Seit zwei Jahren haben wir jede Ausgabe der RZ-Mitteilungen unter ein
Schwerpunktthema gestellt. Bei diesem Heft haben wir uns für das
Informationsretrieval
in Rechnernetzen entschieden, weil wir glauben, damit ein aktuelles Thema
der heutigen Zeit zu treffen. Es geht darum, den Umgang mit elektronisch
vorliegenden Informationen näherzubringen und auf die
gegenwärtig
vorhandenen Möglichkeiten und die künftigen Entwicklungen
aufmerksam
zu machen. Wie schon im Editorial durch den Direktor der
Universitätsbibliothek,
Herrn Dr. Bulaty, zum Ausdruck gebracht, ist das Informationsretrieval
in Rechnernetzen durch eine der dienstleistenden Institutionen der
Universität
nicht abdeckbar, zu verschiedenartig sind die Anforderungen und die zu
bewältigenden Aufgaben. Andererseits ist es aber ein Thema, das sich
im universitären Alltag sehr häufig stellt und für den
Benutzer
unbefriedigend gelöst ist.
Der Wissenschaftler oder Student sitzt an einem Artikel oder einer
Studienarbeit
am Computerarbeitsplatz in der Universität oder zu Hause und
benötigt
für seine Arbeit verständlicherweise Literatur. Natürlich
möchte er den für ihn naheliegenden Weg der Recherche von
seinem
Computer aus wählen. Wie kommt er zum Ziel? Welche Probleme
türmen
sich vor ihm auf?
Wie kommt er von seinem Computer zu dem der Bibliothek, um nachsehen zu
können, ob die Literatur tatsächlich verfügbar ist?
In diesem Zusammenhang könnten z.B. Fragen entstehen zum
Anschluß
des "eigenen" Computers an das Rechnernetz (Integration in
einem
lokalen Netz, Modemanschluß, ISDN-Anschluß), zur notwendigen
Software, um kommunizieren zu können oder zur Gestaltung der
Zieladresse.
In der Bibliothek "angekommen", werden Kenntnisse zu den
elektronisch
verfügbaren Katalogen und den darin enthaltenen
Recherchemöglichkeiten
benötigt. Wie ruft er z.B. den OPAC (Online Public Access Catalog)
auf? Angenommen, er findet den Titel zwar in der
Universitätsbibliothek,
dort existiert er jedoch bisher nur im Katalog und noch nicht
elektronisch
als Volltext. Wie gelangt er zu weiteren Bibliotheken?
Sollte die Suche von Erfolg gekrönt sein, so reicht
möglicherweise
die Anzeige auf dem Bildschirm nicht aus, weil er sich zumindest einen
Teil des Textes ausdrucken möchte. Er wird an einen FTP-Server
(File-Transfer-Protocol-Server)
verwiesen, von dem er sich das Dokument "downloaden" kann. Wenn
selbst diese Hürde genommen ist, besteht evtl. der Wunsch, ein Zitat
aus der Literaturstelle direkt in seine eigene Ausarbeitung
einzufügen.
Wie funktioniert das denn nun wieder in seinem Textverarbeitungssystem?
Die Kette der möglichen Fragen ließe sich sicher noch
wesentlich
ausweiten. Deutlich ist geworden, daß zur Beantwortung dieser mehr
oder weniger speziellen Fragen gegenwärtig sowohl das Know-how des
Rechenzentrums als auch das der Bibliothek benötigt wird. Wir
sollten
uns fragen, warum das so ist und inwieweit die beiden dienstleistenden
Institutionen damit dem Wandel in der wissenschaftlichen Information und
Kommunikation entsprechend Rechnung tragen. Zur Zeit sicher nur sehr
wenig.
Mit dem vorliegenden Artikel wird zum ersten Mal durch die grobe
Beschreibung
eines Informations-Service-Zentrums als Gemeinschaftseinrichtung von
Bibliothek
und Rechenzentrum der Versuch unternommen, auf die eingetretenen
Veränderungen
zu reagieren und ein Konzept zur Diskussion zu stellen.
Als Grundlage können hierbei die 13 Thesen1
dienen, die auf einem Workshop im November 1995 zum Thema "Die
Bibliothek
der Zukunft - Planungen für ein Informations- und
Kommunikationszentrum
in Adlershof" vorgelegt wurden. Deren wichtigste Aussagen lauten:
"..2. ...Die wichtigste Infrastruktur-Einrichtung für den
Standort
wird das gemeinsam mit der WISTA Management GmbH zu errichtende
Informations-
und Kommunikationszentrum Adlershof (IKA) sein. Es soll neben der
Naturwissenschaftlichen
Zentralbibliothek und der Zentraleinrichtung für
Informationsverarbeitung
und Kommunikation (dem bisherigen Rechenzentrum) als wichtigste
universitäre
Elemente kommerzielle Informationsdienste, wissenschaftliche Verlage und
die notwendige Infrastruktur eines solchen Komplexes (Telekonferenz- und
Besprechungsräume, Cafeteria u.a.) beherbergen. ...
4. Eine moderne Bibliothek wird ohne enge Kooperation mit Rechenzentrums-
und Medieneinrichtungen nicht lebensfähig sein. Diesem Grundsatz
müssen
sowohl die inhaltliche als auch die Bauplanung für zukünftige
wissenschaftliche Bibliothekseinrichtungen die entsprechende Beachtung
schenken.
5. Die traditionellen bibliothekarischen Leistungen (Informationen
auswählen,
zur Verfügung stellen, erschließen, archivieren,
Auskünfte
erteilen und beraten) werden sich grundsätzlich nicht
verändern.
Sie werden aber in erster Linie auf elektronischen Medien basieren. Das
betrifft zunächst den Nachweis, die Bestandshaltung und Pflege sowie
die systematische Erschließung bereits vorhandener Buch- und
Zeitschriftenbestände.
Das gilt ferner für die Auswahl der Beschaffung und Einarbeitung
neuer
Informationsträger wie auch für die Kommunikation mit anderen
Bibliothekseinrichtungen, Verlagen und Informationsanbietern."
Die Entwicklungen der letzten 18 Monate seit diesem Workshop
bestätigen
die Richtigkeit dieser Thesen. Das Wachstum der wissenschaftlichen
Literatur
ist heute mehr denn je gekennzeichnet durch die
Informationsüberflutung
und den gleichzeitigen Informationsmangel, der dadurch entsteht,
daß
die Literaturnachweise zwar einfach beschafft werden können, die
Dokumente
(ob nun in gedruckter oder elektronischer Form) selbst aber wegen der
herrschenden
Finanzknappheit, Haushaltssperren und Etatkürzungen nicht erworben
und damit nicht zur Verfügung gestellt werden können. Das
traditionelle
Verlags- und Bibliothekssystem ist der Geschwindigkeit, in der
wissenschaftliche
Publikationen heute entstehen, in keiner Weise gewachsen. Den neuen
Techniken
der Dokumentennachweise, der Lieferung der Dokumente sowie der
Publikation
und ihrer Verbreitung über das weltweite Rechnernetz müssen
deshalb
auch entsprechende Veränderungen der Informations- und
Kommunikationsstrukturen
in den wissenschaftlichen Einrichtungen folgen.
Neben der Schilderung der Torturen eines Nutzers zeigt aber auch das
tägliche Leben in Bibliothek und Rechenzentrum, daß die
Aufgaben
sich zwangsläufig annähern, wofür im folgenden einige
charakteristische
Beispiele aufgeführt werden sollen:
Das Rechenzentrum gilt gemeinhin als der Betreiber der
Kommunikationsinfrastruktur.
Die Bibliothek und ihre Benutzer werden zunehmend ein bedeutender oder
der bedeutendste Nutznießer dieser Infrastruktur und der
Basisdienste.
Eine Bibliothek, die den heutigen Anforderungen ihrer Benutzer
gerecht
werden will, muß über das Rechnernetz erreichbar sein. Der
Anschluß
sollte eine angemessene Bandbreite für die Datenübertragung
gewährleisten
und das recherchierbare Volumen an Daten möglichst umfangreich sein.
Eine Universitätsbibliothek, wie die der HU, mit einer
Zentralbibliothek
und 22 Zweigbibliotheken lebt also ganz entscheidend vom gut
funktionierenden
Netz. Die Anforderungen, die hier entstehen, sind für die Gestaltung
des Gesamtnetzes der Universität deshalb wesentlich.
Auf dieser Kommunikationsinfrastruktur werden gegenwärtig durch
das Rechenzentrum u.a. sogenannte Basisdienste, wie der File- und
Archivservice,
angeboten. Mit der Zunahme des Umfanges an elektronisch verfügbaren
Dokumenten stellt sich dieses Problem aber auch für eine
Bibliothek.
In der Vergangenheit speicherte das Rechenzentrum traditionell die Daten
der Benutzer der zentralen Rechenanlagen (Mainframenutzung) in
Magnetbandarchiven
o.ä. In der heutigen Zeit sind daraus Speicherroboter geworden, auf
denen über zentrale File-Server in den Nachtstunden alle Daten der
Server der Institute gesichert werden, die diesen Dienst möchten
(Tendenz
stark zunehmend), so daß gegenwärtig im Rechenzentrum eine
Speicherkapazität
von 8 Terabyte vorgehalten wird. Der Inhalt der zu sichernden Files ist
dabei völlig unerheblich. Wenn nun in der Zukunft eine Bibliothek
umfangreiches Datenmaterial elektronisch zu speichern und zu archivieren
hat, so bietet es sich geradezu an, dieses ebenso auf dem Speicherroboter
zu tun. Für den Benutzer der Bibliothek ist der Ort der Speicherung
unerheblich, da der Zugriff auf diese Dokumente sowieso über das
Rechnernetz
erfolgt. Der Vorteil wäre, daß in der Bibliothek weder
spezielles
Equipment zu beschaffen, noch spezielles Know-how bei den Mitarbeitern
aufzubauen ist. Für das Rechenzentrum entstehen bei einer solchen
Herangehensweise sicher erweiterte Anforderungen, z.B. an die
Zugriffszeiten
auf die Dokumente, aber insbesondere an neue Dimensionen für den
Zeitraum
der Archivierung.
Mit der Zunahme unterschiedlicher Dienste im weltweiten Netz entsteht
für Bibliothek und Rechenzentrum die Aufgabe, den Zugang für
die Universität zu koordinieren.
In Anlehnung an ihre Pflichtaufgaben ist dabei die Bibliothek
für
die Organisation des Zuganges bzw. der Zugangsberechtigung zu den
unterschiedlichen
OPACs, Online-Datenbanken, elektronisch verfügbaren Zeitschriften
und weiteren elektronischen Dokumenten zuständig, während das
Rechenzentrum den technischen Zugang zu den verschiedenen Diensten zu
gewährleisten
hat.
Neben der Organisation des Zuganges zu Netzangeboten sind beide
Institutionen
auch unmittelbare Anbieter von Informationen.
Die Universitätsbibliothek bietet natürlich im WWW neben
allgemeinen
Bibliotheksinformationen auch ihren eigenen OPAC an, was in Deutschland
und auch Berlin durchaus noch nicht einen allgemeinen Standard darstellt,
und darüber hinaus einen sehr umfangreichen CD-ROM-Service.
Während
auf dem CD-ROM-Server der Bibliothek Literaturnachweise oder gar
Volltexte
angeboten werden, verteilt das Rechenzentrum über einen
CD-ROM-Server
Software, die im Rahmen von Campusvereinbarungen beschafft wurde.
Natürlich
war das Rechenzentrum eine der ersten Institutionen der Universität,
die einen eigenen WWW-Server hatte. Heute werden von hier aus der
zentrale
Server und etwa zwei Drittel aller WWW-Server der HU betreut. Es
existiert
ein FTP-Server und z.B. die Möglichkeit der Nutzung von Listservern.
Mit dem Angebot von modernen Diensten entsteht natürlich auch die
Verpflichtung, die Benutzer an solche modernen Möglichkeiten
heranzuführen,
also Motor der Nutzung zu sein.
Das Rechenzentrum bietet gegenwärtig etwa 30 Kurse pro Semester zu
den unterschiedlichen Formen der Computernutzung an. Durch die Bibliothek
werden Veranstaltungen zur Recherchen in Datenbanken, in Katalogen und
Rechnernetzen (Internet) durchgeführt. Beides sind sehr wesentliche
Aufgaben, die noch parallel und unkoordiniert ablaufen. Eine bessere
Kooperation
wird für die Zukunft angestrebt.
Diese Beispiele zeigen deutlich, daß sich eine Vielzahl von
Aufgaben
annähert. Nichtsdestotrotz hat jede Institution ihre Spezifika. Das
wird für die Bibliothek deutlich, wenn man an solche
Stichwörter
wie Erwerben, Erschließen, Verfügbarmachen oder Bewahren von
Dokumenten denkt, die auch in rein elektronischer Form existent sein
können.
Das sind in der heutigen Zeit zwar Tätigkeiten, die mit
Unterstützung
der Datenverarbeitung erfolgen, aber doch ureigenste Aufgaben von
Bibliothekaren
mit ihrem Spezialwissen darstellen.
Die Aufgaben des Rechenzentrums haben sich in der gut
dreißigjährigen
Geschichte gewandelt. Aus dem Zentrum des Rechnens einer
Universität,
in dessen Mitte der Mainframe-Rechner zu betreuen war, entsteht ein
Informations-
und Kommunikationszentrum, wie es in der Reihe
"RZ-Mitteilungen"
schon mehrfach beschrieben wurde. Schwerpunkt der Aufgaben bilden die
Planung,
der Ausbau und der Betrieb des universitären Rechnernetzes und der
Anschluß der Rechnernetze der Institute. Auf dieser Infrastruktur
sind die Services für die Universität anzubieten, die von einer
Zentrale aus wirtschaftlicher zu realisieren sind. Es ist der
Computeservice
auf der Basis von gemeinschaftlich genutzten Rechnern unter Einbeziehung
der Höchstleistungscomputertechnik des Konrad-Zuse-Zentrums für
Informationstechnik vorzuhalten, genauso wie ein komfortabler Fileservice
für die Institute, um die Wissenschaftler von dieser Art von
Aufgaben
zunehmend zu entlasten. Es sollen und können an dieser Stelle nicht
alle Dienstleistungen des Rechenzentrums aufgezählt, sondern es soll
nur verdeutlicht werden, daß eine Vielzahl von Aufgaben existiert,
die ein erhebliches Spezial-Know-how benötigen. Mit der Existenz und
der zunehmenden Geschwindigkeit des Rechnernetzes werden Aufgaben
für
das Rechenzentrum "wiederentdeckt", die man in den vergangenen
fünf bis acht Jahren den Instituten zuteilen mußte, weil nur
so eine effiziente Datenverarbeitung möglich war. Von wo die
Rechnerleistung
oder z.B. der Archivdienst heute an den Computerarbeitsplatz gelangen,
ist jedoch nicht mehr wesentlich. Ziel muß es sein, den
Wissenschaftler
wieder verstärkt von solchen rechentechnischen Aufgaben zu
entlasten,
die nicht zu seinem eigentlichen Aufgabenfeld gehören.
Was kann nun in einem Informations-Service-Zentrum geleistet werden?
Wichtig für die Zukunft ist, daß Bibliothek und Rechenzentrum
als dienstleistende Institutionen der Universität die
"Kundenorientiertheit"
in den Mittelpunkt stellen, d.h. gemeinsam mit der Zentraleinrichtung
für
Audiovisuelle Lehrmittel das notwendige Dienstleistungsspektrum für
die Wissenschaftler und Studierenden der Universität entwickeln und
erst in einem späteren Schritt darüber "streiten",
wer welche Aufgaben im Detail zu übernehmen hat.
Die Zentrale Universitätsbibliothek hat vor kurzer Zeit ein
Informationszentrum
zur Nutzung der elektronischen Kataloge, der umfangreichen
CD-ROM-Sammlung
und des Internets in ihrem Gebäude (Dorotheenstr. 27) in Betrieb
genommen.
Das Rechenzentrum betreibt seit mehreren Jahren einen großen
PC-Saal
mit 60 Arbeitsplätzen und weitere Ausbildungsräume in der
Dorotheenstraße
26 bzw. 24. Die Einzelzulassung sowohl von Wissenschaftlern (wenn nicht
in den Instituten direkt) als auch Studierenden für einen
Internetzugang
erfolgt im Hauptsitz des Rechenzentrums, also im Hauptgebäude. Mit
dem Informations-Service-Zentrum wird das Ziel verfolgt, diese Leistungen
den Nutzern an einer Stelle anzubieten. In das Gebäude der Zentralen
Universitätsbibliothek sollen deshalb der PC-Saal,
Computerausbildungsräume
und die Vergabe von Accounts sowie die Beratung zur Internetnutzung
integriert
werden. Wenn es sich räumlich einrichten läßt (die
Diskussionen
dazu werden gerade geführt), so soll die Informationsbeschaffung,
ob in traditioneller Weise oder auf elektronischem Weg, an einer Stelle
in der Universität möglich sein und dort auch die entsprechende
Beratung stattfinden. Das Informations-Service-Zentrum ist somit eine
Gemeinschaftseinrichtung
von Bibliothek und Rechenzentrum. Die Betreuung erfolgt durch
Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter beider Zentraleinrichtungen. Das Konzept für dieses
Informations-Service-Zentrum ist nicht fertig und in vielen Details noch
nicht diskutiert, weshalb wir insbesondere auch an Ihrer Meinung
interessiert
wären. Grundsätzlich sollten jedoch folgende Dienstleistungen
angeboten werden:
Durch eine gut durchdachte Raumauf- und -verteilung soll erreicht
werden,
daß diese Leistungen mit möglichst wenig Betreuungspersonal
angeboten werden können. Das verlangt eine entsprechende
Qualifizierung
und Schulung des einzusetzenden Personals. Von wenigen zentralen Stellen
im Haus soll der Nutzer möglichst umfassend eine Hilfestellung in
bibliothekarischer und rechentechnischer Sicht bekommen. Dabei ist daran
gedacht, diese Leistungen sowohl innerhalb des Hauses anzubieten, als
auch
über die erwähnte Hotline dem Wissenschaftler bzw. Studierenden
an seinem universitären bzw. häuslichen Arbeitsplatz zur
Verfügung
zu stellen. Mit diesem Konzept nähern wir uns der Lösung des
eingangs zu diesem Artikel formulierten Problems des
Informationssuchenden.
Norbert Martin
Universitätsbibliothek
Peter Schirmbacher
Rechenzentrum