Die elektronische Publikation von Dissertationen

an der Humboldt-Universität zu Berlin

Einleitung

In den vorhergehenden Artikeln dieses Heftes werden Möglichkeiten und einige der gängigen Wege der Informationsbeschaffung in Rechnernetzen beschrieben. Die "konsumierende" Komponente der elektronischen Informationssysteme steht dabei im Mittelpunkt. Tagtäglich erzeugt aber eine millionenfache Schar von Computernutzern eine nicht zu überschauende Zahl von elektronisch lesbaren Dokumenten, die, da sie meist weltweit über das Internet verfügbar sind, sicher einen hohen Grad an Öffentlichkeit erreichen könnten.

Viele sprechen in diesem Zusammenhang von der Zeit des elektronischen Publizierens, also der "produzierenden" Komponente der elektronischen Informationssysteme. Es ist sicher eines der Schlagworte unserer Zeit. In vergangenen Heften (z.B. Nr. 8, 10, 12, 13) der RZ-Mitteilungen haben wir über Möglichkeiten der Präsentation im World Wide Web informiert. Ist es aber korrekt, bei jeder Veröffentlichung im WWW von einer elektronischen Publikation zu sprechen? Sicher nicht.

Eine akademisch sattelfeste Definition zum "Elektronischen Publizieren" wäre bestimmt verdienstvoll, sollte jedoch von diesem Artikel nicht erwartet werden. Das elektronische Publizieren, wobei wir hier nur die wissenschaftliche Veröffentlichung betrachten wollen, steht erst am Anfang seiner Entwicklung und hat so noch eine Vielzahl ungelöster Probleme, von denen die folgenden nur einen kleinen ungeordneten Einblick geben:

Die im weiteren Text beschriebene Herangehensweise kann keine umfassenden Antworten auf die Fragen geben, sondern soll einen pragmatischen Weg der Realisierung für ein eingegrenztes Gebiet der wissenschaftlichen Publikation, der Dissertationen1, darstellen.

Problembeschreibung

Nach groben Schätzungen wird heute davon ausgegangen, daß etwa 90 bis 95 % aller Dissertationen am Computer entstehen und dabei mehr oder weniger gängige Textverarbeitungssysteme oder gar Desktop-Publishing-Systeme zum Einsatz gelangen. Innerhalb der Humboldt-Universität gibt es aber nach wie vor keine Promotionsordnung, die es zulassen würde, die Arbeit auch in elektronischer Form als Prüfungsexemplar oder als Bibliotheksexemplar einzureichen. Die oben aufgeführten ungelösten Probleme stehen dem entgegen. Innerhalb eines Projektes, das im Rahmen des Hochschulsonderprogrammes III gefördert wird, ist es nun das Ziel, hier einen Durchbruch zu erzielen. In einer ersten Etappe ist es beabsichtigt, die elektronische Publikation der Dissertation auf freiwilliger Basis als eine zusätzliche Veröffentlichung neben den vorgeschriebenen Formen zu ermöglichen. Dazu erarbeiten die Universitätsbibliothek und das Rechenzentrum gegenwärtig ein gemeinsames Konzept. In Kürze soll ein Dokumentenserver installiert werden, auf dem ausschließlich sogenannte zertifizierte Arbeiten abgelegt werden und für den es ein leistungsfähiges Recherchesystem geben wird. Ausgangspunkt dieses Konzeptes ist die Bestimmung der Anforderungen an die elektronische Publikation der Dissertationen, wobei wir rechtliche, bibliothekarische und rechentechnische unterscheiden.

Rechtliche Anforderungen

Die Dissertationen als Bestandteil einer akademischen Prüfung sind zwangsläufig an eine Reihe von rechtlichen Fragen gebunden, die u.a. in einem Workshop "Dissertationen Online" am 17./18.03.97 an der Humboldt-Universität diskutiert wurden und deren inhaltliche Zusammenfassung2 hierzu einen guten Überblick gibt. Auf Beschluß der Kultusminister-Konferenz (KMK) wurden 1988 die "Grundsätze für die Veröffentlichung von Dissertationen"3 formuliert. Natürlich gibt es hier die elektronische Form als Möglichkeit der Veröffentlichung noch nicht. An einer Erweiterung dieser Grundsätze wird in einer speziellen Arbeitsgruppe der KMK gearbeitet.4 Entscheidend ist jedoch aufgrund der Satzungsgewalt der Universitäten, daß die einzelnen Fakultäten bzw. Fachbereiche ihre entsprechenden Promotionsordnungen anpassen und die elektronische Fassung für die Veröffentlichung zulassen. Dazu sind sie auch einzeln berechtigt, werden es aber in der Mehrzahl der Fälle sicher nur in Abstimmung mit ihren jeweiligen Fakultätentagen realisieren. Auch hier hat der Workshop, der durch die Arbeitsgruppe "Dissertationen Online" der IuK-Kommission von fünf Fachgesellschaften zustande kam, die Initiative ergriffen und wird den Fakultätentagen entsprechende Vorschläge unterbreiten.

Im Zusammenhang mit der Dissertation ist sicher der Druckzwang von besonderer Bedeutung, weil er für den Promovierenden erhebliche finanzielle Belastungen erzeugt und die Bibliothek der Hochschule, an der die Arbeit angefertigt wurde, diese Exemplare über einen längeren Zeitraum aufbewahren muß. In Hinsicht auf das Pflichtexemplargesetz müßte eine Änderung (Ablieferungspflicht an "Die Deutsche Bibliothek") dahingehend erfolgen, daß es den zuständigen Bibliotheken die Pflicht auferlegt, elektronisch vorliegende Arbeiten auch in dieser Form zu speichern (sammeln). Das Urheberrecht des Autors der Arbeit wird durch eine andere Form der Veröffentlichung relativ wenig berührt. Zu sichern ist allerdings das Recht der Universitäten, Vervielfältigungen anzufertigen, was bisher für im Dissertationsdruck oder auf Mikrofiche erschienene Dissertationen galt. Hierbei ist besonders das Verhältnis zu Verlagspublikationen von Bedeutung, bei denen der Promovend bei einer entsprechenden Auflage eine relativ kleine Menge an Dissertationsexemplaren bei der Bibliothek abzuliefern hat und das Copyright beim Verlag liegt.

Den Hauptschwierigkeiten, die durch die rechtlichen Anforderungen noch existieren, werden wir in der ersten Phase des Projektes dadurch entgehen, daß nicht das Prüfungsexemplar Gegenstand unserer Betrachtung ist, sondern das Bibliotheks- oder Veröffentlichungsexemplar. Für den Promovenden bedeutet dies, daß er sein Prüfungsexemplar wie bisher auch in Papierform einreicht, der vorgeschriebenen Veröffentlichungspflicht aber durch eine elektronische Publikation nachkommen kann. Dies wäre auch schon jetzt mit einer Sondergenehmigung der Fakultät möglich. Dadurch würden sowohl für den Promovenden eine nicht unbeträchtliche Summe an Druckkosten entfallen als auch in der Universitätsbibliothek - zumindest nach einer Gewöhnungsphase - eine Senkung des Aufwandes bei der Erschließung, Bereitstellung und Archivierung der Dissertationen möglich sein. Am deutlichsten wäre der Vorteil für den Benutzer, der nun die Dissertation an jedem beliebigen Ort (Netzzugang vorausgesetzt) einsehen kann und nicht wochenlang auf eine Fernleihe warten muß.

Bibliothekarische Anforderungen

Aus bibliothekarischer Sicht sollten bei der Abfassung und Speicherung einer elektronischen Dissertation folgende Gesichtspunkte beachtet werden:

Rechentechnische Anforderungen

Die rechentechnischen Anforderungen, die durch dieses Projekt entstehen, resultieren aus der unterschiedlichen Sichtweise der "Betroffenen".

Ziele des Promovenden:

Ziele des Lesenden:

Ziele der Bibliothek:

Schon auf den ersten Blick wird deutlich, daß sich die Forderungen aus der Sicht des heutigen Standes der Computerhard- und Software widersprechen. Ein leichtverständliches Textverarbeitungssystem, das Dateiformate unterstützt, die im Internet eine gute Recherchierbarkeit und gleichzeitig eine Langzeitarchivierung gestatten, ist bisher nicht bekannt. Die Schwierigkeit der Umsetzung besteht also darin, den günstigsten Kompromiß zu finden. Für die Umsetzung des Projektes gilt es deshalb im wesentlichen, für folgende Aufgaben eine Lösung zu erarbeiten:

Zusammenfassung

Für die Veröffentlichung wissenschaftlicher Arbeiten hat sich in der Geschichte eine Vielzahl von Regeln und Standards herausgebildet, die es für das elektronische Publizieren bisher höchstens in Ansätzen gibt (siehe Dublin Core8). Es sollte aufgezeigt werden, daß zum elektronischen Publizieren weit mehr gehört, als nur den jeweiligen Text auf einem Computer zu erfassen. Mit der elektronischen Publikation von Dissertationen existiert ein überschaubares Gebiet. Hier wollen wir mit dem in diesem Artikel in Ansätzen beschriebenen Projekt erste Erfahrungen sammeln. Wir bitten deshalb alle interessierten Promovenden, sich bei uns zu melden, damit wir uns gemeinsam an konkreten Beispielen der Problematik nähern können. Schon heute sind erste Arbeiten verfügbar, die wir in Kürze veröffentlichen werden.

Norbert Martin

Peter Schirmbacher


1 Lehmann, Klaus-Dieter: Dissertationen Online. Bibliotheksdienst 31 (1997) S.645-651

2 http://www.educat.hu-berlin.de/diss_online/recht.html

3 Amtsblatt des Hessischen Kultusministeriums und des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst; 41 (1988) S 715; Bibliotheksrechtliche Vorschriften, Hrg. R. Lansky, 3. Aufl. Frankfurt/M. 1980. Nr. 710.

4 Vergl. auch die Forderung der DFG in: Neue Informations-Infrastrukturen für Forschung und Lehre. In: ZfBB 43 (1996) S.140: Die KMK sollte Regelungen empfehlen, damit Dissertationen in den Universitäten grundsätzlich in elektronischer Form auf digitalen Dokumentservern bereitgehalten und über Wissenschaftsnetze zugänglich gemacht werden.5 Rusch-Feja, Diann: Dublin Core Metadata. Auf dem Weg zur Entwicklung eines Internet-Standards - 4. Dublin Core Metadata Workshop in Canberra. Bibliotheksdienst 31 (1997) 622-639. Dublin Core Homepage: http://purl.org/metadata/dublin_core

6 Koch, Traugott: Improving Resource Discovery and Retrieval. Existing approaches and the EU project DESIRE. In: Elektronisches Publizieren und Bibliotheken. Hrsg. v. K. W. Neubauer. Frankfurt/M. 1996 (Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie. Sonderheft 65) S. 19-37.

7 Der offizielle Name lautet: "Die Deutsche Bibliothek". Der Artikel ist hier weggelassen.

8 Dublin Core Homepage: http://purl.org/metadata/dublin_core