RZ-Mitteilungen
Nr. 23
Mai 2002
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IBM ViaVoice

oder die (Un)entbehrlichkeit von Schreibkräften und die Vorteile des Zehn-Finger-Systems

André Kuhring
Datenschutzbeauftragter der HU

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In der Verwaltung einer Universität zu arbeiten bedeutet nicht nur die Anwesenheit innerhalb der Kernarbeitszeit und die Möglichkeit der Nutzung der kulinarischen Köstlichkeiten in der Mensa. Von Zeit zu Zeit kommen auch die Mitglieder der Universität und wollen für die von ihnen geschilderten Probleme Lösungen oder zumindest Lösungsvorschläge. Hierbei kann nicht nur mündlich geholfen werden, sondern oftmals bestehen die Hochschullehrer, wissenschaftlichen Mitarbeiter, Mitarbeiter der Verwaltung und die Studierenden auf einer schriftlichen Mitteilung – und dies zu Recht. Bei einer Fülle von Aufgaben kann dies allerdings zu zeitlichen Verzögerungen führen.

Normalerweise würde man auf der Grundlage des geschilderten Problems und ggf. der vorgenommenen Anhörungen und Erkundigungen auf der Basis der geltenden Gesetze eine Entscheidung treffen und diese zunächst schriftlich skizzieren und dann abdiktieren. Das Diktat sollte bereits im Kopf so gut vorhanden sein, dass bei der Korrektur der ersten Reinschrift tatsächlich nur noch die Fehler und nicht mehr der Inhalt berichtigt werden sollten.

Leider führen die fehlenden staatlichen Zuschüsse auch zum Abbau von qualifiziertem Personal. Schreibkräfte erscheinen den meisten Spar-Politikern entbehrlich, ebenso wie Hochschulen, Klinika, Schwimmbäder und Theater. Gleichzeitig sollen natürlich die Zahl der Arbeitslosen abgebaut und der „Selbstbedienungsladen Öffentlicher Dienst" entrümpelt werden. Eine Möglichkeit ist es, alles selbst zu schreiben.

Beim eigenen Tippen entwickelt man die Ideen ebenfalls, ist aber gegenüber den eigenen Tippfehlern betriebsblind. Außerdem kostet dieses Verfahren, je nach Ausbildungsgrad des Nutzers, zum Teil sehr viel mehr an Zeit.

Spracherkennungssoftware soll uns nun helfen, diese Zeit zu sparen und möglichst schnell und fehlerfrei unsere Bescheide vom Gedanken im Kopf auf das Papier im Drucker zu bringen. Das von mir getestete Produkt ViaVoice Pro von IBM erfüllte diese Erwartungen nicht!

Zwar war das Produkt sehr lernfähig und nach einiger Zeit sank die Quote der unleserlichen und fehlerhaften Worte unter 5 % des gesamten Textes. Die Fehler waren aber so gravierend und von dem Rechner so überraschend gesetzt, dass die gesamte Verwertbarkeit des Textes nicht mehr gewährleistet war. Gleichzeitig wurde bei meinem Pentium III Rechner die Geschwindigkeit so reduziert, dass man auf jedes Wort, das auf dem Bildschirm erscheinen sollte, warten musste.

Folgende Schwachstellen waren besonders gravierend:

Die Implementierung nahm eine nicht unerhebliche Zeit in Anspruch. Diese ließ sich auch nicht verkürzen, da ansonsten der weitere Aufwand aufgrund der dann als Folgefehler auftretenden Mängel so groß ist (ca. 30 bis 50 % des Textes), dass der Nutzen gleich Null wäre. Die Implementierungszeit für die Basisarbeit würde ich mit einer Arbeitswoche veranschlagen, wobei das Gerät und die Software auch danach noch „lernen" müssen. Dies kann mit Hilfe der neu eingegebenen Texte erfolgen. Dieses Lernen verlängert aber die Bearbeitungszeit von Texten um gut das Doppelte.

Man muss sich von vornherein zu einer deutlichen Aussprache zwingen. Leider führt der Umgang auf dem „kurzen Dienstweg" oftmals zu einer schnellen Aussprache, da in der Regel allen die Details bekannt sind; diese Ungenauigkeiten entschuldigt die Software aber nur in den seltensten Fällen. Für Hobby-Nuschler ist das Produkt nicht geeignet.

Auch die Räumlichkeiten müssen geeignet sein. Der Umbau der Staatsbibliothek vor meinem Fenster war daher kontraproduktiv. Auch die „bösen" Studierenden, die sich in der Vorlesungspause vor meinem Raum unterhalten, irritierten das Gerät mehr als mich. Wieder einmal konnte daher bewiesen werden, dass Computer und Software unsoziales Verhalten zeigen.

Auch bei optimalen Bedingungen spielte das Gerät von Zeit zu Zeit seine Eigenarten vollständig aus. In diesen Fällen waren die Texte und das Diktierte nicht mehr in Einklang zu bringen. Für Belustigung (wenn man eine sadomasochistische Ader hat) war also gesorgt. (Daher sollte die Software vor allen Dingen bei sonstigen Mitarbeitern (SM) eingesetzt werden). In einigen wenigen Fällen konnte die Fehlerquelle nicht erkundet werden. In diesen Fällen half nur abschalten und den nächsten Tag abwarten. (Für die Praktikanten, die ich zum Testen verpflichtet hatte, war es besonders schön, wenn dieser Fehler bereits vormittags auftrat.)

Ferner ist die Software nicht teamtauglich. Trotz mehrerer Versuche ist es zumindest mir nicht erfolgreich gelungen, die Software davon zu überzeugen, dass an dem Testrechner mehr als eine Person arbeiten und diktieren sollen. Immer wenn der Vorgänger wieder an dem Gerät diktieren wollte, verlangte die Software eine Einrichtung von Anfang an. Da diese, wie bereits dargelegt, mindestens eine Arbeitswoche benötigt, war der Vorschlag der Software nicht sehr erbaulich (siehe auch Verwendung im Rahmen von SM).

Zu guter Letzt war auch die teure Hardware nicht immer nutzerfreundlich. Kopfhörer und Mikrophon waren z. T. so empfindlich, dass bereits Abweichungen von wenigen Millimetern beim Abstand zwischen Mund und Gerät das System verwirrten. So glücklich wie der diktierende Mann auf der Verpackung der Software habe ich nie ausgesehen.

Als Fazit möchte ich lediglich festhalten, dass ich diesen Text dank meiner Schreibmaschinenlehrerin Schwester Rosa, die mir das Zehn-Finger-System in der 7. Klasse beibrachte, innerhalb von 14 Minuten erstellt habe, inklusive Korrektur. Mit dieser Zeit wäre ich zwar durch die Schreibmaschinenprüfung gerasselt. Es ist aber zehnmal schneller und fehlerfreier und vor allen Dingen stressfreier als die getestete Diktiersoftware.

Ich bin von meinem Wunderglauben an Diktiersoftware geheilt. Halleluja!

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Anmerkungen

1 Aus dem Buch „Dilbert Future" von Scott Adams, Heyne-Verlag, S. 62 f.