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Geschlechtsspezifische Unterschiede der schlafendokrinen Regulation bei Patienten mit Major Depression

Eine zusätzliche Beschreibung des Studiendesigns, der Ergebnisse und eine Diskussion derselben finden sich in den beiden entsprechenden Publikationen (Antonijevic et al. 2000a; Antonijevic et al. 2000b).

7.1 Einleitung

Neben dem Abfall gonadaler Steroide im Alter, spielen auch andere Faktoren eine wichtige Rolle für die altersabhängigen Veränderungen der schlafendokrinen Regulation. So wurde postuliert, dass die Abnahme von Tiefschlaf und Delta Aktivität und der Schlafkontinuität bei älteren gesunden Menschen (Bliwise 1993; Gaudreau et al. 2001; Hoch et al. 1994; Lauer et al. 1991; Van Coevorden et al. 1991) Ausdruck eine Verschiebung des Verhältnisses von CRH zu GHRH zugunsten von CRH sei (Guldner et al. 1997; Steiger and Holsboer 1997). Auch die GH Freisetzung ist im Alter erniedrigt, wobei berichtet wurde, dass dies nicht nur Ausdruck einer verminderten GHRH Sekretion sei, sondern dass auch eine vermehrte Freisetzung von Somatostatin als auch eine verminderte Ansprechbarkeit der Hypophyse für GHRH dazu beitragen könne (Ghigo et al. 1990; Shibasaki et al. 1984).

Im Gegensatz zu den oben genannten schlafendokrinen Veränderungen ist eine Erhöhung der Kortisol Sekretion im Alter umstritten, da sowohl erhöhte als auch erniedrigte Kortisolwerte bei gesunden älteren Menschen beschrieben wurden [(Copinschi and Van Cauter 1995; Van Cauter et al. 1996; Van Coevorden et al. 1991), siehe auch Kapitel 6]. Zusammengenommen unterstützen diese Befunde die Vermutung, dass die hypothalamischen Releasing Hormone neben der Regulation der hypophysäre Hormonfreisetzung auch weitere zentrale Effekte haben, die sich nicht zwangsläufig in den hypophysären Hormonprofilen widerspiegeln.

Anders als im Alter werden die schlafendokrinen Veränderungen bei Patienten mit Major Depression primär der vermehrten Freisetzung von CRH und einer erhöhten Aktivität der HPA Achse zugeschrieben, die letztlich auch zu einer Verschiebung des Verhältnisses von CRH zu GHRH zugunsten von CRH führen (Ehlers and Kupfer 1987; Holsboer 1995; Steiger and Holsboer 1997). Somit stellt sich die Frage, ob bei Patienten mit Major Depression die Gabe von GHRH, ähnlich wie bei jungen gesunden Menschen, Tiefschlaf und Schlafkontinuität fördern kann (Kerkhofs et al. 1993; Marshall et al. 1996; Steiger et al. 1992). In einer ersten Pilotstudie an 10 Patienten mit Major Depression zeigte sich jedoch nur ein sehr diskreter Effekt von GHRH auf schlafendokrine Parameter (Steiger et al. 1994). In dieser Studie war jedoch die Patientengruppe sehr klein und bestand sowohl [Seite 74↓]aus weiblichen als auch männlichen Patienten. Die bisher publizierten wenigen Untersuchungen zum Einfluss von Alter und Geschlecht auf das Schlaf EEG und die zirkadiane Hormonsekretion bei Gesunden (Ehlers and Kupfer 1997; Van Cauter et al. 1996) und auf das Schlaf EEG bei Patienten mit Major Depression (Armitage et al. 2000b; Reynolds et al. 1990) deuten auf geschlechtsspezifische Alterungsprozesse hin. Die Studien an Patienten beschränken sind jedoch auf ambulante Patienten (Armitage et al. 2000b; Reynolds et al. 1990), die häufig weniger ausgeprägte Veränderungen aufweisen und besser auf eine psychotherapeutische Behandlung ansprechen als stationär behandelte Patienten (Thase et al. 1997).

Da ich in den vorangegangenen Kapiteln beschrieben habe, dass sowohl das Alter als auch das Geschlecht eine Rolle in der schlafendokrinen Regulation spielen kann, schien es angebracht, die Effekte von GHRH in einem größeren Kollektiv stationärer Patienten mit Major Depression und alters- und geschlechtsgematchter gesunder Kontrollpersonen zu untersuchen.

7.2 Studiendesign

Insgesamt nahmen 42 Patienten mit Major Depression (19 Frauen und 23 Männer) und 42 alters- und geschlechtsgematchte Kontrollpersonen (21 Frauen und 21 Männer) an der Studie teil. Alle Teilnehmer verbrachten drei aufeinander folgenden Nächte im Schlaflabor, wobei die erste Nacht zur Eingewöhnung diente, und in den beiden nachfolgenden Nächte sowohl das Schlaf EEG abgeleitet als auch nächtliche Blutproben in 20-minütigen Abständen abgenommen wurden. In den Blutproben wurde GH, ACTH und Kortisol bestimmt. In einer der Untersuchungsnächte, wobei die Reihenfolge randomisiert war, wurde GHRH in 4 Bolusinjektionen zu je 50 µg, in stündlichen Abständen von 22:00 h bis 01:00 h verabreicht, in der anderen Untersuchungsnacht wurde Plazebo (isotonische Kochsalzlösung) injiziert.

Die statistische Analyse erfolgte mittels MANCOVA für wiederholte Messungen, mit dem Effekt der GHRH Gabe als ‘within-subject’ Faktor und der Diagnose, dem Geschlecht und der Nacht der aktiven Behandlung als ‘between-subjects’ Faktoren und dem Alter als Kovariate. Die Veränderungen der Schlaf-EEG Parameter sind angegeben als Prozent der Plazebo Werte.


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7.3  Ergebnisse

7.3.1 Nächtliche Hormonsekretion

Bei depressiven Patienten fanden sich höhere Werte für ACTH und Kortisol, die vor allem in der ersten Nachthälfte signifikant höher lagen als bei den Kontrollen. Patienten wiesen auch signifikant höhere Konzentrationen für Kortisol am nächtlichen Nadir auf im Vergleich zu den Kontrollen. Weiterhin fanden wir bei Frauen im Vergleich zu Männern diagnose-übergreifend eine signifikant höhere Kortisolkonzentration am Nadir (siehe Abbildung 20).

Patienten zeigte auch einen signifikanten linearen Anstieg der mittleren nächtlichen Kortisolkonzentration mit ansteigendem Alter (r=0.42, p<0.01), während diese Korrelation bei gesunden Probanden nicht zu beobachten war. Eine weitere Differenzierung zeigte, dass der Anstieg der Kortisolsekretion während der Nacht vor allem bei Frauen mit Major Depression zu sehen war (r=0.52, p<0.05). Eine Korrelation zwischen Alter und der nächtlichen ACTH Sekretion wurde nicht gefunden.

Abbildung 20:Kortisolkonzentration am Nadir – Patienten vs Kontrollen
Die mittlere Kortisolkonzentration am nächtlichen Tiefpunkt (Nadir) der Kortisolkonzentration war bei Patienten mit Depression signifikant höher im Vergleich zu den gesunden Kontrollen [F (1, 72) = 8.5, p<0.01]. Weiterhin hatte das Geschlecht, diagnose-übergreifend, einen signifikanten Effekt: So fanden wir bei Männern jeweils niedrigere Konzentrationen als bei der entsprechenden weiblichen Gruppe [F (1, 72) = 6.7, p<0.01]. Angaben als Mittelwert± Standard­fehler.


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Die Gabe von GHRH führte unabhängig von der Diagnose zu einer Verminderung der ACTH Werte in der ersten Nachthälfte bei Männern und einer Erhöhung bei Frauen, so dass wir eine signifikante Interaktion zwischen Geschlecht und Behandlung errechneten. In der zweiten Nachthälfte zeigte sich ein Trend für einen ähnlicher Befund im Hinblick auf Kortisol (siehe Abbildung 21).

Abbildung 21:Effekt von GHRH auf Kortisol und ACTH - Prozent Änderung von Plazebo
Der Effekt der GHRH Gabe auf die ACTH und Kortisolkonzentration, ausgedrückt als Prozent Änderung der jeweiligen Konzentration von den Werten in der Plazebo Nacht, zeigte einen deutlichen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Die Unterschiede waren besonders deutlich für ACTH in der ersten Nachthälfte [F(1, 72) = 5.4, p<0.05) und für Kortisol (F (1, 72) = 4.9, p<0.05] in der zweiten Nachthälfte. Hingegen war der Einfluss der Diagnose Major Depression nicht signifikant. Angaben als Mittelwert±Standardfehler.

Interessanterweise fanden wir selektiv bei Patienten eine inverse Korrelation sowohl für ACTH als auch für Kortisol mit NREM Schlaf (r=-0.43 und r=-0.42, jedes p<0.05).

7.3.2 Schlaf-EEG Analysen

Die konventionelle Schlaf-EEG Auswertung zeigte, dass Patienten mit Major Depression im Vergleich zu den Kontrollen deutlich mehr intermittierende Wachzeiten hatten, eine reduzierte Schlafeffizienz, eine kürzere REM Latenz und eine höhere REM Dichte. Weiterhin zeigte die Analyse der einzelnen Schlafstadien, berechnet als Prozent der Gesamtschlafdauer (SPT = sleep period time), dass Patienten mit Major Depression [Seite 77↓]deutlich mehr Wachzeiten, deutlich weniger Stadium II und weniger NREM Schlaf (Stadium II, III und IV zusammengefasst) aufwiesen. Hinsichtlich der Tiefschlafdauer fanden wir keinen signifikanten Einfluss der Diagnose Major Depression, dafür aber einen Einfluss des Geschlechts: Frauen wiesen mehr Tiefschlaf auf als die entsprechenden männlichen Vergleichsgruppen. Diese geschlechtsspezifische Differenz war besonders deutlich bei den Patienten zu beobachten [Tiefschlafdauer (Mittelwert±Standardfehler) bei männlichen und weiblichen Patienten: 16.9±4.9 vs 41.4±9.1 Minuten]. Ähnliche Befunde zeigten sich für die intermittierende Wachzeit und die Anzahl der Aufwachphasen in der Nacht, die bei Frauen unabhängig von der Diagnose kürzer bzw. geringer waren.

Weiterhin beobachteten wir eine negative Korrelation zwischen Alter und Tiefschlafdauer bei Patienten und Kontrollen (r=-0.49 und r=-0.45, jedes p=<0.01), während die intermittierenden Wachzeiten sowie die Anzahl der Aufwachphasen nur bei Kontrollen negativ mit dem Alter korreliert waren. Die spektralanalytische Auswertung zeigte eine negative Korrelation zwischen Delta Aktivität und Alter lediglich bei den Kontrollen (r=­­­­­
­-0.42, p<0.05), während bei Patienten, aber nicht den Kontrollen, eine inverse Beziehung zwischen Alter und Sigma Aktivität zu beobachten war (r=-0.44, p<0.05).

Da wir in den vorangehenden Kapiteln Veränderungen der ‘delta sleep ratio’ wiederholt beschrieben haben, untersuchten wir auch in diesem größeren Kollektiv einerseits den Einfluss der Diagnose und des Geschlechts auf die ‘delta sleep ratio’ und andererseits eine mögliche Altersabhängigkeit (siehe Tabelle 4 und Abbildung 22).

Tabelle 4: ‘delta sleep ratio’ bei Patienten und Kontrollen, Einfluss des Alters

Diagnose

Mittel-wert

±

Standard-fehler

Korrelation mit Alter

gesunde Frauen

1.45

±

0.17

r=-0.61 (p<0.05)

gesunde Männer

1.64

±

0.17

r= 0.03 n.s.

depressive Frauen

1.02

±

0.19*

r= 0.38 n.s.

depressive Männer

1.22

±

0.18*

r=-0.31 n.s.

n.s. = nicht signifikant; * = signifikanter Effekt der Diagnose

Patienten mit Major Depression zeigten, im Vergleich zu Kontrollen eine signifikante Reduktion der ‘delta sleep ratio’ [F (3, 71) = 5.5, p<0.05]. Lediglich bei gesunden Frauen fand sich ein signifikanter linearer Abfall der ‘delta sleep ratio’ im Alter (siehe auch Tabelle 4 und Abbildung 22), während sich bei gesunden Männern und Patienten keine lineare Beziehung für Alter und ‘delta sleep ratio’ zeigte.


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Abbildung 22:‘delta sleep ratio” - Einfluss von Diagnose, Alter und Geschlecht
Die ‘delta sleep ratio’, angezeigt für jeden Probanden und Patienten, zeigte lediglich bei gesunden Frauen eine inverse lineare Beziehung mit dem Alter
(r=-0.61, p<0.05). Sowohl bei gesunden Männern als auch bei Patienten mit Major Depression war eine solche Beziehung, unabhängig vom Geschlecht, nicht zu beobachten (siehe auch Tabelle 4).

Für die Effekte der GHRH Gabe fanden wir ähnlich wie für ACTH und Kortisol eine signifikante Interaktion für Geschlecht und Behandlung bei den konventionellen Schlaf-EEG Parametern (siehe Tabelle 5): Die Gabe von GHRH verbesserte bei Männern, unabhängig von der Diagnose aber bei Patienten deutlicher als bei den Kontrollen, den Schlaf. Hingegen zeigten Frauen, und zwar sowohl Patientinnen als auch gesunde Kontrollen, eine Verschlechterung des Schlafes, so dass insgesamt eine signifikante Interaktion zwischen Geschlecht und Behandlung für die Schlafeffizienz, die intermittierende Wachzeit, Stadium II und Tiefschlaf beobachtet wurde [F (1, 65) = 6.5, 3.8, 7.1 und 6.8, jedes p<0.05].


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Tabelle 5: Schlaf-EEG Veränderungen unter GHRH - Einfluss des Geschlechts

Diagnose /

Schlaf EEG Parameter1

1als prozentuale Änderungen von Plazebo

Schlaf-effizienz*

Intermittierende Wachzeit*

Stadium II*

Tiefschlaf*

gesunde Frauen

 

-3.1

±

2.1

 

79.6

±

27.5

 

-1.8

±

0.2

 

-6.3

±

1.0

gesunde Männer

 

1.2

±

1.8

 

-5.2

±

5.3

 

3.8

±

3.1

 

2.5

±

0.7

depressive Frauen

 

-10.8

±

6.5

 

42.3

±

28.9

 

-8.4

±

9.7

 

-9.2

±

2.2

depressive Männer

 

19.4

±

9.0

 

-14.4

±

12.3

 

10.9

±

6.8

 

4.1

±

2.2

* = signifikanter Effekt des Geschlechts auf die Veränderungen unter GHRH Gabe

Insbesondere zeigten Männer unter GHRH im Vergleich zur Plazebo Nacht eine bessere Schlafeffizienz und eine insgesamt kürzere intermittierende Wachzeit sowie eine Verlängerung der Dauer von Stadium II und Tiefschlaf (siehe auch (Antonijevic et al. 2000b). Im Gegensatz dazu beobachteten wir bei Frauen genau gegensätzliche Effekte, nämlich eine schlechtere Schlafeffizienz, eine Zunahme der Wachzeiten und eine Abnahme der Dauer von Stadium II und Tiefschlaf. In der Spektralanalyse fanden wir keine signifikanten Effekte von GHRH.

7.4 Diskussion

Unsere Studie unterstreicht, dass sowohl Geschlecht als auch Alter eine maßgebliche Rolle spielen für die Ausgestaltung der schlafendokrinen Veränderungen bei Patienten mit Major Depression und auch für mögliche therapeutische Interventionen.

Erhöhte Werte für Kortisol sind wiederholt bei Patienten mit Major Depression beschrieben (Linkowski et al. 1987; Rubin et al. 1987; Steiger et al. 1994) und als Ausdruck einer erhöhten HPA Aktivität bei vermehrter hypothalamischer CRH Sekretion interpretiert worden (Holsboer 1995; Nemeroff 1988). Die hier beschriebene Erhöhung von Kortisol als auch ACTH vor allem zu Beginn der Nacht, wenn normalerweise die Werte für ACTH und Kortisol ihren niedrigsten Wert erreichen, unterstützt insbesondere die Hypothese, dass der Überaktivität der HPA Achse bei Patienten mit Major Depression eine verminderte negative Rückkopplung zugrunde liegt (Holsboer and Barden 1996; Holsboer 2000; Modell et al. 1997). Die physiologische Relevanz dieser neuroendokrinen Störung wird verdeutlicht durch die ausschliesslich bei Patienten gefundene inverse Beziehung zwischen der nächtlichen ACTH- und Kortisolkonzentration und der NREM Schlafdauer. Frauen, sowohl Patientinnen als auch Kontrollen, zeigten höhere Kortisolwerte als die entsprechenden männlichen Vergleichsgruppen. Weiterhin [Seite 80↓]beobachteten wir einen altersabhängigen linearen Anstieg der nächtlichen Kortisolkonzentration vor allem bei Patientinnen. Auch ist eine geringere Supprimierbarkeit der Kortisolsekretion durch Dexamethason bei Frauen im Vergleich zu Männern mit Major Depression beschrieben worden (Deshauer et al. 1999). Da eine geringere negative Rückkopplung über GR und MR bei weibliche Tieren beschrieben wurde (Burgess and Handa 1992; Turner 1997) und bei älteren Frauen eine geringere Elastizität bei erhöhter Grundaktivität der HPA Achse beobachtet wurde (Born et al. 1995; Heuser et al. 1994; Seeman et al. 1995), lassen unsere Daten die Hypothese zu, dass Major Depression, weibliches Geschlecht und ansteigendes Alter synergistisch zu einer Überaktivität der HPA Achse und einer vermehrten zerebralen CRH Sekretion beitragen können. Diese Hypothese wird gestützt durch Studien, die bei weiblichen Tieren einerseits eine geringere negative Rückkopplung durch Kortisol fanden (Burgess and Handa 1992; Handa et al. 1994), aber andererseits eine Stärkung der negativen Rückkopplung von Kortisol nach Gabe von Östrogen beobachteten (Ferrini et al. 1999; Redei et al. 1994). Daher kann man bei Frauen mit zunehmendem Alter von einer verminderten negativen Rückkopplung ausgehen. Weiterhin wurde eine Hemmung der Gonadotropinfreisetzung und der Gonadenfunktion mit verminderter gonadaler Steroidsynthese durch CRH beschrieben (Rivier and Rivest 1991; Sirinathsinghji et al. 1983), so dass dieser Mechanismus auch bei jüngeren Patientinnen mit Major Depression zu einer relativen Östrogenverminderung führen und die HPA Überaktivität begünstigen kann.

Andererseits haben wir demonstriert, dass die Gabe von GHRH gegensätzliche Effekte bei Männern und Frauen haben kann. Während bei Männern insgesamt positive Effekte, nämlich eine Reduktion der HPA Aktivität, eine verbesserte Schlafeffizienz und eine Vermehrung von Stadium II und Tiefschlaf zu verzeichnen waren, beobachteten wir bei Frauen gegenteilige und negative Effekte. Somit könnten diese Befunde dahingehen interpretiert werden, dass die Gabe von GHRH bei Männer, und vor allem bei depressiven Männern, einer vermehrten CRH Freisetzung und den damit verbundenen schlafendokrinen Störungen entgegenwirken kann. Bei Frauen hingegen scheint entweder die Verschiebung des Verhältnisses von CRH und GHRH zugunsten von CRH ausgeprägter zu sein oder es wirken weitere wichtige Faktoren an den schlafendokrinen Störungen mit, die durch die Gabe von GHRH nicht oder nicht ausreichend günstig beeinflusst werden.

Bereits im Kapitel 4 habe ich die Hypothese aufgestellt, dass zu Beginn der Nacht die zerebrale CRH Freisetzung bei Frauen größer ist als bei Männern [siehe auch (Antonijevic et al. 1999b)], die durch tierexperimentelle Befunde unterstützt wird (Hiroshige et al. 1973). Andererseits zeigten Frauen, und insbesondere Patientinnen mit Major [Seite 81↓]Depression, im Gegensatz zu männlichen Patienten, keine deutliche Verminderung von Tiefschlaf. Ein ähnlicher Befund wurde in einer früheren Untersuchung an ambulanten Patienten mit Depression erhoben (Reynolds et al. 1990). Somit scheint eine Tiefschlafverminderung als charakteristische Veränderung im Rahmen einer Major Depression nicht allgemein gültig zu sein, sondern primär bei männlichen und älteren (männlichen und weiblichen) Patienten aufzutreten [siehe auch Kapitel 6 und (Antonijevic et al. 2003)]. Da es Hinweise dafür gibt, dass gerade jüngere Frauen mit Major Depression häufig sogenannte atypische Symptome aufweisen, zu denen insbesondere auch ein vermehrtes Schlafbedürfnis gezählt wird (Angst et al. 2002; Thase et al. 1991; Thase 1998), scheint eine detailliertere Untersuchung der schlafendokrinen Veränderungen bei Patienten mit atypischen Symptomen indiziert [siehe auch Kapitel 8]. In Anbetracht der Arbeiten die geschlechtsspezifische psychopharmakologische Behandlungserfolge beschrieben haben (Murck et al. 2003; Quitkin et al. 2002), könnten unsere Befunde dazu beitragen die Relevanz einer geschlechtsspezifischen Behandlung zu unterstützen.

Im Gegensatz dazu bestätigte unsere Untersuchung die deutliche Reduktion von Schlafstadium II bei Patienten mit Major Depression, unabhängig vom Geschlecht. Diese Stadium II Erniedrigung bei Patienten mit Major Depression ist bisher wenig beachtet worden, obwohl einige Autoren darüber berichtet und auch eine Verbindung zum Schweregrad der Depression beschrieben haben (Holsboer-Trachsler et al. 1994; Lauer et al. 1991; Stefos et al. 1998). Da Stadium II und die typischen Graphoelemente, K-Komplexe und Schlafspindeln, in Zusammenhang mit kognitiven Funktionen gebracht werden (Gais et al. 2002; Reynolds et al. 1988; Salzarulo et al. 1997; Schulz and Salzarulo 1997; Spiegel et al. 1999), könnte die Verminderung von Stadium II bei Patienten mit Major Depression und im Alter zu kognitiven Störungen beitragen. Ob GHRH, aufgrund seiner Stimulation von Stadium II zumindest bei Männer auch einen kognitionsfördernden Effekt hat, muss in weiteren Studien geprüft werden.

Auch beobachteten wir bei Patienten mit Major Depression unabhängig vom Geschlecht eine reduzierte ‘delta sleep ratio’. Eine verminderte ‘delta sleep ratio’ bei Patienten mit Major Depression wurde erstmalig von Kupfer und Kollegen beschrieben und mit einer prädiktiven Wertigkeit assoziiert (Buysse et al. 1997; Kupfer et al. 1990). Dennoch hat dieser Parameter bisher wenig Beachtung gefunden, womöglich mit bedingt durch die weiterhin ungeklärten Pathomechanismen die diese Veränderungen bewirken (siehe auch Kapitel 5, 6, 8 und 9). Interessanterweise wurde eine Abnahme der ‘delta sleep ratio’ im Alter sowohl bei gesunden Frauen als auch bei ambulanten Patientinnen mit Major Depression beschrieben (Buysse et al. 1998). Wir hingegen beobachteten eine inverse [Seite 82↓]Korrelation zwischen Alter und ‘delta sleep ratio’ nur bei gesunden Frauen. Da in unsere Untersuchung nur stationäre Patienten mit Major Depression aufgenommen wurden, und die ‘delta sleep ratio’ bei Patientinnen im Vergleich zu den Kontrollen deutlich verringert war (während keine klare Verminderung in der oben genannten Arbeit von Buysse und Kollegen beschrieben wurde), scheint es möglich, dass die Abnahme der ‘delta sleep ratio’ auch einen Marker für den Schweregrad der depressiven Symptomatik darstellt. Diese Vermutung wird unterstützt durch unsere Befunde einer veränderten Altersabhängigkeit weiterer depressions-typischer Schlaf-EEG Parameter. So fanden wir einen Abfall von Tiefschlaf im Alter bei Patienten und Kontrollen, während die altersabhängige Verminderung von Delta Aktivität nur bei Kontrollen zu sehen war. Dafür fanden wir bei Patienten, aber nicht bei Kontrollen, eine Reduktion der Sigma Aktivität im Alter.

Delta und Sigma Aktivität spiegeln unterschiedliche Hyperpolarisationsgrade in thalamischen Kerngebieten wider, nämlich eine maximale Hyperpolarisation bei Auftreten von Delta Aktivität, und eine weniger ausgeprägte Hyperpolarisation bei Auftreten von Sigma Aktivität (Dijk et al. 1993; Nunez et al. 1992). Da CRH thalamische Neurone hyperpolarisiert (Eberly et al. 1983) und sowohl bei Tieren als auch bei Menschen Sigma Aktivität fördert [(Antonijevic et al. 1999a; Ehlers et al. 1986) und Kapitel 3], wären unsere Befunde vereinbar mit der Hypothese, dass bei Patienten mit Major Depression thalamische Neurone aufgrund der erhöhten CRH Freisetzung nicht vollständig hyperpolarisiert werden können und daher die normale altersbedingte Abnahme der Hyperpolarisation bei Patienten mit Depression von einem weniger hyperpolarisierten Ausgangswert ausgeht, ansonsten aber nahezu parallel verschoben zur Abnahme bei Gesunden abläuft.

Zusammenfassend zeigen diese Daten, dass das Geschlecht nicht nur die schlafendokrine Regulation bei gesunden Kontrollen und insbesondere Patienten mit Major Depression moduliert, sondern auch therapeutische Behandlungsansätze beeinflussen kann.


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02.06.2005