Einleitung
Die Parodontologie beschäftigt sich als ein Teilgebiet
der Zahnmedizin mit den Ursachen von Erkrankungen des Zahnhalteapparates sowie
der Entwicklung entsprechender Therapiemöglichkeiten. In diesem sehr
speziellen Bereich der zahnmedizinischen Forschung haben besonders in den
letzten Jahren viele neue Erkenntnisse zum schnellen und steten Wandel der
Lehrmeinungen beigetragen. Somit ist für jeden parodontologisch
orientierten Zahnarzt die Nutzung von aktuellen Information unabdingbar. Leider
ist der Besuch einer Fachbibliothek oft mit großem Zeitaufwand verbunden
und nicht selten von Mißerfolgen beim Suchen der Quellen gekennzeichnet.
Einen möglichen Ausweg bietet neben Abstract-Suchsystemen wie "Medline"
die moderne Datenkommunikation via Internet. Die Einführung neuer Methoden
und Technologien ist in einem so konservativ geprägtem
Wissenschaftsbereich, wie der Medizin, mit Schwierigkeiten verbunden, die von
Berührungsängsten und Unwissenheit herrühren. Ziel dieses
Artikels soll es sein, einerseits die neuen Möglichkeiten der
Datenkommunikation für Forschung und Lehre in einem sehr traditionell
ausgerichteten Wissenschaftsgebiet aufzuzeigen. Zum anderen sollen Hinweise und
Ideen zur Steigerung der Akzeptanz dieser Anwendungsmöglichkeiten
innerhalb einer Abteilung an unserer Universität gegeben werden.
Bei der Analyse der weltweit zugänglichen Datenbestände innerhalb der Zahnmedizin und insbesondere der Parodontologie konnte ein Ungleichgewicht zwischen der Entwicklung des Fachgebietes im jeweiligen Land und den verfügbaren Internet-Ressourcen festgestellt werden. Wie auch in anderen Bereichen der Forschung steht die Versorgung mit neuesten Informationen in Nordamerika sowohl in quantitativer als auch in qualitativer Hinsicht an der Spitze. Neben zahlreichen Universitäten auf dem Nordamerikanischen Kontinent haben sich aber auch einige Zentren zahnmedizinischer Informatik in Japan und Schweden herausgebildet.
WWW und Lehre
Um die oft zitierten US-amerikanischen Beispiele für
originelle und hochwertige Internet-Ressourcen nicht zu sehr zu strapazieren,
soll hier als erläuterndes Beispiel das "Virtuelle Parodontologie"-
Projekt der Zahnmedizinischen Fakultät der Malmöer Universität
Lund, Schweden, dienen. Im Rahmen dieses Multimedia-Projektes für die
Lehre werden Befunde, die das typische Krankengut einer parodontologischen
Abteilung kennzeichnen, in Bild und Text präsentiert
(URL=http://www.odont.lu.se/depts/par/virtual.html). So wird zum Beispiel das
häufig auftretende Krankheitsbild des parodontalen Abszesses mit Befund,
Diagnostik, Differentialdiagnostik, Therapie und Prognose für den
Lernenden ausführlich dargestellt. Auch der interessierte Laie kann
verwertbare Informationen in reichlichem Umfang finden. Die Nutzung durch
Studierende der Zahnmedizin ist zwar auch in Schweden bisher nur im Rahmen
eines Dial-in-Service bzw. mit Hilfe eines begrenzten PC-Pool realisiert, aber
die Einbeziehung der neuen Medien des Internets für Lehrzwecke wird hier
erstmals etabliert. Der Weg von diesem Stadium bis zur Einspielung von
Dokumenten über LCD-Projektion in die Vorlesungen der Zahnmedizin ist nur
noch kurz. Hier kann der Student zu beliebiger Zeit nicht nur seine
Vorlesungsmitschrift nachlesen, sondern auch Bilder und Grafiken in vollem
Umfang rekapitulieren, was besonders im Bereich der Medizin / Zahnmedizin von
großer Bedeutung ist.
Internet und Forschung
Im Rahmen der Forschungstätigkeit der Abteilung für
Parodontologie und Synoptische Zahnmedizin der Charité bieten sich
vielfältige Möglichkeiten der Einbeziehung des Internets. Besonders
die Ressourcen angrenzender Wissenschaftsgebiete, wie der Mikrobiologie und
Histopathologie, werden hier genutzt. So wird z.B. zur Qualifizierung von
Promovenden das ausführliche Bildmaterial des Zellbiologie- und
Histologie-Labors der Abteilung für Anatomie und Zellbiologie der Emory
Universität, (Medizinische Fakultät), Atlanta, Georgia genutzt
(URL=http://www.cc.emory.edu/EMORY_CLASS/CELL_BIOLOGY/CBH.html).
Die hier zu findenden bereits befundeten histologischen Bilder werden mit
eigenen Ergebnissen verglichen und auch mit den Kollegen aus Übersee
diskutiert.
Ein weiterer wichtiger Aspekt jeder Forschungstätigkeit ist die Präsentation der eigenen Resultate. Hierfür ist das Internet ein geeignetes Medium und geradezu prädestiniert für Publikationszwecke. Seit geraumer Zeit erlauben die Möglichkeiten des World Wide Web auch Zugriff auf umfangreiches klinisches und diagnostisches Bildmaterial ohne größeren technischen Aufwand. Die Hypertext-Seiten der Abteilung für Parodontologie des Zentrums für Zahnmedizin der Medizinischen Fakultät unserer Universität beinhalten schon eine erhebliche Anzahl von Publikationen der Abteilungsmitglieder (URL=http://www2.rz.hu-berlin.de/inside/paro/). Die Umwandlung der zumeist ohnehin als Textfile existierenden Veröffentlichungen in HTML-Texte ist mit nur geringem Aufwand durchführbar. Leider ist die Anerkennung der Publikationen für den Autor nicht in dem Maße gegeben, wie bei einer herkömmlichen Publikation in einem klassischen Journal. Die Veröffentlichung von Artikeln im World Wide Web, die in klassischen Journalen aufgrund der langen Drucklegung teilweise erst erheblich nach der Fertigstellung (bis zu 8 Monate) erfolgen kann, ist ein Weg, eigene Forschungsergebnisse frühzeitig mit Fachkollegen diskutieren zu können. Diese Art der "Vorveröffentlichung" muß aber aus rechtlichen Gründen individuell mit dem jeweiligen Verlag abgeklärt werden.
Mailing Listen und die Parodontologie
Der Zugang zum grafisch orientierten World Wide Web bleibt
nach wie vor ein Privileg der Internet-Nutzer mit direktem Zugang (IP/SLIP),
somit ist die Gesamtzahl der potentiellen Leser wesentlich geringer (ca. 10
Millionen - Schätzungen nach Internet-Society 1995) als bei einem auf
E-Mail basierendem System (ca. 35 Millionen). Auch Nutzer kommerzieller
Dienste, wie CompuServe, AOL (America On-line), Delphi oder ähnlicher
Anbieter haben über Mail-Gateways Zugang zum Internet-Mail-System. So
wurde durch den Autor im November 1994 eine Mailing-Liste speziell für
parodontologisch orientierte Zahnärzte eingerichtet. Die in
zweiwöchigem Abstand erscheinenden Ausgaben enthalten vor allem
hochwertige Beiträge der eingeschriebenen Wissenschaftler
(Kurzbeiträge, Abstracts), Diskussionen zu spezifischen Problemen der
Therapie parodontaler Erkrankungen, aber auch Bekanntmachungen über
Stellenausschreibungen, Anmeldefristen für Kongresse, neue fachbezogene
Internet-Ressourcen. Die Befürchtung, daß die Resonanz auf diese
Mailing-Liste nur gering sein - und sich hauptsächlich auf Studenten und
junge Wissenschaftler mit geringer fachlicher Erfahrung aber guten
Computerkenntnissen beschränken würde, hat sich nicht bewahrheitet.
Die Zahl der "subscriber" (Teilnehmer) beläuft sich inzwischen auf 220 bei
einer derzeitigen wöchent lichen Steigerung von bis zu 10 neuen
Teilnehmern (Stand April 1995). Das Spektrum ist weit gefächert, neben
vielen an Universitäten tätigen Parodontologen sind auch
niedergelassene Zahnärzte, die sich fachliche Fortbildung erhoffen,
eingeschrieben. Sie kommen hauptsächlich aus Nordamerika und Australien
über kommerzielle Provider (Internet-Zugangsbeschaffer für
Privatpersonen und Firmen). Die Stellung und fachliche Kompetenz der Teilnehmer
geht von einem Studenten des dritten Semesters bis zum Dekan einer
zahnmedizinischen Fakultät. Der Schwerpunkt liegt bei habilitierten
Wissenschaftlern in Oberarztposition bei den nordamerikanischen Teilnehmern und
ist bei den europäischen im Bereich von wissenschaftlichen Mitarbeitern
der einzelnen Abteilungen für Parodontologie angesiedelt. Auch hier ist
der Nachholbedarf europäischer und speziell deutscher Hochschulen,
Institute und Zahnärzte deutlich. So gibt es nur 5 eingeschriebene Nutzer
aus Deutschland (3 Studenten, 2 Assistenten), so daß wir uns mit den
Teilnehmerzahlen aus Singapur, Irland und Spanien vergleichen können. Alle
Ausgaben der Mailing-Liste sind auch im World Wide Web zu finden
(URL=http://www2.rz.hu-berlin.de/inside/paro/Periodont/periodon.html). Wertvolle Hinweise zur Etablierung einer weltweit
tätigen Mailing-Liste sind den entsprechenden Internet-Foren zu entnehmen
(URL=news:news.newusers.questions und news:comp.infosystems.www.misc) oder beim
Autor per E-Mail zu erfragen.
Akzeptanz der neuen Technologien
Wie können nun diese neuen Informationssysteme via
Internet etabliert werden, um nicht zuletzt auch eine Förderung der
Technik im eigenen Land zu erreichen? Dabei gilt es zunächst die Akzeptanz
unter den eigenen Kollegen zu erhöhen, Interesse zu wecken und
Berührungsängste abzubauen. Während einer Dienstversammlung, die
für diesen Zweck im Demoraum (siehe RZ-Mitteilungen Nr. 9, S. 14) des
Rechenzentrums durchgeführt wurde, hielt der Autor einen
zweistündigen Einführungsvortrag zum Thema (siehe auch
URL=http://www2.rz.hu-berlin.de/inside/paro/staff/title.html). Hierbei wurde besonderen Wert auf praktische
Demonstrationen gelegt, dazu gehörten die Besichtigung von
parodontologisch orientierten Web-Servern in aller Welt, die Vorstellung der
auf dem zentralen Server des Rechenzentrums neu eingerichteten Homepage der
Abteilung und die Präsentation eigener Publikationen im Hypertextformat.
Über die Hälfte der Assistenten der Abteilung für Parodontologie
nehmen nun neben dem in der Abteilung verfügbaren Netzwerkrechner auch den
Dial-in-Service des Rechenzentrums in Anspruch. Eine ständig wachsende
Zahl von Veröffentlichungen der wissenschaftlichen Mitarbeiter ist unter
dem URL der Abteilung zu finden. Aufgrund der bisher geringen Akzeptanz in
Deutschland sind alle Seiten in englischer Sprache, um sich dem potentiellen
Leserkreis anzupassen. Über die Grenzen der Universität
hinausschauend wurden mehrere Veröffentlichungen über Daten- und
Wissenschaftsaustausch im Netz geschrieben, welche in deutschsprachigen
zahnmedizinischen Fachzeitschriften erscheinen. Eine Bekanntgabe der World Wide
Web Aktivitäten der Abteilung erfolgt in den offiziellen "Nachrichten der
Deutschen Gesellschaft für Parodontologie" (Spallek, H., Gougousoudis, A.:
Parodontologie und Nutzung moderner Datenfernübertragung. Parodontologie,
Quintessenz-Verlag, Berlin, 1995; 119-126. Spallek, H., Gougousoudis, A.:
Daten-Superhighways für die Zahnheilkunde? Der Nutzen moderner
Kommunikationsmittel für eine wissenschaftlich orientierte Zahnheilkunde,
im Druck: Die Quintessenz 4/1995 - Sonderdrucke können beim Autor
angefordert werden.). All diese Maßnahmen haben zunächst in der
eigenen Abteilung zur breiten Anerkennung der neuen Technologien geführt,
so werden nun auch von der Abteilung durchgeführte Kongresse im Internet
sowohl bekanntgegeben als auch in Form von Berichten ausgewertet (Bericht
über den wissenschaftlichen Teil in den entsprechenden Newsgroups und
Mailing-Listen; Bezugsmöglichkeiten der Abstract-Bände etc.).
Schlußfolgerungen:
Die Auseinandersetzung mit der modernen Datenkommunikation
deckt immer neue Möglichkeiten für jeden Wissenschaftszweig auf. Die
Anerkennung und Einführung in Europa und insbesondere in Deutschland liegt
weit hinter dem Weltniveau zurück. Leider macht die Zahnmedizin hier keine
Ausnahme sondern steht gemeinsam mit der Medizin auf einer sehr niedrigen
Entwicklungsstufe (In Deutschland bietet nur die Abteilung der Charité
parodontologische World Wide Web-Informationen an; die Medizinische
Fakultät der HU (Charité) ist nur mit den Fachrichtungen Genetik
und Parodontologie auf dem WWW-Server der Humboldt Universität
vertreten.).
Dabei hängt die Akzeptanz entscheidend vom Engagement einzelner Personen und der jeweils leitenden Verantwortlichen ab. Die durch das Rechenzentrum realisierten technischen Voraussetzungen innerhalb der Humboldt Universität entsprechen durchaus dem Standard in hochentwickelten Ländern wie den USA oder gehen darüber sogar hinaus (ISDN-Einwahlmöglichkeit ist in den meisten amerikanischen Universitäten noch nicht möglich.). Es hängt also von jedem persönlich ab, sich in Zusammenarbeit mit interessierten Fachkollegen und der stets freundlichen Unterstützung des Rechenzentrums für eine "Auseinandersetzung mit den Herausforderungen der modernen Informationsgesellschaft, die unser Leben in Zukunft bestimmen wird", einzusetzen (Zitat: Wirtschaftsminister Dr. G. Rexrodt nach dem G7-Gipfel in Brüssel im Februar 1995 zur Globalisierung der Datennetze).
Heiko Spallek
E-Mail: h.spallek@rz.hu-berlin.de
Wissenschaftlicher Mitarbeiter / Zahnarzt der Abteilung
für Parodontologie und Synoptische Zahnmedizin des Zentrums für
Zahnmedizin der Charité und Autor mehrerer Veröffentlichungen
über den Nutzen moderner Kommunikationsmittel für die
Zahnmedizin.