Digitale Multimediasysteme
Zurück zu den Grundlagen
Trotz (oder wegen) der Flut von Literatur, die mit dem Multimedia-Boom einhergeht, erwartet der Anwender
stets mit Spannung jede Neuerscheinung. Ist es ein Buch, das man nicht gleich wieder aus der Hand legt? Viele
Publikationen müssen als ephemer gelten, weil ihr Inhalt eng an ein bestimmtes Equipment oder an
kurzlebige Softwareprodukte gekoppelt ist. Der Autor dieses vergleichsweise schmalen Bandes hat sich zum Ziel
gesetzt, ein Buch mit Brückenfunktion zwischen der "Universal-Literatur" und der speziellen
Fachliteratur zu schaffen und dabei "sich so weit wie möglich auf Grundprinzipien zu
beschränken und den Bezug auf konkrete Produkte zu vermeiden."
Das Buch gliedert sich in acht Abschnitte. Vier davon sind den derzeit bedeutendsten und
zukunftsträchtigsten Themen digitaler Multimediasysteme gewidmet: den Grundlagen der Bilddatenkompression,
dem digitalen Video und Audio sowie Multimedia auf digitalen Netzen. Diese Abschnitte behandeln
erfreulich gründlich und ausführlich die verschiedenen modernen Verfahren und Systeme der
Audio- und Video-Datenkompression und der digitalen Datenübertragung.
Ein Abschnitt befaßt sich mit den Funktionsprinzipien optischer Speicher und ein weiterer
überblicksmäßig mit Multimedia-Applikationen.
Mit dem Eingangsabschnitt verfolgt der Autor das löbliche Ziel, zur Konsolidierung der Begriffsbildung
und der Definitionen beizutragen und im letzten umreißt er thesenartig auf zwei Seiten und deshalb
eingestandenermaßen unvollständig künftige Multimedia-Entwicklungen.
In einem relativ umfangreichen Anhang beschreibt ein zweiter Autor ausführlich die Grundlagen der
diskreten Kosinustransformation, auf der wichtige Verfahren der Datenkompression fußen.
Die Frage, ob der Autor des Buchs das selbst gesteckte Ziel erreicht hat, läßt sich
uneingeschränkt bejahen. Zumindest in der deutschsprachigen Multimedia-Literatur -
Übersetzungen eingeschlossen - gibt es zur Zeit kein vergleichbares Buch. Die Stoffauswahl, aber vor
allem die Aufbereitung des Stoffes tragen die Handschrift eines auf dem Fachgebiet Tätigen.
Hervorgehoben sei auch die Übersicht über weiterführende Literatur; sie ist umfangreich und auf
der Höhe der Zeit. So ist ein lesenswertes Buch entstanden, das sich auch zum Nachschlagen eignet und
auf diese Weise gute Traditionen der bekannten und zum Teil beliebten Reihe fortsetzt.
Der Band ist nicht frei von Mängeln, die seinen Wert jedoch nur unwesentlich mindern. Aber in einer
zweiten überarbeiteten und erweiterten Auflage, die man ihm angesichts der stürmischen
Entwicklung des Gebietes unbedingt wünscht, sollte man sie beseitigen:
Im Gegensatz zum digitalen Audio fehlt beim digitalen Video die Beziehung zu den analogen Signalen. So wird
das D1-Format als De-facto-Standard für unkomprimierte digitale Videosignale nicht einmal
erwähnt! Daraus resultieren wahrscheinlich auch einige Unsauberkeiten in der Darstellung der Video-
Datenströme und -Datenvolumina.
Das Bild 4.1 ist völlig inakzeptabel und kontrastiert stark zur sonst sehr sorgfältigen Buchgestaltung.
Beim Anhang handelt es sich um Hand- und Lehrbuchstoff, der mathematisch zwar ansprechend, bisweilen aber
zu ausführlich und trotzdem nicht vollständig dargestellt ist. Er könnte durchaus zugunsten
anderer in Zukunft vielleicht wichtigerer Beiträge gestrichen werden.
Die mögliche Spannweite des Themas Multimedia wird im letzten Satz des Schlußabschnitts
"Ausblick" deutlich, wenn der Autor seinen Wunsch artikuliert: " ... auf diesem Gebiet, wie bei
allen anderen wissenschaftlichen und technischen Entwicklungen auch ... verantwortungsbewußt die
wirklichen Werte der menschlichen Gesellschaft" (Welche? E.S.) "als Ausgangspunkt allen Handelns
zu wählen."
Hansgeorg Meissner: Digitale Multimediasysteme.
Berlin: Verlag Technik, 1994, 187 S., DM 44,80.
Edmund Suschke
Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlag Technik, Berlin