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10  Zusammenfassung

In der vorliegenden Arbeit wurden vier Studien vorgestellt, die sich mit der Notwendigkeit und Art medikamentöser Einlagen zur Reduktion von Mikroorganismen im Wurzelkanal im Rahmen von Wurzelkanalbehandlungen beschäftigten. In Studie 1 wurde untersucht, inwieweit Kalziumhydroxid in der Lage ist, bakterielle Endotoxine zu neutralisieren. Hierzu wurden zunächst menschliche Monozyten gewonnen. Die Ausschüttung des Zytokins TNF-α aus Monozyten kann bei deren Kontakt mit bakteriellen Endotoxinen als Maß für die biologische Aktivität der Endotoxine betrachtet werden. Escherichia coli LPS wurden in unterschiedlichen, jedoch endodontisch relevanten Konzentrationen mit pyrogenfreiem Wasser vermischt und zweifach angesetzt. In je eine der fertiggestellten Proben wurde gesättigte Ca(OH)2-Lösung gegeben, die andere wurde ohne Medikament belassen. Die gewonnenen Monozyten wurden mit den Lösungen konfrontiert. Nach vierstündiger Inkubation wurde der Überstand abgenommen und auf den Gehalt an TNF-α untersucht. Die mit Ca(OH)2 vorbehandelten LPS zeigten ähnlich niedrige TNF-α-Ausschüttungen wie die Kontrollgruppen, die keinerlei LPS enthielten. Im Gegensatz dazu zeigten LPS, die ohne Ca(OH)2-Vorbehandlung appliziert worden waren, hoch signifikant höhere TNF-α-Werte. Aus der Studie konnte geschlossen werden, dass zumindest für E. coli LPS von einer Neutralisierung durch Ca(OH)2 augegangen werden kann.

In Studie 2 sollte die Effektivität von Ca(OH)2 und Chlorhexidin (CHX) bezüglich ihrer keimreduzierenden Eigenschaften untersucht werden. Hierbei wurden die Wurzeln extrahierter menschlicher Zähne sterilisert und in Prothesen einpolymerisiert. Die Prothesen wurden von zwei Freiwilligen jeweils für eine Woche getragen, so dass eine Besiedlung der Wurzelkanäle durch orale Mikroorganismen stattfinden konnte. Nach initialer Bestimmung der Keimzahl in jedem Wurzelkanal wurden für eine Woche unterschiedliche Medikamente appliziert: gesättigtes Ca(OH)2 als Paste oder zu ca. 52% im Guttaperchastift, CHX als 5%iges Gel oder zu 5% im Guttaperchastift. Danach fand eine erneute Bestimmung der Keimzahlen statt. Die Wurzeln wurden anschließend ohne Medikament für eine weitere Woche inkubiert und im Anschluss auf bakterielle Besiedlung untersucht. Sowohl die [Seite 131↓]Ca(OH)2-Paste als auch das CHX-Gel waren in der Lage, die Keimzahl so zu reduzieren, dass nach der ersten Woche in 86% bzw. 71% der Fälle keine Bakterien mehr isoliert werden konnten. Nach der zweiten Woche waren in beiden Gruppen immerhin noch 64% ohne nachweisbare Bakterien. Die Guttaperchasysteme schnitten hierbei signifikant schlechter ab.

In Studie 3 wurde die Re-Infektion des Wurzelkanals nach Wurzelkanalfüllung untersucht. Hierbei wurden adhäsive (Clearfil, CoreRestore) und provisorische Füllungsmatierialien (Ketac-Fil, IRM) als Deckfüllungen appliziert und die bakterielle Passage über einen Zeitraum von einem Jahr bestimmt. Die lateral kondensierten und mit Deckfüllung versorgten Wurzeln wurden zwischen zwei Kammern platziert, von denen die obere eine Bouillon mit Staphylococcus epidermidis in einer Konzentration von 108 CFU/ml enthielt und die untere eine sterile klare Bouillon. Eine Eintrübung der unteren Kammer war ein Anzeichen für bakterielles Wachstum und damit für die Undichtigkeit des zwischengeschalteten Zahnes. Nach einem Jahr zeigten alle Gruppen eine ähnliche Anzahl undichter Proben. Bis Monat 10 zeigte die Gruppe der mit Clearfil versorgten Wurzeln für mehrere Monate signifikant weniger undichte Proben als die Gruppen, deren Zähne mit IRM oder Glasionomerzement versorgt waren. Die stärkste Zunahme an undichten Proben konnte in den ersten vier Monaten beobachtet werden. Es konnte die Schlußfolgerung gezogen werden, dass wurzelkanalgefüllte Zähne eine baldmögliche definitive Versorgung erhalten sollten, idealerweise innerhalb der ersten drei Monate nach Füllung.

In Studie 4 wurde die Re-Infektion gefüllter Wurzelkanäle nach vorheriger medikamentöser Einlage mit Ca(OH)2, Chlorhexidin (CHX) oder Ledermix (LM) ermittelt. Hierbei wurden in sterilisierte Wurzeln für eine Woche die oben genannten oder kein Medikament (Kontrolle) eingelegt, bevor sie durch laterale Kondensation obturiert wurden. Danach wurden sie wie in Studie 3 zwischen zwei Kammern platziert, von denen die obere ein bakterielles Inokulum, die untere eine sterile Bouillon enthielten. Beginnend mit dem achten Monat zeigten die mit Ca(OH)2 behandelten Zähne bis Ende des Experimentes nach 12 Monaten signifikant weniger undichte Proben als die Zähne aller anderen Gruppen. Zwischen Monat fünf und [Seite 132↓]acht war die Gruppe der Wurzeln mit Ledermixapplikation signifikant undichter als die Gruppen der Wurzeln mit CHX- oder Ca(OH)2-Applikation.

In dieser Studie konnte auch beobachtet werden, dass die Wurzeln sehr viel länger dicht waren als in bisherigen Studien. Es wird vermutet, dass das im Vergleich zu den anderen Studien veränderte (vorgezogene) Sterilisationsverfahren der Zähne zu einer prolongierten Dichtigkeit führte.

Unter Berücksichtigung aller vorgestellten Studien darf hier die Empfehlung ausgesprochen werden, im Falle einer Wurzelkanalbehandlung eines infizierten Zahnes eine mindestens einwöchige medikamentöse Einlage mit Ca(OH)2 vorzunehmen, da hierdurch bakterielle Endotoxine neutralisiert werden, die Zahl der Mikroorganismen im Wurzelkanal signifikant reduziert und ein prolongierter Schutz vor einer Re-Infektion des nachfolgend obturierten Wurzelkanals erreicht wird. Nach erfolgter Wurzelkanalfüllung sollte schnellstmöglich eine dichte, möglichst adhäsiv befestigte provisorische oder eine definitive Deckfüllung appliziert werden, um zusätzlichen Schutz vor einer Re-Infektion des Wurzelkanalsystems zu gewährleisten.


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23.06.2005