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cms-journal

Publikation des Computer- und Medienservice der Humboldt-Universität zu Berlin

cms-jornal Nr. 24, April 2003

Dr. Helmut Voigt
 

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Elektronische Zeitschriften der Humboldt-Universität

Das Friedrich-Althoff-Konsortium

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Das Erwin Schrödinger-Zentrum setzt in seinem Konzept und dessen Umsetzung Maßstäbe für eine neue Form von Literatur- und Informationsversorgung an der Humboldt-Universität. Datenbanken und elektronische Zeitschriften verlinkt und in Einheit mit konventionellem Bibliotheksservice und den Dienstleistungen des Computer- und Medienservice (Rechenzentrum) bilden die Angebote der neuen Bibliothek. Mehr als 800 elektronische Zeitschriften, mehrere wichtige Datenbanken und ein leistungsfähiges Portal bilden die Grundlage der elektronischen Bibliothek. Die vorrangig über Konsortialverträge des Friedrich-Althoff-Konsortiums erworbenen Angebote werden quantitativ und qualitativ bewertet. Aktuelle Probleme werden diskutiert.

Die Eröffnung des Erwin Schrödinger-Zentrums ist Anlass, die Frage zu stellen, inwieweit die Voraussetzungen geschaffen sind, hier mit einer neuartigen hybriden Bibliothek zu starten. Eine hybride Bibliothek heißt, dass die Benutzer sowohl in der Bibliothek eine Mischung aus konventionellen und neuartigen Angeboten bekommen als auch, dass sie an ihrem Arbeitsplatz über das Internet ihre Bibliothek vorfinden, mit Volltexten, Verweisen, Suchmaschinen und eigens für diese Bibliothek und ihre Bestände kreierten Link-Systemen. Der Leser betritt dieselbe Bibliothek, unabhängig davon, ob er das reale Portal an der Rudower Chaussee benutzt oder das Portal im Internet. Eine Zukunftsvision? Die Ansätze sind schon sehr real.

Rückblick

Als die lockere Arbeitsgruppe der Berliner Physikbibliotheken unter der Leitung von Dr. Friedrich Wilhelm Froben aus der Institutsbibliothek Physik der Freien Universität Mitte 1996 erste Verhandlungen mit den wissenschaftlichen Verlagen aufnahm, geschah dies aus drei Gründen:

  1. wollte sie ihren Nutzern das neue Medium zugänglich machen;
  2. wollte sie der Marktmacht der Verlage stärker gegenübertreten und verhindern, dass die verschiedenen Berliner Bibliotheken gegeneinander ausgespielt werden können;
  3. sollte verhindert werden, dass in dem Bereich elektronischer Angebote eine ähnliche Entwicklung abläuft wie bei den gedruckten Zeitschriften: Durch Abbestellungen reduzieren teilweise eng benachbarte Bibliotheken ihren Bestand auf »Kernzeitschriften«, die in den meisten Bibliotheken vorhanden sind, während ebenfalls benötigte Zeitschriften vom Rand des Spektrums überall abbestellt werden.

Am 16.12.1997 wurde das Friedrich-Althoff-Konsortium als Zusammenschluss der Universitätsbibliotheken Berlins und Brandenburgs sowie der Bibliotheken wissenschaftlicher Einrichtungen der Region offiziell gegründet. Die Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität und die Zentrale Fachbibliothek für Umwelt in Adlershof waren federführend beteiligt.

 

Abonnierte Zeitschriften

Frei zugängliche Zeitschriften

Gesamte Universität

2533

3487

Biologie

462

212

Chemie/(Pharmazie)

401

120

Geographie

53

49

Informatik

158

169

Mathematik

140

133

Naturwissenschaften allgemein

22

69

Physik

286

113

Psychologie

145

114

Tab.1: Zahl der im Volltext zugänglichen Zeitschriften nach Fachgebieten

Heute ist das Friedrich-Althoff-Konsortium als Mitglied der inzwischen gegründeten Arbeitsgemeinschaft Deutscher, Österreichischer und Schweizer Konsortien (GASCO – German, Austrian and Swiss Consortia Organisation) federführend für eine Reihe von Verträgen, die über 40 deutsche Universitäten mit Informationen versorgen.

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Derzeitiger Stand

Heute bietet die gesamte Humboldt-Universität über ihr gemeinsam mit der Universitätsbibliothek Regensburg gepflegtes Internetverzeichnis 2 533 gekaufte und 3 487 frei im Internet zugängliche wissenschaftliche Zeitschriften nach Fachgebieten gegliedert an (Abb. 1).

Abb. 1: Verzeichnis der in der Elektronischen Zeitschriftenbibliothek Regensburg (EZB) gelisteten elektronischen Zeitschriften

Selbst für die in Abb. 2 mit einem roten (rechten) Punkt versehenen, also nicht im Volltext verfügbaren, Zeitschriften wird es mit Hilfe des im gleichen Heft beschriebenen SFX-Moduls die Möglichkeit einer beschleunigten Fernleihe geben.

Abb. 2: Alphabetische Liste der Physikzeitschriften (A)

Für die im Erwin Schrödinger-Zentrum integrierten Fachbereiche ergibt sich folgende Sicht:

Beachtet man im Vergleich, dass in der Physik nur noch 54 Zeitschriften in Papierform laufend gehalten werden (acht Zeitschriften werden nur noch elektronisch bezogen), so ist deutlich sichtbar, dass das Gros der Zeitschriften in elektronischer Form über die drei Kanäle bezogen wird:

  1. rein elektronischer Bezug;
  2. elektronische Zugabe zum Printexemplar und
  3. elektronisch im Rahmen eines Konsortialvertrages.

Häufig wird die Anschauung vertreten, dass elektronische Zeitschriften Papierzeitschriften nicht vollständig ersetzen können. Tiefer gehende Untersuchungen zeigen [1], dass dies im Prozentbereich durchaus richtig ist (die Bibliothek der ETH Zürich ist eine reine Magazinbibliothek; ca. 6 % der Nutzungen für Zeitschriften, die auch in elektronischer Form verfügbar sind, erfolgen über das Magazinexemplar). Die Umstellung des Pakets der American Physical Society (Physical Review A-E, Physical Review Letters und Reports on Progress in Physics) von Papier- und elektronischer Ausgabe auf electronic only hat jedoch in der Physik zu keiner einzigen Nachfrage geführt.

Ein weiteres Argument gegen die konsortiale Erwerbung von Zeitschriften besagt, dass im Rahmen von Konsortialpaketen für die relativ hohen Kosten vorwiegend weniger wichtige Zeitschriften zusätzlich bezogen werden. Obwohl, wie weiter unten zu diskutieren, damit durchaus gravierende Probleme für die Bibliotheken verbunden sind, ist dieses Argument so allgemein nicht richtig. Betrachtet man die jeweils 60 wichtigsten Zeitschriften des Fachgebiets, wie sie sich aufgrund der Zitierungen im Journal Citation Report, dem meistgenutzten »Abfallprodukt« des Science Citation Index ergeben, so zeigt sich für die in Adlershof ansässigen Fachgebiete folgende Verteilung:

  • Biologie: 24
  • Chemie: 32
  • Geographie: 3
  • Informatik: 16
  • Mathematik: 15
  • Physik: 34
  • Psychologie: 8

Zum Teil ist also die Hälfte der viel zitierten Zeitschriften im elektronischen Angebot der Humboldt-Universität enthalten. Für die weniger repräsentierten Fachgebiete spiegelt sich die Tatsache wider, dass die Mehrzahl der elektronisch verfügbaren Zeitschriften auf den Gebieten Naturwissenschaft, Technik und Medizin publiziert werden. Viel zitierte Zeitschriften anderer Fachgebiete liegen häufig gar nicht in elektronischer Form vor. Ohne Beschränkung der Allgemeinheit zeigt Abb. 3, dass sich die elektronischen Zeitschriften ziemlich gleichmäßig über die viel zitierten Zeitschriften verteilen.

Abb.3: Verteilung der elektronischen Zeitschriften über die ersten 20 meistzitierten Titel aus dem Gesamtgebiet der Physik

Da beispielhaft 18 der in Abb. 3 angeführten 34 Titel der Physik im Rahmen von Konsortialpaketen erworben werden, kann die Politik der Humboldt-Universität und des Friedrich-Althoff-Konsortiums auf dem Gebiet der Beschaffung elektronischer Informationen als erfolgreich eingeschätzt werden.

Probleme

In der »Aufbruchsphase« 1996 haben sich sowohl Bibliotheken als auch Verlage viel von dem neuen Vertriebsweg versprochen, die Bibliotheken eine langfristige Sicherung ihrer Informationsversorgung, die Verlage einen zusätzlichen Markt. Während die Rechnung der Verlage auf dem Markt der Firmenbibliotheken bisher aufgegangen ist, mussten sie jedoch zur Kenntnis nehmen, dass die europäischen Universitätsbibliotheken die Mehraufwendungen durch Abbestellungen zu kompensieren versuchten. Dementsprechend wurde der Ton in den Verhandlungen rauer. Kein Vertragsangebot kommt ohne eine mehr oder minder verbrämte non-cancellation-clause auf den Tisch, die Forderung, über die Vertragslaufzeit keine Zeitschriften aus dem verhandelten Paket abzubestellen. Dieses Angebot wird in der Regel versüßt durch einen pricecap, eine festgelegte Preissteigerungsrate, die in der Regel deutlich unter den realen Preissteigerungen des Paketes liegt. Das hat gleich zwei Pferdefüße:

  1. Ein fester Etatanteil wird mit einer vorgegebenen Preissteigerungsrate für längere Zeit (in der Regel drei Jahre) gebunden und
  2. kehrt man nach Ablauf des Vertrages zu seinem eigenen Bestand zurück, muss man dafür noch einmal deutlich mehr bezahlen, nämlich die dann erreichten realen Preise. Die jetzt notwendigen Abbestellungen sind deutlich einschneidend.

Obwohl inzwischen – nach schmerzlichen Erfahrungen – in allen Verträgen eine Klausel verhandelt wird, die einzelnen Teilnehmern gestattet, zum Ende jeden Jahres den Anbietervertrag zu verlassen, ist eine Fortführung des Vertrages aus der Sicht der Bibliotheken und ihrer Nutzer vorzuziehen.

Aber: Bei konstanten oder fallenden Etats bleiben für Abbestellungen nur die Zeitschriften übrig, die nicht in Vertragspaketen gebunden sind. Betrachtet man die verbliebenen Papierzeitschriften (in der Physik 54), so überschreitet auch hier jede einzelne Abbestellung die Schmerzgrenze mindestens einer betroffenen Arbeitsgruppe.

Die häufig diskutierte Beschränkung auf elektronische Kernzeitschriften ist eine Lösung, die wir eigentlich nicht wollten (siehe oben). Sie führt außerdem zu einem Verzicht auf wichtige Zeitschriften aus Konsortialpaketen und prohibitiven Kostenvorstellungen der Verlage.

Zu den oben genannten Zielen bei der Gründung des Konsortiums gehörte ein Ziel nicht: Einsparungen zu erzielen.

Konsortialverträge sind bei allen Vorzügen fragile Gebilde. Bisher zeichnet sich jedoch noch keine vernünftige Alternative ab; die hybride Bibliothek ist derzeit nur auf ihrer Grundlage denkbar.

Friedrich Althoff

Als Dr. Norbert Martin, mit dessen Wirken das Erwin Schrödinger-Zentrum eng verbunden ist, 1997 den Vorschlag machte, dem neu zu gründenden Konsortium den Namen Friedrich Althoffs zu geben, hatte er Althoffs überragenden und fortdauernden Einfluss auf die Wissenschaftslandschaft Preußens im Auge.

»Die Schaffung großzügiger Seminarbibliotheken, die Errichtung neuer Lehrstühle ... sowie die Berufung eines ausgezeichneten Lehrkörpers, stellten eine außergewöhnliche Leistung Althoffs dar ... In der Ära Althoff kam es zu einer bis dahin beispiellosen qualitativen und quantitativen Entwicklung des Wissenschaftspotentials in Preußen. Die dabei von Althoff erreichten Erfolge dokumentieren sich nicht zuletzt in der großen Zahl der die Leistungsfähigkeit des preußischen Wissenschaftssystems widerspiegelnden Nobelpreise in dieser Zeit«. [2]

Der Name Friedrich Althoff ist Programm und Herausforderung zugleich. Schließlich war auch Erwin Schrödinger im weiteren Sinne eine Person aus dem System Althoff.

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Literatur

[1]Dr. Alice Keller: Beschaffung und Bereitstellung elektronischer Zeitschriften an Schweizer Hochschulen; Bibliothek der ETH Zürich; Vortrag gehalten auf dem Deutschen Bibliothekartag, Augsburg2002
[2]R.-J. Lischke: Friedrich Althoff und sein Beitrag zur Entwicklung des Berliner Wissenschaftssystems an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert; ERS-Verlag, Berlin1991

Dr. Helmut Voigt (Universitätsbibliothek)