Informations- und Kommunikationszentrum IKA,
Berlin-Adlershof

Das Buch, dieses traditionelle Medium zur Konservierung und Kommunikation von Ideen ist seit langem dazu bestimmt unterzugehen. Das Buch, statischer Begleiter des sitzenden, nostalgischen und neutralistischen Menschen, kann weder die neuen futuristischen Generationen amüsieren, noch kann es durch einen revolutionären, kriegerischen Dynamismus aufwecken. F.T. Marinetti, G. Balla: Manifeste des Futurismus

Im Südwesten von Berlin entsteht auf dem und rund um das Gelände der ehemaligen Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt in Johannisthal-Adlershof eine neue Wirtschafts- und Wissenschaftsstadt. Aus der direkten Nachbarschaft von universitären und privaten Forschungseinrichtungen soll als Synergieeffekt ein Forschungsgeist entstehen, der diese Stelle zu einem europäischen Nukleus einer kommenden, besonders wissensorientierten Gesellschaft macht.

Zentrum des Geländes wird ab dem Jahr 2002 das Informations- und Kommunikationszentrum sein, in dem die wissenschaftliche Bibliothek und das Rechenzentrum der Humboldt-Universität so eng verbunden sind, daß man am Arbeitsplatz sowohl das tradionelle Buch lesen kann als auch über weltweite Datennetze sofortigen Zugang zu allen wissenschaftlichen Bibliotheken der Welt hat. Angegliedert sind zusätzlich Kommunikationsflächen der außeruniversitären Forschungseinrichtungen in Adlershof, so daß ein reger Wissensaustausch auch mit der Privatwirtschaft gewährleistet ist.

Die architektonische Umsetzung dieses Ideengerüsts erfolgt mittels direkter Einbindung und Umnutzung der denkmalgeschützten Werkstatthallen, die den städtebaulichen Maßstab besonders an der ehemaligen Zufahrtsstraße zum Flugfeld - an der Newtonstraße - bestimmen. In der Mitte der alten Hallen entsteht der zentrale Lesesaal der Bibliothek; die derzeitige Anlieferungsstraße bleibt Bestandteil des bestehenden Wegenetzes, wird allerdings überbaut und so zum Foyer der neuen Anlage. Dieses erhält an seinen beiden Enden die Hauptzugänge - einerseits an der Taylorstraße, andererseits am neuen Forum.

Die Verwaltung der Bibliothek liegt über dem Foyer, entlang der Taylorstraße werden neben den Magazinräumen die technischen Teile des Rechenzentrums untergebracht. So entsteht ein 18 Meter hoher winkelförmiger Bau, der den Neubau des IKA nach Süden schließt.

Die besondere Bedeutung des Gebäudes wird durch die Zurücksetzung dieses Winkels aus der Bauflucht der Rudower Chaussee betont; es entsteht eine freie Vorfläche, auf der in einer der zu erhaltenden Hallen das Kommunikationszentrum der außeruniversitären Forschungseinrichtungen entsteht.

Um das Denkmal im neuen Projekt verstehbar zu machen, wird dieses zuerst auf die Bauteile der Entstehungszeit zurückgebaut. Die beiden Nebenflügel zur Taylorstraße werden aus funktionalen Gründen um drei Achsen gekürzt. Die nicht mehr benötigten Ausfachungen der nunmehr inneren Wände der Bibliothek werden entfernt. Die so gewonnenen Materialien werden eingesetzt, um die heute zerstörten Teile besonders an den Fassaden zum großen Windkanal, zum Forum und zur Rudower Chaussee wiederherzustellen. Im Innern wird die Stahlbaukonstruktion im Sinn der Technikgeschichte soweit als irgend möglich freigelegt und sichtbar belassen.


Abb. 1: Eingangsbereich

Die Altbauten geben das Achssystem für die Neubauten vor; in ihrer Materialität jedoch stehen sie im Kontrast dazu. Die neue Stahlbetonkonstruktion wird in den öffentlichen Bereichen als Sichtbeton ausgeführt, ansonsten weiß geputzt. Auch der zentrale Lesesaal tritt besonders in den Anschlußbereichen zum Altbau bewußt zurück, die Stahlkonstruktion der Decke ist im Gegensatz zu den Altbauten durch transluzentes Glas verdeckt; die tragenden Stahlsäulen sind Quadratprofile, die sich in Dimension und Aussehen von der bestehenden Konstruktion grundsätzlich unterscheiden. Notwendige Einbauten und Möblierung sind von klarer Geometrie und Einfachheit, lassen so die denkmalgeschützte Konstruktion der Hallen hervortreten.

Da der Verwaltungswinkel gemeinsam mit den Altbauten die anderen Neubauteile des IKA umschließt, sind nur seine Fassaden sichtbar. Sie stehen in bewußtem Kontrast zum Bestand und zur Nachbarbebauung.


Abb. 2: Süd-West-Ansicht

Die Sockelzone wird großflächig verglast, dazwischen liegen Sichtbetonflächen. Alle anderen Teile der Fassade werden aus schwarzem Walzstahl hergestellt, der klar lackiert wird. Zu unterscheiden ist zwischen den eher helleren Lisenen, die gleichzeitig Deckleisten der Fensterprofile sind, und den etwas dunkleren Paneelen dazwischen. Es entsteht der Eindruck horizontal lagernder Elemente - eine Art Regalstruktur - ein Wissenslager.


Abb. 3: Schnitte durch das IKA

Das Dach des Lesesaals wird begrünt, die Dächer der Altbauten erhalten eine Blechdeckung.

Neben den Stahlfachwerk- und Ziegelsteinkonstruktionen der beginnenden Fliegerei, neben den silbernen Monumenten des aerodynamischen Parks und den hellen Putzbauten auf der anderen Straßenseite fällt dieses Gebäude so durch Ruhe, Eleganz, Schwere und schlichte Zurückhaltung auf.

Die Bibliothek ist eine Freihandbibliothek; der Platzbedarf für die Buchaufstellung ist relativ hoch; um die Wege möglichst kurz zu halten, ist der große Lesesaal wie z.B. bei der "Bibliotheque Nationale" in Paris und der "National Library" in London in der Mitte der aufgestellten Bücher angeordnet.

Um Übersichtlichkeit und einfache Orientierung zu gewährleisten, ist der Fußboden des Lesesaals 1,25 Meter abgesenkt, nordorientierte Oberlichter gewährleisten eine sehr helle, blendfreie Tageslichtbelichtung, eine abgehängte transluzente Decke verteilt das Licht gleichmäßig. Holzgitterroste an den Wänden, hölzerne Einbauregale und Tischplatten sowie ledergepolsterte Stühle und ein blauer Boden sorgen für eine warme und schallgedämpfte Atmosphäre im Lesesaal - für ein Klima der Konzentration. Bei Bedarf kann die Helligkeit durch die in der Decke integrierte Allgemeinbeleuchtung künstlich unterstützt werden, zusätzlich gibt es fest installierte Leselampen an den einzelnen Tischen.


Abb. 5: Lesesaal im IKA

Abb. 6: Planungsmodule
Die Regale der Freihandbibliothek sind im rechten Winkel zu den Fassaden gestellt, damit der Ausblick ins Freie überall möglich ist, entweder zum großen Windkanal oder zum Forum oder aber durch das Foyer zur Rudower Chaussee.

Der PC-Saal liegt in direkter Nachbarschaft zum zentralen Lesesaal, ist aber von diesem räumlich und akustisch getrennt, da er mit einem höheren Lüftungsaufwand betrieben wird und man dort mit einem zusätzlichen Geräuschpegel durch die hohe Dichte der technischen Ausrüstung rechnen muß. Die Studioräume des Zentrums für audiovisuelle Lehreinrichtungen sind als abgeschlossene Einheit vorgesehen.

Internet-Terminals für den "kurzen" Besuch stehen außerhalb des Sicherheitsbereichs im Foyer zur Verfügung; darüber hinaus findet man die Möglichkeit zum "Surfen" auch im Internetcafé im Kommunikationszentrum der außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Hier steht neben einem kleinen Buchladen auch ein Konferenzraum zur Verfügung.

Für eine ökonomische und denkmalgerechte Architektur ist es wichtig, daß der Bestand möglichst wenig verändert wird; durch direkten Anbau an die Altbauten werden die Außenflächen des Gebäudes minimiert. Die daraus resultierende kompakte Bauform ermöglicht ebenso einen wirtschaftlichen Betrieb wie geringere Baukosten.

Neben der rationalen Organisation der internen Bibliotheksabläufe orientiert sich die Architektur dabei besonders an den Vorgaben der Haustechnik mit einem bewußt einfachen Lüftungskonzept mit außenliegender Verschattung, möglichst hohem Tageslichtanteil und dabei möglichst geringer Hüllfläche des Gebäudes. Dies führt zu einer Minimierung der Betriebskosten.

Hinsichtlich der Baukosten wurde besonderer Wert auf eine einfache Konstruktion gelegt. Technik wird nur dort eingesetzt, wo sie die Qualität der Benutzung substantiell steigert oder für die Funktion und das Sicherheitskonzept unbedingt notwendig ist.

So entsteht durch die direkte Einbindung der historischen Bausubstanz in Adlershof ein Ort mit Identität, bei dem man die geschichtliche Entwicklung sozusagen nebenbei erfährt und dadurch die Forschung als integralen Bestandteil einer sich verändernden Gesellschaft begreift.


Abb. 7: Grundriß

Architekten Gössler
Hamburg Berlin Schwerin