"Alles wird bunter, alles wird fröhlicher..."
- Multimedia in der Lehre

Computer sind in vielen Bereichen ein wesentliches Mittel universitärer Forschung geworden. Ein erstklassiges Lexikon wie die Encylopedia Britannica kostet in gedruckter Form zweitausend Mark, die CD-ROM-Version kostet unter 400 DM, die online angebotene Internet-Version (www.britannica.co.uk) bietet bei noch geringeren Kosten den Zugriff auf ein stets aktuelles Lexikon.

Patentrecherchen sind in Berlin einfach; schließlich gibt es eine Patentstelle, in der die deutschen und europäischen Patente eingesehen und kopiert werden können. Einfacher geht es im Internet, z.B. über den Patentbrowser der IBM (patent.womplex.ibm.com) oder den Patentservice der TU Ilmenau (www.patent-inf.tu-ilmenau.de) - wo immer ein Telefonanschluß ist, lassen sich auch diese Dienste erreichen. Patentrecherche am eigenen Schreibtisch.

Dissertationen bieten sicher die fortgeschrittensten Zugänge zur aktuellen Forschung - wenn sie denn nur zugänglicher wären. Im Projekt "Dissertationen Online" mehrerer wissenschaftlicher Fachgesellschaften werden die Grundlagen für die elektronische Publikation und Archivierung von Dissertationen geschaffen. Die HU unterstützt diesen Ansatz durch ein gemeinsames Projekt von Rechenzentrum und Bibliothek: HU-Dissertationen sollen weltweit im Internet zugänglich und damit für die internationale Forschung wirksamer werden.

Wollen Sie wissen, wann ein Buch erschienen ist, von dem Sie nur den Autor kennen? Für alle amerikanischen und viele nicht-amerikanische Bücher hilft die Library of Congress, wo die Pflichtexemplare der US-Literatur katalogisiert sind (lcweb.loc.gov).

Doch nicht nur Amerika bietet den globalen Zugriff auf seine archivierten Schätze. Noch in diesem Jahr wird der Verbund der Berliner und Brandenburger Bibliotheken (www.kobv.de) seinen Katalogbestand von vielen Millionen Bänden im Internet verfügbar machen - Vorbestellung, Ausleihe und Verlängerung werden als weitere Dienstleistungen folgen. Nur das Lesen ist noch nicht automatisiert.

Jenseits der Texte werden weitere Sammlungen elektronisch verfügbar gemacht. Im "Sammlungsprojekt" der Humboldt-Universität werden mit finanzieller Unterstützung der VW-Stiftung die vielen tausend Artefakte der unterschiedlichsten Sammlungen, von Gelehrtenbüsten zweier Jahrhunderte über die Antikensammlung bis zu den medizinischen Abstrusitäten der Virchowschen Sammlungen, Schritt für Schritt sichtbar gemacht werden - im Netz und als CD-ROMs.

Herkömmliche Vorstellungen von Dokumentation und Archiv haben eine völlig neue Dimension durch die multimedialen elektronischen Möglichkeiten der CD-ROMs und des Internets erfahren.

Damit öffnen sich auch für die Lehre neue Möglichkeiten. Der Zugang zu den Berliner Bibliotheken ist ein enormer Standortvorteil Berlins. Die Erweiterung dieses Zugriffs auf die weltweiten Dienste anderer Universitäten, Forschungseinrichtungen, Bibliotheken und Archive verstärkt dies beträchtlich. Dennoch ist es nicht unwichtig, daß die Berliner Hochschulen und Bibliotheken an Aufbau und Pflege solcher Archive federführend beteiligt sind. Auch das ist ein Standortvorteil, der selbst in Zeiten global vernetzter Strukturen erhalten bleibt.

Multimediatechnologie, also die Integration von Text, Grafik, Bild, Ton und Video in die umrechenbare und programmiertechnisch manipulierbare Form der Computerspeicher, bietet einen Sprung in der Technik der Lehre. Ein Sprung freilich, dessen technische Basis sichtbar ist, dessen organisatorische und didaktische Einbindung noch eine Vielzahl von Experimenten nötig macht, um Erfahrungen zu sammeln, mit denen sich die Lehre ändern und verbessern läßt.

Die technische Entwicklung ist nicht bloß durch die Integration bislang disparater Medientechnik gekennzeichnet. Natürlich ist es ein wichtiger Schritt, über die Technik des Hypertextes Bilder mit Texten und Tönen zu verbinden und Bewegtbilder, sei es als Animationen oder als Videosequenzen in Texte einbinden zu können.

Über die Medienintegration hinaus bieten die neuen rechnergestützten Multimediasysteme zwei entscheidende Neuerungen: Die Überwindung bisheriger buchgestützter Darstellungsformen durch dynamische Visualisierung und Simulation an Hand programmierter Modelle und die durch das Internet enorm vereinfachte Möglichkeit der Interaktion und Kooperation.

Basis der rechnergestützten Simulation und Visualisierung sind binäre Modelle und deren grafische Darstellung auf Bildschirmen und mit Datenprojektoren. Die ersten Schritte in diese Richtung erfolgten mit CAD-Systemen in der mechanischen Konstruktion oder beim Schaltungsentwurf. Die Simulation solcher gezeichneter Strukturen durch finite element Modelle oder durch elektronische Simulatoren wie etwa SPICE erlaubten eine völlig neue Entwurfstechnik, die längst in den technischen Fächern Einzug gehalten hat. Rechnergestützte Systemsimulationen sind inzwischen auch in der Ökonomie, der Biologie, der Physik oder der Ökologie Standardtechniken. Spreadsheets wie Excel oder Lotus sind alltägliche Beispiele solcher Simulationsprogramme.

Komplexere mathematische Modellierungen und Simulationen sind mit Programmpaketen wie Mathematica oder muLisp möglich, andere Pakete erlauben rechnersimulierte Experimente und Visualisierungen in der Chemie, in der Physik oder in anderen Wissenschaften.

Der Einsatz solcher Simulations- und Visualisierungspakete erlaubt eine Einführung in die zugrundeliegenden Fachgebiete, wo nicht mehr das Erwerben der gefestigten Ergebnisse, sondern ebenso die Frage nach Alternativen und Grenzen thematisiert wird. Natürlich war dies immer ein wichtiger Bestandteil der Lehre, dieser wird nun aber besser verständlich und insbesondere einer Selbstbeschäftigung der Lernenden zugänglicher gemacht. Selbstverständlich ergeben sich damit auch neue didaktische und erkenntnistheoretische Fragen.

Neben rechnergestützter Simulation und Modellierung öffnen die globalen Netze neue Wege zur rechnergestützten Lehre. Das Internet bietet mit seinen Millionen angeschlossener Datenspeicher und -archive den Zugang zu einer Fülle an gespeichertem Wissen, wie er niemals vorher existierte. Vor allem aber öffnet das Netz die Möglichkeit zur Kommunikation und Kooperation über Orts- und Zeitgrenzen hinweg.

Mit der E-Mail wird schnelle und billige Kommunikation über beliebige Entfernungen möglich - ohne die Nachteile des Telefonierens über Zeitzonen hinweg. Mailing-Listen erlauben es, virtuelle Gemeinschaften zu bilden oder den Zusammenhang realer Gemeinschaften zeitlich und örtlich zu lockern. Seminare und Lehrveranstaltungen sind bislang durch einen fest vereinbarten Raum und eine fest vereinbarte Zeit definiert. An ihre Seite, als Ergänzung oder gar als Alternative, tritt die Kommunikation über Mailing-Listen und E-Mails. Erste Experimente laufen seit einiger Zeit. Fernuniversitäten und Fernstudiengänge haben diese neuen Möglichkeiten naturgemäß schnell erkannt. Die Fernuniversität Hagen wird zur Virtuellen Universität (www.fernuni-hagen.de/MULTIMEDIA), die britische Open University (www.open-university.com) ist auf diesem Weg bereits sehr weit fortgeschritten. Aber auch unterhalb solch großer Entwicklungen gibt es eine Vielzahl von Experimenten - bis hin zur Bereitstellung der Vorlesungsskripte und der Verteilung der Übungsaufgaben über das Internet.

Multimediales, interaktives Lernen über das Internet wird in nahezu allen Studiengängen der Universität erprobt - von Wirtschaftswissenschaften und Kulturwissenschaften bis zu Pädagogik und Bibliothekswissenschaften, Linguistik und Informatik. Die Bibliothekswissenschaften betreiben sogar einen gemeinsamen Fernstudiengang mit der Universität Koblenz. Die Informatik sieht sich nach ihrem Umzug zum neuen Campus in Adlershof mit ihren drei Studiengängen Diplomausbildung, Magisterstudium und Lehrerstudium vor der Herausforderung, Lehre an den beiden Standorten Hauptgebäude und Adlershof anbieten zu müssen. Dies legt den Gedanken nahe, die vorhandenen Hochleistungsdatenleitungen für eine verteilte Lehre über Internet und Audio und Videoprojektion zu nutzen. Dieses Ziel wird in zwei Forschungsprojekten verfolgt, die vom Verein zur Förderung des Deutschen Forschungsnetzes (DFN-Verein) mitfinanziert werden.

Videokonferenzen sind keineswegs die einzige Möglichkeit ortsverteilter Lehre. Eine technisch weniger aufwendige Lösung bietet sich durch den Einsatz von MUDs (Multi User Dungeons) oder MOOs. Hinter diesen Akronymen verbirgt sich die Konstruktion virtueller Räume im Netz, deren technische Basis nicht komplizierter (und nicht teurer) ist als die Einrichtung eines E-Mail-Servers. In einem solchen MUD schreiben sich die Teilnehmenden Mails, wobei sowohl alle wie einzelne Partner angesprochen werden können. Die Lehrenden können durch die Einrichtung eines MUDs bestimmte Umgebungen für eine (virtuelle) Lernsituation schaffen, z.B. zum Sprachunterricht. Alle Studierenden sind nun angehalten, sich (schriftlich) in der zu erlernenden Sprache zu unterhalten. Damit können Hemmungen beim Formulieren überwunden werden und die Lehrenden können korrigierend eingreifen, ohne den Schreibfluß zu unterbrechen. Noch spannender freilich wird ein MUD, dessen Teilnehmer sich nicht mehr nur an einem Ort befinden, sondern aus Teilnehmern in der Muttersprache und in der zu erlernenden Sprache zusammengesetzt werden. In der gleichen Weise können internationale Seminare zu beliebigen Fachgebieten zusammengestellt werden. Technisch lassen sich die rein textlichen MUDs und MOOs durch Videobilder und Audio ergänzen, soweit diese Techniken einfacher handhabbar werden.

Mit Multimedia-Technik und offenen Rechnernetzen werden neue Akzente der Forschung und der Lehre sichtbar. Langfristig wird dies nicht ohne inhaltliche Auswirkungen auf die Forschung und Lehre bleiben. Der einfachere und freiere weltweite Zugang zu Archiven und Bibliotheken wird eine Ausweitung und Vertiefung der textanalytischen Arbeit nicht nur in der Forschung, sondern auch in der Lehre ermöglichen. Dies wird begleitet von der wachsenden Aktualität durch die sofortige Verfügbarkeit weltweiter Forschungsergebnisse. Die klassische Aufgabe der Wissenschaft, nämlich die Qualitätskontrolle des verfügbaren Wissens, wird freilich dadurch nicht einfacher. Im Gegenteil wird es einer Reihe organisatorischer Maßnahmen bedürfen, um die einschlägigen Teile des neuen Mediums Internet zu Qualitätszonen wissenschaftlichen Arbeitens zu machen. Die Frage "Was ist (wissenschaftlich akzeptable) Wahrheit?" bleibt eine schwere, aber keine unlösbare Aufgabe. Der Rückgriff auf bewährte Techniken der Bibliotheken und Archive muß hier ebenso wie die Mechanismen innerwissenschaftlicher Qualitätssicherung helfen.

Bei aller Ausweitung der archivgestützten Textarbeit ist aber auch eine neue Bedeutung visueller Argumentationen zu sehen. Dynamische Visualisierung, rechnergestützte Modellierung und Simulation bieten andere Zugänge zum Wissen, das in der Forschung präsentiert und in der Lehre vermittelt werden soll. Mit laservermessenen Range Data, Falschfarbtransformationen aus UV- und IR-Bildern oder computererzeugten Tomografien werden exakte, künstliche, berechnete Bilder erzeugt, die ohne Computer nicht herstellbar wären.

Technisch gewinnt auch der Übergang von der Simulation zur Konstruktion durch den Rechnereinsatz an Bedeutung. So entstehen virtuelle Sichten oder gar virtuelle Welten, die erst noch verstanden werden müssen, um sie wissenschaftlich nutzen zu können. Die Frage "Was ist Realität?" erhält so neue Facetten.

Neben den inhaltlichen Veränderungen werden sich formale Strukturen ändern. Die neuen Lehrtechniken deuten darauf hin, daß sich bisherige Beschränkungen der Lehre auf einen Ort zu einer Zeit auflösen werden. Dies wird unmittelbar der Fort- und Weiterbildung zugute kommen. Die Grenzen der Präsenzlehre lösen sich auf. Auch dies wird zur neuen Herausforderung für die Hochschulen.

Was müssen die Hochschulen tun, um der Herausforderung durch die neuen Techniken von Multimedia und offenen Rechnernetzen zu begegnen?

An erster Stelle gilt es, Experimentierfelder zu öffnen und entstandene Felder offen zu halten. Dies verlangt, die gewachsenen Strukturen der Ausbildung zu überprüfen. Neue Studienwege werden möglich, solche, die die Vorstellung einer zusammenhängenden Ausbildungsphase verlassen und Studienblöcke anbieten, die zu einem Abschluß führen oder als Fort- und Weiterbildungsblöcke auf wissenschaftlichem Niveau dienen mögen. Ebenso sind Studienverläufe konstruierbar, die sich nicht mehr an einem festen Raster von Studiengängen orientieren. Neben die vertikale Ordnung der Fakultäten, Institute und Studiengänge mögen horizontale Orientierungen treten, die eine individuelle, kombinierte, berufsbezogene Ausbildung anbieten.

Nicht nur die Lehre wird von diesen Veränderungen betroffen sein, sondern ebenso die Dienstleistungen der Universität. Die neuen Techniken verlangen eine weitere Integration von Bibliotheken, Rechenzentren, Netzdiensten und Medienzentren.

Die Humboldt-Universität hat sich dieser Herausforderung bereits gestellt. Die Integration der Netz- und Multimediadienste im Rechenzentrum, das dadurch einmal mehr zum technischen Dienstleistungszentrum wird, demonstriert dies ebenso wie die Integration von Rechnerkommission und Bibliothekskommission des Akademischen Senats zu einer Medienkommission. Inhaltliche Zusammenarbeit wie z.B. im Projekt der elektronischen Dissertationen wird dies in die Praxis umsetzen.

Wolfgang Coy

Medienbeauftragter der Universität und
Vorsitzender der Medienkommission