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Nr. 23
Mai 2002
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Christoph Beireis – der Tausendsassa von Helmstedt

Klaus Biener

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In den Jahren 1756 bis 1809 wirkte in der braunschweigischen Universitätsstadt Helmstedt ein Gelehrter und Erfinder, der wie ein Universalgenie die Verehrung und Verwunderung seiner Zeitgenossen erregte und an der Universität (ab 1768) gleichzeitig drei verschiedene Lehrstühle bekleidete! Er war weit über die Grenzen seiner Wirkungsstätte hinaus bekannt und zog prominente Besucher aus dem In- und Ausland an.

Im August 1805 schrieb J. W. v. Goethe an Frau v. Stein: „Nun gedenke ich noch eine kleine Reise nach Helmstedt zu machen, um daselbst den wunderlichen Doktor Beireis zu besuchen. Er ist schon so alt, dass man sich eilen muß, um ihn und seine Besitzungen noch zusammenzufinden."

Man muss es als günstigen Umstand betrachten, dass insbesondere durch Goethes Tagebuchaufzeichnungen, in denen er über diesen mehrtägigen Besuch ausführlich berichtet, ein authentisches Bild von diesem Gelehrten erhalten ist. Goethe übertreibt sicher nicht, wenn er schreibt: „Beireis fühlte sich als trefflicher Kopf, eines weit umfassenden Wissens fähig und zu vielseitiger Ausübung geschickt. Den Anregungen seiner Zeit zufolge bildete er sich zum Polyhistor; ... bei dem glücklichen, alles festhaltenden Gedächtnis konnte er sich anmaßen, in sämtlichen Fakultäten zu Hause zu sein und jeden Lehrstuhl mit Ehren zu betreten."

Tatsächlich ist schon das Ausbildungspensum ungewöhnlich: Im Jahre 1730 in Mühlhausen geboren, studierte Gottfried Christoph Beireis ab 1750 in Jena die Rechte, Mathematik und Naturwissenschaften, und 1756 begann er noch ein Medizinstudium in Helmstedt. Bereits 1759 wurde er von Herzog Carl I. von Braunschweig zum Professor publicus ordinarius für Physik ernannt, und zwei Jahre später wurde ihm außerdem noch die Professur für Medizin an der Helmstedter Alma Mater Julia-Carolina übertragen. 1762 ernannte ihn der Herzog von Mecklenburg zu seinem Leibarzt, und später wurde er noch „Herzoglicher Leibmedicus" des Herzogs von Braunschweig.

Beireis war offenbar ein gesuchter Arzt und übte eine große Praxis aus; es wird berichtet, dass er seine Diagnosen „mit verblüffender Sicherheit" stellte. Im Jahre 1766 wurde er zum Hofrat ernannt und 1768 bekam er eine dritte (!) Professur übertragen, und zwar für Chirurgie. Das erstaunliche Arbeitspensum war wohl nur dadurch zu bewältigen, das Beireis mit 3 bis 4 Stunden Nachtschlaf auskam. In einer (amtlichen?) Beurteilung durch einen Universitätskollegen heißt es über ihn (1789): „Viel Beifall, sehr fleißig, täglich 10–12 Collegs (!!), dazu starke Arztpraxis. In allen Zweigen ist der Vortrag deutlich und angenehm..."

In Anbetracht der enormen Arbeitsbelastung ist es kaum verwunderlich, dass Beireis keine Bücher geschrieben hat; jedoch hat er mehrere Dissertationen hinterlassen und neben Briefen zahlreiche Gedichte. Zeitzeugen berichten, dass er aus dem Stegreif in Reimen dichten konnte; auch einige seiner Briefe hat er in Versform geschrieben. Es ist verbürgt, dass er mehrere Sprachen fließend sprechen und schreiben konnte, so Latein und Griechisch, Englisch, Holländisch und Schwedisch. Sogar des Chinesischen soll er bis zu einem gewissen Grade kundig gewesen sein.

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Abb 1: Die von Ph. M. Hahn konstruierte Rechenmaschine, die sich Goethe von Beireis aus dessen Sammlung vorführen ließ.

Der legendäre Ruf von Beireis und seine besondere Anziehungskraft für in- und ausländische Besucher wurde aber sicher auch begründet durch seine außerordentlich umfassenden und vielseitigen Sammlungen – Goethe nannte sie die „Wunder von Helmstedt". Beireis hatte nämlich schon in jungen Jahren Verfahren zur Gewinnung verschiedener Mineralfarben zwecks Färbung von Textilien entwickelt. Mit diesen chemisch-technischen Erfindungen hat er sich ein Vermögen verdient, das ihm die Anschaffung einer ungewöhnlich reichhaltigen Sammlung von Mineralien, medizinischen Präparaten, antiken Münzen, Ethnographika, feinmechanischen Geräten und Kunstwerken ermöglichte. So hat er z. B. die über England nach Nürnberg gelangten (Musik-)Automaten des französischen Mechanikers Jacques de Vaucanson (1709–1782) aufgekauft; zudem besaß er eine Rechenmaschine von Philipp Matthäus Hahn (1739–1790), mit der er Staunen erregende Rechenexempel vorführte. Einmalig war wohl auch seine Sammlung konservierter anatomischer Präparate des Berliner Arztes Johann N. Lieberkühn (1711–1756).

Dass Alexander v. Humboldt die Sammlung besichtigt hat, kann nur vermutet werden; jedenfalls hat er 1789 bei einer Reise nach Göttingen auch Helmstedt besucht und sich danach begeistert über seine Eindrücke geäußert.

Noch zwei weitere prominente Besucher sind erwähnenswert: der Physiker Alessandro Graf Volta (1745–1827) und der Chirurg Antonio Scarpa (1747– 1832), beides Professoren der Universität PAVIA. Sie besuchten Beireis im Jahre 1784, Scarpa gar im Auftrag von Kaiser Josef II.

Beireis starb am 18.9.1809 in Helmstedt; die Universität, der er sein Leben lang die Treue gehalten hatte – und in der übrigens C. F. Gauß 1799 promoviert hat – wurde auf Befehl Napoleons im Mai 1810 geschlossen. Beireisens Wohnhaus hat bis 1970 existiert und wurde dann unverständlicherweise abgerissen. Sic transit gloria mundi.

Literatur

[1] Müller, Hans-Erhard: Helmstedt, die Geschichte einer deutschen Stadt. Helmstedt 1998
[2] Schaper, Robert: Beireis als Dichter. Helmstedt 1972, als Manuskript gedr. (Archiv der Stadt Helmstedt)
[3] Schaper, Robert: Die chinesische Schrift – Beireis konnte viele Sprachen. Studie über Beireis, Helmstedt 1972 (Stadtarchiv)
[4] v. Goethe, J. W.: Briefe an Frau von Stein. 1805
[5] Meyer's Lexikon, 20 Bde., Leipzig 1897

Für die gewährte Unterstützung mit Informationsmaterial sind wir dem Stadtarchiv von Helmstedt zu besonderem Dank verpflichtet.

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