Band 8 • 2006 | ISBN-10: 3-86004-201-7 | | ISBN-13: 978-3-86004-201-4 | Das Ende der Urbanisierung? |
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Die Zukunft der europäischen Stadt
Friedrich Lenger Die Frage nach der Zukunft der europäischen Stadt wird im Kontext der vielerorts diagnostizierten Krise der Stadt oder des Endes der Urbanisierung gestellt. Derlei Krisendiskussionen sind zunächst also keineswegs exklusiv auf Europa bezogen. Das gilt für die durch den Begriff der "Zwischenstadt" lediglich deutsch imprägnierte Debatte um die Auflösung des älteren Stadt-Land-Gegensatzes, die ohne die ja nicht auf Europa begrenzte Suburbanisierung und Automobilisierung kaum vorstellbar ist.
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Das gilt erst recht aber für die intensiv diskutierte Frage, inwiefern und inwieweit die rasanten Veränderungen der Kommunikations- und Informationstechnologie die Stadt als zentralen Ort obsolet machen (werden).
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In der aktuellen Diskussion um die Zukunft der Stadt erfährt gleichwohl gerade der Typus der europäischen Stadt eine neue Konjunktur. Architekten wie Fred London (Thompson & Partners), der in diesen Tagen vor den Toren Moskaus ein gigantisches Wohnungsbauvorhaben für wohlhabende Moskowiter plant, entdecken die Historizität der europäischen Stadt als selling point: "Wir wollen eine europäische Stadt bauen. An deren geschichtlicher Entwicklung haben wir uns orientiert".
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Ob sich diese historische Entwicklung so ohne weiteres planerisch einholen und eine Altstadt am Reißbrett entwerfen lässt, sei dahingestellt. Für die Zentralität eines spezifisch europäischen Städtetypus in der gegenwärtigen urbanistischen Diskussion ist die Planung von Rubljowskoje-Archangelskoje jedenfalls bezeichnend. Das heißt nun nicht, dass es eine klare Definition dieses Städtetypus gäbe, zumal mit Max Webers Idealtypus der okzidentalen Stadt angesichts fehlender Autonomie und Autokephalie der Kommunen für das 21. Jahrhundert wenig anzufangen ist. An die Stelle klarer Definitionen und Theorie geleiteter Konzepte sind daher zunehmend bloße Merkmalskataloge getreten, die in der Regel neben der geringeren Verstädterungsdynamik, eine gleichfalls begrenzt bleibende Suburbanisierung, eine deutlich stärkere Wertschätzung des Stadtzentrums sowohl als Wohnviertel als auch als Standort repräsentativer öffentlicher Bauten, weit reichende stadtplanerische Kompetenzen der Städte, ein entwickeltes System wohlfahrtsstaatlicher Institutionen und Unterstützungsleistungen sowie die Präsenz historischer Bauten im Stadtbild auflisten. Dabei deutet die häufige Verwendung des Komparativs auf dieser keinesfalls vollständigen Merkmalsliste bereits darauf hin, dass der so umschriebene Typus der europäischen Stadt als Gegenbild der amerikanischen Stadt bestimmt worden ist, die ihrerseits oft vorschnell mit einer globalisierten Stadt gleichgesetzt wird. Inwieweit das Bild, das sich Europa von der amerikanischen Stadt gemacht hat, oder umgekehrt das Bild, das sich Amerika von der europäischen Stadt gemacht hat, ein Zerr- oder gar ein Trugbild ist, soll hier nicht interessieren.
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Die wechselseitige Fixierung ist zum Verständnis der gegenwärtigen Debatten aber ebenso unverzichtbar wie zur Bestimmung ihrer Grenzen. Denn zum einen führt die Konzentration auf Europa und die USA zur Ausklammerung gerade der Weltregionen, in denen der Urbanisierungsprozess zur Zeit seine größte Dynamik und vielleicht auch interessanteste Form angenommen hat und in denen von einem Ende der Urbanisierung nicht die Rede sein kann.
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Zum anderen lässt sie Entwicklungstendenzen, die Europa und den USA gemein sind, wie die Eventisierung der Städte, die Revitalisierung von Hafenvierteln oder den massiv geförderten Städtetourismus, als weniger interessant erscheinen als gegenläufige Entwicklungen. Und schließlich drängt die Fixierung auf europäisch-nordamerikanische Gegensätze die Frage nach innereuropäischen Unterschieden allzu sehr in den Hintergrund, obwohl doch erst zu zeigen wäre, ob etwa der Verlauf der englischen Suburbanisierung dem der kontinentaleuropäischen ähnlicher als dem der nordamerikanischen Suburbanisierung ist oder ob die Wachstumsprozesse an der Peripherie von Rom oder Athen und die dort geringe Bedeutung des sozialen Wohnungsbaus überhaupt zum (nordwest-) europäischen Muster passen, um von der Kompatibilität der ehemals sozialistischen Städte Osteuropas erst gar nicht zu reden.
In diesen Hinsichten scheint die Debatte um die Zukunft der europäischen Stadt begrenzt. Gleichwohl werden hier Prozesse von unbestreitbarer Relevanz für unser aller Zukunft verhandelt. Schließlich beschwören hier die einen die Kompaktheit der europäischen Stadt und ihre vergleichsweise hohe städteplanerische Gestaltung als Gegenbild zu der von der Suburbanisierung der städtischen Peripherie wie der Urbanisierung des Landes gleichermaßen vorangetriebenen gänzlichen Auflösung des Stadt-Land-Gegensatzes. Andere sehen in ihr das verteidigungswürdige Gegenmodell zur Amerikanisierung oder Globalisierung der Städte, als deren Hauptkennzeichen eine der europäischen Stadt fremde, äußerst schroffe soziale Polarisierung angesehen wird. In der politischen Nutzanwendung ist also die Rede von der europäischen Stadt recht regelmäßig von der Behauptung einer sich rasch vollziehenden Amerikanisierung bzw. Globalisierung begleitet. Dieses bedrohlich klingende "de te fabula narratur!" entbehrt aber weitestgehend einer historischen Tiefendimension oder auch nur einer empirisch gehaltvollen Bestandsaufnahme der Entwicklungen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Europa und den USA.
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Wie eine solche vergleichende Bestandsaufnahme aussehen könnte, möchte ich für drei auf beiden Seiten des Atlantiks heftig diskutierte Wandlungsprozesse skizzieren, die keinen Anspruch auf Repräsentativität oder gar Vollständigkeit erheben. Da, wie ausgeführt, die Debatte um die Zukunft der europäischen Stadt ganz maßgeblich eine um die Konvergenz mit Wesenszügen der amerikanischen Stadt ist, liegt es nahe, jeweils mit einer knappen Skizze jüngster amerikanischer Entwicklungstrends einzusetzen und diese als Folie für eine vergleichende Einschätzung der europäischen Situation zu benutzen.
Suburban Sprawl – das Ende städtischer Zentralität?
"Die eigentliche Entwicklungsdynamik der Stadt wird seit Jahrzehnten durch Suburbanisierung bestimmt – einen globalen Trend, für den es kaum Ausnahmen zu geben scheint."
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Diese in ihrem ersten Teil kaum zu bestreitende Feststellung Rudolf Stichwehs erscheint in ihrer Qualifizierung als ausnahmeloser Globaltrend aus europäisch-amerikanischer Vergleichsperspektive problematisch. Das gilt zunächst hinsichtlich Ausmaß und Form der Suburbanisierung. Schließlich lebt seit 1990 eine Mehrheit der US-Bürger in metropolitan regions von mehr als einer Million Einwohnern und innerhalb dieser vor allem in suburbs. Diese als Vororte zu übersetzen, würde die enormen Unterschiede im Ausmaß der Flächenzersiedelung verwischen. Man muss nicht das Extrembeispiel Los Angeles bemühen, um zu demonstrieren, dass der – aufgrund der späteren Automobilisierung ohnehin verzögerte – suburban sprawl in Europa bislang kein vergleichbares Ausmaß angenommen hat. Das gilt selbst für England und gerade auch für das dünn besiedelte Skandinavien. Das Unverständnis amerikanischer Besucher gegenüber einer durchaus anerkannten Planung hoch verdichteter Satellitenstädte in Schweden oder Finnland belegt dies besser als jede Kennziffer.
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Es ist angesichts fortbestehender Lenkungsmechanismen auch nicht ersichtlich, warum die hier nur angedeuteten Unterschiede in Ausmaß und Form der Suburbanisierung nicht fortbestehen sollten, die der Analyse des sich auch in Europa rasch wandelnden Stadt-Land-Verhältnisses nichts von seiner Dringlichkeit nimmt.
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Dies gilt insbesondere, wenn man die jüngste Dynamik des Suburbanisierungsprozesses betrachtet. Zwar ist auch in Europa der Suburbanisierung der Wohnbevölkerung die Suburbanisierung von Handel und Gewerbe gefolgt und dies – wie in Ostdeutschland nach 1989/90 – in gelegentlich sehr krassem Ausmaß. Und doch ist der Suburbanisierungsprozess in Europa sehr viel stärker auf die städtischen Zentren ausgerichtet geblieben, denen ein erheblicher Teil der Freizeit- und Kulturangebote vorbehalten geblieben ist. Dagegen haben sich Restaurants, Kinos und Theater in den USA häufig in großen Einkaufszentren fernab der städtischen Zentren angesiedelt. Dabei handelt es sich um mehr als einen bloß quantitativen und in Zukunft an Bedeutung verlierenden Unterschied, weil in den Vereinigten Staaten zugleich die Zentrumsorientierung vieler suburbs aufgehoben oder doch zumindest deutlich geschwächt worden ist. In der amerikanischen Diskussion firmieren sie als technoburbs oder edge cities.
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Sie wachsen typischerweise an den Knotenpunkten wichtiger Autobahnen im weiteren Umfeld städtischer Zentren heran. Damit ändern sie die Verkehrsflüsse, die nicht länger primär aus dem Speckgürtel ins Zentrum der Metropolen gehen, sondern die suburbs untereinander verbinden. Ihren vielleicht wichtigsten Ursprung haben sie im Auszug der sogenannten back offices, welche die Verwaltungsroutinen großer Firmen erledigen. Einen ökonomischen Anreiz zum Auszug in die technoburbs bieten den sich dort ansiedelnden Firmen nämlich nicht allein die niedrigeren Grundstückskosten, sondern das Reservoir vergleichsweise gut ausgebildeter Ehefrauen, die zu eher bescheidenen Löhnen bereit sind, Büroarbeiten auszuführen. Dass dies im eigenen Haushalt geschieht, ist auch in den USA eine seltene Ausnahme. Diese technoburbs entstehen also, wenn nach den Bewohnern, den industriellen Arbeitsplätzen und den Geschäften auch die Büros die Innenstädte verlassen.
Ähnliche Standortverlagerungen der back offices an die städtische Peripherie sind auch in Europa unübersehbar, doch scheinen sie nur in Ausnahmefällen ähnliche siedlungsräumliche Konsequenzen zu haben. Der verkehrsmäßigen Anbindung scheint bei der Entstehung und Expansion solcher technoburbs in den USA zudem sehr viel entscheidendere Bedeutung zuzukommen, die im zuvor ländlichen Nordvirginia am Autobahnring um Washington ebenso aus dem Boden geschossen sind wie im südkalifornischen Orange County. Es sind die die Zentren umfahrenden beltways, an denen sich die Standortentscheidungen orientieren und die es möglich machen, dass die verschiedenen technoburbs vielleicht stärker aufeinander als auf das großstädtische Zentrum bezogen sind. Ähnliche Muster haben sich in Europa kaum herausgebildet, weil von durchaus vergleichbaren Standortentscheidungen großer Unternehmen und ihrer verstärkten Orientierung an Autobahnkreuzen und Flughäfen keine starken Impulse für die Errichtung neuer Siedlungen ausgegangen sind. Dafür dürfte es eine Reihe von Gründen geben, nicht zuletzt den, dass die ungleich höhere Verdichtung europäischer Agglomerationsräume (einschließlich der dazugehörigen Vorortsiedlungen) und die aufgrund des stärker ausgebauten öffentlichen Nahverkehrs bessere Erreichbarkeit auch peripherer Standorte eine solche weniger dringlich gemacht hat. In den USA dagegen sind die edge cities nicht nur ungemein wachstumsstark, sondern zugleich Gegenstand des Optimismus einiger Architekten, die das Programm eines New Urbanism für sie entwickelt haben – Visionen, in denen sogar Fußgänger wieder einen Platz finden sollen. Aber auch diese nicht selten an Idealbildern der europäischen Stadt orientierten Visionen belegen keine europäisch-amerikanische Konvergenz. Denn es scheint Skepsis gegenüber der Planungseuphorie der im internationalen Congress for the New Urbanism zusammengeschlossenen Architekten und Städteplaner angebracht. Und das nicht allein wegen der Halbherzigkeit der Grundkonzeption, die von einer Besiedlungsdichte ausgeht, die keinen öffentlichen Nahverkehr tragen kann und deshalb auf das Auto angewiesen bleibt, sondern vor allem weil dem Verhältnis privaten und öffentlichen Raums zueinander keine hinreichende Beachtung geschenkt wird.
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Städtischer Raum – städtische Öffentlichkeit
Denn öffentliche Räume kennen die neuen technoburbs ebenso wenig wie die klassischen suburbs. Optimistische Betrachter der amerikanischen Entwicklung haben dagegen argumentiert, die – seit den 1950er Jahren auch wegen veränderter Abschreibungsbedingungen für gewerblich genutzte Immobilien allerorten aus dem Boden geschossenen – shopping malls seien längst an die Stelle von downtown getreten.
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Und wenn man schaut, welche funktionelle Vielfalt amerikanische shopping malls aufweisen, leuchtet ein, dass die Einkaufszentren mit ihren Geschäften, Restaurants, Hotels, Kinos, Eisbahnen, Theatern, Fitnesscentern und Museen über ein Konsum- und Freizeitangebot verfügen, das mit mancher Innenstadt konkurrieren kann, ja inzwischen häufig darüber hinausgeht.
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Aber Größe und funktionelle Vielfalt, welche die größten amerikanischen Einkaufszentren zu touristischen Zielen und ernsthaften Konkurrenten von Disneyland haben werden lassen, ersetzen keinen frei zugänglichen öffentlichen Raum, ohne den eine Stadt so wenig denkbar scheint wie ein demokratisches Gemeinwesen. Auch im größten Einkaufszentrum bleibt, wie der supreme court 1976 entschied, die verfassungsmäßig garantierte Redefreiheit Beschränkungen unterworfen, und das Recht des freien Zugangs der einzelstaatlichen Regelung überlassen. Im Ergebnis verteidigen ganze sechs einzelstaatliche Verfassungen die Redefreiheit gegen die Eigentumsrechte der privaten Eigentümer und selbst in diesen Staaten ist die geschützte politische Betätigung auf das Verteilen von Flugblättern begrenzt.
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Über Zugangsbeschränkungen aber entscheiden die Betreiber und die zahlreich von ihnen beschäftigten Sicherheitskräfte.
Das ist in europäischen Einkaufszentren ähnlich, doch treten diese in der Regel eben nicht an die Stelle frei zugänglichen Stadtraums, sondern fügen sich in diesen ein. Dabei mögen die ubiquitären Fußgängerzonen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ästhetisch häufig einiges zu wünschen übrig lassen. Doch bieten die Ramblas in Barcelona genauso wie zentrale Einkaufsstraßen in Stuttgart oder Florenz freien öffentlichen Zugang für Konsumenten, Demonstranten, Artisten, Trickbetrüger oder Taschendiebe. Tendenzen zur Kommerzialisierung, Privatisierung und Militarisierung potentiell öffentlichen Raums gibt es auch hier, doch sind sie in den Vororten und Stadtzentren der USA sehr viel stärker ausgeprägt: Vorortsiedlungen werden immer häufiger als gated communities angelegt, zu denen der gewöhnliche Bürger ohne Einladung eines Bewohners keinen Zugang hat.
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So hat sich die Zahl der Beschäftigten in den Sicherheitsdiensten des county von Los Angeles allein in den 1980er Jahren mehr als verdreifacht.
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Ein ähnliches Ausmaß kann die Beschränkung öffentlichen Raums in den städtischen Zentren selbst nicht annehmen. Doch schreiten Privatisierung und Militarisierung auch hier voran. Für erstere steht die gesamte Drive-in-Kultur, die inzwischen längst auch Gottesdienste auf dem riesigen Parkplatz eines Autokinos mitumfasst, wo Zehntausende von Besuchern die Predigt des Geistlichen, dem sie zuschauen, per Autoradio in ihren geschlossenen und überwiegend klimatisierten Limousinen hören.
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Neben solchen selbst gewählten Formen der Isolation steht der Ausschluss vor allem der armen Bevölkerung, wie den immer zahlreicher werdenden Obdachlosen, z.B. durch die Schließung von Parkanlagen außerhalb der Geschäftszeiten oder mittels Privatisierung öffentlicher Parks.
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Postfordismus, Neoliberalismus, soziale Polarisierung
Das führt zu einem dritten Bereich, für den häufig eine Konvergenz der nordamerikanischen und der europäischen Entwicklung behauptet worden ist – den der sozialen Polarisierung der städtischen Bevölkerung. So haben nicht zuletzt die gewalttätigen Unruhen des Vorjahres in Paris und Lyon zu voreiligen Parallelisierungen mit Unruhen in Los Angeles oder Chicago geführt, wobei mehr übersehen worden ist als nur die für Europa im Gegensatz zu den USA typische Verortung der sozialen Spannungszonen in den Hochbauten des sozialen Wohnungsbaus an der städtischen Peripherie. Auch sonst scheint es fraglich, ob man für das für die USA zentrale Problem einer schwarzen underclass in den innerstädtischen Ghettos, die durch die Deindustrialisierung und die Suburbanisierung der verbliebenen industriellen Produktionsstätten weitgehend vom Arbeitsmarkt abgeschnitten ist, ein europäisches Pendant findet.
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Vorliegende Fallstudien sprechen dagegen.
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Ohnehin scheint gegenüber den von einer europäisch-amerikanischen Konvergenz ausgehenden Konzepten einer Stadtsoziologie, die gerne von den neoliberalen Tendenzen in der postfordistischen Stadt spricht, Skepsis angebracht. Zwar deuten auch Studien zu europäischen Städten auf eine verstärkte soziale Polarisierung der städtischen Bevölkerung hin, doch rechtfertigt dies keine Gleichsetzung mit der nordamerikanischen Situation.
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Denn der aus der Globalisierung abgeleitete Prozess eines neoliberalen Abbaus sozial- und wohlfahrtsstaatlicher Stadt- und Wohnungspolitik wird gerne übertrieben. Zum einen war diese Stadt- und Wohnungspolitik in großen Teilen Südeuropas ohnehin weit weniger ausgeprägt als in den vorschnell zur europäischen Norm erhobenen Industriestaaten des Nordwestens. Zum andern sind dort die Bastionen des Wohlfahrtsstaats wohl nicht durchgängig in dem Maße geschliffen, wie uns seine Verteidiger unter den Stadtsoziologen aus verständlichen Gründen glauben machen wollen.
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Die angeführten Beispiele, die aus Platzgründen nicht vertieft werden können, begründen Zweifel an den verbreiteten Thesen vom Aufgehen des Typus der europäischen Stadt in der amerikanischen oder globalisierten Stadt des 21. Jahrhunderts. Dieser Befund sollte indessen nicht Beruhigung stiften. Vielmehr belegen die obigen Ausführungen eine doppelte Notwendigkeit, nämlich zum einen konzeptionell und regional den aus der simplen Gegenüberstellung (vermeintlicher) europäischer und nordamerikanischer Charakteristika der Stadtentwicklung resultierenden Schematismus zu überwinden und zum anderen den diesen Schematismus gleichfalls fördernden Dichotomien von Stadtsoziologie und Gegenwartspolitik eine differenzierte historische Analyse des demografischen und ökonomischen, des stadträumlichen und sozialen, baulichen und kulturellen Wandels der europäischen Städte des 20. Jahrhunderts gegenüber zu stellen. Ohne selbst Prognosen zu umfassen, könnte eine solche Analyse der Debatte um die Zukunft der europäischen Stadt eine Tiefendimension geben, die man bislang schmerzlich vermisst.
Prof. Dr. Friedrich Lenger lehrt Neuere Geschichte am Historischen Institut der Justus-Liebig-Universität Gießen und beschäftigt sich zur Zeit vor allem mit der Geschichte der europäischen Stadt im 20. Jahrhundert sowie mit der Medien- und Kommunikationsgeschichte seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. E-Mail: friedrich.lenger@geschichte.uni-giessen.de
Literaturempfehlungen:
Bronger, Dirk, Metropolen – Megastädte – Global Cities. Die Metropolisierung der Erde, Darmstadt 2004.
Castells, Manuel, Das Informationszeitalter, Bd. 1: Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft, Opladen 2001.
Davis, Mike, City of Quartz. Excavating the Future in Los Angeles, New York 1992.
Häußermann, Hartmut; Kronauer, Martin; Siebel, Walter (Hgg.), An den Rändern der Städte. Armut und Ausgrenzung, Frankfurt am Main 2004.
Lenger, Friedrich, Urbanisierung als Suburbanisierung. Grundzüge der nordamerikanischen Entwicklung im 20. Jahrhundert, Bochum 2003.
Lenger, Friedrich; Tenfelde, Klaus (Hgg.), Die europäische Stadt im 20. Jahrhundert. Wahrnehmung – Entwicklung – Erosion, Köln 2006.
Sassen, Saskia, The Global City: New York, London, Tokyo, 2. Aufl., Princeton 2001.
Scott, Allen J.; Soja, Edward (Hgg.), The City. Los Angeles and Urban Theory at the End of the Twentieth Century, Berkeley 1996.
Siebel, Walter (Hg.), Die europäische Stadt, Frankfurt am Main 2004.
Wilson, William Julius, When Work Disappears. The World of the New Urban Poor, New York 1996.
[1] Vgl. knapp: Sieverts, Thomas, Die Kultivierung von Suburbia, in: Siebel, Walter (Hg.), Die europäische Stadt, Frankfurt am Main 2004, S. 85-91.
[2] Vgl. nur die vielleicht drei prominentesten Figuren: Sassen, Saskia, The Global City: New York, London, Tokyo, 2. Aufl., Princeton 2001; Castells, Manuel, Das Informationszeitalter, Bd. 1: Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft, Opladen 2001 und Soja, Edward W., Postmetropolis. Critical Studies of Cities and Regions, Oxford 2000.
[3] Zit. in: Ochs, Birgit, Stadt der Millionäre, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.05.2006, V 13.
[4] Hierzu habe ich gemeinsam mit meinem Darmstädter Kollegen Dieter Schott auf dem Konstanzer Historikertag 2006 die Sektion "Die europäische und die amerikanische Stadt seit dem späten 19. Jahrhundert: Geschichtsbilder – Leitbilder – Trugbilder" veranstaltet, deren Beiträge in den Informationen zur modernen Stadtgeschichte (2007), 1 erscheinen.
[5] Vgl. dazu: Bronger, Dirk, Metropolen – Megastädte – Global Cities. Die Metropolisierung der Erde, Darmstadt 2004.
[6] Vgl. hierzu auch meine Einleitung zu: Lenger, Friedrich; Tenfelde, Klaus (Hgg.), Die europäische Stadt im 20. Jahrhundert. Wahrnehmung – Entwicklung – Erosion, Köln 2006. In diesem Band finden sich zahlreiche aktuelle Beiträge zu den hier diskutierten Themen.
[7] Stichweh, Rudolf, Raum, Region und Stadt in der Systemtheorie, in: Ders., Die Weltgesellschaft. Soziologische Analysen, Frankfurt am Main 2000, S. 184-206, bes. S. 203.
[8] Vgl. etwa: Berry, Brian J.L., Comparative Urbanization. Divergent Paths in the Twentieth Century, 2. Aufl., London 1981, 145ff.
[9] Dazu zahlreiche Beiträge in Lenger; Tenfelde, Europäische Stadt (wie Anm. 6).
[10] Vgl. auch zum Folgenden: Fishman, Robert, Bourgeois Utopias. The Rise and Fall of Suburbia, New York 1987, bes. Kap. 7; Garreau, Joel, Edge City. Life on the New Frontier, New York 1991 und Teaford, Jon C., Post-Suburbia. Government and Politics in the Edge Cities, Baltimore 1997.
[11] Vgl. hierzu die bei Feinstein, Susan S.; Campbell, Scott, Readings in Urban Theory, 2. Aufl., Oxford 2002, S. 362-385 dokumentierte Diskussion.
[12] Zum steuerrechtlichen Hintergrund vgl. Hanchett, Thomas W., U.S. Tax Policy and the Shopping-Center Boom of the 1950s and 1960s, in: American Historical Review 101 (1996), S. 1082-1110.
[13] Vgl. exemplarisch Rybczynski, Witold, The New Downtown, wieder in: LeGates, Richard T.; Stout, Frederic (Hgg.), The City Reader, 2. Aufl., London 2000, S. 171-179.
[14] Vgl. Cohen, Lizabeth, From Town Center to Shopping Center. The Reconfiguration of Community Marketplaces in Postwar America, in: American Historical Review 101 (1996), S. 1050-1081, bes. S. 1068ff.
[15] Vgl. z.B.: Davis, Mike, City of Quartz. Excavating the Future in Los Angeles, New York 1992, S. 244 oder Gelinsky, Katja, Schöne neue Musterwelt, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.01.2002, S. 9.
[16] Vgl. nur: Davis, City (wie Anm. 15), S. 250.
[17] Vgl. Jackson, Kenneth T., Crabgrass Frontier. The Suburbanization of the United States, Oxford 1985, S. 264f.
[18] Vgl. als Fallstudie Wolch, Jennifer, From Global to Local. The Rise of Homelessness in Los Angeles during the 1980s, in: Scott, Allen J.; Soja, Edward W. (Hgg.), The City. Los Angeles and Urban Theory at the End of the Twentieth Century, Berkeley 1996, S. 390-425 sowie zur Einführung eines Eintrittsgeldes von 12 Dollar pro "nonresident" Familie in einem Park im südkalifornischen San Marino: Davis, Mike, Magical Urbanism. Latinos Reinvent the U.S. City, London 2000, S. 73.
[19] Vgl. nur: Katz, Michael (Hg.), The "Underclass" Debate. Views from History, Princeton 1993 sowie meinen Beitrag zu den USA in: Lenger; Tenfelde, Europäische Stadt (wie Anm. 6).
[20] Vgl. nur: Wacquant, Loic J.D., Roter Gürtel, Schwarzer Gürtel. Rassentrennung, Klassenungleichheit und der Staat in der französischen städtischen Peripherie und im amerikanischen Ghetto, in: Häußermann, Hartmut; Kronauer, Martin; Siebel, Walter (Hgg.), An den Rändern der Städte. Armut und Ausgrenzung, Frankfurt am Main 2004, S. 148-200.
[21] Vgl. aus der Fülle neuerer Sammelbände nur: O`Loughlin, John; Friedrichs, Jürgen (Hgg.), Social Polarization in Post-Industrial Metropolises, Berlin 1996, oder Marcuse, Peter; van Kempen, Ronald (Hgg.), Globalizing Cities. A New Spatial Order?, Oxford 2000 sowie differenzierend Burgers, Jack; Kloosterman, Robert, Dutch Comfort. Postindustrieller Übergang und soziale Ausgrenzung in Spangen, Rotterdam, in: Heitmeyer, Wilhelm; Dollase, Rainer; Backes, Otto (Hgg.), Die Krise der Städte. Analysen zu den Folgen desintegrativer Stadtentwicklung für das ethnisch-kulturelle Zusammenleben, Frankfurt am Main 1998, S. 211-230.
[22] Vgl. nur: Lehto, Juhani, Different Cities in Different Welfare States, in: Bagnasco, Arnoldo; Le Galès, Patrick (Hgg.), Cities in Contemporary Europe, Cambridge 2000, S. 112-130.
Einfamilienhausidyllen, Shopping-Center, Golfplätze Grundzüge der interdisziplinären Suburbanisierungsforschung und erfahrungsgeschichtliche Perspektiven Meik Woyke Die in Deutschland verstärkt seit den 1950er Jahren zu beobachtende Suburbanisierung wurde und wird immer wieder kritisiert. Besonders exponierte sich der Sozialpsychologe Alexander Mitscherlich, der zahlreiche Apologeten fand. Die Grenzen von Stadt und Landschaft, so ein gängiger Vorwurf, seien durch die rasant um sich greifende Verstädterung bis zur Unkenntlichkeit zersiedelt, aufgelöst und entstellt worden. Bei den suburbanen Räumen, die häufig als diffuses Gemisch aus Einfamilienhausidyllen, Wohnblocksiedlungen, Autobahnabfahrten, Shopping-Centern auf der "grünen Wiese", Industriegebieten, Golfplätzen und Tankstellen beschrieben werden, handele es sich um Grauzonen der Stadtentwicklung, um einen konturlosen und landschaftsvernichtenden Siedlungsbrei, der sich ohne weiteres als Infrastrukturwüste und soziale Problemzone kennzeichnen lasse. Zudem nehme die Verkehrsintensität zu. Mit dem "Flächenfraß", betonten verschiedene Kritiker, sei zwangsläufig ein Verlust an urbaner Substanz verbunden; die Suburbanisierung verletze die Konventionen von Architektur und Stadtplanung ebenso eklatant wie nachhaltig.
Ungeachtet dieser Fundamentalkritik lebt heute mehr als die Hälfte der Bundesbürger in suburbanen Agglomerationsräumen, nur circa ein Drittel hingegen in den Großstädten selbst. In den USA stellt sich die Situation kaum anders dar, wenn auch ohne substanziellen Einfluss übergeordneter Planungsinstanzen und in erheblich größeren Dimensionen. Suburbane Lebenswelten prägen als Erfahrungsräume die gesellschaftliche Gegenwart in starkem Maße. Eine nennenswerte Rückkehr in die Städte zeichnet sich nicht ab. Vielmehr ist die Suburbanisierung – verstanden als die Ausbreitung von Städten über die jeweiligen administrativen Grenzen hinaus bei gleichzeitiger Urbanisierung stadtnaher, vormals agrarisch strukturierter Regionen – trotz einiger Modifikationen nach wie vor der entscheidende Migrationstrend. Aktuelle Zahlen verdeutlichen das: Der individuelle Wohnflächenbedarf hat sich in der Bundesrepublik seit 1949 nahezu verdreifacht und drei Viertel aller Deutschen möchten heute "im Grünen" wohnen. Bis vor kurzem wurden sie darin von einer Politik bestärkt, die mit Eigenheimzulage und Pendlerpauschale massenwirksame Anreize geschaffen hatte.
Die historischen Wurzeln der Suburbanisierung lassen sich weit zurückverfolgen. Ein 2001 von Tilman Harlander in Verbindung mit Harald Bodenschatz, Gerhard Fehl, Johann Jessen, Gerhard Kuhn und Clemens Zimmermann herausgegebener, wichtiger Sammelband, der den Schwerpunkt auf städtebauliche, architektonische und planungsgeschichtliche Aspekte legt, spannt den Bogen von den ersten suburbanen Lust- und Sommerhäusern betuchter Stadtbürger des 17. und 18. Jahrhunderts über die Villenkolonien des 19. Jahrhunderts bis hin zu den Gartenstädten und anderen Mustersiedlungen des frühen 20. Jahrhunderts. Auch die gegenwärtig diskutierten Versuchssiedlungen, Wohnparks und Ökosiedlungen werden von dieser interdisziplinär mit Architekten, Stadtplanern, Sozialwissenschaftlern und Historikern besetzten Forscher- und Autorengruppe betrachtet, wobei der suburbane Eigenheimbau im Mittelpunkt des Interesses steht.
Das schlechte Image des Suburbanen im Feuilleton und allgemein in der städtischen Presse ging lange damit einher, dass es sich um ein, wie Heinz Reif in einer Rezension des genannten Sammelbandes hervorhebt, erstaunlich vernachlässigtes Forschungsfeld handelte. Als Gebilde von eigener Qualität und Entwicklungsdynamik wurde der suburbane Raum erst ziemlich spät, dann aber von den verschiedensten Disziplinen wahrgenommen. Dies hatte mindestens zwei Gründe: Erstens galt die Urbanisierung weithin als Vorgang, der eng mit der Industrialisierung verknüpft und daher in Deutschland zu Beginn des Ersten Weltkriegs im Wesentlichen abgeschlossen war. Tatsächlich haben sich beide historischen Prozesse gegenseitig bedingt und lange Zeit verstärkt. Die jüngeren Entwicklungen der Zwischen- und Nachkriegszeit stellten aus dieser Perspektive lediglich Ausformungen eines früher erreichten Zustands dar, was sich mit dem Vorrücken der Zeitgeschichtsschreibung in die 1950er und 1960er Jahre und nicht zuletzt dem verstärkten Interesse der Soziologie zu ändern begann.
Zweitens bildet vor allem die Suburbanisierung nur einen Teilbereich im breiten Themenspektrum der Stadtgeschichts- und Urbanisierungsforschung. Besondere Aufmerksamkeit erlangten bislang eher Themen wie die Erforschung der Großstädte als dem zentralen Ort der Urbanität, die Genese der städtischen Selbstverwaltung und der kommunalen Infrastruktur, die Ausprägung des städtischen Bürgertums oder anderer sozialer Milieus sowie die Durchsetzung des Urbanen als kulturelles Leitbild. Die "Speckgürtel" von Großstädten, so eine weit verbreitete, aber irreführende Metapher für suburbane Räume – wird doch eine gleichmäßige Ausdehnung städtischer Formationen suggeriert –, gerieten dagegen höchst selten in den Blick. Folgerichtig wies der Historiker Hans Jürgen Teuteberg zu Beginn der 1980er Jahre auf die Suburbanisierung als offenes und dankbares Forschungsfeld hin, zumal sich die bis dahin erschienenen Ortschroniken und Stadtmonografien zumeist auf die Schilderung historischer Daten und Anekdoten beschränkten, ohne diese in größere historische Zusammenhänge einzuordnen. Im Jahr 1985 bezeichnete Jürgen Reulecke die Suburbanisierung als "fünften Akt" der Urbanisierung und widmete der bundesrepublikanischen Entwicklung in seinem Standardwerk zur Geschichte der Urbanisierung immerhin einige Seiten. Mehr ließ der damalige Forschungsstand kaum zu.
Bevor sich die Geschichtswissenschaft stärker für die Suburbanisierung zu interessieren begann, hatte bereits die Raum- und Landesplanung in Kooperation mit der Soziologie die Randzonen und das Umland der größeren Städte als Forschungsgebiet entdeckt. Wegweisende Bedeutung erlangten die 1975 und 1978 von der Akademie für Raumforschung und Landesplanung veröffentlichten "Beiträge zum Problem der Suburbanisierung". Olaf Boustedt, einer der Initiatoren dieses Publikationsprojekts, hatte schon frühzeitig anhand von demografischen, sozioökonomischen und fiskalischen Kriterien ein Konzept zur Klassifizierung von suburbanen Gemeindetypen entwickelt. Er verfolgte das Ziel, die facettenreichen Lebensbedingungen an der städtischen Peripherie möglichst umfassend mit Hilfe von quantitativen Methoden zu beschreiben. Daneben entstand eine Reihe von siedlungsgeografischen und architekturgeschichtlichen Studien, die sich mit dem Phänomen der Suburbanisierung auseinander setzten. Auch die Land- und Agrarsoziologie griff das Thema schließlich auf. Ihr Fokus richtete sich vornehmlich auf die Transformation dörflicher Lebensverhältnisse angesichts umfassender Verstädterungsprozesse im Umland von ausgewählten Städten.
Die skizzierte allmähliche Hinwendung der Zeitgeschichtsschreibung zur Suburbanisierung als Thema hängt nicht zuletzt mit dem allgemeinen spatial turn in der bundesdeutschen Geschichtswissenschaft zusammen. Befördert durch die Historikertage von 1986 und 2004 schärfte die seit einigen Jahren verstärkt betriebene Historisierung des Raumes den Blick für die Entgrenzung des Städtischen. Zugrunde liegt häufig ein dynamischer Raumbegriff in Anlehnung an Soziologen wie Pierre Bourdieu und Martina Löw, welcher die Geschichtswissenschaft mit anderen Fachdisziplinen verbindet. Der Geografiehistoriker Hans-Dietrich Schultz brachte die aktuell dominierende, konstruktivistische Sicht auf die interaktive Raumwahrnehmung und -gestaltung, also die Analyse der raumstrukturierenden Normen und des sozialen Handelns der Menschen im Raum, im Jahr 1997 auf die einprägsame Formel: "Räume sind nicht, Räume werden gemacht!" Das gilt im besonderen Maße für das suburbane Umland von Städten, dessen territoriale Gestalt unter anderem von den Verwaltungsgrenzen der jeweiligen Kernstadt abhängt und das insofern als transitorisches Konstrukt betrachtet werden muss.
Zu den einschlägigen Arbeiten, die sich vor diesem Hintergrund um die Dekonstruktion solch hoch aggregierter Konstrukte wie der "Speckgürtel"-Metapher bemühen, gehört der 2001 von Klaus Brake, Jens S. Dangschat und Günter Herfert veröffentlichte Sammelband zu den Grundlagen und aktuellen Tendenzen der Suburbanisierung in west- und ostdeutschen Städten. Er vereint Beiträge von Stadt- und Regionalplanern, Soziologen, Geografen und Architekten. Nur ein Jahr später folgte das ebenfalls interdisziplinär ausgerichtete Themenheft der "Informationen zur modernen Stadtgeschichte", das auch die Entwicklung der nordamerikanischen Suburbanisierung beleuchtet. Schon 1997 hatte sich die Zeitschrift dem ebenso komplexen wie spannungsreichen Beziehungsgefüge zwischen Großstädten und ihrem Umland angenommen, ohne allerdings sonderlich in die Tiefe gehen zu können. Eine der wenigen umfassenden ortsgeschichtlichen Detailstudien, die sich mit dem suburbanen Raum beschäftigen und über einen monodimensionalen Raumbegriff hinausgehen, hat Christian Heppner vorgelegt. Seine 2005 erschienene, von Adelheid von Saldern betreute geschichtswissenschaftliche Dissertation stellt zum einen präzise dar, wie die Suburbanisierung im Zusammenspiel mit der kommunalen Gebietsreform in den 1970er Jahren zur Gründung der Stadt Garbsen am Nordwestrand von Hannover führte. Zum anderen schildert Heppner die zumeist erfolglosen Versuche kommunalpolitischer Akteure und anderer interessierter Kreise, der aus mehreren Dorfgemeinden gebildeten neuen Stadt eine identitätsstiftende Mitte zu geben. Insgesamt entsteht auf diese Weise ein differenziertes Bild einer polyzentrischen Kommune in einer nicht minder dispersen Stadtregion.
Wie die meisten dieser Arbeiten betonen, verschwammen seit der Mitte der 1950er Jahre in der Bundesrepublik zunehmend die Grenzen zwischen den Städten und den jeweils umliegenden Dörfern und Gemeinden. Die Stadt diente in vielerlei Hinsicht als Gestaltungsvorbild für das Land. In manchen suburbanen Orten stieg die Bevölkerungszahl dermaßen stark an, dass sich dort kleinere Städte herausbildeten oder bereits vorhandene Strukturen festigten. Generell fällt die Heterogenität der einzelnen Siedlungstypen ins Auge: Neubaugebiete ohne gewachsenes Zentrum finden sich in "Suburbia" ebenso wie Siedlungen mit langjähriger Dorf-, Gemeinde- oder Kleinstadtanbindung. Die vielfach zu beobachtende Entagrarisierung ging mit einer tief greifenden Agrarmodernisierung einher. Im Zuge dessen wurde die Landwirtschaft immer konsequenter als technisch-industrielles System organisiert, was massive ökologische Probleme aufwerfen konnte. Gleichzeitig verstärkte sich die Tendenz, die sperrige Infrastruktur, die eine moderne Stadtgesellschaft braucht, am Rande der Kernstädte zu lokalisieren. Im Laufe der Jahrzehnte entstanden Industrie- und Gewerbebetriebe, Rangierbahnhöfe, Abfalldeponien und Recyclinganlagen, Baumärkte, Postfrachtzentren, Bürogebäude, Strafvollzugsanstalten, Flughäfen und vieles Ähnliche mehr. Andernorts wurden suburbane Freizeitlandschaften angelegt. Diese Modellierung der Natur brachte zahlreiche Naherholungsgebiete hervor, dazu kamen sogenannte Ferienparks, Sportanlagen oder großzügig dimensionierte Erlebnisbäder.
Während sich die Suburbanisierung auf dem Gebiet der DDR bis 1990 in Grenzen hielt und erst nach der Deutschen Vereinigung unter enorm deregulierten Bedingungen an Dynamik gewann, sprengte der wachsende Platzbedarf in der alten Bundesrepublik zusammen mit der fortschreitenden Citybildung das bisherige Stadtgefüge. Die Kernstädte verloren an Bevölkerung und Arbeitsplätzen; traditionell städtische Funktionen, auch die Versorgung, wurden zunehmend ins Umland verlagert. Zu den wichtigsten Voraussetzungen für diesen Entwicklungsprozess gehörte der Ausbau des Öffentlichen Personennahverkehrs. Noch stärkere Impulse gingen von der seit den 1950er Jahren rasant zunehmenden Automobilisierung aus. Künftig ließen sich Distanzen leichter überwinden, wodurch die Intensität der räumlichen und sozialen Wechselbeziehungen zwischen den Städten und ihrem Umland abermals erheblich zunahm. Die Suburbanisierung avancierte zum strukturbestimmenden Prozess der bundesrepublikanischen Stadtentwicklung in einer arbeitsteiligen und mobilen Gesellschaft. Nach einer These von Walter Siebel ist Urbanität als Lebensweise heute nicht mehr an Städte gebunden, sondern längst ubiquitär geworden. Auf jeden Fall spielen sich wichtige Teile des gesellschaftlichen und ökonomischen Lebens mittlerweile in suburbanen Räumen ab, nicht zuletzt aufgrund der Entwicklung neuer Kommunikationstechniken wie Telefon und Internet.
Die raumüberwindende Kraft dieser Medien, die übrigens bislang keineswegs die vollständige Einebnung regionaler Milieus und Orientierungen bewirkte, ist in den letzten Jahren von der interdisziplinären Forschung auf verschiedene Begriffe gebracht worden. Bei einer Durchsicht der einschlägigen Veröffentlichungen zur Suburbanisierung fällt das Übergewicht tendenziell negativ konnotierter Begriffe auf. Soziologen und Stadtplaner wie Walter Prigge, Thomas Krämer-Badoni und Michael Bose sprechen üblicherweise von der Amerikanisierung, dem Zerfall, der Auflösung, dem Verschwinden oder sogar vom Ende der Städte. Auch wenn der oben kurz dargestellte Bedeutungsverlust der kompakten "europäischen Stadt" als Kommunikations-, Versorgungs- und Dienstleistungszentrum kaum abzustreiten ist, sollten die Begrifflichkeiten und Konzepte, mit denen städtische Agglomerationen und Urbanität im Zeitalter der Digitalisierung beschrieben und analysiert werden, keinen pejorativen Charakter haben. Weithin unstrittig ist, dass so verkürzende Dichotomien wie "Stadt und Land" oder "Zentrum und Peripherie" nur bedingt ausreichen, um die von der Industrialisierung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts abgekoppelten Verstädterungsprozesse angemessen zu erfassen. Treffender ist der "Netzstadt"-Begriff (Franz Oswald) sowie die von dem Architektursoziologen Thomas Sieverts als "Zwischenstadt" in die wissenschaftliche Diskussion eingeführte Zustandsbeschreibung komplexer urbaner Verflechtungszusammenhänge. Demnach lässt sich gerade in polyzentrischen Stadtregionen eine "Verinselung des alltäglichen Lebens" konstatieren. Sieverts beleuchtet das Phänomen einer verstädterten Landschaft und verlandschafteten Stadt, verbunden mit über Verwaltungsgrenzen hinausreichenden teilräumlichen Spezialisierungen, wodurch die Anforderungen an die individuelle Mobilität steigen und sich die Ortsbindungen lockern, ohne dass zwangsläufig ein ausgeprägtes Regionalbewusstsein entsteht.
Andere begriffliche Prägungen betonen die Bedeutung von Impulsen aus dem Umland einer Großstadt im Suburbanisierungsprozess und heben somit ebenfalls auf die zwar nicht gleichberechtigte, aber gewöhnlich wechselseitige Durchdringung ländlicher und städtischer Lebenswelten ab (Rurbanisierung). Ferner existieren Ansätze, die sich mit den als postsuburban charakterisierten, vor allem in den USA zu findenden edge cities beschäftigen. Diese Außenstadtzentren besitzen funktional die Qualität einer Kernstadt, zumeist geht ihr Angebot an Wohn-, Arbeits-, Versorgungs-, Bildungs- und Erholungsmöglichkeiten sogar darüber hinaus, was einen Einpendlerüberschuss in dem ehemals suburbanen Gemeinwesen mit sich bringt. Zu erwähnen ist schließlich der Begriff der Reurbanisierung. Er steht im engen Zusammenhang mit der Anti-Sprawl-Bewegung, zielt auf die mancherorts auszumachende Revitalisierung von Innenstädten und mündet in das Wunschbild einer "Stadt der kurzen Wege" mit vergleichsweise niedrigen Mobilitätskosten.
Alle diese Forschungsansätze haben gemeinsam, dass sie die subjektiven Dimensionen der Suburbanisierung in der Regel unterbelichten. Selbst Thomas Sieverts, der sich bei seinem als Ladenburger Kolleg organisierten "Zwischenstadt"-Projekt auf die finanzielle Unterstützung der Gottlieb Daimler- und Karl Benz-Stiftung stützen konnte, leistet keine umfassende Erfahrungsanalyse, differenziert nach den verschiedenen Bevölkerungsgruppen im suburbanen Raum. Nach wie vor ist kaum bekannt, welche Wahrnehmungen und Erfahrungen zum Beispiel für die zahlreichen Berufspendler und ihre Ehefrauen, die sogenannten "Grünen Witwen", typischerweise prägend waren. Desgleichen steht eine vertiefte erfahrungsanalytische Betrachtung der alteingesessenen Bewohner von "Suburbia" noch aus. Noch seltener rückten bisher die Lebenswelten von Kindern, Jugendlichen und Senioren ins Blickfeld der hierfür ausgewiesenen Fachdisziplinen.
Diese Forschungslücken sollen unter der Leitung von Axel Schildt und Michael Ruck durch ein an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg betriebenes DFG-Projekt geschlossen werden. Vor dem Hintergrund der Wohnsituation und ausgewählter sozialgeografischer Daten ist nicht bloß nach den Geschlechterbeziehungen und Familienstrukturen zu fragen, sondern auch nach den Konsummustern und Freizeitstilen, die in den vielgestaltigen, sozial konstruierten suburbanen Erfahrungsräumen, so die heuristische Leitkategorie des Projekts, zwischen der Endphase des Wiederaufbaus bis in die 1970er Jahre vorherrschten. Als Beispiel dient Hamburgs nördliches Umland. Dort nahm die Einwohnerzahl durch Zuwanderungen aus der Hansestadt, den strukturschwachen Regionen in Schleswig-Holstein und aus dem übrigen Bundesgebiet, etwa im Rahmen der Migration hochqualifizierter Arbeitskräfte, von 1955 bis 1975 fast um das Vierfache zu. Mit den "langen 1960er Jahren" konzentriert sich die angestrebte sozial- und kulturgeschichtlich dichte Beschreibung auf eine Zeit, für die ein stetiger Einkommenszuwachs, der Ausbau der sozialen Sicherungssysteme und die Ausweitung des persönlichen Zeitbudgets charakteristisch ist, während staatliche Förderungen wie die bereits erwähnte Pendlerpauschale zusammen mit der Eigenheimzulage als Suburbanisierungsprämien wirkten. Außerdem erörtert das Projekt die Frage, inwieweit sich in suburbanen Räumen spezifische Identitäten ausgebildet haben. Das mitunter spannungsreiche Verhältnis zwischen Hamburg und seinem nördlichen Umland verdient dabei ähnlich große Aufmerksamkeit wie die unterschiedlichen Formen der lokalen und regionalen Selbstrepräsentation, die oftmals medial verstärkt oder überhaupt erst konstruiert wurden.
Für die Geschichtswissenschaft stellt ein solcher erfahrungsgeschichtlicher Zugriff im Dialog mit der Soziologie und weiteren Nachbardisziplinen eine besondere Herausforderung dar. Erstens ist die Zahl der aussagekräftigen Quellen in der Regel stark begrenzt. Die in Landes- und Kommunalarchiven lagernden Planungsakten geben über die subjektiven Dimensionen der Suburbanisierung nur gelegentlich Auskunft. Tiefere Einblicke in die Lebenswelt der interessierenden Bevölkerungs-, Alters- und Berufsgruppen kann die systematische Auswertung von Lokal- und Regionalzeitungen vermitteln. Auch Ortschroniken, die hierin oftmals abgedruckten Erinnerungsberichte, manche Schülerzeitungen und die Imagebroschüren etlicher suburbaner Dörfer und Gemeinden, die aus fiskalischen Gründen um Einwohner und Gewerbebetriebe warben, lassen vermutlich typische Wahrnehmungs- und Erfahrungsmuster aufscheinen. Kaum zu überschätzen ist zudem der Wert von explorativen narrativen Zeitzeugeninterviews. Allerdings verfügt jeder Mensch letztlich über ein individuelles Reservoir an genuinen und vermittelten Erfahrungen, die verarbeitet, teilweise gezielt ausgedeutet und auch kollektiven Sinnkonstruktionen unterworfen werden. Diese Prozesse bilden neben der Quellenlage ein zweites gravierendes Problem und sind von der historischen Stadt- und Urbanisierungsforschung kaum vollständig zu entwirren. Vielmehr gilt es, das breite Spektrum von gegensätzlichen und parallel laufenden Entwicklungstendenzen anzuerkennen; die Unterschiede zwischen einzelnen Stadtvierteln können einschneidender sein als der überkommene Stadt-Land-Gegensatz. Einen "homo suburbanicus" mit vorhersagbaren standardisierten Befindlichkeiten und Wunschvorstellungen gibt es jedenfalls nicht, wie Michael Ruck einmal treffend festgestellt hat.
Eine wichtige Aufgabe der erfahrungsanalytischen Suburbanisierungsforschung besteht somit darin, ein belastbares und zugleich flexibles Modell zur Rubrizierung des vielschichtigen Beziehungsgefüges von Raumerfahrungen und Handlungsoptionen zu entwerfen, und zwar orientiert an den genannten sozialen Gruppen und möglichst unter Berücksichtigung der verschiedenen Siedlungstypen. Hierbei fällt dem Konzept der mental maps, das in den Kulturwissenschaften zur Beschreibung von räumlichen Orientierungen dient, spezielle Bedeutung zu. Denn gerade in dispersen Stadtregionen, etwa in Hamburg und seinem Umland, präsentiert sich der (sub)urbane Raum nicht als homogenes Wahrnehmungs- und Sinnkontinuum. Vielmehr wird er üblicherweise in einer alltäglich-episodischen Form an verstreut liegenden Fix- und Orientierungspunkten erlebt.
Mit Hilfe dieses theoretischen Gerüsts lassen sich die unterschiedlichsten Phänomene erfassen. Auch in dieser Hinsicht verfolgt das kurz vorgestellte Projekt übrigens durchaus eine paradigmatische Absicht, wiewohl keine repräsentativen Ergebnisse für die gesamte deutsche Suburbanisierungsgeschichte zu erwarten sind. Es sollen jedoch inhaltliche und methodische Anschlussmöglichkeiten für vergleichende Komplementärstudien erarbeitet werden, zum Beispiel mit Blick auf die DDR oder polyzentrische städtische Agglomerationen wie das Ruhrgebiet.
Auf diese Weise erfährt die Suburbanisierungsforschung eine instruktive Bereicherung. Künftige Arbeiten und Projekte sollten ebenfalls darauf zielen, die Ergebnisse der lange dominierenden quantitativen und siedlungsgeografischen Forschungen auf der Grundlage eines dynamischen Raumbegriffs mit erfahrungsanalytischen Fragestellungen zu verknüpfen. Ein solches Vorgehen eröffnet neue Perspektiven zur tieferen Durchdringung einer bislang kaum näher betrachteten Dimension der Suburbanisierung.
Dr. Meik Woyke ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg. Er arbeitet u.a. zur mecklenburgischen Arbeiterbewegung, zum Generationsbegriff und zur Regionalgeschichte Hamburgs, speziell zur Suburbanisierung im nördlichen Umland der Stadt. E-Mail: woyke@zeitgeschichte-hamburg.de
Literaturempfehlungen:
Aring, Jürgen, Suburbia – Postsuburbia – Zwischenstadt. Die jüngere Wohnsiedlungsentwicklung im Umland der größeren Städte Westdeutschlands und Forderungen für die regionale Planung und Steuerung (Arbeitsmaterial der Akademie für Raumforschung und Landesplanung 262), Hannover 1999.
Beiträge zum Problem der Suburbanisierung (Veröffentlichungen der Akademie für Raumforschung und Landesplanung, Forschungs- und Sitzungsberichte 102), Hannover 1975.
Beiträge zum Problem der Suburbanisierung. 2. Teil: Ziele und Instrumente der Planung im suburbanen Raum (Veröffentlichungen der Akademie für Raumforschung und Landesplanung, Forschungs- und Sitzungsberichte 125), Hannover 1978.
Bose, Michael (Hg.), Die unaufhaltsame Auflösung der Stadt in die Region? Kritische Betrachtungen neuer Leitbilder, Konzepte, Kooperationsstrategien und Verwaltungsstrukturen für Stadtregionen (Hamburger Berichte zur Stadtplanung 9), Dortmund 1997.
Brake, Klaus; Dangschat, Jens S.; Herfert, Günter (Hgg.), Suburbanisierung in Deutschland. Aktuelle Tendenzen, Opladen 2001.
Geschichte und Gesellschaft 28 (2002), 3, Themenschwerpunkt "Mental Maps".
Harlander, Tilman (Hg.), Villa und Eigenheim. Suburbaner Städtebau in Deutschland, Stuttgart 2001.
Heppner, Christian, Garbsen – Neue Mitte am Rand? Die Entstehung einer Stadt im suburbanen Raum 1945-1975, Hannover 2005.
Informationen zur modernen Stadtgeschichte (1997), 2, Themenschwerpunkt "Stadt und Umland".
Informationen zur modernen Stadtgeschichte (2002), 2, Themenschwerpunkt "Suburbanisierung".
Ipsen, Detlev (Hg.), Stadt und Region – StadtRegion. Dokumentation einer Tagung am 3. und 4. November 1994 in Kassel (Demokratie, Ökologie 5), Frankfurt am Main 1995.
Krämer-Badoni, Thomas (Hg.), Das Verschwinden der Städte. Dokumentation des 16. Bremer Wissenschaftsforums der Universität Bremen, 14. bis 16. November 1996 (Forschungsberichte 8), Bremen 1997.
Matthiesen, Ulf (Hg.), An den Rändern der deutschen Hauptstadt. Suburbanisierungsprozesse, Milieubildungen und biographische Muster in der Metropolregion Berlin-Brandenburg, Opladen 2002.
Mitscherlich, Alexander, Die Unwirtlichkeit unserer Städte. Anstiftung zum Unfrieden, Frankfurt am Main 1965.
Oswald, Franz; Schüller, Nicola (Hgg.), Neue Urbanität – Das Verschmelzen von Stadt und Landschaft, Zürich 2003.
Priebs, Axel; Saldern, Adelheid von; Scholl, Rose (Hgg.), Junge Städte in ihrer Region (Schriftenreihe zur Stadtgeschichte 10), Garbsen 2001.
Prigge, Walter (Hg.), Peripherie ist überall (Edition Bauhaus 1), Frankfurt am Main 1998.
Reif, Heinz, Rezension zu: Harlander, Tilman (Hg.), Villa und Eigenheim. Suburbaner Städtebau in Deutschland, Stuttgart 2001, in: H-Soz-u-Kult, 04.02.2002, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/GA-2002-006> (11.07.2006).
Reulecke, Jürgen, Geschichte der Urbanisierung in Deutschland, Frankfurt am Main 1985.
Schultz, Hans-Dietrich, Räume sind nicht, Räume werden gemacht. Zur Genese "Mitteleuropas" in der deutschen Geographie, in: Europa Regional 5 (1997), S. 2-14.
Siebel, Walter (Hg.), Die europäische Stadt, Frankfurt am Main 2004.
Sieverts, Thomas, Zwischenstadt. Zwischen Ort und Welt, Raum und Zeit, Stadt und Land (Bauwelt-Fundamente 118), 2. Aufl., Braunschweig 1998.
Teuteberg, Hans Jürgen (Hg.), Urbanisierung im 19. und 20. Jahrhundert. Historische und Geographische Aspekte (Städteforschung, Reihe A, 16), Köln 1983.
Westfälischer Kunstverein Münster (Hg.), Die verstädterte Landschaft. Ein Symposium, München 1995.
Zimmermann, Clemens (Hg.), Dorf und Stadt. Ihre Beziehungen vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Frankfurt am Main 2001.
Schrumpfung - Niedergang oder Neuschöpfung des Städtischen? Plädoyer für eine Erweiterung des Stadtbegriffs Anne Brandl "Häuser zu Steinmehl"
[1]
, eine Millionen leer stehender Wohnungen, die perforierte Stadt, rückläufige Einwohnerzahlen, Abriss, "Luxus der Leere"
[2]
, "Die schwindende Stadt"
[3]
, Entschleunigung, Zwischennutzung, Stadtumbau, die temporäre Stadt – die nicht nur in Ostdeutschland zu beobachtenden Stadtentwicklungsprozesse scheinen alle bisherigen Grundüberzeugungen von Stadttheoretikern und -planern auf den Kopf zu stellen. Es wird nicht auf-, sondern zurückgebaut; Brachen entstehen nicht durch Stilllegung von Industriearealen, sondern durch Abriss; es wird nicht der zehntausendste neue Einwohner begrüßt, sondern das Dableiben des Neuntausendsten umworben.
Schrumpfung ist in kürzester Zeit zum selbstverständlichen Thema in der wissenschaftlichen Diskussion über Fragen der Stadtentwicklung geworden.
[4]
Dabei umfasst Schrumpfung "die folgenden, in gegenseitiger Wechselbeziehung zueinander stehenden Merkmale: Einwohnerrückgang, krisenhafte sozioökonomische Entwicklungen sowie damit verbundene baulich-räumliche Folgen wie z.B. baulicher Leerstand und Verfall. Die Probleme des Einwohnerrückgangs sind dabei vor allem geprägt durch die interregionale Ab- und die selektiven intraregionalen Stadt- und Stadt-Umland-Wanderungen. Die Probleme der krisenhaften ökonomischen Entwicklung sind vornehmlich charakterisiert durch selektive Wohlstandsentwicklungen mit baulich-räumlichem Niederschlag und/oder Entwicklungen der lokalen bzw. regionalen Wirtschaft, die sich aufgrund von Deindustrialisierungs- oder Rationalisierungsprozessen in Arbeitsmarktstrukturen krisenhaft ausprägen."
[5]
Das Tempo und die Intensität der Schrumpfungsprozesse und ihrer Folgewirkungen verlangen in Ostdeutschland ein schnelles Handeln von Planung und Politik. Das Machbare und nicht das Wünschenswerte bestimmt den stadtentwicklungspolitischen Alltag. Aus mehreren Gründen bedarf es dringend einer Positionierung seitens der Stadttheorie.
Was bedeuten die Schrumpfungsprozesse für das disziplinäre Verständnis von Stadt?
Es fehlt bisher an einer kritischen Auseinandersetzung innerhalb der Stadt- und Planungstheorie über die eigenen Wertvorstellungen. Da es bisher keine Theorie der Schrumpfung gibt, wirken die tradierten planungs- und stadttheoretischen Denkmuster normativ auf die Schrumpfungsprozesse, sodass diese nur als Krise und Niedergang des Städtischen gedeutet werden können.
[6]
So basieren bestehende Stadtkonzepte auf Wachstumsannahmen. Beispielsweise verbinden verschiedene Stadtmodelle Bevölkerungszahl, Siedlungsdichte und Heterogenitätsgrad einer Bevölkerung mit dem Begriff des Städtischen
[7]
– also mit genau jenen Merkmalen, die bei Schrumpfung abnehmen. Eine stadttheoretische Reflexion darüber, welche Konzepte einen vorurteilsfreien Blick auf die Schrumpfungsprozesse verhindern und welche konstruktiv für eine Theorie der Schrumpfung genutzt werden können, steht noch aus. Weiterhin dominiert in Theorie und Praxis die Vorstellung von Stadt als gebautem Objekt. Diese einseitige Fokussierung auf den baulichen Aspekt ist jedoch deshalb fatal, weil innerhalb der Schrumpfungsprozesse in einem überaus plakativen Prozess ein wesentlicher Wert des Städtischen umgekehrt wird: das Gebaute ist nicht mehr Ausdruck der Repräsentation, das Gebaute wird als Leerstand symbolträchtig zum Ausdruck von Schrumpfung.
Was kann Stadt jenseits von Wachstum und Gebautem bedeuten?
Es fehlt den derzeitigen planungspolitischen Maßnahmen eine sinnstiftende und motivierende Zukunftsperspektive von Stadt, auf die alles Handeln ausgerichtet werden kann. Es fehlt in der Stadttheorie an Konzepten, die die in Wachstumszeiten entwickelten Stadtbegriffe revidieren oder um andere Qualitäten erweitern. Die Schrumpfungsprozesse erfordern die Entwicklung neuer Begrifflichkeiten, Merkmale und Wertvorstellungen. Welche Merkmale und Qualitäten sollen das Städtische einer schrumpfenden Stadt kennzeichnen? Welche Werte sollen mit ihr verbunden werden können? Wie kann eine Stadttheorie der Schrumpfung aussehen? Und inwiefern kann diese Theorie das allgemeine Verständnis von Stadt bereichern?
Tradierte Denkmuster – Niedergang des Städtischen
Das Wachstumsdenken und das Verständnis von Stadt als gebautem Objekt stellen zwei Denkmuster dar, die normativ auf die Schrumpfungsprozesse wirken, sodass diese nur als Verfallserscheinung und als ein Verlust gegenüber dem tradierten Stadtverständnis wahrgenommen werden können. Durch das Fehlen eines veränderten Stadtbegriffs, der Bezug auf die Schrumpfungsprozesse nimmt, können nur die bisherigen Vorstellungen als Maßstab herangezogen werden. In diesem Sinne lassen sich Einwohnerverluste und ein damit verbundener Rückgang der Einwohnerdichte, Überalterung oder durch Abrisse bedingte räumliche Entdichtung nur als Verlust und Krise deuten.
Aus Schrumpfung einen Niedergang des Städtischen zu schlussfolgern ist jedoch einseitig. Bisher lässt sich nur festhalten, dass ein quantitatives Verständnis und eine auf baulicher Kompaktheit beruhende Stadtvorstellung zu hinterfragen sind. Es gilt, die normative Verknüpfung von Stadtentwicklung und Wachstum sowie die Dominanz der mit einem objekthaften Stadtverständnis implizierten Normen aufzuheben und nach Ansätzen für ein verändertes Verständnis des Städtischen zu suchen.
Wachstum = Fortschritt
Das Wachstumsparadigma hat innerhalb der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften seit den 1950er Jahren zu einem Denken geführt, das die Nachkriegsprosperität als normale Phase eines kontinuierlichen Entwicklungsprozesses begreift. Über einen längeren Zeitraum betrachtet, handelt es sich jedoch um eine historisch einmalige Situation. Der Wirtschaftssoziologe Burkhart Lutz hat dies bereits 1984 nachgewiesen und prägnant mit "Der kurze Traum immerwährender Prosperität" betitelt.
[8]
Dennoch dominiert in der öffentlichen Wahrnehmung eine Mentalität, für die Fortschritt und Wohlstand mit Wachstum gleichbedeutend sind. Innerhalb dieser Grundhaltung wurde und wird auch Stadtentwicklung mit Wachstum normativ gleichgesetzt, und Stadtplanung versteht sich als eine Disziplin, die dieses Wachstum steuert und gestaltet.
Ein anschauliches Beispiel für die quantitative Ausrichtung der Stadtplanung und ihre Mühen diesbezüglich umzudenken, hat Benedikt Huber bereits vor 30 Jahren gegeben.
[9]
Anhand der Richtwerte für die Wohnfläche pro Einwohner bemerkte er, dass 35 Quadratmeter den Bewohner nicht zwangsläufig glücklicher machen als zehn Quadratmeter Wohnfläche weniger, solange die Qualität beider Flächen nicht berücksichtigt wird. Verfolgt man derzeit die planungspolitischen Verlautbarungen im Zuge des für die ostdeutsche Stadtentwicklung maßgeblichen Förderprogramms "Stadtumbau Ost", bekommt man manchmal den Eindruck, dass es auch heute nur um die Erreichung von quantitativen Richtwerten geht: Nach drei Jahren "Stadtumbau Ost" gibt es 100.000 Wohnungen weniger, verkündete der damalige Bundesbauminister Manfred Stolpe in einer Regierungserklärung vom 28.12.2004. Und das Planziel für die nächsten vier Jahre sollen weitere 360.000 Wohnungen sein. Also doch wieder Wachstum – wenn auch nur das der Abrisszahlen?
Stadt = gebautes Objekt
Das Verständnis, zweckgerichtet eine gegenständliche, vom Menschen relativ unabhängige, am Gebrauch orientierte Umwelt herstellen zu wollen, dominiert innerhalb der Disziplinen Stadtplanung und Städtebau. Diese Verdinglichung von Stadt resultiert aus einem materiellen, gegenständlichen Raumbegriff der Stadtforschung. "Raum wird verstanden als Territorium, welches bestimmt wird durch Größe und Dichte. […] Mit dem Begriff Raum wird ein begrenztes Gebiet bezeichnet, in dem etwas stattfindet (wie in einem Behälter), das folglich dem Handeln gegenüber gestellt wird."
[10]
Die objekthafte Vorstellung von Stadt kulminiert in der physischen Gestalt der Europäischen Stadt. Walter Siebel definiert diese mit den Merkmalen Stadt-Land-Gegensatz, Zentralität, Größe, Dichte und Mischung.
[11]
Nun ist die Auflösung der Gestalt der Europäischen Stadt ein Phänomen, das nicht erst seit dem Auftreten von Schrumpfung existiert. Die mit diesem spezifischen Stadtverständnis verbundenen Wertvorstellungen erweisen sich dennoch als sehr wirkmächtig. Für den Umgang mit Schrumpfung lässt sich derzeit resümieren, dass bauliche Aspekte die öffentliche und stadttheoretische Wahrnehmung und die planungspraktischen Handlungsweisen dominieren.
In Reaktion auf die Auswirkungen der Schrumpfungsprozesse ist durch Bund und Länder das Förderprogramm "Stadtumbau Ost" mit einem Volumen von 2,5 Milliarden Euro und einer Laufzeit von 2002 bis 2009 initiiert worden. Es ist ein vorwiegend wohnungswirtschaftlich und städtebaulich orientiertes Handlungsinstrumentarium, das vor allem zum Ziel hat, "den städtebaulichen Funktionsverlusten der Städte umfassend zu begegnen."
[12]
Durch die Dominanz der wohnungswirtschaftlichen und städtebaulichen Aspekte wird in der Öffentlichkeit Schrumpfung oft synonym mit Gebäudeleerstand und Stadtumbau synonym mit Gebäudeabriss wahrgenommen. Die Problemlage ist jedoch weit komplexer und lässt sich keineswegs auf diese beiden Aspekte beschränken.
In Zusammenhang mit den Schrumpfungsprozessen ist das Leitbild der "Perforierten Stadt" entwickelt worden.
[13]
Dabei geht es darum, Stadtstrukturen in erhaltbare Kerne und entdichtetes "Plasma" zu unterteilen. Während die "urbanen Kerne" das Grundgerüst der Europäischen Stadt in Funktion und Gestalt sichern sollen, umfasse das Plasma Räume, in denen langfristig Nutzungen und Bebauungen zugunsten von Begrünung aufgegeben würden. Das Bild der kompakten Stadt verfolgend, wird idealtypisch der Rückbau vom Rand her favorisiert. Mit Perforation ist nicht gemeint, dass zum Beispiel soziale Netzwerke der Bewohner aufgrund von Wegzug und Abriss zerstört werden.
Die Verhaftung in tradierten Denkstrukturen wird auch auf theoretischer Ebene deutlich. Alle bisherigen Definitionen von Schrumpfung thematisieren die Wechselwirkungen demografischer und sozioökonomischer Merkmale und ihre baulich-räumlichen Folgen. Aber die Auswirkungen auf die städtische Öffentlichkeit
[14]
, auf Identifikationsprozesse, auf die Kommunikations- und Interaktionsdichte einer Stadt, auf die Intensität an visuellen, haptischen oder auditiven Eindrücken sind bisher nicht Bestandteil einer Schrumpfungsdefinition.
Die Dominanz der bau- und wohnungswirtschaftlichen Perspektive im Umgang mit den Schrumpfungsprozessen birgt nicht nur die Gefahr der Vernachlässigung anderer Aspekte und Interessensgruppen, sondern sie suggeriert auch der Öffentlichkeit, dass das Problem lediglich bei dem Gebauten einer Stadt zu suchen ist, und durch die Bereinigung des Wohnungsmarktes Schrumpfung bereits bewältigt werden kann. Schrumpfung ist jedoch keineswegs nur ein quantitativer Vorgang, auch wenn Zahlen wie eine Million leer stehender Wohnungen oder ein Verlust von einem Drittel der Einwohner in einer Stadt eindrucksvoll sind. Die eigentliche Herausforderung für Theorie und Praxis liegt im Qualitativen: bei der "Schrumpfung in den Köpfen"
[15]
, bei dem Rückzug in die Privatsphäre, den Segregationstendenzen, dem zivilgesellschaftlichen Engagement, dem Sinn- und Identitätsverlust für die Bewohner.
Für eine Erweiterung des Stadtbegriffs
Die Schrumpfungsprozesse offenbaren den Bedarf einer stadttheoretischen Reflexion. Doch nicht der Niedergang des Städtischen ist zu konstatieren, sondern es gilt, sich von den tradierten Denkmustern zu verabschieden und nach einer Neukonstitution des Städtischen zu suchen. Was kann Stadt jenseits quantitativer Merkmale und jenseits der physischen Gegebenheiten bedeuten? Dabei geht es nicht darum, die Qualitäten baulich-räumlicher Aspekte zur Disposition zu stellen, sondern den Stadtbegriff zu erweitern. Wenn das Gebaute angesichts von Leerstand und Abriss keine Identifikationsmöglichkeiten mehr bietet, ist das Städtische bzw. die Werte, die mit dem Städtischen verbunden werden können, in anderen Bereichen zu eruieren. Werte, verstanden als "emotional stark besetzte Vorstellungen über das Wünschenswerte"
[16]
, sind in diesem argumentierten Sinn notwendige Voraussetzung, um ein positives Zukunftsbild von Stadt jenseits von Wachstum und ergänzend zum Gebauten entwickeln zu können.
Denkanstöße für eine Befreiung aus der normativen Logik von Wachstum und Gebautem und für eine Weiterentwicklung des Stadtbegriffs könnten dabei handlungsorientierte Konzepte geben. Die physischen Strukturen können allein nicht zur Entwicklung eines positiven Verständnisses von Stadt beitragen, sie sind sogar selbst Ursache für die Identifikation einer Krise. Insofern ist zu fragen, wo bei der Erweiterung des Stadtverständnisses anzusetzen ist, wenn nicht beim Gebauten. Das Potenzial, dass eine schrumpfende Stadt bei allem Leerstand immer hat, sind ihre Bewohner und deren Wünsche, kreatives Potenzial etc. Im Kontext abnehmender Steuerungsfähigkeit von Staat und Kommunen wird Stadtentwicklung zukünftig verstärkt durch ein Mitwirken der Bewohner gestaltet werden müssen. Die transdisziplinäre Einbeziehung der Bewohner bewirkt jedoch ein pluralistisches Vorgehen, dass in seinem Ausgang nicht immer absehbar ist.
Bei der Erweiterung des Stadtbegriffs kann die Stadttheorie an aktuellen Forschungsansätzen anderer Disziplinen partizipieren, wo handlungstheoretische Überlegungen an Bedeutung gewonnen haben. So entwickelte die Soziologin Martina Löw einen Raumbegriff, nach dem Raum einerseits im Handeln entsteht und andererseits räumliche Strukturen das Handeln beeinflussen.
[17]
Jürgen Hasse hat aus Sicht der Stadtgeografie in zahlreichen Beiträgen aufgezeigt, dass eine Einbeziehung menschlicher Gefühle zu einer Gegenstandsdifferenzierung führen würde. "Stadt wäre in diesem Sinne auch (neben anderen Formen ihrer Präsenz) als ein im Erleben sich konstituierender Raum zu begreifen".
[18]
Doch die Stadtforschung kann bei der Suche nach einem erweiterten Stadtbegriff durchaus auch an eigene, historische Ansätze anknüpfen. Eduard Führ hat darauf hingewiesen, dass sich für die 1960er Jahre einige Konzepte finden lassen, die angesichts rationaler Planungseuphorie und wachstumsbedingter, funktionalistischer Siedlungsvorhaben nach einem alternativen Stadtverständnis suchten bzw. in der "Kulturalisierung des Alltags"
[19]
die eigentliche Aufgabe für Städtebau und Stadtplanung sahen.
Kultureller Reichtum
Angesichts der Ausbreitung moderner Transport- und Kommunikationssysteme und der damit verbundenen Verringerung der Raumdistanzen argumentierte Melvin M. Webber in einem 1964 veröffentlichten Aufsatz, dass Urbanität und Stadt nicht länger identisch sind. Auch wenn Webbers Überlegungen im Kontext der amerikanischen Suburbanisierungsprozesse zu lesen sind, bieten sie interessante Anhaltspunkte. Bei der Suche nach Möglichkeiten, die einseitige Fokussierung der Planungsdisziplin auf das Baulich-Räumliche aufzuheben, skizzierte er einen Index des kulturellen Reichtums. Dieser bemisst sich nicht durch herkömmliche Indikatoren wie beispielsweise das Pro-Kopf-Einkommen, sondern wird durch Komponenten gebildet, die sich nicht in Wirtschaftlichkeit festhalten lassen – ein Beispiel ist die Vielfalt an sozialen Interaktionen. Urbanität lässt sich für Webber unter anderem auf Basis des Indexes als Fähigkeit quantitativ und qualitativ am kulturellen Leben teilhaben zu können bzw. als quantitative und qualitative Zugänglichkeit zu Informationen definieren. "Most important of all, it might encourage us to see urbanity – the essence of urbanness – not as buildings, not as land use patterns, not as large, dense, and heterogeneous population aggregations, but as a quality and as a diversity of life that is distinct from and in some measure independent of these other characteristics. Urbanity is more profitably conceived as a property of the amount and the variety of one´s participation in the cultural life of a world of creative specialists, of the amount and the variety of the information received".
[20]
Webbers Schlussfolgerung besteht darin, den tradierten Fokus auf die physische Form der Stadt und auf ein statisches Artefakt-Verständnis zugunsten der Kategorien Zugänglichkeit, Kommunikation und Interaktion zu revidieren.
Situationsdichte
1963 formulierte die Architektengruppe Archigram mit "Living City" ein Konzept, das dem Situativen, Spontanen und Flüchtigen eine Gleichberechtigung gegenüber dem Gebauten einräumt.
[21]
Die Situationen können in Abhängigkeit vom subjektiven Wahrnehmungsvermögen eines Individuums, von seiner Fähigkeit zur Kreativität, seiner momentanen Stimmung, seinen Erfahrungen und persönlichen Handlungszielen erzeugt werden. Damit verweisen Archigram auf handlungsorientierte Aspekte für das Städtische. Mit dem Konzept "Instant City" (1969) erstellten Archigram ein Programm, wie diese städtische Lebendigkeit in peripheren Kleinstädten erzeugt werden kann. Veranstaltungen, Ausstellungen oder Bildungsprogramme sollen eine städtische Dynamik erzeugen und vorhandene Aktivitäten miteinander vernetzen. Ziel ist die Verwandlung der Stadt durch Infiltration und die Initiierung von Urbanität. Archigram knüpfte mit diesen Stadtkonzepten an die Gedanken der Situationisten an. Deren "unitärer Urbanismus" basiert auf der Konstruktion von Situationen.
[22]
Diese sollen Stimmungen und Handlungsmöglichkeiten erzeugen, die in Wechselwirkung mit dem gebauten Raum stehen. Um diese Beziehungen zwischen dem gebauten Raum und den individuellen Empfindungen untersuchen zu können, entwickelten die Situationisten die Methode der Psychogeografie. Neben dem Verfahren des Umherschweifens (dérive), mit dem die psychischen Zonen einer Stadt erfasst werden sollten, war die Zweckentfremdung (détournement) von Vorgefundenem ein Mittel, kreativ Situationen zu konstruieren und Räume umzufunktionieren.
Bei der Erweiterung des Stadtbegriffs kann die Stadtforschung ganz aktuell auch auf verschiedene, vor allem kulturelle Projekte im Umgang mit den Schrumpfungsprozessen zurückgreifen. In der alltagspraktischen Auseinandersetzung mit den stadtregionalen Entwicklungen lässt sich jenes prozessuale und vielschichtige Stadtverständnis finden, dass die Forschung noch nicht theoretisch abstrahiert hat. Projekte, wie das Hallenser "Hotel Neustadt" sind Beispiele für temporäre, kulturelle Interventionen, die bewusst oder unbewusst an die Konzepte der 1960er Jahre anknüpfen und Anregungen für die Findung neuer Werte und Bedeutungen des Städtischen bieten.
So fand in Halle an der Saale im September 2003 in einem 18-geschossigen Scheibenhochhaus ein internationales Theaterfestival statt. Das leer stehende Gebäude war Bühne, Ort künstlerischer Inspiration und Hotel zugleich. In Zusammenarbeit mit Neustädter Jugendlichen, internationalen Künstlern und dem Ensemble des Thalia-Theaters wurde das Leben in Großwohnsiedlungen, der Leerstand und seine Auswirkungen auf die Alltagswahrnehmung der Hallenser in Aktionen, die weit über den schauspielerischen Aspekt des Theaters hinaus gingen, thematisiert: Bestandteile des Hochhauses wurden zu einer Minigolf-Anlage umfunktioniert, Stadtführungen vermittelten den Anwohnern neue bzw. längst vergessene Perspektiven auf ihr Quartier, Erinnerungen der Bewohner wurden dokumentiert, die Zimmer des temporären Hotels von Jugendlichen des Stadtteils in Eigeninitiative gestaltet.
[23]
Das Planungsbüro complizen entwickelte im Rahmen des Projektes "Hotel Neustadt"
[24]
das Konzept sportification. Hier wird die gesellschaftlich zunehmende Freizeitorientierung mit dem Gebäudeleerstand kreativ verbunden. Dem Büro complizen "geht es um die Frage, wie viel Spaß, Sport und Eigeninitiative Stadtplanung zulässt und vor allem darum, wie Stadt oder Architektur in neue Sportarten integriert werden können."
[25]
Sportification entwickelt aus der gegebenen Situation heraus neue Sportarten, die auch nur in leer stehenden Gebäuden verwirklicht werden können. Leerstand wird so zu einer gesuchten Qualität. In organisierten Events wird Jugendlichen die Möglichkeit gegeben, die städtebaulichen Ressourcen sportlich zu nutzen und den Stadtraum auf neue Weise wahrzunehmen und sich anzueignen. So wurde in Halle an der Saale die Sportart "Hochhausfrisbee" erfunden. Dabei stehen die Mitspieler auf den Dächern von Hochhäusern und werfen sich die Frisbeescheibe von Dach zu Dach zu. Durch Sportarten wie Hochhausfrisbee können die Jugendlichen die Stadt spielerisch erkunden und auch neue sportliche Aneignungsformen entwickeln. Indem Handlungsweisen den gegebenen Bedingungen spontan angepasst werden, entsteht aus der Situation heraus eine kreative Handlung, die so im Vorfeld vielleicht gar nicht beabsichtigt war. Im Ergebnis ist jedoch eine Sportart entstanden, die die Funktion des Hochhauses vom Wohngebäude in ein sportliches Betätigungsfeld abändert und auf diese Weise die negative Konnotation des Leerstandes in eine gesuchte Qualität transformiert.
Schrumpfung – Neuschöpfung des Städtischen
Die Schrumpfungsprozesse und ihre Folgen offenbaren die Bedeutungsverschiebung von baulich-räumlichen und quantitativen hin zu soziokulturellen, qualitativen und handlungsorientierten Aspekten einer Stadt. Die Stadtkonzepte der 1960er Jahre wie auch aktuelle kulturelle Projekte in Ostdeutschland zeigen die Schwierigkeiten der Machbarkeit und nachhaltigen Verfestigung kultureller Interventionen im Alltag auf. Die Diskussion, ob das Städtische sich lediglich im Temporären, von "externen" Künstlern Initiierten manifestiert, oder langfristig auf den Wunschbildern und dem Engagement der Bewohner basiert, steht noch am Anfang. Doch dies ist schon der zweite Schritt. Vorerst gilt es, eine grundsätzliche Diskussion über das Städtische und die damit verbundenen Auffassungen in Theorie und Praxis zu führen. Die Erweiterung um handlungsorientierte Aspekte würde zu einem prozesshaften und vielschichtigen Stadtbegriff führen, der auf theoretischer Ebene schwer zu fassen ist. Nach diesem Verständnis entsteht Stadt durch Interaktionen zwischen verschiedenen Akteuren im städtischen Raum oder durch das Wechselspiel von Bewohnern und gebauter Umwelt.
Unsere disziplinären Vorstellungen, was Stadt ist, stehen auf dem Prüfstand. Die Schrumpfungsprozesse bieten der Stadtforschung die Chance, den Stadtbegriff aus der normativen Logik von Wachstum und Gebautem zu befreien und um neue Qualitäten zu erweitern. In diesem Sinne kann Schrumpfung durchaus auch eine Neuschöpfung des Städtischen darstellen. Dazu bedarf es jedoch eines veränderten Blickwinkels und der Suche nach neuen Werten. Dies ist keine alleinige Aufgabe von Stadttheorie und Stadtplanung, sondern stellt eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung dar. Die Entlehnung eines (auf die Welt bezogenen) Ausspruches von Merleau-Ponty mag aufzeigen, wo der Weg hinführen kann: "Die [Stadt] ist nicht, was ich denke, sondern das, was ich lebe […]."
[26]
Anne Brandl (vorm. Anne Pfeifer), Dipl.-Ing. Stadt- und Regionalplanung, ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der ETH Zürich und tätig im Forschungsprojekt "Städtebauliche Entwurfsstrategien für suburbane Räume" am Institut für Städtebau. Forschungsschwerpunkte: Stadt- und Planungstheorie im Kontext von Schrumpfungsprozessen, Mitherausgeberin des wissenschaftlichen Online-Magazins "Städte im Umbruch", <http://www.schrumpfende-stadt.de>, E-Mail: brandl@nsl.ethz.ch
Literaturempfehlungen:
Zum Thema "Schrumpfung"
Brandstetter, Benno; Lang, Thilo; Pfeifer, Anne, Umgang mit der schrumpfenden Stadt – ein Debattenüberblick, in: Berliner Debatte 16 (2005), 6, S. 55-68.
Bundestransferstelle Stadtumbau Ost, Statusbericht. Stadtumbau Ost – Stand und Perspektiven, Berlin, Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS), Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) 2006.
Hager, Frithjof; Schenkel, Werner (Hgg.), Schrumpfungen. Chancen für ein anderes Wachstum. Berlin 2000.
Häußermann, Hartmut; Siebel, Walter, Die schrumpfende Stadt und die Stadtsoziologie, in: Friedrichs, Jürgen (Hg.), Stadtsoziologie, Opladen 1988, S. 78-94.
Kaufmann, Franz-Xaver, Schrumpfende Gesellschaft, Frankfurt am Main 2005.
Kil, Wolfgang, Luxus der Leere, Wuppertal 2004.
Nagler, Heinz; Rambow, Riklef; Sturm, Ulrike (Hgg.), Der öffentliche Raum in Zeiten der Schrumpfung (edition stadt und region 8), Berlin 2004.
Oswalt, Philipp (Hg.), Schrumpfende Städte. Internationale Untersuchung, Bd. 1, Ostfildern-Ruit 2004.
Oswalt, Philipp (Hg.), Schrumpfende Städte. Handlungskonzepte, Bd. 2, Ostfildern-Ruit 2005.
Zum Thema "handlungsorientierte und lebensweltliche Konzepte"
Cook, Peter (Hg.), Archigram, Basel 1991.
Hasse, Jürgen, Das Vergessen der menschlichen Gefühle in der Anthropogeographie, in: Geographische Zeitschrift 87 (1999), S. 63-83.
Joas, Hans, Die Kreativität des Handelns, Frankfurt am Main 1996.
Levin, Thomas Y., Geopolitik des Winterschlafs: Zum Urbanismus der Situationisten, in: Wolkenkuckucksheim 2 (1997), <http://www.tu-cottbus.de/BTU/Fak2/TheoArch/Wolke/X-positionen/Levin/levin.html> (23.08.2006).
Löw, Martina, Raumsoziologie, Frankfurt am Main 2001.
Webber, Melvin M., The Urban Place and the Nonplace Urban Realm, in: Ders.; Dyckman, John W.; Foley, Donald L.; Guttenberg, Albert Z.; Wheaton, William L. C.; Bauer Wurster, Catherine, Explorations into Urban Structure, London 1964, S. 79-153.
Zum Thema "Wachstum"
Lutz, Burkart, Der kurze Traum immerwährender Prosperität, Frankfurt am Main 1984.
[1] Uchatius, Wolfgang, Häuser zu Steinmehl, in: Die Zeit 18 (2001).
[2] Kil, Wolfgang, Luxus der Leere, Wuppertal 2004.
[3] Dieckmann, Christoph, Die schwindende Stadt, in: Die Zeit 27 (2001).
[4] Brandstetter, Benno; Lang, Thilo; Pfeifer, Anne, Umgang mit der schrumpfenden Stadt – ein Debattenüberblick, in: Berliner Debatte 16 (2005), 6, S. 55-68.
[5] Bürkner, Hans-Joachim; Kuder, Thomas; Kühn, Manfred, Regenerierung schrumpfender Städte. Theoretische Zugänge und Forschungsperspektiven. Working Paper des Instituts für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS), Erkner 2005, S. 12.
[6] Häußermann, Hartmut; Siebel, Walter, Die schrumpfende Stadt und die Stadtsoziologie, in: Friedrichs, Jürgen (Hg.), Stadtsoziologie, Opladen 1988, S. 78-94.
[7] Vgl. Wirth, Louis, Urbanität als Lebensform, in: Herlyn, Ulfert (Hg.), Stadt- und Sozialstruktur, Nymphenburger Verlagshandlung 1974 (Original 1938), S. 42-66.
[8] Lutz, Burkart, Der kurze Traum immerwährender Prosperität, Frankfurt am Main 1984.
[9] Huber, Benedikt, Stadtplanung ohne Wachstum, in: DISP 41 (1976), S. 31-36.
[10] Löw, Martina, Raumsoziologie, Frankfurt am Main 2001, S. 48.
[11] Siebel, Walter, Die europäische Stadt, in: Ders. (Hg.), Die europäische Stadt, Frankfurt am Main 2004, S. 11-50, bes. S. 16.
[12] Bundestransferstelle Stadtumbau Ost, Statusbericht. Stadtumbau Ost – Stand und Perspektiven, Berlin, Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS), Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) 2006, S. 11.
[13] Lütke Daldrup, Engelbert, Die "perforierte Stadt" – Neue Räume im Leipziger Osten, in: Informationen zur Raumentwicklung (2003), 1/2, S. 55-67.
[14] Dürrschmidt, Jörg, Über die Krise städtischer Öffentlichkeit, in: Oswalt, Philipp (Hg.), Schrumpfende Städte. Handlungskonzepte, Bd. 2, Ostfildern-Ruit 2005, S. 676-682.
[15] Dürrschmidt, Jörg, Schrumpfung in den Köpfen, in: Oswalt, Philipp (Hg.), Schrumpfende Städte. Internationale Untersuchung, Bd. 1, Ostfildern-Ruit 2004, S. 274-279, bes. S. 275.
[16] Joas, Hans; Wiegand, Klaus, Die kulturellen Werte Europas, Frankfurt am Main 2005, S. 15.
[17] Löw, Raumsoziologie (wie Anm. 10).
[18] Hasse, Jürgen, Das Vergessen der menschlichen Gefühle in der Anthropogeographie, in: Geographische Zeitschrift 87 (1999), 2, S. 63-83, bes. S. 80.
[19] Führ, Eduard, Wir bauen wieder – "Rückbau" der Städte oder Umbau der Disziplin, in: Nagler, Heinz; Rambow, Riklef; Sturm, Ulrike (Hgg.), Der öffentliche Raum in Zeiten der Schrumpfung (edition stadt und region 8), Berlin 2004, S. 129-146, bes. S. 141.
[20] Webber, Melvin M., The Urban Place and the Nonplace Urban Realm, in: Ders.; Dyckman, John W.; Foley, Donald L.; Guttenberg, Albert Z.; Wheaton, William L. C.; Bauer Wurster, Catherine, Explorations into Urban Structure, London 1964, S. 79-153, bes. S. 88.
[21] Cook, Peter (Hg.), Archigram, Basel 1991.
[22] Levin, Thomas Y., Geopolitik des Winterschlafs. Zum Urbanismus der Situationisten, in: Wolkenkuckucksheim 2 (1997), 2, <http://www.tu-cottbus.de/BTU/Fak2/TheoArch/Wolke/X-positionen/Levin/levin.html> (23.08.2006).
[23] Hilliger, Andreas, Theater als urbane Intervention, in: Oswalt, Schrumpfende Städte (wie Anm. 14), S. 366-371.
[24] <http://www.hotel-neustadt.de> (23.08.2006).
[25] <http://www.sportification.net> (23.08.2006).
[26] Merleau-Ponty, Maurice, Phänomenologie der Wahrnehmung, Berlin 1966, S. 14.
Kultur der Urbanität Die dichte Stadt im 20. Jahrhundert Wolfgang Sonne Die Historiografie des Städtebaus im 20. Jahrhundert konstatiert üblicherweise zwei revolutionäre Brüche: der erste besteht in der Abkehr von der traditionellen dichten Stadt des 19. Jahrhunderts durch die antiurbanen, landschaftsbetonenden Modelle der Avantgarde wie Ebenezer Howards "Garden City" (1898), Bruno Tauts "Auflösung der Städte" (1920), Le Corbusiers "Il faut tuer la rue corridor" (1925), Frank Lloyd Wrights "Broadacre City" (1935) oder Hans Scharouns "Stadtlandschaft" (1946); der zweite wird markiert durch die Rückkehr der Postmoderne zu traditionellen Stadtformen und -konzepten wie in Aldo Rossis "Architettura della città" (1966), Rob Kriers "Stadtraum in Theorie und Praxis" (1976), Andres Duanys Seaside und der Bewegung des New Urbanism (ab 1980) oder Joseph Paul Kleihues' Internationaler Bauausstellung in Berlin und der "kritischen Rekonstruktion" (1984/87).
[1]
Entgegen dieser Revolutionsmythen – meist getragen von den Helden der jeweiligen Entwicklung selbst – lässt sich ebenso eine Geschichte zeichnen, in der Vorstellungen einer urbanen "dichten Stadt" das ganze 20. Jahrhundert hindurch verfochten und verwirklicht wurden.
[2]
Der Begriff der dichten Stadt definiert sich nicht allein durch die numerische Bevölkerungsdichte, sondern bezieht eine Reihe kultureller Aspekte mit ein, die bei den jeweiligen Planungen eine Rolle spielten, wie:
- Mischung von Funktionen
- Soziale Integration
- Gebäudedichte
- Öffentliche Plätze
- Architektonisch definierte Räume
- Architektur mit urbanem Charakter
- Beachtung typologischer und regionaler Traditionen
- Kulturelle Auffassung von Stadt
Die These lautet deshalb: Städtebau im 20. Jahrhundert war nicht allein von den avantgardistischen Stadtauflösungstendenzen dominiert, er war ebenfalls nicht allein von revolutionären Brüchen geprägt. Vielmehr fanden das ganze Jahrhundert heftige Diskussionen zwischen "Urbanisten" und "Desurbanisten" statt, bei denen zu keiner Zeit eine Partei die alleinige Herrschaft reklamieren konnte. Urbanisierung und Urbanität erscheinen vor diesem Hintergrund in einem neuen Licht. Sie sind weit weniger radikalen Wechseln unterworfen, die meist durch historische Daten der politischen, ökonomischen oder sozialen Geschichte markiert werden. Vielmehr erweist sich die dicht gebaute Stadt als überraschend resistent gegen politisch, ökonomisch oder sozial motivierte Wechsel, wie auch das Stadtleben, die kulturelle Urbanität, eher ein Phänomen der longue durée denn der saisonalen Mode ist.
Reformierte Wohnblöcke der Großstadt 1890-1940
Eine zentrale Frage des frühen modernen Städtebaus war die der Wohnungsreform. Diese war keineswegs auf Einfamilienhäuser in Gartenstädten beschränkt, sondern bezog klassisch-städtische Typen wie den Block mit ein. Gerade der großstädtische Wohnblock, zumeist mit Geschäften und Gemeinschaftseinrichtungen als multifunktionale Einheit ausgestattet, erwies sich als ein ergiebiges Experimentierfeld. Neben der einfachen Randbebauung mit begrüntem Innenhof zur Verbesserung der hygienischen Bedingungen operierten die Architekten mit internen Straßen, internen Plätzen, Straßenhöfen oder kleinteiliger interner Bebauung – um nur einige Varianten zu nennen. Die Typologie des Blocks bot zudem den Vorteil, den Straßenraum mit spezifisch entworfenen Fassaden zu definieren. Großstädtische Reformblöcke wurden sowohl für Sozialwohnungen als auch für Luxusappartments verwendet.
Berlin war ein Zentrum der Blockreform, berühmt vor allem durch die Arbeiterwohnbauten Alfred Messels in den 1890er Jahren.
[3]
Neben den hygienischen Verbesserungen durch begrünte Höfe legte Messel auch Wert auf ästhetische Verbesserungen durch malerische Fassaden, die ebenfalls den Wohnwert der Häuser steigern sollten. Der Wettbewerb "Groß-Berlin" (1908-10) erwies sich als Versuchsfeld für neue Blockkonfigurationen. Bruno Möhring und Rudolf Eberstadt schlugen einen hybriden Superblock vor, der die drei Sphären Großstadt, Kleinstadt und Land vereinte: Innerhalb einer fünfgeschossigen Randbebauung befand sich eine dreigeschossige Wohnstraße, die um einen niedrig bebauten Dorfplatz zirkulierte.
[4]
Selbst im Berlin der 1920er Jahre, berühmt für seine Vorortsiedlungen, wurden weiterhin Reformblöcke errichtet wie Erwin Gutkinds Sonnenhof (1925) – nun im Stilgewand der Neuen Sachlichkeit, doch mit Geschäft zur Straße.
[5]
Auch in London spielte weit weniger das antiurbane Gegenmodell zur Großstadt, die Gartenstadt, eine Rolle, als vielmehr die innerstädtischen Wohnblöcke des London County Council (LCC). Vom ersten Beispiel, dem Boundary Street Estate in Bethnal Green (1893), bis in die späten 1930er Jahre wurden über 150 Blockanlagen errichtet, die sich allesamt mit ihrer Typologie und ihrem Stil als Fortsetzung der Großstadt verstanden.
[6]
Neben diesen metropolitanen Sozialwohnbauten entstanden auch monumentale innerstädtische Luxuswohnhäuser, das beeindruckendste sicherlich Gordon Jeeves' Dolphin Square in Westminster (1938). Auch in Paris entstand moderner Wohnungsbau, der die Großstadt zelebrierte. Als Ideenpool erwies sich der Wettbewerb der Fondation Rothschild für einen Wohnblock in der Rue de Prague (1905), bei dem alle erdenklichen Arrangements des städtischen Blocks getestet wurden, ohne jedoch die raumbestimmende und multifunktionale Qualität des Stadthauses aufzugeben.
[7]
Selbst in den 1920er und 30er Jahren folgte man bei der Bebauung des Boulevard Peripherique diesem Modell des reformierten Blocks – und nicht den Corbusianischen Visionen einer "Ermordung der Korridorstraße".
[8]
Ein anderes Zentrum bildete Amsterdam, in dem auf der Grundlage von Hendrik Petrus Berlages Plan für Amsterdam-Süd (1917) das vielleicht erfolgreichste metropolitane Erweiterungsquartier des 20. Jahrhunderts mit Reformblöcken entstand.
[9]
In paradigmatischer Klarheit erschien das Modell des reformierten Blocks in Kay Fiskers Hornbaekhus in Kopenhagen (1922/23).
[10]
Hier folgte eine einfache Blockrandbebauung strikt dem leicht unregelmäßigen Stadtgrundriss. Auf diese Weise entstanden ein geräumiger Gartenhof und eine eindeutige Definition des Straßenraums. Die Fassade war einerseits in traditionellen Materialien und Formen gehalten, andererseits entwickelte sie durch die scheinbar unendliche Repetition des immergleichen Fensterformates eine neuartige Monumentalität des Alltags. Der Block bot neben anständigem Wohnraum, ruhigem Erholungsraum und wohl definiertem Stadtraum ebenfalls die Vorzüge städtischen Lebens: Im Erdgeschoss waren auch Läden untergebracht.
Öffentliche Zentren und traditionelle Stadträume 1890-1940
Nach all den öffentlichen Boulevards und Plätzen des 19. Jahrhunderts scheint der Städtebau des 20. Jahrhunderts eher auf die privaten Wohnbedürfnisse zu fokussieren, versinnbildlicht in der Suche nach der Wohnung für das Existenzminimum. Mindestens ebenso zutreffend kann jedoch behauptet werden, dass der moderne Urbanismus überhaupt mit einer Reflektion über öffentliche Platzanlagen begann. Ob malerisch oder geometrisch, öffentliche Räume wurden als Zentrum der Stadt gesehen. Klassische Typologien wie Boulevard, Platz, öffentliches Gebäude und Monument wurden aufgegriffen und der modernen Großstadt nutzbar gemacht. Gerade die öffentliche Sphäre war dabei dem Zugriff des Politischen besonders stark ausgesetzt – jedoch gehört es zu den mittlerweile widerlegten Märchen, dass allein totalitäre Systeme sich klassischer Stadtfiguren bedienten. Traditionelle Formen waren in der öffentlichen Sphäre besonders erfolgreich, da sie am ehesten von einer breiten Öffentlichkeit verstanden werden konnten.
Den seinerzeit allgemein anerkannten Beginn des modernen Städtebaus markierte Camillo Sittes Pamphlet "Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen" (1889), in dem gestalterische Regeln für die Anlage öffentlicher Plätze präsentiert wurden, gewonnen aus der Untersuchung historischer Beispiele.
[11]
Der öffentliche Raum stand ebenfalls im Mittelpunkt der nordamerikanischen City-Beautiful-Bewegung, die nach der Aufsehen erregenden White City auf der World's Columbian Exhibition in Chicago (1893) begann. Das erste realisierte Civic Center war das von Cleveland nach dem Plan von Daniel Hudson Burnham (1903): Um eine grüne Mall gruppierten sich öffentliche Bauten, die der Stadt eine neue Wertschätzung der Gemeinschaftssphäre bescherten.
[12]
Werner Hegemann und Elbert Peets' einflussreiches Buch "American Vitruvius. An Architects' Handbook of Civic Art" (1922) kann mit seiner Sammlung historischer und zeitgenössischer Beispiele als das definitive Manual der City-Beautiful-Bewegung gelten (Abb. 1).
[13]
| 
| | | Abb. 1: Werner Hegemann und Elbert Peets, Arkaden und Kolonnaden aus dem "American Vitruvius", 1922. Urbanität ist ein langer ruhiger Fluss: Arkaden und Kolonnaden sind als ewig wiederkehrende urbane Pathosformeln präsentiert. (Quelle: Hegemann, Werner; Peets, Elbert, The American Vitruvius. An Architects' Handbook of Civic Art, New York 1922) | |
Wenig überraschend leistete Italien, das Land der piazze, die schon Sitte so stark angeregt hatten, einen gewichtigen Beitrag zur Gestaltung des öffentlichen Raums im 20. Jahrhundert. Die Bauten und Pläne des Novecento im Mailand der 1920er und 30er Jahre, vor allem vertreten durch Giovanni Muzio und Giuseppe de Finetti, waren alle von einer Bejahung der modernen Großstadt geprägt und bereicherten den öffentlichen Raum mit modernisiert-klassizistischen Fassaden.
[14]
Besonders die Plätze und Straßen Marcello Piacentinis zelebrierten die italianità mit dem Rekurs auf antike, mittelalterliche und Renaissance-Vorbilder. Mit der Piazza della Vittoria in Brescia (1928-32) legte er im Herzen der Stadt einen architektonisch wohldefinierten Platz an, der mit Post, Banken, Geschäften, Cafés, Restaurants, Büro- und auch Wohnräumen eine typisch urbane Funktionsmischung bot, die auch unabhängig von seinen faschistischen Auftraggebern bestens funktioniert. Sein Entwurf der Via Roma in Turin (1935-37) basierte zwar auf dem Typus der römischen Kolonnadenstraße, diente aber modernen Zwecken von Büro- und Geschäftsbauten (Abb. 2).
[15]
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| | | Abb. 2: Marcello Piacentini, Via Roma in Turin, 1935-37. Die Kolonnadenstraße bezieht sich ebenso auf den Ruhm des Römischen Imperiums wie sie Teil der zeitgenössischen internationalen "Civic Art" ist. (Quelle: Lupano, Mario, Marcello Piacentini, Rom 1991) | |
Die ästhetische und semantische Aufwertung des Stadtraumes durch kleinere Eingriffe und Monumente leistete José Plecnik in Ljubljana in den 1920er und 30er Jahren.
[16]
Ein typisch munizipales Projekt stellte die Errichtung des neuen Rathauses in Oslo nach den Plänen von Arnstein Arneberg und Magnus Poulsson dar. Zwischen 1930 und 1950 entstand nicht nur ein monumentaler städtischer Bau in reduktiv-modernistischen Formen, sondern ebenfalls ein zugehöriger Stadtplatz, der dem Vorbild des Campo in Siena folgte.
[17]
Zahllose andere demokratische Beispiele könnten belegen, dass die Formung klassischer öffentlicher Stadträume keineswegs eine Domäne der Diktaturen war und mit diesen desavouiert sei.
Hochhäuser als Generatoren von öffentlichen Räumen 1910-1950
Das Hochhaus als neuer Bautyp entstand in den USA im späten 19. Jahrhundert aus rein privatwirtschaftlichen Interessen und tendierte dazu, die öffentliche Sphäre rücksichtslos zu vereinnahmen. Schon bald nach seiner Erfindung jedoch versuchten Architekten, das Hochhaus zu domestizieren und der Stadt nutzbar zu machen. Neue metropolitane Stadträume wie sunken plazas, Boulevards mit Türmen, cours d'honneurs vor Hochhäusern oder Hochhäuser als points de vue im Straßennetz entstanden. Alle diese Beispiele – die wiederum vom kapitalistischen Westen bis zum sozialistischen Osten reichten – schufen wohl definierte Stadträume, im Unterschied zum antiurbanen Modell des isolierten Hochhauses im Grünen.
Erste Ideen, Wolkenkratzer zur Akzentuierung der Stadtsilhouette einzusetzen, entstanden 1909 sowohl in Amerika als auch in Europa. In ihrem "Plan of Chicago" schlugen Daniel Hudson Burnham und Edward Herbert Bennett ein neues Civic Center als Turmhaus vor; seine Ville de l'avenir präsentierte Eugène Hénard mit einem Kranz von Hochbauten.
[18]
Eines der prominentesten Beispiele einer Hochhausanlage, die neue öffentliche Räume in die Stadt einführte, ist das Rockefeller Center in New York (1929).
[19]
Auf privatem Baugrund legten die Investoren eine Esplanade, eine sunken plaza und eine Reihe von Dachgärten an und multiplizierten auf diese Weise die Ebenen des öffentlichen Raumes (Abb. 3). Darüber hinaus trug die Mischung von Geschäften, Cafés, Veranstaltungshallen, Kulturinstitutionen und Büroräumen, alles in Bauten untergebracht, die sich mit ihren exquisiten Fassaden an den Flaneur wendeten, dazu bei, dass einer der erfolgreichsten öffentlichen Räume in Manhattan entstand.
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| | | Abb. 3: Harvey Wiley Corbett, Entwurf für das Metropolitan Opera House (später Rockefeller Center) in New York, 1928. Flankierende Arkaden sollen einen Platz schaffen, der Michelangelos Kapitol in die moderne Hochhausstadt übersetzt. (Quelle: Balfour, Alan, Rockefeller Center. Architecture as Theatre, New York 1978) | |
Diesem Produkt kapitalistischer Spekulation lassen sich europäische Beispiele entgegenstellen, die ähnliches mit sozialistischem Hintergrund erreichten. Geradezu einen Urbanisierungssprung stellte die Errichtung von Les Gratte-Ciels (1930) als neuem Zentrum von Villeurbanne dar.
[20]
Hochhäuser mit Wohnungen und Geschäften säumten einen zentralen Boulevard, Hochhäuser markierten die Fluchtpunkte, ein Arbeiterpalast dominierte den öffentlichen Platz – all dies urbanisierte und monumentalisierte die proletarische Peripherie Lyons. Voller politischer Repräsentationsabsichten steckte Stalins Projekt zur Errichtung von Hochhäusern als Kranz um die neue Stadtkrone des turmartigen Sowjetpalastes (1949).
[21]
Diese Bauten besetzten nicht nur sinnvolle Orte im Gesamtplan der Stadt, sondern integrierten sich mit ihren unterschiedlichen Funktionen, ihrer städtebaulichen Ausrichtung auf Straßen und Plätze sowie mit ihrem Stil in die bestehende Großstadt. Wenn sie auch vom Sieg des Sozialismus über den Klassenfeind künden sollten, so folgten sie doch gerade Beispielen der kapitalistischen Bauproduktion in New York und zeigen einmal mehr, dass städtische und architektonische Formen nicht in den politischen Ambitionen ihrer Auftraggeber aufgehen müssen.
Traditionalistische Rekonstruktionen 1940-1960
Der Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg ist dafür berüchtigt, den Städten mehr Schaden zugefügt zu haben als die Zerstörungen des Krieges. Tatsächlich nutzten einige Planer die Chance, ihre Visionen einer durchgrünten, aufgelockerten und verkehrsgerechten Stadtlandschaft zu realisieren. Dagegen gab es aber – selbst in den Zeiten des florierenden Funktionalismus in Folge der "Charta von Athen" (1943) – zahlreiche Beispiele, die eine dichte städtische Bebauung zu rekonstruieren, wieder zu erfinden oder neu zu definieren trachteten. Ob Traditionalismus in Westdeutschland, Sozialistischer Realismus in Osteuropa, ob moderner Klassizismus in Frankreich oder Townscape-Bewegung in Großbritannien – alle diese Richtungen planten nicht die Auflösung der Städte, sondern folgten einem dezidiert urbanen Ideal.
Selbst in London – bekannt für seine Garden Cities Letchworth (1903) und Welwyn (1920), den avantgardistisch-linearen MARS-Plan (1942) und den pragmatisch-dezentralisierenden Abercrombie-Plan (1944) – bestand die erste Reaktion of die Zerstörung durch deutsche Bombenangriffe im klassisch-metropolitanen Plan der Royal Academy mit der Unterstützung durch Edwin Landseer Lutyens (1942). Sein System von Boulevards und squares und seine dichten Stadtblöcke können als Adaptierung von Haussmanns Paris an die Anforderungen des 20. Jahrhunderts gedeutet werden.
[22]
In Frankreich bildete der Wiederaufbau von Le Havre nach den Plänen von Auguste Perret (1945) das umfassendste Beispiel von Modernisierung, die dennoch einem urbanen Ideal mit klassischen Stadtelementen wie Boulevard, Platz, Block und Monument folgte. Selbst die Architektur – vom Meister des Stahlbetons ganz modern konstruiert – lehnte sich mit Kolonnaden, stehenden Fensterformaten und tektonischer Fassadengliederung an die Tradition des französischen Klassizismus an (Abb. 4).
[23]
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| | | Abb. 4: Auguste Perret, Rue de Paris in Le Havre, 1945-50. Kolonnaden und tektonisch gegliederte Fassaden formen eine modernisierte Version des französischen Klassizismus und der Rue de Rivoli in Stahlbeton. (Quelle: Abram, Joseph (Hgg.), Les frères Perret. L'oeuvre complète, Paris 2000) | |
In Osteuropa herrschte das Diktat des Sozialistischen Realismus, das eine Rekonstruktion der Stadtzentren mit traditionellen Stadtelementen und Architekturstilen vorsah, auch wenn die neuen Bauten meist einen völlig neuen Maßstab in die bestehenden Städte brachten.
[24]
Das überzeugendste Beispiel eines neuen Stadtplatzes in der DDR bietet der Altmarkt in Dresden nach den Plänen von Herbert Schneider und Johannes Rascher (1952), dessen neubarocke Stadthäuser mit ihren Arkaden und ihrer Nutzungsmischung von Geschäften, Cafés, Büro- und Wohnräumen in sozialistischen wie kapitalistischen, in totalitären wie in demokratischen Zeiten gleichermaßen gut funktionieren.
[25]
Selbst in der Bundesrepublik folgten einige Wiederaufbauplanungen nicht der antiurbanen Grün- und Verkehrsideologie. Das erfolgreichste Beispiel einer traditionsbewussten Modernisierung im großstädtischen Maßstab stellt wohl München dar, dessen innerstädtische Straßenzüge zumeist das Resultat dezenter Stadthäuser der 1950er Jahre sind.
[26]
Desurbanisierung war nach dem Zweiten Weltkrieg keine historische Notwendigkeit, sondern eine dezidierte Position, zu der es gewichtige Gegenpositionen gab.
Restaurierung historischer Stadtzentren 1960-1980
Nach den ersten Erfahrungen mit modernistischen Städtebauprojekten, die bisweilen ganze Stadtquartiere flachlegten, gewann die Frage der Erhaltung historischer Bauten, Viertel und Städte eine neue Dringlichkeit. Der Denkmalschutz wurde auf die Umgebung einzelner Monumente ausgedehnt, ganze Städte konnten einen geschützten Status erlangen. Die Erhaltung historischer Bausubstanz war das eine, die Weiterentwicklung der Städte mit Rücksicht auf das Bestehende war das andere. Hierfür wurde die Theorie der urbanen Typologie entwickelt, die ein Entwerfen gemäß den Regeln historischer Bautypen ermöglichen sollte, ohne dabei exakt kopieren zu müssen. Dies unterstrich zum einen die Rolle der Architektur im Städtebau, andererseits betonte es die kulturellen Aspekte der Stadt und ihre notwendige Gebundenheit an die Geschichte.
Saverio Muratori entwickelte in seinen "Studi per una operante storia urbana di Venezia" (1960) die Technik des typologischen Stadtplans, der nicht allein öffentliche Räume und Bauten, sondern auch Pläne der Privathäuser zeigte, um die Haustypen erkennen zu können. Diese Methode inspirierte Aldo Rossi zu seiner Theorie der Stadtarchitektur in "L'architettura della città" (1966), bei der er zwischen primären Elementen (den monumentalen Bauten) und gewöhnlichen Stadthäusern unterschied. Während die Monumentalbauten oftmals physisch die Zeiten überdauerten, würden die Privatbauten in kürzeren Fristen erneuert, behielten dabei aber zumeist ihren Typus bei. Indem so die bestehende Architektur für die Stadt bestimmender wurde als die jeweils aktuelle Funktion, kehrte er gleichfalls das funktionalistische Dogma der "Charta von Athen" um. Im Fall der Restaurierung des Stadtzentrums von Bologna in den 1970er Jahren wurde diese Theorie flächendeckend verwendet.
[27]
Während historische Monumente in ihrer physischen Integrität bewahrt wurden, wurden die Wohnhäuser analog den historischen Typen restauriert und modernisiert.
Revitalisierung amerikanischer Städte 1960-2000
In Amerika, wo der Geist der Urbanität seit dem 19. Jahrhundert zwischen dem puristischen Traum vom Landleben und den ungebremsten Interessen der privaten Spekulation unterzugehen drohte, war die Produktion von Municipal Spirit und Civic Art stets eine kritische Aufgabe. Deshalb verwundert es nicht, die früheste Kritik an modernistischen Planungsstrategien und die Forderung nach Bürgerbeteiligung in den USA entstehen zu sehen. Ästhetische, soziale, politische und ökonomische Aspekte wurden kombiniert, um Revitalisierungsstrategien für amerikanische Städte zu entwickeln. Dies mündete in die Bewegung des New Urbanism, der als umfassendes Urbanisierungsprogramm des Suburban Sprawl die heute kohärenteste Städtebaubewegung darstellt.
Die einflussreichen Publikation zu Beginn dieser Periode waren Kevin Lynchs "The Image of the City" (1960) und Jane Jacobs' "Death and Life of Great American Cities" (1961). Der erstere untersuchte die Lesbarkeit der Stadt, indem er Wahrnehmungsweisen des Individuums analysierte und fünf wesentliche Elemente der Orientierung extrapolierte: Wege, Grenzen, Gebiete, Knotenpunkte und Monumente. Die letztere führte essentielle Theoreme wie Funktionsmischung, soziale Durchmischung und die Vermischung von Architekturen aus unterschiedlichen Zeiten in die Stadtplanung ein. Beide kritisierten eine funktionalistische Planungsideologie, noch bevor diese zu ihren eigentlichen Zerstörungstaten schreiten sollte. Erst in den 1970er Jahren sollten mit Baltimores Harbour Place und Bostons Quincy Market (1976) Projekte entstehen, die innerstädtische Gebiete mit ihren historischen Bauten und öffentlichen Stadträumen revitalisierten.
[28]
Als Pionierprojekt einer stadtkonformen Erweiterung fungierte Battery Park City in New York, bei der sich 1979 in den Plänen von Alexander Cooper und Stunton Eckstut die Planungsideologie von autonomen Megastrukturen zu einer Fortsetzung des Stadtrasters von Manhatten wandelte.
[29]
Auch die Bauten Cesar Pellis versuchten, das Bild von Art-Deco-Wolkenkratzer zu evozieren.
Mit der Anlage von Seaside in Florida nach den Plänen von Andres Duany, Elisabeth Plater-Zyberk und Leon Krier (1980), bei dem sich erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg eine neue Ansiedlung an traditionellen Stadtstrukturen orientierte, entstand in den USA die Bewegung des New Urbanism. Nach anfänglicher Konzentration auf die Urbanisierung suburbaner Wohngebiete entwickelte sie umfassende Stadtkonzepte, die mittlerweile auch in den Zentren der Metropolen wie beispielsweise Chicago oder Milwaukee angekommen sind.
[30]
Im Mittelpunkt steht die Überwindung der etwa von Richard Sennett kritisierten Monadisierung der Stadtgesellschaft durch fußgängerfreundliche Stadträume mit gemischten Funktionen und ansprechenden Architekturen, die einen neuen städtischen Gemeinsinn ermöglichen sollen. Mit "The New Civic Art" legten 2003 Andres Duany, Elisabeth Plater-Zyberk und Robert Alminana ein umfassendes Manual der Bewegung vor, das sich mit seiner Anspielung auf die oben erwähnte "Civic Art" von Hegemann und Peets absichtsvoll in eine langfristige Städtebautradition stellt.
Reparation von Industrialisierung und Modernisierung in europäischen Städten 1970-2000
Die Postmoderne im Städtebau war eine direkte Reaktion auf die Planungsstrategien der avantgardistischen Moderne. Zunächst wurde in polemischen Essays der Verlust urbaner Kultur beklagt, dann entstanden theoretische Projekte zur Reparation des Stadtraums, schließlich wurden modellhafte Planungen realisiert. Hinzu trat die Notwendigkeit, innerstädtische Areale, die im Zuge der Deindustrialisierung verlassen worden waren, in den städtischen Kontext einzubinden. Ansätze wie die Kritische Rekonstruktion in Deutschland, die Stadterneuerung in Spanien, die Typomorphologie in Frankreich und die Urban Renaissance in Großbritannien zielen alle auf eine Reparation der städtischen Textur, der öffentlichen Sphäre und der städtischen Kultur.
Die ersten kritischen Stimmen an den zerstörerischen Folgen antiurbaner Modernisierung erhoben sich in Deutschland schon bald. Wolf Jobst Siedler prangerte 1964 in "Die gemordete Stadt" den Verlust urbaner Kultur vor allem unter einem ästhetischen Blickwinkel an. Alexander Mitscherlich stellte dem 1965 in "Die Unwirtlichkeit unserer Städte" einen psychologischen und soziologischen Blickwinkel zur Seite. Doch bis zu ersten Reformprojekten sollten noch einige Jahre vergehen. 1973 erarbeitete Rob Krier eine grundlegende Studie zum Umbau der Innenstadt von Stuttgart.
[31]
An Stelle offener Stadtbrachen und stadtzerschneidender Autobahnen sah er architektonisch wohl definierte Platzsequenzen vor, die die Innenstadt dem Fußgänger zurückgeben sollten. Umgesetzt wurden solche Strategien der Stadtreparatur auf der Internationalen Bauausstellung (IBA) in Berlin 1984/87 unter Josef Paul Kleihues.
[32]
Unter dem Stichwort der "Kritischen Rekonstruktion" wurde der Stadtplan in Anlehnung an traditionelle Elemente repariert und ergänzt. Die Bauten folgten traditionellen Typologien, spiegelten aber die ganze stilistische Breite der zeitgenössischen Architekturszene wieder. Diese Planungsphilosophie wurde dann zur Grundlage der Stadtbaupolitik nach der Wiedervereinigung 1990. Am Potsdamer Platz entstand ein extrem dichtes, durchmischtes und belebtes Quartier auf der Basis eines gewöhnlichen Blockrasters mit der Absicht, ein "europäisches Stadtquartier" zu errichten.
[33]
Besonders die Bauten Hans Kollhoffs bemühen sich um eine architektonische Definition von Urbanität (Abb. 5).
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| | | Abb. 5: Hans Kollhoff, Walter-Benjamin-Platz in Berlin, 1995-2001. Der Archetyp der Kolonnadenstraße ist hier zum Platz umgedeutet, tektonisch gegliederte Fassaden knüpfen an lokale klassizistische Stadtarchitektur an. (Quelle: Kollhoff, Hans, Architektur, München 2002) | |
Barcelona nach den Plänen von Oriol Bohigas ab 1980 ist ein weiteres führendes Beispiel der stadtkonformen Modernisierung.
[34]
Je nach Ort war hier die Strategie unterschiedlich: Erweiterungen folgten dem Modell des reformierten Blocks auf der Basis von Ildefonso Cerdàs historischem Plan, die mittelalterliche Innenstadt wurde vor allem durch das Einfügen neuer Plätze aufgewertet, womit zugleich die hygienischen Wohnbedingungen und der öffentliche Raum verbessert wurden. Auch Paris erlebte in den 1980er Jahren die Rückkehr zur traditionellen Stadt: Neue Wohnquartiere wie etwa in Bercy folgten der Typologie des städtischen Blocks, neue öffentliche Monumente wie die Grands Projets von François Mitterand markierten entscheidende Punkte des bestehenden Stadtnetzes.
[35]
Alle diese europäischen Projekte – zumeist von sozialdemokratischen Regierungen initiiert – zielten auf eine Erneuerung der städtischen Kultur und des Bürgersinns durch die Einbeziehung unterschiedlicher sozialer Gruppen und Schichten, die Definition öffentlicher Stadträume, die Kombination unterschiedlicher Nutzungen und die Fortsetzung traditioneller Stadttypologien und -architekturen.
Zusammenfassung
Dieser Überblick zeigt, dass Stadtplanung im 20. Jahrhundert keineswegs nur avantgardistischen Modellen folgte, die es auf eine Überwindung und Auflösung der Stadt abgesehen hatten. Trotz Gartenstadt, linearer Stadt, aufgelockerter Stadt, verkehrsgerechter Stadt, zonierter Stadt und Stadtlandschaft gab es das ganze 20. Jahrhundert hindurch Initiativen und Bewegungen, die an Modellen der dichten Stadt arbeiteten, d.h. einer Stadt, die durch zusammenhängende Bebauung, klar definierte öffentliche Räume, städtische Architektur, Mischung der Nutzungen, soziale Durchmischung und historische Kontinuität, kurzum: durch Urbanität geprägt war. Ein Ende der Urbanisierung ist keineswegs in Sicht, im Gegenteil: Die bewussten Urbanisierungstendenzen mit der Absicht, Stadtkultur zu schaffen, haben sich gerade in den letzten 25 Jahren weltweit massiv verstärkt.
Diese Erkenntnisse haben zum einen Folgen für die Historiografie der Stadt und des Städtebaus im 20. Jahrhundert. Es ist nicht länger angemessen, die antiurbanen Heroen der Avantgarde wie Howard, Taut, Gropius, Le Corbusier oder Wright als die entscheidenden Ideengeber darzustellen. Weitaus nachhaltiger – sowohl in Hinsicht auf die Substanz ihrer Theorien als auch den Erfolg ihrer gebauten Beispiele – sind dagegen die Beiträge von Sitte, Burnham, Hegemann, Berlage, Saarinen, Piacentini, Perret oder Rossi, um neben den zahlreichen weniger bekannten Stadtbaumeistern ein paar heldenfähige Namen zu nennen. Es wäre eine zentrale Aufgabe der Stadtbaugeschichte, die sozusagen anonyme Stadtarchitektur zu untersuchen, die selbst zwischen 1930 und 1980 dem traditionellen Muster des Stadthauses im urbanen Block folgte, meist mit Funktionsmischung von Geschäften im Erdgeschoss und Wohn- oder Büroräumen in den oberen Geschossen sowie einer urbanen Fassade zur Straße.
Zum anderen haben sie Folgen für das Verständnis von Urbanisierung und Urbanität. Hier gilt es, die gebaute städtische Form und die Stadtkultur als unhintergehbare Faktoren mit einzubeziehen. Nicht jeder politische Wechsel hat entscheidende Folgen für den Städtebau, nicht jede soziale Veränderung erfordert eine Veränderung der Stadtform, nicht jede ökonomische Entwicklung schlägt sich automatisch im Stadtbild nieder, nicht jede technische Innovation hat Folgen für das Stadtbild. Die gebaute Stadt entwickelt im Lauf der Geschichte ein Eigenleben, die Stadtkultur entwickelt eine Sphäre mit eigenen Gesetzlichkeiten. In diesem Sinn sind Sebastien Merciers Beschreibungen des Pariser Stadtlebens aus den 1780er Jahren unseren Vorstellungen von Urbanität noch erstaunlich viel näher als aktuelle Visionen des Global Village – ungeachtet aller politischen, sozialen, ökonomischen und technischen Revolutionen, die in der Zwischenzeit stattgefunden haben. Und dies hat weniger mit der Antiquiertheit unserer Vorstellungen von Urbanität zu tun, als vielmehr mit der Dauerhaftigkeit des Gegenstands selbst.
Wolfgang Sonne ist Lecturer für Geschichte und Theorie der Architektur am Department of Architecture der University of Strathclyde in Glasgow. E-Mail: w.sonne@strath.ac.uk
Literaturempfehlungen:
Cohen, Jean-Louis, Urban Architecture and the Crisis of the Modern Metropolis, in: Koshalek, Richard; Smith, Elizabeth A. T. (Hgg.), At the End of the Century. One Hundred Years of Architecture, Los Angeles 1998, S. 229-274.
Dethier, Jean; Guiheux, Alain (Hgg.), La Ville. Art et architecture en Europe 1870-1993, Paris 1994.
Duany, Andres; Plater-Zyberk, Elizabeth; Speck, Jeff, Suburban Nation. The Rise of Sprawl and the Decline of the American Dream, New York 2000.
Koolhaas, Rem, Delirious New York. A Retroactive Manifesto for Manhatten, London 1978.
Magnago Lampugnani, Vittorio, Architektur und Städtebau des 20. Jahrhunderts, Stuttgart 1980.
Sonne, Wolfgang, Culture of Urbanity. Traditions of Center Planning in 20th Century Urbanism, Ausstellungsposter, Zurich 2000, siehe: <http://web.bsu.edu/perera/iphs/Exhibition1.htm> (10.09.2006).
Ward, Stephen V., Planning the Twentieth-Century City. The Advanced Capitalist World, Chichester 2002.
[1] Hall, Peter, Cities of Tomorrow. An Intellectual History of Urban Planning and Design in the Twentieth Century, Oxford 1988; Dethier, Jean; Guiheux, Alain (Hgg.), La Ville. Art et architecture en Europe 1870-1993, Paris 1994; Cohen, Jean-Louis, Urban Architecture and the Crisis of the Modern Metropolis, in: Koshalek, Richard; Smith, Elizabeth A. T. (Hgg.), At the End of the Century. One Hundred Years of Architecture, Los Angeles 1998, S. 229-274; Ward, Stephen V., Planning the Twentieth-Century City. The Advanced Capitalist World, Chichester 2002.
[2] Sonne, Wolfgang, Culture of Urbanity. A New Approach to 20th Century Urban Design History, in: Journal of the Scottish Society for Art History 10 (2005), S. 55-63; Sonne, Wolfgang, Culture of Urbanity. Traditions of Center Planning in 20th Century Urbanism, Ausstellungsposter, Zürich 2000, vgl. <http://web.bsu.edu/perera/iphs/Exhibition1.htm> (10.09.2006).
[3] Geisert, Helmut, Reformmodelle für das städtische Wohnen, in: Kahlfeldt, Paul; Scheer, Thorsten; Kleihues, Josef Paul (Hgg.), Stadt der Architektur – Architektur der Stadt. Berlin 1900-2000, Berlin 2000, S. 41-51.
[4] Sonne, Wolfgang, Ideen für die Großstadt. Der Wettbewerb Groß-Berlin 1910, in: Kahlfeldt; Scheer; Kleihues (Hgg.) Stadt der Architektur (wie Anm. 3), S. 66-77; Sonne, Wolfgang, Representing the State. Capital City Planning in the Early Twentieth Century, München 2003, S. 123-129.
[5] Hierl, Rudolf, Erwin Gutkind 1886-1968. Architektur als Stadtraumkunst, Basel 1992.
[6] Beattie, Susan, A Revolution in London Housing. LCC Housing Architects and their Work 1893-1914, London 1980.
[7] Dumont, Marie-Jeanne, Le logement social à Paris 1850-1930. Les habitation à bon marché, Liège 1991.
[8] Cohen, Jean-Louis; Lortie, André, Des fortits au périf. Paris, les seuils de la ville, Paris 1992.
[9] Stieber, Nancy, Housing Design and Society in Amsterdam. Reconfiguring Urban Order and Identity 1900-1920, Chicago 1998.
[10] Faber, Tobias; Kant Dovey, Kirsten; Fisker, Steffen, Kay Fisker, Kopenhagen 1995.
[11] Collins, George R.; Crasemann Collins, Christiane, Camillo Sitte. The Birth of Modern City Planning, New York 1986; Sonne, Wolfgang, Politische Konnotationen des malerischen Städtebaus, in: Semsroth, Klaus u.a. (Hgg.), Kunst des Städtebaus. Neue Perspektiven auf Camillo Sitte, Wien 2005, S. 63-89.
[12] Peterson, Jon A., The Birth of City Planning in the United States 1840-1917, Baltimore 2003; Sonne, Representing the State (wie Anm. 4), S. 63-77.
[13] Crasemann Collins, Christiane, Werner Hegemann and the Search for Universal Urbanism, New York 2005; Sonne, Wolfgang, Bilder, Geschichte und Architektur. Drei wesentliche Bestandteile der Städtebautheorie in Werner Hegemanns und Elbert Peets' American Vitruvius, in: Scholion. Bulletin der Stiftung Bibliothek Werner Oechslin 2 (2002), S. 122-133.
[14] Burg, Annegret, Stadtarchitektur Mailand 1920-1940. Die Bewegung des "Novecento Milanese" um Giovanni Muzio und Giuseppe de Finetti, Basel 1992.
[15] Lupano, Mario, Marcello Piacentini, Rom und Bari 1991.
[16] Prelovsek, Damjan, Joze Plecnik 1872-1957. Architectura perennis, New Haven 1997.
[17] Norberg-Schulz, Christian, Modern Norwegian Architecture, Oslo 1986.
[18] Hénard, Eugène, Les villes de l'avenir, in: Royal Institute of British Architects (Hg.), Town Planning Conference. London, 10-15 October 1910. Transactions, London 1911, S. 345-357; Burnham, Daniel Hudson; Bennett, Edward Herbert, Plan of Chicago, Chicago 1909; Ciucci, Giorgio; Dal Co, Francesco; Manieri-Elia, Mario; Tafuri, Manfredo; La Penta, Barbara Luigia, The American City, Cambridge 1979.
[19] Balfour, Alan, Rockefeller Center. Architecture as Theatre, New York 1978.
[20] Bourgin, Joëlle; Delfante, Charles, Villeurbanne. Une histoire de Gratte-Ciel, Lyon 1993.
[21] Noever, Peter (Hg.), Tyrannei des Schönen. Architektur der Stalin-Zeit, München 1994.
[22] Royal Academy of Arts (Hg.), London Replanned, London 1942.
[23] Abram, Joseph (Hgg.), Les frères Perret. L'œuvre complète, Paris 2000.
[24] Aman, Anders, Architecture and Ideology in Eastern Europe During the Stalin-Era. An Aspect of Cold War History, New York 1992; Bodenschatz, Harald; Post, Christiane (Hgg.), Städtebau im Schatten Stalins. Die internationale Suche nach der sozialistischen Stadt in der Sowjetunion 1929-1935, Berlin 2003.
[25] Durth, Werner; Düwel, Jörn; Gutschow, Niels, Architektur und Städtebau der DDR, 2 Bde., Frankfurt am Main 1998.
[26] Durth, Werner; Gutschow, Niels, Träume in Trümmern. Planungen zum Wiederaufbau zerstörter Städte im Westen Deutschlands 1940-1950, Wiesbaden 1988.
[27] Cervellati, Pier Luigi; Scannavini, Roberto; Angelis, Carlo de, La nuova cultura delle città, Mailand 1977.
[28] Breen, Ann; Rigby, Dick, Waterfronts. Cities Reclaim their Edge, New York 1994; Bloom, Nicholas Dagen, Merchant of Illusion. James Rouse, America's Salesman of the Businessman's Utopia, Columbus 2004.
[29] Gordon, David, Battery Park City. Politics and Planning on the New York Waterfront, New York 1998.
[30] Dutton, John A., The New American Urbanism. Re-forming the Suburban Metropolis, Mailand 2000.
[31] Krier, Rob, Stadtraum in Theorie und Praxis, Stuttgart 1975.
[32] Kleihues, Josef Paul; Klotz, Heinrich (Hgg.), Internationale Bauausstellung Berlin 1987. Beispiele einer neuen Architektur, Stuttgart 1986; Schlusche, Günther, Die Internationale Bauausstellung Berlin. Eine Bilanz, Berlin 1997.
[33] Magnago Lampugnani, Vittorio; Schneider, Romana (Hgg.), Ein Stück Großstadt als Experiment. Planungen am Potsdamer Platz in Berlin, Stuttgart 1994.
[34] Marshall, Tim (Hg.), Transforming Barcelona, London 2004.
[35] Arlot, Ann-José, Paris. La ville et ses projets, Paris 1996.
Urbane Schweiz Urbanistische Konzepte für die Schweiz von 1930 bis heute Sonja Hildebrand Urbanität ist, wie jeder Begriff, Definitionssache. In ihr spiegeln sich soziale, wirtschaftliche, infrastrukturelle, materielle und kulturelle Realitäten wider. Herstellen, gestalten oder in Bahnen lenken lässt sich Urbanität, als Planungsaufgabe verstanden, nur sehr beschränkt; das haben die Erfahrungen des planungsbegeisterten 20. Jahrhunderts gelehrt. Eher schon funktionierte das Gegenteil: Sichtbare Erfolge brachte vor allem das Ausscheiden von Freihalte-, Grün- und Landwirtschaftszonen. Dass Urbanität ein wissenschaftlich-theoretisch fundiertes oder auch metaphorisch eingesetztes Begriffswerkzeug ist, mit dem Wahrnehmungen beschrieben oder Planungsziele formuliert werden, lässt sich exemplarisch am Beispiel der schweizerischen Landesplanung zeigen. Es geht dabei nicht darum, den Begriff des Urbanen zu verabschieden oder neu zu definieren. Das Interesse gilt vielmehr den Motiven, die zu seinem Gebrauch führten, sowie den mit ihm historisch und gegenwärtig verbundenen Bedeutungen und Bewertungen. Das Beispiel der Schweiz ist dafür deshalb gut geeignet, weil das Land seit den Anfängen der Landesplanung um 1930 als Stadtgebilde begriffen und beschrieben wurde. Diese Übertragung des Begriffs des Urbanen auf einen geografischen Großraum macht die Funktion des Begriffs als Denkfigur besonders augenscheinlich. Dass die Schweiz zudem eine über das Fallbeispiel hinausgehende Relevanz im europäischen und globalen Kontext besitzt, entspricht zumindest dem heutigen Konsens in Schweizer Planerkreisen. Als Begründung des Modellcharakters dienen vor allem der ausgeprägte Föderalismus und die damit verbundene Struktur eines "räumlich und funktional eng verwobenen, mehrkernigen Verdichtungs- und Ballungsraum[s]"
[1]
sowie die kulturelle Vielfalt und die im Rahmen der Globalisierung erbrachten (alltags)kulturellen Adaptionsleistungen.
[2]
Großstadt Schweiz
Schon Rousseau hat die Schweiz als Stadt begriffen. Das Land sei "gewissermaßen eine einzige, große Stadt, in dreizehn Quartiere aufgeteilt, von denen einige in Tälern, andere in hügeligem Gelände und wieder andere in den Bergen liegen […]; die einen sind dicht, andere weniger dicht besiedelt, dicht genug jedoch, als daß man sich immer noch in der Stadt wähnt." Überall in der Schweiz fand Rousseau Spuren städtischer Kultur, die bei ihm auch ländliche Elemente umfasst und damit an dieser Stelle für verschiedene Formen menschlicher Zivilisation steht: "[…] man hat nicht mehr das Gefühl, eine Einöde zu durchstreifen, wenn man zwischen den Tannen Kirchtürme, auf den Felsen Herden, in den Schluchten Fabriken und über den Wildbächen Werkstätten antrifft".
[3]
Die für die Schweiz charakteristische, einzigartige politische Kleinteiligkeit und das hohe Maß an Gemeindeautonomie mit einer entsprechend kleinräumigen Besiedlung und dezentralen Industrialisierung bildeten die faktische Grundlage für eine solche Übertragung des Stadtbegriffs auf ein ganzes Land.
Die eigentliche Etablierung der Vorstellung von der Schweiz als Stadt fällt mit den Anfängen der schweizerischen Landesplanung in den 1930er Jahren zusammen. Dass die ersten Landesplaner ihr Planungsgebiet als Stadt begriffen, lässt sich zunächst mit ihrer fachlichen Ausbildung erklären. Obwohl der Hinweis auf englische und deutsche Vorbilder in kaum einer der frühen Schriften zur Schweizer Landesplanung fehlt, ging es zuerst vor allem darum, ein geeignetes Instrumentarium zu finden, Methoden zu entwickeln und Ziele zu definieren. Für die ausgebildeten Architekten lag es dabei offenbar nahe, von architektonischen und städtebaulichen Konzeptionen und Vorgehensweisen auszugehen.
[4]
Eine solche letztlich auf Alberti zurückgehende Übertragung von Strukturen, Aufgaben und Methoden von einer kleineren auf eine größere Planungseinheit war im Kreis der CIAM (Congrès Internationaux d'Architecture Moderne), aus dem viele der ersten Landesplaner stammten, für den Städtebau geläufig. Auch Armin Meili, der erste Präsident der 1943 gegründeten Schweizerischen Vereinigung für Landesplanung, verglich das "kollektive Leben einer Stadt" mit "dem Leben in einem einzelnen Hause".
[5]
Der "Stadtorganismus" wiederum konnte für die Mitglieder der CIAM nur als Teil eines größeren Wirtschaftsgebiets behandelt werden; Regionalplanung sollte an die Stelle der herkömmlichen Stadtplanung treten. Aus dieser Sicht ergab sich gleichsam folgerichtig das Engagement der Schweizer CIAM-Gruppe bei der fachlichen Grundlegung und institutionellen Etablierung der nationalen Landesplanung.
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| | | Abb. 1: Armin Meili, Karte der Schweiz als "dezentralisierter Großstadt", 1933 (Quelle: Die Autostrasse 2, 1933, S. 21) | |
1933 formulierte Armin Meili das planerische Leitbild der Schweiz als "dezentralisierte[r] Großstadt Mitteleuropas".
[6]
Ziel war eine "schweizerische Großstadtzone, die sich in ihrer ganzen Auflockerung von St. Gallen bis nach Genf hinzieht".
[7]
Meili skizzierte eine spezifisch "schweizerische Großstadtbildung"
[8]
in Form von strahlenförmig aufgebauten, "ländlich infiltrierte[n]" Satellitenorten, die, zu Bandstädten verbunden, gemeinsam eine dezentralisierte Großstadt bilden, die sich wie "eine Reihe von Perlschnüren dahinzieht".
[9]
Die hinter diesem Konzept stehende Motivation machte Meili in aller Klarheit deutlich: "Es wird dabei vor allem der Großstadt der Kampf anzusagen sein".
[10]
Die Erfahrung lehre, dass es ein "räumliches Optimum" gebe, jenseits dessen Verkehrsprobleme, eine nicht mehr zu regelnde hochkomplexe Infrastruktur und hohe Grundstückspreise das technische und soziale Funktionieren einer Stadt unmöglich machten.
[11]
Der 1939 für die Freisinnigen in den Nationalrat gewählte Architekt negierte die wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung großer Städte dabei nicht. Ein Exportland wie die Schweiz sei auf eine Konzentration von Produktionsstätten und damit auch der Wohnflächen angewiesen; auch herausragende kulturelle Leistungen bräuchten die große Stadt mit ihren Einrichtungen für Kultur und Wissenschaft. "Die Ueberwindung des Kleinlichen, Provinzlerischen ist nur durch die Stadt möglich".
[12]
Dies aber sollte die skizzierte "weit-dezentralisierte Großstadt" leisten, in der Stadt und Land verschmelzen. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund von Weltwirtschaftskrise und Weltkrieg bot eine solche Stadt für Meili zudem den Vorteil der Möglichkeit zur teilweisen Selbstversorgung.
Meilis Paradox der antiurbanen Großstadt prägte über Jahrzehnte hinweg die Zielvorstellungen der schweizerischen Landesplanung; so beispielsweise das von der Eidgenössischen Wohnbaukommission 1963 aufgestellte Leitprinzip der "Dezentralisation mit Schwerpunkten" oder das von einer Chefbeamtenkonferenz aus den 1973 formulierten Landesplanerischen Leitbildern des Instituts für Orts-, Regional- und Landesplanung der ETH Zürich abgeleitete raumplanerische Leitbild CK-73 mit seiner Forderung einer "dezentralen Konzentration". Kennzeichnend für alle Konzeptionen ist die ihnen zugrunde liegende Verbindung konservativer und moderner Vorstellungen und Zielsetzungen.
[13]
Ein entscheidendes Element der Verkoppelung war das moderne, universalistische Raumverständnis. Die Vorstellung einer prinzipiellen Gleichheit des Raums dürfte maßgeblich dazu beigetragen haben, das Ziel einer geordneten Integration von Land und Stadt konsensfähig zu machen. Die erwünschten Funktionen einer Großstadt ließen sich so scheinbar mit der Bewahrung 'helvetischer Eigenart' und damit vor allem der föderalistischen Struktur und der mit dieser einhergehenden kleinteiligen Besiedlung verbinden.
Konrad Hippenmeier, der Chef des stadtzürcher Bebauungsplanbureaus und einer der Pioniere der Regionalplanung, beschrieb die Verbindung von Stadt und Land als notwendig und folgerichtig: "Was nützt es mit den Händen in den Taschen um das endlose Wachsen der Stadt zu jammern und künstlich den Gegensatz zwischen Stadt und Land zu konstruieren? Schon der Dezentralisation als solcher haftet die Tendenz an, Stadt und Land zu verweben." Die sich daraus für den Stadtplaner ergebende Aufgabe sah Hippenmeier vor allem in "der Sicherung eines Landwirtschaftsgürtels am Rande der Stadt, der bisweilen tief in die Stadtzone eingreift".
[14]
Die Erhaltung des Grüngürtels rund um Zürich gilt als großes Verdienst des zürcher Stadtbaumeisters Albert Heinrich Steiner (1943-1957), der in den 1940er Jahren die entsprechenden Nutzungspläne ausarbeitete. Auf die bewahrten "grosszügige[n] Grün- und Erholungsräume […] des Lebens- und Wirtschaftsraums Zürich"
[15]
sind die Zürcher Planer bis heute stolz. Dem Blick des Ausländers Kees Christiaanse, Städtebauprofessor an der ETH Zürich, erscheint das "Urige der Kulturlandschaft" geradezu "endemisch im Städtischen verankert […]: Haustüren sind nicht abgeschlossen, Feuer im Freien scheint ein Grundrecht zu sein, die aus Weiden geflochtenen Postkarren stehen nachts unüberwacht an den Strassenecken, der Metzger lässt einen bei fehlendem Wechselgeld später bezahlen, Leute kommen in Wanderkleidung zur Arbeit, Gartenpflege kann von den Steuern abgezogen werden, und beim Bauern neben der ETH kann man frische Milch trinken".
[16]
Urbanisierte Schweiz
Jenseits lokaler Errungenschaften und Eigenheiten beschreibt Konrad Hippenmeiers frühe Forderung an die Stadtplaner den bis vor wenigen Jahren unangefochten zentralen Teil des Pflichtenhefts der schweizerischen Landesplanung: die Ausscheidung von Landwirtschaftszonen aus dem bis dahin als reine Bauzone behandelten Gemeindegebiet. Übertragen auf die gesamtschweizer Politik bedeutete dieser Ansatz die Konzentration auf den Schutz und die Förderung von Berggebieten und Randregionen. Mitte der 1980er Jahre aber begann sich der politische und planerische Fokus zunehmend auf die urbanen Zentren und Agglomerationen zu verlagern. Dort ist er bis heute geblieben. Seinen Niederschlag fand diese Verlagerung in nationalen Planungskonzeptionen, die das Ziel einer urbanen Schweiz in Form eines polyzentrischen vernetzten Städtesystems vertreten.
[17]
Den Ausschlag für die Verschiebung mag das offenbar nicht zu bremsende Wachstum der Agglomerationen und Metropolitanregionen in der Schweiz gegeben haben. Mit der Wahrnehmung und Beschreibung dieser Entwicklung verbindet sich aber auch ein grundlegender Bedeutungswandel des Urbanitätsbegriffs. Schon 1943 hatte die schweizerische Landesplanungskommission auf das Phänomen der zunehmend flächendeckenden Urbanisierung hingewiesen, die sich aus dem Bevölkerungswachstum, der Erhöhung des Lebensstandards, der fortschreitenden Industrialisierung und verbesserten Verkehrsverbindungen ergebe.
[18]
Als theoretische Grundlage planerischer Analysen und Forderungen hat sich die Vorstellung einer weitgehenden Urbanisierung der Schweiz aber erst in den letzten Jahren etabliert. Nach dieser Vorstellung ist Urbanität primär an dynamische Relationen und die städtische Mentalität der Einwohnerschaft gebunden. Die "schweizerische Megalopolis", so der Städtebautheoretiker André Corboz, ergebe "sich nicht einfach aus der Besetzung von Grund und Boden", sondern vor allem aus der Dichte des Austauschs, dem Verkehr und "jegliche[r] Art von Verbindungen". Die geforderte "dynamische Betrachtungsweise" ist für Corboz mit der Verabschiedung der Newtonschen Vorstellung vom immer gleichen, immobilen 'absoluten Raum' verbunden: "[…] fast hundert Jahre nachdem die Quantentheorie alle überkommenen Vorstellungen zur Materie zunichte gemacht und die Relativitätstheorie dem Newtonschen Konzept vom Universum ein Ende gesetzt hat, ist es eigentlich an der Zeit, daß die Architekten und Planer zur Kenntnis nehmen, daß Newton tot ist und der absolute Raum ausgedient hat".
[19]
Auf phänomenologischer Ebene beschreibt Corboz eine weitgehende Urbanisierung der Landschaft, der Bevölkerung, ihrer Mentalität und ihrer Lebensweise: "[…] die Städte haben sich nicht darauf beschränkt, sich rund um ihren Kern auszubreiten; sie sind auch ausgeschwärmt, um Orte zu erschließen, die noch vor dem 19. Jahrhundert als unbewohnbar gegolten hätten. Sie waren es, die die Meeresufer kolonisierten, was zu deren Betonierung geführt hat, und sie waren es, die Sommer- und Wintersporteinrichtungen in bislang öden Gebieten entstehen ließen. Sie waren es auch, die begonnen haben, gierig das Hinterland an Küstenstrichen zu verschlingen, sobald diese übersättigt waren. Und das alles für einige Wochen Belegung im Jahr!" Der "Ausbreitung der 'Stadt' auf ein ganzes Territorium" entspreche ein fast überall anzutreffender städtischer respektive neuartiger "megalopolitaner" Lebensstil
[20]
– "'Stadt' ist also nicht unbedingt dort, wo eine dichte Bebauung vorherrscht, sondern dort, wo sich die Bewohner eine städtische Mentalität angeeignet haben".
[21]
Corboz' Interpretation von Urbanität entspricht heute einem breiten Konsens in der Stadt- und Landesplanung, aber auch in benachbarten Fachgebieten wie der Landschaftsarchitektur oder der Landschaftstheorie.
[22]
Franz Oswald fasst das "Verschmelzen von Stadt und Landschaft" mit jenem Begriff der "Neuen Urbanität"
[23]
, der in Deutschland zur Beschreibung der neuen Attraktivität alter Stadtzentren geläufig ist. Für den 1994 gegründeten Verein Metropole Schweiz und die in ihm vertretenen namhaften Planer ist eine solche Sicht auf das Land ein Programm, das geradezu in der Diktion einer Beschwörungsformel vorgetragen wird: "Fast alle Bewohnerinnen und Bewohner der Schweiz pflegen heute ein städtisches Leben. Egal, ob sie in einem Stadtzentrum, in der Agglomeration, in einer Ferienstadt-Landschaft wie St. Moritz oder im so genannten Grünen wohnen. Sie kleiden sich ähnlich, reisen an die gleichen Badeküsten, benützen Fax, E-Mail und Handy und holen über Radio und Fernsehen die Welt in ihre Wohnstuben. Stadtflucht ist in der Metropole Schweiz zur Illusion geworden. Unsere Zukunft ist städtisch".
[24]
Gleichsam aus der entgegen gesetzten Richtung kommt der 'landscape urbanism', der eine 'neue Natur' als integralen Bestandteil des urbanen Raums behandelt.
[25]
Auch vor diesem Hintergrund wird es verständlich, dass mit dem ETH-Professor Christophe Girot ein Landschaftsarchitekt Zürichs neue Bildungs- und Kulturmeile zwischen ETH, Universität und Kunsthaus plant.
[26]
Mit der weitgehenden Urbanisierung des gesamten Landes hat die Realität den Begriff der urbanen Schweiz scheinbar eingeholt. Gleichzeitig führt die Beobachtung sich entwickelnder neuartiger Stadtgebilde zur Verabschiedung des traditionellen Stadtbegriffs. Angelus Eisinger und Michel Schneider etablierten für die durch "neuartige räumlich-multifunktionale Gebilde" geprägte "schweizerische Siedlungsrealität", die sich als "Collage städtischer, vorstädtischer und ländlicher Elemente" beschreiben lasse, den Begriff "Stadtland Schweiz".
[27]
Eine besondere Tragweite hat der Abschied vom traditionellen Stadtbegriff im Städtebaulichen Portrait der Schweiz von Roger Diener, Jacques Herzog, Marcel Meili, Pierre de Meuron und Christian Schmid. Prinzipiell konstatieren die vier Architekten und der Geograf Schmid vom ETH Studio Basel/Institut Stadt der Gegenwart: Da sich Stadt nicht mehr als objekthafte "abgrenzbare Einheit" erfassen lasse, müsse der Urbanisierungsprozess selbst analysiert werden.
[28]
Anders als früher sei dieser Prozess heute ungerichtet, Zentralität, die Eigenschaft und Funktion der traditionellen Stadt, sei "polymorph", prinzipiell "allgegenwärtig und doch flüchtig" geworden.
[29]
Auf der Basis des soziologischen Modells von Henri Lefebvre, der die Qualität des Städtischen in dem "urbanen Gewebe", das alle industrialisierten Länder überziehe, mit Hilfe der Kategorien "Zentralität", "Differenz" und der "Mediation" zwischen privater und globaler Sphäre bestimmt, zeichneten die Autoren des ETH Studio Basel ihr "städtebauliches Portrait" und das daraus abgeleitete "Projekt" einer aus den fünf Urbanisierungstypen Metropolitanregion, Städtenetz, Stille Zone, Alpines Resort und Alpine Brache aufgebauten Schweiz.
[30]
So macht die Entkoppelung von Urbanisierung und gebauter Stadt zwar den Weg für eine Analyse der Schweiz als urbanes Gebilde frei. Indem aber das Interesse nicht einer "urbane[n] Kultur des Alltags" gilt, sondern einer durch Kategorien wie Dichte, Höhe, Masse, Konzentration und Zufall bestimmten "spezifischen Urbanität", und die Analysen letztlich in ein – zeichnerisch dargestelltes – städtebauliches "Projekt" münden, ermöglicht der soziologisch, ökonomisch, kulturell und infrastrukturell fundierte Urbanisierungsbegriff am Ende doch eine Behandlung der Schweiz als städtisches Gefüge.
[31]
Während André Corboz fordert, man müsse die Stadt dringend als "Ort des Unzusammenhängenden, des Heterogenen, des Bruchstückhaften und der ununterbrochenen Umgestaltung" begreifen
[32]
, gewinnen die Autoren des ETH Studio Basel auf diese Weise für die Stadt ein Stück weit Kohärenz zurück. Der Wunsch nach (notwendigem) Zusammenhalt schwingt auch im Begriff des "vernetzten Städtesystems" der offiziellen Planungskonzeptionen mit. Und wenn Marcel Meili die Arbeit am Städtebaulichen Portrait als Operieren am eigenen Körper beschreibt
[33]
, benutzt er eine ähnliche biologische Metapher wie die CIAM-Architekten mit dem Begriff des "Stadtorganismus".
Die Mitglieder der CIAM forderten für das "Stadtgebilde", dass es "in seinen einzelnen Teilen entwicklungsfähig" ist und in "jedem Stadium der Entwicklung […] Gleichgewicht zwischen den Funktionen [Wohnen, Erholung, Arbeit, Verkehr] der einzelnen Teile" herrsche.
[34]
Das Modell eines dynamischen Gleichgewichts zwischen Teilen wiederum legt die Vorstellung differenter Teile nahe. Eine solche Differenzierung nun unterscheidet das Modell des ETH Studio Basel von den meisten anderen landesplanerischen Leitbildern seit Armin Meili: Während Städte durch die "grösste Verdichtung von Netzwerken", die Verwandlung von Grenzen in eine "Zone des Austausches" und eine durch die "Wirkungen des Feldes zwischen den Differenzen" entfachte "urbane Dynamik" gekennzeichnet seien
[35]
, müssten die Stillen Zonen als "Nationalparks oder grosse Central Parks" verstanden werden, als "grüne Löcher im urbanen Gewebe", in denen "der Urbanisierungsprozess langsam ausläuft", die sich aber auch "aktiv der Urbanisierung" widersetzten.
[36]
Alpine Ressorts werden als "temporäre und polyzentrische Flächenstädte der Freizeit" definiert.
[37]
Die größte politische Brisanz besitzt der Urbanisierungstyp der Alpinen Brache. Analog zu Franz Oswalds Forderung nach einer "urbanen Brachenpolitik"
[38]
plädiert das ETH Studio Basel dafür, die "Zonen des Niedergangs und der langsamen Auszehrung" der Natur zu überlassen, um auf diese Weise ihr "mögliches Potenzial für zukünftige Generationen" zu erhalten.
[39]
Wie die älteren landesplanerischen Raumvorstellungen geht auch die Typologie des ETH Studio Basel von einen Zusammenhang und Zusammenhalt der Bestandteile aus. Was die Ansätze von Corboz, Eisinger/Schneider und dem ETH Studio Basel von den früheren unterscheidet, ist die Abkehr vom Glauben an die Planbarkeit des urbanen Gebildes Schweiz. Niemand könne heute mehr "Struktur und Veränderungen dieser [Agglomerations-] Räume modellieren"
[40]
; der Städtebau sei der "Spieltheorie zugehörig, der zufolge die Spieler sich entscheiden, ohne die einzelnen Gegebenheiten des Problems zu kennen, von denen einige bekannt sind, andere zufallsbedingt, wieder andere unbestimmbar".
[41]
Die Autoren des ETH Studio kompensieren den Verlust an Planbarkeit jedoch zumindest teilweise, indem sie auf Trennschärfe zwischen Bestandsaufnahme und Entwurf verzichten, sich die beobachtete urbane Wirklichkeit zur Verbündeten machen und ihr "Projekt" als Verstärkung bereits laufender Transformationsprozesse deklarieren.
Fazit
Überblickt man die Geschichte der Denkfigur der "urbanen Schweiz", so wird deutlich, welche unterschiedlichen Konzeptionen und Zielvorstellungen damit verbunden waren und sind. Armin Meili wollte mit seiner Idee der dezentralisierten Großstadt Schweiz eine moderne, wirtschaftlich und kulturell leistungs- und konkurrenzfähige Schweiz der kleinen und mittelgroßen Städte in Kombination mit funktionierenden ländlichen Zonen. Überspitzt gesagt heißt das: Die Rede von der Stadt sollte vor allem dem Land zugute kommen. Auf der politischen Ebene waren damit das Ziel einer flächendeckenden Bereitstellung von Infrastruktureinrichtungen und eine entsprechende wirtschaftliche Förderung von Berg- und Randregionen verbunden.
Den entgegen gesetzten Pol besetzt das Städtebauliche Portrait des ETH Studio Basel. Ausgehend von dem großen städtischen Ganzen, als das die Schweiz dargestellt wird, fordern die fünf Autoren eine Abkehr von der Praxis der flächendeckenden Versorgung zum Wohl des Gesamtorganismus. Unter dem Vorzeichen der Stadt, unter dem letztlich auch die Stillen Zonen und Alpinen Brachen betrachtet werden, wird das Land als eigenwertige Kategorie weitgehend aufgegeben.
Ob das eine richtig oder das andere falsch sei, war nicht das Thema dieses Beitrags. Diese Frage lässt sich nur auf politisch-gesellschaftlicher Ebene diskutieren. Es ging vielmehr darum, einmal mehr den Blick auf die Interessen und Ziele zu lenken, die mit der Verwendung oder der Verabschiedung von Begriffen wie Urbanisierung und Stadt verbunden sein können.
Dr. Sonja Hildebrand arbeitet als Forschungsassistentin am Institut für Geschichte und Theorie der Architektur (gta) an der ETH Zürich. E-Mail: Sonja.hildebrand@gta.arch.ethz.ch
Literaturempfehlungen:
Agglomerationspolitik des Bundes. Bericht des Bundesrates vom 19.12.2001, Bern 2001.
Blöchiger, Hansjörg; Avenir Suisse, Baustelle Föderalismus. Metropolitanregionen versus Kantone: Untersuchungen und Vorschläge für eine Revitalisierung der Schweiz, Zürich 2005.
Bundesamt für Raumentwicklung (Hg.), Raumentwicklungsbericht 2005, Bern 2005.
Corboz, André, Die Kunst, Stadt und Land zum Sprechen zu bringen (Bauwelt Fundamente 123), Basel 2001.
Diener, Roger; Herzog, Jacques; Meili, Marcel (Hgg.), Die Schweiz. Ein städtebauliches Portrait, 3 Bde., Basel 2005.
Eisinger, Angelus, Städte bauen. Städtebau und Stadtentwicklung in der Schweiz 1940-1970, Zürich 2004.
Eisinger, Angelus; Schneider, Michel (Hgg.), Stadtland Schweiz. Untersuchungen und Fallstudien zur räumlichen Struktur und Entwicklung in der Schweiz, Basel 2003.
Kübler, Daniel, Wider eine Drei-Klassen-Schweiz. Drei Szenarien für das verstädterte Land und was daraus zu folgern ist, in: Neue Zürcher Zeitung, 15.03.2006.
Meili, Armin, Allgemeines über Landesplanung, in: Die Autostrasse 2 (1933), S. 17-21.
Meili, Armin, Landesplanung in der Schweiz, Zürich 1941 (Separatabdruck aus der Neuen Zürcher Zeitung, 16.07.1941).
Meili, Armin, Durchführung der Landesplanung, in: E.T.H.-Tagung für Landesplanung, Zürich 1943, S. 6-9.
Oswald, Franz; Schüller, Nicola (Hgg.), Neue Urbanität – Das Verschmelzen von Stadt und Landschaft, Zürich 2003.
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Roth, Ueli, Chronik der Schweizerischen Landesplanung (Beilage zur DISP Nr. 56), Zürich 1980.
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Schneider, Markus, Lebe wild und gemütlich, in: Die Weltwoche, 03.11.2005.
Spillmann, Werner; Eisinger, Angelus, Vom Wachsen und Schrumpfen der Städte. Nachdenken über Zentrum und Peripherie – die Raumentwicklung steht vor neuen Herausforderungen, in: Neue Zürcher Zeitung, 29.05.2006.
Verein Metropole Schweiz (Hg.), Metropole Schweiz. Charta für die Zukunft einer urbanen Schweiz, Zürich 2002.
[1] Eisinger, Angelus; Schneider, Michel (Hgg.), Stadtland Schweiz. Untersuchungen und Fallstudien zur räumlichen Struktur und Entwicklung in der Schweiz, 2., erw. Aufl., Basel 2005, S. 9.
[2] Diener, Roger, Die Schweiz. Ein städtebauliches Portrait, Bd. 1, Basel 2005, S. 137.
[3] Lettre au maréchal de Luxembourg, 1763, zit. nach Corboz, André, Die Kunst, Stadt und Land zum Sprechen zu bringen (Bauwelt Fundamente 123), Basel 2001, S. 45.
[4] Vgl. Eisinger, Angelus, Städte bauen. Städtebau und Stadtentwicklung in der Schweiz 1940-1970, Zürich 2004, S. 81-90.
[5] Meili, Armin, Landesplanung in der Schweiz, Separatabdruck aus der Neuen Zürcher Zeitung, Nr. 1101 vom 16.07.1941, S. 3.
[6] Meili, Armin, Allgemeines über Landesplanung, in: Die Autostrasse 2 (1933), S. 17.
[7] Meili, Landesplanung (wie Anm. 5), S. 15.
[8] Ebd.
[9] Meili, Armin, Durchführung der Landesplanung, in: E.T.H.-Tagung für Landesplanung, Zürich 1943, S. 6-9.
[10] Meili, Landesplanung (wie Anm. 5), S. 15.
[11] Meili, Durchführung (wie Anm. 9), S. 17.
[12] Meili, Landesplanung (wie Anm. 5), S. 15.
[13] Diener, Die Schweiz (wie Anm. 2), S. 187.
[14] Hippenmeyer [sic], Konrad, Der Architekt im Spiegel der Stadtentwicklung, in: Das Werk 22 (1935), S. 196.
[15] Gabathuler, Christian; Peter, Sacha, Siedlungsentwicklung im Kanton Zürich. Ein Rückblick auf 50 Jahre Raumplanung (Das kleine Forum in der Stadelhofer Passage 23), Zürich 2001, S. 13.
[16] Christiaanse, Kees, Zwischen Metropolis und Arkadien. Ein Blick von aussen auf Zürich, in: Archithese 35 (2005), 6, S. 33.
[17] Bundesamt für Raumplanung (Hg.), Bericht über die Grundzüge der Raumordnung Schweiz, Bern 1996; Agglomerationspolitik des Bundes. Bericht des Bundesrates vom 19.12.2001, Bern 2001; Verein Metropole Schweiz (Hg.), Metropole Schweiz. Charta für die Zukunft einer urbanen Schweiz, Zürich 2002; Bundesamt für Raumentwicklung (Hg.), Raumentwicklungsbericht 2005, Bern 2005.
[18] Schweizerische Regional- und Landesplanung. Bericht der Schweizerischen Landesplanungskommission an das Eidgenössische Militärdepartement, Zürich 1943, S. 29.
[19] Corboz, Die Kunst (wie Anm. 3), S. 30 u. 51.
[20] Ebd. S. 69f.
[21] Ebd. S. 146.
[22] Vgl. Franzen, Brigitte; Krebs, Stefanie (Hgg.), Landschaftstheorie. Texte der Cultural Landscape Studies (Kunstwissenschaftliche Bibliothek 26), Köln 2005.
[23] Oswald, Franz; Schüller, Nicola (Hgg.), Neue Urbanität – Das Verschmelzen von Stadt und Landschaft, Zürich 2003.
[24] Verein Metropole Schweiz, Metropole Schweiz (wie Anm. 17), S. 30.
[25] Institute for Landscape Architecture, ETH Zurich (Hg.), Landscape Architecture in Mutation – Essays on Urban Landscape, Zürich 2005.
[26] Vgl. Oechslin, Werner (Hg.), Hochschulstadt Zürich. Bauten für die ETH 1855-2005, Zürich 2005, S. 14-16.
[27] Eisinger; Schneider, Stadtland Schweiz (wie Anm. 1), S. 4 u. 9.
[28] Diener, Die Schweiz (wie Anm. 2), S. 166.
[29] Ebd. S. 164.
[30] Ebd. S. 18 u. 165-167.
[31] Ebd. S. 17.
[32] Corboz, Die Kunst (wie Anm. 3), S. 72.
[33] Diener, Die Schweiz (wie Anm. 2), S. 136.
[34] Die funktionelle Stadt, in: Weiterbauen 1 (1934), Beilage zur Schweizerischen Bauzeitung 104, S. 12.
[35] Diener, Die Schweiz (wie Anm. 2), S. 42, 50 u. 116.
[36] Ebd. S. 157 u. 210.
[37] Ebd. S. 213.
[38] Oswald; Schüller, Neue Urbanität (wie Anm. 23), S. 43.
[39] Diener, Die Schweiz (wie Anm. 2), S. 216 u. 220.
[40] Eisinger; Schneider, Stadtland Schweiz (wie Anm. 1), S. 12.
[41] Corboz, Die Kunst (wie Anm. 3), S. 73.
Grenzen und urbane Modernität Überlegungen zu einer Gesellschaftsgeschichte städtischer Interaktionsräume Moritz Föllmer und Habbo Knoch Seit einigen Jahren erlebt die stadtgeschichtliche Forschung im deutschsprachigen Raum einen Boom, der mit wichtigen konzeptionellen Erweiterungen einhergeht. Ansätze der Alltags-, Diskurs- oder Repräsentationsgeschichte werden aufgegriffen und konkretisiert, Städte in anderen europäischen Ländern und außerhalb Europas finden vermehrt Interesse. Und neben der Hochphase des Städtewachstums in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts werden mehr als bisher auch die Perioden davor und danach behandelt.
Die Stadtgeschichtsschreibung der Neuzeit löst sich damit aus dem Bann der industriellen Urbanisierung, mit der die "Großstadt" sowie ihre Wahrnehmung als Motor und Leitbild der Moderne entstanden. Statt weiter mit der "Verstädterung" vor allem infrastrukturelle und sozialgeografische Prozesse zu betonen, haben die schon bei Georg Simmel konzeptionell angelegte "innere Urbanisierung"
[1]
und damit auch die vielfältigen kommunikativen Beziehungen innerhalb des urbanen Raums zunehmend Aufmerksamkeit erfahren. Stadtplanung, Monumentalarchitektur und Wohnungsbaupolitik verlieren als forschungstragende Gegenstände an Dominanz, "Häuserleben" und "Bahnhofstraßen" rücken in den Vordergrund.
[2]
Das wirft die Frage auf, wie Vergesellschaftungsprozesse in der besonderen, selbst variablen räumlichen Gebundenheit des Städtischen und damit das Verhältnis von urbanen Räumen und sozialer Praxis gefasst werden können. Im Folgenden soll angedeutet werden, inwieweit das Konzept der "Grenze" dazu beitragen kann, das gegenwärtig rasch anwachsende stadtgeschichtliche Wissen zu integrieren und weitere Forschungen anzuregen. Die folgende Skizze möchte Anstöße in der jüngsten Forschung aufnehmen und verstärken, die Transformation der Stadt und der Gesellschaft durch die Stadt als raumgebundenes Handlungsfeld von Milieubildungen und Konventionalisierungen einerseits, von situativer Performanz, spontaner Vergemeinschaftung und fragiler Individualisierung andererseits wahrzunehmen.
Das Konzept der "Grenze"
Urbanisierung und die Herausbildung von Urbanität als Lebensform über den städtischen Raum hinaus sind andauernde Prozesse der Setzung und Erosion von sozialen, moralischen und räumlichen Grenzen. Bereits die frühe Stadtsoziologie der Chicago School und ihre Vorläufer in der zeitgenössischen Erkundungsliteratur um 1900 haben sich diesem Phänomen zugewandt. Als Beobachter vollzogen sie die entgrenzenden und entdifferenzierenden Wirkungen der Urbanisierung nach, hatten aber auch die mit ihr verbundenen neuen Formen von Distanznahme, Abstandskonstruktion und Verortung im Blick. In späteren Studien zur Stadtteil- und Milieuforschung sind vor allem sozialräumliche Grenzziehungen untersucht worden; die Entgrenzung des Städtischen in der Suburbanisierung hat als Pendant zur funktionellen Differenzierung des innerstädtischen Raums Aufmerksamkeit gefunden.
Zwar hat Simmels Bild der modernen Stadtbewohner, die sich durch Blasiertheit und Reserviertheit primär als formierte Individuen und nicht als soziale Kollektive voneinander abgrenzen, einen zentralen Aspekt des modernen Stadtlebens erfasst.
[3]
Aber Urbanisierung und Urbanität umfassen über Nivellierung und Angleichung hinaus zahlreiche, parallele Formen der Differenzierung und Distinktion. Wesentliches Merkmal städtischen Lebens ist das Wechselspiel von Sicherheiten durch Zuordnung und Verwerfungen durch Auflösung und Zerstörung. Diese Veränderungen bilden sich im Raum in unterschiedlicher Weise und Intensität aus. Zusammen mit den sozialen Anpassungsleistungen und Widerständen bietet sich die Gemengelage von Grenzen in ihren verschiedenen Aggregatzuständen im städtischen Raum damit als Prisma der Moderne an.
Mit dem Konzept der Grenze verschiebt sich die Perspektive von der bislang dominierenden Makroebene "der Stadt" als Akteur oder Imagination hin zur Mikro- und Mesoebene von Interaktionsräumen. Sie sind untereinander und – zunehmend – auch über den politisch oder rechtlich definierten Raum der "Stadt" verbunden und mit variierender Intensität vernetzt. Grenzen konstituieren Handlungsfelder, Handlungsfelder wiederum Grenzen, die vom privaten Raum über die Nachbarschaft, den städtischen Konsum-, Kultur- und Wirtschaftsaustausch bis hin zur Vorstadtsiedlung und zu außer- und transstädtischen Bezugsräumen prägend sind.
Anhand der Untersuchung von Grenzen und ihrer Generierung, Verschiebung oder Auflösung werden Schnittstellen in den Blick genommen, an denen sich die Spezifik der modernen Stadt konkretisieren lässt. Mit ihr sind Transformationsdynamiken und Beharrungspraktiken verbunden, die das, was als "moderne Vergesellschaftung" oft unabhängig von räumlichen Bezügen verstanden wird, in Feldern sozialen Handelns untersuchen lassen. Damit wird auch einer Forderung Pierre Bourdieus Rechnung getragen, das Verhältnis von physischem Raum und sozialer Strukturierung ernst zu nehmen.
[4]
Stärker als in Bourdieus deterministischer Konzeption sollten jedoch das Wechselverhältnis zwischen beiden Ebenen analysiert und die Dynamik räumlich bedingter Verhaltensmuster einbezogen werden. Eine raumbezogene Gesellschaftsgeschichte dieses Zuschnitts untersucht anhand der Abfolgen von Grenzsetzungen und Grenzerosionen, welche Bedeutung urbane Räume und Urbanität für die moderne Vergesellschaftung hatten.
In diese Richtung gehen verschiedene, zum Teil wenig bekannte und noch kaum systematisch miteinander verbundene amerikanische und deutsche Studien der letzten Jahre. Ihre Leistung liegt darin, Entwicklungen und Konflikte, die auf einer allgemeinen Ebene gut bekannt sind, in ihrer stadträumlichen Ausprägung zu untersuchen. Damit erhält die moderne Welt ein konkreteres Gesicht, und ihre soziale wie kommunikative Konstruiertheit vor Ort wird deutlich. Wenn sich seit dem späten 18. Jahrhundert bürgerliche Leitbilder umfassend durchsetzten und die europäische Gesellschaft veränderten, dann konkretisierte sich dies in der Öffnung frühneuzeitlicher Grenzen, aber auch in neuen Grenzziehungen, die erst markiert werden mussten, immer umstritten waren und schon bald überschritten und angefochten wurden. Dieses Spannungsverhältnis soll im Folgenden anhand der räumlichen Differenzierung zwischen sozialen Schichten, Geschlechtern und ethnischen Gruppen, die mit umfassenden obrigkeitlichen Kontrollansprüchen einherging, skizziert werden.
Soziale Differenzierungen
Seit es Städte gibt, werden in ihnen Grenzen gezogen. Spezifisch moderne Formen nahm dieser Zusammenhang erst an, als grundlegende Organisationsprinzipien der frühneuzeitlichen Stadt in Frage gestellt wurden. Mit der Schleifung der Stadtmauern im 18. und 19. Jahrhundert begann zum einen eine Entgrenzung des Städtischen als Lebensform, die in einer intensivierten Erschließung, Einbindung und Durchdringung des Umlandes mündete. Zum anderen boten Städte nun Räume für soziale Mobilität, aufklärerische Kultur und die Überwindung ständischer Unterschiede. So konnten im Zuge der Emanzipationspolitik Juden sich freier in der Öffentlichkeit bewegen, in Würzburg Läden betreiben, in Frankfurt am Main Spazierwege nutzen oder in Hamburg Cafés betreten.
[5]
Zugleich blieben gerade die Grenzen der mittelalterlichen Judenviertel sichtbar und Handlungsfeld für Prozesse der Enttraditionalisierung wie für spätere "inventions of tradition".
Parallel zu dieser Öffnung von Grenzen kam ein Anspruch auf räumliche Privatheit auf, der in neue Grenzziehungen mündete und die Stadtgeschichte bis in die Gegenwart prägen sollte. Bereits im Paris des 18. Jahrhunderts versuchten manche wohlhabendere Bewohner, sich dem konfliktträchtigen Sozialleben in engen Gassen zu entziehen, und zogen teilweise in Außenviertel. Seit dem frühen 19. Jahrhundert wanderten Ehepaare, deren Eltern noch in sozial gemischten Innenstadtgassen gewohnt und ihr Haus als lebensweltliches und ökonomisches Ensemble verstanden hatten, zunehmend in bürgerliche Quartiere ab, in denen sie unter ihresgleichen sein und familiäre Intimität kultivieren konnten.
[6]
Dies war ein Faktor, der bald mit der Bildung funktional differenzierter städtischer Räume wie der City einherging.
Der Anspruch auf Privatheit setzte jedoch ausreichende räumliche Abgeschlossenheit voraus. Während dies in England, wo Einfamilienhäuser dominierten, kein Problem war, gestaltete es sich zum Beispiel in Paris schwieriger. Hier konnte die Außenwelt bis in das Treppenhaus reichen, in dem die Concierge spionierte und die anderen Hausbewohner zu viel zu hören oder sehen drohten. Daher wurde der Kontakt zu den Nachbarn meist aufs Grüßen beschränkt und der private Charakter der Wohnung betont. Innerhalb der eigenen vier Wände trennte man klar zwischen Wohnräumen, zu denen Besucher Zugang hatten, und der Intimität der Schlafzimmer. Dieses Modell setzte sich auch im Manhattan des späten 19. Jahrhunderts durch, wo sich Mittelschichtfamilien keine Häuser mehr leisten konnten. Statt dessen zogen sie in neu gebaute, anfänglich french flats genannte Appartementhäuser, in denen doorman, Lobby und Fahrstuhl die Grenze zu anderen sozialen Gruppen absicherten.
[7]
Die räumliche Konkretisierung von Privatheitsansprüchen stellte sich in Arbeitervierteln anders dar. Hier waren die Grenzen zwischen Familie und Öffentlichkeit durchlässiger. Durch Schlafgänger, Gemeinschaftstoiletten und Straßen- wie Kneipengeselligkeit waren Zugehörigkeit und Respektabilität weniger räumlich fixiert und wurden vielmehr in Interaktionen auf engem Raum ausgehandelt. Obrigkeitliche Baumaßnahmen suchten vor allem im 20. Jahrhundert durch den Rückbau von überdachten Hauseingängen, die als gefährliche Treffpunkte wahrgenommen wurden, oder Gemeinschaftsküchen ein Ideal bürgerlicher Familiarität zur Sicherung der public order zu verankern.
[8]
Raumverhalten und kontrollierte Öffentlichkeit
Bewegungsfreiheiten im städtischen Raum wurden nach Geschlecht und sozialer Zugehörigkeit ausdifferenziert und durch Normensysteme und Obrigkeit reguliert. Während Arbeiterfrauen in ihrem lokalen Umfeld soziale Netzwerke einer Versorgungs- und Sozialöffentlichkeit aufbauten, wurden bürgerliche Frauen weitgehend aus der städtischen Öffentlichkeit verdrängt. Unsichtbare Grenzen des Aus- und Zugangs fanden ihre Festschreibung in Konventionen und Etikette, damit auch in Regeln der Begegnung. Die Bewegungsfreiheit von Frauen, die nicht in den Verdacht moralischer Anrüchigkeit geraten wollten, war begrenzt und an Begleitung gekoppelt – bis um 1900 vor allem an männliche, sukzessive dann auch an weibliche. Schließlich reichten durchaus bestimmte Zeichen wie etwa Reiseführer oder Tageszeitungen, die eine Frau bei sich trug, um Respektabilität zu signalisieren.
Soziale Entmischung und Geschlechterdifferenzierung begannen kommunalpolitisch aber nicht erst mit der Hochphase der "Urbanisierung". Bereits Louis-Sébastien Mercier, Großstadtreporter und Zeitkritiker des 18. Jahrhunderts, definierte bestimmte Pariser Straßen und Viertel als Problemzonen und leitete daraus den Wunsch nach reinigenden und ordnungsstiftenden öffentlichen Interventionen ab. Die Verdrängung der Bettelei aus dem Berliner Stadtzentrum gegen den Widerstand des sich durch milde Gaben legitimierenden Adels war für diesen Interventionsdrang charakteristisch.
[9]
Mit ähnlicher Stoßrichtung begrenzte die Pariser Verwaltung die angeblich chaotische und moralisch zweifelhafte Tätigkeit der Marktfrauen, indem sie klarer voneinander getrennte Verkaufsstände vorschrieb.
[10]
Im späten 19. Jahrhundert wurden aus stadthygienischen wie imagepolitischen Motiven, und ohne Rücksicht auf die Bewohner, arme Quartiere wie das Hamburger Gängeviertel oder das jüdische Ghetto in Prag saniert, was später von den Nationalsozialisten fortgesetzt und radikalisiert wurde.
Die bürgerliche Ordnung der Stadt hatte ihren Höhepunkt um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Trotz aller Kontrollversuche wurde sie in den darauffolgenden Jahrzehnten zunehmend in Frage gestellt. Dies geschah weniger durch die Arbeiterbewegung oder die bürgerliche Sozialreform als vielmehr durch vielfältige individuelle Grenzüberschreitungen, die immer wieder für Konflikte sorgten. In London tummelten sich Adlige auf der Suche nach neuen Erfahrungen im proletarischen East End, während Frauen aus den Mittelschichten am Leben im luxuriösen West End teilhaben wollten und eigene Cafés, Klubs und Toiletten forderten.
[11]
Jugendliche aus den proletarischen Außenbezirken St. Petersburgs griffen bürgerliche Passanten in der Straßenbahn oder auf dem Newski Prospekt verbal wie physisch an und wurden daraufhin in Boulevardzeitungen als "Hooligans" bezeichnet.
[12]
An metropolitanen Orten wie dem Potsdamer Platz wurden soziale Differenzen zwar keineswegs aufgehoben, verloren aber ihre klare räumliche Zuordnung, die ihrerseits erst ein Produkt des 19. Jahrhunderts war.
Die Erosion eindeutiger sozialer Grenzen im öffentlichen Raum wurde auch durch eine Vielzahl halböffentlicher Begegnungs- und Zwischenräume in der modernen Stadt bedingt. An Warenhaus, Kino oder Grandhotel lassen sich Verschiebungen zwischen räumlicher Interaktion und sozialer Zugehörigkeit beobachten. So spielte der "Hochstapler" als neue Sozialfigur der Jahrhundertwende um 1900 mit der aufkommenden Anonymität bei fortbestehendem Respekt vor großen Namen – aber erfolgreich war dabei nur, wer die soziale Imitation beherrschte und so die Brüchigkeit ihres Geltungsanspruchs mit vorantrieb. Distinktion verlagerte sich von Stand und Stil zu Konsum und Kleidung. Nicht umsonst wurden in den 1960er Jahren städtische Räume zu Laboratorien einer neuen Jugendkultur, deren Antibürgerlichkeit einen Anspruch auf die symbolische Beherrschung öffentlicher Räume beinhaltete.
Ethnische Trennungen
Rückzug ins Private, funktionale Differenzierung und städtische Baupolitik überkreuzten sich in europäischen und amerikanischen Städten im 19. und 20. Jahrhundert vielfältig mit ethnischen Trennungen. Daraus resultierende Dynamiken spielten aber auch bei Grenzziehungen und Grenzüberschreitungen in kolonialen Städten eine große Rolle. Hier trennten die Planer in Übertragung bürgerlicher Leitbilder indigene von europäischen Vierteln, die entweder nach einheimischen Vorbildern oder, wie in Rabat oder Casablanca, in einem pseudoauthentischen, in diesem Fall "neomaurischen" Stil errichtet wurden. Der Fall Hanois zeigt jedoch, wie die aufwendig errichteten Grenzen zur einheimischen Bevölkerung wieder aufgeweicht werden mussten: Gerade die neu errichtete Kanalisation, das Vorzeigeprojekt europäischer Modernität, ermöglichte es Ratten und damit auch Pesterregern, in die Häuser der Franzosen zu gelangen. Vietnamesische Rattenjäger mussten engagiert werden, um die Tiere zu töten.
[13]
Auch die Präsenz des Imperialen in den Städten Europas war mit Risiken verbunden: Bei Kolonialausstellungen, in Zoologischen Gärten oder Häfen wurde Herrschaft über koloniale Subjekte inszeniert und gelebt. In Marseille waren Besucher und Einwanderer aus den Kolonien jedoch so sichtbar, dass der Stadt ihr europäischer Charakter abgesprochen wurde.
[14]
Vor allem die ethnischen Grenzziehungen ließen im 20. Jahrhundert größere Unterschiede zwischen europäischen und amerikanischen Städten entstehen. Bis dahin überwogen trotz offensichtlicher Differenzen, insbesondere hinsichtlich der neuen und rationaleren Raumgestaltung, der schwächeren Rolle der Kommunalpolitik und der stärkeren Präsenz ethnischer Minderheiten in den amerikanischen Städten, die Gemeinsamkeiten zwischen den Kontinenten. Tiefgreifender wurden die Unterschiede, als in und nach dem Zweiten Weltkrieg Millionen von schwarzen Bürgern der USA aus dem Süden in den Norden und Mittleren Westen der USA zogen. Die weißen Einwohner wehrten sich gegen das gemeinsame Zusammenleben in Stadtvierteln und griffen zu einer ganzen Skala von Maßnahmen vom Druck auf Makler und Hausverkäufer bis hin zu physischen Attacken oder Brandstiftungen. Wo dies keine Wirkung zeigte, verabschiedeten sie sich ganz von der jeweiligen Stadt, nahmen Kaufkraft und Steuergelder in die Suburbs mit und hinterließen den schwarzen Bewohnern Armut und Perspektivlosigkeit. Die schweren Unruhen und der urban decay der 1960er und 1970er Jahre hatten hier ihren Ursprung.
[15]
Gemeinsam sind europäischen und amerikanischen Städten vielfach die Grenzen sozialpolitischer Maßnahmen, die diese Separierung abzuschwächen oder rückgängig zu machen versuchten. Wie zuletzt an den banlieues in Paris, aber schon länger an gescheiterten Musterbauprojekten etwa in Chicago sichtbar geworden ist, führen Unterschichtung und ethnische Trennung selbst und gerade dort zu Ghettoisierungen, wo vermeintlich moderne Sozialbauten entstanden sind. Ursprünglich von einem Fortschrittskonzept modernen, rationellen Wohnens getragen, mündeten viele dieser Projekte gerade nicht in freie Mobilität, jenes Ideal der modernen Urbanität, sondern in verdichtete ethnische Zugehörigkeiten und Grenzziehungen. Dieses Scheitern lag unter anderem in der Kontinuität zu den bürgerlichen Kontroll- und Disziplinierungsansprüchen des 19. Jahrhunderts begründet. Sie machte es unmöglich, die betroffenen Bevölkerungsgruppen als Akteure einzubeziehen, die an der Definition und Gestaltung des städtischen Raums beteiligt sind und dabei auch Grenzen verflüssigen und überschreiten.
Eindämmungen und Entgrenzungen des Urbanen
In den europäischen Gesellschaften dominierte Urbanität keineswegs die ganze Stadt. Kommunalpolitik, bürgerliche Eliten und die breite Bevölkerung bemühten sich vielmehr intensiv um Räume, in denen ein Rückzug vom städtischen Leben möglich war und sich Modernität und konstruierte Tradition vermengten: Parks und Gärten, Aschingers Schnellrestaurants in Berlin, wo die Kellnerinnen Dirndl trugen, oder die Ränder des stalinistischen Moskau, wo das Leben der zugewanderten Arbeiter immer noch ländlichen Rhythmen folgte.
[16]
Der Dynamisierungsdruck der modernen Stadt und ihrer Antriebskräfte fand zahlreiche Widerlager, die Interaktionsräume auf vielfältige Weise ausdifferenzierten und Wandlungsimpulse abfederten oder eindämmten. Dass die Mittelschichten in den 1950er und 1960er Jahren in Scharen in die Randviertel oder Vorstädte zogen, ermöglichte ihnen eine Halbdistanz zur Urbanität: Familiäre Privatheit konnte im Einfamilienhaus verwirklicht werden, während die Innenstadt aufgrund ihres Kultur- und Einkaufsangebots weiterhin genutzt, gleichzeitig aber auch mit Ängsten vor Verbrechen besetzt wurde.
[17]
Damit ist der Raumbezug von Urbanität, gefördert durch wachsende Mobilität, die sich ausbreitenden technischen Kommunikationsformen und einen längeren Trend zu entdichtetem Bauen entgrenzt und relativiert worden. Indem der lebenskulturelle Entwicklungsabstand zwischen im engeren Sinne urbanen und nichtstädtischen Gebieten im 20. Jahrhundert rapide gesunken ist, hat sich auch die Bestimmungsgröße des "Raums" für das, was "Stadt" ist, nachhaltig relativiert. Das reicht von der Echtzeitübernahme kernstädtischer Jugendkulturen auf vermeintlichen Dörfern hin zu Siedlungsplänen in den Niederlanden und Israel, die das gesamte Staatsgebiet als einen urbanen Besiedlungszusammenhang gestalten wollen. Damit würden die wuchernden Auslagerungen der ursprünglich städtisch gebundenen, aber aus ihr herauswachsenden Konsum-, Wohn- und Lebenskultur einer übergeordneten Steuerung unterworfen.
Diese Tendenz zum Urbanen als Dominante des gesellschaftlichen Handlungsraums, das in sich konsumkulturell differenziert, aber nicht mehr stadträumlich gebunden ist, verbindet Europa mit den USA. Ob die Sonderentwicklungen der amerikanischen Städte (weitergehende Suburbanisierung bis hin zur völligen Abkehr von der Stadt, Ethnisierung) rückgängig gemacht oder im Gegenteil fortgesetzt werden soll, ist in den USA derzeit heftig umstritten. Der Konflikt um die Frage, was die eigene Gesellschaft noch mit Europa verbindet, basiert auf einem kulturellen Gegensatz innerhalb der Mittel- und Oberschichten, der sich räumlich manifestiert: Während der eine Teil von Portland bis Brooklyn das Revival des Städtischen vorantreibt, zieht es den anderen in die von jeglichem Bezug auf ein Zentrum freien Exurbs in Florida oder Nevada. Mit ihnen wird eine längerfristige Entwicklung des 20. Jahrhunderts radikalisiert: die Ablösung der Varietät der Lebensformen, die über eine breite Konsumkultur städtischen Ursprungs mitgeneriert wurden, vom engeren Stadtraum.
Manche der dorthin führenden Transformationsdynamiken städtischer Zentren während des 19. und 20. Jahrhunderts lassen sich in den Megastädten der südlichen Welt im Zeitraffer erkennen. Sie führen zu katastrophaler Armut in sich ungeregelt ausbreitenden Siedlungen, Schwarzmarktökonomien als Aufstiegsfenstern und horrendem Luxus in den inner-city areas. Allerdings entstehen weit mehr als in Berlin oder London im 19. und frühen 20. Jahrhundert Mischformen aus ländlichen und städtischen Engpassökonomien, die in hohem Maße raumgebunden sind. Lösen sich in der westlichen Welt viele Produktions- und Konsumformen von einer räumlichen Bindung ab, so entstehen angesichts der Vielzahl und Masse solcher Randzonenwirtschaften in den südlichen Megastädten auf längere Sicht Ventile und Sammelbecken, die Raum und soziale Mobilität wieder in ein engeres Verhältnis setzen. Ob in den urbanen Entwicklungszonen der Armutsländer über längere Sicht ähnliche Dynamiken einer gleichzeitigen Entgrenzung des Urbanen und einer Entbindung von räumlichen Determinanten greifen, erscheint überaus fraglich.
Perspektiven einer Gesellschaftsgeschichte urbaner Interaktionsräume
Die hier vorgestellten konzeptionellen Überlegungen und empirischen Studien haben gezeigt, wie Differenzen zwischen sozialen Schichten, Geschlechtern und ethnischen Gruppen als Grenzen im städtischen Raum konstruiert wurden. Diese Grenzen ließen sich jedoch nur dort fixieren, wo sich bürgerliche oder in bürgerlichen Kontinuitäten stehende Kontroll- und Disziplinierungsansprüche obrigkeitlich durchsetzen ließen und die Betroffenen wenig Gegenwehr ausüben konnten. Überall sonst sticht dagegen ihr fluider und kontroverser Charakter ins Auge. Damit werden die soziale und kommunikative Konstruiertheit und die Wandelbarkeit urbaner Modernität deutlich. Schließlich treten gerade mit Blick auf das 20. Jahrhundert und unter Einbeziehung der USA die Eindämmungen und Entgrenzungen des Städtischen bis hin zur Lösung des Konnexes zwischen Modernität und Urbanität zu Tage. Das wäre in Zukunft noch besser empirisch zu untermauern und konzeptionell weiterzuentwickeln. Die Forschung könnte sich dabei an folgenden Perspektiven orientieren:
1. Eine Urbanitätsgeschichte, die sich am Konzept der Grenze orientiert, müsste zum Ziel haben, nicht "die Stadt" oder gar einzelne Städte als Objekte ihres Interesses im Zentrum zu haben, sondern den spezifischen Beitrag urbaner Lebensweisen und Interaktionsräume für Prozesse der modernen Vergesellschaftung herauszuarbeiten. Dazu ist gezielt nach Schnittstellen von Interaktionsräumen, Urbanität und Vergesellschaftung zu suchen, wie zum Beispiel im Feld der interethnischen Beziehungen oder von Konsumstilen.
2. Interaktionsräume können innerstädtische Trennlinien markieren, aber auch solche, die mit einer Verlagerung und Differenzierung des Urbanen einhergehen und damit auch die räumliche Grenze der Stadt überwinden. Hier sind Diffusions- und Abgrenzungsprozesse etwa im Wechselverhältnis von zentralen und peripheren Lagen, von urbanen und nicht- oder wenig-urbanen Regionen zu thematisieren. Die Durchdringung der modernen Gesellschaft mit ursprünglich städtisch gewachsenen Stilen und Praktiken verlief weder einseitig noch kann sie allein als ökonomischer oder infrastruktureller Makroprozess erfasst werden.
3. Urbanisierung und die Diffusion von Urbanität waren keine linearen Prozesse, sondern gestalteten sich als Abfolgen von Grenzziehungen und Grenzerosionen. An diesem Wechselverhältnis sind Distinktionspraktiken, Verhaltensformen und moralische Konventionen mit Bezug zu konkreten Handlungsfeldern herauszuarbeiten. Dies kann aber zugleich nicht unter Absehung von der imaginären und diskursiven Aufladung von Urbanität geschehen. Die wechselseitigen Übertragungen zwischen konkreten und konstruierten Handlungsfeldern und Orten sind als wichtiges generatives Moment der modernen Selbstverständigung zu untersuchen.
4. Eine Gesellschaftsgeschichte urbaner Interaktionsräume sollte sich der immanenten Modernisierungslogik entziehen, die vielfach die Stadtgeschichte des 19. Jahrhunderts grundiert hat. Hinsichtlich der Kontinuitäten hat sie nach Vorformen und Einlagerungen vorbürgerlicher Verhaltensformen und deren langer Dauer zu fragen, hinsichtlich des Funktionszusammenhangs der Stadt sind Regelungsansprüche und deren Krisen aufschlussreich, um Krisenmanagement räumlich gebunden als einen Modus moderner Vergesellschaftung herauszuarbeiten. Im 20. Jahrhundert betrifft dies insbesondere die Einbrüche der beiden Weltkriege, aber seit den 1970er Jahren auch das Verhältnis von Urbanität, Entgrenzung des urbanen Lebensstils und verfügbaren Energieressourcen.
Dr. Moritz Föllmer ist Lecturer an der School of History der University of Leeds. Interessengebiete: Deutsche und französische Geschichte des 20. Jahrhunderts, Stadtgeschichte, Geschichte der Subjektivität und der interpersonalen Kommunikation. E-Mail: m.foellmer@leeds.ac.uk
Dr. Habbo Knoch ist Wissenschaftlicher Assistent am Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte der Georg-August-Universität Göttingen. Interessengebiete: Europäische Zeitgeschichte, Repräsentation von Gewalt und Emotion im 19. und 20. Jahrhundert, Kultur- und Sozialgeschichte der "klassischen Moderne". E-Mail: hknoch@01019freenet.de
Literaturempfehlungen:
Driver, Felix; Gilbert, David (Hgg.), Imperial Cities: Landscape, Display and Identity, Manchester 1999.
Geisthövel, Alexa; Knoch, Habbo (Hgg.), Orte der Moderne. Erfahrungswelten des 19. und 20. Jahrhunderts, Frankfurt am Main 2005.
Habermas, Rebekka, Frauen und Männer im Bürgertum. Eine Familiengeschichte 1750-1850, Göttingen 2000.
Hoffmann, David L., Peasant Metropolis. Social Identities in Moscow, 1929-1941, Ithaca 1994.
Korff, Gottfried, Mentalität und Kommunikation in der Großstadt. Berliner Notizen zur "inneren" Urbanisierung, in: Kohlmann, Theodor; Bausinger, Hermann (Hgg.), Großstadt. Aspekte empirischer Kulturforschung, Berlin 1985, S. 343-361.
Marcus, Sharon, Apartment Stories. City and Home in Nineteenth-Century Paris and London, Berkeley 1999.
Neuberger, Joan, Hooliganism. Crime, Culture, and Power in St. Petersburg, 1900-1914, Berkeley 1993.
Rappaport, Erika Diane, Shopping for Pleasure. Women in the Making of London's West End, Princeton 2000.
Saldern, Adelheid von, Häuserleben. Zur Geschichte städtischen Arbeiterwohnens vom Kaiserreich bis heute, Bonn 1999.
Satjukow, Silke, Bahnhofstraßen. Geschichte und Bedeutung, Köln 2002.
Schürmann, Sandra, Dornröschen und König Bergbau. Kulturelle Urbanisierung und bürgerliche Repräsentationen am Beispiel der Stadt Recklinghausen (1930-1960), Paderborn 2005.
Sugrue, Thomas J., The Origins of the Urban Crisis. Race and Inequality in Postwar Detroit, Princeton 1996.
Thompson, Victoria E., The Virtuous Marketplace. Women and Men, Money and Politics in Paris, 1830-1870, Baltimore 2000.
[1] Korff, Gottfried, Mentalität und Kommunikation in der Großstadt. Berliner Notizen zur "inneren" Urbanisierung, in: Kohlmann, Theodor; Bausinger, Hermann (Hgg.), Großstadt. Aspekte empirischer Kulturforschung, Berlin 1985, S. 343-361.
[2] Saldern, Adelheid von, Häuserleben. Zur Geschichte städtischen Arbeiterwohnens vom Kaiserreich bis heute, Bonn 1997; Satjukow, Silke, Bahnhofstraßen. Geschichte und Bedeutung, Köln 2002.
[3] Simmel, Georg, Die Großstädte und das Geistesleben (1903), in: Ders., Gesamtausgabe Bd. 7, hrsg. v. Otthein Rammstedt, Frankfurt am Main 1995, S. 116-131.
[4] Bourdieu, Pierre, Sozialer Raum und "Klassen". Leçon sur la leçon, Frankfurt am Main 1985.
[5] Rohrbacher, Stefan, Gewalt im Biedermeier. Antijüdische Ausschreitungen in Vormärz und Revolution (1815-1848/49), Frankfurt am Main 1993.
[6] Dinges, Martin, Der Maurermeister und der Finanzrichter. Ehre, Geld und soziale Kontrolle im Paris des 18. Jahrhunderts, Göttingen 1994; Habermas, Rebekka, Frauen und Männer im Bürgertum. Eine Familiengeschichte 1750-1850, Göttingen 2000.
[7] Föllmer, Moritz, Das Appartement, in: Geisthövel, Alexa; Knoch, Habbo (Hgg.), Orte der Moderne. Erfahrungswelten des 19. und 20. Jahrhunderts, Frankfurt am Main 2005, S. 325-334.
[8] Saldern, Häuserleben.
[9] Hüchtker, Dietlind, Einvernehmen und Distanz. Auseinandersetzungen um die Bitt- und Bettelkultur in Berlin 1770-1838, in: WerkstattGeschichte 10 (1995), S. 17-28.
[10] Thompson, Victoria E., The Virtuous Marketplace. Women and Men, Money and Politics in Paris, 1830-1870, Baltimore 2000.
[11] Rappaport, Erika Diane, Shopping for Pleasure. Women in the Making of London's West End, Princeton 2000.
[12] Neuberger, Joan, Hooliganism. Crime, Culture, and Power in St. Petersburg, 1900-1914, Berkeley 1993.
[13] Rabinow, Paul, French Modern. Norms and Forms of the Social Environment, Cambridge/Mass. 1989; Vann, Michael, Of Rats, Rice, and Race. The Great Hanoi Rat Massacre, an Episode in French Colonial History, in: French Colonial History 4 (2003), S. 191-203.
[14] Driver, Felix; Gilbert, David (Hgg.), Imperial Cities. Landscape, Display and Identity, Manchester 1999.
[15] Sugrue, Thomas J., The Origins of the Urban Crisis. Race and Inequality in Postwar Detroit, Princeton 1996; Kruse, Kevin M., The Politics of Race and Public Space. Desegration, Privatization, and the Tax Revolt in Atlanta, in: Journal of Urban History 31 (2005), S. 610-633.
[16] Hoffmann, David L., Peasant Metropolis. Social Identities in Moscow, 1929-1941, Ithaca 1994.
[17] Schürmann, Sandra, Dornröschen und König Bergbau. Kulturelle Urbanisierung und bürgerliche Repräsentationen am Beispiel der Stadt Recklinghausen (1930-1960), Paderborn 2005.
Die visuelle Ordnung der Stadt Das Bild der Stadt bei Kevin Lynch Kirsten Wagner Die weltweite Verstädterung, von der Henri Lefèbvre bereits in den 1970er Jahren gesprochen hat, stellt nicht nur auf Planungsebene ein bis heute ungelöstes Problem dar. Urban sprawl, Ghettoisierung wie Musealisierung der Innenstädte, zunehmende Privatisierung des öffentlichen Raumes, das sind nur einige der Schlagworte, unter denen seit den 1980er Jahren die Krise der Stadt diskutiert wird. Leitbild dieser Diskussion ist mehr oder weniger deutlich das der historischen europäischen Stadt mit ihren klaren Begrenzungen zum Umland und ihrem Ideal von Öffentlichkeit. Entsprechend ist immer wieder von einem Verlust der Form, aber auch einem Verlust der Bedeutung von Stadt die Rede.
Kevin Lynchs Theorie der Stadtplanung, wie er sie exemplarisch in "The Image of the City"
[1]
entwirft, hat ein ebenso traditionelles Bild von Stadt zur Grundlage. Zugleich stellt sie den Versuch dar, die Stadt nicht nur über eine Menge von Gestaltelementen erfassen, sondern sie auch nach diesen ordnen zu können. Was einerseits die besondere Attraktivität von Lynchs Ansatz erklärt, eine universelle Methode der Stadtplanung gefunden zu haben, beschreibt andererseits eine radikale Verkürzung von Stadt, die eben nicht in einer nach Möglichkeit kontrastreichen Ordnung besonders prägnanter Formen aufgeht. Das wurde bereits bei den ersten Folgestudien zu Lynch deutlich, in denen sich der Aspekt der sozialen und kulturellen Bedeutung der Form als das eigentliche Problem der Stadt- und Raumwahrnehmung und damit auch der Planung von Stadt zeigte. Heute mit Lynch zu arbeiten setzt demnach nicht nur eine Auseinandersetzung mit den strukturalen und gestalttheoretischen Voraussetzungen seiner Stadtplanungstheorie voraus, sondern wäre um die in "The Image of the City" weitgehend ausgeblendeten Zusammenhänge von Form und Bedeutung sowie von Bild und Raum zu erweitern. Dazu soll hier ein kleiner Beitrag geleistet werden.
| 
| | | Abb. 1: Florence from the South (Quelle: Lynch, Kevin, The Image of the City, Cambridge/Mass. 1960, S. 93) | |
Während eines einjährigen Reisestipendiums, das der Erforschung europäischer Städte diente, betrachtete der amerikanische Stadtplaner Kevin Lynch im Herbst 1952 Florenz von der linken Arno-Seite aus. Der Dom mit seiner die umliegenden Bauten weit überragenden Kuppel und der Campanile beherrschten das Stadtbild. Als Gebäudeensemble, das auch von anderen Orten der Stadt sichtbar blieb, sollte es für Lynch zum Inbegriff einer Landmarke werden. In seinen Reisetagebüchern notierte er: "Near S. Donato at noon: first the factory whistles, then the gun and bells of central Florence. Even in this industrial area, the dome and tower are visible [to the n.], marking the city center. [...]."
[2]
Eine genauere Charakterisierung von Landmarken folgte kurze Zeit später in der kleinen programmatischen Schrift "Notes on City Satisfactions".
[3]
Hier benannte Lynch zugleich eine Reihe von Faktoren, die sich, indem sie zur Befriedigung grundlegender Bedürfnisse beitragen, positiv auf die Wahrnehmung der Stadt auswirken. Dazu zählt u.a. die räumliche Orientierung, die durch gerichtete Wege und Plätze, durch Karten, aber eben auch durch bestimmte Objekte wie die Landmarken unterstützt werden kann.
Wie in der Forschung zu Recht festgestellt, hat Lynch während seines Europaaufenthaltes Begriffe und methodische Ansätze zur Untersuchung der Stadt entwickelt, insbesondere der Stadt als einer körperlichen Form, die nicht nur direkt zur Studie über das Bild der Stadt führen, sondern seine gesamte spätere Forschung bestimmen.
[4]
Dennoch nimmt "The Image of the City" einen singulären Rang sowohl in den Schriften Lynchs als auch in den nachfolgenden Forschungen zum Bild der Stadt ein. Ausgehend von "The Image of the City" und Edward Tolmans Labyrinthexperimenten zu den "fieldmaps of the environment", oder kurz den kognitiven Karten
[5]
, ist das (mentale) Bild der Stadt bzw. das (mentale) Umweltbild in mehreren Disziplinen überhaupt erst zu einem eigenen Forschungsgegenstand avanciert: in Architektur und Städtebau ebenso wie in Psychologie, Anthropologie und Soziologie.
[6]
Dabei sind weder die empirischen Untersuchungsmethoden noch die Prämissen der Untersuchung unhinterfragt geblieben, so dass, auch wenn "The Image of the City" nach wie vor als Grundlagentext der Urbanistik gilt, das Urteil über den wissenschaftlichen wie terminologischen Nutzen dieser Studie inzwischen äußerst kontrovers ist.
[7]
Konsens besteht vor allem darüber, dass Lynch einen neuen Ansatz der Stadtplanung vertritt, welcher sich gleichzeitig von den urbanen Reformbewegungen wie der City Beautiful-Bewegung und dem funktionalen Städtebau der Moderne mit seiner willkürlichen Aufteilung der Stadt in die Bereiche Wohnen, Arbeiten, Verkehr und Freizeit unterscheidet. An Lewis Mumfords Forderung nach einer partizipativen Umweltgestaltung anschließend
[8]
, bezieht Lynch die Stadtbewohner und ihre Wahrnehmung erstmals systematisch in die Prozesse von Survey und Planung ein. Damit erschließt er die Stadt zugleich als Wahrnehmungsraum.
In den jüngeren Anthologien zur Architektur- und Städtebau- bzw. Stadtplanungstheorie repräsentiert Lynch entsprechend die Neo-Empiricists
[9]
, zu denen auch Gordon Cullen, Robert Venturi und Charles Moore gehören; oder er wird – mit vorwiegend geisteswissenschaftlichen Ansätzen – einem "anthropologischen Blick auf die Stadt" zugeordnet.
[10]
Das rückt ihn in die Nähe von Roland Barthes, Michel de Certeau oder Paul Virilio. Schließlich ist Lynch wie Heidegger, Venturi, Eco und Augé zu jenen Ansätzen gezählt worden, die sich mit dem "Ort der Architektur" auseinander setzen.
[11]
Die vielschichtige Rezeption insbesondere von "The Image of the City", die im Zusammenhang mit den (Bild)Räumen der Virtuellen Realität derzeit eine weitere Konjunktur erfährt, ist vor allem darauf zurückzuführen, dass diese Studie weit über eine Theorie zur Stadtplanung hinausgeht. Sie bietet ebenso eine Theorie über die Form- bzw. Gestaltwahrnehmung von Stadt, eine über das räumliche Richtungsverhalten und eine zur Raumkognition.
Was Lynchs Studie zum Bild der Stadt ist – und was sie nicht ist
Grundsätzlich nimmt das Image bei Lynch die Bedeutung eines inneren Bildes im Sinne einer mentalen Repräsentation der Außenwelt an (mental image, mental picture).
[12]
Es ist aber auch kollektives Vorstellungsbild (public image, group image) sowie in gewisser Hinsicht Wahrnehmungsbild. Damit zeigt Lynchs Image-Begriff eine Bedeutungsvielfalt, wie sie schon dem antiken Bildbegriff (gr. eikon, lat. imago) zukommt und auch das englische Image kennzeichnet. Erlebt der Image-Begriff in den 1950er und 1960er Jahren insgesamt eine Wiederbelebung, dann bezeichnet er in der Kognitionspsychologie jener Zeit – ähnlich wie der Begriff des Schemas – mentale Repräsentationen
[13]
, während er in der Ökonomie, u.a. im Anschluss an Freuds Imago-Begriff
[14]
, eher ein kollektives Vorstellungs- und Leitbild meint, das die Ansichten, Gefühle und Wertungen einer sozialen Gruppe gegenüber einem Gegenstand, einer Person oder anderen Gruppe enthält.
[15]
Um der Orientierung im Raum zweckdienlich zu sein, seiner primären Funktion, hat das Image verschiedene Voraussetzungen zu erfüllen. So muss es eine von allen anderen Formen unterschiedene, wieder erkennbare Form (identity) aufweisen und eine räumliche Struktur, aus der die Lage sowohl der wahrgenommenen Objekte als auch des Betrachters hervorgeht (structure). Über Identität und Struktur hinaus muss das Image für den Betrachter aber auch eine praktische oder emotionale Bedeutung (meaning) haben. Obwohl Lynch damit anerkennt, dass das Image ohne Bedeutung gar nicht zu denken ist, schließt er diesen Aspekt dennoch explizit aus seiner Untersuchung aus: "This analysis limits itself to the effects of physical, perceptible objects. There are other influences on imageability, such as the social meaning of an area, its function, its history, or even its name. These will be glossed over, since the objective here is to uncover the role of form itself."
[16]
Es geht ihm ausschließlich um die Form des gebauten und des topografischen Raumes, vor allem um diejenige Form, die im Betrachter ein markantes Image evoziert. Auf sie soll über das mentale Bild zurückgeschlossen werden, das die Bewohner dreier amerikanischer Städte – Boston, Jersey City, Los Angeles – von ihrer Umgebung haben.
[17]
Zur empirischen Untersuchung der visuellen Ordnung der Stadt stellte Lynch einer relativ homogenen Gruppe von Bewohnern
[18]
zwei Aufgaben, erstens aus ihrer Erinnerung heraus die Karte eines bestimmten Bezirkes der Stadt zu zeichnen und zweitens einen Weg durch die Stadt zu beschreiben (imaginary trip). Darüber hinaus betraute er seine Mitarbeiter mit der Aufzeichnung der Stadt, wobei sich ihre Notation bereits auf die fünf Elemente Weg (path), Rand (edge), Bezirk (district), Knotenpunkt (node) und Landmarke (landmark) (vgl. Abb. 3) beschränkte.
| 
| | | Abb. 2: The Boston Peninsula from the North (Lynch, Kevin, The Image of the City, Cambridge/Mass. 1960, S. 17) | |
| 
| | | Abb. 3: The Visual Form of Boston as Seen in the Field (Quelle: Lynch, Kevin, The Image of the City, Cambridge/Mass. 1960, S. 147) | |
| 
| | | Abb. 4: Problems of the Boston Image (Quelle: Lynch, Kevin, The Image of the City, Cambridge/Mass. 1960, S. 24) | |
Die Ergebnisse der Untersuchung sind wie folgt dokumentiert: Über Ortsbeschreibungen, denen die Interviews der Bewohner zugrunde liegen, werden zunächst die analysierten Städte vorgestellt. Am unmittelbaren Anfang fast jeder Ortsbeschreibung stehen Luftaufnahmen. Sie vermitteln einen Überblick über die jeweilige Stadt und entsprechen damit nicht nur Lynchs Bedürfnis, die räumliche Komplexität und soziale Diversität der Stadt über ein Bild – hier über ein Bild aus der Vogelperspektive – zu erfassen.
[19]
Auch die im Survey erhobenen Karten von Boston, Jersey City und Los Angeles stellen solche Bilder dar. Sie setzen sich aus den o.g. fünf Elementen zusammen und ergeben ein die Städte charakterisierendes Diagramm. Für Boston ist zudem eine Karte erstellt, die jene Orte zeigt, die sich der Wahrnehmung durch die Bewohner entweder entziehen oder aber zu mehrdeutigen Wahrnehmungen führen, also offensichtlich keine markante Form aufweisen. (Vgl. Abb. 4) Diese Karte gilt als Grundlage für die zukünftige Stadtplanung ("preparation of a design plan"
[20]
).
Die Untersuchung der Städte bestätigte die Erwartungen: Boston, genauer, dem historischen Stadtteil Beaconhill, wird aufgrund seines einheitlichen Baubestandes aus dem 19. Jahrhundert, seiner homogenen sozialen Struktur und der hügeligen Topografie eine für die amerikanische Stadt vergleichsweise hohe Lesbarkeit zugesprochen.
[21]
Das Image von Jersey City erweist sich als ebenso undifferenziert wie die Stadt selbst. Bei Los Angeles, Beispiel für eine hochgradig motorisierte Stadt, sind es vor allem die räumliche Ausdehnung und das rechtwinklige Straßenraster, die das Erstellen eines funktionalen Image erschweren.
| 
| | | Abb. 5: The City Image and its Elements: Path, Node, Edge, Landmark, District (Quelle: Lynch, Kevin, The Image of the City, Cambridge/Mass. 1960, S. 47f.) | |
Diesem Befund schließt sich eine Definition der Elemente Weg, Rand, Bezirk, Knoten und Landmarke an, die, da sie jedem Image zugrunde liegen, universell erscheinen. Haben Weg, Knoten und Landmarke als Straße, Platz und Monument schon die ältere Stadtbaukunst und -theorie bestimmt, dann verweist das Konzept der "Landmarke" ferner auf die Geografie. Lynch weicht jedoch insofern von den Traditionen ab, als er mit seinen fünf Elementen weniger eine Morphologie der Stadt und ihrer Räume verfolgt
[22]
, selbst wenn er über die verschiedenen möglichen Formen von Wegen und Plätzen spricht. Vielmehr macht er von ihnen als einem Klassifikations- und Zeichensystem Gebrauch, um zu einer objektiven Notation der Stadt zu gelangen und darüber zu einem Bild der Stadt, das deren Ordnung offen legt.
[23]
Zusammen mit mechanischen Aufzeichnungsverfahren, wie Luftaufnahmen oder photogrid
[24]
, soll die aus den fünf Elementen erstellte image map eine totale Raumrepräsentation ermöglichen.
[25]
Ein dritter Schwerpunkt der Studie, der eigentlich erst im Appendix (A) ausgebreitet wird, liegt auf der Orientierung im Raum. Sie beschreibt die wesentliche Funktion des mentalen Umweltbildes. Wie Lynch in Bezug auf eine umfangreiche psychologische und anthropologische Literatur ausführt
[26]
, liegt ihr kein angeborener Orientierungssinn ("mystic 'instinct' of way-finding"
[27]
) zugrunde, sondern verschiedene Referenzsysteme, die der gerichteten Bewegung im Raum zweckdienlich sind: angefangen vom egozentrischen Körperschema bis hin zu besonderen topografischen oder klimatischen Konstellationen, aus denen sich Stand- und Zielort ablesen lassen.
Die Funktion des Image geht dort über das reine Richtungsverhalten hinaus, wo es zugleich dem sozialen Gedächtnis und der Gruppenidentität dient: "Way-finding is the original function of the environmental image [...]. But the image is valuable not only in this immediate sense in which it acts as a map for the direction of movement; in a broader sense it can serve as a general frame of reference within which the individual can act, or to which he can attach his knowledge. In this way it is like a body of belief, or a set of social customs: it is an organizer of facts and possibilities. [...]"
[28]
Lynch beschreibt hier die Verinnerlichung eines Landschafts- oder gebauten Raumes, in dem sich nicht nur die Praktiken und Vorstellungen einer sozialen Gruppe verkörpern, sondern von dem diese auch geprägt werden. Damit scheint er zunächst Maurice Halbwachs zu folgen, dessen "La mémoire collective" Lynch studiert hatte.
[29]
So enthält das Image als räumlich bedingtes und den materiellen Raum bedingendes Selbst- und Weltbild einer Gruppe bei Halbwachs noch die symbolischen und sozialen Ordnungen ebendieser Gruppe. Es umfasst also das, was Lynch aus seiner Untersuchung dann jedoch ausschließt, nämlich den Aspekt der Bedeutung. Dass der urbane Raum nicht nur aus Bewegung und Wahrnehmung hervorgeht, sondern gleichzeitig ein kulturelles wie gesellschaftliches Produkt ist, bleibt für die Stadt(planung), folgt man Lynch, weitgehend unberücksichtigt.
Bild ohne Raum – Raum im Bild
Neben dem Problem von Bedeutung und Raum wirft Lynchs Image die Frage nach dem Verhältnis von Bild und Raum auf. Raumwahrnehmung und -kognition werden in seiner Studie vor allem visuell und von einer bildhaften Repräsentation her konzipiert. Dem entspricht auf methodischer Ebene das Verfahren, die Stadt über eine Menge von visuellen Zeichen zu erfassen. Die so aufgezeichneten Räume der Stadt reduzieren sich auf ein Diagramm, aus dem die Materialität, der Gebrauch, selbst die Form der Räume getilgt ist.
Der entsprechende Ansatz, die Stadt als eine Struktur relationaler Elemente zu erfassen, verweist auf die strukturale Linguistik und Anthropologie. Thomas Sieverts hat darüber hinaus eine Verbindung zur Zeichentheorie von Charles Morris hergestellt, insofern das Image mit seinen drei Komponenten Identität, Struktur und praktische Bedeutung den Zeichendimensionen Semantik, Syntax und Pragmatik zu entsprechen scheint.
[30]
Es gibt jedoch noch einen anderen Anschluss, der über den an der Studie beteiligten György Kepes noch unmittelbarer gegeben ist: die Gestalttheorie. Aus ihrer Perspektive können Weg, Rand, Bezirk, Knotenpunkt und Landmarke als Gestaltelemente betrachtet werden.
Im Gegensatz zu den "The Image of the City" kennzeichnenden strukturalen und gestalttheoretischen Ansätzen zeigt sich Lynch in den Reisetagebüchern und in "Notes on City Satisfactions" noch als ein "Raumwanderer", der die Stadt in ihrer Dynamik über alle Sinne zu erschließen sucht. Nicht nur das Sehen bestimmt die Wahrnehmung der Stadt, Gerüche, Geräusche und taktile Sensationen erweisen sich für sie als ebenso grundlegend.
[31]
Gebaute Räume mit ihren individuellen Lichtverhältnissen und Atmosphären, Fassaden und Gehwege in ihrer Materialität, die Auslagen in den Schaufenstern, Bewegung und Habitus der Passanten, Verkehrsdichte, all das gehört hier – und in den späteren Schriften wieder deutlicher – zu den charakteristischen Elementen einer Stadt.
Die visuelle Formwahrnehmung beginnt tatsächlich zu dominieren, als Lynch, im Rahmen des von der Rockefeller Foundation geförderten Forschungsprojektes zur wahrnehmbaren Form der Stadt
[32]
, mit György Kepes Boston analysiert.
[33]
Kepes, der sich in den 1920er Jahren der ungarischen Avantgarde angeschlossen hatte
[34]
und seit 1930 mit László Moholy-Nagy zusammenarbeitete, erst in dessen Londoner Studio, später dann an dem von Moholy-Nagy geleiteten New Bauhaus bzw. der School of Design in Chicago
[35]
, war 1945 an die Architekturfakultät des MIT berufen worden. Dort unterrichtete er Kurse zur Visuellen Gestaltung und initiierte 1967 die Einrichtung des Center for Advanced Visual Studies.
Neben Rudolf Arnheim dürfte Kepes derjenige gewesen sein, der die amerikanische Kunstpraxis und -theorie mit gestalttheoretischen Ansätzen vertraut gemacht hat, insbesondere mit der Berliner Schule, deren Mitglieder Max Wertheimer, Wolfgang Köhler, Kurt Koffka und Kurt Lewin in den 1930er Jahren ebenfalls in die USA emigrierten.
[36]
Kepes bezieht sich schon in seinem Buch "Language of Vision" von 1944 auf die Gestalttheorie, von der er – sicher auch beeinflusst durch Kandinskys "Punkt und Linie zu Fläche"
[37]
– eine eigene Theorie des Bildes und seiner Ordnung ableitet. Nach dieser Theorie zeigt sich die visuelle Wahrnehmung als ein automatischer schöpferischer Prozess, bei dem die auf die Netzhaut treffenden Lichtreize zu "unified, organic wholes"
[38]
integriert werden.
Das Anwenden der entsprechenden Gestaltgesetze führt bei Kepes nicht nur zu einem neuen Sehen, sondern auch zu einer neuen, und zwar "dynamischen Ikonografie", welche zugleich auf die veränderten Wahrnehmungsanforderungen durch eine beschleunigte und technisch reproduzierte Welt reagiert.
[39]
In "The New Landscape in Art and Science", das Ausstellungsprojekt und Buch von Kepes
[40]
, das in "The Image of the City" angeführt wird, ist es neben den jüngeren Bildmedien Fotografie und Film vor allem die Industrialisierung, die mit ihren Auswirkungen auf Landschaft und Stadt eine gestalthafte Wahrnehmung herausfordert
In dreierlei Hinsicht schließt Lynch an Kepes an: Erstens greift er den Image-Begriff auf, den Kepes in "The New Landscape in Art and Science" bereits im Sinne einer mentalen Repräsentation der Außenwelt verwendet, die zukünftiges Handeln orientiert. Zweitens versteht Lynch die physische Form der Stadt in Anlehnung an die Gestalttheorie als eine Gestalt, die sich dort als prägnant bzw. gut erweist
[41]
, wo sie eine größtmögliche Ordnung, Geschlossenheit, Eindeutigkeit, Klarheit aufweist. In diesem Zusammenhang erscheinen Weg, Rand, Bezirk, Knotenpunkt und Landmarke auch als Gestaltelemente, aus denen sich das Bild der Stadt als ein jedes einzelne Element übersteigendes Ganzes konstituiert. Dies wird in "The Image of the City" besonders im Kapitel zur "City Form" deutlich.
| 
| | | Abb. 6: Form Qualities: Figure-background Clarity, Clarity of Joint, Form Simplicity, Directional Differentiation, Continuity, Visual Scope, Dominance (Quelle: Lynch, Kevin, The Image of the City, Cambridge/Mass. 1960, S. 105f.) | |
Drittens besitzt die moderne Großstadt im Gegensatz zur historischen Stadt für Lynch – wie schon für Kepes und auch für Lewis Mumford, dessen Schriften zur Stadt bei Lynch nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben
[42]
– keine Gestalt mehr. Hier wie dort wird ein urban sprawl konstatiert, eine willkürliche Ausbreitung der Stadt in die umgebende Landschaft, mit der die Grenzen und damit die Geschlossenheit der Stadt aufgehoben werden: "Although the metropolis is no longer a rare phenomenon, yet nowhere in the world is there a metropolitan area with any strong visual character, any evident structure. The famous cities all suffer from the same faceless sprawl at the periphery."
[43]
Zum Gegenbild und Ideal einer prägnanten Stadtgestalt wird die mittelalterliche und frühneuzeitliche europäische Stadt, werden Florenz und Venedig, die Lynch Anfang der 1950er Jahre aufgesucht hatte und die offensichtlich sein eigenes imaginäres Image von Stadt geprägt haben.
Form ohne Bedeutung – Ausdrucks- und Bedeutungsgehalt der Form
Bereits kurz nach dem Erscheinen von "The Image of the City" werden nach Lynchs Methode verschiedene Städte auf ihre Images hin untersucht
[44]
und geplant
[45]
. Diese Arbeiten führen nicht nur zu einer Erweiterung dessen, was an Formqualitäten die Wahrnehmung der Stadt prägt.
[46]
Sie zeigen auch, welche Bedeutung den sozialen und symbolischen Ordnungen einer Gesellschaft für das Image der Stadt zukommt. Wahrnehmung und mentale Repräsentation von Stadt erscheinen jetzt zunehmend von anderen Faktoren als denen der physischen Form abhängig. Welche Begriffsnuancierung damit stattgefunden hat, verdeutlichen zwei Veröffentlichungen aus den 1980er Jahren. Die eine ist das von Lloyd Rodwin, enger Mitarbeiter von Lynch am Department of Urban Studies and Planning am MIT, und Robert Hollister herausgegebene Buch "Cities of the Mind. Images and Themes of the City in the Social Sciences". Dort wird das Image der Stadt zu einem "thematic urban image"
[47]
und nähert sich damit einem kollektiven Vorstellungs- und Leitbild an, das die Ansichten, Gefühle und Wertungen verschiedener sozialer Gruppen (und Wissenschaftsdisziplinen) gegenüber der Stadt enthält. In diesem Zusammenhang auch erfahren die zahlreichen Metaphern von Stadt als eine besondere Gruppe von wahrnehmungs- und handlungsleitenden Bildern, welche zugleich der Aneignung von Stadt dienen
[48]
, eine kritische Reflexion.
[49]
Die unsichtbaren cities of the mind, die imaginären Städte, erweisen sich dabei als ebenso real wie die konkreten Städte selbst.
Die zweite Veröffentlichung "The City and the Sign. An Introduction to Urban Semiotics" kommt von sozio-semiotischer Seite und kritisiert Lynch fundamental. Zwar wird seiner Studie zugestanden, die Stadt methodisch erstmals aus der Perspektive der Nutzer betrachtet zu haben, was zu einem Paradigmenwechsel in der Stadtplanung führt, doch greife sie dort zu kurz, wo sie zur Bedeutung von Stadt lediglich über die Wahrnehmung ihrer Form bzw. über die Analyse von "mental maps" zu gelangen suche.
[50]
Denn die Straßen, Gebäude und Räume der Stadt sollen vor allem aufgrund des praktischen, sozialen und emotionalen Gehaltes wahrgenommen werden, den sie für die verschiedenen Nutzer haben. Dieser Gehalt ist seinerseits nicht zu trennen von der Weltanschauung sozialer Gruppen. Das Image der Stadt wird darüber zu einem Gegenstand der Ideologie und ihrer Kritik: "[...] the relation of people to the city goes beyond perceptual recognition and introduces the role of ideology. In short, the inhabitant of the city does not adapt to an environment [by a perceptual knowledge of form, Anm. K.W.], rather, residents play a role in the production and use of the urban milieu through urban practices."
[51]
Tatsächlich ist in Lynchs Studie "Bedeutung" erst einmal das, was sich nicht wie die Form objektivieren und systematisieren lässt.
[52]
Gleichwohl gibt es auch bei ihm einen Zusammenhang von Form und Bedeutung, insofern sich in der Form Bedeutung kristallisiert und diese verstärkt. Bezeichnenderweise zeigt das Image immer dann eine hohe Lesbarkeit, wenn die repräsentierten Umweltobjekte auf irgendeine Weise konnotiert sind. Mit Kepes scheint Lynch der physischen Form darüber hinaus einen eigenen Ausdrucks- und Bedeutungsgehalt zuzusprechen, an den sich eine Reihe von Assoziationen und konventionellen Bedeutungen knüpfen kann. Dementsprechend erfüllt bereits die Form eine symbolische Funktion. Sequenzen offener und geschlossener Räume, niedriger und hoher Gebäude, glatter und texturierter Oberflächen, aber auch dem Wechsel von pulsierenden Einkaufszonen und kontrollierten öffentlichen Räumen eignet aufgrund des gestalthaften Kontrastes ein besonderer Ausdrucks- und Bedeutungsgehalt ("expressive qualities", "express meaning in and through their connections"
[53]
), der die Symbolik von Architektur und Stadt ausmacht.
Ähnliche Überlegungen finden sich später in Arnheims Architekturtheorie, in der jener von einem spontanen Akt der Symbolisierung
[54]
("spontaneous symbolism") und Metaphernbildung spricht, der sich mit der Wahrnehmung der Ausdrucksqualitäten einer Form
[55]
einstellt. Was dabei von der Architektur wie von den anderen Künsten symbolisiert wird, sind die existentiellen Erfahrungen des Menschen.
[56]
Auch für Susanne Langer, deren Definition von Architektur und Stadt als "created place", als "ethnic domain made visible, tangible, sensible"
[57]
Lynch zitiert
[58]
, ist der gebaute Raum Ausdruck menschlicher wie kultureller Existenz. In seiner materiellen Form verkörpern sich und werden unmittelbar anschaulich die je eigenen Handlungs-, Zeit- und Raumorganisationen sozialer Gruppen.
In "The Image of the City" bleibt eine solche symboltheoretische Auffassung von Architektur und Stadt jedoch implizit. Es überwiegt hier, was auch die weitere Rezeption von Lynchs Ansätzen bestimmt hat: zum einen die Formalisierung der Stadt anhand eines universellen Systems von Elementen, mit der schon von Lynch erkannten Konsequenz, dass die Stadtbewohner wieder aus den Planungsprozessen ausgeschlossen worden sind
[59]
; zum anderen ein kognitivistischer Ansatz, bei dem die konkrete räumliche Umgebung gegenüber ihrer mentalen Repräsentation ebenfalls sekundär erscheint. Beides freilich entspricht der Idee einer Planbarkeit von Stadt, die sich trotz oder gerade wegen der Krise moderner Urbanität ungebrochener Aktualität erfreut.
Dr. Kirsten Wagner ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Sonderforschungsbereich 447 "Kulturen des Performativen" am Kulturwissenschaftlichen Seminar der Humboldt-Universität zu Berlin sowie Mitglied im Netzwerk "Räume der Stadt. Perspektiven einer kunstgeschichtlichen Raumforschung". Arbeitsschwerpunkte: Raummodelle des Wissens am Beispiel von Bibliothek, Karte und Stadt, Bild der Stadt, Raum- und Medientheorie. E-Mail: kirsten.wagner@rz.hu-berlin.de
Literaturempfehlungen:
Banerjee, Tridib; Southworth, Michael (Hgg.), City Sense and City Design. Writings and Projects of Kevin Lynch, Cambridge/Mass. 1990.
Downs, Roger M.; Stea, David, Image and Environment. Cognitive Mapping and Spatial Behavior, Chicago 1973.
Gottdiener, Mark; Lagopoulos, Alexandros Ph. (Hgg.), The City and the Sign. An Introduction to Urban Semiotics, New York 1986.
Kepes, György, Language of Vision, Chicago 1944.
Kepes, György, The New Landscape in Art and Science, Chicago 1956.
Langer, Susanne K., Feeling and Form. A Theory of Art Developed from Philosophy on a New Key, London 1963.
Lynch, Kevin, The Image of the City, Cambridge/Mass. 1960.
Lynch, Kevin, What Time is this Place, Cambridge/Mass. 1972.
Lynch, Kevin, A Theory of Good City Form, Cambridge/Mass. 1981.
Mumford, Lewis, The Culture of Cities, New York 1938.
Rodwin, Lloyd; Hollister, Robert M. (Hgg.), Cities of the Mind. Images and Themes of the City in the Social Sciences, New York 1984.
Wohl, R. Richard; Strauss, Anselm L., Symbolic Representation and the Urban Milieu, in: American Journal of Sociology 63 (1958), 5, S. 523-532.
[1] Lynch, Kevin, The Image of the City, Cambridge/Mass. 1960.
[2] Lynch, Kevin, The Travel Journals, in: Banerjee, Tridib; Southworth, Michael (Hgg.), City Sense and City Design: Writings and Projects of Kevin Lynch, Cambridge/Mass. 1990, S. 104-134, hier S. 105.
[3] Lynch, Kevin, Notes on City Satisfactions, in: Banerjee; Southworth, City Sense (wie Anm. 2), S. 135-153.
[4] Banerjee, Tridib; Southworth, Michael, Kevin Lynch: His Life and Works, in: Banerjee; Southworth, City Sense (wie Anm 2), S. 1-29.
[5] Tolman, Edward C., Cognitive Maps in Rats and Men (1948), in: Collected Papers in Psychology, Los Angeles 1950, S. 241-264. Das Konzept einer "imagery map" taucht im Zusammenhang mit Untersuchungen zum Orientierungs- und Richtungsverhalten indes schon auf bei Trowbridge, C.C.: On Fundamental Methods of Orientation and "Imaginary Maps", in: Science 38 (1913), 990, S. 888-897.
[6] Vgl. hierzu im Überblick Sieverts, Thomas, Stadtvorstellungen, in: Stadtbauwelt 39 (1966), 9; Evans, Gary W., Environmental Cognition, in: Psychological Bulletin 88 (1980), 2, S. 259-287; Downs, Roger M.; Stea, David (Hgg.), Image and Environment. Cognitive Mapping and Spatial Behavior, Chicago 1973; Rodwin, Lloyd; Hollister, Robert M. (Hgg.), Cities of the Mind. Images and Themes of the City in the Social Sciences, New York 1984.
[7] Die vielleicht radikalste Kritik ist dabei von sozio-semiotischer Seite gekommen. Vgl. hierzu Gottdiener, Mark; Lagopoulos, Alexandros Ph. (Hgg.), The City and the Sign. An Introduction to Urban Semiotics, New York 1986.
[8] Mumford, Lewis, The Culture of Cities, New York 1938, S. 348ff.
[9] Broadbent, Geoffrey, Emerging Concepts in Urban Space Design, London 1990, S. 225ff.
[10] Lampugnani, Vittorio Magnago; Frey, Katia; Perotti, Eliana (Hgg.), Anthologie zum Städtebau, Bd. 3: Vom Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur zeitgenössischen Stadt, Berlin 2005, S. 479ff.
[11] Moravánszky, Akós (Hg.), Architekturtheorie im 20. Jahrhundert. Eine kritische Anthologie, Wien 2003, S. 481.
[12] Also das, was im Griechischen auch phantasma oder eidolon genannt worden ist.
[13] Miller, George A.; Galanter, Eugene; Pribram, Karl Harry, Plans and the Structure of Behavior, New York 1960.
[14] Boulding, Kenneth E., The Image. Knowledge of Life in Society, Ann Arbor/Mich. 1956.
[15] Zu den Begriffen "Bild" und "Image" vgl. im Überblick die entsprechenden Einträge im Historischen Wörterbuch der Philosophie, hrsg. v. Joachim Ritter, Basel 1971ff. Zum Bildbegriff vgl. des Weiteren Scholz, Oliver Robert, Bild, in: Barck, Karlheinz; Fontius, Martin; Schlenstedt, Dieter; Steinwachs, Burkhart; Wolfzettel, Friedrich (Hgg.), Ästhetische Grundbegriffe: historisches Wörterbuch in sieben Bänden, Bd. 1, Stuttgart 2000, S. 618ff.
[16] Lynch, The Image of the City (wie Anm. 1), S. 46.
[17] Zur Auswahl der Städte vgl. Ebd. S. 14f.
[18] Dass sich alle Befragten aus der Mittelklasse rekrutierten, hat zu der späteren Kritik einer sozialen Einseitigkeit des Image geführt. Lynch hat dieses Problem durchaus früh erkannt und bereits in "The Image of the City" zu einer Erweiterung des Kreises an Testpersonen angeregt, vgl. Ebd. S. 152f.
[19] Wohl und Strauss haben die Luftaufnahme und ähnliche Überblick bietende Darstellungstechniken sowie die metaphorische Konzeptualisierung von Stadt als Formen des symbolischen Managements ("symbolic management") beschrieben, mit denen die räumliche Komplexität und soziale Diversität der Stadt auf eine greifbare Größe reduziert und vereinfacht wird: "Not only does the city-dweller develop a sentiment of place gradually, but it is extremely difficult for him to visualize the physical organization of his city, and, even more, to make sense of its cross-currents of activity. Apparently an invariable characteristic of city life is that certain stylized and symbolic means must be resorted to in order to 'see' the city. The most common recourse in getting a spatial image of the city is to look at an aerial photograph in which the whole city – or a considerable portion of it – is seen from a great height. Such a view seems to encompass the city, psychologically as well as physically. [...] These methods (aerial photographs, 'bird's-eye' drawings, models, etc.) of portraying the city space are expressive declarations of its literal incomprehensibility. The city, as a whole, is inaccessible to the imagination unless it can be reduced and simplified." Wohl, R. Richard; Strauss, Anselm L., Symbolic Representation and the Urban Milieu, in: American Journal of Sociology 63 (1958), 5, S. 523-532, hier S. 523f.
[20] Lynch, The Image of the City (wie Anm. 1), S. 25.
[21] Welchen exemplarischen Status Boston bzw. der historische Teil von Boston (Back Bay Area, Beaconhill) für die amerikanische Architektur und Stadtplanung hat, verdeutlicht auch Mumford, wenn er in Bezug auf die Back Bay Area von einem historischen Monument und einem kulturellen Symbol der Vereinigten Staaten spricht. Vgl. Mumford, Lewis, Back Bay Boston: The City as A Work of Art, Boston 1969, S. 19.
[22] Wie etwa noch Sitte, Camillo, Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen, Nachdruck der 4. Aufl. (1909), Basel 2002.
[23] Dazu Banerjee und Southworth: "In his attempt to systematically describe and document the visual form of cities, Lynch began with a clean slate. There were no previous methods, no languages or lexicons, no notation systems on which such work could be based. Lynch was curious about several things: How to represent large-scale visual environments? What are the important visual qualities? What can be measured objectively? Clearly the techniques of architectural drawing – plans, sections, elevations, perspectives – were not sufficient. Conventional land-use maps were also totally inadequate. In the days of Camillo Sitte, Daniel Burnham, and Frederick Law Olmsted, civic and landscape design had been based largely on architectural representations. Objective documentation of the visual quality of the natural or built landscapes was not required in that tradition. So this was indeed a new frontier to be explored in the field of environmental design arts." Banerjee, Tridib; Southworth, Michael, Analysis of Visual Form. Introduction, in: Banerjee; Southworth, City Sense (wie Anm. 2), S. 260.
[24] Beim "photogrid" wird über eine Karte der Stadt ein orthogonales Raster gelegt, dessen Schnittpunkte auf der Karte eingetragen werden und den Ort vorgeben, an dem von der Stadt Fotografien gemacht werden.
[25] Lynch, Kevin, A Process of Community Visual Survey, in: Banerjee; Southworth, City Sense (wie Anm. 2), S. 263-286, hier S. 266.
[26] Die ungefähr zwei Drittel des gesamten Literaturverzeichnisses einnimmt.
[27] Lynch, The Image of the City (wie Anm. 1), S. 3.
[28] Ebd. S. 125f.
[29] Halbwachs schreibt: "Lorsqu'un groupe est inséré dans une partie de l'espace, il la transforme à son image, mais en même temps il se plie et s'adapte à des choses matérielles qui lui résistent. Il s'enferme dans le cadre qu'il a construit. L'image du milieu extérieur et des rapports stables qu'il entretient avec lui passe au premier plan de l'idée qu'il se fait de lui même." Halbwachs, Maurice, La mémoire collective, Paris 1950, S. 132.
[30] Der Survey von Florenz umfasst so an Kategorien: "Space, orientation, middle distance picture, eye level detail, floor, human activity, traffic, noise and smells." Lynch, Kevin, The Travel Journals (wie Anm. 2), S. 118f.
[31] Sieverts, Thomas, Wiedergelesen. Kevin Lynch und Christopher Alexander. Das Aufbrechen und Wiedererfinden der Konvention – Auf der Spur des Geheimnisses lebendiger Räume und Städte, in: DISP 129 (1997), S. 52-59. Vgl. hierzu ferner Morris, Charles W., Foundations of the Theory of Signs, Chicago 1938.
[32] Das mehrjährige Forschungsprojekt zur "Perceptual Form of the City" war am Center for Urban and Regional Studies des MIT angesiedelt.
[33] Kepes wertete die Ergebnisse der gemeinsamen Studie u.a. aus in: Notes on Expression and Communication in the Cityscape, in: Arts and Architecture 78 (1961), S. 16-17, 28.
[34] Und zwar der von dem Schriftsteller und Maler Lajos Kassak gegründeten Gruppe Munka. Vgl. hierzu Kepes, György, The MIT Years: 1945-1977, Ausstellungskatalog, Hayden Gallery, MIT, Cambridge/Mass. 1978.
[35] Vgl. hierzu Hahn, Peter (Hg.), 50 Jahre New Bauhaus. Bauhausnachfolge in Chicago, Berlin 1987.
[36] Kurt Koffka wechselte indes schon 1927 an das Smith College, Northampton/Mass., Max Wertheimer und Kurt Lewin emigrierten 1933 und gingen an die New School for Social Research New York bzw. an die Cornell University Ithaca, Wolfgang Köhler folgte 1935 an das Swarthmore College Pennsylvania.
[37] Kandinsky, Wassily, Punkt und Linie zu Fläche. Beitrag zur Analyse der malerischen Elemente, München 1926.
[38] Kepes, György, Language of Vision, Chicago 1944, S. 15.
[39] Ebd. S. 14.
[40] Die Ausstellung The New Landscape in Art and Science fand 1951 in der Hayden Gallery des MIT statt, das gleichnamige Buch erschien 1956. Vgl. Kepes, György, The New Landscape in Art and Science, Chicago 1956.
[41] Das Konzept der "guten Gestalt" oder Prägnanz wurde wesentlich von Max Wertheimer formuliert. Er bezeichnete damit die Tendenz, dass die Wahrnehmungsreize bereits im Prozess der Wahrnehmung, also nicht durch einen nachträglichen synthetischen Akt der Assoziation und Interpretation, automatisch zu einer Gestalt gefügt werden, die einen hohen Ordnungsgrad, Abgehobenheit vom Hintergrund sowie Stabilität gegenüber Veränderungen aufweist.
[42] Vgl. hierzu insbesondere Mumford, The Culture (wie Anm. 8).
[43] Lynch, The Image of the City (wie Anm. 1), S. 94.
[44] Gulick, John, Images of an Arab City, in: Journal of the American Institute of Planners 28 (1962), S. 179-198; de Jonge, Derk, Images of Urban Areas: Their Structure and Psychological Foundations, in: Journal of the American Institute of Planners 28 (1962), S. 266-267; Wohlwill, J.F., The Physical Environment: A Problem for a Psychology of Stimulation, in: Journal of Social Issues 22 (1966), S. 29-39; Appleyard, Donald, Styles and Methods of Structuring a City, in: Environment and Behavior (1970), 2, S. 100-116; Harrison, James D.; Howard, William A., The Role of Meaning in the Urban Environment, in: Environment and Behavior 4 (1972), S. 389-411.
[45] Appleyard, Donald, Planning a Pluralist City: Conflicting Realities in Ciudad Guayana, Cambridge/Mass. 1976.
[46] Wie etwa Regelmäßigkeit, aber auch Inkongruität.
[47] Rodwin, Lloyd; Hollister, Robert M., Images, Themes, and Urbanography, in: Rodwin; Hollister, Cities of the Mind (wie Anm. 6), S. 3-18, hier S. 7.
[48] Vgl. hierzu noch einmal Wohl; Strauss, Symbolic Representation (wie Anm. 19).
[49] Vgl. hierzu auch den Beitrag von Langer, Peter, Sociology – Four Images of Organized Diversity: Bazaar, Jungle, Organism, and Machine, in: Rodwin; Hollister, Cities of the Mind (wie Anm. 6), S. 97-117.
[50] Gottdiener, Mark; Lagopoulos, Alexandros Ph., Introduction, in: Gottdiener; Lagopoulos, The City and the Sign (wie Anm. 7), S. 1-22, hier S. 7.
[51] Ebd.
[52] "If it is our purpose to build cities for the enjoyment of vast numbers of people of widely diverse background – and cities which will also be adaptable to future purposes – we may even be wise to concentrate on the physical clarity of the image and to allow meaning to develop without our direct guidance. The image of the Manhattan skyline may stand for vitality, power, decadence, mystery, congestion, greatness, or what you will, but in each case that sharp picture crystallizes and reinforces the meaning. So various are the individual meanings of a city, even while its form may be easily communicable, that it appears possible to separate meaning from form, at least in the early stages of analysis." Lynch, Kevin, The Image of the City (wie Anm. 1), S. 9.
[53] Kepes, Notes on Expression (wie Anm. 33), S. 17.
[54] Arnheim, Rudolf, The Dynamics of Architectural Form, Berkeley/Los Angeles 1977, S. 210.
[55] Zu diesen Ausdrucksqualitäten gehören bei Arnheim bspw. Geradheit und Biegsamkeit, Expansion und Kontraktion, Offenheit und Geschlossenheit. Ebd. S. 253.
[56] Arnheim weist unter Bezug auf Theodor Lipps und Heinrich Wölfflins Dissertation Prolegomena zu einer Psychologie der Architektur (1886) zu Recht darauf hin, dass schon die Einfühlungsästhetik diesen spezifischen Ausdrucks- und Bedeutungsgehalt der (architektonischen) Form zu ihrem Gegenstand gemacht hat. Im Gegensatz zur Einfühlungstheorie geht Arnheim jedoch nicht mehr davon aus, dass dieser Gehalt lediglich auf die Projektion von Leibempfindungen auf eine an sich neutrale Form zurückgeht, sondern dass er im Sinne der Gestalttheorie in den Formqualitäten der wahrgenommenen Gegenstände selbst angelegt ist bzw. in der Wahrnehmung dieser Formqualitäten entsteht.
[57] Langer, Susanne K., Feeling and Form, A Theory of Art Developed from Philosophy in a New Key, London 1963, S. 95.
[58] "We are rapidly building a new functional unit, the metropolitan region, but we have yet to grasp that this unit, too, should have its corresponding image. Suzanne Langer sets the problem in her capsule definition of architecture: 'It is the total environment made visible'." Lynch, The Image of the City (wie Anm. 1), S. 13.
[59] Lynch, Kevin, Reconsidering The Image of the City, in: Rodwin; Hollister, Cities of the Mind (wie Anm. 6), S. 151-161.
Electronic Markets and the City
Pe-Ru Tsen Introduction
Modern information technology and globalization have transformed traditional communication patterns in many fields of science, business and technology. Electronic media have become an integral part of our daily environment shifting the focus from face-to-face interaction to face-to-screen interaction. In this process, the screen and its digital tools have become new actors challenging traditional communication patterns and social practices: via the screen, human beings are not limited to interaction in a physical environment but can also participate electronically.
One of the fastest changing industries in this development is the financial industry which has extensively utilized the possibilities of technology. Within the last twenty years, most exchanges have successfully introduced electronic trading systems automating the trading process and connecting market participants worldwide. Electronic order books and market data are globally accessible allowing traders to operate from remote places and in many markets simultaneously. Price discovery, transaction, clearing and settlement no longer require a face-to-face environment but can alternatively take place in an electronic environment. After centuries tied to centralized trading floors of exchanges, information technology does not only provide a new operational system but also a new spatial and temporal experience.
Since the introduction of the first full-electronic exchange in 1971, electronic trading has become more and more efficient in terms of capacity, speed and market structure. This development has attracted many traders to move from floor trading to electronic trading causing a big struggle for many traditional exchanges like, for example, the London International Futures and Options Exchange (LIFFE). In early 1997, LIFFE was the largest futures exchange in Europe successfully operating a trading floor for German Government Bonds but only within a few months, however, it lost about 80% of its market share to the Deutsche Terminbörse, now Eurex, which competed with the same product but introduced an electronic trading system. Today, a number of physical trading floors still exist, primarily in Chicago and New York, but electronic trading is increasingly taking over worldwide. The Chicago Mercantile Exchange, for example, generated 66% of its trading volume via its electronic platform in the first quarter of 2005 compared with only 15% in 2000. And in Europe, where electronic trading has generally been more popular than in the US, electronic trading systems like XETRA have been even able to generate more than 97% of the total trading volume. In addition, many exchanges such as NASDAQ or Archipelago, for example, never had a physical trading floor but only operate electronically.
As these numbers show, floor trading is losing more and more volume to electronic trading; the trend is certainly set raising the question of how this technological change has spatially transformed the financial market. How and where do electronic traders operate today? And what are the implications for cities?
In the following article, I will explore these questions beginning with a brief introduction about early forms of exchanges and their presence in cities. This is followed by a number of examples about typical processes on both physical trading floors and electronic trading rooms. In the final section, I will conclude with a discussion about chances and challenges for cities.
Early Exchanges and their Presence in Cities
Financial exchanges are one of the oldest institutions in cities. Early forms of exchanges presumably date back to transnational trade markets and trade fairs in the Middle Ages where merchants would gather together at regular intervals to trade goods and commodities, exchange economic information, and speculate about future prices, supply and demand. During these fairs and markets, they would also fix currency exchange rates, determine interest rates for loans and sell insurances for prospective goods. These trade and trading activities gradually evolved into its own institution outside the trade markets and trade fairs resulting into institutionalized exchanges. In Europe, the Brugge Exchange and the Antwerp Exchange, founded in 1409 and 1485 respectively, are considered to be the first exchanges operating under the specific name and function of an exchange. Many major cities followed their example and also established exchanges in the centuries thereafter, such as in Lyon (1540), Frankfurt (1585), and Amsterdam (1608).
Traditionally, exchanges were located at strategic sites such as cities with shipping ports, major transportation routes or trade fairs and trade markets. They highly depended on the density of people and businesses, and consequently, chose prime locations in the city. Similar to cathedrals and city halls, for example, exchange buildings formed a key element of the urban fabric functioning not only as an economic and financial centre but also as a local identity in the city.
Especially during the 19th century, the importance of exchanges in cities and their prominence in the urban landscape increased. Due to industrialization, companies were in great demand of raising capital for new industries, and exchanges were able to address their needs fostering wealth and prosperity in the city. In order to meet the increase of trading activities on the floor, many new exchange buildings were built or existing exchange buildings extended during this particular period. Simultaneously, the architectural expression of exchange buildings also transformed becoming more monumental and prominent in the city. They reflected the new power and self-confidence of the new capitalist middle class which had emancipated itself from the feudal structures and prospered during the industrialization. As a result, exchanges became more prestigious and elaborate gaining equal importance in the city like major public buildings.
In sum, traditional exchanges and cities enormously profited from each other's presence in the 19th century. Exchanges relied on the density and diversity of the city, while cities gained prestigious and wealthy institutions with the existence of exchanges. How did this mutual benefit shift with the rise of information technology and globalization? A closer look at the communication structure and the spatial configuration of both floor trading and electronic trading shall provide a first approach for this question.
Floor Trading
At physical exchanges, trading is regulated by exact trading hours and limited within the perimeters of the trading floor concentrating all market participants physically and temporally. Traders assemble face-to-face on the trading floor shouting and hand-signaling their bids and offers to each other. Prices and order sizes are the key information for floor traders but in addition to these abstract numbers, they also look for 'ambient' information from visual and acoustic cues such as noise level, crowds and movements on the floor to evaluate the overall market situation. Empirical studies on noise level, for example, have shown that increases in noise level correlate with higher volatility providing important trading signals.
In addition, traders can quickly identify who is placing an order. At some exchanges, traders also wear differently coloured jackets with company names printed on it which make it easy to track the order back to the company, even when traders do not know each other personally. Knowing where orders come from is important information which can help to anticipate potential price movements. If a large investment bank, for example, places an order, it is very likely that the order will be relatively large, and, therefore, have great impact on the market price. Traders, therefore, are on the alert and can adjust their positions accordingly. Orders which are placed in the electronic market, however, are anonymous and give no indications which firm is behind the order.
Because products are strongly interconnected and often follow trends, traders also pay attention of how related products are performing. On the floor, trading pits of these products are often in close proximity to each other, and, therefore, easy to watch and overhear. Traders in one pit, therefore, can see and hear what is happening in other pits. This type of information is very valuable for traders to adjust their risk positions.
Furthermore, floor trading generates a group dynamic where a limited number of 'leaders' will drive the actual market price. These key players basically set the benchmark, and the rest of the traders can place their bids and offers within a spectrum of this benchmark. Traders, therefore, closely observe these leaders and use their movements as indicators for the overall market situation.
To sum it up, on the trading floor, knowledge is not only represented in explicit forms such as prices, orders and market data but is also embedded in the physical presence and practices of the market participants. These visual and acoustical cues provide an important context to assess the market, and implicitly signal opportunities and warnings to traders in a market of great dynamics. Because floor trading bounds traders to a physical place traditional exchanges define with their location where traders operate, and, therefore, keep market participants close to the city centre.
Electronic Trading
Today, however, electronic exchanges allow traders to participate in market activities in real time without the need to be physically present at the same place. Traders have direct access to market data and trading platforms worldwide communicating via face-to-screen interaction. These transformations have made the financial market more efficient in terms of speed and capacity but at the same time, they have simultaneously caused new challenges for traders.
As trading technology and financial products become more complex, trading does not only demand economic and financial understanding but also relies on technical knowledge and skills combined with efficient hardware and software solutions. Some traders compare the transformation from floor trading to electronic trading with a change from driving a regular car to driving a racing car. Someone who is experienced to drive a regular car is not necessarily able to drive the Formula 1 with a racing car. Technology, speed and course are much more complex and time-sensitive making a change from one to the other extremely difficult.
Similar to Formula 1 drivers, traders are central but not the only actors in electronic trading highly depending on specialists. Traders and engineers need to collaborate with each other constantly exchanging ideas and knowledge. Especially proprietary trading systems are very sensitive, and, therefore, require much higher maintenance than off-the-shelf solutions. Hence, traders often work closely together with IT developers and financial engineers in a face-to-face setting to allow fast communication.
The second challenge for electronic traders results from the exponential growth of digital information. Easier market access, lower transaction costs and better technology have generated an abundance of market data making it necessary to filter relevant information electronically. The development of automated trading signals, therefore, has become standard in many fields, demanding a close collaboration between traders, analysts and engineers. Especially in algorithmic trading, where speed and complexity are extremely critical, constant feedback between those who develop the system and those who operate it is very important. In order to communicate and fix complex problems without time delay, traders, analysts and engineers often sit in close physical proximity to each other.
Another challenge for electronic trading is the type of information available on the screen. Unlike on the trading floor where noise level, body language and crowd movements provide ambient information, electronic trading systems only generate information in abstract numbers. Technology can efficiently transfer digital market data but it cannot replicate the complex knowledge communication of the trading floor. Traders, therefore, have to learn to interpret the market without the permanent social interaction of other market participants.
Instead, they have to rely primarily on close collaboration within their own company. For assessing the market, they must develop new trading strategies as a team, contextualize news and numbers, and constantly share comments and alerts with each other. In this process, the trading room transforms into a new type of knowledge space where traders and their teams use both electronic and physical communication sources. They monitor the market via the screen, and simultaneously assess their individual observations face-to-face with their co-workers. For this, they collaborate both organizationally and spatially.
Trading rooms are typically organized in open plan offices where trading desks are arranged with maximum density allowing them to see and hear as many co-workers as possible. Seating positions and configurations are often carefully orchestrated fostering close collaboration within teams, and additionally, between teams with interdependent products. In general, good sightlines and acoustics are considered to be one of the most important features of trading room design.
For the filtering and interpretation process of market data, trading rooms seek for people from different disciplines and experiences. These highly skilled people need to make their own decisions independently but integrate themselves easily into teams at the same time. Communication has to be fast and transparent requiring flat hierarchies and organizational diversity.
To summarize, electronic trading can technically be operated from any location worldwide but this does not mean that traders can work isolated without any personal interaction. The increase in information technology has created complex trading mechanisms which require close collaboration between traders and many specialists. For cities, this implies both chances and challenges.
Chances and Challenges for Cities
Most researchers agree today that information technology has made financial markets not less but rather more concentrated in the urban environment. The development of cities such as New York, London and Tokyo suggests that technology itself may have made processes more flexible but at the same time, also more dependent on human capital and specialized services. The access to highly skilled people and innovative businesses requires the creative environment of the city where universities, major financial institutions but also competitors are concentrated. Many talented people are attracted by the diversity of the city, and, therefore, trading firms need to be located close by to reach these high potentials.
Cities have the advantage of extensive transportation infrastructure connecting many people conveniently. These are not only significant for those who commute daily but also for those who are globally engaged and require regular face-to-face meetings in different locations worldwide. Airports, train stations and local transportation hubs are strategic sites, especially for trading rooms which need to physically concentrate a large group of people and hardly engage in telework.
In addition, firms which trade for clients such as brokerage houses and investment banks need to be in close proximity to the city. Business relationships cannot be fostered by electronic communication only but must highly invest in personal interaction and commitment. Social events such as lunches, parties and conferences, for example, provide important opportunities to exchange market information informally and intensify business networks. Beyond pure orders and abstract numbers, brokers and clients interact personally with each other, and the city centre with its variety of social places such as restaurants, clubs and public venues is a strategic location for informal communication. Therefore, many trading firms which provide services for clients will continue to depend on prime locations in the city centre because of its dense social infrastructure.
And finally, the trend of quantitative finance and algorithmic trading in particular has made trading extremely time-critical. Unlike on the physical trading floor where social networks dominate the trading activities and can distort fair competition, electronic trading operates solely on the principle "first come, first serve". Traders, therefore, rigorously compete for their own orders to reach the exchange servers first for fastest execution. Efficient hardware and software can support the speed but the actual physical distance to the telecommunication hub of the exchange still plays a major role for time-critical trading strategies. Due to modern technology, orders can be executed in milliseconds but the prevailing matching mechanisms technically provide a slight advantage to firms which are located closer to the host of the exchange. Their orders need to travel a shorter distance from the company server to the exchange host, and, therefore, their orders will arrive there milliseconds before those of their competitors. This may be only a minimal time delay but for those firms, which have time-critical trading strategies and automate trading signals and order execution, this difference matters enormously, and, therefore, the location of the servers is very important. Locations close to exchanges, therefore, are not only chosen for business relationships but also for technical reasons. For many trading firms which engage in time-critical trading strategies, the city center and its close proximity to the exchange is still the preferred location for trading effectively. Against this background, some exchanges are even discussing to offer spaces inside the exchange building for locating servers of their members. All these above cases, however, reflect only part of the truth. For cities, electronic trading means also a challenge, and a number of trading firms will not necessarily need the density of the city centre.
In some organizations, real estate factors will simply drive the decision for or against cities. As mentioned before, sightlines and acoustics are of great importance for better communication in trading rooms and firms require large, preferably column-free, open plan offices where they can fit as many traders and engineers as possible on one floor. Often these large office spaces are not available in the dense city centre, and, therefore, they decide to move into the suburbs where more opportunities exist to build custom-designed trading rooms which exactly fit their needs. Trading rooms such as UBS in Stamford (Connecticut), for example, fit about 2.000 trading positions onto one floor which can simply not be put into practice in the density of New York City. For these firms, physical concentration is extremely important – but less within the macrostructure of the city but more within the microstructure in the firm.
Also, firms which focus less on time-critical trading strategies may choose to locate outside the city. For them, being closer to the telecommunication hubs of exchanges is not critical, and, therefore, there is no necessity to be located in the city where rents are higher and commuting more time-intensive. For them, locations in the suburbs with a good transportation connection for occasional visits into the city provide a good alternative. Especially those firms which do not trade for clients but with their own capital and additionally have access to in-house specialists can be more independent from locations in the city.
Often privacy factors are also reasons why firms prefer the remoteness of the suburbs, as with many Hedge Funds. The density of the city means better access and better communication sources but this may also include those to and from competitors. Certain trading firms may not prefer this degree of transparency and consequently move outside the city centre to protect their privacy.
To conclude, information technology and globalization have significantly changed trading processes in the financial industry. This has produced a number of new actors in the field and a variety of new possibilities of trading strategies. Are cities still important places for electronic markets? Yes. They continue to be important strategic sites in the global financial market centralizing technology, infrastructure and human capital. As we have seen, many firms still highly depend on this density and diversity, and, therefore, concentrate their trading rooms in the city. Although the traditional marketplace has vanished, it has not resulted in the end of urbanization but has rather redefined key parameters of the city such as physical distance, social infrastructure and creative collaboration. However, we must differentiate more clearly between different types of trading firms, their trading concepts and related organizational and spatial needs to better understand the complex fabric of electronic markets. We will find that in addition to the large number of firms which are directly located in the city centre, there are also several firms which do not need prime locations in the city. This, however, does not mean that they do not need cities at all. Cities will continue to be central to electronic markets, and the microstructure of trading rooms will drive the decision for the specific location.
Pe-Ru Tsen is a Ph.D. student in Architecture at Dresden University of Technology and a Fellow at the Transatlantic Graduate Research Program Berlin – New York and the Center for Metropolitan Studies in Berlin. She is interested in the effects of information technology and globalization on knowledge-intensive industries, and focuses on the financial industry as example. E-Mail: pe-ru.tsen@metropolitanstudies.de
Recommended Literature:
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Beunza, Daniel; Stark, David, How to Recognize Opportunities: Heterarchical Search in a Trading Room, in: Knorr Cetina, Karin; Preda, Alex (Hgg.), The Sociology of Financial Markets, Oxford 2005.
Castells, Manuel, The Rise of the Network Society, Oxford 2000.
Coval, Joshua; Shumway, Tyler, Is Sound just Noise?, in: Journal of Finance 56 (2001), S. 1887-1910.
Davidsen, Judith, Trading Desks, Interior Design February 1990.
Goldinger, Heiner, Rituale und Symbole der Börse, Münster 2002.
Knorr Cetina, Karin and Bruegger, Urs, Global Microstructures: The Virtual Societies of Financial Markets, in: American Journal of Sociology 107 (2002), 4, S. 905-950.
Meseure, Sonja A., Die Architektur der Antwerpener Börse und der europäische Börsenbau im 19. Jahrhundert, München 1998.
Buck, James E., The New York Stock Exchange: The First 200 Years. Lyme/Conn. 1992.
Phillips, James G.; Strauss, Frederic M., Trading Up, Contract Design July 1994.
Sassen, Saskia, The Global City: New York, London, Tokyo, Princeton 2001.
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Tamarkin, Bob, The Merc: the Emergence of a Global Financial Powerhouse, New York 1993.
Tsen, Pe-Ru, Globale Wissensräume des Finanzmarktes, Tagungsband zum 52. Kongress der Gesellschaft für Arbeitswissenschaft ‚Innovationen für Arbeit und Organisation', Stuttgart 2006.
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Ein neuer Stadttypus in der Wissensgesellschaft Die amalgame Stadt der kreativen Milieus Oliver Frey In den letzten Jahren
[1]
ist in der wissenschaftlichen Literatur verstärkt von kreativen Eigenschaften der Städte die Rede: "Creative City"
[2]
, "Cultural Industries"
[3]
, "Creative Industries"
[4]
, "Milieux Innovateurs"
[5]
oder "creative class"
[6]
sind einige der Begriffsverbindungen von Kreativität und städtischer Lebenswelt. Die zugespitzte Diagnose lautet, dass insbesondere die urbanen innerstädtischen Bereiche spezifische Bedingungen für kreative Innovationen in der Wissens- und Kulturproduktion bereitstellen und sich dort neue Formen sozialer Vergemeinschaftung im Sinne einer neuen Regulation von Arbeits- und Lebensformen herauskristallisieren. Dieses Potenzial der Städte in einer Wissensgesellschaft könnte zu einer "Renaissance der Stadt"
[7]
beitragen. Jene Wirtschaftszweige, die verstärkt kulturelle Wissensformen einbinden, sind zum Hoffnungsträger städtischer Ökonomien geworden. Mit Begriffen wie "Kreativwirtschaft", "Creative Industries", "Cultural Economy" wird ein neues Verschmelzen von Kultur und Ökonomie bezeichnet, das neue Produkte sowie neue Arbeits- und Lebensorganisationen hervorbringt. Dabei stellen "Kulturwirtschaft" oder "Kreativwirtschaft" einen zentralen Bereich städtischer Wachstumsstrategien dar.
[8]
Die Akteure/innen in diesem ökonomischen Bereich erproben neue Formen der raumzeitlichen Organisation von Arbeit und Leben und praktizieren neue Formen sozialräumlicher Wiedereinbettung. In ihrer gesellschaftlichen Rolle als "Pioniere" stellen sie ein Erprobungsfeld für neue gesellschaftliche Organisationsformen dar. In der Forschung und Literatur zur zukünftigen städtischen Entwicklung stehen die Bedeutung dieser Akteure/innen und ihre lokalen Wissens- und Organisationskulturen mit ihrer räumlichen Eingebundenheit im Vordergrund.
Dies wurde nicht immer so gesehen. Noch vor kurzem gab es breit angelegte Diskussionen um das "Verschwinden der Städte" oder das "Ende der Stadt".
[9]
Mit dem Bezug auf die Loslösung traditioneller Raumstrukturen in Gesellschaft und Stadt wurde zum einen die Verschmelzung städtischer und suburbaner Strukturen mit Begriffen wie "Zwischenstadt"
[10]
, "Edge City"
[11]
, "dritte Stadt"
[12]
, "Netzstadt"
[13]
, "Generic City"
[14]
, oder im Zuge der Digitalisierung als "digitale Stadt"
[15]
oder "City of bits"
[16]
bezeichnet. In allen diesen neuen Stadtmodellen werden Leitbilder der Siedlungsentwicklung formuliert, die den soziologischen Diagnosen gesellschaftlicher Umbrüche Rechnung tragen. Sie beschreiben eine neue Formation räumlicher Strukturen, die wahlweise einen stärkeren Akzent auf räumliche Entankerungen sozialer, ökonomischer und baulicher Strukturen in der Siedlungsorganisation legen, indem hybride Verflechtungen und Verschmelzungen zwischen Region, Landschaft und Stadt aufgezeigt werden, oder es wird betont, dass die Herausbildung neuer Organisationsformen für soziale Ordnungen und Lebenswelten auch neue Strukturen der Siedlungsweise nach sich ziehen.
Im vorliegenden Beitrag soll diesen Stadttypen das Modell einer "amalgamen Stadt" gegenübergestellt werden, in welchem das Modell der "europäischen Stadt"
[17]
Zukunft hat: Diese liegt in der Anerkennung der Gleichzeitigkeit von Brüchen und Kontinuitäten der städtischen Entwicklung, von Kräften der Auflösung städtischer Raum- und Entwicklungsmuster und gleichzeitigen Tendenzen einer Stärkung spezifischer städtischer Raumidentitäten.
Stadtmodelle im Verhältnis von Milieu und Raum
Drei idealtypische Modelle lassen sich als gängige Muster der Stadtsoziologie zur Beschreibung des Verhältnisses zwischen Sozialräumen und Milieukonzepten ausmachen: das Modell der "gespaltenen Stadt", das in der Tradition der Segregationsforschung der Chicagoer Schule ein tendenziell homogenes Verständnis der Einheit von Raumstrukturen und den bedingenden Sozialstrukturen zugrunde legt; das Modell einer ausdifferenzierten sozialräumlichen Struktur, bei der es zur Überlagerung und dem Nebeneinander von Milieu- und Raumstrukturen kommt; das Modell der "Netzwerkstadt", dem der Gedanke zugrunde liegt, dass sich Raumbindungen von Milieus zunehmend auflösen und sich in szenenartige Vernetzungen innerhalb einer Stadtregion verwandeln. Diesen Modellen soll die "amalgame Stadt des Loft-Working" an die Seite gestellt werden, die eine Kombination der vorangestellten Modelle darstellt und einen eigenen Forschungsansatz beschreibt, der in empirischen Untersuchungen in Wien zugrunde gelegt wurde.
"Die gespaltene Stadt" oder: der Behälter für homogene Lebensstile
Mit dem Modell der gespaltenen Stadt wird zum Ausdruck gebracht, dass in der gegenwärtigen Stadtentwicklung sich die sozialräumliche Spaltung in Wohnquartiere ärmerer Bevölkerungsgruppen und reicherer Einkommensklassen verschärft.
[18]
In diesem Konzept wird eine territoriale Abgrenzung vorgenommen, die eine geografische Einheit hervorbringt und so die räumliche Verfasstheit sozialen Handelns und Verhaltens von Individuen beschreibt. Die territoriale Grenzziehung dient diesem Modell dazu, eine soziale Vergemeinschaftungspraxis innerhalb dieser abgegrenzten Gebiete und Nachbarschaften zu verorten. Dort finden in einem begrenzten Territorium soziale Prozesse eine Richtung, die in dem sozial-räumlichen Milieu ähnliche Lebensweisen und Mentalitäten hervorbringen. Milieu und Territorium werden so zu einer Einheit. Ausgangspunkt dieses Modells der sozialen Vergemeinschaftung liegt in der Chicagoer Schule und ihren Theorien zur residenziellen Segregation. Robert E. Park, der Gründungsvater der Segregationstheorie, konstatierte einen Zusammenhang zwischen der geografischen Lage von Wohnstandorten im Stadtgebiet und der sozialen Distanz von Menschen. Seine These lautet, dass innerhalb der Grenzen eines "natürlichen" Gebietes (natural area) homogene Sozialstrukturmerkmale der Bewohnergruppen zu finden sind. Er schreibt: "There are forces at work – within the limits of the urban community within the limits of any natural area of human habitation, in fact – which tend to bring about an orderly and typical grouping of its population and institutions".
[19]
Die Herausbildung dieses Milieus wird überwiegend durch den Wohnstandort definiert, woraus resultiert, dass die residenzielle Segregation nach Wohnstandorten der Indikator für soziale Segregation wird bzw. für eine Übertragung sozialer Ungleichheit in den städtischen Raum.
[20]
| 
| | | Abb. 1: Modell einer gespaltenen Stadt (© Oliver Frey, 2006) | |
"Die ausdifferenzierte Stadt" oder: Heterogenisierung von Milieus
In diesem Konzept wird das Quartier als Sozialraum ausdifferenziert in der Art und Weise, dass in einem konkreten Stadtviertel unterschiedliche Milieus existieren können. Dadurch entstehen unterschiedliche Sozialräume, "die (im Wohngebiet) durch ihr Nebeneinander an einem Ort verbunden sind, ohne jedoch eine lokale Kultur oder Gemeinschaft zu erzeugen".
[21]
Dieses Verständnis trägt der Koexistenz von Milieus Rechnung, die sich an konkreten Orten oder Plätzen überlagern oder auch unverbunden miteinander in Zusammenhang stehen. In diesem Modell löst sich die Einheit des Territoriums der Stadt etwas auf und fragmentiert sich in unterschiedliche sozialräumliche Einheiten. Es bilden sich Nachbarschaften heraus, die inselhaft im städtischen Raum liegen, sich eventuell überlagern oder nebeneinander gleichzeitig existieren.
[22]
Der Ausdifferenzierung von Milieus und sozialräumlichen Lebensstilen wird hier Rechnung getragen, indem die Stadt keine umfassende sozialräumliche Einheit mehr bildet.
| 
| | | Abb. 2: Modell einer "Ausdifferenzierung von Milieus" (© Oliver Frey, 2006) | |
"Die Netzwerkstadt" oder: die räumlich entbetteten Sozialstrukturen
In diesem Konzept wird die These vertreten, dass das Quartier als ein territorialer Bezug von Vergemeinschaftung an Bedeutung verloren hat. Durch gestiegene Mobilität, neue Informations- und Kommunikationsmedien im Kontext einer Individualisierung von Lebensstilen und einer Heterogenisierung sowie Ausdifferenzierung von milieubildenden Werthaltungen büßt die Prägung des Wohnquartieres für das soziale Milieu an Bedeutung ein. Schulze formuliert das im Sinne seiner "Erlebnisgesellschaft" folgendermaßen: "Die Bodenhaftung sozialer Milieus ist weitgehend verloren gegangen, ohne dass die Milieus selbst verschwunden wären, wie es die traditionelle Vorstellung nahe legt".
[23]
Die Bedeutung des Raumes als Umgebung sieht Schulze schwinden und konstatiert dagegen, dass der Raum zur Szenerie wird. Die Umgebung wird dabei auf den konkreten Ort reduziert, der als Treffpunkt und Schauplatz von Szenen eine größere Bedeutung erhält. Diese szenischen Orte werden in ihrer räumlichen Ausdehnung als gering und in ihrer zeitlichen Kontinuität als fragil beschrieben. Die sozialräumliche Beziehung zwischen szenischem Ort und Individuum ist durch eine Flüchtigkeit gekennzeichnet. Szenen unterscheiden sich von Milieustrukturen in ihrer Vergemeinschaftungspraxis durch eher flexiblere und geringere Binnenkommunikationen, da sie eher temporären Verräumlichungen von begrenzter Zeitdauer unterliegen. Der losgelöste Ort ist eher Gegenstand einer affektiven spielerischen "Politik der Aufmerksamkeit".
[24]
Die spezifische Ortspolitik besteht darin, dass "soziale Zugehörigkeit neu verhandelt wird".
[25]
Das Modell der "Netzwerkstadt" überlagert flexible Netze, die Knoten und Linien bilden. Sieverts beschreibt das Städtesystem als ein Netz mit Knotenpunkten, bei dem die "hierarchische Baumstruktur"
[26]
verloren gegangen ist: "In einem solchen Netz können idealtypisch alle Teile gleichberechtigt sein, es gibt im Prinzip keine Hierarchie mehr: Jeder Teil der Stadt kann bestimmte zentrale, d.h. nur einmalig oder zumindest nicht ubiquitär (allerorten) auftretende Aufgaben übernehmen, in anderer Hinsicht aber durchaus ubiquitäre Allerweltseigenschaften behalten".
[27]
Das Modell der Netzstadt ist ungerichtet und erstreckt sich in die Stadtregion hinaus. Dieser Netzwerkraum hat keine festen Hierarchien mehr und somit fehlt auch die Zentralität eines bestimmten Standortes. Auf diesen Gedanken baut auch das Modell der "Zwischenstadt" von Sieverts auf, das eine diffuse und ungeordnete Struktur ganz unterschiedlicher Sozialräume in der Stadtregion konstatiert. Die Verbindungsnetze verweben die unterschiedlichen Lebenswelten zu einem neuen Ordnungsmuster des Städtischen.
| 
| | | Abb. 3: Modell einer "Netzstadt" (© Oliver Frey, 2006) | |
Das Modell einer "amalgamen Stadt"
Unter einer Amalgamation versteht man die Vermischung und Verschmelzung verschiedener Elemente (griech. "malagma" für "das Erweichende", von arab. "amal al-gima", der Akt der körperlichen Vereinigung). In dem Konzept der "amalgamen Stadt" bezeichnet der Prozess der Amalgamation zum einen die Ineinanderverwobenheit und somit die Verschmelzung von baulich-manifesten Strukturen eines Ortes mit den sozial-psychischen Strukturen des sozialen Raumes. Das Konzept einer "amalgamen Stadt" zielt darauf ab, dass ein Gemenge und eine Mischung von unterschiedlichen Orten (jeweils als Ausdruck der Wechselbeziehung zwischen Sozialer Welt und physischen Dingen verstanden) den stadträumlichen Nutzungs-, Wahrnehmungs- und Lebensraum bilden.
Hiermit soll verdeutlicht werden, dass in den gegenwärtigen Metropolen eine Diversität von Kulturen und Lebensweisen vorhanden ist, die in ihrer Amalgamation etwas Neues hervorbringen.
Die Aneignungstrategien dieser Orte lassen sich als einen "konkreten Urbanismus"
[28]
bezeichnen; die Bindungskraft von bestimmten Orten nimmt ab, zu anderen Orten entstehen flexible, nicht starre Beziehungsmuster. Aus einigen temporär genutzten Orten werden im Laufe der Zeit beständige Nutzungen. Die Strategien und Maßnahmen der Stadtplanung müssen dementsprechend wirksam abgeschätzt werden, denn die Zusammenhänge von Orten und ihre jeweiligen Kontextbeziehungen werden zunehmend wichtiger. Für die Folgenabschätzung bieten sich Methoden der Szenariotechnik an.
[29]
Herausforderungen an die Stadtplanung bestehen darin, ein Minimum an behutsamer vorausschauender Planung sowie eine Folgenabschätzung bei den Projekten vorzunehmen.
Über konkrete Lokalitäten verknüpfen sich die ortsgebundenen Netzwerke zu einem Raum der "kreativen Milieus". In den neueren Forschungsarbeiten zu Milieustrukturen und ihrer räumlichen Einbettung werden zahlreiche verschieden gelagerte Milieukonzeptionen entwickelt.
[30]
Die Konzepte der "innovativen Milieus"
[31]
, der "Wohnmilieus"
[32]
, der "Wissensmilieus"
[33]
und des "creative milieu"
[34]
haben gemeinsam, dass sie
a) über eine Dichte von informell-sozialen Beziehungen verfügen, die nach innen gerichtet ist und
b) über spezifische Formen der Zusammengehörigkeit und eine verbindende Identität sich nach außen abgrenzen und
c) über konkrete Orte und Räume die je spezifischen Formen der Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung herstellen.
Matthiesen betont in einer Milieudefinition die Homogenität der Interaktionsformen, die somit auch stabile Ein- und Ausschlusskriterien nach sich ziehen: "Unter Milieus verstehen wir relativ homogene Interaktionsformen mit erhöhter Binnenkommunikation, die zugleich durch ein zumindest implizites Milieu-Wissen um gemeinsame Praxisformen geprägt sind".
[35]
Die Weiterentwicklung zu Wissensmilieus bezeichnet in der Folge "Interaktionsnetze, die prägnante Koppelungen von Wissenstypen entwickeln" und die in ihrer "Lebensführung durch wissensbasierte Handlungsfelder geprägt sind".
[36]
Die Groupe de Recherche Européen sur les Milieux Innovateurs (GREMI) hat in zahlreichen Forschungsarbeiten seit den 1980er Jahren das Konzept des "innovativen Milieus" im Rahmen von regionalen Unternehmensnetzwerken entwickelt und ausdifferenziert. Die "innovativen Milieus" zeichnen sich durch spezifische lokale Ressourcen aus, die a) in der kulturellen Identität des Ortes liegen, b) durch Lernprozesse im Rahmen heterogener sozialer Kontakte stattfinden und c) durch ein Zusammengehörigkeitsgefühl und ein Image eine ortsgebundene Identität schaffen.
[37]
Sie zeigt dies für "kreative Milieus" in New York City). Camagni beschreibt dies als "the set or the complex network of mainly informal social relationships on a limited geographical area often determining a specific external 'image' and a specific internal 'representation' and sense of belonging, which enhance the local innovative capability through synergetic and collective learning processes."
[38]
Auch Charles Landry beschreibt in seiner Definition des "kreativen Milieus" den Zusammenhang zwischen Innovation, Kreativität und sozialräumlichen Milieustrukturen. Als Bedingung für die Entstehung solcher innovativer und kreativer Prozesse innerhalb eines Milieus werden von ihm auch explizit die räumlichen Konstellationen des Ortes benannt: "A creative milieu is a place – either a cluster of buildings, a part of a city, a city as a whole or a region – that contains the necessary preconditions in terms of 'hard' and 'soft' infrastructure to generate a flow of ideas and inventions. Such a milieu is a physical setting where a critical mass of entrepreneurs, intellectuals, social activists, artists, administrators, power brokers or students can operate in an open-minded, cosmopolitan context and where face to face interaction create new ideas, artefacts, products, services and institutions and as a consequence contributes to economic success".
[39]
Für die Etablierung und Entwicklung eines "kreativen Milieus" ist Voraussetzung, dass die je spezifischen Ressourcen des Milieus sichtbar und nutzbar werden. Das Modell einer "amalgamen Stadt" ist damit kein verallgemeinerbares Stadtmodell, sondern speziell für die Analyse der neuen raumstrukturellen Verteilungsmuster innerhalb der innovativen, ortsgebundenen Netzwerke der "kreativen Milieus" konzipiert. Die Bedeutung der Nachbarschaft oder des Stadtteils wächst und wird im Hinblick auf die Rolle des Arbeitsortes im Sinne des "Loft-Working" für neue raumzeitliche Nachbarschaftseffekte untersucht. Im Gegensatz zu den traditionellen Segregationsforschungen, die den Wohnort als Merkmal ungleicher Raum- und Sozialstrukturen ins Blickfeld nehmen, richtet sich der Blick in dem Modell der "amalgamen Stadt" in verstärktem Maße auf die Zentralität von Arbeitsorganisation und Arbeitsumfeld als Angelpunkte für die raumzeitliche Strukturierung des städtischen Raumes. In dem Konzept findet eine Auffächerung des Sozialraumes statt, da die ortsgebundenen Netzwerke nicht nur in unmittelbarer Nachbarschaft wirksam werden, sondern über das Quartier und die Stadt hinaus transstädtische Milieustrukturen ausbilden. Bei der Verknüpfung dieser verstreut gelegenen Orte entsteht ein amalgamierter Zusammenhang aus Mischungen und Gemengelagen, der im Sinne einer Syntheseleistung und des Spacings
[40]
einen abstrakten Raum konstruiert. Bei dieser Konstruktionsleistung durch das Handeln und Verhalten der Akteure/innen spielen die symbolischen Codierungen und die materielle Dinglichkeit der Orte eine entscheidende Rolle. Die Einheit von territorialem Raum und Milieustrukturen löst sich in hybride Mischungen auf und lässt Fragmentierungen von Räumen und sozialem Handeln zu.
| 
| | | Abb. 4: Modell einer "amalgamen Stadt" (© Oliver Frey, 2006) | |
Das Leitbild der "amalgamen Stadt" ist keine allgemeine Beschreibung einer städtischen Entwicklung oder eines Zustandes. Vielmehr kann für eine Gruppe von Stadtbewohnern/innen, nämlich den Akteuren/innen des "kreativen Milieus", ein Modell der städtischen Nutzung und Verknüpfung von städtischen Räumen vorgeschlagen werden. Ein zentraler Bestandteil des Modells ist eine akteurszentrierte Sichtweise auf die Nutzungen des städtischen Raumes, der von einem Ort ausgeht, der stärker prägt als andere Orte des Aktionsraumes, nämlich dem Arbeitsplatz.
Dieser neue Stadttypus, der die stadtstrukturellen Verflechtungen und Gemengelagen zwischen baulich-physischen Ressourcen des Ortes und den sozialen Räumen, zwischen den Ressourcen der Netzwerke und Szenen stärker ins Blickfeld rückt, stellt neue Herausforderungen an die herkömmlichen Instrumente der Stadtplanung: Wie können diese kreativen Ortsressourcen mit ihren Netzwerken in der "amalgamen Stadt" geplant und gesteuert werden? Ist es nicht eher möglich durch Instrumente des "Nicht-Planens", die eine Verabschiedung vom umfassenden Planungsverständnis erfordern, die Eigenlogiken und Eigendynamiken der Orte und ihrer Nutzer/innen zu fördern? Dies bedeutet sicher nicht eine "Laissez-faire" Mentalität im Sinne des Überlassens der Eigenlogik des "freien" Marktes zu verfolgen; im Gegenteil erfordert es eine Förderung von Eigeninitiative der kreativen Milieus und der endogenen Ressourcen der ortsbezogenen kontextabhängigen Netzwerk- und Milieustrukturen.
Oliver Frey, Dipl.-Ing. Mag., arbeitet seit 2000 im Department für Raumentwicklung, Infrastruktur- und Umweltplanung, Fachbereich Soziologie an der Technischen Universität Wien als Universitätsassistent. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind: Instrumente und Methoden der Stadterneuerung, Empirische Sozialforschung und qualitative Methoden, Stadtsoziologie, Raumtheorien, Planungstheorie, Kreative Milieus und Creative Industries. E-Mail: Oliver.frey@tuwien.ac.at
Literaturempfehlungen:
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[1] Der vorliegende Beitrag für H-Soz-u-Kult ist im Rahmen des RTN-UrbEurope Netzwerkes entstanden und fasst die ersten Forschungsergebnisse im Rahmen meiner Dissertation an der TU Wien zusammen.
[2] Landry, Charles, The Creative City. A Toolkit for Urban Innovators, London 2000.
[3] Wynne, Derek, The Culture Industry: Arts in Urban Regeneration, Avebury 1992.
[4] O`Connor, Justin, The Definition of "Cultural Industries" 1999, vgl. <http://www.mipc.mmu.ac.uk> (23.08.2006).
[5] Aydalot, Philippe, Milieux Innovateurs en Europe, Paris 1986.
[6] Florida, Richard, The Creative Class, 2002, vgl. <http://www.creativeclass.com> (23.08.2006).
[7] Läpple, Dieter, Thesen zu einer Renaissance der Stadt in der Wissensgesellschaft, in: Gestring, Norbert; Glasauer, Herbert; Hannemann, Christine; Petrowsky, Werner; Pohlan, Jörg (Hgg.), Jahrbuch StadtRegion 2003, Opladen 2004, S. 61-77.
[8] Vgl. Kunzmann, Klaus R., Cultural Industries and Urban Economic Development, in: Art Today, 135 (2003), S. 162-167.
[9] Touraine, Alain, Das Ende der Städte?, in: Die Zeit, 31.05.1996, S. 24.
[10] Sieverts, Thomas, Zwischenstadt. Zwischen Ort und Welt, Raum und Zeit, Stadt und Land, Braunschweig 1997.
[11] Garreau, Joel, Edge City. Life on the New Frontier, New York 1991.
[12] Hoffmann-Axthelm, Dieter, Die dritte Stadt, Frankfurt am Main 1993.
[13] Oswald, Franz; Baccini, Peter; Michaeli, Meli, Netzstadt. Einführung zum Stadtentwerfen, Birkhäuser 2003.
[14] Koolhaas, Rem, The Generic City, in: Ders., S M L XL, Rotterdam 1995.
[15] Rötzer, Florian, Telepolis. Urbanität im digitalen Zeitalter, Mannheim 1995.
[16] Mitchell, William J., City of Bits. Space, Place and the Infobahn, Cambridge 1995.
[17] Vgl. Siebel, Walter (Hg.), Die europäische Stadt, Frankfurt am Main 2004.
[18] Vgl. Marcuse, Peter (1989): "Dual City": A Muddy Methaphor for a Quarted City, in: International Journal of Urban and Regional Research 13 (1989), S. 697-708; Häußermann, Hartmut; Siebel, Walter, Polarisierung der Städte und Politisierung der Kultur, in: Heinelt, Hubert; Wollman, Hellmut (Hgg.), Brennpunkt Stadt. Stadtpolitik und lokale Politikforschung in den 80er und 90er Jahren (Stadtforschung aktuell 31), Basel 1991, S. 353-370; Dangschat, Jens S., Modernisierte Stadt, gespaltene Gesellschaft. Ursachen von Armut und sozialer Ausgrenzung, Wiesbaden 1999.
[19] Park, Robert, Die Stadt als räumliche Struktur und als sittliche Ordnung, in: Atteslander, Peter; Hamm, Bernd (Hgg.): Materialien zur Siedlungssoziolgie, Köln 1974, S. 90-100.
[20] Vgl. Dangschat, Jens S., Lebensstile in der Stadt. Raumbezug und konkreter Ort von Lebensstilen und Lebensstilisierungen, in: Dangschat, Jens S.; Jörg Blasius (Hgg.), Lebensstile in den Städten, Opladen 1994, S. 335-354; Dangschat, Modernisierte Stadt (wie Anm. 18).
[21] Manderscheid, Katharina, Milieu, Urbanität und Raum. Soziale Prägung und Wirkung städtebaulicher Leitbilder und gebauter Räume, Wiesbaden 2004.
[22] Vgl. Zeiher, H., Organisation des Lebensraumes bei Großstadtkindern – Einheitlichkeit oder Verinselung?, in: Bertels, Lothar; Herlyn, Ulfert (Hgg.), Lebenslauf und Raumerfahrung, Opladen 1990, S. 35-58.
[23] Schulze, Gerhard, Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart, Frankfurt am Main 1992.
[24] Lange, Bastian, Culturepreneurs in Berlin: Orts- und Raumproduzenten von Szenen, in: Färber, Alexa (Hg.), Hotel Berlin. Berliner Blätter, Hamburg 2005, S. 53-64.
[25] Lange, Culturepreneurs (wie Anm. 24). Zur Unterschiedlichkeit der Vergemeinschaftungspraktiken in Ort und Zeit zwischen Milieus und Szenen vgl. Dangschat, Jens S., Creative Capital – Selbstorganisation zwischen zivilgesellschaftlichen Erfindungen und der Instrumentalisierung als Standortfaktor, in: Veröffentlichungen des 32. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, 2006 (im Druck).
[26] Sieverts, Zwischenstadt (wie Anm. 10).
[27] Ebd. zit. nach <http://www.netzwerkzeug.de/netzwerkzeug/hauptvernetzung.htm> (23.08.2006).
[28] Vgl. Frey, Oliver, Urbane öffentliche Räume als Aneignungsräume. Lernorte eines konkreten Urbanismus, in: Deinet, Ulrich; Reutlinger, Christian: Aneignung als Bildung in Zeiten entgrenzter Lernorte. Beiträge zum Bildungsverständnis der Sozialpädagogik, Wiesbaden 2004, S. 219-234.
[29] Vgl. Streich, Bernd, Stadtplanung in der Wissensgesellschaft. Ein Handbuch, Wiesbaden 2005.
[30] Vgl. Keim, Karl-Dieter, Milieu in der Stadt. Ein Konzept zur Analyse älterer Wohnquartiere. Stuttgart 1979; Matthiesen, Ulf (Hg.), Die Räume der Milieus: Neue Tendenzen in der sozial- und raumwissenschaftlichen Milieuforschung. In der Stadt- und Regionalplanung, Berlin 1998; Fromhold-Eisebith, Martina, Innovative Milieu and Social Capital – Complementary or Redundant Concepts of Colloboration-based Regional Development, in: European Planning Studies 12 (2004), S. 747-766.
[31] Vgl. Aydalot, Milieux Innovateurs (wie Anm. 5); Camagni, Roberto (Hg.), Innovation Networks: Spatial Perspectives, London 1991; Camagni, Roberto, The Concept of Innovative Milieu and Its Relevance for Public Policies in European Lagging Regions, in: Haynes, Kingsley E.; Button, Kenneth; Nijkamp, Peter; Qiangsheng, Li (Hgg.), Regional Dynamics, Bd. 2, Cheltenham 1996, S. 269-292.
[32] Staufenbiel, Fred, Magdeburg – Stadtentwicklung und Wohnmilieus. Soziologische Studie, Weimar 1987.
[33] Matthiesen, Ulf (Hg.), Stadtregion und Wissen. Analysen und Plädoyers für eine wissensbasierte Stadtpolitik, Wiesbaden 2004.
[34] Vgl. Hall, Peter, Cities in Civilization. Culture, Technology and Urban Order, London 1998; Landry, Charles, The Creative City. A Toolkit for Urban Innovators, London 2000; Florida, The Creative Class (wie Anm. 6).
[35] Matthiesen, Ulf (Hg.), Stadtregion und Wissen. Analysen und Plädoyers für eine wissensbasierte Stadtpolitik, Wiesbaden 2004, S. 77.
[36] Ebd.
[37] Vgl. Jakob, Doreen, It Don't Mean a Thing, If It Ain't Got That Swing. The Development of Intra-metropolitan Creative Industries Clusters. Paper presented at the International Conference: Urban Conditions and Life Changes, Amsterdam July 6th-8th 2006 Universiteit van Amsterdam, AMIDSt, Research and Training Network UrbEurope 2006.
[38] Camagni, Roberto, Local "Milieu", Uncertainty and Innovation Networks: Towards a New Dynamic Theory of Economic Space, in: Ders. (Hg.), Innovation Networks: Spatial Perspectives, London 1991.
[39] Landry, The Creative City (wie Anm. 34), S. 133.
[40] Löw, Martina, Raumsoziologie, Frankfurt am Main 2001.
Designing a Virtual Habitat Sinngenerierung in posturbanen Migrantenstädten am Beispiel Torontos Stefan Haas Der vorliegende Beitrag, der ein laufendes Forschungsvorhaben an der University of Toronto umschreibt, zielt auf die Frage, wie Menschen sich städtischen Raum aneignen und ihm individuellen wie sozialen Sinn verleihen. Paradigmatisches Feld sind dabei die Migranten/innen, da sie aufgrund ihrer Situation in einen dialogischen Prozess zwischen herkommender und aufnehmender Kultur eingebunden sind. Dass sich dieser Prozess der Signifikation entscheidend wandelt im Übergang von moderner zu postmoderner Metropolenbildung, stellt die These des Beitrags dar. Die Beschreibung dieses Übergangs von einer ethnischen Refugialität zu einer medial konstituierten Hybridität des Alltagslebens von Migranten/innen in nordamerikanischen Großstädten ist dabei, der Kürze der Sache geschuldet, zugespitzt.
Migration and the "End of Suburbia"
Im 19. Jahrhundert erreichten vor allem Schotten/innen, Deutsche und Ukrainer/innen Kanada und besiedelten die ländlichen Regionen im Norden Ontarios und in den Prärien. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts kamen Süd- und Osteuropäer/innen und ließen sich in Toronto nieder, wo die Viertel Greektown, Little Italy und Little Portugal noch heute von dieser Zeit erzählen. Nach dem Krieg waren es vielfach die Immigranten/innen aus den Ostblockstaaten, die nach Kanada kamen. Seit den 1990er Jahren sind es zunehmend Muslime, Sikhs oder Buddhisten, die in die kanadischen Städte kommen und die das traditionelle Religionsgefüge verändern. Nach der Bevölkerungszählung von 2001 war Toronto mit 43,7 Prozent die Stadt Nordamerikas mit der höchsten Anzahl von im Ausland geborenen Einwohnern/innen, gefolgt von dem bei Exilkubanern/innen beliebten Miami mit 40 Prozent, Vancouver kam noch auf 37,5 Prozent, erst dahinter rangierten im mittleren Feld die beiden US-amerikanischen Städte Los Angeles und New York mit 31 bzw. 24 Prozent. Das Resultat migrationsbedingter Umschichtung war eine Bedrohung der Städte: Eine 2000 durchgeführte Studie des Canadian Council for Social Development konstatierte, dass ein Fünftel der vor 1986 nach Kanada eingereisten Immigranten/innen in Armut lebten, von jenen, die nach 1991 kamen waren es die Hälfte.
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| | | Abb. 1: Straßenszene aus Torontos Chinatown (Fotografie: Judith Bus) | |
Aber zu diesem Zeitpunkt hatten nicht nur die sich verändernden Migrantenströme die Städte in ihrer Struktur verändert. Gleichzeitig begannen die suburbs, jene am Rand der unwirklich werdenden Metropolen gelegenen Retortensiedlungen mit ihren konzentrierten Einkaufsmöglichkeiten in Malls zu zerfallen. Die Menschen fühlten sich zunehmend unwohl in diesen abgeschotteten Wohngegenden, und auch die Stadtplaner/innen konnten keine Zukunft mehr in einer Planungsform sehen, die das Auto als notwendigen Bestandteil der Existenz voraussetzte. Die suburbs waren der Inbegriff der – gleichwohl vom europäischen Funktionalismus beeinflussten – amerikanischen Strategie gewesen, den Städten als bewohntem Raum Sinn zu verleihen. Die aufgereihten typisierten Einfamilienhäuser der suburbs hatten als Lebensform für mehrere Dekaden gut funktioniert. Die innerstädtischen Migrantenviertel – und "Ghettos" – hielten sich an dieses Konzept aber nie. Und so waren nordamerikanische Innenstädte auch das nie, was die suburbs sein sollten: melting pots.
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| | | Abb. 2: Die Häufung nationaler Symbole im Stadtbild Torontos gestaltet einen interkulturellen Konnotationsraum. Beispiel eines Hauses im chinesischen Stil (Fotografie: Nadja Ibener) | |
Die postmodernen Migrantenstädte
Die führenden neuen Städtebau- und Architekturbewegungen in Nordamerika haben sich insbesondere der suburbs angenommen. Mitte der 1990er Jahre entstand eine Bewegung, die als New Urbanism tituliert wird. Sie formulierte nicht mehr die suburbs als Antistadt, sondern trug städtische Strukturen in diese hinein. In einem Fernsehbericht des kanadischen Senders CBC hieß es 1997: "With garages at the backs of houses and secondary suites above garages, architects are catering less to cars and more to people. Suburbia's architects originally devised communities for easy automobile access in a time when car ownership had sharply increased. The focus has now shifted to parks and neighborhoods.”
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Dieser New Urbanism ist eine Reaktion auf den Niedergang der suburbs. Seine Vertreter/innen sind bemüht, den sozialreformerischen Kern des modernen Bauens in die globalisierte Postmoderne zu retten, indem sie ihn transformieren. Ziel des New Urbanism ist die Schaffung neuer oder die Regenerierung bestehender Stadtviertel, so dass die Bewohner/innen eine Mischung unterschiedlicher Einkommen, Ethnizität und Alter darstellen. Sie wollen die Verbindung zwischen Stadtraum und ihren Bewohnern stärken, dadurch das Verantwortungsbewusstsein erhöhen. Die Betonung ökologischer Kriterien ist ein wichtiger Grundsatz. Hinter all diesen Ansätzen steckt eine Idee, die sich auch besonders in der Aneignung von Stadträumen durch Migrantengruppen abzeichnete, die Schaffung von Identität. New Urbanism scheut die physische Fragmentarisierung der modernen Stadt und die funktionale Aufteilung des modernen Lebens und versucht stattdessen, eine Verbindung herzustellen zwischen "knowledge and feeling, between what people believe and do in public and what obsesses them in private."
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Damit steht der New Urbanism noch mit einem Fuß tief in der Moderne: der Überzeugung, dass der physische Raum, seine architektonische und städteplanerische Beschaffenheit, soziales Verhalten direkt beeinflussen oder zumindest widerspiegeln und damit befördern kann. Noch radikaler in dieser Richtung, aber gleichzeitig näher an den Menschen ist der so genannte Everyday Urbanism. Eine vom klassischen architektonischen Standpunkt aus gesehen chaotisch wirkende Planungsform. Sie ist eklektisch, heterogen, ambivalent, indem sie als wesentlichen Grundsatz das Eingehen auf die lokalen Bedingungen und die Bedürfnisse der Menschen hat. Diese Form des postmodernen Urbanismus' ist weniger sozialutopisch, sondern eher an den Bedürfnissen konkreter Menschen in konkreten Lebenssituationen interessiert.
Virtualität der postmodernen Städte
Die genannten Subbewegungen der postmodernen Architektur und Städteplanung versuchen, einen Stadtraum zu entwerfen, den sich die Menschen aneignen können. Damit bleibt Raum für die kleinen Zeichen und Symbole, für das performative Verhalten im Umgang mit städtischem Raum. Im Gegensatz zur Stadt der Moderne, die durch die national und ethnisch getrennte Migrantenviertel geprägt wurde, in der Ethnizität also eine Strategie des Ausschließens war, charakterisiert die postmoderne Stadt einen integrativen Ansatz. In Toronto wie in anderen nordamerikanischen Großstädten lässt sich seit einiger Zeit feststellen, dass die ethnischen Viertel nicht nur eine Touristenattraktion sind, die für Ausflüge zum Flanieren und Dinieren genutzt werden, sondern auch als Wohnraum attraktiv werden. Das Ethnische wird dabei als Element spielerisch in die Konstruktion von Identität aufgenommen. Dies zeigt sich sowohl an der Vorgarten- und Fassadengestaltung als auch im Ernährungsverhalten. Zwar schafft auch dieser Prozess neue Ausgrenzungen, da nun noch deutlicher die Grenzen zwischen europa- und asienstämmigen Kanadiern/innen betont werden, doch zeigt sich ein geänderter Umgang mit ethnischen und nationalen Symbolen, dessen spielerischer Charakter für die Postmoderne typisch ist.
Dieses Spiel sucht sich neue Mittel, um zu kommunizieren und Aussagen zu repräsentieren, und findet sie in den neuen Medien. Digitale Kommunikation vereinigt die Auflösung von Zeit und Raum mit einem relativ hohen Maß an gestalterischer Autonomie. Wo in den Städten die individuelle und gruppenspezifische Aneignung des Raums sich über Bekleidung, Ernährungsstile, über Symbole an Häusern und Zeichen in den Räumen niederschlug, wird das Internet zunehmend zu einem Medium, neue soziale Formationen zu bilden, die die Städte um ein virtuelles Double erweitern. Immigranten/innen definieren sich nicht mehr allein über ihre real-räumliche neighborhood, sondern zunehmend auch über eine virtuelle Gemeinschaft.
Die Auflösung traditioneller sozialer Formen in den Prozessen der Digitalisierung und Globalisierung hat in Nordamerika zu einer intensiven Suche nach neuen Begriffen sozialer Formationsbildung geführt. Vor einiger Zeit spülte dies den von dem amerikanischen Journalisten Ethan Watters geprägten Begriff des urban tribes an die Oberfläche der öffentlichen Diskurse.
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Watters sah in den zufällig entstandenen Gruppierungen von Freunden/innen die soziale Heimat der Post-Generation-X 20- and 30somethings. An die Stelle der traditionellen Familien waren Gruppen ähnlich gesinnter Menschen getreten, die Rituale entwickelten und Traditionen bildeten, um den inneren Zusammenhalt zu gewährleisten und dem Individuum einen Ort im gemeinschaftlichen Gefüge zu geben. Das soziale Haus ist ein selbst gebildetes, in das Zufälle des eigenen Lebenswegs hineinspielen. Vorherbestimmt ist es nicht mehr, und es gibt keine Bluts- oder Naturbanden, um den tribe aufrechtzuerhalten, er muss durch Aktivität und Kommunikation bewahrt werden. In der öffentlichen Reaktion in Nordamerika zeigte sich, wie sehr die Lebenswirklichkeit dieser Generation von dem Begriff umschrieben werden konnte. Was sich wie eine Realität gewordene amerikanische Fernsehserie im Stil von "Friends" ausnimmt, ist vielmehr ein neuer Lebensstil, der sich von demjenigen der Großväter und Urgroßväter, die besonders in Migrantenmilieus das "stay with your own people" und die Großfamilie als sozialen Kitt angesehen hatten, unterscheidet.
Neue soziale Formationen wie die als urban tribes bezeichneten Gruppierungen junger urban professionals zeigen auch ein anderes Kommunikationsverhalten, ein anderes Wohnverhalten und eine andere Strategie, dem bewohnten urbanen Raum Sinn und Bedeutung zu verleihen. Sie verwenden SMS und E-Mails und lesen dabei Metropolen nicht als Raum mit Distanzen und abgegrenzten Stadtvierteln. Internetforen für reale Migranten/innen und bloße 'digital natives' bieten raum- und zeitlose Optionen der Kommunikation. Der Einwanderer neuen Typs findet so nicht, wie die Immigranten/innen der Großeltern- und Urgroßelterngeneration, seinen Platz in einem Refugium nationaler Identität, die auf einem kanadischen Unterbau aufgesetzt ist. Über das Internet hat er Kontakt zu vielen Immigranten/innen seines Herkunftslandes in den verschiedensten nordamerikanischen Städten. Sein Leben vor Ort aber ist geprägt von dem Zufall der Bekanntschaft am Arbeitsplatz und in den mehr und mehr gemischt ethnischen Wohnvierteln. Die Identität, die er sich dabei gebildet hat, ist wie die von vielen Migranten/innen im frühen 21. Jahrhundert eine hybride, gemischt aus den Konnotationen, die die Massenmedien transportieren, den Dialogen zwischen Herkunft und neuer Heimat und den Zufällen des Migrantenlebens.
Wenn Nigel Coates über die "sensuelle Seite des urbanen Raums" spricht, ist genau das gemeint. Seine hybride Stadt "Ecstacity" ist genau das "half-real and half imaginary. Ecstacity builds on the increasingly global outlook of existing cities. It partners a fluid architecture of hybrids with the information world we already inhabit. It invests the everyday with conflations of scale, of story, of emotion, replacing institutional power with shared grounds of identity and desire”.
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Diese Prozesse zeigen sich nur versteckt, manchmal gar verborgen. Doch in ihnen zeigt sich das Weiterleben der vielfach tot gesagten Stadt als Lebensform. Und vielleicht hängt, das lässt sich vorsichtig nach den jüngsten gewaltsamen Ausschreitungen in südamerikanischen Städten sagen, auch das Weiterbestehen gewohnter urbaner Wohn- und Lebensqualität von dem Gelingen eines postmodernen Stadtkonzepts ab.
Stefan Haas, Dr. phil. habil., arbeitet als Associate Professor für Moderne Geschichte und German Studies an der University of Toronto und ist Direktor des Information Centre des DAAD in Kanada. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Politik- und Kulturgeschichte sowie Stadt- und Mediengeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. E-Mail: stefan.haas@utoronto.ca
Literaturempfehlungen:
Videoquelle
The End of Suburbia. Oil Depletion and the Collapse of the American Dream. Dokumentation, Regie: Gregory Greene, Canada 2004
Literatur
Anisef, Paul; Lanphier, Michael (Hgg.), The World in a City, Toronto 2003.
Chase, John; Crawford, Margaret; Kaliski, John (Hgg.), Everyday Urbanism, New York 1999.
Coates, Nigel, Guide to Ecstacity, New York 2003.
Duany, Andres; Plater-Zyberk, Elizabeth; Speck, Jeff (Hgg.), Suburban Nation. The Rise of Sprawl and the Decline of the American Dream, New York 2000.
Garreau, Joel, Edge City. Life on the New Frontier, New York 1991.
Jacobs, Jane, The Death and Live of Great American Cities, New York 1961.
Johnson, Walter, The Challenge of Diversity, Montreal 2006.
Kelbaugh, Dough, Common Place. Toward Neighborhood and Regional Design, Washington 1997.
Lorinc, John, The New City. How the Crisis in Canada's Urban Centres Is Reshaping the Nation, Toronto 2006.
Lynch, Kevin, The Image of the City, Boston 1960.
Watters, Ethan, Urban Tribes. Are Friends the New Family?, New York 2003.
[1] Diese Fensehdokumentation kann im Netzarchiv von CBC abgerufen werden unter: <http://archives.cbc.ca/IDC-1-69-1464-9757/life_society/suburbs/clip9> (18.07.2006).
[2] Kelbaugh, Dough, Common Place. Toward Neighborhood and Regional Design, Washington 1997.
[3] Watters, Ethan, Urban Tribes. Are Friends the New Family?, New York 2003.
[4] Coates, Nigel, Guide to Ecstacity, New York 2003. Hinweis:
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