
Foto: Marcus Bredt
In einer medialisierten Welt stehen wir vor einer Informationsflut, die ein ganzheitliches Erfassen auch von Teilproblemen scheinbar unmöglich macht. Um die Menschen zu erreichen, müssen Aussagen reduziert werden – teilweise so weit, dass Inhalte verloren gehen, wie z. T. auch sehr bewusst in der Werbung. Mit der weiteren Digitalisierung nimmt diese Tendenz rasend schnell zu und auch die Architektur wird dafür instrumentalisiert. Dabei stehen die Marke und das Objekt im Mittelpunkt der Betrachtung. Die Frage der »sozialen Proportion«, die ein Haus auch immer als Teil eines sozialen, gestalteten und historischen Umfelds sieht, wird in den Hintergrund gedrängt.
Beim Bau des Erwin Schrödinger-Zentrums stand nicht die Marke im Mittelpunkt. Er entstand unter Bedingungen, bei denen die universitäre Nutzung, die Geschichte des Ortes und das städtische Umfeld zu jeder Zeit so präsent waren, dass eher von einem Findungsprozess als von der Erfindung einer neuen Form gesprochen werden kann. Beispielhaft für das Zusammenwirken außeruniversitärer und universitärer Forschung wurde das Gebäude im Zentrum der neuen Stadt für Wissenschaft, Wirtschaft und Medien in Berlin-Adlershof auf dem ehemaligen Gelände der deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt als Informations- und Kommunikationszentrum errichtet. Neben dem Rechenzentrum, der Bibliothek und zentralen Hörsälen der Humboldt-Universität sind ein Café-, Kommunikations- und Konferenzbereich sowie Bibliotheksflächen außeruniversitärer Nutzer integriert worden. Dabei verschmelzen die Bibliothek und das Rechenzentrum zu einem integralen Ganzen. Von jedem Platz aus ist neben dem Zugang ins internationale Netz der Information das Wissen sechs naturwissenschaftlicher Zweigbibliotheken und einer Bibliothek der außeruniversitären Forschungseinrichtungen in den bis zu 700 000 Bänden an den ca. 300 Leseplätzen nun zentral verfügbar.
Ein geschichtsloser Ort reizt uns ebensowenig wie ein musealisierter Ort, der keine Veränderung erlaubt. Wir sehen unsere Aufgabe als Architekten gerade darin, mit den Ressourcen eines Orts und einer Idee umzugehen. Die Grundlage muss erarbeitet und gewertet werden; im besten Fall muss bis ins letzte Detail eine Verhältnismäßigkeit erzeugt werden, die die unterschiedlichsten gedachten und gebauten Schichten bewusst überlagert, um daraus ein funktionierendes Neues zu erzeugen. Schon im Beitrag für den Architekturwettbewerb 1998 wurde davon ausgegangen, dass in vielerlei Hinsicht auf Substanz aufgebaut werden kann und keinesfalls die Situation einer »tabula rasa« besteht. Auf der materiellen Ebene ging es von Anfang an darum, große Teile der alten Werkhallen zu erhalten und sie zum Teil einer neuen und veränderten Welt werden zu lassen. Auf der ideellen Ebene ging es darum, die Idee der Freihandbibliothek mit zentralem Lesesaal in unserer Zeit zu überprüfen. Im Wettbewerbsprojekt überlagerten sich also zwei räumliche Szenarien – ein reales und ein virtuelles –, aus denen dann diese Multimediabibliothek für die Humboldt-Universität entwickelt wurde.
Das reale Szenario, das bereits existierte, bevor der Entwurf für das Erwin Schrödinger-Zentrum entstand, wird dominiert von den Denkmälern der Technikgeschichte aus der Entstehungszeit des Flugplatzes Johannisthal-Adlershof in der unmittelbaren Umgebung. Stadtbildprägend sind besonders die Bauten für die aerodynamischen Versuche (zum Beispiel der Windkanal und der Trudelturm). Technikgeschichte wird greifbar und anschaulich, wenn man diese besichtigt. Nach unserer Vorstellung von Geschichte sind allerdings auch weniger markante Bauwerke wie die alten Werkhallen auf dem Grundstück wertvoll genug, sie zu bewahren und zu Teilen der neuen Architektur zu machen.
Das ideelle Szenario war geprägt von einem Zitat aus der Zeit des Futurismus, an dem wir unsere Vorstellung einer Bibliothek, in der nicht länger das Buch das einzige Medium ist, überprüfen wollten:
»Das Buch, dieses traditionelle Medium zur Konservierung und Kommunikation von Ideen, ist seit langem dazu bestimmt, unterzugehen. Das Buch, statischer Begleiter des sitzenden, nostalgischen und neutralistischen Menschen, kann weder die neuen futuristischen Generationen amüsieren, noch kann es durch revolutionären, kriegerischen Dynamismus aufwecken.«
F. T. Marinetti, G. Balla, 1916
Die Jahre seit 1916 haben bewiesen, dass das Buch nicht ausstirbt. Und dennoch stehen wir in einer Zeit dramatischer Veränderung. Besteht überhaupt noch die Notwendigkeit für einen Lesesaal, wenn man von überall mittels Infrarot-Schnittstelle jede Information aus dem Netz bekommen kann?
Gerade in einer Zeit, in der uns »der digitale Dynamismus« nicht länger aufwecken muss, sondern uns längst zum Teil eines globalen Systems gemacht hat, wird durch die Idee einer Geschichtlichkeit ein Moment des Widerstands erzeugt. Der zentrale Lesesaal ist nicht nur ein Ort, sondern auch ein Bild für Wissensaufnahme. Und das Foyer gleicht einer Wandelhalle, in der das Wissen verarbeitet wird. Gerade dadurch, dass man mit dem Lesesaal Zeit und Ruhe für das Lesen und mit dem Foyer das Wandeln verbindet, wird das Haus einfach verständlich. Die Idee des Lesesaals und des Foyers strukturiert so das Haus, macht es nachvollziehbar.
Und es wird auch deutlich: Der Lesesaal ist kein Eventraum, der den »futuristischen Generationen« zum »Amüsement« dient, sondern er macht eben auch die »konservierten Ideen« zugänglich in einer hoffentlich weder »kriegerischen« noch »revolutionären« Welt.
Die Einarbeitung der verschiedenen architektonischen Schichten erfolgte jeweils in Orientierung an diesen beiden Szenarien.
Aus städtebaulicher Sicht wurde die neue Volumetrie so eingefügt, dass aus den alten und den neuen Teilen ein Ganzes entsteht. Große Teile der bestehenden Hallen wurden erhalten; die neue Volumetrie des Gebäudes orientiert sich an der umgebenden Bebauung und macht die Idee des zentralen Lesesaals nach außen deutlich. In Kombination mit dem Bestand entstehen durch den Neubauwinkel vier grundverschiedene Ansichten des Hauses, die jeweils subtil auf die Umgebung reagieren. Er wurde präzise so platziert, dass einerseits die bestehenden Straßenkanten aus den Altbauten vervollständigt, andererseits gezielt Freiräume gebildet werden. Entlang der Universitätspromenade wurde durch Rücknahme der Bauflucht eine Sichtachse von der Rudower Chaussee zum Windkanal erzeugt. An der Rudower Chaussee entstand ein Vorplatz; belebt durch das neue Cafe erhält das Gebäude hier seinen Haupteingang. An Stelle einer ehemaligen Anlieferungsstraße zwischen den alten Werkhallen liegt heute die zentrale innere Erschließungsachse, das Foyer des Erwin Schrödinger-Zentrums; das bestehende Wegenetz wurde beibehalten und umgedeutet; an den Enden bilden sich zwei weitere Eingänge, die in ihrer Frequenz Hauptzugänge des Gebäudes sind. Von dieser zentralen Achse zwischen Forum und Universitätspromenade aus sind alle öffentlichen Nutzungen des Hauses zugänglich. Neben der Bibliothek sind dies vor allem das Rechenzentrum, die Hörsäle, der Multimediaraum und der Zugang zur Verwaltung sowie der Café-, Konferenz- und Kommunikationsbereich, der besonders auch den außeruniversitären Nutzern dient.

Foto: Marcus Bredt
Unser Ziel beim Umbau und der Renovierung der Häuser war es, mit dem Neuen das Alte zu vollenden und doch die Unterscheidung zwischen Neu und Alt deutlich lesbar zu machen – so, wie es in der Charta von Venedig zum Denkmalschutz von 1964 formuliert ist:
»Die Elemente, welche fehlende Teile ersetzen sollen, müssen sich harmonisch einfügen und vom Originalbestand unterscheidbar sein, damit durch die Restaurierung der Wert des Denkmals als Kunst- und Geschichtsdokument nicht verfälscht wird.«
Die vorgefundene Substanz war zum Teil durch Umbauten minderer Qualität stark verändert. Diese wurden zurückgebaut, sodass ein Dialog allein zwischen Bauteilen der Erstellungszeit und den nunmehr hinzugefügten Neubauten entsteht. Während einerseits Alt und Neu in Materialität und Farbigkeit klar unterschieden ist, entsteht andererseits durch die Textur der Oberflächen und deren Durchgängigkeit ein »harmonisches Ganzes«. Dabei wird die Atmosphäre des rohen Materials – der alten Flugzeugwerkhallen – erhalten und ergänzt, sodass die Geschichte des Standorts auch in der Bibliothek spürbar ist. Demgegenüber wird gezielt in den Aufenthaltsbereichen, wie z. B. in den Hörsälen und im Lesesaal, besonders mit der Möblierung eine zusätzliche sehr feine Materialität wie eine neue Schicht ins Gebäude eingefügt – sowohl in die Altbauten als auch in den Neubau. Das äußere Bild des Gebäudes wird durch eine anthrazitfarbene Zinkfassade bestimmt, die in bewusstem Kontrast zu den alten Ziegelhallen und zu den benachbarten Baudenkmälern aus Sichtbeton steht.
Die räumliche Struktur des Gebäudes ist geprägt durch das Foyer und den Lesesaal.
Betritt man das Haus durch den Haupteingang und durchquert dann das 80 Meter lange und 8 Meter hohe Foyer, so kommt man in den niedrigen Eingangsbereich zur Bibliothek. Hier steht unter einem großen Oberlicht der zentrale Eingangstresen für Freihandbereich und PC-Saal. Geht man weiter, so öffnet sich in der Diagonale vor einem der Lesesaal. Er ist quadratisch, ohne Hauptrichtung (36 Meter x 36 Meter) und unterhalb der Tragstruktur 9 Meter hoch. Um Übersichtlichkeit und Orientierung zu gewährleisten, ist der Fußboden um 1,25 Meter abgesenkt. Am Ort der Konzentration stehen hier die zentralen Lesesaaltische, umgeben von Zeitschriftenregalen. Nordorientierte Oberlichter gewährleisten eine sehr helle, blendfreie Tageslichtbeleuchtung. Hölzerne Möbel und Wandverkleidungen sowie ein roter Teppich sorgen für eine warme und schallgedämpfte Atmosphäre. Die abendliche Grundausleuchtung erfolgt mit abgependelten industriellen Leuchten. An den Tischen befinden sich zusätzliche Lampen. Besonders von der Empore aus lässt sich der Lesesaal im Verhältnis zu den umgebenden Räumen mit den Regalen des Freihandbereichs mit einem Blick erfassen.

Foto: Marcus Bredt
Forumsseitig wird die Atmosphäre im Foyer durch die Portalwand der alten basilikaförmigen Industriehalle geprägt, die erhalten wurde und nun wie ein Relief in die neue Betonwand eingelassen ist. Durch eine große Glastür erreicht man hier das Café, in dem auch Internetplätze zur Verfügung stehen. An diesem Ort der Synergie treffen Intelligenz und Erfahrung der außeruniversitären Forschung und Wissenschaft informell auf die Kreativität der Hochschule. Zu einem wirklichen Zukunftsforum für Adlershof wird die Basilika durch den eingestellten Konferenzsaal mit 160 Plätzen für öffentliche Veranstaltungen und durch einen kleinen Buchladen.
Am anderen Ende des Foyers an der Seite der Universitätspromenade bilden zwei große Hörsäle mit ansteigendem Gestühl (275 bzw. 125 Plätze) ein Volumen, das in Proportion und Material als Pendant zur »Basilika« erdacht worden ist. Sie sind innen weiß verputzt. Ihre Atmosphäre wird geprägt durch Eichenholzparkett und hölzernes Gestühl. Am kleinen Foyer zur Brook-Taylor-Straße liegen weitere kleine Hörsäle und im Obergeschoss Seminarräume. Sie sind über eine dunkelrote Stahltreppe zugänglich, die mit ihrer skulpturalen Präsenz an dieser Stelle das Foyer beherrscht.
In zwei weiteren Obergeschossen finden sich Räume der Verwaltung der Bibliothek und des Rechenzentrums. In diesen weniger frequentierten Bereichen wurden auch der zentrale Rechnerraum und Studioräume für die audiovisuellen Lehreinrichtungen eingebaut – z. B. zur digitalen Fernsehproduktion.
Interessanterweise hat sich in den Jahren der Bearbeitung des Gebäudes ein Gedanke verflüchtigt, der noch den Wettbewerbsentwurf mitbestimmt hatte. So waren wir damals noch ähnlich der Bibliotheksbeschreibung in Umberto Ecos »Der Name der Rose« davon ausgegangen, dass das Raritätenmagazin der Bibliothek sozusagen das Herzstück des Wissens und damit das eigentliche Kapital der Bibliothek sei. Wir hatten es deswegen zentral unter dem Lesesaal angeordnet. Aus verschiedenen Gründen konnte das Raritätenmagazin dort nicht gebaut werden, es hat allerdings auch inhaltlich an Bedeutung verloren. Denn heute vermuten wir vor allem bei einer technischen Bibliothek das Wissen eher irgendwo im weltweiten Netz. Die Auseinandersetzung um Zugänglichkeit bzw. Schutz der Daten hat sich verlagert; Kontrolle ist eine Frage der Programmierung und scheinbar nicht mehr Bild einer Architektur.
Die Zukunft unserer Gesellschaft wird in den Schulen und Universitäten entschieden. Dabei sind neben der Formung der Persönlichkeiten nach ethischen Kriterien heute besonders der kontrollierte Zugriff und die didaktisch strukturierte und intelligente Verarbeitung global verfügbarer Information von entscheidender Bedeutung. Die Ausbildungsstätten sind zu »Workstations« im Internet geworden, in denen häufig das Bewusstsein verloren geht, dass sie Teil einer kulturellen und geschichtlichen Entwicklung sind.
Wie kann Architektur darauf reagieren? Wie schafft man ein Gebäude, das einerseits die technischen Voraussetzungen für die Bildung einer neuen Generation im Zeitalter der Medien bietet und andererseits Prozesse der Konzentration, Selbstfindung und Persönlichkeitsbildung unterstützt? Mit dem Erwin Schrödinger-Zentrum haben wir versucht, ein Gebäude zu planen, das diesem Anspruch genügt. Obwohl die Infrastruktur, die technische Ausstattung und die Vernetzung ebenso wie die Architektur neuesten Ansprüchen genügen, sind in der Typologie und in der Materialität tradierte Bilder so übersetzt, dass ein vertrauter, ruhiger und zielführender Hintergrund für Forschung und Lehre entstanden ist.