Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser,

ich setze voraus, Sie erfüllen mir die Bitte, zunächst einen Blick auf die Seiten 52 und 53 dieses Hefts zu werfen. - Mithin also in medias res!

Mein drittes Editorial in den RZ-Mitteilungen (RZM), gleichzeitig mein letztes, wird ein wenig mehr sein als das übliche Geleitwort (schönes deutsches Wort für Editorial?!) zum Heft 17: auch ein Rück- und Ausblick auf das “Unternehmen" RZM in seinem neunten Jahr unter einem - zugegebenermaßen - persönlichen Blickpunkt.

Zahlenspielerei oder gar -mystik will mir bei der Durchsicht der Jahrgänge nicht zu Hilfe kommen: neunter Jahrgang, Heft 17, ... Der 11.11. als Datum des Redaktionsschlusses für Heft 1 - im Jahr 1991 - ist in diesen Breiten nicht als beziehungsvoll anzusehen und wenn, dann wohl nicht in unserem Sinne.


Illustration zu Georg Witte: Untergrundliteratur digital gespeichert

Im Editorial der ersten Ausgabe spricht der Herausgeber, Peter Schirmbacher, davon, daß “für die jeweilige Vorbereitung der Mitteilungen ... das RZ ein Redaktionskollegium gebildet ..." hat. Das Redaktionskollegium ist stets “backstage" und anonym geblieben. Als ein ausscheidendes Mitglied dieses nicht immer einfach zu handhabenden “Instruments" darf ich mich ausnahmsweise hier outen, auch um die Sichtweise dieses Editorials zu rechtfertigen. Die RZM sind als Medium dem im schon genannten Editorial des ersten Heftes gesetzten Ziel: “... wesentliche Informationen zum Umgang mit der Computertechnik aktuell für die Mitarbeiter und Studenten der Universität aufzubereiten", treu geblieben. Wir haben in den vergangenen acht Jahren die rasante Entwicklung der Medien reflektiert und mit Nachdruck den elektronischen Medien das Wort geredet, aber, was die RZM betrifft, einen konservativen Standpunkt bezogen: Es gibt “uns" immer noch als Printmedium! Soll das so bleiben? Dieser heiklen Frage möchte ich mich erst zum Schluß meines Geleitwortes nähern, um nicht zu früh an dem sprichwörtlichen Ast zu sägen, auf dem ich gerade sitze.

Es gibt trotz der Tendenz des Beharrens eine evolutionäre Entwicklung der RZM mit mehr oder weniger augenfälligen und auch dem Leser verborgenen Parametern der Veränderung. Es änderten sich Hard- und Software zur Texterstellung, Bildbearbeitung, die Vervielfältigungs- und die Drucktechnologie, es wechselten die Druckereien, es verringerte sich die Erscheinungsfrequenz, und es mußte auch der Finanzierungsmodus, mit der Mühsal des Einwerbens von Anzeigen einhergehend, verändert werden. Ein bedeutsamer Aspekt des Wandels war der Übergang zu einem Schwerpunktthema für die jeweilige Ausgabe, beginnend mit dem SERVUS-Projekt im Heft 5, April 1993. Und daß die RZM als elektronisches Medium verfügbar sind, im WWW ab Heft 9, Dezember 1994, ist als eingelöste Verpflichtung aus dem schon zitierten Editorial der ersten Ausgabe selbstverständlich.

Multimedia, das Schwerpunktthema dieser Ausgabe, hat schon früh als Begriff, zunächst wegen seines deutlichen PR-Charakters ein wenig distanzierend verwendet, seine Spuren hinterlassen: erstmals im Heft 3, Juli 1992. Später bei der Vorstellung des SERVUS-Projekts im Heft 5 kennzeichnet Multimedia schon sehr deutlich eine Arbeitsrichtung des Rechenzentrums, und seitdem befindet sich im SERVUZ-Schaubild die “Multimedia-Ellipse", die die Multimedia-Aktivitäten innerhalb des Projekts dokumentiert. Rückschauend bietet sich aus heutiger Sicht an, zur Kennzeichnung der Multimedia-Entwicklungstrends den Titel des Beitrages von Wolfgang Coy in dieser Ausgabe zu bemühen: “Alles wird bunter, alles wird fröhlicher ...", zumal ja das Wort Multimedia, einmal schon zum Wort des Jahres erkoren, den Ruch der Unseriosität verloren hat.

Auf welchen Einsatzfeldern wurden die deutlichsten Fortschritte erzielt? Als zeitliche Bezugsgröße kann das Jahr 1995 dienen, dokumentiert im Heft 11, mit dem Schwerpunktthema Visualisierung.

Echtes Neuland wird dort betreten, wo Multimedia-Technologien unmittelbar der Lehre zugute kommen, wie die Beiträge von Joachim Fischer und Eckhardt Holz sowie von Bernhard Barz zeigen. Es sind inzwischen aufgrund der technischen Entwicklung vor allem im Hinblick auf die Bild- und Tonübertragung Projekte des Distance Learning durchführbar, aber auch unter dem Zwang, die Standorte Berlin-Mitte und Berlin-Adlershof zur Übertragung von Live-Veranstaltungen miteinander zu vernetzen, unbedingt notwendig. Die “schöne neue Welt" bietet viele Möglichkeiten, weist allerdings auch noch manche technische Unzulänglichkeiten und Pannenpotentiale auf - schwerer wiegt jedoch, daß sich Lehre und Forschung erst inhaltlich und methodisch auf diese neue Welt einstellen müssen. Wolfgang Coys genannter Text enthält dazu eine Fülle von Anregungen, man sollte ihn öfter lesen!

Die Humboldt-Universität hat den Erfordernissen der Entwicklung der Neuen Medien Rechnung getragen und im Sinne der praktischen Medienintegration die Voraussetzungen für die Bildung der neuen Abteilung “Multimediaservice" im RZ geschaffen. Sie wird von Uwe Pirr, ihrem neuen Leiter, so vorgestellt: “Integration und Interaktion: ,Multimediaservice' - eine neue Abteilung des RZ". Diese neue Abteilung vereinigt in sich die zugehörigen Ressourcen des RZ ebenso wie große Teile der ehemaligen Zentraleinrichtung für Audiovisuelle Lehrmittel. Sie sollte sich als das zentrale Erprobungslabor der Humboldt-Universität für die Entwicklung und den Einsatz der Neuen Medien profilieren. Es wird eines mehrfachen Spagats bedürfen, dieser Aufgabe gerecht zu werden. Die Abteilung muß als Schrittmacher vor allem Konzepte erarbeiten, aber zum Erwerb und Erhalt von Kompetenz trotz einer, gemessen an der Größe der HU, beschränkten Personal- und technischen Ausstattung selbständig ausgewählte Projekte bearbeiten. Es ist wichtig, dabei prototypische Lösungen anzustreben und ihnen gewissermaßen den Charakter von Machbarkeitsstudien zu geben sowie neue Hard- und Software zu evaluieren. Diesem Anspruch versuchen die Arbeiten von Gisela Schnabel und Georg Witte im Rahmen des Projekts “Präprintium" ebenso zu genügen wie Uwe Pirr mit “Das interaktive Bild".

Dem schon als klassisch geltenden Multimedia-Arbeitsfeld, der Visualisierung, sind die Arbeiten von Daniela-Maria Pusinelli und Thomas Steinke sowie von Jeremy Walton gewidmet. Pusinellis und Steinkes Untersuchungen sind das Ergebnis einer Kooperation des Konrad-Zuse-Zentrums für Informationstechnik Berlin (ZIB) und der HU, während Walton einen nützlichen Nachtrag zu einer von ihm am RZ gehaltenen Informationsveranstaltung liefert. Kooperationsbeziehungen sind wichtige zukunftsweisende Aspekte der Arbeit des RZ. Auf dem Multimedia-Gebiet sind die Videoaufzeichnungen und die Filmbelichtung im ZIB über das Netz beispielgebend für eine einrichtungsübergreifende Nutzung von Ressourcen.

Gisela Schnabel gibt mit “Die Farbmodelle HVS und HLS - Widersprüche in Theorie und Praxis" ein schönes Beispiel dafür, wie man aus dem Alltagsbetrieb der Dienstleistungen Erfahrungen “abschöpfen" und sie einem größeren Interessentenkreis verfügbar machen kann. Die Farbtafeln übrigens, ein Novum in den RZM, zunächst exklusiv für Gisela Schnabels Arbeit vorgesehen, weil sich Farbe recht eigentlich nur durch Farbe erklären läßt, erweisen sich - wie gar nicht anders zu erwarten - als ein bedeutsames Gestaltungsmittel. Dieses “multimediale Sahnehäubchen", weniger ein technisches als ein finanzielles Problem, wird eben aus letzterem Grund wohl zunächst ein Unikum bleiben müssen!

Ergänzt wird diese Ausgabe der RZM, neben Mitteilungen aus dem RZ: zum CD-ROM-Service, zum Weiterbildungsprogramm und zu den Personalia, wieder durch einen Beitrag zur Geschichte der Rechentechnik von Klaus Biener. Herr Biener, inzwischen selbst im Ruhestand, hat uns als Autor über viele Jahre die Treue gehalten und interessante historische Einblicke über Jahrhunderte hinweg vermittelt, dieses Mal in die Arbeiten des Erfinders und Konstrukteurs Philipp Matthäus Hahn im 18. Jahrhundert.

Die wohlmeinenden mir zugedachten Abschiedsworte geben mir besonderen Anlaß, noch ein Wort zum Umgang mit unserer Muttersprache in den RZM zu sagen: Das Redaktionskollegium hat sich, einem gewissen Konservatismus verhaftet, entschlossen, noch zumindest in dieser Ausgabe bei der “alten" Rechtschreibung zu bleiben. Wie geringfügig die Änderungen sein mögen: Brigitte Kuntzsch hat im Durchblick, Jg. 9, Nr. 2, August 1998, darauf hingewiesen, daß Wörter “... wie ,Flussschifffahrt' [im DV-Bereich] äußerst selten vorkommen."

Bleibt zum Schluß noch die Frage nach der Zukunft der RZM als Printmedium. Ich gebe ihnen eine Zukunft, weil, “was man schwarz auf weiß besitzt...", auch rechner- und netzfern rekapitulieren kann. Aber letztlich ist die Erscheinungsform gar nicht entscheidend, wenn Mittel zur Wiedergabe in guter Qualität und ohne zeitliche Einschränkung zur Verfügung stehen. Ungleich wichtiger ist, daß sich Autorinnen und Autoren finden, die - in welchem Medium auch immer - nützliche Informationen sammeln, aufbereiten und zum Erkenntnisgewinn und vielleicht sogar zum Vergnügen der Leser publizieren. In diesem Sinne möchte ich namens des Redaktionskollegiums allen danken, die mit ihren Arbeiten, mit kritischen Hinweisen, aber auch durch lästiges Korrekturlesen zum Entstehen des Hefts 17 der RZM beigetragen haben.

Ich selbst wünsche den RZM gutes Gedeihen. Norbert Wieners Wort: “Genau genommen erstreckt sich eine Gemeinschaft nur so weit, wie eine wirksame Übertragung von Information reicht." bedeutet ja auch, daß der oft mühevollen Arbeit des Publizierens eine integrative Kraft innewohnt, die zum Entstehen und Bewahren einer Coporate Identity beiträgt.

Edmund Suschke