Wir müßten danach fragen, wer das bessere,
nicht wer das größere Wissen besitze.
Michel de Montaigne, Essais
In allen Zeiten haben Menschen ihre Erfahrungen und ihr Wissen anderen
mitgeteilt und überliefert. Zunächst mündlich, in
Gesprächen
und Geschichten, später auch schriftlich. Die schriftliche
Übermittlung
bot (und bietet auch noch heute) eine zuverlässige und wirksame
Weitergabe
des Weltwissens. Das Entstehen der Wissenschaften zog neben der
Institutionalisierung
wissenschaftlicher Forschung auch die Einrichtung von Stätten nach
sich, die wissenschaftliche Erkenntnis und tradiertes Wissen - heute
nennen
wir das alles Informationen - sammeln, aufbereiten und anbieten. Nicht
nur durch die Entwicklung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern, sondern
auch durch die industrielle Revolution ist die Menge an Informationen
stetig
gewachsen. Die Bearbeitung und Verwaltung dieser Informationen wurde von
den Bibliotheken stets mit den technischen Mitteln, die ihnen ihr
Zeitalter
zur Verfügung stellte, bewältigt. So ersetzte man am Anfang
dieses
Jahrhunderts beispielsweise die handschriftlich geführten
Bandkataloge
durch Zettelkataloge. Die Schreibmaschine löste den Federhalter ab.
Wenn man heute eine moderne, verhältnismäßig gut
ausgestattete
wissenschaftliche Bibliothek betritt, begegnen einem in der Regel
Monitore
neben Katalogschränken, CD-ROMs neben dickbändigen
Nachschlagewerken,
Laptop-Arbeitsplätze neben Rara-Schreibtischen und ein
Internet-Zugang
neben dem Auskunftspult der Bibliothekarin. Alle diese
"Erscheinungen",
die auf den Einsatz und die Verwendung moderner Technologien hinweisen,
sind nicht nur Zeichen eines Modebewußtseins, sondern Ausdruck
einer
Notwendigkeit. Die Menge konventioneller (d.h. gedruckter)
Veröffentlichungen
hat sich in unserem Jahrhundert so erhöht, daß sie ohne die
Unterstützung elektronischer Hilfsmittel nicht zu bewältigen
ist. Das gilt für alle Gebiete der Bibliotheksarbeit: Auswahl,
Erwerb,
Sacherschließung, Formalkatalogisierung und Bereitstellung.
Aufgrund der Informationsflut ist neben diesen traditionellen Aufgaben
ein Bereich in den Mittelpunkt der bibliothekarischen Arbeit
gerückt,
der im allgemeinen mit "Informationsretrieval" bezeichnet wird.
Hier geht es in erster Linie um das Suchen, Finden und Vermitteln von
Daten,
die elektronisch oder optisch gespeichert sind. Unabhängig davon,
ob die Daten über lokale oder überregionale Rechnernetze
erfragt
werden, ist eine enge, abgestimmte Kooperation zwischen dem Rechenzentrum
und der Universitätsbibliothek von größter Bedeutung. Das
Rechenzentrum liefert der Bibliothek nicht nur das technische Know-how,
sondern bietet darüber hinaus Zugang zu Informationsangeboten wie
File-Servern, Dokumentenservern, WWW etc. Die Zusammenarbeit zwischen dem
Rechenzentrum und der Universitätsbibliothek, die sich bisher auf
laufende Projekte und Planungen bezog, wird nun durch die gemeinsame
Gestaltung
eines Heftes der RZ-Mitteilungen dokumentiert.
Der thematische Schwerpunkt dieses Heftes liegt in dem Bereich, der
für
Forschung, Lehre und Studium besonders wichtig ist, dem bereits
erwähnten
Informationsretrieval. Das Heft soll einen ersten Überblick
über
die Angebote des Rechenzentrums und der Universitätsbibliothek
ermöglichen.
Dargestellt wird die Übermittlung von elektronisch oder optisch
gespeicherten
Informationen über Datennetze. Ziel des Heftes ist es, einen ersten
Überblick über verschiedene Einstiegsmöglichkeiten zu
bieten
und damit Benutzerinnen und Benutzer an systematische Suchstrategien
heranzuführen.
Datenbanken und CD-ROM-Verzeichnisse, Internetangebote und elektronische
Publikationen sowie deren technische und bibliothekarische Aspekte werden
praktisch am Beispiel der Humboldt-Universität dargestellt.
Beide Einrichtungen, das Rechenzentrum und die
Universitätsbibliothek,
bieten allen Universitätsangehörigen und darüber hinaus
allen wissenschaftlich Interessierten die genannten Dienstleistungen an.
Es freut mich, daß die gute und intensive Zusammenarbeit zwischen
dem Rechenzentrum und der Universitätsbibliothek ihren Niederschlag
nun auch im vorliegenden gemeinsam gestalteten Heft der RZ-Mitteilungen
ihren Ausdruck findet.
Milan Bulaty
Direktor der Universitätsbibliothek