Eindruck hatte, Heimpel stehe in einem anderen politischen Lager. Im April 1933 gab es sowohl in der Stadt wie in der Universität Freiburg einen Putsch. Der Freiburger Oberbürgermeister Bender (Angehöriger des Zentrums) hatte sich noch im Frühjahr 1932 mit Unterstützung Ritters, Heinrich Finkes - Heimpels wichtigstem Förderer - u.v.a.m. gegen die Präsidentschaftskandidatur Hitlers und für die Wiederwahl Hindenburgs eingesetzt. Davon, dass Heimpel dazugehört habe, berichtet niemand. Im April 1933 gelang es dann dem NSDAP-Kreisleiter Kerber, Bender abzulösen (Matthiesen S. 57). Als Nachfolger des amtierenden Rektors ab Mitte April 1933 hatte der Senat der Universität Freiburg schon im Dezember 1932 Wilhelm von Möllendorff gewählt (wie auch im Falle des Namens Mendelssohn schreibt Matthiesen erstaunlicherweise - beides sind große historische Namen - auch den Namen Möllendorff durchgehend falsch). Ein 'kleiner Kreis von NS-Professoren' um Schadewaldt betrieb aber den Rücktritt Möllendorffs und die Wahl Heideggers.
[27]
Und zwar mit Erfolg, denn Heidegger wurde nach dem Ausschluss „aus rassischen Gründen“ von 13 der 93 Professoren am 21.4.1933 in einer knapp beschlussfähigen Sondersitzung des Senats fast einstimmig zum Rektor gewählt.
[28]
Von Möllendorff, der bekannte Ökonom Walter Eucken, aber auch Ritter wurden in der Folge Gegner Heideggers und der Gruppe, die ihn unterstützte (Matthiesen S. 58f.; 1938 bildeten sie und weitere eine Widerstandsgruppe, ebd. S. 14). Heimpel verlieh seiner Unterstützung Heideggers weithin sichtbar Ausdruck damit, dass er den wichtigsten seiner Vorträge von 1933 - vom 23.11.1933 - „Martin Heidegger[,] dem Rektor der Universität“ widmete: „Deutschlands Mittelalter - Deutschlands Schicksal“.
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Dass Heimpel bis zum 5.3.1933 Parteigefährte Ritters gewesen sein sollte und erst dann zum „Zauberlehrling“ geworden und - dem Faszinosum Heidegger erst jetzt erlegen - zum „kleinen Kreis“ der „NS-Professoren“ gestoßen sei, die seine Wahl betrieben, erscheint alles in allem als extrem unwahrscheinlich, obwohl es natürlich nicht auszuschließen ist, zumal sein Freund Albrecht Haushofer (geb. 7.1.1903) sich schon 1919 parteipolitisch in der DVP betätigt hatte und 1921 sogar Vorsitzender der DVP-Jugendgruppe in München gewesen war.
[30]
Heimpel erinnerte aber in einem Vortrag über Haushofer im Bayerischen Rundfunk 1987 daran, dass sich - während Heimpel „Paläographie und Urkundenlehre trieb“ - Haushofer „im Seminar von Karl Alexander von Müller den Ruf eines schlüssigen Debatters [!] als 'Mann der äußersten Rechten'“ verdiente.
[31]
Doch gibt es noch ein weiteres Argument, das Heimpels Aussage, die DVP noch im März 1933 gewählt zu haben, unwahrscheinlich macht. In der Korrespondenz zwischen Ritter und Heimpel war von einer Publikation Heimpels die Rede, die Matthiesen nicht in der 1972 erschienenen Bibliografie Heimpels von E. und H. Geuss finden konnte. Doch mit einem einfachen Blick in das „Gesamt-Verzeichnis des deutschsprachigen gedruckten Schrifttums“ (Band von 1978) entdeckte er sie. Es handelt sich um zwei von Heimpel auf eigene Kosten als Abschiedsgeschenk aus Freiburg für seine Freunde und Kollegen gedruckte „Vorreden“ zu seinen mittelalterlichen Vorlesungen aus dem Sommersemester 1933 und dem Wintersemester 1933/34.
[32]
Sie wurden auch Schulin bekannt, der aus ihnen genauso zitiert, wie es Fried in seinem Eröffnungsvortrag auf dem Historikertag tat. Neben dem, dass diese „Vorreden“ Aufklärung über Heimpel gewähren, ist es aufschlussreich, was Schulin und was Matthiesen aus ihnen zitieren und was sie erklären oder unerklärt lassen.
Die zweite dieser „Vorreden“ ist durch den Bezug auf das Plebiszit zum Austritt aus dem Völkerbund vom 12.11.1933 eindeutig auf Dienstag den 14.11.1933 datierbar. Bei der ersten schreibt er nur, sie im Mai gehalten zu haben. Da laut dem Freiburger Vorlesungsverzeichnis die Vorlesungen des Sommersemesters 1933 am Dienstag den 25.4. begannen und Heimpel seine Vorlesung „Der Staat des Mittelalters. Grundriss einer vergleichenden Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte“ dreistündig am Dienstag, Donnerstag und Freitag von 15 bis 16 Uhr las, hätte er die erste an diesem 25.4. halten können. Da das aber seiner eigenen Aussage widerspricht, ist es wahrscheinlicher, dass er erst in der folgenden Woche zu lesen begann, mithin am Dienstag den 2.5.
Weder Schulin noch Matthiesen erwähnen, dass die Nazis den Vorlesungsbeginn um fast einen Monat herausgeschoben hatten, um die ersten 'Säuberungen' an den Hochschulen durchführen zu können. Unmittelbar vor Vorlesungsbeginn waren in Freiburg 13 Dozenten entlassen und war Heidegger am 21.4.1933 zum Rektor gewählt worden. Am 1.5. war er demonstrativ der NSDAP beigetreten; und am 2.5. lösten die Nazis die Gewerkschaften auf und bildeten die „Deutsche Arbeitsfront“. Anders als der Philosoph meinte der Professor der Geschichte, auf den Eintritt in die Partei verzichten zu können. Laut seinem „Fragebogen“ von 1946
[33]
war Heimpel nach 1933 im Wesentlichen nur Mitglied des Nationalsozialistischen Dozentenbundes und des Volksbundes für das Deutschtum im Ausland.
Der 31-jährige Heimpel begründet die Eröffnung seiner Vorlesung mit einer gegenwartspolitischen 'Vorrede' wahrscheinlich am 2.5. damit, nicht einfach „an die Arbeit des Tages“, das Halten seiner Vorlesung, gehen zu können, als sei seit Ende des letzten Semesters nichts geschehen. Gerade der Historiker sei zu einem Kommentar zur Gegenwart verpflichtet, da er das Außerordentliche erlebe, in seiner Gegenwart den „Mantel der Geschichte“ fassen zu können, „den er in der Vergangenheit so oft vergeblich zu greifen sucht“ (teilweise von Matthiesen S. 51, nicht aber von Schulin zitiert).
Was sei nach Heimpel in diesen verlängerten Semesterferien geschehen? Es sei „geschehen, dass der Wille der Deutschen in einem Grade auf einen gemeinsamen Weg aus der Not der verewigten Niederlagen sich geeint hat, wie es seit der ersten Zeit der Bismarckschen Kanzlerschaft und außerhalb der Schlachtfelder des grossen Krieges nicht mehr erhört war“, wie Schulin (S. 32) ohne weitere Erklärung zitiert. Dabei ist es schon interessant zu sehen, dass die Regierung Adolf Hitlers in den Augen des 'Historikers' Heimpel dieser „Weg“ war, auf den sich in so außerordentlichem Maße die Mehrheit der Deutschen „geeint“ hatte, um der „Not“ der durch den „Versailler Vertrag“ und seine Nachfolgeverhandlungen „verewigten Niederlagen“ des 1. Weltkriegs, des „grossen Krieges“ zu entkommen.
Matthiesen (S. 51f.), nicht aber Schulin zitiert dann noch aus der folgenden Passage: „Es ist geschehen, daß die deutsche Nation die alten Parteiformen von sich warf, deren wechselnde Gleichgewichte dem Staatsleben keine Impulse mehr gaben, sondern den ändernden Willen fesselten. Es ist geschehen, daß das deutsche Volk auch jenes ewig scheinende Equilibrium von Kapital und Arbeit angriff, das in seiner hoffnungslosen Verewigung bestehender Zustände die Wirtschaftsinitiative ebenso hemmte wie es die Verzweiflung der Ausgeschlossenen immer hoffnungsloser anwachsen liess. Die Lehre vom Klassenkampf [...] soll überwunden werden durch einen idealistischen Staatssozialismus, der das Interesse der Klassen hinter dem Interesse der Gesamtnation ebenso verschwinden zu lassen gesonnen ist wie den jahrhundertelangen Kampf der Konfessionen.“
Dagegen zitiert Schulin, nicht aber Matthiesen die folgende Passage, in der Heimpel die Gleichschaltung der Länder begrüßt: „Die Länder des Deutschen Reichs haben faktisch ihren Staatscharakter verloren. Mehr als alles andere bewegt den Historiker diese Tat auf dem Wege der deutschen Einheit, dieses Streben auf ein Vorwärts in der nur halb erfüllten Sehnsucht unserer Grossväter“ - „halb“ durch das nur mangelhaft 'geeinte' Reich Bismarcks (Schulin S. 32). Da Schulin dabei nicht erwähnt, worin die Gleichschaltung bestand, bleibt unklar, welcher Art die „Tat auf dem Wege der deutschen Einheit“ ist, die „den Historiker“ hier so herzlich zustimmend „bewegt“: Die Umbildung der Länderparlamente gemäß der Reichstagswahl vom 5.3.1933 per Gesetz vom 31.3. und die Einsetzung von Reichsstatthaltern mit Gesetz vom 7.4.
In dem Folgenden, das sowohl von Schulin als auch - etwas knapper - von Matthiesen zitiert wird, geht Heimpel über zur General-Legitimation: „Wo wirkliche geschichtliche Macht gewonnen wird, und wo diese Macht dient geschichtlich gesetzten Aufgaben [diese Wortstellung!], da ist auch geschichtliches Recht gewonnen, und eben dies verpflichtet zur inneren Anerkennung“ (Schulin S. 32; Matthiesen S. 51f.). Hitler vollstrecke also nach Heimpel den Deutschen geschichtlich gesetzte Aufgaben, denen schon die Sehnsucht der Großväter gegolten habe - die deutsche Einheit und gesellschaftliche Einheitlichkeit - und sei damit in einem historischen Recht, das zur Anerkennung verpflichte.
Heimpel weiß natürlich, dass seine Wünsche nach größerer sozialer, konfessioneller und staatlicher Einheit in den wenigen Wochen seit Regierungsantritt noch nicht erfüllt worden sind: „So viele aus der Geschichte überkommene Wünsche, so viele - ich sage nicht: Erfüllungen, aber so viele Hoffnungen auf den jungen deutschen Staat.“ So unerfüllt mancher Wunsch, so unvollkommen und eventuell sogar unrecht einem manche Maßnahme im einzelnen auch erscheinen mag, sei dennoch gerade der Historiker zur Anerkennung der neuen Regierung verpflichtet, da sie im historischen Recht sei. Vertritt man derartiges, kann man sich selbst - wenn auch in etwas zweischneidiger Form - für einen ehemaligen jüdischen Freund verwenden (zweischneidig, weil Berney erst durch Heimpels Bemühung seine Stelle definitiv verlor).
Auch wenn Heimpel seine Freiburger Rede von 1933 „Martin Heidegger[,] dem Rektor der Universität“ widmete und mithin dem, der das Führerprinzip an ihr durchsetzte, so findet sich in seinem Werk doch nur vergleichsweise wenig Schwärmen für Führertum und Führerprinzip. Allerdings enthält - darauf wies Fleckenstein
[34]
hin - diese Rede einen solchen Passus: Das 3. Reich, der gegenwärtige „politische Wille nimmt vom Klang des mittelalterlichen Reiches eben das auf, was der Gegenwart Reich sein soll: Einheit, Herrschaft des Führers, reine Staatlichkeit nach innen, abendländische Sendung nach außen“.
[35]
Fleckenstein bemerkt dazu: „Wenn dies Reichsmystik ist, dann ist sie nicht mittelalterlicher, sondern nazistischer Provenienz“.
[36]
Konkreter nennt Heimpel das, was das 3. Reich vom 1. Reich übernehmen und das, was es nicht von ihm übernehmen will, in seinem Aufsatz von 1936 „König Heinrich der Erste“
[37]
: „Wir Deutschen, die nach den bitteren Erfahrungen langer Jahrhunderte mit dem Willen und der Kraft zu einer neuen völkischen Jugend stehen, wir werden unsere Ziele nicht von den Inhalten des Ersten Reiches ablesen. Wachgeworden für die bauenden, bewahrenden Kräfte des Bluts, der Landschaft, der ungequälten Erde, sind wir hellhöriger geworden für das Spaltende, Gefährdende, Fremde. So haben Helden der edlen Selbstbehauptung wie der Sachse Heinrich neuen Glanz für uns bekommen. Ihn feiern und ehren wir als den ersten deutschen Führer aus dem Blut, das noch unser Blut ist. Aber wir lieben nicht weniger den gefährlich-heldischen Weltsinn Ottos.“
„In der 'Novembernummer' der 'Straßburger Monatshefte', die“, wie ihre „Schriftleitung“ im Oktoberheft schrieb (5. Jg. H. 10, S. 677), „als Sondernummer zur Eröffnung der Reichsuniversität erscheint,“ schrieb ihr Rektor, der Ophthalmologe Karl Schmidt: „Eines aber hat Straßburg allen anderen deutschen Schwester-Universitäten für einige Jahrzehnte voraus [...]. Nach Straßburg werden nicht einzelne Männer in einen schon vorhandenen Kreis deutscher Gelehrter hineinberufen, sondern alle übernehmen zur gleichen Zeit die Verpflichtung und den Dienst an der Aufgabe der Universität Straßburg. [...] Bei Universitäten können wir auf den Lehrstühlen nur hervorragende Fachleute gebrauchen. [...] Aber nicht nur die fachliche Leistung konnte für Straßburg entscheidend sein; es mußte bei der Wiederbesetzung der Straßburger Lehrstühle erreicht werden, daß aus der zur Verfügung stehenden Anzahl deutscher Gelehrter die Männer ausgesucht wurden, die sich seit Jahren bewußt und freudig, willig und einsatzbereit mit ihrer Persönlichkeit, ihrer Wissenschaft und ihrem Wollen in den Dienst und unter die Weltanschauung des Nationalsozialismus gestellt haben. Die deutschen Universitäten können nicht - wie etwa 1813 und 1848 - für sich in Anspruch nehmen, vor dem Umbruch des Jahres 1933 als geschlossene Erziehungs- und Bildungsanstalten für den Nationalsozialismus sich eingesetzt zu haben. Es lag dies an der Entwicklung der Hochschulen in den letzten 60 Jahren und vor allem an der seit 1918 vom Weimarer System gepflegten Berufungspolitik. Die verhältnismäßig starke Durchsetzung des deutschen akademischen Lehrkörpers mit Juden, Freimaurern, Pazifisten und Leuten ähnlichen Schlages brachte von vorneherein jeden Versuch eines gemeinsamen Einsatzes einer ganzen Universität für den Nationalsozialismus zum Scheitern. Es muß aber darauf hingewiesen werden, daß sich vor 1933 zahlreiche jüngere deutsche Hochschullehrer, vor allen Dingen zahlreiche wissenschaftlich arbeitende Assistenten, die heute Hochschullehrer sind, kämpferisch und entschlossen als Gefolgsleute des Führers bekannten und danach handelten. Aus diesem heute gottlob großen Kreis der deutschen Hochschullehrer ist Straßburgs Lehrkörper zusammenberufen. Damit ist nun die Gewähr gegeben, daß diese Universität in ihrem ganzen Umfang, also auch mit jedem Einzelmann des Lehrkörpers, geschlossen für den Nationalsozialismus eingesetzt werden kann und sich selbst kämpferisch einsetzen wird. Die Mitglieder dieses Lehrkörpers sind mit wenigen Ausnahmen verhältnismäßig jung. Es sind die Männer, die als Jungakademiker, Studenten und Schüler den Weltkrieg mitgemacht haben, es sind die Männer, die nach dem Kriege die Gefahr der Auflösung des Reiches in den deutschen Freikorps mit den Waffen in der Hand und unter Einsatz ihres Lebens zerschlugen“.
[38]
Ähnliches gilt für die Studentenschaft: „Die noch so gute fachliche Leistung unserer Studenten allein kann uns nicht befriedigen und soll nicht allein Ziel unserer Lehrtätigkeit sein. Ebenso wenig wie wir Hochschullehrer allein aufgrund unserer wissenschaftlichen Leistungen nach Straßburg gekommen sind, sondern weil daneben nationalsozialistischer Einsatzwille und politische Bewährung vorhanden ist, ebenso sollen die Studenten von der Aufgabe Straßburgs erfasst, an ihr gebildet und von uns Hochschullehrern miterzogen werden“.
[39]
Der Rektor sagt zu dieser „Aufgabe“: „Unsere Bestimmung, gegen Westen zu blicken und zu kämpfen, ist klar und eindeutig.“
[40]
Heimpel schrieb in seinem - wie Boockmann es (S. 27) nennt - „Straßburger Programm“ von 1941, „Die Erforschung des deutschen Mittelalters im deutschen Elsaß“ in eben diesem Heft der Straßburger Monatshefte
[41]
: „Aus dem Weltkrieg kehrt ein Volk heim, das die alten Klassen nicht mehr anerkennt, das in seiner Verarmung die Konventionen einer abgelaufenen Zeit verläßt, das sich, seine Größe und seine Zukunft ahnend, nur scheinbar mit der Niederlage abfindet und das darum fähig ist, dem zu folgen, der es zu sich selbst führt. Ihm ist dabei der Blick geöffnet für die durch allen Wechsel der Gestaltungen bleibenden, tragenden, erhaltenden Kräfte des Blutes, ihm ist die germanische Herkunft als geschichtliche Macht von neuem freigelegt, die das Geschichtlich-Deutsche trägt und zugleich übergreift.“
Heimpel spricht wenig später von den Trends und Aufgaben der Forschung, der 'Umzeichnung' des Bildes des Mittelalters „unter dem Gesichtspunkt des Reiches“: „Zu einer neuen und bereicherten Auffassung des Mittelalters sind besonders in jüngster Zeit wesentliche Beiträge geliefert worden. Es sei nur an die volkskundlichen Forschungen Otto Höflers über die germanischen und besonders germanisch-sakralen Wurzeln des deutschen Königtums erinnert oder an die neuen Erkenntnisse, mit denen Otto Brunner die aus den Voraussetzungen des 19. Jahrhunderts gestellte Frage nach dem mittelalterlichen Staat durch das Aufspüren jener Vorstellungen erweitert, die den alten Zeiten selbst den Staat als Ordnung des Volkes ausmachten, nach dem 'Land', nach der 'Herrschaft', wobei in neuartiger Weise das besondere mittelalterliche Verhältnis von Politik und Recht, von Friede und Fehde auf uralte germanische Grundlagen zurückweist.“ (S. 740f.) Neuere „Darstellungen des mittelalterlichen Reiches“ betonen „kräftiger als [Karl] Hampes ausgewogene Darstellungen die Gegensätzlichkeit der mittelalterlichen Welt [...]“. „Eine Darstellung der Kaiserzeit von H[erbert] Grundmann (in der neuen Propyläen-Weltgeschichte) läßt zudem die Arbeit der Germanenkunde ebenso spüren wie die Vertiefung der Reichsgeschichte durch die landes- und siedlungsgeschichtliche Forschung der letzten Jahrzehnte. Überall meldet sich gegen früher eine innigere Einheit der politischen Schicksale mit der Geschichte des Volksbodens, die Religion, das Recht, die Wirtschaft, der Aufbau des Volkes, die Kenntnis also der Strukturen bereitet die Erzählung der Taten vor. Volksgeschichte und Reichsgeschichte finden sich. Wo zudem die Geschichte des Reichs zur Geschichte des Reichsgedankens erhöht wird, zeigt sich das Volk als sein Träger auch da, wo der Arm der Könige erlahmt. Die neueren Arbeiten von F[ritz] Rörig erweisen den Zusammenhang des Reichsgedankens mit der deutschen Erschließung des Ostseeraums durch den wehrhaften Kaufmann.“ (S. 741)
Heimpel kommt hier 1941 fast zum selben Resümee wie in seinem Heidegger gewidmeten Vortrag vom 23.11.1933: „Die Geschichte des ersten Reiches ist abgeschlossen und vergangen. Aber es ist nicht tot. Sein bleibender Sinn verwirklicht und erneuert sich vor unseren Augen [durch die Kriege Hitlers und der Deutschen]. Das moderne System eines scheinbaren Gleichgewichts, in dem sich die Ränder Europas auf Kosten der deutschen Mitte verbanden, weicht einer europäischen Ordnung aus der volkreichen willensstarken Mitte, wie sie einst von Heinrich I. begründet, von unseren Kaisern verwirklicht war. Das erste Reich ist an dem Gesetz verblutet, unter dem es angetreten war: Nur mit äußerster Anstrengung und unter ständigen Rückschlägen behaupteten sich die Könige in der Welt des bodenverbundenen Adels und der landschaftlich gebundenen Treuegefühle. Nur mit äußerster Mühe überherrschten sie den für die damalige Technik riesenhaften Raum von der Eider bis Brindisi, von der Saone bis zur Warthe. Nur ungenügend vermochten die an Rhein und Main, in Schwaben und Elsaß beheimateten Königssippen dem Drang des Volkes nach dem Osten zu folgen, mit dem seit Beginn des 12. Jahrhunderts die alten germanischen nun aber von Slawen besetzten Räume dem deutschen Volkstum gewonnen wurden. [...] Es bleibt das große Bild der deutschen Volksgeschichte. Es gibt den spätmittelalterlichen Jahrhunderten ihre manchmal verkannte Bedeutung, den Jahrhunderten, denen im neuen Straßburger Seminar die besondere Aufmerksamkeit gelten soll. [...] Auf solchen Grundlagen steht auch unser [drittes] Reich. Auch dieses Reich ist Ordnung Europas aus seiner Mitte. Mit seinem Blute verteidigt es die Vergangenheit und die Zukunft Europas gegen die Barbarenwelt, die keine Vergangenheit kennt. Aber diesem neuen Reiche dienen die Lehren der neueren Jahrhunderte, jene Mittel und Erkenntnisse, die unsern Kaisern fehlten. [...] Selten zeigte sich der kaiserliche Reiterzug den Bauern und Bürgern, in die entlegenste Hütte dringt das Wort des Führers. Mühsam schleppte sich der königliche Troß, der Motor bezwingt den Raum, der den Deutschen aufgegeben ist“ (S. 742f.; Schulin zitiert hieraus zwei zentrale Wendungen S. 38f., Boockmann eine S. 21).
Werner Heisenberg schrieb für Heimpels Entnazifizierungsverfahren am 23.5.1946 ein Gutachten über ihn: „Ich kenne Herrn Heimpel durch die lange Zeit gemeinsamer Arbeit an der Universität Leipzig; insbesondere war ich mit ihm durch eine kleinere Gruppe von Kollegen, die zu Vorträgen und Diskussionen regelmäßig zusammentraten, freundschaftlich eng verbunden. Ich weiß aus vielen Gesprächen, daß Herr Heimpel die politische Entwicklung in Deutschland seit 1933 mit der größten Sorge verfolgt hat und daß die Ideologien und Schlagworte der damaligen Regierung auf ihn nicht den geringsten positiven Eindruck gemacht haben. [...] Herr Heimpel hat in allen Fällen, die mir bekannt sind, die Sache der Wissenschaft und die Sache des Rechtes gegenüber den Angriffen der sogenannten Weltanschauung und der Gewalt vertreten.“
[42]
Dafür, dass Heimpel immer „die Sache der Wissenschaft [...] gegenüber den Angriffen der sogenannten Weltanschauung“ vertreten habe, nennt Fleckenstein als Beispiel Heimpels Auftreten auf dem Erfurter Historikertag 1937, auf dem er „Historiker aus dem Geist der Partei, die wie der neue Biograf Heinrichs I., Franz Lüdtke, Gesinnung mit Wissenschaft verwechselten, sachstreng in ihre Grenzen verwies“.
[43]
Dort soll er auch „dem von dem Germanisten Otto Hoefler propagierten Germanenmythos und dem Versuch der Einengung der deutschen Geschichte auf die germanische Komponente“ entgegengetreten sein.
[44]
Boockmann führt aber an, dass von Heimpel in seinem „Straßburger Programm“, „die 'Kräfte des Blutes' und die 'germanische Herkunft' der Deutschen und schließlich die neuen Forschungen Otto Höflers so in den Mittelpunkt gestellt [werden], als habe Heimpel nicht all dem noch vor wenigen Jahren in Erfurt widersprochen, als werde er sich dagegen nicht zwei Jahre später im Straßburger Seminar zur Wehr setzen.
[45]
Denn dort hatte, wie Heimpels Schüler Otto B. Roegele berichtete, in „einem interdisziplinären Colloquium“ des 'Germanischen Großseminars der Philosophischen Fakultät' Straßburg Heimpel 1943 auf den Angriff auf seinen Schüler Hermann Mau mit einem „Ausbruch“ reagiert, der mit der „Empfehlung“ schloss, „der Herr Religionswissenschaftler möge endlich selber an die Front gehen, und nachprüfen, an welchen Gott die Soldaten dieses Volkes glaubten“.
[46]
Schönwälder nennt noch einen anderen Beleg: „Anders als Ritter, der immer wieder die Politik des nationalsozialistischen Regimes kritisiert hatte, hatte etwa Hermann Heimpel die nationalsozialistischen Eroberungen öffentlich begrüßt. Aber auch er schrieb im Frühjahr 1943 einen HZ-Beitrag, in dem der Krieg nicht mehr als Basis neuer Größe, sondern als Last dargestellt wurde. Seine Klagen über das Fehlen von Mitteln für Archivreisen angesichts von Milliardenausgaben für den Luftschutz, über das 'Wüten' zweier Weltkriege in den Generationen und die Behinderung der Forschung durch die beiden Weltkriege brachten eine erstaunliche Kritik zum Ausdruck“.
[47]
Auch wenn Heimpel, wie Heisenberg sagte, „in allen Fällen, die mir bekannt sind, die Sache der Wissenschaft [...] gegenüber den Angriffen der sogenannten Weltanschauung [...] vertreten“ haben mag, so ist dies in seiner ersten 'Vorrede' vom Mai 1933 wider Erwarten nicht seine generelle Maxime, trifft er dort doch eine Unterscheidung und schränkt damit diesen Grundsatz selbst wesentlich ein. Denn er sagt: Weder habe die Wissenschaft „vorhandene mächtige Dogmen nur mit ihren Mitteln zu unterbauen“, noch habe sie „solche Dogmen, die heute im Bewusstsein des Volkes geschichtsbildende Macht gewonnen haben, schlechthin zu bekämpfen, nur weil es verbreitete und geglaubte Dogmen sind.“ Bis in Gesetze hinein war 1933 der Antisemitismus und mit Heideggers Rektorat auch an der Universität Freiburg das Führerprinzip ein solches Dogma 'geschichtsbildender Macht' geworden. Heimpel fügt dem noch hinzu: „Dogma ist nicht Wahrheit, aber es ist eine grosse Chance der Wahrheit; Nachbeten ist nicht Wahrheit, aber die Wahrheit ist nicht notwendig bei dem Zweifler, bei dem, der immer nur das Grosse im Kleinen korrigiert.“ Wie in dem Brief Berneys vom 16.11.1923, mit dem er auf einen Brief Heimpels über seine Erlebnisse vom 8.11.1923 im Bürgerbräukeller antwortete, sowie in Heimpels literarischem Bericht über sie in seinem „Traum im November“ taucht auch in dieser Vorrede der „Zweifler“ als eine Gegen-Figur seines Denkens auf, was bisher aber niemandem aufgefallen zu sein scheint.
Frantisek Graus hatte nicht nur die „ersten zwei Bände des Dahlmann-Waitz“ kritisiert
[48]
, sondern auch in seiner Präsentation des Buches von Karl Ferdinand Werner „Das NS-Geschichtsbild und die deutsche Geschichtswissenschaft“ (Stuttgart 1967) zuerst in einer tschechischen Zeitschrift, dann in den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte
[49]
das Weiterleben einer „Germanomanie sehr eigenartiger Prägung“ beklagt (den Ausdruck „Germanomanie“ verwendet schon Werner). Wie mir ein ehemaliger jüngerer Göttinger Mitarbeiter Heimpels berichtete, hat Heimpel über Graus nur aufbrausend bemerkt: „Ja was ist er denn schon - ein böhmischer Jud.“ Und über Auschwitz sagte er demselben gegenüber: „Auschwitz hat eben auch unseren ganz normalen Antisemitismus unmöglich gemacht.“
Heimpel schließt seine 'Vorrede' im Mai mit Sätzen, die einen Christen wie Ritter treffen mussten: „Durch unser Volk geht eine Welle der Besinnung auf das eigene Wesen [...] und der Absetzung des deutschen Wesens zu den fremden Mächten überhaupt“, den „großen übernationalen Mächten der Geschichte, insbesondere [...] dem Christentum.“
Schulin geht auf diese für Heimpels Verhältnisse recht klaren Sätze seiner beiden „Vorreden“ von 1933 nicht weiter ein. Er meint aber, „es wäre flach, das alles einfach als etwas verklausuliertes Bekenntnis zum Nationalsozialismus zu denunzieren“ (S. 33). Leider spricht Schulin hier im „mehrdeutigen Stil“ seines Lehrers (S. 36). Denn unklar bleibt, worin diese Denunziation besteht. Darin, Heimpel ÜBERHAUPT dieses Bekenntnisses zu bezichtigen oder darin, es 'etwas VERKLAUSULIERT' geleistet zu haben? Schulin meint weiter: „verklausuliert sind die Distanzierungen“ (ebd.). Wenn NUR die Distanzierungen „verklausuliert“ wären, dann wäre stattdessen das „Bekenntnis zum Nationalsozialismus“ ein klares. Aber gerade das scheint nicht Schulins Ansicht zu sein. Denn er betont, diese Rede drücke - wenn auch mit Rücksicht auf seine Hörer „etwas verklausuliert“ - tatsächlich Distanz zum Nationalsozialismus und kein Bekenntnis zu ihm aus, sondern nur eine verständliche „emotionelle Öffnung zur nationalen Hochstimmung der Zeit“ (ebd.). Heimpel sei nur dazu verführt worden, sich der „Aufbruchsstimmung, der hochgespannten Erwartung der studentischen Hörer stellen und seinen eigenen Beitrag dazu leisten“ zu wollen (S. 31). Heimpels 'Vorrede' sei also nur eine singuläre Entgleisung, zu der - nichts und niemand anderes nennt Schulin - ihn seine Hörer verleitet hätten. Er scheint zu meinen, es handle sich weder um ein klares noch um ein verklausuliertes, sondern überhaupt nicht um ein originäres Heimpelsches „Bekenntnis zum Nationalsozialismus“. Es lag mir daran, vor Augen zu führen, was alles Heimpel im Detail schon in seiner ersten 'Vorrede' aus dem Mai 1933 rechtfertigt - die Gleichschaltung der Universitäten, Länder, Gewerkschaften und Parteien -, um zu verdeutlichen, dass diese Einschätzung Schulins offenbar unzutreffend ist.
Bei der 'Vorrede' zu Beginn des Wintersemesters gesteht aber auch Schulin, dass hier „das Glaubensbekenntnis zu Hitler und dem neuen Deutschland viel rücksichtsloser“ ist als in der aus dem Mai (S. 33). Nach dem Plebiszit zur Sanktionierung des Austritts Deutschlands aus dem Völkerbund, zu dessen Propagierung eine „Kundgebung der deutschen Wissenschaft“ in Leipzig zum letzt möglichen Termin - und zwar am Vortag, dem 11.11. bzw. Karnevalstag - mit einem Masseneinsatz deutscher Professoren und u.a. einer Rede Heideggers stattgefunden hatte (Matthiesen S. 59), ließ sich Heimpel mit jenen Sätzen vernehmen, die auch Fried in seinem Eröffnungsvortrag zum letzten Historikertag zitierte: „[...] am 12. November 1933 wählten in geheimem Wahlverfahren alle Deutschen - denn den Rest zählt die Geschichte nicht mehr - Adolf Hitler zu ihrem Führer zur Freiheit, zu einem neuen Deutschland, zu einem neuen Abendland.“ Auch Schulin (S. 33) und Matthiesen (S. 53) zitieren diesen Satz. Da allerdings wieder niemand etwas darüber sagt, wie es sich wirklich verhalten hat, wird weder klar, was Heimpel hier eigentlich behauptet, noch wie Heimpels Position einzuschätzen ist. Denn die Pointe ist ja, dass jemand, der das Verfahren, mit dem die Nazis eine Zustimmung von 92 Prozent erzielten, als 'geheimes Wahlverfahren' bezeichnet und die, die trotz mehr oder minder offener Stimmabgabe und massiver SA-Präsenz in den Wahllokalen den Mut hatten, dagegen zu stimmen, aus der Gemeinschaft 'aller Deutschen' ausschließt, schon in hohem Maße für die nationalsozialistische Regierung eingenommen gewesen sein muss.
Heimpel schloss seine Vorrede vom 14.11.1933 mit dem Satz: „Deutschland wird das Abendland tragen - mögen wir verwehen, wir Sandkörner im Winde der Geschichte.“ (Schulin S. 33f. sowie Matthiesen S. 55) Im Zweiten Weltkrieg, wenn nicht schon im Ersten hieß das: Deutschland muss leben, auch wenn wir sterben müssen (man wies mich auf Heinrich Lersch als eventuellen Urheber dieser Sentenz - über Aufklärung wäre ich dankbar). Und Ernst Jünger titelte später: „70 verweht.“
Fried sprach von dem „den Terror verherrlichende[n] Pathos Hermann Heimpels“. Als einer dieser Freunde, an den Heimpel den Privatdruck seiner „Vorreden“ verschenkte, sah sich auch Ritter samt Frau so geehrt. Heimpel muss so von sich eingenommen gewesen sein oder Ritter so verkannt haben, dass er nicht einmal auf die Idee kam, eine Taktlosigkeit zu begehen, indem er ihm diese auch dem Christentum feindlichen „Vorreden“ verehrte. Denn den stießen sie nachhaltig ab (Matthiesen S. 50f., 111). Genauso wie er sie nicht vergessen konnte, so war auch noch eine andere Äußerung Heimpels Ritter unvergessen geblieben. In einem Brief Ritters an Heimpel vom 24.10.1941 hält er ihm vor, ihm gegenüber einmal gesagt zu haben, „daß Sie persönlich dem Christentum sich nicht zurechnen“ (Matthiesen S. 112 Anm. 28). Ob Schulin auch Frieds und Ritters Äußerungen für 'flache Denunziationen' Heimpels hielte, erscheint mir fraglich.
Erst Heimpels „auffallend antifranzösischer Affekt“, mit dem er dem „nationalsozialistischen Geschichtsbild am nächsten kam“, stört auch Schulin, den Kenner der französischen Geschichte (S. 37f.). Mit den Jahren, als Heimpel 1941 dann auch noch an die wiedereröffnete „Reichsuniversität“ Straßburg, der Künderin des Nationalsozialismus im westlichen Feindesland, gegangen war, wird er ihm immer „parteikonformer“ (S. 39). „Von einer tiefgreifenden Revision seiner Mittelalterauffassung“ nach 1945 kann bei Heimpel nach Schulin nicht die Rede sein, „wenn er auch den neuideologisierten Begriff 'Abendland' nun vermied“ (S. 54f.). Die Desillusionierung des auch von ihm lange geteilten „Reichsmythos“ durch z.B. Friedrich Heer habe Heimpel aber begrüßt (ebd. S. 55).
Josef Fleckenstein, Heimpels Nachfolger im Max-Planck-Institut für Geschichte, sprach in der Gedenkfeier der Göttinger Universität zu Ehren Heimpels 1989 allerdings nicht bloß wie Schulin von „Reichsmythos“, sondern etwas deutlicher von „Reichsmystik“ zumindest 1933 „nazistischer Provenienz“ (S. 35). Heimpel hat seine Vorstellungen vom „Reich“ immer wieder in aller wünschenswerten Klarheit ausgesprochen. In seiner Heidegger gewidmeten Rede hatte er 1933 gesagt (S. 32-34): „Das Mittelalter ist uns das Urbild eines aus der Kraft seiner Mitte geordneten Europa; das Panier der Ritterlichkeit großer geschichtlich verdienter Nationen gegen das Unmittelalterlichste, was sich denken läßt, das System von Versailles, das unritterliche System der französischen Sicherheit, das die deutsche Mitte Europas zusammenschnürt durch das Bündnis mit dem östlichen Völkergeröll [...] Wir glauben, wenn wir Deutschland bauen, bauen wir das Abendland. Wir glauben an das neue Deutschland. [...] wo liegt das Abendland? Das Abendland liegt in Deutschland. Das Abendland ist nicht mehr das Frankreich des zivilisatorischen Imperialismus, der Sicherheit, der Ostbündnisse, der bourgeoisen Versicherung, deren Prämie immer wieder das geschwächte Deutschland zahlt. Sondern das Abendland ist und wird sein das Deutschland der Wahrheit. [...] So wollen wir das Reich. Aber nicht das alte, sondern das neue. Indem wir unser Mittelalter überwinden, werden wir unseres Mittelalters würdig sein.“
Und in dem Sammelband von 1941 heißt es in einem Vortrag von 1936 (S. 73): „Indem wir unser Mittelalter als unsere Jugendstufe begreifen, setzen wir an Stelle der Verdammung die ehrfürchtige Überwindung.“ Und ebendort in einem Aufsatz von 1938 (S. 207): „Wie frei und glücklich ruht aber unser Blick auf dem Ersten Reiche der Deutschen. Nicht ihm erborgt, sondern neu beschworen ist die Kraft, aus der Adolf Hitler den Deutschen ihr Reich erhöhte. [...] Österreich fand heim - die Krone der Könige wird im Großen Deutschen Reich gehütet. Die 'neueren' Zeiten des geschwächten Deutschlands sind vorüber. Was aber erstritten wird, war auch die Ordnung des Ersten Reichs: der Friede der Völker aus der Kraft ihrer Mitte.“
Diese „Reichsmystik“, dieser Traum des „Zauberlehrlings“ Heimpel eines 'neuen Reiches', das das erste 'überwinde' und Europa „aus der Kraft seiner Mitte“ ordne, musste für Heimpel nach 1945 wieder den „'neueren' Zeiten des geschwächten Deutschlands“ weichen.
4. MATTHIESEN - SCHULIN - KRÜGER
4.1. MATTHIESEN
Duchhardt schrieb eine umfassende Biografie Berneys. Matthiesen beschränkte sich zeitlich, bezog aber fast im Stil einer Kollektivbiografie eine Gruppe von Personen ein. Durch neue Quellen konnte er unsere Kenntnis Berneys, Ritters, Stadelmanns und insbesondere Heimpels vertiefen. Erstmals wirft er manches klarere Licht auf dessen Sympathie für den Nationalsozialismus. Er scheint behaupten zu wollen, dass sie nicht - wie Schulin zu glauben scheint - erst seit 1933, sondern schon mindestens seit 1923 datierte. So eindrücklich die Briefe Berneys sind: Solange Heimpels Nachlas und häufig auch die seiner Korrespondenzpartner noch unzugänglich sind, sind - was Matthiesen natürlich weiß - wirkliche Quellen für diese Behauptung noch vergleichsweise rar. Dass für Berney seine Freundschaft mit Heimpel 1932 endete, ist eher - und im Gegenteil zu dem, was Matthiesen behaupten möchte - ein Indiz dafür, dass Heimpel erst 1932 unverkennbar Partei bezog. Dagegen und mithin für Matthiesen sprechen mehr allgemeine Überlegungen, die Matthiesen aber leider nicht anstellt. Z.B. dass Politisierung, die in frühen Lebensjahren wie auch bei Heimpel erfolgte, als er sich am 8./9.11.1923 entschied, bereit zu sein zu glauben, eine lang andauernde Wirkung haben kann und ihn auf jeden Fall früh den bürgerlichen, selbst den konservativen Parteien der Weimarer Republik entfremdet haben mag. Und wie es heutzutage wohl vielen geht, so kann man sich als Anhänger einer Partei empfinden und dennoch gleichzeitig der Meinung sein, nur mit einem kleinen Teil ihrer Ansichten wirklich übereinzustimmen, ja kann man sich als Anhänger einer Partei empfinden, ohne viel von ihrer Programmatik zu kennen, häufig auch nicht einmal kennen zu wollen.
Das stärkste Argument für eine frühe Distanz Heimpels zu den bürgerlich-konservativen Parteien und mithin Nähe zu den Nazis ist Matthiesen aber erstaunlicherweise entgangen. Es ist das explizit mit Albrecht Haushofer geteilte Schwärmen für Oswald Spengler. Denn Matthiesen scheint sich über den „Staatsozialismus“ von Berneys Dissertation von 1920 und den „nationalen Socialismus“ seines Briefes an Heimpel vom 16.11.1923, dem Heimpel schon da nahe gestanden zu haben scheint und den er im Mai 1933 als „idealistischen Staatsozialismus“ bezeichnete, keine Gedanken gemacht zu haben. Dass es nicht der Sozialismus von Marx oder der SPD ist, ist offensichtlich, wenn er wie bei Berney so verschroben sein kann, dass er sich mit der „Idee des wahrhaft volksgemäßen, ständisch aufgebauten Staates“ oder wie bei Heimpel mit der Zerschlagung der Gewerkschaften verbinden kann.
Spengler schrieb 1922 in seinem Buch „Preußentum und Sozialismus“: „Friedrich Wilhelm I. und nicht Marx ist in diesem Sinne der erste bewußte Sozialist gewesen.“
[50]
„Wenn der Ordensgedanke 'Alle für alle' eine moderne Fassung erhielt, so war es nicht die Bildung von Parteien, die nach unten auf dem Wege der Wahlen alle paar Jahre einmal dem Volk das Recht gaben, für den von der Partei ernannten Kandidaten oder überhaupt nicht zu stimmen, während sie nach oben als Opposition in die Regierungsarbeit eingriffen, sondern es war das Prinzip, jedem einzelnen nach Maßgabe seiner praktischen, sittlichen, geistigen Fähigkeiten ein bestimmtes Maß von Befehl und Gehorsam anzuweisen, einen ganz persönlichen Grad und Rang von Verantwortung also, der jederzeit, wie ein Amt, widerruflich war. Dies ist das 'Rätesystem', wie es vor hundert Jahren der Freiherr vom Stein geplant hatte, ein echt preußischer Gedanke, der auf den Grundsätzen der Auslese, der Mitverantwortung, der Kollegialität beruhte.“
[51]
„Die Arbeiterschaft muß sich von den Illusionen des Marxismus befreien. Marx ist tot. [...] Es gibt für den Arbeiter nur den preußischen Sozialismus oder nichts.“
[52]
Der hier zum Ausdruck gebrachte Elitismus und „Ordensgedanke“, das autoritäre Staatsdenken bei selbstverständlicher Ungleichbehandlung der Menschen scheinen in je verschiedenem Grade sowohl Berney wie Heimpel als auch Haushofer und vielen anderen jungen Intellektuellen der Nachkriegszeit sympathisch gewesen zu sein.
Matthiesen ist sich der begrenzten Aussagekraft seiner Hauptquellen durchaus bewusst. Deswegen betont er ähnlich wie Schöttler, dass „Heimpels erfolgreicher Weg durch das 'Dritte Reich' bis heute weitgehend noch gar nicht untersucht“ ist (Matthiesen S. 12). Leider merkt man dem Büchlein an, dass es als ein Aufsatz für eine fachwissenschaftliche Zeitschrift geschrieben war. Für manches hätte man sich eine Erklärung gewünscht. So hätte man (S. 20) schon gerne mitgeteilt bekommen, welchen „Moser“ Berney da meinte: Johann Jakob oder seinen Sohn Friedrich Carl (bekannt durch seine Schrift „Von dem deutschen National-Geist“ von 1765). Erklärungsbedürftig ist auch Berneys apokryphe Wendung, dass es „in diesem Gesinnungsraume [...] keine Heiligung des Zweckes durch die Mittel“ gibt (ebd.) - gibt es das überhaupt je, daß die Mittel den Zweck heiligen? Also genau umgekehrt, wie man es kennt?
Dass der Verlag den prägnanten ursprünglichen Titel „'Da fiel es mir plötzlich ein, daß ich Jude sei.' Arnold Berney und seine Kollegen Hermann Heimpel und Gerhard Ritter in ihrer Haltung zum Nationalsozialismus“ (Matthiesen S. 99 bzw. Heimpel S. 425) in eine etwas blasse „Verlorene Identität“ bei Fortfall aller Namen im Untertitel änderte, war nicht glücklich. Mit der ausdrücklichen Erwähnung von Ritter und Heimpel würde das Büchlein gewiss mehr Interesse auf sich ziehen als bloß mit der des recht unbekannten Berney. Dass der Verlag die z.T. reichlich gesäten Anmerkungen ans Ende des Textes verwies, erschwert die Lektüre unnötig, da man von dort häufig weiter ins Literaturverzeichnis blättern muss. Dem Buch ist die Edition eines von Matthiesen in Potsdam entdeckten aufschlussreichen, musikphilosophischen Manuskriptes Berneys über „Die deutsche Symphonie“ beigegeben. Seine Überlieferung in der DDR geht auf Beschlagnahmungen durch NS-Behörden zurück. So verdienstvoll sie ist, man vermisst aber doch eine wirkliche Edition wenigstens der für Matthiesen zentralen Briefe Berneys an Heimpel vom 16. und 17.11.1923 und eine Liste mit den Daten der erhaltenen Briefe.
4.2. SCHULIN
Heimpel hatte zwischen 1954 und 1959 seine einstündige Vorlesung „Deutsche Geschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart“ - so ihr erster Titel - mehrfach gehalten. Damals hatten viele von Heimpel die große neue „Deutsche Geschichte“ erwartet. Die Vorlesung wurde als ihr erster öffentlicher Probelauf dazu angesehen. Zwar hatte er selbst schon 1955 die Einleitungsstunde veröffentlicht und auf Bitte seines Göttinger Verlages 1960 die Publikation von vier weiteren der 13 Vorlesungsstunden erlaubt, doch dabei blieb es dann. Deswegen zieht diese Vorlesung anhaltendes Interesse auf sich - als einzige Quelle dafür, was von Heimpel zu erwarten gewesen wäre, wenn er denn der Erwartung an ihn nachgekommen wäre.
Für die Vorlesung hatte Heimpel ältere eigene Anschauungen weiterentwickelt. Die Skizze Canossas in seiner Heidegger gewidmeten Freiburger Universitätsrede von 1933 (S. 29ff.) war ein erster Niederschlag der Idee, die er in seiner „Rede, gehalten in [...] Leipzig zur Feier der Reichsgründung und des Tages der Nationalen Erhebung, am 30. Januar 1939“ des Titels „Hauptstädte Großdeutschlands“ zum ersten Mal entwickelte.
[53]
Etwas vereinfacht verfolgte er diese durchaus modern klingende Idee wieder in seiner Vorlesung der 1950er-Jahre: Die Erzählung der deutschen Geschichte seit Karl dem Großen nach Orten zu organisieren: zwar tatsächlichen Orten und zu ihrer Zeit so etwas wie Kristallisationspunkten des Geschehens, an denen sich einige der Dinge der „großen Politik“ ereigneten, die man auf jeden Fall erzählen bzw. kennen muss, doch in gewisser Weise auch „lieux de mémoire“, „Gedächtnisorten“. Schulin hebt weiter hervor, dass Heimpel „nicht Orte harmonischer Höhepunkte der deutschen Geschichte [...], sondern Orte der Krisen, der schicksalhaften Dualismen“ wählte.
[54]
Diese Orte waren in den 1950er-Jahren: Aachen, Magdeburg, Canossa, Gelnhausen, Marienburg, Wittenberg, Wien und Potsdam (das Friedrichs des Großen), Weimar und Frankfurt (das Weimar der Klassik bis hin zum Frankfurt von 1848), Königgrätz, Berlin und Bayreuth, Verdun, Nürnberg und Potsdam (das Nürnberg der Reichsparteitage und des Militärgerichtshofes, das Potsdam der Auflösung Preußens und Teilung Deutschlands durch die Alliierten).
Die Publikation von 1960 enthielt die Kapitel Aachen, Canossa, Wittenberg und Frankfurt. Schulin ergänzt sie um die beiden Kapitel Marienburg sowie Berlin - Bayreuth. Nach dem Typoskript druckt er auch die schon von Heimpel publizierte „Einleitung“ ab, obwohl die Abweichungen der beiden Fassungen geringfügig sind. Dennoch enthält sie Aufschlussreiches. Denn Hitler ist z.B. im Typoskript einmal mehr ein UFO, das über die Deutschen kam: „Zu einem Teil ließ es [das deutsche Volk] die Instinkte eines Mannes in sich ein [...]“ (Schulin S. 80). Juden sind in beiden Fassungen „Fremde“, auf jeden Fall keine Deutschen: „Die Ableitung deutscher Missgefühle auf Fremde, besonders auf [...] Juden [...]“ (ebd.). Dass Heimpel hier nur „Ostjuden“ meinte, ist zumindest nicht zu erkennen. Und da auch Juden Christen und Deutsche geworden waren, können 'deutsche Missgefühle' ihnen gegenüber nur „Arier“ hegen, kann eigentlich nur ein Rassist diese jüdischen Deutschen so von den arischen „Deutschen“ abgrenzen, insbesondere wenn sie getauft waren. Und „die Jugendbewegung, die Frauenbewegung, die pädagogische Bewegung, das Bauhaus“ meinte Heimpel „als abkürzende Siglen“ der Krise seit der Jahrhundertwende nennen zu müssen, obwohl seine eigene erste Frau sowohl von der Frauenbewegung als auch dieser 'pädagogischen Bewegung' geprägt war (ebd. S. 66). Diese zwar einst geläufigen, heute aber entweder als verstaubt konservativ-kulturkritischen oder als Wurzel der „Endlösung“ erkannten Ansichten bleiben bei Schulin unkommentiert.
Schulins Buch ist von der Pietät des Schülers geprägt. Er will nur das bringen, was seiner Ansicht nach das Ansehen seines Lehrers fördert oder wenigstens nicht allzu sehr schädigt. Für fördernd scheint er Heimpels vergleichsweise neue Form der Organisation alten Stoffes und ansonsten nur noch diese zwei von ihm edierten Vorlesungsstunden zu halten. Die restlichen sechs Stunden wollte er aber offenbar nicht mehr publizieren. Eine wirkliche Begründung dafür gibt er nicht. Nach seiner Inhaltsübersicht über die gesamte Vorlesung zu urteilen (S. 44-51), veröffentlichte er keine weitere Stunde, weil sie entweder eine Heimpel „persönlich fremdeste Zeit“ betrafen und daher „matt“ ausfielen (S. 47), oder weil er etwas „unsicher und ohne Wärme“ nachzeichnete etc. (S. 48; S. 15 hält Schulin „eine nachträgliche Veröffentlichung“ der restlichen Stunden für „nicht angemessen“, ohne einen Grund zu nennen).
Es fragt sich aber, ob Schulins Kriterien angemessen und dienlich sind. Schon um Heimpel und seine Konzeption der deutschen Geschichte besser beurteilen zu können, hätte man es begrüßt, nun auch z.B. seine Auffassung zum ersten Weltkrieg kennen zu lernen, selbst wenn er hier, wie Schulin meint, nur „in Übereinstimmung mit der damals noch herrschenden wissenschaftlichen Ansicht“ urteilte (S. 49).
Schulin leitet seine Edition mit einer biografischen Einordnung und einem Abriss einer „Geschichte der Nationalgeschichtsschreibung“ (S. 16) ein. Es schließt sich eine Inhaltsbeschreibung der Vorlesung und ein Ausblick auf die weitere Geschichte des Projekts einer deutschen Nationalgeschichte bis in die jüngste Zeit an. All das ist gewinnbringend zu lesen. Im Sinne einer Dokumentation hätte man sich aber die Edition weiterer Stunden der Heimpelschen Vorlesung gewünscht. Schulin erschien sie wohl nicht möglich, ohne das Ansehen seines Lehrers zu schädigen. Er mag geglaubt haben, Heimpel und seinen Verehrern mit dieser Rücksicht zu dienen. Der Erkenntnis der Verfassung der deutschen historischen Wissenschaft nach 1945 dient er damit nicht so sehr, wie es ihm mit einer vollständigen Edition möglich gewesen wäre.
4.3. KRÜGER
Von anderer Dignität als Schulins Edition ist dagegen die von Krüger. Den ca. 320 Seiten wieder abgedruckter Texte stehen gut 80 Seiten ungedruckter Texte aus Heimpels Nachlas gegenüber. Ein Grund, sie zu publizieren, mag gewesen sein, dass Hartmut Boockmann in seinem 1990 erschienen Portrait „Der Historiker Hermann Heimpel“ davon einen nicht unbeträchtlichen Teil ausgewertet und auch in den Anmerkungen jeweils erwähnt hatte. Auch anderen Forschern standen schon Texte zur Verfügung, die hier jetzt zugänglich sind: Duchhardt, K. D. Erdmann, W. Schulze, H. Fuhrmann, L. Perlitt. Sie waren also nicht mehr unbekannt und erweckten das Interesse etlicher. Ihre Edition ist nur zu begrüßen. Sie ist auch mit großer Sorgfalt und hinreichend vielen Erklärungen erfolgt. Erfreulich ist, dass die Lebensdaten der meisten erwähnten Wissenschaftler genannt werden. Das Register ist ebenfalls sehr verlässlich. Manchmal hätte man sich aber ein paar Hinweise zur Datierung dieser Manuskripte gewünscht.
Boockmann wie Krüger nennen aber noch weitere Manuskripte. Über Heimpels Verhältnis zum Nationalsozialismus mögen seine Gutachten für die Verfahren vor dem Entnazifizierungsausschuss in Tübingen einmal gegen seinen vormaligen Straßburger Kollegen Ernst Anrich
[55]
und im anderen Fall gegen Ernst Buchner Interessantes enthalten. Anrich war von 1952 bis 1966 geschäftsführender Direktor der 1949 gegründeten Wissenschaftlichen Buchgesellschaft
[56]
und trat, als Ende der 1960er-Jahre die NPD erhebliche Wahlerfolge erzielte, „als einer von deren Protagonisten noch einmal politisch hervor“.
[57]
Nach K. F. Werner wurde Anrich dann auch auf Grund „seiner offen bekundeten Beziehung zur NPD“ als Geschäftsführer der WB abgelöst.
[58]
Krüger erwähnt (Heimpel S. 234) ein „cum ira et studio“ geschriebenes 25-seitiges Typoskript über Hermann Mau, Heimpels Schüler, Straßburger Assistenten, Leiter eines 'Wohnheims für Jungarbeiter und Studenten' in München und dann dort erster Generalsekretär des Instituts für Zeitgeschichte
[59]
; ein 61-seitiges und bisher unbekanntes Manuskript Hellmanns über Luther (Heimpel S. 151) und weitere Manuskripte zu Below (ebd. S. 176). Boockmann erwähnt noch einen Essay über Ludwig Thoma
[60]
, ein autobiografisches Fragment „Verfrühung“
[61]
, zwei schon von Winfried Schulze in seinem Buch „Deutsche Geschichtswissenschaft nach 1945“
[62]
verwertete Gutachten Heimpels für die Max-Planck-Gesellschaft über Aufgaben eines historischen Forschungsinstituts der Gesellschaft (S. 63 Anm. 127; bei Schulze S. 248) sowie ein Manuskript über die Sitzordnung auf dem Basler Konzil (S. 46 bzw. 67f. Anm. 184). Die 16 Meter des bis zum 23.12.2018 gesperrten Nachlasses Heimpels sind bisher weitgehend unerschlossen. Und an den mir freundlicherweise von der Handschriften-Abteilung der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen vorgelegten Abgabelisten konnte ich nicht erkennen, ob er noch interessante Inedita enthält.
Auf den ersten 100 Seiten des Krügerschen Buches sind wichtige Aufsätze Heimpels wiederabgedruckt. Es folgt der Hauptteil des Buches mit 230 Seiten Text chronologisch und mithin nach den Stationen von Heimpels Karriere - München, Freiburg, Leipzig und Göttingen - geordnet und bringt, wie Boockmann schon vorschlug, hauptsächlich „biografische Würdigungen und autobiografische Fragmente“ (Heimpel S. 11). Natürlich ist es auffällig, dass Texte aus Heimpels Straßburger Zeit gänzlich fehlen. Doch die Editorin schreibt selbst: „Es fehlt also - grob gesagt - die NS-Zeit: das Rektorat Heidegger in Freiburg, die Leipziger und die Straßburger Zeit“ (ebd.). Sie meint, „der Bezug auf die eigene Person erklärt die springende, um nicht zu sagen, emotionale Chronologie“ (ebd.). M.a.W.: Er selbst wollte sich nicht daran erinnern. Das wird auch deutlich in seinen Erinnerungen an Berney, wenn er die NS-Zeit erreicht: „In einem für Berney, für mich und für das Freiburg nach der 'Machtübernahme' des 30. Januar wichtigen Punkt läßt mich mein Gedächtnis im Stich“ (ebd. S. 163). Doch leider scheinen auch über andere 'wichtige Punkte' dieser Zeit von ihm kaum Erinnerungen überliefert zu sein. Von einer Tätigkeit Berneys „an der jüdischen Hochschule in Berlin“, von der ihm Duchhardt erzählte, wußte Heimpel auf jeden Fall „nichts“ (ebd. S. 162).
Erinnerungen zur NS-Zeit von Heimpel scheint es über die in Krügers Band edierten oder wenigstens erwähnten Texte nicht zu geben. Natürlich ist es für manchen bedauerlich, dass sie nicht die noch von ihr und Boockmann genannten Typos- und Manuskripte veröffentlichte. Und genauso, dass sie nicht die ein oder andere Publikation dieser Zeit, die schwer zugänglich ist, mit aufgenommen hat.
[63]
Doch als Editorin ist es ihr gutes Recht, eine Auswahl zu treffen, die nicht mit den Interessen aller ihrer Leser übereinstimmt. Die Behauptung Schöttlers „in dem kürzlich von einer ehemaligen Mitarbeiterin edierten Aufsatzband: Aspekte. Alte und neue Texte [...] wird das 'Dritte Reich' [...] explizit ausgeklammert“ ist zwar korrekt, aber sollte er sie als Vorwurf gemeint haben, dann wäre sie nicht fair, da Krüger einen Grund für diese Auswahl angibt, für den - neben der Konzeption des Bandes - primär Heimpel selbst verantwortlich ist: seine Unwilligkeit, sich zu erinnern.
[64]
In Krügers Band finden sich so offenbar fast alle der bekannten, aber bisher unpublizierten Texte Heimpels (das Verhältnis von publizierten zu unpublizierten Texten ist in diesem Hauptteil des Bandes 2:1). Heimpel schrieb Nachrufe auf Hellmann, Friedrich Wilhelm (Germanist), Heinrich Finke, Stadelmann, Herbert Grundmann, Mau, Hermann Nohl, S. A. Kaehler, P. E. Schramm, Theodor Heuss und Berney. Er schrieb sie teilweise aus Neigung für Freunde, teilweise auch aus Pflicht als z.B. Akademiemitglied. Schon durch seine erste Frau, die ihren Lehrer Nohl zeitlebens in Ehren hielt, und dann durch die gemeinsame Zeit in Göttingen seit 1945 wusste er viel von ihm, obwohl er ihn anderenorts als Schöpfer der „pädagogischen Bewegung“ und mithin als der eines 'Krisensymptoms dieses Jahrhunderts' charakterisierte, während seine Frau als Doktorandin die „Aufklärung“ gerade als eine solche Bewegung dargestellt hatte. Den Erinnerungen Heimpels an Georg von Below hat Krüger sinnigerweise den Nachruf Berneys auf diesen beigegeben (als einzigen neben der Einleitung nicht von Heimpel stammenden Text in diesem Band). Die Texte werden von den fast 70 Seiten einnehmenden Rezensionen Heimpels der Korrespondenzbände Jacob Burckhardts beschlossen. Neben dem Wiederabdruck wichtiger Aufsätze ist es besonders erfreulich - Boockmanns Idee bewährt sich -, diese Portraits und Nachrufe in handlicher und ansprechender Form in diesem Band vereint vorliegen zu haben. Kleinere, unbedeutende Fehler blieben nicht aus. S. 170 wird nicht ein „Wendt“, sondern der Philosoph Wilhelm Wundt gemeint sein. Sigfrid Steinbergs Vorname findet sich leider wieder einmal falsch geschrieben (S. 169 u. 174 - gerade einem ins Exil verdrängten Juden gegenüber ist das bedauerlich; s. den Nachruf auf ihn von Ahasver v. Brandt, in: Hansische Geschichtsblätter 87 (1969), S. 1-6).
Heimpels biografische Skizzen liest man mit Interesse und Gewinn. Eine gewisse Wehleidigkeit des 'Edlen', des 'Zauberlehrlings“, der das, was er rief, nicht zu beherrschen vermochte, berührt mitunter etwas unangenehm: die Wehleidigkeit dessen, der mit Albrecht Haushofer, diesem „Mann der äußersten Rechten“ befreundet war, der mit ihm zusammen wie damals viele ähnlicher Gesinnung Oswald Spengler bewunderte, für den es dann während des Kapp-Putsches im Februar 1920 „selbstverständlich“ war, „mit dem Freikorps Epp gegen die Kommunisten“ zu ziehen
[65]
und dessen Sympathien seit 1923 in beträchtlichem Maße den Nazis gegolten haben werden, der dann aber gemäß seiner Selbststilisierung wie andere 'Edle' Opfer des ab 1933 obwaltenden „Gemeinen“ geworden sein will, das sich seiner und ihrer bediente. Heimpels großes Schuldbewusstsein, das er auch öffentlich bekannte und hinter dem immer deutlicher eine tiefe Religiosität hervortrat, konnte Beobachter erstaunen und irritieren. Dass er überhaupt zu Schuldbekenntnissen in der Lage war, hebt ihn von sehr vielen anderen ab, die weit mehr als Heimpel in die Taten und Untaten der Nazis verwickelt waren. Trotzdem blieben sie sehr allgemein, gingen einmal sogar mit dem Eingeständnis einher, „nicht gern“ an die NS-Zeit zurück zu denken.
[66]
Das scheint einerseits Heimpels Nachlas zu bestätigen. Denn offenbar vermied er es, sich der NS-Zeit zu erinnern. Andererseits neigte er, wenn er sich dann doch konkret erinnerte, zur damals durchaus üblichen Stilisierung als Opfer und Verführter. Man wird ihm das kaum verdenken wollen. Aber man muss sich dann doch fragen, welche Schuld er da eigentlich bekennt, wenn er sich ihrer nicht wirklich zu erinnern wagt.
So eindeutig Heimpels Herkunft und frühen Prägungen, seine Sympathien, sein Engagement von 1933 bis 1941 auch zu sein scheinen, so schwer ist es doch, Heimpels Verhalten gegenüber dem Nationalsozialismus insgesamt zu beurteilen. Das liegt nicht nur an seiner Neigung, sich nicht wirklich zu erinnern und zu den interessierenden Fragen der eigenen Biografie und der seiner Freunde sich im literarischen, vieldeutigen „gewählten“ Ausdrucke zu verlieren. (An diesen Stellen beginnt man, sich zu fragen, ob diese Neigung nicht vielleicht auch sein wissenschaftliches Werk kontaminiert haben mag.) Es liegt auch daran, dass sehr vieles, was die NS-Zeit betrifft, noch im Dunkeln liegt. Nachlässe und Akten sind noch unzugänglich oder schon verloren. Und dass man sämtliche Konnotationen und Subtexte der Texte der damaligen Zeit schon entschlüsseln könnte, wird niemand behaupten wollen. Und ein Historiker ist nicht nur ein Textproduzent, sondern als akademischer Lehrer auch jemand, der Schüler zieht oder abweist und Berufungspolitik betreibt. Die wahre Gesinnung eines Menschen wird vielleicht viel deutlicher als in seinen Texten in seinen an Hand von Akten und Korrespondenzen rekonstruierbaren Handlungen, wozu auch gehört, was er unterließ. Doch das Wissen über das faktische, größtenteils akademische Verhalten Heimpels in der NS-Zeit ist noch sehr gering.
Rasse, Führer- und Germanentum waren trotz diverser Formulierungen nicht wirkliche Herzensangelegenheiten Heimpels - anders als sein Traum „eines aus der Kraft seiner Mitte geordneten Europa“. Er hatte offenbar die rechte Dosis Distanz und Opportunität getroffen, die ihm einerseits einen Ruf nach Straßburg einbrachte, auch ohne Mitglied der Partei zu sein, die ihn andererseits aber in den Augen vieler seiner Verehrer als fast schon Oppositionellen erscheinen ließ. Auch wenn Heimpel durchaus das Bedürfnis hatte, sich in seinen Erinnerungstexten bis zu einem gewissen Maße zu bekennen und zu erkennen zu geben, so verfällt er ab einem bestimmten Punkt immer wieder in geläufige Stilisierungen. Das ist bedauerlich, aber gewiss nichts anderes als menschlich. Als einer der wenigen deutschen Historiker, die Schuld überhaupt einzugestehen vermochten, ist er zu schätzen. Unabhängig davon ist, dass er ohne jede Frage ein ganz ungewöhnlich wortmächtiger, reflektierter und anregender Historiker war, einer, der sowohl für das Detail als auch die großen Linien der Geschichte einen untrüglichen, Wesentliches rasch treffenden Sinn hatte.
[1] Fahlbusch und Kocka in H-Soz-u-Kult und universitas, Beer in den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte und Geschichte in Wissenschaft und Unterricht (GWU).
[2] GWU 2 (1999), S. 67-73.
[3] Zeitschrift für Geschichtswissenschaft (ZfG) 10 (1998), S. 869ff., hier S. 872f.
[4] Ebd., S. 873.
[5] Schöttler, Peter, Die historische 'Westforschung' zwischen 'Abwehrkampf' und territorialer Offensive, in: Ders. (Hg.), Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft 1918-1945, Frankfurt am Main 1997, S. 204-261, hier S. 251.
[6] Boockmann, Hartmut, Der Historiker Hermann Heimpel, Göttingen 1990, S. 19, S. 24 - er erwähnt weder Petri noch Höfler; zu Petri s.: Schönwälder, Karen, Historiker und Politik. Geschichtswissenschaft im Nationalsozialismus, Frankfurt am Main 1992, S. 187 und Schöttler S. 216-220; zu Höfler s.: Heiber, Helmut, Universität unterm Hakenkreuz. Teil 2: Die Kapitulation der Hohen Schulen. Das Jahr 1933 und seine Themen Bd. 1, München 1992, S. 238; zu Fricke: Schöne, Albrecht, Göttinger Bücherverbrennung 1933 (Göttinger Universitätsreden 70), Göttingen 1983.
[7] Heimpel, Hermann, Die halbe Violine. Eine Jugend in der Residenzstadt München, Stuttgart 1949, S. 273.
[8] Universitätsarchiv Göttingen (UAG), PA Heimpel.
[9] Ders., in: Hermann Heimpel zum 80. Geburtstag, Göttingen 1981, S. 41-47, hier S. 41.
[10] Nohl war in einem Gesuch an Hitler 1934 sogar als „nichtjüdischer extremer Sozialdemokrat“ denunziert worden, dem er vor der Göttinger Philosophischen Fakultät widersprach - s. Ratzke, Erwin, Das Pädagogische Institut der Universität Göttingen. Ein Überblick über seine Entwicklung in den Jahren 1923-1949, in: Becker, Heinrich; Dahms, Hans-Joachim; Wegeler, Cornelia (Hgg.), Die Universität Göttingen unter dem Nationalsozialismus, München 1987, S. 208f.
[11] Elisabeth Heimpel-Michel, Langensalza 1928, S. 113.
[12] Dies. (Hg.), „Des Kennenlernens werth“. Bedeutende Frauen Göttingens, Göttingen 1993, S. 304; vgl. auch Boockmann wie Anm. 6, S. 50.
[13] Christard Hoffmann erwähnt weitere in London und Israel, ZfG 1994, S. 263f.
[14] Heimpel, Hermann, Traum im November, in: GWU 32 (1981), S. 521-25, hier S. 521.
[15] Ebd. S. 522.
[16] Auch zitiert bei Boockmann wie Anm. 6, S. 54 Anm. 54.
[17] Fleckenstein, Josef, Gedenkrede auf Hermann Heimpel, in: In memoriam Hermann Heimpel (Göttinger Universitätsreden 87), Göttingen 1989, S. 37f.
[18] UAG, PA Heimpel.
[19] Boockmann wie Anm. 6, S. 54 Anm. 37.
[20] Ebd.
[21] Ders. S. 38; vgl. L. Perlitt, in: ebd. S. 49.
[22] Ott, Hugo, Martin Heidegger. Unterwegs zu seiner Biographie, Frankfurt am Main 1988, S. 27, vgl. auch S. 139-145.
[23] Ebd. S. 142.
[24] UAG, PA Heimpel sowie Niedersächsische Hauptstaatsarchiv (StAH) Nds. 171 Hildesheim Nr. 12667 Hermann Heimpel (Entnazifizierungsakte Heimpel).
[25] Booms, Hans, Die Deutsche Volkspartei, in: Matthias, E.; Morsey,v (Hgg.), Das Ende der Parteien 1933, Düsseldorf 1960, S. 533.
[26] Ebd. S. 534.
[27] Ott wie Anm. 22, S. 141.
[28] Ebd. S. 143.
[29] Heimpel, Hermann, Deutschlands Mittelalter - Deutschlands Schicksal (Freiburger Universitätsreden 12), Freiburg im Breisgau 1933.
[30] Jacobsen, Hans-Adolf, Karl Haushofer. Leben und Werk, Boppard am Rhein 1979, S. 41 Anm. 25.
[31] Heimpel, Hermann, Nachklänge, hg.v. S. Krüger, Göttingen 1990, S. 36.
[32] Heimpel, Hermann, Zwei Vorreden zu Vorlesungen 1933, o.O. o.D. (1934).
[33] UAG PA Heimpel; StAH Entnazifzierungsakte Heimpel.
[34] Fleckenstein wie Anm. 17, S. 35; ebenso Schönwälder wie Anm. 6, S. 61.
[35] Heimpel wie Anm. 32, S. 6.
[36] Fleckenstein wie Anm. 17, S. 35.
[37] Heimpel, Hartmut, Deutsches Mittelalter, Leipzig 1941, S. 31-49, Zitat S. 48.
[38] Straßburger Monatshefte, Jg. 5, H. 11, S. 682f.
[39] Ebd. S. 686f.
[40] Ebd. S. 683.
[41] Ebd. S. 738-743, Zitat S. 739.
[42] StAH Entnazifizierungsakte Heimpel.
[43] Fleckenstein wie Anm. 17, S. 35 u. 38; vgl. Boockmann wie Anm. 6, S. 55 Anm. 48 mit Verweis auf Schumann, Peter, Die deutschen Historikertage 1893-1937, Marburg 1974, S. 420f.
[44] Fleckenstein wie Anm. 17, S. 38 mit Verweis auf einen Artikel von Karl Korn über Heimpel in der FAZ vom 20.9.1971; „zum Einfluß des Germanisten Otto Höfler auf die Mediävistik“ verweist Schulin, S. 37 Anm. 66, auf Graus, Frantisek, Verfassungsgeschichte des Mittelalters, in: HZ 243 (1986), S. 561ff.
[45] Boockmann wie Anm. 6, S. 21.
[46] Ebd. S. 55 Anm. 49.
[47] Schöwälder wie Anm. 6, S. 265.
[48] Frantisek Graus in: Blätter f. dt. Landesgeschichte 108 (1972), S. 211-222.
[49] Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte 17 (1969), S. 87-95, hier S. 94.
[50] Spengler, Oswald, Preußentum und Sozialismus, München 1922, S. 42.
[51] Ebd. S. 60f.
[52] Ebd. S. 98; für den Hinweis auf dieses eigentlich ja weithin bekannte Buch bin ich Hans-Joachim Dahms, Göttingen, dankbar.
[53] Heimpel wie Anm. 37, S. 214 bzw. S. 144-159.
[54] Ebd. S. 52f., was natürlich ganz auf der Linie dessen lag, wodurch sich für ihn schon in seinem „Straßburger Programm“ die neueren Darstellungen der mittelalterlichen Geschichte auszeichneten: die Betonung der „Gegensätzlichkeit“ der damaligen Welt.
[55] Boockmann vom 13.6.1951, Ders. wie Anm. 6, S. 55f. Anm. 50.
[56] Freundl. Mitteilung von Frau Bauer, Presse-Abt. der WBG vom 21.12.1998.
[57] Boockmann wie Anm. 6, S. 55.
[58] Ebd. S. 51.
[59] Krügers Einschätzung bestätigen die fast verbitterten Zitate aus diesem Typoskript bei Boockmann wie Anm. 6, S. 50 Anm. 13 u. S. 63 Anm. 24.
[60] Boockmann wie Anm. 6, S. 49 Anm. 8.
[61] Ebd. S. 53 Anm. 31.
[62] Schulze, Winfried, Deutsche Geschichtswissenschaft nach 1945, München 1989.
[63] z.B. Ottonen und Salier, in: Reichsplanung 1, 1935; Fälschung der Deutschen Geschichte?, in: Offenes Visier 28.5.1936 (s. dazu Boockmann wie Anm. 6, S. 18f.); Der Kampf um das Erbe Karls d. Gr., in: Dt. Allgem. Ztg. 24.3.1940.
[64] Schöttler wie Anm. 5, S. 251.
[65] Heimpel, Hermann, Worte der Besinnung, o.O. 1957, S. 9.
[66] Heimpel, Hermann, Gegenwartsaufgaben der Geschichtswissenschaft, in: Ders., Kapitulation vor der Geschichte, Göttingen 1960, S. 49. HistLit / Klaus-Peter Sommer über Matthiesen, Michael: Verlorene Identität. Der Historiker Arnold Berney und seine Freiburger Kollegen 1923-1938. Göttingen 1998. In:
H-Soz-u-Kult 19.02.1999 HistLit / Klaus-Peter Sommer über Schulin, Ernst: Hermann Heimpel und die deutsche Nationalgeschichtsschreibung.Heidelberg 1998. In:
H-Soz-u-Kult 19.02.1999 HistLit / Klaus-Peter Sommer über Heimpel, Hermann: Aspekte. Alte und neue Texte. Göttingen 1995. In:
H-Soz-u-Kult 19.02.1999 HistLit / Klaus-Peter Sommer über Duchhardt, Heinz: Arnold Berney (1897-1943). Das Schicksal eines jüdischen Historikers. Köln 1993. In:
H-Soz-u-Kult 19.02.1999
Schöttler, Peter (Hg.): Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft 1918-1945.Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch Verlag 1997.
ISBN: 3-518-28933-0; 320 S. Rezensiert von: Michael Fahlbusch, Basel Der 42. Deutsche Historikertag in Frankfurt wird sich in Kürze in seiner wohl brisantesten Sektion mit der Frage befassen, wie sich die deutschen Historiker im Nationalsozialismus verhalten haben. Damit wird eine Debatte fortgeführt, die bereits im Sommer 1997 unter der Leitung von Jürgen Kocka in der "Berliner Arbeitsstelle für vergleichende Gesellschaftsgeschichte" zu erheblichen Streit geführt hat. Während der "Berliner Debatte" ist erstmals unter Beteiligung eines Grosseren Fachpublikums erläutert worden, dass prominente Historiker wie Hermann Aubin, Theodor Schieder und Werner Conze aktive Parteigänger des Nationalsozialismus waren. Seitdem ist das Selbstverständnis der "Zunft" der Historiker schwer erschüttert. Immerhin steht das Renommee bedeutender Fachvertreter auf dem Spiel: Hermann Aubin vertrat von 1953 bis 1958 als Präsident den Verband der Historiker Deutschlands; Theodor Schieder teilte dieses Amt zwischen 1967 und 1972; ihm folgte Werner Conze, der bis 1976 den Vorsitz innehatte. Laut Peter Schöttler, der jetzt einen Sammelband zum Thema "Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft" vorgelegt hat, sollen die bundesdeutschen Historiker selbst dafür gesorgt haben, dass die Verflechtung zwischen Wissenschaft und Politik im Nationalsozialismus bewusst heruntergespielt worden sei. Bis weit in die 1980er-Jahre hinein, so erklärt Peter Schöttler in seinem Vorwort, herrschte die Auffassung vor, es habe keine nationalsozialistischen Historiker gegeben. Und wenn solche doch zugegeben wurden, so stellte man sie als "wildgewordene Studienräte" hin, denen der Zugang in die hoeheren Raenge der "Zunft" verwehrt geblieben sei, wie Hans Rothfels in den 1960er-Jahren schrieb. Provokativ hebt Schöttler vor, die ältere Forschungsliteratur habe bewusst "desinformiert".
Die wichtigsten Politikfelder, die von Historikern im Nationalsozialismus begleitet wurden, werden in dem Sammelband ausführlich behandelt: Dies betrifft die Rechtfertigung der nationalsozialistischen Außen- und Innenpolitik zwischen 1933 und 1938, die ideologische Vorbereitung der ethnischen Säuberung in den besetzten Gebieten in Polen ab 1939 und die Beteiligung an der "Endlösung" der "Judenfrage" bis 1945. Dabei bezieht sich Schöttler ausdrücklich auf die Rolle der "Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften" im Nationalsozialismus. Es handelte sich bei diesem deutsch-österreichischen Wissenschaftsverbund um einen Brain-Trust, der grenzüberschreitend auf jeweils regionale Fragen der Bevölkerungspolitik in Frankreich, in Italien und in der Schweiz, in der Tschechoslowakischen Republik und in Polen spezialisiert war. Diesem Forschungsverbund gehörten neben Historikern auch Geografen, Soziologen und Volkskundler an.
Sollten sich die Historiker als Planer, sprich als "Schreibtischtäter" an den Aktionen zur Ermordung slawischer oder jüdischer Bevölkerungsgruppen beteiligt haben, müsste dies, wie Peter Schöttler mit Recht festhält, Konsequenzen haben. Er fordert ebenso wie der Berliner Publizist und Historiker Goetz Aly, dass sich der Verband der Historiker Deutschlands bei den Opfern der "Endlösung" entschuldigen müsste. Was bietet aber nun der Aufsatzband, insbesondere Schöttlers eigener Beitrag über die so genannte "Westforschung" an neuen Quellen und Ertraegen, um diese Forderung legitim erscheinen zu lassen? Wichtige bundesdeutsche Historiker bestreiten immerhin, dass Historiker wie Hermann Aubin, Werner Conze, Theodor Schieder und Otto Brunner "Vordenker der Vernichtung" waren. Wohlwollend urteilten bislang vor allem die "Väter" der bundesdeutschen Sozialgeschichtsschreibung. Sie haben die "Volksgeschichte" der 1930er-Jahre als eine "innovative" Denkschule bezeichnet, die Vorbildliches für die spätere moderne bundesdeutsche Sozialgeschichtsschreibung geleistet haben soll.
Zwischen den Buchdeckeln des Bandes versammeln sich vorwiegend jüngere Historiker, deren Ergebnisse eine Trendwende einläuten. Ingo Haar fragt nach den verschiedenen politischen Gruppierungen innerhalb der deutschen Geschichtswissenschaft zwischen 1929 und 1934. Dabei arbeitet er luzid die politischen Differenzen zwischen den jungkonservativen Protagonisten der "Volksgeschichte" und den nationalliberalen Historikern heraus. Haar zeigt, wie das Theorem vom "deutschen Volksboden" durch eine neue Generation, nämlich von Hans Rothfels und dem Kreis seiner Königsberger Schüler um Erich Maschke, Theodor Schieder und Werner Conze aufgegriffen wurde, um eine neue außenpolitische Staatsdoktrin zu entwickeln. Das neue "Reich" sollte nicht nur die ehemaligen preußischen Ostgebiete in Westpolen und die alten Staatsgebiete Österreich-Ungarns einbinden, sondern alle Gebiete, wo Deutsche jemals ein Haus oder eine Siedlung errichtet hatten. Die in ihren militanten Männerbünden (Gildenschaften) zusammengeschlossenen Jungakademiker suchten in enger Kooperation mit ihrem Mentor Hans Rothfels nach Wegen, um die Meinecke-Schule politisch zu denunzieren. Nachdem ihr "Gildenbruder" Theodor Oberländer, der später unter Konrad Adenauer Vertriebenenminister werden sollte, Anschluss an den Nationalsozialismus fand, rückte diese Gruppe unter seiner Schirmherrschaft als Ns-Funktionär in den Elitekreislauf der preußischen Geschichtswissenschaft ein. Sie bildeten den personellen Grundstock für die berüchtigte Nord- und Ostdeutsche Forschungsgemeinschaft.
Bernd Faulenbach, der in den 1980er-Jahren mit einem Werk über den politischen Sonderweg der deutschen Geschichtswissenschaft bekannt wurde, verfolgt dagegen eine alte Spur. Seine These lautet: Die deutschen Historiker sind bis 1945 der Ideologie des deutschen Weges aufgesessen. Sie seien von dem Wunsch beseelt gewesen, nicht nur das als "westlich" denunzierte politische System der Weimarer Republik zu beseitigen, sondern darüber hinaus auch noch eine Revision des Versailler Vertrages zu erwirken. Er bekräftigt hiermit die alte Lesart, die politische Geschichte sei am Untergang der Weimarer Republik allein verantwortlich. Ob der Nestor der Geschichtswissenschaft der 1920er-Jahre, der Berliner Historiker und "Vernunftrepublikaner" Friedrich Meinecke aber nun als Totengräber der Republik dargestellt werden kann, ist fraglich. Ohne Zweifel stand die Mehrheit der Demokratie fern oder übte sich in einer nostalgischen Verklärung der konstitutionellen Monarchie seit Bismarck. Dass die politischen Historiker alter Prägung aber seit Anfang der 1930er-Jahre durch die "Volksgeschichte" bereits seit Mitte der 1920er-Jahre eine mächtige Konkurrenz erhielten, ist bei Haar ausführlich nachzulesen; Faulenbach differenziert in dieser Hinsicht nicht.
Karl-Heinz Roth, der über "Heydrichs Professor" Hans Joachim Beyer schreibt, zeigt, wie die ethnische Segregation der slawischen und jüdischen Bevölkerung zwischen 1939 und 1945 funktioniert hat: Staatliche Bürokratie, SS und die Historiker des "Volkstums" sind eine Allianz eingegangen. Anders als Goetz Aly geht Roth aber davon aus, dass Theodor Oberländer nicht ohne weiteres den "Vordenkern der Vernichtung" zuzurechnen ist. Oberländer soll als Offizier der Wehrmachtsabwehr eine betont imperialistische Ukraine- Politik vertreten haben, die nicht mit den bevölkerungspolitischen Zielen der SS übereingestimmt haben soll. Dass Himmlers Sondereinsatzgruppen auf wissenschaftliche Beratung angewiesen waren, zeigt Roth am Beispiel von Hans Joachim Beyer. Dieser Historiker des "Volkstums" soll nach Roth zu den Erfindern der "deutschen Volksliste" gehandelt haben. Es handelte sich um das Register, nach der die ortsansässige Bevölkerung in Polen gegebenenfalls deportiert oder in die deutsche "Volksgemeinschaft" eingebürgert werden konnte.
Bereits mit der Überschrift seines Aufsatzes über "Otto Brunner - `Konkrete Ordnung| und Sprache der Zeit" deutet Gadi Algazi an, dass er ein Denkmal stürzen will. Otto Brunner, einer der Mitherausgeber der "Geschichtlichen Grundbegriffe", soll mit seinem Standardwerk über "Land und Herrschaft" im Mittelalter nationalsozialistische Denkfiguren tradiert haben. Algazi zeigt auf, dass der von Brunner an zentraler Stelle verwandte Begriff der "konkreten Ordnung" aus der nationalsozialistischen Rechtstheorie stammt. Carl Schmitt begründete mit seinem "konkreten Ordnungsdenken" die Auffassung, dass soziale Gebilde wie Familien, Sippen oder Stände nach ursprünglichen Regeln zusammengehalten würden. Aus dieser Sicht erschien die Gewaltanwendung nicht als eine an Normen gebundene Handlung, sondern war ein Mittel zum Zweck der Aufrechterhaltung von Treue und Gehorsam gegenüber den vorgegebenen Autoritäten. Alle gegenwärtigen Versuche, die Otto Brunner in die Nähe der "Annales"-Gründer Marc Bloch und Lucien Febvre rücken, bezeichnet Algazi mit Recht als Geschichtsklitterung. Die Forderung nach einer "histoire totale", die das Ganze als Zusammenhang verschiedener Aspekte betrachtet, dürfe - so Algazi - nicht mit der "totalitären Geschichtswissenschaft" verwechselt werden.
Obwohl Algazi weder auf Brunners Biografie noch auf seine führende Rolle als Leiter der Südostdeutschen Forschungsgemeinschaft in Wien eingeht, ist sein Beitrag gelungen. Er zeigt nämlich auf, dass die unmittelbare Generation der Schüler Brunners nach wie vor daran interessiert ist, ursprünglich nationalsozialistische Geschichtswerke als Beiträge der modernen Sozialgeschichtsschreibung auszuweisen. Es ist nur schwer verständlich, warum Algazi Otto Brunner nicht als Historiker der "Volksgeschichte" gelten lassen will. Hier fehlt Algazi schlicht die Einsicht in die vielfältigen Quellen. Otto Brunner hat zusammen mit dem Wiener Geografen Hugo Hassinger bis 1945 als Leiter der Südostdeutschen Forschungsgemeinschaft die Projekte der österreichischen "Volksgeschichte" innerhalb der "Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften" koordiniert. Die politischen und sozialen Bindungen, die Otto Brunner zwischen den Historikern des Volkstums und den Schaltstellen der NS-Diktatur hergestellt hatte, müssen Algazi allerdings verborgen bleiben, weil er in erster Linie einer Begriffsgeschichte verpflichtet ist, die sowohl biografische als auch institutionelle Aspekte aus ihrem Erkenntnisinteresse ausgeblendet hat.
Peter Schoettler erklärt, dass es - analog zur Nord- und Ostdeutschen Forschungsgemeinschaft - auch eine zentral organisierte "Westforschung" gegeben hat. Sie wurde zunächst dazu gebraucht, um der Besetzung des Rheinlandes durch Frankreich "wissenschaftlich" entgegenzutreten. Diverse Kartenwerke, eine "Stammesgeschichte" des deutschen Volkes, Gräberfunde von Germanen in Frankreich und sprachwissenschaftliche Studien sollten den Anspruch des deutschen Volkes auf die Grenzterritorien zwischen Frankreich, Belgien und Deutschland behaupten. Dort, wo Peter Schöttler auf die Gründung neuer Forschungseinrichtungen, wissenschaftlicher Paradigmen oder konkreter Politikfelder eingeht, bleibt er leider unpräzise. Umso überraschter ist der Leser dann, wenn Schöttler plötzlich auf die Pläne zur "Germanisierung" von Teilen von Frankreich und Belgien nach 1939 eingeht. Allein die Behauptung, dass Teile Frankreichs ähnlich wie im Osten ethnisch "gesäubert" und "germanisiert" werden sollten, müsste eine kleine Sensation provozieren. Schöttler verweist ausdrücklich auf die bislang verschollen geglaubte Denkschrift von Wilhelm Stuckart, der im Reichsministerium des Innern als Mann der SS für Volkstumsfragen und Grenzziehungen verantwortlich zeichnete. Weitere Belege führt er nicht auf, obwohl die Frage der Grenzziehung im Westen durch mindestens drei Denkschriften aus dem Jahre 1940 zu dokumentieren wäre. So muss sich auch Peter Schöttler den Vorwurf gefallen lassen, dass er ähnlich wie Goetz Aly um eines Effektes willen allzu eilig aburteilt.
Trotz des Verdienstes von Schöttler, endlich einmal die Ergebnisse der jüngeren Historiografiegeschichte in einem Band zusammengefasst zu haben, soll die größte Ungereimtheit nicht verschwiegen werden. Es leuchtet nicht ein, warum Peter Schöttler in seiner Eigenschaft als Herausgeber ausgerechnet seinem Mitautor Willi Oberkrome unterstellt, dieser strebe eine posthume Rehabilitierung der Historiker um Hermann Aubin, Werner Conze, Franz Petri und Theodor Schieder an. In seinem Beitrag über das "Handwörterbuch des Grenz- und Auslandsdeutschtums", bilanziert Willi Oberkrome doch sehr luzid, wie die Historiker des Volkstums ihre "innovative" Methoden und Forschungsstrategien verwenden wollten. Oberkrome meint damit die Anwendung von quantifizierenden Methoden und kartografischen Darstellungen im Rahmen einer rassistischen Gesellschaftsordnung. Die Herausforderung dieser Aussage liegt auf der Hand: Einige einflussreiche bundesdeutsche Sozialhistoriker lehnen von sich aus vehement eine Historisierung der "Volksgeschichte" als Forschungsgegenstand ab. Sie behaupten dagegen, dass die völkischen Historiker nicht an der "Vernichtungspolitik" beteiligt waren und die deutsche Wissenschaftslandschaft nach 1945 "methodisch" positiv bereichert hätten. Der Bielefelder Historiker Willi Oberkrome spricht aber ausdrücklich von einem negativen Erbe der "Volksgeschichte". Er bescheinigt den Historikern dieser Subdisziplin sogar eine "erkenntnistheoretische Intransingenz und moralisch enthemmte Kreativität". Tatsächlich wurden die "Verfahrenstechniken" der Historiker des Volkstums im Bereich der Kartografie und der Statistik, wie Ingo Haar mit seiner noch ungedruckten Hallenser Dissertation zeigen wird, dazu verwandt, um die ethnische Segregation des anvisierten deutschen "Lebensraumes" in Ostmitteleuropa vorzubereiten.
Was die Beiträge trotz unterschiedlicher Zugänge und analytischer Qualität schon jetzt offen legen, ist die Architektur eines Großforschungsbetriebes, der die nationalsozialistische "Vernichtungspolitik" wissenschaftlich begleitet hat. Dabei markiert der von Peter Schöttler herausgegebene Sammelband einen tiefen Einschnitt in der deutschen Wissenschaftsgeschichte. Das Kartell des Schweigens, das bisher die deutsche "Ost"- und "Westforschung" abgedeckt hat, ist durchbrochen. Allein die alte These, die "Volksgeschichte" sei eins zu eins in die bundesdeutsche Struktur- und Sozialgeschichtsschreibung eingemündet, hinterlässt einen schalen Geschmack. Der Versuch einiger bundesdeutscher Sozialhistoriker, die wissenschaftlichen Verfahrensweisen ihrer ehemaligen "Vätergeneration" so zu bewerten, als könne man positiv zwischen den methodisch wertvollen Verfahren einerseits und dem negativen Kontext, in dem sie andererseits erprobt und angewandt worden sind, unterscheiden, ist misslungen. Eine solche Apologie erinnert an die "Vergangenheitspolitik" im posttotalitären Biedermeier.
Es wird immer deutlicher, dass zwischen den zwei Generationen, die anfangs der 1930er-Jahre als Volksgeschichtler den Liberalismus in der deutschen Geschichtswissenschaft zu Grabe getragen hatten, und den Sozialhistorikern, die in den 1960er-Jahren den deutschen "Sonderweg" beendet hatten, anscheinend ein stillschweigender Vertrag bestanden haben muss. Dieser schloss, und das ist die Ironie der Geschichte, in den 1950er-Jahren die Vertreter der politischen Geschichtsschreibung, die teilweise wie Gerhard Ritter und Friedrich Meinecke betonte Nazigegner waren, erneut aus. Nepotismus zwischen Jung und Alt ist auch in modernen Wissenschaftssystemen der notwendige soziale Kitt, um die Gruppenzugehörigkeit zu stärken, Dogmen institutionell abzusichern und konkurrierende Wissenschaftler vom Strom der Ressourcen abzuschnüren. Hiervon abgesehen bleibt eine Frage trotzdem offen: Sollte sich auch die Historikergruppe um Theodor Schieder, Werner Conze, Erich Maschke, Otto Brunner und Hermann Aubin im NS-Regime so etwas wie Planer der nationalsozialistischen Bevölkerungspolitik betätigt haben, so hätte sich dies auch auf die Zeitgeschichtsforschung in der Bundesrepublik abfärben müssen. Offenbar haben die ehemaligen Historiker des "Volkstums" ihr Amt missbraucht, um nicht nur ihren Anteil am Projekt der nationalsozialistischen Lebensraumplanung zu bagatellisieren, sondern dieses "Politikfeld" unisono dem Gegenstandsbereich der Zeitgeschichtsforschung zu entziehen. Es bleibt der spannendste Versuch der gegenwärtigen Wissenschaftsgeschichte, diese Lücken aufzuarbeiten. HistLit / Michael Fahlbusch über Schöttler, Peter (Hg.): Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft 1918-1945.Frankfurt am Main 1997. In:
H-Soz-u-Kult 08.01.1998
Schöttler, Peter (Hg.): Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft 1918-1945.Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch Verlag 1997.
ISBN: 3-518-28933-0; 320 S. Rezensiert von: Sebastian Conrad, Arbeitsstelle für Vergleichende Gesellschaftsgeschichte, Freie Universität Berlin Der von Peter Schöttler (Historiker am Centre Marc Bloch in Berlin) herausgegebene Sammelband ist ein wichtiger Beitrag zur Geschichte der Geschichtswissenschaft in der Zeit des Dritten Reiches. Er unterscheidet sich auffallend von zahlreichen Stellungnahmen zu diesem Thema, die im Stile hagiografischer Nachrufe eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichtsschreibung des Dritten Reiches meiden. Hier werden nicht nur allgemeine Überlegungen zur moralischen Bewertung von Verstrickung und Schuld präsentiert, sondern in der Mehrzahl der sieben Beiträge eine Fülle neuen Materials ausgebreitet, das geeignet ist, die lange unterbliebene Aufarbeitung der Geschichte der eigenen Disziplin auf eine breitere Grundlage zu stellen. Zwei Schwerpunktsetzungen lassen sich bei der Lektüre des Bandes ausmachen, die im Folgenden auch gesondert behandelt werden sollen: einerseits die Kritik an der Rolle der Historiker während des Dritten Reiches; und andererseits die Auseinandersetzung mit der Frage, ob denn die ideologische Verstrickung der Zunft eine methodische Innovation oder 'wissenschaftlichen Fortschritt' ausschloss.
Der kritische Anspruch des Bandes wird bereits von Peter Schöttler in seiner Einleitung herausgestellt, die einen informativen Überblick über Forschungsstand und Fragestellung bietet. Dabei wird der "massive Beitrag der Universitätshistoriker [...] zur intellektuellen Legitimation des Regimes" im Nationalsozialismus (S. 15) in den Vordergrund gestellt. Durch diese Blickrichtung wird der Anschluss an eine Debatte gewonnen, die in den letzten Jahren vor allem von Karl-Heinz Roth und Goetz Aly angestoßen wurde. Dabei wurde einer Reihe von Historikern der Vorwurf gemacht, als "Vordenker der Vernichtung" zur nationalsozialistischen Politik des Völkermordes beigetragen zu haben. In der Mehrzahl der von Schöttler versammelten Beiträge wird diese Perspektive - mehr oder weniger explizit - aufgegriffen.
Bernd Faulenbach (über die Historiografie während der Weimarer Republik), Willi Oberkrome (über die 'Volksgeschichte') und Karen Schoenwälder (über die Einstellung der Historiker zum Nationalsozialismus) skizzieren in ihren überblicksartigen Darstellungen das Verhältnis der Historikerschaft zur Politik und Ideologie der Zeit. In allen drei Aufsätzen, die weitgehend auf bereits publiziertem Material beruhen, wird bereits die große Faszination des Nationalsozialismus auf die Mehrzahl der deutschen Historiker deutlich.
Mit neuem Material warten dagegen die Beiträge von Ingo Haar, Karl Heinz Roth, Gadi Algazi und Peter Schöttler auf. Ingo Haar, dessen Dissertation über "Historiker im NS-Regime" vor dem Abschluss steht, greift bei seiner Rekonstruktion der Königsberger Ostforschung auf umfangreiche Archivstudien zurück. Im Mittelpunkt steht dabei eine Gruppe 'revisionistischer' Historiker um Hans Rothfels (zu der Theodor Schieder, Werner Conze, Rudolf Crämer und Erich Maschke gehörten), deren weltanschauliche Nähe zur völkischen Rhetorik der Jugendbewegung der 1920er-Jahre Haar in einem ausführlichen ersten Teil nachweist. In einem zweiten Schritt unterzieht der Autor die Schriften von Hans Rothfels aus den frühen 1930er-Jahren einer kritischen Lektüre und dokumentiert die Affinität zur nationalsozialistischen Ideologie. "Die Königsberger Historiker", so resümiert Haar "träumten von einer konföderierten Völkerordnung unter deutscher Führung" (S. 82).
Wie den Königsberger Schülern von Hans Rothfels wird auch dem Werk Otto Brunners häufig eine gewichtige Rolle bei der Entstehung der Struktur- und Sozialgeschichte attestiert. Gadi Algazi (Tel Aviv) bestreitet in seiner ausführlichen Analyse von Brunners Hauptwerk "Land und Herrschaft" aber dessen methodisch innovativen Charakter und betont stattdessen die politisch reaktionären Tendenzen, die in der Logik der Argumentation Brunners verankert seien. Er rekonstruiert den Einfluss der Zeit auf Thematik, Denkfiguren und Sprache in Brunners Werk und kommt zu dem Schluss, dass es sich hierbei weniger um eine histoire totale als um "eine Variante totalitärer Geschichtsschreibung" handelte (S. 181).
Karl Heinz Roth (Hamburg) setzt sich mit der 'Ostforschung' auseinander. Sein Beitrag zielt auf die gegenseitige Durchdringung von wissenschaftlicher Tätigkeit und der Praxis des Völkermords. Er verfolgt den Lebensweg des Historikers Hans Joachim Beyer, dessen rücksichtslose Verquickung von Wissenschaft und Politik der "planvollen Umsiedlungs-, Vertreibungs- und Vernichtungspraxis den Weg" bahnte (S. 279). Beyers Geschichtsschreibung wies große weltanschauliche Parallelen zur NS-Ideologie auf und dokumentierte die Transformation von Wissenschaft "zu einem Instrument der Macht" (S. 266). Denn seine "historiografische Gelehrsamkeit" führte Beyer nicht nur auf Lehrstühle an den Universitäten in Posen und Prag, sondern hatte ihn schon zur Beratung der Vernichtungspolitik im besetzten Polen qualifiziert.
Peter Schöttler schließlich erweitert die Perspektive auf die Westforschung (von Historikern wie Franz Steinbach, Franz Petri, Ernst Anrich). Er unternimmt dabei den Versuch, zwischen Westforschung und nationalsozialistischer Westexpansion eine Beziehung zu etablieren, die über bloße ideologische Affinitäten hinausgeht. Dabei stützt er sich auf Material, das die Nutzung der Arbeiten von Historikern durch die nationalsozialistische Politik dokumentiert. Auch die Westforschung, so Schöttlers Fazit, war de facto eine "Einmarschhistorie" und lieferte "eine relativ konsistente Begründung dafür [...], dass große Teile des 'Westraumes' [...] annektierbar wurden" (S. 231).
Der kritische Blickwinkel dieser Aufsätze, der in der Regel auch durch Tonlage und Rhetorik unterstrichen wird, dürfte aus dieser knappen Zusammenfassung deutlich geworden sein. Peter Schöttler macht dies bereits in seiner Einleitung deutlich: "Kritische Geschichtsschreibung kann [...] nicht umhin, über 'Opfer' und 'Täter' gleichermaßen zu forschen, ja zu 'ermitteln'." (S. 21) Er sieht - in Anlehnung an Marc Bloch - im Historiker einen Untersuchungsrichter, und dies ist auch die Perspektive, die in der Mehrzahl der Beiträge eingenommen wird. Dadurch stehen bei der Suche nach Ursachen dafür, dass im "Dritten Reich [...] die deutsche Geschichtsschreibung [...] so nachhaltig versagte" (S. 20), vor allem einzelne Wissenschaftler im Blickpunkt der Analyse; die Autoren rekonstruieren die Instrumentalisierung von Historikern durch die verbrecherische Politik des Nationalsozialismus.
Schöttler plädiert zwar in der Einleitung für eine Analyse "im Sinne des Foucaultschen Diskursbegriffs" (S. 19). In diesem Buch allerdings - das mag man begrüßen oder bedauern - wird diesem Rat nur selten gefolgt. Ein solches Projekt könnte immerhin über die Bewertung einzelner Historiker hinausgehen, über die 'Ermittlung' ihrer Intentionen und Absichten sowie die Berechnung ihres Einflusses auf die Gesellschaft. Stattdessen ließe sich dann noch mehr Gewicht auf die Prinzipien und Logiken legen, die die diskursiven und nichtdiskursiven Praktiken der Zeit strukturierten. Damit wäre möglicherweise ein Zugang zum Problem der Komplizität von Wissenschaft und Machtpolitik denkbar, der über die Vorstellung von der Instrumentalisierung einer potentiell 'unschuldigen' Wissenschaft durch eine reaktionäre Ideologie hinausginge.
Hier ist hingegen von "intellektuellen Vordenkern" die Rede, die wissenschaftliche und gesellschaftliche Prozesse "steuerten" (Roth, S.263). "Historiographische Gelehrsamkeit transformierte sich zu einem Instrument der Macht" (Roth, S.266). Auch der Titel des Bandes evoziert den instrumentalen Charakter, der der Geschichtswissenschaft hier zugemessen wird. Für die Autoren geht es um die Frage, "inwieweit die Geschichtswissenschaft subjektiv und objektiv dazu beitrug, das nationalsozialistische Herrschaftssystem [...] zu stützen und [...] zu legitimieren." (Schoenwälder und Schöttler, S.16) Die einzelnen Beiträge sind daher vom Erstaunen und Erschrecken darüber gekennzeichnet, dass einer als Wissenschaft begriffenen Geschichtsschreibung das Abgleiten in die Barbarei überhaupt möglich ist. Diese Fragestellung allerdings, das nur in Parenthese, basiert zumindest auf der Möglichkeit, zwischen Wissen und Macht, zwischen Methode und Ideologie säuberlich zu trennen.
Diese Perspektive bestimmt auch die Behandlung der übergreifenden Problematik, mit der sich fast alle Aufsätze auseinandersetzen, und zwar die Frage nach dem Innovationspotential von Ost- und Westforschung im Dritten Reich. "In welchem Ausmaß sind historische Forschungsergebnisse, die während des Nationalsozialismus erarbeitet und veröffentlicht wurden, überhaupt wissenschaftlich ernstzunehmen?" (Schöttler, S. 17) Die Mehrzahl der hier versammelten Aufsätze wendet sich gegen die Interpretation von Willi Oberkrome, aber auch an anderer Stelle von Winfried Schulze oder Jürgen Kocka, die zu dem Schluss kommen, dass sich in einigen Werken der Volksgeschichte "die heuristischen Möglichkeiten einer frühen Reformhistoriographie" (Oberkrome, S. 115) bereits andeuteten. Auch wenn Oberkrome von der Volksgeschichte keine direkte Linie zur Struktur- und Sozialgeschichte der Nachkriegszeit ziehen mag, kennzeichnet er die von Soziologie, Volkskunde und Landesgeschichte beeinflussten Neuansätze dennoch als "methodisch innovativ" (S. 113).
Mehrheitlich erheben die anderen Autoren dieses Bandes Einspruch gegen die Oberkrome-These, dass die am Begriff des Volkes orientierte Geschichtsschreibung der 1930er-Jahre "anscheinend essentielle Grundlagen einer späteren Sozialgeschichte antizipiert hat" (Oberkrome, S. 111). Karl Heinz Roth etwa spricht von der "Fragwürdigkeit des jüngsten Versuchs ..., die Volkstumsgeschichtsschreibung des deutschen Faschismus in eine Dichotomie von verwerflichen revisionistischen Zielstellungen und interdisziplinär- innovativer Konzeptionsbildung aufzuspalten" (S. 316). Hier wird also gefordert, die wissenschaftlichen Texte jener Zeit intensiver auf ihre interne Logik und Kohärenz hin zu befragen, statt die angebliche Innovation anhand von formalen Kriterien beinahe apodiktisch zu behaupten. Denn die methodischen Erweiterungen seien nicht zu trennen von der rassistischen und mörderischen Praxis der nationalsozialistischen Expansionspolitik.
Dabei wird allerdings deutlich, dass der hier gewählte Maßstab für die Bewertung methodischer Ansätze in letzter Instanz ein politischer ist. Während also Oberkrome zwischen methodischer Innovation und der politischen "Funktionalisierung [...] im Interesse des 'Dritten Reiches'" (S. 111) unterscheidet, erscheinen in den Augen seiner Kritiker West- und Ostforschung von vornherein als moralisch problematisches Projekt. Für Peter Schoettler, um diese Sichtweise an einem Beispiel zu illustrieren, waren es ihre "ideologischen Blockaden", die es der Westforschung "so schwer machten, ihren Innovationsanspruch einzulösen" (S. 228). Gegenüber Oberkromes Versuch, zwischen Methode und politischen Implikationen zu differenzieren, beharren die anderen Autoren dieses Bandes nachhaltig auf dem Primat der Politik und wollen "eine Trennung von Ziel und Methodik nicht zulassen" (Roth, S. 316).
Auch Oberkromes Kritiker allerdings lösen sich nicht grundsätzlich vom Konzept der Innovation. Für sie bemisst sich der innovative Charakter einer Forschungsrichtung aber an seinem politischen, d.h. emanzipatorischen Gehalt. Die Annales-Historiografie gilt Schöttler daher auch als innovativ, weil sie beispielsweise eine - aus heutiger Sicht - "'positive' Grenzgeschichte" wie die Lucien Febvres ermöglichte. Auch wenn die deutsche Westforschung mit identischen Methoden operiert hätte, müsste man ihr dieses Attribut absprechen, "weil das völkische Dogma und das Dogma vom Erbfeind derartige Fragestellungen von vornherein ausschlossen" (S. 260). Der Vergleich mit der Annales-Schule (Schöttler, S. 232) unterstreicht, dass hier der Begriff der methodischen Innovation nicht prinzipiell abgelehnt wird, sondern nur dann, wenn die vorgebliche 'Innovation' von einer reaktionären Politik vereinnahmt wird. Dabei fällt aus dem Blick, dass keine methodische Neuerung gänzlich unberührt bleibt von den sozialen Bedingungen ihrer Konstitution; das gilt auch für die Annales-Historiografie, fuer die Zeitgeschichte nach dem Krieg oder auch für die deutsche Sozialgeschichte. Man wird der Frage daher nicht gänzlich ausweichen können, ob nicht doch bestimmte methodische Neuerungen eine Erweiterung bzw. Verschiebung der Fragestellungen, Themen oder Quellenbestände ermöglichen - auch wenn sie gleichermaßen (aber: welche Methode liefe da nicht Gefahr) von einer reaktionären Ideologie in Anspruch genommen werden können.
Möglicherweise wäre es aber viel versprechender, den Begriff der 'Innovation' selbst zu problematisieren. Denn im Grunde teilen beide Seiten der Debatte eine Auffassung von Innovation, die noch von der Hoffnung auf die befreiende Wirkung der Wissenschaft durchdrungen ist. Ob also die Autonomie der Methode behauptet oder aber am Primat des Politischen festgehalten wird: beide Seiten setzen auf das progressive Potential wissenschaftlicher Innovation. Eine methodische Ausweitung muss jedoch nicht als Fortschritt in einem normativ aufgeladenen Sinne verstanden werden, sondern kann auch als Perspektivenänderung, als Paradigmenwechsel begriffen werden - mit je spezifischen gesellschaftlichen Voraussetzungen und Wirkungen. Auch hier könnte ein Ansatz weiterführen, der der gegenseitigen Durchdringung von Wissen und Macht als konstitutiver Bedingung jeder Wissenschaft Rechnung tragen würde.
Die wissenschaftsgeschichtliche Einordnung von Volksgeschichte, West- oder Ostforschung dürfte somit weiterhin umstritten bleiben. Unbestritten ist jedoch, dass bei der Aufarbeitung der Geschichtsschreibung im Nationalsozialismus immer noch ein Nachholbedarf herrscht, der zunächst durch intensive Einzelstudien verringert werden muss. Der vorliegende Band vereint die kritische Perspektive, die bei der Behandlung dieses Themas bisher häufig zu kurz kam, mit der Erschließung neuen Materials und leistet so einen wesentlichen Beitrag zu einem informierten Umgang mit der Geschichte der historischen Disziplin. Die Beispiele zeigen, wie wichtig und notwendig solche Einzelfallstudien sind - die dann zugleich die Möglichkeit schaffen, über die Bewertung individueller Verstrickungen hinauszugehen. Auf einer solchen Grundlage wäre dann die Lösung von der personalisierenden Perspektive denkbar, die durch eine Rekonstruktion der Regeln des historiografischen Diskurses und seiner Verbindungen zum gesellschaftlichen Kontext zu ergänzen wäre. HistLit / Sebastian Conrad über Schöttler, Peter (Hg.): Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft 1918-1945.Frankfurt am Main 1997. In:
H-Soz-u-Kult 22.03.1998
Schulze, Winfried; Otto Gerhard Oexle (Hg.): Deutsche Historiker im Nationalsozialismus.Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 1999.
ISBN: 3-596-14606-2; 367 S. Rezensiert von: Tobias Kaiser, Historisches Institut, Friedrich-Schiller-Universität "Deutsche Historiker im Nationalsozialismus" lautete der Titel einer viel beachteten Sektion des 42. Deutschen Historikertages 1998 in Frankfurt/Main. Aus den dort gehaltenen Vorträgen und der Diskussion ist der vorliegende gleichnamige Band hervorgegangen, den Winfried Schulze und Otto Gerhard Oexle unter Mitarbeit der auch am Vorwort beteiligten Gerd Helm und Thomas Ott herausgegeben haben. Die entsprechende Thematik ist den Fachhistorikern, aber auch großen Teilen der Öffentlichkeit wohl kaum verborgen geblieben. Insbesondere die Leser der Webseiten von H-Soz-u-Kult konnten und können durch die im Netz veröffentlichten Beiträge die lebhafte Debatte verfolgen.
[1]
Es kann an dieser Stelle nicht detailliert auf die in den letzten Jahren stark angewachsene Literatur eingegangen werden. Einen sehr guten Forschungsabriß bietet die - im Netz frei zugängliche - Einleitung des zu rezensierenden Bandes.
[2]
Als Resultat der neuesten Forschung kann festgehalten werden, daß sich die ältere These als unhaltbar erwiesen hat, wonach sich aus der Reihe der Historiker nur "wildgewordene Studienräte oder Außenseiter" mit dem NS eingelassen hätten, und sich somit eine Beschäftigung mit der Historiographie dieser Zeit nicht lohne.
[3]
Die legitimatorische Funktion der Geschichtswissenschaft in der Zeit des Nationalsozialismus kann heute nicht mehr ernsthaft bestritten werden.
Der Band versteht sich als zusammenfassende Bestandsaufnahme und enthält - auch in Form und Länge - verschiedenartige Beiträge. Neben den Druckfassungen der auf dem Historikertag gehaltenen Referate (von Peter Schöttler, Pierre Racine, Götz Aly, Michael Fahlbusch und Mathias Beer) und dem dort vorgetragenen Kommentar Jürgen Kockas sind auch kurze Comments (von Arnold Esch und Wolfgang Schieder), zu Aufsätzen ausgebaute Reaktionen (von Hans-Ulrich Wehler, Hans Mommsen und Wolfgang J. Mommsen) und thematisch passende Beiträge (von Franz-Rutger Hausmann, Wolfgang Behringer und Ingo Haar) aufgenommen worden.
Zu der begrüßenswerten Vielfalt des Bandes gehört es, daß einige wichtige biographische Beispiele vorgestellt werden: zur "Westforschung" etwa Günther Franz, Hermann Heimpel, Franz Steinbach und Franz Petri, zur "Ostforschung" vor allem Theodor Schieder und Werner Conze. Es zeigen sich Unterschiede bei den Fällen: So waren Franz und Heimpel an der Reichsuniversität Straßburg tätig - eine Tätigkeit, die besondere Linientreue der Berufenen voraussetzte. Während Franz, dessen Publikationen und Reden "von Rassismus und Antisemitismus durchtränkt" (130) waren, dort den stark ideologisierten Lehrstuhl innehatte, der "insbesondere für Geschichte des deutschen Volkskörpers und Volkstums" verantwortlich war, lehnte Heimpel just diesen Lehrstuhl ab, übernahm aber - durchaus "dans la ligne hitlérienne" (147) - den mediävistischen Lehrstuhl, ohne sich jedoch, so Racine, total mit der Nazi-Ideologie zu identifizieren.
Diese Frage der partiellen Identifikation mit NS-Gedankengut stellt sich auch bei anderen betrachteten Historikern. Schieder habe im Rahmen seines Entnazifizierungsverfahrens angegeben, nie mit der "Gesamtheit der Ziele und Methoden der NSDAP" (177) konform gegangen zu sein, wie Aly in seinem "Theodor Schieder, Werner Conze oder Die Vorstufen der physischen Vernichtung" überschriebenen Beitrag ausführt. Dabei bezieht sich der Begriff der "Vorstufe" auf eine von Schieder selbst 1979 angestellte Analyse, wonach Deportation und Zwangsumsiedlung in der Regel Vorstufe der Vernichtung gewesen seien. (178) Im Zusammenhang mit dem 1992 edierten bevölkerungspolitischen Geheimgutachten
[4]
aus dem Jahr 1939, in dem Zwangsumsiedlungen geplant wurden, - der sogenannten "Schiederschen Denkschrift" - gewinnen diese Worte eine neue Bedeutung. Das expliziert Aly - wie schon in bisherigen Veröffentlichungen -, im Sinne einer radikalen Aufdeckung der belastenden NS-Vergangenheit der beiden Nestoren der Sozialgeschichte.
Die Fokussierung auf Handlungen einzelner Historiker zieht die Kritik Kockas auf sich, der hierin "eine handlungsgeschichtliche Akzentverschiebung" der Historiographie sieht, die zwar "die direkte Thematisierung von Verantwortung und Schuld [ermögliche], oft allerdings um den erheblichen Preis des Verzichts auf Fragen nach Bedingungen, Folgen und Zusammenhang" (351f), so Kocka. Wie soll nun zukünftige Forschung mit den Befunden der Einzelfallstudien umgehen?
Die Lösung kann nur darin liegen, daß man versucht, diese in "Analysen von Netzwerken und Praxisfeldern"(90) einzubauen, wie es Schöttler in seinem Beitrag vorschlägt und anhand der rheinischen Landesgeschichte skizziert. Auch Ingo Haars Beitrag zur völkischen "kämpfenden" Geschichtswissenschaft ordnet die Einzelfälle in den Gesamtkontext der Ostforschung ein. Weitere wichtige Netzwerke werden im Band vorgestellt: der "Kriegseinsatz der Deutschen Geisteswissenschaften" durch Franz-Rutger Hausmann und die "Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften" am Beispiel der "Südostdeutschen Forschungsgemeinschaft" durch Michael Fahlbusch. Beide Autoren sind bereits mit einschlägigen Monographien zu diesen Themen hervorgetreten. Ihre Arbeiten zeigen eindrücklich die weitgehende Vernetzung der Wissenschaften, die Professionalisierung gemeinschaftlichen Handelns, in der die zum Teil übernommene Funktion der Politikberatung eine erhebliche Rolle spielte.
Eine Hauptschwierigkeit, die in den bisher referierten Beiträgen immer wieder zu Tage kommt, wird von Hans Mommsen in seinen "Anmerkungen zur Historikerdebatte" aufgegriffen: die Frage nach dem Wesen des Nationalsozialismus. Daß die Beteiligten immer guten Gewissens sagen konnten, mit dem NS nicht hundertprozentig übereingestimmt zu haben, heutige Historiker selten eine totale Übereinstimmung mit nationalsozialistischer Ideologie finden können und die Existenz einer nationalsozialistischen "Wissenschaftstheorie" nebulös bleibt, ist nicht verwunderlich, sondern symptomatisch: "Was am Beispiel der Ostforschung zur Diskussion steht, ist nicht Ausfluß einer Affinität zum NS, sondern ist der wirkliche Nationalsozialismus" (271), so Hans Mommsen. Dieser Ansatz erklärt mehr als ein angenommener Dissens zwischen Wissenschaft und "wahrem Nationalsozialismus", auch wenn ein solcher von den meisten Beteiligten ohne Zweifel selbst so wahrgenommen wurde.
Daß die Debatte bislang gar nicht, dafür aber jetzt sehr kontrovers geführt wird, liegt sicherlich an der Wirksamkeit Conzes, Schieders, Erdmanns, Heimpels u.a. innerhalb der bundesdeutschen Geschichtswissenschaft. Der Vorwurf an die Schülergeneration, die entscheidenden Fragen nicht gestellt zu haben, ist Thema vieler Aufsätze des Sammelbandes. So spart Aly nicht mit Kritik an Wehler, Kocka und Gall, denen er "selbstgewisses Euphemisieren" vorwirft, was er als "Haupthindernis auf dem Weg zur historisch gerechten Beurteilung Schieders und Conzes" ansieht. (174) Wenn Kocka nun Aly vorwirft, er stelle "die belastenden Zitate collageartig" (342) zusammen und Kocka "Positionskämpfe, die Begleichung alter Rechnungen [...] und Profilierung" in der Debatte erkennt, so wird die gereizte Atmosphäre der oft als Generationenkonflikt angesehenen Diskussion offenbar.
Wolfgang J. Mommsen warnt als Angehöriger der "alten Schülergeneration" vor vorschnellen Urteilen, was in der Diskussion jedoch wie ein Entschuldigen wirkt. Besonders betroffen scheint Wolfgang Schieder zu sein, der Sohn Theodors und ehemalige Assistent Conzes. Er wehrt sich gegen den Vorwurf, Forschung behindert zu haben und verweist auf das sehr liberale Klima, das Schieder und Conze in der Bundesrepublik ihren Schülern bereitet haben. Diese liberale Offenheit sei "wohl als eine Form aktiver Verantwortlichkeit" (305) zu sehen. Zudem erklärt Wolfgang Schieder dem verblüfften Leser, daß die Nachfolgegeneration sehr wohl Fragen gestellt, aber keine Antworten erhalten habe.
Ähnliches weiß Hans-Ulrich Wehler zu berichten, der offen zugibt, daß ihn die Enthüllungen schmerzhaft getroffen haben. Als Erklärung für das Verhalten seines Lehrers Schieder stellt er die Innovationskraft der Volksgeschichte den traditionellen Zugängen der herkömmlichen Geschichtsschreibung gegenüber. Wehler schließt auf einen "politisch-reflexiven Lernprozeß" (333) Schieders nach 1945, der sich im Bemühen um theoretisch-methodische Reflexion zeige, im Urteil Wehlers "ein schmerzhafter, aber doch überzeugender Lernprozeß und eine Wirkung auf die Geschichtswissenschaft und das historische Bewußtsein" (336), die er "nur positiv nennen" könne. Auch wenn man der Einschätzung als "Lernprozeß" folgt, so stellt sich doch die Frage, inwiefern man hier von Schmerzhaftigkeit reden kann - angesichts der problemlosen Integration in die bundesdeutsche Gesellschaft und der Tatsache, daß sich dieser Lernprozeß "in der Sicherheit des Schweigens" (Dirk van Laak, zitiert 107) abspielte. In diesem Zusammenhang ist auch Eschs Einwurf zu verstehen, der darauf hinweist, daß Heimpel die offenbar seltene Größe besaß, von persönlicher Schuld zu sprechen.
Sehr deutlich wird, daß die Historiographiegeschichte vor und nach 1945 nicht voneinander zu trennen ist. Es ist an der Zeit, einen kritisch-distanzierten Blick auf beide Epochen zusammen zu werfen. Hervorzuheben ist der Ansatz Beers in seinem Aufsatz zum ">Neuanfang< der Zeitgeschichte nach 1945". Ausgehend von Karl Dietrich Brachers These von der "doppelten Zeitgeschichte", womit die Zwischenkriegszeit seit 1917/18 und die Nachkriegszeit nach 1945 gemeint sind, sieht er eine "Überlagerung der beiden Zeitgeschichten in den Biographien der Historiker" (275). Beer untersucht diese Überlagerung anhand des Wirkens Theodor Schieders. Der Vergleich der Ansichten vor 1945 mit den Forschungen zur "Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten nach 1945", die in der Bundesrepublik durch das Vertriebenenministerium unterstützt wurden, machen gewisse methodische Kontinuitäten, aber auch reflexiv-moralische Brüche zum Nationalsozialismus deutlich.
Die Beiträge zeichnen in ihrer Zusammenschau trotz aller Unterschiede ein neues Bild der Wissenschaftslandschaft vor 1945. Der von Schöttler vorgeschlagene Weg der Analyse der Netzwerke wird sicherlich die unterschiedlichen Urteile nicht auflösen und muß, wie dieser selbst propagiert, durch biographische Analysen ergänzt werden. Es ist dieses Phänomen biographischer Brüche und lebensweltlicher Schwierigkeiten, das die Diskussion schwierig, aber auch interessant macht und zu dem weitere Forschungen angestrengt werden müssen - ebenso wie zur Frage mentalitätsgeschichtlicher Ursachen der Haltungen von Wissenschaftlern, die nicht per se als Entschuldigungen diffamiert werden sollten. Der Mitherausgeber Oexle stellt in seinem bemerkenswerten einleitenden Essay hierzu konzeptionelle Überlegungen an. Er schlägt vor, nach Schlüsselbegriffen wie "Gemeinschaft", "Ordnung", "Ganzheit" zu fragen und nach den dahinterstehenden ">Dispositionen< [...] im Sinne einer >Mentalitätengeschichte<" (53) zu suchen. Es ist mit Sicherheit notwendig, auf den so skizzierten Bahnen weiter zu forschen und die zur Zeit noch sehr konträren Auffassungen dabei einzubeziehen. Der vorliegende Band bietet hierfür eine hervorragende Grundlage, da er bisherige Arbeiten zusammenfaßt und wichtige konzeptionelle Überlegungen bietet. Es ist ihm größtmögliche Verbreitung zu wünschen!
[1] Vgl. die Übersicht über die Essays unter http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/beitrag/essays/essay.htm und insbesondere das Interviewprojekt "Fragen, die nicht gestellt wurden! oder gab es ein Schweigegelübde der zweiten Generation?", in: H-Soz-u-Kult, http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/beitrag/intervie/index.htm.
[2] Vgl. H-Soz-u-Kult, http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/beitrag/intervie/fischer/nsband.htm. Als wichtigste Literatur sei genannt: Michael BURLEIGH: Germany turns Eastwards. A Study of Ostforschung in the Third Reich, Cambridge 1988; Karen SCHÖNWÄLDER, Historiker und Politik. Geschichtswissenschaft im Nationalsozialismus, Frankfurt am Main/New York 1992; Willi OBERKROME, Volksgeschichte. Methodische Innovation und völkische Ideologisierung in der deutschen Geschichtswissenschaft 1918-1945, Göttingen 1993; Martin KRÖGER/Roland THIMME, Die Geschichtsbilder des Historikers Karl Dietrich Erdmann. Vom Dritten Reich zur Bundesrepublik. Mit einem Vorwort von Winfried SCHULZE, München 1996; Ursula WOLF, Litteris et Patriae. Das Janusgesicht der Historie, Stuttgart 1996; Götz ALY, Macht - Geist - Wahn. Kontinuitäten deutschen Denkens, Berlin 1997; Peter SCHÖTTLER (Hrsg.), Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft 1918-1945, Frankfurt am Main 1997; Götz ALY: »Daß uns Blut zu Gold werde«. Theodor Schieder, Propagandist des Dritten Reichs, in: Menora. Jahrbuch für deutsch-jüdische Geschichte 1998, S. 13-27; Johannes FRIED: Eröffnungsrede zum 42. Deutschen Historikertag am 8. September 1998 in Frankfurt am Main, in: ZfG 46 (1998), S. 869-874; Ursula WIGGERSHAUS-MÜLLER: Nationalsozialismus und Geschichtswissenschaft. Die Geschichte der Historischen Zeitschrift und des Historischen Jahrbuchs von 1933-1945, Hamburg 1998; Michael FAHLBUSCH: Wissenschaft im Dienst der nationalsozialistischen Politik? Die »Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften« von 1931-1945, Baden-Baden 1999.
[3] Hans ROTHFELS, Die Geschichtswissenschaft in den dreißiger Jahren, in: Andreas FLITNER (Hrsg.), Deutsches Geistesleben und Nationalsozialismus. Eine Vortragsreihe der Universität Tübingen. Mit einem Nachwort von Hermann DIEM, Tübingen 1965, S. 99. Werner CONZE, Der Weg zur Sozialgeschichte nach 1945, in: Christoph SCHNEIDER (Hrsg.), Forschung in der Bundesrepublik Deutschland. Beispiele, Kritik, Vorschläge, Weinheim/Deerfield Beach, Florida/Basel 1983, S. 73.
[4] Angelika EBBINGHAUS/Karl Heinz ROTH: Vorläufer des »Generalplans Ost«. Eine Dokumentation über Theodor Schieders Polendenkschrift vom 7. Oktober 1939, in: 1999. Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts 7 (1992), S. 62-94. HistLit / Tobias Kaiser über Schulze, Winfried; Otto Gerhard Oexle (Hg.): Deutsche Historiker im Nationalsozialismus.Frankfurt am Main 1999. In:
H-Soz-u-Kult 01.03.2000
Steuer, Heiko: Eine hervorragend nationale Wissenschaft. Deutsche Prähistoriker zwischen 1900 und 1995. Berlin: de Gruyter 2001.
ISBN: 3-11-017184-8; 518 S. Rezensiert von: Frank-Rutger Hausmann, Romanisches Seminar, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg Nach den eher kürzeren Arbeiten von Arnold, Arnold und Haßmann, Bertram, Narr und Kossack
[1]
, die sich eher schlaglichtartig mit der Geschichte der ur- und frühgeschichtlichen Archäologie (auch: Deutsche Archäologie, Ur- und Frühgeschichte, Ur- und Frühgeschichtsforschung, Prähistorie) im ,Dritten Reich‘ befasst hatten, sind jetzt zwei höchst bedeutsame neue Initiativen zu verzeichnen, die umfassend informieren, in die Breite gehen und dank erstmals nach der Wiedervereinigung zugänglichem und bisher kaum erschlossenem Quellenmaterial den Kenntnisstand auf eine solide Grundlage stellen. Dabei wird auch den immer weiter verfeinerten methodischen Erkenntnissen der in den letzten zehn Jahren heftig boomenden Fachgeschichtsschreibung Rechnung getragen. Der erste, von Heiko Steuer herausgegebene und mit einer grundsätzlichen und vorzüglichen Einleitung sowie einem ebenso wichtigen, wenn auch kürzeren Nachwort versehene Sammelband ist hier als erster anzuzeigen, obgleich er ein Jahr nach der ersten diesbezüglichen Tagung entstand.
[2]
Er vereinigt die auf einem am 2.-3. Juli 1999 im Rahmen des (Freiburger) SFB 541 („Identitäten und Alteritäten. Die Funktion von Alterität für die Konstitution und Konstruktion von Identität“) in Freiburg veranstalteten Symposion gehaltenen zehn Vorträge. Sie sind, wenn man genau zählt, auch zehn prominenten Prähistorikern gewidmet (in chronologischer Reihenfolge handelt es sich um Gustav Schwantes, Gero von Merhart, Ernst Wahle, Ernst Sprockhoff, Wilhelm Unverzagt, Hans Zeiss [Zeiß], Gotthard Neumann, Herbert Jankuhn, Hans-Jürgen Eggers, Joachim Werner). Das Freiburger Symposion wollte im Unterschied zu seinem Berliner Vorgänger weniger biografisch ausgerichtet sein und stattdessen die Frage beantworten, „ob und in welchem Umfang das Dritte Reich auf Wissenschaft und Forschung eingewirkt hat“ (S. 1).
Zu diesem Zweck sollten die Schriften maßgeblicher Prähistoriker analysiert werden. Dabei sollte das Augenmerk auf den prähistorischen ,Diskurs‘
[3]
gerichtet werden, oder, schlichter ausgedrückt, es soll untersucht werden, „welche Sprache, welches Vokabular verwendet wurde, welche Fragestellungen im Vordergrund standen und welche methodischen Ansätze zur Beantwortung ausgewählt oder erarbeitet wurden“ (S. 2). Der vorliegende Band soll zusammen mit dem Berliner Band sowie der noch ausstehenden Aktenpublikation einer dritten, im Dezember 2000 in Freiburg durchgeführten Tagung „Zur Geschichte der Gleichung ,germanisch-deutsch‘. Sprache und Namen, Geschichte und Institutionen“ insbesondere einer Standortbestimmung der Wissenschaft von der ur- und frühgeschichtlichen Archäologie zuarbeiten, die 1902 mit der Ernennung Gustaf Kossinnas zum außerordentlichen Professor für Deutsche Archäologie in Berlin ihren Anfang nahm und heute an allen großen Universitäten fest verankert ist. In seiner Einleitung „Deutsche Prähistoriker zwischen 1900 und 1995 – Begründung und Zielsetzung des Arbeitsgesprächs“ (S. 1-54) verortet Steuer sein Projekt daher im Gesamtgefüge der aktuellen fachhistorischen Diskussionen. Er geht dabei insbesondere auf die unzweifelhaften Kontinuitäten der Geisteswissenschaften nach 1945 ein und kann zeigen, dass alle wichtigen Grundelemente ur- und frühgeschichtlicher Forschung bereits zu Beginn der NS-Zeit ausgeprägt waren, vor allem das Axiom der Koppelung zwischen Rasse, Sprache, Volk und Kultur bzw. dem archäologischen Formenkreis oder der Kulturprovinz. Steuer entwickelt weiterhin ein eingängiges Schaubild der Schichtung von Argumentationsebenen (antiquarisch: Klassifizierung, Datierung, Kartierung; positivistisch: Erklärung; historisch: Beschreibung; essentialistisch: Beurteilung; konstruktivistisch: Bewertung), wobei alle fünf Ebenen ineinander greifen. Allerdings wurden die vierte und fünfte Schicht (Beurteilung, Bewertung) in der NS-Zeit besonders stark instrumentalisiert, da Leitvorstellungen wie Gefolgschaft, Führer- und Kriegertum zum ideologischen Kernbestand der NS-Weltanschauung gehörten und durch ur- und frühgeschichtliche Forschungen wissenschaftlich fundiert werden sollten. Steuers eigener Beitrag „Herbert Jankuhn und seine Darstellungen zur Germanen- und Wikingerzeit“ (S. 417-473) ist, wenn man das Fazit gewichtet, vor dem Hintergrund dieser Überlegungen seltsam eirenisch (463f.): „Jankuhn sprach immer als Wissenschaftler und Archäologe, so auch in den Briefen und Berichten als SS-Mann“ (459). Ob es wirklich möglich ist, sich bei der Bewertung Jankuhns auf seine Haithabu-Forschungen zu beschränken und die Tätigkeit im Ahnenerbe bzw. im ,Osten‘ auszublenden, bleibe dahingestellt.
Die ur- und frühgeschichtliche Archäologie hat allerdings besonders lange gebraucht, um sich aus ihrer Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus zu befreien, obschon die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verwendeten Begriffe Rasse, Sprache, Volk und Kultur schon bald durch neue Erkenntnisse der Genetik, des sprachwissenschaftlichen Strukturalismus, der Soziologie und Ethnologie als obsolet erwiesen wurden. Die Unbrauchbarkeit dieser Paradigmen beruhte nicht nur auf ihrem Konstruktcharakter, sondern auf falschen empirischen Voraussetzungen, wie man insbesondere am Rassenbegriff beobachten kann.
[4]
Mancher Irrweg wurde zwischen 1933 und 1945 aber auch deshalb beschritten, weil sich deutsche Wissenschaftler, oft notgedrungen, aus der internationalen ,scientific community‘ ausklammerten. Daher wäre es sinnvoll gewesen, einem an der Sache interessierten Publikum von Nichtfachleuten in der sonst zu umfassenden Einleitung noch zu verdeutlichen, welches die heute gültigen Paradigmen und wissenschaftlichen Standards der Ur- und Frühgeschichte im Unterschied zum Untersuchungszeitraum sind. Wolfgang Pape, der in anderem Zusammenhang gezeigt hat, dass kaum ein Fach so sehr von den Nazis hofiert wurde und einen derart rasanten Aufstieg nahm wie die Ur- und Frühgeschichte
[5]
, versucht für die im Zentrum des Sammelbandes stehenden zehn Prähistoriker, die inzwischen alle verstorben sind, deren Schüler jedoch im Fach wichtige Positionen einnehmen, eine Art Kollektivbiografie zu erstellen. Damit ist eine Kombination aus ,Feld‘ und ,Habitus‘ gemeint, um die von Pape nicht verwandten entsprechenden Bourdieuschen Kategorien einzuführen.
[6]
An allen Karriereprofilen fällt auf, dass mehrere Personen fachfremd promovierten, ehe sie zur Ur- und Frühgeschichte fanden, dass mehrere zudem museumspraktisch arbeiteten, ehe sie Professoren wurden, und daß fast alle der NSDAP angehörten und sich zugleich in anderen NS-Organisationen betätigten, wobei zunächst eine Hinwendung zum Amt Rosenberg (Hans Reinerth) und später zum ,Ahnenerbe e.V.‘ der SS (Walther Wüst, Wolfram Sievers) zu konstatieren ist. Wenn bis auf Schwantes 1945 alle einen Karriereknick erfuhren, so liegt das nicht zuletzt an der Beschaffenheit ihrer Forschungen, die in ganz unterschiedlicher Weise völkisch-rassisch ausgerichtet waren. Es können hier nicht alle Arbeiten des Sammelbandes genau besprochen werden, doch ist zunächst einmal festzuhalten, dass jeder der porträtierten Prähistoriker zwar eigenständige Forschungsziele verfolgte, dass diese jedoch insgesamt der Präzisierung des germanischen Siedlungsraums (Landnahme) in Abgrenzung gegen Kelten (Rosemarie Müller, „Gotthard Neumann und das Problem der Kelten und Germanen in Thüringen“, S. 89-107; Dietrich Hakelberg, „Ernst Wahle im Kontext seiner Zeit“, S. 199-310), Illyrer (Claudia Theune, „Gero von Merhart und die archäologische Forschung zur vorrömischen Eisenzeit“, S. 151-171), Romanen (Hubert Fehr, s.u.) und Slawen (Karl-Heinz Willroth, „Ernst Sprockhoff und die nordische Bronzezeit“, S. 109-149; Claus von Carnap-Bornheim, „Hans Jürgen Eggers und der Weg aus der Sackgasse der ethnischen Deutung“, S. 173-197; Sebastian Brather, „Wilhelm Unverzagt und das Bild der Slawen“, S. 475-540) dienten. Bemerkenswert ist, dass mehrere die hier Porträtierten, die im übrigen meist mehrere Forschungsschwerpunkte hatten, von denen aus Gründen der Systematisierung nur die wichtigsten genannt wurden, schon früh Zweifel an Kossinnas ethnozentrischer Betrachtung hegten und für eine vorsichtige soziologische Interpretation eintraten. Dies wirkte sich insbesondere auf die Definition der indogermanischen Ursprünge der Germanen aus.
Im Folgenden soll abschließend etwas ausführlicher der Beitrag von Hubert Fehr, „Hans Zeiss, Joachim Werner und die archäologischen Forschungen zur Merowingerzeit“ (S. 311-415), besprochen werden, der mit über einhundert Seiten schon fast den Charakter einer eigenständigen Monografie hat. Fehr hatte den ergebnisreichen Gedanken, zwei Fachvertreter miteinander zu vergleichen, die zudem in einem Lehrer-Schüler-Verhältnis standen. Dieses Verfahren der ,Synkrisis‘ erleichtert es, das Gemeinsame wie das Trennende ihrer Forschungsarbeiten prägnant zu fassen. An Fehrs Beitrag lässt sich zudem ablesen, dass sich die von Steuer angesprochene Trennung von Biografie, institutioneller Einbindung und fachwissenschaftlicher Forschung kaum durchhalten lässt, zu sehr sind alle drei Bereiche miteinander verwoben. Zeiss wie Werner waren beide in die hochgradig politiserte Wissenschaftslandschaft der NS-Zeit integriert. Dies bedeutete bei Zeiss Mitarbeit in der von Michael Fahlbusch gründlich erforschten ,Westdeutschen Forschungsgemeinschaft‘ (WFG)
[7]
und später im ,Kriegseinsatz‘ der ,Aktion Ritterbusch‘, bei Werner ebenfalls die Mitgliedschaft in der WFG sowie eine Berufung an die Reichsuniversität Straßburg, die sich nach der Intention ihrer Gründer und unter Berufung auf ein Hitlerdictum als ,Sorbonne des Westens‘ auffasste. Besondere Relevanz erlangte die Frühmittelalterarchäologie während des Zweiten Weltkriegs, da ihre Ergebnisse bestimmte Annexionspläne wissenschaftlich untermauern sollten.
Beide Wissenschaftler beschäftigten sich konsequenterweise im Rahmen von ideologisch motivierten Programmen mit Forschungen, deren Ergebnisse dazu geeignet waren, politische Ziele der deutschen Regierung bzw. der deutschen Besatzungsbehörden zu legitimieren. Während Zeiss dies offenbar billigend in Kauf nahm, publizierte Werner während des Krieges keine Arbeiten, die unmittelbar politisch ausgemünzt werden konnten. Immerhin nahm er unter der Federführung des Deutschen Wissenschaftlichen Instituts (DWI) in Brüssel an entsprechenden Feldforschungen teil, die in den Rahmen einer weit gespannten ,Westforschung‘ hineingehörten und im Fall der Ur- und Frühgeschichte anhand merowingischer Grabfunde den jeweiligen Siedlungsraum von Germanen und Romanen eingrenzen sollten. Es bestand ein Grundkonsens darüber, der auch nach dem Krieg noch andauerte, dass das Quellenmaterial der frühmittelalterlichen Gräberarchäologie geeignet sei, ,Volkstumsverhältnisse‘ zu erschließen. Der von dem Mittelalterhistoriker Theodor Mayer geleitete Konstanzer Arbeitskreis wurde, wie Fehr nachdrücklich zeigt, nach Kriegsende zum Forum von Westforschern wie Franz Petri, Franz Steinbach u.a., die in der soeben konsolidierten Bundesrepublik ihre früheren nicht unumstrittenen Landnahme-Forschungen mit leichten Modifikationen weiter betreiben konnten.
Wenn bisher nicht klar war, warum die Ur- und Frühgeschichte im Rahmen des von Paul Ritterbusch geleiteten sog. Kriegseinsatzes, mit Sicherheit des umfassendsten geisteswissenschaftlichen ,Gemeinschaftsprojekts‘ in der NS-Zeit, keine größere Rolle spielte, so können die Gründe hierfür jetzt benannt werden. Auf der Tagung der Mittelalter- und Neuhistoriker vom 4.-5. Mai 1942 in Weimar, die unter dem Rahmenthema „Germanische Raumerfassung und Staatenbildung“ stehen sollte, war auch ein Vortrag Herbert Jankuhns vorgesehen, der mehrfach mit Ritterbusch Vorgespräche über die Einbindung des ,Ahnenerbes e.V.‘ der SS in den ,Kriegseinsatz‘ geführt hatte. Unter seiner Leitung sollte eine vorgeschichtliche Abteilung eingerichtet werden. Die Weimarer Tagung sollte als ,ausrichtende Tagung‘ angelegt sein und nach Wunsch des Ahnenerbes unter dem Leitsatz ,Vorgeschichte als geschichtliche Wissenschaft‘ stehen.
[8]
Außer dem hier angezeigten Vortrag Jankuhns, der dann nicht gehalten wurde, sind keine weiteren Planungsaktivitäten nachweisbar, denn Jankuhn war unabkömmlich auf ,Forschungsfahrt‘ in der Ukraine und beantwortete Mayers Briefe nicht. Vermutlich kam deshalb die Gründung einer vorgeschichtlichen Abteilung im ,Kriegseinsatz‘ überhaupt nicht zustande, und Zeiss beschränkte sich auf seine Mitarbeit im Rahmen historischer Projekte.
[9]
Zeiss und Werner gingen nach der französischen Niederlage zur Feldforschung nach Nordfrankreich, wobei sie von einheimischen Gelehrten sogar unterstützt wurden. Werner wurde gar Mitglied des Referats ,Vorgeschichte und Archäologie‘ in der Militärverwaltung in Frankreich im Range eines Kriegsverwaltungsrates.
Durch seine Berufung auf den Lehrstuhl in Straßburg schied er jedoch bereits Ende 1941 aus den Diensten des Kunstschutzes aus, reiste aber noch mehrfach auf Einladung des DWI Brüssel nach Belgien, Frankreich und in die Niederlande. Der Bonner Prähistoriker Kurt Tackenberg hatte zwar, wie Fehr richtig ausführt (S. 351f.), die provisorische Leitung des DWI Brüssel und setzte in der Institutsarbeit Akzente, die seinen fachlichen Interessen entgegenkamen, aber inzwischen ist der Netzwerkcharakter der DWI deutlicher erkennbar. Auch nach Tackenbergs Ausscheiden 1942 blieb die Vorgeschichte unter dem neuen Präsidenten, dem Heidelberger Romanisten Walter Mönch, ein Schlüsselfach der Brüsseler Arbeit.
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Tackenberg hatte bereits in einer wichtigen Vorbereitungssitzung (10.6.41) im Vorfeld der Eröffnung des DWI Brüssel ausgeführt, vordringlich erscheine seiner Meinung nach vor allem die Klärung der Fragen, die mit der sog. germanischen Landnahme der Völkerwanderungszeit zusammenhingen. „Es handelt sich hier in Sonderheit um die Frage, wie weit der Einfluss der eisenzeitlichen Harpstedter Kultur in die späteren Jahrhunderte nachwirkt, um eine Untersuchung des Problems der Volkszugehörigkeit der Kelten und Belgen und neuere systematische Behandlung der fränkischen Landnahme“.
[11]
Galten damals den Gelehrten die Flamen eindeutig als Germanen, so waren sie sich nicht einig darüber, ob die Wallonen als Kelten, romanisierte Franken oder als Abkömmlinge einer Mischung aus beiden zu betrachten seien. Diese Zuordnungsfrage war aber in diesen Jahren nicht so akademisch, wie sie heute klingt. Denn ihre Lösung wurde von Himmler und seinem ,Ahnenerbe‘ für die Planung eines großgermanischen Reiches unter deutscher Führung instrumentalisiert, dessen Leitung Himmler für ,seine‘ SS vorgesehen hatte. Fehr arbeitet dies alles im Umrissen heraus; Ergänzungen könnten allenfalls in sprachwissenschaftlicher Hinsicht angebracht werden, wo nach 1933 sog. Beiträge zur ,Entbarbarisierung‘ verstärkt wurden, um zu beweisen, dass die Germanen Kulturträger von höchsten Graden gewesen seien, die den romanischen und slawischen Nachbarländern ihre Kultur gebracht hätten.
[12]
Zum Abschluss dieses gehaltvollen Bandes bleibt noch anzumerken, dass die Spannung zwischen Beiträgern vor allem der jüngeren Forschergeneration, denen die Vertreter der älteren ,Moralisieren‘ vorwerfen, worauf diese mit dem Vorwurf des ,Verharmlosens‘ antworten, nicht unterdrückt, sondern offen angesprochen wird. Die Aufarbeitung der Vergangenheit der Ur- und Frühgeschichte und ihre Neupositionierung sind in jedem Fall durch die hier publizierten Arbeiten ein gutes Stück vorangekommen, auch wenn über den letzten Punkt kein endgültiges Einverständnis erzielt werden konnte.
[1] Arnold, Bettina, The Past as Propaganda. Totalitarian Archaeology in Nazi Germany, in: Antiquity 64 (1990), S. 464-478; Arnold, Bettina; Haßmann, Henning, Archaeology in Nazi Germany. The Legacy of the Faustian Bargain, in: Kohl, Philip L.; Fawcett, Clare (Hgg.), Nationalism, Politics and the Practice of Archaeology, Cambridge 1995, S. 70-81; Bertram, Marion, Zur Situation der deutschen Ur- und Frühgeschichtsforschung während der Zeit der faschistischen Diktatur, in: Staatliche Museen Berlin, Forschungen und Berichte 31, 1991, S. 23-42; Narr, Karl J., Nach der nationalen Vorgeschichte, in: Prinz, Wolfgang; Weingart, Peter (Hgg.), Die sog. Geisteswissenschaften. Innenansichten, Frankfurt am Main 1990, S. 279305; Kossack, Georg, Prähistorische Archäologie in Deutschland im Wandel der geistigen und politischen Situation. Bayerische Akademie der Wissenschaften, Phil.-Hist. Klasse, Sitzungsberichte Jg. 1999, Heft 4.
[2] Leube, Achim (Hg.), Prähistorie und Nationalsozialismus. Die mittel- und osteuropäische Ur- und Frühgeschichtsforschung in den Jahren 1933-1945 (Studien zur Wissenschafts- und Universitätsgeschichte 2), Heidelberg 2002. Der bereits für Herbst 2001 angezeigte Band müsste dieser Tage herauskommen. Er behandelt in 34 Beiträgen allgemeine Fragen der Organisation der Ur- und Frühgeschichtsforschung im ,Dritten Reich‘, Themen, Methoden und Orte von damals durchgeführten Ausgrabungen, Profile wichtiger Fachvertreter (Julius Pokorny, Gustaf Kossinna, Hans Reinerth, Karl Hermann Jacob-Friesen, Hans Schleif, Peter Paulsen), Forschungsstätten im Osten (Böhmen, Slowakei, Breslau, Krakau, Posen) sowie Ur- und Frühgeschichtsforschung als Teile der nationalsozialistischen Ost-, West- und Nordforschung. Diese im November 1998 auf einer internationalen Tagung an der Humboldt-Universität zu Berlin erarbeiteten Ergebnisse werden durch den im Folgenden anzuzeigenden Band ergänzt und vertieft. Beide Kolloquien greifen bei allen Unterschieden der Fragestellung und der Zusammensetzung der Teilnehmer insoweit ineinander.
[3] Dazu zusammenfassend jetzt Angermüller, Johannes (Hg.), Diskursanalyse. Theorien, Methoden, Anwendungen, Hamburg 2001. Die ,klassische‘ Diskursanalyse im Sinne Michel Foucaults nimmt das Regelsystem, welches den wissenschaftlichen Diskurs generiert, zusammen mit dem sozialen Rahmen und der medialen Basis, in dem er sich verwirklicht, in den Blick. Eine getrennte Betrachtung von Wissenschaftlerbiografien und Schriften wäre demnach fragwürdig.
[4] Besonders sei in diesem Kontext auf die Forschungen von Luigi Cavalli-Sforza hingewiesen, die in: Gene, Völker und Sprachen. Die biologischen Grundlagen unserer Zivilisation, München 1999, zusammengefasst sind. Cavalli-Sforza weist nach, dass es zwar äußere Unterschiede zwischen den Menschen gibt, die zum Rassismus führten, dass diese Differenzen jedoch Folge von Migrationen und durch die bedingter umweltlicher Assimilationen sind, wohingegen die inneren Unterschiede (Gene, Blutgruppen) äußerst klein ausfallen, da alle Menschen einen gemeinsamen Stammbaum haben. Die Vorstellung besonders ,wertvoller‘ Rassen ist vor diesem Hintergrund wissenschaftlich unhaltbar.
[5] Wolfgang Pape legt in dem in Anm. 2 angezeigten Band eine eindrucksvolle quantifizierende Studie vor, deren Schaubilder den explosionsartigen Zuwachs an selbständigen Landesämtern für Vorgeschichte, Universitätsprofessuren, Studenten und folglich auch Promotionen nach 1933 dokumentieren. Daraus ergab sich auch eine breite Divulgierung der durch Grabungsfunde angeblich bewiesenen Kulturhöhe der Germanen, der Überlegenheit der nordischen Rasse oder der Herkunft aller bedeutenden Kulturleistungen aus dem Norden. Auch die ur- und frühgeschichtlichen Fachverbände erhielten starken Zulauf.
[6] Jurt, Joseph, Das literarische Feld. Das Konzept Pierre Bourdieux in Theorie und Praxis, Darmstadt 1995, passim.
[7] Fahlbusch, Michael, Wissenschaft im Dienst der nationalsozialistischen Politik? Die »Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften« von 1931-1945, Baden-Baden 1999, S. 350f., zu Zeiss S. 193.
[8] Vgl. Berlin, BA NS 21-127 (Tagebuch Sievers), 12. 9., 8.11. u. 9.12.41 (freundlicher Hinweis von Egbert Manthey, Kiel).
[9] So die Auskunft des Büros Ritterbusch (9.2.42) an Mayer (München, MGH-Archiv, Kasten 545/1, Bl. 188).
[10] Vgl. jetzt Hausmann, Frank-Rutger, „Auch im Krieg schweigen die Musen nicht“. Die Deutschen Wissenschaftlichen Institute im Zweiten Weltkrieg, Göttingen 2001, S. 264f.
[11] Vgl. Münster, ZNLS/WAAM NL Petri (S.IV.3.1.).
[12] Hausmann, Frank-Rutger, „Vom Strudel der Ereignisse verschlungen“. Deutsche Romanistik im „Dritten Reich“ (Analecta Romanica 61), Frankfurt am Main 2000, S. 529f.; Hutton, Christopher M., Linguistics and the Third Reich. Mother-tongue Fascism, Race and the Science of Language, London 1999. HistLit 2002-006 / Frank-Rutger Hausmann über Steuer, Heiko: Eine hervorragend nationale Wissenschaft. Deutsche Prähistoriker zwischen 1900 und 1995. Berlin 2001. In:
H-Soz-u-Kult 01.03.2002
Sammelrez: Geisteswissenschaften und NS
Weisbrod, Bernd (Hg.): Akademische Vergangenheitspolitik. Beiträge zur Wissenschaftskultur der Nachkriegszeit. Göttingen: Wallstein Verlag 2002.
ISBN: 3-89244-595-8; 288 S. Hausmann, Frank-Rutger (Hg.): Die Rolle der Geisteswissenschaften im Dritten Reich 1933-1945.München: Oldenbourg Wissenschaftsverlag 2002.
ISBN: 3-486-56639-3; XXV, 373 S. Gramley, Hedda: Propheten des deutschen Nationalismus. Theologen, Historiker und Nationalökonomen (1848-1880). Frankfurt am Main: Campus Verlag 2001.
ISBN: 3-593-36731-9; 449 S. Rezensiert von: Manfred Hettling, Institut für Geschichte, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg In den letzten Jahren beschäftigen sich immer mehr Wissenschaften mit den Beziehungen ihres Faches und ihrer Fachvertreter zum Nationalsozialismus sowie dem Agieren der Akademiker im Dritten Reich. Institutionelle, intellektuelle und personelle Verbindungen werden ebenso untersucht wie die vielfältigen Formen der Neukonstituierung der Wissenschaftslandschaft nach 1945. In der Öffentlichkeit werden immer noch die 'investigativen' Varianten dieser Art von Wissenschaftsgeschichte am schnellsten gehört und am meisten verbreitet. Doch hat sich der intellektuelle Reiz des Auffindens brauner Vergangenheiten inzwischen ziemlich erschöpft. Wer die Illusion nicht teilt, sich von der nationalsozialistischen Vergangenheit ganz und gar säubern und aus der deutschen Geschichte aussteigen zu können, fängt an dieser Stelle mit den Fragen eigentlich erst an.
Denn völlig unabhängig vom Nationalsozialismus ist damit das prinzipielle Problem aufgeworfen, welche Verflechtungen und Bedingtheiten zwischen Wissenschaft und Politik bestehen. So leicht man sich darauf verständigen kann, weder dem naiven Trugschluss einer vermeintlich nur auf Faktizität ausgerichteten objektiven Wissenschaft noch der wissenschaftlichen Umsetzung politischer Vorgaben anzuhängen, so schwierig ist es doch, die Relation zwischen Politik und Wissenschaft im Einzelfall genauer zu bestimmen.
In der Tradition der akademischen Wissenschaft des 19. Jahrhunderts war der Bezug zur politischen Gegenwart und zu politischen Werten selbstverständlich und wurde keineswegs als Widerlegung des eigenen Anspruchs auf Wissenschaftlichkeit verstanden. Diese Verbindung untersucht Hedda Gramley am Beispiel der Idee der Nation und des Nationalismus. Welche Rolle kam der Nation zu in den Äußerungen von Professoren? Sie konzentriert sich auf drei Fächer (Geschichte, Theologie, Nationalökonomie) zwischen der Jahrhundertmitte und der zweiten Reichsgründung, also die Hochzeit der Nationalbewegung und die Nationalstaatsgründung. Ausgewählt hat sie Personen, die drei Kriterien erfüllen mussten. Sie mussten:
- Ordinarius sein, d.h. institutionell akzeptiert sein;
- prominent sein, d.h. einer Öffentlichkeit außerhalb des Faches an sich bekannt sein;
- national argumentieren, d.h. die Nation musste für sie einen zentralen Bezugspunkt darstellen.
Derartige Auswahlmodi sind nicht völlig stringent, es ergibt sich hieraus die Tendenz, die 'politischen Professoren' - jene, die sich öffentlich zu politischen Fragen äußern - zu privilegieren. Hieraus ergibt sich ein Sample von rund 30 Professoren, die konfessionell, regional und nach 'Schulen' hinreichend diversifiziert sind, um damit Aussagen über die Fächer insgesamt vornehmen zu können.
Gramley geht es nicht um die Frage, warum jemand national argumentiert - noch weniger darum, dass jemand national argumentiert - "sondern vielmehr warum und in welcher historischen Situation die Untersuchungsgruppe auf nationale Deutungsmuster zurückgriff und welche Rückschlüsse sich daraus auf die Interessen, Bedürfnisse und kollektiven Orientierungen der Gruppe ziehen lassen" (S. 14). Methodisch lehnt sie sich in ihrer Untersuchung an die neue, konstruktivistische Nationalismusforschung von Anderson, Gellner etwa an, die wie Weber ("Gemeinsamkeitsglauben") und andere auch schon jeden Essentialismus in Bezug auf die Nation ablehnen. Diesen Konstruktivismus verbindet sie mit modernisierungstheoretischen Überlegungen zur Funktion des Nationalismus. Ausführlich bezieht sie sich auf die Mentalitätsforschung. Wenn Nationalismus als "ideologisches System von bewussten und unbewussten Wertvorstellungen" (S. 21) untersucht werden soll, ist das plausibel. Ob der Mentalitätsbegriff hier wirklich hilfreich ist - das kann man indes auch anders sehen. Denn wenn die Mentalität "den Deutungsrahmen für den Nationalismus" bildet und sich im sozialen Handeln widerspiegelt, setzt sie mehr voraus, als sie einlösen kann. Das soziale Handeln der Professoren wird nicht umfassend untersucht; vor allem aber wird 'Mentalität' damit ein so großer Erklärungsanspruch aufgebürdet, der schwerlich einlösbar ist. Insbesondere müssten dann nicht nur Äußerungen zur Nation untersucht werden; nur dann könnte potenziell ein mentaler Deutungsrahmen ausgelotet werden, der den Wert der Nation strukturiert und seine Verwendung geprägt haben könnte.
Doch unbeschadet dieser Skepsis gegenüber dem beanspruchten theoretischen Bezugsrahmen überzeugt die Arbeit durch die detaillierte und präzise Analyse der einzelnen Texte. Es tritt klar hervor, dass die Nation als Leitidee einerseits integrierend wirkte, zugleich aber auch Binnendifferenzierungen ermöglichte. Die Nation verkörperte die Hoffnung auf Einheit - doch wie diese Einheit hergestellt werden sollte, darüber gab es sehr wohl konkurrierende Ansichten. Gramley zeigt deutlich, in welchem Maße das Christentum als einheitsstiftender Wert für die Nation angesehen wurde. Darin waren sich nicht nur die verschiedenen Fächer, nicht nur Liberale und Konservative, sondern auch Protestanten und Katholiken einig. Diese religiös-christliche Fundierung der Nation wird nach wie vor meist übersehen. In dem Maße, wie keine Integration durch die Leitidee Nation gelang, wurden Divergenzen überwölbende Figuren wie etwa das "nationale Königtum" der Hohenzollernmonarchie attraktiv. Das Kaiserreich war, könnte man deshalb sagen, nicht nur verfassungsrechtlich durch einen 'dilatorischen Herrschaftskompromiss' (Wolfgang J. Mommsen) geprägt, sondern ideell durch eine 'dilatorische nationale Einheit' bestimmt.
Die politischen Differenzen, die es zweifellos gab - man denke etwa an den Streit über die inneren Reformen, der sich an den 'Kathedersozialisten' entzündete -, wurden indes weniger als Spannung zwischen Wissenschaft und Politik wahrgenommen, denn als wissenschaftliche Konflikte. Man kann vermuten, dass eine vorwissenschaftliche Gemeinsamkeit als Bildungsbürger und Professoren hier zum Tragen kam.
Verkörperte die 'Nation' als Leitidee für Wissenschaftler im 19. Jahrhundert zwar eine immense politische Herausforderung, so wurde sie doch kaum als intellektuelle oder lebensweltliche wahrgenommen. Im Gegensatz hierzu präsentierte sich der Nationalsozialismus als eine fundamentale gesellschaftliche und politische Alternative, trat er mit dem Anspruch nicht nur der politischen, sondern auch der gesellschaftlichen und intellektuellen Revolution an. Dass dieser Anspruch bereitwillig Resonanz finden konnte, auch in Kreisen die man nicht per se als nationalsozialistisch bezeichnen mag, veranschaulicht und erklärt Otto G. Oexle in einem brillanten Aufriss.
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Im Blick auf die Wissenschaftler wird deutlich, dass Kriegsniederlage und Staatszertrümmerung nach 1918 nicht nur eine politische Krise darstellten, sondern auch gerade deshalb zu einer fundamentalen Verunsicherung führten, weil die gewohnten Weltbilder ihre Deutungskraft verloren hatten. Oexle analysiert das, indem er die zeitgenössischen Beschreibungen einer "Krise der Wirklichkeit" und das Suchen nach "neuer Wirklichkeit" beschreibt. Die breite Akzeptanz findende Ablehnung einer rationalen Wissenschaft und die Sehnsucht nach neuer Orientierung begünstigte das Einlassen auf den Nationalsozialismus. Auch wenn nicht jeder etwa Franks "Kämpfende Wissenschaft" goutieren mochte, so verband doch die Suche nach einer neuen Wissenschaft, die Wissenschaft und Leben verbinden und nicht mehr 'intellektualistisch' sein sollte. Das Einfallstor für eine Politisierung und Instrumentalisierung der Wissenschaft war damit weit geöffnet.
Was Oexle als allgemeine Bedingung für den Erfolg schildert, die der Nationalsozialismus bei Wissenschaftlern erzielen konnte, das präsentiert Hausmann in dem von ihm herausgebenden Band im Anschluss an Oexles Überblick und der von Lothar Mertens unternommenen Darstellung der "Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft" in den ersten Jahren nach 1933 nach Fächern ausdifferenziert. Konzentriert auf elf Geisteswissenschaften (Sportwissenschaft wird auch darunter summiert) wird in den Einzelbeiträgen vorgestellt, wie sich Wissenschaften und Wissenschaftler auf den Nationalsozialismus einließen. Je nach den vorliegenden Vorarbeiten für die einzelnen Fächer fallen die Ergebnisse unterschiedlich aus, nicht immer sind systematische und bilanzierende Überblicke möglich. Strikt vergleichende Analysen lassen sich erst kaum vornehmen. Die Fächer unterscheiden sich zwar in ihrer quantitativen Dimension und in ihrer universitären Etablierung, doch tritt der ubiquitäre Prozess der Ausgrenzung und Vertreibung einerseits und der Affinität, Anbiederung und Anpassung andrerseits deutlich hervor. Die 'Reinigung' von unerwünschten Personen konnte bis zu einem Drittel der Wissenschaftler aus dem Land treiben: 60 von 180 habilitierten Philosophen und fünf von 15 Psychologieprofessoren (Hans-Joachim Dahms, S. 198; Mitchell Ash, S. 238) verdeutlichen, dass einzelne Wissenschaften in erheblichem Maße betroffen waren. In der Geschichte wurden 26 Lehrstühle aus politischen und 'rassischen' Gründen neu besetzt, das waren 18 Prozent aller Lehrstühle (Jürgen Elvert, S. 112). Von den im Amt verbliebenen kooperierten etwa 40 Prozent offen mit dem Nationalsozialismus, das Verhalten von ebenfalls etwa 40 % lasse sich, so Elvert, als Arrangement bezeichnen. Für viele der kleineren Fächer fehlen derartige Überblicksangaben, einerseits steckt die Fachgeschichte der nationalsozialistischen Zeit oft noch in den Anfängen, andrerseits sind bei den kleinen Fallzahlen prozentuale Angaben begrenzt sinnvoll. Als eindeutiger 'Fachgewinner' entpuppt sich, wie leicht zu vermuten, die Ur- und Frühgeschichte. 1933 verfügte das Fach über sieben Lehrstühle, 1942 über 25 (Wolfgang Pape, S. 352). Hier findet sich eine "ausgeprägte Affinität zum Nationalsozialismus" (S. 352), ebenso scheinen Ausgrenzungen aus politischen oder rassischen Gründen keine Rolle zu spielen. Dainat weist - für die Germanistik - zu Recht darauf hin, dass es irreführend wäre, nur auf die Professorenstellen zu blicken. Denn in vielen Fächern hatten Juden, Linke und Liberale auch vor 1933 wenig Chancen, Lehrstühle zu ergattern (S. 76). Deshalb müssten Fächerüberblicke eigentlich versuchen, die wissenschaftlich Tätigen insgesamt zu erfassen, was jedoch in vielen Fällen kaum möglich sein dürfte.
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Zu den Verlierern zählt, etwas überraschend, die Germanistik. Wie der Autor in einem überzeugenden Beitrag darlegt, hatte der Deutschunterricht davon profitiert, dass seit der Kulturkritik des späten 19. Jahrhunderts nach und nach Nationalbildung den Neuhumanismus als Leitwert abgelöst hatte. Diese bildungspolitische Grundsatzentscheidung begünstigte die Ausbreitung der Literaturwissenschaft innerhalb der Philosophischen Fakultät, wertete den Deutschunterricht in der Schule auf - und verhinderte doch nicht die Bedeutungsverringerung des Faches nach 1933. Die Stellen an den Universitäten sanken um 20 Prozent, die Studierendenzahlen um 80 Prozent - von 5361 (1931) auf 1049 (1938).
Durch die intensive Diskussion der letzten Jahre wird immer deutlicher, dass ein Blick, der sich nur auf die Zeit von 1933 bis 1945 richtet, vereinfacht. in jüngster Zeit ist wiederholt darauf hingewiesen worden, dass nur im langen Bogen jene Veränderungsprozesse erfasst werden können, die einerseits den Nationalsozialismus möglich gemacht haben und die andrerseits zur erfolgreichen Distanzierung von ihm geführt haben.
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Erst wenn Nazifizierung und Entnazifizierung als langfristige Umwandlungen verstanden und untersucht werden, wird die Politisierung von Wissenschaft im Nationalsozialismus hinreichend analysiert werden können.
Der von Bernd Weisbrod herausgegebene Band zur "Akademischen Vergangenheitspolitik" konzentriert sich zwar auf die Nachkriegszeit, doch erläutert Weisbrod in seiner Einleitung präzise das Problem der Transformation von Wissenschaft. Nach 1945 ging und geht es nur vordergründig um die Frage, ob jemand in der Partei war oder braun war. Reduzierte man die Problemstellung darauf, bleibt man in einem Enthüllungsgestus stecken, der zwar noch immer Aufmerksamkeit findet - man denke an die jüngsten Beispiele wie Walter Jens oder Fritz Fischer - aber letztlich langweilig ist und intellektuell unergiebig. Lohnender ist die Frage nach jener wissenschaftlichen "Selbstmobilisierung" in einem erstaunlich offenen System des Reputationswettkampfes und der Ressourcenallokation (S. 18). Weisbrod ist hierin nur zuzustimmen. Weder die Frage nach persönlichem Opportunismus noch jene nach einem wie auch immer zu verstehenden Teufelspakt kann jene wissenschaftlichen Transformationen erhellen, die sich im Nationalsozialismus vollzogen. Weisbrod erwähnt Hans Mommsens viel zitierten Auftritt in Frankfurt 1998: in der "technokratischen Überformung des historischen Denkens", so Mommsen, "damit in der Verfügbarmachung historischer Inhalte, liegt der eigentliche Einbruch nationalsozialistischer Mentalität" (S. 18). Deshalb auch konnten sich viele Wissenschaftler den Nationalsozialismus selber zunutze machen. das Verhältnis von Wissenschaft und Nationalsozialismus war deshalb oft ein "prekäres Arrangement auf Gegenseitigkeit" (S. 21).
Das stimmt, doch ist diese Diagnose unvollständig, berücksichtigt man nicht jene "Krise der Wirklichkeit", die Otto G. Oexle im Band von Hausmann beschrieben hat. Die Krise des Historismus, die Troeltsch bereits in den 1920er-Jahren beschrieben und analysiert hat, die Auflösung des tradierten Wissenschaftsverständnisses und damit die Erosion von Wissenschaft als Sinnträger war die Bedingung für die von Hans Mommsen erwähnte technokratische Überformung. Erst durch die Krise der Wirklichkeit konnte 'Wollen' an die Stelle von Wissenschaft treten. Darin lag explizit das Angebot der "kämpfenden Wissenschaft", mit dem Krieck, Frank und viele andere das von Max Weber 1917 skizzierte Modell von "Wissenschaft als Beruf" ablehnten und Wissenschaft für politische Zwecke verfügbar machten. Blendet man diese tiefer liegende Krise der Wissenschaft aus, dann entgeht dem Blick auch, dass es nach 1945 eben nicht nur darum ging, Nazis aus der Wissenschaft zu entfernen, sondern - weit schwieriger und tiefer greifend - ein neues Fundament für Wissenschaftlichkeit zu gewinnen.
Weisbrod argumentiert - in Anlehnung an Mitchell Ash -, dass erst die "gleichzeitige Entflechtung von Wissenschaft und Wissenschaftlern aus ihren früheren kollaborativen Verhältnissen und ihre Neuverflechtung in andere politische Verhältnisse" die Wissenschaftskultur der Nachkriegszeit ausgemacht habe (S. 31). Zu kurz griffen deshalb nach 1945 jene Versuche wissenschaftlicher Neubegründung, die ihr Heil in vermeintlich unpolitischer Sachlichkeit, im Ehrgefühl des einzelnen Wissenschaftlers suchten. Daraus war in den 1920er-Jahren die Krise der Wissenschaft mit entstanden. Der "Gestus des Neubeginns" (Carola Dietze, S. 90), der nach 1945 gefordert und förderlich war, bedeutete insofern mehr als nur ein neues demokratisches Mäntlein, das man sich umhängen konnte. Nur wer sich wirklich auf diesen Neubeginn einließ, konnte langfristig erfolgreich in der Wissenschaft bleiben. Jene, die sich dem versagten, wie etwa viele der alten Volkstumsforscher, überlebten zwar in vielen Fällen in Nischen, rutschten aber sukzessive aus der akademischen Öffentlichkeit an den Rand. Und umgekehrt waren jene erfolgreich wie Werner Conze, die an methodische Grundlagen der 30er-Jahre anknüpfen konnten, diese aber unter dem Stichwort der Sozialgeschichte vorsichtig adaptieren und vor allem als neu und als mit der westlichen Tradition als kompatibel darstellen konnten (Thomas Etzemüller). Dem entspricht auch, dass es sich ein Remigrant wie Helmuth Plessner zwar leisten konnte, auf den Gestus des Neuanfangs zu verzichten; denn politisch verdächtig wurde er dadurch nicht. Doch blieb er in der Wissenschaftslandschaft lange Zeit ein Außenseiter, gerade weil ihm der forsche Auftritt des Neuerers fehlte (Carola Dietze). Sein später Erfolg kann deshalb vermutlich auch als Indiz dafür genommen werden, dass sich spezifische Konstellationen der Nachkriegszeit verflüchtigt haben.
Der Band bietet Studien, die sowohl Fachgruppen untersuchen, als auch auf Einzelpersonen - Plessner, Nohl (Kai Arne Linnemann), Heidegger (Daniel Morat) und andere - ausgerichtet sind. Daneben wird vor allem der institutionelle Umgang mit der eigenen Fachvergangenheit untersucht: für die Sprach- und Literaturwissenschaft als Disziplin (Gerhard Kaiser/Matthias Krell), für die Kaiser-Wilhelm/Max-Planck-Gesellschaft als Wissenschaftsorganisation (Carola Sachse), für die Naturwissenschaften am Beispiel der Physik (Mark Walker). Als detaillierte Analyse einer Transformation fachwissenschaftlicher Kategorien und Methoden wird der Band abgeschlossen durch einen Beitrag über den Wissenschaftswandel in der westdeutschen Psychiatrie (Svenja Goltermann).
Zweierlei ist in der Bilanz der drei Bände besonders hervorzuheben. Einerseits greift ein Blick zu kurz, der das Verhältnis von Wissenschaft und Politik auf einseitige Beeinflussungen oder Affinitäten reduzierte. Auch für das Verhältnis von Geisteswissenschaften und Nationalsozialismus wäre das zu einseitig. Sowohl die Bereitschaft vieler Bürgerlicher und Gebildeter, sich mit dem Nationalsozialismus zu verflechten, lassen sich dadurch nicht hinreichend erfassen, als auch die prinzipielle Wissenschaftsdistanz des Nationalsozialismus mit berücksichtigen. Andrerseits ist das Problem ja nicht aus der Welt, wie Wissenschaft und Politik sich zueinander verhalten, wenn sich Wissenschaft in der politischen Ordnung der Demokratie befindet. Auch dann entgeht der Wissenschaftler nicht der "Beziehung der Wirklichkeit auf Wertideen".
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Das offen zu legen ohne sich gleichzeitig in naive Faktengläubigkeit oder in einen kulturellen Relativismus zu flüchten, bleibt eine Herausforderung.
[1] Oexle, Otto G., "Wirklichkeit" - "Krise der Wirklichkeit" - "Neue Wirklichkeit". Deutungsmuster und Paradigmenkämpfe in der deutschen Wissenschaft vor und nach 1933, in: Hausmann, Frank-Rutger (Hg.), Die Rolle der Geisteswissenschaften im Dritten Reich 1933-1945, München 2002, S. 1-20.
[2] Umso verdienstvoller und aufschlussreicher ist der Beitrag von Hans-Joachim Dahms, der das für die Philosophie versucht.
[3] Vgl. etwa Rusinek, Bernd-A., 'Westforschungs'-Traditionen nach 1945, in: Dietz, Burkhard (Hg.), Griff nach dem Westen. Die "Westforschung" der völkisch-nationalen Wissenschaften zum nordwesteuropäischen Raum (1919-1960), in 2 Bde., Münster 2003, S. 1141-1204; Blänkner, Reinhard, Nach der Volksgeschichte. Otto Brunners Konzept einer 'europäischen Sozialgeschichte', in: Hettling, Manfred (Hg.), Volksgeschichten in der europäischen Zwischenkriegszeit, Göttingen 2003, S. 326-66.
[4] Weber, Max, Die "Objektivität" sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis (1904), in: Ders., Wissenschaftslehre, Tübingen 1988, S. 176. HistLit 2004-1-135 / Manfred Hettling über Weisbrod, Bernd (Hg.): Akademische Vergangenheitspolitik. Beiträge zur Wissenschaftskultur der Nachkriegszeit. Göttingen 2002. In:
H-Soz-u-Kult 06.03.2004 HistLit 2004-1-135 / Manfred Hettling über Hausmann, Frank-Rutger (Hg.): Die Rolle der Geisteswissenschaften im Dritten Reich 1933-1945.München 2002. In:
H-Soz-u-Kult 06.03.2004 HistLit 2004-1-135 / Manfred Hettling über Gramley, Hedda: Propheten des deutschen Nationalismus. Theologen, Historiker und Nationalökonomen (1848-1880). Frankfurt am Main 2001. In:
H-Soz-u-Kult 06.03.2004 Hinweis:
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