Gestaltung - eine Herausforderung der
wissenschaftlichen Kommunikation

Computer und Netze sind allgegenwärtige digitale Werkzeuge und weltumspannende Medien der Information und Kommunikation geworden, doch die entscheidenden Agenten wissenschaftlicher Kommunikation sind noch immer die, deren Aufmerksamkeit erreicht werden soll. Die Spannung zwischen Form und Inhalt von Informationen erweist sich deshalb als ein zentrales Thema der Computernutzung: Die Inhalte wissenschaftlicher Kommunikation müssen stimmen, leicht und schnell wahrgenommen werden sie jedoch nur, wenn die Form anspricht!

Computersysteme bieten inzwischen eine Vielzahl gestalterischer Möglichkeiten zur Erstellung von Papierdokumenten - auch wenn der Traum vom papierlosen Büro damit nicht erfüllt wird. Dies reicht von der Wahl passender Schriften über Satz und Format des Textes bis zu überzeugenden grafischen Darstellungen und Fotos. Technisch stellt sich dies als eine Fülle von Formaten und Anwendungsprogrammen dar, die im vorliegenden Heft vorgestellt werden. Es zeigt sich, daß trotz offizieller und faktischer Standards noch viel zu tun ist, um Computer zu einem austauschbaren Werkzeug zu machen. Und doch muß man zugeben, daß in den letzten fünfzehn Jahren ein großes Stück Weg zu allgemein nutzbareren Rechnern und Netzen zurückgelegt wurde.

Technisch läßt sich ein Fortschritt feststellen, doch die eigentliche Herausforderung liegt in der Nutzung der technischen Möglichkeiten, also der Gestaltung effektiver und ansprechender Texte. Sicher können die meisten Wissenschaftler gut formulieren, auch wenn die Beherrschung der deutschen Sprache nicht den hohen Stellenwert in der Ausbildung hat wie etwa das Meistern des Französischen in unserem Nachbarland. Vielen Wissenschaftlern ist dagegen der angemessene Blick für die Gestalt eines Dokumentes nicht von vorn herein gegeben. Historisch war dies schließlich die Aufgabe einer entfalteten Handwerkstradition von Typographen, Setzern, Lektoren und Druckern. Die neue Technik stellt die Autoren vor neue Herausforderungen. Ziel ist es, eine optimale "Anmutung" der Dokumente zu erreichen. Für die exakten Wissenschaften mag ein Begriff wie "Anmutung" eine gewisse Ratlosigkeit hervorrufen. Leider gibt es nur selten strikte Regeln der Gestaltung, zumal der gezielte Regelbruch von Meistern ihres Faches durchaus als aufmersamkeitserhöhendes Element der Gestaltung eingesetzt werden kann. Gewisse Grundmuster ästhetischer und effektiver Kommunikation gibt es aber doch. Manche werden hier vorgestellt, vor allem hilft aber, wie beim Schreiben, Übung. Ist erst einmal ein Problembewußtsein entstanden, hilft die aufmerksame Lektüre gelungener Beispiele. Noch gibt es literarische und wissenschaftliche Verlage, die gut gestaltetes Material liefern - und notfalls kann man für Bücher und Druckvorlagen auf die Fülle historischen Materials in den Bibliotheken zurückgreifen. Man mag dabei auch entdecken, daß die vorinstallierten Schriften der Laserdrucker wie Times, Helvetica oder Arial nicht für jede Druckvorlage geeignet sind - tatsächlich sogar nur für relativ wenige.

Vor neuen Herausforderungen steht die elektronische Kommunikation, das Design von Webseiten, Computergrafiken und -animationen. Hier ist ein kollektiver Lernprozeß nötig, der gerade erst begonnen hat. XML mag ein Schritt in die richtige Richtung sein. Auch hier gibt es eine Fülle geeigneten Materials im Netz zu finden - ebenso wie eine Reihe abschreckender Beispiele. Es gilt, wie bei den Printmedien, aufmerksam hinzuschauen.

Als überraschend schwierig erweist sich die Gestaltung des eigentlichen Hits der elektronischen Kommunikation, der E-Mail. Gerade weil sie über die ganze Welt und auf nahezu allen Betriebssystemen und Geräteplattformen funktionieren soll, ist sie bislang über den Minimalstandard der 7-bit US-ASCII-Formatierung nicht wirklich hinaus gekommen. MIME-Standards greifen (noch) nicht recht, Unicode ist eher eine Idee als Realität; auch Attached Documents sind keine befriedigende Lösung. Es ist schon erstaunlich, daß sich riesige E-Mail-Gemeinschaften noch immer mit fehlenden oder falsch konvertierten Umlauten oder Sonderzeichen zufrieden geben.

Trotz dieser offensichtlichen Schwachpunkte öffnen die neueren Anwendungsprogramme eine Vielzahl von Möglichkeiten, um für wertvolle Informationen die angemessene kommunikative Aufmerksamkeit zu erzeugen: Auf dem Papier ebenso wie auf der CD-ROM oder im Netz. Gestalten Sie eine neue Phase Ihrer kreativen Arbeit: Entfernen Sie Times und Arial/
Helvetica von Ihrem Rechner und probieren Sie mal was Neues! Und wenn Sie nicht weiter wissen, schauen Sie in gedruckte oder elektronische Publikationen, deren Gestaltung Ihnen gefällt. Lesen bildet. Anschauen auch.

Wolfgang Coy

Medienbeauftragter der Universität und
Vorsitzender der Medienkommission

E-Mail: coy@informatik.hu-berlin.de