Agha-Mir-Salim, Parwis: Funktionsstörungen des Musculus trapezius, des Plexus cervicalis und der Schulter nach Neck dissection

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Kapitel 1. Einleitung

Die operative Therapie von zervikalen Metastasen maligner Kopf-Hals-Karzinome nimmt einen festen Stellenwert im Therapieplan dieser Patienten ein. Die frühesten Beschreibungen dieser operativen Technik beinhalteten in variabler Form nicht nur die Entfernung von Metastasen (Warren 1847 aus Martin et al. 1951, Kocher 1888, Volkmann 1882), sondern, wenn erforderlich, auch lebenswichtiger Strukturen der Halsweichteile, wie beispielsweise die Arteria carotis communis (Regnault 1887). Hieraus resultierte eine ungewöhnlich hohe Mortalität. Zur Vereinheitlichung dieses Vorgehens wurde die radikale Neck dissection (RND) nach der Erstbeschreibung von Jawdynski 1888 erstmals von Crile 1906 systematisiert.

Crile forderte hierbei eine größtmögliche Radikalität mit dem Ziel einer kurativen Therapie. Dies war nur durch eine radikale Entfernung des Primärtumors und der ableitenden Lymphwege möglich. Reseziert wurden der M. sternocleidomastoideus, die V. jugularis interna inklusive des Fett-Bindegewebeblocks zwischen Platysma und tiefer Halsfaszie, der N. accessorius und Plexus cervicalis. Bereits Crile betonte die Möglichkeit der Ausräumung einzelner Regionen bei einem klinisch metastasenfreien Hals zur Verringerung von peri- und postoperativen Komplikationen. Hierzu zählten Blutungen, Infektionen und Wundheilungsstörungen. Schulterfunktionsstörungen fanden hierbei nur wenig Beachtung.

Erst Ewing und Martin beschäftigten sich 1952 mit der Erfassung und Beschreibung von Funktionsstörungen der Schulter nach Neck dissection (ND), bestehend aus einer gehemmten Armabduktion, tiefstehenden Scapula und Schmerzen. Sie führten diese Symptome auf die Resektion des N. accessorius mit konsekutiver Parese des M. trapezius zurück. Nahum et al. fassten dieses Krankheitsbild 1961 als „Schulter-Arm-Syndrom“ zusammen und betonten die erhebliche Beeinträchtigung der Lebensqualität der betroffenen Patienten. Dieser Begriff bezeichnet jedoch die vielfältigen Ursachen und Auswirkungen von Schulterfunktionsstörungen nach ND sehr ungenau.

Bedingt durch die Doppelinnervation des M. trapezius ist trotz Kenntnis des Schädigungsumfanges dieser Strukturen durch eine Operation das Ausmaß von postoperativen Schulterfunktionsstörungen nur unsicher abzuschätzen. Anatomische Studien erklären die klinische Beobachtung, dass nach Resektion des N. accessorius und/oder des Plexus cervicalis sowohl Patienten mit gestörter als auch normaler Trapeziusfunktion beobachtet werden können. Zur Vermeidung dieser Operationsfolgen wurde die ND mit dem Ziel der Erhaltung des N. accessorius modifiziert. Bereits Bartlett


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und Callander empfahlen 1926 die Schonung des N. accessorius, des M. sternocleidomastoideus und der Vena jugularis interna. Insbesondere Bocca (1967, 1975), Suarez (1962), Lindberg (1972) und Clayman und Frank (1998) waren maßgeblich an der Weiterentwicklung der ND beteiligt.

Zur Einschätzung von Schulterfunktionsstörungen wurden daher in früheren Arbeiten unterschiedliche Methoden verwendet. Untersucht wurde hierbei die

Kraftmessungen wurden hierbei subjektiv durch einen Untersucher oder objektiv mit Hilfe einer Messvorrichtung durchgeführt. Ferner wurde bisher die muskuläre Aktivität mittels der Nadelelektromyographie (Nadel-EMG) erfasst, oberflächenelektromyographische Untersuchungen nach Neck dissection fehlen. Die Beschreibung der Schulterbeweglichkeit beschränkte sich meist auf eine Armabduktion unter Außerachtlassung anderer Bewegungsebenen. Der Einfluss einer Schädigung des Plexus cervicalis wurde bisher nur nach RND untersucht.

Diese Studien betrachteten nur teilweise die möglichen Ursachen von Schulterfunktionsstörungen, weshalb die Ergebnisse hierdurch bedingt aussagekräftig waren. Zur Einschätzung dieser Zusammenhänge und Feststellung des Schweregrades sollten jedoch einheitliche Methoden zur Erfassung aller möglichen Einflussfaktoren anzuwenden.

Hierzu musste ein praktikables Konzept unter Einbeziehung aller möglichen Ursachen zur qualitativen und quantitativen Einschätzung von Schulterfunktionsstörungen nach ND


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erstellt werden. Dieses neue Konzept beinhaltete die Erfassung der Funktion des M. trapezius, des Einflusses einer Schädigung des Plexus cervicalis und der Beschreibung der gesamten Schulterfunktion anhand eines hierfür evaluierten Testverfahrens.

1.1 Anatomie in Bezug zur Neck dissection

Scapula

Der Bewegungsumfang des Armes wird wesentlich bestimmt durch eine Mitbewegung des Scapula. Das Schulterblatt wird durch den muskulären Schultergürtel zu einer verschiebbaren Plattform. Dabei hängt die Scapula an der Führungsstange des Schlüsselbeins und gleitet kontrolliert durch den Schultergürtel auf der Thoraxwand. Bis zur Horizontalebene ist die Abduktion des Armes im Schultergelenk möglich, für die weitere Elevation oberhalb von 90° ist eine zusätzliche Rotationsbewegung der Scapula erforderlich (Benninghoff und Goerttler 1975) .

Muskeln

Die Schultermuskulatur stellt in ihrer Gesamtheit ein komplexes System dar. Es werden Muskeln zur Bewegung des Armes und des Schulterblattes unterschieden. In funktioneller Hinsicht lassen sich die hierfür entscheidenden Strukturen in Züge einteilen, die zum Schulterblatt absteigen, nahezu horizontal verlaufen und aufsteigen. Der absteigende Zug besteht aus den Mm. levator scapulae, pars superior des M. trapezius (Abb. 1a), die Mm. sternocleidomastoideus und serratus anterior. Die horizontale Gruppe besteht aus der pars media des M. trapezius, Teilen der Mm. serratus anterior und rhomboidei (Abb. 1b). Die letzte und kräftigste Gruppe besteht aus den Mm. pectoralis minor, serratus anterior, unteren Trapeziusanteil und zum Arm ziehend dem pectoralis major und latissimus dorsi (Abb. 1c).


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Abb. 1: Schema der wichtigsten Muskelzüge, die das Schulterblatt bewegen ( aus Benninghoff und Goerttler )

Die Schulterhebung und Armabduktion oberhalb der Horizontalebene bewirken die Mm. trapezius, serratus anterior und levator scapulae (Abb. 1d).

M. trapezius

Der M. trapezius hat seinen Ursprung an den Dornfortsätzen der gesamten Hals- und Brustwirbel und setzt an der Spina scapulae und am Acromion an (Abb. 2). Er ist relativ flach angelegt und kann gemäß seines Faserverlaufs in drei funktionelle Einheiten unterteilt werden. Die Pars superior zieht die Scapula nach cranial mit einer Aufwärtsrotation (Abb. 1d). Die Pars media stabilisiert die Scapula an der Wirbelsäule, die Pars inferior kann das Schulterblatt caudalisieren bei gleichzeitiger Verstärkung der Rotationsbewegung (Sobotta 1988). Der obere Muskelanteil besitzt keinen vollwertigen Synergisten. Die Innervation erfolgt durch den N. accessorius und Plexus cervicalis. Bei einem Ausfall kommt es zu einem Absinken des Angulus lateralis scapulae und einem Abheben des medialen Scapularandes von der Thoraxwand („scapula winging“) (Nahum et al. 1961).


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Abb. 2: Dorsalansicht des Menschen ( aus Benninghoff und Goerttler).

Nerven

N. accessorius

Der N. accessorius besitzt einen spinalen und medullären Ursprung. Die spinalen Wurzeln entspringen den Segementen C1 - C5, die medullären dem unteren Anteil des N. ambiguus. Beide Anteile vereinigen sich in der hinteren Schädelgrube zu einem gemeinsamen Stamm, welcher die Schädelbasis durch die Pars nervosa des Foramen jugulare verlässt (Benninghoff und Goerttler 1975). Der weitere Verlauf zeichnet sich durch eine hohe Variabilität aus. Der XI. Hirnnerv verläuft in 72% ventral, in 26% dorsal und in 2% direkt durch die V. jugularis interna unterhalb der Schädelbasis und erreicht den M. sternocleidomastoideus (Krause 1991). Im seitlichen Halsdreieck hat der N. accessorius in unterschiedlichem Ausmaß Anastomosen mit dem Plexus cervicalis (Krause 1992, Aboujaoude et al. 1994). Im weiteren Verlauf erreicht der XI. Hirnnerv den


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Vorderrand des M. trapezius und verläuft dann unter Abgabe motorischer Fasern an dessen Innenseite (Pereira und Williams 1999). Weiterhin bestehen Verbindungen zu den Nn. trigeminus, auricularis magnus, phrenicus, hypoglossus, opticus, oculomotorius, trochlearis, zum Plexus brachialis und Ganglion stellatum (Flower 1861 aus Brown et al. 1988).

Plexus cervicalis

Der Plexus cervicalis wird von den vorderen Ästen der Spinalnerven C1 - C4 gebildet. Sie sind untereinander mit Schlingen verbunden und gelangen bedeckt von M. sternocleidomastoideus zwischen den Mm. scalenus anterior und medius in die tiefe Halsregion (Abb. 3). Der Plexus cervicalis besteht aus motorischen und sensiblen Anteilen.

Abb. 3: : Plexus cervicalis und brachialis (aus Benninghoff und Goerttler).

Die sensiblen Äste des Plexus cervicalis versorgen die Haut hinter dem Ohr, am Kieferwinkel und im vorderen und seitlichen Halsdreieck bis unterhalb des Schlüsselbeins. Von hier verzweigen sich die 4 sensiblen Hauptstämme (Abb. 4):

Abb. 4: Sensible Innervation der Halsregion aus dem Plexus cervicalis, (aus Sist et al. 1999).


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Die motorischen Äste innervieren die prävertebrale Muskulatur, die Mm. scaleni und levator scapulae, das Zwerchfell und die unteren Zungenbeinmuskeln. Weiterhin innervieren Fasern aus C3 und C4 gemeinsam mit dem N. accessorius die Mm. trapezius und sternocleidomastoideus. Subfasciale Äste aus C4 können sogar direkt am M. trapezius enden. Die Innervation des M. trapezius weist einen ungewöhnlich hohen Variantenreichtum auf und wird daher auch als „Spinal accessory nerve plexus“ bezeichnet (Mitchell 1872 aus Brown et al. 1988).

1.2 Zusammenhang zwischen ND und Schulterfunktionsstörungen

Die gebräuchlichste Klassifikation der Operationstechniken und hierbei entfernten Lymphknotengruppen (Ferlito et al.2000, s. Anhang) wurde durch das AJCC (American Joint Committee of Cancer) in Zusammenarbeit mit der AAOHNS (American Academy of Otolaryngology, Head and Neck Surgery) festgelegt. Die Abhängigkeit der Häufigkeit und des Ausprägungsgrads von Schulterfunktionsstörungen vom Operationsumfang sind hinreichend bekannt (Nahum et al. 1961) und bestehen aus:


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Abb. 5: Parese des M.trapezius rechts, In Ruhestellung rechtwinkliger Übergang der
Hals/Schulterregion, Armabduktion nur bis 90° möglich (aus Nahum et al. 1961).

Ursächlich führte Nahum et al. die Symptome auf eine Parese des M. trapezius nach Resektion des N. accessorius zurück. Der Nachweis dieser Vermutung gelang dem Autor durch eine temporäre Blockade des N. accessorius auf der nicht operierten Halsseite mit Hilfe einer perineuralen Infiltration eines Lidocaindepots. Er beobachtete eine temporär auftretende Parese des M. trapezius bei einer der operierten Seite identischen Symptomatik.

Nach längerfristigem Ausfall des M. trapezius wurde eine übermäßige Zugbelastung vor allem der Mm. rhomboidei, trapezius, levator scapulae und der ligamentären Stützstrukturen des Schultergürtels für die Entstehung von Schulterfunktionsstörungen verantwortlich gemacht (Weisberger und Lingeman1987, Carenfelt und Eliasson 1980, Leipzig et al. 1983, Fialka und Vinzenz 1989, Krause 1992).


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Abb. 6: Parese des M.trapezius links mit tiefstehender Scapula und abgeflachter Schulterkontur.

Zur Beschreibung der muskulären Funktion kann einerseits die entwickelte Kraft als Ausdruck der Kontraktion, andererseits die elektrische Aktivität herangezogen werden (Schmidt-Thews 1980).

1.2.1 Kraftmessung und Schulterhebekraft

Muskeln sind „Maschinen“, die chemische Energie mittels der Kontraktion direkt in mechanische Energie umwandeln. Man unterscheidet isotonische und isometrische Kontraktionen. Letztere gehen ohne eine Verkürzung des Muskels einher. Die entwickelte Kraft ist abhängig vom Kontraktionsniveau und kann stark variieren (Capodaglio et al. 1996, Schmidt-Thews 1980).

Grundlegende Daten zur Kraftmessung wurden im Rahmen eines Forschungsberichts der Bundesanstalt für Arbeitsmedizin von Rohmert et al. (1994) vorgelegt. Hier wurde festgestellt, dass die wichtigsten Bedingungen für eine quantitative Bestimmung von Körperkräften die Reproduzierbarkeit, Praktikabilität und Genauigkeit der Messmethode sind.


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Es wurden vier Verfahren zur Kraftermittlung unterschieden (Mainzer et al. 1982):

Rohmert et al. stellten fest, dass sich das höchste Maß an Übertragbarkeit der Messergebnisse durch objektiv/direkte Verfahren ergibt. Aufgrund der außerordentlich variablen Trapeziusinnervation ist jedoch eine selektive, elektrische Nervenstimulation nicht möglich. Hieraus ergibt sich die Notwendigkeit des Einsatzes einer subjektiv/direkten Methode. Es können hier wiederum zwei wichtige Verfahren unterschieden werden:

Standard-Kraftmessverfahren nach Kroemer (1977)

Es wird ein Zeitintervall von 5 Sekunden in ebenso viele sich überlappende Abschnitte von 2 Sekunden zerlegt. Das erste Intervall beginnt am Messungsanfang, alle folgenden 0,5 Sekunden später. In diesen Intervallen wird die Kraft durch Mittelwertbildung errechnet. Der höchste Mittelwert eines Intervalls entspricht der Maximalkraft und ist gleichbedeutend mit der maximal willkürlichen Kontraktionskraft ( MWK).

Rampenmethode nach Rühmann et al. (1985)

Es wird der Patient motiviert, einen gleichförmig ansteigenden Kraftverlauf zu erzeugen, beginnend von der minimalen und endend bei der MWK. Dieser Ablauf ermöglicht die Erfassung aller Stufen der Kraftentwicklung von der völligen Entspannung bis zur MWK. Das jeweilige Kraftniveau wird in [%] der MWK (= 100%) angegeben.

Anhand der Anatomie ist die Armabduktion oberhalb der Horizontalebene nur durch eine Hebung der Scapula möglich. Die entwickelte Kraft ist somit von der muskulären Kontraktion dieser Muskelpartie abhängig und wird als Schulterhebekraft (SHK) bezeichnet.


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Zur Einschätzung der muskulären Aktivität des M. trapezius hat sich in arbeits- und sportmedizinischen Untersuchungen die simultane Oberflächenelektromyographie und Kraftmessung bewährt (Gerdle et al. 1991/1992, Hermans und Spaepen 1997, Kleine et al. 2000, Larsson et al. 1999, Öberg et al. 1990/ 1994).

1.2.2 Elektromyographie

Muskeln bestehen aus Fasergruppen, welche von Motoneuronen aktiviert werden (motorische Einheiten). Anhand der Ableitung und Verstärkung der elektrischen Aktivität eines Muskels entsteht das elektromyographische Signal. Der Charakter dieses Signals hängt direkt von der Feuerrate und Anzahl aktivierter motorischer Einheiten ab (Schmidt-Thews 1980). Die Elektromyographie (EMG) erlaubt die Analyse elektrischer Eigenschaften des Skelettmuskels in Ruhe und während einer willkürlichen Kontraktion. Wichtige Voraussetzungen zur Durchführung derartiger Verfahren sind detaillierte Kenntnisse der Anatomie und der Muskel- und Nervenerkrankungen der zu untersuchenden Region. Hierdurch kann der Untersucher unter Beachtung der Fragestellung das geeignete Verfahren einsetzen und die Daten analysieren (Stöhr und Bluthardt 1993). Es können hierbei die Oberflächen - (OEMG) und Nadelelektromyographie (Nadel-EMG) unterschieden werden. Die OEMG ermöglicht zwar keine Rückschlüsse auf die Aktivität einzelner oder ganzer Gruppen von Muskelfasern, sie besitzt jedoch den Vorteil der Nichtinvasivität, der beliebigen Wiederholbarkeit und ist in der Lage, die Aktivität ganzer Muskelpartien zu erfassen (Korosec 1999). Wir haben uns daher in unseren Untersuchungen für diese Methode entschieden, und das große Gebiet der Nadel-EMG nur wenig beachtet.

OEMG

Die Entwicklung der OEMG geht zurück auf Untersuchungen in der Mitte des 17. Jahrhunderts. Francesco Redi wies an einem Rochen nach, dass dessen Energiequelle ein hochspezialisierter Muskel war. Duchenne beschrieb 1867 erstmals systematisch die Dynamik und Funktion von gesundem Muskelgewebe. Bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhundert hinein wurde die OEMG zunehmend auch bei Muskelerkrankungen angewendet. Mit Beginn der 80er Jahre erfolgte vor allem die Weiterentwicklung der Signalanalyse (Hardyck et al. 1966, Wolf 1978, Sherman und Arena 1994).

Dieses Verfahren ist vielseitig und wurde vor allem in der Rehabilitations-, Sport- und Arbeitsmedizin zur Untersuchung von Bewegungsabläufen und auf dem Gebiet der


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Neurophysiologie angewandt (Cioni et al. 1994, Gerdle et al. 1997, Glousman 1993, Grubwieser et al. 1999, Haughton et al. 1994).

Grundsätzlich handelt es sich hierbei um die Ableitung eines Summenaktionspotentials zwischen zwei oberflächlich aufgebrachten Elektroden. Das Signal gelangt von den darunter lokalisierten Muskeln über das subkutane Gewebe und die Haut zu den Ableitungselektroden. (Stöhr und Bluthardt 1993).

Die Vielfältigkeit der Fragestellungen bedingt den Einsatz dieses Verfahrens an den verschiedensten Muskelgruppen. Die OEMG fand überwiegend Anwendung an der oberen Extremität (Daanen et al. 1990, Löscher et al. 1996, Potvin 1997, Roeleveld et al. 1997, Ronager et al.1989, Yaar und Niles 1992, Yang und Winter 1983), unteren Extremität (Cioni et al. 1994, Gerdle et al. 1997, Kollmitzer et al. 1999, Lindemann et al. 1999, Winkel und Jorgensen 1991), der Rückenmuskulatur (Roy und Beahrs 1997), an der Kaumuskulatur (Grubwieser et al. 1999) und der Schulter (Glousman 1993, Hermans und Spaepen 1997, Hintermeister et al. 1998, Jensen et al. 1997, Ryu et al. 1988).

Am M. trapezius sind OEMG-Untersuchungen fest etabliert und kamen bisher überwiegend in der Arbeitsmedizin zum Einsatz (Larsson et al. 1995, Guazzelli et al. 1994, Öberg et al. 1992). Entscheidend für die Zuordnung der abgeleiteten Signale zum M. trapezius war eine definierte Position des Armes und der Elektroden (Jensen et al. 1993, Hermans und Spaepen 1997). Die Aktivierung anderer Muskeln des Schultergürtels sollte vermieden werden, da sie zu einer Veränderung der Signale führen kann (Mathiassen 1990). Wiederholt wurden Untersuchungen in sitzender Position durchgeführt (Öberg et al. 1990/1992). Die Bewertung der OEMG erfolgte anhand verschiedener, aus dem Signal berechneter Merkmale.

OEMG Signalanalyse

Die Signalanalyse der OEMG besteht aus sehr unterschiedlichen Algorithmen. Die häufigsten verwendeten Merkmale sind der Wert Root Mean Square (RMS), Median Frequency (MF), Mean Power Frequency (MPF). Der Wert RMS gilt als Maß für die Anzahl aktivierter Muskelzellen und bezieht sich auf die Signalamplitude. Er steigt mit zunehmender Kraftentwicklung beim Gesunden an (Edwards und Lippold 1956, Milner-Brown et al. 1986, Philipson und Larsson 1988). Dieses Merkmal hat sich zur Erfassung des muskulären Aktivitätszeitpunktes bei willkürlichen Kontraktionen (Van Ingen Schenau et al. 1992) und zur Schätzung der verfügbaren Anzahl motorischer Einheiten bewährt (McComas et al. 1995). Die MF und MPF wurden vorwiegend zur Beschreibung des


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elektrophysiologischen Verhaltens bei muskulärer Ermüdung verwendet und sind amplituden- und frequenzbezogen (Öberg et al. 1994, Linssen et al. 1991 aus Roeleveld 1993).

Die Turnanalyse stellt ein grundsätzlich anderes Auswertungsverfahren dar (Willison 1963). Diese Methode wurde sowohl bei Nadel-EMG- als auch vereinzelt bei OEMG-Untersuchungen eingesetzt und dient der Untersuchung des Interferenzmusters des OEMG-Signals. Dieses Verfahren basiert auf einer Auswertung des unveränderten EMG-Signals, welches ursprünglich von Willison 1963 zur Erfassung einer Muskeldystrophie entwickelt wurde. Mit dem Ziel, vorwiegend die Aktivität einzelner motorischer Einheiten zu erfassen, definierte Willison Spannungsänderungen des EMG-Signals von mindestens 100µV als „Turn“. Die Turnamplitude (TA) und Turnanzahl ( „Number of Turns“ = NT) hängen eng mit der Aktivität einzelner motorischer Einheiten zusammen. Beide zusammen können Auskunft über den Aktivitäts- und Ermüdungsgrad eines Muskels geben (Hayward 1983, Fuglsang und Frederiksen 1976/1985/1993, Strempel et al. 1999, Christova et al. 1999). Am M. trapezius wurde diese Auswertungsmethode der OEMG bisher nicht eingesetzt


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1.2.3 Funktion der Pars sensoria des Plexus cervicalis

Die Schädigung sensibler Anteile des Plexus cervicalis verstärkt schmerzhafte Schulterbeschwerden nach ND (Talmi et al. 2000). Im Rahmen der ND ist in Abhängigkeit vom Operationsumfang die Freilegung (Abb. 7) oder sogar Resektion dieser Strukturen erforderlich. Ein qualitative Erfassung der Funktion der Radix sensoria und schmerzhafter Schulterbeschwerden kann diesen Zusammenhang klären. Bewährte Methoden zur Erfassung der Hautsensibilität sind die Prüfung der Qualitäten warm/kalt und spitz/stumpf. Derartige Untersuchungen wurden bisher nach ND nicht durchgeführt.

Abb. 7: Intraoperativer Situs bei einer MRND Typ 3. Plexus cervicalis (Pfeil) und N. accessorius langstreckig freigelegt.

1.2.4 Verfahren zur Einschätzung der Schulterfunktion

Nach operativen Eingriffen der Schulterregion spielt die Wiedereingliederung des Patienten in sein soziales und berufliches Umfeld eine entscheidende Rolle. Diese Rehabilitation hängt zum Teil davon ab, inwieweit der Patient fähig ist, die Routineaktivitäten im täglichen Leben durchzuführen und seine Lebensaufgaben wieder aufzunehmen (Constant und Murley 1987, 1991).

Das Ziel von Testverfahren zur Einschätzung dieser Situation besteht in der Erfassung des Schweregrades und der damit verbundenen Einschränkung bezüglich der Aktivitäten im täglichen Leben (Gallagher et al. 1996). Man kann subjektive, objektive und gemischt subjektiv/objektive Methoden unterscheiden. Subjektive Fragebögen geben die alleinige Einschätzung des Patienten wieder, objektive Methoden sind das Ergebnis einer


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körperlichen Untersuchung. In Bezug auf die Schulterfunktion ersetzen diese Testverfahren nicht die Diagnostik, sie ergänzen vielmehr die objektive Untersuchung zu einem umfassenden Bild der Schulterfunktion (Constant und Murley 1989, Gemann 1999).

Constant-Murley Shoulder Score

Der „Constant-Murley Shoulder Score“ (CMS) wurde erstmals 1987 beschrieben (Constant und Murley 1991). Er besteht zu 35% aus einem subjektiven und zu 65% aus einem objektiven Teil. Es ist somit ein gemischt gewichtetes Testverfahren. Dem Patienten werden anhand eines festgelegten Kataloges Fragen mit mehreren Antwortmöglichkeiten zur subjektiven Einschätzung der Schulterfunktion gestellt. Diese Fragen dienen der Erfassung von Schmerzen und Einschränkungen durch die Schulterfunktionsstörung im täglichen Leben. Die Beweglichkeit der Schulter- und Armregion und die Schulterhebekraft wurden systematisch durch Messung der Arm- und Handbeweglichkeit und der Schulterhebekraft untersucht. Dieser objektive Teil beinhaltet die Untersuchung der aktiven, schmerzfreien Mobilität der Schulter und der Schulterhebekraft in Abduktion oberhalb der 90°-Ebene.

Die Ergebnisse werden nach einem Punkteschema bewertet. Dieses Verfahren wurde unter anderem zur Einschätzung der Schulterfunktion nach Therapie der „Frozen Shoulder“ (Dodenhoff 2000), Eingriffen an der Rotatorenmanschette (Kronberg et al. 1997, Gartsmann 1998), der Bizepssehne, nach Stoßwellentherapie bei kalzifizierender Tendinitis der Schulter (Maier et al. 2000) und Behandlung von Humerusfrakturen (Zyto et al. 1995) eingesetzt. Der CMS wird offiziell von der European Society of Shoulder and Elbow Surgery empfohlen und gilt in Europa als evaluiert (Van den Ende et al. 1996, Skutek et al. 2000, Conboy et al. 1996). Zur Einschätzung von Schulterfunktionsstörungen nach ND wurde dieses Verfahren bisher nicht eingesetzt.


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