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cms-journal

Publikation des Computer- und Medienservice der Humboldt-Universität zu Berlin

cms-jornal Nr. 24, April 2003

Frauke Engels
 

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Vermittlung von Informationskompetenz in der neuen Zentralbibliothek Naturwissenschaften


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Es wird ein Überblick gegeben über die angebotenen Benutzerberatungen, die sich zu einem kompakten und auf die individuellen Bedürfnisse zugeschnittenen Gesamtkonzept weiterentwickelt haben.

»Ich muss nicht alles wissen, aber ich muss wissen, wo es steht.«

Diese Maxime gilt seit langer Zeit als angemessenes Mittel, mit der Informationsflut umzugehen.

Aber: Die neue Zentralbibliothek Naturwissenschaften hat ca. 200 000 Bücher. »Wo steht hier das Handbuch, das mir den aktuellen Forschungsstand zur Festkörperelektronik liefert?«

»Kann ich mich auf die Angaben verlassen?«

»Im elektronischen Katalog der Bibliothek finde ich nur vier Treffer zu diesem Thema. Stimmt es wirklich, dass das im Jahr 1982 vom VEB Halbleiterwerk Frankfurt (Oder) herausgegebene Werk das aktuellste ist, das die Bibliothek hierüber besitzt?«

»Wo stehen die Zeitschriften mit den neuesten Aufsätzen zur Oberflächenchemie, damit ich mir einen Überblick verschaffen kann und eventuell auf Ideen für mein Diplomarbeits-Thema komme?«

Fragen dieser Art gehören zum Arbeitsalltag von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren in der Auskunft. Und tatsächlich kann oft weitergeholfen werden. Voraussetzung hierfür ist aber, dass die Nutzerinnen und Nutzer den Weg in die Bibliothek finden. Eine Untersuchung im Auftrag des Bundesforschungsministeriums hat schon 2001 ergeben, dass Studierende ihre wissenschaftlichen Informationen genauso häufig im Internet wie in der eigenen Universitätsbibliothek suchen. [1] Auch die elektronischen Fachinformationen sind gerade auf dem Gebiet der Naturwissenschaften immer noch auf dem Vormarsch. Hierbei verlässt sich die große Mehrheit auf autodidaktisch erworbene Suchstrategien. Das Ergebnis ist oft genauso verwirrend: »Was mache ich, wenn ich noch eine Woche Zeit habe, mich auf die Klausur in Quantenmechanik vorzubereiten und mit Hilfe von Google hierzu 27 600 Links im Internet finde?«

»Was habe ich falsch gemacht, wenn ich mit dem Suchbegriff kognitive psychologie in PsycInfo nur einen Treffer lande, obwohl ich doch eine spezielle Datenbank für die Psychologie gewählt habe?«

»Wie gehe ich vor, wenn ich in einer elektronischen Zeitschrift der Universitätsbibliothek eine Abbildung gefunden habe, die ich gerne in meine Diplomarbeit einbinden möchte, die ich aber nicht auf eine Diskette abspeichern kann, da die Datei zu groß ist?«

Die Antwort der neuen Zentralbibliothek Naturwissenschaften auf alle diese Fragen und Probleme heißt: Vermittlung von Informationskompetenz.

Informationskompetenz (oder englisch information literacy) umfasst mehrere Ebenen:

  • die Kenntnis von traditionellen und neuen Informationsquellen;
  • die effektive Nutzung der Informationsquellen;
  • die Kompetenz, Informationen auszuwählen und zu bewerten;
  • die Fähigkeit, Informationen aufzubereiten und in angemessener Form zu präsentieren. [2]

Damit geht die Vermittlung von Informationskompetenz eindeutig über das hinaus, was Bibliotheken immer schon geleistet haben: Führungen durch die verschiedenen Lesesäle, Einführung in die Benutzung von Zettel- und Online-Katalogen, Schulungen zu Bibliographien und Fachdatenbanken. Hier wurde viel Energie hineingesteckt und tatsächlich Benutzerinnen und Benutzern der Umgang mit einer wissenschaftlichen Bibliothek erleichtert. Dies wird auch weiterhin notwendig sein.

Veränderungen in der Medienwelt müssen aber auch zu Veränderungen bei Schulungen führen. So wird es nicht nur so sein, dass elektronische Informationsquellen einen immer größeren Anteil an Schulungen einnehmen. Moderne Medien werden auch bei Art und Weise der Vermittlung von Informationskompetenz eine Rolle spielen, z. B. in der Form von Online-Tutorials oder virtuellen Bibliotheksführungen.

Und eine ganz neue Aufgabe kommt auf Bibliothekarinnen und Bibliothekare zu: Ihre Kompetenz, Informationen zu bewerten und in unterschiedlichen Formen zu präsentieren, werden sie an die Nutzerinnen und Nutzer weitergeben. So kann z. B. der Fachbibliothekar für Psychologie in seiner Sprechstunde Studierenden Tipps geben, wie sie an die neuesten Forschungsergebnisse gelangen und wie die Informationen aus verschiedenen Datenbanken in Hinblick auf ihre Relevanz zu beurteilen sind. In einem weiteren Schritt könnte er Hilfestellung bei der Erstellung von Power-Point-Folien oder der Einbindung von Grafiken in größere Darstellungen geben. Und er wird Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler darin unterstützen, ihre Forschungsergebnisse über die universitätseigenen Server zu veröffentlichen.

Die traditionelle Benutzerschulung wird also erheblich erweitert und zur Kundenberatung ausgebaut.

Da wir davon ausgehen, dass der Erwerb von Informationskompetenz die ganze wissenschaftliche Laufbahn anhält, wollen wir diese Beratung an die unterschiedlichen Bedürfnisse und an den jeweiligen Wissensstand anpassen.

Es wird in der Zentralbibliothek Naturwissenschaften ein komplettes Schulungspaket geben mit:

  • Angeboten für die Orientierung zu Studienbeginn mit Führungen durch das Gebäude, Informationen zu Ausleih-Bedingungen, Hinweisen auf die Lehrbuchsammlung, automatisch laufenden Präsentationen;
  • Schulungen für Studierende in den Anfangs-Semestern zu Online-Katalogen, CD-ROM-Benutzung und allgemeinen Recherche-Strategien;
  • Unterstützung für fortgeschrittene Studierende mit Einführungen in spezifische Fachdatenbanken und elektronische Zeitschriften;
  • Vertiefungen für Doktoranden und wissenschaftliche Mitarbeiter durch Weiterbildungskurse zu Recherche-Strategien und individuelle Beratung in den Sprechstunden der Fachbibliothekarinnen und Fachbibliothekare.

Mit diesem Angebot wollen wir uns direkt an unsere Nutzerinnen und Nutzer wenden. Denn nicht immer ist ein Problembewusstsein über die Notwendigkeit von Informationskompetenz vorhanden.

Viele Bibliotheken machen die Erfahrung, dass nur wenige Studierende zu den sorgfältig vorbereiteten Einführungsveranstaltungen kommen. Und viele gehen bei ihren Recherchen nach einem trial-and-error-Prinzip vor. Wenn sie die gewünschte Information nicht erhalten, kommen sie nicht darauf, dass es an ihrer Recherche-Strategie liegt.

Bibliothekarinnen und Bibliothekaren fehlt auf der anderen Seite das Wissen über die vorhandene Informationskompetenz und die genauen Bedürfnisse der Nutzerinnen und Nutzer.

Da hilft nur eins: Kommen die Studierenden nicht in die Bibliothek, muss die Bibliothek zu ihnen kommen. In den USA wurde hierzu das Konzept der »teaching library« entwickelt. Inzwischen gibt es auch in Deutschland erste Erfahrungen. [3]

Das Konzept beschreibt die Integration von Schulungskursen in die Lehrveranstaltungen. Dies hat erhebliche Vorteile:

Alle vorgestellten Informations-Quellen und Recherche-Strategien beziehen sich auf das Seminarthema. Um bei unseren obigen Beispielen zu bleiben, könnte der Fachbibliothekar für Physik zu Beginn der Vorlesung Quantenmechanik die wichtigsten Werke zu diesem Thema aus der Lehrbuchsammlung und die wichtigsten elektronischen Informationen zusammenstellen. Oder es werden in entsprechenden Erstsemester-Kursen Handbücher zur Elektrotechnik vorgestellt, die auch das Thema Festkörperelektronik einbeziehen. Gleichzeitig könnte gezeigt werden, wie diese Handbücher im Online-Katalog gefunden werden, auch wenn man zunächst mit dem Stichwort Festkörperelektronik nicht sehr erfolgreich war.

Die Einbindung von solchen Schulungskursen in die Lehrveranstaltungen hat außerdem den Vorteil, dass es eine engere Zusammenarbeit mit den Dozentinnen und Dozenten gibt. So können die Kurse besser auf das vorhandene Wissen an Informationskompetenz aufbauen. Zudem sollen unsere Kurse auf das weitere Angebot der Zentralbibliothek Naturwissenschaften neugierig machen und aufzeigen, welch wichtiger Stellenwert der Informationskompetenz für die gute Bewältigung eines Studiums zukommt.

Diese Arbeit kann natürlich nicht von der Zentralbibliothek Naturwissenschaften alleine geleistet werden. Entscheidend ist die Zusammenarbeit mit den Instituten, mit den Dozenten, mit den Studierenden und natürlich mit dem Computer- und Medienservice. [4]

Da ist es auch in dieser Hinsicht eine glückliche Konstellation, dass sich im Erwin-Schrödinger-Zentrum beide Institutionen unter einem Dach befinden.

Literatur

[1] Stefi: Projektbericht :Nutzung elektronischer wissenschaftlicher Informationen in der Hochschulausbildung. (BMBF, 2001) http://www.stefi.de/
[2]Heinisch, Christian: Inmitten der Informationsflut herrscht Informationsmangel: Über das Paradoxon der Wissensgesellschaft und seine Bewältigung, in: ABI-Technik, 22 (2002) 4, S. 340–349.
[3]Rockenbach, Susanne: Teaching library in der Praxis: Bedingungen und Chancen, in: Bibliotheksdienst 37 (2003) 1, S. 33–40 und Hapke, Thomas: Vermittlung von Informationskompetenz: Erfahrungen bei der Integration in das Curriculum an der TU Hamburg-Harburg, in: Bibliotheksdienst 34 (2000) 5.
[4] Besonders das Multimediazentrum des CMS hat schon Erfahrungen mit Lern- und Präsentationstechniken gemacht, die wir gerne nutzen würden. Vgl. die Artikel über das Multimediazentrum in diesem Heft.

Frauke Engels (Universitätsbibliothek)