Untergrundliteratur digital gespeichert

Im Mai 1998 fand in der Staatsbibliothek Berlin die Ausstellung "Präprintium - Moskauer Bücher aus dem Samizdat" statt. Gegenwärtig wird sie in Bremen im Museum Neue Weserburg fortgesetzt. Die Ausstellung wird begleitet von einem materialreichen Katalog und einer CD-ROM. Die wissenschaftliche Betreuung des Projekts lag beim Lehrstuhl für Ostslawische Literaturen des Instituts für Slawistik der HU (Prof. Dr. Georg Witte) sowie bei der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen (Dr. Sabine Hänsgen). Die technische Konzeption und Produktion der CD-ROM übernahm das Rechenzentrum der HU (Gisela Schnabel).

Die Ausstellung zeigt Gedichtbände und Künstlerbücher aus der inoffiziellen Moskauer Kulturszene von den fünfziger bis zu den neunziger Jahren. Damit wird fast ein halbes Jahrhundert gegenkultureller Buchästhetik dokumentiert - einschließend die gesamte spätsowjetische und das erste Jahrzehnt der postsowjetischen Epoche. In dieser Zeit existiert in Rußland eine historisch wohl einmalige Situation, was die schreibtechnischen und medialen Bedingungen von Literatur angeht. Nicht sanktionierte Schriftsteller werden in eine "vor-gutenbergsche" Situation zurückgeworfen: Von den offiziellen Publikationskanälen und den durch sie monopolisierten Printmedien ausgeschlossen, machen sie aus ihren handschriftlichen oder maschinenschriftlichen Büchern künstlerische Gegenstände. Diese Hefte existieren oft nur in einem Exemplar, manche haben eine "Auflage" in der Größenordnung von Schreibmaschinendurchschlägen. Die Ausstellung widmet sich jenem paradoxen Effekt des russischen "Samizdat" (d.h. der im "Selbstverlag" erstellten, nicht gedruckten Bücher), der aus dem Produktionsverbot eine Produktionsbedingung macht: Gerade die Garantie, daß sie nie im Druck erscheinen werden, läßt sie als Bücher entstehen. Wir finden Formen der Collage, des Schreibexperiments, der visuellen Poesie, des Buchobjekts, der ironischen Bearbeitung offizieller Druckkunst (stalinistischer Kultbücher, Zeitschriften).

Die CD-ROM war für die Ausstellungsmacher von Anfang an das geheime Zentrum des gesamten Projekts. Warum?

Wir beschäftigen uns seit 15 Jahren mit der übersetzerischen, editorischen und archivarischen Begleitung des Moskauer Samizdat. Die medialen Ausdrucksformen dieser Literatur und die diesbezüglich angemessenen Dokumentationsformen (Tonaufnahmen von Dichterlesungen, Videoaufzeichnungen von Performances) spielten von Anfang an eine zentrale Rolle in unserem Herangehen. Ungewürdigt blieb in unserer bisherigen Arbeit die fundamentale und ambivalente Rolle des Buchs in der inoffiziellen Kultur. Eben diesem Aspekt sollte mit der aktuellen Ausstellung besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden. Dabei aber stellte sich wieder das Problem einer angemessenen medialen Präsentationsform, die beides zu berücksichtigen hatte: die tradierten Konventionen einer Buchausstellung und die neuen elektronischen Dokumentationsmöglichkeiten.

Bücher werden in Vitrinen ausgestellt. Das war für uns weniger eine technische und platzökonomische Frage als eine konzeptionelle Herausforderung. Der archaische, bewußt und künstlich anachronistische Charakter dieser handgemachten Bücher sollte durch eine Form der Präsentation, die sie naturkundlichen Altertümern annähert, ein zusätzliches Mal unterstrichen werden. Das "Präprintium" der nicht gedruckten Bücher sollte wie eine paläontologische Schicht oder ein versunkenes Reich erscheinen.

Doch neben die archaische tritt unter unseren heutigen Bedingungen eine Dimension, die die "vor-gutenbergschen" Bücher in die "nach-gutenbergsche" Existenz katapultiert. Mittels ihrer Speicherung auf einer CD-ROM können zumindest einige der Exponate dem Ausstellungsbesucher (und Katalogleser) komplett zugänglich gemacht werden. Die Bildschirmlektüre holt die Bücher aus dem privaten, authentischen Umfeld ihrer Lektüre als Samizdatprodukte heraus, doch zugleich vermag die "einsame Begegnung" zwischen dem Bildschirm und seinem Leser vielleicht einen simulativen Effekt des geheimen Lesens bewirken. Aus der Sicht der Kuratoren stellt die CD-ROM-Präsentation so etwas wie eine verspätete mediale "Rache" der nicht gedruckten Bücher dar.

Insgesamt 27 Hefte und Bücher sind nun in der Form des digitalen Faksimile gespeichert. Die CD-ROM enthält Klassiker des frühen poetischen Samizdat der fünfziger und frühen sechziger Jahre (die Gruppe "Lianozovo" mit Autoren wie Evgenij Kropivnickij und Genrich Sapgir) und die absurden Bildergeschichten Viktor Pivovarovs. Wird hier insbesondere die "dienende" Rolle der Buchillustration ironisch kommentiert, so kann man allgemein verschiedenste Aspekte der Thematisierung des Nebeneinanders von Bild und Schrift als ein verbindendes Merkmal der ausgewählten Bücher verstehen. Das betrifft vielfältige Formen der visuellen und taktilen Poesie (Genrich Chudjakov, Vsevolod Nekrasov, Nadezda Stolpovaskaja), Arbeiten mit der spezifischen Faktur des "Samizdat"-Hefts, mit Schreibmaschinentypographie und Durchschlagpapier (Rimma Gerlovina, Dmitrij Prigov), konzeptualistische Projekte der siebziger Jahre wie die virtuellen Ausstellungen Il'ja Kabakovs und ihre Katalogbücher, serielle Texte und poetische Objekte (Andrej Monastaryskij, die Karteikarten Lev Rubinštejns). Ein weiterer Schwerpunkt ist den Autoren der "New Wave"-Generation aus den frühen achtziger Jahren gewidmet, die sich einer Ästhetik des Häßlichen widmeten und demonstrativ "primitive" Bücher herstellten (Gruppe "Fliegenpilz" u.a.). Das letzte Jahrzehnt wird durch die Vertreter einer "neuen Dekadenz" (mit einer halb ironischen, halb nostalgischen Rückkehr zu ornamentalem Buchschmuck, etwa bei Julija Kisina und Pavel Pepperštejn), einer neuen Generation von konzeptualistischen Künstlern und Schriftstellern (Vadim Zacharov, Jurij Lejderman, Sergej Anufriev, Vladimir Sorokin) und Aktionskünstlern (Oleg Kulik) repräsentiert.

Ich möchte an dieser Stelle die Gelegenheit nutzen, allen, die an der Erstellung der CD-ROM mitgewirkt haben, herzlich zu danken. Von den Mitarbeitern des Rechenzentrums gilt dieser Dank namentlich Dr. Edmund Suschke, Gisela Schnabel und Hannelore Schmidt für die aufwendige und bereitwillige Unterstützung und Weiterentwicklung unserer Ideen. Insbesondere ohne den engagierten Einsatz von Gisela Schnabel wäre die Realisierung des Projekts kaum denkbar gewesen. Ein besonderer Dank auch an Dörte Löber und Sebastian Prieß, studentische Hilfskräften des Lehrstuhls für Ostslawische Literaturen, die verantwortlich waren für das Einscannen der Dokumente, sowie an Matthias Horbank, studentische Hilfskraft am Rechenzentrum, für die technische Unterstützung.

Bleibt noch festzustellen, daß wir Feuer gefangen haben. Mit anderen Worten: Einer Ausweitung und Fundierung des Pilotprojekts in prinzipiellere Dimensionen, etwa im Sinne eines digitalen Faksimile-Archivs des Moskauer Samizdat, sollte nichts im Wege stehen. Eine über mehrere Jahre kontinuierlich betriebene Speicherarbeit könnte die HU zur Bewahrerin des vielleicht bald schon begehrtesten Quellenfundus für die in der jüngeren Slavistengeneration mit zunehmendem Engagement betriebene Erforschung der künstlerischen Subkulturen Rußlands machen. An Materialressourcen besteht kein Mangel. Die beiden Betreuer der Ausstellung verfügen über enge Vertrauenskontakte zu den wichtigsten Sammlern von Samizdat-Dokumenten in Moskau. Was die personalen Ressourcen eines solchen Archivs betrifft, so wäre hier an die bewährte Zusammenarbeit des Rechenzentrums und des Instituts für Slawistik sowie an das mittlerweile akkumulierte Know-how anzuknüpfen. Personalmittel für Recherche, Öffentlichkeitsarbeit, Koordination und technische Realisierung sollten über Drittmittel eingeworben werden.

Georg Witte*
georg.witte@rz.hu-berlin.de

* Herr Professor Georg Witte ist Hochschullehrer am Institut für Slawistik an der Humboldt-Universität, Fachgebiet Ostslawische Literaturen und Kulturen