Lernen und Lehren mit Multimedia und Netz

Lehre hat auch eine technische Seite. Bedeutende Erfindungen haben den Unterricht verändert. Mit der Verbreitung des Buchdrucks im späten 15. Jahrhundert wurden Lehrbücher verfügbar, im späten 17. Jahrhundert fand die Wandtafel ihren Weg ins Klassenzimmer; in diesem Jahrhundert markieren Overheadprojektor und Kopiergeräte den erreichten Stand der technischen Ausrüstung. Auch Computer stehen seit mehr als drei Jahrzehnten unter dem Verdacht, nicht nur der Forschung, sondern auch der Lehre technisch auf die Sprünge zu helfen. CD-ROM und Internet, Hypertext und Multimedia sind die Schlagworte dieser neuesten Entwicklungen, die nahezu alle Schulformen, alle Einrichtungen und alle Studiengänge erfaßt haben. Für den Massenmarkt Schule haben die einschlägigen Hersteller und Diensteanbieter ihr Marktpotential erkannt, an den Universitäten herrscht in dieser Frage noch immer ein Humboldtscher Geist von "Einsamkeit und Freiheit": Überall geschieht etwas, aber kaum jemand weiß etwas von den anderen oder nimmt andere Entwicklungen gar zur Kenntnis.

Auch an der Humboldt-Universität findet eine Vielzahl unterschiedlicher Experimente mit Computern, Programmen und Netzen statt, bei denen neue Formen und Qualitäten der Lehre zur Diskussion stehen: vom Stunden- und Studienplan im Netz bis zu Videokonferenzen und Plänen für zeit- und ortsunabhängiges Distanzlernen, auch Teleteaching oder Telelearning genannt.

Äußere Ereignisse, wie der Umzug der Naturwissenschaften nach Adlershof, aber auch die Anforderungen der Massenuniversität, in der Studierende eben nicht mehr ein Vollzeitstudium, sondern nur einen Teilzeitjob verbringen, provozieren ein Nachdenken und Experimentieren mit neuen Lehrformen. Computernetze und Multimediageräte stellen in dieser Situation ein Angebot zur Veränderung dar.

Manches ist in den letzten Jahren bereits geschehen, ohne daß die Veränderungen ins allgemeine Bewußtsein eingedrungen sind. Die Studiengänge und Fakultäten zeigen eine breite Web-Präsenz. E-Mail ist zu einem allgemeinen Kommunikationsmittel für Forschende und Studierende geworden. Die Bereitstellung von Lehrmaterialien auf Servern, in Rechnerpools oder im Netz wird in den Kulturwissenschaften ebenso wie in den Naturwissenschaften genutzt. Programme zur Simulation und Modellierung ergänzen die statischen Texte der Lehrbücher, der Studienbetrieb nutzt vereinzelt schon die Kommunikationsmöglichkeiten des Netzes. Im Rechenzentrum besteht seit einiger Zeit ein "Demoraum", an dem viele der rechner- und netzgestützten Lehrtechniken vor Ort und gegebenenfalls über Telefon- oder Rechnernetze ausprobiert werden können. Auch die ZAL ist in den letzten Jahren "digitalisiert" worden. Dort wird ein weiterer Demoraum für den multimedialen Einsatz vorbereitet. Für Großveranstaltungen mit Videokonferenzen und nahezu allen Projektionsmöglichkeiten wurde der Kinosaal mit großem technischen Aufwand hergerichtet, so daß selbst internationale Tagungen an der Humboldt-Universität nicht auf multimediales Flair verzichten müssen.

In den kommenden Semestern stehen der Neubau eines Multimediahörsaals in Adlershof und der Umbau zweier mittelgroßer Hörsäle im Hauptgebäude bevor. Erhebliche Fördermittel des Landes und des Bundes werden für diese Aufgaben aufgebracht oder versprochen, so innerhalb der Universität das bereits laufende Förderprogramm HSP III, an dem nahezu alle Studiengänge beteiligt sind.

Neben dem Teleteaching als HiTech-Veranstaltung gibt es eine Vielzahl kleinerer Experimente, die sich eher an den vorhandenen LoTech-Ausrüstungen in den Rechner-Pools vor Ort orientieren müssen. Im Rechenzentrum trifft sich seit einiger Zeit ein Arbeitskreis zur multimedialen Lehre, in dem laufende Projekte vorgestellt und, aufbauend auf den gemeinsamen Erfahrungen, neue Pläne geschmiedet werden. Bisher wurden u. a. Projekte aus der Pädagogik, der Wirtschaftsinformatik, den Geschichtswissenschaften, der Informatik, der Betriebswirtschaft und den Kulturwissenschaften vorgestellt.

Der Arbeitskreis trifft sich etwa alle vier Wochen - mittwochs um 10.15 Uhr im Demoraum des Rechenzentrums. Interessierte und Aktive aus allen Studiengängen sind dazu eingeladen, an der MuMe-Gruppe teilzunehmen. Ansprechpartner sind Dr. Peter Schirmbacher (schirmbacher@rz.hu-berlin.de) und Dr. Edmund Suschke (suschke@rz.hu-berlin.de) im RZ oder Prof. Wolfgang Coy im Institut für Informatik (coy@informatik.hu-berlin.de).

Wolfgang Coy *

Informations- und Kommunikationsbeauftragter
der Humboldt-Universität

* Herr Professor Dr. rer. nat. Wolfgang Coy hat zum Sommersemester 1996 einen Ruf an die Humboldt-Universität angenommen. Er vertritt am Institut für Informatik das Fachgebiet "Informatik in Bildung und Gesellschaft" mit dem Schwerpunkt "Digitale Medien".