Der Löwentempel von Musawwarat es Sufra

Auszug aus dem Abschlußbericht

In diesem Auszug aus dem Abschlußbericht möchte ich die Ergebnisse meiner Arbeiten am Projekt "Der Löwentempel von Musawwarat es Sufra" (LTM) darlegen.

Die Arbeit an dem Projekt LTM ist mittlerweile im dritten Jahr angelangt und scheint nun endlich ein glückliches Ende zu finden. Den Fortgang und die Hintergründe der Arbeiten am LTM konnte man in den
RZ-Mitteilungen und weiteren Veröffentlichungen
(s. [1]-[4]) verfolgen.

Zum Redaktionsschluß dieser Ausgabe der RZ-Mitteilungen werden die letzten computeranimierten Sequenzen auf Video übertragen. Beim Erscheinen dieses Heftes der RZ-Mitteilungen müßte das Video fertig geschnitten und vertont verfügbar sein.

Das Video hat eine voraussichtliche Länge von 15 Minuten und beinhaltet sowohl reale als auch animierte Sequenzen. Dem Video ist dann ein Booklet in deutsch/englisch beigelegt, welches weitere Hintergrundinformationen zu diesem Projekt beinhaltet.

Einer Ausweitung des Projektes in die virtuelle Realität (VR) eröffnete mir die Möglichkeit, ein VR-Modell des LTM zu erstellen, welches noch geringer Überarbeitung bedarf. Leider ist es momentan aus technischer Sicht an der HUB nicht möglich, dieses VR-Modell in entsprechender Weise zu überarbeiten und zu präsentieren.

Zur Dokumentation und Präsentation wurden einige hochauflösende Bilder des LTM erzeugt, die in gedruckter Form oder im WWW vorliegen.

Es wurden wertvolle Erfahrungen im Umgang mit solcherart Projekten gesammelt. Diese Erfahrungen werde ich hier kurz darlegen.

Solch ein (für mich vollkommen neues) Projekt steht und fällt mit einem soliden und durchdachten Arbeitsplan. Eines der größten Probleme bereitet eine Abschätzung der Zeit, in der ein Projekt realisiert werden soll. Es sind zahlreiche Faktoren zu beachten, die teilweise gravierende Auswirkungen auf den Zeitplan haben.

Die Aufgabenstellung des Projektes LTM erfuhr in dem Zeitraum von 30 Monaten eine mehrfache Änderung, um gegebenen Erfordernissen gerecht zu werden. Da ich autodidaktisch an die Lösung der gestellten Fragen ging, mußte bzw. konnte ich logischerweise den Rahmen des Projektes meinen Vorstellungen anpassen. Etwa Anfang 1995 war der Umfang des Projektes in seiner heutigen Form festgelegt. Leider war zu diesem Zeitpunkt noch keine fundierte Zeitabschätzung möglich.

Jedenfalls wurde das in meinem Artikel (siehe [3]) zum Thema angedeutete Ziel erreicht, und das Projekt kann als abgeschlossenen gelten.

Wie schon in den genannten Artikeln angedeutet, mußte ein immenser Organisationsaufwand in dieses Projekt gesteckt werden. Nach vorsichtigen Schätzungen sind mindestens zwei Drittel der aufgewandten Energien und Zeit in Organisation und Arbeitsvorbereitung geflossen. Die Organisation von Ressourcen ist notwendig und ein Prozeß, in den man hineinwachsen muß. Mir war es möglich, durch den privat erheblichen Aufwand1, die Kosten für die Realisierung dieses Projektes auf niedrigstem Niveau zu halten.

Durch die bisher relativ starren Arbeitszeiten im Rechenzentrum (RZ) war ein für mich effektives Arbeiten nur in begrenztem Umfang möglich2. Dieser Faktor ist aber nicht überzubewerten, da er personellen und sicherheitsrelevanten Erfordernissen geschuldet ist. Trotzdem sollte man überlegen, eine flexiblere Arbeitszeitregelung zu schaffen.

Der Zeitraum der Realisierung dieses Projektes ist von anfangs euphorisch-optimistischen Schätzungen von 1-2 Monaten (s. [1]) auf den mehr als 10fachen Zeitraum gewachsen. Eine Zeit, die sehr viel Kraft und Nerven der mich unterstützenden Freunde und Mitarbeiter und meinerseits kostete. Ein Zeitraum, der durch Höhen und Tiefen geprägt war. Unter heutiger Sicht der Sachlage halte ich eine Realisierung eines solch komplexen Projektes in 4-6 Monaten unter der Beachtung optimaler Bedingungen durchaus für möglich.

Die benötigte und verwendete Hard- und Software war nur teilweise bzw. temporär am RZ vorhanden, so daß hier von einer kontinuierlichen Arbeit nicht immer die Rede sein konnte. Deshalb sollte ein besseres Verhältnis von Soft- und Hardware gefunden werden. Die schnellsten Rechner nutzen nichts, wenn es keine Software dafür gibt, die diese Ressourcen halbwegs ausnutzt. Das scheint aber zumindest deutschlandweit ein großes Problem an Bildungseinrichtungen zu sein.

Als sehr leistungsfähige Plattform stellten sich Rechner der Firma SGI im Zusammenwirken mit der Software PRISMS und Wavefront heraus. Mit dieser Basis läßt sich sehr gut arbeiten, sofern man folgende Aspekte beachtet: Durch die zu bewältigenden Datenmengen war ich leider oft auf andere als lokale Ressourcen angewiesen. In Hinblick auf das Zeit/Preis-Verhältnis plädiere ich bei solchen Projekten für den Ausbau von lokalen Ressourcen wie RAM, Festplatten, Software, Mehrfachlizenzen von Programmen.

Die Mithilfe anderer an diesem Projekt war sehr begrenzt und auch nur punktuell möglich. Durch das fächerübergreifende Projekt war ich gezwungen, fast alle Teilschritte selber zu realisieren, um sie meinen Vorstellungen gerecht umzusetzen. In der Zukunft werden sicher mehr interdisziplinäre Möglichkeiten bestehen, um mit anderen Fachleuten Hand in Hand zu arbeiten.

Es sei aber angemerkt, daß ich als "Betriebsfremder" sehr viel Entgegenkommen seitens des RZ und - im speziellen - der Multimediagruppe bekam. Von meinem Institut für Sudanarchäologie und Ägyptologie erfuhr ich interessierte Anteilnahme. Leider kann man noch nicht von einer Kooperation der verschiedenen Bereiche sprechen. Einerseits liegt es daran, daß der eine vom anderen zuwenig versteht. Andererseits werden solche Arbeiten oft als "frei von Wissenschaft" betrachtet und dementsprechend von einigen Fachleuten als Hobby oder ähnliches abgetan. Mein Status als Student hat sicher auch seinen Anteil an dieser doch sehr elitären Einstellung solchen Projekten gegenüber. Leute, die außerhalb dieser personellen Hierarchien oder auch finanziellen Zwängen stehen, sind in dieser Beziehung sehr aufgeschlossen und hilfsbereit.

Einer der wichtigsten Punkte in der Durchführung eines solchen Projektes ist die lückenlose Dokumentation und Datensicherung3. Gerade bei wiederholten Änderungen im Ablauf ist ein oft erheblicher Zeitverlust zu beklagen bei der Wiederherstellung von Ausgangseinstellungen, welche nicht bis ins kleinste dokumentiert wurden.

Diese hier bisher angedeuteten Punkte sind in ausführlicher Darlegung dem Abschlußbericht zum Projekt "Der Löwentempel von Musawwarat es Sufra" zu entnehmen, der Herrn Dr. Suschke im RZ vorliegt.

Es scheint ein krasses Mißverhältnis zwischen Aufwand und Nutzen einer solchen Arbeit zu bestehen. Warum also ein solcher Aufwand (s. [3])? Ist es notwendig, solche Sachen zu machen?

Es gehört schon eine ganze Menge an Selbstaufopferung dazu, ein solches Projekt unter den geschilderten Bedingungen zu vollenden. Man sollte sich nicht von den schönen Bildern blenden lassen. Die Erstellung der Bilder erforderte sehr viel und harte Arbeit. Der Lernprozeß in diesem Bereich ist nie zu Ende, und man muß am Ball bleiben, auch wenn auf lange Zeit kein Erfolg in Sicht ist.

Mit der Qualität des Endproduktes kann ich im Augenblick sehr gut leben. Der für mich wesentliche Fakt ist aber, daß, wenn nicht ich damit beginne, wahrscheinlich in den nächsten Jahren keine solcher Arbeiten an deutschen universitären Einrichtungen entstehen. Bestrebungen in diesen Bereichen sind in anderen Ländern schon zu sehen (s. u.WWW-Adressen). In diesen Bereichen gibt es nur wenige klare Vorstellungen und Konzepte, was man alles mit den zur Verfügung stehenden Mitteln machen kann.

Die Rolle eines Vorreiters zu übernehmen ist sehr mühsam, aber auch sehr wichtig. Mit dem Abschluß dieses Projektes ist endlich für mich der Weg frei geworden, einige neue Ideen in die Tat umzusetzen. Diese beschäftigen sich - wen wundert es? - natürlich mit der Virtual Reality bzw. Computernutzung und deren Anwendung auf die Archäologie. Fragen oder Hilfsangebote zu diesen Projekten sind jederzeit willkommen und werden mit faszinierenden Ausblicken in die Zukunft belohnt.

Steffen Kirchner

Dank

Familie & Freunden (Martin, Bettina, Elizabeth u.a.)
RZ und ZAL der HUB
Institut für Sudanarchäologie und Ägyptologie der HUB
MediaSystems GmbH Karlsruhe
IAO der Fraunhofer-Gesellschaft in Stuttgart
Silicon Graphics Inc.

Literatur

[1] Kirchner St., Der Löwentempel von Musawwarat es Sufra, RZ-Mitteilungen, Nr. 6, 1993, Berlin, Humboldt-Universität, Rechenzentrum

[2] Kirchner St., Der Löwentempel von Musawwarat es Sufra - eine Computeranimation mit Folgen, MittSAG,
Heft 2, Berlin, 1995

[3] Kirchner St., Modellierung einer Tempelanlage im Sudan - Der Löwentempel von Musawwarat es Sufra,
RZ-Mitteilungen, Nr. 11, 1995, Berlin, Humboldt-Universität, Rechenzentrum

[4] Kirchner St. u. Suschke E., Modellierung einer Tempelanlage im Sudan, INFO'95 - Informationstechnologien für Wirtschaft und Verwaltung / EVA'95 Berlin-Brandenburg, 1995, S. 555-559

WWW-Adressen zum Thema

http://www.rz.hu-berlin.de/inside/rz/mmedia/index.html

http://www.hu-berlin.de/inside/rz/rzmit/rzm11/rzm11_6.html

http://www2.rz.hu-berlin.de/inside/sudan/SAG/welcome.html

http://www.science.net/vr_arch/

http://world.std.com/~pdm/

http://archpropplan.auckland.ac.nz/misc/virtual_tour.html

Abbildungen:

Abb.1 Blick in den LTM vom Eingang aus (363 KByte)

Abb.2 LTM von oben (321 KByte)

Abb.3 Detail der nördlichen Innenwand des LTM (388 KByte)

Abb.4 Außenansicht des LTM (282 KByte)

1 Zeit, Telefon- und Fahrkosten, Datenträger, Zeit in der ich nicht einer bezahlten Nebenbeschäftigung nachgehen konnte, Gummibärchen und Kaffee

2 meist in den Zeiten von 16-22 Uhr wochentags, an den Wochenenden leider gar nicht

3 Alle reden darüber, und keiner macht es (ich leider auch nicht, bzw. nur sporadisch). Aber in diesem Fall lernte ich aus den Fehlern.