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Vorwort

Es gibt verschiedene Hinweise dafür, dass eine Major Depression (ebenso wie andere psychiatrische Störungen) nicht nur das Gehirn betrifft, sondern vielmehr die Veränderungen den gesamten Körper betreffen. Diese Erkenntnisse sind wichtig, da sie die Notwendigkeit aufzeigen auch und gerade psychiatrische Störungen als komplexe Krankheitsbilder zu begreifen, denen (neuro-) biologische Veränderungen zugrunde liegen, und entsprechend zu behandeln.

Anderseits können solche Befunde dazu beitragen, die leider immer noch weitverbreitete Meinung zu revidieren, dass psychiatrische Erkrankungen allein durch Stärkung der Willenskraft der Patienten ausreichend zu behandeln seien. Auch wenn psychotherapeutische Ansätze sehr wichtig und teilweise unverzichtbar sind, so ist doch bei einer großen Zahl psychiatrischer Patienten eine medikamentöse Intervention geboten, die den komplexen Veränderungen im Körper, und damit auch im Gehirn, bei psychiatrischen Störungen Rechnung trägt. So kann eine depressive Störung veschiedenste Körperfunktionen beeinträchtigen (Gold and Charney 2002). Das Gehirn gilt weiterhin als ein zentraler Ort, an dem sich die zur depressiven Störung führende Pathophysiologie manifestiert. Es wird jedoch klar, dass eine enge Vernetzung zwischen Hirn und Körperfunktionen besteht, und daher auch periphere Veränderungen eine Depression begleiten und auch zu der beobachteten erhöhten Morbidität und Mortalität führen können. Insbesondere seien der erhöhte Sympathikotonus und die vermehrte pro-inflammatorische Zytokinsekretion erwähnt (Gold and Charney 2002).

Dabei erscheint mir insbesondere die Einbeziehung immunologischer Veränderungen bei Patienten mit Major Depression interessant, da einerseits eine vermehrte Sekretion pro-inflammatorischer Zytokine bei Patienten mit Major Depression und eine Reduktion dieser Zytokine unter antidepressiver Therapie beschrieben wurden (Kubera et al. 2001; Leonard 2001; Mikova et al. 2001; Weizman et al. 1994), und andererseits unter immunologischen Therapien z.B. mit Interferon-alpha bei Patienten mit Hepatitis C, eine Assoziation zwischen der unter Therapie beobachteten pro-inflammatorischen Zytokinsekretion und depressiven Symptomen beobachtet wurde (Bonaccorso et al. 2001). Diese Befunde werden durch immunologische Untersuchungen an Krebspatienten mit und ohne depressive Symptomatik unterstützt und ergänzt (Musselman et al. 2001).

Die Möglichkeit, dass immunologische Veränderungen für die Pathophysiologie depressiver Störungen eine Rolle spielen, erscheint besonders interessant im Hinblick auf das vermehrte Auftreten depressiver Störungen bei Erkrankungen wie Multiple Sklerose, [Seite 13↓]die mit einem relativen Überwiegen der pro- im Vergleich zur anti-inflammatorischen Zytokinsekretion einhergehen und Frauen häufiger betreffen als Männer (Whitacre et al. 1999; Whitacre 2001). Die Rolle der gonadalen Steroide für diese geschlechtsspezifischen immunologischen Reaktionen wurde in verschiedenen tierexperimentelle Studien gezeigt (Bebo et al. 1998; Bebo et al. 1999; Kim et al. 1999; Kim and Voskuhl 1999; Voskuhl and Palaszynski 2001). Somit könnte eine geschlechtsspefizifische Immunregulation zu den geschlechtsspezifischen Unterschieden bei Patienten mit Major Depression beitragen.


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02.06.2005