Band 8 • 2006 | ISBN-10: 3-86004-201-7 | | ISBN-13: 978-3-86004-201-4 | Das Ende der Urbanisierung? |
| Vorwort |  |
Seit einiger Zeit ist ein wachsendes Interesse an stadt- und urbanisierungsgeschichtlichen Themen unverkennbar. Es manifestiert sich in Konferenzen, wissenschaftlichen Gesellschaften und Zentren, in Publikationen bis hin zu eigenen Periodika und Online-Foren, vor allem aber in dem Bewusstsein, dass das städtische Umfeld einen sehr viel konkreteren und handhabbareren Rahmen für historische Prozesse und Phänomene darstellt als der vielfältig diskreditierte und dekonstruierte Nationalstaat einerseits oder eine oft allzu vorschnell, normativ oder vage ausgerufene „Globalgeschichte“ andererseits. Städte bieten forschungstechnisch den unbestreitbaren Vorzug, dass in ihrer „materiellen Kultur“, also in ihren Bauten und Denkmälern, Straßen- und Platzanlagen, wie in ihrem sozialen Mesokosmos aus Familien, Vereinen, kommunalpolitischen und anderen Netzwerken, meist genau nachvollziehbare Strukturen vorliegen, aus denen belastbare empirische Ergebnisse zu gewinnen sind.
Eine detaillierte Nachzeichnung der durchaus komplexen Forschungsgeschichte ist an dieser Stelle nicht vorgesehen; so mag der Hinweis genügen, dass nach den primär politik- und verfassungsgeschichtlich ausgerichteten Studien der 1950er und 60er Jahre sowie den stark wirtschafts- und sozialhistorisch geprägten Untersuchungen der 1970er und 80er Jahre seit einiger Zeit kultur-, medien- und auch diskurshistorische Zugänge zu „Urbanisierung“ und „Urbanität“ überwiegen.
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Unterdessen hat der Begriff des „Städtischen“ in der Moderne und Postmoderne selber einen bemerkenswerten Bedeutungswandel erlebt. Als lebensweltliche Bezugsgröße, aber auch in den Reflexionen von Kulturtheoretikern wie in den Definitionen von Stadtplanern scheint er zu oszillieren zwischen grundsätzlich affirmativen Aufladungen von Stadtkultur und der Ansicht, das jeweilige städtische Umfeld sei in Zeiten einer hypermobilen Gesellschaft ein eher unerheblicher Faktor unter vielen. Je nach Sichtweise und beteiligten Interessen unterscheiden sich die Beschreibungen und Prognosen erheblich. So wird in den Immobilienteilen größerer Tageszeitungen seit längerem eine „Renaissance der Innenstadt“ verkündet, jenes öffentlichen Raumes also, der einst als Ensemble aus Marktplätzen, Kirchen und Stadthäusern die Mitte einer Kommune beschrieb. Nachdem über Jahrzehnte unter dem Druck hoher Immobilienpreise, Renditeerwartungen und Geschosshöhen innenstädtische Räume um ihre Bewohner und damit um ihre Vitalität gebracht worden waren, fanden sich diese häufig zu Kulissen für Firmenrepräsentanzen und Einkaufstourismus und zu Orten nächtlicher Verödung reduziert. Analysten beobachten nun gegenläufige Erwartungen, und die Investoren können es bestätigen: Luxuriöse Townhouses sind in den historischen Mitten älterer Städte binnen Minuten verkauft. Vieles deutet in dieser Hinsicht auf eine „Renaissance des städtischen Lebens“ hin, selbst in den USA und in Asien, wo sich einzelne Städte an bestimmten Stellen gezielt mit dem Charme der "Alten Welt" umgeben.
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Im Feuilletonteil derselben Zeitungen wird hingegen nicht selten eine ganz andere Diagnose gestellt: Dort ist von der Schrumpfung der Städte, von Suburbia und Deurbanisierung die Rede, welche die Stadtkerne absterben und Landstriche verwaisen lassen, in Deutschland ebenso wie in den Industriezentren der USA und den alten Sowjetrepubliken.
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Fotografen halten diese Entwicklung mit gnadenlosem Blick fest; Künstler und Architekten reagieren mit Rekulturierungsvorschlägen, Kulturmanager mit Maßnahmen zur Markenbildung der Städtekonkurrenz; Initiativen wie das Bund-Länder-Programm „Soziale Stadt – Städte mit besonderem Erneuerungsbedarf“ versuchen eine Antwort auf die Bildung von "Niemandsstadtteilen": Urbanität als Lebensgefühl und Geschwindigkeit, als leuchtende Architektur und überdimensioniertes Verkehrswesen, als künstlerisches Ereignis oder großbürgerliche Kultur erscheint immer mehr als Abglanz einer Vergangenheit, die mit dem Verlust ihrer sozio-kulturellen Voraussetzungen und der demografischen Katastrophe konfrontiert ist.
Währenddessen wächst die Zahl der Menschen, die weltweit in die Städte strömen, weiterhin in frenetischem Tempo. Agglomerationen mit 50 Millionen Einwohnern oder mehr scheinen inzwischen in denkbare Nähe gerückt.
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Sind für Megalopolen dieser Größenordnung die europäisch geprägten Vorstellungen von Stadt und die daran entwickelten Problemlösungen überhaupt noch angemessen? Wenn dem „Urbanen“ ein Begriff des Städtischen zugrunde liegt, dessen gesellschafts-, kultur- und rechtshistorischer Kontext vergangen ist und dessen intellektuelle Träger sich von ihm verabschiedet haben, wäre zu fragen, ob der Begriff nicht obsolet geworden ist oder heute eine völlig veränderte Bedeutung transportiert.
Die folgenden Beiträge dieses Bandes zum "Ende der Urbanisierung?"
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nähern sich dieser laufenden globalen Transformation des Städtischen aus verschiedenen Perspektiven. Friedrich Lengers Beitrag zur "Zukunft der europäischen Stadt" nennt einführend leitende Stichworte, die in den folgenden Texten aufgegriffen werden. Sonja Hildebrandt und Wolfgang Sonne erörtern darauf folgend Modelle urbanen Raums im Wandel, wobei insbesondere die Stadtplanungsgeschichte des 20. Jahrhunderts kritisch reflektiert wird: als reale Entwicklung wie als historiografisches Konstrukt.
Die fortschreitende Verwischung der Grenzen von Stadt und Land mit den bekannten Begleiterscheinungen wie Zersiedlung, Suburbanisierung, Trabanten- und „Zwischenstädten“ führt funktional, symbolisch und ökonomisch zu einem Bedeutungsverlust der zum Teil lange gewachsenen und Identität stiftenden Stadtkerne. Die mitunter fließenden Übergänge zwischen Stadt und Land, die potenzielle Diffusion urbaner Lebensweisen ins Umland, aber auch die neuerlich zu beobachtende Implosion von Städten und sich daraus ergebende Handlungsoptionen erfahren im zweiten Teil des Themenschwerpunkts eine eingehendere Behandlung (Anne Brandl, Meik Woyke).
Dass Stadtgeschichtsschreibung als akademische Betätigung alles andere als an ein Ende gekommen ist, verdeutlicht die programmatische Musterung dieses Feldes von Moritz Föllmer und Habbo Knoch. Ihr ist die nähere Auseinandersetzung mit einem Klassiker bild- bzw. kulturanalytischer Stadtforschung an die Seite gestellt: Kirsten Wagner untersucht das Bild der Stadt in Kevin Lynchs mehrfach aufgelegtem und übersetztem Werk „The Image of the City“ (1960).
Die vielleicht deutlichste Herausforderung an die hergebrachten Vorstellungen und Realitäten des städtischen Raums als öffentliche Kommunikationssphäre stellen die Medienrevolutionen der letzten Jahrzehnte dar, welche zu einer zunehmenden, beinahe ubiquitären „Virtualisierung“ geführt haben. Zwar gilt es alles andere als ausgemacht, dass die Städte im Zeichen von Telefon, Fernsehen, Handy und Internet notwendigerweise an Einfluss und Relevanz verlieren; doch ebenso unübersehbar sind die strukturellen und logistischen Folgen, denen sich an verschiedenen Beispielen und mit unterschiedlichen Zugängen Oliver Frey, Stefan Haas und Pe-Ru Tsen am Ende dieses Bandes zuwenden.
Es ging den Herausgebern nicht in erster Linie um eine inhaltliche oder methodische Kohärenz der versammelten Beiträge. Vielmehr sollen diese die gegebene Widersprüchlichkeit ebenso wie die Vielseitigkeit von Vorstellungen des Städtischen, das an seine räumlichen wie kulturellen Grenzen stößt, sichtbar machen. Die beteiligten Mailinglisten H-Soz-u-Kult und H-ArtHist setzten es sich wie gewohnt zum Ziel, derartige Tendenzen zu dokumentieren und zu fokussieren, um entsprechende Diskussionen voranzutragen.
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„Repräsentativität“ oder Vollständigkeit konnte naturgemäß nicht das Ziel sein, die Anregung weiterer Diskussionen – gerade auch zwischen den Disziplinen – wäre es dagegen in eminenter Weise.
Die Herausgeber, im November 2006
[1] Exemplarisch aus einem sehr breiten Forschungsfeld: Ennen, Edith, Frühgeschichte der europäischen Stadt, Bonn 1953; Maschke, Erich; Sydow, Jürgen (Hgg.), Verwaltung und Gesellschaft in den südwestdeutschen Städten des 17. und 18. Jahrhunderts, Stuttgart 1969; Kriedte, Peter, Die Stadt im Prozeß der europäischen Proto-Industrialisierung, in: Die alte Stadt 9 (1982), S. 19-51; Reulecke, Jürgen, Geschichte der Urbanisierung in Deutschland, Frankfurt am Main 1985; Kirchgässner, Bernhard; Becht, Hans-Peter (Hgg.), Stadt und Repräsentation, Sigmaringen 1995; Schütz, Erhard (Hg.), Text der Stadt – Reden von Berlin. Literatur und Metropole seit 1989, Berlin 1999.
[2] Vgl. Tartler, Jens, Deutsche zieht es wieder in die Stadt, in: Financial Times Deutschland, 04.05.2006; siehe auch: „Vereinigte Staaten. Die Babyboomer wollen in die Innenstädte. Stadtentwicklung made in Old Europe. Flanieren im Victory Park“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Immobilien-Sonderbeilage, 10.03.2006; „Die Städte lebenswerter machen“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.05.2006, S. 41.
[3] Neuerdings genauer kartiert in: Oswalt, Philipp; Rieniets, Tim (Hgg.), Atlas der schrumpfenden Städte, Ostfildern 2006.
[4] Im Januar 2006 umfassten, Thomas Brinkhoffs Aufstellung zufolge, bereits fünf Agglomerationen mehr als 20 Millionen Einwohner: die Großräume Tokyo (34,2 Mio.), Mexiko-Stadt (22,8 Mio.), Seoul (22,3 Mio.), New York (21,9 Mio.) und São Paolo (20,2 Mio.); bei den drei nachfolgenden (Mumbai, Delhi und Shanghai) ist das Überschreiten dieser Marke wohl in Kürze zu erwarten, vgl. <http://www.citypopulation.de/World_d.html> (23.10.2006).
[5] Alle Beiträge wurden zunächst als als Teil eines Themenschwerpunkts über die Mailinglisten H-Soz-u-Kult und H-ArtHist veröffentlicht, vgl.: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/index.asp?pn=texte&id=665> (23.10.2006).
[6] Einen nützlichen Überblick verschafft – mit Online-Links zu weiteren Gesellschaften, Instituten und Zeitschriften, die sich der Stadtforschung widmen – die Website der Gesellschaft für Stadtgeschichte und Urbanisierungsforschung; vgl. <http://www.gsu.uni-saarland.de/index.htm> (23.10.2006) oder eine Abfrage zum Thema "Stadtgeschichte" in der H-Soz-u-Kult Datenbank: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/suchen/type=suchen&geschichte=81> (23.10.2006). Hinweis:
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