Karl Steinbuch - Informatiker der ersten Stunde

Hommage zu seinem 80. Geburtstag

Neuerdings gibt es technische Geräte, von denen man sich gedruckte oder geschriebene Texte vorlesen lassen kann. Daß eine solche, besonders für Sehbehinderte außerordentlich wertvolle Errungenschaft möglich wurde, ist in hohem Maße dem Physiker und Informatiker Karl Steinbuch mit zu verdanken, der bereits seit Ende der fünfziger Jahre zur Technik der zeichenerkennenden und lernenden Automaten wesentliche Pionierarbeit geleistet hat. Auch an der Weiterentwicklung der Rechenautomaten in jenen Jahren hat er großen persönlichen Anteil.
Karl Steinbuch, 1917 in Cannstatt bei Stuttgart als Sohn eines Bäckermeisters geboren, besuchte dort bis 1936 die Oberrealschule. Nach Ableistung des Pflichtwehrdienstes (1936 bis 1938) studierte er an der Technischen Hochschule Stuttgart Physik, wurde aber 1939 zum Wehrdienst eingezogen. Als Ingenieuroffizier konnte er 1942 seine Studien an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität für begrenzte Zeit fortsetzen. Während eines Fronturlaubs promovierte Karl Steinbuch 1944 an der TH Stuttgart mit einer Arbeit über "Drehbewegungen rotationssymmetrischer Körper in zähen Flüssigkeiten".
Nach Kriegsende arbeitete Steinbuch von 1948 bis 1958 als Labor- und Entwicklungsleiter bei der bekannten Firma Standard Elektrik Lorenz AG in Stuttgart; hier hat er sich wesentliche Verdienste um die Weiterentwicklung des Computerbaus erworben, denn bei dieser Firma wurde unter seiner Leitung der Rechenautomat ER 56 fertiggestellt, der der erste volltransistorisierte Digitalrechner in ganz Europa gewesen ist. Es ist ja bekannt, daß der 30 Tonnen schwere amerikanische Röhrenrechner ENIAC, der 1946 gebaut wurde und etwa 18.000 Röhren enthielt, zu zwei Drittel der Zeit wegen Pannen und Wartung außer Betrieb war (Berichte der GMD, 1979). Dem weitsichtigen Entschluß Steinbuchs ist es zu verdanken, daß damals die Betriebssicherheit des Rechenautomaten wesentlich erhöht werden konnte. Denn er hat in Deutschland sehr früh (1954) den Übergang von Röhren auf Transistoren gewagt. Auch die Rechengeschwindigkeit konnte bedeutend gesteigert werden; so erzielte der Universal-Rechenautomat ER 56 der Standard Elektrik AG folgende Rechenzeiten: 0,3 Millisekunden für eine Addition und 0,4 - 2,5 Millisekunden für eine Multiplikation 13stelliger Zahlen. Dabei ist der Vergleich interessant, daß der ER 56 mehr Transistoren enthielt, als ENIAC einst Röhren hatte.
In seine Stuttgarter Zeit fällt auch Steinbuchs erste Publikation zur Informatik (1957). Zusammen mit Helmut Gröttrup, einem Mitarbeiter aus Peenemünde, hat er diesen Begriff erstmals geprägt und in die wissenschaftliche Literatur eingebracht. Natürlich hat der Begriff bis heute eine wesentliche Bedeutungserweiterung erfahren; damals definierte Steinbuch Informatik als Automatische Informationsverarbeitung.
Im Jahre 1958 wurde Karl Steinbuch als ordentlicher Professor an die Technische Hochschule Karlsruhe berufen, wo er bis 1980 als Direktor des Instituts für Nachrichtenverarbeitung und Nachrichtenübertragung wirkte. Zwischenzeitlich hielt er auf entsprechende Einladungen hin Gastvorlesungen an den Universitäten Moskau, Leningrad und 1964 an der Stanford-Universität in Californien. An der TH Karlsruhe führte er in regelmäßigen Abständen sog. "Lerntagungen" durch, die allmählich zu einer festen Einrichtung wurden.
Steinbuch hat nicht weniger als 80 Patente angemeldet. Seine wichtigste Erfindung ist - nach seiner eigenen Einschätzung - die sogenannte "Lernmatrix", ein technisches Modell für lernfähige Systeme. In einer solchen Lernmatrix lassen sich, ähnlich den bedingten Pawlowschen Reflexen bei Lebewesen, bedingte komplexe Verknüpfungen zwischen gewissen Eigenschaftsmengen (z. B. Buchstaben eines Alphabets) und zugehörigen Bedeutungen (aus jenen Buchstaben gebildeten Wörtern) herstellen. Durch geeignete Zusammenschaltung mehrerer Lernmatrizen kann man ein Schaltsystem aufbauen, das nach Absolvierung bestimmter Trainingsphasen schließlich in der Lage ist, zu einer eingegebenen Folge von Merkmalen automatisch die wahrscheinlichste zugehörige Bedeutung zu ermitteln. Mit dieser grundlegenden Erfindung wurden letztlich die technische Zeichenerkennung und Gestaltwahrnehmung, die automatische Sprachübersetzung, die Decodierung von (gestörten) Nachrichten (Funktelegraphie, Datenübertragung) oder auch die heutige Kopier- und Faxtechnik u.v.a.m. ermöglicht.
Einen breiten Raum in Steinbuchs Schaffen nimmt seine publizistische Tätigkeit ein. Er hat über 15 Bücher verfaßt, die zum großen Teil in mehreren Auflagen und in fremdsprachigen (auch japanischen und russischen) Übersetzungen erschienen sind. Man sollte es dankbar registrieren, wenn bedeutende Wissenschaftler aus der erfahrungsreichen Kenntnis ihres Fachgebietes heraus für wichtige Bereiche unseres gesellschaftlichen Lebens öffentlich Hinweise geben und Ratschläge anbieten. So hat z. B. Konrad Zuse vor gedankenlosem Mißbrauch des Computers immer wieder gewarnt. Auch Karl Steinbuch hat sich mit den Jahren mehr und mehr zu Problemen der "maßlos informierten" Gesellschaft Gedanken gemacht und dazu in Wort und Schrift kritisch und engagiert Stellung bezogen, sich mitunter auch öffentlich an führende Politiker gewandt. Seine besondere Sorge galt z. B. dem deutschen Bildungswesen, für dessen Verbesserung er konkrete Vorschläge ausgearbeitet hat. Für seine publizistische Tätigkeit ist er übrigens mit dem Deutschen Sachbuchpreis sowie der Wilhelm-Bölsche-Medaille ausgezeichnet worden.
Es nimmt kaum wunder, daß Karl Steinbuch mehreren wissenschaftlichen Gremien angehört; stellvertretend seien seine Mitgliedschaften in der LEOPLDINA, Halle (seit 1955) sowie in der Europäischen Akademie für Umweltfragen genannt.
Für seine epochemachenden wissenschaftlichen Leistungen ist er mit zahlreichen Auszeichnungen gewürdigt worden, so u. a. mit der Goldmedaille des XXI. Internationalen Kongresses für Luft- und Raumfahrtmedizin, mit dem Konrad-Adenauer-Preis für Wissenschaft sowie mit der Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg.

Literatur:

K. Steinbuch: Taschenbuch der Nachrichtenverarbeitung. Springer, Berlin 1962
K. Steinbuch: INFORMATIK: Automatische Informationsverarbeitung. SEG-Nachrichten Heft 4/1957
K. Steinbuch: Automat und Mensch. Springer, Berlin 1963
K. Steinbuch: Programm 2000. dtv, München 1972
K. Steinbuch: Die desinformierte Gesellschaft. Busse + Seewald Verlag, Herford 1989
K. Steinbuch: Korrespondenz mit dem Autor, 1997

Klaus Biener 
Herr Professor Steinbuch hat Herrn Biener und mir in mehreren Telefongesprächen bereitwillig Auskunft über sein Leben gegeben. Dafür möchten wir uns bei ihm noch einmal sehr herzlich bedanken.
Edmund Suschke