Philipp Matthäus Hahn

Es ist bemerkenswert, daß mit der Frühgeschichte der Rechentechnik auch die Namen dreier Theologen eng verknüpft sind: Neben Wilhelm Schickard (1592- 1635) und Jacob Leupold (1674-1726) ist auch Philipp Matthäus Hahn (1739-1790) zu nennen, der sich bleibende Verdienste durch den Bau von Rechenmaschinen und anderen feinmechanischen Geräten erworben hat.

Geboren wurde P. Matthäus Hahn in Scharnhausen bei Stuttgart. Das Elternhaus sah für ihn eine theologische Laufbahn vor, und sein Vater - selbst Pfarrer - bereitete ihn schon frühzeitig darauf vor: Bereits mit vier Jahren erhielt Matthäus väterlichen Unterricht in den Altsprachen Latein, Griechisch und Hebräisch.

Es ist überliefert, daß er einst durch den Schatten eines Nagels dazu angeregt wurde, sich in seiner Jugendzeit mit Sonnenuhren und intensiv mit Astronomie zu befassen. Diese praktische Neigung wurde ihm während seines ganzen späteren Lebens zum zweiten Beruf, so daß er sich schließlich als ausgezeichneter Erfinder und Mechaniker einen Namen machte. Während seines entbehrungsreichen Theologie- und Philosophiestudiums 1757-1760 an der Universität Tübingen kamen ihm seine mechanischen Kenntnisse und Fertigkeiten sehr zugute, da er sich mit der Anfertigung von Sonnenuhren seinen Studienunterhalt mit bestreiten konnte.

Nach Übernahme eines Pfarramtes (1764) in einem württembergischen Dorf unterhielt er von nun an in seinem Pfarrhaus ständig eine feinmechanische Werkstatt, in der mehrere Gehilfen und dann auch einige seiner Söhne beschäftigt waren. In dieser Werkstatt baute man von Hahn erfundene oder verbesserte Präzisionsuhren in Taschen- und Großformat, Standuhren mit astronomischen Beiwerken, Sonnenuhren, Planetarien bzw. astronomische Uhren, die das Geschehen im erd- und sonnennahen Raum wiedergaben.

Die schwierigen Berechnungen für all diese Präzisionsgeräte mögen wohl Hahn schließlich veranlaßt haben, sich dem Bau einer Rechenmaschine für alle vier Grundrechenarten zuzuwenden; das erste Exemplar war l774 fertiggestellt (s. Abbildung). In dieser Maschine hat Hahn das von Leibniz erfundene Prinzip der Staffelwalze verarbeitet und ein festes Staffelwalzen-Stellwerk eingebaut. Die Betätigung der zentralen Antriebskurbel bewirkt eine serielle Addition der elfstelligen Zahlen des Stellwerkes zum innen gelegenen Summenwerk. Neuartig und konstruktiv günstig durchdacht ist die dazu gewählte runde Trommelform. Hierin folgte Hahn einem Vorschlag des Mathematikers und Mechanikers Jakob Leupold (1674-1727), der das Wissen seiner Zeit auf den Gebieten der praktischen Mechanik und der Rechentechnik in einem 12bändigen Werk (“Theatrum Machinarum") zusammengefaßt hat.


Abb. Rechenmaschine

Es soll nicht unerwähnt bleiben, daß Hahn auch als Theologe schaffensreich gewirkt hat. Er verfaßte wichtige Bücher und hat intensive Überlegungen über die menschliche Wesenheit Jesu angestellt. Außerdem hat er eine eigenständige Übersetzung des Neuen Testaments angefertigt. Seine theosophisch-pietistischen Ansichten bieten auch in der Neuzeit noch Stoff für theologische Dissertationen.

Gestorben ist P. Matthäus Hahn 1790 in Echterdingen/Württemberg. Bis in die Gegenwart wird ihm - besonders in seiner Heimat - ein hohes ehrendes Andenken bewahrt, wird doch seine mechanische Werkstatt als die Keimzelle der späteren württembergischen feinmechanischen Industrie angesehen. Er gilt dort als Begründer der Waagenindustrie und der Feinwerktechnik. Seine Maschine wurde die erste industriereife Rechenmaschine, von der noch heute einige Exemplare funktionstüchtig sind.

Klaus Biener

Literatur:

Bauer,F.; Goos, G.: Informatik. Band 2, Springer, Berlin 1984

Biener, K.: Wegbereiter der Informatik. Informatik-Preprint 20 des Fachbereichs Informatik der HU Berlin, 1992

Beauclaire; Hauk: Rechnen mit Maschinen. Vieweg, Braunschweig 1968